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Willkommen in Monsterville

Als Buch hier erhältlich:

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Dein Lehrer ist eine Mumie? Eure Bibliothekarin eine Schlange? Und keinen außer dir scheint das irgendwie nervös zu machen? Willkommen in Ost-Emerson!

Als Ben nach Ost-Emerson zieht, wird ihm schnell klar, dass diese Kleinstadt anders ist. Sie wird von einem Haufen Monstern bewohnt. Mumien, Meerhexen, Zombies, Werwölfe, Maulswurfsmenschen … Ben muss hier weg! Doch dann verschwindet sein Hund Fred. Auf der Suche nach einem Lebenszeichen von ihm tauchen Ben und seine Freunde Lucy und Linus immer tiefer in die Geheimnisse von Ost-Emerson ein – und machen dabei Bekanntschaft mit ziemlich ungemütlichen Monstern …

»Absolut empfehlenswert!« kidsbestbooks.com


  • Erscheinungstag: 16.09.2019
  • Aus der Serie: Monsterville
  • Bandnummer: 1
  • Seitenanzahl: 160
  • Altersempfehlung: 9
  • Format: Hardcover
  • ISBN/Artikelnummer: 9783748800057

Leseprobe

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EINE TODERNSTE WARNUNG

an Den kinds-mensch, der dIeses buch in händEn hält:

ich flehe dich an – lies eS nicht.

nun mach schon. lEg es weg. ich werde auch nicht beleidigt Sein. schließlich haBe ich ein fUrchtbar enttäusChendes leben Hinter mir, also wieSo solltesT du irgendEin interesse daran haben, diese gesChichte zu lesen, deren niederschrift mich so viel mühe geKostet hat? was ich zu erzählen habe, dürfTte noch grässlicher und grauenVoller ausfallen als mein grOteskes gesicht – und etwas so abstoßendes kannst du dir nicht einmaL vorstelLEn.

du glaubst miR nicht? dann hör Gut zu: als ich zur wElt kam, scHrie die hEbamme auf und der arzt fIel in ohnMacht. meine mutter warf einen einzigen bliCk auf mich, verzOg Das gesicht, als hätte siE in eine Sehr saure zitRrone gebissen, und rief: »du meine güte! offenbar haben wir eine ausgeburt der hölle geschaffen!« bald darauf ließ mich mein vater am rande eines dunklen waldes zurück …

aber genug davon. wir wollen über eine andere geschichte sprechen, nÄmlich über die, die du gerade in händen hälTSt und die du, wenn du auf mEinen dringenden rat hören wiLlst, aUf keineN fall lesen wirst.

Du musst dieses buch schleunigst loswerden. wirf es in den papierKorb. oder nein, zerstöR es lieber ganz. überfahr es mit deinem fahrrad, stopf es in einen gullY, schleuder es von einem berggiPfel, schmeiß es ins nächsTbeste feuer – aber natürlich unter elterlicher aufsicht.

ja, tu’s jetzt gleich. ich warte sOlange.

was machst du noch hier? jetzt hör schon auf zu lesen!

(bitte?)

du liest immer noch, oder? herrGott noch mal! miR scheint, du bist zäher, Als Man es von deinesgleichen gewohnt ist. na schön. wenn du schon dein herz vor Mir vErschließt, kann ich vielleicht wenigstens deinem kOpf vernunft einBläuen. drei gründe, wieso du Dieses bUch auf der Stelle vergessen solltest:

  1. weil Ich ein monstEr bin. und weil monster, wie nun wirklich jeder weiß, keine schriftsteller sind. jedenfalls keine guten.

  2. weil es sich bei dieser geschichte um eine Wahre geschichte handelt und wahre geschichten langweilig sind. unwahre geschichten, also rOmane, sind viel interessanter.

