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Rettung

Ein Holzkonzern zerlegt hemmungslos den einzigartigen Urwald im Westen Kanadas – mit dem Segen der Politik. Eine Gruppe vom Umweltschutz kämpft gegen die Abholzung. Sie planen ein Attentat und Pete meldet sich freiwillig, den Sprengsatz im Lagerhaus des Konzerns zu platzieren. Als die Bombe hochgeht und ein Mensch stirbt, flieht Pete in Panik. Tagelang irrt er im Wald umher und trifft schließlich an der Küste auf eine Siedlung von Aussteigern. Er findet Unterschlupf bei Inez und verliebt sich in sie, verschweigt ihr aber sein Verbrechen. Mit hohem Tempo erzählt, handelt dieser Thriller von Gewalt als Mittel für einen guten Zweck; glaubwürdig, fesselnd und hervorragend erzählt


  • Erscheinungstag: 23.07.2018
  • Seitenanzahl: 384
  • ISBN/Artikelnummer: 9783312010981
  • E-Book Format: ePub
  • E-Book sofort lieferbar

Leseprobe

 

 

PROLOG

 

An einem Sonntagmorgen im April parkten die fünf – vier Männer und eine Frau – ihren Van in einer Nothaltebucht unterhalb von Bedwell Pass. Sie folgten einer Schneise in den Wald hinein und gelangten hinter einer scharfen Kurve zu einer Lichtung, auf der sich hie und da zwischen Stümpfen Abraum stapelte. Der Hang stieg an, und der Forstweg führte in einen Gürtel aus Zedern und Tannen und endete abrupt an einem aufgeschütteten Erdhügel, davor eine Planierraupe, ein Tieflöffelbagger und ein Kipplaster.

Die fünf kletterten darüber hinweg, drangen ins Unterholz, kein Pfad. Durch den Regen der letzten Nacht stieg von der feuchten Erde ein kräftiger Duft auf, Farne und Salal, der Wirrwarr des Waldbodens ein glitzerndes Grün. Bäume stemmten sich in die Hänge hinein, die Stämme in Flechten und Moos gekleidet, die Wurzeln verknotet. Wo es flacher wurde, standen Tannen so breit wie ein Kleinwagen.

Auf der Passhöhe schlugen die fünf ihr Lager auf: zwei helle Igluzelte unter dem Astgewölbe zweier Douglastannen. Vogelrufe hallten durch die Luft, Lerchen, Drosseln, Waldsänger. Wipfel rauschten im Wind, das alte Holz knackte. Sonntagnachmittag, ein engelhafter Friede.

Pete Osborne kletterte einen dünnen Baum hinauf und befestigte in gut sechs Metern Höhe ein Ankerseil, wiederholte das Manöver mit einem zweiten Seil an einem weiteren, rund zehn Meter entfernten Baum, dann spannte er eine Hängematte dazwischen, zog sie hoch genug, damit man nicht so leicht an sie herankam. In derselben Manier brachte er noch eine zweite Hängematte an, kletterte hinein und stieß einen jodelnden Schrei aus. Ein Stück weiter den Grat entlang knüpfte Art Kosky ein Bettlaken hoch zwischen zwei Zedern, darauf gemalt die Worte: «Die Straße endet hier», ein kräftiges Schwarz inmitten des ungebärdigen Grüns.

Es war bereits später Nachmittag, doch das Licht reichte noch aus, also rief Pete die anderen zu sich, postierte sie vor das Banner und stellte die Kamera auf einen Felsen. Nachdem er den Timer eingestellt hatte, rannte er zu der Gruppe, schob das rote Halstuch über die Stirn und lächelte, als der Auslöser klickte: die fünf, eng zusammengedrängt, oben auf dem Bedwell Pass – Pete Osborne, Art Kosky, Fay Anderson, Jeremy Dunn und Derek Newfeld.

Am Abend sammelte Pete Holz, suchte den Grat nach allem ab, was trocken genug war, dann machten sie vor dem größeren der beiden Zelte ein Lagerfeuer. Sie aßen Baked Beans, Brot und Käse. Bevor es dunkel wurde, verstaute Fay die Reste in dem einzigen Rucksack, fädelte ein Seil durch die Riemen und hängte ihn hoch oben auf, damit die Bären nicht herankamen. Auf dem Weg zum Zelt, das sie mit Art teilte, drehte sie eine kleine Pirouette. Die anderen hatten sich abgewandt, so dass nur Pete es sah: eine einzige Umdrehung auf dem Waldboden, bei der ihre zum Bob geschnittenen Haare aufflogen.

 

Am Montag drang in aller Frühe der Lärm von Kettensägen aus dem Tal herauf. Die fünf frühstückten gerade und blickten hinunter in den Wald, lauschten dem schrillen Kreischen der Zweitaktmotoren, das alle paar Minuten vom Krachen eines umstürzenden Baums unterbrochen wurde. Die Schaufel des Tieflöffelbaggers schlug scheppernd gegen das Grundgestein, die Straßenbaukolonne bei der Arbeit. Später erschütterte eine Sprengung den Hang und löste Regentropfen von den Zweigen über ihnen.

Gegen Mittag kam ein Mann der Straßenbaufirma herauf. Er trug einen Schutzhelm und eine gelbe Warnweste. Er fragte, was sie wollten. Art stellte sich vor ihn hin und deutete auf das Banner. Ein leichter Wind blähte das Laken. Der Mann fragte, wie lange sie zu bleiben gedächten. Keiner antwortete. Art verschränkte die Arme. Er starrte ihn fest an, mit glühendem Blick, den Mund zusammengekniffen. Die fünf hatten vereinbart: kein Wort, keine Verhandlungen. Irgendwann machte der Mann kehrt und stieg den Hang wieder hinunter.

Am Morgen des dritten Tages erwachten sie bei Regen. Tiefe Wolken umschlossen die Welt, und das stetige Prasseln des Regens dämpfte das Kreischen der Kettensägen im Tal. Die fünf harrten in ihren Zelten aus. Am Abend klarte es auf, und Pete schulterte seine Kamera und machte sich auf den Weg den Grat entlang. Die Luft war kühl und klamm, der Mond stand hoch am Himmel, eine schmale Sichel. Pete richtete die Kamera auf einem Ast aus, stellte die Belichtung auf zwei Sekunden und hielt still.

Am Morgen des vierten Tages tauchten drei Studenten auf, eine Frau in einem hellgelben Parka, bei ihr zwei Männer; einer hatte einen kahlrasierten Schädel, und als er seine Wollmütze abnahm, kamen feine dunkle Stoppeln zum Vorschein. Sie hatten im Campusradio ein Interview gehört, in dem Fay und Art von ihrem Plan erzählt und dazu aufgefordert hatten, sich ihnen anzuschließen. Sie waren auf der Insel nach Norden getrampt und hatten sich durchgefragt. Niemand, mit dem sie sprachen, hatte ihnen weiterhelfen können. Übernachtet hatten sie in einem Kahlschlaggebiet zwei Meilen nördlich. Am Morgen waren sie den Geräuschen der Straßenbaukolonne gefolgt, dem Knallen des Dynamits.

Die Studenten errichteten zwei Zweimannzelte. Jetzt waren sie zu acht. So wurden Proteste größer, so erreichten Bewegungen eine Kraft, die man nicht mehr ignorieren konnte. Die drei neuen Gesichter hatten den fünf Auftrieb verschafft.

Als am fünften Tag gegen Abend der Mann mit der sanften Stimme und der gelben Warnweste erneut zum Grat heraufstieg, sah er sich mit acht schweigenden Menschen konfrontiert. Er hielt ein Blatt Papier in die Höhe, las die richterliche Anordnung vor und sagte, die Polizei sei unterwegs, um sie zu verhaften und wegzuschaffen. Der Bautrupp war näher herangerückt. Durch die niedrigen Äste war das rostig gelbe Führerhäuschen des Baggers zu erkennen, dahinter ein Kipplaster.

Die acht entzündeten mit dem Holz, das sie im Trockenen aufbewahrt hatten, ein Lagerfeuer. Jeremy zerbröselte eine Zigarette, formte den Tabak zu einem kleinen Knäuel und verbrannte ihn, als Opfer an die Bäume.

Am nächsten Morgen verstummten die Kettensägen und der Bagger, und in die Stille hinein erhob sich der Gesang einer Lerche. Wind wehte den Kamm entlang, tippte die Spitzen der uralten Bäume an und trug Stimmen aus dem Tal herauf, dann das Geräusch von Menschen, die durchs Unterholz stapften: Füße auf totem Geäst und zersplittertem Holz.

