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There With You

Als Buch hier erhältlich:

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Romantisch und wild wie die schottischen Highlands

Für Regan Penhaligon gibt es keinen besseren Ort als das exklusive Ardnoch Estate in den abgelegenen schottischen Highlands, als Unterschlupf. Ihr impulsives Verhalten hat sie eingeholt, und der Besuch bei ihrer Schwester Robyn ist die Gelegenheit, sich vor einem gefährlichen Stalker zu verstecken. Entschlossen, ihre Fehler wiedergutzumachen, plant Regan, ihre Beziehung zu Robyn zu reparieren, indem sie in ihrer Nähe bleibt. Und als Thane Adair, der auf Ardnoch lebt, ihr seine Hilfe anbietet, nimmt Regan dankbar an. Doch auch Thanes Vergangenheit wirft drohende Schatten auf die erwachenden Gefühle der beiden. Schaffen sie es trotz allem, einander zu vertrauen und für eine gemeinsame Zukunft zu kämpfen?


  • Erscheinungstag: 21.11.2023
  • Aus der Serie: Die Adairs
  • Bandnummer: 2
  • Seitenanzahl: 464
  • ISBN/Artikelnummer: 9783365004401

Leseprobe

1. KAPITEL

Regan

Die schottische Landschaft war ziemlich beeindruckend. Eine kontrastreiche und doch perfekte Mischung aus üppig und karg, aus hellgrünem Gras, matschigen Brauntönen und Bernsteinschattierungen. Sanft hügelig, dann wieder überraschend steil aufragend oder abfallend. Ich blieb jedoch unberührt von dieser heroischen Szenerie, während das Taxi durch die Highlands von der Grafschaft Inverness nach Sutherland fuhr. Genauer: nach Ardnoch Castle. Ich sah alles, aber ich fühlte nichts. Nichts außer Nervosität.

Dass ich mich entschieden hatte, von Boston nach Schottland zu fliehen, wurde mir erst so richtig bewusst, als ich im Flieger von London nach Inverness saß. Der Flughafen in den Highlands hätte kaum malerischer sein können, nahe den Ufern eines Sees, den man hier Loch nannte und der aussah wie aus dem Bilderbuch. Wenn irgendwer die Worte »Schottische Highlands« sagte, hatte man sofort dieses Motiv vor Augen.

Trotzdem wurde mir speiübel, als die Reifen ruckelnd auf der Piste aufsetzten.

Im Moment starrte ich auf mein Handy, beobachtete, wie die Zeit verging, und versuchte gleichzeitig meine Atmung zu kontrollieren. Die gewundenen Straßen waren nicht gerade eine Wohltat für meine Übelkeit.

»Wie weit noch?«, erkundigte ich mich bei dem Fahrer. Wieder einmal.

Er betrachtete mich im Rückspiegel. »Wir sind nur noch zehn Minuten von Ardnoch wech.« Er zog die Brauen zusammen. »Sind Se sicher, dass die Se reinlassen? Is ’n weiter Weg, um abgewiesen zu wer’n.«

Das war das dritte Mal, dass er das fragte. Und nicht ohne Grund. Unser Ziel war Ardnoch Castle, ein exklusiver Club ausschließlich für Mitglieder aus der Film- und TV-Branche. Für eine Mitgliedschaft zahlte man eine ungeheuerliche Gebühr zusätzlich zum Jahresbeitrag. Der Besitzer war ein ehemaliger Hollywoodactionstar, der schottische Schauspieler Lachlan Adair. Das Schloss gehörte seiner Familie, und er hatte es in einen der exklusivsten Clubs der Welt umgewandelt.

Und das alles wusste ich, weil er mit meiner großen Schwester zusammen war.

»Ja, ich bin mir sicher.«

Der Gedanke an Robyn ließ die Schmetterlinge in meinem Bauch ausschwärmen. Ich konnte es nicht erwarten, sie zu sehen, und zugleich fürchtete ich mich davor. Ich hatte so viele Fehler gemacht und wusste nicht, wie ich es wiedergutmachen sollte.

Ich war noch nie gut darin gewesen einzugestehen, wenn ich Mist gebaut hatte, und ich hatte keine Ahnung, wie ich das wieder hinbiegen sollte. Robyn hatte mir stets zur Seite gestanden. Aber jetzt nicht mehr.

Ein schrecklicher Schmerz stieg in mir auf und gesellte sich zu den Schmetterlingen.

»Ich hatte noch nie ’nen Fahrgast, der nach Ardnoch wollte. Meine Frau wird das interessant finden, das kann ich Ihn’ aber sagen. Die findet die ganzen Geschichten über Berühmtheiten faszinierend. Musste mit ihr schon Tagesausflüge machen, um mal ’n Blick auf so Promis zu werfen. Oder Adair selbst. Wir sind aus Macduff, nordöstlich von hier, und wir sind nach Sneck gezogen – das is Inverness, wissen Se – vor ’n paar Jahren, um näher bei den Kinnern und den Enkelkinnern zu sein, aber manchmal denk ich bei mir, die Frau wollte bloß näher an Ardnoch dran sein.« Er lachte in sich hinein und merkte offenbar überhaupt nicht, dass ich kaum verstand, was er da redete. Sprachen alle in Schottland mit diesem krassen Akzent? Wenn ja, war ich ganz schön angeschmiert.

»Hammse Glück, dass Se an so ’m freun’lichen Tag angereist sind. Sehen Se die Highlands in voller Schönheit. Aber Vorsicht, es kann ziemlich trüb wer’n, und der Sommer is schnell vorbei. Ich hoffe mal, Se ham nicht nur diese Schühchen da mitgebracht. Ham doch wohl au’ noch Pullover un’ Gummistiefel dabei? Kann nämlich fix von trüb zu Schietwetter wechseln.«

Es klang, als schwänge eine Frage darin mit. »Ja«, erwiderte ich.

»Aye, das is gut. Gut vorbereitet, das gefällt mir.« Erneut betrachtete er mich im Rückspiegel. »Wirklich alles klar bei Ihn’? Sie sehen mir da hinten ein bisschen blass umme Nase aus.«

Ich verstand bloß die Hälfte. »Mir geht’s gut.«

Das war keine komplette Lüge. Einerseits hatte ich einen Heidenbammel davor, Robyn wiederzusehen. Andererseits war ich auch unglaublich froh, aus Boston weg zu sein und unterwegs zu einem der sichersten Orte auf dem Planeten. Sicher schon allein deshalb, weil ein ehemaliges Clubmitglied Lachlan und meine Schwester nicht nur gestalkt hatte, sondern auch zur Mörderin geworden war.

Die Vorstellung, dass Robyn etwas hätte zustoßen können, war gruselig. Ich könnte es nicht ertragen, wenn ihr etwas passierte, und das war einer der Gründe, weshalb unsere Beziehung so vermurkst war.

Mein Besuch bei Robyn war überfällig. Es gab keine Entschuldigung dafür.

Robyn, meine große Schwester, meine Heldin, meine beste Freundin, der liebste Mensch in meinem verrückten Leben, hasste mich wahrscheinlich inzwischen.

Was sollte ich nur tun?

Wie konnte ich ihr unter die Augen treten?

Ganz unbeschwert und unbekümmert, wie es sonst meine Art war?

Oder sollte ich sie auf Knien um Verzeihung bitten?

Bei dem Gedanken an die letzte Möglichkeit zuckte ich innerlich zusammen. Ich war nicht der Typ, der auf Knien um Verzeihung bat. Allerdings hatte niemand eine Entschuldigung von mir so sehr verdient wie Robyn. Sie hatte die schlimmsten achtzehn Monate ihres Lebens hinter sich. Und war ich da gewesen?

Nein. Hatte mich verkrochen.

Wie ein Feigling.

Tränen stiegen mir in die Augen, und ich biss mir auf die Unterlippe. Verschwommen registrierte ich den Wald, durch den wir fuhren. Nie hatte es einen besseren Zeitpunkt gegeben, um meine schauspielerischen Fähigkeiten einzusetzen.

»Sind fast da«, verkündete der Fahrer, und ich hörte das Blinkersignal, bevor wir in einen kurzen Schotterweg einbogen. Eine riesige Backsteinmauer und ein massives schmiedeeisernes Tor versperrten uns die Durchfahrt.

»Was jetzt?«, fragte ich.

»Keine Ahnung.« Er drehte sich zu mir um. »Ham Se ’ne Nummer von irgendwem da drin?«

Hatte ich. Ich besaß Robyns Handynummer, die ich jedoch nie benutzte. Außerdem hegte ich irgendwie die Hoffnung, dass es noch eine gewisse Vorlaufzeit geben würde, ehe ich sie sah. Vielleicht würde Onkel Mac zum Tor kommen.

Der Gedanke an Onkel Mac löste gleich einen weiteren inneren Konflikt aus. Einerseits freute ich mich darauf, Robyns leiblichen Vater zu treffen; andererseits hatte ich nicht vergessen, wie sehr sie sein Verschwinden damals verletzt hatte.

