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NEON - Er tötet dich

Als Buch hier erhältlich:

Ein Cop und eine Auftragskillerin jagen einen Serienmörder

Ein Serienkiller tötet Frauen in Birmingham und arrangiert ihre Leichen in Neon-Art-Installationen. Detective Matt Jackson ist mit der Ermittlung betraut. Allerdings nur, bis seine Frau Polly selbst Opfer des Serienkillers wird. Jackson ist geschockt, seine Welt bricht zusammen.
Er wird von dem Fall NEON abgezogen. Doch er lässt sich nicht kaltstellen. Er ermittelt weiter – zusammen mit Iris, einer Auftragsmörderin, denn er weiß: Mit normalen Methoden kommt er nicht weiter. Je näher sie dem Killer kommen, desto mehr erhärtet sich in Iris ein schrecklicher Verdacht. Können sie ihn stoppen, bevor er weiter mordet?


  • Erscheinungstag: 24.03.2020
  • Seitenanzahl: 336
  • ISBN/Artikelnummer: 9783959674164

Leseprobe

In Erinnerung an meine Mom und ihre Familie, die aus dem Black Country stammt.

1

Er starrte in die einsame, noch randvolle Tasse Kaffee, die er vor über einer Stunde bestellt hatte.

Eine feste Hand drückte ihm die Schulter, und das Leder seiner Jacke knarrte. »Wie wär’s mit einem frischen heißen?«

Als er aufschaute, sah er den Ausdruck in Robertos Augen. Es war ihm unangenehm.

»Gern«, sagte er. »Sorry.«

Neben vielen anderen Dingen wusste Matt Jackson seit Pollys Tod, dass er es hasste, bemitleidet zu werden. Bei der Beerdigung vor wenigen Tagen hätte er schwören können, dass seine Kollegen ihn mit einer Mischung aus Mitgefühl und so etwas wie Verachtung betrachteten. Besonders Marcus Browne, dieses Arschloch. Detective Chief Inspector Browne, der für Pollys Fall zuständig war und neuerdings die »Neon«-Ermittlungen – seine Ermittlungen – leitete, hatte ihn von Anfang an auf dem Kieker gehabt. Bei jedem Mordfall stand der Ehepartner ganz oben auf der Verdächtigenliste, aber die Andeutung, er habe seine eigene Frau umgebracht und es noch dazu als raffinierte Nachahmungstat getarnt – er hatte Browne in eine dunkle Gasse locken und windelweich prügeln wollen.

»Einen doppelten Espresso, Andrea«, rief Roberto über die Schulter. »Aufs Haus.«

Der Druck auf seiner Schulter wurde stärker.

»Geht’s einigermaßen, Matt?«

Die Frage verlangte keine wahrheitsgemäße Antwort. Er spielte mit, murmelte irgendwas Banales, doch seine Erwiderung ging im jähen Lärm der Kaffeemaschine unter. Er blinzelte, als ein Lichtstrahl im blitzenden Chrom reflektierte, empfindlich gegen jedes helle Licht.

»Das braucht Zeit, mein Freund«, sagte Roberto. »Und du brauchst Ruhe. Du brauchst Schlaf

Schön wär’s. Wenn er ausnahmsweise mal nicht von den immer gleichen Bildern verfolgt wurde und schlafen konnte, wünschte er am nächsten Morgen, das Schicksal hätte ein Einsehen gehabt und ihn nicht mehr aufwachen lassen.

Die Tür ging auf, ließ einen Schwall Kälte herein, nasse Novemberluft, neue Gäste. Geklapper und Lärm. Stimmen, die Alles klar? sagten und Morgen. Froh über die Ablenkung, rang er sich ein dünnes Lächeln ab, seine Art von Ich komm schon klar und Kümmert euch nicht weiter um mich.

Als die frische Tasse Kaffee auf dem Tisch stand, zog er sich erneut in sein Schattenland aus Trauer und Einsamkeit zurück. Wie lange konnte er durchhalten? Einen Tag, vielleicht zwei – womöglich drei? Scheiß drauf. Er sollte es endlich hinter sich bringen.

Er griff in die Gesäßtasche seiner Jeans und zog einen Post-it-Zettel heraus, auf dem Kenny Flavell, einer seiner langjährigen Informanten, eine Telefonnummer notiert hatte. Die Kugelschreibertinte war verschmiert.

Er holte tief Luft, tippte die Nummer in sein Handy. Zweimal Klingeln.

»John am Apparat.« Der Stimmverzerrer ließ den Mann wie einen Schurken klingen, der in einem miserablen 90er-Jahre-Actionfilm Lösegeldforderungen stellt.

Verstört legte Jackson so rasch auf, dass ihm das Handy entglitt und über den Resopaltisch schlitterte. Der Espresso schwappte über und in die Untertasse. Nicht cool. Er sah sich kurz um, setzte eine verlegene Miene auf, um seine Nervosität zu überspielen, aber es nahm niemand Notiz von ihm.

Ganz ruhig, dachte er, atme. Das hätte Polly zu ihm gesagt, und für einen Moment hatte er wieder ihr liebevolles Lächeln vor Augen, voll stiller Zuversicht und unerschütterlichem Vertrauen. Sie hatte geschafft, woran andere gescheitert waren: Sie hatte ihn gezähmt. Ausgenommen die letzten sechs Monate, in denen er unter dem Druck von Ermittlungen gestanden hatte, die ihm den Schlaf raubten und für ihn fast zur Besessenheit wurden. Tage und Nächte hatte er vor dem Computerbildschirm verbracht, hatte Tatortfotos studiert, nach Gemeinsamkeiten gesucht, nach winzigen Anhaltspunkten. Er schämte sich zutiefst dafür, dass er jeden, der ihm dabei in die Quere gekommen war, kalt und ablehnend behandelt hatte, und dazu hatte auch seine Frau gehört. Bei Gott, das war schon schlimm genug. Aber was dann passiert war, quälte ihn jede wache Sekunde, und, schlimmer noch, er hatte es nicht kommen sehen.

Er hatte den Expertenmeinungen geglaubt, dass Serienmörder sich an ein bestimmtes Muster hielten, an ein von ihnen selbst ersonnenes krankes und abartiges Regelwerk und ihre Opfer immer vom gleichen Typ waren, meist, aber nicht ausschließlich, verletzliche Frauen. Dass sie vertrautes Terrain bevorzugten, was in diesem Fall die Straßen von Birmingham waren. Der Scheißkerl, den er gejagt hatte, stand auf erfolgreiche Karrierefrauen; je selbstbewusster, desto verlockender. Dazu einen ausgeprägten Sinn für das Dramatische, das Sensationelle, das Grelle. Er liebte die Zurschaustellung seiner Kunst, wenn man das so nennen konnte. Wie ein perverser Banksy tauchte er aus dem Nichts auf, zog sein Ding durch und verschwand wieder. Und niemand bekam etwas mit. Was beinahe ebenso haarsträubend war wie die Art, mit der er seine Tableaus des Grauens präsentierte. »Neon«, wie die Presse ihn getauft hatte, war ein Draufgänger, was er tat, war eine Mischform aus geplant und opportunistisch, und er geilte sich an der überaus öffentlichen Ausstellung seiner Werke auf.

Mit trockenem Mund und flauem Magen dachte Jackson an Vicky Wainright, Neons erstes Opfer. Die frischgebackene Anwältin aus Durham hatte bei einem Junggesellinnenabschied ihre Freundinnen aus den Augen verloren. In der Nacht, in der die Uhren zurückgestellt wurden, war sie in eine Wohnung nicht weit von der Mailbox gelockt worden, einem unverschämt klotzigen Bau mit Geschäften, Büroräumen und Wohnungen gleich neben dem BBC-Gebäude. Obwohl die gesamte Gegend von Sicherheitsleuten überwacht wurde, war Vicky dort erdrosselt worden.

Als er am Tatort eintraf, nahm er zuerst das helle Sirren wahr, ausgelöst durch sich in den heißen Röhren ausdehnendes und zusammenziehendes Gas. Die offene Balkontür gab den Blick frei auf ein Wirrwarr von Drähten. Sie führten zu einem Trafo, der an eine Steckdose im Wohnzimmer angeschlossen war und zahlreiche Leuchtschilder mit Strom versorgte.

Vickys vollständig bekleideter Körper lag draußen auf einer Sonnenliege. Sie hätte schlafen können, wäre da nicht der Geruch gewesen. Es war ein ganz spezieller Geruch, den er nur allzu gut von frischen Leichen kannte.

Aus der Nähe waren rings um ihren Hals die unverkennbaren Spuren der Schlinge zu erkennen, mit der ihr Zungenbein gebrochen worden war. Petechien waren unter den Augenbrauen und auf den Lidern erblüht – ein sicheres Zeichen von Erdrosselung. Er hatte schon Ähnliches gesehen, aber noch nie eine Leiche, die wie ein Kirmeskarussell beleuchtet war. Als wäre die Frau in farbiges Glas eingeschlossen. Die Telefonleitungen im Polizeipräsidium brachen fast zusammen unter der Flut von Anrufern, die die Sache melden wollten.

