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Der erste Blick, der letzte Kuss und alles dazwischen

hier erhältlich:

Die Buchvorlage zum erfolgreichen Film auf Netflix!

Ab morgen wird Clare an der Ostküste studieren und Aidan auf ein College in Kalifornien gehen. Clare ist skeptisch, ob ihre Beziehung trotz der Entfernung zwischen ihnen bestehen kann. Dennoch lässt sie sich darauf ein, gemeinsam mit Aidan all die Orte aufzusuchen, die für ihre Liebe eine Rolle gespielt haben. Können zwölf Stunden Clares Entschluss beeinflussen? Im Morgengrauen ist der Moment der Wahrheit gekommen: Ist es eine Trennung auf Zeit oder ein Abschied für immer?

"Smith ist ein echter Gewinn!"
VOYA

"Ein neuer cleverer Geniestreich von Jennifer E. Smith"
Kirkus Reviews


  • Erscheinungstag: 05.02.2018
  • Seitenanzahl: 256
  • Altersempfehlung: 14
  • Format: E-Book (ePub)
  • ISBN/Artikelnummer: 9783959677356

Leseprobe

Für Jenn,
mit ganz viel Dankbarkeit

Prolog



Als Aidan die Tür öffnet, stellt Clare sich auf die Zehenspitzen, um ihn zu küssen, und für einen Moment fühlt es sich so an, als wäre heute ein ganz normaler Abend.

»Hi«, sagt sie.

Er lächelt. »Hi.«

Sie schauen sich einen Augenblick an, nicht sicher, wie sie anfangen sollen.

»Also«, meint Clare schließlich.

Aidan versucht es erneut mit einem Lächeln. »Also.«

»Ich schätze, es ist so weit.«

Er nickt. »Das schätze ich auch.«

»Unsere letzte Nacht«, erwidert sie, und er neigt den Kopf etwas.

»Du weißt, dass es nicht die letzte sein muss.«

»Aidan …«

»Ich weiß, ich weiß.« Er hebt die Hände. »Doch du kannst es mir nicht verübeln, oder? Mir bleibt nur das bisschen Zeit, um dich umzustimmen.«

»Nur zwölf Stunden.« Sie blickt auf ihre Uhr. »Nicht zu fassen, dass das alles sein soll.«

»Und das auch nur, wenn wir nicht schlafen.«

»Wir werden auf keinen Fall unsere Zeit mit Schlafen verschwenden.« Sie holt ein gefaltetes Blatt Papier aus der Tasche ihres Kleides. »Wir haben so viel zu tun.«

Langsam zieht Aidan eine Augenbraue hoch. »Das ist hoffentlich keine Liste mit Gründen, warum wir uns trennen sollten …«

»Nein.« Sie reicht ihm den Zettel und sieht dabei zu, wie er irritiert zu lesen beginnt. »Ich dachte bloß, ein Plan wäre gut.«

»Und das ist er?«

Sie nickt. »Das ist er.«

»Okay.« Er holt tief Luft. »Dann sollten wir besser anfangen.«

Sie laufen zum Auto, aber auf halber Strecke stoppt Clare plötzlich. Mit einem Mal ist sie nervös, das Herz hämmert wild in ihrer Brust. Ängstlich schaut sie Aidan an. »Es ist schon verrückt, oder?«

»Was?«, fragt er.

»Dass wir morgen weggehen.« Ihre Stimme ist schriller als gewöhnlich. »Nach allem, was geschehen ist, bleiben uns nur noch zwölf Stunden. Ich meine … wir sind endlich angekommen. Am Ende des Weges.«

»Oder am Anfang.«

Clare antwortet nicht; sie möchte ihm so gern glauben, doch das kann sie nicht, dazu ist die Veränderung, vor der sie stehen, zu gewaltig.

»Vertrau mir.« Aidan greift nach ihrer Hand. »In zwölf Stunden kann viel passieren.«

Station # 1
Die Highschool

18:24 Uhr

Aidan zögert, bevor er den Autoschlüssel ins Zündschloss steckt, und einen kurzen Moment lang stellt Clare sich vor, sie würden einfach nur zusammen Essen gehen oder ins Kino oder sonst wohin fahren, ziellos und ohne Sorgen, weil sie wie so oft zuvor nichts anderes zu tun haben.

Aber dieser Abend ist anders.

Denn das ist kein Anfang. Es ist das Ende.

Aidan hält die Hand immer noch über den Schlüssel, und Clare blickt auf den Notizzettel in ihrem Schoß. Während ihres kurzen Spaziergangs zum Haus der Gallaghers – ein Weg, den sie in den letzten beiden Jahren sicher tausendmal gelaufen ist – hat sie das Blatt so oft gefaltet, dass es bereits ganz weich und zerknittert ist.

»Vielleicht sollten wir abhauen oder so was.« Aidan sieht sie von der Seite an. »Einfach fahren, bis wir in Kanada sind.«

»Kanada, ja?« Clare zieht die Augenbrauen hoch. »Sollen wir uns aus dem Staub machen?«

Er zuckt die Achseln. »Na schön. Dann eben nur bis Wisconsin.«

Sie legt die Hand in seinen Nacken, sein rötliches Haar ist frisch geschnitten, so kurz, dass er älter aussieht als sonst. »Ich muss gleich morgen früh los«, erklärt sie sanft. »Das Auto ist schon halb beladen. Und dein Flug geht mittags.«

»Ich weiß«, erwidert er, ohne sie anzuschauen. Den Blick hält er auf die geschlossene Garagentür gerichtet. »Das meine ich ja. Lass uns das alles vergessen.«

»Das College?«, fragt sie lächelnd und lässt die Hand sinken.

