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Nachtschwärmerin

Als Buch hier erhältlich:

Ein Roman über die schlimmsten Seiten einer Gesellschaft und den Kampf einer jungen Frau für alle, die sie liebt

Die siebzehnjährige Kiara lebt mit ihrem älteren Bruder Marcus in einem heruntergekommenen Apartment in East Oakland, Kalifornien. Die beiden Geschwister haben die Highschool ohne Abschluss verlassen und sind ohne ihre Eltern auf sich allein gestellt. Kiara versucht verzweifelt, Arbeit zu finden, um die Miete zu bezahlen. Doch niemand gibt einer Minderjährigen einen Job. So landet sie schließlich in der Prostitution. Ihr einziger Lichtblick ist der zehnjährige Nachbarssohn Trevor, um den sie sich hingebungsvoll kümmert. Bis ihr Name im Rahmen eines Skandalprozesses gegen die Polizei genannt wird. Sagt Kiara dort aus, wird sie alle in Gefahr bringen, die sie liebt ...

„Leila Mottley beschreibt die brutalste, herzerweichendste Realität mit der Empfindsamkeit einer Poetin. Das ist ein elektrisierendes Debüt.“
—Dave Eggers, Autor von Every

„Das wird eines der großen Bücher von 2022.“
Stylist (UK)

„Leila Mottleys Sprache rüttelt auf und fließt wie heiße Lava, beschreibt wunderbar intelligent ein Oakland mit seiner unkontrollierbaren städtischen Leuchtkraft … Nachtschwärmerin, jede Seite zum Bersten gefüllt, muss man einfach verschlingen.“
—Tommy Orange, NYT Bestseller-Autor von Dort dort

„Ich muss einfach sagen, Nachtschwärmerin, geschrieben von einem amerikanischen Teenager, ist das fesselndste Buch meines Lebens. Doch selbst das klingt irgendwie fast zu spröde, wenn man bedenkt, wie Leila Mottley uns in die Körper, in die Stadt und in eine Nation hineinzieht, die auf dem beschwerlichen Weg zur Befreiung verzehrt wird und sich gleichzeitig im Dauerlauf dem unausweichlichen Scheitern nähert. Nachtschwärmerin ist eine glühend heiße, unglaublich lesenswerte Story, die tatsächlich auf jeder Seite eine geschriebene Provokation darstellt. Seid bereit. Oder auch nicht. Es ist egal. Leila Mottley ist hier.“
—Kiese Laymon, Autor von Heavy

„Leila Mottley besitzt eine außerordentliche Gabe. Sie schreibt mit der Ergebenheit und der Aufgeregtheit eines Kindes, aber mit dem Können und der Tiefsinnigkeit einer erfahrenen, routinierten Erzählerin.“
—James McBride, NYT Bestseller-Autor von Der heilige King Kong und Gewinner des National Book Award für Das verrückte Tagebuch des Henry Shackleford

„Mit seiner kraftvollen Poesie und einer mutigen, schonungslosen Sichtweise ist Nachtschwärmerin mehr als nur ein hervorragender Debütroman. Es ist der Beitrag dieser begabten jungen Autorin, eine kaputte Welt zu heilen.“
—Ruth Ozeki, Bestseller-Autorin von The Book of Form and Emptiness

„Leila Mottleys eindrucksvolles Debüt, inspiriert von den Erlebnissen einer jungen Frau, die um ihren Körper und ihre Seele kämpft und sich vor verzehrender Ausbeutung zu schützen versucht, ist feurig und verschlingend, voller elektrisierender Dringlichkeit, geschrieben von einer jungen wahnsinnig talentierten Autorin.“
—Ayana Mathis, NYT Bestseller-Autorin von Zwölf Leben

„Während die Geschichte von sexueller Gewalt, Polizei-Korruption und vorurteilsbelasteter Rechtsprechung von authentischen Begebenheiten in Oakland inspiriert wurde, ist es Kiaras intensives, schmerzvolles Erleben, beschrieben in einer wunderbaren poetischen Sprache, das diese unterprivilegierte Gesellschaft antreibt und ausgebeutete Frauen dazu bringt, schlicht um ihr Überleben zu kämpfen … Die scharfsinnigen Beobachtungen sind umso bemerkenswerter, wenn man bedenkt, dass die Autorin selbst ein chancenreicher Oakland-Teenager ist. Plot, shmot – kurz gesagt, das hier ist eine ereignisreiche, intensiv geschriebene Story, so erbarmungslos real, dass es die Seele eines Mädchens erschüttert.“
Kirkus Reviews *starred review*


  • Erscheinungstag: 26.04.2022
  • Seitenanzahl: 416
  • ISBN/Artikelnummer: 9783753000589

Leseprobe

FÜR OAKLAND UND SEINE MÄDCHEN

Der Swimmingpool ist voller Hundescheiße, und bei Sonnenaufgang verhöhnt uns Dees Gelächter. Ich habe ihr schon die ganze Woche gesagt, dass sie wie der Crackhead aussieht, der sie ist, wenn sie immerzu über denselben Witz lacht, als würde er sich verändern. Dee schien es nichts auszumachen, als ihr Freund sie verließ, schien es nicht einmal zu kümmern, als er letzten Dienstag am Pool auftauchte, nachdem er alle Mülltonnen in der Nachbarschaft nach in Plastiktüten steckendem Kot abgesucht hatte. Um drei Uhr morgens hörten wir die Platscher, gefolgt von seinem Gebrüll über Dees untreuen Arsch. Aber vor allem hörten wir Dees Gackern, das uns daran erinnerte, wie schwer das Schlafen fällt, wenn man die eigenen Schritte nicht von denen der Menschen in den Nachbarwohnungen unterscheiden kann.

Seit ich hier bin, hat nie jemand von uns einen Fuß in den Pool gesetzt, vielleicht weil Vernon, der Vermieter, ihn noch kein einziges Mal saubergemacht hat, vor allem aber, weil niemand uns je beibrachte, wie man das Wasser genießt, wie man schwimmt, ohne nach Luft zu schnappen, wie man das eigene Haar liebt, wenn es verfilzt und chlorgetränkt ist. Die Vorstellung zu ertrinken macht mir allerdings keine Angst, da wir sowieso aus Wasser bestehen. Das ist im Grunde so, als würde der eigene Körper von sich selbst überlaufen. Ich glaube, ich würde lieber auf diese Art sterben, als benebelt auf dem Fußboden einer dreckigen Wohnung, während mein Herz sich beim Pumpen verausgabt und dann stehen bleibt.

An diesem Morgen ist irgendwas anders. Wie Dees Lachen sich zu einem hohen Kreischen steigert, ehe es in Gebrüll umschlägt. Als ich die Tür aufmache, steht sie am Geländer, wie immer. Nur blickt sie heute auf die Wohnungstür statt auf das Wasser, und der Pool beleuchtet sie von hinten, sodass ich ihr Gesicht nicht sehen kann, sondern nur ihre Wangenknochen, die unter ihren hohlen Wangen wie Äpfel auf und ab hüpfen. Ich mache die Tür wieder zu, ehe sie mich sieht.

Manchmal strecke ich morgens den Kopf durch Dees unverschlossene Tür, nur um sicherzugehen, dass sie dahinter immer noch atmet und sich im Schlaf windet. In gewisser Hinsicht machen mir ihre neurotischen Lachanfälle nichts aus, weil sie bedeuten, dass sie noch am Leben ist. Nicht dass es ihr gut geht, nur dass ihre Lungen noch nicht versagt haben. Solange Dee lacht, ist noch nicht alles total im Arsch.

Das Klopfen an unserer Tür ist ein vierfaches Hämmern von zwei Fäusten, und auch wenn ich darauf hätte gefasst sein müssen, mache ich einen Satz zurück. Es ist nicht so, als hätte ich nicht gesehen, wie Vernon seine Runde dreht, oder als hätte ich den Flyer nicht bemerkt, der an Dees Tür nach oben flatterte und wieder zurücksank, während sie ihn, noch immer gackernd, anstarrte. Ich drehe mich zu meinem Bruder Marcus um, der auf dem Sofa schnarcht, wobei er die Nase bis zu den Augenbrauen kräuselt.

Er schläft wie ein Säugling, zieht ständig Gesichter und hält den Kopf so geneigt, dass ich sein Profil erkennen kann, auf dem das Tattoo straff und glatt bleibt. Marcus hat sich direkt unter seinem linken Ohr meinen Fingerabdruck tätowieren lassen, und wenn er lächelt, kann ich nicht anders als hinzusehen, als wäre es ein weiteres Auge. Nicht dass er oder ich in letzter Zeit viel gelächelt hätten, aber das Bild davon – die Erinnerung an die sich frisch kräuselnde Tinte neben seinem Grinsen – führt mich immer wieder zu ihm zurück. Lässt mich immer wieder hoffen. Marcus’ Arme sind mit Tätowierungen überzogen, aber mein Fingerabdruck ist die einzige auf seinem Hals. Er erzählte mir, sie sei die schmerzhafteste gewesen, die er je bekommen habe.

Er ließ sich das Tattoo an meinem siebzehnten Geburtstag stechen, und ich glaubte zum ersten Mal, dass er mich womöglich mehr liebt als alles andere, sogar mehr noch als seine eigene Haut. Aber heute, drei Monate vor meinem achtzehnten Geburtstag, fühle ich mich nackt und entblößt, wenn ich den zitternden Fingerabdruck am Rand seines Kieferknochens betrachte. Sollte Marcus blutend auf der Straße enden, wäre es mithilfe meiner Spur auf seinem Körper leicht, ihn zu identifizieren.