Ein Neonbild, das einen grotesken roten Mund mit herausgestreckter Zunge darstellte, hing über Vickys Kopf, und das Ultraviolett in den Leuchtstoffröhren war intensiv genug, um Netzhäute zu verbrennen und falsche Schatten über ihre Gesichtszüge zu werfen. Irgendwo in Jacksons Hinterkopf regte sich die Erinnerung an das Cover eines Stones-Albums – Sticky Fingers –, das ein ähnliches Motiv hatte.

Geschockt und fassungslos registrierte er erst nach einiger Zeit, dass dieser Teil des »Kunstwerks« Marke Eigenbau war. Anders als die altmodische Leuchtreklame direkt vor der Leiche, die jedem, der hinzusehen wagte, das Wort »Endspiel« entgegenschrie. Dennoch hatte er gehofft, dass sie von dort erste Anhaltspunkte erhalten würden.

Die Reklame konnte im Zuge der Ermittlungen zu einem Londoner Geschäft zurückverfolgt werden, das ein Jahrzehnt zuvor pleitegegangen war. Keine Quittungen. Keine Unterlagen. Die sichergestellten DNA-Spuren waren unüberschaubar, da die Wohnung regelmäßig vermietet wurde, eine regelrechte Suppe aus menschlicher Materie.

Zwei Monate später versetzte der Fund eines zweiten Opfers die Polizei der Region West Midlands in Alarmzustand. Zu seiner Schande spürte Jackson ein morbides Jagdfieber. Er hatte es als eine neue Gelegenheit betrachtet: je mehr Morde, desto größer die Chance, Neon zu schnappen. Gegenüber den Eltern von Vanessa Booth hatte er diesen Gedanken natürlich für sich behalten.

Vanessa, eine Pharmareferentin aus Salisbury, hatte in der Stadt an einer Tagung teilgenommen. Wie das erste Opfer war auch sie außerhalb ihrer Komfortzone gewesen. Wie Vicky und auch wie die meisten Vergnügungssuchenden, die über Birminghams Broad Street flanierten oder torkelten, hatte sie einiges getrunken und war für eine bitterkalte Nacht nicht warm genug angezogen. Anders ausgedrückt, für einen irren Mörder war sie ein leichtes Opfer.

Als Jackson durch die wuchtigen Bronzetüren des Kriegerdenkmals Hall of Memory am Centenary Square trat, das nach einer umfangreichen Neugestaltung der Umgebung erst kürzlich wiedereröffnet worden war, wurde er geblendet, als würde er während einer Sonnenfinsternis ungeschützt in die Sonne schauen. Direkt am Fuß des sarkophagähnlichen Denkmals für die gefallenen Soldaten der Weltkriege lag Vanessa nackt inmitten eines Arrangements aus flackerndem Licht, das sie abwechselnd mit Lila, Lindgrün und einem blassen Gelb umhüllte – ein krasser Kontrast zu dem Buntglasfenster in der rückwärtigen Wand der Halle. Der Modus Operandi war derselbe. Im Unterschied zu Vicky war sie jedoch schon seit einigen Stunden tot, worauf die Leere in den Augen, die Schlaffheit der Haut und die Ausbildung von Leichenflecken hindeuteten. Das dünne Kleid, das sie getragen hatte, lag locker über eine in Bronze eingefasste Glasvitrine drapiert, die zwei Bücher mit den Namen der Gefallenen enthielt. Der leitende Kriminaltechniker hatte den Schrein markiert, weil er von einem frei stehenden Leuchtschild verdeckt wurde, das »Jesus liebt« verkündete, was, wie Jackson in dem Moment fand, nicht weiter von der Wahrheit entfernt sein könnte. Das Schild war rund einen Meter breit und über siebzig Zentimeter hoch. Ein Schlag ins Gesicht. Ein gestreckter Mittelfinger. Fickt euch. Der Ort war für stille, nachdenkliche Reflexion gedacht und wirkte jetzt so geschmacklos wie eine Spielhalle in einem Badeort zur Hochsaison.

Und obwohl normalerweise jede Berührung eine Spur hinterließ, hatte der Killer hypersauber und steril und raffiniert gearbeitet. Scheißkerl.

Im März wurde das nächste Opfer entdeckt. Gina Jenks, Journalistin bei einer überregionalen Boulevardzeitung. Jackson hatte geglaubt, dass er mit Gina endlich einen Durchbruch erzielen könnte.

Sie hatte sich einen Namen machen, hatte diesen Namen vielleicht sogar in den Schlagzeilen sehen wollen, und deshalb auf eigene Faust Recherchen zu dem Serienkiller angestellt. Eine Woche war sie in den Midlands gewesen und, das alte Lied, hatte zu vielen Leuten zu viele Fragen gestellt. Ihr Auto wurde in der nahe gelegenen Stadt Smethwick gefunden, aber ihre Leiche entdeckte man rittlings auf einem riesigen, zwei Meter hohen Bronzebullen, der Blickfang in Birminghams Shoppingcenter Bullring.

Meine Fresse. Das hatte Jackson gedacht, als er in einem Schutzanzug der Kriminaltechnik mit offenem Mund dagestanden hatte und am liebsten zurückgewichen wäre.

Licht strömte von allen Seiten, brach sich und wurde von den beleuchteten Ladenfronten der Mall reflektiert. Ein Mischmasch aus frei stehenden alten Kinowerbungen. Eine mit dem Schriftzug »Manche mögen’s heiß« summte und knisterte laut. Jackson kam es vor, als stände er mitten in einem Hornissennest. Das Gas Neon war geruchlos, doch er nahm etwas Bitteres und Abstoßendes wahr: Angst.

Benommen, mit einem unangenehmen Pulsieren im Kopf, hatte er versucht, sich zu konzentrieren. Sein Mund war trocken, und seine Brust verengte sich. Er musste die Augen zusammenkneifen, um den visuellen Müll zu durchdringen, bis er schließlich Gina ausmachte. Ihre Position war eine Hommage an Lady Godiva. Auf ihrer Haut schimmerten Regenbogenfarben in gleißender Obszönität. Von einem Leuchtschild, das wie eine Erweiterung der Skulptur am Hals des Bullen hing, strahlte Ginas Name in fluoreszierendem Neonpink. Falls er je Zweifel gehabt hatte, ob der Killer seine Taten plante, seine Opfer belauerte und dann entführte, sie waren schlagartig verschwunden.

Und dann, ganze sechs Monate später, war es Polly, und bei ihr übertraf »Neon« sich selbst.

Jackson schmeckte Galle, als die Erinnerung kam und mit ihr der Wunsch, zu Ende zu bringen, was er begonnen hatte.

Jackson schreckte zusammen, als jemand ein Milchkännchen auf den Boden fallen ließ, und er nahm erneut das Handy und drückte auf Wahlwiederholung. Diesmal blieb er dran. Er war nervös. Argwöhnisch.

»Ich möchte etwas bestellen.«

»Von der Tageskarte?« Das Geräusch des Stimmenverzerrers zischte ihm ins Ohr.

»Ja, bitte.«

»Sind Ihnen die Zahlungsbedingungen bekannt?«

»Ja.«

»Wann soll geliefert werden?«

Er hustete. »Heute Abend um zehn.«

Lange Pause.

»Ist das ein Problem?«

»Nein. Haben Sie die Adresse?«

Er nannte Straße und Hausnummer eines Hauses in King’s Heath, einem Vorort fünf Meilen südlich vom Stadtzentrum.

»Gibt es irgendwelche Schwierigkeiten beim Zugang?«

»Nein. Das Haus liegt etwas zurückversetzt von der Straße und hat eine eigene Einfahrt.«

Das wurde mit einem beifälligen Knurren quittiert. »Wie lautet der Name?«

»Matthew Jackson.«

»Beschreibung?«

»Weiß, achtunddreißig Jahre alt, ein Meter fünfundachtzig, dreiundachtzig Kilo, braune Augen, braunes welliges Haar, heller Teint, volle Unterlippe und eine Narbe auf der linken Wange. Ich schicke Ihnen gleich ein Foto.«

Sobald das erledigt war, trank er seine Tasse aus, und als er aufstand, blickte er in sein verhärmtes Gesicht in der verspiegelten Wand gegenüber. Er erkannte den Mann nicht mehr, der ihn von dort anstarrte. Hoffentlich hatte der Auftragskiller nicht dasselbe Problem.

2

Iris Palmer wohnte in einer Straße, von der Politiker behaupten würden, sie sei ein multikultureller Triumph. Iris sah das anders. Es gab schicke Viertel in Edgbaston, aber sie lebte in dem miesen Teil, wo ethnische Gruppen unter sich blieben und andere mit Verachtung oder, schlimmer noch, mit Desinteresse betrachteten. Die Leute aus der Karibik, mit denen sie ihre Kindheit und Jugend verbracht hatte, waren weitergezogen, und die Asiaten hatten ihren Platz eingenommen. Die Asiaten hatten was gegen die Polen. Die Polen hatten was gegen die Rumänen. Sie, eine junge Weiße, gehörte nirgendwo dazu. Was ihr nur recht war. Sie suchte keinen Kontakt.

