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Minecraft - Das Ende

hier erhältlich:

So lange sie sich erinnern können, haben die beiden Endermen Fin und Mo im mysteriösen "Ende" gelebt. Am Rande der großen Endermen-Stadt Talos erkunden sie ihre Welt unter dem wachsamen Blick des mächtigen Enderdrachen und der anderen Endermen. Sie haben alles, was sie brauchen und wissen alles, was sie über ihre Welt wissen müssen - bis sie auf die Fremden aus einer anderen Dimension treffen.


Die Invasoren heißen Menschen und sie sind gekommen, um den Enderdrachen zu töten. Fin und Mo sind bereit, ihre Welt vor den Eindringlingen zu schützen, aber als sie sich den Menschen gegenübersehen, stellen sie fest, dass viele Dinge nicht so sind, wie sie immer gedacht haben. Unvorbereitet sind die Zwillinge mitten in einem Krieg zwischen den Endermen und den Menschen gefangen und ihre Zukunft ist ungewiss.



  • Erscheinungstag: 25.08.2020
  • Aus der Serie: Minecraft Roman
  • Bandnummer: 4
  • Seitenanzahl: 288
  • Altersempfehlung: 12
  • Format: Hardcover
  • ISBN/Artikelnummer: 9783505140754

Leseprobe

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Deutsche Erstausgabe

Copyright © 2020 Schneiderbuch.digital in der HarperCollins Germany GmbH, Hamburg

Alle deutschsprachigen Rechte vorbehalten

Die amerikanische Originalausgabe erschien 2019 unter dem Titel

„MINECRAFT – The End“ bei Del Rey, an imprint of Random House, a division of Penguin Random House LLC

This translation is published by arrangement with Del Rey, an imprint of Random House, a division of Penguin Random House LLC

 

Copyright © 2019 Mojang AB and Mojang Synergies AB. MINECRAFT is a trademark

or registered trademark of Mojang Synergies AB.

All rights reserved.

 

Übersetzung aus dem Englischen: Maxi Lange

Coverillustration und -design: M.S.Corley

Umschlaggestaltung: Achim Münster, Overath

Satz: PPP Pre Print Partner GmbH & Co KG, Köln

In Anlehnung an das amerikanische Original

eBook: PPP Pre Print Partner GmbH & Co. KG, Köln, www.ppp.eu

ISBN 978-3-505-14082-2

www.schneiderbuch.de

 

 

 

 

 

 

 

 

Für Aurora und Cole

Ich bin immer nur ein Portal entfernt

Im Ende ist immer Nacht. Es gibt keinen Sonnenaufgang, keinen Sonnenuntergang und keine tickenden Uhren.

Aber das bedeutet nicht, dass es dort keine Zeit gibt. Oder Licht. Ringe aus blassgelben Inseln glimmen in der Dunkelheit und schweben auf ewig in endloser Nacht. Purpurne Riesenpflanzen und Türme erheben sich aus dem Boden und ragen in den leeren Himmel empor – Pflanzen mit Früchten und Türme voller Zimmer. Weiße Kristallstäbe stehen wie Kerzen an den Ecken der Turmdächer und Balkone und bringen Licht in den Schatten. Ausgedehnte uralte, stille Siedlungen voll solcher Türme sind über den gesamten Archipel verstreut und leuchten in Purpur und Gelb, wie alles an diesem Ort. Neben ihnen schweben große Schiffe mit hohen Masten. Unter ihnen gähnt die schwarze, bodenlose Leere.

Es ist ein schöner Ort, und er ist keineswegs verlassen.

Auf den Inseln wimmelt es von Endermen, deren lange, schlanke schwarze Gliedmaßen sie über kleine gelbliche Hügel und durch kleine gelbliche Täler tragen. Ihre schmalen lila-rosafarbenen Augen funkeln. Ihre dünnen schwarzen Arme bewegen sich im Rhythmus einer sanften, flüsternden Musik, während die Kreaturen in den hohen, verdrehten Türmen, die älter sind als der bloße Gedanke an eine Uhr, unauffällig ihre Ränke schmieden. Sie beobachten alles und schweigen.

Shulker verstecken sich in Kisten, die an den Schiffen und Türmen sitzen. Wie kleine gelblich-grüne Schnecken verkriechen sie sich vor Fremdlingen. Manchmal wagen sie einen Blick nach draußen, doch gleich darauf schnappt die Kiste wieder zu – wie die Schale einer wütenden Muschel. Das sanfte Pochen ihrer sich öffnenden und schließenden Hüllen ist der Herzschlag des Endes.

Auf der zentralen, dunkelsten Insel umringen riesige Obsidiantürme einen kleinen Haufen grauen Gesteins, der von Fackeln umgeben ist. Auf jedem Turm thront ein helles Licht  – eine Flamme im silbernen Käfig, die ihre Strahlen auf den Boden, über den kleinen grauen Hof und weit hinauf in den schwarzen Himmel wirft.

Über allem zieht etwas Großes seine Runden. Etwas Riesiges. Etwas mit Schwingen. Etwas, das niemals ruht. Runde um Runde dreht es, während seine lilafarbenen Augen wie zorniges Feuer glühen.

Fin!

Das Wort zischte durch die Schatten jenseits der Küste einer der Außeninseln. Eine große Endsiedlung überragte den Großteil der Landmasse: Telos. Sie wucherte aus dem Inselhochland wie etwas Lebendiges hervor. Große Pagoden und Pavillons überall. Weiße Lichtpartikel rieselten von den schimmernden Endstäben. Shulker klapperten mit ihren Kisten. Angeleint wie ein Hund, schwebte gleich neben Telos ein großes purpurnes Schiff – ein Piratenschiff ohne Ozean. Diese großen Boote kamen in den meisten Endsiedlungen vor. Niemand kannte den Grund, genauso wie niemand ahnte, wer all die großen seltsamen Siedlungen errichtet hatte. Nicht die Endermen, was sie selbstverständlich nicht davon abhielt, all den Orten Namen zu geben. Auch nicht das fliegende Ding, das endlos seine Runden um ein Portal ins Nirgendwo zog. Nicht die Shulker, die nie lange genug aus ihren Schalen hervorlugten, um irgendetwas über die Welt lernen zu können. Die Endschiffe existierten einfach, genauso wie die Siedlungen und das Ende – genauso wie Wolken, Diamanten und Dienstage.

Fin! Hast du was Gutes gefunden?

