×

Ihre Vorbestellung zum Buch »Mord am Tiber«

Wir benachrichtigen Sie, sobald »Mord am Tiber« erhältlich ist. Hinterlegen Sie einfach Ihre E-Mail-Adresse. Ihren Kauf können Sie mit Erhalt der E-Mail am Erscheinungstag des Buches abschließen.

Mord am Tiber

Als Buch hier erhältlich:

Der Körper eines deutschen Kardinals liegt zerschmettert am Fuß des Tarpejischen Fels - jenes Felsens, von dem man im antiken Rom Verräter zur Bestrafung in den Tod stieß. Die Berliner Kommissarin Diana Brandt wird aufgrund ihrer deutsch-italienischen Wurzeln nach Rom abkommandiert, um bei der Fahndung nach dem Mörder des im Vatikan tätigen Geistlichen zu helfen. Die neuen Kollegen erwarten viel von ihr, ist sie doch die Tochter des berühmten Mafiajägers Adolfo Ferretti. Kurz nachdem Diana und ihr neuer Partner Riccardo die Arbeit aufgenommen haben, wird ein umstrittener Politiker ebenfalls mittels einer altrömischen Hinrichtungsmethode ermordet. Offensichtlich ist ein Serienkiller am Werk. Im Laufe ihrer Ermittlungen entspinnt sich ein komplexes Netzwerk aus mafiöser Korruption und radikaler Politik vor Diana, das sie bald mit einem dunklen Geheimnis aus ihrer Vergangenheit konfrontiert ...
  • Erscheinungstag: 20.04.2021
  • Aus der Serie: Diana Brandt Ermittelt
  • Bandnummer: 1
  • Seitenanzahl: 320
  • ISBN/Artikelnummer: 9783749901340

Leseprobe

Zum Buch

Das zweite Opfer wird im Tullianum gefunden, einem antiken Gefängnis auf dem Kapitolshügel. Es ist ein umstrittener Politiker, exakt genauso erdrosselt wie vor zweitausend Jahren Feinde des römischen Staats. Unterstützt von der jungen Polizeipsychologin Alessandra, versuchen Diana und Riccardo, die Gedankenwelt des Täters zu begreifen. Und in der Geschichte des von ihm glorifizierten Römischen Reiches finden sie auch schnell einen unheilvollen Anhaltspunkt: Nach den zwei bereits verübten Taten verbleiben noch vier weitere antike Hinrichtungsmethoden …

Zum Autor

Rafael Kühn ist Autor und Regisseur mit Wohnsitz in Dresden. Er hat zahlreiche Kurzfilme verschiedener Genres realisiert, bevor 2008 sein Spielfilmdebüt »Das Verhör« deutschlandweit zur Aufführung kam. In seinen Stoffen reflektiert er gern aktuelle gesellschaftliche Themen und menschliche Widersprüche.

Agostino Bernardi verließ den kühlen Innenraum der Kirche Santa Maria della Consolazione, und bereits nach einem Schritt hinaus auf die Piazza umfing ihn die stickige Wärme Roms mit all ihrer hochsommerlichen Intensität. Dabei war die Sonne gerade erst aufgegangen; sie würde auf ihrem Weg zum Zenit noch viel größere Hitze bringen, genau wie an jedem anderen Tag in den vergangenen regenlosen Wochen. Aus diesem Grund genoss der Kapuzinermönch seinen allmorgendlichen Spaziergang zu einer Zeit, in der die Temperaturen zumindest noch im Ansatz erträglich waren und er seine Gedanken für die Aufgaben des Tages ordnen konnte.

Agostino stieg die Treppen der Ordenskirche hinab und wandte sich nach rechts, schlenderte eine Weile im Schatten des ehrwürdigen Gebäudes entlang auf der Straße, deren Name ebenfalls dem göttlichen Trost gewidmet war. Einem Trost, den zu erfahren sich auch Agostino wünschte. Es fehlte ihm nicht an Glauben an seine Berufung und seine Arbeit – das war nie der Fall gewesen in den über dreißig Jahren, in denen er nun schon die Ordenstracht trug. Aber dennoch waren die Frustrationen in letzter Zeit so zahlreich geworden, dass er alles gegeben hätte für selbst das kleinste Zeichen, dass die Mühen seiner Bruderschaft tatsächlich noch das Wohlwollen des Allmächtigen fanden.

Agostino verweilte kurz, blickte geradeaus in Richtung des antiken römischen Forums, das um diese Zeit noch still und verlassen lag. Von hier würde ihn sein gewohnter Morgenspaziergang nach links führen, auf die Via Monte Tarpeo, die in Schlangenlinien den Kapitolshügel hinauf verlief. Der kleine Park auf dem Gipfel hatte dem Mönch schon an vielen Tagen eine spektakuläre, beglückende Sicht auf die erwachende Stadt geboten. Doch heute waren seine Gedanken zu schwer, um Vorfreude auf den Anblick zu empfinden.

Sein Orden war traditionell der Arbeit mit den Armen und sozial Ausgegrenzten verbunden, und es war gerade dieser Aspekt, der Agostino ursprünglich dazu bewogen hatte, den Kapuzinern beizutreten. Er hatte viel Freude dabei empfunden, Menschen in Not zu helfen, ihnen frische Perspektiven und neue Hoffnung zu schenken. Die Hilfsprojekte für die Obdachlosen Roms lagen in seiner besonderen Verantwortung, und er hatte stets alles in seinen Kräften Stehende getan, um dieser Aufgabe gerecht zu werden. Doch in jüngster Zeit waren die bürokratischen Hürden so vielfältig geworden, hatte es so oft Fälle gegeben, in denen Borniertheit und Korruption selbst die einfachsten Unternehmungen der Nächstenliebe zu Fall brachten, dass sich Agostino fragte, wie viel Zeit er in den letzten Jahren in den Büros desinteressierter Amtsdiener verbracht hatte und wie viele Stunden tatsächlich an der Seite jener Menschen, denen zu helfen er sich zum Lebenszweck gemacht hatte.

Der Mönch lief weiter, die Straße zum Kapitol hinauf, und wie aus der Ferne hörte er seine Sandalen auf dem Pflaster des Gehwegs; das Geräusch schien ihm mehr ein Echo seines aufgewühlt klopfenden Herzens zu sein. Ein Auto passierte ihn auf der angrenzenden Straße, doch er nahm es kaum wahr, blieb weiter in seine Gedanken vertieft.

Es war nicht nur die Gleichgültigkeit des Staates, die ihn immer öfter Verzweiflung fühlen ließ. Ebenso bedrückend war die ständig schwindende Anzahl seiner Ordensbrüder, denn vielleicht gerade jeder dritte Todesfall wurde von einem neuen Novizen aufgefangen. Agostino war sich bewusst, dass ein Leben als Mönch mit großem Verzicht und Entbehrungen verknüpft war und dass diese Tugenden in der modernen Gesellschaft kaum noch Stellenwert besaßen. Aber wurde ein Leben für die Bedürftigen, oder auch nur das grundlegende Interesse am Schicksal fremder Menschen, wirklich so gering geschätzt in dieser Zeit? Waren die Herzen vieler Kinder Gottes so hart und verschlossen, Abschottung und Hass weiter verbreitet als Offenheit und Güte?

