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Girl A

Eltern sollten ihre Kinder lieben und beschützen. Was, wenn sie das Gegenteil tun?

»Mein Name ist Alexandra Gracie, ich bin 15 Jahre alt. Bitte rufen Sie die Polizei.« Unzählige Male hat sich Lex Gracie vor ihrer Flucht aus dem Elternhaus diesen Satz vorgesprochen, angekettet an ihr Bett, vor Dreck starrend, bis auf die Knochen abgemagert. Mit ihrer Kindheit im Horrorhaus, wie die Presse das Elternhaus der sieben Geschwister bald nach Lex‘ Flucht taufen sollte, muss sich die mittlerweile erwachsene Anwältin konfrontieren, als ihre Mutter im Gefängnis stirbt und ihr das Elternhaus vermacht. Alles, was sie jahrelang verdrängt hat, bricht sich nun Bahn: der Hunger, die Angst – und ihre Identität als Girl A, das Mädchen, das entkam.

»Fantastisch, ich liebe diesen Roman.«
Paula Hawkins

»Ein moderner Klassiker.«
Jefferey Deaver

»So packend, dass man es nicht aus der Hand legen kann.«
Marian Keyes

»Der wichtigste Thriller seit Gone Girl.«
Elle

»Ein aufwühlendes, brillant geschriebenes Debüt.«
Guardian

»Psychologisch scharfsinnig, geschickt aufgebaut, elegant geschrieben.«
Sunday Times

»›Girl A‹, darin sind sich die Feuilletons einig, hat das Zeug für viel mehr als einen Achtungserfolg.« Buchreport, 03.02.2021

»Ein bemerkenswertes Debüt.« Sächsische Zeitung, 20.04.2021

»Zutiefst aufwühlend.« TV Star, 05.05.2021

»Ein beklemmendes, hervorragend zkizziertes Psychodrama mit düsterem Ende. Empfehlenswert!« Lisa Pohl, EKZ-Bibliotheksservice, KW 18/2021

»Ein literarischer Leckerbissen, der lange nachhallt.«Willhelmshavener Zeitung, 18.06.2021

»Fesselnd, anrührend, erschreckend. Bittersüß.«Neue Presse Hannover, 30.07.2021


  • Erscheinungstag: 20.04.2021
  • Seitenanzahl: 416
  • ISBN/Artikelnummer: 9783749950652
  • E-Book Format: ePub
  • E-Book sofort lieferbar

Leseprobe

FÜR MUM, DAD UND RICH

1 LEX (GIRL A)

Sie kennen mich nicht, aber bestimmt haben Sie mein Gesicht schon mal gesehen. Auf den ersten Bildern hatten sie uns verpixelt, bis hinunter zur Taille; wir hätten zu leicht an den Haaren erkannt werden können. Aber die Story wurde langweilig, ihre Beschützer wurden müde, und nach einer Weile war es einfach, uns in den dunkleren Winkeln des Internets aufzuspüren. Das beliebteste Foto war an einem späten Septemberabend vor dem Haus an der Moor Woods Road aufgenommen worden. Wir waren zu sechst nach draußen marschiert und hatten uns der Größe nach aufgestellt, Noah in Ethans Armen, während Vater die Bildkomposition gestaltete. Kleine weiße unruhige Gespenster, geschockt von der Abendsonne. Hinter uns lag das Haus im späten Tageslicht, Fenster und Tür umschattet. Wir standen reglos da und schauten in die Kamera. Es hätte perfekt sein sollen. Doch unmittelbar bevor Vater auf den Auslöser drückte, fasste Evie nach meiner Hand und wandte den Kopf in meine Richtung. Auf dem Foto will sie gerade etwas sagen, und ich setze zu einem Lächeln an. Ich weiß nicht mehr, was sie gesagt hat, aber ich bin sicher, wir haben dafür bezahlt, hinterher.

Ich traf nachmittags am Gefängnis ein. Auf der Fahrt hatte ich mir eine alte Playlist von JP angehört, »Ich wünsch dir einen schönen Tag«, und ohne die Musik und das Motorengeräusch wurde es jäh still im Wagen. Ich öffnete die Tür. Der Verkehr auf der Schnellstraße nahm zu, rauschte wie der Ozean.

Das Gefängnis hatte eine kurze Pressemitteilung herausgegeben und Mutters Tod bestätigt. Am Abend zuvor hatte ich die entsprechenden Artikel online gelesen. Sie waren allesamt oberflächlich und endeten jeweils mit irgendeiner Variante desselben Happy Ends. Den Gracie-Kindern, von denen einige ihre Anonymität aufgegeben haben, ging es heute offenbar gut. Ich saß mit einem Badetuch umwickelt auf dem Hotelbett und lachte. Der Zimmerservice hatte mir einen Stapel Lokalzeitungen neben den Kaffee gelegt – Mutter war auf der Titelseite, unter einem Artikel über eine Messerstecherei bei Wimpy Burger. Ein ruhiger Tag.

Im Zimmerpreis inbegriffen war ein ausgiebiges Frühstücksbüfett, und ich aß und aß, bis es geschlossen wurde und die Bedienung mir erklärte, die Küche müsse jetzt anfangen, das Mittagessen vorzubereiten.

»Die Leute kommen zum Lunch her?«, fragte ich.

»Mehr, als man meint«, sagte sie. Sie blickte verlegen. »Das ist aber nicht im Zimmerpreis inbegriffen.«

»Schon klar«, erwiderte ich. »Danke. Das Büfett war sehr gut.«

Als ich meinen Job antrat, prophezeite meine Mentorin Julia Devlin mir, ich würde kostenloses Essen und kostenlosen Alkohol irgendwann satthaben, meine Begeisterung für Servierplatten mit appetitlichen Canapés würde schwinden und ich würde mir nicht mehr den Wecker stellen, um das Hotelfrühstück nicht zu verpassen. Devlin hatte mit vielem recht, aber damit nicht.

Ich war noch nie in dem Gefängnis gewesen, aber so ungefähr hatte ich es mir vorgestellt. Hinter dem Parkplatz waren weiße, mit Stacheldraht gekrönte Mauern, wie eine Trutzburg aus einem Märchen. Dahinter überragten vier Türme einen Betongraben mit einer grauen Festung in der Mitte. Mutters kleines Leben. Ich hatte zu weit weg geparkt und musste ein Meer von leeren Parkflächen überqueren, wobei ich mich möglichst an die dicken weißen Striche auf dem Boden hielt. Auf dem ganzen Parkplatz stand bloß ein anderes Auto, in dem eine alte Frau saß, beide Hände am Lenkrad. Sie sah mich und hob die Hand, als würden wir einander kennen, und ich winkte zurück.

Der Asphalt unter meinen Füßen wurde allmählich klebrig. Als ich schließlich den Eingang erreichte, spürte ich Schweiß im BH und in den Haaren im Nacken. Meine Sommerkleidung hing in einem Schrank in New York. In meiner Erinnerung kam der englische Sommer eher zögerlich, und jetzt wurde ich jedes Mal, wenn ich ins Freie trat, von einem unverschämt blauen Himmel überrascht. Am Morgen hatte ich halb angezogen lange vor dem Garderobenspiegel gestanden und überlegt, welche Kleidung angemessen war. Es gibt nämlich doch kein für alle Gelegenheiten passendes Outfit. Ich hatte mich für eine weiße Bluse, eine weite Jeans, nagelneue Turnschuhe und eine schrille Sonnenbrille entschieden. Ist das zu fröhlich?, hatte ich Olivia gefragt und ihr ein Foto geschickt, aber sie war in Italien, bei einer Hochzeit auf den Mauern von Volterra, und reagierte nicht.

Es gab eine Empfangssekretärin, genau wie in einer ganz normalen Firma. »Haben Sie einen Termin?«, fragte sie.

»Ja«, sagte ich. »Mit der Leiterin.«

»Mit der Direktorin?«

»Genau. Mit der Direktorin.«

»Sind Sie Alexandra?«

»Die bin ich.«

Die Gefängnisdirektorin hatte vorgeschlagen, sich in der Eingangshalle mit mir zu treffen. »An Samstagnachmittagen ist die Belegschaft reduziert«, hatte sie gesagt. »Und nach drei Uhr keine Besucher mehr. Es müsste also einigermaßen ruhig sein.«

»Das wäre mir lieb«, antwortete ich. »Danke.«

»Ich sollte das zwar nicht sagen«, hatte sie noch hinzugefügt, »aber es wäre der ideale Zeitpunkt für einen Ausbruch.«

Jetzt kam sie über den Flur, füllte ihn geradezu aus. Ich hatte mich online über sie schlaugemacht. Sie war die erste Frau, die ein Hochsicherheitsgefängnis des Landes leitete, und nach ihrer Ernennung hatte sie einige Interviews gegeben. Ursprünglich hatte sie zur Polizei gewollt, doch damals galt noch die Mindestgröße, und sie war fünf Zentimeter zu klein. Dann hatte sie erfahren, dass sie aber immer noch groß genug war für eine Laufbahn im Justizvollzug, was unlogisch war, ihr aber nur recht sein konnte. Sie trug ein neonblaues Kostüm – ich erkannte es von den Fotos zu den Interviews wieder – und seltsam zierliche Schuhe, als hätte ihr jemand gesagt, sie würden ihr ein gefälligeres Erscheinungsbild verleihen. Sie glaubte – hundertprozentig – an die Kraft der Rehabilitation und sah müder aus als auf ihren Fotos.