Ich greife nach dem Türknauf und murmele: »Ich mach schon«, als würde Marcus jemals so früh am Morgen seine Füße auf den Boden stellen. Von der anderen Seite der Wand dringt Dees Gelächter in meinen Gaumen wie Salzwasser, wird direkt von meinen Schleimhäuten absorbiert. Ich schüttele den Kopf und wende mich erneut der Tür zu, meinem eigenen Zettel, der dort nachlässig auf die orange Farbe geklebt wurde. Man braucht keinen dieser Zettel zu lesen, um zu wissen, was darauf steht. Alle haben einen bekommen und ihn auf die Straße geworfen, als könnten sie dessen Härte mit einem Schulterzucken abtun. Die Schrift ist fett und unerbittlich, Zahlen, die auf dem Blatt erstarrt sind und im Geruch der Industriedruckertinte verharren, zweifellos von einem Stapel Papiere genommen, die genauso toxisch und schief aufgehängt sind wie dieses, das an der Tür der Einzimmerwohnung klebt, die seit Jahrzehnten von meiner Familie bewohnt wird. Wir wussten alle, dass Vernon ein Verräter ist und dieses Haus nicht länger behalten würde, als er müsste, während die Taschen voller Geld durch Oakland ziehen, auf der Suche nach weiteren von uns, die sie aus dem Inneren der Stadt kratzen können.

Die Zahl an sich wäre gar nicht so beängstigend, wenn Dee sich darüber nicht kaputtlachen würde, bis sie sich in einem Anfall krümmt und damit jede einzelne Null in meiner Magengrube zementiert. Ich drehe den Kopf in ihre Richtung und brülle über den Wind und die morgendlichen Laster hinweg: »Hör auf zu lachen oder geh wieder rein, Dee. Scheiße.« Sie bewegt den Kopf ein paar Zentimeter, um mich anzustarren, lächelt dann breit, wobei sie den Mund so weit aufreißt, dass er ein vollständiges Oval bildet, und gackert weiter. Ich reiße die Mitteilung über die Mieterhöhung von der Tür und kehre in unsere Wohnung zurück, wo Marcus seelenruhig auf dem Sofa schnarcht.

Er liegt da und schläft, während diese ganze Wohnung über mir zusammenbricht. Wir halten uns ohnehin nur gerade so über Wasser, sind schon ein paar Monate im Rückstand mit der Miete, und Marcus hat keinerlei Einkünfte. Ich bettele um Schichten im Spirituosenladen und zähle die Cracker, die noch im Schrank stehen. Wir besitzen nicht einmal Geldbeutel, und während ich Marcus anblicke, sein wie unter einem Schleier liegendes Gesicht, wird mir klar, dass wir aus dieser Sache nicht herauskommen werden wie beim letzten Mal, als unsere Welt zerbrach, mit einem leeren Fotorahmen, wo einst Mama war.

Ich schüttele den Kopf beim Anblick seines Körpers, der so groß ist, dass er den ganzen Raum einnimmt, dann lege ich ihm das Mieterhöhungsschreiben mitten auf die Brust, damit es mit ihm zusammen atmet. Auf und ab.

Da ich Dee nun nicht mehr höre, ziehe ich meine Jacke an, schlüpfe nach draußen und lasse Marcus zurück, um irgendwann beim Aufwachen einen zerknitterten Zettel und mehr Sorgen vorzufinden, als er auch nur versuchen wird zu bewältigen. Ich laufe entlang des Geländers die Wohnungen ab, bis ich Dees Tür erreiche und sie öffne. Dee ist da, hat es irgendwie geschafft einzuschlafen, und liegt nun zuckend auf ihrer Matratze, nachdem sie noch wenige Minuten zuvor herumgebrüllt hat. Ihr Sohn Trevor sitzt auf einem Hocker in der kleinen Küche und isst eine Billigversion von Cheerios direkt aus der Schachtel. Er ist zehn, und ich kenne ihn seit seiner Geburt, habe dabei zugesehen, wie er zu dem schlaksigen Jungen von heute aufgeschossen ist. Er kaut geräuschvoll seine Frühstücksflocken und wartet darauf, dass seine Mutter aufwacht, auch wenn es vermutlich Stunden dauern wird, ehe ihre Augen sich wieder öffnen und ihn mehr als nur verschwommen wahrnehmen.

Ich trete ein, gehe leise auf ihn zu, hebe seinen Rucksack vom Fußboden und halte ihn ihm hin. Er grinst mich an, wobei in den Lücken zwischen seinen Zähnen zerkaute Cheerio-Stückchen aufblitzen.

»Junge, du musst in die Schule. Mach dir keinen Kopf wegen deiner Mama, komm schon, ich bring dich.«

Trevor und ich verlassen die Wohnung, seine Hand in meiner. Seine Handfläche fühlt sich an wie Butter, weich und bereit, in der Hitze meiner Hand zu schmelzen. Wir laufen über die in mittlerweile abblätterndem Lindgrün gestrichene Metalltreppe ganz nach unten ins Erdgeschoss, vorbei am Scheißepool und durch das Metalltor, das uns direkt auf die High Street ausspuckt.

Die High Street ist ein Trugbild aus Zigarettenstummeln und Spirituosenläden, ein geschwungener Pfad zwischen Drugstores und Erwachsenenspielplätzen, die sich als Straßenecken tarnen. Auf ihr herrscht eine kindliche Atmosphäre, sie erscheint wie die perfekte Umgebung für eine Schnitzeljagd. Niemand weiß genau, wann die Nachbarschaften wechseln, auf dem ganzen Weg bis hoch zur Brücke, aber da ich noch nie bis dahin gekommen bin, kann ich nicht sagen, ob man dort auch am liebsten hüpfen möchte, wie auf unserer Seite. Sie erfüllt und enttäuscht alle Erwartungen mit ihren Bestattungsunternehmen und Tankstellen, die Straße gesprenkelt mit Häusern, aus deren Fenstern es gelb leuchtet.

»Mama meint, Ricky kommt nicht mehr, also hab ich die Frühstücksflocken ganz für mich allein.«

Trevor lässt seine Hand aus meiner gleiten und schlendert beschwingten Schrittes voran. Während ich ihm zusehe, denke ich, dass wohl niemand außer Trevor und mir versteht, was es bedeutet, die eigene Bewegung zu spüren, also sie wirklich wahrzunehmen. Manchmal glaube ich daran, dieses kleine Kind könnte mich davor bewahren, von unserem grauen Himmel verschluckt zu werden, aber dann fällt mir ein, dass auch Marcus einmal so klein gewesen ist und dass wir alle irgendwann aus uns selbst herauswachsen.

Wir lassen Royal-Hi Apartments hinter uns, biegen links ab und laufen weiter. Ich folge Trevor, überquere nach ihm die Straße, wobei er die Ampel und den Verkehr ignoriert, da er weiß, dass alle für ihn anhalten, für diese glänzenden Augen und diesen Sprint. Seine Bushaltestelle liegt auf der Straßenseite, von der wir gerade herübergewechselt sind, aber er läuft gern auf der Seite, auf der sich unser Park befindet, in dem die Teenager jeden Morgen Bälle in Körbe ohne Netze werfen, auf dem Platz gegeneinanderprallen und Hustenanfälle bekommen. Trevor wird langsamer und folgt mit seinen Blicken dem heutigen Morgenspiel. Es sieht nach Mädchen gegen Jungs aus, und niemand gewinnt.

Ich greife nach Trevors Hand und ziehe ihn weiter. »Du verpasst den Bus, wenn du dich nicht beeilst.«

Trevor lässt sich hinterherschleifen und verdreht den Kopf, um zu sehen, wie der Ball auf und ab rotiert und zwischen Händen und Körben quietscht.

»Glaubst du, die würden mich mitspielen lassen?« Trevors Gesicht verzieht sich, als er ehrfürchtig die Wangen nach innen zieht.

»Heute nicht. Weißt du, die müssen keinen Bus kriegen, und deine Mama würde nicht wollen, dass du hier draußen in der Kälte bist und den Unterricht verpasst.«

Der Januar in Oakland bringt eine seltsame Art von Kälte mit sich. Die Luft ist frisch, eigentlich nicht großartig anders als in all den anderen Monaten, in denen die Wolken alles Blau verdecken und es nicht kalt genug ist, um eine dicke Jacke zu brauchen, aber zu kalt, um viel Haut zu zeigen. Trevors Arme sind nackt, also schüttele ich mir die Jacke von den Schultern und lege sie um seine. Ich greife nach seiner anderen Hand, und wir gehen weiter, nun nebeneinander.

Wir hören den Bus um die Kurve kommen, ehe wir ihn sehen, und ich drehe mich rasch um, damit ich die Nummer erkennen kann, während diese riesige grüne Masse in unsere Richtung rumpelt.

»Lass uns rübergehen, komm schon, beweg deine Beine.«

Ohne auf den Verkehr zu achten, rennen wir über die Straße, während der Bus auf uns zurast und dann an der Haltestelle ranfährt. Ich schiebe Trevor nach vorn, in die Schlange, die vom Bordstein in den geöffneten Schlund des Busses schlurft.

»Lies heute ein Buch, okay?«, rufe ich ihm zu, als er einsteigt.