Agostino schüttelte den Kopf, versuchte, sich von der Last seiner düsteren Grübelei zu befreien. Er hatte die erste Haarnadelkurve der Straße erreicht, warf kurz noch einmal einen Blick nach links in Richtung seiner Ordenskirche – und stoppte abrupt.

Genau vor ihm, am Ende der Kurve, ragte das steile Kliff des Tarpejischen Felsens empor, jener geschichtsträchtigen Erhebung, von der im antiken Rom Verurteilte in den Tod gestoßen worden waren. Eine kleine Treppe verband die Straße mit der Piazza darunter, machte dabei einen Knick genau vor der äußersten Kante der Felswand. Und in ebendieser Biegung lag etwas auf den Stufen, ein Körper, gekleidet in Schwarz und Rot, bedeckt von einem weiteren Rot, das nie Teil seiner Gewänder gewesen war. Agostino spürte trotz der Hitze eine Gänsehaut über seinen Körper wandern. Er machte einen zögernden Schritt nach vorn, die erste der Stufen hinab, dann einen weiteren Schritt, schneller schon, und nahm die letzten Stufen in solcher Hast, dass er kurz um sein Gleichgewicht ringen musste.

Der Mönch blieb stehen, sah fassungslos nach unten und hörte nur noch seinen eigenen Atem. Vor ihm lag ein toter Mensch, seiner Kleidung nach ein katholischer Kardinal. Die rote Schärpe seiner Tracht hatte sich gelöst und lag teils auf den Stufen unter ihm, ähnelte dem Blut, das aus dem geborstenen Schädel des Toten ebenfalls seinen Weg abwärts gefunden hatte. Die weit geöffneten Augen starrten zur Seite, ihr Blick war unendlich leer. Agostino zitterte. Er wandte sich ab, schaute nach oben, den steilen Hang des Felsens hinauf, und noch weiter, in den azurblauen, fast wolkenlosen Himmel. In diesem Moment sah er endgültig nur noch Leere dort.

Der Koffer, der vor Diana Brandt auf dem Tisch lag, war leer. Neben ihr auf dem Sofa und ebenso auf dem Teppich davor verteilten sich sorgfältig angeordnet verschiedene Kleidungsstücke, für jedes Wetter und fast jeden Anlass. Jetzt ging es nur noch darum, eine Auswahl zu treffen. Es war der erste Koffer von insgesamt drei, und obwohl die Aufgabe so einfach und die vor ihr liegenden Reisevorbereitungen noch so umfangreich waren, saß sie nun schon seit über zehn Minuten auf der Couch, ohne dass sie ein einziges Teil eingepackt hätte.

Diana schüttelte den Kopf, rollte sich eine Zigarette. Auf dem Weg zum Balkon passierte sie die Musikanlage, drehte die Musik ihrer neuesten Entdeckung Mobina Galore ein Stück lauter. Ihre Hand mit dem Feuerzeug zitterte leicht, als sie sich draußen die Kippe anzündete. Diana schaute hinaus und hinunter auf Berlin, ohne die Stadt wirklich wahrzunehmen; vielmehr versuchte sie, ihre widersprüchlichen Gefühle zu verstehen. Sie wollte weg, einmal heraus aus ihrem gewohnten Umfeld, dessen war sie sich sicher. Warum also schien sie plötzlich kalte Füße zu bekommen – vor einer Reise, die nun schon seit Monaten beschlossene Sache war?

Zudem hatte sich die Kommissarin freiwillig für das Austauschprogramm gemeldet. Ein halbes Jahr Abstand vom stressigen Dienst in der Hauptstadt, stattdessen Arbeit auf einem kleinen Revier im italienischen Trento. Sie hatte Bekannte in der Nähe, konnte die Stadt also an freien Tagen gegen die Bergwelt Südtirols tauschen. Es würde nicht so schlimm sein, dass ihr Italienisch nicht mehr bis ins Detail perfekt war, denn in dieser nördlichsten Region Italiens kam man in den meisten Fällen auch mit Deutsch weiter. Kurzum, es würde eine entspannte Zeit werden, der Tapetenwechsel, den sie so dringend brauchte, und das in einem Land, mit dem sie seit ihrer Kindheit vertraut war. Zudem … Tirol war weit weg von Sizilien. Fast eine andere Welt. Und doch …

Es war eben auch das Land ihres Vaters. Des Vaters, dessen Schatten unweigerlich über jedem Tag liegen würde, den sie in seiner Heimat verbrachte. In einem Land, in dem sie sich wohlfühlte, aber nicht verwurzelt, und dessen Menschen ihr zu einem gewissen Grad immer fremd geblieben waren. Sie hatte sich eher das ruhige, besonnene Gemüt ihrer deutschen Mutter zum Vorbild genommen, deren analytisches Denken, das Diana in ihrem Beruf so unverzichtbare Dienste leistete. Das Temperament und die Leidenschaft ihrer italienischen Verwandten waren ihr sympathisch, aber die Art, wie sich diese oft von Emotionen steuern ließen, war weit entfernt von ihrer eigenen Natur. Oder wollte sie das nur glauben?

Diana schüttelte den Gedanken ab, nahm einen Zug von der Zigarette, sah nun bewusst hinaus auf Berlin. Der Blick aus ihrer Wohnung im Dachgeschoss reichte weit, besonders an diesem klaren, warmen Sommertag. Diana kannte alle Viertel und Milieus der Stadt, und das war gut; aber genauso waren mittlerweile zahlreiche Straßen von Erinnerungen gesäumt – viele von ihnen beruflich, die meisten davon schrecklich –, und das war eine Bürde, derer sie sich gern für einige Zeit entledigen würde. Von den noch immer präsenten Gedanken an Sabine ganz zu schweigen …

Warum?

Da war sie wieder, die Frage, die wie ein Messer in ihre Seele stach. Die Unklarheit, die Unerklärlichkeit … Warum, wo doch alles so frei und befreiend gewesen war, sie sich so geliebt, sich gegenseitig so gutgetan hatten?

Nein. Nicht heute. Nie mehr diese Frage.

Die Kommissarin straffte sich, drückte die Zigarette im Aschenbecher aus. Positiv bleiben. Nach vorne schauen, nicht zurück. Freu dich auf das Abenteuer, auf neue Bekanntschaften, und mal dir vor allem keine Probleme aus, bevor sie überhaupt entstanden sind.