»Alexandra«, sagte sie und schüttelte mir die Hand. »Mein aufrichtiges Beileid.«

»Nicht nötig«, erwiderte ich. »Aber besten Dank.«

Sie deutete in die Richtung, aus der sie gekommen war. »Mein Büro ist gleich neben dem Besucherzentrum. Bitte sehr.«

Der Flur war fahlgelb, mit abgestoßenen Fußleisten und zerknitterten Plakaten über Schwangerschaft und Meditation an den Wänden. Stahlspinde bis zur Decke. Am Ende warteten ein Metalldetektor und ein kleines Förderband für die persönlichen Gegenstände. »Reine Formalität«, sagte sie. »Wenigstens ist nicht viel los.«

»Wie am Flughafen«, bemerkte ich. Ich dachte an die Prozedur in New York zwei Tage zuvor: mein Laptop und meine Handys in einem grauen Kasten und ein ordentlicher, durchsichtiger Beutel mit Make-up-Utensilien, den ich danebengelegt hatte. Es gab Sonderabfertigung für Vielflieger, und ich musste nicht Schlange stehen.

»Genau so«, sagte sie. »Ja.«

Sie leerte ihre Taschen auf das Förderband – einen Sicherheitsausweis, einen rosa Fächer und Sonnencreme für Kinder – und ging durch den Detektor. »Eine ganze Familie von Rothaarigen«, erklärte sie. »Wir sind nicht geschaffen für so ein Wetter.« Auf ihrem Ausweisfoto sah sie wie ein Teenager aus, ganz wild auf den ersten Arbeitstag. Meine Taschen waren leer. Ich folgte ihr durch den Detektor.

Auch hinter der Kontrolle war niemand zu sehen. Wir gingen durch das Besucherzentrum, wo die Plastiktische und festgeschraubten Stühle auf den nächsten Andrang warteten. Am Ende des Raums war eine Metalltür ohne Fenster. Irgendwo dahinter vermutete ich Mutter und die Begrenzungen jedes einzelnen ihrer kleinen Tage. Ich berührte im Vorbeigehen einen Stuhl und dachte an meine Geschwister, wie sie in diesem muffigen Raum darauf warteten, dass Mutter zu ihnen geführt wurde. Delilah dürfte hier des Öfteren gesessen haben, und Ethan war einmal hier gewesen, wenn auch nur um der noblen Geste willen. Hinterher hatte er einen Artikel für die Sunday Times geschrieben mit dem Titel »Die Probleme mit Vergebung«, und die waren zahlreich und vorhersehbar.

Das Büro der Direktorin lag hinter einer anderen Tür. Sie hielt ihren Ausweis an die Wand und klopfte sich selbst nach einem letzten Schlüssel ab. Er steckte in der Tasche über ihrem Herzen und war an einem kleinen laminierten Foto mit rothaarigen Kindern befestigt. »So«, sagte sie. »Da wären wir.«

Es war ein schlichtes Büro mit grobporigen Wänden und Aussicht auf die Schnellstraße. Offenbar war ihr das selbst irgendwann allzu spartanisch vorgekommen, und sie hatte sich um eine etwas wohnlichere Note bemüht. Sie hatte einen funktionalen Holzschreibtisch und einen Bürostuhl besorgt, und sie hatte die Mittel für zwei Ledersofas aufgetrieben, die sie für heikle Gespräche brauchen würde. An den Wänden hingen ihre Diplome und eine Landkarte des Vereinigten Königreichs.

»Ich weiß, wir sind uns bislang noch nicht persönlich begegnet«, sagte die Direktorin, »aber ich möchte Ihnen noch etwas sagen, bevor der Anwalt dazukommt.«

Sie deutete auf die beiden Sofas. Ich hasste offizielle Besprechungen auf bequemen Möbeln, weil man nie wusste, wie man sitzen sollte. Auf dem Tisch vor uns waren ein Pappkarton und ein dünner brauner Umschlag mit Mutters Namen darauf.

»Ich hoffe, Sie finden das nicht unprofessionell«, sagte die Direktorin, »aber ich erinnere mich an Sie und Ihre Familie aus den Nachrichten damals. Meine Kinder waren zu der Zeit noch ganz klein. Ich habe seitdem viel über die Schlagzeilen aus der Zeit nachgedacht, sogar noch bevor ich den Job hier antrat. In meinem Beruf erlebt man so einiges. Über manches davon berichten die Zeitungen, manches wird nie bekannt. Und nach all den Jahren kommt es noch immer vor – sehr selten, aber es kommt vor –, dass mich etwas überrascht. Die Leute sagen: Wie ist das möglich, nach so langer Zeit? Tja, ich weigere mich, mich nicht mehr überraschen zu lassen.«

Sie zog ihren Fächer aus der Hosentasche. Aus der Nähe betrachtet sah er aus wie von einem Kind gebastelt oder einem Häftling. »Ihre Eltern haben mich überrascht.«

Ich schaute an ihr vorbei. Die Sonne taumelte am Rand des Fensters, würde gleich in den Raum fallen.

»Es war entsetzlich, was Ihnen zugestoßen ist«, sagte sie. »Wir alle hier hoffen, dass Sie ein wenig Frieden finden.«

»Können wir darüber reden, warum Sie mich hergebeten haben?«

Der Anwalt hatte vor dem Büro bereitgestanden, wie ein Schauspieler, der auf sein Stichwort wartet. Er trug einen grauen Anzug und eine fröhliche Krawatte, und er schwitzte. Das Leder knarzte, als er Platz nahm. »Bill«, stellte er sich vor und stand wieder auf, um mir dir Hand zu schütteln. Sein Hemdkragen hatte oben einen Schweißrand, der jetzt ebenfalls grau war. »Wie ich höre«, begann er, »sind wir Kollegen.« Er war jünger, als ich erwartet hatte, vielleicht jünger als ich. Womöglich hatten wir ungefähr zur selben Zeit studiert.

»Bloß Wirtschaftskram«, sagte ich, um ihn zu beruhigen. »Von Testamenten hab ich keine Ahnung.«

»Genau dafür bin ich hier«, erklärte Bill.

Ich lächelte aufmunternd.

»Okay!« Bill klopfte auf den Karton. »Das ist die persönliche Habe«, sagte er. »Und das hier ist das Dokument.«

Er schob den Umschlag über den Tisch, und ich riss ihn auf. Das Testament in Mutters zittriger Handschrift besagte, dass Deborah Gracie ihre Tochter Alexandra Gracie zur Testamentsvollstreckerin benannte. Dass Deborah Gracies Nachlass, bestehend aus erstens der im Gefängnis Northwood befindlichen Habe, zweitens rund zwanzigtausend Pfund, die sie von ihrem Ehemann Charles Gracie geerbt hatte, und drittens dem Haus und Grundstück an der Moor Woods Road 11 in Hollowfield, zu gleichen Teilen zwischen Deborah Gracies noch lebenden Kindern aufgeteilt werden sollte.

»Testamentsvollstreckerin«, sagte ich.

»Sie schien sich ganz sicher zu sein, dass Sie die Richtige für die Aufgabe sind«, bemerkte Bill. Ich lachte.

Mutter in ihrer Zelle, wie sie mit ihrem langen, langen blonden Haar spielt, das ihr bis zu den Knien reicht, so lang, dass sie darauf sitzen konnte, als Partygag. Sie denkt über ihr Testament nach, unter Anleitung von Bill, dem sie leidtut, der ihr gern hilft und der auch in diesem Moment schwitzt. Er möchte sie so vieles fragen. Mutter hält den Stift in der Hand und zittert vor einstudierter Verzweiflung. Testamentsvollstrecker, erklärt Bill, das ist eine Art Ehre. Aber es bedeutet auch einigen Verwaltungsaufwand sowie die Notwendigkeit, mit den verschiedenen Begünstigten zu kommunizieren. Mutter, mit dem schwelenden Krebs im Bauch und nur noch wenigen Monaten, um uns zu verarschen, weiß genau, wen sie benennen sollte.

»Sie sind nicht verpflichtet, die Aufgabe anzunehmen«, sagte Bill. »Falls Sie das nicht möchten.«

»Dessen bin ich mir bewusst«, erwiderte ich, und Bills Schultern bewegten sich.

»Ich kann Ihnen bei den wesentlichen Fragen helfen«, bot er an. »Es ist ein sehr kleines Vermögen und sollte nicht allzu viel Zeit in Anspruch nehmen. Das Entscheidende, das Sie nicht außer Acht lassen dürfen, ist die Einwilligung der anderen Begünstigten. Was immer Sie mit diesen Vermögenswerten machen wollen, besorgen Sie sich vorher das Okay von Ihren Geschwistern.«

Ich war für den nächsten Nachmittag auf einen Flug zurück nach New York gebucht. Ich dachte an die kühle Luft im Flieger und an die eleganten Speisekarten, die gleich nach dem Start verteilt wurden. Ich konnte förmlich sehen, wie ich es mir in der Maschine bequem machte, die vorherigen drei Tage in meiner Erinnerung durch die Drinks in der Lounge bereits verblassend, um dann aufzuwachen und an einem warmen Abend in ein wartendes schwarzes Auto zu steigen, das mich nach Hause fahren würde.

»Ich muss darüber nachdenken. Der Zeitpunkt ist ungünstig.«

Bill reichte mir einen Zettel, auf den er seinen Namen und seine Telefonnummer auf blassgraue Linien geschrieben hatte. Visitenkarten waren nicht im Gefängnisbudget. »Ich warte dann auf Ihren Anruf. Falls Sie es nicht machen wollen, wäre ich für Vorschläge dankbar. Vielleicht jemand von den anderen Begünstigten.«

Ich dachte daran, Ethan oder Gabriel oder Delilah zu fragen, ob sie Lust hätten. »Vielleicht«, sagte ich.

»Fangen wir hiermit an.« Bill balancierte den Karton auf der flachen Hand. »Das ist ihre sämtliche Habe hier in Northwood. Ich kann sie Ihnen heute aushändigen.«

Der Karton war leicht.

»Es ist leider nichts von Wert dabei«, sagte er. »Sie hatte ziemlich viele Guthabenpunkte für vorbildliches Verhalten und so weiter, aber damit ist draußen nicht viel anzufangen.«

»Schade«, sagte ich.