Ein schmaler junger Enderman teleportierte sich schnell über die Insel, hinein und hinaus aus Telos’ Ecken und Winkeln. Er blinzelte sich an den einen, dann den nächsten Ort, bis er schließlich mit etwas Beute im Arm an Deck des Endschiffs stand. Sein Kopf war schön – schwarz und kantig. Seine Augen leuchteten hell und hungrig. Seine Gliedmaßen waren schlank, und doch stark. Ein anderer Enderman stand wartend an den Mast gelehnt. Sie verschränkte die dunklen Arme über der schmalen Brust.

Nein, dachte ihr Gegenüber, als würde er das Wort rufen. Es erschien einfach im Verstand des anderen Enderman. Sie brauchten keine Münder und Stimmen oder gar Ohren. Keine Geräusche. Telepathie war so viel einfacher als zu sprechen. Man dachte einfach mit jemandem, anstatt zu sprechen, und er oder sie verstand.

Nichts Gutes, Mo. Nur ein paar Perlen. Davon haben wir tonnenweise. Pff. Nimm du sie. Mir sind die unheimlich. Ich war mir sicher, dass die Brustpanzer von letzter Woche inzwischen wieder da wären, aber jemand anders ist uns wohl zuvorgekommen. Außerdem habe ich etwas Redstone-Erz gefunden, aber das war’s. Nächstes Mal gehst du wieder. Du hast den besseren Riecher für gutes Zeug.

Die zwölfjährigen Enderman-Zwillinge Fin und Mo, Bruder und Schwester, traten unter Deck. Fin war eigentlich drei Minuten älter, aber das kümmerte ihn nicht weiter. Dinge wie Altersunterschiede stanken nach Rängen, nach Struktur, nach Ordnung – und Ordnung war im Ende nicht willkommen.

Sie hatten immer hier gelebt. Sie konnten sich an keinen anderen Ort erinnern. Sie waren hier aufgewachsen. Es war ihr Zuhause. Genau wie das Hunderter weiterer Endermen, die auf den Inseln des Archipels lebten. Die Zwillinge lebten auf einem Endschiff voller Zeug, das sie von überallher zusammengetragen hatten. Ein Teil davon war richtig gutes Zeug – Diamanten und Smaragde, Golderz und Lapislazuli. Verzauberte Eisenbeinlinge, Spitzhacken jeder Art, Rote-Bete-Samen und Chorusfrüchte, Sättel und Pferdeharnische (obwohl ihnen noch nie ein Pferd begegnet war). Dutzende Paare wundervoller grauer Flügel, die man sich umschnallen konnte, um nach Herzenslust damit umherzufliegen. Manche Dinge waren aber auch ziemlicher Müll. Steine und Tonklumpen und Sand und alte Bücher mit beschädigten Rücken. Fin und Mo machte das nichts aus. Sie waren Plünderer, und die durften nicht wählerisch sein. Außerdem konnten sie nie wissen, wann sie ein wenig guten alten Ton gebrauchen konnten.

Die Enderman-Zwillinge wussten, dass es draußen noch andere Welten gab. Denn wenn es ein Ende gab, musste es auch einen Anfang geben. Nur eben irgendwo anders, an einem Ort, der diesen hier sein Ende nannte. Ein Irgendwo, das das Gegenstück zu hier war. Grün und hell, mit blauem Himmel und blauem Wasser, voller Schafe und Schweine und Bienen und Tintenfische. Andere Endermen besuchten diesen Ort andauernd. Die Geschwister kannten ihre Geschichten. Aber das hier war ihre Welt. Sie waren hier sicher, mit ihren eigenen Sachen und ihrer eigenen Art.

Fins und Mos Schätze stapelten sich schon bis unters Dach des Laderaums. Vorsichtig durchquerten sie die Berge aus Krimskrams wie bereits tausendmal zuvor. Zwischen all den Stiefeln und Schwertern und Helmen und Drachenköpfen und Barren schlängelte sich ein ausgetretener Pfad, der hier und dort etwas breiter war – gerade Platz genug zum Sitzen und Leben … und für Haustiere.

Hallo Grollo, begrüßte Mo fröhlich den Shulker, der in seiner Kiste an der Wand gegenüber saß. Er war schon immer hier gewesen, genau wie sie. Sie wurden ihn einfach nicht los. Dabei hätten sie den Platz, den er wegnahm, so gut für ihre Beute gebrauchen können. Doch obwohl sie in der Vergangenheit bereits mehrfach versucht hatten, ihn loszuwerden, war er am nächsten Tag immer wieder aufgetaucht. Irgendwann hatten sie einfach aufgegeben und ihn akzeptiert. Sie hatten ihm sogar einen Namen gegeben und überließen ihm manchmal die Bewachung ihres Schiffs. Schließlich konnten sie nie wissen, wann der nächste Räuber vorbeikommen würde. Wer so viel Beute an einem Ort gesammelt hatte, musste wachsam bleiben. Eigentlich bewachte Grollo das Schiff nicht wirklich. Er war immer nur da und hasste wie üblich alles und jeden, aber die Zwillinge fühlten sich trotzdem sicherer. Er war nicht irgendein Shulker. Er war ihr Shulker.

Wenn es denn ein Er war. Sie hatten ihn nie gefragt, denn sie respektierten seine Privatsphäre.

Hallo, antwortete Grollo. Er lugte aus seiner Kiste hervor und zeigte sein gelblich-grünes Gesicht. Ich hasse euch.

Wenn du meinst, gab Fin gleichgültig zurück. Braver Junge.

Bin ich nicht, schimpfte Grollo. Ich will dich beißen.

Bist du wohl!, dachte Mo. WER IST EIN BRAVER JUNGE?

Der Shulker brummelte etwas vor sich hin und schloss dann seine Schale. Sein letzter Gedanke erschien in ihren Köpfen, die Buchstaben klein und zornig. Ich bin ein böser Junge. Ich beiß euch morgen, ihr werdet sehen.

Mo und Fin kramten hinter einigen Erzblöcken und holten einen Korb mit Chorusfrüchten hervor – ihr Mittagessen, das sie sogleich gerecht aufteilten. Sie waren absolut gleichberechtigt, und alles wurde genau gleich aufgeteilt – sorgfältig, durchdacht und penibel. Schweigend und zufrieden arbeiteten die Zwillinge Seite an Seite und packten ihren Proviant ein.

Bewache das Schiff, Grollo, dachten Fin und Mo. Wir gehen ED besuchen. Lass nicht zu, dass irgendwer unser Zeug klaut.

