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Sommernachtsglück

Blauer Himmel, strahlender Sonnenschein, glitzerndes Meer. Als ein Verwalter für die Ferienhäuser ihrer Cousine gesucht wird, ergreift Clancy diese Chance. Denn ihr Leben in London ist ein gigantischer Scherbenhaufen: Ihr Verlobter hat sie betrogen, und ihre Freunde lassen sie im Stich. In Nelson‘s Bar will Clancy ihr gebrochenes Herz heilen und zur Ruhe kommen. Wo könnte dies besser gelingen als in dem Küstenstädtchen ohne Handynetz und Internet? Einen großen attraktiven Haken gibt es allerdings. Der Mitbesitzer der Cottages ist Aaron, und mit ihm verbindet Clancy eine gemeinsame komplizierte Vergangenheit.

»Ich liebe jeden von Sue Moorcrofts Romanen.« Katie Fforde

»Sue Moorcrofts Bücher haben einfach alles.« Debbie Johnson


  • Erscheinungstag: 24.03.2020
  • Seitenanzahl: 400
  • ISBN/Artikelnummer: 9783959674508
  • E-Book Format: ePub
  • E-Book sofort lieferbar

Leseprobe

Für meine fantastischen Freundinnen Pia Fenton und Myra Kersner (Leser kennen sie vielleicht als Christina Courtenay und Maggie Sullivan) für ihre unermüdliche Freundschaft und Unterstützung, gemeinsame Essen in italienischen Restaurants, Schreibklausuren und jede Menge Gelächter.

Prolog

Sechs Jahre zuvor

Vor dem Altar der Kirche in Thornham stand Aaron als Trauzeuge neben seinem Bruder Lee, dem Bräutigam, der vor Nervosität leicht zitterte. Der Organist erfüllte die stille Sommerluft über der Gemeinde mit Hintergrundmusik, der Pfarrer schaute besinnlich drein, und alle warteten auf die Braut, Alice.

Aaron war es nur recht, dass Lee sich für die anspruchsvolle, prinzessinnenhafte Alice entschieden hatte, die von ihrer seit Langem verwitweten Mutter Sally nach Strich und Faden verwöhnt worden war. Er persönlich hätte nämlich ihre Cousine Clancy vorgezogen, die mit beiden Beinen fest im Leben stand und ausgesprochen intelligent war – die einzige Brautjungfer, die Alice sich gewünscht hatte. »Ich hoffe übrigens, dass all diese Geschichten über den Trauzeugen und die Brautjungfer wahr sind«, murmelte er zu Lee hinübergebeugt, um ihm mit einem Scherz etwas von der Anspannung zu nehmen.

Lee rang sich ein Lächeln ab. »Du starrst sie schon seit dem letzten Wochenende mit heraushängender Zunge an.«

»Ertappt.« Seit Clancy aus ihrem Auto gestiegen war, das viel zu rot und sportlich für das winzige Dorf Nelson’s Bar in Norfolk aussah, war er sich ihrer Nähe ständig bewusst gewesen.

»Alice’ und Clancys Mums sind eineiige Zwillinge.« Lee lenkte das Gespräch auf sein Lieblingsthema Alice. »Deswegen sehen die Mädchen fast wie Schwestern aus und nicht wie Cousinen.«

Sicher, sie hatten beide kastanienbraunes Haar und grüne Augen, aber … »Ihre Persönlichkeiten sind vollkommen unterschiedlich«, hielt Aaron rasch dagegen. Clancy und er hatten die ganze Woche geflirtet und Witze über das Hochzeits­tamtam gerissen, und gestern Abend, nach dem Probeessen, das Aarons Eltern im Haus der De Silvas ausgerichtet hatten, hatte der Flirt in einem langen, leidenschaftlichen Kuss im dunklen Teil des Gartens gegipfelt. Ihr an ihn geschmiegter Körper hatte ihn wahnsinnig vor Lust gemacht, während sie an seinen Lippen knabberte. Dann hatte Lee nach ihnen gesucht und irgendeine ätzende Aufgabe für den Trauzeugen gehabt, von denen es Tausende zu geben schien. Clancy hatte das Gesicht verzogen und dabei ausgesehen, als ob sie stumm aufschreien würde. »Morgen. Nach der Trauung«, flüsterte sie ihm noch zu.

Seitdem konnte Aaron es nicht abwarten, bis diese Hochzeit vorüber war …

Im hinteren Teil der Kirche kam Bewegung auf, und der Pfarrer in seiner weißen Robe trat erwartungsvoll einen Schritt vor. Endlich! Aaron drehte sich um und hatte nur Augen für Clancy Moss, die durch den Mittelgang auf ihn zukam. Ihr Kleid in gedecktem Grün umfloss sie wie ein Wasserfall.

Er lächelte … bis Lee neben ihm einen bestürzten, erstickten Laut ausstieß. Schließlich wurde Aaron klar, dass alles an dem Bild, das Clancy abgab, verkehrt war. Sie hastete voran, statt würdig zu schreiten wie eine Brautjungfer. Kein Blumenstrauß. Keine Braut. Und sie lächelte auch nicht, als sie atemlos vor dem Pfarrer stehen blieb.

Sie warf Aaron einen Blick zu und legte dann seinem Bruder eine Hand auf den Arm. »Es tut mir leid, Lee«, sagte sie mit zitternder Stimme. »Ich kann Alice nicht finden. Ihre Mutter war schon zur Kirche gefahren, und Alice und ich sind noch mal kurz auf unsere Zimmer gegangen, um noch einmal letzte Hand anzulegen. Aber … als ich nach ihr geschaut habe, hing ihr Hochzeitskleid wieder auf seinem Bügel. Und ihr Auto war verschwunden.«

Aaron drehte sich um, damit er seinen Bruder ansehen konnte.

Und Lee brach vor seinen Augen zusammen.

1

Heute

Clancy fuhr seit drei Stunden, und es fühlte sich an, als hielten die Hände von jemand anderem das Lenkrad fest. Jemandem, der ihren BMW wie in einem Traum aus London und von der Wohnung in Chalk Farm, in der sie mit Will gelebt hatte, fort­lenkte. Sie hatte weder für eine Tasse Kaffee noch für eine Toilettenpause angehalten, weil sie den Wagen nicht unbeaufsichtigt lassen wollte. Er war mit ihren Besitztümern vollgestopft, und sie hatte schon so viel verloren, dass sie einfach keine weiteren Verluste verkraften konnte.

Jetzt bog sie nach links von der A149 ab und folgte dem Wegweiser nach Nelson’s Bar, was nach einem Pub klang, doch tatsächlich war das Dorf nach Horatio, Lord Nelson, benannt, der ein Stück weiter an der Küste in Burnham Thorpe geboren worden war. Die Landzunge, auf der es lag, teilte die Salzmarschen und erstreckte sich ins Meer hinaus.

Mit summendem Motor durchquerte das Auto einen Kiefernwald-Gürtel, wo das Land anstieg wie ein Skihang, bis sie mit einem Mal in den Sonnenschein hinausfuhr und einen Moment lang das Gefühl hatte, nichts als blauen Himmel zu sehen. Dann führte die Straße abwärts und mündete in eine Kurve zwischen zwei Hecken. Clancy war am Ziel.

In der Long Lane hielt sie am Straßenrand an und schaltete den Wagen aus. Stille. Durch ihre verschmierte Windschutzscheibe betrachtete sie die Häuser, die über die in frühsommerliches Grün gehüllten Hecken spähten.

Nelson’s Bar. Hier war sie nur einmal gewesen, in der Woche vor Alice’ Hochzeit – beziehungsweise der ausgefallenen Hochzeit, wie sich herausgestellt hatte –, aber die Roundhouse Row sah immer noch aus wie in ihrer Erinnerung. Alice und Lee hatten in Nummer eins gewohnt, dem Rundhaus selbst, einem Zylinder aus weißem und rotem Kalkstein, in den ab und zu Silex eingestreut war. Das kegelförmige, mit Terrakotta-Schindeln gedeckte Dach wirkte wie ein Hut mit Fenstern.

Clancy stieg aus dem Auto und reckte sich. Die nach Salz duftende Brise füllte angenehm ihre Lunge, und es fühlte sich an, als sei ein breites Gummiband von ihrer Brust abgesprungen.

Sie machte das Gartentor auf und holte den Schlüssel zum Rundhaus aus ihrer Tasche. Er ließ sich widerstandslos im Schloss drehen. Ihre Schritte hallten auf den abgetretenen roten Natursteinplatten wider, während sie auf die umbaute Veranda und danach durch die Eingangstür trat. Clancy blieb stehen, um das Erdgeschoss und die große Treppe auf sich wirken zu lassen, die von dicken Eichenbalken gestützt wurde.

Fast im selben Moment, in dem die Haustür hinter ihr mit einem Knall zufiel, bemerkte sie, wie sich eine Tür in der gegenüberliegenden Wand öffnete. »Hallo?«, rief eine Männerstimme, und plötzlich kam Aaron De Silva um die Treppe herum. Sein dunkles, lockiges Haar war länger als in ihrer Erinnerung und auch wilder. Auf seinen Wangen zeichnete sich ein dunklerer Bartschatten als früher ab, und sein T-Shirt und seine Jeans waren mit Grasschnipseln übersät.

Mehr als sechs Jahre schrumpften zu einem Nichts zu­sammen.

Wie angewurzelt blieb er stehen. »Clancy?« Er klang wie vom Donner gerührt.

Sekundenlang herrschte Schweigen, und Clancy war sich bewusst, dass der Abstand zwischen ihnen mehr betrug als ein Stück Fußboden. Ein leidenschaftlicher Kuss. Ein erbitterter Streit. Jahre, in denen sie höfliche E-Mails ausgetauscht hatten.

Aaron blinzelte. »Wie soll ich das jetzt verstehen? In deiner letzten Mail hast du geschrieben, du hättest jemanden für den Hausverwalterjob. Hast du die Person persönlich hergebracht?« Er warf einen Blick hinter sie, als rechnete er damit, dort noch jemanden zu entdecken.

Angesichts seiner komisch bestürzten Miene musste sie ein Lachen unterdrücken. »Nein.« Sie ließ ihre Stimme energisch klingen. »Weil ich den Job nämlich selbst übernehme. Ich brauche einen Tapetenwechsel.«

Ruckartig zog er die dunklen Augenbrauen zusammen. »Du?« Jetzt hatte seine Miene nichts Komisches mehr an sich. Er wirkte eher … entsetzt.