»Dann wäre da noch der Leichnam«, sagte die Direktorin.

Sie ging zu ihrem Schreibtisch und zog eine Ringmappe mit Plastikfächern heraus, in denen Flyer oder kleine Kataloge steckten. Sie klappte sie vor mir auf wie eine Kellnerin eine Speisekarte, und ich sah feierliche Schriftarten und ein paar betroffene Gesichter.

»Optionen«, erklärte sie und blätterte weiter. »Falls Sie möchten. Bestattungsunternehmen. Manche von denen hier sind recht informativ: Trauerfeiern, Särge und dergleichen. Und sie sind alle aus der näheren Umgebung, maximal fünfundfünfzig Meilen entfernt.«

»Ich fürchte, hier liegt ein Missverständnis vor«, sagte ich. Die Direktorin klappte die Mappe zu, als mein Blick gerade auf eine Broschüre fiel, auf der ein Leichenwagen mit Leopardenmuster abgebildet war. »Wir werden keinen Anspruch auf den Leichnam erheben.«

»Oh«, sagte Bill. Falls die Direktorin schockiert war, kaschierte sie es gut.

»In dem Fall«, sagte sie, »würden wir Ihre Mutter anonym bestatten, entsprechend den Standardrichtlinien des Gefängnisses. Haben Sie dagegen irgendwelche Einwände?«

»Nein. Ich habe keinerlei Einwände.«

Als Nächstes traf ich mich mit der Gefängnisseelsorgerin, die um ein Gespräch mit mir gebeten hatte. Sie wollte sich in der Besucherkapelle am Parkplatz mit mir treffen. Eine Mitarbeiterin der Direktorin begleitete mich zu einem gedrungenen Gebäude. Jemand hatte ein Holzkreuz über der Tür angebracht und farbiges Seidenpapier vor die Fenster gehängt. Das Buntglas eines Kindes. Sechs Bankreihen standen vor einer provisorischen Bühne mit einem Ventilator, einem Stehpult und einer Jesusfigur am Kreuz.

Die Seelsorgerin wartete in der vorletzten Bank auf mich. Sie stand auf, als ich hereinkam. Alles an ihr war rund und feucht: ihr Gesicht im Halbdunkel, ihr weißes Gewand, die zwei kleinen Hände, die sich um meine schlossen.

»Alexandra«, sagte sie.

»Hallo.«

»Sie fragen sich bestimmt, warum ich Sie sprechen wollte.«

Sie hatte die Art von Sanftheit, die man üben muss. Ich konnte sie mir gut mit angestecktem Namensschildchen im Konferenzsaal eines billigen Hotels vorstellen, um sich einen Vortrag darüber anzuhören, wie wichtig es ist, Pausen einzulegen, dem Gegenüber Raum zum Reden zu lassen.

Ich wartete.

»Ich habe in den letzten Jahren Ihrer Mutter viel Zeit mit ihr verbracht«, sagte sie. »Auch vorher hatte ich schon mit ihr gearbeitet, wissen Sie, aber in den letzten Jahren nahm ich Veränderungen bei ihr wahr. Und ich habe die Hoffnung, dass diese Veränderungen für Sie heute ein Trost sein könnten.«

»Veränderungen?« Ich merkte, dass ich anfing zu lächeln.

»Sie hat Ihnen in diesen Jahren häufig geschrieben. Ihnen und Ethan und Delilah. Ich hab viel über Sie alle erfahren. Gabriel und Noah. Manchmal hat sie auch Daniel und Evie geschrieben. Eine Mutter, die ihre Kinder verliert – was immer sie auch für Sünden begangen hat –, verliert unendlich viel. Sie hat mir immer ihre Briefe gebracht, damit ich die Rechtschreibung und die Adressen überprüfe. Sie hat gedacht, die Adressen müssten falsch sein, als Sie nicht antworteten.«

Das Seidenpapier warf ein fleischfarbenes Licht in den Mittelgang. Ich hatte angenommen, die Fenster wären von den Insassen dekoriert worden, jetzt jedoch konnte ich mir die Seelsorgerin vorstellen, wie sie nach Feierabend auf einem Stuhl balancierend ihr Reich verschönerte.

»Ich wollte mit Ihnen über Vergebung sprechen«, sagte sie. »Denn wenn Sie anderen vergeben, die sich an Ihnen versündigt haben, wird der himmlische Vater auch Ihnen vergeben.« Sie legte eine Hand auf mein Knie. Die Wärme drang prompt durch meine Jeans, wie etwas Verschüttetes. »Aber wenn Sie anderen ihre Sünden nicht vergeben, wird der himmlische Vater auch Ihre Sünden nicht vergeben.«

»Vergebung«, sagte ich. Der Klang des Wortes setzte sich in meinem Hals fest. Ich lächelte noch immer.

»Haben Sie sie erhalten?«, fragte die Seelsorgerin. »Die Briefe?«

Ich hatte sie erhalten. Ich hatte Dad – meinen richtigen Dad wohlgemerkt, nicht die Fäulnis in meinen Gebeinen – gebeten, sie alle zu vernichten, sobald sie eintrafen. Sie waren leicht zu erkennen, denn sie kamen neu versiegelt mit dem aufgestempelten Hinweis, dass es sich um ein Schreiben von einer im Gefängnis Northwood inhaftierten Person handelte. Kurz nach meinem einundzwanzigsten Geburtstag, als ich in den Semesterferien zu Hause war, kam Dad mit einem Geständnis und einer Schachtel zu mir, in der all diese verdammten Briefe gestapelt waren. »Ich dachte bloß, du würdest vielleicht – irgendwann mal – gern wissen …« Es muss im Winter gewesen sein, weil der Grill im Gartenschuppen war. Er half mir, ihn nach draußen zu rollen, und wir standen in unseren Mänteln da, er mit seiner Pfeife, ich mit einer Tasse Tee, und warfen sie ins Feuer.

»Ich glaube, Sie haben eine falsche Geschichte im Kopf«, sagte ich zu der Seelsorgerin. »Es gibt da so ein Narrativ – es ist weit verbreitet –, das auf einen Besuch im Gefängnis hinausläuft. Jemand drinnen wartet auf den Besuch von irgendwem. Um Vergebung zu bekommen. Die Person draußen hat jahrelang über einen möglichen Besuch nachgedacht und ist noch immer unschlüssig. Tja. Letzten Endes entscheidet sie sich dann doch dafür. Meistens handelt es sich um Vater oder Mutter und ein Kind oder vielleicht einen Täter und sein Opfer – kommt drauf an. Jedenfalls findet der Besuch schließlich statt. Und die beiden unterhalten sich. Und selbst wenn die besuchende Person ihrem Gegenüber nicht direkt vergibt, bringt ihr die Begegnung meistens etwas. Aber Sie wissen ja – meine Mutter ist tot. Und ich habe sie nie besucht.«

Ich hatte das beschämende Gefühl, dass ich gleich weinen würde, und zog meine Sonnenbrille herunter, um es mir nicht anmerken zu lassen. Die Seelsorgerin wurde zu einem pummeligen weißen Gespenst in der Dunkelheit. »Tut mir leid, dass ich Ihnen nicht helfen kann«, sagte ich absurderweise und stolperte über den Gang zurück zur Tür. Die Sonne brannte endlich nicht mehr so heiß, und jetzt war es Zeit für einen Drink. Ich dachte an die Hotelbar, an das Gewicht des ersten Glases in meiner Hand und wie dessen Inhalt sich schwer in meinen Gliedmaßen ausbreitete. Die Mitarbeiterin der Direktorin wartete auf mich.

»Sind Sie fertig?«, fragte sie. Unsere Schatten auf dem Asphalt waren lang und schwarz, und als ich zu ihr trat, verschmolzen sie zu einem einzigen seltsamen Tier. Wahrscheinlich hatte sie längst Dienstschluss.

»Ja«, sagte ich. »Ich fahr dann jetzt.«

Im Auto checkte ich mein Handy. Gibt es so was wie zu fröhlich?, hatte Olivia getextet.

Ich stellte mir Mutters Pappkarton auf den Schoß und hob den Deckel. Ein Sammelsurium von Habseligkeiten. Natürlich war eine Bibel dabei. Eine Bürste. Zwei aus Illustrierten herausgerissene Seiten mit Klebeband dran: eine Reklame für Badeurlaub in Mexiko und eine für Windeln – mit einer Reihe sauberer glücklicher Kinder auf einer weißen Decke. Ein Zeitungsausschnitt über Ethans ehrenamtliche Arbeit in Oxford. Drei Schokoriegel und ein nahezu aufgebrauchter Lippenstift. Wie üblich gab sie nichts preis.

Das letzte Mal sah ich Mutter an dem Tag, als wir entkamen. Am Morgen war ich in dem verdreckten Bett erwacht und hatte gewusst, dass meine Zeit abgelaufen war und dass ich an diesem Ort sterben würde, wenn ich nicht handelte.

Manchmal besuche ich in Gedanken unser kleines Zimmer. Es hat zwei schmale Betten, in entgegengesetzte Ecken geschoben, so weit auseinander wie nur möglich. Mein Bett und Evies Bett. Die nackte Glühbirne hängt zwischen ihnen, zittert von Schritten draußen auf dem Flur. Sie ist meistens dunkel, doch manchmal, wenn Vater das so entscheidet, brennt sie tagelang. Er hat einen platt gedrückten Pappkarton vors Fenster geklebt, weil er über die Zeit herrschen will, aber ein trübes, braunes Licht dringt hindurch und gewährt uns unsere Tage und unsere Nächte. Jenseits des Kartons war mal ein Garten und noch dahinter das Moor. Es ist schwieriger geworden, daran zu glauben, dass diese Orte mit ihrer Wildheit und ihrem Wetter noch existieren könnten. In dem torfigen Lichtschein kann man die zwei Meter Territorium zwischen den Betten sehen, das Evie und ich besser kennen als jedes andere. Wir haben monatelang besprochen, wie man von meinem Bett zu ihrem kommt: Wir wissen, wie man die Hügellandschaft aus Plastiksäcken überwindet, prall gefüllt mit Dingen, die wir vergessen haben; wir wissen, dass man eine Plastikgabel verwenden würde, um die Schüsselsümpfe zu durchqueren, die schwarz angelaufen und erstarrt sind und bald austrocknen werden; wir haben den besten Weg über die Polyesterberge erörtert, um den übelsten Dreck zu umgehen: ob es besser ist, die hohen Pässe zu nehmen und sich den Elementen auszusetzen oder durch die Tunnel aus verrottenden Dingen zu kriechen und es mit allem aufzunehmen, was darunter lauern mag.