Aus dem oberen Fenster ihrer Wohnung konnte sie so eben den Kanal sehen – seine schmutzigen Tiefen spiegelten einen düsteren und bedrohlichen Himmel wider. Der Makler, ein Typ mit einem nasalen quengeligen Birminghamer Tonfall, hatte ihr gegenüber die Aussicht aufs Wasser gerühmt. Vollidiot.

Sie schnappte sich ihre obligatorische »Observierungstasche«, die heute eine Hundeleine, ein Klemmbrett, Pfefferspray und eine Vermessungskarte des Zielgebiets enthielt, schlich auf Zehenspitzen die Treppe hinunter und schlüpfte leise durch die Tür nach draußen.

Die Kälte schlug ihr entgegen, als würde ihr ein eisiger Waschlappen aufs Gesicht gepresst. Sie schaute ein letztes Mal zurück und ging mit einem Seufzer los, wünschte, sie würde sich besser fühlen. In den letzten Nächten hatte sie nicht schlafen können. Ihre Kleidung saß locker, es fehlten einige Kilo. Sie bekam keinen Bissen mehr runter, und das war ungewöhnlich. Den Gewichtsverlust konnte sie verkraften. Die Schlaflosigkeit nicht. Eine Frau wie sie musste schnell reagieren können.

Ihr Ziel an diesem Vormittag war eine Werkstatt, die eingekeilt zwischen Mr. Mo’s und der osteuropäischen Mrs. W lag, nicht zu verwechseln mit der bengalischen Mrs. W. Weiß der Geier, wie man die Nachnamen von denen aussprach. »Eingequetscht zwischen« war ein Charakteristikum der Architektur und der Menschen in diesem Teil der Stadt.

Wenig später sah sie ein Paar Arbeitsschuhe unter einem klapprigen Vauxhaull Cavalier von circa 1993 hervorragen. Sie trat gegen eine der Sohlen. Beine, gefolgt von einem Torso, gefolgt von Armen und schließlich einem Kopf mit öligen schwarzen Locken glitten hervor. Iris vermutete, dass Keith Parishs Verbrauch an Pomade allein die Firma Brylcreem über Wasser hielt.

»Wie isses, Iris?«

Sie konnte nicht sagen, ob er mit seiner Imitation eines Black-Country-Dialekts ihrer Herkunft Tribut zollen wollte oder ob er sie verarschte. Sie antwortete nicht, sah zu einem kleinen weißen Van, der bei den abholbereiten Wagen stand. Keith folgte ihrem Blick.

»Scheiße, Iris, was soll ich denn dem Besitzer sagen?«

»Dass er ihn in ein paar Stunden zurückhaben kann.«

Keith wischte sich die verdreckten Hände an seinem Overall ab, spitzte die Lippen, als würde er ernsthaft über den Vorschlag nachdenken.

»Spiel hier nicht den seriösen Geschäftsmann. Du bist mir noch was schuldig.«

Diese Anspielung hatte die gewünschte Wirkung. »Ich hol den Schlüssel. Aber abends muss er wieder hier sein.«

Acht Minuten später dröhnte ein Song von Wolf Alice aus dem Autoradio, während Iris in radarfallensicherem Tempo über die Hagley Road gondelte, zusammen mit all den kleinen Arbeiterbienen, deren Gehalt am Ende jedes Monats wie von Zauberhand auf ihren Bankkonten landete. Sie waren nicht geschaffen für den Druck und die Anspannung des freien Unternehmertums.

Während im Radio jemand was von tödlicher Langeweile sang, vibrierte Iris’ Handy an ihrem Brustkorb. Unterbrechungen gehörten in ihrer Branche zum Alltag. Nach einem raschen Rundumblick – sie konnte es sich nicht leisten, in einem »geborgten« Wagen wegen eines Verkehrsdelikts angehalten zu werden – holte sie das Telefon hervor, sah die Nummer. Falls wichtige Organe absacken konnten, fielen ihre ins Bodenlose. Sie schaltete das Radio aus, drückte auf »Anruf annehmen«.

»Iris?«

»Ja.«

»Gudgeon hier.«

Sie hatte keine Ahnung, warum ein Onkologischer Berater nicht Doktor genannt wurde, aber darauf bestand der Mann. »Hallo, Mr. Gudgeon.«

»Wäre es wohl möglich, dass Sie zu mir kommen?«

»Wann?«

»Könnten Sie es in der nächsten halben Stunde schaffen?«

Wenn es einer von den Weißkitteln so eilig hat, kann man sich gleich auf Ärger einstellen.

Sie verzog das Gesicht. Eigentlich hatte sie keine Zeit. Sie sollte das Terrain sondieren. Sich vergewissern, dass an der vom Kunden genannten Adresse alles auch genau so war, wie er beschrieben hatte.

»Iris, mir liegen die Untersuchungsergebnisse vor, und es ist wirklich wichtig, dass wir darüber sprechen. Wir sind immer offen und ehrlich miteinander umgegangen. Sie verstehen, was ich meine, oder?«

Sie verstand. »Wie lange noch?«

»Verzeihung?«

»Seien Sie ehrlich, wie Sie gesagt haben.«

»Ich würde das lieber hier mit Ihnen besprechen.«

»Ich muss es wissen.«

»Iris …«

»Jetzt.«

Gudgeon stieß einen müden Seufzer aus. »Einen Monat, vielleicht zwei. Genau kann ich das nicht sagen. Die Überlebensraten bei Osteosarkomen sind sehr unterschiedlich. Manche Patienten können sämtliche Prognosen widerlegen.«

Sie dachte darüber nach. War das möglich? Gab es doch noch Hoffnung? Jemand hatte mal gesagt: Ohne deine Gesundheit kannst du’s vergessen – Geld, Job, einfach alles.

Sie schaute in den Rückspiegel, setzte den Blinker und bog Richtung Krankenhaus ab.

»Ich bin in zehn Minuten da.«

Der Mann auf dem Foto konnte warten.

3

Matt Jackson trat nach draußen auf den St Paul’s Square und schlug fröstelnd den Jackenkragen hoch. Wie sollte er seine letzten zwölf Stunden verbringen? Die meisten würden wohl zu Hause bleiben, aber er hatte keins mehr. Nachdem sein Haus zum Tatort geworden war, hatte er eine Einzimmerwohnung im Juwelier-Viertel angemietet. Um ein Dach über dem Kopf zu haben, sich zu verkriechen und vor der Welt zu verstecken. Die Wohnung bedeutete ihm nichts, aber besser dort, als sich hier draußen den Arsch abzufrieren. Vorher würde er eine Flasche Scotch kaufen. Die würde ihn aufwärmen und hoffentlich später seine Nerven beruhigen.

Um zehn Uhr morgens waren die meisten Pubs noch geschlossen, aber in manchen bekam man jetzt den ganzen Tag etwas zu essen, auch Frühstück. Er entschied sich für eines, das beim Betrugsdezernat beliebt war. Sean, der Wirt, hatte ihm schon öfter kommentarlos selbst zu ungewöhnlichen Zeiten Hochprozentiges verkauft.

»Das Übliche?«, fragte Sean. Er war ein bulliger Mann, der mit seinen Prankenhänden und den kurz geschorenen Haaren eher einem Rausschmeißer ähnelte als einem Gastwirt.

»Mach zwei draus.« Jackson rang sich ein Lächeln ab, von dem ihm der Kiefer schmerzte. »Ich fühl mich …« Wie fühlte er sich? Jedenfalls nicht gut.

»Ich brauch keine Begründung«, entgegnete Sean und holte zwei Flaschen Bell’s hervor.

Jackson blätterte drei Zwanziger auf die Theke. »Stimmt so.« Dort, wo er hinging, würde er kein Geld mehr brauchen.

»Kommt nicht infrage.« Sean griff mit seinen dicken Fingern in die Kasse und gab das Wechselgeld raus. »Hier. Kauf dir ein Eis oder so.«

Jackson setzte erneut ein Lächeln auf, dankte ihm, klemmte sich die beiden Flaschen unter den Arm und machte sich auf den Weg zu seinem Übergangsquartier. Er würde trinken, bis er aufbrechen musste. Es erschien ihm angemessen, an dem Ort zu sterben, wo er mit Polly am glücklichsten gewesen war.

Die historischen Geschäfte des Schmuckhandels, georgianische Bauten, Kreativwerkstätten, Touristen, angelockt von der Bohemien-Atmosphäre, die das Juwelier-Viertel von der übrigen Stadt abhob – das alles glitt unbeachtet an ihm vorüber. Er wollte nur eines: sich betrinken und hoffentlich jenen vollkommenen Zustand der Gnade zwischen Vollrausch und Noch-nicht-ganz-weggetreten-sein erreichen.

