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Im Ernstfall keine halben Sachen

Als Buch hier erhältlich:

Es ist nie zu spät, um großen Spaß zu haben

Joel lebt in einem Altenheim und hasst jeden einzelnen Tag. Er will sich nicht vorschreiben lassen, wann er zu essen oder zu schlafen hat. Sein Leben dort macht ihm keinen Spaß, eigentlich ist es sogar das Leben selbst, das ihm keinen Spaß mehr macht. Also beschließt er, sich umzubringen.
Als er seinem Zimmernachbarn Frank, einem exzentrischen ehemaligen Schauspieler, davon erzählt, regt dieser Joel an, sich etwas Besonderes auszudenken für seinen letzten Akt des Widerstands. Sich sang- und klanglos zu verabschieden, kommt nicht in Frage. Und beide wollen noch mal richtig Spaß haben …

»Eine bezaubernde und ergreifende Geschichte, die es verdient hat, gelesen zu werden.«
Juliet Conlin

»Ein Ruf nach Freiheit, gerichtet an unsere Gesellschaft, mit wundervollen Charakteren und brillantem Humor.«
The Bookbag

»Eine wunderbar charmante, von Herzen kommende Geschichte.«
Leserstimme

»Wenn es ein Buch verdient hat, gelesen zu werden, dann dieses!«
Leserstimme


  • Erscheinungstag: 24.03.2020
  • Seitenanzahl: 368
  • ISBN/Artikelnummer: 9783959673839

Leseprobe

Für alle Großväter, besonders meine:

Daniel Patrick Mooney und Joseph Michael Keane.

Ich glaube, das Buch hätte Euch gefallen.

Und für Christine, die Heilige von der unendlichen Geduld.

1.

»Miller!«, raunte Joel seinem Bettnachbarn zu. »Warum sind Sie noch nicht tot?«

Miller, der seit über zwei Jahren im Koma lag, antwortete nicht. Seine eingefallene alte Brust hob und senkte sich kaum merklich unter der dünnen Baumwolldecke.

»Na gut«, sagte Joel, »dann eben nicht.«

Miller ignorierte ihn.

Anfangs hatte Joel Monroe protestiert, als Mr. Miller zu ihm aufs Zimmer gelegt worden war. Nicht dass die Heimleitung auch nur im Geringsten auf seine Einwände eingegangen wäre. Ein Jahr bevor sie die lebende Leiche hereinrollten, hatte Lucey in diesem Bett gelegen. Joel war jeden Abend mit dem Wissen eingeschlafen, dass seine Frau da war, und wenn er morgens aufwachte, war sie bereits auf den Beinen, hatte sich angezogen, putzte, machte sich hier und da zu schaffen oder unterhielt sich leise mit einer Pflegerin, die das Frühstück brachte.

Lucey hatte das Leben im Pflegeheim erträglich, ja fast angenehm gemacht. Mit ihr war es keine Aneinanderreihung von Demütigungen und Beleidigungen gewesen, so wie nach ihrem Tod. Lucey hatte das Zimmer dekoriert, hatte Blumen in alte Vasen gestellt, die sie auf dem Flohmarkt gefunden hatte, Fotos ihrer kleinen Familie aufgehängt, zu dritt am Strand, die kleine Eva in Joels Armen. Lucey hatte bunte Tagesdecken auf die Betten gelegt und damit die triste Sterilität des Heims vertrieben. Sie hatte es ihnen schön gemacht. Ihr ganzes gemeinsames Leben lang hatte sie das getan: Sie hatte es Joel schön gemacht. Wenn sie da war, wurde es hell, und ihr Lachen wärmte jeden Raum. Joel fand, dass man seiner Frau das fortschreitende Alter nicht angesehen hatte, denn sie war so fröhlich und energiegeladen wie eh und je, eine Naturgewalt, die keine Anzeichen von Schwäche erkennen ließ. Er hingegen war während des gemeinsamen Aufenthalts im Heim erst langsam und nach ihrem Tod immer schneller verkümmert. Ohne Lucey war es ein kalter Ort. Die Bilder hingen zwar noch an ihrem Platz, aber im Laufe der Zeit schaute Joel seltener darauf. Hin und wieder warf er noch einen kurzen Blick auf die kleine Eva in seinen Armen und fragte sich, was er verbrochen hatte, dass er in diesem Kasten eingesperrt war, eingesperrt ohne seine Lucey.

Die Schmach, seine Frau durch Miller ersetzt zu sehen, machte Joel erheblich zu schaffen. Er hatte zu Gehör gebracht, dass er Miller nicht wollte. Er wollte überhaupt niemanden.

Doch nach einer Weile stellte er fest, dass man sich schnell an Miller gewöhnen konnte. Er schmatzte nicht beim Essen, ihm war egal, welchen Sender Joel im Fernsehen einstellte, er erging sich nicht in bedeutungslosem Small Talk und quatschte beim Fußball nicht dazwischen. Solange keine Pfleger reinkamen, um nach Miller zu sehen, ihn umzudrehen oder zu säubern, war sein Bettnachbar absolut unauffällig. Ein lausiger Gesprächspartner, aber anspruchsloser Mitbewohner. Allerdings hielt das Joel nicht davon ab, der Heimleitung übel nachzutragen, dass sie ihm Miller untergeschoben hatte. Doch zumindest das Zusammenleben mit ihm war unkompliziert.

»Wenn Sie Ihr Frühstück nicht wollen, haben Sie bestimmt nichts dagegen, wenn ich mich bei Ihren Eiern bediene?«

Miller schwieg, natürlich.

»Unterhalten Sie sich wieder mit Mr. Miller, Mr. Monroe?«, fragte Pfleger Liam, als er Joels Frühstück auf einem kleinen Klapptisch hereinbrachte. In den ruhigen Händen des jungen Mannes bewegte sich die Oberfläche des Orangensafts kaum. Jugendliche, makellose Hände, nicht so faltig wie die von Joel.

»Total unhöflich, der Kerl«, brummte Joel. »Hat nicht einen Ton gesagt, seit er hier liegt.«

Pfleger Liam grinste schwach über den Witz. Kannte er schon. So wie er das gesamte Heim kannte. Hier war alles abgedroschen, abgenutzt, brüchig. Man sah allem sein Alter und seine Schwäche an, selbst den Möbeln. Joel versuchte, nicht darüber nachzudenken, doch es kam ihm vor, als wäre er umgeben von Unbrauchbarkeit und Gebrechlichkeit.

»Zeit fürs Frühstück, Joel«, sagte Liam. Als ob das Joel neu wäre.

»Mir ist durchaus bewusst, welche Uhrzeit wir haben, Pfleger Liam«, erwiderte er unwirsch. »Ich wohne hier seit fünf Jahren, und das Frühstück kommt immer um acht Uhr morgens, nicht früher, nicht später. Seit über eintausendachthundert Tagen wird das Frühstück um acht Uhr morgens gebracht.«

»Ist ja gut. Sie brauchen sich nicht gleich aufzuregen. Ich wollte nur etwas Nettes sagen.«

»Also, wenn das für Sie nett ist, mein Junge, dann müssen Sie noch eine Menge lernen.«

Liam seufzte und zwang sich zu einem Lächeln, während er das Tablett auf Joels Schoß legte. Er war an den alten Mann gewöhnt; vielleicht mochte er ihn sogar. Manchmal. Ein bisschen.

Der Pfleger konnte es nicht leiden, wenn er »mein Junge« genannt wurde, was natürlich dazu führte, dass Joel regelmäßig Gelegenheit fand, diese Anrede zu verwenden. Es war nicht so, dass er Liam nicht ausstehen konnte, ganz im Gegenteil; Joel hatte sich in Gegenwart des jungen Mannes immer wohlgefühlt. Es lag nur an der Art und Weise, wie Liam und die anderen Mitarbeiter mit den Bewohnern sprachen, wenn das Essen kam, wenn die Medikamente ausgeteilt wurden oder Schlafenszeit war. Es klang irgendwie falsch, dieses leiernde Gesäusel, das wahrscheinlich aufmunternd und fröhlich gemeint war, aber eher das Gefühl vermittelte, ein Lehrer würde die Hausaufgaben eines Zehnjährigen kontrollieren. Joel öffnete den Mund, um sich erneut aufzuregen, besann sich aber eines Besseren. Pfleger Liam gehörte zu dem zunehmend Wenigen im Pflegeheim, das Joel überhaupt mochte.

Für andere war es manchmal schwierig zu sehen, was Joel mochte, da man es aus seinem Verhalten nicht schließen konnte.

Liam musste Mitte bis Ende dreißig sein, vierzig Jahre jünger als Joel, doch seine Gesichtszüge wirkten irgendwie reifer. Es hatte etwas mit seinen Augen zu tun. In ihnen lag eine gewisse Skepsis, die vermuten ließ, dass er es im Leben schwerer als nötig gehabt hatte. Ansonsten erschien der Pfleger völlig normal. Er sah nicht schlecht aus mit seinem langen, schmalen Gesicht, und er lächelte gerne und oft. Liam war groß, aber kein Riese, und relativ schlank, ohne dürr zu wirken. Eigentlich war an ihm nichts Besonderes, abgesehen eben von seinen blauen Augen mit diesem erfahrenen Blick.

Seine Hände bewegten sich geschickt mit der Ruhe und Selbstsicherheit eines Mannes, der seinen Beruf schon lange ausübte. Gleichzeitig besaßen sie eine gewisse Behutsamkeit, eine Vertrautheit mit zarten, zerbrechlichen Dingen. Joel überlegte, ob er das zerbrechliche Ding war. Wahrscheinlich schon.