Ich hatte mich in der Nacht erneut eingenässt. Ich bog die Zehen, verdrehte die Knöchel und strampelte mit den Beinen, als würde ich schwimmen, wie ich das in den letzten paar Monaten jeden Morgen getan hatte. Es waren zwei Monate. Vielleicht drei. Ich sprach in den Raum hinein, was ich zu dem ersten Menschen sagen wollte, dem ich begegnen würde, wenn ich frei wäre: Ich heiße Alexandra Gracie, und ich bin fünfzehn Jahre alt. Bitte rufen Sie die Polizei. Dann wandte ich wie jeden Morgen den Kopf, um Evie anzusehen.

Wir waren mal in derselben Richtung angekettet gewesen, sodass ich sie die ganze Zeit sehen konnte. Jetzt zwangen die Ketten sie von mir weg, und wir mussten beide den Körper verdrehen, um uns anzuschauen. Ich konnte nur ihre Füße und die Knochen ihrer Beine sehen. Die Haut in jede Furche eingegraben, als suchte sie dort nach Wärme.

Evie sprach immer weniger. Ich redete ihr gut zu und rief sie; ich beruhigte sie und sang die Lieder, die wir gehört hatten, als wir noch zur Schule gingen. »Jetzt kommt dein Teil«, sagte ich. »Kannst du deinen Teil?« Nichts funktionierte. Anstatt ihr Zahlen beizubringen, sagte ich sie mir jetzt selbst laut vor. Ich erzählte ihr Geschichten in der Dunkelheit und hörte kein Lachen, keine Fragen, keine Verwunderung; da war nur der stille Raum des Territoriums und ihr flaches Atmen, das darüberrauschte.

»Evie«, sagte ich. »Eve. Heute ist so weit.«

Ich fuhr durch die einsetzende Dämmerung zurück in die Stadt. Ein sattes goldenes Licht fiel durch die Bäume und über die weiten Felder, doch in den Schatten der Dörfer und Farmhäuser war es bereits dunkel. Ich spielte mit dem Gedanken, die Nacht durchzufahren, um vor Sonnenaufgang in London zu sein. Vom Jetlag kam mir die Landschaft grell und fremdartig vor. Wahrscheinlich würde ich irgendwo in den Midlands am Straßenrand einschlafen, deshalb war die Idee doch nicht so gut. Ich hielt an einem Rastplatz und buchte ein Hotel mit Klimaanlage in Manchester.

In dem ersten schlimmen Jahr hatten wir ständig über Flucht gesprochen. Das war in den Fesseltagen, als wir nur nachts angebunden wurden, und das auch behutsam, mit weichen, weißen Materialien. Evie und ich schliefen im selben Bett, jeweils mit einem Handgelenk am Bettpfosten befestigt und uns an den freien Händen haltend. Mutter und Vater waren den ganzen Tag bei uns, aber während des Unterrichts (überwiegend Bibelstudien mit ein bisschen fragwürdiger Weltgeschichte), der Leibesübungen (Rundläufe durch den Garten in Unterwäsche; einmal robbten ein paar Kinder aus Hollowfield durch die Brennnesseln am Ende unseres Grundstücks, nur um uns zu beobachten und sich kaputtzulachen) und der Essenszeiten (Brot und Wasser, an guten Tagen) waren wir ganz ohne Fesseln. Unser berühmtes Familienfoto wurde am Ende dieser Phase aufgenommen, bevor die Kettenzeit begann und wir nicht mehr porträttauglich waren, selbst nach den Ansprüchen unserer Eltern.

Wir sprachen darüber, die Fesseln durchzubeißen oder am Küchentisch heimlich ein Messer einzustecken. Wir könnten bei einer Runde durch den Garten unsere Schritte beschleunigen und weiterrennen, raus durchs Gartentor und die Moor Woods Road runter. Vater hatte immer ein Handy in der Tasche; das wäre leicht zu klauen. Wenn ich an diese Zeit denke, empfinde ich eine quälende Verwirrung, die Dr. K trotz all ihrer Logik nie zerstreuen konnte. Sie war in den Gesichtern der Polizisten und Journalisten und Krankenschwestern zu lesen, wenngleich niemand von ihnen je den Mut aufbrachte, die Frage zu stellen: Warum seid ihr nicht einfach abgehauen, als ihr die Chance hattet?

Die Wahrheit ist, es war nicht so schlimm. Wir waren gern zusammen. Wir waren müde, und manchmal waren wir hungrig, und zuweilen schlug Vater uns so hart, dass ein Auge wochenlang blutunterlaufen war (Gabriel) oder dass es einen dumpfen Knall knapp unterhalb des Herzens gab (Daniel). Aber wir konnten uns nicht vorstellen, was noch kommen würde. Ich habe in vielen langen Nächten meine Erinnerungen durchforstet wie eine Studentin eine Bibliothek, die den Staub von alten Büchern wischt und jedes Regal absucht, um den Moment zu finden, an dem ich hätte wissen müssen: Ah – da –, da hätte ich handeln müssen. Dieses Buch ist für mich unauffindbar. Es wurde vor vielen Jahren ausgeliehen und nie zurückgebracht.

Vater unterrichtete uns am Küchentisch, verwechselte Unterwerfung mit Andacht, und Mutter kam spät nachts noch in unsere Zimmer, um sich zu vergewissern, dass die Fesseln fest waren. Am frühen Morgen erwachte ich neben Evie, und die Wärme ihres Körpers glühte neben mir. Wir sprachen noch über unsere Zukunft.

Es war nicht so schlimm.

Ich redete zuerst mit Devlin und bat sie, eine Woche oder vielleicht auch länger von London aus arbeiten zu können.

»Nachlassdrama«, sagte sie. »Wie aufregend.« In New York war früher Nachmittag, aber sie hatte sich sofort gemeldet, schon leicht angetrunken. Ich hörte das Hintergrundgeräusch eines ausgedehnten Lunchs oder einer Bar.

»So würde ich das eher nicht nennen«, antwortete ich.

»Na, lass dir Zeit. Wir besorgen dir einen Schreibtisch in London. Und bestimmt auch einiges an Arbeit.«

Mum und Dad waren wahrscheinlich gerade beim Essen und konnten warten. Ethans Verlobte kam ans Telefon; er war bei einer Vernissage und würde erst sehr viel später nach Hause kommen. Sie hatte gehört, dass ich im Land war – ich sollte sie besuchen kommen, sie würden sich sehr freuen. Ich hinterließ eine Sprachnachricht auf Delilahs Handy, obwohl ich kaum damit rechnete, dass sie mich zurückrufen würde. Zuletzt redete ich mit Evie. Ich konnte hören, dass sie irgendwo im Freien war und jemand in ihrer Nähe lachte.

»Also«, sagte ich. »Die Hexe ist tot, wie’s scheint.«

»Hast du die Leiche gesehen?«

»Gott, nein. Ich hab nicht drum gebeten.«

»Aber können wir uns dann sicher sein?«

»Ich bin da ganz zuversichtlich.«

Ich erzählte ihr von dem Haus an der Moor Woods Road. Von unserem großen Erbe.

»Die hatten zwanzigtausend? Hätte ich nicht gedacht.«

»Ernsthaft? Nach unserer wunderbaren Kindheit?«

»Man kann Vater förmlich sehen, was? Wie er es beiseiteschafft. ›Denn mein Gott wird alles erfüllen, wessen ihr bedürft‹ – oder so ähnlich.«

»Aber das Haus«, sagte ich. »Nicht zu fassen, dass es überhaupt noch steht.«

»Es gibt doch Leute, die sich an so was aufgeilen, oder? Ich glaube, in L.A. werden Touren angeboten – Mordschauplätze, Promitode, so Zeugs. Ist ziemlich morbide.«

»Hollowfield ist ein bisschen weit ab vom Schuss als Touristenattraktion, oder? Außerdem ist es ja kaum Stoff à la Jack the Ripper.«

»Ganz so spektakulär sind wir nicht.«

»Die müssten die Tickets verschenken.«

»Tja«, meinte Evie, »falls es eine Tour gibt, sollten wir die auf jeden Fall mitmachen. Wir könnten ein paar nette Anekdoten zum Besten geben. Das könnte eine vielversprechende Karriere werden, falls das mit der Juristerei nicht hinhaut.«

»Ich glaube, den Markt hat Ethan schon abgegrast«, sagte ich. »Aber im Ernst. Was zum Teufel sollen wir mit dem Haus machen?«

Wieder lachte jemand. Jetzt noch näher. »Wo bist du?«, fragte ich.

»Am Strand. Hier gibt’s gleich irgendein Konzert.«

»Lass dich nicht aufhalten.«

»Okay. Ich vermisse dich. Und das Haus …«

Da, wo sie war, frischte der Wind auf, trieb die Sonne über den Ozean.