Er dreht sich zu mir um und hebt seine kleine Hand gerade hoch genug, dass es ein Winken zum Abschied sein könnte oder ein Salut oder ein Junge, der sich die Nase abwischen will. Ich sehe zu, wie er verschwindet und wie der Bus sich wieder aufrichtet, ächzt und davonfährt.

Ein paar Minuten später hält mein eigener Bus quietschend vor mir an. Ein in der Nähe wartender Mann trägt eine Sonnenbrille, die er bei diesem trüben Wetter nicht braucht, und ich lasse ihn zuerst einsteigen und folge dann, sehe mich um, finde aber keinen freien Platz, weil es Donnerstagmorgen ist und wir alle irgendwohin müssen. Ich zwänge mich zwischen den Körpern hindurch und finde im hinteren Bereich eine Lücke, wo ich mich hinstelle und an der Metallstange festhalte, während ich darauf warte, dass das Fahrzeug mich nach vorn schleudert.

In den zehn Minuten, die es dauert, um die andere Seite von East Oakland zu erreichen, lasse ich mich vom Bus einlullen, der mich vor und zurück schaukelt, wie ich mir vorstelle, dass eine Mutter ihr Kind schaukelt, wenn sie noch geduldig genug ist, um es nicht zu schütteln. Ich frage mich, wie viele dieser anderen Menschen, das Haar unter ihre Mützen geschoben, das Gesicht in alle möglichen Richtungen von Falten durchzogen wie die Karte eines Bahnnetzes, heute Morgen beim Aufwachen eine taumelnde Welt und einen Zettel vorgefunden haben, der nicht mehr bedeuten sollte, als dass irgendwo ein Baum gefällt wurde, und zwar in so weiter Ferne, dass es einem am Arsch vorbeigehen kann. Beinahe verpasse ich den Moment, um am Draht zu ziehen und die Tür aufzudrücken, hinter der mich die frische Oaklandluft und der entfernte Geruch von Öl und Maschinen von der Baustelle gegenüber von La Casa Taquería erwarten.

Ich steige aus dem Bus und nähere mich dem Gebäude mit den getönten Fensterscheiben, die das Innere vor Blicken schützen, und der vertrauten blauen Markise. Ich drücke den Türgriff des Restaurants nach unten, öffne die Tür und rieche sofort etwas Aufdringliches in der Dunkelheit des Lokals. Die Stühle stehen umgedreht auf den Tischen, aber der Raum ist lebendig.

»Machst du das Licht jetzt nicht mehr für mich an?«, rufe ich in dem Wissen, dass Alé nur wenige Meter entfernt steht, was sich in der Finsternis jedoch weiter weg anfühlt. Sie tritt aus einem Türrahmen, ihr Schatten tastet nach dem Lichtschalter, und wir sind erleuchtet.

Alejandra hat seidiges schwarzes Haar, das ihr aus dem Knoten auf ihrem Kopf quillt. Ihre Haut ist ölig und feucht vom Schweiß aus der Küche, in der sie die letzten zwanzig Minuten verbracht hat. Ihr weißes T-Shirt konkurriert mit Marcus’ Shirts um den Titel des übergrößten und unscheinbarsten und lässt sie auf eine Weise jungenhaft und cool aussehen, wie es mir niemals gelingen würde. An allen Stellen ihres Körpers lugen ihre Tätowierungen hervor, und manchmal denke ich, sie sei ein Kunstwerk, aber dann beginnt sie sich zu bewegen, und ich werde wieder daran erinnert, wie wuchtig und plump sie mit ihren großen Schritten ist.

»Du weißt, dass ich dich ohne Weiteres hier rausschmeißen könnte.« Alé kommt näher und sieht aus, als wollte sie einen Handschlag performen wie ein schwarzer Mann, bis ihr bewusst wird, dass ich nicht mein Bruder bin, und sie stattdessen die Arme ausbreitet. Ich bin fasziniert von ihr, von der Art, in der sie den Raum genauso ausfüllt wie dieses schlaffe Shirt. Hier lehne ich mich an den vertrautesten Ort, an dem ich je existiert habe, ihre Brust an meinem Ohr, warm und pochend.

»Ich hoffe, du hast da drin was zu essen«, sage ich zu ihr, reiße mich los und mache kehrt, um in die Küche zu stolzieren. Vor Alé schwinge ich beim Gehen gern meine Hüften, damit sie mich ihre chava nennt.

Mit funkelndem Blick sieht Alé mir zu. Dann beginnt sie im selben Augenblick wie ich in Richtung Küchentür zu hasten, wir rennen, schieben einander weg, um uns durch den Türrahmen zu quetschen, lachen, bis uns die Tränen kommen, und breiten uns auf dem Fußboden aus, während wir auf die Glieder der anderen steigen, ohne uns um die blauen Flecken zu scheren, mit denen wir morgen übersät sein werden. Alé gewinnt und steht bereits am Herd, um Essen in Schüsseln zu schöpfen, während ich noch schwer atmend auf den Knien sitze. Als ich aufstehe, kichert sie verschmitzt und reicht mir eine Schüssel und einen Löffel.

»Huevos rancheros«, sagt sie, während ihr der Schweiß von der Nase tropft.

Es ist heiß und dampfend, tiefrot mit Eiern obendrauf.

Alé kocht mindestens einmal in der Woche für mich, und wenn Marcus dabei ist, fragt er sie jedes Mal, was es ist, egal wie oft sie es schon zubereitet hat. Sie zu verarschen macht ihm genauso viel Spaß, wie offbeat zu rappen und Leute zu bequatschen.

Ich hüpfe auf die Küchentheke, spüre vage, wie etwas in meine Jeans sickert, und ignoriere es. Ich schaufele mir das Essen in den Mund, lasse die Hitze von meiner Zunge Besitz ergreifen und beobachte Alé, die mir gegenüber den Rücken an den Herd gelehnt hat, während der Dampf aus unseren Schüsseln nach oben steigt und an der Decke eine Wolke bildet.

»Hast du schon einen Job gefunden?«, fragt mich Alé, ihr Mund mit Sauce beschmiert, als hätte sie über die Ränder ihrer Lippen gemalt.

Ich schüttele den Kopf, stecke einen Finger in die Schüssel und lecke ihn ab. »Ich bin überall in dieser Stadt gewesen, aber die hängen sich alle dermaßen an der Highschoolabbrecherinnen-Sache auf, dass sie mich noch nicht einmal anschauen wollen.«

Alé schluckt und nickt.

»Das Schlimmste ist, dass Marcus nicht mal den Arsch hochkriegt und sich bemüht.«

Sie verdreht die Augen, sagt aber nichts, als würde ich es nicht mitbekommen.

»Was?«, frage ich.

»Ach, weißt du, er tut eben, was er kann, und es ist ja erst ein paar Monate her, dass er seinen Job gekündigt hat. Er ist auch noch jung, da kann man ihm doch nicht vorhalten, dass er keine Lust hat, die ganze Zeit nur zu arbeiten, und euch geht’s doch erst mal gut, wenn du an ein paar Tagen die Woche Schichten im Schnapsladen übernimmst. Du brauchst mit dem Scheiß jetzt nicht wieder anzufangen.« Sie spricht mit vollem Mund, während ihr die rote Sauce aus dem Mundwinkel rinnt.

Ich springe von der Theke und merke, wie durchnässt meine Jeans tatsächlich ist. Ich knalle meine Schüssel auf den Tisch, höre sie klirren und wünschte, sie wäre zerbrochen. Alé hat aufgehört zu essen und beobachtet mich, während sie sich ihre Kette um den Finger wickelt.

Sie macht ein leises Geräusch, wie ein Gurgeln im Rachen, das sich in ein Husten verwandelt.

»Fick dich!«, spucke ich aus.

»Komm schon, Kiara. Lass das doch. Heute ist Beerdigungstag, wir sollten auf der Straße tanzen, aber du willst hier eine verdammte Schüssel kaputtmachen, weil du sauer darüber bist, dass du keinen Job hast? Die meisten von uns hier mühen sich ab, irgendeine Arbeit zu finden. Du bist nichts Besonderes.«

Ich blicke zwischen ihr und dem Fußboden hin und her. Ihr verschwitztes Shirt klebt an ihrer Haut. In diesen Augenblicken erinnere ich mich daran, dass Alé ihre eigene Welt ohne mich hatte, dass es eine Zeit vor mir gab und vielleicht auch eine nach mir geben wird. Trotzdem werde ich nicht weiter in dieser dampfenden Küche herumstehen, während die einzige Person, die irgendein Recht hat, meinen Namen auszusprechen, sich weigert zu bemerken, wie kurz davor ich bin zusammenzubrechen und mich selbst aufzugeben wie Dee.

Alé macht einen Schritt nach vorn, ergreift mein Handgelenk und blickt mich an, als wollte sie sagen: Tu das nicht. Ich schiebe mich bereits aus der Tür, meine Beine verraten meinen Atem, bewegen sich schnell. Sie ist hinter mir, streckt die Hand aus und verfehlt meinen Ärmel, versucht es erneut und bekommt endlich den Stoff zu fassen. Ich werde herumgewirbelt, und ihr Gesicht ist viel zu nah und blickt mich an mit all dem Mitleid von jemandem, der seine Stimme gefunden hat, gegenüber einer Sprachlosen. Ich habe mich schon öfter von ihr retten lassen, als ich Marcus vergeben habe, und beinahe erkenne ich ihr leichtes Zittern unter ihrem Shirt.