Die Lust zu lachen war ihr vergangen. Stattdessen hatte Clancy den Eindruck, ihr breche kalter Schweiß aus, und ihr wurden die Knie weich. Sie blinzelte, damit sie wieder klar sehen konnte. Vielleicht hatte das Schwindelgefühl auch damit zu tun, dass sie heute noch nichts gegessen hatte. Und gestern wahrscheinlich auch nicht. Sie schluckte, und ihre Stimme sank zu einem Flüstern herab. »Tut mir leid. Ich hätte mich bei dir melden sollen.« Sie überlegte, wohin sie sich sonst noch wenden könnte, doch ihre Gedanken ließen sich einfach nicht bändigen und in eine Richtung leiten. In letzter Zeit fiel es ihr schwer, Entscheidungen zu treffen. Das hatten auch die anderen bei IsVid gesagt, Monty, Asila und Tracey – sogar Will. Das lag am Schock. Es würde mit ihr einfach nicht funktionieren, hatten sie ihr erklärt, die einen mehr, die anderen weniger freundlich, nachdem sie mitten in einem Meeting mit einem Kunden aufgestanden und nach Hause gegangen war. Montys Meinung nach war das ein »Zusammenbruch« gewesen, und er hatte sie aufgefordert, sich psychologische Hilfe zu suchen.

Aufgebracht hatte sie seine Einschätzung von sich gewiesen. »Ich bin einfach nur an meine persönlichen Grenzen gekommen. Ich habe dem Kunden eine E-Mail geschrieben und mich entschuldigt, und er hat Verständnis gezeigt.«

»Und was hast du dir dabei gedacht, als du den Newsletter gepostet und deine persönliche Beziehung zu Will bekannt gegeben hast? Das hat uns als Lachnummer dastehen lassen«, hatte Monty weiter gewettert.

Clancy hatte ihren Ohren kaum getraut. »Findest du nicht, dass es eher um das geht, was Will getan hat, und um deine miese, kaltschnäuzige Reaktion? Ich weiß, dass IsVid dir wichtig ist, Monty, aber verdiene ich denn gar keine Unter­stützung?«

Asila und Tracey hatten versucht, Monty das Wort abzuschneiden und in behutsamerem Ton zu erörtern, ob Clancy sich eine Weile freinehmen solle. Sie schloss die Augen und dachte daran, wie Monty ihre Vorschläge beiseitegewischt hatte. »Ehrlich gesagt bin ich mir nicht sicher, ob wir nach deiner chaotischen Reaktion weiter zusammenarbeiten können, Clancy.«

Die anderen waren verstummt. »Du willst, dass ich gehe?«, hatte Clancy hervorgestoßen. Will hatte dabeigestanden und gequält gewirkt, doch er hatte Monty nicht widersprochen, ebenso wenig wie Asila oder Tracey, obwohl sie mitleidig dreinblickten. Die hässliche Szene hatte Clancy mit Wut und Schmerz erfüllt, und sie war nach Hause gestürmt. Allerdings war das nicht mehr ihr Heim, sondern nur noch eine Wohnung, die sie drei Jahre lang mit Will geteilt und wo sie ungezählte Stunden ihre Hochzeit in einem Farbschema aus Grau und Entenei-Blau geplant hatte, die sie jetzt nicht mehr feiern würden. Sie hatte ihm bereits angekündigt, dass sie ausziehen würde.

Dann war mit einem hellen Plington Aarons E-Mail auf ihrem Telefon eingetroffen.

Clancy,

hast du meine Nachricht wegen des Hausverwalterjobs für die Cottages erhalten? Für den Fall, dass sie verloren gegangen ist:

Evelyn, die mietfrei im Rundhaus gelebt und dafür die zwei vermieteten Cottages und die drei Ferienhäuser betreut hat, hat uns plötzlich verlassen, und wir müssen ihre Stelle neu besetzen. Soll ich eine Anzeige aufgeben?

Aaron

Die Erleichterung war enorm gewesen. Ohne ihr impulsives Handeln zu hinterfragen, ohne daran zu denken, dass sie im Streit mit Aaron auseinandergegangen und nie wieder nach Nelson’s Bar zurückgekehrt war, hatte sie mit fliegenden Fingern eine Antwort getippt.

Ich kenne jemanden, der den Job und die Unterkunft haben will. Du brauchst also keine Anzeige zu schalten. Sie kommt morgen.

Clancy

Während der letzten sechs Jahre, seit Alice Lee sitzen gelassen und Aaron Lee seine Hälfte des Besitzes abgekauft hatte, hatte sie sich mit äußerst geringem Aufwand um Alice’ Hälfte des Rundhauses gekümmert. Ein Teilzeitjob als Hausverwalterin wäre da ein Klacks. Und ein Sommer in Norfolk würde eine heilsame Wirkung auf sie haben. Bewusst hatte sie deshalb Aarons verblüffte Antwort ignoriert.

MORGEN? Was ist mit Referenzen??? Und wenn ich mit dieser Person reden will?

Später hatte er noch einmal geschrieben.

Clancy! Antworte bitte!

Sie hatte ihr Handy lautlos gestellt für den Fall, dass er gegen ihre unausgesprochene Übereinkunft verstieß, sie nur über E-Mail zu kontaktieren, und doch anrief.

Und so hatte sie schließlich gestern Abend zwischen Kartons gesessen und hektisch für ein weniger anstrengendes neues Leben und einen Ort, an dem sie ihre Wunden lecken konnte, gepackt. Sie hatte es fertiggebracht, in Wills beschämtes Gesicht zu schauen. »Ich habe etwas anderes gefunden. Du brauchst dir keine Gedanken zu machen«, hatte sie mit gespielter Gleichgültigkeit erklärt. Anschließend hatte sie ihm die weiße Ledermappe gereicht, auf der in silberner Prägeschrift September-Hochzeit geschrieben stand. »Hier findest du alles, was du brauchst, um unsere Hochzeit abzusagen. Es ist nur fair, dass du die Verantwortung übernimmst, da du derjenige bist, der eine andere hat.« Danach hatte sie zu Ende gepackt, während Bilder von Hochzeitskleidern und Cuts vor ihren tränennassen Augen vorbeizogen, und nun, da sie nach Nelson’s Bar zurückkehren würde, dachte sie an Alice’ Hochzeitstag zurück.

Clancy hatte inzwischen eine quälende Ahnung davon bekommen, was Lee empfunden haben musste. Sicherlich hatte sich Alice nicht wirklich vorstellen können, wie schmerzhaft es für Lee gewesen sein musste, vor dem Altar stehen gelassen zu werden. Sonst hätte sie sich bestimmt behutsamer aus dieser Situation herausgewunden.

Nun schluckte Clancy krampfhaft gegen eine aufsteigende Übelkeit an, während Lees Bruder Aaron sie ansah. Das Flattern in ihren Ohren wurde lauter, und ihr trat kalter Schweiß auf die Stirn. »Ich glaube, ich sollte mich setzen«, murmelte sie.

Im nächsten Moment rauschte der Raum an ihr vorbei, und der Boden schien auf sie zuzufliegen. Der Aufprall war hart.

Sie hörte Aaron etwas rufen, dann drückte er ihr mit seiner warmen Hand den Kopf auf die Knie hinunter, und seine Stimme drang wie aus weiter Ferne zu ihr durch. »Bist du krank?«

»Mir geht’s gut«, antwortete sie höflich. »Ich habe bloß nicht gefrühstückt.« Vorsichtig rückte sie von ihm ab und hob den Kopf. Der Raum drehte sich nur noch leicht. Und das hätte auch daran liegen können, dass sie mit einem Mal die Erinnerung an das letzte Mal einholte, als Aaron sie berührt hatte. Niemals hätte sie gedacht, dass er immer noch diese Wirkung auf sie hatte.

»Wie wär’s, wenn du mit nach draußen kommst, dich auf die Bank setzt und frische Luft schnappst?«, schlug er knapp vor. »Ich habe alles für einen Kaffee mitgebracht. Ich koche uns welchen.«

»Perfekt, danke.« Sie brachte es fertig, sich hinzuknien und dann aufzustehen. Plötzlich war sie sich sehr bewusst, wie dicht er neben ihr herging, während sie sich zur Hintertür vorkämpfte und sich auf eine schwarz gestrichene Bank am Rand des kreisförmigen Innenhofs fallen ließ. Vage nahm sie einen Karton wahr, der halb voll mit Unkraut war, sowie einen Spaten und eine Grabeforke, die neben einem Hundenapf mit Wasser lagen. Auf einer halb gemähten, mit Gänseblümchen übersäten Wiese wartete ein Rasenmäher, doch von dem Geruch des frisch gemähten Grases wurde ihr noch übler. Die Holzlatten unter ihr fühlten sich fest an. Ein großer, dunkelgrauer Hund sprang von einem sonnenübergossenen Stück Rasen auf, wedelte mit dem Schwanz und hielt den Kopf in einem eigenartigen Winkel, als er sie musterte.

»Ach, der Arme hat ja nur ein Auge!« Sie streckte die Hand aus, damit er daran schnüffeln konnte.

»Er ist aus dem Tierheim. Ich habe ihn aufgenommen, weil ich ihn Nelson nennen konnte und er genau hierherpassen würde. Kommst du zwei Minuten allein zurecht?« Aaron entfernte sich bereits.

Sie nickte vorsichtig, und die zahlreichen Farben des Gartens drehten sich um sie wie in einem Kaleidoskop. Es tat gut, die Lider zu senken. Nelson legte den Kopf auf ihr Bein, als wolle er sie trösten, und als kurz darauf Aaron zurückkehrte, konnte sie die Augen schon wieder halb öffnen.

»Hier«, murmelte er und hielt ihr einen Becher Kaffee mit Milch und einen Müsliriegel hin.

Zittrig griff sie nach beidem. »Danke.«

Während Clancy den kleinen Imbiss zu sich nahm, saß Aaron wenig freundlich schweigend neben ihr.

Aaron hatte sich so gesetzt, dass er Clancy beobachten konnte, wie sie ihre Kaffeetasse leerte, während Nelson auf der Wiese die leere Verpackung des Müsliriegels beschnüffelte. Die Brise fuhr durch ihren gesträhnten Pony und blies die Haarspitzen von ihren Schultern. Was war mit ihr passiert? Sie wirkte wie ein blasser Abglanz des leuchtenden, wunderschönen mystischen Wesens, das damals wie ein Blitz in seinem Leben aufgetaucht und ebenso schnell wieder daraus verschwunden war.