Robyn und ich sind Halbschwestern. Mein Vater heißt Seth Penhaligon und ist Detective in Boston. Robyns Vater Mac ist Schotte und hatte unsere Mom Stacey kennengelernt, als er in den Staaten bei Verwandten wohnte. Er log damals hinsichtlich seines Alters (er war erst sechzehn!) und schwängerte unsere Mom, die selbst noch aufs College ging. Die beiden trennten sich kurz darauf, und Mac stellte meine Mom meinem Dad vor. Damals war Mac noch ein Cop, genau wie Dad, obwohl Mac später die Polizei verließ und für einen Sicherheitsdienst arbeitete.

Ich mochte Onkel Mac sehr. Er war dieser große, gut aussehende Schotte, der die tollsten Geschichten erzählte. Als ich ungefähr acht war und Robyn zwölf, nahm er einen Job im Securityteam des jungen Hollywoodschauspielers Lachlan Adair an. Abgesehen von einem Besuch, als Robyn vierzehn war, sah sie Mac nie wieder.

Bis sie vor sechs Monaten nach Schottland gereist war, um das Verhältnis zwischen ihnen zu klären. Mac war mittlerweile Chef der Security von Ardnoch Estate.

Robyn hatte hier viel mehr bekommen, als sie erwartet hatte.

Erneut machte ich mir heftige Vorwürfe.

»Nun?«, fragte der Taxifahrer.

»Äh …« Ich schaute auf mein Handy. Na, verdammt. Ich dachte, es würde ein Wachhäuschen mit einem Securitymann darin geben. Bevor ich eine klägliche Erklärung abgeben konnte, warum ich die Person, die mir Zugang gewähren würde, nicht anrufen wollte, sagte der Fahrer: »Da kommt jemand.«

Ich hob den Blick und sah einen schwarzen Range Rover die gekieste Zufahrt entlangfahren. Das Fahrzeug hielt an, und ein Mann stieg aus. Der Securitymann war stilvoll gekleidet, mit einer schwarzen Anzughose und einem schicken maßgeschneiderten schwarzen Hemd. Dazu eine sehr coole Sonnenbrille. Ich bemerkte einen verkabelten Stöpsel in seinem linken Ohr.

»Das ist Ihr Einsatz«, sagte der Fahrer.

Ich atmete tief durch und stieg aus dem Taxi, ein wenig wacklig auf meinen hochhackigen Stilettopumps im Kies. Ich straffte die Schultern, setzte ein strahlendes Lächeln auf und ging mit Hüftschwung auf das Tor zu, die rutschenden Absätze ignorierend.

»Dies ist ein Privatgrundstück. Ich muss Sie bitten, es zu verlassen«, sagte der Mann hinter dem Tor mit einem milderen schottischen Akzent, sodass ich ihn tatsächlich verstehen konnte.

»Glaube ich eher nicht, Hübscher.« Ich grinste und legte die Hand um eine der Eisenstangen des Tors. »Ich bin hier, um meine Schwester zu besuchen.«

Seine Miene (soweit ich sie trotz der Sonnenbrille deuten konnte) veränderte sich nicht. »Und wer soll das sein?«

»Die Süße von Ihrem Boss.«

»Führen Sie das näher aus.«

Trotz meiner Nervosität war mein Lächeln echt. Dieser Kerl war ein Scherzkeks. »Ich bin Regan Penhaligon. Robyns Schwester.«

Ich glaubte eine ganz leichte Veränderung in seiner Haltung zu erkennen, war mir jedoch nicht sicher. »Können Sie sich ausweisen?«

»Äh, ich habe meinen Pass.«

»Den muss ich sehen.«

»Wow, ihr Typen nehmt euren Auftrag aber wirklich ernst, was?« Kommt mir sehr entgegen, dachte ich, während ich zum Taxi zurückging und die Beifahrertür öffnete.

»Allet klar?«, erkundigte sich der Fahrer, als ich in meiner großen Handtasche nach meinem Reisepass kramte.

»Der Terminator dort drüben will nur, dass ich mich ausweise.«

Der Taxifahrer grinste, und ich fand endlich meinen Pass.

Am liebsten wäre ich über die Auffahrt gerannt. Jetzt, wo ich so kurz davorstand, meine Schwester zu sehen, wollte ich es hinter mich bringen. Ich musste wissen, ob sie mich hasste oder ob wir das aus der Welt schaffen konnten. Mein Stolz zwang mich jedoch, cool zu bleiben und in lässigem Tempo zum Tor zu gehen.

»Bitte sehr.« Ich schob den Pass zwischen den dekorativen Gitterstäben hindurch.

Der Securitytyp nahm ihn und klappte ihn auf. Nach einem kurzen Blick darauf sagte er: »Einen Moment, bitte.«

An das Tor gelehnt, beobachtete ich, wie er zu seinem SUV ging, sich hineinbeugte und etwas murmelte. Ich verstand weder, was er sagte, noch mit wem er redete. Sekunden später kehrte er zu mir zurück. »Ich muss Sie und den Fahrer bitten, mir sämtliche Aufnahmegeräte auszuhändigen – Smartphones, Kameras und so weiter.«

»Ist das Ihr Ernst?«

Seine Antwort war eine ausdruckslose Miene.

Ja, es war sein Ernst.

Seufzend gab ich ihm mein Handy und ging zum Taxi, um dem Fahrer die Neuigkeit zu überbringen. Ihm schien es nicht im Geringsten etwas auszumachen, sein Smartphone abzugeben.

»Sie sind nicht verärgert?«, fragte ich durch sein Fenster.

»Ach, nee. Die hätten Se ja auch einfach den Wagen wechseln lassen können. Das bedeutet, ich fahre Sie rein. Nicht viele Leute dürfen aufs Clubgelände fahrn. Wenn ich das meiner Frau erzähle!«

»Okay, gut!«

Froh, dass er so begeistert von der Sache war, brachte ich sein Handy dem Securitytypen, der es konfiszierte und meinte: »Sagen Sie Ihrem Fahrer, das Tor wird jetzt geöffnet. Er wird meinem Wagen folgen und nirgendwo abbiegen. Wir werden ihn zurück zum Tor geleiten, sobald wir Sie bei Ihrer Schwester abgeliefert haben. Dann bekommt er auch sein Handy zurück.«

Sein militärisches Getue amüsierte mich so sehr, dass es mich beinah von Robyn ablenkte. »Geht klar, Sarge.« Ich ging wieder zum Taxi, stieg ein und gab die Informationen an den Fahrer weiter. Dann warteten wir. Zuerst wendete der Range Rover, danach schwang das Tor auf.

Die Schmetterlinge im Bauch machten sich wieder heftig bemerkbar, während mein Fahrer jubelte: »Meine Carolann wird mir das nicht glauben! Schade, dass die mir mein Handy abgenommen ham. Meine Frau hätte sich über ein paar Fotos gefreut.«

Ich konnte darauf nichts antworten.

Ich presste die Stirn gegen die Scheibe, während das Taxi über den Kies und durch dichten Wald rollte. Sonnenstrahlen drangen durch die Baumwipfel auf den Weg. Es dauerte eine Weile, ehe wir hindurch waren und in den hellen Sonnenschein kamen, der auf weite gepflegte Rasenflächen fiel, die sich meilenweit nach allen Seiten hin erstreckten. Ziemlich flach nahe dem Gebäude, hügeliger weiter weg. Kleine Fahnenstangen auf dem Rasen in der Ferne ließen auf einen Golfplatz schließen.

Der gekieste Weg führte auf ein riesiges Gebäude zu.

Nicht bloß irgendein Gebäude.

Ein Schloss.

Der Freund meiner Schwester besaß ein ganzes verdammtes Schloss.

Mit Türmen und allem, was dazugehörte.

»Heilige Scheiße«, flüsterte ich, als wir uns näherten. Das Schloss war sechs Stockwerke hoch und wer weiß wie alt. Es sah aus wie Downton Abbey, nur größer. Der Gedanke an Downton Abbey erinnerte mich daran, wie oft ich die Serie mit Robyn geschaut hatte. Ein schmerzliches Gefühl breitete sich in meiner Brust aus, und meine Nervosität nahm zu. Ich registrierte die Brüstungen und die Flagge mit dem Andreaskreuz, die im Wind flatterte, und atmete tief durch.

Erst dann entdeckte ich drei Leute, die vor dem majestätischen Gebäude standen und uns erwarteten.

Auf mich warteten.

Das Taxi fuhr vor, und ich konzentrierte mich allein auf meine Schwester.

Robyn.

Sie stand an die Seite eines Mannes geschmiegt und sah zu meinem Taxi. Sie trug Sportkleidung, wenig Make-up, die Haare zu einem Pferdeschwanz zusammengebunden.

Und sie hatte nie schöner ausgesehen.

Erinnerungen stiegen in mir auf; am liebsten wäre ich aus dem Wagen gesprungen, hätte mich ihr in die Arme geworfen und ihr alles Weitere überlassen.