In seiner Wohnung drehte er die Heizung auf, ließ sich aufs Sofa fallen und goss sich vier Fingerbreit Scotch ein, die er in einem Zug trank. Feuer und Malz und Torf. Er füllte das Glas erneut und hob es wieder an die Lippen, als plötzlich die Gegensprechanlage summte. Jackson fluchte. Wenn er nicht reagierte, würde wer auch immer da klingelte hoffentlich wieder gehen. Er trank einen weiteren kräftigen Schluck. Wieder summte die Sprechanlage, diesmal gefolgt von einer vertrauten Stimme.

»Matt, mach die verdammte Tür auf. Ich weiß, dass du da bist. Ich war gerade bei Sean.«

Jackson stöhnte, kippte den Rest Scotch aus dem Glas in sich hinein, stand auf, durchquerte das Zimmer und betätigte den Türöffner. Sekunden später stand Mick Cairns in seiner Wohnküche, und der Ausdruck in seinem schmalen Gesicht verriet Jackson, dass er enttäuscht von ihm war. Es war ihm an den Augen abzulesen, und seine Mundwinkel waren herabgezogen.

»Was?«, sagte Jackson aggressiv. Seit wann haute ihn Alkohol so leicht um? Wahrscheinlich, seit er eine Viertelflasche Scotch vor elf Uhr morgens in sich hineinschüttete.

»Dich volllaufen lassen bringt Polly auch nicht zurück.«

»Das weiß ich selbst.« Die Aggression schlug in besoffene Angriffslust um.

»Und dadurch kriegst du auch nicht deine …« Mick räusperte sich, suchte nach dem richtigen Wort.

»Erotische Anziehungskraft zurück, wolltest du das sagen?«

»Selbstachtung, um ehrlich zu sein, aber ich fand, das klingt zu kitschig.«

Cairns ließ seinen knochigen Körper auf den nächstbesten Stuhl sinken. Es war Matt noch nie aufgefallen, aber Micks hagere Gesichtszüge hatten wirklich was von einem Nagetier an sich.

»Matt, wir machen uns Sorgen um dich.«

»Das braucht ihr nicht. Ich komm schon klar. Auch einen Schluck?«

»Nein.«

»Was dagegen, wenn ich mir einen genehmige?« Er hatte die Flasche schon in der Hand. Sein Gehirn fühlte sich dumpf an, Selbstmitleid, aber das war okay.

»Es wird dir nicht dabei helfen, den Scheißkerl zu schnappen.«

Jackson musste lächeln. »Du scheinst zu vergessen, dass ich von dem Fall abgezogen bin.«

»Nur auf dem Papier.« Mick griff in seine Jacke, fischte einen USB-Stick hervor und legte ihn auf den Couchtisch zwischen ihnen.

Jackson starrte es an, als wäre das Ding eine Handgranate kurz vor der Explosion. Er blickte wieder auf.

Die Falten um Micks Augen vertieften sich. »Hast du eine Ahnung, was für ein Risiko ich eingegangen bin? Ich könnte meinen Job verlieren, meine Karriere …«

»Aber wenigstens nicht deine Frau«, konterte Jackson trocken.

»Stimmt«, räumte Mick ein, und seine Stimme wurde etwas weicher. »Hab ich dir erzählt, dass sie jetzt mit einem Versicherungsvertreter zusammengezogen ist?«

Jackson schraubte die Scotch-Flasche wieder zu, beugte sich zu seinem Freund hinüber, der seit Kurzem auch sein Kollege war. »Was ist dadrauf?«

»Alles, was du über Pollys Ermordung wissen musst. Obduktionsbericht, Tatort- und Fallnotizen, Zeugenvernehmungen, Zusammenfassungen der Briefings von Marcus Schwachkopf Browne. Das volle Programm.«

»Menschenskind, Mick, was zum Teufel soll ich denn damit machen?« Die Vorstellung, erneut in das Nichts zu treten – und genauso wäre das –, machte ihm größere Angst als die Aussicht auf eine Kugel in den Kopf.

»Stell fest, ob wir irgendwas übersehen haben.«

Jackson schluckte trocken, zog die Whisky-Flasche näher an sich heran. Seine Hand zitterte. »Unwahrscheinlich. Für Marcus Browne ist das Vorgehen nach Protokoll heilig. Der macht alles nach Anleitung.«

»Er hat sich immerhin auf deinen Vorschlag eingelassen, keine näheren Informationen zu Pollys Tod an die Presse zu geben.«

Das stimmte. Laut der offiziellen Version war es ein gehörig aus dem Ruder gelaufener Einbruch. Jacksons eigene Idee. Dadurch konnten die Medien den Fall nicht ausschlachten und Neons unbestrittene Eitelkeit befeuern. Jackson hoffte, dass sich der Killer maßlos darüber ärgerte.

»Matt, wir treten auf der Stelle.« Mick sprach leise. Was es noch schwieriger machte, seine Bitte abzulehnen.

»Hör mal, Mick, ich danke dir für alles, was du getan hast, aber Tatsache ist, ich bin einfach zu nah dran. Mir fehlt die notwendige Objektivität.« Die letzten beiden Wörter spie er förmlich aus.

»Und wie wirst du dich fühlen, wenn die nächste arme Frau mitten in der Stadt als Teil der diesjährigen Weihnachtsdeko auftaucht?«

»Ich werde traurig sein.« Das würde er nicht, weil er es nicht mehr erleben würde.

»Du weißt genau, der wird nicht aufhören. Der fängt gerade erst an.«

Jackson warf ihm einen gequälten Blick zu. Mick musste falschliegen. Pollys Ermordung – großer Gott, er durfte nicht daran denken – ließ auf jemanden schließen, der in den dunklen Künsten bewandert war. Es war Neons Höhepunkt gewesen. Zumindest hoffte Jackson das.

»Einen letzten Versuch ist es doch wert, oder? Du kennst die Neon-Ermittlungen besser als jeder andere. Bei Polly wirst du nur aus strategischen Gründen nicht eingeweiht.« Mick sah kurz zum Tisch hinüber, auf dem der USB-Stick lag, klein und unerbittlich. »Ich weiß, dass es schwer ist, Matt.«

Schwer? Es war unmöglich. Er fühlte sich wie ein gebrochener Mann. Nein, er war ein gebrochener Mann.

Mick stand auf. »Ich lass ihn dir da. Wenn du reinschaust, prima. Wenn nicht, werde ich’s dir nicht übel nehmen. Aber eines solltest du dir klarmachen.«

»Und das wäre?«

»Die Chance, dass Marcus Browne diese verdammten Ermittlungen erfolgreich abschließt, ist genauso groß wie die Chance, dass ich je eine Nacht im Weißen Haus verbringe.«

»Ich soll ans Team denken?«, schnaubte Matt.

»Du sollst an Polly denken.«

Mistkerl, dachte Jackson.

4

Ablehnung ist ebenso zersetzend wie Schuldgefühle. Sie nagt an der Seele und vergiftet die einfachsten Freuden. Er würde wieder töten, und daran wären sie schuld, weil sie sein größtes Werk ignoriert und ihm den verdienten Respekt verwehrt hatten.

Wochenlang hatte er darauf gewartet, dass die Nachricht an die Öffentlichkeit kam. Jeden Morgen nach dem Aufwachen hatte er mit Schlagzeilen gerechnet, ausführlichen Zeitungsartikeln, Interviews, Diskussionen im Radio, vielleicht sogar einer Debatte im Parlament. Und was hatte er bekommen? Einen Scheiß. Schlampen und Arschlöcher, das waren sie. Diese Gedanken gingen Gary Fairweather durch den Kopf, als er seine Kathedrale der Farben betrat.

Jede weiß getünchte Wand veranschaulichte seine Entwicklung vom begeisterten Amateur zum erfahrenen »Gestalter«. (Seine dilettantischen Anfänge hatte er in Vegas zurückgelassen, zusammen mit den Leichen.) An diesen Wänden entfaltete sich die üppige Kollektion von Prototypen seiner eher exotischen Kreationen in einem Kaleidoskop greller Farben neben peppigen kleinen Botschaften: »Der Tod steht ihr gut« und »Sieh, was du sehen willst« glitzerten in Krypton-Grün und – Gelb.

Er betrachtete das satte Licht und konnte noch immer kaum glauben, wie weit er es seit jenen ersten Versuchen gebracht hatte, als er wochenlang herumexperimentieren musste, um auch nur ein halbwegs annehmbares handwerkliches Niveau zu erreichen. Er hatte für seine Kunst gelitten, weiß Gott, mit Schnittverletzungen und Verbrennungen und zahllosen Brandblasen. Aber jede Kreation hatte auf dieselbe Art begonnen, mit einer schlichten Bleistiftskizze, und sie hatte auf dieselbe Art geendet, mit einer toten Frau, ihrem Namen in wunderschön glitzerndem Licht. Gab es einen besseren Abgang?

Seine Gedanken wanderten zu Vicky. Sie mochte intelligent gewesen sein, aber wie naiv, wie gottverdammt unbedarft konnte ein Mensch sein.