Er hatte sich nie für das entschuldigt, was er gesagt – gebrüllt – hatte, als Alice seinen Bruder fast zerstört hatte. Er war zu sehr mit Lee beschäftigt gewesen, der nichts mehr aß und sich mit seinen erst achtundzwanzig Jahren benahm, als sei sein Leben vorüber.

»Ich bin erstaunt, dass du hierherziehen willst«, meinte er und versuchte, sich auf die Gegenwart zu konzentrieren. »Nelson’s Bar ist vollkommen anders als London. Ich kann mir zwar nicht vorstellen, warum man in einer Großstadt wohnen möchte, wo der Himmel nur zwischen riesigen Gebäuden zu sehen ist, in denen man sein Leben verbringt, abgestandene Luft einatmet und aus Fenstern schaut, die man nicht öffnen kann, aber du bist daran gewöhnt.«

Sie zuckte die Achseln.

»Zu dem Hausverwalterjob gehört auch das Bettenbeziehen und Putzen für die Gäste«, erklärte er. »Was tust du normalerweise sonst so?«, fragte er dann, obwohl er es wusste, weil sie ihm einmal mit vor Begeisterung strahlenden Augen davon erzählt hatte.

Sie bewegte kaum die Lippen. »Nichts, wozu ich Lust habe.«

»Oh.« Merkwürdige Antwort. »Ich dachte, du drehst Filme.«

Ein Rotkehlchen flog auf den Griff des Spatens und neigte den Kopf, um die beiden zu mustern. Danach schoss es wieder davon. Clancy blickte ihm nach. »IsVid liefert Video-Content und Dienstleistungen auf Video-Basis. Wir kümmern uns um Websites. YouTube. Unbearbeitetes Filmmaterial. Schnitt. Effekte. Wir haben die Firma zu fünft aufgebaut. Ich bin fantastisch darin, alles zu erledigen, was sonst keiner machen will: Datenschutzerklärungen und Geschäftsbedingungen für uns und unsere Kunden schreiben, an ihrer Internet-Sicherheit arbeiten, mich durch Gesetze und Bestimmungen wühlen, Vereinbarungen und Verträge aufsetzen.«

»Oh«, sagte er noch einmal. »Das klingt wirklich, als würde es keinen Spaß machen.«

»Als Ausgleich gab es Geld … und Zufriedenheit. Doch ich habe die Agentur verlassen. Vielleicht nehme ich mir auch nur eine Auszeit … Aber niemand rechnet damit, dass ich zurückkomme«, fügte sie hinzu.

Dieses Mal brachte er es fertig, nicht mit »Oh« zu reagieren. »Okay«, meinte er stattdessen, da Clancy keinerlei Anstalten machte, sofort die Flucht zurück nach London anzutreten. »Wie du weißt, haben Nummer zwei und drei der Roundhouse Row Langzeitmieter, Dilys und Ernie. Für sie vertritt die Hausverwalterin den Vermieter – sie kümmert sich um Wartungsarbeiten, überprüft die Mieteingänge, begleicht alle Rechnungen, für die der Vermieter aufkommen muss, und verhandelt etwaige Mieterhöhungen. Die Ferienhäuser vier, fünf und sechs können ab mindestens zwei Übernachtungen auf beliebige Zeit vermietet werden. Die Verwalterin wechselt die Bettwäsche und die Handtücher, erledigt die Wäsche, putzt die Häuser und pflegt die Gärten.«

»Warum kümmerst du dich nicht um die Gärten? Das ist schließlich dein Beruf.« Sie hatte sich so zur Seite gedreht, dass sie ihn ansehen konnte, und legte den Kopf ganz ähnlich wie zuvor das neugierige Rotkehlchen zur Seite.

»Weil ich in meiner eigenen Firma rund um die Uhr als Landschaftsgärtner arbeite.« Ihm war klar, dass ihr das bekannt war. Es war, als könnte dieses höfliche Geplänkel unter fast Fremden den Abend auslöschen, an dem sie sich leidenschaftlich geküsst und umarmt hatten.

Jetzt war sie an der Reihe, mit »Oh« zu antworten. Sie strich das Haar zurück, das ihr der Wind ins Gesicht blies, und blickte zu den kreisrunden Blumenbeeten, an denen er gearbeitet hatte. Alice hatte es amüsant gefunden, rund um ihr Rundhaus so viele Kreise wie möglich anzulegen. Sogar der Gartenschuppen, den der liebestolle Lee für sie gebaut hatte, war rund. »Du pflegst diesen Garten jetzt«, gab Clancy zu bedenken.

»Weil Evelyn einen Freund gefunden hat und nicht schnell genug zu ihm nach Wales ziehen konnte.« Er fuhr mit der Stellenbeschreibung fort. »Du kümmerst dich auch um die Reservierungen. Viele Gäste kommen über eine Tourismus-Website zu uns. Man wird dich anrufen und dir die Einzelheiten mitteilen. Ein paar Reservierungen kommen direkt per Post oder telefonisch. Du kümmerst dich um Beschwerden der Gäste, beantwortest Fragen, löst Probleme und machst im Prinzip alles, was anfällt. Ich fürchte, wenn du zu Hause bist, heißt das für Mieter und Gäste, dass du im Dienst bist. Evelyn hat das Buch im Rundhaus gelassen. Ich zeige es dir.«

»Buch?«

»Das mit den Reservierungen.« Ein dicker Wälzer mit Eselsohren, den Evelyn ständig aktualisiert und in den sie umfangreiche Notizen für ihre Nachfolgerin geschrieben hatte.

»Ihr haltet die Reservierungen in einem richtigen Buch fest?« Sie hätte fast gelächelt. »Keine Buchungssoftware?«

Langsam entspannte er sich. Jetzt kam er zum Knackpunkt, den er ihr einfach nur ehrlich mitteilen musste. Anschließend brauchte er nur noch abzuwarten, bis sie zurück in die Stadt fuhr. Er streckte die Beine aus und schlug sie an den Knöcheln übereinander. »Keine Buchungssoftware. Das Dorf liegt in einem Internet-Funkloch mit uralten Telefonleitungen und einem schlechten bis nicht existenten Handysignal.« Ihm war klar, dass eine Großstadtpflanze, die daran gewöhnt war, permanent online zu sein, nicht in einer Umgebung existieren konnte, in der moderne Informationstechnologie praktisch nicht existierte. »Ich schätze, da du nur am Rande mit den Cottages zu tun hattest, konntest du dir kein klares Bild vom Leben in Nelson’s Bar machen.«

Mit einer weit ausholenden Handbewegung umfasste er die Reihe von Cottages, die sich an das Rundhaus anschlossen. »Die Mietcottages sind die einzigen richtigen Ferienhäuser im ganzen Dorf, obwohl es eine Frühstückspension gibt, deren Bar ungefähr zwei mal zwei Meter groß ist, und davor stehen ein paar Tische mit Sonnenschirmen. Wir haben keine Kirche, keinen Laden, keinen Pub und kein Café. Der Küstenpfad von Norfolk führt an uns vorbei, und obwohl der Norden von Norfolk bei Wanderern beliebt ist, scheuen die meisten den steilen Anstieg, der hierherführt.« Er lehnte sich zurück und ließ ihr Zeit, seine Worte sacken zu lassen und einen Rückzieher von ihrem Plan zu machen, dort zu leben, wo sich Fuchs und Hase Gute Nacht sagten.

Doch dann atmete Clancy lang und friedlich seufzend aus. »Klingt perfekt.«

2

Daran, wie Aaron abrupt die Augenbrauen zusammenzog, sah Clancy ihm an, dass ihre Antwort ihn verblüfft hatte. »Ernsthaft?«, fragte er steif. Im Inneren des Rundhauses läutete ein Telefon, und er stand von der Bank auf und verschwand im Haus, um abzunehmen. Dann tauchte er wieder auf. »Das war meine Freundin. Sie wusste, dass ich hier arbeite. Wir waren verabredet, und ich bin schon zu spät.« Er unterbrach sich und schaute auf seine Armbanduhr. »In ein paar Stunden bin ich zurück. Unser Gespräch ist noch nicht zu Ende.«

»Gut.« Clancy fragte sich, ob er darauf spekulierte, dass sie es sich in seiner Abwesenheit anders überlegen würde.

Sie beobachtete, wie er die Gartengeräte in den Schuppen räumte und mit einem Fingerschnippen nach seinem riesigen Hund rief. Jedes Wort von Aaron hatte Clancy in ihrer Überzeugung bestärkt, dass Nelson’s Bar genau das war, was sie brauchte. »Das hier ist ein ruhiges, sicheres Nest, wo du wieder zu dir kommen kannst«, hätte er ebenso gut sagen können. »Für jemanden mit Organisationstalent ist der Job ein Kinderspiel.«

Clancy Moss war vielleicht momentan erschöpft, aber generell blühte sie bei Herausforderungen auf, und Anpassungsfähigkeit war ihr schon früh anerzogen worden. Da ihre Eltern beide Ingenieure waren, war sie in Belize, verschiedenen Ländern Afrikas, Dubai und Hongkong aufgewachsen … manchmal in Wohnkomplexen der Firmen oder Stadtwohnungen, aber auch in entlegenen Dörfern. Sie hatte Firmenschulen besucht, ein Internat und örtliche sowie internationale Schulen. Zwischendurch war sie sogar auf die gleiche Schule wie Alice gegangen und hatte es genossen, bei Alice und Tante Sally ein festes Zuhause zu haben, während ihre Eltern in einem Teil Afrikas verschwunden waren, den sie als unpassend für ihre Tochter erachteten. Das Internat und dessen langweilige Routine konnten es nicht annähernd mit den Abenteuern aufnehmen, die sie zusammen mit Alice unternahm, und dem Verwöhntwerden durch ihre Tante.

Sobald sie zum Studium nach Großbritannien zurückgekehrt war, hatte sie versucht, sich dieses Gefühl, irgendwo hinzugehören, erneut zu schaffen. Sie hatte geglaubt, es mit Will gefunden zu haben, doch jetzt … Nachdem Will und ihre Kollegen – sie war sich nicht sicher, ob es immer noch passend war, sie Freunde zu nennen – sie jetzt zu diesem schmerzhaften Bruch gezwungen hatten, musste sie sich wieder neu aufstellen.

