×

Ihre Vorbestellung zum Buch »Die letzte Erzählerin«

Wir benachrichtigen Sie, sobald »Die letzte Erzählerin« erhältlich ist. Hinterlegen Sie einfach Ihre E-Mail-Adresse. Ihren Kauf können Sie mit Erhalt der E-Mail am Erscheinungstag des Buches abschließen.

Die letzte Erzählerin

Als Buch hier erhältlich:

  • Erscheinungstag: 21.03.2023
  • Seitenanzahl: 320
  • Altersempfehlung: 11
  • Format: E-Book (ePub)
  • ISBN/Artikelnummer: 9783748802440

Leseprobe

Für Dad:
Von den allerersten Gutenachtgeschichten bis zu unseren täglichen Gesprächen –
danke für ein Leben voller Erzählungen.

1

Lita schichtet ein Scheit Pinyon-Holz auf das Feuer. Süßlicher Rauch wabert an uns vorbei in den Sternenhimmel. Ihre Knie ächzen, als sie sich wieder auf die Decke neben mich setzt. Die Tasse heiße Schokolade mit Zimt, die sie mir gemacht hat, habe ich noch nicht angerührt.

»Ich hab was für dich, Petra. Es soll dich auf deiner Reise begleiten.« Lita greift in die Tasche an ihrem Pulli. »Da ich an deinem dreizehnten Geburtstag nicht dabei sein kann …« Sie reicht mir einen silbernen Anhänger in Sonnenform. In der Mitte prangt ein flacher schwarzer Stein. »Wenn du ihn vor die Sonne hältst, schimmert das Licht durch den Obsidian.«

Ich nehme ihn und probiere es aus, obwohl die Sonne nicht am Himmel steht. Nur der Mond. Manchmal bilde ich mir ein, ich könnte Dinge sehen, die ich gar nicht sehen kann. Aber diesmal bin ich mir sicher, dass der Stein schwach leuchtet. Ich bewege ihn hin und her. Sobald er nicht mehr vor mir ist, verschwindet er vollständig aus meinem Sichtfeld.

Als ich zu Lita schaue, deutet sie auf einen identischen Anhänger um ihren Hals. »Dem Glauben der Yukateken zufolge sind Obsidiane magisch. Portale, durch die Menschen wieder zueinanderfinden.« Sie schürzt die Lippen, und die braune Haut unter ihrer Nase legt sich in baumrindenhafte Falten.

»Sie können mich nicht zwingen zu gehen«, sage ich.

»Du musst gehen, Petra.« Lita wendet den Blick eine ganze Weile ab, ehe sie weiterspricht. »Kinder soll man nicht von ihren Eltern trennen.«

»Du bist doch auch ein Elternteil von Dad. Er sollte bei dir bleiben. Wie wir alle.« Selbst in meinen Ohren klingt das trotzig.

Sie gluckst sanft. »Ich bin zu alt für eine so weite Reise. Aber du … Dios mío, ein neuer Planet! Wie aufregend!«

Mein Kinn bebt. Ich schmiege den Kopf an ihre Seite und umarme sie fest. »Ich will nicht weg von dir.«

Ihr Bauch senkt sich mit einem tiefen Seufzer. Irgendwo in der Wüste hinter Litas Haus ruft ein Kojote heulend nach seinen Artgenossen. Wie auf Kommando fangen die Hühner an zu gackern, und eine der Tennessee-Ziegen, die ständig in Schockstarre verfallen, meckert los.

»Was du jetzt brauchst, ist ein cuento«, sagt sie. Damit meint sie eins ihrer Märchen.

Wir legen uns auf den Rücken und schauen hinauf in den Nachthimmel. Warmer Wüstenwind fegt über uns hinweg, während Lita mich so fest wie noch nie an sich drückt. Am liebsten würde ich diesen Ort nicht mehr verlassen.

Sie zeigt auf den Halleyschen Kometen. Von hier aus wirkt er gar nicht so gefährlich.

»Había una vez …«, beginnt sie, »… eine junge Feuerschlange, ein Nahual. Seine Mutter war die Erde, sein Vater die Sonne.«

»Ein Nahual?«, frage ich. »Wie können denn die Erde und die Sonne Mutter und Vater von etwas sein, das halb Mensch, halb Tier …«

»Pst. Das ist meine Geschichte.« Sie räuspert sich und nimmt meine Hand. »Feuerschlange war wütend. Seine Mutter, Erde, nährte ihn, doch sein Vater, Sonne, wahrte Distanz. Sein Vater sorgte für gute Ernten, aber er sorgte auch für schwere Dürren und den Tod. Eines sehr heißen Tages, als Sonne hoch über Feuerschlange aufragte«, Lita deutet in den Himmel, »wollte Feuerschlange seinen Vater zur Rede stellen. Obwohl seine Mutter ihn anflehte, bis in alle Ewigkeit bei ihr zu bleiben, konnte der junge Nahual nicht schnell genug zu seinem Vater gelangen und schoss davon.«

Lita macht eine Pause. Ich weiß, dass sie damit Spannung aufbauen will. Es funktioniert.

»Und dann?«

Lächelnd fährt sie fort. »Mit flammendem Schwanz preschte er voran, bis er so schnell war, dass er nicht mehr bremsen konnte. Als er seinem Vater Sonne ganz nah war, erkannte er seinen Fehler. Das Feuer seines Vaters war mächtiger und stärker als alles andere im Universum. Und so jagte der Nahual einmal um ihn herum und raste zurück nach Hause. Doch es war bereits zu spät. Er hatte sich an seines Vaters Feuer die Augen verbrannt und konnte nichts mehr sehen.« Lita schnalzt bedauernd mit der Zunge. »Pobrecito, blind und stürmisch, wie er war, gelang es ihm weder anzuhalten noch seine Mutter zu finden.« Sie seufzt. Jetzt kommt der Teil, bei dem ihre Stimme einen unbeschwerteren Tonfall annimmt, als würde sie jemandem den Weg zur panadería an der Ecke erklären. »In der Hoffnung, eines Tages wieder mit seiner Mutter vereint zu sein, wiederholt er seine Reise seitdem alle fünfundsiebzig Jahre.« Sie zeigt auf die Feuerschlange am Himmel. »Er ist nah genug, um sie zu spüren, doch nicht nah genug, um sie in die Arme zu schließen.«

»Aber bald ist es so weit«, sage ich, und ein Schauer läuft mir über den Rücken.

»Genau.« Sie zieht mich enger an sich. »In ein paar Tagen wird Feuerschlange auf seine Mutter treffen. Y colorín Colorado, este cuento se ha acabado.« Mit diesen Worten endet ihr Märchen.

Ich streiche immer wieder über ihre Hand und versuche, mir jede einzelne Falte einzuprägen. »Wer hat dir die Geschichte erzählt? Deine Grandma?«

Lita zuckt mit den Schultern. »Zum Teil, ja. Aber das meiste habe ich mir ausgedacht.«

»Ich hab Angst, Lita«, flüstere ich.

Sie tätschelt meinen Arm. »Konntest du deine Sorgen wenigstens für einen Augenblick vergessen?«

Ich antworte nicht, weil ich mich ertappt fühle. Während der Geschichte habe ich wirklich kurz vergessen, was ihr und allen anderen zustoßen könnte.

