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Tod an der Alster

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Eine Frau läuft im farbenreichen Spektakel des Feuerwerks über der Alster vor einen Bus. Erst bei genauem Hinsehen entdecken Svea Kopetzki und die Kollegen von der Mordkommission die Stichspuren am Hals. Hat sich die bekannte Schönheitschirurgin aus ihrer nahen Praxis vor einem Angreifer in die Menschenmassen des Alstervergnügens flüchten wollen? Wer hatte sie angegriffen? Ein Einbrecher, ein rachsüchtiger Ex-Patient oder steckte doch etwas ganz anderes dahinter? Hauptkommissarin Svea Kopetzki muss viele Fragen in der ihr verhassten Welt der Neu-Reichen und Neu-Schönen Hamburgs stellen.

»‘Tod an der Alster‘ ist spannend und voll mit Lokalkolorit.« Kerry Rügemer, NDR, 30.07.2021


  • Erscheinungstag: 20.07.2021
  • Aus der Serie: Svea Kopetzki
  • Bandnummer: 2
  • Seitenanzahl: 336
  • ISBN/Artikelnummer: 9783959674775

Leseprobe

Zum Buch

Bei Svea läuft es aktuell richtig gut: Freund Alex und sie sind glücklich, im Job klappt alles, und auch mit Hamburg konnte sich die Kommissarin mittlerweile anfreunden. Der neuste Fall führt Svea und ihr Team in die Welt der Schönen und Reichen von Hamburg, eine Welt, mit der die bodenständige Frau so gar nichts anfangen kann. Und auch der Fall an sich ist vertrackter, als es zu Beginn scheint. Verdächtige gibt es viele, doch alle haben auch ein Alibi. Während Svea immer weiter in das Leben der toten Schönheitschirurgin vordringt, muss sie feststellen, dass auch innerhalb ihres Teams der Schein trügt. Die junge Franzi hadert mit ihrem Job bei der Polizei, und Kollege Tamme konnte die Abfuhr seiner Frau noch immer nicht überwinden. Dabei weiß Svea nur zu gut, dass es meist schiefgeht, wenn sich private Probleme mit Beruflichem vermischen …

Zur Autorin

Anke Küpper arbeitet seit über zwanzig Jahren als Buchautorin. In ihren packenden Kriminalromanen macht sie ihre Wahlheimat Hamburg zum Schauplatz. Wenn sie nicht gerade mit Schreiben beschäftigt ist, kümmert sie sich um die Hühner in ihrem Garten, walkt an der Elbe, paddelt auf der Alster oder tauscht sich mit den »Mörderischen Schwestern« aus.

Lieferbare Titel

Der Tote vom Elbhang (Svea Kopetzki, Band 1)

PROLOG

Es zischt und knallt. Goldene Sterne explodieren und regnen auf die Außenalster, Leuchtkugeln, rot und grün wie Ampellicht, ziehen glühende Schweife hinter sich her.

Igor Popov stöhnt. Mit einer Hand lenkt er den Doppeldeckerbus über die Fernsichtbrücke, mit der anderen verreibt er den Schweiß, der unter seiner Kapitänsmütze hervorfließt. Es ist nach 22 Uhr und noch weit über 20 Grad warm. Der kurze Regen am Nachmittag hat keine Erfrischung gebracht, eher war es danach noch schwüler.

»Bleibst du wohl sitzen!«, kreischt eine Frauenstimme hinter ihm, als er beim Einbiegen in die Bellevue durch zwei Schlaglöcher rumpelt. Popov blickt mit einem Auge in den Rückspiegel. Im Gang zwischen den Sitzen schwankt ein Mann, mit beiden Händen einen Tablet-Computer vorm Gesicht haltend, und filmt das Feuerwerk. Die Matrone im Vierersitz rechts hinter ihm streckt den Arm nach ihm aus und zerrt an seinem T-Shirt.

»Siegfried!« Ihre Stimme schneidet in Popovs Trommelfell. Der Mann reagiert nicht. Er tut, als würde er nichts merken, oder vielleicht merkt er tatsächlich nichts, solche Leute soll es geben. Glückliche, die alles Störende um sich herum ausblenden und unbeirrt ihr Ziel verfolgen.

Popov sieht nach vorn. Über der Alster schießt eine silbrige Fontäne in die Höhe und öffnet sich zum funkelnden Kelch am Himmel. Früher hat er Feuerwerk gemocht. Seit er hinterm Steuer dieses Busses sitzt, nicht mehr. Aber was soll er machen? Er braucht den Job bei den Stadtrundfahrten, um bei Mila zu sein. Denn wenn Mila zu lange allein sein muss, ritzt sie sich Muster in ihre Unterarme. Nachdem er sie nach einer Portugaltour vor drei Jahren aus der Klinik abholen musste, hat er sofort bei der Spedition gekündigt. Wie hat er es geliebt, tagelang gen Süden zu fahren, nur er und die Straße. Jetzt fährt er acht Mal am Tag um die Alster, bei Feuerwerk noch öfter, und muss alle paar Kilometer anhalten und neue Fahrgäste ein- und austeigen lassen. Hop On Hop Off, heißt das. Kein Wunder, dass ihm nach Feierabend manchmal schwindelig ist.

Im letzten Moment bemerkt er den Smart, der vor ihm aus der Parklücke am Alsterufer schießt. »Pass doch auf!« Ruckartig tritt er auf die Bremse. Der Mann mit Namen Siegfried taumelt zurück auf den Sitz neben seiner Frau, umklammert unbeirrt sein Tablet.

Vom Oberdeck hallen Schreie, Gepolter. Er schaltet die Kamera nach oben um, sieht in schemenhaftem Schwarz-Weiß, wie sich eine Person hinsetzt, die restlichen Fahrgäste hocken brav auf ihren Plätzen. Ist wohl nichts Schlimmes passiert, beruhigt er sich.

Als er anfährt, den Rücklichtern des Smart hinterher, rinnt der Schweiß nicht mehr nur unter der Mütze hervor, sein Rücken klebt am Sitz, in den Armbeugen spürt er Pfützen. Nur ein Unterhemd wäre passend bei diesem Wetter, oder gleich ein nackter Oberkörper, stattdessen muss er Uniform tragen. Fischerhemd, rotes Halstuch und diese lächerliche weiße Kappe mit dem schwarzen Plastikschirm. »Wie ein echter Hamburger Jung«, hat ihm sein Chef erklärt. Popov hat noch keinen Einheimischen getroffen, der so herumläuft. Die Touristen fallen trotzdem drauf herein und wollen am Ende der Tour ein Selfie mit ihm, immerhin gibt das extra Trinkgeld.