Ich hasse das Schiff, nörgelte Grollo, ohne seine Schale zu öffnen. Ich hasse euch. Ich hasse ED. Ich hasse euer Zeug.

Gut gesagt, Grollo!, lachten sie vergnügt.

Fin und Mo teleportierten sich auf das Oberdeck des Endschiffs. Der schwarze Himmel über der funkelnden Siedlung sah so schön aus. Aber sie wollten nicht nach Telos. Sie blinzelten sich von einer Insel zur nächsten, und ihre Enderperlen glühten bei jedem Sprung.

Nach wenigen Momenten hatten sie die Hauptinsel erreicht. Massenweise Endermen drängten sich zwischen den Obsidiantürmen, deren Kronen aus eingesperrtem Licht ihre Strahlen in die Dunkelheit entließen.

Sei gegrüßt, Hubunit Paa, dachte Fin zu einem großen, älteren Enderman, den sie hier draußen oft trafen. Heil dem Großen Chaos!

Möge das Große Chaos dir hold sein, junger Enderman, antwortete Paa ernst. Das war die übliche Antwort. Alle Endermen verehrten das Große Chaos. Das Universum teilte sich in Chaos und Ordnung. Oberweltler glaubten an die Ordnung, aber Endermen wussten, dass sie nur eine Lüge war – auf immer und ewig eine Lüge. Die größte Lüge, die je existiert hatte. In der Oberwelt glaubten die Leute, dass man eine Festung bauen kann, die stark genug ist, alles abzuwehren. Dass wahre Perfektion erreichbar war. Oder etwas Bleibendes. Nur die Endermen, die Diener des Großen Chaos, schienen zu verstehen, dass das ein Irrglaube war, und es war ihre heilige Pflicht, diese Tatsache immer wieder aufs Neue zu beweisen. Das Leben war so viel schöner, wenn man die Wahrheit begriff: Alles konnte passieren, jederzeit, jeder Kreatur und jedem Ding. Das Große Chaos erreichte früher oder später alle. Irgendwann würde es das ganze Universum erfassen, und die Endermen mussten es dabei mit aller Kraft unterstützen. Die heiligste Pilgerfahrt, die ein Enderman unternehmen konnte, war die Reise in die Oberwelt, um dort Zeuge der Konstruktionen der Ordnung zu werden und ebendiese zu sabotieren – einen Block aus einem gemütlichen Haus zu entfernen und damit dem Großen Chaos den Weg zu ebnen. Regen oder Feuer könnten durchs Dach eindringen. Creeper könnten sich durch ein Loch im Fundament einschleichen. Diebe könnten in ein Heim einbrechen und es ausrauben. Ordnung war so langweilig. War das Leben nicht viel interessanter, wenn man das Chaos zuließ?

Sei gegrüßt, Hubunit Lopp, dachte Mo zu einem von purpurnen Funken umgebenen Enderman, der am Rand der Insel stand und in die Ferne starrte. Heil dem Großen Chaos.

Sei gegrüßt, Mo, antwortete Lopp. Ich warte auf die Rückkehr meiner Enderfrags. Sie sind in die Oberwelt gereist, um die Ordnung zu jagen und zu zerstören. Ich bin sehr stolz auf meine Fragmente. Sie werden dem Ende Ruhm bringen.

Sie sind bestimmt bald zurück, tröstete Mo.

Die Kreatur drehte sich um und starrte die Zwillinge an. Sie war furchtbar groß, und etwas Seltsames flackerte in ihren magentafarbenen Augen.

Seid ihr allein? Seid ihr geschwächt? Benötigt ihr Endstapelung mit einem Hubunit von überlegener Stärke und Macht?

Mo wich einen Schritt zurück. Die Erwachsenen machten immer einen Aufstand, wenn jüngere Endermen allein unterwegs waren. Es erschütterte sie geradezu. Mo gefiel diese Denkweise der Großen überhaupt nicht. Außerdem waren sie immer so steif und förmlich und benutzten ständig lange Wörter. Junge Leute waren anders. Weder Fin noch Mo noch irgendeiner der anderen jungen Endermen, die sie kannten, dachte so. Vielleicht befiel einen irgendein Zauber, wenn man erwachsen wurde, der einen Snob aus einem machte.

Natürlich hatte Lopp diese Idee überhaupt nur, weil so viele andere Endermen auf der Insel des Enderdrachen umherliefen. Allein waren Endermen zornig und primitiv – kaum besser als ein gefangener Bär, den man einmal zu oft geschlagen hatte. Nur in Gruppen erreichten die gemeinsamen Gedanken all diese interessanten Verästelungen. Eine Gruppe von Endermen wurde „Ende“ genannt. Deshalb hieß auch ihr Land so. Alle Endermen zusammen bildeten das größte Ende überhaupt.

Jedes Ende enthielt viele verschiedene Individuen, von denen sich jedes in einem anderen Entwicklungsstadium befand. Enderfrags waren die Jüngsten – Fragmente zweier erwachsener Hubuniten. Nubuniten waren ausgewachsene Endermen, die sich noch nicht repliziert hatten, um ihr eigenes Ende zu gründen. Dann gab es noch die Kruxuniten – die großen, uralten Ahnen, die sich einst allein repliziert und ihre Enden aus sich selbst hervorgebracht hatten. Versammelten sich mehrere Endermen, um sich zu unterhalten oder gemeinsam etwas zu tun, hieß dieser Vorgang „Endstapeln“. Am einfachsten ging das mit den Mitgliedern und Fragmenten des eigenen Endes. Schließlich kannte man diese Leute schon aus der Zeit, bevor sie überhaupt repliziert worden waren. Doch Endermen konnten auch mit anderen Endermen stapeln und auf diese Weise stärker, schlauer, und raffinierter werden. Außerdem bot ein Ende Sicherheit. Eine Sicherheit, die Lopp vor allem angeboten hatte. Ein Ziegelstein ist nicht viel – auch wenn es wehtut, wenn er dir auf den Kopf fällt. Aber Einhundert davon ergeben eine starke Mauer.

Trotzdem wollte Mo all das nicht. Sie hatte Fin, und das reichte ihr. So war es schon immer gewesen. Wenn sie mit Endermen stapelte, die nicht Fin waren (ausgenommen einem, über den sie jetzt lieber nicht nachdachte, denn über Kan nachzudenken lenkte sie immer furchtbar ab, und Mo hatte heute viel vor), fing ihr Körper an, unangenehm zu jucken, sodass sie sich die Haut am liebsten abgezogen hätte. Es brachte sie zum Weinen. Es verlieh ihr so viel Energie, dass sie sich kaum davon abhalten konnte, zu laufen und zu springen und Saltos zu schlagen wie eine Verrückte. Vielleicht hätte Mo das Endstapeln wirklich klüger gemacht, aber sie fühlte sich nie so, weil sie sich bei all dem Juckreiz, dem Umherspringen und den Saltos nicht konzentrieren konnte. Vielleicht würde all das ja in einigen Jahren ein Ende haben, wenn sie zum Nubunit heranwuchs. Mo und Fin waren Enderfrags – gerade noch so.

