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Seahorse - Die Hoffnung der Wasserpferde

hier erhältlich:

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Hat diese Liebe eine Chance? - Das Finale der Seahorse-Trilogie

Cuan und Shona stehen vor ihrer schwersten Prüfung. Anscheinend kann Shona genau wie Cuan die andere Dimension der Insel, den Lebensort der Wasserpferde, erreichen. Bis jetzt ist dies noch nie einem Menschen gelungen - hinter die Nebel zu treten und diese auch wieder zu verlassen. Was bedeutet das? Um ihre wahre Identität zu entschlüsseln, müssen die beiden die verlorenen Seiten im Buch der Mythen finden. Doch ihre Liebe ist noch von einer anderen Seite bedroht: Der geheimnisvolle Peabody hat ein ganz eigenes Interesse an den Wasserpferden und an Shonas und Cuans Geschichte.

Große Liebe, wunderschöne Pferde, tief verwurzelte Geheimnisse - Expertin Karin Müller hat das Rezept für spannende Pferdeunterhaltung

Schottische Traumkulisse trifft auf alte Legenden und Fabelwesen

Für alle Pferdemädchen und Romantikfans ab 12 Jahren


  • Erscheinungstag: 27.06.2023
  • Aus der Serie: Seahorse
  • Bandnummer: 3
  • Seitenanzahl: 272
  • Altersempfehlung: 12
  • Format: Hardcover
  • ISBN/Artikelnummer: 9783505150982

Leseprobe

Kapitel 1

Eilean an t-Sìth, Loch Eriboll, schottische Highlands

Cuan saß oberhalb des Wasserfalls auf einem Felsvorsprung, die Arme um die Knie geschlungen. Tief in Gedanken versunken starrte er hinunter auf den See, der von einem Eichenhain umgeben war, und auf die keltische Tempelanlage an seinem Ufer.

Eine dünne Rauchfahne kräuselte sich aus dem Kamin des halb verfallenen Gebäudes in den tiefblauen Himmel.

Eachann war dort drinnen, der Hüter.

Anders als die meisten Each Uisges zog er die Menschengestalt seinem Dasein als Wasserpferd vor. Er lebte zurückgezogen und hielt sich meist in der Bibliothek auf. Sie war das einzige noch erhaltene Gebäude aus der Zeit der keltischen Priesterinnen, ein viereckiger Tempelbau mit Säulengang, umgeben von Eichen.

Solange Cuan sich erinnern konnte, verbrachte Eachann die meiste Zeit des Tages und lange Stunden in der Nacht dort, vergraben zwischen unendlich vielen Büchern. Der Hüter hatte sie gehortet, Aufzeichnungen aus vielen Jahrhunderten, Schriftrollen, Papyrus, Pergament, einiges hatte er selbst niedergeschrieben oder zumindest übersetzt und katalogisiert. Als Cuan noch klein war, hatte Eachann einmal beiläufig bemerkt, dass er die Schriftstücke ordne, damit er selbst nicht auseinanderfalle.

Anders als er hatten die Druidinnen der ersten Tage nichts auf Papier festgehalten. Einzig die mündliche Überlieferung unter Eingeweihten war ihnen sicher genug erschienen. Mit einer Ausnahme – dem Buch der Mythen.

Längst hatten sämtliche Schriften die Druidinnen überdauert. Sie waren vergangen. Viele hatten die Bewahrung der Geheimnisse von Eilean an t-Sìth mit ihrem Leben bezahlt.

Der Hüter war der Letzte aus ihren Reihen. Er verwaltete das heilige Wissen der Insel hinter den Nebeln, das seit jeher den Eingeweihten und Priesterinnen vorbehalten war: vergessene Zauber, alchemistische Formeln, Prophezeiungen, Geschichte und Geschichten aus der Vergangenheit und der Zukunft der Each Uisges.

Cuan hatte mehr darüber wissen wollen und vor einiger Zeit heimlich begonnen, nach dem Buch der Mythen zu suchen.

Eachann war fürchterlich wütend geworden, als er Cuan beim Lesen erwischt hatte. Dabei hatte er das meiste ohnehin schon gewusst – und inzwischen am eigenen Leib erfahren. Dass Eisen oder ein Brautschleier Wasserpferden jede Kraft raubte und sie dadurch in Lebensgefahr brachte. Oder dass sie nicht austrocknen durften und dass Meerwasser bei der Verwandlung eine Rolle spielte – normalerweise jedenfalls.

Er spürte, dass irgendwo in Eachanns Schriften auch der Schlüssel lag, die Erklärung dafür, warum er sich so magisch angezogen fühlte von der anderen Dimension – und von Shona.

Er hatte sie gewittert, schon Tage vor ihrer Ankunft, als wäre ihre Aura ihr vorausgeeilt. Er hatte sein Leben riskiert, um in ihrer Nähe zu sein. Und er hatte es fast verloren. Sein Leben – und das ihre dazu. Das durfte sich nicht wiederholen.

Cuan stöhnte auf.

Eachann wartete dort unten auf seine Rückkehr. Aber nach dem, was der Hüter ihm drinnen, im Allerheiligsten der Nebelinsel, offenbart hatte, brauchte Cuan Zeit für sich allein. Und Abstand.

Am liebsten wäre er noch viel weiter geflohen, zurück durch die Nebel, auf die andere Seite.

Zurück zu Shona.

Doch dieser Weg führte einzig in den Schmerz.

»Der Schmerz des Bruders«, hatte Eachann gemurmelt. »Ich weiß genau, was du fühlst.« Cuan hatte sich zuerst keinen Reim darauf machen können.