Liam merkte offenbar, dass Joel sich auf die Zunge biss und seinen Drang unterband, den Pfleger weiter zu piesacken. Das gezwungene Lächeln des Pflegers entspannte sich zu einem aufrichtigen Grinsen. Er stopfte die Serviette in den Halsausschnitt von Joels Pyjama und sprang zur Seite, bevor der alte Mann sie herausreißen und damit nach Liam schlagen konnte.

»Du unverschämter kleiner …«, donnerte Joel.

»Ich hole Ihnen noch Tee«, sagte Liam schnell und verschwand lachend.

Joel schmollte. Da hatte er sich aus einer gewissen Loyalität heraus entschieden, den Kerl nicht anzupflaumen, und schon ging der kleine Scheißer los und steckte ihm ein Lätzchen in den Ausschnitt, als wäre Joel erst zwei! Schlimmer noch, er hatte Joel beinahe so stark provoziert, dass er ihn mit einem Schimpfwort bedacht hätte. Dabei hasste Joel unflätige Ausdrücke.

»Ist das zu glauben, Miller? Wie arrogant die jungen Leute heutzutage sind? Wie wenig Respekt sie haben?«

Miller atmete. Ein, aus.

»Miller, wenn Sie mit mir einer Meinung sind, dann sagen Sie jetzt nichts.«

Miller sagte nichts.

In der Hinsicht war sein Bettnachbar enorm umgänglich. Er teilte Joels Meinung bei einer Vielzahl von Themen.

»Schön, dass Sie auf meiner Seite sind, alter Junge. Wenn der Pfleger wiederkommt, möchte ich, dass Sie ihm so richtig die kalte Schulter zeigen, wie nur Sie das können. Sagen Sie kein einziges Wort zu ihm!«

»Möchten Sie noch Tee, Mr. Monroe?«, fragte Liam, als er wieder hereinkam.

»Wir sprechen nicht mit Ihnen«, verkündete Joel dem Pfleger sachlich.

***

Nach dem Frühstück wusch sich Joel und zog sich an. In letzter Zeit hatte er sein Äußeres vernachlässigt, wie er mit einer gewissen Verwunderung festgestellt hatte. Sein Leben lang war ihm sein Aussehen wichtig gewesen. Seine Kleidung sah er immer als ein Zeichen seiner gesellschaftlichen Stellung. Er war ein Geschäftsmann. Selbstständig. Er trug seine Kleidung wie eine Uniform, damit andere Menschen seinen Rang und seine Position erkannten. Wenn Joel früher morgens aufstand und sich auf den Arbeitstag vorbereitete, wusch und rasierte er sich und kämmte sich die Haare, bevor er Hemd und Krawatte anzog und sich auf den Weg zur Werkstatt begab. Hemd und Krawatte, obwohl er einen Overall überziehen und sich schmutzig machen würde, um seinen Lebensunterhalt zu verdienen. Auch der Overall war ein Symbol für seine Stellung, für seine Brauchbarkeit. Ein Mann in einem fleckigen Overall konnte nicht faul sein.

Zu Beginn seines Ruhestands behielt Joel die Angewohnheit bei, führte seine Rituale unverändert weiter. Er kleidete sich gut, rasierte sich jeden Tag. Bis Lucey starb. Da war etwas mit ihm geschehen. Mit ihr hatte ihn ein Stück Lebenskraft verlassen, und plötzlich stellte Joel um fünf Uhr nachmittags fest, dass er in Pyjama und Morgenmantel im Aufenthaltsraum saß und die von ihm so verhassten Seifenopern im Fernsehen schaute, weil an dem Tag jemand anders entscheiden durfte, welches Programm lief. Schlimmer als die himmelschreiende Dummheit der Handlung war für Joel nur noch die schiere Masse der Leute, die den Blödsinn kommentarlos schluckten. Im Pflegeheim Hilltop hatte sich gar eine kleine Gruppe suchtkranker Seifenopernfans zusammengefunden.

Noch schrecklicher waren die Tage, an denen er im Bett blieb, überhaupt nicht aufstand, sondern auf dem kleinen Fernseher in seinem Zimmer endlos durch die Programme zappte und mit nichts, was lief, zufrieden war, mit gar nichts. Andererseits war er aber zu missmutig und antriebslos, um die Kiste einfach auszustellen und sich eine andere Beschäftigung zu suchen.

Als er am Vortag zufällig sein Spiegelbild im Hygieneschutz über dem Salatbüfett gesehen hatte, hatte er sich über den Bartschatten auf seinen Wangen und die Flecken auf seinem Pyjama erschrocken. Sein Gesicht hatte unglaublich hager gewirkt, fast schon skelettartig, obwohl er im Ganzen noch gut dabei war. Joel fand sein Spiegelbild entsetzlich. Als Reaktion auf seinen Schock hatte er beschlossen, seinen Niedergang aufzuhalten, deshalb hievte er sich nach dem Frühstück aus dem Bett und begann entschieden, sich zu pflegen.

Er zupfte sich die Nasenhaare. Er rasierte sich die Wangen. Er kämmte sich die Haare mit dem Wachs zurück, das sein Enkel Chris ihm vor fast fünf Monaten zu Weihnachten geschenkt hatte. Als er wieder manierlich aussah, zog er sich an: ein weißes Hemd, eine schlichte braune Krawatte und ein Wollsakko. Dazu eine braune Hose und braune Schuhe. Joel richtete sich auf und betrachtete sich vom Scheitel bis zur Sohle. Nicht schlecht, fand er. Sicherlich nicht umwerfend, aber auch nicht peinlich.

Joel hielt sich immer noch sehr gerade. Seinem Vater, einem zuweilen brutalen Menschen, waren drei Dinge wichtig gewesen: gutes Benehmen, gepflegte Ausdrucksweise und aufrechte Körperhaltung. Jeglichen Beleg dieser drei Dinge belohnte er großzügig. Und bestrafte jede Nachlässigkeit umso heftiger. Dementsprechend maß Joel immer noch fast einen Meter achtzig. Die vielen Jahre körperlicher Arbeit und das Fußballspielen hatten ihn zäh gemacht, sodass er immer noch über relativ viel Kraft verfügte und sich nur der Ansatz eines Bauches unter den Knöpfen des Hemdes wölbte. Er hatte einen vollen Haarschopf. Noch jedenfalls. Sein Vater war bei seinem Tod kahl gewesen. Joel redete sich gerne ein, dass ihm das keine Genugtuung verschaffte, aber das war gelogen. Tatsächlich freute es ihn ein klein wenig.

»Bleiben Sie hier und bewachen Sie das Fort, Miller! Ich bin mal kurz unterwegs.«

Gegen neun Uhr morgens erwachten die Flure in Hilltop allmählich zum Leben, soweit man das von einem Ort sagen konnte, wo der Tod hinter jeder Ecke lauerte. Nachdem die Bewohner gefrühstückt hatten, begannen sie ihren Tag und besuchten einander in ihren Zimmern. Die Pfleger und Schwestern, die ihre Arbeit gerade erst mit der Auslieferung des Frühstücks aufgenommen hatten, waren noch voller Energie und Enthusiasmus. Das änderte sich im Laufe des Tages, unausweichlich. Wenn Rose überzeugt werden musste, dass das Haus auf der anderen Straßenseite nicht ihrem Bruder gehörte, wenn die Verwandten eines Bewohners über die Medikamente stritten, die genommen werden sollten, oder wenn die erste Windel des Tages gewechselt werden musste. Pfleger Liam behielt zwar meistens gute Laune, und Angelica, die kleine Filipina, deren lautes Lachen man von einem Ende des Gebäudes bis zum anderen hören konnte, war ebenfalls schwer kleinzukriegen, aber auch das hatte Joel ein-, zweimal erlebt. Irgendwann machte Hilltop jeden fertig. Das Leben. Das Leben machte irgendwann jeden fertig, oder?

Das traf vor allem auf das Rhinozeros zu. Diese Frau war vom Leben zu einem harten, unnachgiebigen und auch leicht beängstigenden Wesen deformiert worden, obwohl Joel Letzteres niemals zugeben würde.

Florence Ryan, hinter ihrem Rücken »Rhinozeros« oder kurz »Rhino« genannt, war die Direktorin und Inhaberin von Hilltop. Der Spitzname wirkte bei der zierlichen Frau leicht verfehlt; ihre Größe verlangte etwas Niedlicheres. Doch ihr Äußeres täuschte. Die Direktorin hatte den Beinamen wegen ihrer Unnachgiebigkeit und Zielstrebigkeit erhalten, mit denen sie Bewohner wie Mitarbeiter durch die Gänge scheuchte.

Hilltop hatte vormals ihren Eltern gehört; sie war dort aufgewachsen. Hatte ihr Leben lang dort gearbeitet, sich zur Altenpflegerin ausbilden lassen, die Einrichtung geerbt und herrschte nun über das Haus mit einer Autorität, die Pol Pot zur Ehre gereicht hätte. Wie ein Schneesturm tobte sie durch die Gänge und verbreitete eine erbarmungslose Kälte. Immer begleitet von der Drohung, alles zu zerstören, was sich ihr in den Weg stellte. Selbst Liam und Angelica standen stramm, wenn das Rhinozeros unterwegs war. Dann wurden die gutmütigen Mienen der Pfleger strenger, fast ernst, als wäre die Laune des Rhinos ansteckend. Trugen Angehörige von Bewohnern bei den Angestellten wortreich ihre Beschwerden vor, so hielten sie sich spürbar zurück, wenn sie mit dem Rhino sprachen, mäßigten ihren Ton und wurden unterwürfig. Wenn das Rhinozeros mit ihnen fertig war, sie wie Putzlumpen ausgewrungen hatte, polterte es grimmig weiter.