Vielleicht war Mo aber auch nur absonderlich. Das war durchaus möglich.

Nein, danke. Alles in Ordnung, erwiderte Mo nachdrücklich.

Bist du dir sicher?, hakte der große Enderman besorgt nach. Ich bin verfügbar. Ich bin ein exzellentes Hubunit. Meine Teleport- und Kampffähigkeiten sind beispiellos.

Es geht mir gut!, rief Mo und rannte, ohne sich noch einmal umzusehen, zu Fin.

Das Drachenwesen zog brüllend seine Runden. Es flog auf und ab, zwischen den Türmen hindurch und ruhte sich hin und wieder auf dem kleinen grauen Bereich in der Mitte der Insel aus. Dort brüllte es noch einmal und hob sogleich wieder ab.

Fin und Mo teleportierten sich auf eine der schwarzen Säulen, um sich auf dem dunklen Gestein neben der Laterne niederzulassen, die in der Mitte stand. Von dort aus beobachteten sie den Drachen. Das gehörte zu ihren Lieblingsbeschäftigungen. Egal, wie lange man ED zusah – so nannten sie das Monstrum –, es wurde nie kleiner, weniger angsteinflößend oder weniger interessant. Allein diese knotigen Schuppen entlang seiner Wirbelsäule. Die tollen Schwingen. Die riesigen lilafarbenen Augen. Jedes Mal, wenn das Biest an ihnen vorbeiflog, zitterten sie vor Aufregung und Angst – aber die Aufregung überwog.

Möchtest du irgendwann einmal hin?, fragte Mo und knabberte an einer Chorusfrucht.

Wohin? Fin ließ den Enderdrachen nicht aus den Augen. Er nahm kaum wahr, was ihn seine Zwillingsschwester gefragt hatte. Wer hätte das auch gekonnt, mit einem waschechten Drachenwesen in der Nähe? Gerade ruhte es sich wieder einmal auf dem kleinen Steinpodest am Boden aus.

In die Oberwelt.

Igitt, wieso sollte ich? Da gibt’s Menschen.

Menschen waren das Schlimmste, was er kannte. Schlimmer als die allgegenwärtige Leere, in die er jederzeit stürzen konnte. Schlimmer als Beutediebe. Viel schlimmer als Grollo. Menschen hassten Endermen. Sie töteten sie und stahlen obendrein ihre Herzen – die Enderperlen, mit denen jeder Enderman geboren wurde. Diese Juwelen, die ihnen die Macht der Teleportation verliehen. Wer tat so etwas? Wer stahl Herzen?

Ich weiß nicht. Mo streckte die langen schwarzen Beine aus. Um neue Leute kennenzulernen. Oder zu vernichten. Mehr Beute zu suchen. Etwas anderes als Chorusfrucht zu essen. Dem Großen Chaos zu dienen.

Mo, du weißt doch, was mit unseren Hubuniten passiert ist. Sie gingen in die Oberwelt und kamen nie zurück. Ohne die Oberwelt hätten wir beide noch unser Ende.

Sie wurden vom Regen überrascht, erinnerte sich Mo. Es war eine furchtbare Erinnerung. Regen war für ihresgleichen wie Gift. In einem Sommergewitter draußen zu stehen war, wie einem Hagel aus einer Million Silbergeschossen ausgesetzt zu sein.

Aber das könnte jedem passieren. Das lehrt uns das Große Chaos. Es gibt und nimmt. Es könnte dir oder mir oder Grollo passieren. Es könnte auch Lopps Enderfrags passieren. Jeden Tag steht sie dort und wartet auf ihre Rückkehr. Hast du Lopps Enderfrags je gesehen?

Nein, erwiderte Mo sanft.

Fin schnippte eine Chorusfrucht vom Säulenrand und beobachtete, wie sie dem gelben Boden entgegenschwebte. Siehst du? Es kann wirklich jedem passieren. Wer weiß, wie viele Endermen wir jede Woche verlieren.

Möge ihr nobles Opfer die Vorherrschaft des Großen Chaos beschleunigen, predigte Mo.

Ja, ja, ja. Aber rate, wer die Drecksarbeit für die Mächte der Ordnung erledigt. Menschen. All unsere Probleme existieren nur wegen der Menschen. Sie sind schuld daran, dass wir uns nicht einmal daran erinnern können, wie unsere Hubuniten aussahen. Nur wegen der Menschen können wir nicht für ein kleines Picknick spontan in die Oberwelt reisen, wenn wir Lust darauf haben. Aber das wäre es ohnehin nicht wert, glaub mir. Nichts da oben ist besser als das, was wir hier haben. Der einzig gute Grund, die Oberwelt zu besuchen, ist der, dem Großen Chaos zu dienen. Aber nicht einmal das würde ich tun – außer, ich verspüre plötzlich einen Todeswunsch. Was gibt es Chaotischeres als sich zu weigern, irgendwem zu dienen?

Fin beobachtete die lilafarbenen Partikel, die seine Haut umschwirrten. Daran war zu erkennen, dass ein Enderman sprach, auch wenn er nicht zu hören war. Die schimmernden kleinen Lichter – Zeichen ihrer telepathischen Fähigkeiten – umgaben sie ständig und überall.

War es das, was unsere Hubuniten getan haben? Zu dienen? Sich zu opfern?

Ich glaube, schon. Zumindest will ich es glauben. Denn das würde wenigstens bedeuten, dass wir unsere Hubuniten für mehr als nur einen gemeinen Scherz des Großen Chaos verloren hätten.

Wie wäre es mit Rache?, dachte Mo beiläufig. Wir könnten die ganze Nacht Jagd auf Menschen machen. Das wäre vielleicht lustig – wir könnten zur Abwechslung ihre Herzen stehlen.

Mo, die Oberwelt ist gefährlich. Sie raubt unsere Gefährten. Wozu dieses Risiko eingehen?

Da hast du wohl recht. Außerdem haben wir hier alles, was wir brauchen. Sie drückte seine schmale dunkle Hand.