Also gut, zuerst brauchte sie etwas Ordentliches zu essen. Nur um zu bestätigen, was Aaron gesagt hatte, zog sie ihr Handy hervor. Kein Empfang. Dann würde sie eben nach Hunstanton fahren und sich einen Supermarkt suchen. Anschließend würde sie …

»Juhuuu!«, ließ sich eine Frauenstimme vernehmen. »Macht es Ihnen etwas aus, wenn ich in den Garten komme? Ich hoffe nicht, weil ich nämlich schon drin bin.« Die Frau lachte zittrig. Verblüfft stand Clancy auf, um in die Richtung zu sehen, aus der die Stimme erklungen war, und musste sich an der Banklehne festhalten, als sich ihr schon wieder der Kopf drehte. Eine kleine, rundliche Frau mit einem weißen Haarschopf, der wie eine Pusteblume aussah, und einem freundlichen Lächeln kam ums Haus geschlurft. »Sind Sie unsere neue Evelyn? Ich bin Dilys aus Nummer zwei. Dachte, ich sage mal Hallo.« Inzwischen stand Dilys vor Clancy. Unter einem Rock mit Rosenmuster schauten mit Gänseblümchen bedruckte Gummistiefel hervor. Fragend hob die Frau die Augenbrauen.

»Ich übernehme die Hausverwalterstelle, ja.« Es war unmöglich, Dilys’ Lächeln nicht zu erwidern, denn es war humorvoll und herzlich. »Ich hatte mich gerade gefragt, wo ich wohl einen Supermarkt finde. Oder ein Möbelgeschäft. Aaron musste aufbrechen, bevor er es mir erklären konnte.« Wahrscheinlich konnte sie sich glücklich schätzen, Geld auf der Bank zu haben, aber eigentlich hatte sie nicht mit dem Aufwand gerechnet, den es bedeuten würde, das Rundhaus zu möblieren.

Dilys’ graue Augen blitzten, und sie setzte sich steif neben Clancy auf die Bank. »Möbelgeschäft? Ich vermute, Aaron wird einfach das alte Zeug zurückholen. Sie haben alles im Haus der De Silvas eingelagert – dem Heim von Aarons Eltern –, weil Evelyn ihre eigenen Sachen hatte.«

Clancy unterdrückte einen Anflug von Gekränktheit, weil Aaron ihr etwas verschwiegen hatte, das ihr offensichtlich das Leben leichter machen würde. Er wollte sie eindeutig nicht hier haben. Und wenn schon! Sie hatte sich schon bei Menschen, die ihr viel näher standen und wichtiger waren als Aaron De Silva, unerwünscht gefühlt. Bei ihrem Exverlobten und ihren Kollegen zum Beispiel. Und bei ihren Eltern hatten die Chancen, sich willkommen zu fühlen, auch nur fünfzig zu fünfzig gestanden. Sie schob diese negativen Gedanken beiseite. »Waren das die Möbel von Alice und Lee?«, fragte sie stattdessen munter. »Ich bin Alice’ Cousine Clancy.«

Dilys strahlte. »Ihre Cousine! Wie geht’s Alice? Ich habe nie wieder etwas von ihr gehört.«

»Ganz gut, glaube ich«, antwortete Clancy vorsichtig. Nachdem Alice Lee den Laufpass gegeben hatte, hatte sie keinen Hehl daraus gemacht, dass sie für alle Einwohner von Nelson’s Bar unsichtbar bleiben wollte, und Clancy schamlos beschwatzt, ihre Interessen in der Roundhouse Row zu vertreten. »Ich bin ohnehin ständig unterwegs, und du bist gut in solchen Dingen. Zwing mich nicht dazu, mich mit seinem voreingenommenen großen Bruder Aaron herumzuschlagen, biiiitte, Clancyyy.« Clancy hatte geseufzt und Ja gesagt. Menschen ließen sich oft von Alice überreden. Vielleicht lag es daran, dass sie das einfach zu erwarten schien, es hatte allerdings auch etwas mit ihrem hübschen Lächeln zu tun, ihrem schwingenden, gut geschnittenen Haar und ihrer Art, sich bei einem unterzuhaken, als wolle sie zeigen, wie gern sie einen mochte.

Und Alice hatte ihr immer Briefe, Karten und Nachrichten geschickt, wo auf der Welt sich Clancy auch gerade he­rumtrieb, hatte immer wissen wollen, wo Clancy sich aufhielt und was sie tat, und darum gebeten, dass Clancy ihr Postkarten oder Fotos zukommen ließ. Und sie hatte sich erkundigt, wann Clancy wieder bei ihnen einziehen würde. Welche Fehler Alice auch hatte, Clancy und sie standen sich sehr nah.

Heutzutage musste diese Verbindung eher Alice’ als Clancys Reisen überstehen. In den letzten sechs Jahren hatten sie einander nur einmal gesehen, und zwar vor vier Jahren, als Tante Sally plötzlich verstorben war. Damals war Alice bleich und mit rot geweinten Augen auf der Beerdigung ihrer Mutter aufgetaucht. Anschließend hatte sie ihr Elternhaus in Warwickshire verkauft und war, nachdem sie mit dem Erbe ihre Reisekasse ordentlich aufgebessert hatte, wieder ver­schwunden.

Doch Clancys neue Nachbarin brauchte nichts von alldem zu wissen. »Dilys«, fragte sie stattdessen, »könnten Sie mir erklären, wo ich einen Supermarkt finde? Ich brauche Vorräte.«

Dilys verzog das von Falten durchzogene Gesicht zu einem erfreuten Grinsen. »Kann ich es Ihnen stattdessen zeigen? Ich fahre kein Auto mehr, da ist es für mich ein Segen, eine Mitfahrgelegenheit nach Hunstanton zu erwischen. Ich sage Ihnen was«, sprach sie hastig weiter. »Wie wär’s, wenn ich Sie dafür zum Mittagessen einlade? Ich habe Gemüsesuppe gekocht und wollte gerade essen.«

Ein so freundliches Angebot wärmte Clancy das Herz. »Was für ein großartiger Tausch. Danke.«

Sie folgte ihr zu dem Cottage nebenan, und sowie Dilys die Tür öffnete, strömte ihr köstlicher Zwiebelduft entgegen. »Willkommen in Nummer zwei«, sagte die Mieterin. »Es ist nicht so groß wie das Rundhaus, aber es ist mein Zuhause, seit ich allein bin. Setzen Sie sich an den Tisch, Schätzchen, dann tue ich uns gleich etwas auf.«

Nur Sekunden schienen zu vergehen, bis Clancy Brotstücke in dicke Gemüsesuppe stippte, Tee trank und sich neugierig umschaute. Dilys’ Küche war voller … Kram. Berge von Stoff und Wolle neigten sich gefährlich, und Schraubgläser mit Knöpfen sowie Schalen mit Glasperlen schimmerten bunt.

»Ich bastle gern«, erklärte Dilys, die Clancys Blick gefolgt war. »Aus allem, was ich sehe oder finde, mache ich irgendetwas. Früher hat das meinen armen Mann fast in den Wahnsinn getrieben. Aber jetzt ist er nicht mehr da, und es geht ihn nichts mehr an.«

»Das tut mir leid«, erwiderte Clancy.

»Ich sehe ihn natürlich immer noch«, fuhr Dilys fort und sog schlürfend ein mit Suppe getränktes Stück Brot von ihrem Löffel.

Clancy hielt inne. »Ach?« Sie hielt sich für viel zu bodenständig, um an Übernatürliches zu glauben, allerdings klang Dilys sehr überzeugt »Wo?«, fragte sie daher.

Zufrieden seufzend legte Dilys den Löffel in ihre leere Schale. »Im Garten. Er wohnt nebenan.« Sie lachte schallend.

Clancy fiel in ihr Lachen ein und legte ebenfalls den Löffel ab, obwohl sie erst zur Hälfte aufgegessen hatte. »Ich dachte, Sie meinten, er sei ein Geist!«

»Der doch nicht.« Dilys grinste immer noch. »Wir können nicht im selben Haus zusammenleben, aber ganz kommen wir auch nicht ohne einander aus.«

Clancy trank den starken Tee aus und fühlte sich mit Essen im Bauch und der Hand der Freundschaft, die Dilys ihr so offen anbot, gleich zehnmal besser. Sie lief hinaus, um ihren Kofferraum auszuräumen und so Platz für ihre Einkäufe zu schaffen.

Sie brachen zum Supermarkt auf, und Dilys lobte begeistert die bequeme Innenausstattung aus Leder. Sofort überfiel Clancy die Erinnerung daran, wie Will ihr vor weniger als einem Jahr geholfen hatte, den Wagen auszusuchen. Er war ein Symbol für den Erfolg von IsVid gewesen, und jetzt war sie froh, das Geld dafür ausgegeben zu haben, statt etwas Vernünftiges damit anzufangen, wie zum Beispiel ihre Hypothek abzuzahlen. Entschlossen schob sie den Gedanken beiseite. »Ich habe vergessen nachzusehen, wie groß die Tiefkühltruhe im Rundhaus ist.« Sie bremste den Wagen ab, bog nach rechts auf die A149 ein und geriet sofort hinter ein Wohnwagen­gespann.

»Es gibt einen guten, großräumigen Gefrierschrank«, erklärte Dilys. »Großräumig war die Lösung des Zehn-Buchstaben-Rätsels gestern in der Zeitung.«

Clancy versuchte, sich nicht von dem lauten Piepen des Handys in ihrer Tasche ablenken zu lassen. Seit sie das Dorf verlassen hatten, hatte es wahrscheinlich wieder Empfang. »Lösen Sie gern Rätsel? Ich mag Sudoku und Kreuzworträtsel.« Den Rest der Fahrt plauderten sie freundschaftlich darüber, warum kryptische Kreuzworträtsel so viel mehr Spaß machten als »einfache«, die eigentlich keine von ihnen wirklich leicht fand. Schließlich erreichten sie Hunstanton, wo sich Clancy, die von dem glitzernden blauen Meer zu ihrer Rechten fasziniert war, konzentrieren musste, um Dilys’ Anweisungen zu folgen, die sie am Park vorbei und durch den dichten Verkehr ins Stadtzentrum führten.