Aber ich wusste, dass ich so nicht mehr sein konnte.

Stattdessen zwang ich mich zu einem Lächeln, öffnete die Tür und stieg aus. Die eine Hand legte ich auf die Hüfte, die ich vorschob, und verstärkte mein Lächeln, sodass meine Grübchen erschienen. »Hey, Schwesterherz.« Ich zwinkerte ihr zu. »Hast du mich vermisst?«

2. KAPITEL

Regan

Als Robyn mich aus schmalen Augen musterte, wurde mir klar, dass ich bei der Begrüßung einen fundamentalen Fehler begangen hatte.

Ich kannte meine Schwester besser als jeden anderen Menschen.

Ja, sie war wütend, das war offensichtlich. Aber dahinter verbarg sich Gekränktheit.

Die beiden Männer an ihrer Seite ignorierend und mit jetzt doch nicht mehr ganz so sicherem Lächeln, trat ich auf sie zu.

»Na, ich habe dich jedenfalls vermisst«, gestand ich.

Robyn löste sich aus dem Arm des unschwer zu erkennenden Lachlan Adair und verschränkte verteidigungsbereit die Arme, als sie auf mich zukam. »Komisch, es hatte in den vergangenen achtzehn Monaten überhaupt nicht den Anschein. Weder nachdem ich angeschossen wurde noch nach der Messerattacke auf Dad oder nachdem Lucy Wainwright versucht hat, mich und Lachlan umzubringen.«

Ich zuckte innerlich zusammen. Meine Schwester war als Cop im Dienst angeschossen worden. Dummerweise war das der Moment gewesen, in dem mein Leben außer Kontrolle geriet. Robyn kündigte, wurde freiberufliche Fotografin, und etwa ein Jahr nachdem sie angeschossen worden war, reiste sie von Boston nach Schottland, um ihr Verhältnis zu ihrem Vater Mac Galbraith zu klären. Mom und Dad meinten, ihre Beziehung zu Mac sei auf einem guten Weg, obwohl sie sich in dessen Boss und besten Freund, Lachlan Adair, verliebt hatte.

Was Lucy Wainwright betraf: Sie war oscarprämierte Schauspielerin und außerdem Mitglied und sogar Vorstand des exklusiven Clubs sowie eine gute Freundin von Lachlan gewesen. Meine Mom hatte mir berichtet, dass Lucy jedoch mehr von Lachlan wollte, und da ihr Wunsch unerfüllt blieb, fing sie an, überall auf dem Anwesen Drohbotschaften zu hinterlassen. Die Sache eskalierte, als der Mechaniker sich mit ihr zusammentat. Dieser stach mit dem Messer auf Mac ein, griff Robyn an, drängte sie von der Straße ab und half schließlich Lucy dabei, Lachlan zu kidnappen. Robyn war diejenige, die ihn fand, und mit der Hilfe eines Farmers aus der Gegend kamen sie beide unverletzt davon. Der Mechaniker hatte weniger Glück. Lucy tötete ihn und versuchte anschließend, meine Schwester umzubringen. Jetzt erwartete die Schauspielerin ihren Prozess, bei dem meine Schwester als Zeugin aussagen musste.

Es gab keine Entschuldigung dafür, dass ich mich während der ganzen Zeit nicht bei ihr gemeldet hatte.

Zumindest keine gute.

Robyn war die Mutige. Ich war der Feigling.

»Jetzt bin ich ja hier.« Ich legte die Arme um sie und drückte sie.

Tränen brannten in meinen Augen, ich musste sie zukneifen. Dabei fiel mir auf, dass meine Schwester ein anderes Parfüm benutzte. Jahrelang hatte sie denselben Duft benutzt. Ich hatte ihr sogar eine Flasche davon am Flughafen gekauft. Jetzt duftete sie anders.

Und sie fühlte sich auch anders an.

Sie war hart und unnachgiebig in meinen Armen.

Früher hatte es nichts Besseres als eine Robyn-Umarmung gegeben.

Als ich merkte, dass sie die Umarmung nicht erwidern würde, ließ ich sie enttäuscht los. Doch dann gab sie einen genervten Laut von sich und schloss mich in die Arme.

Tränen kribbelten mir in der Nase, und ich drückte Robyn an mich. Sie hielt mich so fest, dass ich kaum Luft bekam.

»Ich könnte dich umbringen«, flüsterte sie heiser.

Ich hörte den Schmerz in ihrer Stimme, öffnete die Augen und sah Lachlans kühlen Blick. Er musterte mich kritisch, aber seine Miene wandelte sich von hart zu nachdenklich. Irritiert löste ich mich von Robyn und gab ihr scherzhaft einen Klaps auf den Arm. »Aber wie öde wäre die Welt, wenn du das tätest.«

Meine Schwester betrachtete mich mit ihren durchdringenden, ständig die Farbe wechselnden Augen. Unsere Augen ähnelten sich in Größe und Form, doch waren Robyns hellbraun um die Pupillen, mit grauen und grünen Schlieren am Rand der Iris, und sie änderten die Farbe je nach Stimmung oder Umgebung. Meine waren von einem gewöhnlichen Braun.

»Eh, will ja nich’ stör’n, aber der Taxameter läuft weiter, Miss!«, rief der Taxifahrer hinter mir.

»Pardon?« Ich rümpfte verwirrt die Nase.

»Der Taxameter. Läuft weiter. Klar?«, wiederholte er auf eine Weise, als hielte er mich für taub.

Da er langsamer sprach, verstand ich ihn besser und begriff, um was es eigentlich ging. »Mist. Okay.« Ich sah zu Robyn. »Lass mich den Kerl eben schnell bezahlen.« Ich senkte die Stimme. »Er redet schon den ganzen Weg hierher mit diesem Akzent, den ich kaum verstehen kann. Kraut und Rüben.«

Robyn lachte, und ich stimmte ein.

Dann erschien so etwas wie ein misstrauischer Ausdruck auf dem Gesicht meiner Schwester, und der unbeschwerte Moment war so schnell verflogen, wie er gekommen war.

»Jock wird den Fahrpreis begleichen.« Lachlan trat zu uns und deutete hinter mich. Ich drehte mich um und sah Sarge (alias Jock), der sich zum Fahrer hinunterbeugte, um ihn zu bezahlen. Ein Typ in einer Art moderner Livree hob mein Gepäck aus dem Kofferraum. Dieser Ort hier war wirklich wie Downton Abbey oder zumindest wie eines der Schlösser in meinen geliebten feurigen historischen Liebesromanen.

»Meine Handtasche liegt noch auf dem Rücksitz«, sagte ich, aber der Typ holte sie bereits aus dem Taxi. »Danke!« Ich winkte dem Fahrer, der strahlte.

»Also«, sagte Robyn. »Du hättest auch einfach auf meine Anrufe reagieren können. Du hättest nicht nach Schottland kommen müssen.«

»Doch, das musste ich. Ich wollte mich selbst davon überzeugen, dass es dir gut geht. Und herausfinden, was den Charme ausmacht.« Ich verbarg, wie gekränkt ich war, dass sie Boston den Rücken gekehrt hatte. Hatte sie überhaupt an mich gedacht, als sie beschloss, auf einen anderen Kontinent zu ziehen?

Sofort bereute ich diesen egoistischen Gedanken. Robyn schuldete mir gar nichts.

Lachlan, dessen Gesicht ich unzählige Male in Filmen gesehen hatte, war offenbar ein entscheidender Bestandteil der Anziehung, die dieser Ort auf Robyn ausübte. Etwa eins neunzig groß, breitschultrig und Kleidung, die den Körper des Actionstars betonte, dunkelblondes Haar, Dreitagebart und strahlend blaue Augen. Der Mann sah fantastisch aus.

Dann traf mein Blick auf Onkel Mac.

Anspannung erfasste mich.

Er war … ganz anders, als ich erwartet hatte. Er wirkte jünger, allerdings war er ja auch erst Mitte vierzig, was man ihm nicht ansah. Er war so groß wie Lachlan, hatte ebenso breite Schultern und war möglicherweise noch muskulöser, dem engen schwarzen T-Shirt nach zu urteilen, unter dem sich seine Kraft abzeichnete. Sein dunkles Haar war von einigen grauen Strähnen durchzogen, und er trug es lang, sodass es sich in seinem Nacken ringelte. Und genau wie bei Lachlan zierten gepflegte Stoppeln seine Wangen.

Er hätte als Doppelgänger von diesem Darsteller aus True Blood oder Magic Mike durchgehen können und sah nicht älter aus als Lachlan.