Ihre Lippen bewegen sich kaum, als sie wiederholt: »Es ist Beerdigungstag.«

Alé sagt das, als würde es irgendetwas bedeuten, wenn ihre Fingernägel kurz sind und nach Koriander riechen, während meine scharf und gefährlich sind. Aber dann kräuselt sich ihr Kinngrübchen, und sie ist alles für mich.

»Du begreifst es nicht«, erwidere ich in Gedanken an den Zettel, der an diesem Morgen an unserer Tür hing. Ihr Gesicht zieht sich zusammen.

Ich schüttele den Kopf und versuche damit jeden Ausdruck wegzuwischen, der sich auf meinem Gesicht festgesetzt haben mag. »Egal.« Ich atme aus, und Alé runzelt die Stirn, aber ehe sie weiter mit mir streiten kann, strecke ich die Hand nach der empfindlichen Stelle an ihrer Seite aus und kitzele sie. Sie kreischt und lacht dieses überraschend mädchenhafte Lachen, das sie von sich gibt, wenn sie Angst hat, ich könnte sie erneut kitzeln, und ich lasse sie los. »Gehen wir jetzt, oder was?«

Alé legt mir schwungvoll einen Arm um die Schultern und zieht mich mit sich aus der Tür, in Richtung Bushaltestelle. Wir kommen an der Baustelle vorbei und fangen unwillkürlich an zu joggen, bis wir auf einmal sprinten, ein Wettrennen die Straße hinunter, ohne uns beim Überqueren nach Autos umzusehen, den Singsang der Hupen im Schlepptau.

Joy Funeral Home ist eins der vielen Todeshotels in East Oakland. Es steht an der Ecke Seminary Avenue und irgendeiner andere Straße, deren Namen zu lernen sich niemand die Mühe macht, und heißt dort einen Leichnam nach dem anderen willkommen. Alé und ich gehen alle paar Monate hin, wenn wieder neue Angestellte da sind, weil die davor keine einzige Begegnung mit einem Leichnam neben einer Platte Safeway-Käse mehr ertragen konnten. Wir sind auf genug Beerdigungen gewesen, um zu wissen, dass niemand Trauerndes Lust auf gottverdammten Käse hat.

Alé und ich laufen hoch zum MacArthur Boulevard, nehmen den NL-Bus, in den wir mit Clipper Cards steigen, die wir aus dem Fundbüro einer Grundschule gestohlen haben. Der Bus ist so gut wie leer, weil wir jung und dumm sind, während alle anderen an einem Schreibtisch in irgendeinem Techgebäude sitzen, auf einen Bildschirm starren und wünschen, sie könnten die Luft schmecken, wenn sie frisch und ruhig ist. Wir müssen nirgendwohin, und das gefällt uns.

Alé gehört zu den Glücklichen. Das Restaurant ihrer Familie ist eine feste Größe im Viertel, und auch wenn sie sich nicht mehr leisten können als die kleine Wohnung über dem Lokal, hat sie keinen einzigen Tag in ihrem Leben gehungert. Hier draußen existieren alle Abstufungen des Lebendigseins, und jedes Mal, wenn ich sie in den Arm nehme oder sehe, wie sie den Gehweg hinunterskatet, kann ich spüren, wie stark ihr Herzschlag ist. Aber ganz gleich, wie viel Glück man hat, man muss immer noch tagein, tagaus schuften, um am Leben zu bleiben, während man mit ansieht, wie jemand anderes aus dem sozialen Netz fällt und die Asche in der Bucht verstreut wird.

Donnerstag und Sonntag sind die einzigen Tage, an denen Alé mit mir durch die Stadt zieht. Normalerweise bleibt sie im Restaurant und hilft ihrer Mutter, steht am Herd oder bewirtet Gäste. Wenn ich einsam bin, komme ich ihr dabei zusehen und beobachte, wie sie stundenlang nonstop schwitzen kann, ohne sich auch nur zu bewegen.

Ich starre auf Alé, die aus dem Fenster sieht, während der Bus uns gegen- und dann wieder auseinanderwirft. Als wir vor einer roten Ampel halten, stößt sie mich mit dem Ellbogen an.

»Die versuchen echt, Obama durch diese Frau zu ersetzen.« Sie nickt in Richtung des ins Fenster eines Haushaltswarenladens geklebten Plakats mit dem faltigen, lächelnden Gesicht Hillary Clintons darauf. Bis zur Wahl dauert es noch mehr als ein Jahr, aber es hat bereits begonnen: all die Gerüchte und das Gerede und zugleich die Demos und Proteste und das Erschießen von schwarzen Männern. Ich schüttele den Kopf, während der Bus anfährt, dann richte ich den Blick wieder auf Alé.

»Du trägst ja nicht mal Schwarz, Mädchen, was ist los?«, will ich wissen.

Sie trägt noch immer ihr weißes Shirt und Shorts.

»Du doch auch nicht.«

Bei ihren Worten blicke ich an mir herunter auf mein eigenes graues Shirt zu schwarzen Jeans. »Zumindest zur Hälfte.«

Alé lacht leise. »Das ist eine Beerdigung in der hood. Da fragt keiner, was wir anhaben.«

Und plötzlich kichern wir beide, weil sie recht hat und uns das klar gewesen sein muss, da wir noch nie in irgendetwas anderem als Jeans und fleckigen T-Shirts auf Beerdigungen aufgetaucht sind, außer als vor zwei Jahren Alés abuelo starb und wir seine Hemden trugen, die vom Alter vergilbt waren und nach Zigaretten und Lehm aus dem tiefsten, fruchtbarsten Teil des Bodens rochen. Kein Bestatter hat je den Aufzug der Trauernden infrage gestellt, so wie sie sich auch nicht um Stichwunden kümmern. Auf der Beerdigung meines eigenen Daddys bin ich in einem Tanktop in Neonpink aufgekreuzt, und niemand hat ein Wort darüber verloren.

Mama gab dem Gefängnis die Schuld an Daddys Tod, was bedeutete, dass sie denen die Schuld gab, deretwegen Daddy dort überhaupt erst landete – der Straße. Daddy war kein Gauner oder Dealer, und ich habe ihn nur ein einziges Mal high erlebt, als er mit Onkel Ty am Scheißepool saß und kiffte. Aber das machte keinen Unterschied, weil Mama nur jenen Tag sehen konnte, an dem Daddy abgeholt wurde, wie die Münder seiner Freunde zuckten, als die Cops auftauchten und sie gegen die verputzten Wände stießen. Es machte keinen Unterschied, was sie getan oder nicht getan hatten, weil Mama irgendjemandem, irgendetwas die Schuld geben musste, und sie war zu dünnhäutig, um der Welt an sich die Schuld zu geben, dem Klicken der Handschellen, der Selbstverständlichkeit, mit der die Cops sie ihnen um die Handgelenke legten.

Im San Quentin Prison wurde Daddy krank, er fing an Blut zu pissen und bettelte wochenlang, einen Arzt aufsuchen zu dürfen, das Brennen wurde immer hartnäckiger, bis man es ihm schließlich erlaubte. Der Arzt sagte ihm, es sei wahrscheinlich nur das Essen, so was mache es manchmal mit einem. Er gab Daddy ein paar Schmerztabletten und noch welche namens Alphablocker, damit ihm das Pinkeln leichter fiele. Die Medikamente linderten die schlimmsten Schmerzen, aber ich glaube, Daddy fand noch Jahre nach seiner Entlassung Blut in der Toilette und sagte nie ein Wort. Drei Jahre danach fing sein Rücken dann an, so schlimm wehzutun, dass er kaum noch bis zum 7-Eleven laufen konnte, in dem er arbeitete.

Als seine Beine anschwollen, brachten wir ihn zum Arzt, der meinte, es sei seine Prostata. Der Krebs war bereits so weit fortgeschritten, dass es eigentlich keine Chance auf Besserung gab, also weigerte Daddy sich, als Mama ihn anflehte, zur Chemotherapie und Bestrahlung zu gehen. Er sagte, er wolle ihr keine Schulden von seinen Arztkosten hinterlassen.

Es war ein schneller Tod, der sich langsam anfühlte. Marcus war meist unterwegs, gemeinsam mit Onkel Ty. Ich nehme ihm nicht übel, dass er nicht dabei zusehen wollte. Mama und ich bekamen alles mit, verbrachten jede Nacht Stunden damit, Daddys Körper mit einem feuchten Lappen abzuwischen und ihm vorzusingen. Es war eine Erleichterung, als es endlich vorbei war, vier Jahre nachdem er aus San Quentin entlassen worden war und wir aufhören konnten, mitten in der Nacht aufzuwachen und zu befürchten, nun sei sein Körper kalt geworden. Am Tag der Beerdigung war ich dann zu erschöpft, um mich darum zu scheren, ob ich Schwarz trug, und ein Teil von mir wünschte, ich wäre gar nicht hingegangen, wie Marcus. Der Tod lässt sich ungesehen leichter ertragen.

Der Bus rollt an eine Haltestelle auf der Seminary und spuckt uns aus, so wie die Bucht Salz ausspuckt. Wir springen hinaus auf den Bordstein und warten die paar Momente, in denen er sich wieder aufrichtet und seinen Weg fortsetzt. Die linken Reifen versinken in einer Reihe von Schlaglöchern und kommen mit einer Art Husten wieder heraus.