»Hab keine Angst«, sagt sie. »Ich habe auch keine. Es ist bloß der Nahual, der heimkehrt.«

Schweigend blicke ich zu Feuerschlange empor. »Ich will mal so werden wie du, Lita. Eine Erzählerin.«

Sie kreuzt die Beine und schaut mich an. »Eine Erzählerin wirst du auf jeden Fall, das liegt dir im Blut.« Sie beugt sich zu mir. »Aber so wie ich? Nein, mija. Finde raus, wer du selbst bist, und sei du.«

»Und wenn ich deine Geschichten falsch erzähle?«, frage ich.

Mit ihrer weichen Hand umfasst Lita mein Kinn. »Das kannst du gar nicht. Sie sind mit mehreren Menschen durch mehrere Jahrhunderte gereist, bis sie zu dir gefunden haben. Und jetzt machst du sie zu deinen eigenen.«

Ich denke an Lita und ihre Mutter und deren Mutter. Daran, wie viel sie wussten. Und ausgerechnet ich will in ihre Fußstapfen treten?

Ich umklammere den Sonnenanhänger. »Ich werde deine Geschichten nicht vergessen, Lita.«

»Auf dem neuen Planeten gibt es bestimmt auch ein oder zwei Sonnen.« Sie stupst gegen den Anhänger. »Hältst du Ausschau nach mir, wenn du da bist?«

Meine Unterlippe bebt, Tränen laufen mir übers Gesicht. »Ich kann nicht glauben, dass du nicht mitkommst.«

Sie wischt eine Träne fort. »Aber ich komme doch mit. Ich bin ein Teil von dir. Du trägst mich und meine Geschichten durch die Jahrhunderte in die Zukunft, zu einem anderen Planeten. Da kann ich mich glücklich schätzen!«

Ich küsse sie auf die Wange. »Ich werde dich nicht enttäuschen, versprochen.«

Die Finger immer noch fest um den Obsidiananhänger gekrallt, frage ich mich, ob Lita wohl durch das rauchige Glas beobachten wird, wie Feuerschlange auf seine Mutter trifft.

2

Die Fahrt von Santa Fe bis zum Startplatz im San Juan National Forest in der Nähe von Durango dauert weniger als zwei Stunden. Eine halbe Stunde davon durften Javier und ich uns von Dad einen Vortrag darüber anhören, dass wir nett und fleißig sein und uns nicht mehr streiten sollen.

Ich habe nie richtig verstanden, warum die Regierung statt irgendeiner Militärbasis diesen Wald in Colorado gewählt hat. Aber als ich jetzt die einsamen Straßen sehe und sonst kilometerweit nur Bäume, ist es offensichtlich. Hier draußen fallen die drei gigantischen interstellaren Raumschiffe, mit denen wir von der Erde flüchten, kaum auf.

Die Luxusliner wurden von der Plejaden Corporation gestaltet, um reiche Leute möglichst komfortabel durch die Galaxis zu befördern. Die Werbung mit der Fünf-Sterne-Einrichtung flimmert schon länger über die Riesenleinwände entlang der Hoverways. Darin erhellt das firmentypische royalviolette Licht der Kronleuchter die lächelnden Gesichter von Schauspielenden, die in edler Kleidung und mit Martinigläsern in den Händen gefakten kosmischen Nebel bestaunen. Über leisem Klaviergeklimper erhebt sich die Stimme eines Mannes, so schmeichelnd, als würde er jeden Morgen mit Avocadoöl gurgeln: »Plejaden Corporation. Interstellare Raumfahrt neu gedacht. Ein luxuriöser Lebensstil in den Sternen – für eine abenteuerlustige Elite.«

Die Menschen auf den überdimensionierten Leinwänden mit ihrem strahlend weißen Lächeln haben nichts mit denen gemein, die heute an Bord der Schiffe gehen: Wissenschaftlerinnen, Terraformer und Führungspersönlichkeiten, deren Überleben der Regierung wichtiger ist als das anderer Leute. Wie konnte die Wahl auf meine Familie fallen? Was, wenn Mom und Dad älter wären? Nach welchen Kriterien haben die Machthabenden entschieden? Und wie viele von denen haben ein VIP-Ticket bekommen?

Es fühlt sich falsch an, sich klammheimlich von der Erde zu verdrücken und so viele andere zurückzulassen. Bis gestern wussten auch meine Eltern nicht, wohin wir eigentlich fliegen. Dad meint, dass die Plejaden Corporation die Schiffe die ganze Zeit unterhalb des ehemaligen Flughafens in Denver geparkt hatte und sie die Erde eigentlich frühestens in zwei Jahren für ihren Jungfernflug verlassen sollten. Die Testläufe vor ein paar Monaten innerhalb unseres Sonnensystems waren zwar erfolgreich, aber weil wir jetzt so plötzlich aufbrechen müssen, wird es die erste Raumfahrt in eine ferne Galaxie.

Hätte nicht vor einer Woche eine Sonneneruption den Kometen aus seiner Flugbahn geworfen, würde Feuerschlange in wenigen Tagen wie eh und je harmlos an der Erde vorbeiziehen.

Der Startplatz ist nicht mehr als eine alte, für diesen Zweck umgebaute und durch Tore gesicherte Rangerstation in einem Nationalpark. An der Station weist man uns an, mit anderen Passagieren einem Pfad in den Wald zu folgen. Hinter uns versammeln sich immer mehr Familien, die auch endlich zum Schiff aufbrechen wollen.

Die Pappeln und Kiefern um uns herum filtern das Sonnenlicht wie das Buntglasfenster von Jona und dem Wal in der Kirche. Ich zucke zusammen, als über uns plötzlich wildes Vogelgezwitscher ausbricht. Beim Aufschauen entdecke ich eine ausgewachsene Rauchschwalbe, die aus ihrem Nest hopst, um nach Nahrung zu suchen. Sofort verstummen ihre Babys. Woher soll die Mutter auch wissen, dass ihre Bemühungen reine Zeitverschwendung sind? Mit meiner eingeschränkten Sicht konzentriere ich mich auf die kleinen Köpfchen, die aus dem Nest ragen. Sie sind so winzig und hilflos, dass sie mir irgendwie leidtun. Bis mir klar wird, wie froh sie sein können. Sie werden nie erfahren, was auf sie zukommt.

Wir gehen weiter den völlig unscheinbaren Wanderweg entlang zum Schiff. Es ist die unspektakulärste Flucht von der Erde, die man sich vorstellen kann. Meine Eltern haben mir erzählt, dass laut Gesprächsüberwachung schon viel zu viele Splittergruppen und Verschwörungstheoretiker Verdacht geschöpft haben und glauben, hier draußen wäre etwas im Gange. Womit sie ja auch nicht falschliegen. Als wir aus dem Schutz einiger Zedern auf eine grüne Lichtung treten, bleibt mein kleiner Bruder Javier schlagartig stehen. Ein Monster von einem Raumschiff erhebt sich vor uns wie eine Gottesanbeterin aus blitzendem Glas und Stahl.

»Petra …?« Er umklammert meine Hand.

Am anderen Ende der Wiese steht ein identisches Schiff. Es ist so weit weg, dass es nur halb so groß wirkt wie der Koloss direkt vor uns. Das dritte Schiff ist bereits losgeflogen. Dad meinte, nach dem letzten Signal irgendwo in der Nähe von Alpha Centauri sei der Kontakt abgebrochen.

»Alles okay.« Ich schiebe Javier weiter, obwohl ich selbst lieber wieder zurück in den Wald rennen würde.

Ich denke an Lita, meine Schulklasse und die Lehrenden und frage mich, was sie wohl gerade machen. Ich will mir gar nicht vorstellen, dass sie sich aus lauter Angst vor etwas verstecken, vor dem sie sich nicht verstecken können.