Sie war mit riesigen Erwartungen gekommen und hatte zuerst überrascht gewirkt, verwirrt, dann aber begeistert und aufgeregt. Er war mehr als bloß ein guter Ersatz, hatten ihre Augen gesagt. Natürlich war er das, dachte er in Erinnerung an ihr geschminktes Gesicht, die rotblonden Haare und die Ohrringe, die besser zu einer Wahrsagerin gepasst hätten. Mit ordentlich einem in der sprichwörtlichen Krone – »hab mir Mut angetrunken«, hatte sie geträllert –, erregt von dem Risiko, das sie einzugehen glaubte. Ihrer »Kaninchen vor der Schlange«-Reaktion nach zu schließen, als sie zu spät erkannte, in welcher Gefahr sie sich befand, hatte sie nicht annähernd genug intus gehabt.

Mit der fitnessstudiogestählten Vanessa war es ähnlich gelaufen. Hatte ihr denn nie jemand erklärt, dass man einen Abend niemals mit Wodka-Cocktails beschließen sollte? Dabei war sie Pharmareferentin. (Das wusste er zu dem Zeitpunkt nicht, hatte es nur hinterher gelesen.) Offensichtlich war die Droge ihrer Wahl gesellschaftlich akzeptiertes, hoch konzentriertes Äthanol. Wer braucht schon Heroin, wenn du mit Alk genauso high wirst?

Ihre Verführung war sanft vonstattengegangen, erinnerte er sich. Wie ein guter Samariter hatte er sie aus der Gosse aufgelesen, in die sie kurz zuvor gekotzt hatte. Es war schwierig, ja geradezu unmöglich gewesen, sie irgendwo anzufassen, wo er nicht nackte feuchte Haut berührte, denn ebenso wie Vicky hatte auch Vanessa eine Vorliebe für den Modestil »Mir doch egal, wenn ich mich unterkühle«. Sie war beschämend dankbar gewesen, bis zum allerletzten Moment, bevor er zuschlug und die grausame Realität anbrach. Er schloss die Augen und stellte sich ihr hübsches herzförmiges Gesicht, den blonden Kurzhaarschnitt und diese feuchten, vertrauensvollen Augen vor.

Seiner Erfahrung nach reagierte kaum jemand mit Kampf oder Flucht, wie vermeintliche Experten es beschrieben. Es gab nur Angst und noch mehr Angst. Sich an jene letzten Augenblicke zu erinnern, bevor Vanessas eigenes Licht erlosch und sie abtrat, verschaffte ihm das ultimative High.

Es wurde Zeit, an seinem neusten Design zu arbeiten. Kaum etwas bereitete ihm mehr Freude, als eine Installation aus dem Nichts zu erschaffen. Er nahm einen 6B-Bleistift aus seiner beachtlichen Sammlung und klemmte sich das Ende zwischen die Zähne (schreckliche Angewohnheit, das wusste er). Der Stift eignete sich am besten für die Idee, die er im Kopf bereits ausgestaltet hatte. Mit einem kräftigen Armschwung bannte er die erste Linie aufs Papier.

Etliche Linien später hielt er inne, kaute auf dem Bleistift. Sein kleines Meisterwerk würde flimmern und pulsieren und blenden. Diesmal konnten sie ihn nicht ignorieren.

5

Kein Blut. Keine Fesselung. Kein Austausch von Körperflüssigkeiten.

Bevor er den Schritt in die Hölle tat, machte Jackson seinen Laptop an, ging die Aktennotizen durch, die er verbotenerweise behalten hatte, und kehrte zurück zum Beginn der Ermittlungen. Er hatte die Heizung abgestellt und zwei Tassen starken Kaffee intus, sodass er sich jetzt besser fühlte, weniger betrunken, klarer im Kopf. Das hier war vertrautes Terrain. Und er hatte nichts mehr zu verlieren.

Das systematische Sichten des ganzen verfügbaren Materials bestätigte, was er bereits wusste: Neon hatte keine besonderen körperlichen Vorlieben bei seinen Opfern. Blond, brünett, rot gefärbt, mollig oder schlank, klein oder groß, Muttermal oder Narbe, das alles spielte keine Rolle. Die einzige Gemeinsamkeit: Alle waren erfolgreiche, gut verdienende, unabhängige Frauen zwischen dreißig und vierzig. Und ja, sie waren weiß.

Die ersten drei Tatorte ließen keinen Zweifel daran, dass Neon nicht in Panik geriet, stolz auf seine »Kunst« war und stets darauf achtete, nichts von seinem Handwerkszeug zurückzulassen, natürlich auch nicht die Schlinge, mit der er seine Opfer erdrosselte. Der Kerl kannte sich mit Forensik aus. Deshalb suchte er sich öffentliche Orte aus, weil seine DNA dort in der DNA von Hunderten anderen unterging.

Aber bei Polly hatte er es verbockt.

Argwöhnisch beäugte Jackson den USB-Stick, den Mick dagelassen hatte. Gleich, dachte er. Erst mal klar im Kopf werden.

Und Neon war clever.

Birmingham war gespickt mit Überwachungskameras, aber nicht jede Straße und Gasse wurde von ihnen erfasst. Wenn sich jemand im volltrunkenen Zustand verlief, dann verlief er sich meist gründlich. Die groß angelegte Neugestaltung der Innenstadt und das daraus resultierende Chaos hatten sich auch als Vorteil für einen entschlossenen und einfallsreichen Killer erwiesen. Die Polizei war jede Menge Überwachungsmaterial durchgegangen und konnte Vicky Wainrights Bewegungen bis zu einem gewissen Punkt verfolgen, aber dann war sie verschwunden. Es war so leicht, den Arm um eine Betrunkene zu legen, vorgeblich, um sie sicher über die Straße zu bringen. Bei Vanessa hatte Neon vermutlich dieselbe Taktik angewandt. Ein paar Zeugen hatten in der fraglichen Nacht einen mittelgroßen und mittelschweren Mann in einem Kapuzenshirt gesehen, der eine in sich zusammengesunkene Frau im Rollstuhl Richtung Centenary Square schob. Gut möglich, dass es sich dabei um Neon gehandelt hatte und bei der Frau um sein zweites Opfer. Sehr gut sogar, aber nicht nachweisbar.

Und dann Gina Jenks. Nichts hätte öffentlicher oder unverfrorener sein können, als seine makabre Lightshow um den berühmten Bullen herum zu inszenieren, der als »Der Wächter« bekannt war. Diesmal hatte Neon kaltblütig den kriminellen Akt eines anderen zu seinen Gunsten genutzt.

Jackson ging erneut seine Notizen durch. Zehn Tage vor dem Leichenfund hatte sich ein gewisser Damien Lee erst mit Bacardi und Bier volllaufen lassen und dann die Skulptur beschädigt. Schlau genug, um zu erkennen, dass der Bulle von modernen Überwachungskameras umringt war, hatte Damien eine nach der anderen mit einem Laserpointer zerstört, damit seine Tat nicht aufgenommen wurde. So schlau, dass seine hässliche Visage schon aufgezeichnet worden war, bevor er die Kameras außer Gefecht gesetzt hatte, war er jedoch nicht gewesen. Zweimal bereits war der fünf Tonnen schwere Bulle wegen Vandalismus zur Reparatur abtransportiert worden, diesmal jedoch sollten die Arbeiten vor Ort durchgeführt werden. Die zu diesem Zweck aufgestellten Sichtschutzwände lieferten Neon die perfekte Deckung, um sein Tableau zu arrangieren und dank eines tragbaren Generators mit Strom zu versorgen. Als am nächsten Tag die Reparaturarbeiten an der Skulptur begannen, war es eine Frau, die Gina Jenks fand. Sie erlitt einen Schock und musste ins Queen Elizabeth Hospital gebracht werden. Die große Frage blieb, wie der Killer die Leiche überhaupt dorthin transportiert hatte.

Auf Jacksons Anweisung hin brachten seine Mitarbeiter in Erfahrung, dass die Straßen in der sehr belebten Einkaufszone pro Tag bis zu sieben Mal gefegt werden, das erste Mal schon in den frühen Morgenstunden. Anfangs hielten sie sich an die These, dass Neon Mitarbeiter der Straßenreinigung war und somit Zugriff auf Fahrzeuge hatte, mit denen sich eine Leiche transportieren ließ, aber Vernehmungen der dort Beschäftigten verliefen ergebnislos. Die nächste Arbeitstheorie: Neon hatte sich getarnt, angesichts der vielen Baustellen in der Stadt wahrscheinlich mit einer Warnweste, hatte eine der Kehrmaschinen aus dem städtischen Depot geklaut und Jenks hineingepackt.

Jackson trank einen Schluck Kaffee, jetzt so kalt wie die Luft vor seinem Fenster.

In seiner Vorstellung war Neon ein Einzelgänger, ein Loser, der keinen hochkriegte. Dass er seine Opfer nicht penetriert hatte, hieß noch lange nicht, dass seine Verbrechen nicht sexuell motiviert waren. Er konnte seine Tatorte unbemerkt betreten und wieder verlassen, was auf einen Mann hindeutete, der ebenso farblos war wie das chemische Element in den Leuchtröhren, mit denen er seine Opfer zur Schau stellte. Leicht zu vergessen.