  3. weil sich die folgenden kapitel um monster, mytHen, magie und mörderische mutanten drehen und um das mysteriöse schicksaL von amerikAs erster verlorener kolonie. solltest du dich also überraschenderweise nicht langweiLen, wirst du vor angst, grauen und entsetzen bibbern.

willst du das wirkLich?

du willst Es wirklich!? wie kann man nur so verrückt, so hirnverbrannt … aber gut, es ist deine entscheidung, und die respektiere ich. selbst wenn ich dir aus tieFster innerer überzeugung abraten würde.

es hat wohl keINen sinn, noch weiter mit dir zu diskutieren. deshalb will ich es mit Betteln versuchen. bitte bitte bitte bitte bitte bitte bitte bitte bitte bitte bitte bitte (ist Das nicht das todeszauberwort?) liEs diese geschichte Nicht. sie würde dich bloß zu tränen langweilen oder in kranKhaftes gelächter Ausbrechen lassen oder aber … zu tode erschreckeN.

wie ich sehe, liest du immer Noch. dir ist wahrlich nicht zu helfen.

also gut. ich habe getan, was ich konnte. du wurdeSt gewarnT.

mit besten und übelsten grüßen

verachtungsvoll

Adam Monster

ps: das solltest du noch wissen:

Im Jahr 1587 gingen 115 Männer, Frauen und Kinder am Ufer der Insel Roanoke vor der Küste Amerikas von Bord eines englischen Schiffs.

Im Auftrag von Königin Elisabeth I. und des Entdeckers Sir Walter Raleigh sollten die britischen Siedler eine englische Kolonie in der Neuen Welt errichten. Doch bereits kurz nach der Ankunft wurde die Gruppe von unerwarteten Schwierigkeiten heimgesucht. Um von ihrer verzweifelten Lage zu berichten und Hilfe zu holen, machte sich der Gouverneur John White nach England auf. Dabei ließ er 115 Kolonisten zurück, also die 114 Personen, die ursprünglich mit ihm den Atlantischen Ozean überquert hatten, und eine weitere: Whites neugeborene Enkeltochter Virginia Dare, das erste englische Kind, das auf amerikanischem Boden zur Welt kam.

Eigentlich beabsichtigte White, unverzüglich mit einer Versorgungsflotte zur Kolonie zurückzukehren, doch der Englisch-Spanische Krieg machte ihm einen Strich durch die Rechnung. Da jedes kriegstaugliche Schiff Englands in die Schlacht geschickt wurde, war es ihm unmöglich, rasch zu seiner Familie nach Roanoke aufzubrechen. Erst nach drei langen Jahren konnte er sich einer Kaperfahrt nach Amerika anschließen. Am 18. August 1590, dem dritten Geburtstag seiner Enkelin, landete White am selben Strand wie vor so langer Zeit. Die Siedlung war verlassen. White und seine Männer suchten und suchten, aber die 115 Kolonisten waren verschwunden.

Die ganze Kolonie schien sich in Luft aufgelöst zu haben, ohne eine Spur zu hinterlassen. Bis auf eine – ein einziges, in einen Baum geritztes Wort:

CROATOAN

Knapp 450 Jahre lang blieb das Schicksal der »Verlorenen Kolonie« ein ungelöstes Rätsel. Bis heute …

pps: das wirst du auch noch brauchen:

gern geschehen.

Adam Monster

EINS
DER NEUANFANG

Bens Leben war vorbei.

Nein, tot war er nicht – noch nicht. Aber es kam ihm vor, als würde alles zu Ende gehen, und dieses Gefühl drohte ihn zu ersticken.

In der zweiten Oktoberwoche musste Ben Hunter sein ganzes Leben in Pappkartons packen. Seine Videospiele, seine Comic-Hefte, seinen Fußball, Fotos von Freunden, die er womöglich nie wiedersehen würde, einfach alles wanderte in Kisten. Und jedes Mal, wenn Ben eine davon zuklebte, zog sich sein Inneres zusammen. Mit jedem Mal wurde wieder ein Nagel in den Deckel seines Sargs geschlagen.

Als er an dem verhängnisvollen Freitag aufwachte, musste Ben feststellen, dass seine Mutter schon das Auto samt Anhänger beladen hatte. »Wir müssen los«, sagte sie.

»Ich will aber nicht«, jammerte er.

»Es tut mir leid, Ben. Uns bleibt nichts anderes übrig.«

Werte Leserin, werter Leser, du kannst dir sicherlich vorstellen, wie Ben sich fühlte. Ihm war elend zumute.

Ben saß neben seiner Mutter auf dem Beifahrersitz und starrte mit Tränen in den Augen aus dem Fenster. Die Arme hatte er fest vor der Brust verschränkt, und zwar seit sie den Bundesstaat New York verlassen hatten. Er wollte nicht weg von zu Hause. Er wollte nicht in eine andere Stadt ziehen. Und von dem »Neuanfang«, von dem seine Mutter andauernd sprach, wollte er erst recht nichts wissen.