Aber inzwischen – inzwischen glaubte er, es verstanden zu haben. Er war diese Heimlichtuerei so leid! Diese ständigen Warnungen vor Kelpies und Menschen.

»Was weißt du über Mhairi Fitzgibbons?«

Nach der Flucht vor Shonas Onkel hatte Cuan dem Hüter diese Frage gestellt. Erst durch den Streit zwischen Shonas Vater und ihrem Onkel hatte Cuan begriffen, dass diese Mhairi, um die es dabei ging – Shonas verschollene Mutter –, dass sie dieselbe Mhairi war, die ihn als Kind gewiegt hatte. Dieselbe Mhairi, die Eachann so geliebt hatte, dass es ihn beinahe umgebracht hätte … Und vor deren Grabstätte er gekniet hatte, als Cuan ihn mit diesem Namen konfrontierte:

Mhairi Fitzgibbons.

Shona hatte ihren Namen nie genannt. Natürlich nicht. Für sie war sie einfach »Mum« gewesen.

Cuan schüttelte den Kopf, als könnte er die Erinnerung dadurch vertreiben.

Es fühlte sich alles so verkehrt an. So falsch. Jedes einzelne Wort des Hüters. Er war aus dem Raum gestürmt, ohne Eachann zu Ende erzählen zu lassen. Er hatte nichts mehr hören wollen, keine Beschönigungen oder Entschuldigungen und erst recht keinen Trost von ihm.

Und doch spürte er, dass sein Vater die Wahrheit gesagt hatte.

Es war eine himmelschreiende, ungerechte, grausame Wahrheit.

Mhairi Fitzgibbons war die eine große Liebe, wegen der Eachann bereit gewesen war, alles zu riskieren.

Und Mhairi Fitzgibbons war Shonas Mutter.

Shona und er waren also mindestens Halbgeschwister. Dies zusammenzuzählen, war nicht weiter schwer. Das hatte er allein hinbekommen. Das brauchte Eachann nicht auszusprechen.

»Es ist nicht, wie du denkst, mein Sohn.«

Von wegen. Er presste die Zähne aufeinander, so fest, dass es wehtat.

Darum durften sie nie zusammen sein. Er hoffte beinahe, dass Shona mit ihrem Dad schon unterwegs nach London war. Weil er nicht die geringste Ahnung hatte, wie er ihr das sagen sollte, was ihm seit Kurzem klar war: dass ihre Mutter für sie endgültig verloren war, ihr Vater nicht ihr Vater – und er ihr Bruder …

Natürlich verstand er jetzt auch, weshalb der Hüter so oft darauf gedrängt hatte, dass Cuan sich von den Menschen in und um Hope fernhielt.

Außer sich war Cuan die Hügel hinaufgerannt, bis er atemlos am Wasserfall zusammengesunken war. Dort saß er nun, Stunden später noch immer, und versuchte, seine Gedanken und Gefühle unter Kontrolle zu bekommen und zu ordnen, während der Himmel sich allmählich rosa-orange färbte. Wie es aussah, war sein ganzes bisheriges Leben und auch das von Shona eine Lüge gewesen.

Cuan erinnerte sich vage an Mhairi. Als er klein war, hatte sie für ihn gesungen, ihn getröstet, wenn er einsam war, ihm Geschichten erzählt, von einem kleinen Mädchen auf der anderen Seite des Nebels. Und sie hatte so traurig dabei ausgesehen. Wie seltsam, dass ihm das erst jetzt wieder ins Gedächtnis kam. Als Kind hatte er sich vor allem darüber gewundert, dass sie nicht mit ihm um die Wette galoppieren mochte, sondern immer in ihrer menschlichen Gestalt blieb. Sie war auch nicht immer da gewesen. In seiner Erinnerung waren die Begegnungen mit ihr deshalb etwas Besonderes gewesen. So viele Rätsel und ungelöste Geheimnisse! Er war älter als Shona – zumindest das glaubte er zu wissen. Und da waren noch mehr Ungereimtheiten: Im Moment größter Panik hatte er im Stall von Shonas Onkel ohne Salzwasser die Gestalt gewechselt. Er konnte also kein Reinblut sein, wie man es ihn immer hatte glauben lassen. Wie passte das alles zusammen? Wer war er wirklich?

Er dachte an Shona. Wie ging es ihr wohl gerade? Der Gedanke, sie nie wieder in die Arme schließen, sie nie wieder küssen zu dürfen, zerriss ihm das Herz. Aber er wusste, dass er sie gehen lassen musste. Gleichzeitig kam er sich schäbig vor, weil er noch immer keine Ahnung hatte, woher er den Mut nehmen sollte, mit ihr über all diese Dinge zu reden.

Er schlug mit der Faust auf die Erde.

Oh ja, es war genau, wie der Hüter gesagt hatte: Dort draußen konnte man weit mehr einbüßen als nur ein halbes Ohr.

Er würde Shona entsetzlich wehtun – so oder so.

Aber er wusste einfach keinen anderen Ausweg.

Loch Eriboll, Sutherlandshire, Nordschottland, sieben Stunden später

Das einzige Geräusch ist ein monotones, leises Klatschen, wenn Brodies Ruderschläge die Wasseroberfläche durchbrechen. Die See ist ziemlich ruhig heute Nachmittag. Das kleine Boot schwankt kaum.

Mir ist trotzdem speiübel.

Wir sind auf dem Weg zurück zum Festland. Ich habe all meinen Mut zusammengenommen und bin mit Brodie auf diese zweigeteilte Insel gerudert.