Ich konnte ihn nicht mehr Onkel Mac nennen. Das wäre einfach zu seltsam gewesen. »Wow, Mac, es ist eine Ewigkeit her, und trotzdem bist du anscheinend überhaupt nicht älter geworden.« Ich betrachtete ihn nachdenklich. »Ich nehme an, wenn Robyn dir vergeben hat, sollte ich das wohl auch, oder?«

Mac musterte mich. »Ja, es ist lange her, Regan. Wir haben uns Sorgen um dich gemacht.«

Mein Lächeln wurde anstrengend. »Sorgen um mich? Warum das denn? Mir geht’s prächtig.« Ich drehte mich auf den Absätzen und deutete zum Schloss. »Und Robyn offenbar auch.« Ich warf meiner Schwester einen Blick über die Schulter zu. »Ein Freund mit einem Schloss. Nett.«

»Verlobter«, korrigierte Robyn mich und hob die linke Hand.

Ein Diamant glitzerte im Sonnenlicht.

Der haute mich glatt um.

Robyn war verlobt.

Sie würde Lachlan Adair heiraten.

Meine Schwester war verlobt, und ich hatte davon nichts mitbekommen?

Sie würde nie mehr nach Boston zurückkehren.

Am liebsten hätte ich sie angeschrien. Ich wollte Lachlan sagen, er solle zu Staub zerfallen. Warum konnte er nicht eine von den Millionen Frauen heiraten, die sich ihm im Lauf der Jahre sicher an den Hals geworfen hatten?

Aber ich kannte den Grund.

Keine war wie Robyn.

Sie war etwas Besonderes.

Und der Mistkerl hatte sie sich einfach geschnappt.

Lachlans Blick war durchdringend. Ich hielt meine Wut auf ihn im Zaum, zuckte mit den Schultern und warf die Hände in die Luft. Meine Stimme war ein wenig schrill, als ich rief: »Na, das verlangt doch nach Champagner!«

Meine Schwester hatte sich geirrt, als sie mir ausgeredet hatte, nach New York zu gehen, um Schauspielerin zu werden. Ich hätte eine ausgezeichnete Schauspielerin abgegeben.

Statt Champagner aufzufahren, schoben Robyn und Lachlan mich zusammen mit meinem Gepäck in einen Range Rover und informierten mich darüber, dass ich bei ihnen in Lachlans Haus wohnen würde. Diese unwillkommene Neuigkeit beunruhigte mich, aber ich ließ es mir nicht anmerken. Dummerweise hatte ich angenommen, Lachlans Zuhause sei Ardnoch Castle.

Schwer bewacht.

War es leider nicht.

Sie führten mich nicht einmal herum, sondern fuhren mich gleich woandershin.

Als ich in Lachlans Garten stand, eine grasbewachsene Klippe, die über das Meer hinausragte, überkam mich ein beschämendes Gefühl.

Eifersucht.

Eine kühle Abendbrise umwehte mein knappes Kleid. Es war mir egal. Wer sah mich hier schon? Das Haus des Verlobten meiner Schwester schien irgendwo in der Einöde zu liegen. Gäbe es da nicht das Haus nebenan, wäre ich mir hier vorgekommen wie ein Alien auf einem einsamen Planeten.

Der Verlobte meiner Schwester.

Erneut schnürte es mir den Hals zu.

Ich kämpfte gegen die Tränen, die mir albern und kindisch vorkamen, aber ich wurde das Bild im Kopf nicht los, wie Robyn sich an Lachlan schmiegte, während ich hinten im SUV saß und wartete. Er hatte seine Stirn an ihre gelegt und etwas gemurmelt. Es war offensichtlich, dass er sich erkundigte, ob es ihr gut gehe.

Ich wusste nicht, was sie antwortete, und konnte nur vermuten, dass es nichts Gutes war. Dann küssten die zwei sich dermaßen innig, dass ich wegschauen musste. Es wäre mir aufdringlich vorgekommen, ihnen dabei zuzusehen.

Mit dieser ungewöhnlichen Umgebung hatte ich mich bereits angefreundet, aber Robyn und Lachlan zu sehen, blieb weiterhin verstörend. Ich hatte noch nie erlebt, dass sie derartig auf einen Typen stand. Sie sah ihn an, als wäre er ihr Universum, und umgekehrt.

Ich versuchte das unangenehme Gefühl herunterzuschlucken, das ich bei ihrem Anblick verspürte: Eifersucht.

Dabei war ich gar nicht neidisch, dass sie ihn, dass sie das hier gefunden hatte – ich gönnte es Robyn von Herzen. Ich wünschte mir nichts mehr, als dass sie ein erfülltes Leben hatte. Dummerweise verlor ich sie dadurch noch mehr als ohnehin schon.

Ein Verlobter.

»Wann habt ihr euch verlobt?«, fragte ich, als sie in den Wagen stiegen.

»Ich habe ihr gerade einen Antrag gemacht«, antwortete Lachlan.

Dadurch fühlte ich mich irgendwie besser. Ich hatte gedacht, sie habe Mom und Dad darum gebeten, es mir nicht zu sagen. Und die Vorstellung, dass sie mir etwas so Wichtiges vorenthielt, war schmerzlich.

Was ziemlich scheinheilig von mir war, da ich ihr seit über einem Jahr Dinge vorenthielt.

Trotzdem. Robyn würde heiraten.

Ausgerechnet Lachlan Adair!

Ich wusste wahrscheinlich besser als jeder andere, welchen Groll Robyn früher gegen diesen Mann gehegt hatte. Sie hatte jahrelang geglaubt, er sei mitverantwortlich dafür gewesen, dass Mac sie verlassen hatte. Was für ein Schock, als meine Eltern mir von der Beziehung der beiden erzählten! Sie hatte sogar vor, in Schottland zu bleiben.

Jetzt waren Robyn und ich diejenigen, die sich entfremdet hatten.

Schon seltsam, wie die Dinge sich entwickelten.

»Wer bist du denn?«

Ich erschrak und sah nach rechts, wo ich die hohe Stimme vernommen hatte.

Lachlans Garten und der seines Nachbarn waren nicht durch einen Zaun getrennt. Ich fand es eigenartig. Sein wunderschönes, zeitgenössisches, offenkundig von einem Architekten entworfenes Haus – ein modernes Gebäude, mit Lärchenholz verkleidet und mit viel Glas – stand mit Blick aufs Meer an einem Ort, den Lachlan Caelmore nannte, ein wenig außerhalb von Ardnoch.

Da ich durchatmen musste und nicht wollte, dass meine Schwester mich durchschaute, hatte ich mein Gepäck in dem luxuriösen Gästezimmer gelassen, meine Schuhe weggekickt und war durch den offenen Wohnbereich hinaus auf die Terrasse gegangen. Von dort gelangte ich auf den Rasen, der sich bis zum Rand der Klippe erstreckte.

Immerhin befand sich dort ein Sicherheitszaun. Vermutlich wegen der beiden Kinder, die mich neugierig ansahen. Sie hatten beide dunkle Haare und trugen die gleichen hellblauen Pullover mit aufgesticktem Logo auf der Brust. Das Mädchen trug einen blau-schwarz karierten Rock, der Junge eine schwarze Hose. Schuluniformen.

»Hey.« Lächelnd ging ich zu ihnen. »Ich bin Regan.«

Der kleine Junge nahm Haltung an und ergriff die Hand seiner kleineren Schwester. »Wir dürfen nicht mit Fremden sprechen.« Er sprach ein entzückendes Englisch mit schottischem Akzent.

Ich nickte und versuchte nicht zu lachen. »Das ist eine gute Regel. Aber du hast mich zuerst etwas gefragt.«

Der Junge sah verärgert das Mädchen an. »Das war Eilidhs Schuld.« Er sprach ihren Namen Ay-Lay aus. »Du weißt, dass wir das nicht dürfen, Eilidh.«

Eilidh schenkte ihm gar keine Beachtung, sondern starrte auf meine Füße. »Wo sind deine Schuhe?«

Ich krümmte die Zehen im kühlen Gras und deutete zum Haus. »Die habe ich drinnen gelassen.«

Der Junge runzelte die Stirn. »Du kennst Onkel Lachlan und Tante Robyn?«

Das war ein Schlag in die Magengrube.

»Tante Robyn?«, flüsterte ich.

Der Junge nickte. »Sie wird Onkel Lachlans Frau, deshalb dürfen wir sie jetzt Tante Robyn nennen.«

Etwas zog sich in mir zusammen. »Ihr wohnt nebenan?«

Er musterte mich misstrauisch. »Ich weiß nicht, ob ich darauf antworten sollte. Sie sind immer noch eine Fremde.«

Wäre ich nicht gerade von Eifersucht geplagt und gekränkt gewesen, dass meine Schwester fortgezogen war und ein neues Leben begann, an dem ich keinen Anteil haben würde, hätte ich gelacht.

»Eilidh, Lewis!«, rief eine tiefe Männerstimme. Ein großer Mann mit breiten Schultern kam auf uns zu. Er legte den Kindern beschützend die Hände auf die Schultern und richtete den Blick auf mich. »Wen haben wir denn da?«

Ich machte einen Schritt auf ihn zu, und sein Blick wanderte an meinen Beinen hinab zu meinen nackten Füßen. Ich hätte schwören können, dass seine Lippen zuckten, aber es war schwer zu erkennen, weil um seinen Mund ein gepflegter dichter Bart wuchs, der etwas dunkler war als sein volles dunkelblondes Haar.