»Genau.« Er nickt. »Wer braucht das schon? Lass uns türmen. Nur für ein Jahr oder so. Wir beginnen ein neues Leben. Auf dem Land. Oder besser noch auf einer einsamen Insel.«

»Du würdest in einem Baströckchen sicher toll aussehen.«

»Ich meine es ernst«, entgegnet er, doch ihr ist klar, dass das nicht stimmt. Er ist nur verzweifelt und traurig, nervös und aufgeregt, schrecklich verunsichert, weil sie auf diese unsichtbare Grenze zusteuern, die ihr Leben in ein Vorher und Nachher teilen wird. Sie fühlt genauso.

»Aidan«, sagt sie leise, und diesmal blickt er sie an. »Es wird passieren. Morgen. So oder so.«

»Ich weiß.«

»Und deswegen müssen wir überlegen, wie wir damit umgehen.«

»Richtig, aber …«

»Nein«, unterbricht sie ihn und hält den Zettel hoch. »Schluss mit Reden. Wir haben den ganzen Sommer über geredet, und es hat uns nicht weitergebracht. Wir haben uns ständig im Kreis gedreht: zusammen bleiben, trennen, zusammen bleiben, trennen …«

»Zusammen bleiben«, ergänzt Aidan leicht grinsend.

Leise lacht Clare. »Es hat sowieso keinen Sinn, und deswegen hören wir auf zu reden. Lass uns losfahren, okay?«

Er beugt sich vor und dreht den Zündschlüssel um.

»Okay«, stimmt er zu.

Ihr erster Halt ist nicht weit entfernt, schweigend lassen sie all die vertrauten Orte vorbeiziehen: die Brücke über der Schlucht, die von Pinien gesäumte Straße, den Pavillon im Park. Clare versucht, jedes einzelne Bild festzuhalten. Wenn sie an Thanksgiving wieder hier ist, wird sie womöglich bereits ein komplett anderer Mensch sein, und dann wird ihr alles hier anders vorkommen. Weil der Gedanke ihr Angst einjagt, strengt sie sich an, sich alles genau einzuprägen. Jeden Baum, jede Straße, jedes Haus.

So hat heute Morgen, als sie aufwachte, auch alles angefangen. Es versetzte sie in Panik, wie oft sie sich noch würde verabschieden müssen. Nicht nur von Menschen: von Aidan selbstverständlich und von ihrer besten Freundin Stella; von Aidans Schwester Riley; von seinem Kumpel Scotty und von einer Handvoll anderer Freunde, die noch nicht weg sind.

Auch von der Stadt selbst. Von all den wichtigen Stationen ihrer Kindheit. Sie kann nicht gehen, ohne noch einmal den Park gesehen oder ein Stück Pizza in ihrem Lieblingsladen gegessen zu haben.

Und nicht, ohne noch einmal am Strand gewesen zu sein, eine letzte Party zu feiern, ein letztes Mal an ihrer Highschool vorbeizufahren.

Also begann sie, eine Liste zu schreiben, wobei ihr schnell klar wurde, dass so ziemlich alles, was ihr etwas bedeutet, untrennbar mit Aidan verbunden ist. Sie lebt praktisch in einer Geisterstadt, die gespickt ist mit Meilensteinen und Erinnerungen an ihre beinahe zweijährige Beziehung.

Und somit soll aus diesem Abend, aus dieser Nacht, etwas anderes werden: ein Nostalgietrip, eine Reise in die Vergangenheit, ein Schwelgen in Erinnerungen. Auf diese Weise will sie sich von der kleinen Stadt verabschieden, in der sie ihr ganzes Leben verbracht hat, und vielleicht – irgendwie – auch von Aidan.

Sie erschauert bei diesem Gedanken und drückt auf den Knopf, um das Fenster zu schließen.

Aidan sieht sie an. »Kalt?« Als sie nickt, macht er ebenfalls sein Fenster zu. Aber der Fahrtwind ist nicht der einzige Grund, der sie frösteln lässt. Es ist dieses eiskalte Grauen, das sie jedes Mal überfällt, wenn sie daran denkt; nicht nur an den Abschied, sondern an alles, was danach kommt: der Schmerz, der sie beide hundertprozentig bis ans jeweils andere Ende des Landes begleiten wird, so heftig, dass sie ihn schon jetzt spüren kann, obwohl Aidan nur Zentimeter von ihr entfernt ist.

Um ehrlich zu sein, wartet sie noch immer darauf, dass ihr Herz endlich die Entscheidung akzeptiert, die ihr Kopf längst getroffen hat. Aber die Zeit spielt gegen sie.

Während sie die lang gezogene Auffahrt ihrer Highschool erreichen, runzelt Aidan die Stirn. Er hält auf einem der vielen Parkplätze. »Also sag schon. Warum genau sind wir hier?«

Es ist früh an einem Freitagabend Ende August, das Gebäude steht still und verlassen da. Obwohl sie vier Jahre lang diese Schule besucht hat, kann Clare sich kaum noch an das Gefühl erinnern, wenn es hier von Schülern nur so wimmelte und alle in der Pause durch die Holztüren auf die Rasenfläche strömten. Es ist erst zwei Monate her, doch es kommt ihr viel länger vor.