Um Cuan zu suchen.

Um zu reden.

Und das habe ich nun davon. Alles ist schlimmer als vorher.

Alles.

Cuan hat gesagt, dass er mich liebt.

Dann hat er gesagt, dass wir niemals zusammen sein dürfen.

Dass ich ihn vergessen soll und mit meinem Vater nach London zurückkehren – wo ich angeblich sicher bin.

Aber ich kann das nicht. Und ich will es auch nicht.

In meinem Kopf wirbeln die Gedanken durcheinander. Ich begreife das alles einfach nicht – nichts von dem, was in den vergangenen Tagen passiert ist. Das alles ist ein einziges Desaster.

Offenbar sind wir beide nicht, wer wir immer zu sein glaubten.

Cuans Satz hallt in mir nach. Ich fühle mich leer. Da ist nur Raum für diesen einen Gedanken, wenn auch in tausend Variationen: Was zum Henker soll das? Was meint er damit? In diesem Karussell hänge ich fest.

Ich habe keine Ahnung, wer ich bin oder wo ich hingehöre. Das habe ich noch nie gewusst. Nicht richtig jedenfalls. Und jetzt noch weniger als vorher.

Tränenblind starre ich auf den sanft schaukelnden Horizont. Hinaus in die endlose Weite, wo Loch Eriboll in den Nordatlantik mündet.

Grau ist es heute. Man kann unmöglich erkennen, wo das Wasser aufhört und der Himmel beginnt – oder umgekehrt.

Brodie rudert schweigend, dabei könnte er einfach den Außenborder anwerfen. Er ist mit seinen eigenen Gedanken beschäftigt. Ich schätze, das Kartenhaus seiner Wirklichkeit ist ebenso zusammengestürzt wie meins. In seiner Welt gab es bis vor lächerlich wenigen Stunden keine Wasserpferde – in meiner hatte ich einen ziemlich außergewöhnlichen Freund.

Ich betrachte meinen Cousin. Er bemerkt es nicht einmal. Vom Fremden zum Feind, vom Feind zum Verbündeten. Äußerlich sind wir uns nicht wirklich ähnlich. Seine karottenroten Haare haben eine ganz andere Struktur als meine, sie sind dicht und drahtig, meine rotblonden dagegen sind dünn und fein. Er hat dicke Sommersprossen – ich keine einzige. Mit seinem eher gedrungenen Körperbau sieht Brodie seinem Vater ähnlich, meinem Onkel Matthew, dem Mann, der Seahorse schon zweimal beinahe getötet hat, während ich optisch … Wem sehe ich eigentlich ähnlich?

Sind wir überhaupt verwandt? Alle – meine ich? Ist Dad mein richtiger, mein biologischer Vater? Meine Mutter ist – war – jedenfalls Matthews und Meghans Schwester. Ich wollte, es wäre nicht so! Aber Verwandtschaft kann man sich ja leider nicht aussuchen.

Mein Onkel hatte Seahorse gefangen. Die Erinnerung tut noch immer unendlich weh. Am Ende hatte er es doch geschafft, ihn auszutricksen. Aber wir konnten fliehen und hielten uns in einem Bothy in den Highlands versteckt, um dort auf meinen Dad zu warten. Das war, nachdem Matthew auf den Hengst geschossen hatte – während ich auf seinem Rücken saß. Ich hatte Brodie in Verdacht, dass er uns verraten hätte. Aber wie es aussieht, war es mein Onkel, der uns belauschte, als ich Brodie von Seahorse erzählte. Zumindest nehme ich das an. Hunter war es nämlich auch nicht – und dann bleiben ja nicht mehr viele.

Cuan wollte mich mit Toast zum Frühstück überraschen und verwandelte sich, um schneller wieder bei mir sein zu können. In seiner Pferdegestalt galoppierte er an die Küste, während ich schlief – und irgendwelchen Müll träumte.

Wobei ich nicht sicher bin, ob es wirklich ein Traum war. Eigentlich denke ich, dass jemand Fremdes im Bothy war. Denn die Beule, mit der ich Stunden später aufgewacht bin, meine schlammverschmierten Hosenbeine, den Dreck am Handy und die Spuren auf dem Boden habe ich mir bestimmt nicht eingebildet. Doch ich habe niemandem von meinem Verdacht erzählt – und es spielt auch keine Rolle mehr.

Onkel Matthew hatte Seahorse in die Quarantänebox im Stall gesperrt. Durch die drohende Austrocknung war er gezwungen, seine menschliche Gestalt anzunehmen. Dadurch hat sogar Hunter eingesehen, dass sein Vater – im Wahn, ein Wasserpferd zur Strecke zu bringen – komplett durchgedreht ist. Gemeinsam haben wir es geschafft, Cuan aus dem Stall zu befreien. Es war verdammt knapp! Denn Onkel Matthew hatte bereits einen Pferdetransporter auf den Hof bestellt, der Seahorse gottweißwohin gebracht hätte. In letzter Sekunde kam Dad dazu. Doch schließlich war es Tante Meghan, die meinen Freund befreite. Damit hat sie mich wirklich überrascht. Uns alle.

Es hätte alles noch gut werden können.

Was übersehe ich? Was ist schiefgegangen? Ich schlinge die Arme um mich, weil mir so furchtbar kalt ist.

Warum hat Cuan mich eben fortgeschickt? Weil ich sein Geheimnis öffentlich gemacht habe? Das ist das Einzige, was mir als logische Erklärung einfällt.