Das Laternenlicht schimmerte und warf Funken. Es war die schönste Nacht, die man sich vorstellen konnte. Wie eigentlich jede Nacht. Fin legte den langen kantigen Arm um seine Zwillingsschwester und strich ihr liebevoll über den Kopf.

Oh!, dachte sie. Diesmal kommt es ganz nah!

Das Drachenwesen hielt auf die beiden zu und fing unterwegs Licht von jeder Laterne ein, die es passierte.

Guten Tag, ED. Mo winkte schüchtern, als die Kreatur sich ihrer Säule näherte. Sie hatten schon oft versucht, mit dem großen Biest zu sprechen, obwohl es nicht zahm war. Es antwortete nur selten.

Doch heute war es anders.

Der Drache drehte den kantigen schwarzen Kopf in Richtung der Geschwister, öffnete sein großes Maul und entblößte dessen lila glühendes Inneres.

Heil dir und Segen, Mo-Fragment. Der Gedanke brannte in ihrem Kopf – größer und lauter als der jedes Endermans.

Mo erstarrte – vergessen war die Chorusfrucht, die sie gerade hatte verspeisen wollen. Es kennt meinen Namen! Wie ist das möglich?

Du musst berühmt sein, dachte Fin. Mo spürte seine knisternde Eifersucht in ihrem Kopf.

Das Drachenwesen machte kehrt und kam erneut angeflogen. Vorher kreischte es in die Leere.

Salve, Fragment Fin.

Meinen Namen kennt es auch! Wow! Kunstvoll umrundete der Drache eine Säule. Aber Salve? Was ist das für ein komisches Geräusch? Ist ED krank? Muss es sich übergeben? Du kriegst Segen, und ich „Salve?“

Es bedeutet Hallo. Mo kicherte tief in ihrem Kopf.

Oh! Hallo, ED! Hallooooo! Salve! Vielleicht will es sich mit uns anfreunden! Was meinst du, Mo?

Mo war sich da nicht so sicher. Es flog nun genau auf die beiden zu, und das lilafarbene Feuer in seinen Augen sah nicht gerade freundlich aus. Diesmal flog es so dicht über die Zwillinge hinweg, dass die große dunkle Schwinge sie berührte und umwarf, als wären sie federleicht.

JETZT VERSCHWINDET!, bellte ED in ihre Gedanken. Die Kristalllaterne neben ihnen flimmerte angstvoll. Dann ließ der Drache seinen Schwanz wie eine Peitsche durch die Luft schnellen und verschwand in der Dunkelheit.

Das war …, dachte Fin.

… so cool!, beendete Mo den Satz für ihn. Ihre Augen glühten vor Freude.

Mo schnappte sich eine Handvoll der Silbernetze, die um die Laterne verstreut waren. Guter Beute konnte sie einfach nicht widerstehen.

Wer zuerst zu Hause ist!, dachte sie fröhlich und verschwand.

Dann verschwand auch Fin.

Fin saß auf einem gelben Hügel am Stadtrand von Telos. Er kaute eine Chorusfrucht und starrte auf das Atrium unterhalb seines Standorts. Es entsprang einem Hauptturm, der zu einer der kleineren Pagoden der Stadt gehörte. Darüber hingen bewegungslos Banner in der windstillen Nacht, darunter war nichts als Finsternis.

Doch im Innern des Atriums befand sich das Endergewölbe.

Mo mied diesen Ort. Wenn sie uns dort nicht wollen, will ich auch nicht dort sein, pflegte sie zu sagen, und dann wandte sie ihre Aufmerksamkeit immer sofort etwas anderem zu, nur um nicht weiter über dieses Thema reden zu müssen. Aber Fin konnte nicht anders. Er liebte es, den Enderfrags beim Lernen, Duellieren, Spielen und Trainieren zuzusehen – selbst die inoffiziellen Kämpfe verfolgte er mit großem Interesse. Er kam den anderen nah genug, um gemeinsam mit ihnen zu stapeln, damit er nicht völlig daggro wurde (eine Mischung aus dumm und aggressiv – Fins eigene Wortschöpfung für Endermen, die allein waren), hielt aber immer genug Abstand, damit ihn niemand davonjagte. Hier trainierten die Enderfrags das Überleben in der Oberwelt. Um dem Großen Chaos zu dienen. Um Menschen zu bekämpfen. Fin hatte behauptet, dass ihm die Oberwelt egal sei. Mo konnte seine Gedanken sehen, also musste es wahr sein, sonst hätte sie die Lüge schnell entlarvt. Aber es war nur die halbe Wahrheit. Vielleicht auch etwas mehr als das. Fin hatte wirklich keine Lust, diesen großen, hellen Ort aufzusuchen. Aber er sehnte sich danach, mit den anderen Enderfragmenten im Endergewölbe zu trainieren. Leider lag der Sinn des Gewölbes darin, Endermen darauf vorzubereiten, irgendwann in die Oberwelt zu reisen, um dort alles zu zerschmettern, was sie vorfanden. Er stellte sich vor, mit den anderen im Endergewölbe zu sein – als Klassenbester, beliebt, umgeben von zehn oder sogar zwanzig Leuten, die mit ihm reden wollten, wann immer ihm danach war, anstatt immer nur mit seiner Schwester und einem ewig griesgrämigen Shulker zu sprechen.

Heute stand Teleportation auf dem Stundenplan. Abwechselnd teleportierten sich die Schüler aufs Turmdach und wieder hinunter. Hinaus auf die Hügel und wieder zurück ins Gewölbe. Hierhin, dorthin und überallhin. Das könnte ich auch, dachte Fin, und zwar richtig gut. Besser als die Hälfte von denen. Vielleicht sogar drei Viertel. Ja. Definitiv drei Viertel.

Zugegeben, vielleicht könnte er es hier nicht ganz so gut. Aber zu Hause? Auf seinem Schiff? Dort konnte Fin verschwinden und auftauchen, wo er wollte – so leicht wie Zählen und Kartenmischen war das. Eins, zwei, drei, vier … Bube, Dame, König, Ass … Bug, Heck, Unterdeck, Krähennest. Ein Kinderspiel. Genau deshalb wollte er bei den anderen Enderfrags im Endergewölbe sein! Damit er lernte, wie es überall ging und nicht nur dort, wo er sich sicher fühlte. Es war einfach nicht fair.