»Hey.« Ich streckte ihm die Hand entgegen. »Ich bin Regan Penhaligon.«

Er kniff seine blaugrauen Augen ein wenig zusammen, und dann lag seine Hand in meiner. Sein Händedruck war fest und warm. »Sie sind Robyns Schwester.«

»Ja.« Und Sie sind?

»Ich bin Thane, Lachlans Bruder. Das hier sind meine Kinder, Eilidh und Lewis. Wir wohnen nebenan. Robyn hat gar nicht erwähnt, dass Sie kommen.«

Ich lächelte, zuckte mit den Schultern und erwiderte leichthin: »Ich habe sie überrascht.«

Seine Augenfarbe wechselte zu einem kühlen Blau. »Ich verstehe.«

Und ich hatte den Eindruck, dass er wirklich verstand.

Vor Scham wurde mir ganz heiß.

Ich war nicht blöd. Nicht nur Robyn hatte sich mir gegenüber komisch und kalt verhalten, sondern Mac und Lachlan ebenfalls. Mir war durchaus klar, dass ich es nicht besser verdient hatte. Trotzdem war es schrecklich. Offenbar hatte Robyn Lachlan und Mac erzählt, dass ich sie im Stich gelassen hatte, woraufhin Lachlan es seiner Familie berichtet hatte.

»Ja, ist das nicht großartig?« Ich grinste unecht. »Ich war noch nie in Schottland. Tolle Häuser, übrigens.«

»Dad hat sie entworfen«, meldete Lewis sich zu Wort. »Er ist Archi… Architekt, und ich werde auch einer.«

Wow.

Ich musterte Thane unauffällig, das hoffte ich zumindest. Auf den ersten Blick hätte er auch ein Holzfäller sein können. Sein Wollpullover hatte schon bessere Tage gesehen, und seine Jeans war so ausgewaschen, dass es an ein Wunder grenzte, dass sie überhaupt noch hielt. Außerdem trug er ein Paar schlammige Wanderstiefel. Nicht direkt Country-Chic.

Seine äußere Erscheinung ließ nicht ohne Weiteres auf einen talentierten Architekten schließen.

Andererseits sollte ich am besten wissen, dass man jemanden besser nicht nach seinem Äußeren beurteilte.

»Das ist ja toll«, sagte ich aufrichtig. »Wirklich, die Häuser sind wunderschön.« Die beiden Anwesen waren nahezu identisch, nur dass es auf jedem Grundstück ein zusätzliches Gebäude unterschiedlicher Größe gab, aus den gleichen Materialien gebaut. Das auf Thanes Grundstück war etwas größer, vielleicht ein Gästehaus.

Er wirkte ein wenig unsicher. »Danke.«

»Daddy, darf ich meine Schuhe auch ausziehen?«, fragte Eilidh plötzlich.

Ich lächelte. »Das fühlt sich ganz gut an.«

»Du wirst dir eine Erkältung holen.« Thane schüttelte den Kopf. »Es ist sowieso Teestunde.« Er drehte Sohn und Tochter Richtung Haus.

Ich war neugierig auf ihre Mom, sah zum Haus und fragte mich, ob sie drinnen auf alle wartete.

»Thane!«, rief Lachlan durch die Gärten.

»Onkel Lachlan!« Eilidh schoss an mir vorbei.

Ich drehte mich um und sah Lachlan die Verandastufen herunterkommen und seine Nichte mit beiden Armen auffangen. Der Wind trug die Worte der beiden fort. Doch was immer auch gesagt wurde, es brachte Eilidh zum Kichern, als er sie auf seine Hüfte setzte und auf uns zukam. Er grinste, und prompt hatte ich ein Bild aus einem seiner Filme vor mir, in dem er das gleiche jungenhafte, freche Lächeln zeigte. Ich wurde nicht nur erneut daran erinnert, dass der Verlobte meiner Schwester berühmt war, sondern er wirkte durch seinen Umgang mit dem Mädchen gleich noch viel attraktiver.

»Dann hast du Regan also schon kennengelernt?«, fragte er Thane.

Die Brüder standen nebeneinander, und ich erkannte deutlich die Ähnlichkeit. Lachlan war ein paar Zentimeter größer als Thane, seine Augen waren blauer, aber sie verband die gleiche skandinavische Attraktivität. Ich fragte mich, ob da vielleicht ein bisschen Wikingerblut in ihrer schottischen Herkunft war.

Sie kommunizierten nonverbal, aber ich war eine aufmerksamere Beobachterin, als die meisten Leute glaubten. Ganz offensichtlich waren sie nicht gerade begeistert über meine Ankunft. Lachlans angespannte Miene verriet es ebenso wie Thanes misstrauisches Gesicht.

Ich tat, als wäre mir das egal, und grinste Eilidh an. Sie schien glücklich auf dem Arm ihres Onkels zu sein, sah mich aber mit ihren großen schönen blauen Augen an. Ihr Blick fiel auf meine Wange, und sie hob die Hand, als wollte sie mich berühren.

»Warum machen deine Wangen das, wenn du lächelst?«, fragte sie.

»Was denn?«, neckte ich sie, da ich ja genau wusste, was sie meinte. Ich hatte die Grübchen meines Vaters geerbt.

»Na das!« Sie kicherte und zeigte auf meine linke Wange.

»Das sind Grübchen, Eilidh«, beantwortete Thane ihre Frage.

»Aber warum?«

Vielleicht lag es daran, dass ich in Schottland war und ständig umgeben von schottischem Akzent, jedenfalls erinnerte ich mich an eine Geschichte, die Mac mir einmal erzählt hatte, um mir meine Grübchen zu erklären. »Die habe ich von Feen bekommen. Wenn sie ihr Feenland verlassen und unsere Welt besuchen, sollen die Menschen nicht wissen, dass sie Feen sind. Feenstaub wäre da verräterisch, also haben sie diese kleinen Täschchen in meine Wangen gezaubert, um ihren Feenstaub darin zu verstecken.«

»Wirklich?« Eilidh sah mich mit großen runden Augen an.

Ich nickte.

»Nee«, widersprach Lewis. »Es gibt keine Feen.«

»Und ob es die gibt!«, protestierte Eilidh. »Onkel Mac hat es gesagt!«

Ich versuchte nicht wütend zu sein, dass Mac sich hier in Schottland ein ganz neues Leben aufgebaut hatte, wo diese kleinen Kinder ihn Onkel nannten, während er Robyn in Boston zurückgelassen hatte. »Mac war es, der mir das über meine Grübchen und den Feenstaub erzählt hat.« Ich lächelte unsicher, als ich Lachlans scharfem Blick begegnete.

Ich sah weg und war stattdessen mit dem neugierigen Ausdruck in Thanes Augen konfrontiert.

»Tja, ich bin ein bisschen hungrig«, erklärte ich, Richtung Haus zurückweichend.

»Deswegen bin ich nach draußen gekommen.« Lachlan wandte sich an Thane. »Robyn hat genug Essen bestellt, um damit eine Armee zu verpflegen. Willst du mit den Kids nicht rüberkommen? Sie hat alles Mögliche bestellt, von chinesisch bis Chicken Nuggets.«

»Chicken Nuggets!«, rief Eilidh mit mehr Begeisterung, als ich seit Jahren für irgendetwas aufgebracht hatte. Lachlan wirkte amüsiert.

Sein Bruder sah zu mir. »Bist du dir sicher?«

»Ja, definitiv. Die Kids sind eine nette Abwechslung für Robyn.«

Von mir?

Autsch.

»Ich weiß nicht.«

»Bitte, Dad.« Lewis zog an Thanes Pullover.

»Chicken Nuuuuggets!«, rief Eilidh noch einmal und senkte dabei albern irre die Stimme.

Wir lachten alle, und das beendete den Moment der Anspannung.

Vielleicht waren die Kids wirklich eine ausgezeichnete Ablenkung.

3. KAPITEL

Regan

Ich fragte mich, wo Thanes Frau war, während alle sich an der Kücheninsel am Essen bedienten, um sich anschließend an den großen Esszimmertisch zu setzen. Niemand hatte eine Ehefrau erwähnt, die auch zum Abendessen kommen sollte, deshalb nahm ich an, dass Thane geschieden war. Jedenfalls trug er keinen Ehering.