Wieso habe ich Idiotin es nicht einfach dabei belassen, als Hunter und Brodie annahmen, ihr Vater hätte einen Travellerjungen entführt? Wieso habe ich nicht verhindert, dass Brodie dabei zusah, als Cuan sich in Seahorse zurückverwandelt hat?

Und doch hat Cuan vorhin behauptet, das sei nicht der Grund, weswegen er mit mir Schluss machen müsse. Ich glaube ihm, denn ich habe den tiefen Schmerz in seinen dunkelblauen Augen gesehen.

Mein Körper beginnt, unkontrolliert zu zittern.

Er hat doch gesagt, dass er mich liebt? Dass es nichts zu verzeihen gibt, nichts, wofür ich mich entschuldigen müsste?

Trotzdem hat er nicht zugelassen, dass ich ihn küsse, er hat mich nicht einmal in den Arm genommen. »Das mit uns … Es hat keinen Sinn, Shona. Du solltest nicht hier sein.« Seine Worte haben ein Loch in mein Herz gerissen. Da ist nichts als ein dumpfer, brennend scharfer Schmerz in meinem Inneren. Das mit uns – er hat es als »schrecklichen Fehler« bezeichnet. Als etwas, »das nicht sein darf«. Hat mir einreden wollen, dass es das Beste wäre, wenn ich ihn vergesse und mit Dad nach London zurückkehre.

Aber wie soll das gehen? Nach allem, was wir zusammen erlebt haben? Und überlebt!

Erneut steigen Tränen in mir auf. Ich kneife meine Augen zusammen. Der Kloß in meinem Hals wächst und macht das Schlucken schwer.

»Offenbar sind wir beide nicht, wer wir immer zu sein glaubten.« Dieser Satz rotiert in Endlosschleife in meinem Kopf.

Ich habe nicht aus ihm herausbekommen, was er damit meinte.

Ich bin Shona Hayden. Wer soll ich denn sonst sein? Und wer glaubt er zu sein?

»Du bist durch diese Nebelwand gegangen«, platzt Brodie plötzlich in mein Gedankenchaos. Er zieht die Ruder ein, klettert zu mir nach vorn und veranstaltet dadurch eine ziemliche Schaukelei. »Du warst auf einmal weg. Richtig weg! Wie hast du das gemacht? Wo bist du gewesen? Das war verdammt unheimlich, weißt du das?«

»Unheimlicher als ein nackter Junge, der sich in ein Pferd verwandelt?« Ich versuche ein schiefes Grinsen, aber es verrutscht mir.

»Okay, fangen wir damit an«, sagt mein Cousin. »Tante Meghans Wasserpferdegeschichten … das, was da im Stall passiert ist … wenn ich es nicht mit eigenen Augen gesehen hätte, dann … er braucht also Wasser, um seine Gestalt zu wechseln wie andere Leute ihre Klamotten?«

Ich nicke. »Viel Wasser, vor allem Salzwasser, wenn er bereits stark dehydriert ist. Können wir nicht erst mal von diesem See runter, Brodie?«

Aber mein Cousin macht keine Anstalten, die Ruder wieder aufzunehmen. »Hier kann uns wenigstens ganz sicher niemand belauschen, und … warte … Hast du eben Salzwasser gesagt?«

»Ja, natürlich. Deswegen hatte ich dich doch gebeten, in die Pökelkammer zu gehen.«

»Du hast nur was von mehr Wasser gesagt.«

»Meerwasser.«

»Ja, eben.«

»Was?«

»Was?«

Wir starren uns an.

»Ist doch egal, es hat ja funktioniert.« Ich habe keine Lust, jetzt darüber nachzudenken, wieso Cuan immer Salzwasser mit sich rumschleppt, wenn ihm Süßwasser offenbar genauso gut hilft.

»Ja, das hat es.«

Verwirrt sehe ich zur Insel zurück. Offenbar sind wir beide nicht, wer wir immer zu sein glaubten. Jedes Rätsel, das ich zu lösen glaube, wirft neue Fragen auf und bringt nur noch mehr Geheimnisse ans Licht. Aber es spielt keine Rolle mehr.

Meine Stimme ist nicht mehr als ein heiseres Krächzen. »Er hat Schluss gemacht«, sage ich leise.

»Was?« Mit einem Satz ist Brodie neben mir.

Um ein Haar rutscht ihm eins der Ruder ins Wasser. Er erwischt es gerade noch, aber das Boot schaukelt so, dass ich mich reflexartig an der Bootswand festkralle.

»Cuan hat …? Aber … nach allem, was du … was ihr … gemeinsam durchgestanden habt?«

»Er hat gesagt, ich soll mit Dad nach London zurückfahren«, sage ich beinahe stimmlos.

»Amadain! … Komm her.« Brodies Arme schließen sich um mich.

Einen Moment lang mache ich mich steif, weil ich so verdattert bin. Dann platzt mit einem erstickten Schluchzen der dicke Knoten in meinem Hals. Sämtliche Schleusen gehen auf einmal auf und all die Tränen, die ich in den vergangenen Stunden so mühsam zurückgehalten habe, der Schock, der Schmerz, die Angst – all das fließt nun ungebremst aus meinen Augen und meinem Herzen.

Brodie hält es stumm aus. Ein wenig tapsig streicht er mir über den Rücken. »Besser?«, fragt er nach einer Weile.

»Nicht wirklich. Aber du kannst trotzdem loslassen.«

Er rückt ein Stück zur Seite und seufzt. Verlegen und ein wenig erleichtert sieht er mich an. »Ganz schön scheiße. Das hätte ich nicht von ihm gedacht.«

Was soll ich darauf sagen? Ich hebe die Schultern und peile mit verheulten Augen den Horizont an. Irgendwo dahinten geht’s nach Island. Dorthin wollte ich an meinem ersten Tag hier oben fliehen. Aber das hilft mir jetzt auch nicht weiter.