Pete lag seit Tagesanbruch in der einen Hängematte, Jeremy in der anderen. Jeremy hatte sich rasiert. Mit geradem Rücken saß er da, bereit, Herr seiner selbst. Er war der Erste, der die uniformierten Gestalten erspähte. Er rief den anderen zu, dass sie im Anmarsch waren, mit energischer Stimme, gebieterisch. Pete hob die Kamera, blickte durch den Sucher. Der vorderste Mann keuchte schwer. Hinter ihm schleppte ein zweiter Polizist eine Trittleiter durchs Gehölz. Der Auslöser klickte. Pete transportierte den Film weiter, sah erneut durch den Sucher.

Fay zog den Reißverschluss des Igluzelts hoch und trat auf das Totholz hinter dem blauen Nylon. Als sich der erste Polizist der Passhöhe näherte, sah sie zu Pete und Jeremy. Wieder klickte der Verschluss. «Wir gehen hier nicht weg», rief Fay, und Pete machte ein weiteres Foto, Fay im Profil, nach vorne gelehnt, das Kinn gereckt, herausfordernd, ihre schwarzen Haare gerade lang genug, um sie hinter die Ohren klemmen zu können. Er fotografierte auch einen der Studenten. Die drei hatten beschlossen, sich nicht verhaften zu lassen, und traten einer nach dem anderen beiseite, als der Polizist mit den Streifen am Arm ein Megaphon hob und die Anordnung vorlas.

«Sie müssen uns schon hier wegschleifen», rief Art, doch der Beamte mit dem Megaphon las einfach weiter.

Fay legte sich auf den Boden und machte ihren Körper schlaff, als die Polizisten heranschwärmten. Zwei Beamte packten Derek und hoben ihn hoch. Die Kamera klickte erneut, fing Derek ein, sein kantiges, knochiges Gesicht mit der Drahtgestellbrille, die ihm auf die Nasenspitze gerutscht war.

Die Studenten hatten Art geholfen, eine Kette um sich zu wickeln. Sie hatten ihn an einen Baum gebunden, doch die Polizei hatte Bolzenschneider dabei. Sie waren gut vorbereitet. Pete betrachtete Art durch den Sucher, angespannter Kiefer, rotes Gesicht, an der Kette zerrend, während ein Beamter den Bolzenschneider ansetzte und mit einem Schnappgeräusch ein Kettenglied durchtrennte.

Der Polizist mit den Streifen auf dem Arm näherte sich Fay. Sie blieb reglos liegen. Sie würde nicht von selbst gehen. Ja, nicht einmal aufstehen. Ein Mann bückte sich und ergriff ihre Beine. Ein anderer packte sie an den Armen. Pete lehnte sich über den Rand der Hängematte und schoss ein Foto ihres zwischen den beiden Männern eingeklemmten Körpers.

Die oberste Sprosse einer Leiter schlug gegen die Zeder direkt neben Pete, und aus dem Strauchwerk kletterte ein Polizist hervor. Sein Gesicht kam auf gleiche Höhe, tiefliegende Augen, rote Wangen, münzgroßes Muttermal auf dem Nacken. «Kann ich erst noch meine Kamera einpacken?», fragte Pete. «Nur damit nichts kaputtgeht.»

 

Art war der Letzte, der den Hang hinuntergetragen wurde, nachdem die um seinen Oberkörper gewickelte Kette durchtrennt worden war. Drei Beamte schleppten ihn den Pfad entlang, den viele Füße matschig getreten hatten. Auf halber Strecke rutschte der Mann, der Arts linkes Bein hielt, aus, und Art knallte mit dem Rücken auf Felsengestein.

Am Kopf des neuen Forstwegs stand ein Mann mit einer Fernsehkamera auf einem kleinen Erdhügel. Art hob den Kopf und blickte direkt in die Linse. Ein paar Bauarbeiter standen herum und sahen zu. Einige klatschten Beifall. Ein Stück den Forstweg runter hielt ein Bulle Jeremy am Arm gepackt, und ein Reporter ging mit gezücktem Diktiergerät neben ihnen her. Jeremy redete im Gehen, mit angelegten Handschellen, ohne zu gestikulieren, ohne dem, was er sagte, Lebendigkeit verleihen zu können. Trotzdem neigte er sich dem Reporter zu, hielt seinen baumlangen Körper schräg.

All dies geschah Anfang Frühjahr, bevor die Proteste weiter nördlich, am Clayoquot Sound, wirklich heftig wurden, bevor der RCMP die Kontrolle entglitt. An jenem Tag ließen die Polizisten sich Zeit, nahmen die fünf vierundzwanzig Stunden lang in Gewahrsam, setzten sie dann gegen eine Kaution auf freien Fuß.

 

Jeremy marschierte die gut sechs Kilometer zurück, um den Van zu holen, der unterhalb der Schneise geparkt war. Vierundzwanzig Stunden war es erst her, dass sie sich dem Bautrupp in den Weg gestellt hatten, und nun hatte der Löffelbagger sich bereits in den Wald hineingeschaufelt. Zwei der Seile, an denen die Hängematten befestigt gewesen waren, hingen immer noch sichtbar in sechs Metern Höhe.

Der Van stand am Ende eines Forstwegs. Jemand hatte Hippies, verpisst euch auf die Rückseite gesprayt. Nach einigen weiteren Schritten bemerkte Jeremy, dass die Scheiben fehlten. Würfelförmige Glassplitter lagen überall auf dem Boden verstreut. Als er um den Wagen herum zur Fahrertür ging, trat er auf eine Patronenhülse. Neben dem Van lagen, zu einem wilden Haufen gestapelt, die Zelte, Schlafsäcke und Hängematten. Das mussten die Studenten gewesen sein, sie mussten ihre Sachen hergebracht haben. Jeremy zog den Schlüssel aus der Hosentasche und zupfte, so gut er konnte, die Glasscherben vom Fahrersitz. Der Motor sprang problemlos an. Jeremy stocherte in der Gangschaltung herum, fand den Rückwärtsgang und wendete.

Auf dem Weg nach unten war eine Sprengung zu hören, ein polternder Knall, der dumpf durchs Tal hallte.

Noch am selben Tag machten sich die fünf auf den Heimweg, erst nach Osten, über den Rücken der Insel hinweg, dann nach Süden. Sie hielten an einer Tankstelle außerhalb von Ladysmith, und Fay kaufte eine Nachmittagszeitung. Sie bat alle um Aufmerksamkeit, als sie zum Van zurückkehrte und die Zeitung vor sich hochhielt. Die Titelseite zeigte zwei Männer im Anzug. Jeremy musste die Augen zusammenkneifen, um aus dieser Entfernung die Schlagzeile lesen zu können: «Ausschuss: vierundsiebzig Prozent des Primärwalds freigegeben.»

Die Zeit dehnte sich, elastisch, glitschig, bis Pete schließlich sagte: «Diese Arschlöcher.»

 

 

1

 

Auf dem Unterdeck der Fähre roch es nach Diesel und Salz. Regen war durch die ovalen Fenster hereingespritzt und hatte Pfützen um die Reifen der Sattelschlepper und Lieferwagen gebildet. Als Pete Osborne sich zur Schiffswand durchschlängelte, kam er an einem kleinen Wohnmobil und an einem Auto mit U-Haul-Anhänger vorbei. Die Luft war kühl hier, wo die Fenster einen Blick über die Meerenge hinweg auf flache Inseln boten. Er zog den Reißverschluss seiner Jacke hoch und steckte die Hände in die Hosentaschen.

Sie hatten den Kombi in der Mitte des Schiffs geparkt, nah an der Reling. Fay Anderson saß mit gesenktem Kopf auf dem Beifahrersitz, die hohlen Hände auf dem Schoß.

Pete beobachtete sie, als er um den Wagen herum zur Fahrerseite ging. Sie hatte ihre Strickmütze bis über die Augenbrauen gezogen. Da sie den Kopf gesenkt hatte, war ihr Gesichtsausdruck kaum zu erkennen. Sie schien sich auf das zu konzentrieren, was sie da in den Händen hielt. Als er die Tür öffnete und sich in den Schalensitz zwängte, sah sie zu ihm herüber. Ihre Hände waren leer.

«Wieso gehst du nicht rauf an Deck und schnappst ein bisschen frische Luft?», sagte er. «Und trinkst einen Kaffee.»

«Nein, nicht noch mehr Kaffee, sonst werde ich noch ganz zappelig.»

«Ein bisschen die Beine zu vertreten würde dir guttun. Und etwas frische Luft auch. Ich passe so lange auf die Sachen auf.»

«Wir sind fast da. Lohnt sich nicht mehr.»