»Irgendwas Fröhliches«, überlegte Evie. »Es sollte irgendwas Fröhliches werden. Nichts würde Vater mehr ärgern.«

»Die Idee gefällt mir.«

»Okay. Ich muss jetzt Schluss machen.«

»Viel Spaß beim Konzert.«

»Das hast du heute gut gemacht.«

Der Plan war folgender:

Wie Undercoveragenten hatten wir Vaters Schritte belauscht. In den Fesseltagen hatten wir Protokoll geführt, mit dem Stummel eines Schulbleistifts in unsere Bibel geschrieben (damals 1 Mose 19,17, wir hatten noch immer einen Hang zur Melodramatik). Als wir nicht mehr an das Buch herankamen, prägte ich mir Vaters Tagesablauf ein, so wie Miss Glade es mir beigebracht hatte, als ich noch zur Schule ging. »Stell dir ein Haus vor«, erklärte sie mir. »Und in jedem Zimmer des Hauses ist das Nächste, was du dir merken willst. Franz Ferdinand liegt im Flur – er ist gerade erschossen worden. Du gehst ins Wohnzimmer, und in dem Moment stürzt Serbien nach draußen. Es hat panische Angst: Der Krieg kommt. Österreich-Ungarn findest du in der Küche am Tisch zusammen mit seinen Verbündeten. Wer sitzt da alles?«

Und Vater nahm unser Haus in Beschlag, das machte es noch leichter, seine Tage zu decodieren. Nach vielen Monaten in einem einzigen Zimmer kannte ich das Knarren jeder einzelnen Bodendiele und das Klicken jedes Lichtschalters. Ich konnte seinen massigen Körper durch die Räume gehen sehen.

Wir hatten von unseren Betten aus einige Nächte lang die Ohren gespitzt, deshalb wussten wir, dass er spät wach wurde. Selbst im Winter war es schon hell, wenn wir seine ersten langsamen Schritte durchs Haus hörten. Unser Zimmer lag ganz am Ende des Flurs, und er war zwei Türen weiter, deshalb wäre ein nächtlicher Fluchtversuch chancenlos gewesen. Er hatte einen leichten Schlaf und hätte uns in wenigen Sekunden abgefangen. Manchmal wachte ich auf, und er stand bei uns an der Tür oder kauerte neben mir, gedankenversunken. Worüber er auch immer nachdachte, er kam stets zu einem Entschluss und wandte sich dann ab, in die Dunkelheit.

Er verbrachte jeden Morgen mit Mutter und Noah unten. Der Geruch ihrer Mahlzeiten wehte durchs Haus, und wir hörten sie beten oder über irgendwas lachen, das wir nicht mitbekamen. Wenn Noah weinte, ging Vater in den Garten. Die Küchentür knallte. Er machte Sport: Sein Ächzen drang bis zu unserem Fenster herauf. Manchmal, kurz vor dem Mittagessen, besuchte er uns, glänzend, seine Haut nass und rot, ein Barbar frisch aus der Schlacht, der sein Handtuch schwang wie den Kopf eines Feindes. Nein, der Vormittag kam nicht infrage: Die Haustür war ständig abgeschlossen, und ob wir nun die Treppe hinunter und durch die Küche gingen oder aus dem Fenster kletterten, Vater würde uns erwarten.

In dem Punkt waren Evie und ich uns nicht einig. »Es muss durchs Haus sein«, behauptete sie. »Das Fenster ist zu hoch. Du hast vergessen, wie hoch es ist.«

»Wir müssten das Schloss an unserer Tür aufbrechen. Wir müssten durchs ganze Haus. An Ethans Zimmer vorbei. An Mutter und Vater vorbei. An Gabe und D vorbei. Die Treppe hinab. Noah schläft da unten und Mutter auch manchmal. Das ist unmöglich.«

»Wieso sind Gabriel und Delilah nicht abgehauen?«, fragte Evie. Und flüsterte: »Für die wär’s viel leichter.«

»Keine Ahnung.« Es hatte eine Nacht gegeben, vor vielen Monaten, in der ich etwas Leises und Schreckliches am anderen Ende des Flurs gehört hatte. Ein gescheiterter Versuch. Evie hatte geschlafen, und ich hatte ihr nichts davon erzählt. Jetzt, wo die Hoffnung so unsicher zwischen uns hing, brachte ich es nicht mehr über mich.

Nach dem Mittagessen war Vater im Wohnzimmer, und er war still. Das wäre unsere Chance, glaubte ich. Wenn Vater ruhig war, atmete das ganze Haus auf und entspannte sich. Delilahs Flüstern schlich den Flur entlang. An manchen Tagen klopfte Ethan an die Wand, wie früher, als wir noch klein waren und unbedingt Morsecode lernen wollten. An anderen Tagen kam Mutter zu uns. Es hatte mal eine Zeit gegeben, als ich sie anflehte, etwas zu tun, jetzt jedoch antwortete ich nur noch im Kopf auf ihre Geständnisse und wandte mich ab.

»Das ist die einzige Möglichkeit«, sagte ich zu Evie. »Sobald er aufwacht, geht gar nichts mehr.«

»Okay«, sagte sie, aber ich wusste, dass sie das für ein Hirngespinst hielt, genau wie die Geschichten, die ich ihr erzählte, um den Tag rumzukriegen.

Wir hatten schon über das Fenster gesprochen. Durch die Pappabdeckung war es unseren Blicken entzogen. »Es lässt sich öffnen«, überlegte ich laut. »Oder nicht?« Ich wusste nicht mehr, wie der Riegel aussah oder ob der Boden unterhalb aus Beton oder Gras war. »Vielleicht hab ich das falsch in Erinnerung.«

»Ich glaube nicht, dass man’s aufmachen kann«, sagte Evie. »Außerdem ist es schon ewig nicht mehr aufgemacht worden.«

Wir verrenkten uns, um uns über das Territorium hinweg anzusehen.

»Also, wenn wir das Fenster einschlagen müssen, wie lange haben wir dann?«, fragte Evie.

»Er wird ein paar Sekunden brauchen, um zu kapieren, was los ist«, sagte ich. »Noch ein paar mehr bis zur Treppe. Sagen wir zehn, bis er an unserer Tür ist. Und dann muss er erst noch aufschließen.«

Mir tat der Hals weh. Ich legte mich wieder hin. »Insgesamt zwanzig«, tippte ich. Die niedrige Zahl hing in dem Raum zwischen uns. Evie murmelte irgendwas, so leise, dass ich es nicht verstand.

»Was?«

»Okay«, sagte sie etwas lauter.

»Okay.«

Ein weiteres Hindernis waren unsere Ketten, die mal meine größte Sorge gewesen waren. Aber Vater war ungeschickt. Nach der Entdeckung der Sagen und dem, was dann passiert war, machte er das Licht nicht mehr an, wenn er ins Zimmer kam. Mir gefiel der Gedanke, dass er es nicht ertrug, mich anzusehen, aber wahrscheinlich war er einfach zu betrunken, um den Lichtschalter zu finden. So oder so, es spielte keine Rolle. Ich spreizte meine Finger, so weit ich konnte, sodass er die Handschellen um Daumen und kleinen Finger schloss statt um meine Handgelenke. Deshalb würde ich es tun müssen, und ich würde es bald tun müssen. »Er hat’s vermasselt«, flüsterte ich Evie zu, als ich sicher war, dass alle anderen im Haus schliefen. Ihr Atem flatterte durchs Zimmer, aber sie antwortete nicht. Ich hatte zu lange gewartet. Auch sie war eingeschlafen.

Ich überlegte, was ich mit dem Abend anfangen sollte. Es war dunkel, aber noch immer warm draußen. Ich rief den Zimmerservice an, bestellte zwei Gin Tonic und trank sie nackt auf dem Bett. Ich hatte daran gedacht, joggen zu gehen, aber das Hotel war von Schnellstraßen umringt, und ich wollte mir nicht mühsam einen Weg um sie herum bahnen. Stattdessen würde ich trinken und mir Gesellschaft suchen. Ich zog ein schwarzes Slipkleid und Lederstiefel an und bestellte an der Rezeption ein Taxi und noch einen Drink.

Im Auto dachte ich, dass der Abend sich gut anließ: drei Drinks intus, allein, Mutter tot und die fremde Stadt überall um mich herum. Ich ließ das Autofenster möglichst weit herunter. Menschen standen vor dunklen Eingängen Schlange oder saßen trinkend auf den Bürgersteigen. »Wir sollen Gewitter kriegen«, sagte der Fahrer. Er sprach noch weiter, aber wir standen gerade an einer Kreuzung, und lautes Geplapper von draußen übertönte ihn.

»Wie bitte?«

»Einen Schirm«, sagte er. »Haben Sie einen Schirm dabei?«

»Wissen Sie«, erwiderte ich, »ich hab mal hier in der Gegend gewohnt.«

Er fing meinen Blick im Rückspiegel auf und lachte.

»Heißt das ja?«

»Das heißt ja.«

Ich hatte ihn gebeten, mich zu einem Klub zu fahren, wo was los war. Er hielt vor einem anderen, billigeren Hotel und nickte. Der Klub war im Keller, eine enge Treppe hinab, mit einer Tanzfläche im Hintergrund und einer leeren Bühne darüber. Und es war tatsächlich einigermaßen viel los. Ich setzte mich an die Bar, bestellte einen Wodka Tonic und schaute mich nach jemandem um, der gern mit mir reden würde.

Eine Zeit lang waren Devlin und ich so viel auf Reisen gewesen, dass ich manchmal vergaß, auf welchem Kontinent ich mich gerade befand. Dann wachte ich in einem Hotelzimmer auf und ging in die falsche Richtung zur Toilette, weil ich dachte, ich wäre in meinem New Yorker Apartment. Oder ich kam in eine Flughafenlounge und musste auf meiner Bordkarte nachsehen – richtig nachsehen –, wohin ich eigentlich als Nächstes flog. An einer Bar zu sitzen war immer wohltuend, denn die waren auf der ganzen Welt gleich. Es gab einsame Männer mit ähnlichen Geschichten und Leute, die noch müder aussahen als ich.