Sie dreht sich zu Aidan um. »Weil die Schule der erste Punkt auf meiner Liste ist.«

»Das weiß ich«, entgegnet er. »Doch wieso?«

»Hier haben wir uns kennengelernt.« Sie steigt aus. »Und die Idee ist, mit dem Anfang zu beginnen.«

»Dann wird das hier also eine chronologische Schnitzeljagd.«

»Keine Schnitzeljagd. Ich betrachte es eher als Auffrischungskurs.«

»Auffrischungskurs in was?«

Sie lächelt ihn an. »In uns.«

»Also geht es sozusagen um unsere Greatest Hits.« Er lässt den Schlüsselbund um seinen Finger kreisen, läuft um das Auto herum auf sie zu, und einen Moment lang ist es so, als ob alles noch gar nicht passiert wäre. Für eine Sekunde ist er nicht der Mensch, den sie am besten auf der Welt kennt, sondern wieder der fremde Junge mit dem roten Haar, den Sommersprossen, fast schon lächerlich groß, der am ersten Tag des Junior Year wie aus dem Nichts auftaucht und ihr Leben auf den Kopf stellt.

Weil er direkt im Licht steht, muss Clare die Augen zusammenkneifen, um ihn einige Sekunden nachdenklich betrachten zu können. »Habe ich dir jemals erzählt, dass ich immer extra zu spät zum Englischunterricht gegangen bin, nur um dich auf deinem Weg zum Mathekurs zu treffen?«

»Also, jetzt fühle ich mich irgendwie schlecht«, erwidert Aidan, und es bilden sich Lachfältchen um seine Augen. »Wenn ich das gewusst hätte, wäre ich pünktlicher gewesen.«

»Das hätte keine Rolle gespielt.« Sie muss daran denken, wie er immer um die Ecke gebogen kam, die Bücher wie einen Football unter den Arm geklemmt, stets nach dem Klingeln, anfangs, weil er sich verlaufen hatte, und später, weil er die Zeit vergaß. »Ich hätte den ganzen Tag gewartet. Wahrscheinlich sogar bis in alle Ewigkeit.«

Das meint sie natürlich nicht ernst, aber in seinem Lächeln liegt Wehmut. »Ach ja?«

Sie zuckt mit den Schultern. »Ja.«

»Ich wünschte, das wäre noch immer so«, sagt er, nicht böse, er spricht es leise aus, ruhig, denn es handelt sich um eine simple Tatsache und einen aufrichtigen Wunsch.

Und doch versetzt es ihr einen Stich.

»Du musst damit aufhören«, stößt Clare hervor. »Hör auf, der Romantische von uns beiden zu sein.«

Aidan wirkt überrascht. »Was?«

»Das ist nicht fair«, sagt sie. »Ich hasse es, dass ich hier die Böse sein soll. Es ist ja nicht so, dass ich mit dir Schluss machen will. Es bringt mich schier um, darüber auch nur nachzudenken, aber ich versuche einfach, vernünftig zu sein. Ab Morgen werden wir eine Million Meilen voneinander entfernt sein, und es hat keinen Sinn, es irgendwie anders zu machen. Also musst du damit aufhören.«

»Aufhören … romantisch zu sein?«, hakt Aidan amüsiert nach.

»Ja.«

»Und hast du mal überlegt, dass du vielleicht weniger vernünftig sein solltest?«

Clare seufzt. »Einer von uns muss es ja sein.«

»Und zwar diejenige, die für unseren letzten Abend eine romantische Schnitzeljagd geplant hat?« Er schlingt einen Arm um ihre Schultern und drückt sie leicht.

Sie verdreht die Augen. »Das ist keine Schnitzeljagd.«

»Nun, egal, was es ist, mir kommt das ziemlich romantisch für jemanden vor, der so schrecklich vernünftig ist.« Er zieht sie an sich. Ihr Kopf landet an seiner Brust, sie muss das Kinn heben, um ihn anzuschauen. Er beugt sich herab und küsst sie. Obwohl sie sich schon tausendmal geküsst haben – sogar genau hier auf diesem Parkplatz –, spürt sie das Kribbeln im Bauch. Und auf einmal packt sie die Angst, weil sie nur noch so wenige Küsse vor sich haben.

Zusammen schlendern sie zur Eingangstreppe der Schule. Clare zerrt am Griff der großen Holztür, aber die bewegt sich nicht. Sie klopft ein paarmal für den Fall, dass sich darin ein Wachmann befindet, doch niemand öffnet.

»Die Schule geht erst in ein paar Wochen wieder los«, meint Aidan. »Ganz sicher ist an einem Freitagabend niemand hier.«

»Ich dachte, es gäbe vielleicht Sommerkurse oder so was …«

»Lass uns einfach mit dem nächsten Punkt weitermachen, was auch immer es ist.«

Clare schüttelt den Kopf. Sie weiß nicht, wie sie ihm klarmachen soll, worum genau es geht. Zwei komplette Jahre in eine einzige letzte Nacht zu packen; alle Puzzleteile aus der Schachtel zu schütten und sie dann in der richtigen Reihenfolge zusammenzufügen, damit sie das ganze Bild vor sich sehen können.

Und sich davon verabschieden können.

Aber um das zu tun, müssen sie mit dem Anfang beginnen.

»Nein.« Sie blickt an dem Steingebäude hinauf. »Es muss einen Weg hinein geben. Hier haben wir uns zum ersten Mal gesehen …«

Aidan lächelt. »In Mr. Coadys Erdkundeunterricht.«

»Genau«, sagt sie. »Nicht, dass du dich daran erinnern könntest.«

»Doch, natürlich erinnere ich mich.«

»Tust du nicht. Zumindest nicht an diesen ersten Tag.«

»Ach, jetzt komm schon.« Aidan lacht. »Wie könnte man dich vergessen?«

»Unmöglich.« Sie ist sich sicher, dass es nicht stimmt. Man kann alles Mögliche von ihr behaupten – dass sie klug und witzig ist, ehrgeizig und talentiert –, aber unvergesslich gehört mit Sicherheit nicht dazu. Was sie auszeichnet – das, worauf sie am meisten stolz ist –, zeigt sich erst, wenn man sie besser kennt. Auf den ersten Blick ist sie völlig unscheinbar: braunes Haar, braune Augen, durchschnittliche Größe und durchschnittliches Aussehen. Meistens geht sie einfach unter, was sie aber vollkommen in Ordnung findet: Man kann es in der Highschool wirklich schlimmer treffen. Es bedeutet allerdings auch, dass vor Aidan niemand sie jemals wirklich wahrgenommen hat.