Mit Schaudern erinnerte sich Joel an den Tag, als das Rhino einen Verwandten dabei ertappt hatte, wie er eine Flasche Whiskey für den alten Tim Badger ins Haus schmuggeln wollte. Joel hatte miterlebt, wie das Rhino immer größer wurde, sich regelrecht aufpumpte, während der Sohn vom alten Tim vor der Direktorin zusammenschrumpfte und so klein wurde, dass es aussah, als schlotterten ihm seine Kleider am Leib. Sie hatte die Whiskeyflasche geschwungen wie einen Knüppel. Joel hätte schwören können, dass sie anschließend einen halben Meter größer war, während der Sohn vom alten Tim aussah, als würde er jeden Augenblick losheulen. Er hatte Tränen in den Augen. Joel fröstelte bei der Erinnerung.

Während er die Flure nach einem Hinweis auf die Anwesenheit des Rhinozeros absuchte, bemühte er sich, harmlos zu wirken. Er sah und hörte jedoch nur die Geräusche der Bewohner und Mitarbeiter, die fröhlich ihrem Tagwerk nachgingen.

»Ich glaube, sie ist noch nicht da«, sagte Una in der Tür zu ihrem Zimmer.

»Wie bitte?«, fragte Joel.

»Du hältst doch Ausschau nach Mrs. Ryan, oder? Ich glaube, sie ist noch nicht da.«

Una Clarke lebte noch länger in Hilltop als Joel. Sie war mit Lucey befreundet gewesen, beim Bridge hatten sie eine Mannschaft gebildet. Una war eine gut aussehende Frau, auf die sich noch nicht der Mehltau gelegt hatte, der früher oder später jeden im Heim erwischte. Sie kleidete sich gut. Una war nie wohlhabend gewesen; einige ihrer Sachen stammten von Lucey. Wenn Joel sie in Luceys Sachen sah, biss er die Zähne aufeinander, aber er konnte es ihr ja nicht verbieten.

»Ich habe nicht nach Mrs. Ryan geguckt. Das Kommen und Gehen dieser Frau interessiert mich nicht im Geringsten«, log Joel und versuchte gleichzeitig verstohlen, die Heimleiterin aus den Augenwinkeln zu entdecken.

Una schmunzelte vor sich hin.

»Du siehst sehr gut aus heute, Joel. Du kannst dich durchaus sehen lassen, wenn du dir die Mühe machst, dich vernünftig anzuziehen. Gibt es einen Grund?«

Joel verkniff sich eine scharfe Erwiderung.

Una trug die adrette dunkelblaue Strickjacke mit großen Goldknöpfen, die Lucey immer samstags angezogen hatte, wenn sie gemeinsam zum Wochenmarkt gingen. Samstagmorgens war immer Markt. Beim ersten Mal hatte Lucey Joel mitschleppen müssen, und er hatte gestaunt, wie reizvoll er die lebendige Atmosphäre dort fand. Danach freute er sich auf den Marktbesuch. Eine kleine morgendliche Verabredung mit seiner Frau. Sie in ihrer Strickjacke und er in seiner. Meistens kaufte sie ein seltenes Gemüse oder unbekanntes Obst und brachte es irgendwie im Essen unter – wovon er meistens nicht begeistert war. Aber sich bei Lucey zu beschweren war sinnlos. Er hatte es im Laufe der Jahre so oft getan, dass sie sein Nörgeln einfach an sich abperlen ließ, über sein Gemecker lächelte und doch das kochte, was ihr gefiel. Luceys Lächeln war etwas Wunderbares.

Die Strickjacke stand Una gut. Joel fand es schrecklich, dass sie ihr stand. Am liebsten hätte er ihr gesagt, dass es gut aussah. Gleichzeitig wollte er ihr verbieten, noch länger die Sachen seiner Frau anzuziehen.

»Hatte einfach Lust dazu«, brummte er vor sich hin. Una war nicht der Feind. Wenn Joel es recht überlegte, konnte er nicht genau sagen, wer eigentlich der Feind war.

»Das ist doch schön. Freu mich, dass du motiviert bist.«

Motiviert? So fühlte er sich nicht. Joel fühlte etwas anderes.

Da war etwas Düsteres, bösartig, nicht greifbar. Etwas, was er nicht erklären konnte und was am Rand seiner Wahrnehmung zu lauern schien, reglos. Es war nicht das erste Mal, dass er es spürte, doch diesmal war es unmittelbarer, bedrohlicher. Eine Trostlosigkeit, die sich wie eine Wolke auf ihn legte, dick und schwer, die ihn bedrängte und sein Gehirn vernebelte. Er hoffte, das Gefühl gehe vorüber.

»Tja, na ja … Dachte, ich könnte mich mal rasieren und so«, sagte er und suchte nach einer Möglichkeit, das Gespräch zu beenden.

»Das Sakko kenne ich doch. War das nicht für besondere Anlässe?«, fragte Una.

Sie sprach offenbar von den Gelegenheiten, bei denen Lucey ihm seine Sachen rausgelegt hatte. Joel hatte vergessen, welche seiner Kleidungsstücke für besondere Anlässe vorgesehen waren. Er wollte auch nicht darüber nachdenken, wollte nicht daran erinnert werden, wie Lucey seinen Hemdkragen gerichtet hatte, wie sie die kleinen Knöpfe mit ihren zarten Händen schloss. Sie hatte ihn für Evas Taufe zurechtgemacht. Er hatte sich gegen ihre Fürsorge gewehrt, eigentlich nur der Form halber, denn in Wirklichkeit genoss er es, wenn sie solch Aufhebens um ihn machte, und weil sie umso entschlossener wurde, je mehr er sich wehrte. Eva hatte in ihrem Stubenwagen gelegen und gurgelnde Geräusche von sich gegeben.

Was war das für ein herrlicher Tag gewesen! Sonnenschein. Lucey so schön wie immer. Alle Verwandten und Nachbarn waren zum großen Anlass gekommen. Es schien so lange zurückzuliegen, dass es fast war, als gehörte die Erinnerung einem anderen. Einem glücklicheren Menschen.

»Ist nur’n Sakko«, murmelte Joel vor sich hin und spürte, wie sein Atem schneller wurde.

»Und, was steht heute auf dem Plan?«, fragte Una, der sein missmutiges Gebaren nicht entging.

»Was hier an jedem einzelnen Wochentag auf dem Plan steht, was sonst?«, gab er verbittert zurück. »Fernsehen, bis wir wie träges Vieh wieder zum Essen getrieben werden. Ein Buch lesen oder zuhören, wie Mighty Jim vor sich hin brabbelt.« Joel wusste nicht genau, warum er laut wurde. »Irgendwo eine Ecke finden, um vor sich hin zu dösen und zu hoffen, dass beim Aufwachen genug vom Tag vergangen ist, damit er einen nicht länger anödet?« Am Ende schrie er fast.

Seine Worte überraschten ihn selbst. Sie überraschten Una. Beide standen da und sahen sich eine Weile verlegen an. Joel hatte gehört, wie die Sätze aus seinem Mund kamen, aber er hatte nicht geahnt, dass sich diese Gedanken in ihm versteckten.

»Ähm … tut mir leid. Keine Ahnung, wo das herkam«, machte er einen zaghaften Erklärungsversuch.

»Gibt’s irgendwas, worüber du reden möchtest?«, fragte Una.

»Nein. Nein, ich muss mich entschuldigen. Das ist mir so rausgerutscht.«

Sie sah ihn aufrichtig besorgt an.

»Vielleicht läuft heute ja was Gutes im Fernsehen, hm?«, sagte er in dem Versuch, fröhlicher zu klingen, normal. »Die Sendung, die wir letzte Woche geguckt haben, war doch nicht schlecht, oder?«

Una betrachtete ihn weiter nachdenklich.

»Vielleicht fragen wir besser Pfleger Liam …«, setzte sie an.

»Nein, nichts da!«, unterbrach Joel sie. »Mir geht’s gut. Vielleicht wage ich eine Partie Schach mit Mighty Jim.«

Er war weg, bevor sie etwas erwidern konnte. Seine langen Schritte trugen ihn davon, ehe Una tatsächlich Liam holte. Joel überlegte erneut, warum er diese Sätze wohl gesagt hatte. Vielleicht weil Una Luceys alte Strickjacke trug. Oder weil er diese vage Angst vor dem Rhino hatte. Es konnte auch an seinem Frust liegen, wie ein Kind behandelt zu werden. Doch Joel vermutete, dass dieses trostlose Etwas dahintersteckte, das sich in ihm breitgemacht hatte. Ein Teil von ihm wollte es sich genauer ansehen und es verstehen, gleichzeitig fürchtete er sich davor und wollte es nicht zu genau untersuchen. Er schüttelte es ab und machte sich auf, Mighty Jim zu suchen.

***

Als Joel am Nachmittag im Aufenthaltsraum über dem Schachbrett brütete, versuchte er, das quälende Gefühl zu ignorieren, das ihn seit seinem Wutausbruch am Morgen verfolgte. Doch sobald er seine Gedanken nicht unter Kontrolle hatte, kehrten sie zu der Situation zurück.

»Das ist relativ gesehen. So etwas darf keine Sackgasse werden …«, flüsterte Mighty Jim, während er auf Joels Zug wartete. Joel hatte schon vor langer Zeit aufgegeben, verstehen zu wollen, was der Alte vor sich hin brabbelte. Mighty Jim war schon seit fast zehn Jahren im Heim, sein Gesicht zerfurcht, der Rücken krumm, die Hände von Arthritis verkrüppelt. Jims Verstand hatte den hinfälligen Körper vor vielen Jahren verlassen, der Mann murmelte ständig sinnloses Zeug, ohne dass das breite Grinsen sein faltiges Gesicht verließ.