Ein Mann sechs Plätze weiter trug eine goldene Anstecknadel mit Flügeln am Hemd und tastete nach seinem Portemonnaie. Ich ließ ihm einen Gin bringen. Er schien sich über den Drink zu freuen und zu wundern. Augenblicke später berührte er lächelnd meine Schulter. Er war älter, als ich anfangs gedacht hatte. Das war gut.

»Hallo. Danke für den Drink.«

»Gern geschehen. Sind Sie auf der Durchreise?«

»Bin heute aus Los Angeles hergeflogen.«

»Das ist ziemlich spektakulär.«

»Nicht besonders. Ist eine übliche Route. Sind Sie von hier?«

»Nein. Nicht mehr. Sie sind Pilot?«

»Ja.«

»Sind Sie der richtige Pilot oder der Copilot?«

Er lachte. »Ich bin der richtige Pilot.«

Er erzählte mir von seiner Arbeit. Meistens ist es öde, anderen zuzuhören, wenn sie über ihren Beruf reden, aber er war anders. Er sprach offen und ehrlich. Er schilderte seine Ausbildung in Europa und das unvermeidliche erste Mal, als er allein flog. Seine Hände griffen in dem Raum zwischen uns nach dem Steuerknüppel, und wenn das Discolicht auf sie fiel, konnte ich die Bewegungen der kleinen Muskeln dicht unter der Haut sehen. Der Beruf mache einen zum Vagabunden, sagte er, aber zu einem mit viel Geld. In den ersten Jahren hatte er in einem dauernden Angstzustand gelebt, in Gedanken immer schon bei der nächsten Landung, während Adrenalin durch seinen Körper in den Hotelbetten rauschte. Jetzt war er arrogant genug, um gut zu schlafen.

»Der richtige Pilot.« Er lächelte noch immer amüsiert. »Und? Wohin geht’s als Nächstes?«

Wir tanzten ein Weilchen, aber wir waren älter als die Tanzenden um uns herum, und weder er noch ich waren betrunken genug. Mich faszinierte eine Gruppe junger Frauen neben mir, deren Körper im Gleichtakt zuckten. Sie trugen Variationen desselben hautengen Kleides und lachten wie ein Wesen mit vielen Köpfen. Während ich sie beobachtete, berührte ich die ermattete Haut an meinem Hals und in den Augenwinkeln. Der Pilot war hinter mir, seine Finger zwischen meinen Rippen.

»Du kannst mit in mein Hotel kommen«, sagte ich.

»Ich fliege morgen zurück. Ich kann nicht bleiben.«

»Geht in Ordnung.«

»Ich will nicht, dass du enttäuscht bist. Manchmal …«

»Ich werde nicht enttäuscht sein.«

Es hatte geregnet, wie der Fahrer prognostiziert hatte. Die Straßen glänzten und waren stiller, und Neonlicht spiegelte sich in den Pfützen. Es waren nur noch Taxis unterwegs, aber keines davon hielt an. Wir mussten zu einer belebteren Kreuzung. Ich sah die Lichter der Stadt über sein Gesicht gleiten und nahm seine Hand. »Es gibt gewisse Dinge, die ich brauche«, erklärte ich. »Damit ich was davon habe.«

»Ach ja?« Er hatte sich von mir abgewandt, hielt nach einem Taxi Ausschau, aber ich sah, wie seine Wangenpartie sich hob, und ich wusste, dass er lächelte.

In meinem Zimmer öffnete ich die Minibar, um was zu trinken herauszunehmen, aber er hielt mich davon ab und setzte sich aufs Bett. Ich zog mein Kleid aus und streifte meine Unterwäsche auf den Boden, dann kniete ich mich vor ihn. Er musterte mich, gelassen, genau wie ich es gehofft hatte.

»Ich möchte, dass du mich demütigst«, sagte ich.

Er schluckte.

»Verstehst du?«, sagte ich. »Es muss wehtun.«

Seine Finger zuckten. Ich spürte das vertraute Pochen in meiner Möse, wie ein neuer Puls. Ich ging auf dem Bett neben ihm in Stellung, bäuchlings, Kopf auf die Arme gelegt. Er stand auf, kam zu mir, mit erwartungsvoller Miene. Ich sah, dass der Zimmerservice da gewesen war und Pralinen auf dem Kissen lagen.

Als er gegangen war, bestellte ich noch einen Drink beim Zimmerservice und dachte an JP. Es war, als hätte er den ganzen Tag auf meine Aufmerksamkeit gewartet, geduldig und immer knapp außerhalb meines Gesichtsfeldes. Noch ein Drink mehr, und ich hätte ihn vielleicht angerufen. Ich hatte seine Büronummer, bei der er immer ranging. Ich hätte von Mutters Tod erschüttert sein können, allein in Manchester, ohne einen anderen Menschen, an den ich mich wenden konnte. »Und ich bin nächste Woche in London«, hätte ich noch hinterhergeschoben. »Vielleicht sogar länger.«

Ich hatte gehört, dass er jetzt in einem Vorort wohnte, mit einer neuen Freundin und einem kleinen Hund. »Oder einer kleinen Freundin und einem neuen Hund«, hatte Olivia gesagt. »Ich weiß nicht mehr genau.« Ich dachte an den Tag, als er aus unserer gemeinsamen Wohnung ausgezogen war. Ich hatte gedacht, er würde einen Transporter mieten oder einen Freund um Hilfe bitten, aber er packte seine Sachen in zwei Koffer und einige Kartons und wartete dann vor dem Haus auf sein Taxi. Es regnete, aber er weigerte sich, noch mal hereinzukommen, als hätte die Nähe ihn dazu bringen können, seine Meinung zu ändern. Das hätte sie nicht. Es gab nichts, was er oder ich hätten tun können, um irgendwas zu ändern. Ich zog die Beine an die Brust und betastete die Narben an meinem Knie. Die Haut war dort glatter. Dann berührte ich die Narben von den anderen Operationen. Meine Finger folgten einer vertrauten Route. Die Narben waren tadellos; in dem dämmrigen Licht konnte man sie nicht sehen. Als ich JP auf sie hingewiesen hatte, reagierte er desinteressiert: »Sind mir nicht mal aufgefallen«, sagte er damals, und ich mochte ihn dafür umso mehr. Nein, es gab nichts, was wir beide hätten anders machen können.

Um an etwas anderes zu denken, fragte ich mich, ob Evies Konzert jetzt vorbei war. Es war spät, und noch später da, wo sie war. Ich löschte das Licht und stellte mir den Wecker fürs Frühstück.

»Evie«, sagte ich. »Eve. Heute ist es so weit.«

Die Weite des Morgens erstreckte sich vor uns, flach und leer. Mittlerweile lebte ich seit vielen Wochen mit dem eigenartigen Schmerz in mir, doch heute fühlte er sich noch schlimmer an; das Blut roch anders. Andererseits war es schwer, diesen Schmerz von der Anspannung zu unterscheiden, die sich in meinem Bauch wand, wie Tiere, die aus Eiern herausbrechen.

Ich testete die Handschellen wie jeden Tag seit Vaters Fehler. Meine linke Hand glitt heraus, aber meine rechte blieb knapp unterhalb der Knöchel stecken. »Ist es heute wärmer?«, fragte ich. Ich versuchte es erneut, aber jetzt kam es mir noch schwieriger vor. Von der Anstrengung schwollen meine Finger an. Mir fiel etwas anderes ein, eine Idee, die Ethan, der früher so gern Bücher über den Wilden Westen gelesen hatte, als Showdown bezeichnet hätte. Aber diese Idee ließ mir nur eine Chance, und falls Vater vor dem Mittagessen in unser Zimmer kam, musste ich angekettet sein. Ich war also gezwungen abzuwarten.

Ich hörte Vater aufstehen. Seine Füße stapften langsam die Treppe hinunter, und ich fragte mich, ob wir einen Fehler gemacht hatten. Vielleicht wäre jetzt der Moment. Dann war er in der Küche, und ich lauschte auf das gemurmelte Morgengespräch, einzelne Wörter durchsetzt mit Frühstücksgeräuschen und Ruhe und wahrscheinlich einigen stummen Gebeten. Ich hatte mich längst von Vaters Gott verabschiedet, aber jetzt schloss ich die Augen und betete zu älteren, wilderen Gottheiten. Ich betete eine ganze Weile.

Am späten Vormittag wurde ich erneut wach. Ich war an einem engen, dunklen Ort gewesen, knapp unter der Oberfläche des Bewusstseins. Besteck klapperte in der Küche. Mutter backte irgendwas, und der Geruch zog die Treppe herauf und waberte auf dem Boden unseres Zimmers. Ich hatte ein paar wenige Speichelfäden im Mund. »Das erste Essen, wenn du draußen bist«, sagte ich zu Evie. Das war ein Gespräch, das meistens schnell eskalierte.

»Tee im Ritz?«, fragte ich. »Oder lieber griechisch?«

Sie zog die Beine enger an die Brust und hustete, schwieg, und mir fiel das seltsame Aussehen ihrer Füße auf, übergroß am Ende der skelettartigen Schienbeine, wie die Schuhe eines Clowns.

Ich hatte gelernt, mir nicht vorzustellen, wie meine Eltern aßen, aber das würde der letzte Tag sein, deshalb erlaubte ich es mir. Sie saßen Hand in Hand am Küchentisch. Noah betrachtete sie ausdruckslos von seinem Stuhl aus. Mutter hatte gedeckten Apfelkuchen gemacht und stand auf, um ihn anzuschneiden. Die Oberseite war goldbraun und mit Zucker bestreut, und in der Kruste waren weiche Grübchen, wo das köchelnde Obst versucht hatte, sie zu durchbrechen. Das Messer berührte die Teigdecke, und Mutter drückte fester zu. Als sie hineinschnitt, stiegen Dampf und der Duft der warmen Äpfel am Tisch auf. Sie schnitt ein Stück für Vater ab und reichte es ihm auf einem vorgewärmten Teller, und ehe sie sich selbst bediente, schaute sie ihm beim Essen zu. Der knusprige Teig und die saftige Füllung bewegten sich in seinem Mund. Sie weidete sich an seinem Genuss.