Mit frischer Entschlossenheit ging sie zurück ins Wohnzimmer, setzte sich aufs Sofa, studierte den ersten Kleiderstapel. Ein paar Blusen, Tops, auch eine Handvoll T-Shirts … Sie fragte sich, ob eines darunter war, von dem die italienischen Kollegen unter Umständen geschockt sein würden. Eine kleine Provokation konnte ein probates Mittel sein, um den Charakter unbekannter Menschen abzuschätzen. Ja, eines ihrer Punkrock-Shirts würde definitiv mitkommen.

In dem Moment, in dem sie ihre Wahl getroffen hatte, schrillte das Telefon. Diana zog den Arm zurück, fischte das Handy aus ihrer Hosentasche – und stockte kurz. »Ulbricht« stand auf dem Display. Der Polizeipräsident persönlich. Das war unerwartet.

Sie führte das Smartphone zum Ohr.

»Diana Brandt.«

»Guten Tag, Diana«, antwortete am anderen Ende die stets ruhige, natürliche Autorität ausstrahlende Stimme Ulbrichts. »Ich nehme an, Sie sind bereits am Packen?«

»Das stimmt«, antwortete die Kommissarin nahezu wahrheitsgetreu.

»Es gibt eine neue Entwicklung«, hörte sie den Polizeipräsidenten sagen, und sein ernster Ton ließ einen Funken Unsicherheit in ihrem Innersten aufglimmen.

»Was für eine Entwicklung?«

»Ich würde den Ort Ihres Aufenthalts in Italien gern ändern. Zumindest vorübergehend.«

Diana versteifte sich, stand auf, dachte nach. Aber ihr fiel spontan keine Erklärung ein. Ulbricht füllte die Lücke aus.

»Es war noch nicht in den deutschen Nachrichten«, fuhr ihr Vorgesetzter fort. »Aber das wird sich bald ändern. In Rom wurde die Leiche eines Kurienmitglieds des Vatikans gefunden. Kardinal Raimund Schorlemmer.«

»Mord«, folgerte Diana. Sie brauchte es nicht als Frage zu formulieren.

»Und ein einigermaßen spektakulärer«, kam Ulbrichts Bestätigung. »Er wird Staub aufwirbeln.«

»Der Kardinal war Deutscher?«

»Ja. Und deshalb hätte die Politik auch gern einen deutschen Ermittler vor Ort.«

Diana schluckte. Ihre Gedanken rasten. Rom? Im Auge der Öffentlichkeit? Das genaue Gegenteil von allem, worauf sie sich eingestellt hatte. Was konnte sie tun?

»Die italienische Polizei wird nicht begeistert sein«, versuchte sie einzuwenden.

»Sie würden mehr als Beobachterin fungieren … oder sagen wir, Beraterin.«

Die Tatsache, dass Ulbricht nach Worten suchte, legte nahe, dass auch er sich mit der Situation nicht gänzlich wohlfühlte.

Diana entschied sich für Ehrlichkeit. »Zur Beratung können Sie auch jemand anderes schicken.«

»Niemand sonst hat Ihr Profil.«

»Meinen Sie meine Referenzen – oder meine Abstammung?«

Für einen Moment herrschte Schweigen am anderen Ende der Leitung.

»Beides«, antwortete Ulbricht schließlich. Zumindest machte er ihr nichts vor. »Verstehen Sie es als kurzen Umweg. Wahrscheinlich handelt es sich nur um ein, zwei Wochen.«

»Und dann Trento?«

»Und dann Trento.«

»Für die Politik?«

»Für mich. Als persönlichen Gefallen.«

Diana atmete aus. Nun gab es keine Alternative mehr. Ulbricht hatte ihr mehr als einmal unschätzbaren Beistand geleistet.

»Dann nur noch eine Frage«, sagte sie.

»Bitte.«

»Wann geht mein Flug?«

Rom war heiß, laut und stank. Diana saß auf der Rückbank des Taxis, mit einer Hand auf dem Griff ihres kleineren Koffers. Die beiden großen hatte der Fahrer mehr schlecht als recht in den Kofferraum gezwängt, und Diana drehte sich in regelmäßigen Abständen um, um sicherzugehen, dass der hektische Fahrstil des tassista den Inhalt nicht hinter ihnen auf der Straße verteilte.

Der Mann war vielleicht Mitte vierzig, etwas korpulent und schwitzte massiv. Trotzdem redete er gestenreich und nahezu ohne Unterlass, wobei er fließend von einem an Diana gerichteten Monolog zu Flüchen in Richtung anderer Autofahrer überging.

»E poi mi han detto che non avrebbero – ehi, che cazzo fai, non sai guardare, stronzo? – comunque, mi han detto …«

Diana quittierte die Anekdoten des Mannes mit einem gelegentlichen knappen Lächeln und ignorierte sie ansonsten; die Geschichten waren ebenso belanglos wie sein Akzent schwer verständlich. Nebenbei bemerkte sie ein altes Foto, das rechts vom Lenkrad über dem Fenster klebte und eine Frau in der Kleidung der 1930er-Jahre vor den ägyptischen Pyramiden zeigte. Die Frau hatte eine charismatische Ausstrahlung, lächelte auf geheimnisvolle Art; Diana fragte sich kurz, welche Bewandtnis es wohl mit diesem Erinnerungsstück hatte. Aber ihr fehlte das Interesse an einem aktiven Gespräch mit dem Taxifahrer, und so konzentrierte sich die Kommissarin darauf, einen Eindruck von ihrer Umgebung zu gewinnen.

Sie war nur einmal in Rom gewesen, als Teenager, und hatte keine wirklich tiefer gehenden Erinnerungen an die Stadt. Heute lag die uralte Metropole unter einer Dunstglocke aus Smog, was angesichts des dichten Verkehrs nicht verwunderte. Der Weg vom Flughafen zum Polizeihauptquartier führte mitten durch die Innenstadt, vorbei an den Ruinen des Palatins und in diesem Moment entlang des wuchtigen weißen Nationalmonuments, vor dem sich mehrere Hauptstraßen trafen. Hier drängte sich ein hupendes Auto ans nächste, gleich einem Schwarm wütender Wespen, während Menschentrauben über die Zebrastreifen walzten. Durch die offenen Fenster des Taxis strömte heiße, schwere Luft, vermengt mit Abgasen. Diana gab das Vorhaben auf, unter diesen Umständen einen aussagekräftigen Eindruck von der Hauptstadt gewinnen zu wollen, und verlor sich stattdessen für einen Moment in ihren Gedanken.