An seinem ersten Tag setzte er sich an den Tisch direkt hinter ihr. Der Lehrer teilte Geoden aus, die herumgereicht werden sollten, und als sie an der Reihe war, nahm sie den Stein vorsichtig in beide Hände. Von außen sah er wie ein normaler Stein aus, doch innen war er mit glitzernden lila Kristallen gefüllt. Als sie sich umdrehte, um die Geode an den neuen Mitschüler weiterzugeben, hielt der den Blick fest auf den Stein gerichtet. Doch später – nachdem er sie endlich bemerkt hatte, nachdem ihnen beiden klar geworden war, dass hier etwas Neues begann – musste sie immer wieder an diesen Moment denken. Denn genau so fühlte sie sich, wenn sie bei ihm war … als wäre sie ihr Leben lang ein Stein gewesen, normal und langweilig, aber dann traf sie ihn, etwas riss in ihr auf, und sie begann – wie von selbst – zu funkeln.

»Wir müssen da rein«, sagt sie jetzt mit einem verzweifelten Gefühl im Bauch.

Aidan wirft ihr einen merkwürdigen Blick zu. »Ist das wirklich wichtig?

»Ja.« Sie zerrt noch einmal an dem Türgriff, obwohl es keinen Sinn hat. »Wir müssen die Sache richtig beginnen.«

Natürlich versteht er nicht, warum ihr das so wichtig ist, und wahrscheinlich könnte sie es ihm auch nicht erklären, selbst wenn sie es versuchte. Doch die Uhr tickt, bald beginnt der nächste Tag, an dem sich alles ändern wird. Und das hier – diesen Plan für ihre letzte gemeinsame Nacht –, das zumindest will sie kontrollieren können.

Den ganzen Sommer über hat Clare Kursbeschreibungen, Campuspläne und Nachrichten ihrer baldigen Mitbewohnerin studiert, um ein klareres Bild von ihrem zukünftigen Leben zu kriegen. Aber soviel sie auch gelesen hat, soviel sie auch herauszufinden versucht hat, ist es doch unmöglich, sich die Einzelheiten vorzustellen. Und diese Ungewissheit ist das Schlimmste.

Sie weiß nicht, ob sie gleichzeitig die Kurse Einführung in Psychologie und Japanologie wählen kann, ob sie in den ersten entscheidenden Tagen jemanden findet, der im Speisesaal mit ihr an einem Tisch sitzen will – denn bereits am Anfang bilden sich Gruppen und Freundschaften, die dann aushärten wie Zement, so viel weiß sie.

Sie weiß jedoch nicht, wie sie sich mit ihrer Mitbewohnerin verstehen wird, Beatrice St. James aus New York City, die am liebsten erzählt, welche Band sie diesen Sommer live gesehen hat, und die, wie Clare befürchtet, die Wände ihres gemeinsamen Zimmers mit Konzertpostern zupflastern wird.

Sie weiß nicht, ob es falsch ist, ihren Wintermantel bis Thanksgiving hierzulassen, ob es unerträglich sein wird, das Badezimmer mit zwanzig Leuten zu teilen, ob die Mädchen von der Ostküste sich anders kleiden als die Mädchen hier in Chicago. Sie weiß nicht, ob sie auffallen oder sich einfügen wird, schwimmen oder absaufen, ob sie vor Heimweh sterben oder unabhängig sein wird, glücklich oder traurig.

Und vor allem weiß sie nicht, ob sie das alles überstehen kann, ohne mit Aidan zu telefonieren.

Seufzend gibt sie sich geschlagen und weicht einen Schritt von der hölzernen Schultür zurück.

»Das«, gesteht sie, »ist kein toller Anfang.«

Aidan zuckt mit den Schultern. »Wen interessiert das schon? Ich meine, reicht das denn nicht?«

»Reichen ist nicht gut genug.«

»Natürlich nicht.« Er verdreht die Augen, folgt ihr aber, als sie seitlich an dem Gebäude entlangläuft, am Personalparkplatz und der Aula und dem gesamten Ostflügel vorbei, bis sie hinter die Schule gelangen. Jedes Mal, wenn sie an einer Tür vorbeikommen, rüttelt einer von ihnen daran, doch sie sind alle verschlossen, jede einzelne.

Schließlich befinden sie sich hinter dem Gebäude vor dem Fenster von Mr. Coadys Klassenzimmer, die Hände an die Scheiben gedrückt, spähen sie hinein. Der Raum ist dunkel und still, die Tafel sauber gewischt, die schwarzen Tische sind von einer dünnen Staubschicht bedeckt, die Steine und anderen Materialproben ordentlich in den Regalen an der gegenüberliegenden Wand verstaut.

»Sieht anders aus«, meint Aidan. »Oder?«

Clare nickt. »Es wirkt seltsamerweise kleiner.«

»Liegt wahrscheinlich daran, dass wir jetzt große College-Studenten sind«, spekuliert Aidan grinsend, und sie rücken wieder vom Fenster ab. Er legt ihr eine Hand auf die Schulter. »Tut mir leid, dass wir nicht hineinkommen.«

Sie antwortet nicht; stattdessen schaut sie auf das obere Teil des riesigen Fensters, fährt mit den Fingern über den Rahmen und klopft schließlich gegen das Glas.