Alé schlingt ihren Arm um mich und zieht mich an sich, und mir wird bewusst, wie kalt mir gewesen ist ohne meine Jacke oder ihre Brust. Meine Lippen tun weh, und ich denke, sie müssen lila oder fast blau sein, aber als ich am Schaufenster eines Spirituosenladens vorbeikomme, sagt mir mein Spiegelbild, dass sie immer noch pink sind, dieselbe Farbe, die Marcus’ Mund diesen Morgen hatte, als er die Luft einsaugte und schnarchte. Alé und ich laufen nebeneinander, aber in unterschiedlichem Rhythmus. Sie bewegt sich wie der Hulk, mit riesigen Schritten, bei denen jeweils eine Hälfte ihres Körpers voranschreitet und die andere zurückbleibt, während ich neben ihr kleine Schritte mache. Ich lehne mich an sie, und es ist egal, wie wenig wir aufeinander abgestimmt sind, wir bewegen uns trotzdem vorwärts.

Vor dem Joy’s halten wir inne und beobachten, wie die Menschen in verschiedenen Schwarztönen, Grau, Blau, Jeans, Kleidern und Jogginghosen träge durch die Tür strömen, die Köpfe leicht gesenkt. In das Bestattungsunternehmen gelangt man durch eine dunkle Flügeltür, vermutlich aus kugelsicherem Glas, und als Alé mir einen Blick zuwirft, erkenne ich darin den Schatten eines schlechten Gewissens. »Büfett oder Schrank?«, fragt sie mich, ihr Mund immer noch nah genug an meinem Gesicht, dass ich sehen kann, wie ihre Zunge beim Sprechen darin herumschnellt.

»Schrank.«

Wir nicken beide und machen es allen anderen nach: Köpfe gesenkt.

Alé drückt meine Hand einmal, tritt dann vor mir ein und verschwindet hinter dem Glas. Ich warte ein paar Sekunden und ziehe dann ebenfalls die Tür auf.

Sobald ich das Gebäude betrete, fällt mein Blick auf zwei Augenpaare. Wie bei den meisten Beerdigungen starrt mich ein stark vergrößertes Foto der Personen an, die ein paar Meter weiter in ihren Särgen liegen. Hier sind es zwei, aber nur ein Bild, wie eine Miniaturreklametafel. Eine von ihnen ist eine Frau, die Wimpern wie kleine Gespenster hat, die ihre Augen umrahmen, während sie auf das Kind in ihren Armen blickt.

Das Kind ist noch nicht einmal groß genug, um als Kind bezeichnet zu werden. Es ist ein Säugling, eine kleine Person, die in etwas gewickelt ist, das wie eine Tischdecke aussieht, aber tatsächlich ein Strampler ist: rot kariert.

Keine von beiden lächelt, sie sind fasziniert voneinander und erfreuen sich an dem Rausch einer Verbindung, die zu intim ist, um von einer Fremden wie mir beobachtet zu werden. Ich möchte den Blick abwenden, aber die Nase des Säuglings zieht mich in den Bann, sie ist klein und spitz, braun, aber auch leicht gerötet, als wäre das Baby zu lange draußen gewesen. Ich möchte sie warm halten, ihr ihre Farbe zurückgeben, aber sie befindet sich so weit hinter diesem Pappaufsteller, und man kann die Toten nicht wieder zum Leben erwecken, auch wenn sie noch so viel Leben übrig haben. Ich schmecke meine Tränen, bevor ich sie spüre, und das ist der Beerdigungstag: dem Tod begegnen und zu Mittag essen. Weinen vorspielen, bis wir tatsächlich schluchzen. Bis wir allen Geistern in diesem Gebäude die Hand geschüttelt und sie uns die Erlaubnis gegeben haben, ihre Kleidung zu tragen, wie wandelnde Überreste ihrer Leben, oder zumindest möchte ich das Flüstern, das mir beim Weinen den Rücken hinaufkriecht, gern so interpretieren.

Eine Hand legt sich auf meine Schulter, und ich zucke zusammen.

»Sie waren zu jung.« Der Mann hinter mir ist etwa siebzig, das Silber in seinem Bart wirkt zu grell in diesem Raum.

Er trägt Anzug und Krawatte, während ich in meinem Shirt versinke.

»Ja.« Mehr bringe ich nicht hervor, da ich nicht mehr von ihnen kenne als ihre Gesichter und ihre Namen, die ich noch nicht einmal aussprechen kann.

Ich will fragen, wie es passiert ist, wie diese Wesen in einen Sarg geschwemmt wurden, aber es macht keinen Unterschied. Manche von uns haben Restaurants und ausgewachsene Kinder, und andere haben Babys, die nie aus ihren Stramplern herauswachsen. Der Mann entfernt sich mit schwingender Krawatte, und seine Hand hinterlässt einen kalten Abdruck auf meiner Schulter.

Ich gehe an dem Foto vorbei, durch den Korridor bis zur letzten Tür auf dem Flur, die zu einer Kammer voller Kleider und dem Geruch von Bleichmittel und Parfüm führt.

Es ist eine Kammer des Todes, die mich willkommen heißt, als wüsste sie, dass wir verwandt sind. Ich schlängele mich durch die Reihen aus Stoff, fahre mit der Hand über die Kleider und bewege mich auf den hinteren Bereich zu. Ein Blazer ist von seinem Bügel gefallen und liegt Staub ansammelnd auf dem Fußboden. Ich hebe ihn auf, schüttele ihn ein wenig aus und ziehe ihn über mein Shirt. Er ist übergroß auf eine Art, die sich anfühlt, als würde der Stoff einen halten, wie zwei Arme, die sich warm um die eigene Brust schlingen. Ich ziehe ihn nicht mehr aus.

Irgendwo in diesem Gebäude befindet sich Alé bei der öffentlichen Aufbahrung in einer Kapelle, starrt auf die Leichname, verfolgt den Gottesdienst und weint. Mittlerweile steht sie wahrscheinlich im hinteren Teil des Raums bei den Essenstischen, schnappt sich einen Teller und ein paar Servietten, die sie zu füllen beginnt, selbstverständlich diskret, um ihren Schmerz in einem vollen Magen zu begraben. Bald wird sie sich zum Hinterausgang hinausschleichen, Joy’s verlassen und im San Antonio Park auf mich warten.

Ich stöbere weiter durch die Regale auf der Suche nach etwas, was mich an sie erinnert. Ich kann mir Alé in nichts so Förmlichem vorstellen, bis ich einen schwarzen Herrenpullover finde. Am Handgelenk hat er ein einzelnes Loch, eine Einladung zum Mitnehmen, und er ist weicher als alles, was ich je besessen habe, schlicht auf eine Weise, auf die alles schlicht ist, womit Alé sich ausstattet. Sie braucht nichts Ausgefalleneres, mit ihren Tattoos und der Feinheit ihrer Gesichtszüge.

Ich habe meinen Teil nun erledigt, habe uns die Kleidung besorgt, die ich zur Beerdigung meines eigenen Vaters hätte tragen sollen, aber ich will noch nicht gehen. Ich will nicht aus dieser Tür treten und an Menschen mit großen Händen vorbeigehen, die mich kurz berühren und ein summendes Seufzen von sich geben, als würden wir unsere eigenen inneren Erdbeben miteinander teilen und ihnen gemeinsam die Stirn bieten. Ich lasse mich auf den Fußboden gleiten und grabe mich in die Reihen voller Schwarz, wo ich von Dunkelheit umschlossen werde. Es fühlt sich gut an, vor den Blicken verborgen zu sein. Der Beerdigungstag ist ein Tag der Abrechnung, an dem wir Diebe nachahmen, aber eigentlich nur eine Ausrede für unsere Tränen suchen, bis es uns besser geht, dann essen wir, bis wir so satt sind wie nie zuvor, und machen einen Ort zum Tanzen ausfindig. Der Beerdigungstag gehört all unseren früheren Ichs, wir halten unsere eigenen Gedenkfeiern für jene Menschen ab, die wir nie ordentlich beerdigt haben. Aber irgendwann ist die Beerdigung vorbei, und wir müssen alle zurück in die Wirklichkeit, also atme ich ein letztes Mal die Luft in diesem Raum tief ein und stehe dann auf.

Draußen werde ich vom Himmel geblendet. Alles bewegt sich schnell, Autos und Motorräder wirbeln Wind und Staub auf, als hätten sie vergessen, wie man stillsteht. Manchmal weiß ich nicht mehr, wie man seine Beine bewegt, aber mein Körper überrascht mich jedes Mal und bewegt sich trotzdem, bewegt sich ohne meine Erlaubnis. Ich beginne die Straße hinunterzulaufen bis zu dem Park dort, inmitten des Freeways mit seinen Stoppschildern und den kleinen Wohnblöcken, in denen mehr Menschen wohnen als hineinpassen.

Alé sitzt auf einer der Schaukeln, balanciert einen Pappteller auf den Knien, isst jedoch nicht davon. Sie blickt hinauf in den Himmel, der nun mehr Nebel als Wolke ist, und ich glaube, sie lächelt.

Ich gehe den kleinen Hügel zu ihr hinauf, und als ich nah genug dran bin, werfe ich ihr den schwarzen Pulli zu. Er landet vor ihren Füßen. Alé hebt ihn auf, ihr kleines Lächeln breitet sich über ihr ganzes Gesicht aus, denn am Beerdigungstag dürfen wir all die toten Dinge besitzen und all die Pullover wiederbeleben, die bereits an ein Geisterdasein übergeben wurden.