Sie hatte nur grobe Informationen zu dem Mordfall erhalten, den sie bearbeiten sollte; die Vorstellung, den lokalen Kollegen derart schlecht vorbereitet gegenübertreten zu müssen, bereitete ihr schon jetzt Unbehagen. Kardinal Schorlemmer hatte seit zwölf Jahren in Rom gelebt, galt als ein einflussreicher Meinungsmacher im Vatikan und besaß durch sein Engagement für verschiedene soziale Projekte zudem einen guten Leumund in der Bevölkerung. Aber die Eckdaten seines Lebenslaufs waren auch schon so ziemlich das Einzige, worauf ihr Ulbricht kurzfristig hatte Zugriff verschaffen können. Keine Details zum Tathergang außer dem Umstand, dass jemand den Kardinal vom Tarpejischen Felsen gestoßen hatte – jenem Felskliff, von dem man im antiken Rom Verräter und andere Schwerverbrecher zu werfen pflegte. Dass der Mörder die uralte Hinrichtungsmethode imitieren wollte, war offensichtlich, und in der Tat hatte es nicht lange gedauert, bis auch die Medien die Idee erkannten. Diana schielte zu der Tageszeitung auf ihrem Schoß. »Omicidio in modo antico« titelte der Corriere della Sera – Mord auf antike Art. Es würde Staub aufwirbeln, hatte Ulbricht gemeint. Kein Witz.

Eine Viertelstunde später hielt das Taxi endlich vor der Questura der Staatspolizei auf dem Quirinalshügel. Diana führte ein kurzes Gespräch mit einem der Wachposten, wies sich aus. Der junge Polizist nickte.

»Commissario Fiorentini erwartet Sie«, sagte er und zeigte in Richtung des Innenhofs, um anzudeuten, dass das Taxi passieren dürfe. Der Fahrer wirkte im Inneren des Präsidiums sichtlich nervös, bemühte sich nicht, Diana aus dem Wagen zu helfen, lud stattdessen recht ruppig ihr Gepäck aus dem Kofferraum und verabschiedete sich lediglich mit einem knappen »Grazie« für das Trinkgeld.

Diana blieb allein auf dem zugeparkten, aber ansonsten menschenleeren Hof zurück und kam sich, umgeben von ihren drei Koffern, einigermaßen dumm vor. Aber da sie noch nicht einmal wusste, wo sie in Rom unterkommen würde, war ihr keine andere Wahl geblieben, als direkt zum Präsidium zu fahren. Was nun? Ihr fiel ein, dass sie sich nicht erkundigt hatte, in welchem Zimmer Kommissar Fiorentini überhaupt saß. Na großartig.

Diana griff sich die zwei großen Koffer, bugsierte sie in eine Ecke des Hofes. Für einen kürzeren Aufenthalt in Rom hätte sie nicht so viel Gepäck gebraucht, aber sie hatte trotz allem für das halbe Jahr in Trento gepackt. Sie musste einfach daran glauben, dass sie bald dort sein und dass es hier keine Probleme geben würde.

Die Kommissarin ging zurück in die Mitte des Hofes, um auch den kleinen Koffer zu holen. Dabei bemerkte sie einen Mann Ende dreißig mit dunkelbraunen Haaren und einem kurzen Bart, der auf der anderen Seite des Hofes neben einer Tür lehnte und sie amüsiert beobachtete. Diana blieb stehen, versteifte sich. Bitte, lass das nicht Fiorentini sein …

»Diana Brandt?«, fragte der Mann mit den typisch italienischen Schwierigkeiten, das Ende ihres Nachnamens korrekt auszusprechen. Die Kommissarin nickte. Ihr Gegenüber lächelte, kam ein paar Schritte auf sie zu und streckte seine Hand aus.

»Riccardo Fiorentini. Piacere.«

Mist. Diana tat ihr Bestes, um Haltung zu bewahren, und schüttelte die Hand ihres Kollegen.

»Molto lieta.«

»Hatten Sie einen guten Flug?« fragte der Commissario. Zum Glück war sein Italienisch gut verständlich.

»Es gab keine Probleme«, antwortete Diana und hoffte, dass wiederum ihr Italienisch fehlerfrei war.

»Können Sie mir sagen, wo …«, fuhr die Kommissarin fort, doch Fiorentini unterbrach sie mit einer kurzen Geste.

»Einen Moment.« Er schaute zu einem offenen Fenster in der ersten Etage und pfiff einmal laut. »Michele!«, rief der Commissario hinauf. In dem Fenster erschien das Gesicht eines jungen Polizisten, vielleicht gerade Mitte zwanzig, der seinen Vorgesetzten fragend ansah. Fiorentini machte nur eine kurze, kreisende Geste in Richtung von Dianas Koffern, woraufhin der junge Mann nickte und wieder im Inneren verschwand.

»Wollen wir?«, fragte der Commissario, wieder in Richtung Diana gewandt. Die Kommissarin konnte ihre Unsicherheit nur schwer verbergen.

»Was genau?«, fragte sie. Fiorentini deutete auf einen der im Innenhof parkenden Polizeiwagen.

»Man hat mir gesagt, Sie sind hier, um zu beobachten«, hielt er fest. »Ich dachte mir, Sie wollen vielleicht gleich einmal den Tatort ›beobachten‹?«

Diana war überrascht, aber nicht unangenehm. Von einem peinlichen Moment direkt zu einer Teilnahme an den Ermittlungen? Ohne langwieriges Briefing und Kompetenzgerangel? Das lief nicht schlecht.

»Con piacere«, antwortete sie, und es war ihr auf gewisse Art tatsächlich ein Vergnügen.

Diana betrachtete die Steintreppe zu ihren Füßen, auf der man den Leichnam Kardinal Schorlemmers gefunden hatte. Nur einige Markierungen der Spurensicherung und das polizeiliche Absperrband deuteten noch darauf hin, dass sich hier ein Verbrechen ereignet hatte. Die Kommissarin ließ einige der Tatortfotos durch ihre Hände gleiten, auf denen das Opfer in der vorgefundenen Position zu sehen war, schaute dann den steilen Felsen hinauf. Der obere Teil des Hügels war mit einer Mauer verkleidet; auf dem Gipfel selbst konnte sie einige Bäume ausmachen. Es war ein Sturz von vielleicht fünfundzwanzig Metern, und in Anbetracht der Tatsache, dass der Kardinal auf Stein geprallt war, auch die wahrscheinliche Todesursache. Dennoch – gleich links der Stufen befand sich ein Stück Rasen, einige Felsvorsprünge hätten den Fall bremsen können … Die Möglichkeit war sicher gering, aber Diana konnte sich vorstellen, dass der Absturz mit viel Glück auch überlebbar gewesen wäre.

Sie drehte sich zu Commissario Fiorentini, der einige Schritte neben ihr stand und sie aus seinen wachen grünblauen Augen beobachtete.

»Was war die Todesursache?«, fragte sie ihn.

»Genickbruch«, kam die Antwort mit einer leichten Verzögerung, die sie sich nicht ganz erklären konnte. Sie übersetzte kurz den Fachbegriff in ihrem Kopf, nickte dann.

»Gibt es oben Spuren eines Kampfes?«

Der Commissario blieb ihr eine direkte Entgegnung zunächst schuldig, deutete stattdessen in Richtung der Straße, die rechter Hand den Hügel hinaufführte.