Stattdessen male ich mir aus, wie Lita und tía Berta unter der ausgefransten rot-schwarzen Decke liegen und sich einen Kaffee mit der »Geheimcreme« gönnen, während sie Feuerschlanges Heimreise beobachten.

»Berta! Geizen lohnt nicht mehr.« Mit diesen Worten kippt Lita die kostbare braune Flüssigkeit aus der gleichfarbigen Flasche in ihren Kaffee.

»Stimmt wahrscheinlich. Ein nächstes Weihnachten, für das wir es aufsparen könnten, erleben wir nicht mehr«, antwortet tía Berta, woraufhin Lita ihr noch großzügiger einschenkt. Und dann stoßen sie mit ihren Tonbechern an, trinken einen großen Schluck und lehnen sich Schulter an Schulter wieder an tía Bertas einhundert Jahre alten Pekannussbaum.

Genau so will ich mich an sie erinnern.

Schon bevor meine Eltern ausgewählt worden sind, haben die Menschen überall mit dem Plündern angefangen. Als ich gefragt habe, was das soll, wenn der ganze Kram doch eh bald nicht mehr existiert, sind Mom die Tränen gekommen.

»Die Leute haben Angst. Ein paar von ihnen werden Dinge tun, die sie sich selbst nie zugetraut hätten. Wir haben nicht das Recht, sie dafür zu verurteilen.«

Ich verstehe einfach nicht, warum manche so ruhig bleiben und andere durchdrehen. Ich sollte zum Beispiel glücklich darüber sein, dass ich mit meinen Eltern die Reise zum neuen Planeten Sagan antreten darf. Stattdessen habe ich das Gefühl, als hätte man mir das letzte Glas Wasser auf der Erde gegeben, das ich jetzt gequält runterwürge, während mir alle dabei zusehen.

Ich schaue zu dem Kometen auf, und mir wird flau im Magen. Ich hasse dich.

Geordnet wie die Ameisen zu ihrem Bau trippeln wir über die Wiese, meine Familie und ich, mehrere Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler und eine zweite Familie mit einem größeren blonden Jungen. Das Raumschiff steht nicht auf einem betonierten Startplatz, wie ich erwartet habe, sondern bloß auf einer frisch gemähten Fläche Gras.

Leise sagt Mom: »Da oben wirst du gar nicht merken, wie viel Zeit vergangen ist. Kein Grund, nervös zu sein.« Aber als ich sie angucke, kneift sie die Augen zusammen und schüttelt den Kopf, als würde sie so aus diesem Albtraum aufwachen. »Sobald wir auf dem Sagan sind, starten wir in ein neues Leben«, fährt sie fort. »Wie auf einer Farm. Dort werden noch andere Kinder in deinem Alter sein.«

Das macht es auch nicht besser. Ich will keine neuen Freunde. Selbst Rápido musste ich hinter Litas Haus aussetzen. Wenn sich meine Schildkröte tief genug in der Erde einbuddelt, überlebt sie vielleicht den Kometeneinschlag. Und verbringt den Rest ihres Lebens ohne mich.

»Das ist ätzend«, murmle ich. »Ich kann ihnen ja das mit meinen Augen verraten. Dann lassen sie uns gar nicht erst an Bord.«

Mom und Dad wechseln einen Blick, woraufhin Mom mich am Arm packt und zur Seite zieht. Sie lächelt der anderen Familie zu, die gerade an uns vorbeigeht.

»Was soll denn das, Petra?«

Tränen verschleiern mir die Sicht. »Was ist mit Lita? Du tust so, als wäre dir alles total egal.«

Mom schließt die Augen. »Ich kann dir gar nicht sagen, wie schwer auch uns das fällt.« Sie stößt Luft aus und sieht mich an. »Es tut mir leid, dass dich das so mitnimmt, aber für so was ist jetzt wirklich nicht der richtige Zeitpunkt.«

»Und wann ist der?«, frage ich laut. »In Hunderten von Jahren, wenn sie tot ist?«

Der blonde Junge vor uns schaut zurück. Aber als sein Dad ihm mit dem Ellbogen in die Seite knufft, wendet er sich wieder ab.

»Petra, wir können nicht genau wissen, was passiert.« Mom schielt zu der anderen Familie und zwirbelt das Ende ihres geflochtenen Zopfs um die Finger.

»Du lügst doch«, sage ich.

Sie wirft Dad einen Blick zu und legt mir eine Hand auf den Arm. »Hast du mal überlegt, wie sich alle anderen gerade fühlen, Petra? Die Welt dreht sich nicht nur um dich.«

Mir liegt schon die Antwort auf der Zunge, dass die Welt sich bald gar nicht mehr dreht, da spüre ich ein Zittern. Es ist Mom.

Sie deutet in die Richtung, aus der wir gekommen sind. »Hast du die Menschen gesehen, die vor den Toren warten?«

Ich drehe den Kopf weg. Ich will mich nicht daran erinnern, wie eine Frau sich den Ehering vom Finger gerissen und ihr kleines Kind vorwärts geschoben hat, direkt vor einen bewaffneten Wachmann. Die ganze Zeit hat sie mit den Lippen die Worte »Bitte, bitte« geformt, während wir einfach durch das Tor gefahren sind. Was die Gesprächsüberwachung ergeben hat, war richtig. Diese junge Familie und viele andere haben tatsächlich herausgefunden, dass die Regierung hier draußen etwas zu verbergen hat.

»Sie würden alles dafür geben, um mit uns an Bord gehen zu dürfen.« Mom beugt sich zu mir herunter und blickt mir fest in die Augen. »Willst du umkehren?«

Ich denke an die Mutter mit ihrem Kind und was wäre, wenn ich Mom oder Dad oder Javier niemals wiedersehen würde.

»Nein«, erwidere ich.

Eine Frau mit einem Mädchen an der Hand kommt den Weg entlang. Es trägt einen lila Hoodie mit einer Kapuze, an der sich ein silbernes Horn in die Höhe windet. Als sie an uns vorbeilaufen, verrenkt das Mädchen auffällig den Kopf und starrt mich misstrauisch an.

»Suma! Hey!«, wispert ihre Mom, und sofort wirbelt das Mädchen wieder herum.

Mom späht zu ihnen hinüber. Sie hat ebenfalls mitgekriegt, dass sie uns beobachtet haben. »Könntest du deine Meinung dann bitte vorerst für dich behalten?«

Mom stapft los, geradewegs an Dad und Javier vorbei. Dad sieht mich mit hochgezogenen Brauen und einem Kopfschütteln an. Er hat die Nase also auch voll. Javier flitzt zu mir zurück und stolpert über einen Stein. Ich kann ihn gerade noch abfangen. Er nimmt meine Hand. »Alles okay«, sagt er, genau wie ich vorher zu ihm. Diesmal zieht er mich hinter sich her.

Ich hole tief Luft, als wir uns der Einstiegsrampe der Gottesanbeterin nähern. Über uns ragt der vordere Teil auf, mindestens so groß wie ein Fußballfeld. Die Fenster rundum sehen aus wie lange Zähne im weit geöffneten Maul des Ungetüms. Mit zwei eingeknickten Hinterbeinen steht es auf der Wiese.

Am anderen Ende der Wiese wuseln kleine Punkte in den Bauch des zweiten Rieseninsekts. Es soll kurz nach uns starten.