»Da lief Sonny Rollins. In Dauerschleife«, sagt sie, und ihr Lächeln ist eine vertraute Spiegelung meines eigenen Gesichts. Wir achten immer darauf, welche Musik bei der Trauerfeier gespielt wird; sie sagt vielleicht nichts über das verlorene Leben aus, wohl aber über die Menschen, die zurückgeblieben sind.

»Welches Lied?«, frage ich, um es in meinem Trommelfell zu hören, das Heulen des Saxofons, das körnige Geräusch der Stereoanlage meines Daddys tief in einer Erinnerung ohne Kanten, noch ganz rein.

»God Bless the Child.« Sie schüttelt eins ihrer Knie ein wenig, als sie es ausspricht, der Teller kippt leicht.

Ich setze mich auf die Schaukel neben Alé, und sie hebt den Teller mit Essen von ihren Knien auf meinen Schoß. Es gibt Käse und Chips und Sellerie, den sie mit Erdnussbutter bestrichen hat, weil sie weiß, wie sehr ich das liebe. Wir beginnen uns den Bauch vollzuschlagen, schaufeln Essen in uns hinein, kauen geräuschvoll und lassen unsere Kiefer und Zungen und unser Schlucken den Refrain zu Sonnys Jazz bilden, der sich in meinem Kopf wiederholt, wie er es in der Kapelle getan haben muss. Alé und ich sind der Ansicht, dass Beerdigungen entweder die genialsten DJs haben oder als Soundtracks für ein leeres Schauspiel fungieren, als Katalysator für Schluchzer und Abschiedsbriefe.

»Vernon verkauft das Royal-Hi«, sage ich und kaue krachend meinen letzten Chip.

Alé blickt mich abwartend an.

»Die erhöhen die Miete um mehr als das Doppelte.« Ich kann ihr kaum in die Augen sehen, als ich es ausspreche, da es sich anfühlt, als würde ich es mir damit selbst eingestehen. Als könnte es nur allzu real sein.

»Scheiße.«

»Jaa.« Ich blicke in den Himmel hinauf. »Deshalb muss Marcus sich einen Job besorgen.«

Alé greift nach meiner Hand und berührt sie leicht am Handgelenk. Ich frage mich, ob sie meinen Puls spüren kann, ob sie danach sucht. »Was wirst du nun tun?«

»Ich weiß es nicht. Aber wenn uns nichts einfällt, landen wir auf der Straße.«

Ich fange an, meine Beine ungleichmäßig vor und zurück zu bewegen, wobei ich nah am Boden bleibe. Alé holt Papers und eine kleine Dose mit Weedklümpchen aus ihrer Tasche. Ich sehe ihr gern beim Rollen zu, es ist wie meditieren. Dazu der Geruch, wenn er noch süß und unaufdringlich ist, als würde man Zimt mit Mammutbaumholz mischen. Ich habe nie gelernt, wie man es richtig macht, wie man den Joint fest genug rollt, damit er nicht auseinanderfällt, aber locker genug, um atmen zu können. Alé dabei zuzusehen ist besser, es erinnert mich daran, wie meine Mama ihre Kleider zusammenlegte, so fest entschlossen, die Falte genau richtig hinzubekommen.

Sie hält inne, um mir einen Blick zuzuwerfen. »Mach dir keine Sorgen, uns fällt schon was ein.«

Sie streut Weed aus der Dose auf ein Paper, und mir steigt ein Hauch Lavendel in die Nase. Sie nennt das mit Lavendel parfümierte Weed ihre Sonntagsschuhe, und das muss nicht einmal Sinn ergeben, denn wenn ich es einsauge und wieder ausblase, stelle ich mir vor, wie meine Füße in etwas Ruhiges, Heiliges, Lavendelfarbenes gehüllt sind. Sie ist fertig, hält ihr Werk hoch, um es zu begutachten, und lächelt leicht, wobei sie vor Stolz beinahe die Lippen spitzt.

Sie zieht ein Feuerzeug hervor, und ich schütze den Joint mit meiner Hand vor dem Wind. Alés Daumen drückt auf den Anzünder, bis er Funken schlägt und der untere Teil der Flamme den gleichen Blauton hat wie unser Pool vor all der Scheiße. Sie führt die Flamme an die Spitze des Joints, bis dieser schließlich Feuer fängt.

Wir reichen den Joint hin und her, bis er zu klein ist, um ohne zu krümeln zwischen unsere Lippen zu passen. Ich mochte Weed eigentlich noch nie, aber ich fühle mich Alé dadurch näher, also rauche ich mit ihr und versuche so tief in meinem High zu verschwinden, dass es alles ist, was ich spüre.

Alé beginnt mit den Beinen Schwung zu holen, und ich folge ihrem Beispiel, hinauf in den Himmel. Oben angekommen, habe ich das Gefühl, gleich in eine dieser Wolken einzutauchen. Ich blicke hinunter, sehe ein Zelt hinter den Basketballplätzen und einen alten Mann, der an einen Baum pinkelt, ohne sich die Mühe zu machen, erst nachzusehen, ob ihn jemand beobachtet. Ich wäre gern so unbekümmert, so anspruchslos, dass ich an einem Donnerstagmittag in den San Antonio Park pinkeln könnte, ohne auch nur den Blick zu heben.

»Weißt du, was ich mir überlegt habe?«, fragt Alé mich.

Wir befinden uns an entgegengesetzten Enden des Himmels, schwingen aufeinander zu und verpassen uns, und zum ersten Mal an diesem Tag denke ich nicht an den Zettel an unserer Tür, an Marcus’ schlafendes Gesicht oder daran, wie weit Dees Mund aufgeht.

»Was hast du dir überlegt?«

»Niemand repariert mal eine dieser verdammten Straßen.«

Als sie es ausgesprochen hat, fange ich sofort an zu lachen, da ich dachte, sie würde eine philosophische Frage über die Welt mit mir teilen.

»Du hast ja noch nicht mal ein Auto, was juckt es dich also?«, rufe ich zurück, über den Wind und den Raum zwischen unseren Schaukeln hinweg.

Aber noch während ich es ausspreche und dabei auf die Straßen blicke, die sich vom Park ausstrecken wie die Beine einer Spinne, verstehe ich, was sie meint. Brocken von Straßenbelag sitzen neben den Löchern, die sie hinterlassen haben, in denen die Reifen von schrottigen Volkswagen versinken, und eine Sekunde lang weiß ich nicht, ob sie es wieder herausschaffen werden, bis es ihnen gelingt und nur noch das leichte Klappern der Stoßstange auf ihre Not hinweist. All die Löcher in Oakland scheinen niemanden allzu lange festzuhalten, sie vermitteln lediglich die Illusion von Kaputtheit. Aber vielleicht gilt das auch nur für die Autos.

»Denkst du nie darüber nach, dass seit Jahrzehnten keine der Straßen hier in der Gegend erneuert worden ist?« Alé, durch und durch Skaterin, verbringt mehr Zeit damit, in Schlaglöcher hinein- und wieder daraus aufzutauchen, als ich es jemals getan habe.

»Wen interessiert das denn? Die Straßen tun doch niemandem weh.«

»Keinen. Ich meine nur, so ist es nirgendwo sonst, weißt du? Wieso ist der Broadway nicht so aufgerissen? Oder San Francisco? Weil Geld in die Stadt gesteckt wird, genauso wie Geld downtown gesteckt wird. Hast du damit kein Problem?« Alés gesamter Körper hat sich aus ihrer krummen Haltung aufgerichtet, und wir werden nun beide langsamer und kehren aus unserem Himmel zurück.

»Nein. Ich hab kein Problem damit, so wie ich auch kein Problem damit habe, dass Onkel Ty sich einen Maserati und eine Villa unten in L. A. kauft und uns hier draußen alleinlässt. So wie ich auch kein Problem damit habe, dass Marcus in einem Studio Reime ausspuckt, während ich versuche, irgendwie unsere Miete zu bezahlen. Es steht mir nicht zu, ein Problem damit zu haben, wie irgendjemand anderes sich über Wasser hält. Wenn die Stadt Geld kriegt, weil sie dafür bezahlt, dass der Belag in irgendeiner Straße voller reicher Säcke glatt gemacht wird, dann soll sie das ruhig machen. Wenn mir jemand einen Haufen Kohle anbietet, werde ich ganz sicher an niemand anderen denken.«

Ich wackele mit den Zehen in meinen Sonntagsschuhen, während die Schaukel zur Ruhe kommt, und spüre Alés fest entschlossenen Blick auf mir.

»Ich glaube dir kein Wort«, sagt sie.

»Was soll das heißen, du glaubst mir nicht?«

Sie schüttelt den Kopf, da ihr eigenes High sie langsam macht. »Nah, du hast zu viel Herz, um dich kaufen zu lassen, Ki, dafür bist du nicht grausam genug. Ich weiß, dass du Marcus oder Trevor oder mich nicht einfach im Stich lassen würdest, nur um abzukassieren.«

Ich würde gern glauben, dass sie damit falschliegt, aber wenn es so wäre, würde ich den ganzen Tag auf dieser Schaukel bleiben und so high werden, dass ich an nichts anderes denken müsste als an Alés Tattoos und den Zerfall der Straßen, die sich so lange auflösen, bis wir über Staub laufen.