Schwungvoll biegt er um die nächste Kurve, tritt aufs Gas, um noch bei Gelb auf die andere Seite der Sierichstraße zu gelangen. Hamburgs bekannteste Einbahnstraße wechselt mehrfach am Tag die Richtung und zwingt ihm ab Mittag einen Sonderschlenker über den Mühlenkamp auf, eine viel zu enge Straße mit teuren Läden und Cafés, in der zwischen Park- und Radfahrstreifen kein Platz für zwei entgegenkommende Pkw ist, geschweige denn für seinen Bus. Erst neulich hat er jemandem den Außenspiegel abgefahren, das ist ihm natürlich von seinem Lohn abgezogen worden.

Und jetzt parkt ein Idiot mit Warnblinker mitten auf der Straße. Popov hupt und bremst ab, zum Glück vorsichtiger als bei dem Smart. Auf dem Oberdeck bleibt es ruhig, lediglich ein paar Aahs und Oohs dringen zu ihm herunter, weil gerade ein goldener Lichtschweif den Himmel entlangsaust.

»Verpiss dich!« Er flucht leise durch die halb geschlossenen Lippen, das hat er sich angewöhnt im Bus. Er muss Rücksicht auf die Fahrgäste nehmen. Dann drückt er noch mal auf die Hupe und lässt die Faust gleich dort liegen. Er muss sich beeilen, sonst verpasst er das Finale des Feuerwerks auf der Schwanenwikbrücke.

»Sofort anzeigen und abschleppen lassen!«

Popov schreckt zusammen. Der Mann mit dem Tablet ist aufgestanden und steht neben ihm. Popov beugt den Kopf kurz vor, zum Zeichen, dass er verstanden hat. Bloß nicht auf eine Diskussion einlassen, bei dem Kerl zieht er den Kürzeren.

»Bei uns gäb’s das nicht!«

Besserwisser! Popov schnaubt. Keine Ahnung, wo der Kerl herkommt, wahrscheinlich vom Land, vom Hamburger Verkehr versteht er nichts. Popov hupt.

»Stopp!«, kreischt die Frau von hinten. »Hören Sie sofort auf zu hupen!«

Auch das noch! Popov guckt angestrengt auf die Straße, dann hupt er noch mal, dabei spürt er ihren Blick im Nacken; wie ein Dackel, der sich festbeißt.

»Haben Sie mir nicht zugehört?«, schimpft die Frau. Und an ihren Mann gewandt: »Schatz, tu was!«

»Halt die Fresse«, zischt der Mann. Popov zuckt zusammen. So würde er nie mit Mila reden!

Er sieht weiter nach draußen. Links aus einem Hauseingang stürzt ein hochgewachsener Mann in Shorts, er wankt leicht, als er auf den Wagen zueilt, beim Einsteigen hält er sich am Dach fest, dann setzt er schräg zurück, so schwungvoll, dass er krachend an einem Poller landet. Statt auszusteigen und sich den Schaden anzusehen, schießt der Mann vor und fährt mit quietschenden Reifen davon.

Soll er die Polizei rufen? Popov greift in den Ablagekorb auf dem Armaturenbrett und zieht einen Stift und den Ticket-Block heraus. Er setzt an, das Nummernschild des Wagens auf die Rückseite des Blocks zu kritzeln, nach dem zweiten H verwirft er den Gedanken und schmeißt den Block zurück in den Korb. Er hat es eilig.

Dass ein Bild des Mannes ihn bald im Zusammenhang mit einer Straftat aus der Zeitung anblicken wird, ahnt er noch nicht. Er ist nur froh, dass die Straße frei ist. Jetzt schafft er es hoffentlich pünktlich zum Finale an die Alster. Und dann nach Hause zu Mila.

Er fährt schnell weiter, biegt nach wenigen Minuten rechts ab und sieht die Alster voraus. Fährhausstraße. Schöne Aussicht. Die gewohnte Route.

»Das passt hier aber nicht hin«, keift die Frau hinter ihm, nach einer Reihe weißer Villen ist linkerhand die blaue Moschee aufgetaucht.

»Du auch nicht«, murmelt Popov. Schade, dass er sie nicht rausschmeißen darf. Er denkt an Mila, wie er sie auf einer seiner ersten Touren mitgenommen hat. Beim Anblick des türkisfarben gefliesten Gebäudes mit der himmelblauen Kuppel und den prächtigen Minaretten war sie aus dem Schwärmen nicht mehr herausgekommen. Wie ein Märchen aus Tausendundeiner Nacht.

Hoppla! Die Haltestelle. Er bremst ab und kommt wenige Meter dahinter zu stehen. Was ist heute nur mit ihm los? Fast hat er den Mann übersehen, der im Schatten des Unterstands wartet.

Er drückt den Türöffner und sucht den Mann im Außenspiegel. Der regt sich nicht, steht immer noch breitbeinig mit dem Rücken zu ihm.

Popov erhebt sich halb aus seinem Sitz und brüllt »Moin Moin« zur Tür heraus.

Der Mann dreht sich um und zieht den Reißverschluss seiner Hose hoch. »Hau ab, Alter«, motzt er und winkt den Bus weiter.

Hätte der Kerl sich keinen anderen Platz zum Pinkeln suchen können? Popov schüttelt den Kopf. Als er wieder anfährt, prasselt ein bonbonbunter Lichterregen auf die Alster nieder.

Mist! Ist das schon das Finale? Er sieht auf die Uhr im Armaturenbrett. 22:50 Uhr! Eigentlich hätte er längst auf der Schwanenwikbrücke sein müssen, von dort hat man den besten Blick aufs Feuerwerk.

Was jetzt? Wenn er weiterfährt, ist alles vorbei, lange bevor er dort ankommt.

Doch da vorn ist die Feenteichbrücke. Zwar gibt es nur einen Fahrstreifen, aber egal! Statt wie sonst auf der Straße zu stoppen, fährt er kurzentschlossen auf den Bürgersteig und schaltet den Warnblinker ein. Hauptsache Brücke! Die Fahrgäste kennen sich in Hamburg sowieso nicht aus.