An dem Tag dauerte das Essen lange, und Noah kam nicht zur Ruhe. Es war mitten im Winter, schätzte ich, und als die Wohnzimmertür endlich ins Schloss fiel, wurde das Licht durch den Pappkarton trüber. Das Haus war still.

»Okay«, sagte ich. »Okay.«

Ehe ich noch länger darüber nachdenken konnte, zog ich die Ketten straff.

Meine linke Hand zwängte sich durch das Metall und kam frei. Aber meine rechte Hand war noch zu angeschwollen, um hindurchzupassen, ganz gleich, wie fest ich den Daumen in die Handfläche drückte.

Showdown.

»Guck weg«, befahl ich Evie. Selbst nach all der Zeit gab es ein paar Entwürdigungen, für die ich keine Zeugen haben wollte.

Als Delilah neun oder zehn war, hatte sie sich Mutters Ehering auf den Daumen geschoben und bekam ihn nicht mehr herunter. Delilah kriegte fast nie Ärger, und ich freute mich. Ich saß im Flur oben an der Treppe und beobachtete, was sich im Bad abspielte. Delilah hockte heulend auf dem Wannenrand, und Mutter, die vor ihr kniete, schob ihr ein nasses Stück Seife zwischen die Finger. Es funktionierte enttäuschend gut, denn der Ring rutschte über Delilahs Fingerknöchel und landete mit einem blechernen Klimpern auf dem Badezimmerboden.

Ich zog meine Hand durch das Metall, genau bis zu dem Punkt, wo es nicht mehr weiterging, und drehte sie dann hin und her. Von meinen morgendlichen Bemühungen war an der Stelle bereits eine Vertiefung, die Haut blutunterlaufen und kurz davor aufzureißen. Ich biss in das Laken und drehte noch schneller. Anders als Delilah wollte ich auf keinen Fall weinen. Als die Haut riss, quetschte sich meine Hand, schwarz-rot und nass, hindurch.

Ich lachte und drückte mir den Arm an die Brust. Evies Augen waren ängstlich, aber sie lächelte und machte das Daumen-hoch-Zeichen. Ich ging auf dem Bett in die Hocke und griff tastend in das Territorium, suchte mit meiner unverletzten Hand nach etwas, das hart genug war, um Glas zu zertrümmern. Meine Finger glitten durch warme, feuchte Stellen und Dinge, die sich gegen sie zu bewegen schienen. Ich schreckte zurück und schluckte und suchte weiter. Altes Essen und kleine angemoderte Schuhe und Schimmel auf den Seiten unserer Kinderbibel. Alles weich und nutzlos.

Evie zeigte auf etwas, und ich erstarrte, dachte, Vater sei an der Tür. Sie schüttelte den Kopf und zeigte erneut, und ich folgte ihrem Blick unter mein Bett. Darunter – mein ganzer Arm bebte – schlossen sich meine Finger um etwas Hartes. Es war ein Holzknüppel, verkrustet mit altem Blut und schmierig vom Schmutz der Zeit im Territorium. Ich betrachtete ihn kurz, erinnerte mich, warum er überhaupt da war.

»Ja«, sagte ich. »Ja. Perfekt.«

Ich stand unsicher auf und schlich zum Fenster. Vater hatte die Pappe nicht besonders sorgfältig angebracht, und das Klebeband, mit dem sie befestigt war, löste sich allmählich in seine Bestandteile auf. Ich pulte die letzten Reste ab, bis ich die lose Pappe in Händen hielt. »Fertig«, sagte ich und stellte sie auf den Boden. Licht kreischte ins Zimmer. Evie vergrub das Gesicht in den Armen. Ich konnte mich nicht umdrehen und den Raum bei Tageslicht betrachten. Es war Zeit zu gehen. Ich durchquerte das Territorium; nach all unseren ausgeklügelten Plänen waren es bloß drei kurze Schritte bis zu Evies Bett. Ich nahm ihre Hand, wie ich das getan hatte, als wir noch im selben Bett schliefen, in den Jahren davor, als alles noch nicht so schlimm war. Sie regte sich noch immer nicht. Jetzt konnte ich ihr Rückgrat und die nackten Stellen an ihrem Schädel sehen, und dass jeder Atemzug eine kleine Anstrengung war. Ich wusste, sobald ich das Fenster einschlug, würden die Sekunden – unsere wenigen Sekunden, die wir so viele Monate lang berechnet hatten – verrinnen.

»Ich komm dich holen«, versprach ich. »Evie?«

Ihre Hand flatterte in meiner.

»Ich bin bald wieder da.«

Ich hob den Holzknüppel über die Schulter. »Halt die Hände vors Gesicht«, flüsterte ich. Dann war die Zeit der Stille vorbei, und ich schlug den Knüppel gegen die untere Ecke des Fensters. Das Glas bekam einen Sprung, zerbrach aber nicht. Ich schlug erneut zu, fester, und die Scheibe zerbarst. In der Küche brüllte Noah. Ich hörte Mutters Stimme und Schritte unterhalb unseres Zimmers. Schon war jemand auf der Treppe. Ich wollte die Glassplitter auf dem Fenstersims wegfegen, doch eine große Scherbe bohrte sich in meine Handfläche. Es waren zu viele, und mir blieb keine Zeit. Ich schwang ein Bein auf den Sims, zog das andere nach, sodass ich mit dem Gesicht nach außen im Fenster saß. Jemand war an der Tür, die Klinke bewegte sich. Ich hatte mir vorgenommen, nicht nach unten zu blicken. Ich drehte mich um, hing für einen kurzen Moment halb im Zimmer, die Beine in der Winterluft. »Wir müssen uns langsam runterlassen«, hatte ich Evie erklärt, »bis wir an den ausgestreckten Armen hängen, damit wir nicht ganz so tief fallen.« Die Tür ging auf, und für den Bruchteil einer Sekunde sah ich Vater. Seine Silhouette in der Tür. Ich ließ meinen Körper herab, doch ich war zu schwach, um mich festzuhalten, und sobald meine Arme gestreckt waren, fiel ich.

Das Gras war nass, aber die Erde darunter gefroren. Als ich landete, brach etwas in meinem rechten Bein weg, wie ein Gebäude, das in sich zusammenfällt, wenn das Fundament gesprengt wird. Das Knirschen hallte durch den Garten. Ich fiel nach vorne, und durch den Aufprall drang die Glasscherbe noch tiefer in meine Hand. Die Luft war zu kalt, um zu atmen, und ich weinte, das wusste ich. »Los, steh auf«, flüsterte ich. Langsam kam ich auf die Beine und zog mein T-Shirt bis fast hinunter zu den Knien, und da, in der Küchentür, stand Mutter.

Ich erwartete, dass sie auf mich zugestürzt kam, aber das tat sie nicht. Ihre Lippen bewegten sich, aber ich konnte bloß das Blut in meinen Ohren hören. Wir sahen uns eine letzte Sekunde lang an, dann drehte ich mich um und floh.

Das Gartentor war unverschlossen. Ich musste mich an der Wand abstützen, als ich ums Haus herumhumpelte. Und dann war ich auf der Straße, folgte den weißen Linien in der Mitte. Der Abend war ein kaltes dunkles Blau. Das war die Nachbarschaft, die ich in Erinnerung hatte: Moor Woods Road mit ihren ruhigen, weit auseinanderliegenden Häusern. Fenster, die wie Heiligtümer in der Dämmerung leuchteten. Vater würde dicht hinter mir sein. Ich konnte keine Energie dafür aufwenden, zu einer der Haustüren zu laufen: Er würde mich abfangen, bevor die Leute aufmachten. Ich konnte mir das genaue Gewicht seiner Hände auf meinen Schultern vorstellen. Ich schrie, wollte sie aus ihren Wohnzimmern von ihren Sofas, von ihren Abendnachrichten wegholen. Lichterketten hingen in Bäumen und über Eingängen, hießen die Bewohner willkommen, und ich dachte stumpf: Weihnachten.

Die Straße verlief bergab, mein Bein knickte weg, und ich prallte seitlich gegen eine Mauer, griff nach den nassen Steinen. Ich fand das Gleichgewicht wieder und lief jetzt im Schatten weiter, wo meine Füße auf gefrorenes Laub und durch winterliche Pfützen platschten. Der Schmerz würde jeden Moment kommen, wie das Erwachen aus dem Schlaf. Ich war ganz kurz davor, und wenn er mich dann erreichte, wäre ich nicht noch einmal fähig, ihn zu ignorieren.

Ich konnte das Ende der Moor Woods Road sehen. Auf der anderen Seite war ein Scheinwerferpaar, das gleich vorbeifahren würde. Ich rannte genau darauf zu, die Hände beschwichtigend vorgestreckt, und die Fahrerin brachte den Wagen gerade noch rechtzeitig zum Stehen, ehe er mich erfasst hätte. Die Motorhaube fühlte sich warm an, und meine Hände hinterließen rostrote Abdrücke darauf. Die Fahrerin stieg als Silhouette aus. Sie kam zaghaft näher und ins Licht. Sie trug einen Hosenanzug und hielt ein Handy, und sie erschien mir irgendwie so hell und sauber wie eine Besucherin aus einer schönen neuen Welt.

»Mein Gott«, sagte sie.

»Ich heiße Alexandra Gracie …«

Mehr bekam ich nicht heraus. Ich schaute nach hinten, die Moor Woods Road hinauf: Die Straße war still und teilnahmslos. Ich setzte mich auf den Boden und streckte den Arm nach der Frau aus, und sie ließ mich ihre Hand halten, während sie die Polizei anrief.