Als sie beim Supermarkt geparkt hatte, warf sie einen kurzen, verstohlenen Blick auf die Meldungen, die jetzt auf dem Display ihres Handys angezeigt wurden: Tracey und Asila erkundigten sich beide, ob es ihr gut gehe. Nach kurzem Überlegen steckte sie das Telefon wieder weg, da sie nicht wusste, was sie antworten sollte. Ging es ihr gut? Gut, abgesehen davon, dass meine Beziehung zu Ende ist und meine Partner mich aus dem Geschäft drängen wollen, hätte sie schreiben können, doch da die beiden zu diesen Partnern gehörten, wäre das a) aggressiv, b) weinerlich und c) sinnlos gewesen. Da wäre es besser, wenn sie ihre Zeit darauf verwendete, sich zu besorgen, was sie brauchte, damit es ihr gut ging.

Sie füllte nicht nur einen Einkaufswagen mit Nahrungsmitteln und Haushaltsartikeln, sondern entdeckte auch, dass Supermärkte, die am Meer lagen, Artikel wie Surfanzüge für Kinder, Eimer und Schaufeln verkauften … und Luftmatratzen. Nur für den Fall, dass Aaron wirklich nicht vorhatte, sie mit einem Bett für die Nacht zu versorgen, kaufte sie für weniger als einen Zehner eine lilafarbene, und Dilys erbot sich, ihr Bettzeug zu leihen. Clancy hatte nichts mitnehmen wollen, was sie ständig an Will erinnerte, weil sie es zusammen benutzt hatten, daher stand Bettwäsche auf ihrer Einkaufsliste, sobald sie ein richtiges Bett organisiert hatte.

Es war später Nachmittag, als sie wieder am Rundhaus ankamen. Clancy half Dilys, ihre Einkäufe nach Nummer zwei zu tragen, und nahm dafür ein Oberbett mit einem Patchworkbezug in kräftigen, leuchtenden Farben mit. Dann trug sie ihre eigenen Einkäufe ins Haus, wo diese sich zu den Taschen und Kartons gesellten, die sie aus London mitgebracht hatte.

Sie hielt inne. London war nicht mehr ihr Zuhause.

Die hallende Leere im Rundhaus traf sie plötzlich wie ein Schlag in die Magengrube. Sie hörte nur ihren eigenen Atem und von draußen gedämpftes Vogelzwitschern. »Du schaffst das«, sagte sie sich laut. »Das ist doch nicht das erste Mal, dass du umziehst und von vorn anfängst.« Also legte sie los und teilte ihre Einkäufe auf den Kühlschrank, die Tiefkühltruhe und die Küchenschränke auf. Zum Teil waren diese in die gekrümmte Wand eingebaut, und auch in eine Küchen­insel. Während sie arbeitete, wünschte sie, sie hätte Aaron gefragt, wann genau er zurückkommen würde. Dilys hatte wahrscheinlich seine Festnetznummer, doch als Clancy kurz das Haus verließ, um an ihre Tür zu klopfen, machte niemand auf.

Okay. Zurück ins Rundhaus. Langsam lief sie im Kreis um das Erdgeschoss herum und erinnerte sich daran, wie Alice und Lee den Raum damals eingerichtet hatten: Sofas, ein Couchtisch und Hocker neben dem Raumteiler, dann ein runder Esstisch mit Stühlen. Den Raum unter der Treppe nahmen von Lee gebaute Schränke aus Eichenholz und Glas ein.

Als Nächstes stieg sie die Holztreppe hinauf, die zu den drei keilförmigen Zimmern und zwei Bädern im ersten Stock führte. Alle drei Zimmer waren mit Teppichboden ausgelegt, sodass es dort weniger zu hallen schien. Im Hauptschlafzimmer stellte sie sich auf die Zehenspitzen und erhaschte zwischen Häusern und Bäumen kurze Blicke auf ein dunstiges, blaugraues Meer. An einem tiefblauen Himmel hingen bauschige weiße Wolken. Die Landzunge, auf der Nelson’s Bar lag, ragte hoch über dem Wasser auf, doch sie erinnerte sich daran, wie Alice ihr den Weg hinunter zu einem kleinen Strand gezeigt hatte.

Wenig begeistert schaute sie sich noch einmal in dem großen Schlafzimmer um, das Alice und Lee gehört hatte. Auf der anderen Seite des Treppenabsatzes bot das zweite Zimmer einen Ausblick auf die Straße und das Haus gegenüber. Sie wandte sich ab und ging die nächste Treppe, die zum Dach­boden führte, hinauf. Dort hatte sie bei ihrem einzigen Besuch geschlafen, und nun öffnete sie die Tür mit einem winzigen – aber willkommenen – Gefühl von Vertrautheit.

Der Raum, in den sie trat, war kegelförmig und nur in der Mitte und an den Dachfenstern hoch genug, um aufrecht zu stehen. Über die Dächer hinweg konnte sie durch eines dieser Fenster das Meer und durch das andere die Kiefernwälder erkennen. Lange stand sie dort und schaute über das Dorf. Gärten und Bäume zwischen den Häusern. Das friedliche Kreischen der Möwen war zu hören und ab und zu ein Automotor.

Die Sonne erhellte den Raum, tanzte auf dem fernen Meer und wärmte ihr das Herz.

Mit einem Gefühl, das fast an Euphorie grenzte, rannte sie nach unten, um die Luftmatratze und das Oberbett zu holen. Als die Matratze aufgeblasen war, war ihr Gesicht knallrot, und sie schnaufte lächelnd, während sie den Quilt darüber ausbreitete.

Ihr provisorisches Bett in ihrem neuen Zimmer in ihrem neuen Heim. Was machte es da schon, dass sie keine richtigen Möbel hatte? Niemand, der sie wirklich kannte, wäre auf die Idee gekommen, sie würde sich von einer solchen Kleinigkeit abschrecken lassen.

3

Aarons schlechtes Gewissen riss ihn lächerlich früh aus dem Schlaf, obwohl es ein Sonntag war.

Er hatte Clancy Moss gestern nicht absichtlich in einem unmöblierten Haus sitzen gelassen.

Er hatte sich in seinem mit Kieselsteinmörtel verputzten Reiheneckhaus an der Potato Hall Row mit Genevieve getroffen, die laut überlegte, wo sie wohnen sollte, während die Bauarbeiter ihr eigenes Cottage reparierten. Das war ein schwieriges Thema. Er war sich nur allzu bewusst, dass sie es darauf anlegte, bei ihm einzuziehen, und so langsam machte ihm das schlechte Laune. Sie waren zwar schon ungefähr ein Jahr zusammen, doch ihm gefiel sein Leben in Nelson’s Bar so, wie es war. Er war zufrieden mit seiner eigenen Gesellschaft, mit dem Erschaffen von Gärten, der Erde zwischen seinen Fingern, dem Duft von Gras in der Luft, der Blüten im Frühling und dem raschelnden Laub und der Vorahnung von Frost, wenn es Herbst wurde. Der herrlichen, sich ständig verändernden Natur. Zugegeben, er hatte nicht allzu viel Erfahrung mit Beziehungen – er neigte zu serieller Monogamie, immer wieder unterbrochen von Phasen als glücklicher Single –, und vielleicht hatte ja auch der Umstand, dass sein Bruder öffentlich abserviert worden war, damit zu tun.

Aaron hatte sich große Mühe geben, das Thema zu vermeiden, wo Genevieve während der monatelangen Bauarbeiten wohnen sollte, bis ihr Haus wieder auf einem sicheren Fundament stand. Doch dann hatte Yvonne angerufen, Aarons Mum. »Tante Norma hat sich auf einem Tagesausflug nach King’s Lynn den Knöchel gebrochen und den Kopf angeschlagen. Sie muss über Nacht im Krankenhaus bleiben. Dein Dad hat Dienst im Hotel …«

»Ich fahre dich«, erbot sich Aaron sofort, denn er wusste, dass seine Mutter in Stresssituationen keine sichere Fahrerin war. Seine Großtante hatte oft auf Lee und ihn aufgepasst, als sie klein waren, damit Yvonne arbeiten gehen konnte. Er hatte sich bei Genevieve entschuldigt, und bald fuhr er mit seiner Mutter aus dem Dorf hinaus. Auf dem Weg fiel ihm auf, dass Clancys Wagen nicht vor dem Rundhaus stand, und für einen Moment überlegte er, ob sie wieder nach London zurückgekehrt war.

Während der fünfzig Minuten langen Fahrt im dichten Verkehr hatte er wenig Gelegenheit, sich mit seiner Reaktion auf diese Möglichkeit zu beschäftigen, denn Yvonne sorgte sich abwechselnd laut um ihre Tante oder tadelte ihn wegen des schäbigen Inneren seines Pick-ups, das mit Notizen, Gartengrundrissen und leeren Chipstüten übersät war.

Im Queen Elizabeth Hospital angekommen, erfuhren sie, dass Tante Norma eine Gehirnerschütterung hatte. Ihr war übel, und sie war still, was so gar nicht ihrer eher lauten und resoluten Art entsprach. »Ach, Tante!«, brachte Yvonne hervor und brach fast in Tränen aus. »Du armes Ding.«

Sie blieben eine Weile, holten beim Pflegepersonal Informationen ein und kauften am Krankenhauskiosk Zeitschriften für Tante Norma. Diese hielt die normalerweise blitzenden Augen geschlossen, damit ihr nicht schwindlig wurde. Sie zog auch niemanden auf und stellte keine peinlichen Fragen, daher war ihnen klar, dass sie sich ziemlich mitgenommen fühlen musste.

Nachdem sie eingeschlafen war, traten Aaron und Yvonne schließlich in einen dunklen, windigen Abend hinaus. Yvonne schien beinahe zu weinen, und Aaron umarmte sie beruhigend. Dann stiegen sie in sein Auto, wobei ihm ihr offenes, lockiges Haar ins Gesicht wehte.

Erst als er sich mit dem Pick-up in den irrwitzigen Verkehr auf dem riesigen Kreisel am Stadtrand von King’s Lynn einfädelte, fiel ihm plötzlich wieder Clancy Moss ein. Er sollte versuchen, festzustellen, ob sie wirklich abgereist war. Zwar hatte er die Festnetznummer des Hauses, doch die Uhr auf dem Armaturenbrett seines Wagens zeigte 22.47 Uhr – zu spät, um anzurufen.