»Kommen Sie.«

Er nahm die Tatortfotos wieder an sich, steckte sie in seinen Ordner mit Untersuchungsmaterial und lief dann los. Diana folgte ihm, bückte sich ebenfalls unter dem Absperrband hindurch, ging neben Fiorentini den Bürgersteig hinauf.

»Wann wurde der Kardinal zuletzt lebend gesehen?«, hakte sie nach.

»Am Abend seiner Ermordung«, antwortete ihr Kollege. »Gegen sieben Uhr dreißig. Er hatte ein Waisenhaus besucht, für das er sich engagiert hat.«

»Was wissen wir generell über ihn?«

Fiorentini warf Diana einen etwas berechnenden Blick zu.

»Abgesehen von den offiziellen Stichpunkten, die Sie schon kennen?«

»Abgesehen davon.«

»Wir haben mit dem Staatssekretär des Vatikans gesprochen«, erwiderte der Commissario. »Der Staatssekretär ist Diplomat.«

Die vage Antwort frustrierte Diana.

»Aber was hat er gesagt?«

»Er wird sich erkundigen.«

»Wird er seine Erkenntnisse auch teilen?«

Fiorentini lächelte leicht, musterte sie dabei ein weiteres Mal sehr aufmerksam.

»Das wird sich zeigen.«

Diana wurde klar, dass die freundliche Art des Commissarios täuschte. Lächeln war letztendlich seine Art, Distanz zu halten; sein Blick hingegen stellte ihr kritische Fragen und erwartete die korrekten Antworten. Bevor sie sich für eine Gegenstrategie entscheiden konnte, lenkte ihr Kollege das Gespräch in eine neue Richtung.

»Ich habe ein wenig recherchiert. Ihre Erfolge in Deutschland sind beeindruckend.«

Diana wollte sich im ersten Moment bedanken, hielt dann aber inne und beschloss, stattdessen zum Angriff überzugehen.

»Meinen Sie, ich hätte dortbleiben sollen?«

Der Commissario blieb stehen, und sein Blick verriet Überraschung – nur für einen Moment, aber es war genug, dass Diana erkannte, dass es keine negative war. Seine Erwiderung formulierte er mit großer Sorgfalt.

»Wir können zusammenarbeiten.«

»Sofern ich alle Ihre Tests bestehe?«

»Meine Meinung ist nie vorgefertigt«, antwortete Fiorentini schlagfertig. »Trotzdem muss ich sie mir erst bilden.«

»Sagen Sie mir Bescheid, wenn Sie zu dem Ergebnis kommen, dass Sie mit mir zusammenarbeiten möchten

Der Commissario lächelte, diesmal mit ehrlicher Anerkennung.

»Auf jeden Fall.«

Er deutete nach links, weiter den Kapitolshügel hinauf, und ging ohne weitere Worte voran. Diana streifte mit ihrem Blick kurz das Forum Romanum, das sich rechts unterhalb der nächsten Straßenkurve erstreckte und zwischen dessen Ruinen sich zahlreiche Besucher drängten; aus dieser Perspektive glichen sie Ameisen. Dann folgte die Kommissarin ihrem italienischen Kollegen, ging mit ihm eine etwas engere Gasse hinauf. An deren Ende erreichten sie ein Plateau mit einer Piazza, die auf allen Seiten von Gebäuden flankiert wurde – außer zu Dianas Linken, wo einerseits die Straße weiterverlief und des Weiteren ein Zaun die gefährlichen Klippen des Tarpejischen Felsens abgrenzte. Das Absperrband der Polizei befand sich an einem Tor einige Schritte weiter, wo jemand die Kette durchtrennt hatte, die mit ihrem Schloss das einzige tatsächliche Hindernis gewesen war. Sich Zutritt zu dem abgesperrten Areal zu verschaffen dürfte dem Täter also leichtgefallen sein – aber etwas anderes ganz und gar nicht. Nämlich unerkannt zu bleiben.

Diana ließ ihren Blick über die Außenwände der benachbarten Gebäude schweifen, und augenblicklich fielen ihr die zahlreichen Überwachungskameras auf, die Straße und Platz in alle Richtungen im Blick hatten.

Die Kommissarin schaute zu Fiorentini, der ihre Überraschung offensichtlich erwartet hatte.

»Das dort sind die Kapitolinischen Museen«, erklärte er. »Nahezu der gesamte Hügel ist videoüberwacht.«

»Also haben wir eine Aufzeichnung?«, fragte Diana etwas ungläubig. Das schien zu einfach.

Der Commissario lächelte bitter, öffnete seinen Ordner und drückte ihr einige weitere Fotos in die Hand. Sie zeigten Standbilder aus dem Material der Überwachungskameras – und Diana verstand schnell, warum sie von dieser Beweisquelle nicht gleich als Erstes erfahren hatte. Es gab zwar Aufnahmen eines schwarzen Transporters, der den Hügel hinauffuhr, doch der Fahrer trug auf dem leicht verpixelten Bild einen Overall, Mütze und Skimaske, die eine Identifizierung unmöglich machten. Und den Laster hatte er anschließend so vor dem Tor geparkt, dass für die einzige in diese Richtung weisende Kamera alle Aktivitäten hinter dem Wagen verdeckt blieben.

»Er wusste genau, wie er vorgehen würde«, hielt die Kommissarin fest. Fiorentini nickte.

»Das parkende Fahrzeug ist in dem Moment niemandem aufgefallen«, bestätigte er ihre Vermutung. »Es gab keine Aktivität am Museum an sich, und dass der Mörder das Tor aufbrach, konnte man nicht einsehen.«

»Was ist mit dem Auto passiert?«, stellte Diana die nächste logische Frage.

»Er ist damit den Felsen wieder hinuntergefahren und hat es dann ein Stück weiter abgestellt. Mehr wissen wir nicht. Wahrscheinlich ist er in ein anderes Fahrzeug umgestiegen, aber an der Stelle gab es keine Kameras.«

»Und …« Sie musste kurz überlegen. Nein, die Abkürzung ist auf Italienisch dieselbe. »Und DNA-Spuren?«

Der Commissario schüttelte leicht frustriert den Kopf.

»Nur die des Kardinals. Wir gehen davon aus, dass der Täter unter seiner Vermummung Schutzkleidung getragen hat.«

Dianas Gedanken rasten. Wenn sie mit einem nicht gerechnet hatte, dann mit einem so perfekt geplanten und eiskalt durchgeführten Verbrechen. Hier musste etwas gänzlich anderes passiert sein, als es für sie zunächst den Anschein gehabt hatte.

»Wie genau ist Schorlemmer nun gestorben?«, setzte die Kommissarin wieder bei ihrer ursprünglichen Frage an.

Fiorentini hob das Absperrband vor dem Eingangstor hoch. Diana folgte der Einladung und betrat zusammen mit ihrem Kollegen das Plateau des Felsens, auf dem sich nur Bäume und vergraste Wege befanden. Sie liefen bis zu der Mauer am Rand – und plötzlich fiel der Kommissarin die wichtigste Frage ein, die sie vergessen hatte zu stellen.