Javier zeigt auf zwei flügelähnliche Ovale weiter hinten am Schiff. »Und da wohnen wir?«

Dad nickt.

»Das ist ja größer als meine Schule«, flüstert Javier.

»Und ob.« Mom lächelt gekünstelt, als würde sie ihn von einem erneuten Ausflug nach Disneyland überzeugen wollen. »Es gibt nur sehr wenige Schiffe, die so viele Leute so weit transportieren können.«

»Und wir schlafen die ganze Zeit?«, fragt er.

»Es ist wie ein Nickerchen«, erwidert Mom.

Was dieses »Nickerchen« uns verspricht, ist das einzig Positive. Im Gegensatz zu Javiers dreißigminütigen Mittagsschläfchen allerdings dauert das hier dreihundertachtzig Jahre.

3

In der Woche vor unserer Abreise habe ich zufällig ein Gespräch meiner Eltern im Wohnzimmer mitbekommen. Keine Ahnung, warum ich nicht gleich kapiert habe, was los ist.

Sie hatten die Stimmen gesenkt. Die Masche kannte ich schon. Obwohl es längst Schlafenszeit für uns war, wollten sie nicht riskieren, dass wir sie belauschen könnten. Ich schnappte mir meine Puppe Josefina aus der American-Girl-Sammlung und breitete ihre dunklen Haare über das Kissen. Seit fünf Jahren hatte ich nicht mehr mit ihr gespielt, aber für Situationen wie diese lag sie immer griffbereit.

Auf Zehenspitzen schlich ich aus meinem Zimmer und an Javiers Tür vorbei. Durch den Schein seines Aquariums konnte ich im Flur gerade genug sehen.

Plötzlich ertönte ein Flüstern, laut genug, dass sogar Puppe Josefina fast senkrecht im Bett gestanden hätte. »Petra, wo willst du hin?«

Die Tür knarzte, als ich in Javiers Zimmer schlüpfte. »Nirgendwo. Ich wollte mir nur ein Glas Wasser holen.«

Er rückte ein Stück zur Seite, um mir Platz zu machen. Statt eines Schlafanzugs trug er seinen Gen-Gyro-Gang-Hoodie, den er drei Tage lang nicht mehr ausgezogen hatte. Seitdem chinesische Genforscherinnen und Genforscher Wolly das Wollhaarmammut wiedererschaffen hatten und der niedliche Mammutklon auf die Weltbühne getrampelt war, besaß quasi jedes Kind unter acht Jahren einen GGG-Hoodie mit Wolly in der Mitte, flankiert von einem Hypacrosaurus-Baby und einem Dodo. Javier griff über sich in das Regal und streckte mir sein Lieblingsbuch Dreamers hin – ein echtes gebundenes Exemplar, das früher schon meinem Vater gehört hatte. Es stammte noch aus der Zeit vor den ersten Librex und Geschichtengeneratoren.

»Jetzt nicht, Javier.« Ich stellte das Buch zurück.

»Menno!«, jammerte er.

Einen Moment verstummten Moms und Dads Stimmen. Ich legte einen Finger an die Lippen. »Wir sollten eigentlich schlafen.« Ich beugte mich über ihn, um ihm einen Gutenachtkuss zu geben, und stieß mir den kleinen Zeh am Bettpfosten. Schnell hielt ich mir den Mund zu und ließ mich neben ihm auf die Matratze fallen.

»Sorry«, wisperte er.

»Kannst du ja nichts dafür. Ich hab’s nicht gesehen.« Stöhnend rieb ich mir den Zeh. »Blöde Augen.«

Javier nahm meine Hand in seine. »Keine Sorge, Petra. Ich kann dein Auge für dich sein.«

Mit einem Kloß im Hals schlang ich die Arme um ihn und strich über die Konstellation aus Muttermalen zwischen seinem Daumen und Zeigefinger, die er schon von Geburt an hat. Für uns zwei eine stumme Botschaft. Ich machte es mir auf dem Kissen bequem, und Kopf an Kopf beobachteten wir seinen Zwergkrallenfrosch, der im Aquarium ständig auf- und wieder abtauchte. Mit den spindeldürren Beinchen und Zehen sah er aus wie eine tomatillo, gespickt mit Zahnstochern. »Du fütterst ihn zu viel.«

»Er heißt Gordo, da darf ich das«, erwiderte er.

Ich kicherte und streichelte über seine Muttermale, bis sein Atem sich vertiefte. Vom Dreamers-Cover aus starrte die Mutter wachsam auf uns herab. Ihr warmherziger Ausdruck erinnerte mich an Lita.

Ich ließ Javier los und stieg aus dem Bett. Der Flur war nur schwach beleuchtet, deshalb krabbelte ich sicherheitshalber auf allen vieren ins Wohnzimmer, um zu lauschen. Ich tastete mich voran, damit ich nicht irgendwo gegenstieß, und kroch hinter die Couch.

»Makaber«, sagte Mom gerade. »Einhundertsechsundvierzig Menschen – die Anzahl von Bodyguards auf dem Schiff – bieten ausreichend genetische Vielfalt, um unser Überleben zu sichern, falls der Rest von uns stirbt.«

Meine Eltern stellten ständig aus Spaß irgendwelche wissenschaftlichen Hypothesen auf. Das war bestimmt wieder eins ihrer Nerd-Gespräche.

Mom fuhr fort: »Die Bodyguards opfern sich für uns.«

»Sie wurden aus gutem Grund für diese Mission ausgewählt, genau wie wir«, meinte Dad.

»Allerdings dürfen wir bis zum Ende dabeibleiben.«

»Immerhin sind sie mit an Bord. Außerdem haben wir keine Ahnung, was uns dort erwartet. Wer weiß schon, ob ihr Leben besser oder schlechter verläuft als unseres.«

Das klang nicht mehr nach bloßen Spekulationen. Die Uhr in der Küche schlug zehn.

»Bildschirm ein«, sagte Dad und schaltete damit die Zehn-Uhr-Nachrichten ein, die für sie einprogrammiert waren.

Ich spähte zwischen den Couchkissen hindurch.

»Am heutigen Abend schalten wir zum Weltfriedensforum, wo sich immer mehr Menschen einer internationalen Bewegung anschließen.« Obwohl die Nachrichtensprecherin die Augenbrauen hob, erschien nicht eine Falte auf ihrer Stirn. »Diese … interessante neue Bewegung stößt auf viel Zuspruch und heftige Kritik.«

Ein Mann mit an den Schläfen akkurat geschnittenem Haar und spitzer Nase ergriff das Wort. Seine sanfte Stimme passte nicht zu den harten Gesichtszügen. »Dieses Jahrzehnt hat uns vor nicht gerade wenige Herausforderungen gestellt. Und schon bald werden es noch mehr. Stellen Sie sich eine Welt vor, in der unter den Menschen Einigkeit herrscht. Wenn wir an einem Strang ziehen, können wir Konflikte vermeiden. Ohne Konflikte kein Krieg. Keine Kriege, keine Hungersnöte. Und ohne Unterschiede in Bereichen wie der Kultur, des Aussehens, der Bildung …«

Ich zwängte den Kopf weiter durch die Kissen, um besser sehen zu können. Hinter ihm standen in Reih und Glied Männer und Frauen mit gebleichten, glatt gegelten Haaren in einheitlichen Uniformen, die Hände auf Hüfthöhe ineinander verschränkt. Überall war das gleiche Lächeln zu erkennen, und niemand trug auch nur die geringste Spur Make-up.