Stattdessen denke ich an Marcus, wie wir früher an Straßenecken Bilder verkauften, die ich auf Pappe gemalt hatte. Es brachte uns kaum genug ein, um neue Farbe zu kaufen, aber Marcus und ich waren dabei zusammen, hatten uns füreinander entschieden. Es ist Zeit, Marcus klarzumachen, dass ich nicht all die harten Sachen für ihn übernehmen kann, wenn er nichts für mich tut. Ihm zu sagen, dass er das Mikrofon liegen lassen und sich diesen Straßen stellen muss, genau wie ich in den letzten sechs Monaten.

»Ich muss zu Marcus«, erkläre ich, springe von der Schaukel und sehe die Welt verschwimmen und wieder klar werden, alles ist scharf umrissen und dreht sich zugleich. Ich lasse Alé auf der Schaukel zurück, während ein Stoß Rauch ihren Lippen entweicht, als hätte sie ihn die ganze Zeit über zurückgehalten, und sie braucht mich gar nicht ein weiteres Mal anzuschauen, da nun dieser Blazer nach ihren Sonntagsschuhen riecht und das heute am Beerdigungstag alles ist, was ich brauche.

Es hört sich an, als würde gerade jemand ein Kind zur Welt bringen. Ich gehe vorsichtig die Treppe zum Aufnahmestudio hinunter, da ich mir nicht sicher bin, ob ich dort nicht irgendeine fremde Frau mit den Schenkeln über dem Kopf vorfinden werde, aus der es gerade hervorbricht.

Stattdessen führen die Stufen in den Keller, der ausgefüllt wird von Shauna, der Freundin von Marcus’ bestem Freund, die stöhnt, To-go-Becher von Taco Bell mit mehr Wucht als nötig in den Mülleimer schleudert und darauf wartet, dass jemand sie fragt, was los ist. Die Limoreste aus den Bechern tröpfeln auf den beigefarbenen Teppich, und niemand fragt Shauna irgendwas, weil Marcus im Nebenzimmer rappt und alle versuchen, in dem Wirrwarr aus seinem Mund ein einziges Wort zu verstehen.

Ich habe Alé im Park zurückgelassen und bin nach Hause gegangen, um mit Marcus zu sprechen, aber er war nicht da, also blätterte ich stundenlang durchs Telefonbuch, um zu planen, wo ich noch nach einem Job fragen könnte, bis es anfing dunkel zu werden, und ich wusste, dass ich ihn im Studio finden konnte. Jetzt bereite ich mich darauf vor, das Heiligtum der Jungs zu betreten, um zu schauen, ob ich Marcus dazu bringen kann, mich wieder an sich zu drücken, wie Alé es tut, und herauszufinden, wie wir uns aus diesem Schlamassel befreien können.

Marcus’ bester Freund heißt Cole, und sein Aufnahmestudio befindet sich hinter einer geschlossenen Tür versteckt in einer Ecke des Kellers im Haus seiner Mutter, das in eine verlassene Straße des Stadtteils Fruitvale gezwängt ist, einen kurzen Fußweg entfernt vom Royal-Hi und East Oaklands eigener Art von Innenstadt: immer lebendig. Die Jungs bezahlen Cole alle für die Stunden im Studio, tauschen Abende in der Woche, um Lieder aufzunehmen, die es nie weiter als bis auf SoundCloud schaffen.

Shaunas Neugeborenes liegt in einem Bettchen in der Mitte des Zimmers und schläft, während Shauna schnaubt, stöhnt und versucht, Marcus’ schnellen Sprechgesang zu übertönen, aber ich bin die Einzige, die sie wirklich hört. Unten angelangt, scheint die Decke nur noch niedriger zu werden, und die konkurrierenden Stimmen erfüllen den leeren Raum, bis das ganze Zimmer kurz vorm Platzen scheint. Die Luft ist stickig, aber die vertraute Stimme meines Bruders erinnert mich daran, weshalb ich hier unten bleibe, die verbrauchte Old-Spice-Luft einatme und Shaunas Geräuschen lausche.

Ich betrete das Studio und werde sogleich in eine Welt aus Männern und Musik geworfen, die in jeden Winkel des Raumes sickert, in die Wiedergabe eines Tracks, den Marcus in der Kabine einsingt. Ich sehe ihn dort, hinter dem Glas, die Augen geschlossen und die Arme ausgebreitet, eine mythische Version einer Umarmung meines Bruders. Tupac erschaudert vermutlich gerade in seinem Grab, weil mein Bruder keine Ahnung hat, wie man spittet, und die einzigen Wörter, die ich in dem Chaos seiner Zunge verstehen kann, sind bitch und ho und this brother got chains, und ich möchte ihm sagen, dass alle in diesem Raum wissen, dass er nach Daddys Tod zwei Wochen lang unser Klo vollkotzte, weil sein Körper Trauer nicht ertragen kann. Alle in diesem Raum wissen, dass die einzigen Ketten, die er besitzt, aus den Automaten stammen, die in der Spielhalle für fünfzig Cent Plastikbehälter ausspucken. Alle in diesem Raum wissen, dass ich seine einzige bitch bin, und ich sinke in mich zusammen und versuche im Türrahmen zu verschwinden, so wie Marcus vor uns in seinen Lyrics verschwindet.

Das Studio ist weder sauber noch teuer genug, um nach irgendwelchen professionellen Standards als Aufnahmestudio zu gelten, aber mein Bruder und seine Jungs haben daraus ihren Zufluchtsort gemacht und beschlossen, dass sie in diesem Raum göttlich sind, so wie ich mich ganz oben auf der Schaukel neben Alé göttlich fühlte, bis ich von der Realität eingeholt wurde. Eine Illusion, die sich immer weiter selbst nährt.

Marcus versinkt in Schweigen, und der Beat verstummt, während sein Blick sich durch die Scheibe auf mich richtet. Die Jungs rufen im Chor meinen Namen, Tony steht vom Sofa auf, um den Arm um mich zu legen, wobei sein Körper meinen mit seiner Muskelmasse und seiner Ruhe umschließt. Marcus nickt mir hinter dem Glas zu, und ich verlasse Tonys Arme, drücke die Tür zur Aufnahmekabine auf und finde die Wärme meines Bruders, seinen Körper hinter dem Beat.

Meine Faust berührt seinen Bauch nur leicht, aber ich spüre nichts als den festen Druck seiner Muskeln. Marcus hält sie ständig angespannt. »Hey, wir müssen reden«, versuche ich zu flüstern, damit die Jungs es nicht mitbekommen, auch wenn Cole durch seine Kopfhörer sowieso alles hören kann.

»Reden wir.« Marcus’ Gesicht verrät mir alles, was ich wissen muss. Es ist verschlossen, jeder Raum für Gefühle abgesperrt.

»Hör zu, Mars, wir haben nicht genug Geld für eine Mieterhöhung. Du hast keinen Job, und ich schaff’s nicht mehr, also –«

Wie meistens, wenn ich etwas sagen will, unterbricht Marcus mich. Seine Stimme erfüllt den ganzen Raum, und es ist, als wäre er mit der Luft in den Krieg gezogen, ohne mir etwas übrig zu lassen. Marcus tut so, als würde ich nicht hier stehen, als wäre der Zettel, den ich ihm am Morgen hingelegt habe, nichts als ein Flyer, auf dem nach einer vermissten Katze gesucht wird.

»Okay, Ki, hör auf mit dem Ich-hab-keinen-Job-Scheiß. Ich habe einen Job, also wie wär’s, wenn du nach Hause gehst und mich meinen Track fertig machen lässt. Scheiße.«

Ohne Luft zu holen, faselt er von seinen neuen Reimen, erzählt mir, wie er groß rauskommen werde.

Es war nicht immer so. Vor ungefähr sechs Monaten stand Marcus gerade an einer Bar, als er auf einmal aus den Lautsprechern die Stimme unseres Onkels Ty hörte, der genauso rappte, wie er es schon immer getan hatte. Marcus schaute nach und fand heraus, dass er ein Album veröffentlichen würde, dass er bei Dr. Dres Label unter Vertrag stand und in L. A. Geld scheffelte. Das veränderte irgendetwas in Marcus, und am nächsten Tag kündigte er seinen Job bei Panda Express und fing an, jeden Tag mit Cole abzuhängen, wild entschlossen, sich in Onkel Ty zu verwandeln. Ich habe versucht ihm Raum zu geben, ihn seine Wut ausleben zu lassen, aber es dauert nun schon zu lange, und ob es ihm gefällt oder nicht, er muss wieder anfangen, sich wie ein Erwachsener zu benehmen.

Ich blicke zu ihm auf, versuche auch nur ein kleines bisschen von mir in seinem Gesicht zu erkennen, sehe aber nichts als meinen Fingerabdruck unter seinem Ohr.

Er seufzt. »Es ist alles okay, Ki.«

»Wir haben jetzt schon zu wenig Geld, um jeden Monat die Miete zu bezahlen. Wenn wir in zwei Wochen auf der Straße sitzen, ist mit Sicherheit nicht mehr alles okay.« Ich stecke meine Hände zurück in meine Hosentaschen, damit er nicht sehen kann, was ich damit angestellt habe, wie ich an ihnen herumgezupft habe, während seine Worte mich trafen. »Ich bin jeden Morgen schon auf Arbeitssuche, bevor du überhaupt aufstehst, und du hängst bloß mit Cole und Tony ab und tust so, als würde das irgendwohin führen. Du verhältst dich nicht einmal mehr wie mein Bruder.«

»Oh, die Scheiße schon wieder.« Seine Augen werden glasig, während sie einen Punkt an der Wand fixieren.