Sie fuhren an der Ostküste entlang in Richtung Süden. In einer Pause zwischen zwei Liedern im Radio fragte seine Mutter: »Und du willst wirklich nie wieder mit mir sprechen?«

»Nein«, antwortete Ben knapp.

Die Straße führte sie durch kleine Orte und große Städte, vorbei an Tankstellen und Raststätten und unzähligen Bäumen, und Ben dachte die ganze Zeit nur: »Das ist doch Scheiße.« Tatsächlich meinte er: »Ich werde nie wieder Freunde finden und nie wieder Spaß haben. Wie denn, wenn wir in irgendein superödes Kaff im Nirgendwo ziehen?«

Werte Leserin, werter Leser, eines wusste Ben nicht – ich aber, dein bescheidener Erzähler, weiß Bescheid: Er lag weit daneben. Über die Stadt, die ihn erwartete, lässt sich vieles sagen, aber nicht, dass sie langweilig ist.

Kurz nachdem sie hinüber auf eine kleine Insel in Dare County gefahren waren, entdeckte Ben das Ortseingangsschild von Ost-Emerson. Daneben erhob sich ein riesiger abgestorbener Baum mit einem eingeritzten Wort in der Rinde: CROATOAN.

»Croatoan?«, wunderte Ben sich. »Was soll das denn heißen?«

Seine Mutter zuckte mit den Schultern. »Keine Ahnung. Vielleicht: ›Wenn Sie einen Neuanfang brauchen, sind Sie hier genau richtig!‹«

»Oder das genaue Gegenteil«, murmelte Ben.

Als sie in eine Einkaufsstraße einbogen, zeigte Bens Mutter lächelnd aus dem Fenster. »Guck mal, das ist der Hauptplatz. Da gibt es eine Bücherei, die Post, ein Café, einen Antiquitätenladen und sogar ein kleines Kino. Ist das nicht aufregend?«

»Wieso? In New York City gibt’s eine Million Kinos«, flüsterte Ben. Die Geschäfte wirkten uralt, ihre Schilder waren verblasst. Nichts Modernes, Glitzerndes weit und breit. Und nichts Vertrautes. Auf einem fernen Planeten hätte Ben sich kaum fremder gefühlt.

»Und guck dir mal den Secondhandladen an«, meinte seine Mutter. »Was für witzige Masken die da haben.«

Witzig waren die Masken im Schaufenster des merkwürdigen Geschäfts ganz bestimmt nicht – sie waren ein schrecklicher Anblick. Gruselige Tierfratzen, grässliche Menschenfratzen, etliche teuflische Teufelsfratzen. Im Vorbeifahren fühlte Ben sich von ihren Blicken verfolgt. Die Härchen in seinem Nacken richteten sich auf.

»Ist das eine hübsche Gegend«, bemerkte seine Mutter. »Wie viel Platz hier überall ist! Riechst du die frische Luft?«

»Riecht eklig.«

»Ich weiß«, fing sie an, »das ist schwer f-«

»Schwer?«, fiel Ben ihr ins Wort. »Schwer!? Matheaufgaben sind schwer. Fast ans andere Ende vom Land zu ziehen, das ist schwerer als schwer, das ist die … die bescheuertste Aktion in der Geschichte der Bescheuertheit!«

Auf der Rückbank bellte Bens Hund. Dann steckte Fred seinen Riesenkopf wieder aus dem Fenster.

»Siehst du? Sogar Fred ist meiner Meinung«, stöhnte Ben und tätschelte seinen vierbeinigen Freund. »Hätten wir nicht wenigstens noch bis nach Halloween warten können?«

»Du weißt doch, dass das nicht …« Seine Mutter verstummte.