Manchmal fühlte sich das Teleportieren an, als würde er auf dem Weg zum Ziel andere Orte durchqueren. So, als wäre die Welt durchsichtig, und er könnte andere Enden sehen, die fast so waren wie dieses … nur friedlicher, ruhiger und voller guter und nützlicher Dinge. Fin hätte gern nach diesen anderen Orten gefragt, aber er durfte ja nicht ins Gewölbe, also hatte er niemanden zum Fragen. Die himmelschreiende Ungerechtigkeit brannte ihm auf der Seele.

Aber was ihn noch viel mehr störte, war, dass sowohl Fin als auch Mo selbst zu zweit ziemlich schlau waren. Viel schlauer als die meisten Endermen, wenn sie zu zweit waren, fand Fin … und Mo auch. Nicht einmal zu Hause auf ihrem Schiff, weit fort von allen anderen, wurden sie daggro. Wie klug könnten sie sein, wenn sie nur mit den anderen Fragmenten ins Gewölbe dürften! Endermen waren immer in der Gruppe am klügsten – je größer, desto besser. Wenn die Geschwister schon als Zweierstapel so gut waren, müssten sie mit zwei Dutzend Artgenossen wahre Götter sein! Aber sie durften nicht dabei sein.

Mo fand ohnehin nicht, dass sie irgendein Training brauchten. Gerade heute Morgen, als Fin sich auf den Weg machte, hatte sie es ihm wieder gesagt. Obwohl „Morgen“ nicht ganz stimmte. Das war ein Wort der Oberwelt. Ein Wort der Ordnung. Dennoch war an den Endstäben zu erkennen, ob so etwas wie Tag oder Nacht war. Sie leuchteten nämlich abwechselnd mal heller, mal matter. Sie waren wie eine Uhr zu lesen. Aber das roch nach etwas Verbotenem. So, als wolle man Ordnung ins Chaos bringen. Zeit in die Zeitlosigkeit bringen. Es war … unerlaubt. Aber genau deshalb auch aufregend. Hin und wieder taten die Zwillinge eben unerlaubte Dinge. Wenn die Endstäbe am hellsten leuchteten, war es für sie Morgen, und wenn der Lichtschein matter wurde, brach die Nacht herein. Aber sie verrieten niemandem, dass sie so dachten.

Es gibt nichts, das sie uns beibringen könnten, was wir nicht schon selbst herausgefunden haben, hatte Mo ihren Bruder heute „Morgen“ erinnert. Wir können bauen, sammeln, reisen, kämpfen und völlig klar denken – so klar, wie der Weg zwischen der Dracheninsel und den äußeren Inseln vor uns liegt. Mir gefällt unser Leben, wie es ist. Ich wüsste nicht, warum wir irgendetwas daran ändern sollten. Du hast gesagt, du willst nicht in die Oberwelt, und ich will nicht ins Gewölbe. Daran erkennt man mal wieder, dass wir Zwillinge sind. Wir sind gleich, obwohl wir so unterschiedlich sind. Du musst nicht ins blöde Endergewölbe gehen, um herauszufinden, wie du Spaß haben kannst.

Der Haken daran war, dass Fin wusste, sie meinte es nicht so. Sie mochte nur ihr Leben, wie es war. Er ertappte sie oft dabei, wie sie in die Leere hinausstarrte und von irgendetwas, irgendjemandem oder irgendwo träumte. Aber das hätte sie ihm gegenüber niemals zugegeben, und er bedrängte sie nicht. Obwohl er mehr hätte herausfinden können, wenn er gemein gewesen wäre und in den Ecken von Mos Verstand herumgeschnüffelt hätte, die sie vor ihm verbarg. Aber so ein Verhalten wäre mehr als unhöflich, und schließlich würde er auch nicht wollen, dass sie es bei ihm tat. Fin ließ ihr ihre Geheimnisse, sie ließ ihm seine. Das war nur fair. Natürlich war auch Fairness eine Art von Ordnung, das war ihm wohl bewusst. Aber Geheimnisse waren die Saat des Chaos, also löste sich dieses Problem von selbst, fand er. Trotzdem wusste Fin, dass Mo nicht so glücklich war, wie sie vorgab. Ein Bruder weiß solche Dinge einfach.

Der einzige Freund der Zwillinge, ein Enderman namens Kan, hatte kein Verständnis für Fins Besessenheit vom Endergewölbe. Ich hasse das Training, pflegte er immer zu sagen. Meine Hubuniten erwarten von mir, dass ich jeden Tag hingehe, obwohl es langweilig und gewalttätig ist und wehtut, wenn mich die anderen Fragmente schlagen. Lehrmeisterin Owari hält endlose Vorträge über die Menschen und das Große Chaos, und ich wünsche mir die ganze Zeit, woanders zu sein, um in Ruhe meine Musik zu spielen. Ich wäre sogar lieber zu Hause, obwohl es mir dort auch nicht besonders gefällt. Wenn ich mich beklage, sagt die Lehrmeisterin immer nur, dass ich keine Schmerzen mehr haben werde, wenn ich erst stärker bin. Oder dass ich schneller werden muss, damit mich die anderen nicht mehr erwischen. Aber ich will weder stark noch schnell sein. Ich will nur, dass die Schmerzen aufhören. Du bist so ein Glückspilz, weil du nicht ins Gewölbe musst. Hör auf, mir ständig vorzubeten, wie wundervoll du es dort findest. Du hast nämlich keine Ahnung. Aber wenn du dich dann besser fühlst, kann ich gern ein paarmal auf dich einschlagen.

Fin hielt sich keineswegs für einen Glückspilz. Er war ein Fragment ohne Hubuniten, eine Waise ohne echtes Zuhause. Er fühlte sich wie ein Freak. Er wollte doch nur normal sein, wie all die anderen. Warum war er anders? Warum mussten seine Hubuniten unbedingt in die Oberwelt gehen? Warum konnte sein Leben nicht einfach schön sein … nicht wie das eines einsamen Verstoßenen? Andererseits war es nicht fair, so zu denken. Denn sein Leben war ja schön. Manchmal. Die erwachsenen Endermen waren nie gemein zu ihm gewesen. Sie wussten nur nicht, was sie mit den Zwillingen anfangen sollten. Sie begegneten ihnen immer mit Höflichkeit, wenn Fin und Mo Telos besuchten, um Vorräte aufzustocken oder die Lichter der Endernacht zu betrachten – dieses wundervollen Feiertags, an dem alle Endermen die Geburt des Großen Chaos, die Schönheit ihres Landes und den Zusammenhalt ihrer Familien feierten. Ihrer persönlichen Enden. Natürlich war es den Geschwistern nicht erlaubt, Endernachten wie alle anderen zu feiern. Das ging nicht ohne richtiges Ende. Es war der einzige Tag des Jahres, an dem alle Endermen gemeinsam in riesigen Gruppen musizierten und Lieder sangen. Trotzdem liebten es die Zwillinge, die Lichter aus der Ferne zu beobachten. Von außerhalb. So wie alles in ihrem Leben.