Als er schließlich mit seiner gähnenden Mutter am Rundhaus vorbeifuhr, war dort alles dunkel. Allerdings parkte der schicke blaue BMW wieder vor dem Gartentor. Aaron fuhr weiter und kam sich wie ein Schwachkopf vor. Es konnte nicht angenehm sein, die Nacht in einem leeren Haus zu verbringen.

Am nächsten Morgen fühlte er sich immer noch genauso unzufrieden mit sich selbst wie am Abend zuvor. Er ließ Nelson in den Garten, hielt inne, um das glitzernde, rastlose Meer zu betrachten, und fragte sich, warum jemand sich wünschen sollte, irgendwo anders als in Nelson’s Bar zu leben. Dann klimperte er auf der Gartenbank eine halbe Stunde auf einer seiner Lieblingsgitarren herum, was ihm eigentlich immer inneren Frieden schenkte.

Als es neun Uhr war, überlegte er, dass Clancy gestern nicht gewirkt hatte, als passe sie sonderlich auf sich auf. Er steckte sich vier Müsliriegel in die Taschen, dann rief er Nelson, legte ihm die Leine an und trat in den Sonnenschein des Frühsommers hinaus. Er schlenderte die Potato Hall Row mit ihren größtenteils mit rotem Backstein abgesetzten und mit Kieselmörtel verputzten Häusern entlang. Nelson wedelte mit dem buschigen Schwanz, während er an Hecken und Torpfosten schnüffelte. Über die geschwungene Long Lane gingen sie dann zum Rundhaus.

Als sie Roundhouse Row Nummer drei passierten, lag ein starker Duft nach geschnittener Ligusterhecke in der Luft, und Aaron entdeckte Ernie, der Heckenschnitt zusammenfegte. »Aaron!«, brüllte ihm Ernie mit Donnerstimme entgegen. »Haben wir eine neue Evelyn? Dilys sagt Ja, aber mir erzählt ja niemand etwas.« Mit einer Handbewegung wedelte er in Richtung des blauen BMW, der auf der Straße parkte, stützte sich auf den Besenstiel und zog die buschigen grauen Augenbrauen zusammen.

Aaron quittierte Ernies finsteren Blick mit einem Lächeln. Es war sinnlos, Ernie wie einen mürrischen Alten zu behandeln, obwohl er einer war. Ernie konnte einfach nicht anders, als jede Veränderung als Bedrohung zu begreifen, genauso wie Tante Norma grundsätzlich auf unebenem Straßenpflaster stolperte. »Schon möglich«, erwiderte Aaron.

Er versuchte, an ihm vorbeizugehen, aber Ernie drehte sich auf der Stelle. »Und sie ist Alice’ Cousine, was? Gekommen, um ihre familiären Interessen zu wahren, oder?«

Aaron zuckte die Achseln und brachte es beim zweiten Versuch fertig, Ernie auszuweichen. »Schwer zu sagen. Die Hecke sieht großartig aus, Ernie.« Sofort war Ernie abgelenkt, strahlte vor Stolz und tätschelte seine perfekt gestutzte Ligusterhecke, während Aaron flüchtete. Dilys musste Clancy begegnet sein, und damit wusste es automatisch das ganze Dorf, und außerdem gehörten Dilys und Tante Norma demselben Strick- und Nähclübchen an. Dass sie im Krankenhaus lag, war zweifellos der einzige Grund, weswegen er noch keinen empörten Anruf erhalten hatte, weil eine Verwandte von Alice im Rundhaus logierte.

Er begann zu joggen, da er entschlossen war, an Dilys’ Cottage vorbeizukommen, ohne dass man ihm noch einmal auflauerte. Doch glücklicherweise waren ihre rot-weiß karierten Vorhänge vorgezogen, und er konnte durch das Gartentor des Rundhauses schlüpfen.

Hier war es sinnlos, sich nach zugezogenen Vorhängen umzusehen, da momentan jedes Fenster kahl war. Sein schlechtes Gewissen versetzte ihm noch einen Stich. Falls sie oben war und schlief – aber worauf? –, würde sie das wahrscheinlich nicht stören, und …

Kräftig knarzend schwang die Verandatür auf, und Clancy stand in Jeans und T-Shirt im Rahmen. Ihr kastanienbraunes Haar fiel ihr glatt und schimmernd bis auf die Schultern, und ihr Pony umrahmte ihre grünen Augen, aus denen sie ihn direkt ansah.

»Oh, gut, du bist es«, sagte sie und bedeutete ihm, hereinzukommen. Der Kaffeeduft, die rote Tasse und die dazu passende Schale, die er im Spülbecken sah, deuteten darauf hin, dass sie gefrühstückt hatte. »Ich habe das Reservierungsbuch in einer Schublade in der Küche gefunden«, begann sie und trat einige Schritte vor. »Bekomme ich Zugang zum Bankkonto der Roundhouse Row? Oder muss ich über dich gehen, um die Zahlungseingänge zu prüfen? In Evelyns Notizen steht nichts darüber.« Jetzt hatte sie die Kücheninsel erreicht, wo das Reservierungsbuch und einige Papierstapel ordentlich abgelegt waren. Sie warf dem großen Hund an Aarons Seite einen Blick zu. »Morgen, Nelson.«

Nelson wedelte mit dem Schwanz. Offensichtlich kannte er sie noch nicht gut genug, um sein Begrüßungsritual aufzuführen.

»Aber zuerst …«, fiel ihr Aaron ins Wort. Er war verblüfft darüber, dass die trostlose, schwermütige, fast schon gespenstisch wirkende Clancy, der er gestern begegnet war, verschwunden war. An ihre Stelle war eine Clancy getreten, die viel größere Ähnlichkeit mit der lebhaften Frau hatte, an die er sich erinnerte.

»Aber zuerst lass uns die eingelagerten Möbel für das Rundhaus holen?«, beendete sie den Satz für ihn. Ihr honigsüßer Tonfall wollte nicht zu ihrer entschlossenen Miene passen. »Das steht ganz oben auf meiner Liste, aber offenbar nicht auf deiner, da du dir gestern nicht die Mühe gemacht hast, dafür zu sorgen, dass ich etwas hatte, worauf ich schlafen konnte.«

Aaron spürte, wie seine Mundwinkel zuckten. Etwas an ihrer sichtlichen Befriedigung darüber, Wissen zu besitzen, das er nicht mit ihr geteilt hatte, amüsierte ihn. »Aber zuerst«, wiederholte er mit Bestimmtheit, »muss ich mich entschuldigen, weil ich dich gestern im Stich gelassen habe. Wir hatten einen kleinen familiären Notfall.« Er erklärte, was Tante Norma zugestoßen war.

Sofort trat Besorgnis in Clancys Blick. »Deine Familie geht natürlich vor. Wenn nötig, komme ich noch ein paar Nächte mit der Luftmatratze zurecht.«

Eine Luftmatratze. Unwillkürlich musste er über ihren Einfallsreichtum grinsen. »Ich bin erleichtert, dass du nicht auf dem Boden schlafen musstest. Können wir uns ein paar Minuten setzen?«

Demonstrativ ließ sie den Blick durch den unmöblierten Raum schweifen. »Worauf?«

Dieses Mal machte er sich gar nicht erst die Mühe, sein Lächeln verbergen zu wollen. Es machte ihm nichts aus, ins Hintertreffen zu geraten, wenn es so elegant geschah. »Gestern hat sich die Gartenbank perfekt dafür geeignet.«

Er ging nach draußen vor und ließ Nelson von der Leine, damit dieser herumschnüffeln konnte. Clancy setzte sich und wartete darauf, dass Aaron den Anfang machte. Unterdessen schien sie zufrieden damit zu sein, eine Amsel zu beobachten, die um einen knorrigen Apfelbaum herumhüpfte, als suche sie nach einem perfekten Rastplatz zum Singen.

»Ich bin froh, dass Familie einen so hohen Stellenwert für dich hat«, begann er vorsichtig und setzte sich zu ihr auf die Bank, »denn ich finde nicht, dass deine Anwesenheit hier gut ist.«

Als sie sich zur Seite drehte, um ihn anzusehen, schwang ihr das Haar ums Gesicht, und die Sonne ließ glitzernde goldene Sprenkel in ihren Augen aufleuchten. »Wieso?«

»Zuerst einmal glaube ich nicht, dass dir klar ist, wie es ist, in einem so winzigen, abgelegenen Ort wie Nelson’s Bar zu leben. Aber du musst auch an meine Familie denken.«

Sie neigte den Kopf zur Seite. »Wieso?«, fragte sie noch einmal.

Aaron wurde ernster. Vielleicht war es besser – für sie wie für ihn –, wenn er offen mit Clancy war. »Alice hat Lee beinahe zerstört. Er hat so lange um sie getrauert, dass wir schon Angst um ihn hatten. Wie du weißt, war Alice damit einverstanden, dass ich ihm seine Hälfte des Rundhauses und der Roundhouse Row abgekauft habe, damit er wegziehen und neu anfangen konnte. Aber inzwischen lebt er wieder im Dorf, und du wirst ihn an alles erinnern.« Er unterbrach sich und sprach dann weiter, denn er hatte das Gefühl, dass sie ebenso gut die ganze Wahrheit erfahren konnte. »Um dir eine Vorstellung vom Grad der Ablehnung in meiner Familie zu geben: Sie nennen Alice nur die ›abscheuliche Alice‹.« Er rutschte nach vorn, stützte die Ellbogen auf die Oberschenkel und warf ihr einen gleichmütigen Blick zu. »Sie sind verbittert, Clancy.«

Clancy beugte sich vor, um ebenfalls die Ellbogen auf die Schenkel zu legen, und sah ihn ebenso gelassen an. »Du bist vielleicht deines Bruders Hüter, aber ich fürchte, ich bin nicht für meine Cousine verantwortlich.«

»Ich habe nicht gesagt, dass ich Lees Hüter bin«, unterbrach er sie.