»Ja, schon klar«, sagte Ben und schwieg ein paar Sekunden. »Marcellus und ich sind ja auch nur seit der ersten Klasse beste Freunde«, murmelte er dann. »Und er schmeißt ja auch bloß die fetteste Gruselparty aller Zeiten. Und wir beide haben ja auch nur unsere Verkleidungen miteinander abgesprochen, damit wir den besten Auftritt überhaupt hinlegen können. Aber jetzt werde ich an Halloween wahrscheinlich allein zu Hause hocken und irgendwelchen wildfremden Leuten Süßkram in die Hand drücken.«

Insgeheim machte Ben sich jedoch über etwas anderes Gedanken: dass Marcellus sich einen neuen besten Freund suchen könnte. Die Vorstellung, er könnte einfach weitermachen und seinen alten Kumpel und ihre gemeinsame Zeit vergessen, war unerträglich. Alles veränderte sich – Ben hätte seine Verzweiflung am liebsten laut herausgeschrien. Und er hätte es auch getan, wäre ihm auf der Straße nicht plötzlich ein seltsamer Mann aufgefallen. Er trug einen Trenchcoat und war von Kopf bis Fuß in Bandagen gehüllt – sogar sein Gesicht. »Guck dir den armen Typen da an«, sagte Ben. »Glaubst du, er hat eine Krankheit? Könnte doch sein, dass die ganze Stadt irgendwie verseucht ist.«

»Ist sie nicht, Ben«, erwiderte seine Mutter.

»Vorsicht ist besser als Nachsicht. Ich würde vorschlagen, wir kehren einfach um und fahren wieder nach Hause. Am besten sofort.«

»Jetzt gib der Stadt doch erst mal eine Chance, Ben!«

»Du hast Dad doch auch keine Chance gegeben!«, stieß er hervor.

Frau Hunter – oder neuerdings Fräulein Hunter, der Trennung von ihrem Ehemann wegen – verzog das Gesicht und atmete tief ein. Eine Träne rann über ihre Wange, sie wischte sie weg. Als Ben das sah, verkrampfte sich sein Bauch. Jetzt tat es ihm wieder leid.

»Benjamin Hunter«, flüsterte Bens Mutter mit fester Stimme, »das ist jetzt unser Zuhause. Diese Stadt ist unser Neuanfang. Wir müssen das Beste daraus machen, wir müssen positiv denken und respektvoll miteinander umgehen. Haben wir uns verstanden?«

»Na gut«, antwortete Ben, aber ob er es wirklich ernst meinte? Er wusste es selbst nicht.

Werte Leserin, werter Leser, ich muss um etwas Geduld mit dem jungen Herrn Hunter bitten. Er wird noch eine ganze Weile meckern und jammern und sich über seine Mutter aufregen. Meiner Ansicht nach benimmt er sich wie ein Kleinkind. Ich, der ich von meinen Eltern am Rande eines dunklen Waldes ausgesetzt wurde, woraufhin sie auf Nimmerwiedersehen verschwanden, finde es ausgesprochen anständig von Bens Mutter, dass sie ihn überhaupt bei sich behalten hat. Sie hätte ihn doch ebenso gut zurücklassen können wie überflüssigen Ballast … aber meine Meinung ist hier nicht gefragt. Meine Aufgabe ist es, Bens Geschichte zu erzählen.

Als sie um eine Ecke bogen, sah Ben einen Roboter die Straße entlanglaufen. Der Roboter blieb stehen, um sich mit einer Frau zu unterhalten, die nicht sehr lebendig wirkte. Es war eine Tote, genauer gesagt eine Untote, die ein Kleid und einen Blumenhut trug, beides von Erde verdreckt – war sie gerade ihrem Grab entstiegen? Da winkte sie einem Nachbarn, und ihr Arm brach am Ellenbogen ab.

Ben rieb sich die Augen und schaute noch einmal genauer hin. Aber es war zu spät, sie waren schon wieder abgebogen. Die sonderbaren Gestalten waren außer Sicht.

Weiter vorn entdeckte Ben ein altes Haus, dessen Dach von Geistern umschwärmt wurde. Auf der Terrasse stach eine Schar von Kobolden mit Messern auf Kürbisse ein, und nebenan schleifte ein hagerer Greis mit Kettensäge in der Hand ein fest verschnürtes Einhorn in seine Garage. Plötzlich hallte ein schrilles Kreischen durch die Luft. Ben spähte in die Höhe. Zwei Flugsaurier durchkreuzten den Himmel.