Sei gegrüßt, Fin, sei gegrüßt, Mo, dachten die Erwachsenen immer, wenn sie den beiden begegneten. Fürchtet ihr euch denn nicht, nach dem Unglück, das euch zugestoßen ist, so allein und geschwächt umherzuwandern?

Herzlichen Dank für die freundliche Erinnerung, gab Fin immer biestig zurück, was sie meist zum Schweigen brachte.

Endernachten stand kurz bevor. Fin wusste noch nicht, was er Mo und Kan und Grollo schenken würde. Er wollte sich etwas Besonderes ausdenken.

Plötzlich tauchte neben ihm im Gras ein Enderfrag auf. Sie war klein und stämmig und nicht so hochgewachsen wie Fin. Ihre schwarze Haut knisterte vor lilafarbener Energie. Unverblümt starrte sie ihn an.

Wer zum ersten Mal die Gedanken eines anderen zu Gesicht bekam, sah dort meist etwas Schönes, Einladendes. Was dort zu sehen war , sprach Bände über die Person, mit der man Gedanken teilte. Es war wie ein Schnappschuss ihrer Seele. Wenn er in Mos Verstand blickte, begrüßte ihn das Bild ihres gemeinsamen Schiffs. Die Ladeluke stand offen, und im Inneren gab es massenweise Schätze und Kram aus dem ganzen Ende. Selbst einen winzigen Enderdrachen, der auf einer der Fackeln thronte. Mo liebte Tiere, obwohl sie nie andere als ED, die Shulker und Endermiten gesehen hatte. Aber sie hatte schon eine Million Mal gehört, wie sich die Leute über die Schweine, Kühe, Schafe, Füchse, Schildkröten und Tintenfische der Oberwelt unterhielten, und hielt sich deshalb für eine Expertin. Mos Verstand sah aus wie ein Heim für glückliche Tiere, die beinahe, aber eben nicht wirklich so aussahen wie echte Schweine, Kühe, Schafe, Füchse, Schildkröten und Tintenfische. Blickte Fin in Kans Gedanken, sah er Noten, die einander in hübschen Spiralen umtanzten. So sehr liebte Kan die Musik. In seinen eigenen Kopf konnte Fin natürlich nicht sehen, aber Mo hatte ihm gesagt, es sei ein hübscher Raum voller offener Bücher und Stifte, die auf jedem verfügbaren Stuhl und Tisch und sogar dem Boden verstreut lagen.

Doch im Kopf dieses Enderfrags sah Fin ihr Ende, all die Hubuniten und Fragmente und Nubuniten nahe beieinander, die Arme ineinander verschränkt, sodass nicht zu erkennen war, wo der eine aufhörte und der nächste anfing.

Pah. Die war so blöd.

Beim Großen Chaos, ich fürchte, ich habe mich zu rasch zu weit teleportiert, hallte es in Fins Kopf. Mich dünkt, dir ist dasselbe passiert, Freund. Wollen wir gemeinsam zurückgehen?

Gut gemacht, murmelte Fin.

Die Eifersucht brannte in ihm wie Feuer. Im nächsten Moment würde sie wieder im Endergewölbe sein, und er wäre wieder allein mit seiner halb gegessenen Chorusfrucht. Sie ähnelten einander und waren doch so verschieden. Sie waren keine Freunde und würden es nie werden. Schon wie sie dachte … all diese extravaganten, förmlichen Wörter. Sie versuchte schon jetzt, wie die Erwachsenen zu klingen – die großen, schmalen Endermen mit ihrer eleganten Telepathiesprache. Nur, weil sie im Gewölbe sein durfte, wo sie die Erwachsenen wohlwollend behandelten und ihr bestimmt pausenlos erzählten, dass sie schon bald eine großartige Menschenvernichterin sein würde. Nur wären diese hübschen Gedanken nicht von Dauer. Das Gewölbe war ziemlich weit entfernt. Das hielt kein Stapel lange aus. Fin hatte viel Übung darin, aus der Ferne zu stapeln. Er hatte gar keine andere Wahl, weil er so abgelegen lebte. Aber dieses Enderfrag war es nicht gewöhnt. Blieb sie länger als zwei Minuten hier bei ihm, würden ihre Gedanken sich schnell in Richtung Ich stark, du doof bewegen. Dann würde sie ihn wahrscheinlich schlagen, und er müsste entscheiden, ob es dem Großen Chaos gefiel, wenn er sich wehrte.

Verharre einen Moment, dachte das Enderfrag. Fin spürte, wie ihr Verstand von seinem Abstand nahm. Er kannte das Gefühl nur zu gut. Alle normalen Fragmente reagierten so, wenn sie erkannten, wer er war. Einer von denen. Von den Eigenartigen. Den Waisen ohne Ende, die draußen auf dem alten verlotterten Schiff lebten wie Shulker. Fins Nacken kribbelte wie ein eingeschlafener Fuß. So fühlte es sich an, wenn ein Enderman einen anderen auslachte.

Ich kenne dich nicht, fuhr das Fragment fort. Fin zog eine Grimasse. Du gehörst nicht zu meiner Trainingsgruppe. Warum bist du nicht im Gewölbe? Wo ist dein Hubunit? Wo dein Ende? Es ist einsam hier draußen in den Dünen, und es ist Unterrichtszeit. Es ist dir nicht erlaubt, währenddessen allein zu sein. Das darf kein Enderfrag.

Ist es doch, widersprach Fin scharf. Ich darf das, und meine Zwillingsschwester auch.

Das Fragment verengte die magentafarbenen Augen und dachte über das Gehörte nach. Kapier ich nicht.

Da war es. Ihre Gedanken verblassten bereits, weil sie zu viel Zeit mit ihm verbracht hatte. Zu viel stapellose Zeit. Ich heiße Fin, meine Schwester Mo. Du bist Koneka, oder?

So ist es. Koneka schüttelte den Kopf. Ja. Koneka. Aber wie kannst du Koneka kennen, wenn Koneka dich nicht kennt? Warum bist du allein hier draußen und trainierst nicht mit uns? Allein zu sein, ist gefährlich. Komm mit Koneka zurück.