Joel konnte sich noch daran erinnern, als Mighty Jim der Bürgermeister Jim Lincoln gewesen war. Ein scharfsinniger, cleverer Politiker mit schicken Anzügen, tadellosem Auftreten und einem Handschlag für jeden, den er traf. Der Inbegriff von Kraft, Autorität und Führungsqualität, ein gestandener Mann. Jetzt war er nicht wiederzuerkennen, aber Joel nahm an, das mache Jim nichts aus. In der Erinnerung würde der ehemalige Bürgermeister als einflussreicher Mann weiterleben, nicht als demenzkranker buckliger Alter mit grenzdebilem Dauergrinsen.

Kaum hatte Joel zugelassen, dass seine Gedanken auf Wanderschaft gingen, kehrte die verhängnisvolle Wolke zurück, drängte sich in seinen Kopf und verbreitete Negativität und Verzweiflung. Sie war fast körperlich spürbar. Schon vorher hatte Joel sich isoliert gefühlt – genau genommen fühlte er sich allein, seit Lucey ihn zurückgelassen hatte –, doch diese Wolke war neu. Neu und beängstigend.

Teilweise hatte sie mit Unas besorgtem Blick zu tun, vermutete er. Seit Luceys Ableben war Una immer nett zu ihm gewesen. Hatte nach ihm geschaut, hatte versucht, ihn in ihren Gartenclub zu holen, hatte ihn nach seiner Meinung zu Seifenopern gefragt und war mit Kreuzworträtseln zu ihm gekommen, um ihn um Hilfe zu bitten. Joel war mit fünfzehn von der Schule abgegangen, um eine Lehre als Automechaniker anzutreten – Schulwissen war nicht gerade seine Stärke. Zwar las er viel, allerdings nichts Anspruchsvolles. Das war Luceys Fachgebiet gewesen. Er konnte Una nicht bei ihren Kreuzworträtseln helfen, war ihr aber doch für einen Moment dankbar, dass sie ihn angesprochen hatte, trotz seiner offensichtlichen Defizite auf diesem Gebiet. Es gefiel ihm nicht, dass sie sich Sorgen um ihn machte, wo sie die ganze Zeit so freundlich gewesen war. Aber das war nicht alles. Es steckte mehr hinter seiner diffusen Wut, als er selbst erklären konnte. In erster Linie war es das furchtbare Gefühl der Verzweiflung, das sich an ihn geheftet zu haben schien und das er offenbar nicht mehr loswurde. Es wäre vielleicht hilfreich gewesen, den Blick nach innen zu richten und es sich ein bisschen näher anzusehen, aber so was kam für Joel nicht infrage, deshalb entschied er sich, es weiter zu ignorieren.

Vorsichtig setzte er seinen Springer um. In Hunderten von Schachpartien gegen Mighty Jim war es Joel nicht einmal gelungen zu gewinnen. Welch furchtbare Krankheit sich auch des Gehirns seines Gegenspielers ermächtigt haben mochte, sie hatte es nicht geschafft, den Teil zu zerstören, der wusste, wie man Schach spielte. Partien mit Mighty Jim besaßen den vorhersagbaren Charme, nach immer demselben Muster abzulaufen: Jim griff an, fegte die Hälfte von Joels Figuren vom Brett und steuerte dann auf ein Patt zu, an dem nichts mehr zu ändern war. Jedes Mal sagte sich Joel, dass er keine Lust auf diesen Unsinn habe, und nahm sich vor, den alten Mann seinen Mätzchen zu überlassen, doch ein paar Tage später saß er wieder an dem Tisch, entschlossen, nur ein Mal zu gewinnen. Ein einziges Mal.

»Wir müssen einfach mehr Verständnis füreinander aufbringen«, sagte Jim und brachte seinen Läufer in Angriffsstellung.

»Auf jeden Fall«, erwiderte Joel und versuchte, einen Weg zu finden, dem unvermeidlichen Schlachtfest zu entkommen.

Hinter ihnen brach eine kleine Schar Frauen in Lachen aus, Una mittendrin. Joel musste die Zähne zusammenbeißen.

»Was ist denn da so witzig?«, fragte er Mighty Jim gereizt. Joel war schnell gereizt.

»Die romantische Lüge im Kopf«, entgegnete Jim weise.

Joel nickte. Er fragte sich, was Jim noch verstand und was er von Joel zu verstehen erwartete.

»Stört dich das Lachen nicht?«, fragte er den Alten.

»Neunzig Prozent der Menschen, die einer Religion angehören, irren sich«, erwiderte Jim und grinste breit. Fröhlich lachte er vor sich hin und richtete seinen Blick wieder aufs Schachbrett.

Auch bei Mighty Jims Fröhlichkeit musste Joel die Zähne zusammenbeißen. Über was genau freute sich der arme Teufel eigentlich? Eine Weile betrachtete Joel das zerfurchte Gesicht ihm gegenüber. Mighty Jim wirkte glücklich. Richtig glücklich. Sein manchmal schiefes Grinsen war ehrlich; er sah oder interessierte sich nicht für die Bedingungen, unter denen er lebte. Sein langsamer Verfall oder der der Bewohner um ihn herum kümmerten ihn nicht. Die mittelmäßigen Desserts und die Pillen, die ihm unablässig in den Mund geschoben wurden, waren ihm egal. Er war senil und freute sich auch noch darüber. Die geistig Armen sind wirklich selig, dachte Joel.

Auf der anderen Seite des Raums hatten sich wieder mehrere Bewohner zusammengefunden, um Seifenopern zu gucken. Verzückt saßen sie vor dem Fernseher. Joel schüttelte den Kopf und überlegte, was er als Nächstes tun sollte. Es musste doch eine Möglichkeit geben, Mighty Jim zu schlagen.

Später am Nachmittag saß er an einem Fenster im Aufenthaltsraum, von dem aus man den Hügel hinabschaute. Auf seine Weise war der Ausblick wunderschön: hohe Bäume, die den parkähnlichen Garten umschlossen und majestätisch gewesen wären, wenn sie nicht wie eine zu hohe Mauer gewirkt hätten. Joel blätterte in dem Krimi, den er gerade las, und war froh, wenigstens auf diese Weise von Hilltop fortgebracht zu werden. Das Lesen war eine willkommene Ablenkung von dem bohrenden Gefühl, dass etwas ganz und gar nicht stimmte. Dieses Gefühl schien sein Gehirn mehr und mehr zu vereinnahmen, sein Bewusstsein zu kapern. Joel las noch intensiver. Je schneller er die Wörter verschlag, desto weniger ließ er sich von äußeren Einflüssen ablenken — so dachte er in einem Winkel seines Gehirns.

Er las, bis ihm langweilig wurde. Dann machte er einen Spaziergang, die lange Zufahrt zum Tor von Hilltop hinunter und den Pfad entlang, der hinter den hohen Bäumen herführte, die den weitläufigen Rasen umgaben. Er lief, bis ihm langweilig wurde.

Zur festgesetzten Uhrzeit, immer dieselbe, nahm Joel das Abendessen in seinem Zimmer ein, um ungestört Fußball zu gucken. Das Essen war gut; er hätte sich gerne darüber beschwert. Joel fand, dass das Rhino sein Geld mit der Köchin gut angelegt hatte. Offensichtlich liebte die Frau ihre Arbeit; sie war schon seit Jahren im Heim tätig, auch wenn Joel vermutete, dass eine Köchin ihres Kalibers eine andere Stelle hätte finden können. Es gab bestimmt verlockendere Arbeitsplätze als Hilltop. Beim Essen meckerte er den Fernseher an.

»Ich weiß nicht, ob’s am Trainer oder an den beschissenen Spielern liegt, aber unsere Mannschaft ist wirklich eine Gurkentruppe, Miller, oder?«

Miller schwieg. Beim Abendessen sagte er nie etwas.

»Wenn Sie weiter mit Mr. Miller reden, machen wir uns irgendwann ernsthaft Sorgen um Ihre geistige Gesundheit, Joel!«

Liam war mit den Medikamenten hereingekommen. Schon wieder. Er würde so lange bleiben, bis Joel sie eingenommen hatte. Schon wieder. Das trieb Joel plötzlich zur Weißglut.

»Legen Sie den Kram einfach auf den Tisch, Liam«, sagte er brüsk.

»So funktioniert das nicht, und das wissen Sie, Mr. Monroe.«

Mr. Monroe. Das war sein Name, wenn man ihm sagte, was er zu tun und zu lassen hatte. Wenn Pfleger Liam einen auf Kumpel machte, dann ging es »Joel hier« und »Joel da«, doch sobald er Befehle ausgeben oder Forderungen stellen konnte, war Joel plötzlich Mr. Monroe. Er hasste diese Verlogenheit.

»Auf den Tisch, bitte!«, sagte er mit bestimmtem Ton.

»Gerne doch«, entgegnete Liam. Offenbar hatte er seine Taktik geändert. Er legte die Medikamente auf den Nachtschrank, verschränkte die Arme und blieb stehen.

»Kann ich Ihnen irgendwie helfen?«, fragte Joel.

»Nö. Muss nirgendwohin, hab nichts vor.«

»Ihre Schicht ist in einer Stunde um. So lange kann ich locker warten.«

»Ich habe kein Problem, Ihretwegen Überstunden zu machen, Mr. Monroe. Ich gehe nirgendshin, solange Sie nicht Ihre Medikamente genommen haben.«

Dass Joel die Pillen nehmen musste, stand außer Frage. Dass er einen Schlaganfall gehabt hatte – zwar nur einen kleinen, aber trotzdem einen Schlaganfall – und dass ihn wahrscheinlich nur die Einnahme der Medikamente vor einer weitaus ernsteren Erkrankung bewahrte, war jedoch absolut nebensächlich, denn Joel Monroe konnte es auf den Tod nicht ausstehen, wenn ihm Befehle erteilt wurden. Ob sie ihm nun das Leben retteten oder nicht.