Pete hielt das Lenkrad fest umklammert. Trotz seiner Runde auf dem Passagierdeck war er noch immer nervös. Er bog seine Hände, drehte sie ein und aus. Es roch leicht nach Pech. Pete hatte es sofort bemerkt, nachdem er die Autotür zugezogen hatte, ein dünner Hauch, der ihm in der Kehle steckenblieb. Er drehte sich um und sah nach hinten. Eine Karodecke, ausgebreitet über Kisten.

«Riecht irgendwie nach Teer, oder?»

Er kurbelte das Fester auf, aber Fay legte ihre Hand auf seinen Arm. «Besser, der Geruch bleibt hier drin.» Ihre Finger lagen oberhalb seines Handgelenks, doch als er das Fenster wieder hochkurbelte, durchflutete ihre Wärme seinen ganzen Arm.

Sie waren in einen engen Kanal hineingefahren, und durch ein Fenster kam die schroffe, graue Felswand einer Insel in Sicht. Am Rand des Kliffs wuchs ein kleiner Baum. Sein Stamm war krumm, das Laubwerk dürr. Die Insel wirkte erstaunlich nah, als könnte man den Arm durchs Fenster strecken und die Felswand berühren. Das Schiffshorn tutete tief und lang.

«Tut gut, wieder auf der Insel zu sein», sagte Pete. «Diesen Teil erledigt zu haben.»

«Das Ende des Anfangs.»

Pete versuchte zu lächeln, doch es fühlte sich gezwungen an, sein Gesicht angespannt. Er zwickte sich am Nasenrücken und drückte die Augen zu. Er wollte etwas Witziges sagen, sie zum Lachen bringen, seine Nervosität abschütteln und zu der heiteren Stimmung zurückfinden, die sie bei ihrem Trip gestern Abend beflügelt hatte.

Die Passagiere hatten begonnen, zu den Fahrzeugdecks hinunterzusteigen. Das Neonlicht des Laderaums zuckte grell, irgendwo in der Nähe lief ein Radio, zwei Autotüren wurden geöffnet und geschlossen. Ein Lastwagenmotor heulte auf und verstummte wieder.

Zwei Fahrzeuge vor ihnen versuchte ein kleines Mädchen, einen Hund in einen Caravan zu zerren, doch der Hund sträubte sich, verlagerte sein Gewicht auf die Hinterbacken und setzte sich. Es war ein Collie, schwarz, mit einem weißen Streifen auf dem Vorderkopf. Das Mädchen zog, und das Band dehnte den Hals des Hundes.

«Ich hatte auch mal so einen», sagte Fay. «Er hieß Max. Als ich acht war oder so, ließ mein Vater ihn im Wald von der Leine, und Max jagte nach irgendwas im Unterholz. Wir haben ihn nie wiedergefunden und irgendwann einen neuen gekauft, Max zwei, auch ein Collie. Es war aber nicht das Gleiche. Max zwei war faul und wurde fett.»

«Der Hund erinnert mich daran, dass die Russen mal versucht haben, Füchse zu domestizieren», sagte Pete. «Es hat Jahre gedauert, vielleicht dreißig Generationen, und irgendwann wurden die Ohren der Füchse tatsächlich weich, ihr Fell gescheckt, der Schwanz zeigte nach oben statt nach unten, und sie bekamen vorne auf dem Kopf einen weißen Fleck, genau wie bei dem da.»

«Wie haben sie das gemacht?»

«Nicht auf die nette Art oder durch Umerziehung oder so, sie haben schlicht die Tiere erschossen, die nervös wurden, wenn jemand ihnen zu nahe kam. Erschieße Generation für Generation alle, die bellen oder jaulen, dann machst du in dreißig Jahren aus Füchsen Hunde.»

Die Rampe schepperte, als sie von der Fähre hinunter in das Licht eines grauen Nachmittags hinausfuhren. Der Wind verfing sich in den Türschlitzen und machte ein pfeifendes Geräusch, als sie beschleunigten.

Es dauerte über eine Stunde, bis Pete und Fay wieder offenes Wasser erreichten. Die Straße durchstieß den Wald, und vor ihnen öffnete sich der Blick auf eine weite, wie von einem Löffel ausgeschälte Bucht von tiefem Blau. Knapp einen Kilometer weiter wies Fay ihn an, landeinwärts abzubiegen. Sie schien den Weg genau zu kennen. Irgendwann zeigte sie nach vorn, lotste Pete auf eine Forststraße. «Das ist die Thurlow Road. Der Name steht nirgends, aber das ist sie.»

Bald nachdem sie abgebogen waren, hatte das Radio die ersten Aussetzer. Irgendwann schaltete Fay es aus, und kurz darauf entdeckten sie den gelben Pinto in einer Pannenbucht, direkt am Waldrand. Pete fuhr langsamer, glitt dahinter. Beide Türen des Pinto schwangen gleichzeitig auf. Aus dem Beifahrersitz stieg Derek Newfeld, seine schwarzen Haare verstrubbelt, widerspenstig, Drahtgestellbrille hoch auf der Nase. Aus dem Fahrersitz stieg Art Kosky, der Reißverschluss seiner Lederjacke geöffnet, die Arme zum Willkommen ausgebreitet.

Die ganze Fahrt die Thurlow Road entlang hatte Pete diesen letzten Moment, in dem er mit Fay allein war, nutzen wollen, um ihr etwas zu sagen, doch sie hatte die Beifahrertür schnell geöffnet. Pete entriegelte die Fahrertür. Es war kühl und feucht draußen, er spürte es in seiner Brust, als wäre die Luft schwerer als sonst.

Auf der anderen Seite des Kombis schlang Art einen Arm um Fay, zog sie zu sich heran und küsste sie. Pete sah hin, ohne hinsehen zu wollen, konnte seinen Blick nicht abwenden, bis sie sich wieder voneinander gelöst hatten.

«Wir dachten schon, ihr hättet euch verfahren», sagte Art, «und haben uns allmählich Sorgen gemacht.»

«Ist halt eine langsame Karre», erklärte Fay.

«Habt ihr alles?»

Pete ging nach hinten, öffnete die Heckklappe des Kombis und hob die Karodecke an. «Neunzig Kilo.»

Alle drängten sich zusammen, staunten gemeinsam. Derek stieß einen langen Pfiff aus, als er langsam den Deckel einer Kiste lüpfte.

«Wir haben uns alles gekrallt, was da war», sagte Fay.

«Das ist sehr gut. Und es reicht. Locker. Geteilt durch drei: Esterway Ridge, List Cove, Dutton. Jeweils dreißig Kilo.» Art schlug mit der Hand auf die Heckscheibe. «Derek, du stehst an dem einen Ende der Straße Schmiere. Und du, Fay, an dem anderen. Pete und ich verstecken den Rest. Acht Kisten. Das schaffen wir in zwei Gängen, höchstens drei.»

Fay trat einige Schritte zurück. Sie verschränkte die Arme und zog ihre Strickmütze tiefer. Pete sah ihr nach, als sie davonging, dem lässigen Rhythmus ihres Gangs. Oben fuhr der Wind in die Bäume und rüttelte an den Ästen. Art legte einen Arm um Petes Schulter. «Zieh mal deine Mundwinkel nach oben.»

«Ich?», fragte Pete.

«Läuft doch alles nach Plan. Du brauchst dir keine Sorgen zu machen.»

«Sehe ich so aus?»

Art zog Pete näher zu sich heran, nahm ihn in den Schwitzkasten. Pete hustete, sein Atem stockte, bis Art ihn wieder losließ.

«Mensch, Art.» Pete massierte sich den Nacken, den Adamsapfel.

«Und du guck nicht so wie ein trauriger Dackel.»

Art hob die erste Kiste aus dem Wagen. Er reichte sie an Pete weiter, setzte noch eine drauf.

«Seid ihr gut klargekommen, du und Fay?»

«Sicher, wir kommen super miteinander klar.»

«Nein, ich meine, gabs irgendwelche Probleme? Hat euch jemand gesehen?»

«Nein. Am Tor mussten wir die Kette knacken. Das Magazin selbst hatte nur ein Vorhängeschloss.»

«Und euch hat wirklich keiner gesehen?»

«Nein, kein Mensch.»

Der Pfad führte durch ein Tannenwäldchen und stieg dann sanft an, vorbei an mit Moos und Farnen überwucherten Felsen. Art ging voran. Der Boden war verharscht. Fußabdrücke im trockenen Schlamm. Ein Vogel schreckte auf und flatterte hoch, als sie vorbeikamen.

Zwei Kehren weiter dünnte der Wald aus, kurz eröffnete sich ein Blick auf das Flusstal. Nach weiteren hundert Metern verließ Art endgültig den Pfad und watete durch ein Beet aus Schwertfarn. Pete folgte ihm, und als es flacher wurde, entdeckte er die Öffnung: eine lose Felsenformation, ein dunkler Spalt zwischen den Steinen.