»Marcus, bitte.« Ich will ihn nicht anbetteln, nicht während Tony und Cole auf der anderen Seite der Glasscheibe sitzen und kichern und an ihrem Bier nippen.

Zum ersten Mal heute sieht Marcus mich direkt an, starrt mir in die Augen, und endlich erkenne ich seinen Blick wieder. Als er erneut die Stimme erhebt, zittert sie.

»Weißt du noch, wie Onkel Ty uns früher zu diesem Skatepark mitgenommen hat und wir da versucht haben, die Wand hochzurennen und wieder rauszuklettern? Und du warst kleiner, also hast du es zwar immer wieder probiert, konntest den Rand der Halfpipe aber nicht erreichen und bist andauernd zurück nach unten gerutscht, und dann hast du dich in die Mitte gesetzt, all die Skater sind hin und her gepeitscht und um dich herumgeflogen, und du hast geweint.«

Er spricht es nicht aus wie eine Frage, aber ich weiß, dass es eine ist. Er will wissen, ob ich mich an das Brennen in meinen Handflächen oder an die hinter meiner Stirn pochende Angst erinnern kann.

»Das weiß ich noch.«

Marcus zögert, leckt sich die Lippen und fährt dann fort: »Ich hab dir nicht geholfen aufzustehen, aber nicht, weil es mir egal war oder weil ich gewinnen wollte, nah, so war das nicht. Ich hab bloß drauf gewartet, dass Onkel Ty mir ein paar Tricks zeigt, und wenn ich dir geholfen hätte, wenn ich auf dich gewartet hätte, dann hätte ich meine Chance verpasst. Das verstehst du doch, oder?«

Die Luft zwischen uns ist dick. Er bittet um meine Erlaubnis.

»Kann sein.«

Mein ausgetrockneter Mund sucht in der Dürre zwischen uns nach etwas Festem und Vollem, bevor ich zu seinem zerknitterten Gesicht aufblicke.

»Schon okay, Mars.« Irgendetwas an der Art, wie seine Augen in ihren Höhlen versinken, weckt in mir den Wunsch, alles auszulöschen, es einfach loszulassen. »Ergreif deine Chance oder was auch immer. Es ist bloß …« Ich blicke durch die Glasscheibe, von deren anderer Seite aus Tony uns direkt anstarrt. »Vergiss es«, sage ich. »Wirklich.« Ich wende den Blick von Marcus ab.

Er winkt die Anspannung aus der Aufnahmekabine. »Kann ich dir jetzt ein Bier holen, oder willst du weiter eingeschnappt hier rumstehen?« Sein Körper strafft sich, der Schmerz verschwindet und lässt lediglich ein schiefes Grinsen zurück. Ich nicke und folge ihm aus der Kabine, um mich in den Kreis um das Soundboard herum einzureihen, wo Marcus eine Dose aufmacht und ext. Ich setze mich zwischen Marcus und Tony, Cole gegenüber, und versuche herauszufinden, ob Cole ein Problem mit seinen Ohren hat oder wieso er nicht auf Shaunas Gebrüll reagiert.

Cole ist groß und dünn, sein Körper sieht aus, als könnte er sich bis zur Decke strecken, würde man nur fest genug daran ziehen. Seine Wangen verschwinden in seinem Gesicht, und ich weiß, dass er sie einzieht, damit sie seinen Grill berühren. Cole ist großspurig, vielleicht sogar gewinnend, er hat es geschafft, kann seine Babymama unterstützen und sich ein Auto leisten, selbst wenn er noch im Haus seiner eigenen Mama lebt. Er behauptet, er bliebe dort freiwillig, und wenn ich sehe, wie seine Mama ihn in den Arm nimmt, kaufe ich ihm das auch ab.

Ich erwische Marcus dabei, wie er mich anstarrt und zusieht, wie ich an dem Bier nippe, das Tony mir gegeben hat, und aufpasst, dass ich mir keine weitere Dose nehme. Er mag es nicht, wenn ich trinke. Sobald unsere Blicke sich treffen, wendet er sich ab.

Als er sein Bier geleert hat, kehrt Marcus in die Aufnahmekabine zurück, und wir sehen alle dabei zu, wie er mit dem Beat nickt, während ihm die Spucke aus dem Mund fliegt und seine Brust aus einer Muskelmasse besteht, für die er härter gearbeitet hat als für irgendetwas anderes. Ich bin nun allein mit den Jungs, und Tonys linker Arm hängt ihm an der Seite herunter. Er hebt ihn ein paarmal, um ihn um mich zu legen, zögert dann und klopft mir nur zweimal leicht aufs Bein. Seine Hand ist schwer. Wenn Tony den Mund aufmacht, entweicht seine Stimme mit dem Hauch eines Knurrens, als hätte sich tief in seinem Rachen ein Löwe versteckt, der nun versucht hinauszuklettern.

»Hast du heut Abend schon was vor?«

Tony wiederholt seine Bewegung, schlingt mir den Arm um die Schultern, sodass ich gegen seine Brust gedrückt werde, mein Mund von seiner Jeansjacke bedeckt wird und seine Körperwärme mich beinahe erstickt. Tony klopft mir zum Beat des Tracks auf die Schulter, und ich habe das Gefühl, nicht entkommen zu können, während Marcus’ Reime meine Wirbelsäule hinaufkriechen. Ich wende mich zu Tony um, und sein Blick ist auf mich gerichtet, er starrt mich an wie immer.

»Denkst du, du könntest mit Marcus reden? Versuchen, ihn dazu zu bringen, sich einen Job zu suchen?«, frage ich, mir überaus bewusst, wie Tonys Hand meinen Arm hinuntergleitet.

»Du hast nicht mal meine Frage beantwortet.«

Er riecht nach Eierlikör, obwohl Weihnachten vorbei ist, und ich bin mir nicht sicher, ob ich es mag oder nicht. Tony steht schon seit Monaten auf mich, seit dem Tag, an dem er und Marcus Freunde wurden, und er ist der einzige Typ, der mir je eine Frage gestellt hat und auch meine Antwort darauf hören wollte. Wenn er vorbeikommt, lasse ich zu, dass er versucht, meine Hand zu halten, aber ich verstehe immer noch nicht, wieso er mich nicht in Ruhe lassen kann, obwohl ich ihm nie einen Grund zur Hoffnung gegeben habe.

»Ich weiß nicht, ob ich etwas vorhabe, Tony, ich muss mich um anderen Scheiß kümmern.«

Ich blicke in meinen Schoß und starre auf meine Hände. Während Marcus immer lauter wird und Tony mir Löcher ins Gesicht starrt und mir über den Arm streicht, kann ich an nichts anderes denken als an meine eigenen Finger. Ich habe meine Nägel immer ganz lang getragen und ziemlich spitz. Ich habe an ihnen herumgeknabbert, um dafür zu sorgen, dass die Spitzen genau richtig waren, wie Klauen.

Jetzt will ich meine Hände einfach nur verbergen, mich auf sie setzen, aber ich weiß, dass das Tony nervös machen und auf den Gedanken bringen würde, ich versteckte mich vor ihm, also lasse ich sie stattdessen einfach in meinem Schoß liegen. Die Nägel sind schartig, an den Rändern eingerissen. Sie sehen nackt und schutzlos aus, wie die Nägel von Sechsjährigen, die zu beschäftigt damit sind, Räuber und Gendarm zu spielen, um sich auf all die echten Räuber und Gendarmen vorzubereiten.

»Okay«, sagt Tony, sein Mund nah genug an meiner Wange, dass ich seinen Atem spüren kann. »Ich rede mit Marcus, wenn du heute Abend vorbeikommst.«

Ich neige den Kopf, um Tony zu betrachten, der mich mit hoffnungsvollen Rehaugen anschaut. Er ist ein Koloss aus einer feinen, weichen Materie, und ich glaube nicht, dass irgendjemand anderes in diesem Zimmer schon einmal so meinem Atem gelauscht hat wie er.

»Vielleicht«, sage ich und tauche unter seinem Arm hervor. Bei meiner Bewegung öffnet Cole die Augen und hebt sich die Kopfhörer von den Ohren.

»Wo willst du hin, Ki? Hast du schon genug von uns?« Cole zeigt seinen kompletten Grill.

»Du weißt doch, dass ich nie genug von euch kriege«, erwidere ich mit einem Zwinkern. »Hab das Baby gesehen, ist echt süß.«

Cole richtet sich auf dem Sofa auf, sein Lächeln verschwindet und weicht einer sanften Art des Staunens, als träumte er mit offenen Augen.

»Jaa, sie ist wunderschön.«

Marcus kommt aus der Aufnahmekabine, um sich ein weiteres Bier zu schnappen, und kichert mit erhobenen Augenbrauen. »Wenn dein Mädchen sich bloß mal zusammenreißen und aufhören könnte rumzujammern.«

In meinem Kopf blitzt Shaunas Gesicht auf, ihr hungriger Blick und ihr Stöhnen. Cole taucht aus seiner Benommenheit auf und macht ein Geräusch, zwar kein zustimmendes, aber auch keine Verteidigung. Marcus’ Tattoo verzieht sich erneut und versucht ihm aus der Haut zu springen. Er sieht mich an, da wir beide die Einzigen sind, die stehen.

»Du gehst?« Ich bin es nicht gewohnt, dass er mir seine volle Aufmerksamkeit schenkt, die Lippen geschürzt wie ein Kind vor einem Wutanfall, als wollte er mich nicht gehen lassen.

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