Sie starrten einander an. Der Pfleger mit seinen ruhigen Händen und den skeptischen blauen Augen war unerbittlich. Eine sinnlose Auseinandersetzung. Joel würde verlieren. Das wusste er. Es hatte einfach keinen Wert, sich in einem Streit zu verzetteln, doch eine giftige Energie hatte von ihm Besitz ergriffen und machte ihn zänkisch.

Irgendwann gab er sich geschlagen, unterbrach jedoch nicht den Blickkontakt, auch dann nicht, als er nach den Tabletten und dem Wasserglas griff. Ohne zu blinzeln, spülte er sie hinunter und verzog dabei das Gesicht über das befriedigte schwache Nicken von Pfleger Liam. Angewidert drehte sich Joel zum Fernseher um.

»Ist irgendwas, Joel?«, fragte Liam.

Jetzt also wieder Joel. Wenn er wie ein braver kleiner Junge tat, was man ihm sagte, dann war er Joel.

»Weiß nicht, was Sie meinen«, entgegnete er, doch tief in seinem Innern wusste er es. Verzweifelt hatte er den ganzen Tag lang selbst vermieden, sich diese Frage zu stellen.

»Sie sind irgendwie anders. Ich meine, klar motzen Sie herum und so, das kennt man ja von Ihnen, aber es kommt mir vor, als wäre da noch mehr.«

»Es ist nichts, was sich nicht mit ein bisschen Ruhe und Frieden in Ordnung bringen ließe, mein Junge«, schoss Joel zurück.

»Wirklich nicht? Ich meine nur, weil Una sagte …«

Bevor der Pfleger weiterreden konnte, explodierte Joel zum zweiten Mal an diesem Tag. »Vielleicht sollten Sie und Una sich mal um Ihre eigenen Sachen kümmern!«, rief er. »Vielleicht ist mein Problem, dass es euch allen noch nicht reicht, mir vorzuschreiben, wie ich zu leben habe. Iss dies, iss das, nimm dies, trink das … Und jeder scheint zu glauben, er hätte ein Recht zu wissen, was in meinem Kopf vorgeht. Vielleicht ist mein Problem, dass Privatsphäre hier ein absolutes Fremdwort ist und dass ich keinen einzigen Gedanken haben kann, ohne dass alle auf mir rumhacken!«

Im ersten Moment wirkte Liam geschockt, aber er war ein Profi, arbeitete schon lange in Hilltop. Er hatte schon Schlimmeres gesehen, Heftigeres erlebt. Schnell hatte er den Schreck verdaut. An seinem freundlichen Gesicht schien der Schock abzuprallen.

»Ich denke, wir wissen beide, dass es sehr viele Anzeichen dafür gibt, dass irgendwas mit Ihnen nicht stimmt, Joel«, sagte Liam sanft und eindringlich. »Wenn Sie darüber sprechen möchten – ich bin morgen früh wieder da. Möchten Sie denn jetzt eine Tasse Tee?«

Der Kerl war dermaßen geschmeidig. Konnte sich gut auf andere einstellen. Falls er sich durch Joels Wutausbruch beleidigt fühlte, ließ er es sich nicht anmerken. Das reichte schon, um Joel wieder auf die Palme zu bringen. War er für Liam so unwichtig, dass der Pfleger sich nicht mal die Mühe machte, beleidigt zu sein, wenn er beschimpft wurde?

»Ich will den beschissenen Tee nicht«, log Joel.

Liam nickte und ging. Joel versuchte, weiter fernzusehen. Das Fußballspiel war noch nicht vorbei, die Spieler liefen hin und her, aber Joel bekam nichts davon mit. Er versuchte, die Frage zu beantworten, die Liam ihm gestellt hatte: Was war mit ihm los?

***

Am späten Abend, als das Spiel zu Ende war, döste Joel ein, ohne eine Antwort gefunden zu haben. Mehrere Stunden später weckten ihn die leisen Schritte von Schwester Angelica, die hereinkam, um seinen Fernseher auszustellen und nach ihm und Miller zu schauen. Er erkannte sie am Geruch ihres Parfüms und an ihrem leisen Summen, ihrem Markenzeichen. Joel behielt die Augen zu und tat, als schliefe er. Er war immer noch unruhig, weil sein Temperament mit ihm zwei Mal an diesem Tag durchgegangen war und er nicht herausbekam, wodurch diese Wutausbrüche ausgelöst worden waren. Er wollte sich nicht mit der Schwester unterhalten, wie er es sonst manchmal spätnachts tat, wenn er nicht schlafen konnte. Sie war ein gutmütiger Mensch, und Joel hatte Angst, dass sie ungewollt seine spitze Zunge zu spüren bekäme.

Angelica schaltete den Fernseher aus und raschelte im Zimmer herum. Dann hielt sie inne. Joel hörte, dass ihr Atem schneller ging.

Etwas stimmte nicht. Joel öffnete die Augen und sah, dass sie sich über Miller beugte und seinen Puls prüfte. Irgendwas lief gehörig schief. Angelica drückte auf den Alarmknopf an Millers Bett und rannte aus dem Zimmer. Joel wartete auf das verräterische Heben und Senken der Brust seines Bettnachbarn. Nichts. Er spürte, wie ihn Panik überfiel, ihn lähmte. Lautlos flehte er die Brust an, sie möge sich bewegen, Millers uralter Körper möge zucken, krampfen oder irgendwas anderes tun, nur nicht so furchtbar reglos daliegen.

Die Situation erinnerte ihn an die grässliche Reglosigkeit von Luceys Körper, der im selben Bett gelegen hatte. An ihre erschlafften Gesichtszüge. Ohne Leben darin sahen sie angsteinflößend aus. Auch damals war Joel wie gelähmt gewesen.

Angelica kam mit einer anderen Krankenschwester ins Zimmer gestürzt. Die beiden verloren keine Zeit, legten sofort los. Joel sah zu, wie sie die Decke zurückschlugen, unter der der zerbrechliche Körper des alten Miller versteckt war, vom jahrelangen Koma verkümmert. Er sah zu, wie sie den Baumwollpyjama aufrissen und mit der Wiederbelebung begannen. Ihre Hände gingen mit dem spindeldürren Leib grob zu Werke, zerrten an den Laken und am Stoff, drückten fest auf seine Brust. Miller sah aus wie ein dünner Zweig, die Hände der Frauen dagegen wie große Hammer. Joel hatte Angst, sie würden den armen Kerl zerquetschen, so hilflos war Miller ihrer erbarmungslosen Behandlung ausgesetzt.

Das Beängstigende an Luceys Leiche war ihre Zerbrechlichkeit gewesen. Seine Frau war ein dynamischer Mensch, warmherzig, offen, herzlich. Ihr totenstiller Leib dagegen so zart, als könne er zerspringen oder zerbrechen, wenn man ihn berührte.

Angelicas große Hände pressten die Rippen rhythmisch und unerbittlich nach unten. Sie hielt inne, um Millers Luftwege zu prüfen. In Joel glomm ein Hoffnungsfunke auf, der ebenso schnell erlosch, wie er entstanden war, als sie erneut Millers Rippen bearbeitete.

Joel begann leise zu weinen, während man versuchte, seinen Zimmernachbarn wiederzubeleben. Er weinte um Miller, aber auch um sich selbst. Das alles durchdringende Gefühl, das ihm die ganze Zeit zugesetzt hatte, trat nun an die Oberfläche.

Sie arbeiteten jetzt fieberhaft, versuchten verzweifelt, das Leben in die schmale Brust zurückzudrücken, deren Bewegung für Joel das einzige Zeichen gewesen war, dass sein Zimmergenosse lebte. Ihr regelmäßiges Heben und Senken, so schwach es auch war, stellte Joels Verbindung zu einem anderen Menschen dar, und jetzt fuhrwerkten sie mit dem zarten Körper so heftig herum, dass er unter ihrer groben Fürsorge im Bett hüpfte.

Niemand hatte versucht, Lucey wiederzubeleben. Als sie starb, war sie tot gewesen, und damit hatte es sich. Tot, zerbrechlich, kalt und reglos.

Joel wusste nicht, ob er sich wünschte, dass sie Erfolg bei Mr. Miller hatten. Vielleicht war es besser so für den Alten. In was für ein Leben würden sie ihn zurückholen? Wenn Joel etwas zu sagen hätte, wäre er dann für oder gegen das Weiterleben? Er weinte noch mehr, weil er nicht wusste, wie er die Frage beantworten sollte.

Dieses Bett würde sich ein weiteres Leben holen. Es würde sich Miller nehmen, so wie es sich Lucey genommen hatte. Leise. Ohne Vorwarnung. Heimtückisch.

Plötzlich war es vorbei. Die Frauen hörten auf. Mr. Miller war jetzt eine Leiche. Der letzte Lebensfunke, der in ihm geglüht haben mochte, war fort, und auch wenn Joel wusste, dass die Schwestern mit ihren Maßnahmen Miller retten wollten, wurde er das Gefühl nicht los, dass sie regelrecht das Leben aus dem Alten herausgeprügelt hatten.

Während er möglichst leise weinte, trösteten sich die beiden Frauen mit Umarmungen und Schulterklopfen. Sie hatten es versucht, hatten alles gegeben, das wusste er, dennoch verspürte er eine irrationale Wut auf sie, weil sie aufgehört hatten. Seine Gefühle waren ein wirres Durcheinander.