Popov sieht in den Rückspiegel. Der Mann der Matrone hält sein Tablet wieder wie ein Brett vors Gesicht und filmt. Wahrscheinlich könnte man ihm darauf ein Video vom letztjährigen Feuerwerk vorspielen und mit dem Bus sonst wo stehen, er würde es nicht merken und denken, er wäre live dabei.

Dann ist der Himmel schwarz. Im Bus ertönt Klatschen, als wäre ein Ferienflieger gelandet. Das war’s jetzt, könnte man denken, wenn man keine Ahnung von Feuerwerk hat. Popov weiß es besser. Er legt die Unterarme auf dem Lenkrad ab und beugt sich vor, um möglichst gut sehen zu können.

Eine spektakuläre Explosion aus strahlend weißem Licht. Nur für ihn! Die Fahrgäste sind damit beschäftigt, ihre Bilder im Internet zu posten oder Tablets und Kameras in ihren Taschen zu verstauen.

Es knallt noch einmal, danach ist es endgültig vorbei. Er sieht auf die Uhr. 22:58 Uhr. Wenn niemand mehr ein- oder aussteigen will, hat er in einer Viertelstunde Feierabend. Endlich! Er reibt sich den Nacken und gibt Gas.

Er ist höchstens 50 Meter gefahren, als etwas gegen den Bus prallt. Scheiße, was war das?

Instinktiv rammt er den Fuß auf die Bremse. Das Lenkrad stößt gegen seine Rippen, die Kapitänsmütze fliegt vom Kopf, der Ablagekorb macht einen halben Salto. Faltblätter, Tickets, Stifte, alles wirbelt durcheinander, scheppernd rutscht der Korb über den Boden. Popov atmet schwer.

Während um ihn herum Geschrei anschwillt und die Fahrgäste vom Oberdeck heruntertrampeln, blitzt vor seinem inneren Auge der Hirsch auf. Damals bei Salamanca ist er ihm vor den Lkw gelaufen. Popov war ausgestiegen, um nachzusehen, ob das Tier noch lebte. Sekunden später waren die Männer mit ihren Gewehren aus dem Dunkel aufgetaucht. Sie hatten ihn in die Falle gelockt!

Erst jagen sie ein Tier auf die Straße, damit man anhält, dann rauben sie einen aus.

»Machen Sie sofort die Tür auf!« Jemand rüttelt an seiner Schulter. Die Matrone. Als er nicht reagiert, greift sie an ihm vorbei und drückt wild auf die Knöpfe am Armaturenbrett. Der Scheibenwischer quietscht, Wasser spritzt hin und her, schließlich erwischt sie den Türöffner.

Die Fahrgäste strömen auf die Straße, Popov steigt zuletzt aus.

Vor ihm auf dem Asphalt liegt eine Gestalt, die Gliedmaßen unnatürlich verkrümmt, ihr blondes Haar schimmert im Scheinwerferlicht. Das ist kein Hirsch, er hat einen Menschen überfahren.

Eine Frau, erkennt er, als er näher tritt. Blut sickert aus einer Wunde an ihrem Hals, sie starrt ihn an, ihre Lippen beben, als wolle sie etwas sagen. Er kniet sich neben sie, hält sein Ohr dicht an ihren Mund.

»Mörder«, flüstert sie, »I…go…« Dann sackt sie zurück.

Igor? Er zittert. Die ganze Zeit hat er geschwitzt, jetzt wird ihm eiskalt. Wer ist die Frau? Woher kennt sie seinen Vornamen?

Als jemand »Mörder!« schreit, explodiert erneut Licht vor seinen Augen, diesmal ist es kein Feuerwerk.

Er wacht erst aus seiner Ohnmacht auf, als die Sirenen näher kommen.

»Wie spät ist es?«, fragt jemand neben ihm.

»Gleich halb zwölf.«

Mila! Er müsste längst zu Hause sein.

»Milaaa!« Er merkt nicht, dass er ihren Namen herausschreit, als die Sanitäter ihn unter den Armen fassen, um ihn zum Rettungswagen zu führen.

***

Das Kanu gleitet ins Wasser, lautlos schwappt eine Welle ans Ufer. Partymusik weht aus einer Villa auf der anderen Seite herüber. Mit einer Hand halte ich das Kanu am Heck fest, mit der anderen ziehe ich es seitlich zu mir heran. Ein langer Schritt, das Kanu schwankt, schnell knie ich mich hin, greife das Paddel und stoße mich vom Ufer ab.

Blätter streifen mein Gesicht, ich bewege mich im Schutz der tief hängenden Weiden. Nach fünfzig Metern hockt ein Haubentaucher auf seinem Nest. Ich steuere in Richtung Kanal und reihe mich ein in den Strom der Paddler und Tretbootfahrer, die zurückkehren zu ihren Bootshäusern und Liegeplätzen.

Keiner wird sich an mich erinnern, ich bin einer von vielen, die sich das Feuerwerk angesehen haben.

Genau so habe ich es geplant.

Ich tauche das Paddel ins Wasser, ziehe es nach hinten durch, hole es aus und wieder vor. Immer im Rhythmus. Eintauchen, durchziehen, ausholen, vorholen. Hin und wieder ein J-Schlag, um das Kanu auf Kurs zu halten. Vor der zweiten Brücke drehe ich nach Backbord in den kleineren Kanal ab.

Das Kanu gleitet durch einen Teppich aus Teichrosen. Ein Blässhuhn quiekt auf, es riecht modrig, heute Morgen im Radio haben sie vor Blaualgen gewarnt. Bei Kontakt kann es zu Ausschlag und Juckreiz kommen. Ich habe nicht vor, nass zu werden.

Die Brücken sind hier so niedrig, dass ich den Kopf einziehe. Nach der zweiten kommt backbord der tote Seitenarm. Beim Einbiegen glitscht das Kanu über den Grund, etwas kratzt am Boden, Steine oder ein Ast, ich weiß es nicht, das Wasser wird immer trüber.

Eintauchen, durchziehen, ausholen, vorholen.

Ich reiße die Augen weit auf, um im Mondlicht den morschen Steg zu erkennen. Meine Schulter schmerzt, als ich das Kanu aus dem Wasser ziehe und an seinem Platz verstaue, Zweige darauf lege, altes Laub und Erde.