Art musste sich bücken. Er hievte die ersten beiden Kisten hinein, verschwand vollständig im Dunkeln. Kurz darauf lehnte er sich wieder heraus, und Pete reichte ihm die nächsten beiden Kisten. Er schüttelte seine schmerzenden Hände aus, bog seine Finger. «Wie hast du dieses Versteck gefunden?»

«Hab mal einem Kumpel geholfen, Bewässerungsequipment für Marihuana-Anbau hier raufzuschleppen.»

«Meinst du, es ist trocken genug?»

Art trat wieder ins Licht, richtete sich zu seiner vollen Größe auf und fischte eine Schachtel Zigaretten aus seiner Jackentasche. «Wir haben eine Plane. Die könnten wir bei der nächsten Runde mitnehmen.»

Wieder unten an der Straße, öffnete Pete die Heckklappe des Kombis und holte die nächsten beiden Kisten heraus, als Fays Stimme die Luft durchschnitt. «Achtung, Auto.»

Nördlich von ihnen ertönte ein Motorengeräusch, Reifen auf Schotter. Pete stellte die beiden Kisten zurück in den Kofferraum und schlug die Heckklappe zu. Ein Lastwagen bog um die Kurve. Art duckte sich rechtzeitig, doch für Pete war es zu spät. Der Fahrer hob zwei Finger an, ein träges Winken, der Rest der Hand am Lenkrad. Er trug einen Bart, Brille, sein Beifahrer eine Baseballkappe. Der Lastwagen war da und gleich wieder weg, verschwunden hinter der nächsten Kurve. Pete atmete langsam aus.

«Warnen geht eigentlich anders.» Art stand schon wieder, klopfte sich den Staub ab. «Der Witz beim Schmierestehen besteht darin, dass man den anderen Zeit verschafft.»

«Sollen wir das ganze Zeug jetzt lieber woandershin bringen?»

«Noch drei Aktionen, und die Sache ist durch. In sechs Wochen, höchstens acht.»

«Der Typ hat mich voll gesehen.»

«Du hättest dich ducken sollen.»

«Ich habe gerade die Heckklappe zugemacht. Hättest du es besser gefunden, wenn er da reingeguckt hätte?»

Pete öffnete den Kofferraum wieder. Die Kisten fühlten sich diesmal schwerer an, der Weg wirkte länger. Auf halber Strecke klemmte Pete die Kisten zwischen sein Knie und einen Baumstamm und ruhte sich aus, schüttelte Hände und Arme. Unten schnitt die Straße einen blassen Streifen in den Hang.

 

Als die acht Kisten verstaut und mit Plastikplane umwickelt waren, kehrten Art und Pete zum staubigen Seitenstreifen an der Thurlow Road zurück. Pete lehnte sich an die Motorhaube des Kombis. Art steckte seine Finger in den Mund und pfiff scharf.

Fay kam um die Ecke gebogen, den Kopf zurückgelehnt, die Hände in den Jackentaschen. «Findet ihr diese kleine Höhle okay?»

«Du hättest uns ruhig ein bisschen früher warnen können, Fay.»

«Ich habe sofort gerufen, als ich den Lastwagen gehört habe.»

«Als du gerufen hast, konnte auch ich ihn hören, und ich stand wesentlich weiter weg.»

Sie hielt an, zehn Meter entfernt, mitten auf der Schotterpiste. «Ich habe sofort gerufen, als ich ihn gehört habe, Art.»

«Dann hättest du dich weiter die Straße rauf postieren müssen.»

«Sie hat gerufen», sagte Pete. «Wir haben sie gehört. Ich habe sie gehört.»

«Ich auch.» Derek stand jetzt hinter ihnen, den Autoschlüssel in der Hand. «Wollen wir los?»

«Ich will damit nur sagen, dass man Schmierestehen ernst nehmen muss. Fay hat das nicht getan, und das Ergebnis kennen wir.»

Fay ging vorbei an Pete, vorbei an dem Pinto und öffnete die Beifahrertür des Kombis. «Du hattest mehrere Sekunden Zeit, wenn du dich nicht rechtzeitig weggeduckt hast, bist du selber schuld.»

«Ich habe mich rechtzeitig weggeduckt. Pete war der Einzige, der noch stand.»

In solchen Momenten, wenn Spannungen die Gruppe im Griff hatten, vermisste Pete Jeremy am meisten, seine besonnene, beruhigende Art.

Fay zog die Beifahrertür zu, und Pete hob die Hände. «Wir haben jetzt keine Zeit für so einen Streit.»

Art bückte sich und spähte durch die Windschutzscheibe des Kombis. «So wies aussieht, fährt sie bei dir mit, Pete.»

Derek schloss den Pinto auf und öffnete mit einem leisen Knarren die Fahrertür. «Weißt du, wie man zum Steinbruch kommt, oder fährst du uns nach?»

«Fay kennt den Weg», erwiderte Art. «Ihr beide wartet lieber noch ein bisschen, bringt etwas Abstand zwischen den gestohlenen Wagen und dem mit dem Dynamit.»

Pete legte seine Hand an den Griff und spähte hinein zu Fay, beobachtete sie durch die Scheibe, während hinter ihm der Motor des Pinto ansprang.

 

 

2

 

Pete setzte sich hinters Steuer. Fay hatte ihre Strickmütze auf den Schoß gelegt. Ihre Haare darunter waren wild und zerzaust, über der Stirn stand eine verfilzte Strähne ab.

«Art meint, wir sollen es langsam angehen», erklärte Pete. «Abstand lassen zwischen den Fahrzeugen.»

Der Pinto rollte leise knirschend über den Schotter. Pete sah dem Auto nach, das sich auf der Thurlow Road entfernte. «Art ist ziemlich ätzend», sagte Pete.

«Ich will nicht über Art reden.»

«Über irgendwas muss ich reden. Ich muss mich ablenken.» Er hob seine Hand. Seine Finger zitterten, die ganze Hand. «Ich spüre schon seit heute Morgen so eine schleichende Angst, und jetzt ist es noch schlimmer geworden.»

«Angst wovor?»

«Vor dem, was passieren könnte. Davor, dass es ein Fehler sein könnte.»

«Das nennt man Nervosität. Dagegen ist niemand gefeit.»

«Es ist mehr als nur Nervosität. Ich bin am Ende meiner Kräfte», erklärte er. «Kurz vor einer Panikattacke. Ich muss …»

«Fühl mal, wie kalt meine Finger sind.» Sie ergriff seine Hand und drückte sie. «Mein ganzer Körper ist ein einziger Eiszapfen.»

«Sind wir dabei, einen Fehler zu machen, Fay?»

«Es wird alles glattgehen. Alles okidoki. Genau wie in Tammery Mill. Genau wie in Westlake.»

«Das hier ist was anderes als Tammery Mill oder Westlake. Was ganz anderes. Das ist …»

«Ich bin auch nervös, okay? Sieh mich an. Ich bin angespannt. Ich bin total …» Sie hielt inne, und er wandte sich ihr zu.

«Du siehst gut aus», sagte Pete. «Ich meine, spitzenmäßig.»

«Art ist wirklich ätzend gerade.»

«Ich war auch schon in Tammery Mill und Westlake nervös, aber das hier ist schlimmer.»

«Und es wird sogar noch schlimmer, bis es dann vorbei ist und es dir wieder bessergeht. Okidoki.»

«Meine Mutter hat auch immer okidoki gesagt. Das hieß dann Schlafanzug anziehen und ab ins Bett.»

Pete setzte sich so hin, dass er nach hinten sehen konnte. Die Karodecke lag verknäuelt zwischen den vier Kisten. «Wir könnten ein Bett herrichten.» Kurzer Blick zu Fay. «Ich meine, da hinten liegt eine Decke, falls dir kalt wird. Oder falls du ein Nickerchen machen willst.» Er sah wieder zu den Kisten, als auch Fay sich zwischen den Sitzen nach hinten lehnte. Ihre Gesichter kamen sich nah, so nah, dass er ihren Atem spüren konnte, ein Kitzeln auf seiner Haut. Ein wilder, langer Herzschlag, dann hob er den Kopf und traf auf ihre großen braunen Augen, die ihn direkt ansahen. Zwei Zentimeter trennten sie noch, dann nichts mehr, ihre Lippen berührten sich, und er war sich nicht sicher, ob er sie geküsst hatte oder sie ihn, jedenfalls öffnete sich ihr Mund, ihr sanfter, großzügiger Mund, und der Doppelschlag seines Herzens übertönte alle anderen Geräusche. Sie rückte von ihm weg, aber nur ganz wenig. Ihre Stirn berührte seine, es kam ihm vor wie eine Frage. «Ist das …», sagte er. «Bist du …»

Bevor er weitersprechen konnte, schnellte sie nach vorne, küsste ihn ein weiteres Mal, schnitt ihm das Wort ab, presste sich an ihn. Diesmal schlang er seine Arme um sie. Sie roch nach Kiefernadeln und feuchter Luft, doch über allem hing nach wie vor der stechende Geruch nach Pech, der von den Holzkisten aufstieg. Fay ließ sich in ihren Sitz sinken und begann, ihre Jacke aufzuknöpfen. Sie zog sie aus, hob ihren Pullover an.