Clancy fiel ihm ins Wort. »Was die abscheuliche Alice getan hat, hatte nichts mit mir zu tun, und ich bin mir sicher, Lee ist reif genug, um das zu erkennen.«

Er beschloss, noch direkter zu werden. »Also für mich persönlich war deine Cousine Prinzessin Alice, die sich nicht allzu viele Gedanken darüber machte, was andere wollten, und die erwartete, dass ihre Wünsche an erster Stelle standen, selbst wenn sie Unmögliches verlangte.« Er ignorierte, wie Clancy bei seiner freimütigen Einschätzung die Augen aufriss. »Auch wenn du nicht so bist, würde Lee es sicherlich vorziehen, wenn du Rücksicht auf seine Gefühle in dieser Sache nehmen und zu deinem Leben in London zurückkehren würdest. Und – nur als freundliche Warnung – da wird er nicht der Einzige sein.«

Ihr Blick flackerte nicht, obwohl sie irgendwo tief in ihrem Inneren zusammenzuzucken schien. »Du vermischst Mei­nungen und Tatsachen. Außerdem kann ich nicht zurück. Lee ist nicht der Einzige, bei dem die Dinge schiefgelaufen sind. Mein Verlobter – inzwischen Exverlobter – hat eine andere, Renée, von der ich vermute, dass sie ziemlich genau in diesem Moment in unsere Wohnung einzieht. Ich werde aus der Firma gedrängt, an deren Aufbau ich lange und hart mitgearbeitet habe. Ich habe nicht nur keine Bleibe mehr, sondern auch keinen Job. Ich vertrete Alice’ Interessen, und in dieser Eigenschaft stelle ich mich darum als Verwalterin ein.«

Ihre Stimme wurde weicher. »Ich glaube, Alice würde mir diesen Job geben. Sie und ich – wir haben eine besondere Beziehung. Ich habe sie seit einiger Zeit nicht mehr gesehen, aber das spielt keine Rolle. So war das schon immer, denn meine Eltern haben mich entweder um die Welt geschleppt, ins Internat gesteckt oder bei Tante Sally und Alice abgeladen, die entgegen deiner Charaktereinschätzung ohne zu zögern ihr Zuhause, ihr Leben, ihre Freunde und sogar ihre Mutter mit mir geteilt hat. Nachdem ich jetzt in Großbritannien lebe und sie diejenige ist, die umherreist, bin ich mir ziemlich sicher, dass sie mich in meinem Wunsch, nach Nelson’s Bar zu ziehen, unterstützen würde. Aber wir können sie fragen, wenn du willst.« Ihre Miene verdüsterte sich. »Es tut mir aufrichtig leid, dass du mich nicht hierhaben willst, und ich kann verstehen, wenn du vielleicht denkst, angesichts meiner Lebensgeschichte sollte ich daran gewöhnt sein, einfach munter zu packen und dahin zu gehen, wo ich weniger lästig bin. Aber ich brauche ein neues Zuhause, jedenfalls vorübergehend. Und das hier ist es.« Ihre Stimme bebte, und am Ende des Satzes kniff sie die Lippen zusammen.

Im folgenden Schweigen begann die Amsel, wunderschön zu zwitschern. Nelson hob den Kopf, als suche er nach der Quelle des Klangs.

Aaron starrte Clancy bis ins Tiefste erschüttert an. Er hätte gestern schon an ihrem Blick erkennen müssen, dass sie in Schwierigkeiten steckte. Er hatte zugesehen, wie Lee mit ähnlich herzzerreißendem Kummer gekämpft hatte. Jetzt begriff er, warum sie bei ihrer Ankunft irgendwie krank gewirkt hatte, warum sie nicht geflüchtet war, als er sie in einem leeren Haus zurückgelassen hatte. Clancy steckte in der Klemme. Und so fest, wie sie ihre Finger knetete, dass die Knöchel weiß hervortraten, hing ihre Fassung am seidenen Faden.

Aaron war nie ein Mensch gewesen, der nachtrat, wenn jemand am Boden lag, und er weigerte sich selten, seine Hilfe anzubieten – abgesehen von der aktuellen unangenehmen Situation mit Genevieve. Nelson war nur eins von einer ganzen Reihe Not leidender Tiere, die er irgendwann adoptiert hatte. Er atmete bis tief in die Lungen ein und stieß dann hörbar seufzend die Luft wieder aus. »Okay. Ich hole meinen Pick-up. Wir schaffen die Möbel her.«

Sie schluckte laut. »Danke«, sagte sie dann schlicht. »Darf ich dich begleiten?«

»Natürlich«, murmelte er.

Sie schloss das Rundhaus so sorgfältig ab, wie es nur Städter taten. Zunächst gingen sie die Long Lane entlang, durch den sonnengefleckten Schatten des Goldregens, dessen letzte gelbe Blüten um sie herabsegelten. Sie durchquerten das Dorf und schwenkten dann zur Nordseite der Landzunge ab. Der Mai war in diesem Jahr mild, und der Sonnenschein strich wie eine warme Hand über Aarons Haut. »Ich wohne ein Stück weiter in der Potato Hall Row«, erklärte er. Nachdem er die Entscheidung getroffen hatte, Clancy keine weiteren Steine in den Weg zu legen – obwohl er sich nicht auf das Gespräch freute, das er bald mit seiner Familie führen musste –, sprach er ganz ungezwungen mit ihr. »Die Long Lane beschreibt einen Bogen um das Dorf bis zur Frühstückspension und dem Wohngebiet The Green und läuft auf den äußersten Punkt der Landzunge zu. Dann tritt die Marshview Road an ihre Stelle und führt auf der anderen Seite des Orts wieder zurück.« Mit einer Armbewegung beschrieb er ein lang gezogenes U.

Ein plötzlicher Windstoß fuhr in Clancys Haar, und sie lächelte leise, als genieße sie die frische Luft. »Alice ist ein paarmal mit mir durchs Dorf gegangen, als ich damals hier war, aber an viel erinnere ich mich nicht. Leben deine Eltern hier irgendwo in der Nähe?«

»Im Frenchmen’s Way. Die nächste Querstraße vor uns.«

Während sie die Ecke des Frenchmen’s Way passierten, erwähnte keiner von ihnen, dass sie sich eines Abends vor langer Zeit im Garten seiner Eltern geküsst hatten. Die Long Lane führte weiter nach rechts und stieg dabei an. Clancy ergriff das Wort. »Wird es deinen Eltern etwas ausmachen, wenn ich mitkomme, um die Möbel zu holen? Oder Lee? Vielleicht …«, fuhr sie nachdenklich fort, »sollte ich es im Stil von ›abscheuliche Alice‹ halten und mich Katastrophen-Clancy nennen.«

»Sie sind nicht da«, gestand er offen und wünschte sich gleichzeitig, er hätte ihr nichts von der Umbenennung ihrer Cousine erzählt. »Dad ist bei der Arbeit, und Lee ist mit Mum einkaufen gefahren, bevor meine Großtante nach Hause kommt. Tante Norma lebt in einem Anbau meines Eltern­hauses.«

»Das ist nett.« Clancy wirkte aufrichtig gerührt über dieses Zeichen familiären Zusammenhalts. »Oh, sieh doch! Diese Cottages mit dem Kieselputz sind wirklich hübsch.«

»Das ist die Potato Hall Row«, erklärte er. »Mein Haus ist das letzte von hier aus gesehen, das mit der Werkstatt.«

Sie nickte abwesend. »Wie kommt es, dass wir uns so regelmäßig gemailt haben, obwohl es im Dorf kein Internet gibt?«

Ihre unvermittelte Frage überrumpelte ihn, und so wie sie ihn aus dem Augenwinkel beobachtete, war er sich sicher, dass das ihre Absicht gewesen war. »Ich habe Satelliten-Breitband.«

»Aha.« Sie zog die Augenbrauen hoch. »Dann waren die Informationen, dass es kein Internet gibt, also Fake News. Wie sieht’s bei keinem Pub und keinem Laden aus …?«

»Es gibt weder einen Pub noch ein Geschäft«, entgegnete er abwehrend, obwohl er sich nicht sicher war, ob sie ihn aufzog oder wirklich verärgert war. »Ein paar Lokalitäten im Dorf haben Satelliten-Breitband, aber man kann es nicht überall einrichten, wegen des Naturschutzgebiets, der denkmalgeschützten Gebäude und sogar wegen der Bäume, die zum Naturdenkmal erklärt worden sind und den Empfang behindern.«

»Oh. Ich sehe das Problem.« Sie runzelte die Stirn. »Könntest du nicht als einer der Eigentümer von Roundhouse Row deinen Internetzugang mit der Hausmeisterin teilen?«

»Das könnte ich«, räumte er ein. »Evelyn war nicht wild darauf, online zu sein, daher war das bisher kein Thema. Mich bitten so viele Leute darum, sich bei mir einloggen zu dürfen, dass ich jedes Mal fürchte, mein Datenlimit zu erreichen, bevor der Monat zu Ende ist. Ständig will man meine Verbindung ›nur kurz ausleihen‹. Ich ändere mein Passwort ziemlich oft. Hier steht der Wagen …«, setzte er unnötigerweise hinzu, als er neben dem großen silbernen Pick-up stehen blieb, der auf der Seite mit De Silva – Landschaftsgärtnerei beschriftet war. Er drückte auf den Schlüssel und öffnete die Zentralverriegelung.

»Aber …«, begann Clancy von Neuem. Sie wurde unterbrochen, als Genevieve plötzlich ums Haus bog und energisch auf sie zukam. Bei jedem Schritt wippte ihr langes blondes Haar mit. Nelson zerrte an seiner Leine, und Aaron ließ ihn frei, damit sich der Hund auf sie werfen konnte. Aaron war sich nicht sicher, wie er Gens unangekündigtes Auftauchen finden sollte. Dass sie so oft seine Nähe suchte, war neu und ihm eigentlich nicht recht. Bevor sie versucht hatte, ihr Wohnproblem zu lösen, indem sie ihre Beziehung ein Stück vorantrieb, war sie eine warmherzige, witzige und unabhängige Freundin gewesen, die anscheinend genau wie Aaron zufrieden damit gewesen war, eine Beziehung zu führen, um die sich nicht das ganze Universum drehen musste.

»Da bist du ja!« Genevieve machte ein großes Getue um Nelson, sah beim Sprechen aber Aaron an, als sei er ein kleiner Junge, der davongelaufen war. »Du bist früh unterwegs. Ich habe das mit deiner Tante gehört und wollte sehen, ob ich helfen kann.« Dann schaute sie Clancy an und lächelte verhalten fragend.