Ich habe den Wagen in der Fährhausstraße geparkt, zwischen zwei Laternen. Der letzte Stadtrundfahrtbus ist lange durch. Ich lasse ein Paar mit seinem Hund vorbeigehen, dann springe ich in den Wagen und fahre zurück, dorthin wo ich hergekommen bin. Ich liege gut in der Zeit, niemand wird etwas merken.

Auch sie wird mich nicht verraten können, die Verletzung war tödlich, dumm nur, dass sie weggelaufen ist. Aber wenn ich eins gelernt habe, dann ist das Improvisieren.

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Hauptkommissarin Svea Kopetzki beugte sich über die Tote auf der Bahre. Die Frau hatte die Augen weit aufgerissen, ihr blondes Haar war blutverschmiert, trotzdem wirkte ihr Gesicht friedlich wie das einer Madonna. Ob es an den gleichmäßig geschwungenen Brauen, der zarten Nase und den herzförmigen Lippen lag? Svea hatte noch nie so ebenmäßige Züge gesehen.

»Kann sie dann weg?« Der Notfallsanitäter knackte mit den Fingern.

»Moment noch!« Svea wandte sich an den Kollegen vom Kriminaldauerdienst, der neben ihr auf der Straße stand. »Irgendwelche Hinweise, wer sie ist?«

»Bis jetzt nicht.« Brandt schüttelte den Kopf. Die Plane der Sichtschutzwand, die den Leichnam vor neugierigen Blicken bewahren sollte, raschelte im Wind.

»Mila!« Ein Schrei wehte herüber.

Svea trat zur Seite und blickte sich um. Die Frau mit dem grauen Lockenhelm war ihr bereits bei der Ankunft am Unfallort aufgefallen. Während die anderen Fahrgäste des Busses schweigend auf dem Fußweg am Alsterufer herumgestanden hatten, Entsetzen auf den Gesichtern, hatte die Frau ohne Pause auf den Mann an ihrer Seite eingeredet. Worum es ging, hatte Svea nicht verstanden, im Blaulicht der Einsatzfahrzeuge waren die hin und her wedelnden Arme der Frau aufgeflackert, als würde sie einen Kriegstanz aufführen.

»Sie heißt Mila!«, rief die Frau jetzt erneut, die Finger um das Absperrband gekrallt, das zwischen Fußweg und Unfallstelle gespannt war.

Ein Schutzpolizist trat zu ihr. Gut hörbar ermahnte er sie, die Arbeit der Polizei nicht zu behindern und von der Absperrung zurückzutreten. Wenn die Mordbereitschaft später die Zeugen befragte, wäre noch genug Zeit, ihre Eindrücke zu schildern.

Svea befürchtete, die Frau würde das Absperrband durchreißen, aber sie nickte nur heftig, als hätte sie verstanden – und stürzte sich keifend auf ihren Mann.

»Die spinnt ein bisschen.« Brandt war neben sie getreten und fasste sich an die Stirn.

»Wie kommt sie auf Mila?« Die Frau war ihr unsympathisch, verrückt wirkte sie nicht.

»Weil der Busfahrer Mila geschrien hat, als die Sanitäter ihn aufgesammelt haben.«

»Dann kannte er die Tote?« Der Busfahrer lag in einem zweiten Rettungswagen und bekam eine Infusion, er stand unter Schock, womöglich konnten sie ihn heute nicht mehr befragen.

»Glaube ich nicht, er ist nur durcheinander. Man überfährt ja nicht alle Tage jemanden.«

Brandt hatte ihr bereits am Telefon berichtet, dass die Frau direkt vor dem Bus auf die Straße gelaufen und durch den Aufprall meterweit durch die Luft geschleudert worden war. Umgebracht hatte sie laut Notarzt allerdings etwas anderes.

Deshalb hatte Brandt die Mordbereitschaft angefordert. Und die Spurensicherung, die kurz nach Svea eingetroffen war; Freder Birk und seine Mitarbeiter waren noch dabei, ihren Transporter zu entladen. Daneben schlüpfte gerade Sveas Mitarbeiterin Franzi mit ihrem Fahrrad unter dem Absperrband hindurch. Fehlte nur noch Tamme. Wie lange er wohl diesmal brauchte?

»Hi«, hauchte Franzi wenig später, eine Hand am Lenker, mit der anderen strich sie sich eine Strähne ihres langen blonden Haares hinter die Ohren. »Ich musste das Auto stehen lassen, alles dicht wegen des Feuerwerks.«

Svea bemerkte das Funkeln in Brandts Augen, wie so viele Männer reagierte er reflexhaft auf Franzis modelmäßiges Äußeres. Aber zum Glück hatte die junge Kollegin weit mehr zu bieten als nur eine schöne Hülle. Svea hielt große Stücke auf Franzis kriminalistische Fähigkeiten, zumindest bis vor Kurzem.

»Moin, Frau Grüner.« Brandt wies zur Seite, wo erste Kreidespuren auf der Fahrbahn schimmerten. »Dort hat der Leichnam gelegen.«

Ein Mitarbeiter des Verkehrsunfalldiensts zeichnete gerade den Reifenstand des Busses nach. Vor den gestrichelten Linien für die Bremsspur erkannte Svea das X für den Körpermittelpunkt der Toten. Rechts und links davon, jeweils in einem unnatürlichen Winkel abgeknickt, das O für den Kopf und das U für die Füße. Die neutrale Markierung sollte die Angehörigen von Verkehrsopfern schonen, falls diese später den Unfallort aufsuchten. Bei Svea befeuerten die abstrakten Symbole erst recht die Fantasie.

»Zahlreiche Knochenbrüche«, hörte sie Brandt sagen und löste ihren Blick von der Straße.

Brandt stand wieder an der Bahre und zog das Tuch von dem Körper der Toten. »Das rechte Bein ist komplett zerquetscht. Trotzdem hätte sie den Aufprall womöglich überlebt, hat der Notarzt gemeint. Tödlich war …«, er schaltete seine Handytaschenlampe ein und leuchtete auf den Hals der Frau, »wohl das hier.«

Eine Wunde, frisch und so tief, dass vermutlich die Halsschlagader verletzt worden war. Das Opfer musste innerhalb von Minuten verblutet sein. Svea hörte, wie Franzi schluckte.