Er traute seinen Augen nicht. »Was zur Hölle …?«

Dann fiel ihm wieder ein, welchen Monat sie hatten. Oktober! Sofort zog Ben den logischen Schluss. »In Ost-Emerson ist Halloween anscheinend eine echt große Nummer«, sagte er zu seiner Mutter. »Die laufen jetzt schon alle in Verkleidung rum und dekorieren ihr Haus, und wie’s aussieht, geben sie einen Haufen Geld für Requisiten und Riesenflugdrachen und so weiter aus.«

»Wirklich? Ist mir gar nicht aufgefallen«, meinte Bens Mutter. Sie überprüfte noch einmal die Hausnummern, an denen sie gerade vorbeirollten, und lenkte den Wagen in die Einfahrt eines urigen zweistöckigen Hauses. »Egal – da wären wir! Das ist unser neues Zuhause!«

Frau Hunter – bitte um Verzeihung, ich meine natürlich Fräulein Hunter – sprang aus dem Auto, umrundete es und öffnete die Beifahrertür. »Kommst du?«

Ben schüttelte den Kopf.

»Oder soll ich die ganze Nacht hier draußen herumstehen und warten? Wie du willst!«

»Was ich will?«, murmelte Ben. »Ich will nach Hause.«

»Das ist jetzt unser Zuhause. Bitte, Ben.«

»Ach, Mann! … Na gut …« Nachdem er ächzend ausgestiegen war, stieß Ben einen Pfiff aus. »Komm schon, Fred.«

Fred, ein großer Anatolischer Hirtenhund, der jetzt Bens einziger Freund im ganzen Bundesstaat war, sprang aus dem Auto. Erst machte er sich ganz lang, um dann einmal kräftig Körper und Fell auszuschütteln. Dabei entdeckte er ein Eichhörnchen. Doch statt ihm nachzujagen, versteckte er sich wimmernd hinter Bens Bein.

Als Ben sich genauer umsah, wurde ihm speiübel. Der Vorgarten war von kahlen Stellen und Löchern übersät. Der Briefkasten hing von der Stange wie ein sterbender Vogel. Und das Haus selbst? Der Schornstein schien aus Totenschädeln gemauert zu sein, und darunter blätterte die erbsengrüne Farbe von der Fassade ab, als hätte das ganze Gebäude einen schlimmen Sonnenbrand. Übrigens konnte Ben Erbsen nicht leiden.

»Sieht das nicht wundervoll aus?«, meinte Fräu- … Ach, das sagt doch kein Mensch mehr! Frau Hunter meinte also: »Ein frischer Anstrich, und alles ist so gut wie neu.«

Ben beschloss, mal etwas Nettes zu sagen. Das kam dabei heraus: »Ja, es ginge wahrscheinlich noch abgerissener.«

»Und wie groß es ist!« Seine Mutter sperrte die Haustür auf. »Da drin werden wir beide leben wie in einem Palast. Es ist fast dreimal so groß wie unsere alte Wohnung in Brooklyn.«

»Die mir trotzdem besser gefallen hat«, flüsterte Ben. Besonders geräumig war die Wohnung wirklich nicht gewesen, aber sie war sein Zuhause. In Brooklyn kannte er den Weg zu seinen Freunden genauso gut wie den Weg zur Schule, und er kannte sogar die Katzen, die immer vor den Minimärkten herumlungerten. Hier kannte er nichts und niemanden. Alles war neu. Aber nicht aufregend neu.

Beim ersten Schritt ins Haus schlug Ben kalte, abgestandene Luft entgegen. »Riecht nach Riesenfurz.« (Hier, werte Leserin, werter Leser, muss man fairerweise festhalten: Es roch tatsächlich nach Riesenfurz.)

»Ich bitte dich, Ben!«, rief Frau Hunter. »Ich habe mir das doch auch nicht ausgesucht, aber nach der Sache mit deinem Vater …« Sie kämpfte gegen die Tränen an, wollte nicht schon wieder losheulen. »So eine Veränderung ist nicht leicht, ich weiß. Aber wir müssen das durchziehen. Und es wird schon werden. Das ist jetzt unser –«

»Unser Neuanfang«, sprach Ben für sie weiter. Er konnte es nicht mit ansehen, wenn seine Mutter weinte. Er konnte ihren Schmerz nicht ertragen – ihr tat das alles genauso weh wie ihm. Also schluckte er seine Gefühle hinunter und umarmte sie. Sie wischte sich schniefend über die Augen. »Es tut mir leid, Mom. Ich werde mir Mühe geben, okay? Du hast ja recht. Das wird schon.«