Nur Jackson würde ihn niemals vergessen. Er schloss die Augen und rieb sich die Lider, um zu verhindern, dass ein Kaleidoskop von grotesken Bildern Gestalt annahm.

Er holte tief Luft, um seinen Pulsschlag zu beruhigen, und konzentrierte sich erneut auf die Fakten. Keines von Neons Opfern wies Abwehrverletzungen auf, was auf einen Täter hindeutete, der schwach und harmlos wirkte. Die Frauen sahen den Tod nicht kommen, bis es zu spät war. Das war Jacksons Vorstellung von Neon, an die er geglaubt und die er offensiv vertreten hatte.

Aber was, wenn er falschlag?

Serienmörder gingen nicht immer nach dem gleichen Schema vor, niemand sollte das besser wissen als er. Gina Jenks, die Journalistin zum Beispiel, war nicht im Zentrum von Birmingham unterwegs gewesen. Sie hatte einen Nachmittag im Black Country Museum verbracht und dann einen Pub in Gornal besucht, einen weiteren in Tipton, der unter anderem dafür bekannt war, dass er Wein vom Fass anbot und nur Barzahlung akzeptierte, und schließlich einen in Oldbury. Jackson konnte sich gut vorstellen, wie eine gut gekleidete Frau aus London lediglich mit einem schiefen Blick und einem »Trinken Sie nun was oder nicht?« abgespeist worden war, als sie versuchte, den Einheimischen Informationen zu entlocken. Das heißt, falls sie die Leute mit ihrem Akzent überhaupt verstanden hatte. Er war in Penn bei Wolverhampton nur ein Stück nordwestlich von Birmingham zur Welt gekommen, und selbst er hatte Mühe. Und der Polizei gegenüber waren sie sowieso verschlossen und misstrauisch, selbst wenn es um einen Serienmörder ging. Falls irgendwer irgendwas wusste, so rückte jedenfalls keiner mit der Sprache heraus.

Anders diejenigen, die selbst mit Neonschildern arbeiteten. Ihren Auskünften zufolge war Neon ein meisterlicher »Bieger«, wie man in dem Metier sagte. Auf die Frage, wie lange es dauerte, bis man das Handwerk wirklich beherrschte, wurden acht Jahre als Durchschnittswert angegeben, also entweder machte Neon das beruflich, oder er war ein außerordentlich begabter Amateur. Das hätte eine Spur liefern müssen. Tat es aber nicht. Jedenfalls keine, die irgendwohin führte. Die Enttäuschung war groß, als die Analyse der eigentlichen Glasröhren keine eindeutigen Ergebnisse brachte.

Neben der Leiche musste Neon also seine Installationen transportieren. Die Ermittlungen waren zu dem Schluss gekommen, dass er wahrscheinlich einen Van gefahren hatte. Was gar nicht gut war. Angesichts der schieren Masse an Fahrzeugen fühlte es sich an, als würden sie die sprichwörtliche Stecknadel im Heuhaufen suchen. Aber sie suchten trotzdem. Aufnahmen von Überwachsungskameras wurden durchforstet, Kennzeichen abgeglichen, aber keines wurde in der Nähe von zwei Tatorten erfasst. Mittlerweile ertranken sie förmlich in Informationen aus Hunderten von Telefonanrufen, einschließlich denen von Spinnern und Fantasten. Je mehr sie ausschlossen, desto mehr tauchten auf, wie Zombies aus The Walking Dead. Druck von oben, ein ungeduldiger lokaler Parlamentsabgeordneter, die Medien und eine verängstigte Öffentlichkeit sorgten dafür, dass er und sein Team rund um die Uhr arbeiteten. Sie suchten nach irgendwelchen Berührungspunkten zwischen den Opfern, und seien sie auch noch so geringfügig. Vergeblich. Es war, als hätte sich alles gegen sie verschworen, nicht zuletzt die Stadt selbst mit ihren hellen Lichtern, dem Verkehr, den Menschenmassen und der Anonymität, und nach einer Weile war die Stimmung auf dem Nullpunkt.

Er blickte zur Seite. Er schindete Zeit, und das wusste er. Der Morgen war in den Nachmittag übergegangen. Er sollte es endlich hinter sich bringen. Ehe ihn die Courage verließ, nahm er den USB-Stick und rammte ihn in seinen Laptop. Er war stocknüchtern. Das war auch gut so, aber es fühlte sich nicht gut an.

6

Iris fühlte sich beschissen. Nach über einer Stunde mit Mr. Gudgeon und zehn Minuten in der Apotheke – Wir haben das Medikament nicht auf Lager. Könnten Sie später noch mal kommen? – war sie auf dem Weg nach King’s Heath. Sie würde den Wagen zu spät zurückbringen, aber nach dem Vormittag, den sie hinter sich hatte, war ihr das völlig egal.

Sie war keine, die sich groß Gedanken machte, und sie schaute mit dem nüchternen Blick der Sterbenden auf ihr Leben zurück. Sie hatte keine Angst vor dem Typen gehabt, der sich im Kinderheim an ihr vergangen hatte, oder vor dem, der sie etwa im gleichen Alter dafür anheuerte, Drogen zu verticken. Auch nicht vor der Frau, die (vergeblich) versucht hatte, sie anschaffen zu schicken, sobald sie aus dem Fürsorgesystem herausgeflogen war. Spitzel, Diebe, Vergewaltiger und Drogenbosse (unterste Liga, nicht die großen internationalen Barone) schüchterten sie kein bisschen ein. Sie hatte keine Angst davor, obdachlos zu werden und unter freiem Himmel schlafen zu müssen, keine Angst vor Hunger oder der Straße. Komm damit klar, lautete ihr Motto. Und sie kam damit klar. Sie war stolz auf ihre Überlebensfähigkeit, aber sie war sich alles andere als sicher, ob sie das Szenario durchstehen würde, dass Mr. G. eröffnet hatte. Sie spürte die erste Regung von etwas, das Angst sein mochte. Und wahrscheinlich lag darin eine gewisse Ironie.

Als sie in King’s Heath angekommen war, schaltete sie einen Gang runter und verlangsamte den Van, damit sie sich gründlicher umsehen konnte. Nette Gegend, dachte sie. Kleine Geschäfte und Cafés sorgten für eine fast dörfliche Atmosphäre. Schade um die Wohlfahrtsläden.

Laut ihrer Karte stand das Haus auf halbem Weg zwischen King’s Heath und Yardley Wood und nicht weit von dem Park in Billesley. Iris mochte weite offene Flächen und Brachland. Sie waren weniger belebt, und man konnte so tun, als würde man einen Hund ausführen.

Sie parkte den Van auf einer Freifläche rund zweihundert Meter vom Zielort entfernt, nahm die Hundeleine, zog eine Baseballcap tief in die Stirn, wickelte sich einen Schal so um den Hals, dass er ihr Gesicht zum Teil verdeckte, und schlenderte die Straße hinunter. Das Haus entsprach exakt der Beschreibung: Es lag ein Stück von der Straße zurückversetzt, leicht erhöht am Ende einer Einfahrt. Noch besser war, dass zu beiden Seiten hohe Bäume standen. Abgeschieden. Und abgeschieden war gut. Das war aber auch das Einzige, was ihr an diesem Job gefiel.

Das Alarmsystem schien echt zu sein, nicht bloß eine Attrappe im Fenster. Sie könnte es ohne Weiteres deaktivieren, aber das würde Zeit und Energie kosten. Deshalb hoffte sie, dass die Anlage ausgeschaltet war, wenn sich die Zielperson im Haus befand. Bei den Kameras sah die Sache anders aus. Am besten wäre es, zuerst die Kabel rauszureißen und die Kameras später zu zertrümmern. Das würde Zeit kosten, war aber nicht ihr größtes Problem.

Normalerweise nahm sie sich die Zeit, eine Zielperson zu beobachten, manchmal über Tage hinweg. Sie machte sich mit seinen Gewohnheiten vertraut – es war immer ein »er« und meistens ein Arschloch – und fand heraus, ob möglicherweise Verwandte und Freunde die Ausführung ihres Auftrags vermasseln konnten oder ob die Zielperson einen großen Hund besaß, der mit Vergnügen ein paar Brocken Fleisch aus ihr rausreißen würde. Nie ein Problem, aber es war sinnvoll, möglichst gut vorbereitet zu sein, und das war nicht einfach, ohne das Opfer wenigstens einmal in natura gesehen zu haben. Bei einer Deadline um 22.00 Uhr blieb nicht viel Zeit, und so konnten leicht Fehler passieren.

Sie ging ein Stück an dem Haus vorbei, machte dann auf dem Absatz kehrt, als hätte sie etwas vergessen, und lief dann noch einmal die Straße entlang. Diesmal blieb sie stehen und bückte sich, um einen imaginären Schnürsenkel zuzubinden, damit sie sich in Ruhe umsehen und überlegen konnte, wie sie am besten in das Haus eindrang. Dreißigerjahre-Stil, oben und vielleicht auch unten je drei Zimmer, Erkerfenster, ein Einfamilienhaus. Hmmm. Ihr war nicht wohl bei der Sache. Dann dachte sie an Mr. Gudgeon. Alles in allem brauchte sie inklusive Flug und Unterbringung 500.000 Pfund, und zwar schnell.