Kapitel 2

Seahorse stand zwischen den Felsen der Insel und hielt flehmend die Nüstern und die nach außen gestülpte Oberlippe in die leichte Brise. Mit heftig klopfendem Herzen sog er ihre Witterung ein. Der verwehende Duft des Mädchens brachte die Erinnerung an meergrüne Augen und nach Honig und Kräutern duftende Haare, leuchtend wie die Bergspitze des Ben Hope im Licht des Sonnenuntergangs.

Der weiße Hengst wieherte. Wehmütig. Scharrte mit dem Vorderhuf in den Kieselsteinen, schüttelte unwillig die lange Mähne.

Shona entfernte sich. Das Boot mit ihr und Brodie darin wurde kleiner.

Unruhig tänzelte der Schimmel auf der Stelle, war kurz versucht, seine Deckung zu verlassen und ins Wasser zu springen, ihr durch den Loch Eriboll hinterherzuschwimmen.

Aber er tat es nicht.

Stattdessen stieg er und keilte mit den Hinterbeinen aus, sobald seine Vorderhufe wieder den Boden berührten, biss wütend in die Nebel, die ihn umwaberten, als ob sie ihn ihrerseits an sich binden wollten. Klebrig feuchte Spinnweben, Fallstricke.

Es gelang ihm nicht, sie abzuschütteln.

Die erste Begegnung mit dem Mädchen blitzte vor ihm auf. Schmerz. Rostiger Stacheldraht, der ihm das Vorderbein zerschnitten hatte. Unruhe. Ihre sanfte Berührung, die beruhigende Stimme, die alles an ihm in Aufruhr versetzt hatte. Sehnsucht.

Seahorse stieg erneut, ruderte mit den Vorderbeinen in der Luft, so steil, dass er sich beinahe überschlug. Dann preschte er die Böschung hinauf, buckelnd und bockend, sodass die weidenden Schafe blökend auseinandersprengten – und wurde die Last doch nicht los, die er so verzweifelt abschütteln wollte. Er galoppierte durch den Nebel, auf die andere Seite, nach Eilean an t-Sìth. Er brauchte mehr Platz, um sich zu verausgaben, als die Welt der Menschen mit dem winzigen, kargen Eilean Choraidh ihm bot. Also raste er wie ein Wahnsinniger, bis er nicht mehr konnte, vom Strand über die grünen Hügel, vorbei am verlassenen Dorf, dem kleinen See und der uralten Tempelanlage der Druidinnen. Weiter und weiter galoppierte er über die schier endlose Insel. Hinüber zu den Wasserfällen und noch weiter hinauf, bis zum Steinkreis, von dem aus man alles überblicken konnte.

Aber es war niemals weit genug. Ihr Gesang floss durch seine Adern, pulsierte in jeder seiner Zellen. Also galoppierte er und galoppierte und galoppierte, bis seine Lungen so sehr stachen, dass er glaubte zu ersticken. Keuchend fiel er in Trab. Aus seinen Nüstern tropfte Blut. Es kümmerte ihn nicht.

Taumelnd brach er zusammen.

Sie wegzuschicken … Er hatte das Richtige getan. Es durfte nicht sein. Sein Blut – und auch wieder nicht. Er musste das Mädchen mit den meergrünen Augen vergessen. Musste … seine Schwester … vergessen. Und sie … ihn.

Fitzgibbons Farm, Hope, Sutherlandshire, drei Tage später

Ich liege in meinem Zimmer. Auf dem Bett mit den bestickten Zierkissen, vor der Wand mit den halbhohen Streifen in Moos- und Minzgrün. Wo die kitschige Blätterbordüre das sonnig gelbe Geflirre der oberen Wandhälfte säuberlich von den ordentlichen grünen Tapetenbalken trennt. Ich denke, grübele, komme nicht weiter, bin leer geweint. Den dritten Tag jetzt schon.

Mein Knie schmerzt – aushaltbar. Die Enge in meiner Brust ist schlimmer. Brodie hat mich gefragt, ob ich ihm helfen will, die Ponys rauszustellen. Ich bringe es nicht über mich. Ich liebe Hazel, Cory und Cashew, und ich vermisse die drei alten Highlandponys. Ihr sanftes Schnobern, die samtigen Lippen auf meiner Haut, wenn sie nach einem Leckerbissen betteln. Das Gefühl, meine Finger in ihr Fell zu graben, mit ihnen spazieren zu gehen oder eine kleine Runde im Schritt durch die Heide zu reiten.

Aber alles an den dreien erinnert mich an Cuan – und an Seahorse.

Ich würde so gern nur noch ein einziges Mal mit dem Hengst über den Strand reiten, ein letztes Mal am River Hope entlang, bis hinauf ans Meer, in Richtung Süden am See hinunter auf Ben Hope zu oder am Feenhügel vorbei, rüber zum Loch Eriboll.

Die Strecke wäre mir ganz egal. Mich einfach nur tragen lassen, fort von hier.

Ich wiege mich im eingebildeten Takt seines weichen Galopps, summe die Melodie, die mir in den Sinn kam, als Cuan so dringend die Nebel brauchte. Träume mich fort.