Frau Hunter zwang sich zu einem Lächeln. »Das ist die richtige Einstellung. So, jetzt gehst du mit Fred hoch, und ihr schaut euch die Zimmer an. Ihr dürft euch zuerst eins aussuchen.«

Von Fred gejagt, stieg Ben die knarrende Treppe hinauf. Er entschied sich für das Zimmer an der Vorderseite. Damit sich der Pupsgeruch wenigstens ein bisschen verziehen konnte, öffnete er das große Fenster zum Vorgarten. Auf der anderen Straßenseite entdeckte er zwei Kinder ungefähr in seinem Alter. Ein Junge saß lesend auf einer Veranda. Ein Mädchen spielte in der Einfahrt Basketball.

Ben winkte ihnen.

Der Junge mit der Brille bekam nichts davon mit, so tief steckte seine Nase in dem dicken Buch. Das Mädchen mit der Baseballkappe bemerkte Ben schon. Sie streckte ihm die Zunge heraus.

»Nett«, murmelte Ben vor sich hin.

Hinter ihm quietschte die Zimmertür und fiel von selbst ins Schloss. Ben zuckte zusammen. »Das war bestimmt nur der Wind«, überlegte er. Da sprang ihm der Zettel am geschlossenen Schrank ins Auge. Zuerst dachte er, der Text wäre in Geheimschrift verfasst – aber er stand nur auf dem Kopf.

Irgendetwas kratzte von innen an der Schranktür. Ben huschte ein kalter Schauer über den Rücken, aber sicherlich kam auch das nur vom Wind … Er streckte die Hand nach dem Türknauf aus. Was sich dahinter wohl verbarg? Vermutlich nur ein paar muffige Klamotten. Oder ein stinkendes Katzenklo. Bestimmt nichts allzu Gruseliges. Oder doch?

Nach einem tiefen Atemzug drehte Ben den Knauf herum. Im selben Moment schwang die Tür auf, und eine Motte flog hinaus – eine Motte von der Größe eines kleinen Sofas. Wild flatternd wirbelte sie den Staub auf, um dann im Sturzflug auf Ben zuzurasen. Er schrie. Fred bellte und schnappte im Sprung nach der Kreatur, wollte sein Herrchen beschützen. Da floh sie durchs offene Fenster und in den Himmel hinauf. Ben brüllte immer noch. Was er allerdings erst bemerkte, als Frau Hunter ins Zimmer gestürmt kam. »Was ist? Was ist los?«

»Da war eine Monstermotte!«, rief Ben. »Sie war größer als Fred! Größer als ich!«

Allerdings war von ihr nichts mehr zu sehen. »Ben, bitte!« Frau Hunter presste sich die Hand auf den Brustkorb. »Schrei doch nicht so! Ich bin so schnell die Treppe rauf, mir wäre fast das Herz stehen geblieben! In alten Häusern sind immer ein paar Krabbelviecher unterwegs. Aber größer als Fred? Übertreib’s nicht.«

»Das ist nicht übertrieben!« Ben wollte seiner Mutter die sonderbare Nachricht am Schrank zeigen, doch die schien mit der Motte verschwunden zu sein. Er wollte es ihr erklären, aber was hätte das für einen Sinn gehabt? Er hatte keine Beweise.

Wenigstens glaubte Fred ihm. Was das angeht, ist auf Hunde immer Verlass. Außerdem hatte Fred das Untier ebenfalls gesehen. Nur blöd, dass er nicht sprechen konnte.

Den übrigen Nachmittag half Ben mit, die Kisten aus dem Kofferraum ins Haus zu schleppen und die Möbel vom Anhänger zu entladen. Bald schon ging die Sonne unter, und Ben war vollkommen erschlagen. Er schaltete den Fernseher ein, aber der einzige Sender war in Schwarz-Weiß und total verrauscht. WLAN gab es auch nicht. Zum Essen bestellte seine Mutter etwas beim Chinesen, vergaß dabei jedoch das Wichtigste: die Frühlingsrollen.

In Brooklyn hatte Frau Hunter nie die Frühlingsrollen vergessen. WLAN-Empfang hatte man überall. Und zu sehen gab es immer etwas – entweder im Fernsehen oder auf der belebten Straße unter den Fenstern ihrer Wohnung.

Ben lief zum Fenster. Draußen war nichts zu sehen. Nichts als stille, lange Schatten.