»Das ist vor dem Zusammenstoß mit dem Bus passiert.« Er deckte die Frau wieder zu, diesmal auch das Gesicht, und machte eine Kopfbewegung zur Seite. »Wie es aussieht, ist sie von da gekommen. Schöne Aussicht 26

Vor allem teure Aussicht, dachte Svea beim Anblick des weißen Villenklotzes, der jenseits der Straße hinter den Buchen aufragte. Seit sie vor knapp zwei Jahren aus Dortmund nach Hamburg gekommen war, ertappte sie sich zwar immer öfter dabei, sich in der Stadt wohlzufühlen, aber an das Gefälle zwischen Arm und Reich hatte sie sich noch nicht gewöhnt. Konnte man sich überhaupt daran gewöhnen?

»Wer wohnt da?«

»Niemand, es ist eine Arztpraxis, am Wochenende geschlossen. Weil das Schiebetor zur Straße für Fußgänger geöffnet war und die Frau aus dieser Richtung kam, haben die Kollegen vom PK 31 nachgesehen. Die Hauseingangstür stand offen, die Alarmanlage war ausgeschaltet. Als Verstärkung gekommen ist, sind sie rein ins Haus, zusammen mit einem Hund. Ziemlich schick da drinnen, ein Sofa, größer als mein Wohnzimmer. Also …«

»Einbruchspuren?«, unterbrach Svea ihn. Brandt mit seiner verquatschten Art!

Er räusperte sich. »An der Rückseite des Hauses wurde ein Fenster aufgehebelt. Alles ruhig, niemand mehr da. Aber Blutspuren auf dem Fußboden. Im Garten war auch niemand, bis auf ein paar Eichhörnchen, die der Hund aufgeschreckt hat. Allerdings hat man direkten Zugang zum Feenteich, ich habe die Kollegen von der Wasserschutzpolizei benachrichtigt, aber das kann dauern, bis die hier sind.«

»Sie meinen, der Einbrecher ist über die Alster oder durch die Kanäle geflohen«, warf Franzi ein. Sie hielt immer noch ihr Fahrrad umklammert.

»Wenn es ein Einbrecher war.« Svea musste sich dringend im Haus umsehen. Was hatte die Tote dort gemacht, an einem Samstagabend? Ihre manikürten Finger sahen nicht wie die einer Putzfrau aus. »Was ist mit dem Praxisinhaber?«

»Es sind zwei, ein Mann und eine Frau.« Brandt zog ein Notizbuch hervor. »André Graf und Helena Pahde. Eine Telefonnummer haben wir nur von Pahde. Die Kollegen haben versucht, sie anzurufen, aber nur die Mailbox erreicht. Graf wohnt in der Hafencity, Pahde am Leinpfad. Sollen wir jemanden hinschicken?«

Svea überlegte kurz, dann verneinte sie. »Später, erst mal brauchen wir alle Leute hier.«

»Ähm …« Der Notfallsanitäter war zurückgekehrt und tippte an die Bahre. »Kann sie jetzt weg?«

Svea nickte.

»Okay!« Brandt sah länger als nötig zu Franzi. »Ich verschwinde auch mal.«

Franzi verzog keine Miene.

»Tschüß, Herr Brandt.« Svea grinste und richtete sich an die Kollegin: »Stellst du kurz dein Rad ab und fängst mit der Zeugenbefragung an. Frag die Leute vor allem nach Handyvideos, Fotos und so weiter.« Vielleicht hatte jemand ohne es zu merken den Täter aufgenommen.

»Mach ich«, flötete Franzi.

Svea atmete kurz durch und blickte auf die Alster. Immer noch waren Paddler unterwegs, lautlos wie in einem Schattenspiel schoben sich ihre schwarzen Silhouetten über das Wasser, dabei war das Feuerwerk seit mehr als einer Stunde vorbei. Genauso wie das Leben der Frau auf der Bahre. Hatte sie auch das Feuerwerk betrachtet – und war dabei von ihrem Mörder überrascht worden?

»Svea.« Eine Hand legte sich auf ihre Schulter.

Sie fuhr herum. Tamme, endlich!

»Tut mir leid, ich hab’s nicht schneller geschafft.« Ihr Stellvertreter klang atemlos, als wäre er die Strecke von seinem Zuhause in Farmsen-Berne bis hierher gerannt. Seit seine Frau Imke vor vier Monaten ausgezogen war, stand Tamme unter Dauerstress; bei jedem Einsatz außerhalb ihrer normalen Dienstzeiten musste er sich um einen Babysitter für seine drei Mädchen kümmern, bevor er loskam.

Aber jetzt war er ja da. »Bleibst du hier draußen und unterstützt Franzi bei der Befragung der Zeugen aus dem Bus?«

Tamme nickte. Und sah gleich entspannter aus. Früher hatte er sich auf sein Zuhause gefreut, jetzt freute er sich auf die Arbeit, um dem Stress Zuhause zu entkommen, hatte er ihr neulich anvertraut.

»Und noch was«, fiel ihr ein, als Tamme sich zum Gehen wandte. »Da ist eine Grauhaarige mit Locken, sie hat behauptet, dass die Tote Mila heißt. Frag sie, wie sie darauf kommt.«

»Alles klar«, Tamme stapfte los. Sie sah ihm hinterher, wie er einen großen Schritt über das Absperrband machte – statt es hochzuhalten und darunter hindurchzuschlüpfen, wie sie und Franzi es bei ihrer Ankunft am Tatort getan hatten. Tamme war über dreißig Zentimeter größer als sie. Kein Wunder, dass er anders an die Dinge heranging, die ihm den Weg verstellten.

Svea wandte sich Richtung Villa.

Freder Birk, der Leiter der Spurensicherung, kniete vor der Einfahrt und schabte mit einem Skalpell auf dem Kopfsteinpflaster. Neben ihm lag ein DNA-Röhrchen.

»Svea, guck dir das an.«

Sie bückte sich. Ein dunkler Fleck am Rand eines Steins. Drei Steine weiter hatte Freder bereits einen weißen Kreis um den nächsten Fleck gezogen.

»Blut?«

Freder nickte. »Würde mich wundern, wenn das nicht von der Toten ist.« Er streifte die dunkle Masse von der Skalpellklinge in das Röhrchen. »Ich will das fertig machen, bevor noch mehr Leute drübertrampeln. Ich habe die Kollegen schon vorgeschickt ins Haus.«

Als Svea durch das Schiebetor ging, wehte eine Windböe von der Alster herüber, rauschte durch die Blätter der Buchen und ließ sie trotz des lauen Spätsommerabends im Nacken frösteln.