Pete knöpfte sein Hemd auf, zerrte daran, schälte sich heraus, und dann war sie über ihm, hing quer über dem Sitz, ihre Gliedmaßen verknäuelten sich, als sie sich küssten. Er zog sie zu sich heran, ihre nackte Haut auf seiner, ihre Brüste auf seiner Brust, doch ihr Fuß verfing sich in der Gangschaltung. «Warte», sagte sie. «Ich stecke fest. Moment.» Sie begann zu lachen, und er versuchte, den Sitz nach hinten zu schieben, tastete nach den Knöpfen auf der Seite und fuhr schließlich die Lehne nach unten. In dem Moment biss sie ihn, scharfe Zähne auf seiner Schulter.

«Wir können die Rückbank umklappen», schlug er vor. «Oder die Decke aufs Gras legen.»

Fay hatte bereits die Hände unten, fummelte an ihrer Jeans. Sogar als sie ihn küsste, zerrte sie daran, und er tat das Gleiche, wand sich zentimeterweise aus seiner Hose heraus.

Vier Holzkisten voll mit Dynamit standen direkt an seinem Kopf, dreißig Kilo, das ging ihm einfach nicht aus dem Sinn. Sogar als Fay sich auf ihn setzte, war ihm vor allem präsent, wie nah der Sprengstoff war, die Verheerung, die er anrichten konnte, wie wahnsinnig die Situation, sie beide in diesem Auto, der Rest des gestohlenen Dynamits in der Höhle, die Gefahr, dass jederzeit ein Auto um die Kurve biegen konnte.

Danach blieb Fay auf ihm liegen, aber nur kurz. Als Pete wieder zu Atem gekommen war, beugte er sich vor, um sie zu küssen, doch sie wich ihm aus, bevor seine Lippen die ihren berühren konnten, rollte von ihm hinunter, zurück auf ihren Sitz. Sie raffte ihre Kleidung zusammen, und dann stiegen sie gleichzeitig aus, um sich anzuziehen. Fay trug keinen Büstenhalter, nur ein Unterhemd, ein langärmeliges Hemd, einen Baumwollsweater, ihre Armeejacke. Pete sah ihr beim Ankleiden zu. Er wusste nicht, was er sagen sollte, was dies zu bedeuten hatte, aber er wollte auch nicht fragen. Vielleicht war alles klar: eine kleine, spontane, gefährliche, bedeutungslose Ablenkung.

Fay schlüpfte in ihre Unterwäsche, in ihre Jeans, wackelte mit den Hüften, bevor sie den Verschluss zuknöpfte. Es dämmerte, das Licht glitt aus der Landschaft. «Ist meine Mütze hier irgendwo?» Sie sprach so leise, dass es auch an sich selbst gerichtet sein konnte, während sie sich bückte, um unter dem Auto nachzusehen. Beide gingen sie einmal um den Wagen herum, inspizierten auch das Gras am Straßenrand. «Sie muss im Auto sein.»

Sie tasteten unter die Sitze, auf ihrer und auf seiner Seite. Schließlich setzte Pete sich hinters Steuer. «Vielleicht sollten wir einfach fahren.»

Nach zehn Minuten waren sie auf asphaltierter Straße. «Hat Art hier irgendwo Zigaretten liegen lassen?»

«Wir haben dreißig Kilo Dynamit da hinten, Pete.»

«War ein Scherz.» Er wollte Fays Hand ergreifen, doch sie hob sie genau in diesem Moment an und kratzte sich am Ohr.

Sie hörten Musik, einen Song nach dem anderen, bis sie die West Coast Road erreichten und der Empfang schwächer wurde. Die einbrechende Dunkelheit vertrieb die Wärme des Sommernachmittags. Sie kurbelten die Fenster hoch und stellten die Heizung an. Die Straße war kurvig, ein ständiges Auf und Ab, Asphalt, der sich in die Konturen der Landschaft schmiegte, dann wieder nur Erde und Schotter.

Sie folgten der Küstenlinie westwärts, bis Fay auf einen Forstweg deutete, der zwischen klumpigen Hügeln hinaufführte. «Da ist es», sagte sie. Pete bog ab, und kurz darauf wies Fay ihn an, noch einmal abzubiegen, in einen Seitenweg. Hinter ihnen wirbelte Staub auf, den ihre Rücklichter rötlich färbten, während sie weiter in den Kludahk hineinfuhren, durch dichten Sekundärwald, dann wieder kahlgeschlagene Flächen.

Pete hatte die Orientierung verloren. Sein Gefühl für Norden und Süden, sein Gespür dafür, wo das Wasser lag, alles war durcheinandergeraten, doch Fay führte sie, Abzweig für Abzweig, durch dieses Wegegewirr. Art hatte recht. Sie wusste genau, wo es war. «Noch eine Kurve.»

«Letzte Chance, einen Rückzieher zu machen», sagte Pete.

Fay antwortete nicht. Es war ein Witz gewesen. Mehrheitlich ein Witz. Sie wussten beide, dass Fay nicht zu der Sorte Mensch gehörte, die von Zweifeln befallen wurde.

Sie rutschte etwas auf ihrem Sitz, wandte sich ihm zu. «Und jetzt immer geradeaus. Wir sind fast da. Es ist hier an dieser Straße.»

Die Scheinwerfer des Kombis erfassten Art und Derek, die nebeneinander an dem gestohlenen Pinto lehnten. Derek sah weg. Art hob die Hand schützend vor die Augen, um nicht geblendet zu werden. Pete sagte: «Ich kann mir schon denken, was du an Art findest, aber ich frage mich manchmal, ob du wirklich mit ihm glücklich bist.»

Sie öffnete die Tür. «Kein guter Zeitpunkt, um darüber zu sprechen.»

Art ließ seine Zigarette fallen und trat sie aus, als Fay ausstieg. «Wenn irgendwas schiefgeht», sagte sie, «treffen wir uns hier wieder.»

Die Scheinwerfer des Kombis waren noch an, und als Fay einen Schritt in Richtung Steinbruch machte, traf der Lichtstrahl ihre Flanke, ihr Bein, den Saum ihrer Jacke, ihren barhäuptigen Kopf. Art folgte ihr, lautes Knirschen auf dem Kiesbett, während Pete sitzen blieb und sich wünschte, er wäre derjenige, der ihr nachging.

 

Kurz nach zwei Uhr früh waren sie wieder bei den Fahrzeugen. Fay ging zu dem Pinto, dessen Fahrertür Art einen Spaltbreit geöffnet hatte. Sie schielte zu Pete hinüber, als sie auf dem Beifahrersitz Platz nahm. Pete blieb draußen stehen, die Finger um den Türgriff des Kombis geballt. Ein paar Meter entfernt bückte sich Derek und löste den Schnürsenkel seines Stiefels. «Da ist ein Steinchen oder so reingerutscht.» Er schüttelte den Stiefel aus. «Nervt schon den ganzen Tag.»

«Du kommst mit mir, Derek.»

Pete trat das Gaspedal durch und drehte den Zündschlüssel. Derek glitt neben ihn, setzte sich dahin, wo Fay gerade gesessen hatte. Vor ihnen flammten die Rücklichter des Pinto auf. Pete versuchte, nicht an Art und Fay zu denken. Er brauchte einen klaren Kopf. Er musste sich auf die anstehende Aufgabe konzentrieren, doch dadurch flackerten seine Ängste wieder auf: ein Gurt, der seine Brust einschnürte, ihm den Atem nahm, das Herz aufwühlte.

Auch Derek war unruhig. Er zappelte herum, plapperte permanent – über die atmungsaktiven Mikrofasern in seinen Stiefeln, die er aufband, auszog und wieder zuband. Über Wasseraufbereitung und Entsalzungsprojekte, über Bewässerungsanlagen und den Verkauf von Wasser an Mexiko, ein Versuch, sie beide abzulenken oder es wenigstens zu versuchen, seine Stimme ein Flattern in der Nacht.