Nichts mehr denken müssen, nur noch Körper sein, ein einziger Körper, der mit raumgreifenden, kraftvollen Bewegungen Sand und Gischt unter seinen riesigen Hufen wegspritzen lässt. Ich wünsche mir so sehr, dass er mich einfach fortbringt. Dass wir gemeinsam das Meer durchschwimmen, ganz weit weg, Seahorse und ich, von mir aus noch weiter als Island – besser nach Grönland oder sogar Alaska.

Ich halte abrupt inne und schnaube. Als hätten zumindest Fasern von mir, schon als ich hier ankam, geahnt, dass alles nur immer schlimmer werden würde.

Denn Seahorse ist Cuan und Cuan ist Seahorse. Ich kann den einen nicht haben ohne den anderen. Und Cuan hat mit mir Schluss gemacht.

Meine Gedanken drehen sich im Kreis.

Immer noch.

Rücklings lasse ich mich aufs Bett fallen und starre in die Luft, an die minzgrün verputzte Zimmerdecke. Ich finde sie immer noch furchtbar. Heute kommt es mir so vor, als würde ich mich unter Wasser befinden, brackige, undurchsichtige Brühe, in der ich ertrinke, weil es mir nicht gelingt, die Wasseroberfläche zu durchbrechen.

Ich muss hier raus, aber draußen sind überall Erinnerungen. Ich möchte immerzu schreien. Doch dann würde gleich irgendwer angerannt kommen, und ich will in Ruhe gelassen werden. Also vergrabe ich mich unter meinen Kissen und presse sie mir mit den Fäusten gegen die Schläfen.

Die Erwachsenen sind unten und reden. Es duftet nach Essen. Irgendein Eintopf, vermute ich. Für mich gibt es nichts zu reden, und Hunger habe ich auch nicht. Morgen fahren wir nach London zurück. Irgendwie kommt mir das immer noch total surreal vor. Morgen werden Cuan und mit ihm Seahorse ein Teil meiner Vergangenheit sein.

Ich wünschte, ich wäre niemals hierhergekommen. Ich wünschte, ich wäre tot. Ich wünschte, ich wäre mit meiner Mutter gestorben, damals im Loch Eriboll vor zwölf Jahren. Das Dumme ist nur: Ich kann immer noch nicht glauben, dass sie an jenem Tag wirklich gestorben ist.

Jemand klopft an meine Tür. Einmal. Zweimal. Ich beschließe, es zu ignorieren. Ich will niemanden sehen. Es klopft kein drittes Mal. Aber ich höre, wie etwas vor der Tür abgestellt wird.

Ist mir egal.

»Ich habe keinen Hunger«, knurre ich mein Kissen an, verkrieche mich unter die Decke und döse irgendwann endlich weg.

Von einem schabenden Geräusch wache ich auf, einem Kratzen an meiner Zimmertür, begleitet von traurigem Winseln.

»Boomer«, flüstere ich und reibe mir über die brennenden Augen. Ich brauche einen Moment, um mich zu orientieren. Wie viel Zeit ist vergangen? Wie lange habe ich geschlafen? Für den alten Hofhund quäle ich mich hoch, hinke durch den Raum und öffne, so schnell ich kann. Der Rüde hat sich im Flur zusammengerollt. Schwerfällig kommt er auf die Beine, dann springt er mir förmlich in die Arme.

»Komm rein«, wispere ich. Ich bin wirklich nicht scharf drauf, irgendjemandem mit nur zwei Füßen zu begegnen. Boomer lässt sich das nicht zweimal sagen. Er quetscht sich direkt an mir vorbei und klettert auf mein Bett.

Als ich die Tür schließen will, fällt mein Blick auf ein dickes Buch, das auf der Schwelle liegt. Boomer muss es umgestoßen haben, als er hereindrängte. Diesmal ist es keiner von Tante Meghans Wälzern mit Gruselgeschichten über schottische Ungeheuer, sondern – ich drehe den Kopf, um den Titel entziffern zu können – die Familienbibel.

»Na großartig«, stöhne ich. »Die Buchauswahl wird immer besser.«

In den ersten Wochen nach meiner Ankunft hier in Nordschottland war es eine meiner Aufgaben, meiner blinden Tante alte schottische Spukgeschichten und Legenden vorzulesen. Das waren ähnlich dicke, alte Staubfänger – und zumindest ein Teil der abgefahrenen Geschichten darin enthielt dann doch so etwas wie einen wahren Kern, wie ich inzwischen festgestellt habe.

Bücher. In letzter Zeit kommt es mir so vor, als würde ich selbst in einem leben. Das kann doch alles nicht wahr sein, oder?

Keine Ahnung, wieso, ich bücke mich nach dem Schinken, hebe ihn auf und drücke leise die Tür zu. Etwas zu essen wäre mir jetzt mittlerweile doch lieber gewesen – wobei Boomer mir vermutlich nichts übrig gelassen hätte. So weit geht die Freundschaft dann nämlich wieder nicht. Abwesend betrachte ich den Hund, der sich mit der Schnauze gerade genüsslich meine Bettdecke so zusammenschiebt, dass sie ihm als Nest passabel erscheint, und sich nach mehreren Drehungen um die eigene Achse mit einem wohligen Ächzen niederlässt.

Meine Finger gleiten über den schweren dunklen Buchdeckel und ertasten eingestanzte Verzierungen. Ich setze mich neben Boomer und betrachte den Wälzer genauer.

Das Buch ist auf jeden Fall alt. Und auch wenn die Ecken des Ledereinbands schon abgestoßen sind, vermutlich ziemlich wertvoll. Ich erkenne kunstvoll eingestanzte Disteln und goldunterlegte Buchstaben auf dem Deckel. Der Buchschnitt ist immer noch mattgolden, und innen ist die Bibel reich bebildert. Ich blättere flüchtig über kunstvolle Illustrationen und verschnörkelte Großbuchstaben in Gold und Rot am Beginn jedes neuen Abschnitts.