»Uneinigkeit und Ungleichheit haben zu Unruhen und Unzufriedenheit geführt. Unsere kollektiven Bestrebungen gelten unserem Überleben«, sagte der Mann.

»Ja, genau«, antwortete mein Dad, obwohl der Typ ihn nicht hören konnte. »Und zu welchem Preis?«

»Aber wollen wir nicht dasselbe?«, fragte Mom. »Überleben?«

Dad seufzte.

Der Mann trat einen Schritt zurück, sodass er wieder auf einer Höhe mit den anderen stand. »Schließen Sie sich uns an. Im Kollektiv sind wir stärker als allein. Schenken Sie uns Ihr Vertrauen, damit wir all den Schmerz und die Qualen der Vergangenheit aus unserem Gedächtnis löschen können. Wir werden …«

Im Chor ergänzten alle: »… eine neue Geschichte schreiben.«

Dad stellte den Ton aus. »Ich glaube, unsere Vorstellungen von Überleben gehen sehr weit auseinander.« Er deutete auf den Bildschirm. »Wenn das nicht beängstigend ist, dann weiß ich auch nicht.«

Ich setzte mich auf die Fersen. Die Welt, die diese Leute wollten, klang in meinen Ohren gar nicht so verkehrt. Kein Krieg. Keine Hungersnöte. Keine Unsicherheit, weil man nicht wusste, was man am nächsten Tag zur Schule anziehen sollte.

Als hätte Dad meine Gedanken gelesen, fuhr er fort: »Nicht was sie fordern, ist erschreckend, sondern wie sie es erreichen wollen.«

Normalerweise durfte ich nicht lange genug aufbleiben, um die Nachrichten zu gucken. Anscheinend hatte ich viel Spannendes verpasst. Was genau war so dramatisch an dem, was der Mann vorgeschlagen hatte?

Missmutig sagte Dad: »Gleichberechtigung ist gut. Aber Gleichberechtigung und Gleichheit sind zwei verschiedene Paar Schuhe. Manchmal denken die Menschen nicht darüber nach, was es wirklich bedeuten würde … Mit dem Dogma bewegen sie sich auf einem schmalen Grat.«

Das Wort Dogma musste ich unbedingt nachschlagen.

»Meinst du nicht, einige werden durchkommen?« Nun deutete auch Mom auf den Bildschirm.

»Darüber können wir uns jetzt nicht den Kopf zerbrechen. Wir haben größere Probleme, wenn die Länder untereinander um die Schiffe streiten.«

»Ich wette mit dir: Zumindest aus Japan und Neuseeland werden sie schon in den nächsten Tagen aufbrechen. Die Frage ist, ob sie ebenfalls einen geheimen Siedlungsraum haben.« Mom seufzte. »Vielleicht hat dieses Kollektiv recht. So viel zum Thema ›globale Eintracht und Kooperation‹.«

Ein leises Klatschgeräusch verriet mir, dass Dad ihr Knie tätschelte. »Wir dürfen nicht vergessen, was falsch gelaufen ist, damit wir unseren Kindern und Enkelkindern eine bessere Zukunft bieten können. Wir müssen unsere Vielfalt annehmen und einen Weg finden, Frieden zu schließen.«

Ich kroch zurück in mein Zimmer und schubste Josefina aus dem Bett. Würden mich diese Bodyguards, die sie erwähnt hatten, auf Schritt und Tritt begleiten? In welchen Teil der USA würde uns dieses Schiff bringen? War das ein neues Forschungsprojekt von Mom und Dad? Wie sollte ich Javier davon abbringen, seinen Frosch weiter zu mästen?

Erst später erfuhr ich, dass meine Eltern – im Gegensatz zu mir und den Leuten in den Nachrichten – schon an diesem Abend Bescheid wussten. Wir werden nämlich gar nicht wach sein und großartig mit den Bodyguards in Kontakt kommen oder auf dem Schiff herumspazieren. Und das Ziel liegt auch nicht auf der Erde. Die »Mission« meiner Eltern führt uns auf einen Planeten außerhalb des Sonnensystems: auf den Sagan. Die Bodyguards, die auf unsere schlafenden Körper aufpassen, werden die Ankunft nicht mehr miterleben. Aber hoffentlich sind ihre Ururururenkel da, wenn wir die Augen wieder aufschlagen.

Und Javiers kugelrunder Frosch sitzt währenddessen an einem Teich und frisst so viel, wie er will.

4

Offenbar hat sich der Erfinder der Klugen Kugel (aka des programmierbaren Informationssystems) einen Platz im dritten Raumschiff gesichert, indem er das System für alle Passagiere zur Verfügung gestellt hat. Während wir bewusstlos durchs Weltall reisen, lerne ich etwas über die von meinen Eltern gewählten Themenfelder Botanik und Geologie. Da ich fast dreizehn bin, darf ich mir aber noch ein Wissensgebiet extra aussuchen. Dieses Zusatzpaket allein ist wahrscheinlich mehr wert als Litas und unser Haus zusammen. Mythen und Sagen von Abertausenden Generationen werden sich tief in mein Gedächtnis gebrannt haben, wenn wir auf dem Sagan ankommen. Unvorstellbar, was für einen Schatz an Geschichten ich dann habe.

Auf dem Weg zum Raumschiff denke ich darüber nach, wie stolz Lita wäre, und kriege überhaupt nicht mit, dass Mom Dad ein Zeichen gibt. Dad nimmt Javier an die Hand, und Mom fasst mich am Ellbogen. »Hab dich«, flüstert sie.

Plötzlich dämmert mir, was sie da tun, und ich möchte heulen. Sie sprechen es zwar nicht laut aus, aber sie wollen nicht riskieren, dass uns diese Chance wegen mir entgeht. Die Zuständigen würden niemanden mit einem »genetischen Defekt« an den Augen auf den neuen Planeten bringen.

An der Einstiegsrampe werden wir von mindestens sieben Personen erwartet, alle jung, alle in den gleichen dunkelgrauen Overalls. Unterschiedlich sind nur die Hauttöne ihrer Gesichter. Sie lassen den Blick über die Menge schweifen und steuern nacheinander bestimmte Leute in unserer Gruppe an.

Ein Mann mit runder Brille hält schnellen Schrittes auf uns zu. Er sieht auf sein Tablet und lächelt Mom an. »Dr. Pena?«

»Ja. Aber es heißt Peña mit ñ«, antwortet Mom. »Wie in Lasagne.«

Er grinst. »Tut mir leid. Peña.« Als er auf dem Tablet etwas antippt, piept es. Dann wendet er sich an Dad. »Und … Dr. Peña?«

Dad nickt.

Der Mann drückt auf seinen Holotip und spricht hinein: »Peña: zwei Erwachsene, zwei Kinder. Schön, Sie kennenzulernen. Ich bin Ben, der Kinder-Bodyguard an Bord.« Er gibt uns ein Zeichen, ihm zu folgen. »Entschuldigen Sie die Eile. Wir stehen ein bisschen unter Zeitdruck.« Nervös schaut er zum Sicherheitszaun hinter den Bäumen. Auch ich werfe einen Blick zurück, kann aber nichts entdecken außer Wald.

Die übrigen Bodyguards verschwinden nach und nach mit den anderen Passagieren im offenen Schlund des Schiffs.

»Auf geht’s«, sagt Mom, nur scheinbar zu sich selbst, eigentlich aber als Stichwort für mich.