Ohne zu wissen, warum, streckte er die Hand zum anderen Bett aus. Die Schwestern sahen es nicht. Miller sah es nicht. Stattdessen zog Angelica den Toten vorsichtig und respektvoll wieder an und breitete das Laken über ihn. Die andere Schwester machte sich daran, die entsprechenden Telefonate und Formalitäten zu erledigen, doch Angelica blieb da und murmelte ihre Gebete über dem Verstorbenen. Als sie fertig war und sich zum Gehen wandte, fiel ihr Blick auf Joels Augen, aus denen noch immer Tränen liefen. Sie öffnete den Mund, um etwas zu sagen, doch was auch immer es war, erstarb auf ihrer Zunge, als Joel sich umdrehte, um für sich allein zu weinen.

2.

Am nächsten Morgen kam Pfleger Liam zur gewohnten Uhrzeit ins Zimmer und brachte Joel das Frühstück. Er witzelte nicht herum und spielte auch nicht mit der Serviette. Er machte kein Thema aus den Tabletten. Er warf Joel einen langen Blick zu, sah dessen rot geränderte Augen vom Weinen und vom Schlafmangel, klopfte ihm lediglich auf die Schulter und ging.

Joel war ihm dankbar. Eine kurze Berührung war genug, ein stilles Nicken als Anerkennung seines Wunsches nach Privatsphäre, seines Wunsches, allein das Ableben eines Freundes zu betrauern, mit dem er nie ein Wort gesprochen hatte. Der umgänglichste Freund, den er je gehabt hatte.

Joel rührte sein Essen nicht an, sondern starrte auf das leere Bett gegenüber. Früh am Morgen waren sie gekommen, um Miller abzuholen, ihn mit fast schon alarmierender Geschäftigkeit zu beseitigen. Nun war dort, wo sein stummer Freund gelegen hatte, stumme Leere. Auch Lucey hatten sie so geholt. Eben noch da, dann weg. Joel erinnerte sich an die Situation vor drei Jahren, als er im selben Bett gelegen hatte wie jetzt und auf dieselbe Leere starrte, wo vorher seine Frau gewesen war.

Sie war in jener Nacht lange wach gewesen, hatte geklagt, nicht schlafen zu können, und als die Nachtschwester gekommen war, um nach Lucey zu sehen, hatten sie miteinander geflüstert, um Joel nicht zu stören. Er hatte ihr leises Plaudern im Unterbewusstsein wahrgenommen, ein Geräusch, das ihn nicht über die Schwelle zum Schlaf gleiten ließ. Lucey hatte die Nachtschwester um eine Tasse Tee gebeten. Die Frau war gegangen, um den Tee zuzubereiten, hatte den Raum für keine drei Minuten verlassen, und als sie wiederkam, war Lucey Monroe still und leise entschlafen und hatte nur die sterbliche Hülle zurückgelassen, in der sie sich einst bewegt hatte. Ein Jahr vor ihrem fünfzigsten Hochzeitstag, und plötzlich war sie nicht mehr da. Joel blieb allein zurück, um sich ohne den Kapitän seines Schiffes den Weg durchs Leben zu bahnen.

Lucey war der Dreh- und Angelpunkt der Familie gewesen. Joel hatte keine besonders enge Beziehung zu ihrer gemeinsamen Tochter, dementsprechend auch nicht zu den Enkeln, aber er hatte sich über ihre Besuche gefreut und war gerne gelegentlich mit ihnen essen gegangen. Ohne Lucey waren jedoch alle Schwächen des distanzierten Vaters an die Oberfläche getreten, und so hatte Joel nicht nur seine Frau verloren, sondern im Grunde genommen auch seine Tochter und die zwei Enkelkinder.

Früher war seine Beziehung zu Eva durchaus innig gewesen. Als sie klein war und Joel seine eigene Werkstatt gehabt hatte, gab es Zeiten, da hatte er dort mit ihr gespielt. Sie hatte den ganzen Tag mit ihrem ernsten Stimmchen geplappert, und er war so beeindruckt von ihrer Klugheit gewesen. Er konnte sich ohne Weiteres an solche Momente erinnern, an etliche solcher Momente, aber aus irgendeinem Grund nicht daran, wie Eva ihm entglitten war.

Bis man entschied, dass Miller zu Joel gelegt würde, hatte man große Rücksicht auf Joels Gefühle genommen. Ein Jahr lang hatte man ihn trauern lassen, ehe jemand Neues auf sein Zimmer gekommen war. Auf gewisse Weise war Miller ein Übergangsfreund für Joel geworden. Und jetzt war er fort. Das Bett, in dem erst seine Frau und dann Miller gelegen hatte, war wieder leer, und Joel war noch da. Er lebte weiter, während sich alle anderen verabschiedeten. Er fühlte sich genauso leer wie dieses Bett.

Hilltop hatte über fünfzig Bewohner. Einige, wie Mighty Jim, waren nicht mehr zugänglich, aber die meisten waren wie Una Clarke absolut gesund und geistig völlig auf der Höhe. Es gab fünfzehn Angestellte im Pflegedienst, die in Schichten arbeiteten. Liebe, nette, einfühlsame, rücksichtsvolle Menschen. Alles in allem mehr als fünfundsechzig Personen, dazu die Besucher, und trotzdem, wurde Joel klar, war er unbeschreiblich, lähmend einsam.

Das war die Antwort auf die Frage, die er sich am Vortag gestellt hatte. Das war die näher rückende dunkle Wolke am Horizont seines Gemüts. Sie hatte ihn erreicht, sich über ihn gelegt und ihn eingehüllt: Er war ein einsamer, verängstigter alter Mann. Schlimmer noch: Er war ein einsamer alter Mann, der seinen Lebenswillen verloren hatte.

Joel Monroe setzte sich auf, und während der Tee auf dem Nachtschrank neben ihm kalt wurde, starrte er zu dem leeren Bett hinüber und beschloss, sich umzubringen.

Er würde sich umbringen, bevor ihn etwas umbrachte.

3.

Joel war überzeugt, es schaffen zu können. Er malte sich aus, was er tun würde. Wenn er es bildlich vor sich sah, trennte er seine Gedanken von den Gefühlen ab und spielte das Ganze nüchtern durch. Erhängen kam für ihn nicht infrage. Joel hatte gehört, dass Erhängte oft ihre Gedärme entleerten, und die Vorstellung, dass die Schwestern ihn beschmutzt vorfänden, war ihm mehr als zuwider. Eine Überdosis war auch keine Option, da die Verteilung der Medikamente streng überwacht wurde und er sie unter Aufsicht einnehmen musste. Wenn Joel es jedoch schaffte, Hilltop zu verlassen, könnte er in den Besitz einer Waffe gelangen. Da war er zuversichtlich. In seiner Werkstatt hatte mal jemand gearbeitet, der ihm noch einen Gefallen schuldete, und derjenige wäre womöglich in der Lage, ihm eine Waffe zu besorgen. Das gefiel Joel schon besser. Er fand die Vorstellung, wie er mit einer Waffe hantierte, durchaus ansprechend. Es wirkte mächtig. Er wäre wie Charlton Heston, nur ohne den amerikanischen Akzent.

Ertrinken war auch verlockend; ins Wasser zu sinken, es überall um sich herum zu spüren, vom Fluss umschlossen und davongetragen zu werden. Joel hatte gehört, dass Ertrinken nicht wehtat. Diese Option gefiel ihm eigentlich am besten. Einfach einen Schritt von der Brücke tun.

Wenn er fort wäre, könnte er sehen, was auf der anderen Seite war.

Joel malte sich seinen Selbstmord so detailliert aus, dass er real für ihn wurde, greifbar. Er konnte es schaffen. Wenn er das Heim auf diese Weise verlassen konnte, dann konnte er die Kraft dafür aufbringen. Der Gedanke war fast erregend. Auf beklemmende Weise verlockend. Wenn er wollte, könnte er es noch an diesem Nachmittag tun. Sein Vater hatte ihm immer eingebläut, wo ein Wille sei, sei auch ein Weg. Sein brutaler, harter, bösartiger Vater, der offensichtlich nicht dumm gewesen war. Schon an diesem Nachmittag könnte Joel sein Leben und dieses armselige Altenheim hinter sich lassen und müsste nie mehr das Bett sehen, das ihm so viel genommen hatte. Vielleicht würde Lucey auf ihn warten.

Lucey.

Der Gedanke an sie beruhigte ihn. Wenn sie tatsächlich dort war, würde sie ihm für seinen Selbstmord gehörig die Leviten lesen. Bei der Vorstellung, dass sein Geist eine Strafpredigt für sein schlechtes Benehmen bekam, verzog Joel das Gesicht. Er konnte seine Frau vor sich sehen, eine ätherisch im Jenseits schwebende Gestalt, die Arme verärgert vor der Brust verschränkt.

»Was soll das denn bitte?«, würde sie fragen, wie sie das früher oft getan hatte, wenn er seinen Pflichten nicht nachgekommen war oder so lange mit der Tochter herumgealbert hatte, dass sie etwas Neues anziehen musste.

Dann würde sich sein Geist anstrengen, nicht allzu schuldbewusst dreinzuschauen, und würde mit den durchsichtigen Schuhen auf dem Boden des Totenreichs scharren. Joel lächelte traurig beim Gedanken an Lucey und ihre geisterhafte Ermahnung. Er würde so lange warten, bis er sich für eine Methode entschieden hatte. Sein Selbstmord konnte warten, wenigstens noch ein bisschen.