Als Eilidh ihrem Dad zeigte, was sie auf ihrem Teller wollte, sagte ich: »Warum machst du dir nicht einen Hühnchen-Kartoffelbrei-Teller?«

Eilidh sah mich neugierig an. »Was ist das?«

Ich wandte mich an Thane. »Darf ich?«

Er nickte und trat einen Schritt von der Kücheninsel zurück. »Nur zu.«

»Also.« Ich stand von meinem Platz auf und ging zu dem Mädchen. »Ich kann zwanzig verschiedene Gerichte aus Chicken Nuggets machen.«

»Das ist wahr«, meldete sich Robyn zu Wort, und meine Stimmung hellte sich bei ihrem nostalgischen Lächeln auf. »Regan war Babysitterin und ein paar Jahre lang Kindermädchen. Sie ist sehr kreativ beim Umgestalten von Essen.«

Seit meinem dreizehnten Lebensjahr passte ich auf die Kids in der Nachbarschaft auf. Damit verdiente ich mir auf der Highschool etwas dazu. Ich mochte Kinder. Sie waren süß und lustig und arglos. Deshalb hatte ich später in den Sommerferien als Nanny für verschiedene Familien gejobbt, von meinem achtzehnten bis zu meinem zweiundzwanzigsten Lebensjahr.

»Erstaunlich«, murmelte Lachlan. »Das mit der Nanny, meine ich.«

Diese Anspielung machte mich misstrauisch. »Warum?«

Mein leicht bissiger Ton schien ihn nicht zu berühren. »Sie scheinen mir nicht der verantwortungsbewusste Typ zu sein.«

»Lachlan«, meinte Robyn warnend.

Ich wollte nicht, dass sie mich in Schutz nahm, wo ich mich doch ihretwegen für ein nutzloses dummes Ding hielt. »Offenbar hat meine Schwester den gleichen Mist über mich verbreitet, den schon unsere Eltern ihr erzählt haben.«

Lachlan hob eine Braue, während Robyn sich auf ihrem Platz versteifte. Sie machte den Mund auf, um etwas darauf zu erwidern, aber ich wandte mich lächelnd an Thanes Tochter. »Pass gut auf, Eilidh, denn ich werde die Nuggets jetzt klein schneiden.«

Eilidhs Augen wurden noch größer, aber sie nickte vertrauensvoll.

Ich ging grinsend über die von den Erwachsenen im Raum erzeugte angespannte Atmosphäre hinweg und gab schnell etwas Kartoffelbrei aus einer der Take-away-Schalen auf einen tiefen Teller. Dann arrangierte ich die klein geschnittenen Nuggets um den Rand des Kartoffelbreis. Es gab keine Soße, aber Ketchup. Ich schüttelte die Flasche und fragte das Mädchen: »Möchtest du?«

Sie nickte und breitete die Arme weit aus. »So viel!«

Kichernd kleckste ich Ketchup über den Kartoffelbrei und die Chicken Nuggets und trug ihr den Teller zum Tisch. »Guten Appetit.«

Sie machte sich mit so viel Begeisterung über das Essen her, dass man hätte meinen können, ich hätte ihr eine goldene Krone überreicht. Thane nickte mir dankbar zu und setzte sich, um selbst zu essen.

Ich nahm neben Lewis Platz, gegenüber von Robyn, und sagte: »Nächstes Mal zeige ich dir, wie man Chicken-Nugget-Nachos macht.«

»Das will ich auch«, meinte Lewis.

»Ja?«

Er nickte und biss von seinem Burger ab. Robyn hatte wirklich alles bestellt, was ihr einfiel.

»Was kannst du denn noch machen?«, fragte Lewis mit vollem Mund.

»Erst kauen und runterschlucken, bevor du sprichst«, ermahnte Thane ihn in einem Ton, der verriet, dass er das schon eine Million Mal zu seinem Sohn gesagt hatte.

»Regan kann alles zaubern, was Sechsjährige gerne essen«, sagte meine Schwester.

»Tatsächlich haben sich meine Kochkünste seit der Highschool verbessert. Ich habe in Europa und Asien ein paar Kochkurse besucht.«

»Kochkurse in Europa und Asien.« Robyn stieß einen Pfiff aus. »Wie kultiviert.«

Glücklicherweise meldete Eilidh sich wieder zu Wort, sodass ich auf diese passiv-aggressive Bemerkung meiner Schwester nicht eingehen musste. »Das ist sooo superlecker!« Dazu hämmerte sie mit der Gabel auf den Tisch, um ihren Worten Nachdruck zu verleihen.

»Ja? Darf ich mal probieren?«

Sie nickte begeistert und schob mir den Teller zu. Ich nahm eine Gabelvoll ketchupgetränkter Nuggets und Kartoffelbrei. Ich kaute und machte große Augen. »Ja, wirklich unglaublich gut.«

Ihr Grinsen war das Süßeste, was ich je gesehen hatte, und es hellte ihr kleines Gesicht auf. Dann sagte sie mit kindlicher Spontaneität: »Ich mag deinen Nagellack. Lackierst du mir die Nägel?«

»Ich weiß nicht. Da musst du zuerst deinen Dad fragen.«

Thane schüttelte den Kopf. »Du bist noch zu jung für Nagellack.«

»Ach, Daddy!«

Da ich einen Trotzanfall kommen sah, mischte ich mich ein. »Nagellack ist wirklich etwas für Ältere. Aber ich kann deine Haare flechten. Hast du schon mal einen Fischschwanzzopf gehabt?«

»Was ist das?«

Ich stutzte. Hatte ihre Mom ihr denn nie die Haare geflochten?

»Das ist eine hübsche Frisur«, erklärte Thane.

»Ich kann dir nachher die Haare flechten«, bot ich an. »Ein Fischschwanz sieht echt süß aus.«

»Klingt aber nicht süß.« Sie rümpfte die Nase und brachte mich damit zum Lachen.

»Denk einfach nicht an einen Fischschwanz, sondern eher an die Schwanzflosse einer Meerjungfrau.«

»Ich liebe Meerjungfrauen!«, rief Eilidh entzückt.

Wow, sie war wirklich umwerfend süß.

»Lucy«, berichtete sie aufgeregt mit vollem Mund. »Lucy hat einmal versucht, meine Haare zu flechten, aber sie meinte, die seien zu lockig.«

Bevor ich sagen konnte, dass es mir keine Probleme bereiten würde, ihre wilden Locken zu bändigen, herrschte plötzlich eine sehr angespannte Atmosphäre.

Dann begriff ich den Grund.

Lucy.

Meinte sie Lucy Wainwright?

Mist.

Und warum bot eine Oscargewinnerin an, Eilidhs Haare zu flechten, und nicht ihre Mutter?

»Dad hat uns verboten, über Lucy zu sprechen, Eilidh«, fuhr Lewis sie an. »Du bist so blöd.« Seine Wangen röteten sich vor Frustration.

Eilidh wirkte zerknirscht.

»Lewis, das habe ich nicht gesagt«, wandte Thane sich zornig an seinen Sohn. »Und sprich nicht in diesem Ton mit deiner Schwester.«

Lewis sah völlig geknickt aus. »Aber du hast doch gesagt …«

»Da hast mich wohl missverstanden.« Thane seufzte müde. »Der Punkt ist, dass ihr nicht in diesem Ton miteinander reden sollt. Okay?«

Weil Tränen in Eilidhs Gesicht schimmerten, lenkte ich sie schnell vom Thema ab. »Ich kann dir die Haare morgen für die Schule flechten.«

Ihre Augen weiteten sich. »Echt?«

Ich bestätigte es lächelnd.

»Morgen ist Samstag«, erinnerte Lewis mich mürrisch, den Blick auf sein Essen gerichtet.

Sein Dad beobachtete ihn mit gequälter, besorgter Miene.

Du liebe Zeit. Was war hier los?

»Na gut. Aber ich kann Eilidh jederzeit die Haare flechten.«

»Morgen?« Sie hüpfte ungeduldig auf ihrem Platz. »Ich will eine Meerjungfrauenschwanzflosse!«

»Klar, machen wir«, versprach ich und stupste Lewis’ Ellbogen an. »In welche Klasse gehst du denn?«

Er sah mich an, seine Wangen waren nach dem Tadel seines Vaters noch immer gerötet. »Bin gerade in die dritte gekommen.«

»Gerade?«

»Die Schule hat in dieser Woche erst wieder begonnen«, sagte Thane.

»Oh, ach so. Dann bist du jetzt … acht? Neun?« Ich schätzte seiner Größe entsprechend.

Seine Augen leuchteten. »Sieben.«

»Für sieben bist du aber groß. Hast du wohl von deinem Dad und deinem Onkel, was?«

Lewis blickte zufrieden drein und nickte.

Lächelnd wandte ich mich an Eilidh. »Und du?«

»Fünf!« Sie hielt die gespreizten Finger ihrer rechten Hand hoch.

Ihr Bruder kicherte. »Nicht wie alt du bist, Eils, sondern in welche Schulklasse du gehst. Sie ist gerade eingeschult worden.«

»Wow, dann war das eine aufregende Woche für dich, was?«

Sie nickte heftig mit vollem Mund.

Total süß, ehrlich.