Pete richtete seine Aufmerksamkeit auf die Straße, auf den Lichtkegel vor ihnen. Hinter der letzten Kurve, kurz vor der Lagerhalle von Greer-Braden, fuhr der Pinto seitlich ran, und Pete hielt dahinter. Ab hier wurde die Fahrbahn breiter, weil ein Nebenweg einmündete und so die Hauptstrecke bildete, eine Straße, die direkt hinunter nach Port Thorvald und dem dortigen Holzfällercamp führte. Derek öffnete seine Tür.

«Willst du hier Schmiere stehen?», fragte Pete.

«Scheint mir die richtige Stelle zu sein.»

«Hast du hier auch wirklich einen guten Blick auf beide Straßen?»

«Ich denke schon.»

Pete fuhr den Hügel hinunter. Nach etwa hundert Metern endete der Weg an einem Maschendrahtzaun. Ein einziges Flutlicht beleuchtete einen Teil des Kiesbetts und die Betonwand der Lagerhalle. Das Firmenschild von Greer-Braden wurde vom Lichtkegel gerade noch erfasst. «Esterway Ridge Lagerhalle», daneben das Firmenlogo, ein roter und grauer Wirbel.

Da war er nun. Alles nahm seinen Lauf.

 

 

3

 

Der Chor von St. Stephen sang in die leere Kathedrale hinein, die Stimmen stiegen aus dem Gestühl empor. Die Musik schwebte durch das Querschiff in die große Halle und führte hoch über den Kirchenbänken ein Eigenleben. Der Text war auf Latein, Tab Harper also fremd, doch die anderen im Chor kannten das Magnificat Mysterium und rissen sie mit, eng verwobene Stimmen, in die sich Tabs Soprantöne hineinmogelten. Sie schielte immer wieder hinunter zum Notenblatt, um abzuschätzen, wann sie atmen musste. Sie bemühte sich um eine gute Aussprache. Vor ihnen beugte Mr. Novak sich über das Pult, seine Hände tanzten auf Schulterhöhe, als hinge an jenem Finger ein Faden, mit dem er einen Teil der Melodie spielen konnte. Jetzt deutete er gerade auf den Bass, zog ihn mit den Fingern zu sich heran. Mit tiefen, ehrerbietigen Stimmen donnerten die Männer die Noten der Partitur. Leicht und luftig schwebte der Sopran darüber und führte den Bass immer höher hinauf. Sopran und Bass waren jetzt wie ein Tanzpaar, das sich zusammen bewegte, aber darum rang, wer führen durfte. Novak richtete sich auf. Er hob die Hände und trat beiseite. Die Stimmen verstummten. Die Musik stockte und verklang, Stille im Kirchengewölbe, ein Husten. Jemand neben Tab räusperte sich.

«Ihr singt wie Truthähne. Ihr kollert.» Novak war Slowake, so dass es klang wie «Ihr kullert». «Das Lied handelt von Hoffnung und Freude. Es ist kein träges Brummen. Bass und Tenor, was war denn das für ein Einsatz? Ihr klingt wie Nilpferde, die aus dem Sumpf auftauchen.»

Die Frau rechts neben Tab drückte ihr den Ellbogen gegen den Arm. Tab sah kurz zu ihr hin und wollte etwas beiseiterücken, um Platz zu schaffen, aber es war zu eng. Es gab einfach keinen Platz. «Staccato muss Biss haben», erklärte Novak. «Staccato ist Erregung.» Er sang einige Takte, den Bass, mit tiefer Stimme. Der fülligen Frau neben Tab ging es gar nicht um mehr Platz. Sie wollte ihre Aufmerksamkeit. Tab spähte erneut zu ihr hin, wollte schon lächeln, doch die Frau sah gerade hinunter zu ihrem Notenblatt. Sie war etwa in Tabs Alter, trug aber schon eine Lesebrille. Bei ihrer ersten Probe vor einer Woche hatte Novak Tab einige Chormitglieder vorgestellt, doch Namen hatte sie sich noch nie gut merken können.

«Seht ihr», sagte Mr. Novak. «Ganz einfach.» Er hob die Arme. Seine offenen Handflächen verwandelten die Bemerkung in eine Frage.

Vereinzeltes Gemurmel, ein, zwei nickende Köpfe inmitten des Chors. Tab verlagerte ihr Gewicht von einem Fuß auf den anderen.

«Nein.» Novak tippte sich mit dem Finger aufs Ohr. «Ihr seht nicht, ihr hört.» Jetzt gab es Gelächter. Einer der Tenöre hatte ein besonders theatralisches, weil bauchiges Lachen. Novak klopfte auf das Pult und hob eine Hand. «Noch mal von oben.»

 

Nach der Probe gab es in der Eingangshalle Kaffee. Tab schenkte sich eine Tasse ein. Er war schwarz und bitter. Das Neonlicht der Halle warf eine Mondsichel auf die Oberfläche. Tab nippte einmal und blickte sich um. Der einzige Name, den sie sicher wusste, war der von Novak. Am anderen Ende des Raums hatte sich ein loser Pulk von Männern gebildet. Das bauchige Lachen gehörte zu einem untersetzten Bartträger, nur dass es jetzt irgendwie gekünstelt klang. Vielleicht, weil es so laut war. Und wer konnte schon so viele Sachen lustig finden?

Die Frau, die bei der Probe neben Tab gestanden hatte, trat an den Kaffeespender heran. Die Lesebrille hing ihr um den Hals. Ihr Sweater war von Goldlamé durchwirkt. Ein geometrisches Muster. Sie hielt ihr die Hand hin. «Tabitha, stimmts? Ich bin Alice. Novak hat heute so richtig aufgedreht, finden Sie nicht?»

«Ich bin ganz neu. Heute ist erst meine zweite …»

«Natürlich. Aber Sie haben bestimmt schon einiges über ihn gehört.»

«Er wirkt schon ein bisschen, wie soll ich sagen, exzentrisch.»

«Das ist stark untertrieben, meine Liebe. June Balfour war mal bei ihm zum Tee eingeladen. Er hat eine ganze Wand mit Tellern und Platten tapeziert, alles Elvisporträts. Haben Sie schon in vielen Chören gesungen?»

«Nur in einem. Verglichen mit dem hier war das aber zweite Liga. Dann sind wir umgezogen. Das ist jetzt ein Jahr her, und ich dachte, es wird Zeit, mal wieder was zu tun.»

Tab hatte vor knapp einem Monat vorgesungen, hier in diesem Raum. Fünf oder sechs weitere Bewerber hatten es ebenfalls versucht, alle hatten sie nebeneinander auf der kleinen Bühne gestanden, doch nur sie und ein jüngerer Mann mit Bassstimme waren in den Chor aufgenommen worden. Dieser Mann redete gerade mit Novak. Er war etwa in Tabs Alter. Seine Hände hatten ziemlich gezittert. Damals hatte sie gedacht, es wäre die Nervosität, aber auch jetzt zitterten sie wieder. Sein Gesicht erinnerte sie an Peter – schmale Wangen, fliehendes Kinn, auch der Schwung seiner Schultern, die welligen Locken.

Tab überlegte, ob sie nicht aufbrechen sollte, als die Tür aufging und ein Priester eintrat. Sein schwarzes Hemd spannte über dem Bauch. Der Bart über seinem Römerkragen war sehr gepflegt. «Ich konnte bis ins Pfarrhaus hören, wie Sie die Kathedrale zum Leuchten gebracht haben. Herrlich», sagte er zu allen und keinem. «Wirklich herrlich.»

Er ging zum Kaffeespender und hielt eine Tasse darunter, und Alice beugte sich über den Tisch hinweg und drückte den Pumpknopf. «Sie sind doch nur wegen des Kaffees hier, nicht wegen des Gesangs.» Alice sprach mit leiser Stimme, ein freundliches Gefrotzel zwischen Freunden.

«Das liegt daran, dass Sie besseren Kaffee kochen als die Damen im Pfarrhaus.» Auch der Priester sprach leise, und Tab wollte sich auf den Weg machen, doch Alice legte die Hand auf ihren Ellbogen.

«Reverend Simms, das ist Tabitha. Sie lebt noch nicht lange hier und ist gerade dem Chor beigetreten.»

«Wenn Sie eine der Stimmen waren, denen ich gerade lauschen durfte, können wir uns wahrlich glücklich schätzen.» Er gab ihr die Hand, sah sie forschend an, und kurz hatte Tab das Gefühl, auf dem Prüfstand zu stehen. «Kommt Ihre Familie am Sonntag zur Messe?»

«Mein Mann ja, aber mein Sohn wohnt nicht mehr zu Hause.» Sie hielt inne.

«Wo lebt Ihr Sohn dann?»