Sie hatte weggehört, als er ihr riet, das Kleingedruckte zu lesen, ehe sie den Behandlungsplan unterschrieb. Als er sich dann in juristischen Feinheiten erging und was von ärztlicher Ethik erzählte, hätte sie beinahe gelacht. Ethik war ihr scheißegal. Auch die Theorie hinter der Behandlung interessierte sie einen Dreck oder dass nur »spezifische molekulare Tumorprofile zugelassen wurden«, was immer das auch heißen sollte. Sie wollte bloß wissen, ob es funktionieren würde. Bitte. Er hatte die Unterlagen auf seinem Schreibtisch durchgeblättert, irgendwas gemurmelt, und sie hatte »Versuchskaninchen« gedacht. Aber eine schwache Hoffnung war besser als keine Hoffnung, wenn sie die Krankheit für immer verschwinden lassen konnte. Und »für immer« war eine lange Zeit.

Falls sie genug Kohle hatte.

Vielleicht sollte sie ihre Preise erhöhen.

Abgeschieden oder nicht, der Haupteingang kam nicht infrage, selbst um zehn Uhr abends. Der Kies auf der Einfahrt würde sie verraten, daher war auch der Seiteneingang zu riskant. Blieb nur noch eine Möglichkeit.

Iris richtete sich auf, ging weiter und bog links in eine Auffahrt, die parallel zum Haus verlief.

Vor ihr eine frei stehende Garage mit Schwingtor, die unzugänglich war, daneben eine ebenfalls stabile Tür. Wie oft konzentrierten die Leute sich auf das Türblatt, aber nicht auf die Angeln, an denen die Tür hing? Und die hier waren locker. Sobald sie drin war, würde sie sich dem Haus von hinten nähern, höchstwahrscheinlich durch den Garten. Einbruch. Peng, peng.

7

Mick hatte verdammt recht gehabt. Der Stick enthielt Hunderte von Dateien. Um derart viel Material zu klauen, musste Mick irgendwie an Marcus Brownes gesicherten Laptop gekommen sein oder ihn gehackt haben, und das war ein saugefährliches Spiel. Entweder waren Micks technische Fähigkeiten beeindruckend, oder aber er war ein leichtsinniger Narr.

Normalerweise hätte Jackson sich direkt die Tatortfotos angesehen. Aber so weit war er noch nicht. Stattdessen fing er mit den Aktenvermerken an, erkannte Brownes irrige Ansichten in jedem einzelnen Eintrag.

Browne hatte einen klassischen Fehler gemacht und sich in zwei unstrittige Tatsachen verbissen: kein gewaltsames Eindringen ins Haus und keine Abwehrverletzungen bei Polly. Anders ausgedrückt: Sie hatte dem Killer vertraut, was Browne zu der Überzeugung brachte, dass es ihr Ehemann gewesen sein musste. Dabei hatte Browne übersehen, dass Polly allen Menschen vertraute. Das lag in ihrer Natur. Freundlich und bescheiden, stets das Gute in anderen sehend. Es waren diese Eigenschaften, die Jackson damals gerettet hatten. Dass sie auch zu ihrer Ermordung geführt und ihn zur Nummer eins auf der Verdächtigenliste katapultiert hatten, löste einen jähen und gänzlich unvermuteten Zorn in ihm aus. Wäre sie doch bloß vorsichtiger gewesen. Hätte sie doch bloß auf ihn gehört. Eine verschwommene Erinnerung daran, dass er genau das zu Browne gesagt hatte, rief ihm Brownes Erwiderung ins Gedächtnis: »Dann gab es also Spannungen in der Ehe, Matt?« Natürlich hatte es Spannungen gegeben. Er hatte versucht, die Ermittlungen in drei Mordfällen zu leiten, hatte unter einem kolossalen Druck gestanden und war in einer Sackgasse gelandet.

»Haben Sie je autoerotische oder ungewöhnliche sexuelle Praktiken ausgelebt?« Jackson wusste, worauf Browne hinauswollte. Die besonderen Umstände von Pollys Tod hatten diese unausgegorene Theorie befeuert. Er hatte eine steinharte Miene aufgesetzt und Browne wahrheitsgemäß geantwortet: »Nein.«

Letztlich hatten ihn Timing, ein wasserdichtes Alibi und ein Rechtsmediziner gerettet. Als Polly ermordet wurde, war er gerade dabei, einige ranghöhere Officer, darunter auch der neue jugendliche und talentierte Assistant Police Commissioner, auf den Stand der Ermittlungen zu bringen und seine mangelnden Fortschritte zu erklären. Ansonsten hätte Marcus Browne ihn hopsnehmen lassen, keine Frage. Es gab doch nichts Schöneres, als einen Kollegen einzulochen. Viel Ruhm, viel Ehr. Und alle wussten, was mit Cops hinter Gittern passierte.

Jackson kratzte sich den Kopf. Hintergrundrauschen. Schnee von gestern. Konzentrier dich.

Nachdem sein Hauptverdächtiger aus dem Schneider war, neigte Browne jetzt zu der Annahme, dass der Killer schon irgendwo im System war. Er hielt ihn für einen Einzelgänger, kein Einheimischer, aber »jemand, der sich gut in der Gegend auskennt und für seine Verbrechen anreist, keiner, der Aufmerksamkeit auf sich oder seinen Wohnort lenken will«. Als Jackson das las, grinste er zynisch. Dem Kerl geht’s nur um Aufmerksamkeit, du Trottel. Er will bewundert werden. Alles an ihm schreit: Showman.

Jackson las weiter: »Mit hoher Wahrscheinlichkeit hat Neon einen Komplizen, der die Aufmerksamkeit des auserkorenen Opfers auf sich lenkt und beim Transport der Leichen hilft.« Das war ihm neu, und er glaubte auch nicht, dass es stimmte. Irgendwann im Verlauf der Ermittlungen hatte Jackson gemutmaßt, dass Neon einen Helfershelfer bei der städtischen Straßenreinigung haben könnte – wenn seine Theorie mit der Kehrmaschine stimmte. Die entsprechenden Vernehmungen waren ergebnislos geblieben, aber vielleicht doch einen erneuten Versuch wert.

»Neon verbringt vermutlich viel Zeit in Wettbüros und Bars und geht regelmäßig zu Prostituierten.« Jackson dachte darüber nach. Nichts im Leben der Opfer deutete auf eine Verbindung zur Prostitution hin, wenngleich alle Frauen sexuell aktiv gewesen waren. Noch so ein Irrgarten, in dem man sich verlaufen konnte. Zugegeben, Brownes zusammengeschustertes Täterprofil hatte vielleicht mal stimmig geklungen, aber Pollys Tod hatte alles verändert.

Finster klickte Jackson die Zeugenaussagen an, ging sie durch wie ein Steuerfahnder, der Bilanzen nach Hinweisen durchforstet, dass der Leiter der Finanzabteilung die Firma hintergeht und Millionen beiseiteschafft. So viel irrelevantes Zeug. So viel nichtssagender Quatsch. Und dann …

Ein Mann, der seinen Hund ausführte, hatte ausgesagt, dass sich jemand in der Nähe des Hauses herumgedrückt hatte; »als würde er es auskundschaften«, hatte er gesagt, »obwohl ich mir damals nichts dabei gedacht habe«. Jackson runzelte die Stirn. Wie oft verkauften wohlmeinende Bürger der Polizei ihre harmlosen Beobachtungen als vermeintlich knallharte Beweise?

Er las weiter. Der Zeuge erwähnte ein Auto. »Schwarz oder vielleicht grau. Eine Limousine, glaub ich. Könnte eine gewesen sein.« Die Frage nach dem Kennzeichen blieb unbeantwortet. Um eine Personenbeschreibung gebeten, sagte der Zeuge: »Ein mittelgroßer, mittelschwerer Mann. So genau konnte ich ihn nicht sehen, weil es dunkel war.« Herrgott.

Jackson musste widerwillig einräumen, dass Brownes Situation schlechter nicht sein konnte. Die Befragung der Nachbarn hatte nichts ergeben. Ebenso wenig die Überprüfung bekannter Sexualstraftäter oder die einschlägigen Datenbanken. Ohne etwas Handfestes, das er den Massen von sinnlosem Zeug entgegensetzen konnte, kam er nicht weiter. Im Grunde raste Browne auf einem Schlitten ungebremst eine Rodelbahn hinunter. Jeden Moment würde er hinausgeschleudert und mit hundert Stundenkilometern gegen die eisige Seitenwand krachen. Scheiß auf ihn.

Klick, klick, als Nächstes: der Obduktionsbericht.

Jackson atmete tief durch die Nase ein und begann ohne weiteres Zögern zu lesen.