»Wann war der Todeszeitpunkt?«

Der Commissario warf ihr einen anerkennenden Blick zu. Er trat an den Rand des Kliffs, schaute über die Absperrung. Diana tat es ihm gleich.

»Es ist hoch«, formulierte Fiorentini denselben Gedanken, der ihr zuvor gekommen war. »Aber mit sehr viel Glück kann man es auch überleben. Das Risiko ist der Mörder nicht eingegangen.«

»Schorlemmer war schon tot«, hielt Diana das nunmehr Offensichtliche fest. Der Commissario bestätigte ihre Vermutung mit einem Nicken.

»Jemand hat ihn auf dem Weg zu seinem Auto niedergeschlagen. Wir haben auf dem Parkplatz des Waisenhauses Blutspuren gefunden.«

»Und dann hat man ihm das Genick gebrochen?«

»Ja, aber erst einige Zeit später. Wie gesagt, das Waisenhaus hat er gegen sieben Uhr dreißig verlassen. Der Todeszeitpunkt liegt zwischen zehn und elf Uhr. Und die Videoaufzeichnung hier ist kurz nach Mitternacht entstanden.«

Diana schaute zurück zu dem Zaun, ordnete dabei ihre Gedanken, indem sie sie laut aussprach.

»Das heißt, der Täter hat den Kardinal verschleppt, ihn getötet, hierher transportiert – und dann quasi vor laufenden Kameras das Tor aufgebrochen, die Leiche bis zur Brüstung getragen und hinuntergeworfen. Und am Schluss ist er einfach wieder weggefahren.«

»Ein eiskalter Hurensohn«, kommentierte Fiorentini sarkastisch, aber treffend.

Diana konnte sich keinen wirklichen Reim darauf machen. Bei all ihrer Berufserfahrung war ihr noch kein Mord untergekommen, bei dem jemand einen derartig massiven Aufwand betrieben hatte. Die Tat musste akribisch geplant gewesen sein. Aber was war das Motiv? Und, vielleicht noch wichtiger, der Zweck?

»Hier ging es nicht nur darum, den Kardinal zu töten«, fasste die Kommissarin ihre Überlegungen in Worte. »Jemand wollte ein Zeichen setzen.«

»Esatto«, stimmte ihr Kollege zu.

»Dieser Felsen war im alten Rom eine Hinrichtungsstätte«, hielt Diana fest. »Aber nur selten, richtig?«

»Vor allem für Hochverräter«, bestätigte der Commissario. »Hier zu sterben war die größte denkbare Schande.«

»Wen hat Schorlemmer verraten?«

Fiorentini zog die linke Augenbraue leicht hoch.

»Das müssen wir herausfinden … Signora Commissaria.«

Der Besprechungsraum der Questura erwies sich als klein und stickig. In ihm drängten sich vierzehn Mitglieder des Ermittlungsteams, doch trotzdem kam sich Diana vor, als stünde sie ganz allein auf einem weiten Feld. Die italienischen Kollegen hatten sich in zwei Gruppen zusammengefunden, diskutierten mit einer Geschwindigkeit, die es ihr schwer machte, einem der Gespräche zu folgen. Sie selbst stand in der Nähe des Fensters, tat ab und zu, als würde sie draußen etwas beobachten, und versuchte so gut wie möglich, ihre Frustration zu verbergen. Hier nun war alles so, wie sie es erwartet und befürchtet hatte. Die Kollegen, meist Männer, aber auch drei Frauen, gingen hin und wieder an ihr vorbei; einige hatten kurz gegrüßt, aber es überwogen skeptische, fragende oder direkt abwertende Blicke in ihre Richtung. Sie war die Fremde, ein Eindringling, und kaum jemand hatte ein Problem damit, sie das merken zu lassen.

Auch Fiorentini hatte sich schnell einer der Diskussionsrunden angeschlossen, ohne sie seinem Stab extra vorzustellen. Diana konnte nicht sagen, ob er die Brücke für sie unter diesen Umständen nicht schlagen konnte oder ob er es nicht wollte. Die Kommissarin fühlte sich hilflos. Sollte sie einfach an die Gruppe um den Commissario herantreten, auf diese Art eine Einbindung einfordern? Doch was, wenn sie trotzdem ignoriert würde und gleichzeitig den vielleicht einzigen Verbündeten, den sie hier in Rom bisher hatte, zu sehr unter Druck setzte?

Die Entscheidung wurde ihr abgenommen, als ein groß gewachsener, hagerer Mann Mitte fünfzig den Raum betrat. Er trug eine Brille mit dünnem Rahmen, war elegant gekleidet mit Anzug und teuer aussehenden Lederschuhen; sein grau meliertes Haar gab ihm eine leicht vornehme Ausstrahlung. Die Aufmerksamkeit aller Anwesenden verlagerte sich augenblicklich auf den Neuankömmling, und Diana war sich sicher, dass es sich um den Polizeichef handeln musste. Er hatte die natürliche Autorität Ulbrichts, wobei es dem Blick seiner graublauen Augen jedoch an der greifbaren Empathie ihres eigenen Vorgesetzten fehlte.

Der Mann blieb vor dem Pult nahe der Tür stehen, legte auf einem Tisch die Dokumente ab, die er in der Hand gehalten hatte.

»Signori«, grüßte er kurz die Anwesenden. Sein Blick fand Diana, verharrte kurz. Dann kam er auf sie zu, streckte die Hand aus. Die Kommissarin schüttelte sie.

»Salvatore Marchetti, Questore«, stellte er sich knapp vor, Dianas Annahme hinsichtlich seines Dienstgrades bestätigend. Ohne weitere Worte ging er zurück zum Pult und konzentrierte sich auf seinen Ermittlerstab.

»Ich muss Ihnen nicht sagen, dass die Politik in dieser Angelegenheit eine schnelle Aufklärung wünscht«, stellte er fest. »Genauso ist klar, dass der Fall sowohl kompliziert als auch delikat ist. Commissario Fiorentini – gibt es neue Erkenntnisse?«

Der Angesprochene straffte sich.

»Die Spurensicherung hat auch an der Leiche keinerlei DNA-Reste gefunden«, vermeldete er. »Da das Opfer über eine größere Strecke transportiert und auch getragen wurde, muss der Täter entsprechend gekleidet gewesen sein.«

Diana visualisierte das Gesagte noch einmal vor ihrem geistigen Auge und kombinierte es gleichzeitig mit den Bildern der Überwachungsvideos. Ganzkörperkleidung, so wie sie in Krankenhäusern und Laboren getragen wurde. Und darüber normale Sachen, um nicht aufzufallen, sowie spätestens beim Erreichen des Kapitols eine Gesichtsvermummung für die Kameras. Sie hatten es ganz sicher nicht mit einem Mörder zu tun, der leichtfertig oder spontan handelte.