Auf der ersten Seite steht eine Widmung in einer geschwungenen alten Handschrift. Mit Mühe kann ich einige Worte und Zahlen entziffern. Demnach stammt die Bibel aus dem 18. Jahrhundert und ist das Geschenk irgendeines Earls an die Familie Fitzgibbons. Es folgt ein seitenlanger Familienstammbaum. Namen, die ich noch nie gehört habe, andere, bei denen es in meinem Kopf leise klingelt – bis ich bei der Generation meiner Eltern angelangt bin, und bei meiner eigenen.

Shona Hayden.

Mein Name steht auf einer Zeile mit dem von Brodie und Hunter, den Söhnen meines Onkels.

Zwei wie mit dem Lineal gezogene Linien führen von mir zu meiner Mutter Mhairi, geborene Fitzgibbons, und zu meinem Vater Christopher.

Die Namen von Tante Meghan und Onkel Matthew stehen mit ihren Partnern neben Mum, und mir wird zum ersten Mal bewusst, dass sie beide verheiratet waren und verwitwet sind. Ich weiß, dass Matthews Frau Lindsay im Kindbett starb, aber ich hatte keine Ahnung, dass Meghan auch einen Mann hatte – und offenbar sogar ein Kind. Nach den Aufzeichnungen hier wurde es nur einen Tag alt. Tante Meghan muss da ziemlich jung gewesen sein. Achtzehn, wenn ich richtig rechne, und ihr Mann war nur wenig älter.

Ich weiß so wenig über meine Vorfahren. Und ich weiß noch weniger, ob mich das alles jetzt überhaupt noch interessiert.

Dennoch drängt plötzlich etwas in mir auf die Pferdeinsel, das nichts mit Cuan zu tun hat – ein letztes Mal vor der Abreise: Und wenn mir das Herz noch so schwer ist, ich muss herausfinden, was mit meiner Mutter geschehen ist. Hat sie mich auch verlassen? Einfach im Stich gelassen, so wie er?

Er hat mir nicht alles erzählt, was er weiß. Da bin ich mir sicher.

Mein Kinn zittert. Ich sehe zum Fenster hinaus, um mich zu beruhigen. Hinunter auf Loch Hope. Der See schimmert hellgrau durch die Zweige der Bäume im Garten. Dort unten bin ich Seahorse das erste Mal begegnet. Ich habe gleich zwei Freunde auf einmal verloren. Unwillig schüttele ich den Kopf und konzentriere mich wieder auf den Familienstammbaum.

Wunderschöne alte Namen tragen die Frauen … Mit dem Finger fahre ich vorsichtig die Zeilen meiner schottischen Ahninnen nach. Die Mutter meiner Mum hieß Senga. Aus Dads Erzählungen weiß ich, dass sie kurz nach Mum starb, vor Kummer, nehme ich an.

Sengas Mutter hieß Catrìona, das war meine Uroma. Ihre Mutter hieß Fia und deren Mutter Fiona. Da sind wir schon im 19. Jahrhundert. Wahnsinn. Fionas Mutter ist meine Ururururgroßmutter Sìne.

Bei ihr bleibe ich haften. Im wahrsten Sinn des Wortes. Mit der Fingerkuppe taste ich über das Papier. Genau auf ihrem Sterbedatum wirkt es dünner und rauer als der Rest, wie … wie ausgebessert!

Nanu?

Ich halte das schwere Buch mit der Seite gegen das Licht. Tatsächlich. Unter der 1912 schimmert eine weitere Zahl durch. 1845?

Man kann nicht zweimal sterben. Da war ja wohl jemand ganz schön voreilig mit dem Eintrag. Wie makaber! Bei so was irrt man sich doch nicht.

Ich fange an zu rechnen. Sìnes Geburtsjahr war 1842 … »Dann wäre sie nur drei Jahre alt geworden«, murmele ich. »Und Kinder hätte sie auch keine bekommen. Seltsam. Da kann ja was nicht stimmen.«

Nachdenklich tippe ich mit dem Zeigefinger auf dem alten Papier herum. Andere Kinder meiner Vorfahrinnen sind durchaus schon als Babys oder sehr jung gestorben. Aus der Schule weiß ich, dass es damals viele Krankheiten gab, gegen die wir heute geimpft sind oder die man mit Antibiotika gut bekämpfen kann. Im 19. Jahrhundert waren Masern oder hohes Fieber unter Umständen ein Todesurteil.

Ein greller Blitz zuckt plötzlich vor meinen Augen auf.

Ich sehe eine Frau am Strand. Sie steht bis zu den Oberschenkeln im Wasser, in einem altertümlichen, bis zum Hals geschlossenen Kleid, das um sie herumzufließen scheint. Sie hat hellblonde Haare, fast weiß, und sie sieht mich durchdringend an. Aus wasserblauen Augen. Augen, die mich entfernt an die von Cuan erinnern.

»1845!«, wispert sie stimmlos.

Dann dreht sie sich weg und taucht im eiskalten Wasser des Sees unter.

Die Vision ist vorbei.

Ich klappere mit den Zähnen, so kalt ist mir auf einmal. Boomer winselt. Erst jetzt nehme ich wahr, dass er zurückgewichen ist. Zögernd kommt er wieder näher und legt mir eine Pfote aufs Knie.

Benommen blinzelnd grabe ich meine Hand in sein Fell und spüre voller Dankbarkeit die lebendige Wärme seiner Haut.