»Ich weiß, es ist anders als früher«, meinte seine Mutter. »Aber du wirst dich schon daran gewöhnen.«

»Und wenn ich mich nicht daran gewöhnen will?«, entgegnete Ben.

Ohne Gute Nacht zu sagen, ging er hoch. Er drehte den Wasserhahn auf, als würde er Zähne putzen, und pfiff kurz darauf nach Fred. Der rannte die Treppe hinauf und gesellte sich zu Ben in ihr neues, dunkles Zimmer. Ben knipste seine Nachttischlampe an – die Glühbirne blitzte einmal knisternd auf und erlosch. »Na super«, murmelte er. »Ich kann nicht mal im Bett Comics lesen.«

Er hockte in einem düsteren Gruselhaus, in dem noch dazu rein gar nichts funktionierte. Jeder andere Ort auf der weiten Welt wäre ihm lieber gewesen. Aber er war hier.

Ben rollte seinen Schlafsack auf der Matratze aus, die auf dem schmutzigen Zimmerboden lag, und kroch hinein. Er erinnerte sich an seine erste Nacht in diesem Schlafsack – damals beim Zelten auf dem Land mit seinen Eltern. Sein Vater hatte darauf bestanden, dass Ben sich für ein Wochenende komplett »ausstöpselte«: kein Handy, keine Videospiele, kein Fernsehen. Das wird die Hölle, hatte Ben gedacht, doch dann wurde es ein Riesenspaß. Sie wanderten, angelten, schwammen … Sein Vater hatte das Ganze zu einem einzigen Abenteuer gemacht. Aber er war nicht mehr da. Der Mensch, der Ben so gut kannte wie niemand sonst, war weg. Wie sollte Ben ohne ihn in Ost-Emerson klarkommen?

Ob er wollte oder nicht, Ben musste ständig an seinen Vater denken und grübeln, ob er wohl auch an ihn dachte. In seinem Bauch tat sich eine große Leere auf. Das Gefühl, alles verloren zu haben.

Irgendwann, nach langer Zeit, hatte er sich endlich in den Schlaf geweint.

Als er aufwachte, schwebte Ben fünfzehn Zentimeter über dem Boden, sanft angeschoben von einem leichten Wind. Er schüttelte den Kopf, um schneller munter zu werden. Prompt stürzte er ab und versank fünfzehn Zentimeter tief in Schlamm. »Was zur Hölle …«, stöhnte er. Bevor er noch weiter versumpfte, konnte er sich auf eine Steinstufe retten – die, wie er feststellte, zu einem Mausoleum gehörte. Ben befand sich auf einem Friedhof, umgeben von Grabsteinen und Kreuzen. Das Herz rutschte ihm in die Hose, er rieb sich die Augen. »Wo bin ich? Und wie bin ich hierhergekommen?«

In der Ferne rief eine Eule. Da der Mond hinter Wolken verborgen war, wirkte die Nacht umso schwärzer. Mitten auf dem Friedhof flackerte eine Flamme. Die musste Ben sich näher ansehen, also umrundete er schleichend das Grabmal. Da hörte er Stimmen und duckte sich instinktiv hinter einen alten Baum. Über seinem Kopf war das Wort CROATOAN in die Rinde geritzt. Mit den Fingern fuhr er die Kerben nach. Dann linste er vorsichtig um den Stamm herum.

Rund um ein blau leuchtendes Lagerfeuer standen dreizehn Gestalten in dunklen Umhängen. Begleitet von leisem Gesang, trat eine hochgewachsene Frau in ihre Mitte und zog ihre Kapuze zurück. Mit Perlen durchwirkte, dunkelviolette Dreadlocks quollen hervor. Ben sah die Frau gebannt an. Sie war genauso schön wie Furcht einflößend. Als sie ihre tätowierten Hände hob, schwoll der seltsame Singsang an.

Mit krächzender Stimme rief die Frau Worte in einer Sprache, die Ben nicht verstand – sie klangen wie knirschende Glasscherben. Sein Magen rumorte, als hätte er etwas Verdorbenes, Ekelhaftes zu sich genommen. Die Frau mit dem violetten Haar warf etwas ins Feuer, das daraufhin in strahlendem Smaragdgrün aufflammte. Der Rauch knisterte elektrisch, wie ein grollendes Miniaturgewitter. An Bens Armen richteten sich die Härchen auf, als hätten sie einen Ruf vernommen. Ozongeruch stieg ihm in die Nase.