»Ich frage mich, ob …«, beginnt sie, doch Aidan unterbricht sie.

»Auf keinen Fall«, sagt er. »Denk nicht mal daran.«

»Ich frage mich, ob wir irgendwie einbrechen könnten«, fährt sie fort, ohne auf ihn zu achten.

»Machst du Witze?«

Sie blinzelt ihn an. »Nicht direkt.«

»Ich finde, wir sollten nicht ausgerechnet jetzt verhaftet werden«, erwiderte er, und seine Wangen röten sich wie immer, wenn er sich über sie ärgert. »Ich könnte mir vorstellen, dass die UCLA von so was gar nicht begeistert wäre, und ich muss meinem Dad wirklich nicht noch einen Grund geben, von mir enttäuscht zu sein. Nicht jetzt, wo ich schon fast weg bin.«

»Ja, aber …«

Er hebt den Arm, bevor sie weitersprechen kann. »Ich wette, Dartmouth fände das auch nicht gerade klasse.« Er deutet auf das Fenster. »Davon abgesehen sind wir doch direkt hier. Mir ist klar, dass die Aussage ›Das reicht doch‹ in deiner Welt nicht existiert, aber warum ist es dir so wichtig?«

»Weil«, antwortet sie und streckt ihm die Hand mit der zerknüllten Liste hin, »weil das unser letzter Abend ist. Und der soll perfekt sein. Und wenn wir nicht mal das angemessen hinkriegen …«

Aidans Gesicht entspannt sich. »Das ist kein Zeichen oder so«, sagt er. »Wenn wir nicht alles auf der Liste abhaken können, heißt das nur, dass wir flexibel sind. Wir können die Dinge nehmen, wie sie sind. Und das ist etwas Gutes, weißt du?«

»Du hast recht.« Sie schluckt schwer. »Ich weiß, dass du recht hast.«

Und doch fühlt sie sich unerklärlich traurig. Denn es ist klar, wie Aidan denkt. Er will unbedingt, dass es mit ihnen funktioniert. Würde auf dem Gehweg mit knallbunter Kreide geschrieben stehen: CLARE UND AIDAN SOLLTEN SICH HEUTE NACHT UNBEDINGT TRENNEN, würde er den Satz noch irgendwie wegdiskutieren, die Bedeutung verändern und etwas Positives daraus machen.

Vielleicht ist die Welt gar nicht voller Zeichen, sondern voller Menschen, die mit aller Macht versuchen, Beweise für das zu finden, was sie sich so dringend wünschen.

Clare ist überzeugt davon, dass ein Beginn wie dieser nichts Gutes bedeuten kann, und sie verspürt sogar ein klein wenig Genugtuung, weil sie somit von Anfang an recht hatte, und jetzt liefert ihr sogar das Universum den Beweis, dass eine Trennung von Aidan das Beste ist.

Allein bei dem Gedanken daran wird sie von einem mächtigen Gefühl der Trauer ergriffen, und sie rückt näher an ihn heran, weil sie sich etwas wacklig auf den Beinen fühlt.

Automatisch nimmt Aidan sie in die Arme, und so stehen sie einen Moment lang da. In der Ferne heult ein Motor auf, ein paar Vögel singen über ihnen. Um sie herum verblasst das Blau des Himmels zu Grau, der Horizont verschwimmt, und Clare drückt eine Wange an den glatten Stoff von Aidans Hemd.

»Hat dir schon mal jemand gesagt, dass du ein kleiner Kontrollfreak bist?«, fragt er lächelnd und tritt zurück. Er nimmt ihr sanft den Zettel aus der Hand und streicht ihn glatt. »Wie es aussieht, ist hiermit auch Nummer acht gestorben.«

Sie nickt. »Der Herbstball. Unser erster Tanz.«

»Richtig. Keine Chance, in die Turnhalle zu gelangen. Zu schade, dass ich nicht romantisch sein darf, sonst würde ich dich direkt hier zum Tanzen auffordern.«

»Ist schon gut«, meint sie. »Ich kenne deine Tanzschritte.«

»Nicht alle. Aber keine Sorge. Die Nacht ist noch jung. Ich spare mir das Beste für später auf.«

»Ich kann es kaum erwarten«, erwidert sie und begreift, wie ernst sie das meint.

Was immer auch später passieren wird, sie haben noch den Rest der Nacht.

Und vielleicht ist das ja genug.

Während sie zurück zum Auto gehen, hakt sie sich bei ihm unter und lehnt sich an ihn. Der Wind wird stärker, und jetzt erst bemerkt Clare, wie kühl es ist: ein erster Vorbote des Herbstes. Eigentlich liebt sie diese Jahreszeit, wochenlang hat sie jedes Mal, wenn das Wort Dartmouth fiel, vom Herbstlaub in New Hampshire geschwärmt: vom strahlenden Rot und Gelb und Orange, das sich über den Campus und darüber hinaus erstreckt. Ganz bestimmt wird sie es hinreißend finden, wenn sie erst einmal dort ist. Aber in diesem Moment will sie nicht an die kommende Jahreszeit denken. Sie will in dieser hier bleiben, solange es möglich ist.

Sie sind fast beim Auto angekommen, da bleibt sie stehen.