Ich habe kein Ende, gab Fin ungehalten zurück. Ich habe keine Hubuniten, weshalb das Endthing beschlossen hat, dass meine Schwester und ich getrennt von den anderen leben müssen und nicht mit all deinen glücklichen kleinen Freunden ins Endergewölbe dürfen. Ohne Ende werden wir nie klug genug sein, das Training zu verdienen. Das haben sie gesagt.

Oh, dachte Koneka.

Genau, „oh“, dachte Fin zurück. Aber ich kann alles, was du auch kannst. Du wirst schon sehen. Irgendwann. Wenn ich darüber nachdenke, sind nur meine Schwester und ich WAHRE Kinder des Großen Chaos. Familienverbände sind doch eigentlich eine Art Ordnung – nicht, dass das hier irgendwem schon mal aufgefallen wäre – und im Gegensatz zu dir bin ich frei davon.

Ich werde jetzt gehen, dachte Koneka verlegen. Weiß nicht, was ich sagen oder tun soll. Also gehe ich.

Mach doch, dachte Fin und trat missmutig das Gras.

Mach ich auch.

Mach’s halt.

Ich gehe.

Geh endlich.

Das Enderfrag starrte ihn an. Du doof, dachte sie gemein.

Dann verschwand Koneka.

Fin stand auf und lief ein paar Schritte über die kleine grasbewachsene Insel. Dann trat er nach dem Rest der Frucht. Der Appetit war ihm gründlich vergangen. Er beobachtete, wie das Obst über die Kante rollte und in die Leere fiel. Sie ist doof, dachte er. Die sind alle doof. Die können mir gestohlen bleiben.

Aber das war gelogen.

Natürlich war es gelogen.

Mo saß auf einer hohen Obsidiansäule auf der Hauptinsel. Ihren Kopf hatte sie an den Silberkäfig mit der flackernden Kristallflamme gelehnt, die die Gegend wie ein gefangener Mond beleuchtete.

Der Enderdrache drehte Runde um Runde. Seine riesigen schwarzen Flügel schwangen auf und ab, auf und ab. Langsam und mühelos. Der massige, kantige Kopf bewegte sich von einer Seite auf die andere, als würde das Untier etwas suchen, das unauffindbar war. Mo konnte sich nicht vorstellen, was sich so ein Monstrum wünschen könnte. Was könnte ihm schon fehlen, wenn es doch groß genug war, sich alles zu nehmen?

Hin und wieder ließ sich das Drachenwesen am Boden nieder, aber schien dort nie zufrieden zu sein. Denn immer wieder schwang es sich hoch in die Lüfte, um weiter seine Runden zu drehen.

Nein, erschienen die Worte des Drachen in ihrem Kopf, als hätte sie jemand auf ein riesiges, grell schimmerndes Blatt Papier geschrieben. Das Monster beantwortete Mos Frage, noch ehe sie sie hatte stellen können. Ich langweile mich niemals. Kein einziges Mal seit den brodelnden Anfängen der Geschichte des Lebens. Ich habe meine Langeweile gefressen, als die Kometen noch jung waren. Sie schmeckte nach Tod.

Es war geschehen! ED sprach mit ihr! Mit ihr, Mo, die ein Niemand war! Das Biest hatte viel mehr gesagt als „Heil dir“ oder "Salve". Sie wünschte, Fin wäre da, um das mitzuerleben. Er war wie so oft beim Endergewölbe, als würde das irgendetwas bringen. Mo scherte sich kein bisschen um die anderen Endermen, die immer auf Distanz blieben und sich andauernd irgendwelche Regeln für die Geschwister ausdachten. Mo interessierten nur ihr Bruder, ihre Beute, ihr Freund und ihr Drache.

Na ja … nicht wirklich IHR Drache. Kein Drache könnte je irgendwem gehören. Aber niemand war so fasziniert von der herrlichen Bestie wie Mo. Niemand interessierte sich so sehr für ED wie sie. Soweit sie das einschätzen konnte, kümmerte es keinen, dass der Drache existierte, und umgekehrt war es genauso. Das Monstrum war wie die Sonne der Oberwelt. Sie existierte einfach. Die Sonne tat, was sie eben tat. Niemand musste nett zu ihr sein oder sich mit ihr unterhalten oder sie gar lieben. Das wäre komisch.

Ab und an ließ sich ED dazu herab, die Zwillinge anzusprechen. Sie wussten nie, wann es so weit war. Doch heute hatte das Drachenwesen zum ersten Mal zu Mo allein gesprochen. Es war eine wankelmütige Kreatur und nicht einmal besonders freundlich. Aber trotzdem unglaublich interessant. Wenn es nach Mo ging, war dieser Drache sogar das interessanteste Ding auf der ganzen Welt. Sie konzentrierte ihre Gedanken und schickte sie in Richtung der großen schwarzen Echse.

Heil dem Großen Chaos!, dachte Mo fröhlich.

Meinetwegen, Fragment, antwortete der Enderdrache.

Warum fliegst du für immer und ewig in immer denselben Kreisen über dieselbe Insel? Warum fliegst du nicht einfach … weg? Du bist doch so groß und stark, du könntest überallhin. Alles tun, was du willst. Niemand könnte dich aufhalten. Warum fliegst du nicht fort, um Abenteuer zu erleben? Ich würde es jedenfalls tun, wenn ich ein Drache wäre.

ED fixierte Mo mit einem seiner lilafarbenen Augen, während es weiter träge durch die Luft glitt.

Wer sagt denn, dass ich keine Abenteuer erlebe? Genau in diesem Moment? Vor deinen erbärmlichen sterblichen Augen.

Ähm … na ja, ich. Du fliegst immer nur im Kreis. Das ist doch kein Abenteuer. Höchstens ein Nachmittagsspaziergang.

Für dich vielleicht, knurrte der Drache still. Du bist klein. Ich erwarte nichts anderes von deinesgleichen.

Hey, das war nicht sehr nett. Mo war verletzt, jedenfalls ein bisschen. Sie wusste, die Worte des Monstrums hätten sie nicht beleidigen dürfen, aber sie konnte ja nichts für ihre Gefühle.

Das Drachenwesen stieg höher hinauf und ließ seine Gedanken wie Regen auf Mo herabfallen. Ich bin nicht nett. Daher ergibt das durchaus Sinn, nicht wahr? Nett habe ich auch gefressen – schon, als die Vulkane noch nicht gelernt hatten auszubrechen.

Dann beweise mir das Gegenteil, Drache. Erzähl mir von deinem Abenteuer.

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