Während ihres gemeinsamen Lebens hatte Lucey ihm nicht viele Strafpredigten gehalten. Wenn er unfreundlich zu den jungen Männern gewesen war, die Eva abholen wollten, oder wenn er an einem Sonntag den ganzen Tag Fußball geguckt hatte, statt mit den Enkeln zu spielen, hatte es ein paar strenge Worte gegeben, aber meistens waren die beiden sehr liebevoll und zärtlich miteinander umgegangen. Das lag auch daran, dass Joel die Vorstellung, seine Frau zu enttäuschen oder im Stich zu lassen, ein Gräuel war.

So verbrachte Joel den Tag damit, so wenig wie möglich zu fühlen. Diese Übung fiel ihm überraschend leicht. Er spürte eine Leere im Kopf, ein Fehlen von was auch immer, eine offene, aber nicht schmerzende Wunde. Je länger er darüber nachdachte, desto mehr hatte er das Gefühl, als würde er in dieses Nichts fallen und nicht mehr hinausgelangen.

Er überlegte, ob das auch Mighty Jim so ergangen war. War er einfach in ein Loch in seinem Kopf gestolpert und nicht mehr herausgekommen? Ein unglaublich beängstigender Gedanke. Eigentlich noch schlimmer als der Tod. Diese Demütigung! Diese furchtbare Angst, dass ein kleiner Teil des Bewusstseins vielleicht noch lebte, aber nie wieder nach draußen fand. Gefangen im eigenen Körper. Einsamer als je zuvor.

Joel trat von der Schwelle zum Nichts zurück und schaute stattdessen schweigend fern – eine Spieleshow. Er kannte die Folge schon, aber das war ihm egal. Er saß da und ignorierte das leere Bett und seine Gefühle, bis es wieder Zeit war zu schlafen.

»Sie werden mir fehlen, Miller«, flüsterte Joel in die Schwärze des Raumes, als er schließlich das Licht löschte.

Er schlief nicht gut. Nur in Abschnitten und Intervallen, unterbrochen von langen Wachphasen, in denen seine Gedanken zur vergangenen Nacht zurückkehrten. Wie die dicken, fleischigen Hände der Schwestern auf dem reglosen, klapprigen Körper von Mr. Miller herumgedrückt hatten. Wie das Bett nachgab, wenn die Leiche unter der Anstrengung der Frauen auf und nieder hüpfte. Um halb fünf Uhr morgens stellte sich Joel die müßige Frage, ob sie dem alten Miller bei ihren Rettungsversuchen die Rippen gebrochen hatten. Als es dämmerte, war seine Stimmung wieder so schwarz, dass er erneut fantasierte, wie er sich am besten umbringen konnte.

Welch Erleichterung, Bequemlichkeit, Endgültigkeit! Joel überlegte, ob er die Kraft hätte, sein Vorhaben durchzuziehen, wenn es so weit war. Er dachte an Mighty Jim und dessen furchtbaren Abstieg in die Senilität. Ja, er war sicher, dass er den Mut aufbringen würde.

»Alles in Ordnung, Joel?«, fragte Pfleger Liam, als er Joel seine Medikamente am Morgen in einem kleinen Becher reichte.

»Alles gut.«

»Sie sehen nicht so aus.«

»Plötzlich Psychologe geworden, oder was?«, fuhr Joel ihn an.

»Es muss doch schwer für Sie sein, besonders wenn man bedenkt, dass …«

»Haben Sie nichts Besseres zu tun?«, unterbrach Joel ihn. Dass der Pfleger seinem Geheimnis auf die Spur kam, war das Letzte, was er brauchte. Jetzt, da er den Entschluss gefasst hatte zu sterben, musste er dieses Geheimnis unbedingt hüten. Wenn es jemand erführe, würden die Mitarbeiter versuchen, ihn davon abzuhalten.

»Nein, im Moment nicht. Sie haben gerade Priorität, Joel. Ich möchte Ihnen nur sagen, dass wir für Sie da sind. Ich bin mir sicher, dass Ihnen die Geschichte nahegeht. Es gehört auch zu meiner Arbeit, auf die mentale Gesundheit der Bewohner zu achten. Das wissen Sie doch, oder?«

»Warum sollte mir das irgendwie nahegehen?«, überging Joel die Frage. Dieser Pfleger mit seinen gefühlsduseligen Fragen und seinem mitleidigen Getue …

»Weil Mr. Miller …«

»Schon scheintot war, als er hierherkam«, blaffte Joel. »Ein bisschen stiller zwar als die lebenden Toten, die hier aufbewahrt werden, aber schon so gut wie hinüber. Miserabler Gesprächspartner, keine Ahnung von Fußball und eine Null im Schach.«

Er bereute es, kaum dass er es ausgesprochen hatte. In Wirklichkeit war Miller ein absolut angenehmer Zeitgenosse gewesen. Joel nahm an, dass er irgendwann mal ein netter Kerl gewesen war. Vielleicht sogar ein annehmbarer Schachspieler. Doch Joel würde sich nicht von diesem Pfleger und seinem aufdringlichen Mitgefühl so weit provozieren lassen, dass er seine Gefühle herausließ.

»Das ist unter Ihrer Würde«, sagte Liam mit einem Gesichtsausdruck, der fast ein bisschen wütend wirkte.

Joel hatte den jungen Mann noch nie zornig erlebt. Ein-, zweimal vielleicht ungeduldig, gelegentlich leicht genervt von Mighty Jims weitschweifigem Beharren, öfter mal gestresst durch die stürmischen Auftritte des Rhinos, aber niemals wütend.

Joel wandte das Gesicht ab und bemühte sich, sich nicht zu schämen. Er starrte aus dem Fenster die lange Auffahrt hinunter zum Tor. Eine leichte Brise bewegte die Wipfel der Bäume im Park, schwenkte sie leicht hin und her. Liam wartete, verlor irgendwann die Geduld und ging. Wieder allein, beschloss Joel, den Fernseher einzuschalten. Lustlos zappte er durch die Programme, bis er einen Sportsender fand, der Wiederholungen klassischer Boxkämpfe zeigte. Doch er hatte so düstere Laune, ein so schweres Herz und wenig Geduld, dass er nichts fand, was ihn längere Zeit fesselte, und so entschied er sich, wieder einzuschlafen. Auf der Seite liegend betrachtete er das Bett in der anderen Ecke des Zimmers.

Als er irgendwann wieder erwachte, seiner Meinung nach am späten Nachmittag, gab es zwei deutliche Veränderungen: Zum einen hatte jemand im Fernsehen eine alberne Seifenoper eingeschaltet. Zum anderen stand am Kopfende des anderen Betts ein großer Garderobenständer, an dem ausschließlich Schals hingen, mindestens fünfzehn Exemplare. Ein dunkelblauer aus Seide mit himmelblauen Spiralen, ein bronzefarbener aus Leinen mit Blumenmuster, ein scharlachroter aus Wolle, ein schwarz-weißer mit Punktmuster. Der Ständer verschwand unter einem Durcheinander sich beißender Farben, die sich fast bis auf den Boden ergossen. Von ihrem Besitzer war nichts zu sehen. Eine Weile beäugte Joel die Schals argwöhnisch, bis die Geräuschkulisse der Seifenoper – nach der Qualität der Bilder zu urteilen eine alte Folge – seine Gedanken unterbrach. Er tastete nach der Fernbedienung, um umzuschalten, und musste feststellen, dass sie nicht auf seinem Nachtschrank lag, wo sie die letzten drei Jahre ihren Platz gehabt hatte. Murrend hievte sich Joel aus dem Bett und fand sie genau dort, wo er befürchtete: auf dem anderen Bett. Die Laken waren ein wenig zerwühlt, als hätte jemand darauf gelegen; wahrscheinlich der Besitzer der Schals, vermutete Joel.

Er sah auf die Wanduhr und stellte fest, dass es nach drei Uhr war. Er hatte fast sieben Stunden geschlafen, offenbar den Schlaf der letzten Nacht nachgeholt, und in der Zwischenzeit hatte sich ein Eindringling ins Zimmer geschlichen. Als Joel wieder ins Bett stieg und auf dem Weg dahin den Sender umstellte, ertönte im Nebenzimmer schallendes Gelächter, gefolgt von einem Stimmengewirr. Joel hörte die gutmütige Stimme von Pfleger Liam und Unas vornehmes Kichern heraus, die anderen Stimmen erkannte er nicht, lauter als alle jedoch war das tiefe, dröhnende Lachen eines einzelnen Mannes. Es war ein volltönender Bariton, ein Lachen fröhlicher Kameradschaft, das in Hilltop nichts zu suchen hatte, jedenfalls nicht in einer so heiklen Zeit. Joel war sofort klar, dass es die Lache des Eindringlings war, auch wenn er nicht sagen konnte, woher er das wusste. Es war einfach so.

Er würde das große Glück haben, mit diesem Lachen in einem Zimmer eingesperrt zu sein.

Joel lehnte sich im Bett zurück, um wieder Sport zu gucken, und legte die Fernbedienung auf seinen Nachtschrank zurück, wo sie hingehörte. Er überlegte, ob er wohl damit durchkäme, wenn er sie an seiner Seite des Zimmers ankettete, und begann, auf den Neuankömmling zu warten. Er versuchte, dem Gespräch im Nebenzimmer zu folgen, aber die Stimmen waren verzerrt und unverständlich für sein zugegebenermaßen nicht mehr perfektes Gehör. Das, was er erlauschen konnte, klang freundlich, nett. Joel wälzte sich im Bett herum und lehnte sich zur Seite, in Richtung der angelehnten Tür.