»Mist.« Sie blickt über ihre Schulter zurück. »Ich wollte ein Souvenir mitnehmen.«

»Also ist es doch eine Schnitzeljagd.«

»Ich dachte nur, das wäre nett. Also, von jedem Ort, an dem wir heute sind, etwas mitzunehmen.«

Aidan senkt den Kopf, um sie anzuschauen. »Ist das vielleicht ein ausgeklügelter Plan, um diese ganzen wertvollen Edelsteine aus dem Erdkundezimmer zu klauen?«

»Ich glaube, wertvoll ist etwas übertrieben«, entgegnet sie. »Und nein.«

»Okay, dann …« Er hebt einen schlichten Stein vom Boden neben ihren Füßen auf, schiefergrau und abgerundet, und wischt ihn am Saum seines karierten Hemds sauber, bevor er ihn ihr mit feierlichem Gesichtsausdruck überreicht.

»Hier«, sagt er. Clare spürt das Gewicht in ihren Händen. Sie streicht mit dem Daumen über die glatte Oberfläche und denkt zurück an den Tag, als sie Aidan zum ersten Mal im Unterricht gesehen hat, wie sein Gesicht aufleuchtete, als er den Stein umdrehte und all die lilafarbenen Kristalle entdeckte. Als hielte er einen Glückskeks oder ein Überraschungsei in der Hand.

»Kraft meines Amtes«, sagt Aidan, »als Zwei-plus-Schüler in Mr. Coadys Erdkundeunterricht, freue ich mich, dir mitteilen zu können, dass dieser kleine Stein nun offiziell als wertvoll gilt.«

Und das Erstaunliche ist: Wertvoll ist er tatsächlich mit einem Mal.

Station # 2
Die Pizzeria

19:12 Uhr

Eine Zeit lang stehen sie beide einfach nur vor dem Slices und blicken durch die beschlagenen Scheiben auf unbekannte Gesichter.

»Die haben nicht gerade lange gebraucht, um unseren Platz einzunehmen, oder?« Aidan späht zu einer Sitzecke, die bisher Stammplatz seiner Lacrosse-Kumpels war und die jetzt von einem Haufen Mädchen aus dem zweiten Highschool-Jahr belagert wird, die über ihre Handys gebeugt dasitzen.

»Weg mit den Alten …«, murmelt Clare scheinbar leichthin, ist aber auch ein wenig erschüttert. Nach zwei Wochen voller Abschiede – zwei ganze Wochen, in denen ein Freund nach dem anderen losgezogen ist – fühlt es sich an, als ob die Stadt verlassen sein müsse. Doch der Laden ist erfüllt von Gelächter und Tratsch und Lärm und bis auf den letzten Platz besetzt wie jeden Abend.

Nur ist es eben nicht mehr ihr Lachen, nicht mehr ihr Tratsch und Lärm.

Aidan dreht sich zu ihr um, seine blauen Augen funkeln. »Lass mich raten.« Er reibt sich die Hände. »Hier habe ich zum ersten Mal etwas auf dich geschüttet.«

Clare schüttelt den Kopf. »Nein.«

»Hier bin ich zum ersten Mal über meine eigenen Füße gestolpert? Hast du zum ersten Mal gesehen, wie ich unter zehn Minuten vier Pizzastücke verdrückt habe? Hier hast du mir zum ersten Mal den Trick mit der Strohhalmhülle vorgeführt?«

»Hier haben wir zum ersten Mal miteinander gesprochen«, unterbricht sie ihn, weil sie weiß, er könnte den ganzen Abend so fortfahren. »War zwar kein großartiges Gespräch, aber es war das erste Mal, dass du etwas zu mir gesagt hast.«

»Ja, klar«, sagt er. »Jetzt weiß ich es wieder. Ich glaube, ich sagte, dass du das hübscheste Mädchen bist, das ich je gesehen habe, und dann haben wir uns sofort verabredet.«

»Fast.« Clare lächelt. »Du hast mich gebeten, dir den Parmesan zu reichen.«

»Ah. Einer meiner weniger aufregenden Anmachsprüche.«

»Bei mir hat’s funktioniert«, sagt sie und öffnet die Tür.

Im Restaurant ist die Luft stickig, es riecht nach Tomaten und Mozzarella. In einer hinteren Ecke sitzt ein Paar mittleren Alters, tief über ihre Pizzas gebeugt, wirken sie genervt von dem Chaos um sie herum. Ansonsten ist so ziemlich jeder hier unter achtzehn. So war es schon immer – das Slices ist weniger ein Restaurant als ein Ort, wo man sich nach der Schule und an den Wochenenden trifft. Mit den rissigen Lederbänken und den schlichten braunen Tischen, der Reihe in die Jahre gekommener Videospiele an der Wand und der unumstößlichen Regel, dass es nur einen einzigen einfachen Pizzabelag gibt, hat Slices schon immer den Jugendlichen gehört.

In der Türöffnung bleibt Aidan stehen. Ihr üblicher Tisch ist von ein paar Lacrosse-Spielern aus der Unterstufe besetzt. Als sie Aidan bemerken, springen sie sofort auf, doch er winkt ab.

»Tut uns leid«, sagt einer von ihnen. Er sieht wie eine jüngere Version von Aidan aus, rundes Gesicht, breite Schultern und unbeschwert, wobei sein Selbstvertrauen beim Anblick seines ehemaligen Team-Kapitäns etwas schwindet. In seiner Stimme schwingt Ehrfurcht mit, als er sich entschuldigt. »Wir dachten, du hättest die Stadt bereits verlassen.«

»Fast.« Aidan schlägt ihm auf den Rücken. »Morgen geht es los.«

»Fängt das Training dann sofort an?«

Aidan nickt. »Vorbereitungsspiele.«

»Viel Glück, Mann«, antwortet sein jüngeres Alter Ego, und ein paar der anderen wünschen ihm ebenfalls alles Gute. »Kann es kaum erwarten, an Thanksgiving alles darüber zu hören.«

Als sie weg sind, greift Aidan nach ihrer Hand, und Clare drückt seine leicht. In dem dunklen Fenster kann sie ihre Spiegelbilder sehen. Sie wirken verloren, als wären sie in einen vertrauten Raum gekommen, nur um festzustellen, dass die Möbel umgestellt worden sind. Doch dann erkennt sie eine Stimme in der Nähe der Kasse, und als sie sich umdrehen, entdecken sie Scotty, der an die Theke gelehnt seine Taschen nach Münzen durchwühlt.