Ich wachte in der Nacht auf, weil mir in der Klimaanlagenluft zu kalt war, und zog die Decke über meinen Körper. Es wurde bereits hell draußen, aber ich hörte noch keine Autos auf der Straße. Es tat gut, so aufzuwachen, mit noch vielen Stunden bis zum Morgen. Dann würde ich mich besser fühlen.

Als ich gerade wieder einschlief, zuckte mein Körper. Ich hatte an den Sturz aus dem Fenster vor fünfzehn Jahren gedacht. Den Aufprall, halb geträumt, halb erinnert. Ein schemenhafter Schmerz streifte mein Knie. Mutter in der Küchentür. Ich rollte mich ab. Ich stand im Garten, in der trüben Winterdämmerung, lediglich in meinem verdreckten T-Shirt. Ein Bein hinter mir verdreht, wie eine Fußfessel. Es wäre ein Leichtes für sie gewesen, mich aufzuhalten. Diesmal, im Traum, horchte ich aufmerksam. Ich konnte sie über das Hämmern meines Herzens hinweg hören. »Lauf«, sagte sie. Weiter nördlich waren sie dabei, ihr Grab auszuheben, schwangen im warmen rosa Morgengrauen die Schaufeln, um sie noch vor Sonnenaufgang zu beerdigen. Sie sagte: »Lauf.«

2 ETHAN (BOY A)

Ethan rief mich zurück, bevor mein Wecker klingelte. Er klang wie ein Werbespot für den Morgen: Er war am Fluss joggen gewesen; er fütterte gerade den Hund; er machte Rührei zum Frühstück.

»Wie war’s?«, fragte er.

Ich erzählte ihm alles. Er war erfreut, dass ich den Artikel über seine Arbeit in dem Karton mit Mutters Sachen gefunden hatte. Er wollte wissen, worum es darin ging, damit er wusste, um welches seiner Projekte es sich handelte.

»Ach das. Das ist schon relativ alt.«

»Gut, dass sie nicht die Times lesen konnte«, sagte ich. »Und ›Die Probleme mit Vergebung‹.«

Er ging nicht darauf ein. »Bleibst du noch eine Weile hier? Wo du doch die Testamentsvollstreckerin bist und so.«

»Ich kann diese Woche von London aus arbeiten. Mal sehen, wie’s läuft. Wahrscheinlich müssen wir das Haus besichtigen, denke ich.«

Ich konnte förmlich hören, wie er daran dachte, sich an die Fenster erinnerte, den Garten, die Haustür und die Türen dahinter. An jedes einzelne Zimmer. Ich versaute ihm seinen Morgen.

»Das lässt sich einrichten. Hör mal. Komm doch Freitagabend mit dem Zug nach Oxford, bleib übers Wochenende bei Ana und mir. Es ist ewig her, dass du hier warst. Und es wäre schön, dich vor der Hochzeit noch mal zu sehen.«

»Kommt drauf an, wie viel Arbeit ich hab. Ich weiß nicht, wie lang ich bleiben kann.«

»Dann sag ihnen, dass deine Mutter gestorben ist. Dafür haben sie bestimmt Verständnis.« Der Hund bellte. »Scheiße«, fluchte Ethan.

»Lass uns Schluss machen«, sagte ich.

»Komm am Freitag. Ruf an, wenn du im Zug sitzt.«

Am Anfang – und auch am Ende – waren Ethan und ich allein.

Zuerst geboren, zuletzt adoptiert.

Nach unserer Flucht dauerte es einige Monate, bis entsprechende Maßnahmen getroffen wurden. Ich habe sehr wenige Erinnerungen an diese Zeit, und jede kommt mir irgendwie überzogen vor, als hätte ich die Erlebnisse eines anderen Menschen genommen und mich selbst in seine Erzählung hineinimaginiert. Als sie mich zum ersten Mal weckten, fast zwei Wochen nach der Flucht und schon mit einigen Operationen hinter mir, brachten sie mich in ein Badezimmer, steckten mich in eine Wanne und wuschen mich gründlich. Vor und nach den Operationen war das wohl nur notdürftig geschehen. Langsam wurde meine Haut sichtbar, weißer, als ich sie in Erinnerung hatte. Es dauerte Stunden, und jedes Mal, wenn sie aufhörten, bat ich sie weiterzumachen: Ich hatte Schmutz in den Ohren, in den Ellbogenfalten, zwischen den Zehen. Als sie fertig waren, hielt ich mich an der Wanne fest und weigerte mich herauszusteigen. »Vielleicht ist irgendwo noch was«, sagte ich, wollte das Wasser und seine Wärme nie mehr verlassen. Es fühlte sich an, wie sich das Meer in Griechenland anfühlen würde, wo Evie und ich unbedingt leben wollten.

Auf meinem Gesicht und meinen Schultern war dünner Haarflaum gewachsen. »Dein Körper hat dich warm gehalten«, erklärte eine der Krankenschwestern, als ich sie danach fragte, und sie hielt das Gesicht von mir abgewandt, bis sie den Raum verlassen konnte. Meine Blutergüsse verblassten zu mattgelben Flecken, und einige meiner Knochen zogen sich allmählich wieder unter Fett und Fleisch zurück.

Ich konnte nicht fassen, dass andere Leute nicht gern im Krankenhaus waren. Dass sie wirklich entlassen werden wollten. Ich hatte ein eigenes Zimmer. Ich bekam drei Mahlzeiten am Tag. Ich hatte geduldige Ärzte, die mir meinen Körper erklärten und warum sie ihn öffnen mussten. Alle Pflegekräfte waren behutsam, und manchmal, wenn sie mich allein gelassen hatten, weinte ich in dem sauberen, stillen Zimmer, wie man weint, wenn jemand mitten an einem furchtbaren Tag einfach nur nett zu einem ist.

Nachts und im Schlaf rief ich nach Evie. Wenn ich erwachte, ihren Namen noch in meinem Mund, waren Leute bei mir, die mich beruhigten. Evie war in einem anderen Krankenhaus, sagten sie, und im Augenblick konnte ich sie noch nicht sehen.

Eine Woche nachdem ich das erste Mal wieder zu Bewusstsein gekommen war, schlug ich die Augen auf und sah eine Fremde in meinem Zimmer. Sie saß auf dem Stuhl neben meinem Bett und las in einer Ringmappe. In den Augenblicken, bevor sie merkte, dass ich wach war, betrachtete ich sie eingehend. Sie trug keine Krankenhauskluft, sondern ein schickes helles Kleid und einen blauen Blazer und die höchsten Schuhe, die ich je gesehen hatte. Ihr Haar war kurz. Ihre Augen huschten über die Seite, und eine Falte zwischen ihnen vertiefte oder glättete sich, je nachdem, was sie gerade las.

»Hallo«, sagte sie, ohne aufzublicken. »Ich bin Dr. K.«

Viele Monate später wurde mir klar, dass es kein einzelner Buchstabe, sondern ein Wort war – Kay –, aber da kannten wir uns schon gut, und sie mochte meine Interpretation: »Das ist schön kurz und knapp«, sagte sie.

Sie legte die Mappe beiseite, streckte mir ihre Hand entgegen, und ich ergriff sie. »Ich bin Alexandra«, stellte ich mich vor. »Wahrscheinlich wissen Sie das ja schon.«

»Stimmt, ja. Aber ich höre es gern von dir selbst. Alexandra, ich gehöre zu dem Psychologenteam, das mit dem Krankenhaus und der Polizei zusammenarbeitet. Weißt du, worum es dabei geht?«

»Um die Psyche«, sagte ich.

»Ja.« Sie nickte. »Genau. Die Ärzte und Krankenschwestern behandeln deinen Körper, aber wir können über deine Psyche reden. Wie du dich fühlst und was du denkst. Darüber, was passiert ist und was du dir für die Zukunft wünschst. Manchmal wird jemand von der Polizei dabei sein, und manchmal werden wir zwei allein sein. Und dann – wenn wir nur zu zweit sind – ist alles, was du mir sagst, vertraulich. Ein Geheimnis.«

Sie stand von dem Stuhl auf und ging neben meinem Bett in die Knie. »Die Sache ist die«, sagte sie. »Wir müssen uns was versprechen. Ich kann die menschliche Psyche verstehen und damit arbeiten. Ich bilde mir ein, dass ich sie positiv beeinflussen kann. Aber ich kann keine Gedanken lesen. Deshalb müssen wir ehrlich zueinander sein. Sogar bei den schwierigen Sachen. Ist das okay für dich?«

Ihre Stimme klang auf einmal verzerrt. »Okay«, antwortete ich.

Sie sagte noch mehr, aber sie war in Bewegung, kippte von mir weg, und als ich das nächste Mal aufwachte, war Nacht, und sie war fort.

Von da an kam sie jeden Tag. Manchmal wurde sie von zwei Detectives begleitet. Die waren dabei, als sie mir mitteilte, dass Vater sich unmittelbar nach meiner Flucht getötet hatte. Die ersten Polizisten vor Ort fanden ihn in der Küche. Trotz aller Bemühungen gelang es nicht, ihn wiederzubeleben.

Haben die es wirklich versucht?, überlegte ich. Dann: Und wie intensiv?

Stattdessen fragte ich, wie er es gemacht hatte. Die Detectives sahen Dr. K an, die wiederum mich ansah. »Er hat eine toxische Substanz eingenommen«, erklärte Dr. K. »Ein Gift. Es wurden ganz viele Hinweise darauf gefunden, dass er das geplant hatte, und zwar schon längere Zeit.«

»Es gab einen großen Vorrat davon im Haus«, fügte einer der Detectives hinzu. »Wir vermuten, das sollte das Endspiel werden.«

Wieder wechselten sie Blicke. Sie wirkten erleichtert, als hätten sie etwas hinter sich gebracht, das besser gelaufen war als erwartet.

»Wie fühlst du dich damit?«, fragte Dr. K.

»Ich weiß nicht«, sagte ich. Ein Stunde später, als ich allein war, kam mir die Antwort, nämlich: nicht überrascht.

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