«Im Westen. Er studiert.»

Eine verlegene Wärme stieg ihr ins Gesicht, als sie dies sagte. Simms zog seine Augenbraue hoch, und sie war sich sicher, dass er ihre Lüge durchschaute. Er wippte vor und zurück. Seine massige Gestalt wankte. Tab war noch nie eine gute Lügnerin gewesen. Es wäre überhaupt nicht nötig gewesen, ins Detail zu gehen. Er hatte nur gefragt, wo Peter war. Hatte wahrscheinlich nur höflich sein wollen. Tab wusste nicht so genau, was Peter gerade machte, zur Uni ging er jedenfalls nicht mehr.

Simms stellte seine Tasse auf einen Unterteller. «Ich freue mich darauf, Ihren Mann kennenzulernen, Tabitha.»

Er drehte sich um, und während er wegging, flüsterte Alice: «Manche Leute sagen, Simms wäre ein Kommunist.»

Tab lachte. Ein Priester, ein Kommunist. Es war, als hätte sie gesagt, er wäre ein Nudist.

«Es heißt, er wäre sogar schon mal in Russland gewesen.»

«Um Himmels willen.»

Alice räumte einen Schwung schmutziger Kaffeetassen auf ein Tablett und trug sie durch eine Flügeltür in die Küche. Tab sammelte die restlichen Tassen ein und folgte ihr.

«Stimmt das?», fragte Tab.

«Was?»

«Dass er Kommunist und Priester ist.»

«Ist nur ein Gerücht.»

«Wenn ich meinem Mann erzähle, dass es hier einen kommunistischen Priester gibt, wird er womöglich nie einen Fuß in die Kirche setzen. Sollen wir abwaschen?»

Alice warf einen Blick auf die leere Spüle und tätschelte ihre Hand.

«Nee.»

 

 

4

 

Ein Geräusch hallte durch die Nacht, ein Knarren, ein metallisches Stöhnen, wie wenn jemand ein Tor öffnet. Pete spähte um die Ecke des Lagerhauses, hielt einen Moment inne und sah dann zum Hang hinauf. Hinter ihm, jenseits des Zauns, hielt Art die Drehzahl des Motors hoch. Fay rief, er solle sich beeilen, und Pete ging los, doch dann erregte ein Geräusch seine Aufmerksamkeit: Schritte. Schritte auf festgestampftem Kies. Pete drehte sich um. Da war jemand an der nördlichen Seite der Lagerhalle. Art hupte, doch Pete blieb vor der Halle stehen, vor dem einstöckigen Gebäude, an dem der Pinto geparkt war, mit dreißig Kilo Dynamit an Bord.

Ein Mann trat aus dem Dunkeln in den Scheinwerferstrahl, ein Mann in Uniform, ein Nachtwächter, dicker Schnauzbart, Brille auf der Nase. Kurz blieb er stehen, machte sich ein Bild: der durchtrennte Stacheldraht, der gelbe Pinto vor der Lagerhalle.

Das Hupen verstummte. Fay hörte auf zu rufen. Die Welt schien sich zu verlangsamen, außer dem Timer im Kofferraum des Pinto, dessen leises Summen in der Luft hing. Er war auf zwei Minuten gestellt, von denen wahrscheinlich nur noch Sekunden übrig waren. «Stopp», brüllte Pete. «Kehren Sie um. Hauen Sie ab!» Stattdessen machte der Wächter einen weiteren Schritt vorwärts. Er ging in die falsche Richtung, im Flutlicht leuchteten die silbernen Fäden seiner Uniform auf, die Nähte an Taschen und Schulterstücken. Peter winkte, brüllte noch einmal, und dann erschütterte auch schon ein dröhnendes Beben den Boden. Pete sah nur noch weiß, und es riss ihm die Füße weg. Er stürzte zu Boden. Schutt prasselte auf ihn herunter: Kieselsteine, Dreck, Betonteile. Das Chassis des Pinto brannte lichterloh. Das Flutlicht erlosch zuckend, es folgte eine Explosion, die alles erhellte. Lose Kabel zappelten in alle Richtungen, funkelten und zischten. Ein riesiges Loch klaffte in der Wand. Papier flatterte durch die Luft. Ein leises Brummen erfüllte Petes Kopf, sein Atmen stockte. Er stützte sich auf, rang nach Luft. Der Timer musste versagt haben. Das waren keine zwei Minuten gewesen. Höchstens eine.

Pete kämpfte sich auf die Knie, dann wurde ihm schwindlig, und er musste sich darauf konzentrieren, nicht zu kollabieren. Er sah immer noch alles weiß, doch irgendwie erkannte er, als er den Kopf hob, wie durch Schlieren hindurch, den Wachmann, der vor einem umgestürzten Strommast leblos auf dem Boden lag. «Hey», krächzte Pete. «Sie.»

Die Luft war beißend, rauh, chemisch. Petes Brust hob und senkte sich, er musste husten. Er sah über seine Schulter. Alle drei riefen ihm etwas zu, doch er hörte ihre Stimmen wie von fern. «Hier ist ein Mann», schrie Pete, doch seine eigene Stimme klang ebenfalls merkwürdig, hallte dumpf in seinem Kopf. «Hier liegt einer.»

Art, Fay und Derek mussten den Nachtwächter gesehen haben. Natürlich hatten sie ihn gesehen. Pete schaffte es aufzustehen und stolperte auf sie zu. «Hört ihr mich?» Petes rechtes Bein knickte ein, und er hielt an, um es auszuschütteln. Funken schlugen, wo die Kabel auf dem Zaun lagen. Der Zaun konnte unter Strom stehen. Das ganze Ding konnte geladen sein. Derek schlug auf die Seite des Kombis. Fay winkte wie verrückt. Alle drei brüllten, doch Pete wandte sich wieder dem Nachtwächter zu, ging an dem Pinto vorbei, aus dem es wild loderte. Das Wrack strahlte eine sengende Hitze ab. Betonbrocken lagen überall auf dem Kies verstreut. Dahinter, im Dunkel der Lagerhalle, stand verbogenes Industriegerät. Jetzt konnte er auch das andere Ende des Geländes sehen, wo ein Pick-up stand, mit geöffneter Tür und brennendem Innenlicht. Der Mann war die ganze Zeit hier gewesen. Auf dem Parkplatz hinter der Lagerhalle.

Der Nachtwächter blutete nicht, zumindest soweit Pete es beurteilen konnte, doch er lag unnatürlich da, merkwürdig verdreht, der rechte Arm unter seinem Körper vergraben.

«Können Sie mich hören? Können Sie sprechen?» Pete beugte sich über ihn, ließ sich auf die Knie fallen und nahm das Handgelenk des Mannes, presste seine Finger darauf. Keinen Meter entfernt zischte und blitzte ein herausgerissenes Kabel. Kein Puls. Was sollte er jetzt tun? Was um Himmels willen konnte er jetzt tun? Pete löste den Griff, setzte die Finger etwas weiter weg von der Uhr des Mannes an, und da endlich spürte er ein zartes Pochen, ein Lebenszeichen. Pete konzentrierte sich, wartete ab, bis er sich sicher war. Dann schrie er: «Er lebt. Ich glaube, er lebt.»

Art stand jetzt an dem Loch, das sie in den Zaun geschnitten hatten, winkte, rief, doch das herausgetrennte Stück war wieder zurückgeklappt, und aus einer der Schnittstellen schlug ein Funke. Pete kniete sich so hin, dass er Art sehen konnte, der den Zaun berührte, mit einer Hand nur, und zurücktaumelte, die Hand schüttelte, sich krümmte. Der Zaun war tatsächlich elektrisch geladen. Der Maschendraht um das ganze Gelände herum stand unter Strom.

Schwer zu sagen, was die anderen ihm mitteilen wollten, alle schrien durcheinander, und das Summen in seinen Ohren übertönte alles.

Der Knall war garantiert bis Port Thorvald zu hören gewesen. Wenn der Nachtwächter Meldung erstattet hatte, würden sie bald hier sein: Polizei, Feuerwehr. Pete beugte sich noch einmal über den Mann. Ihn zu bewegen war zu gefährlich, doch er legte eine Hand auf seine Brust. «Hilfe ist unterwegs. Halten Sie durch.» Das Feuer warf flackerndes Licht. Wind wirbelte ein Blatt Papier auf.

Der Parkplatz war leer, bis auf diesen einen Pick-up. Vermutlich hatte der Nachtwächter darin gedöst, hatte nicht bemerkt, dass sie ein Loch in den Zaun geschnitten und den Pinto direkt vor das Gebäude gefahren hatten. Alles war schiefgegangen. Alles war so schrecklich schiefgegangen.