»Sie hat Miss Hansen, und die ist die beste Lehrerin.« Lewis verzog das Gesicht. »Ich hab Mrs. Welsh.«

»Magst du Mrs. Welsh nicht?«

Er zog die Nase kraus. »Die ist immer mies drauf und mag Jungs nicht, und sie meckert immer gleich, wenn man die richtige Antwort auf irgendwas nicht weiß. Und sie riecht.«

Thane seufzte schwer, und ich sah ihm an, dass er Lewis gern erneut getadelt hätte, weil er schlecht über seine Lehrerin redete. Aber nach der vorangegangenen Verstimmung zwischen ihnen wollte er vermutlich nicht noch eins draufsetzen.

»Riecht sie wirklich, oder sagst du das nur, weil du sie nicht magst?«

Er dachte darüber nach. »Na ja, Connor sagt, dass sie riecht.«

»Wer ist Connor?«

»Mein Freund.«

»Und weil Connor sagt, dass Mrs. Welsh riecht, sagst du das jetzt auch?«

Er nickte.

»Stimmt es denn?«

Er zuckte mit den Schultern. »Eigentlich nicht. Das andere stimmt aber.«

»Okay. Nun, es ist natürlich blöd, dass Mrs. Welsh dauernd mürrisch ist und ungeduldig, aber wir sollten nichts Gemeines über Leute sagen, wenn es nicht stimmt, oder?«

Lewis dachte darüber nach. »Ich sollte nicht mehr behaupten, dass sie riecht?«

»Genau. Das wäre das richtige Verhalten. Und netter auch.«

»Aber ich darf sagen, dass sie gemein ist? Weil, das stimmt ja.«

Ich versuchte, nicht zu lachen und diplomatisch zu antworten. »Das ist wohl in Ordnung, wenn es stimmt. Es ist immer gut, ehrlich zu sein, besonders wenn jemand einen ärgert, egal wie alt derjenige ist. Ich sage stets, es ist besser, Unfreundlichkeit mit Freundlichkeit zu begegnen. Wenn also jemand nicht sonderlich nett zu einem ist, hilft es nicht, sich auf dieses Niveau hinabzubegeben und ebenfalls unfreundlich zu sein. Manchmal ändert man das Verhalten eines unfreundlichen Menschen, indem man nett zu ihm ist. Verstanden?«

Es war erstaunlich, wie aufmerksam mir dieser Siebenjährige zuhörte und alles zu verstehen versuchte. Schließlich nickte er. »Okay.«

Erst da registrierte ich, dass es still am Tisch geworden war. Alle drei Erwachsenen sahen mich an – Thane dankbar, Lachlan überrascht und meine Schwester mit einer Mischung aus Stolz und Wehmut.

Die Wehmut traf mich.

»Fertig!«, verkündete Eilidh und beendete diesen Moment. Ihre Wangen waren mit Ketchup beschmiert.

Ich grinste und war der kleinen Süßen dankbar. »Hast du auch etwas davon gegessen oder alles im Gesicht verschmiert?«

Ihre Augen leuchteten fröhlich. Sie schlug mit den Händen auf den Tisch und gackerte, laut und ansteckend, sodass wir am Ende alle lachen mussten.

Wie schade, dass ihr Zauber nicht anhielt.

Eine Weile später brach Thane mit seinen bezaubernden Kindern auf, und ich versprach, morgen früh vorbeizukommen und Eilidhs Haare zu frisieren. Der Jetlag machte sich bemerkbar, und Robyn bemerkte es.

»Lass mich dir beim Abwasch helfen«, bot ich zum tausendsten Mal an, als sie und Lachlan aufräumten.

»Wir haben eine Spülmaschine«, wiederholte Robyn. »Du siehst erschöpft aus. Geh ins Bett.«

Mir fielen wirklich die Augen zu, deshalb folgte ich ihrer Aufforderung und schleppte mich die Treppe hinauf. Ich erinnerte mich kaum noch, mich umgezogen und ins Bett gelegt zu haben.

Es musste Stunden später sein, als ein elektronisches Geräusch in mein Unterbewusstsein drang. Mühsam bekam ich die Augen auf und blinzelte gegen das Licht, das ins Zimmer fiel. Ich brauchte einen Moment, bis mir wieder einfiel, wo ich mich befand.

Sanftes Tageslicht flutete den Raum, und ich wälzte mich stöhnend in dem superbequemen Gästebett auf die Seite, um an mein Handy zu gelangen. Das Display leuchtete – sechs Uhr morgens.

Die Rollos wurden per automatischem Timer geöffnet.

Um sechs Uhr morgens.

»Dagegen müssen wir etwas unternehmen«, murmelte ich gähnend und setzte mich auf. Erst da bemerkte ich, das mein Handy eine neue E-Mail anzeigte.

Ich las nur das Wort Austin, und prompt wurde mir flau.

Woher hatte er meine E-Mail-Adresse?

Mit zitternden Fingern klickte ich sie an und stellte zu meiner Erleichterung fest, dass es sich lediglich um eine dumme Spam-Mail handelte, ein Rabatt für eine Rad- und Wandertour in Austin, Texas.

»Scheiße«, murmelte ich und legte den Kopf in meine Hände. Es war fünf Monate her seit der letzten E-Mail von Austin – als ich ihm endlich die Kontrolle über mein Leben entzog und mich nicht länger von ihm schikanieren ließ. Ich löschte meine E-Mail- und Social-Media-Accounts, änderte meine Handynummer und tat so, als hätte er nie existiert.

Seine letzte E-Mail hatte endlich meinen Kampfgeist geweckt. Der Text war dermaßen irre, dass er sich mir ins Gedächtnis gebrannt hatte.

Wunderschöne,

ich kann wieder nicht schlafen. Wie viele Stunden Schlaf hast du mich schon gekostet? Du schuldest mir diese Stunden. Stunden, in denen ich in dir hätte sein sollen, sehen, wie du kommst, dir diese süßen Laute entlocken auf dem Weg dorthin. Ich will dich hart bestrafen, dafür dass ich mich deinetwegen so fühle. Es ist deine Schuld, dass ich so fertig bin. Du bringst mich dazu, dich zu lieben. Du bringst mich dazu, dich zu jagen. Aber wenn ich dich finde, wenn wir einander finden, wirst du sehen, was ich sehe. Dass wir füreinander bestimmt sind. Ich würde dir niemals wehtun. Alles, was ich sage oder tue, geschieht zu deiner Sicherheit.

Ich kann es nicht erwarten, mit dir zu schlafen.

Doch zuerst bekommst du den Straffick, dem du entronnen zu sein glaubtest. Ich habe es mir wieder und wieder in meiner Fantasie ausgemalt. Ich will, dass es wehtut, damit du meinen Schmerz fühlen kannst. Gott, ich werde schon hart allein bei dem Gedanken daran.

Verstehst du, was du mit mir machst?

Ich liebe dich. Ich liebe dich so sehr, Regan. Du wirst es sehen. Schon bald.

All meine Liebe,

Austin

Bei der Erinnerung daran, wie ich diese E-Mail in einem Motelzimmer in Kalifornien geöffnet hatte, nahm meine Übelkeit zu. Damals hatte ich das Handy quer über das Bett geschleudert, war ins Bad gerannt, hatte die Klobrille hochgeklappt, war auf die Knie gesunken und hatte gewürgt.

Aber nichts war hochgekommen.

Dieses trockene Kotzen dauerte eine gefühlte Ewigkeit. Ich schüttelte mich, während mir die Tränen liefen, die ich wütend wegwischte.

Nur von der Erinnerung an jenen Morgen wurde ich wütend und wollte mich am liebsten wieder übergeben.

Damals hatte ich an den schmutzigen Fliesen gelehnt, die Arme um mich geschlungen und versucht, das Schluchzen nicht herauszulassen.

Ich hatte nie zuvor jemanden gehasst.

Bis Austin.

Ich hatte nicht gewusst, dass ein anderer Mensch einen derartig aus der Bahn werfen und sämtliche Entscheidungen beeinflussen konnte. Da beschloss ich, dass es genug war. Ich kehrte nach Boston zurück. Und glaubte, er sei damit aus meinem Leben verschwunden.

Dann kam er zurück.

Schottland und Robyn waren ein Neuanfang. Ich hatte den ganzen Mist in Boston hinter mir gelassen.

Ich wankte schlaftrunken in das angrenzende mehr als luxuriöse Badezimmer und kehrte anschließend langsam ins Schlafzimmer zurück. Die Aussicht lenkte mich von meinen trüben Gedanken an die Vergangenheit ab.

»Wow …« Ich trat an die Fensterfront mit Blick aufs Meer. Gestern war ein heller Sonnentag gewesen. Dieser Morgen war ein wenig grau, und Nebel hing über dem Wasser. Das schmälerte die Schönheit der Aussicht jedoch nicht. Wäre ich Malerin, würde ich den ganzen Tag an diesem Fenster sitzen und Farbe auf eine Leinwand auftragen.

Unglücklicherweise hatte meine Malphase exakt drei Tage angehalten, bis ich merkte, dass ich nicht das geringste Talent besaß und mir bloß etwas vormachte.