Violette Leuchtleisten säumen den Eingang, genau wie in der Plejaden-Corporation-Werbung, dahinter ist es bis auf einen schwachen bläulichen Schimmer ziemlich dunkel. Alle Firmenlogos, die das Schiff ursprünglich als Luxusliner kennzeichnen sollten, sind weg. Ich scanne die Umgebung ab, um mir einen Überblick zu verschaffen, so wie der Augenarzt es mir geraten hat. Bei Tageslicht ist meine Sicht ganz okay, aber sobald es dämmert, muss ich mich sogar zu Hause vorsichtig vorantasten. Sonst bin ich Javiers Spielzeugen hilflos ausgeliefert. Mit Retinopathia pigmentosa betrachtet man die Welt wie durch eine Toilettenpapierrolle. Und je älter man wird, desto schlimmer soll es werden.

Ich drehe mich um und spähe noch ein letztes Mal in den Himmel. Prompt pralle ich irgendwo gegen. »Sorry«, sage ich, ehe ich kapiere, dass es bloß ein Geländer ist. Javier und ich prusten los.

Mom legt einen Finger an die Lippen und schüttelt warnend den Kopf.

Ich schließe die Augen und atme die frische Luft der Erde ein.

Wir steigen die Rampe weiter hinauf bis in den Frachtraum. Ein glänzendes dunkles Spaceshuttle hockt wie ein Teppichkäfer im Schatten, bereit für seinen Einsatz in etwa vierhundert Jahren.

Wie in einem Lagerhaus reihen sich hier ganz viele Metallcontainer aneinander. Ben führt uns zu einem Aufzug. Die Tür schließt sich gerade hinter zwei Familien, die zeitgleich mit uns angekommen sind. Während wir warten, macht Ben uns auf eine Stahltür aufmerksam, über der ein blaues Licht blinkt und deren Verriegelung zusätzlich durch eine darüberliegende durchsichtige Haube gesichert ist. »Wasserfilterhalme und Lebensmittelvorräte, behandelt und verpackt, damit sie sich bis zur Ankunft auf dem Sagan halten.« Dann deutet er in eine leere düstere Ecke des Frachtraums und richtet sich an Mom und Dad. »Dort werden sich Ihre Labore befinden.«

Dad zieht die Augenbrauen hoch.

Ben grinst. »Ich weiß, es sieht noch nach nichts aus, aber keine Sorge. Bei der Ankunft wird alles aufgebaut für Sie bereitstehen.« Er weist in Richtung der Rampe. »Und dieser Platz hier wird zu einem Andockport.«

Der Aufzug plingt leise und öffnet sich. Die runden Außenwände sind aus Glas, werden aber von einer dunklen Metallröhre umschlossen. Ben drückt auf die 5, und die Glastür gleitet zu.

Wir fahren durch den erdrückend finsteren Schacht nach oben. Javier klammert sich an Dads Bein.

Beruhigend lächelt Ben ihm zu. »Das Schlimmste haben wir schon hinter uns. Das Hauptdeck liegt auf halber Höhe des Schiffs.«

Kaum hat er das gesagt, kündigt der Aufzug mit einem weiteren Pling das Hauptdeck an. Die Metallverkleidung verschwindet. Jetzt kann man auf der einen Seite durch Fenster in das gigantische Innere gucken.

Auf einmal ist mir genauso schwindelig wie damals auf unserem Klassenausflug nach Dallas, als ich aus dem Tunnel ins Olympiastadion getreten bin.

Javier lässt Dads Bein los und späht aufgeregt in den Schiffsbauch. »Wow!« Er presst die Hände gegen die Scheibe.

Auch mir bleibt die Spucke weg. Vor uns breitet sich eine Fläche aus, so groß wie sechs Footballfelder.

Pling. Deck eins.

Auf der gegenüberliegenden Seite befinden sich Hunderte von Privatsuiten. Wie in einem Footballstadion blickt man von dort aus nach unten auf eine Rasenfläche. Ein riesiger Park erstreckt sich fast über die gesamte Hauptebene, und dazwischen schlängeln sich Wege durch das Grün wie Adern durch ein Blatt. Am Rand stehen Bänke und Tische, die von unserem Aussichtspunkt winzig wirken. Und die flackernden Laternen ähneln Glühwürmchen.

Auf der zweiten Ebene über dem Park führen acht Spuren einmal komplett außen herum. Wie bei einer Laufbahn sind sie durch weiße Streifen markiert. Dahinter, entlang der Wand, erkenne ich Fitnessgeräte und türkisblaue Pools.

An allen Ecken und Enden fahren Menschen, aus der Entfernung nur punktgroß, mit gläsernen Aufzügen hoch und runter. Es plingt fürs zweite Deck.

»Da ist mein Zimmer.« Ben deutet auf eine Tür auf der Seite gegenüber bei den Suiten, deren Fenster auf den Park hinausgehen. Sein Finger wandert zwei Etagen tiefer zum Hauptdeck. »Genau über dem Theater.« Ich entdecke ein Amphitheater mit einer Bühne und einer Hololeinwand, die noch riesiger ist als die im Cinetrak 8. Kurz frage ich mich, wer wohl entscheidet, was für Filme sie sich angucken.

»Und die Cafeteria«, fährt Ben fort.

Hinter dem Park liegt ein weitläufiger Raum. Könnte auch ein Food Court in jeder x-beliebigen Mall sein. Tische und Stühle sind direkt in die Wand eingelassen. Vom Boden bis zur Decke lagern Essensrationen, so viele, dass man die Bodyguards eine Ewigkeit lang davon ernähren kann. Als ich darüber nachgrüble, woher sie das Wasser bekommen, das den Mahlzeiten vor dem Essen zugeführt wird, muss ich würgen. Aber wahrscheinlich ist nicht mal hier genug Platz, um Wasser für dreihundertachtzig Jahre aufzubewahren. Eine Wand aus Magnawellen ist das Einzige, das halbwegs an eine normale Küche erinnert.

Pling. Deck drei.

Die Bewunderung für das Schiff lässt nach, als ich mich daran erinnere, warum wir hier sind. Außerdem habe ich sowieso erst kurz vor der Landung die Chance, das Angebot hier zu nutzen. Ein tonnenschwerer Stein sinkt in meine Magengrube, wenn ich an all das denke, wogegen ich das hier eintausche. Litas Küche, zum Beispiel, oder den natürlichen Duft durchweichter Maisblätter und grüner Chili.

Ich starre auf die Cafeteria. Da gibt es sicher weder masa noch chili verde. Für Lita wäre das alles eh nichts gewesen. Ich sehe ihre dunklen, runzligen Hände vor mir, die mit einem Löffel masa auf ein Maisblatt häufen.

Schnell blinzle ich die Tränen weg, damit sie nicht überlaufen. Ich kann doch nicht die Einzige sein, die das hier für einen Riesenfehler hält! Gott wird bestimmt einen Weg finden, den Halleyschen Kometen … oder den Nahual … oder was auch immer wieder in die richtige Bahn zu lenken.

Pling. Deck vier.

Ich schaue auf und hoffe, niemand bemerkt meine feuchten Augen. Die Kuppel, die sich mindestens dreißig Meter über unseren Köpfen wölbt, besteht aus zwei gigantischen Bildschirmen. Bauschige Wolken ziehen dort über einen täuschend echten Himmel. Massive LED-Leuchten geben Vollspektrumlicht ab, genau wie in Moms Gewächshaus.

Auch Ben schaut nach oben. »In zwei Stunden wird der Abendhimmel gezeigt. Damit wir uns ganz wie zu Hause fühlen.«

Mein Blick folgt seinem Finger, als er hinunter auf den Park deutet. »Wir haben sogar richtige Pflanzen.«

»Das ist so toll«, wispere ich.