Mit festen Schritten eilte sie auf die steinerne Treppe zu, die zur Haustür führte. Auf der obersten Stufe hatte sich ein Schutzpolizist aufgebaut.

»Kopetzki, ich leite die Mordbereitschaft.« Sie hielt ihm ihren Ausweis hin, registrierte die Klingel mit Codeschloss neben der Tür. Und das Messingschild.

Schönheitsklinik Pahde.

Svea hatte an einen Zahnarzt oder Orthopäden gedacht, als Brandt von einer Arztpraxis sprach, das Linoleum im Eingang abgenutzt von den Massen, die täglich durchgeschleust wurden. Von wegen, der weiße Marmorboden, der sie in der Eingangshalle empfing, war garantiert nichts für Kassenpatienten. Von der gold glänzenden Decke baumelte ein gigantischer Kronleuchter, sein Licht brach sich im Glas der Bilderrahmen an den Wänden.

»Hier links geht’s zum Empfang«, der Kollege wies auf eine Kassettentür. »Dahinter liegen das Wartezimmer und die Sprechzimmer. Die OPs sind die Treppe hoch im Obergeschoss, aber da ist nichts.«

Svea zog sich Schuhüberzieher und Handschuhe an. »Und was ist hier?« Eine schmale Tür zu ihrer Rechten.

»Toilette. Wie gesagt, zum Empfang geht’s da lang.« Er sprach wie eine Sprechstundenhilfe, der man besser gehorchen sollte.

Oder auch nicht. Eine Hand an der Pistole, öffnete Svea die Tür, tastete nach dem Lichtschalter. Und stolperte zurück.

Sie sah sich selbst in einem bodentiefen Spiegel, davor zwei wannengroße Waschbecken, goldene Wasserhähne, goldene Seifenspender. Ein Luxusbad – und dann das: Die beiden Toilettenschüsseln, eine wahrscheinlich ein Bidet, standen mitten im Raum, nur durch einen Paravent abgeteilt.

Sie ließ die Tür offen stehen. Da war ihr das fensterlose Klo in ihrer Wohnung doch lieber!

»Ich hab’s gesagt.«

Sie überhörte den Kommentar des Kollegen. »Die Spurensicherung ist in den Sprechzimmern?«

Nicken.

Der Parkettboden im Empfangsraum quietschte unter ihren Füßen. Kopfschüttelnd betrachtete sie den verspiegelten Tresen, davor zwei mit Kreide umkreiste dunkle Flecken. Die Blutspur der Toten?

Im nächsten Raum ein sahnefarbenes Ledersofa und vier Sessel, zu jedem ein Beistelltisch mit Bücherstapel, an der Wand ein Flachbildschirm im XXL-Format. Ein Wunder, dass sich auf dem Sideboard neben den Aufstellern mit Prospekten die Mineralwasserflaschen reihten. Champagnerflaschen in Magnumgröße hätten besser gepasst.

»Da staunste, was?«, rief eine Kriminaltechnikerin der Spurensicherung aus dem rechten der beiden angrenzenden Sprechzimmer. »Und hier geht’s so weiter.« Sie winkte Svea herein.

Ein zweites Sahnesofa, dazu passend eine Behandlungsliege, vor dem Schreibtisch zwei Lehnstühle. Die vergoldete Leuchte auf dem Tisch kannte Svea doch! Das scheußliche Ding in Form eines Klobürstenhalters hatte sie zum ersten Mal bei den Eltern ihres Ex-Freundes Jo im Wohnzimmer entdeckt, es kostete locker so viel, wie sie im Monat verdiente.

»Alles vom Feinsten«, die Kriminaltechnikerin klopfte auf den Schreibtisch. Ihr Kollege kniete dahinter und bestäubte den Boden.

»Eine Schuhspur.« Er blickte auf.

Eine Armlänge entfernt von ihm schimmerte eine silberne Schale, sie hatte eine Macke ins Parkett geschlagen, ein Füllfederhalter war in die Ecke vorm Fenster gerollt. Kampfspuren?

»Wie es aussieht, ist die Tote hier auf den Täter getroffen. Eine Tatwaffe haben wir nicht gefunden, aber da vor der Tür sind noch zwei Blutflecken.« Der Kriminaltechniker zeigte zu der Schrankwand, die seitlich hinter ihm aufragte. »Von da scheint der Täter ins Haus gekommen zu sein.«

Aus dem Schrank? Wollte der Kollege sie verarschen? Aber es war gar keine richtige Schrankwand, erkannte Svea, als sie näher trat. Hinter den beiden äußeren Türen verbargen sich Regalböden mit ordentlich aufgestapelten Kartons, Medikamentenproben, sie mussten überprüfen, ob etwas fehlte. Die mittlere Tür führte in ein weiteres Zimmer.

»Ganz schön verwinkelt, der alte Kasten.« Der Kriminaltechniker stand auf. »Geh ruhig rein, aber pass am Fenster auf. Da hat’s anscheinend reingeregnet, oder jemand hat etwas umgestoßen.«

Das Zimmer war leer und so schmal, dass man mit ausgestreckten Armen gleichzeitig an beide Wände kam. Das Fenster vor Kopf war angelehnt, die Scheibe aus Milchglas. Deutliche Hebelspuren an der Außenseite des Rahmens, eine mit Folie gesicherte Schuhspur auf der Fensterbank, im Parkettfußboden vor dem Fenster bemerkte Svea einen dunkleren Streifen.

Sie bückte sich und hielt ihre Nase dicht darüber. Feuchtes Holz, eine leichte Putzmittelnote. Kein Blut, zumindest kein frisches.

Als sie wieder hochkam, flackerte Licht hinter der Scheibe.

»Ist jemand von euch im Garten?«

»Zwei Kollegen sind gerade los, wenn du rauswillst, kann ich dir eine Lampe geben.« Der Kriminaltechniker war hinter sie getreten.

»Später.« Svea wollte sich erst im Haus umsehen. »Was ist mit dem anderen Sprechzimmer?«

»Nichts, alles sauber und an seinem Platz.«

»Irgendwelche Hinweise auf die Tote? Eine Handtasche, Schlüssel, Handy, einen Handsender für das Schiebetor?«

Kopfschütteln.