Eine Bewegung draußen weckte meine Aufmerksamkeit; meine Schwester kam in Trainingskleidung von Westen auf das Haus zu. Vielleicht vom Strand? Es würde mich nicht überraschen, wenn sie schon im Morgengrauen am Wasser gejoggt wäre. Wahrscheinlich meinetwegen. Robyn lief, weil es ihr beim Denken half.

Der Gedanke an meine starke Schwester veranlasste mich, zum Handy auf dem Bett zu schauen.

Als sie fünfzehn war, wurde ein Freund von ihr sexuell übergriffig.

Sie ließ ihn nicht gewinnen. Ließ nicht zu, dass sie sich seinetwegen schwach fühlte. Stattdessen machte sie sich stärker.

Robyn trainierte Kampfsport.

Ich habe mich nie für Sport interessiert. Ich mochte Yoga und Pilates, aber das war’s auch schon an körperlichen Aktivitäten. Um ehrlich zu sein, genügte es mir, mich im Alltag auf natürliche Weise zu bewegen.

Vor acht Monaten jedoch hatte ich auf einmal Robyns Bedürfnis, sich selbst verteidigen zu können, sehr gut verstanden.

»Guten Morgen!«, rief ich fröhlich beim Betreten der Küche.

Ich hatte geduscht und mich angezogen in der Hoffnung, meine Schwester und ihren Verlobten noch zu erwischen, bevor sie das Haus verließen.

Zum Glück saßen sie beide an der Kücheninsel und tranken Kaffee.

»Guten Morgen.« Robyn rutschte von ihrem Hocker. »Ich hole dir Kaffee.«

»Das kann ich doch machen.« Ich winkte ab und ging durch die elegante Küche. »Ich habe mich gefragt, ob du mir Kampfsport beibringen könntest.«

Das Schweigen hinter meinem Rücken veranlasste mich dazu, mich umzudrehen.

Robyn starrte mich über den Rand ihres Kaffeebechers hinweg an, während Lachlan sie genau beobachtete.

»Was denn?«, fragte ich ein wenig gekränkt und befürchtete, dass sie hinsichtlich meiner Motive misstrauisch war.

»Du willst Kampfsport lernen?«

»Ja.« Ich zuckte mit den Schultern, als wäre das keine große Sache.

»Du hasst Kampfsport. Sport im Allgemeinen.«

»Na ja«, sagte ich und lehnte mich gegen den Tresen. »Ich dachte, es wäre vielleicht ganz nett, wenn wir auf diese Weise ein bisschen Zeit miteinander verbringen.«

»Das ist der einzige Grund?« Meine Schwester sah mich skeptisch und besorgt an.

Ich näherte mich der Wahrheit nur so weit, dass es weitere Fragen verhindern würde. »Als ich in Asien war, wurde ich von einem Typen bedrängt. Wäre dieser andere Mann nicht aufgetaucht … wer weiß, was passiert wäre. Aber du lässt dir nichts gefallen, deswegen kam ich auf die Idee, endlich zu lernen, mich selbst zu verteidigen.«

Robyn kam bereits auf mich zu. »Ist alles in Ordnung mit dir? War diese Geschichte wirklich nicht schlimmer, als du gerade gesagt hast?«

Ich drückte ihre Hand und lächelte. »Du machst dir immer gleich Sorgen. Es war so, wie ich es erzählt habe.«

Sie musterte mich. »Irgendetwas stimmt nicht, das merke ich.«

Ich ließ ihre Hand los. »Ach, es ist nur gerade ein bisschen komisch zwischen uns, das ist alles. Ich gebe mir Mühe, dass wir das hinter uns lassen. Ich dachte, es hilft vielleicht, wenn wir Zeit miteinander verbringen.«

Plötzlich bekamen ihre Augen einen kühlen Ausdruck, und sie verschränkte die Arme. »Wie lange hast du eigentlich vor zu bleiben?«

»So lange es mir rechtlich gestattet ist, würde ich sagen.« Ich sah zu Lachlan. »Falls das okay ist.«

Er sah zu Robyn. »Solange es für deine Schwester in Ordnung ist, ist es auch für mich okay.«

Ehe Robyn darauf etwas erwidern konnte, beeilte ich mich zu versichern: »Ich werde mir einen Job suchen und etwas zur Miete beitragen, damit ich nicht bei euch herumhänge und mich bei dir und deinem Freund durchschnorre.«

»Meinem Verlobten.« Ihre Miene verfinsterte sich. »Und du würdest dich nicht durchschnorren. Ich will dich hier haben.« Wo ich dich im Auge behalten kann, fügte sie nicht hinzu.

»Dann werde ich Miete zahlen. Sobald ich einen Job habe. Hast du eine Ahnung, wo ich einen finden könnte?«, fragte ich. Insgeheim hoffte ich darauf, dass Lachlan mir im Schloss einen Job im Service anbot. Oder irgendetwas.

Stattdessen meinte er: »Ich werde mich mal im Ort umhören.«

Hatte er wirklich keine freie Stelle für mich?

Oder wollte er nicht, dass ich in seinem elitären Schloss arbeitete?

Wenn Letzteres zutraf, was ich vermutete, hieß das, er traute mir nicht.

Großartig.

Leicht würde es für mich hier nicht werden.

4. KAPITEL

Thane

Während er Gordanna Redburn durch die Doppelschiebetür im hinteren Teil des Hauses hinaus auf die Terrasse folgte, fragte Thane sich, wer hier eigentlich das Vorstellungsgespräch hatte.

»Die Kinder können nicht erst um diese Uhrzeit im Bett liegen«, bemerkte sie und stieg die Stufen hinunter in den Garten. »Wir werden auch am Wochenende die Zeiten wie an Schultagen beibehalten.«

»An den Wochenenden brauche ich Sie nicht.« Und auch sonst nicht. Er starrte finster ihren Rücken an.

Die junge Frau war so spießig; er konnte kaum glauben, dass sie erst dreiundzwanzig war. Und das lag nicht an ihrer konservativen Kleidung oder dem straffen Dutt, sondern an ihrem verkniffenen Mund und ihrer militärischen Art.

Thane stöhnte im Stillen verzweifelt. Gordanna war zu diesem Vorstellungsgespräch aus Cornwall angereist. Sie war die zehnte Person, die sich für den Job als Nanny vorstellte. Und sie war die zehnte Person, die er würde ablehnen müssen. Es war unfassbar schwer, jemanden zu finden, der in dieser abgelegenen Gegend Schottlands wohnen wollte. Leider konnte Thane es sich nicht mehr lange erlauben, wählerisch zu sein.

Er selbst hatte Caelmore nie als abgelegen empfunden; die kleine Siedlung lag ja nur wenig außerhalb von Ardnoch. Aber für jemanden, der in einer Großstadt lebte, war das natürlich etwas anderes. Für so jemanden waren die Highlands eine Gegend, die man wegen ihrer landschaftlichen Schönheit besuchte, aber kein Ort, an dem man wohnen wollte. Die meisten Leute schätzten die Nähe von großen Krankenhäusern, Tierärzten, Läden, Restaurants und sonstigen Annehmlichkeiten, von reibungslosem WLAN und Handyempfang ganz zu schweigen. Beides war auch nicht schlecht hier, nur eben nicht das Beste.

Nicht viele Menschen waren bereit, all das gegen die atemberaubende Landschaft hier einzutauschen.

Gute Nannys eingeschlossen. Und speziell diese hatte seit ihrer Ankunft von Eilidh und Lewis nur als »die Kinder« gesprochen.

Thane war schwer genervt.

»Aber … ich dachte, der Job beinhaltet, dass ich hier wohne.« Gordanna sah ihn erstaunt an.

»Das stimmt.« Das Gästehaus war perfekt für die Person, die den Job bekommen würde. »Aber ich arbeite an den Wochenenden nicht und verbringe dann die ganze Zeit mit Eilidh und Lewis. Das bedeutet, Sie hätten die Wochenenden für sich.«

Ihre verstörte Miene war fast komisch. Offenbar war es Gordanna Redburn nie in den Sinn gekommen, ein Privatleben zu haben.

Sie schnaufte pikiert, machte erneut auf den Absätzen kehrt und marschierte zum Rand der Klippe. »Dieser Zaun reicht niemals aus!«, rief sie über die Schulter, um im Wind gehört zu werden. Thanes Genervtheit nahm zu. Dieses Vorstellungsgespräch dauerte schon doppelt so lange, wie er gehofft hatte. Und er hatte ihrem Taxifahrer gesagt, dass er auf sie warten solle. Der Taxameter lief also weiter – und er würde bezahlen müssen.

»Wie bitte?«, fragte er, sich ihr nähernd. »Was ist mit dem Zaun?«

Gordanna warf ihm einen strengen Blick zu und deutete auf den Sicherheitszaun. »Dieser Zaun vor dem Klippenrand ist zum Schutz der Kinder lächerlich.«

Thane kniff angesichts ihres tadelnden Tons die Augen zusammen. Wie konnte eine so junge Frau es wagen, seine Elternfähigkeiten inf...

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