Mom drückt mir einen Kuss auf die Wange. Unser Streit ist also vorbei. Sanft flüstert sie mir ins Ohr: »Guck mal, was in der Mitte steht.«

Ich konzentriere mich auf das Herzstück des Parks: ein kleines Bäumchen, umgeben von einer kreisrunden mittelalterlichen Steinmauer.

»Ist der für Weihnachten?«, fragt Javier.

Mom gluckst. »Das ist Hyperion.«

Als ich mich zu ihr umdrehe, stoße ich mit meiner Nase gegen ihre. Ich kichere. Hat sie Wahnvorstellungen? So verzerrt kann meine räumliche Wahrnehmung doch gar nicht sein! Nie im Leben ist der Sprössling da der größte Baum der Welt. Auch wenn Hyperions genauer Standort geheim gehalten wird, weiß jedes Botaniker-Kind von ihm. Meine Mom hat ihn sogar mal in echt gesehen. Angeblich hat sie ihn umarmt und dabei geweint.

Ich schiele zu ihr. Ganz verliebt betrachtet sie den winzigen Baum und hat zum ersten Mal seit Tagen wieder ein ehrliches Lächeln auf dem Gesicht.

»Na ja, nicht direkt, aber immerhin konnte ich einen Steckling von ihm besorgen.« Ihre Stimme zittert. »Wir lassen hier so viele faszinierende Dinge zurück. Da erschien es mir nur richtig und wichtig, wenigstens den Nachwuchs von etwas so Kräftigem, Robustem mitzunehmen.« Sie seufzt. »Trotzdem wird er bei unserer Ankunft im Vergleich zu seinem Vater immer noch ein Baby sein. Um das Wachstum der Pflanzen zu kontrollieren und sie am Leben zu halten, nutzen sie die Nährstoffe, die sich erst nach und nach freisetzen.« Damit spielt Mom auf ihren revolutionären Dünger an. Sie lacht nervös. »Kein Druck.«

Pling. Deck fünf.

»Meinen Respekt, übrigens.« Ben lächelt. »Eine beachtliche Leistung.«

Mom nickt knapp. Die Aufzugtür gleitet auf, und wir steigen aus.

Die restlichen Passagiere sind schon in dem Labyrinth aus Fluren verschwunden. Wir folgen Ben in den am weitesten außen gelegenen Gang. Der Weg führt leicht bergauf und ist nur schwach beleuchtet, deshalb orientiere ich mich am Geländer. Nach kurzer Zeit nähern wir uns dem Ende und damit der rechten Flügelspitze der Gottesanbeterin.

»Sie müssen wissen«, nimmt Ben das Gespräch von vorher wieder auf, »ich kenne Dr. Nguyen, die sich während unserer ersten Reiseetappe um das Saatgut und die Setzlinge im Tresorraum kümmert.«

Moms Lächeln verblasst, und Dad tätschelt ihr den Rücken. »Sie ist eine Freundin von mir«, erklärt Mom. »Falls Sie sie treffen, richten Sie ihr ein Dankeschön von mir aus. Und …« Eine unangenehme Stille tritt ein.

»Natürlich«, antwortet Ben. »Sehr gern.«

Ich spähe links und rechts des Flurs durch die geöffneten Türen. Leute im gleichen grauen Overall wie Ben stehen vor Bedienfeldern und lassen die Finger über Hologramme gleiten.

»Das ist der Staseraum für die Jugendlichen.« Ben weist auf eine Tür zu unserer Rechten.

Durch die Mitte verläuft ein Gang, und es sieht aus, als wären zu beiden Seiten mindestens dreißig weiße Särge mit Glasdeckeln aufgereiht. Die meisten sind schon geschlossen, und im Inneren schimmert eine fluoreszierende Flüssigkeit.

Ich mache mich von Mom los und halte zögernd an.

An einem der Tanks steht eine Frau mit strengem Dutt und einem Tablet und vor ihr die Familie mit dem blonden Jungen. Sie hebt den Blick und runzelt die Stirn, als wäre ich eine lästige Fliege, die gerade auf ihrem Bedienfeld gelandet ist. Sie klickt mit dem Holotip auf ihr Tablet, und mit einem Wums gleitet die Tür zu.

Ben beugt sich vor. »Die Bodyguard-Chefin. Sie nimmt ihren Job sehr ernst.«

Zum Glück ist Ben für uns zuständig und nicht sie.

»Dr. und Dr. Peña, Sie sind vorn an der Steuerbordseite untergebracht, ihre Kinder hinten, Backbordseite. Gleich da drüben …«

Dad bremst unvermittelt ab. »Moment mal, niemand hat davon gesprochen, dass man uns trennt.«

Ben dreht sich zu ihm um und bringt stockend hervor: »Das ist … So sind die Vorschriften.« Er senkt die Stimme. »Tut mir wirklich leid, Dr. Peña. Sie sind nur auf der anderen Seite des Schiffs.« Er schielt zurück zu dem Raum, in dem die Bodyguard-Chefin war. »Wir haben die Anweisung, nach Alter zu klassifizieren und zu konservieren, um eine gezielte Überwachung zu ermöglichen.«

Klassifizieren und konservieren? Als wären wir Lebensmittel, die haltbar gemacht werden müssen. Der ätzende Geruch von Desinfektionsmitteln brennt mir in Nase und Augen.

Meine Eltern gucken sich an. Mom wirkt genauso besorgt wie Dad, drückt aber zuversichtlich seinen Arm. »Schon in Ordnung, Schnuckiputz.«

Dad gibt ihr einen flüchtigen Kuss auf die Stirn. Ich schaue hinunter zu Javier, der den gleichen skeptischen Blick draufhat wie Dad. Ich packe ihn am Arm und küsse ihn auf die Stirn. »Schon in Ordnung, Schnuckipups«, flüstere ich und ahme dabei Moms Stimme nach.

Javier grinst und kuschelt sich an mich.

Man kann Ben die Erleichterung ansehen, als Dad ihn mit einer Geste dazu auffordert weiterzumachen.

Er geht durch eine offene Tür und wendet sich an Javier und mich. »Da sind wir. Das ist der Staseraum für Kinder von sechs bis zwölf.«

5

Im »Kinderraum« ist es noch schummriger als überall sonst auf dem Schiff. Hier gibt es drei Reihen mit jeweils sechs Stasetanks, die aussehen wie … eine Sammlung von Fischkonserven. Bis auf sieben Tanks sind alle belegt. Dunkle Gestalten treiben in der leuchtenden Flüssigkeit, die mich an das grüne Wasser in den Mangrovenwäldern nahe Litas Heimatstadt Tulum erinnert, dem friedlichsten Ort auf Erden. Ich habe mich immer gefragt, ob die Schatten unter der Oberfläche mir nicht vielleicht doch irgendwann ein oder zwei Zehen abkauen.

Javier schlingt die Arme um meine Hüfte.

Ben beugt sich hinunter, bis er auf Augenhöhe mit Javier ist. »Ich weiß, das ist ein bisschen gruselig, aber solange ich da bin, werde ich auf euch beide aufpassen.«

Ben öffnet den Verschluss eines leeren Tanks. Mit einem Schmatzen löst sich der Deckel. »Guck – wie ein Gesundheitsscanner beim Doktor.«

»Und wer legt euch da rein?«, fragt Javier ihn und zeigt auf den Tank.