»Was war das denn?«, frage ich ihn.

Darauf weiß der alte Hund natürlich auch keine Antwort.

Die Familienbibel ist mir aus der Hand gerutscht, ebenfalls, ohne dass ich es bemerkt hätte. Ich beuge mich an Boomer vorbei, um sie aufzuheben. Dabei fällt ein einzelnes, zusammengefaltetes Blatt heraus. Es ist vergilbt und etwas dicker als die übrigen Seiten der Bibel. Neugierig falte ich es auseinander.

Ich muss lächeln, als ich das Bild betrachte. Das habe ich schon einmal gesehen. Es ist diese Kinderzeichnung von dem Wasserpfe…

Moment!

In krakeliger Kinderschrift und spiegelverkehrten Buchstaben steht das Wort »Granny« neben einer der Figuren. Und mit ein bisschen Fantasie entziffere ich die Zahl »1845«. Das kann doch kein Zufall sein?

Als ich die Seite das erste Mal in den Händen hielt, habe ich den Strichmännchen darauf keine Aufmerksamkeit geschenkt, sondern nur dem Wasserpferd und den unbekannten Schriftzeichen. Jetzt allerdings fällt mir auf, dass dieses Grannymännchen eine Art geblümtes Nachthemd trägt und einen hellblonden Zopf hat. Schon wieder Granny Sìne?

Ich drehe und wende das Blatt. Es fühlt sich uralt an, die Kanten sind unregelmäßig, an einer Ecke ist ein dunkler Fleck. Das untere Drittel ist voller Symbole und Schriftzeichen, die ich nicht lesen kann. Wieder frage ich mich, welche Sprache das sein mag. Gälisch? Keltisch? Latein? Ich mache ein paar Bilder mit meiner Smartphonekamera, damit ich die Zeichen später googeln kann.

Ich beiße mir auf die Unterlippe. Ich müsste Tante Meghan nach dem Papier und seiner Bedeutung fragen. Sie wüsste noch am ehesten, was diese Zeichnungen und der Text bedeuten könnten.

Aber.

Ganz. Großes. Aber.

Dad könnte ich fragen, doch das ist eher Zeitverschwendung. So vehement, wie er alles, was auch nur im Entferntesten mit Wasserpferden und schottischen Mythen zu tun hat, bisher abgelehnt hat … Und wer hätte ihm etwas darüber erzählen sollen?

Mum vielleicht? Ich nehme Boomers Kopf zwischen beide Hände und sehe ihm in die Augen. »Jedenfalls kann ich so nicht nach London fahren«, erkläre ich ihm, während er meinen Blick treuherzig erwidert. »Viel zu viele offene Fragen, findest du nicht? Onkel Matthew hat Seahorse ganz bestimmt nicht allein gefangen – und wenn ihm weder Hunter noch Brodie geholfen haben, dann muss es da noch jemand Drittes geben. Und der ist weiterhin irgendwo da draußen. Wenn du mich fragst, dann ist es noch nicht vorbei.«

Mit klopfendem Herzen blättere ich die Bibel weiter durch. Verbirgt sie noch mehr solcher Bilder?

Der alte Rüde schleckt mir über die Nasenspitze.

»Ja, du hast recht. Das können wir nicht auf sich beruhen lassen. Nichts davon. Wir müssen auf die Insel zurück. Ich brauche Antworten. Und wenn Cuan sie mir nicht geben will oder kann, werde ich eben jemand anderen finden.«

Ich zögere kurz, die alte Zeichnung noch kleiner zu falten. Allerdings hat sie schon so viele Risse und Knicke … Entschlossen schiebe ich sie hinter die wasserdichte Schutzhülle meines Handys. Da sollte sie sicher sein.

»Lass uns loslegen. Was hältst du zuallererst von einem Spaziergang?«, frage ich Boomer. »Ich würde mir gern den alten Friedhof am Feenhügel mal genauer ansehen.«

Kapitel 3

Bothy in den Highlands, Sutherlandshire, Nordschottland

Mit gekrauster Nase legte der Fremde die Bibel zurück auf das verstaubte Regalbrett. Seine eigene Seite war noch da. Immerhin das.

Tage war es inzwischen her, doch in der Hütte stank es immer noch durchdringend nach dem Mädchen und dem Jungen. Unglaublich, welche Duftmarken die beiden nach nur einer Nacht und trotz des alten Hammels in dem Bothy hinterlassen hatten.

Sie hatten das Pergament nicht dabeigehabt. Es wäre auch zu schön gewesen, wenn er so einfach an das zweite Stück gekommen wäre. Vermutlich hatte das Mädchen nicht einmal eine Ahnung von dessen Existenz im Haus ihres Onkels, geschweige denn von der Bedeutung für Cuan und sie – und für ihn selbst.

Die Blätter stammten aus dem Buch der Mythen. Eins in der Obhut einer jeden Spezies. Zusammengelegt enthüllten sie die Worte, die gesprochen werden mussten, um den Bann der Druidinnen zu brechen. Das hatte er dem Ältesten der Kelpies aus den Rippen geleiert. Bis vor Kurzem hatte er geglaubt, dass es sich dabei um einen Blutschwur handelte, der unwiderruflich war. Aber inzwischen wusste er es besser – auch wenn dieser alte Narr ihm das genaue Vorgehen nicht einmal sterbend hatte preisgeben wollen: Es gab tatsächlich einen Weg, die Nebel zu heben. Er musste dafür lediglich an die Quelle selbst gelangen. Er brauchte nicht nur die drei Seiten, er brauchte außerdem das Buch.

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