Derweil hakte Marchetti nach: »Was ist mit dem Lieferwagen? Konnten wir ihn identifizieren?«

Eine blonde Polizistin meldete sich zu Wort.

»Leider nein. Es ist ein altes Modell, weit verbreitet, und alle Seriennummern wurden entfernt.«

»Haben Sie das Videomaterial von der Verkehrsüberwachung ausgewertet?«, fragte Fiorentini dieselbe Kollegin.

»Wir sind alle Aufnahmen im Tatzeitraum durchgegangen«, erwiderte die Frau. »Zwischen dem Waisenhaus und dem Kapitol gibt es keine Aufzeichnungen des Tatfahrzeugs. Der Mörder muss alle Hauptstraßen konsequent gemieden haben.«

Questore Marchetti rückte etwas umständlich seine Brille zurecht, in einer Geste, die dazu gedacht war, eine Denkpause zu kaschieren.

»Wie sehen die nächsten Schritte aus?«, erkundigte er sich.

»Wir haben morgen einen weiteren Termin mit Staatssekretär de Biasi im Vatikan«, entgegnete Fiorentini. »Aufgrund der historischen Bezüge der Tat haben wir Ermittlungen an den lokalen Universitäten begonnen, und wir vernehmen weiterhin aktenkundige Personen, die für radikale antiklerikale Positionen bekannt sind.«

Diana musste sich die letzte Aussage ihres Kollegen in ihrem Kopf einen Moment lang zusammenreimen – denn einerseits enthielt sie mehrere nicht alltägliche Wörter, und andererseits redete er hier in seinem normalen Tempo, nicht bewusst etwas langsamer wie im Gespräch mit ihr.

»Gab es im Waisenhaus keine nützlichen Zeugenaussagen?«, brachte Marchetti einen weiteren Punkt zur Sprache.

»Nichts Konkretes«, kommentierte Fiorentini. Die Blicke des Commissarios und seines Vorgesetzten kreuzten sich kurz, und auch Diana erkannte die unausgesprochene Aufforderung. »Ich gehe morgen noch einmal persönlich vorbei«, ergänzte ihr Kollege.

Der Polizeichef nickte.

»Also gut«, hielt er fest. »Dann setzen wir das nächste Briefing für morgen Abend um achtzehn Uhr an. Die bisherige Aufgabenteilung bleibt bestehen. Gibt es noch Fragen?«

Diana spannte sich an. Sie hatte erwartet, dass Marchetti zumindest ein paar Worte zu ihrer Person und ihrer Einbindung in die Ermittlungen sagen würde. Auch von ihm keine offizielle Unterstützung zu erhalten, war mehr Demütigung, als sie bereit war hinzunehmen. Sie machte einen Schritt nach vorn und hob ihre Hand.

»Signor Questore …«, setzte sie an, aber bereits in diesem Moment stoppte sie der Polizeichef.

»Solo un momento, Signora Brandt«, sagte er freundlich, aber bestimmt. Diana senkte ihre Hand und kam sich vor wie eine zurechtgewiesene Schülerin. Derweil sah sich Marchetti unter den Umstehenden um, von denen keine weiteren Reaktionen kamen.

»Va bene«, schloss er ab. »Ich erwarte, dass jeder von Ihnen sein Bestes gibt. Bis morgen.«

Nach der formalen Auflösung der Besprechung verließen mehrere der italienischen Kollegen direkt den Raum, während sich andere erneut in einer Gruppe zusammenfanden. Der Questore griff nach seinen Unterlagen, setzte sich dann in Richtung Dianas in Bewegung und bedeutete Fiorentini im selben Atemzug mit einem kurzen Winken zweier Finger, es ihm gleichzutun. Beide Männer blieben vor der Kommissarin stehen, die Mühe hatte, ihrem Ärger nicht mit einem bissigen Kommentar Ausdruck zu verleihen. Der Polizeichef musterte sie kurz über den Rand seiner Brille.

»Entschuldigung«, sagte er dann. Diana war überrascht.

»Wofür?«, fragte sie nach, obwohl ihr klar war, was er meinte. Marchetti zog kurz die Mundwinkel hoch, was die denkbar humorloseste Variante eines Lächelns war und genauso knapp und präzise bemessen wie alle anderen Gesten, die sie an ihm bisher beobachtet hatte.

»Dem Präsidium wurde von Seiten der Politik nahegelegt, mit Ihnen zusammenzuarbeiten«, hielt er fest. Diana musste nur kurz darüber nachdenken, was ihr Gegenüber damit sagen wollte.

»Und vor Ihren Leuten wollen Sie nicht die Schwäche zeigen, sich von der Politik etwas sagen zu lassen«, resümierte sie trocken.

Fiorentini musste leicht schmunzeln, während Marchetti nur pragmatisch nickte.

»Dann verstehen Sie den offiziellen Aspekt.«

»Und inoffiziell?«, fragte Diana, ihren Blick mit dem des Questores kreuzend.

»Inoffiziell wird Ihnen Commissario Fiorentini jede nötige Unterstützung gewähren«, kam die Erwiderung. »Er ist während der gesamten Ermittlungen Ihre direkte Liaison.«

Diese positive Aussage überraschte Diana.

»Sieht so aus, als wären wir Partner«, kommentierte Fiorentini.

»Ich werde mein Bestes tun, um die Ermittlungen mit voranzubringen«, erwiderte Diana in Richtung Marchettis, bemüht, zum Ausdruck zu bringen, dass sie seinen Vertrauensvorschuss schätzte. Dass sie sich mit ihrer Einschätzung geirrt hatte, realisierte sie einen Moment später, als der Blick des Polizeichefs plötzlich schneidend kühl wurde.

»Wir haben viele sehr gute Leute hier«, wies er sie zurecht, nicht unhöflich, aber mit einer neutralen Sachlichkeit, die trotzdem verletzen konnte. »Und um ehrlich zu sein, glaube ich nicht, dass Ihre Anwesenheit hier irgendeinen Unterschied machen wird.«

»Warum unterstützen Sie mich dann?«

Der Questore sah ihr tief in die Augen.

»Ich kannte Ihren Vater.«

Diana fror innerlich ein, doch schon im selben Moment griffen die Automatismen, die sie sich seit so vielen Jahren antrainiert hatte. Sie fing das instinktive Zähnefletschen ab, bevor es sichtbar werden konnte, und formte es zu einem Lächeln um; gleichzeitig atmete sie konzentriert ein, um ihren sich verkrampfenden Körper zu entspannen. Weniger als eine Sekunde. Ich bin gut darin.

»Und die Tochter von Adolfo Ferretti verdient in jedem Fall mein Entgegenkommen«, fuhr der Polizeichef fort, bevor er sich mit einem kurzen Nicken verabschiedete. »Viel Erfolg.«

Er drehte sich um und verließ das Zimmer. Diana riskierte Augenkontakt mit Fiorentini und sah deutlich die noch immer anhaltende Überraschung, mit der sie der Commissario betrachtete. Er hat es nicht gewusst. Diana stand kaum der Sinn nach einer Vertiefung der Thematik.