Am Rand von Petes Gesichtsfeld blitzte etwas auf. Lichter in der Ferne, die in den Nachthimmel blinkten. «Sie kommen», sagte er. «Sie sind unterwegs.»

Er hob noch einmal das Handgelenk an, der Puls fühlte sich stabil an.

Dass sie im Anmarsch waren, bedeutete, dass er wegmusste, und zwar schnell. Der Kombi hatte gewendet, die Scheinwerfer waren nun auf die Straße ausgerichtet. Wenn Pete jetzt flüchtete, würde er den Nachtwächter im Stich lassen, einen Mann, der um sein Leben kämpfte. Er drehte den Kopf zur Seite, beugte sich über ihn und spürte, wie der Atem seine Wange kitzelte. Er atmete jetzt regelmäßig. Etwas Helles, Metallisches blinzelte Pete an: die Armbanduhr. Er hob sie auf. Sie war ziemlich schwer, ein schöner Zeitmesser. Er wollte die Uhr in die Uniformtasche stopfen, doch sie war ausgerissen. Außerdem war es keine richtige Tasche gewesen, der Knopf war reine Dekoration. Also steckte er dem Mann die Uhr in die Hosentasche und stieß dort auf ein zusammengefaltetes Stück Papier und einen Schlüsselbund.

Trotz des Klingeltons in seinen Ohren hörte Pete die Sirenen und blickte zur Straße. Der Kombi war nirgends mehr zu sehen. Ein kurzer Moment der Panik, ein Taumel in der Brust. Sie waren weg. Sie waren losgefahren, die Straße rauf oder zurück zum Steinbruch. «Ich komme.» Pete war aufgestanden, um zu rufen. Er starrte zu den blinkenden Lichtern: zwei Fahrzeuge, helle Scheinwerfer im Tiefflug durch die Nacht. Bestimmt warteten die anderen oben an der Straße auf ihn. Sie hatten sich nur in Deckung bringen müssen. Er hatte jetzt die Schlüssel des Nachtwächters. Vielleicht sollte er abwarten, bis die Helfer, die im Anmarsch waren, den Strom abstellten, der den Zaun auflud, und dann hinten rausschlüpfen. Dunkel genug war es, um sich unbemerkt aus dem Staub machen zu können.

Pete ging zum Zaun und berührte eine Klammer, tippte sie nur kurz an, dann noch einmal, diesmal länger. Das Metall fühlte sich warm an, war aber nicht elektrisch geladen. Er drehte sich in Richtung Straße, zu dem Loch im Zaun. Wenn er da durchschlüpfte, würde er womöglich direkt in das Scheinwerferlicht eines Streifenwagens tappen. Er zog sich tiefer in den Schatten zurück, hin zum hinteren Tor, musste sich höllisch konzentrieren, um einen Schlüssel ins Schloss zu bugsieren. Der zweite Schlüssel ließ sich drehen. Scheinwerferlicht auf der Straße vorne, Einsatzfahrzeuge keine hundert Meter entfernt. Oder noch weniger. Pete wartete. Er hielt das Tor geöffnet, bis vorne ein Löschfahrzeug stoppte, mit rotierenden Lichtern auf dem Dach. Männer inspizierten das Wrack, riefen etwas. In diesem Moment ging Pete los, hinein in die Büsche, erst jetzt, da er Leute gesehen hatte, jetzt, da er wusste, dass man sich um den Nachtwächter kümmern würde. Er huschte vom Seitentor in das Salal hinein und watete durch Schwertfarn, ging einen weiten Kreis durch die Dunkelheit, bis er spürte, dass er den Gipfel des Hügels erreicht hatte, dann trat er hinaus auf die Forststraße und begann zu rennen. Fay, Art und Derek warteten wahrscheinlich oben hinter der Kurve auf ihn, dort, wo Derek gestanden hatte, außer Sichtweite.

Als Pete die Gabelung erreichte, war er außer Atem. Kein Auto, nicht die leiseste Spur. Ein Pfad führte rechts den Hang hinauf, wand sich in den Wald hinein. Also nicht von hier weg. Zumindest glaubte Pete das nicht. Zu viele Wege, zu viele Möglichkeiten. Er wischte sich den Schweiß von der Braue und presste die Finger auf seine Ohren, dann entschied er sich für den Weg nach links.

Der Steinbruch war ihr Treffpunkt. Fünfzehn Minuten, wenn er rannte, vorausgesetzt, er fand den Weg in diesem Gewirr. Wenn dies die richtige Straße war, müsste er bald an eine Abzweigung gelangen und dann links gehen.

Pete hatte noch immer die Schlüssel und das zusammengefaltete Blatt Papier in der Hand. Gerade als er es in seine Hosentasche steckte, bog hinter ihm ein Auto um die Kurve, Scheinwerfer flammten auf. Er flüchtete zu den Bäumen. Drei schnelle Schritte durch den matschigen Graben, und er war am Waldrand. Er zog sich an einem jungen Baum hoch, hinein in das dünne Gehölz, und rannte los. Die Reifen des Autos bohrten sich knirschend in den Kies. Pete stampfte über den trockenen Boden. Er blickte zurück. Licht schimmerte von der Motorhaube: ein Streifenwagen mit ausgeschalteter Sirene, mitten auf der Straße. Pete hielt sich schützend die Arme vors Gesicht und spurtete durchs Unterholz. Schlingpflanzen peitschten ihn. Seine Lungen taten weh. Er sprang über einen umgestürzten Baumstamm, sah kurz nach hinten. Der Himmel klarte auf – ein Vorhang, der stückchenweise hochgezogen wurde –, trotzdem war es schwer zu sagen, ob das Auto noch da war. Er streckte den Kopf vor, um besser zwischen den Bäumen hindurchspähen zu können. Am Rand seines beschädigten Blickfelds huschte etwas, eine Gestalt im Gehölz. Pete duckte sich unter einen tiefhängenden Ast, schlug Zweige weg und rannte weiter. Seine Lunge lechzte nach Sauerstoff, seine Beine brannten vor Anstrengung. Er durchstieß ein Spinnennetz, hustete, spuckte und wischte die seidigen Fäden aus dem Gesicht.

Schließlich gelangte er auf eine kleine, mit Farnen bewachsene Lichtung. Er vergrößerte seine Schritte. Eine Insektenwolke rauschte auf ihn zu. Ein Käfer drang ihm in den Mund, dann brach der Boden weg. Mitten im Lauf fiel das Gelände plötzlich steil ab. Pete stolperte, verlor die Haftung und rutschte mit den Füßen voraus in die Tiefe. Er versuchte, die Fersen in den Grund zu stemmen, sich abzubremsen, doch die Welt überschlug sich. Schon war er über den Rand des Felsens hinaus, befand sich einen schrecklichen Moment lang in freiem Fall, dann schlug er auf lockerer Erde auf, und sein Atem setzte aus. Er kullerte weiter, bis ein umgefallener Baum ihn stoppte. Ein Schmerz stach ihm in die Rippen.

Es war nicht schwer zu erkennen, wo er den Hügel heruntergeschlittert war, doch die Spur begann erst auf halbem Weg und zog sich dann gute fünf Meter weit. Niemand würde dort runterklettern, wenn er nicht musste. Hinter dem umgefallenen Baumstamm blieb er liegen, um wieder zu Atem zu kommen. Hinter ihm gurgelte ein Fluss.

Kein Bulle würde diesen Abhang runterspringen. Nicht ohne vorher nach einem einfacheren Weg gesucht zu haben. Was bedeutete, dass er etwas Zeit gewonnen hatte, dass er es vielleicht über den Fluss schaffen würde.

Pete sah nach oben. Um den blinden Fleck herum, den der Blitz der Explosion bei ihm hinterlassen hatte, konnte er den ersten Hauch des Sonnenlichts erahnen, das durch Bäume und Büsche bis zum dichten Bett des Waldbodens sickerte. Er suchte die Kante des Grats ab: nichts, ein langer Hang, grünes Dickicht. Der Morgen war da, blauer Himmel, der durch zackenförmige Baumwipfel schimmerte.

Bald würden sie die Gegend durchkämmen. Jeden Zentimeter: Hunde, Suchtrupps, Helikopter. Er musste auf die andere Seite des Flusses gelangen, bevor sie kamen, oder er würde dazu verdammt sein, sich hier zwischen Forststraße und Fluss zu verstecken. Es bedeutete, dass er den Plan, sich zum Steinbruch durchzuschlagen, aufgeben musste, doch jetzt ging es vor allem darum, Distanz zwischen sich und seine Verfolger zu legen. Er musste in die Gänge kommen. Pete löste seine Schnürsenkel und rollte beide Sock...

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