Zu seinem Pech hatte er seine eigene Gelenkigkeit stark überschätzt. Langsam rutschte er aus dem Bett. Er versuchte, sich an irgendetwas festzuhalten, doch sein Hintern näherte sich der Bettkante, und als er verzweifelt versuchte, nicht auf den Boden zu sacken, waren alle Gedanken an den Eindringling verflogen. Hilflos ruderte Joel mit den Armen, versuchte, seinen Fall aufzuhalten, und stieß dabei den Nachtschrank um. Es gelang Joel gerade noch, sich am Bettrahmen festzuhalten.

Mit dem Nachtschrank fielen die Fernbedienung, der nicht ausgetrunkene Tee vom Morgen, das Wasserglas für die Tabletten und der Rahmen mit dem Bild von Lucey zu Boden. Das Gepolter schreckte die Gruppe nebenan auf, kurz herrschte Schweigen. Joel richtete sich im Bett auf und zupfte schnell Pyjama und Bettdecke zurecht, bevor die Tür aufging und Menschen hereinstürzten. Er gab sich so lässig wie möglich. Seine kühle Art war Ausdruck seiner Würde.

»Alles in Ordnung, Joel?«, fragte Liam, der als Erster bei ihm war, die Bettdecke zurechtzog und sich davon überzeugte, dass Joel nicht verletzt war.

»Mir geht es gut, danke.«

»Was ist denn passiert?«, fragte Una mit Blick auf das kaputte Glas, die Tasse und die vergossenen Flüssigkeiten.

»Nichts«, erwiderte Joel und begriff sofort, wie unglaublich dumm das klang. Da es zu spät war, um etwas anderes zu sagen, blieb er dabei.

»Nichts?«, fragte Liam skeptisch.

Der Eindringling sah aus, als würde er sich ein Lachen verkneifen. Joel sprach ihn an: »Was ist denn so komisch?«

»Nichts«, erwiderte der Neue und musste fast kichern.

Una unterdrückte ebenfalls ein Lachen, und selbst Liam sah aus, als würde er schmunzeln. Joel biss die Zähne aufeinander und fixierte den Eindringling mit einem verächtlichen Blick. Der Mann war nicht groß, aber auch nicht besonders klein geraten. Normaler Durchschnitt, doch sein Aussehen war alles andere als durchschnittlich. Er hatte sich gut gehalten; sein Gesicht war von Falten und Runzeln durchzogen wie das aller Bewohner von Hilltop, dennoch strahlte es eine gewisse Jugendlichkeit aus, eine Agilität und Vitalität, die all seine Falten Lügen strafte. In den grauen Haaren waren noch ein paar dunkelbraune Strähnen erkennbar, und sie waren länger, fast weibisch lang, sodass sie sich hinter den Ohren und im Nacken in Wellen legten. Ehrlich gesagt sah der Kerl nicht schlecht aus. Sein Anzug war sichtlich in die Jahre gekommen und nicht von bester Qualität, aber sauber, und dazu trug der Neue eine Weste, in der sogar eine kleine Taschenuhr steckte. Das erste Wort, das Joel in den Sinn kam, war »Lackaffe«, und das sagte er auch: »Lackaffe.«

»Nein, Sir«, erwidertete der Eindringling. »Ich heiße Frank de Selby.« Er machte eine wirkungsvolle Pause und fügte dann hinzu: »Ja, der Frank de Selby.«

Er stand da, als erwartete er Beifall. Una strahlte ihn aufmunternd an, auch Liam lächelte nachsichtig. Joel bedachte den Fremden mit einem verächtlichen Blick, doch falls de Selby die Geringschätzung bemerkte, reagierte er nicht darauf; stattdessen wartete er weiter auf den Jubel, den er offenbar zu verdienen glaubte. Joel fragte sich, ob dieser Spinner noch ganz richtig im Kopf war. Der Moment wurde leider durch die Ankunft des Rhinos zerstört.

»Mr. Adams?«, fragte sie streng und ging auf de Selby zu.

De Selby hustete peinlich berührt.

»Ja, ähm … de Selby ist mein Künstlername. Ja, ich bin Frank Adams.« Er hielt ihr die Hand hin.

Joel prustete vor Hohn über diesen Lackaffen. De Selby – na klar! Was für ein Blender!

Franks Unbehagen war nicht von langer Dauer, sofort war er wieder voller Charme und Elan. Er strahlte das Rhino an, und als sie seine Hand nahm, setzte er einen Fuß vor und verbeugte sich zu einem Handkuss. Das Rhino betrachtete ihn mit erhobener Augenbraue.

»Ich nehme an, die Siebensachen draußen im Flur gehören Ihnen?«, fragte sie, ohne auf den Handkuss, den Lackaffen oder seine alberne Verbeugung auch nur im Geringsten einzugehen. Sie wartete nicht darauf, dass de Selby, Adams oder wie auch immer der Kerl hieß, ihr antwortete. »Wenn Sie Hilfe beim Tragen brauchen, bitten Sie den Pfleger, Ihnen zu helfen. Liam, kümmern Sie sich bitte um dieses Durcheinander, und dann helfen Sie Mr. Adams bei seinen Habseligkeiten. Und bitte das Hemd in die Hose!« Sie erwartete von all ihren Mitarbeitern ein tadelloses Auftreten.

Ohne eine Antwort abzuwarten, verschwand sie so plötzlich, wie sie gekommen war.

»Na«, bemerkte Adams mit erhobener Augenbraue. »Das kann ja heiter werden.«

Dann zwinkerte er Una neckisch zu, die über sein Geflirte lachte.

Unheilvoll starrte Joel den Eindringling an. Niemand hatte ihm einen Ton gesagt. Wieder mal nicht. Niemand hatte ihn nach seiner Meinung gefragt oder um seine Erlaubnis gebeten, man hatte ihn nicht mal vorgewarnt! Wieder mal. Genau wie nach Luceys Tod hatten sie einfach den Nächsten von der Warteliste in sein Zimmer geschoben, ohne auch nur einmal mit ihm darüber zu sprechen, und dann auch noch so einen aufgetakelten Schnösel mit fünfzehn Schals, der Una zuzwinkerte und Seifenopern guckte. Was für eine Kränkung für Joel! Doch bevor er seinen Widerspruch formulieren konnte, beugte Adams sich vor – erstaunlich gelenkig für sein Alter – und hob das Bild von Lucey auf. Er zog ein besticktes Taschentuch aus der Hose, wischte vorsichtig den verschütteten Tee und das Wasser vom Rahmen und polierte das Glas. Dann stellte er das Foto liebevoll ins Regal über dem Bett. Selbst sein Taschentuch war affig.

»Ihre Frau?«, fragte er Joel, ohne eine Spur seines unverschämten Grinsens.

»Meine verstorbene Frau.«

Das furchtbare Adjektiv war unüberhörbar.

»Mein Beileid«, sagte Adams.

Joel suchte das Gesicht des Mannes nach Anzeichen von Spott oder Gemeinheit ab, fand aber nichts. Er war überrascht. Aus der Geste sprachen Empfindsamkeit und Aufrichtigkeit – fremd für Joel. Vielleicht könnte er es mit diesem Eindringling doch aushalten. Diese Seifenopern allerdings nicht. Darüber würden sie noch reden müssen.

»Pfleger Liam, dann seien Sie doch so lieb und holen meine Sachen herein. Ich glaube, Ms. Clarke möchte mich mal kurz für sich haben«, sagte Adams zu Liam, wieder ganz der Lackaffe. »Wir ziehen auch den Vorhang zu, damit Sie nicht zusehen müssen, alter Junge.« Er zwinkerte noch mal.

»Oh, Sie sind wirklich furchtbar!« Una lachte wieder.

Wirklich furchtbar. Da musste Joel ihr zustimmen.

4.

Der schreckliche Frank Adams – Joel würde den Mann auf gar keinen Fall de Selby nennen – entpuppte sich als äußerst gesprächig. Nachdem Joel das Zimmer zwei Jahre lang mit dem dezentesten Mitbewohner geteilt hatte, den man sich vorstellen konnte, sah er sich plötzlich mit Fragen bombardiert.

»Was hast du so für Hobbys, Joel?« Leutselig war Adams sofort zum vertrauten Du übergegangen, nachdem man sie vor dem Essen im Aufenthaltsraum einander offiziell vorgestellt hatte.

»Hobbys? Hier?«, entgegnete Joel spöttisch. »Dies ist ein Pflegeheim. Hier gibt es nichts, was Spaß macht.«

»Aber die scheinen sich doch alle zu vergnügen«, erwiderte Adams und sah sich im Raum um, wo die Bewohner und Angestellten gesellig miteinander plauderten. Mighty Jim schlang sein Essen hinunter und hielt zwischendurch inne, um ins Leere zu lächeln. Einige Bewohner waren schon fertig und spielten Karten. Andere saßen in den alten, gemütlichen Sesseln, die im Raum verteilt waren.

»Die lügen sich alle in die Tasche«, verkündete Joel in einem Tonfall, der keinen Widerspruch duldete.

»Kommen hier auch manchmal Gruppen vorbei, die singen? So was ist doch nett.«

»Klar. Die kommen her. Kirchenkreise mit ihren künstlich grinsenden Mitgliedern.«

»Hast du etwas gegen die Kirche, Joel?«

»Schon gut«, gab Joel zurück und dachte an die Jahre, als sein Vater ihn gezwungen hatte, zur Messe zu gehen. Von wegen freiwillig! Und später hatte er jahrelang Lucey gezwungen, ihn zur Kirche zu begleiten. Verschwendete Zeit.

»Gibt es denn nichts, was du gerne tust, Joel?«, fragte Adams lächelnd.

»Ich esse gerne in Ruhe«, gab Joel zurück und stürzte sich entschlossen auf seinen Teller.

***

Als sie später am Abend auf dem Zimmer Fernsehen guckten, ging es wieder los.

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