»Und im Obergeschoss?« Wenn dort die OPs waren, gab es einen Betäubungsmittelschrank.

»Erst mal nichts Verdächtiges, da scheint nach dem Putzdienst niemand mehr gewesen zu sein.«

Putzdienst, notierte Svea im Kopf. Wahrscheinlich war die Praxis frühmorgens gereinigt worden; nach Sveas Erfahrung, die sich allerdings auf die Putzkolonne im Präsidium beschränkte, die typische Zeit zum Saubermachen. Aber das mussten sie überprüfen. Am Wochenende war die Praxis unbesetzt, vielleicht war der Putzdienst auch später gekommen und hatte irgendetwas bemerkt, das ihnen half, die Tote zu identifizieren.

Mit diesen Gedanken ging Svea durchs Wartezimmer zurück in die Eingangshalle.

Wer war die Frau, und wie war sie ins Haus gekommen? Kannte sie den Eingangscode? Oder war sie eine Besucherin und der Täter hatte sie ins Haus gelassen? Oder war gar sie die Einbrecherin, und der Täter hatte sich nur gewehrt? Bei der dünnen Indizienlage mussten sie auch diese Möglichkeit in Betracht ziehen, obwohl Svea nicht daran glaubte. Die Tote war weder die Putzfrau noch eine Einbrecherin, das sagte ihr ihr Gefühl.

»Oben ist nichts«, kommentierte der Schutzpolizist in der Halle, als sie sich zum Treppenaufgang wandte.

Während sie die marmornen Stufen hochstieg, streifte ihr Blick die Fotos in den Rahmen an der Wand. Zweimal Segelboote auf der Alster, ein Sonnenuntergang, drei Urkunden für die jahresbeste Lidstraffung. Sie überlegte noch, ob das ein Witz war, und war bereits achtlos am nächsten Bild vorbeigegangen.

Aber etwas ließ sie stocken. Sie ging drei Stufen zurück, darauf bedacht, mit den Überziehern nicht auszurutschen.

Das blonde Haar frisch geföhnt, lächelte ihr die Frau von der Bahre entgegen. Svea kniff die Augen zusammen, um das Namensschild an dem eng anliegenden weißen Kittel zu entziffern.

Dann rief sie den Schutzpolizisten: »Kommen Sie mal her! Hier ist doch was.«

2

»Setzen Sie sich.« Tamme verzichtete auf das Bitte und hielt der Grauhaarigen die Tür des Streifenwagens auf.

Eingezwängt auf der Rückbank, mit ihrer Umhängetasche auf dem Schoß, hörte sie hoffentlich auf rumzuzappeln.

Er blieb vor dem Wagen stehen, sodass sie zu ihm aufblicken musste.

»Jetzt noch mal von vorn, aus welcher Richtung kam die Tote?«

»Aus dem Haus da drüben.« Die Frau wies mit der Nasenspitze Richtung Klinik.

»Haben Sie das gesehen?«

»Sonst würde die Polizei da ja nicht suchen.«

»Beantworten Sie meine Frage! Haben Sie selbst gesehen, woher die Tote kam?«

»Nein, muss ich das?«

Nichts gesehen, fasste Tamme für sich zusammen. Die Leute, die am lautesten schrien, hatten oft am wenigsten zu sagen. Weiter: »Kannten Sie die Tote?«

Irritierter Blick. Keine Antwort.

Tamme wartete, die Frau umklammerte den Griff ihrer Tasche und schwieg. Hatte er zusammen mit dem Gezappel ihr Gerede gestoppt?

»Kannten Sie die Tote?«, wiederholte er.

»Natürlich nicht!«

»Aber Sie wissen, wie sie heißt?«, hakte er nach.

»Mila.«

»Also kannten Sie sie doch?« Wollte die Frau ihn für dumm verkaufen?

»Nein, aber der Busfahrer hat sie Mila genannt, also wird sie wohl so heißen.«

Dass er Mila gerufen hatte, hatten mehrere Zeugen bestätigt. Aber bedeutete das automatisch, dass die Tote so hieß? Sobald der Busfahrer wieder ansprechbar war, würde Tamme mehr erfahren.

Er beendete das Gespräch mit ein paar Routinefragen. Wie es schien, hatte die Frau weder etwas gesehen noch gehört, das ihnen weiterhelfen konnte.

Sie wuchtete sich vom Rücksitz hoch und strich ihr kittelartiges Kleid glatt. »Sie glauben doch nicht, dass ich etwas damit zu tun habe?« Sie klang plötzlich wie ein kleines Mädchen. Wie seine Kinder, wenn sie etwas ausgefressen hatten.

»Meine Kollegin hat Ihre Personalien aufgenommen, bei Bedarf melden wir uns.« Tamme ließ ihre Frage unbeantwortet.

»Nur dass Sie es wissen, wir fahren morgen weiter nach Norwegen. Mein Mann hat sich das zur Silberhochzeit gewünscht. Eine Kreuzfahrt nach Spitzbergen!« Die Frau schnaubte. »Am Mittelmeer ist es viel schöner.«

»Gute Reise Ihnen.« Der Mann war nicht zu beneiden. Allerdings hatte er einen stoischen Eindruck gemacht, als Tamme ihn befragt hatte. Vielleicht ließ er das Gemecker seiner Frau an sich abprallen.

Tamme ging wieder zu Franzi. Sie stand auf dem Fußweg und wischte auf einem Smartphone hin und her. Neben ihr ein dickbäuchiger Mann im Karohemd, den sie schon befragt hatte, als Tamme mit der Grauhaarigen zum Streifenwagen aufgebrochen war.

»Ist was dabei?« Der Mann klang besorgt. Sein weißes Haar schimmerte bläulich im Licht des Bildschirms.

»Ich weiß noch nicht.« Franzi wischte weiter, dann blickte sie auf: »Tamme, ich brauch noch ein bisschen, hier sind über hundert Bilder vom Feuerwerk drauf. Kümmerst du dich als Nächstes um die beiden da drüben.«

Auf einem Baumstumpf direkt am Alsterufer hockten zwei Personen Rücken an Rücken, reglos, als ob sie schliefen.

Als Tamme sich in ihre Richtung wandte, stellte sich ihm eine junge Frau mit Flechtzöpfen in den Weg.