Aidan steht auf, stellt sich neben ihn und knallt einen Fünfdollarschein auf die Theke.

»Geht auf mich«, sagt er und will seinem Freund gegen die Schulter boxen, doch Scotty weicht ihm aus und verpasst ihm eine leichte Ohrfeige, bevor er sich erneut wegduckt. Clare wartet, während die beiden miteinander raufen, wie sie es immer tun: Sie umkreisen sich wie zwei Boxer, bis ihnen auffällt, dass Oscar – der massige, schweigsame Kassierer, der seit Ewigkeiten hier arbeitet – sie von der anderen Seite des Tresens aus beobachtet, offensichtlich nicht sonderlich amüsiert.

»Wie viele?«, fragt er mit erhobener Augenbraue.

Aidan richtet sich prustend wieder auf. »Fünf«, antwortet er. »Bitte.«

Oscar schlurft ohne ein weiteres Wort zum Pizzaofen, während Scotty Aidans Arm einen letzten Knuff verpasst. »Danke, Mann.«

»Ich habe das Gefühl, ich sollte eine Art Pizzafonds für dich einrichten, bevor ich gehe«, sagt er. »Sonst verhungerst du noch ohne mich.«

»Das schaffe ich schon.« Scotty schiebt sich die Brille mit dem breiten Rahmen hoch. Seine dunklen Augen blicken zwischen Aidan und Clare hin und her. »Also«, sagt er, »das war’s, hm?«

Aidan nickt. »Letzte Nacht.«

»Zumindest für eine Weile«, sagt Scotty.

Clare nickt beruhigend. »Nur für eine Weile.«

»Und euch beiden, ähm, geht es gut?«, fragt er, doch es ist klar, was er wirklich wissen will: Habt ihr inzwischen entschieden, wie es weitergeht?

»Uns geht es gut«, sagt Clare. Sie und Aidan wechseln einen Blick.

»Wem geht es gut?«, fragt Stella, die jetzt neben ihnen auftaucht. Sie ist ganz in Schwarz gekleidet, wie immer, von den Stiefeln über die Jeans und das T-Shirt bis hin zu ihren Ohrringen, zwei federartige Teile, die bei ihrem rabenschwarzen Haar kaum auffallen. Sie sieht immer aus, als bereite sie sich auf einen Einbruch vor. Clare kommt sich neben ihr geradezu auffällig vor, obwohl sie nur ein einfaches blaues Sommerkleid und eine grüne Strickjacke trägt.

»Wo warst du?«, fragt Clare. »Ich dachte, du wolltest nachmittags vorbeikommen.«

»Oh.« Stella hebt die Mundwinkel. »Ja, das tut mir leid. Ich wurde aufgehalten.«

»Wovon?«, hakt Clare nach, doch Stellas Blick wandert zu Scotty, der damit beschäftigt ist, sich Oregano direkt in den Mund zu schütten. Ein Großteil landet auf seinem Batman-T-Shirt. Er hustet und schlägt sich auf die Brust, seine Augen tränen, als er versucht, die Reste zu schlucken.

»Als ob man einem Kleinkind dabei zuschaut, wie es gerade essen lernt.« Stella schüttelt den Kopf. Scotty starrt sie an, während er die Streusel von seinem Shirt wischt, und wie immer starrt Stella zurück. Mit ihren geliebten schwindelerregend hohen High Heels ist sie etwas größer als er, und nach einem kurzen Moment zuckt Scotty lediglich mit den Schultern und wendet sich wieder dem Oregano zu.

Die Tatsache, dass die beiden nicht miteinander klarkommen, ist für gewöhnlich kein größeres Problem gewesen. Doch jetzt, nachdem fast alle ihre Freunde weg sind, besteht ihre Mannschaft nur noch aus diesem seltsamen Vierergespann: Scotty und Stella, die sich bereits wegen völlig belangloser Dinge nerven, genau wie Aidan und Clare – mit dem Unterschied, dass sie sich über verdammt große Fragen uneinig sind.

Clare wendet sich wieder an Stella. »Dir ist klar, dass ich morgen früh abhaue, oder?«

»Ähm, ja«, meint Stella nach kurzem Zögern. »Und ich übermorgen.«

»Also, wo warst du?«

Sie runzelt die Stirn. »Was meinst du?«

»Wo warst du in letzter Zeit?« Clare ignoriert Scotty und Aidan, die zwischen ihnen beiden hin und her sehen wie bei einem Tennismatch. Es ist ihr im Moment egal, denn Stella soll endlich damit herausrücken, was eigentlich mit ihr los ist. Zum Studium aufzubrechen, ist eine große Sache, und Clare könnte ihre beste Freundin im Moment wirklich gut gebrauchen.

So sind nun mal die Regeln, so funktioniert der unausgesprochene Vertrag zwischen allen besten Freunden auf der Welt. Clare hat für Stella da zu sein – hat ihr bei den College-Bewerbungen zu helfen oder sie bei ihren endlosen Touren durch Secondhandläden zu begleiten –, und im Gegenzug hat Stella für Clare da zu sein. Auch wenn das momentan anstrengend sein mag.