»Ich bin ein wenig müde«, log sie, zumindest zum Teil.

Fiorentini fing sich, nickte. »Natürlich«, antwortete er. »Ihr Apartment liegt im Süden, in Trastevere. Michele hat Ihr Gepäck schon im Kofferraum, er bringt Sie hin.«

»Das ist nett«, bedankte sich Diana. »Wann soll ich morgen hier sein?«

»Sparen Sie sich die Mühe. Ich kann Sie abholen.«

Es war ehrliche Freundlichkeit, aber Diana legte Wert auf ihre Unabhängigkeit.

»Ich mache mir gern die Mühe.«

Fiorentini zuckte mit den Schultern. Er wirkte nach wie vor leicht verunsichert, auch wenn er es zu kaschieren suchte.

»Wenn Sie möchten. Aber Ihre Unterkunft liegt genau zwischen hier und dem Waisenhaus.«

Diana atmete aus. Gegen praktische Logik ließ sich nicht argumentieren.

»Also gut. Wann kommen Sie vorbei?«

Ihr Kollege wirkte unbefriedigt, schien noch etwas sagen zu wollen, aber fand wohl nicht die richtigen Worte. Daher beschränkte er sich auf die direkte Antwort.

»Gegen acht.«

Diana nickte nur. Der Commissario winkte Michele heran, gab ihm kurz ein paar Anweisungen, und der freundliche junge Polizist geleitete sie aus dem Raum. Diana wusste, dass Fiorentini ihr nachsah, und ebenso, was er sich fragte. Zum ersten Mal seit Langem streckte die verhasste Vergangenheit ihre Tentakel in die Gegenwart aus, und die Kommissarin hoffte aus tiefster Seele, dass ihr Griff nicht noch fester werden würde.

Diana zündete die Zigarette an, lehnte sich nach vorn auf die Fensterbank und schaute hinunter auf die kleine Piazza, an die ihre Unterkunft angrenzte. Sie schien wie eine vereinfachte Miniaturausgabe der großen, berühmten Plätze Roms – mit einer schlichten barocken Kirche direkt gegenüber, einem kreisrunden, schmucklosen Brunnen in der Mitte und einer einzelnen Trattoria, die jetzt, am frühen Abend, recht gut frequentiert war. Trastevere unterschied sich von den meisten anderen Stadtteilen Roms, ähnelte mit seinen engen Gassen eher kleineren historischen Städten wie Perugia oder Viterbo und erhielt durch Streetart aus Graffiti, Postern und Stickern zudem einen angenehm alternativen Touch, der Diana sehr sympathisch war. Die Kommissarin zog an ihrer Kippe, stieß den Rauch dann hinaus in die noch junge Nacht. Leicht verzerrt drangen die Stimmen der Gäste und Passanten zu ihr hinauf, im Wasser des Brunnens spiegelte sich der Halbmond …

Genau wie letzten Sommer, am Ufer der Spree mit Sabine, die Arme fest umeinandergeschlungen, ein Körper, Kopf an Kopf, ein Denken, ein Wollen …

Scheiße, nein. Sie durfte sich nicht von den Erinnerungen einholen lassen. Es brachte nichts, nichts außer Schmerzen und keine Antworten, genauso wenig wie in den letzten zwölf Monaten. Es war nun schon so lange her, und doch … Die sommerliche Wärme, die helle Nacht, es war alles so gleich, und sie konnte nicht anders, als so zu fühlen wie damals.

War es denn wirklich eine Illusion gewesen? Niemals echt? Wie hatte es von einem Tag zum nächsten enden können? Was hatte sie getan? Warum nur? Warum?

Diana warf die erloschene Zigarette hinunter auf die Straße, klammerte sich mit beiden Händen so fest an die Fensterbank, dass ihre Fingergelenke weiß hervortraten. Sie war weit weg von Berlin. Sie war auf niemanden angewiesen. Und sie hatte eine Aufgabe. Konzentrier dich auf deinen Job, Kommissarin.

Sie lehnte den Fensterladen an, stand kurz unschlüssig neben dem Bett, auf dem ihr halb ausgepackter Koffer mit Sommerkleidung lag. Was tun mit dem Rest des Abends? Ja, sie war erschöpft, aber allein in dem kleinen Apartment zu hocken – allein mit ihren Gedanken –, das war keine Perspektive. Außerdem hatte sie den ganzen Tag noch nichts Warmes gegessen, und ihr Magen knurrte. Sie könnte hinuntergehen in die kleine Trattoria, die eigentlich recht gemütlich aussah. Ein wenig unter Leuten sein, dabei über den Fall nachdenken … Ja, das schien eine gute Option.

Diana griff nach ihrer Lederjacke und steckte ihr Portemonnaie in die Innentasche. Sie machte einen ersten Schritt Richtung Tür – und zuckte zusammen, als es im selben Moment klingelte. Wer konnte …? Nein. Dumme Frage.

Diana legte die Jacke aufs Bett, ging zur Tür und begrüßte ihren Besucher schon beim Öffnen.

»Buona sera, commissario.«

Fiorentini wirkte nicht überrascht. Er lächelte.

»Haben Sie noch keine anderen Freunde in Rom?«

Diana musterte ihn herausfordernd.

»Habe ich Freunde in Rom?«

Der Commissario nickte.

»Ja.« Er hob seine rechte Hand. »Ecco.«

Diana betrachtete übertrieben skeptisch die beiden Pizzaschachteln, die sie natürlich schon vorher aus dem Augenwinkel wahrgenommen hatte.

»Pizza«, bemerkte sie trocken. »Das ist ein Freundschaftsdienst?«

»Mehr noch«, erwiderte Fiorentini. »Ich halte Sie davon ab, ein Verbrechen zu begehen.«

Die Kommissarin legte fragend den Kopf schief.

»In der furchtbaren Trattoria da unten auf der Piazza zu essen.«

Jetzt musste auch Diana lächeln.

»Würden Sie mich verhaften, wenn ich es täte?«

»Das wäre meine traurige Pflicht.«

»Also ein Polizist und ein Samariter«, hielt die Kommissarin fest. Fiorentini hob seine Linke, die eine Flasche Rotwein hielt.

»Wie die Amerikaner sagen: To protect and to serve

Diana lachte. Natürlich würde sie das Angebot annehmen. Es war genau die Ablenkung, die sie brauchte. Nur ein kleiner Schachzug noch.

»Solange Sie nicht so amerikanisch sind, eine Pizza Hawaii mitzubringen …«

Fiorentini reagierte mit ehrlicher Entrüstung auf den Kommentar, den viele Italiener als tödliche Beleidigung empfinden würden.

»Also bitte!«, stieß er aus.

Diana grinste, trat zur Seite und machte den Weg frei.

»Komm rein.«

Autor