Mom hält ihm von hinten den Mund zu. »Tut mir leid. Er versteht das noch nicht.«

Erneut beugt Ben sich zu Javier hinunter. »Wir haben den coolsten Job überhaupt und dürfen unser ganzes Leben auf dem Schiff verbringen, während wir durchs Weltall reisen.« Er lässt einen Arm durch die Luft schweifen. »Hast du gesehen, was für ein tolles neues Zuhause ich habe?«

Javier nickt.

Er hat recht. Ist wahrscheinlich besser, als auf der Erde zu sterben. Trotzdem wird der Duft von Wüstenblumen nach einem Regenschauer im Park fehlen. Die riesigen Bildschirme an der Decke simulieren vielleicht den Himmel bei Tag und Nacht, werden aber nie von Blitzen erhellt oder von Donnergrollen erschüttert. Die Schwärze des Alls wird ein trostloser Anblick sein im Vergleich zu den Orange- und Rottönen des Sangre-de-Cristo-Gebirges bei uns zu Hause.

Ben spricht weiter. »Ich durfte auch den Menschen auf dem ersten Schiff beim Einschlafen helfen, bevor sie losgeflogen sind. Bauleuten, Farmerinnen und Farmern … ganz vielen Kindern … Wenn ihr also auf dem Sagan landet, sind sie bereit für«, er tippt Javier an die Schläfe, »das Know-how, das unser Schiff mitbringt.«

Ich denke an die andere Raumfähre und frage mich, wie viele Kinder wohl zusammen mit ihren Eltern unterwegs sind, so wie wir.

Ben reicht meiner Mom eine Plastiktasche und zieht einen Raumtrenner aus. Während Mom Javier dahinter beim Umziehen hilft, winkt Ben meinen Dad näher an den Tank. Er senkt die Stimme, und als hätte er die Worte schon hundertmal aufgesagt, erklärt er: »Das programmierbare Informationssystem versetzt die Organe und das Gehirn in einen sofortigen Schlaf. Das Gel konserviert das Gewebe dauerhaft und entfernt alternde Zellen und Abfallstoffe. Es versorgt den Körper in der Stase mit Nährstoffen und Sauerstoff. Das darin enthaltene Lidocain betäubt zusätzlich die Nervenenden, damit die niedrige Temperatur des Gels beim Aufwachen leichter zu ertragen ist.«

Dad atmet tief ein. »Ich verstehe. Danke.«

Schnell wechselt Ben das Thema, und sein Tonfall wird wieder normal. »Und …« Er wirft einen Blick auf sein Tablet, »hier habe ich die Programmpakete für Javier und Petra. Basiswissen und die Schwerpunkte Botanik und Geologie.«

»Genau.« Dad schaut zu mir und reckt den Daumen nach oben.

Ich verdrehe die Augen. Immerhin muss ich mir nicht aktiv irgendwelche Vorträge anhören. Die Info-Kugeln, die uns einschlafen lassen, senden dieses Wissen nämlich direkt an unser Gehirn. Wenn wir den Sagan erreicht haben, bin ich eine Expertin im Bereich Botanik wie Mom und in Geologie wie Dad. Und das ist noch nicht alles. Mit der wertvollen Sammlung von Mythen und Sagen, die ich dann zusätzlich zu Litas Geschichten im Kopf habe, kann ich Mom und Dad vielleicht endlich davon überzeugen, dass ich doch lieber Erzählerin werden sollte. Dazu muss ich nur, wie Lita mir geraten hat, die Geschichten zu meinen eigenen machen.

Javier kommt hinter dem Raumtrenner hervor. Er trägt dünne schwarze Shorts, als wollte er an den Strand gehen. Während Mom Ben die Plastiktasche mit Javiers Kleidung und seinem Lieblingsbuch aushändigt, hebt Dad meinen kleinen Bruder hoch und drückt ihn fest.

Mom streicht Javier über den Rücken. Der starrt in den offenen Tank.

»Ich will nach Hause«, wimmert er. »Bitte, können wir nach Hause?«

Mom nimmt ihn Dad ab. »Du machst nur ein Nickerchen.«

Javier ringt immer wieder um Luft, so sehr versucht er, seine Schluchzer zu unterdrücken. Vorsichtig setzt Mom ihn in den Tank, lässt ihn aber nicht los.

Ich möchte, dass seine letzte Erinnerung vor dem jahrhundertelangen Schlaf eine schöne ist. Also knie ich mich hin und schmiege meine Wange an seine. Ich schließe die Augen und denke an meine Hand in Litas, an das brennende Pinyon-Kiefernholz und die aufsteigenden Rauchschwaden im Himmel über New Mexico. Ich halte seine Hand, wie Lita meine gehalten hat, und streichle über die Muttermale zwischen seinem linken Daumen und Zeigefinger. Ein kaum merkliches Lächeln huscht über sein Gesicht. Ich beschließe, ihm die Geschichte zu erzählen, die Lita mir an unserem letzten gemeinsamen Abend erzählt hat. Die, die für mich am tröstlichsten war. So sanft und geduldig wie sie fange ich an: »Die Sterne um uns herum sind die Gebete von abuelas und Müttern und Schwestern …«

Javier schnieft mir ins Ohr. Ich mache weiter.

»… die sie für die Kinder in ihren Herzen sprechen. Jeder Stern ist ein Zeichen der Hoffnung.« Ich setze mich auf die Fersen und deute nach oben. »¿Y cuántas estrellas hay en el cielo?«

»Wie viele Sterne es am Himmel gibt?«, wiederholt er und linst zur Decke, als wollte er in den Nachthimmel schauen. »Keine Ahnung.«

Ich beuge mich ganz nah zu ihm und flüstere ihm ins Ohr. »¿Cincuenta

»Fünfzig nur?« Er grinst. Wahrscheinlich stellt er sich eher Milliarden vor.

»Oder sin … cuenta?« Ich lächle und wuschle ihm durch die Haare, genau wie Lita immer.

»Unzählige«, wispert er, als er Litas Wortspiel verstanden hat.

Ob es bei mir wohl genauso gut rüberkommt wie bei ihr und ihn meine Berührung so beruhigt, wie Litas mich beruhigt hat? An das Ende kann ich mich nicht mehr erinnern. Es war auf jeden Fall … tröstlich. Was hat sie noch mal gesagt? »All die estrellas, die uns dort draußen umgeben, sind unsere verstorbenen Ahnen. Und sie raunen uns Botschaften zu.«

Javier schnellt hoch und reißt die Augen auf. »Sterne sind tote Verwandte?«

»Nein, Javier. Damit wollte ich sagen …«

»Wie Gespenster? Im Weltall?« Javier krallt sich am Rand des Tanks fest und macht Anstalten rauszuklettern. »Mom. Bitte. Ich will nicht.«

Das läuft nicht wie geplant. Ich versuche zurückzurudern: »So habe ich das nicht gemeint.« Aber zu spät. Javier ist kurz davor loszuheulen.

Da wirft Ben auf einmal ein: »Bitte, Dr. Peña. Die Zeit drängt.«

Mom streicht Javier behutsam durch die Haare, wie sie es auch nach einem Albtraum tut, damit er sich entspannt. »Sch, sch, ich weiß.« Sie legt ihn wieder hin. Dann erst richtet sie sich an mich und verengt die Augen, bis sich Fältchen in den Winkeln bilden. »Also ehrlich, Petra, das ist nicht der passende Zeitpunkt für eins deiner Märchen.«

Autor