»Wie lange dauert das denn noch?« Sie gähnte.

»Kommt drauf an. Haben Sie Film- oder Fotoaufnahmen gemacht?« Er konnte sie genauso gut zuerst befragen.

»Oh Gott, Hunderte.« Sie gähnte erneut und riss den Mund so weit auf, dass Tamme fürchtete, ihr Kiefer würde ausrenken. »Ich muss echt ins Bett.«

Franzi und er hatten bereits einundzwanzig Fahrgäste befragt, die Personalien aufgenommen und ihre Handys durchgesehen, das meiste völlig belanglos und unbrauchbar für die Ermittlung. Die Leute hatten die späte Stadtrundfahrt wegen des Feuerwerks unternommen, dementsprechend hatten sie auch das Feuerwerk betrachtet, gefilmt oder fotografiert. Das Haus lag auf der gegenüberliegenden Straßenseite, es war nur auf zwei Aufnahmen zu sehen. Zum Glück hatte ein Mann vergessen, seine Digitalkamera auszuschalten, bevor er sie weglegte; das Gerät hatte für ein paar Sekunden weitergefilmt, dadurch war am Rand des Bildes die Tote zu sehen, wie sie auf die Straße rannte. Unscharf zwar, aber immerhin. Der Mann hatte ihnen die Kamera als Beweismittel überlassen und würde morgen im Präsidium vorbeikommen. Dass wegen des Feuerwerks über die Hälfte unter den Fahrgästen Hamburger waren, machte es in diesem Fall unkompliziert.

Wenn die müde junge Frau vor ihm auch aus Hamburg war – war sie –, nichts Auffälliges gesehen hatte – hatte sie nicht – und bis morgen auf ihr Handy verzichten konnte – wenn’s sein musste –, dann durfte sie auch gleich nach Hause gehen.

Er nahm nur noch schnell ihre Personalien auf, sie hieß Luna Herder, war Studentin aus Eimsbüttel. Dann bat er sie, am nächsten Morgen um elf Uhr aufs Präsidium zu kommen, und ließ ihr von den Kollegen vom PK 31 ein Taxi rufen.

Tamme steckte ihr Mobiltelefon in einen Beweisbeutel. Viel Hoffnung machte er sich allerdings nicht, auch die anderen Fahrgäste hatten reichlich Fotos geschossen.

Mal gucken, was die beiden Typen auf dem Baumstamm zu bieten hatten.

»Auf gar keinen Fall!« Ein Schrei ließ Tamme innehalten. Er sah sich um.

Der Mann mit dem Karohemd! Franzi hielt sein Smartphone mit einer Hand in die Höhe, mit der anderen bedeutete sie ihm, Abstand zu halten.

»Auf gar keinen Fall!«, rief der Mann erneut.

»Gibt’s ein Problem?« Tamme baute sich vor ihm auf.

»Er hat ein paar interessante Aufnahmen gemacht«, Franzi nahm den Arm herunter. »Wenn Sie uns Ihr Telefon nicht freiwillig als Beweismittel überlassen, können wir es auch beschlagnahmen.«

»Ich brauche mein Telefon.« Jetzt jammerte der Mann.

Franzi seufzte. »Tamme, kommst du hier allein klar? Dann fahre ich mit ihm auf die Wache und überspiele die Daten.«

Tamme nickte. Außer den beiden Baumstammhockern blieb nur noch der Busfahrer, wenn überhaupt, das konnte er auch allein erledigen.

Ein Notfallsanitäter eilte auf sie zu. »Dem Fahrer geht es besser, er will nach Hause. Sofort.«

»Ein bisschen muss er sich gedulden.« Tamme besprach sich kurz mit Franzi, dann begleitete er den Sanitäter zum Rettungswagen.

Auf der Trage kauerte ein Mann in Tammes Alter, die schwarze Stoffhose am Knie aufgerissen, das Fischerhemd befleckt vom Blut der Toten, und starrte auf den Boden. Neben ihm baumelte ein halb leerer Infusionsbeutel an einem Haken.

»Ich habe ihm ein Beruhigungsmittel gegeben«, flüsterte der Sanitäter.

»Claußen, Mordkommission!« Tamme zwängte sich auf den Klappsitz ihm gegenüber.

»Ich muss zu meiner Frau.« Der Mann hob den Kopf, seine Stimme leierte, wie früher eine kaputte Kassette. Hatte der Sanitäter mit der Dosierung übertrieben?

»Erst müssen Sie mir ein paar Fragen beantworten. Können Sie sich ausweisen?«

Der Mann fummelte in seiner Hosentasche nach einer Plastikhülle. »Ich bin Deutscher. Ich will zu meiner Frau.« Er zog seinen Personalausweis aus der Hülle und reichte ihn Tamme.

»Igor Popov, geboren am 15.07.1978 in Poltawa, Ukraine«, las Tamme.

Der Mann nickte.

»Wir machen es schnell. Kennen Sie die Tote?«

»Nein.« Entrüstung.

»Haben Sie gesehen, woher sie kam?«

Popov verneinte erneut, er habe nur auf die Straße gesehen. »Und plötzlich war sie da. Wie der Hirsch.«

Hirsch? Wovon redete der Mann?

Er habe einmal einen Hirsch angefahren, erklärte Popov. Der war auch plötzlich vor ihm auf der Straße gewesen. Keine Chance auszuweichen. Popovs dunkle Augen wurden noch dunkler.

Tamme wollte nach Mila fragen, als sein Handy zwitscherte. Svea? Er zog das Handy aus der Jackentasche.

SMS von Imke. Was wollte seine Ex? An einem Samstagabend? War sie da nicht immer mit ihrem Neuen unterwegs?

»Tamme!« Svea erschien in der Tür des Rettungswagens. »Wir wissen, wer die Tote ist.«

3

Helena Pahde.

Kein Wunder, dass die Kollegen vergebens versucht hatten, die Praxisinhaberin zu erreichen. Sie konnte nicht ans Telefon gehen. Nie mehr.

Als Svea entlang der weiß umkreisten Flecken zurück zum Haus lief, erschien Pahdes Gesicht vor ihrem Inneren. Bildschön wie auf dem Foto im Treppenhaus, blutverschmiert wie auf der Bahre. Schöne Helena, wer hat dir den Hals aufgeschlitzt?

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Svea Kopetzki