Es war genau wie in den Videospielen, die seine Mutter ihm immer verbieten wollte, weil er angeblich zu jung dafür war: Jeden Moment würde etwas Grauenvolles geschehen. Vielleicht würden die Toten aus ihren Gräbern steigen oder ein Portal ins Reich der Finsternis würde sich öffnen. So oder so wollte Ben hier weg – stattdessen zog es ihn aber wieder vorwärts. Seine Füße hoben von der Erde ab, er schwebte und konnte sich gerade noch an dem Baum festhalten.

Sein Herz trommelte im Brustkorb, alles in ihm schrie danach, endlich von hier zu fliehen. Doch die Schwerkraft spielte nicht mit. Es war wie beim Seilziehen, und Ben war das Seil. Wer zerrte am anderen Ende?

»Wieso gehorcht unsere dunkle Magie nicht?«, rief die Frau. »Wo bleibt unsere Opfergabe? Sie sollte längst eingetroffen sein.«

Dunkle Magie? Opfergabe?, staunte Ben. Ist das eine Hexe, oder wie?

Eine der vermummten Gestalten, ein bärtiger Mann mit Ziegenbeinen, trat vor. Im Licht des Feuers glitzerte eine goldene Flöte – und jetzt hörte Ben auch die leise, zarte Melodie, die der Mann darauf spielte. Etwas so Schönes, so Wundervolles hatte er noch nie vernommen. Die Musik zog ihn förmlich an. Ja, dieses Lied hatte ihn hierhergetragen wie ein Laubblatt im Wind. Ben klammerte sich an den Baum … doch gegen seinen Willen öffneten sich seine Hände, und es trieb ihn erneut vorwärts. Hohes Gras kitzelte ihn an den Füßen. Eine Art unsichtbares Seil zog ihn immer weiter.

Trotz seiner Angst durfte Ben nicht schreien. Noch war er ein Stück von den Gestalten entfernt, noch hatten sie ihn nicht entdeckt, doch bald würde er die Lichtung erreichen. Was hatten sie mit ihm vor? Die Hexe hatte eine »Opfergabe« erwähnt … wollten sie ihn etwa umbringen? Bens Gedanken brodelten vor düsteren Theorien, da huschte ihm auf einmal ein leuchtender silberner Fuchs in den Weg. Nein, es war eine Füchsin. Sie biss ihm leicht ins Bein, ein kleines bisschen Blut tropfte herunter. Dann sagte sie: »Hör nicht auf das Lied des Pan, verschließ die Ohren, so du kannst. Beim Eisen in deinem Blut, bleibe im Matsch, da steht es sich gut.«

Das unsichtbare Seil, das an Ben gezerrt hatte, war zerschnitten. Er verharrte, wo er war, und sank wieder nach unten, in den Morast.

Fassungslos blickte er auf das Tier hinab. »Hast du gerade wirklich mit mir gesprochen?«, flüsterte er. »Was ist das hier? Was ist hier los?«

»Holen sie dich in der heutigen Nacht, Simon sich erhebt und zu seinem Raubzug aufmacht.«

»Was? Welcher Simon?«

»Wo bleibt der Junge!?«, schrie die Hexe mit den violetten Haaren. Sie rammte ihre Faust gegen einen Grabstein und zerschmetterte ihn damit zu Staub. »Bringen wir unser Opfer nicht unverzüglich dar, ist die Gelegenheit vorüber! Und wir haben einen weiteren Monat vergeudet!«

»Wir geben uns Mühe, Herrin«, sagte eine der vermummten Gestalten.

»Dann gebt euch mehr Mühe!«, befahl sie. In einen alten Baum schlug ein Blitz ein. Nur ein flammendes Skelett blieb davon übrig.

»Die Schicksalsgöttinnen haben dich an diesen Ort gebracht, auf dass du abwendest das Ende und brichst der Furcht Macht«, erwiderte die Füchsin sanft. Ihr Fell schimmerte, als wäre es aus reinem Mondlicht gewoben. »Die Kraft der drei musst du vereinen, die Stadt zu befreien, erst dann wird sich die Wahrheit zeigen.«

»Das verstehe ich nicht«, erwiderte Ben.

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