»Der Buschfunk im Dorf hat nicht lange gebraucht, um die Nachricht von Tante Normas Knöchel zu verbreiten«, meinte er trocken. »Sie wird schon wieder. Das hier ist Clancy Moss. Sie zieht ins Rundhaus und übernimmt Evelyns Job.«

Genevieves Lächeln wurde breiter. »Oh, Clancy, die Cousine von Alice? Vielleicht kennen wir uns noch von … Ach, egal. Willkommen in Nelson’s Bar. Woher kommst du?«

Clancy warf Aaron einen Blick zu, als ahne sie, dass Genevieve Lees Hochzeit hatte sagen wollen und es sich dann anders überlegt hatte. »Aus London. Wir wollen gerade die Möbel aus dem Haus von Aarons Eltern abholen.« Clancy lächelte freundlich und sagte nichts dazu, dass Genevieve und Alice sich kannten. In Nelson’s Bar kannte jeder jeden.

Genevieve hatte es eilig, gleich zu ihnen in den Pick-up zu steigen. »Ich helfe euch.« Und ehe Aaron reagieren konnte, hatte sie Nelson schon auf den Rücksitz der Kabine komplimentiert und sich wie üblich auf den Beifahrersitz gesetzt.

»Danke sehr«, sagte Clancy höflich und kletterte auf den Rücksitz neben den Hund. Aaron vermutete, dass Clancy sich in tadellose Umgangsformen flüchtete, wenn andere nicht so genau wissen sollten, was sie dachte.

Er nahm auf dem Fahrersitz Platz, und während er dann auf die Straße einbog, drehte Genevieve sich um und erzählte Clancy von ihrem Lieblingsthema: Wie sie eines Morgens nach dem Aufstehen einen breiten Riss in ihrer Küchenwand vorgefunden und entdeckt hatte, dass um das Fundament ihres Cottages herum der Boden absackte. »Der Handwerker meint, unter dem Haus muss seit Ewigkeiten Wasser ausgetreten sein.«

In weniger als einer Minute hatten sie das Haus der De Silvas erreicht. Aaron setzte den Wagen rückwärts vor die Doppeltür des Lagerraums, der unter Tante Normas Wohnung lag, und alle stiegen aus.

Aaron wandte sich an Clancy. »Du wirst zu schätzen wissen, dass Lee seine Hälfte der gemeinsamen Möbel schon vor langer Zeit entsorgt hat.« Mit einem Poltern und Quietschen stemmte er einen der Türflügel auf und enthüllte einen dunklen Raum, in dem Laken über große Gegenstände gebreitet waren.

Sie begannen, die Abdecktücher abzunehmen – wobei sie eine Menge Staub aufwirbelten –, und verschafften sich einen Überblick darüber, was darunter zum Vorschein kam. »Zwei Betten, ein Sofa und Stühle, ein paar Tische und ein Schrank. Kannst du ebenso gut alles mitnehmen.« Aaron wies auf einen Stapel Kartons. »Die stammen auch aus dem Rundhaus.« Die Kisten enthielten Geschirr und Küchengeräte, Bücher und Dekorationen. Dann kamen Alice’ Besitztümer. Kleidung und Schuhe. Verstaubtes Make-up. Ein veralteter Laptop und ein Wirrwarr von Kugelschreibern und Papieren.

Clancy starrte alles an. »Ich hatte mir keine Gedanken gemacht, was wohl aus Alice’ Sachen geworden ist. Ich sollte sie mitnehmen, damit sie deinen Eltern nicht länger im Weg stehen.«

Genevieve trat hinter sie und spähte über ihre Schulter. »Wo treibt Alice sich eigentlich herum? Kannst du sie ihr nicht nachschicken? Als sie hier gelebt hat, haben wir uns ganz gut verstanden, aber jetzt höre ich gar nichts mehr von ihr.«

»Ich habe eine E-Mail-Adresse. Wo sie sich genau aufhält, weiß ich nicht«, erklärte Clancy abwesend und klappte die Kartons wieder zu. »Sie ist ziemlich viel unterwegs.«

Genevieve klang fasziniert. »Wie geheimnisvoll sie geworden ist! Hat sie sich an jenem Tag wirklich hinausgeschlichen, während du telefoniert hast?«

»Wenn es euch nichts ausmacht, die Kartons zu nehmen, wäre das toll«, unterbrach Aaron. So langsam wünschte er sich, dass Genevieve sich ihnen nicht angeschlossen hätte. Was ihn anging, brauchte das Dorf nicht noch einmal die Geschichte vom armen, verlassenen Lee wiederzukäuen, zumal sein Bruder jetzt wieder hier lebte.

Clancy stand auf und klopfte sich Staub von den Knien ihrer Jeans. »Bringen wir alles ins Rundhaus, und dann überlasse ich euch beide wieder eurem Sonntag.«

Genevieve lächelte und tätschelte Aaron im Vorbeigehen den Po, als wolle sie die Nähe zwischen ihnen betonen. »Ich lege ein paar Abdecktücher auf die Ladefläche des Pick-ups. Wie ich dich kenne, ist sie voller Gras und Erde.«

Aaron unterdrückte eine knappe Bemerkung, dass der Wagen dazu diente, Rasenmäher und Pflanzen zu transportieren. »Danke«, sagte er nur.

Das Aufladen dauerte nicht lange, und während der Fahrt zum Rundhaus und dann beim Auspacken plauderte Genevieve munter mit Clancy.

Aaron arbeitete schweigend und genervt vor sich hin, vor allem, als Genevieve haltlos lachte, als sie die Federkernma­tratze durch die Tür oben an der zweiten Treppe quetschen und ruckeln musste. Clancy hatte sich anscheinend den Dachboden als Schlafzimmer ausgesucht.

An diesem Punkt stoppte Clancy sie. »Danke, euch beiden. Jetzt komme ich allein weiter. Möchtet ihr noch eine Tasse Kaffee, bevor ihr euch auf den Weg macht?«

Genevieve pustete sich das Haar aus dem Gesicht. »Sehr gern! Und Nelson liebt eine Untertasse mit Kaffee, wenn genug da ist.« Offenbar hatte sie Clancy ins Herz geschlossen, und nachdem sie sich neben ihr auf dem Sofa niedergelassen hatte, brachte sie erneut ihre problematische Wohnsituation zur Sprache. »Es ist ein Albtraum, dass ich während der Bauarbeiten nicht in meinem Haus wohnen kann. Ich muss eine gewaltige Selbstbeteiligung von tausend Pfund aufbringen, da habe ich nichts übrig, um irgendwo Miete zu zahlen.«

Clancy pustete auf ihren Kaffee. »Deine Versicherung kann nicht von dir verlangen, unter einer Hecke zu leben. Für eine vernünftige Miete sollte sie schon aufkommen.«

Aaron hielt inne. Er konnte sich nicht erinnern, dass sie schon einmal über Versicherungsleistungen gesprochen hätten.

Doch Genevieve hatte rasch eine Entgegnung parat. »Im Dorf gibt es keine Mietwohnungen. Außerdem spare ich eine Menge Nebenkosten, wenn ich jemanden finde, bei dem ich unterkriechen kann. Und das heißt, dass mich die tausend Pfund dann nicht ruinieren werden.«

Aaron trank weiter seinen Tee. Genevieves Job war in der Tat nicht gut bezahlt, und so besaß sie nur geringe Ersparnisse.

Aber Clancy war mit dem Thema noch nicht fertig. »Das könnte sich zu deinen Gunsten auswirken, denn wenn es nirgendwo in Nelson’s Bar etwas zu mieten gibt, müsste dir die Versicherung erlauben, stattdessen ins Bed & Breakfast zu ziehen. Dann hättest du auch keine Nebenkosten und würdest trotzdem sparen.« Sie sah Genevieve mit leisem Lächeln an. »Als ich meinen Master in Betriebswirtschaft gemacht habe, habe ich ein Praktikum bei einem Versicherungsriesen absolviert.«

»Oh«, meinte Genevieve, und ihr Lächeln verblasste. »Wahrscheinlich sollte ich wirklich mal nachfragen, ob die Versicherung das übernimmt.« Mit einem Mal waren ihre Wangen rosig angelaufen, und sie wich Aarons Blick aus.

»Ich glaube nicht, dass den Leuten etwas anderes übrig bleibt, aber wenn du auf Widerstand stößt, rede ich gern mit ihnen. Du hast mir heute auch geholfen.« Clancy lächelte. Doch dann sah sie zwischen Genevieve und Aaron hin und her, und was ihr die Körpersprache der beiden verriet, ließ einen zweifelnden Ausdruck in ihre Augen treten.

Genevieve trank ihren Kaffee aus. »Danke. Sieht aus, als wäre mein Problem gar nicht so groß. Ich hätte mich gleich bei der Versicherung nach Alternativen erkundigen sollen.«

Aaron stand auf. Genevieves offensichtliches Unbehagen machte ihn zutiefst verlegen, während er gleichzeitig so erleichtert war, dass sich sein ganzer Körper entspannte. Am liebsten hätte er beide Frauen umarmt: Clancy vor Begeisterung darüber, dass sie ganz nebenbei das Problem mit Genevieve gelöst hatte … und Genevieve, um sie zu trösten. Natürlich hatte er ein schlechtes Gewissen, denn es war immer hart, jemanden zu enttäuschen, den man gern mochte. Gleichzeitig hoffte er, dass Gen ihre alte Lockerheit wiedergewinnen würde, nachdem sie jetzt keinen Grund mehr hatte, ihm Druck zu machen, und dass ihre Beziehung wieder so entspannt wie früher würde.

Ihm wurde bewusst, dass Gen ihn ansah, als lese sie seine Gedanken, nehme seine Erleichterung wahr und fühle sich dadurch verletzt, daher versuchte er eilig, das Thema zu wechseln. »Clancy, fängst du gleich morgen mit der Arbeit an? Es wäre eine gute Idee, wenn wir alles noch mal detailliert durchsprechen.«

Clancy nickte. »Das wäre großartig.«

Sie verabredeten sich für den frühen nächsten Morgen, und dann verabschiedeten sich Aaron und Genevieve, und Nelson machte sich für den Abmarsch bereit, indem er sich reckte und schüttelte.

Draußen war der Himmel inzwischen tintenschwarz, und dicke Regentropfen klatschten in den Straßenstaub. Aaron öffnete die Beifahrerseite des Pick-ups. »Ich fahre Mum zu Tante Norma. Willst du mitkommen?«

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