»Dir ist schon klar«, hat sie zu Beginn des Sommers gesagt, als Clare mal wieder überlegte, was sie wegen Aidan tun sollte, »dass du dich auf jeden Fall von ihm trennen wirst, oder?«

Sie saßen im Auto, auf dem Weg ins Kino, und Clare löste erstaunt den Blick von der Straße, um Stella anzusehen. »Wieso sagst du so etwas?«

Stella legte ein Bein auf das Armaturenbrett. »Weil es nun mal so ist. Wenn nicht in diesem Sommer, dann eben ein paar Wochen später oder an Thanksgiving oder Weihnachten oder nächsten Sommer. Es ist unvermeidlich.«

»Das kannst du nicht wissen.«

»Doch.« Stella klang unerträglich überzeugt. »Und in der Zwischenzeit wirst du dein komplettes erstes Jahr herumsitzen und zusehen, wie deine idiotische Mitbewohnerin …«

»Beatrice«, warf Clare verärgert ein. Kaum hatte sie die Kontaktdaten ihrer neuen Mitbewohnerin erhalten, hatte Stella – die auf ein Einzelzimmer bestand – schon beschlossen, sie nicht zu mögen. Als Clare und Beatrice begannen, einander zu texten, wurde es noch schlimmer. Stella bestand darauf, die Nachrichten auf Clares Telefon genauestens zu studieren, und verdrehte jedes Mal wegen all der Bandnamen und Tourdaten die Augen.

»Schön«, sagte Stella. »Du wirst herumsitzen und deiner idiotischen Mitbewohnerin Beatrice dabei zusehen, wie sie sich für all diese super Konzerte rausputzt, die sie so mag, während du in deinem Flanellschlafanzug im Studentenwohnheim bleibst und ein Buch liest, weil du dich ohne Aidan nicht amüsieren willst, der – übrigens – in Kalifornien sein wird, wo er von seinem idiotischen Mitbewohner …«

»Rob.«

»… seinem idiotischen Mitbewohner Rob, dem Surfer …«

»Rob dem Schwimmer.«

»Was auch immer«, rief sie ungeduldig. »Rob der Schwimmer interessiert doch bloß, ob Aidan auch einen Minikühlschrank im Zimmer haben will, und das vermutlich nicht, um darin Gemüsesticks aufzubewahren. Er wird ihn auf jeden Fall immer mitschleifen, um Mädchen aufzureißen. Und selbst wenn nicht, wird Aidan sie auch so kennenlernen. Vertrau mir. Das ist es schließlich, worum es im College geht.«

»Vom Studieren mal abgesehen.«

»Das kommt mit Abstand an zweiter Stelle«, erklärte Stella nüchtern. »Es geht doch darum, ob du wirklich die nächsten vier Jahre damit verbringen willst, ein schlechtes Gewissen zu haben, weil du mit deiner Mitbewohnerin mal ausgegangen bist und wegen eines Schlagzeugers mit tollem Haar und Mörderblick Herzchen in den Augen hast.«

Clare lachte. »Wann habe ich jemals wegen eines Schlagzeugers Herzchen in den Augen gehabt?«

»Nie«, räumte Stella ein und warf ihr einen Seitenblick zu. »Aber vielleicht ja nur, weil du dir nie vorstellen konntest, dass es da draußen noch andere Möglichkeiten gibt.«

»Du meinst neben Aidan.«

»Ich meine neben der Highschool.«

Doch das war früh im Sommer gewesen, und damals hatte sich Stella noch genug für sie interessiert und Zeit gehabt, ihr zuzuhören. Zuletzt jedoch hat sie weder das eine noch das andere getan, und obwohl sie beide noch hier sind – zumindest noch diese Nacht –, fühlt es sich an, als wäre ihre beste Freundin bereits verschwunden.

Vielleicht wollte Stella ihr und Aidan nur genug Raum lassen, um selbst herauszufinden, was zu tun ist, oder vielleicht hat sie viel mit ihrer eigenen Abreise zu tun gehabt. Oder sie will einfach ignorieren, dass alles auf ein Ende zusteuert. Stella ist in solchen Dingen sowieso nicht besonders gut; sie reagiert allergisch auf Sentimentalitäten und ist argwöhnisch gegenüber Gefühlen. Ihr klarzumachen, dass es sich hier um einen Meilenstein in ihrem Leben handelt, wäre ähnlich sinnlos, wie eine schreckhafte Katze auf den Arm nehmen zu wollen.

Doch nach vierzehn Jahren Freundschaft ist Clare einfach nicht bereit, sie mit einem bedeutungslosen Abschied aufs College davonziehen zu lassen.

Stella lehnt sich an die Theke und zupft gedankenverloren Servietten aus dem Spender, ohne auf Clares Frage zu antworten. Dann zuckt sie mit den Schultern.

»Ich weiß nicht«, sagt sie. »Ich war hier.«

»Eigentlich nicht.« Clare schüttelt den Kopf. »Du hast nicht zurückgerufen, bist immer zu spät gekommen …«

»Vielleicht kann sie die Uhr nicht lesen«, wirft Scotty scherzhaft ein.

»Du hast keine SMS beantwortet …«

»Und auch nicht schreiben«, meldet er sich wieder zu Wort.

»Halt die Klappe, Scotty«, sagen sie beide gleichzeitig, und dann können sie nicht anders: Kaum treffen sich ihre Blicke, beginnen sie zu lachen.

»Tut mir leid«, sagt Stella schließlich. »Es war einfach so viel los. Aber wir holen das alles nach. Wirklich.«

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