Anders als die vorherigen Opfer war Polly ganz langsam erstickt. Laut Dr. Weston war der Tod durch »Druck auf den Hals« eingetreten. Wie bei den anderen Opfern hatte der Killer die Schlinge entfernt, und »die Struktur der Halsverletzung lässt die größte Krafteinwirkung auf der rechten Seite vermuten«, daher ging man davon aus, dass der Täter Rechtshänder war. Druckstellen und Blutergüsse deuteten darauf hin, dass »die Schlinge, möglicherweise Leder, mit einer Aderpresse fixiert worden war«. Das verlängerte das Sterben, dachte Jackson düster, und Polly hatte gelitten.

Er grub die Fingernägel in das weiche Fleisch der Handteller. Es war eine kleine Gnade, dass sie nicht vergewaltigt worden war. Seine Wut hatte ihr der Killer post mortem ins Gesicht geschnitten, mit einer scharfen Klinge, möglicherweise ein herkömmliches Küchenmesser. Er hat sie damit bedroht und gefügig gemacht, dachte Jackson. Hatte er das auch bei den anderen Frauen gemacht? Falls ja, hatte er sich seinen Opfern ganz intim nähern können. Bei Polly hatte er das tatsächlich getan. Was für ein Erlebnis, jemandem nah genug für einen Kuss zu sein und dann zuzusehen, wie er mit dem Tode ringt und verliert.

Jackson merkte, wie flach er atmete, und holte tief Luft. Er klickte den Obduktionsbericht weg und rief die Tatortfotos auf. Schlagartig empfand er wieder diese obskure Angst, die ihn überkommen hatte, als er damals den Schlüssel ins Schloss schob. Als er Pollys Namen rief und keine Antwort kam. Sein Instinkt hatte die Führung übernommen. Etwas Schlimmes musste passiert sein. Er erinnerte sich an die Musik, die aus der Anlage im Wohnzimmer ertönte. Polly hatte einen vielseitigen Musikgeschmack gehabt, und wenn sie nach Hause kam, ließ sie oft ihre Lieblingssongs laufen. Er hatte die Coverversion nicht erkannt, und als er nach oben und ins Schlafzimmer gestürzt war, hatte er schon nichts mehr um sich herum wahrgenommen, ohne jedes Zeitgefühl, gefangen in einem Tunnel aus Entsetzen und schreienden Farben.

Stumm, unter Schock, hatte er die kreisende Discokugel angestarrt, die von der Zimmerdecke hing und mit LED-Lämpchen bestückt war. Sie knisterte und knackte und verspottete ihn. Über dem Ehebett an der gegenüberliegenden Wand ein riesiger, rot und gelb strahlender Neon-Papagei, daneben eine leuchtende Palme. Vor den anderen Wänden war ein Tableau aus ähnlichen Vögeln aufgebaut, in kitschigem Rot, grellem Gelb und schillernden Lila- und Blautönen. Die glitzernde Discokugel sorgte für einen Stroboskopeffekt. Er presste die Augen zusammen, um für einen Moment der Reizüberflutung zu entgehen. Als er sie wieder öffnete, sah er Polly mit ausgestreckten Armen und Beinen auf dem Ehebett liegen, das lange blonde Haar floss über das Kissen. Ihr Gesicht, in blauweißes Licht getaucht, war zur Seite gedreht, die braunen Augen halb geöffnet und leer, und ihre Zungenspitze schaute zwischen den Zähnen hervor. Er erkannte sofort, dass sie tot war. Aber er hatte sich trotzdem vergewissert. Hatte die Kälte ihrer Haut gespürt, die Male an ihrem Hals berührt, die Schnitte auf ihren Wangen. Ein Gittermuster von Wunden, wie er sich überdeutlich erinnerte.

Irgendwo in dem noch halbwegs funktionierenden Teil seines Gehirns hatte er registriert, dass der Killer akribisch gearbeitet hatte. Sorgfältig. Endlos viel Zeit im Haus verbracht und jede Sekunde genossen hatte. Und er wollte, dass Jackson das wusste, die unterschwellige Botschaft: Das ist dein Zuhause, und ich kann darin tun, was ich will. Ich habe dich in der Hand.

Neon entwickelt keine Wärme. Wenn man eine Leuchtstoffröhre berührt, fühlt sie sich kühl an. Jackson war sich vorgekommen wie in einer Sauna. Er war schweißüberströmt gewesen.

Polly hatte ein Kleid angehabt, das sie gern zur Arbeit trug. Sie unterrichtete in einer Grundschule. Das Kleid war bis zur Taille hochgeschoben. Sie trug auch einen weißen Schlüpfer, aber der war mit Blut beschmiert. Das Blut stammte von den Wunden in ihrem Gesicht, aber das hatte Jackson damals nicht gewusst. Es war provokant und bewusst sexuell irreführend, und er hatte sich in die Irre führen lassen. Am Kopfteil des Bettes lehnte ein Leuchtschild mit dem Schriftzug: »Wie unfein, Polly«.

Während er fassungslos dastand und stierte, zerriss ein primitiver Schmerzensschrei die Luft, ein Laut, wie er ihn noch nie gehört hatte. Aus seinem Mund.

8

Iris fand, dass Kevin Joyces Gesicht mit der grauen, schlecht durchbluteten Haut und den Falten aussah wie Bruchsteinpflaster.

Als er arbeitslos wurde, weil das Stahlwerk dichtmachte – »Zu viel beschissener Stahl aus China und der Türkei«, lautete Kevs Erklärung –, hatte er ein Tattoostudio in Cradley Heath aufgemacht. Genau an der Stelle, wo sich Kevs Laden befand, wies die Hauptstraße eine deutliche Vertiefung auf, für die eine Bodenabsenkung verantwortlich war. Gleichwohl standen viele Geschäfte und Häuser dort schon seit hundert Jahren.

Körperkunst war nicht seine einzige Erwerbsquelle. Kev hatte sein Geschäft in eine lukrativere Branche ausgeweitet: Waffen. Das war der einzige Grund, warum er zu so später Stunde noch in seinem Laden stand.

»Was glaubst du eigentlich, wie spät es ist?« Er zog einen dicken Schlüsselbund aus der Jacke und blieb hinten im Laden vor einer Stahltür stehen, wie man sie oft in Crack-Häusern fand.

»Zehn nach acht«, sagte Iris trocken.

»Jetzt komm mir nicht blöd.«

Das Wort sorry gab es in Iris’ Wortschatz nicht. Hätte sie es auszusprechen versucht, wären die Konsonanten an ihren Stimmbändern kleben geblieben.

»Musste direkt vom Flughafen hierher«, jammerte er kurzatmig.

»Hat Donkey gesagt.« Kevs Handlanger hatte auch gesagt, dass Kev an der Costa del Soundso nicht bloß ganz harmlos Urlaub gemacht hatte. Es wurde gemunkelt, er habe sich dort mit ein paar auf der Flucht befindlichen Exkunden getroffen. Iris hielt das für Blödsinn. Diese Zeiten waren längst vorbei. Sie bezweifelte nicht, dass Kev irgendwas im Schilde führte, weil das bei ihm immer der Fall war, aber sie hatte Wichtigeres und Dringenderes zu tun, als sich mit den kriminellen Machenschaften von Kevin Joyce zu befassen. Sie hatte schon genug Zeit verloren. Erst mit einer sinnlosen Fahrt nach Cradley am Nachmittag, dann mit einer zur Apotheke, die nur unwesentlich befriedigender war. Danach war sie kurz zu Hause gewesen, um einen Happen zu essen – niemals mit knurrendem Magen arbeiten –, und weiter ging es. Dass Kev ihr jetzt krummkam, war nun wirklich das Letzte, was sie gebrauchen konnte. Sie brauchte eine Schusswaffe, die nicht registriert war. Und sie brauchte sie jetzt. »Schönen Urlaub gehabt?«

»Durchfall und Sangria, wenn du’s genau wissen willst.«

Wollte sie nicht.

»Also dann«, sagte er und ließ die Schlüssel klimpern, als würde er ein Tamburin schütteln. »Nur herein in meine gute Stube.«

Hätte Iris Zeit gehabt, hätte sie sich gründlich umgesehen. Donkey war fleißig gewesen. An drei Wänden hingen Gewehre und Maschinenpistolen in ordentlichen Halterungen, Pistolen und Revolver lagen in Glasvitrinen wie beim Juwelier. Iris sah eine Ruger LC9s – eine kleine und leichte Waffe, die sich wunderbar versteckt tragen ließ und perfekt in ein BH-Holster passen würde. Schachteln mit Munition, nach Kaliber sortiert, daneben zwei große graue Kästen, die an superschicke amerikanische Kühlschränke erinnerten. Die Beschriftung »Winchester« machte praktischerweise klar, welchen Typ Pumpgun sie enthielten. Alle Achtung.

»Nicht schlecht, was?« Kevs Stolz spiegelte sich im wässrigen Glanz seiner Augen wider.

Iris nickte knapp – mehr Anerkennung würde er von ihr nicht kriegen. »Ich brauche eine Glock«, sagte sie, während sie den Blick über die Vitrine in ihrer Nähe gleiten ließ.

»Modell?«

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