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All die Sehnsuchtsjahre

Einen Sommer lang hatten Leigh und John eine Affäre, doch sie beide hatten andere Vorstellungen für die Zukunft. Dennoch konnte John, sie nie vergessen. Jetzt ist Leigh zurück in ihrer Heimatstadt! Hat ihre Beziehung diesmal eine Chance?


  • Erscheinungstag: 06.02.2017
  • Seitenanzahl: 103
  • ISBN/Artikelnummer: 9783956499692
  • E-Book Format: ePub
  • E-Book sofort lieferbar

Leseprobe

1. Kapitel

John fuhr regelmäßig an Jess Wainscotts Haus vorbei und hielt Ausschau nach ihrer Tochter Leigh. Beinahe fünf Jahre waren vergangen. Dass er einen Blick auf Leigh zu erhaschen hoffte, ärgerte ihn; er wäre gern über sie hinweg gewesen. Dennoch hielt er unwillkürlich die Augen offen – und er war keineswegs über sie hinweg.

An diesem Tag fuhr er nicht einfach nur vorbei. Jess hatte einen Auftrag für ihn. John besaß eine eigene Firma in Durango – McElroy Property Services. Er bot nicht nur Reparatur- und Instandhaltungsarbeiten an, sondern zu seinem Geschäft gehörten auch eine Landschaftsgärtnerei und eine sehr gute Gärtnerei. Und nun wollte Jess wissen, ob es jetzt – Anfang März – vielleicht zu früh wäre, um ein Mandelbäumchen zu pflanzen. Obwohl sein Unternehmen mehr zufällig oder versehentlich ein Erfolg geworden war, betrachtete John sich nach wie vor als Handwerker und Gärtner. Er konnte ihr nicht nur ein Mandelbäumchen bringen, sondern auch am Spülbecken den Wasserhahn auswechseln, tapezieren, einen Whirlpool installieren, Zement für eine Terrasse gießen. Oder einen seiner Angestellten mit den Aufgaben beauftragen.

„Nein, zu früh ist es nicht“, hatte er gesagt. „Nicht, wenn du bereit bist, es vor eventuellem späten Frost zu schützen und dafür zu bezahlen, dass irgendein armer Kerl den hart gefrorenen Boden umgraben muss.“

„Nur, wenn du selbst dieser arme Kerl bist“, erwiderte sie fröhlich. „Es liegt mir wirklich am Herzen, im Frühling diese Blüten vor meinem Schlafzimmerfenster zu sehen.“ Dann hatte sie geseufzt. John hatte nie zuvor eine wehmütige Äußerung von Jess wahrgenommen. Sentimentalität schien keine ihrer Charaktereigenschaften zu sein.

Jess Wainscott war sechzig und seit acht Jahren Witwe. Mit zweiundfünfzig, im besten Alter für eine Frau, hatte sie ihren Partner verloren, allerdings nicht ihre Lebensfreude. Jess war Vorstandsvorsitzende des Bibliotheksausschusses und des Frauenrats der Presbyterianischen Kirche. Zudem arbeitete sie in zahlreichen Komitees und karitativen Vereinen. Sie war auf beinahe jeder Kunstausstellung und Benefizveranstaltung, bei jedem Baseballspiel, Galadinner oder Grillfest der Stadt anzutreffen. Und sie fuhr Ski, und bei solchen Gelegenheiten begegnete John ihr am häufigsten, denn er war bei der freiwilligen Ski-Patrouille.

„Cal hat gemeint, wenn er nach seinem Tod zurückkommt, wäre er ein Kolibri und würde aus den Blüten vor meinem Schlafzimmerfenster Nektar trinken“, erklärte sie John. John brummte vor sich hin und wuchtete das Mandelbäumchen in seinem Behälter von der Ladefläche seines Pick-ups. Mit einem Knall ließ er es runter. „Deshalb muss ich dort etwas pflanzen. Ich will herausfinden, ob er mich nur auf den Arm nehmen wollte.“

„Du bist schon seit ein paar Jahren verwitwet, Jess“, gab John zu bedenken. Sie war das vierte und neueste Mitglied einer lebhaften Frauengruppe, die sich die Witwen-Brigade nannte. Sie waren beste Freundinnen, wurden ständig zusammen in der Stadt gesichtet und John war für sie alle tätig. Peg, Abby, Kate und Jess. Er hatte viele Kunden, nicht nur Witwen, doch diese vier Frauen waren seine liebsten. Sie alle zahlten ihm zu viel, piesackten ihn, wollten ihn aufpäppeln wie einen Sohn.

„Seit acht Jahren“, erwiderte sie. „Ich neige dazu, Dinge auf die lange Bank zu schieben.“ Sie lachte. „Bis jetzt wollte ich nicht von ihm gestört werden.“

Die Wagen längs der Zufahrt verrieten, dass Jess Besuch hatte. „Brigade-Treffen?“, erkundigte er sich.

„Dienstag. Gartenclub. Oder ist heute Mah-Jongg-Tag? Ich vergesse es immer. Wir machen eh selten das, was wir geplant hatten. Meistens suchen wir nur eine Beschäftigung, während wir tratschen“, antwortete sie. Sie folgte John zur Seite des Hauses, wo das Bäumchen gepflanzt werden sollte, und löcherte ihn mit Fragen, während er grub. Hatte er im letzten Winter wieder die Ski-Patrouille geleitet? Welchem Baseballteam würde er beitreten, weil sie ihn doch spielen sehen wollte? Vermietete er immer noch diese Eigentumswohnung in Purgatory? Doch sie stellte ihm nicht nur Fragen, sondern bombardierte ihn auch mit Bemerkungen. Sie brauchte neuen Rollrasen. Sie überlegte, das Klavier ins Obergeschoss zu schaffen. Leigh, ihre Tochter, würde bald da sein.

Er stockte mitten in der Bewegung, die Schaufel halb erhoben.

„Meine Tochter, Leigh. Du bist ihr doch sicher mal begegnet, wenn sie mich besucht hat. Im Sommer, als Cal gestorben ist, war sie zwei oder drei Monate lang hier. Und vor ein paar Jahren … ah ja, vor fünf Jahren, meine ich, hat sie den ganzen Sommer hier verbracht. Vielleicht hast du sie da mal getroffen.“

„Ich … ah, kann sein. Ja. Kann sein.“

„Ach, daran würdest du dich doch erinnern, John. Sie sieht umwerfend aus. Eigentlich kann man sie gar nicht vergessen.“

Ja. Man kann sie nicht vergessen. Ausgeschlossen. Schweißperlen traten ihm auf die Stirn. Die Temperatur betrug elf Grad, und in den Ecken des Gartens, an den Rändern von Zufahrt und Bürgersteig lag hier und da noch etwas Schnee, aber John schwitzte. Vom Graben hatte er einen Puls von einhundertundzehn; bei der Erwähnung von Leigh Wainscott-Brackon stieg er auf gefühlte zweihundertsechzig.

„Du hast nie von ihr gesprochen“, erwiderte er.

„Nicht? Ach, Unsinn, du hast wohl einfach nicht zugehört. Ich rede kaum über etwas anderes.“

Doch nicht mit ihm. Sie bewegten sich nicht in denselben gesellschaftlichen Kreisen, hatten keine gemeinsamen Freunde und teilten nicht die gleichen Interessen. Ihre einzige Gemeinsamkeit bestand darin, dass sie beide stadtbekannt waren, wenn auch aus unterschiedlichen Gründen. Jeder kannte John McElroy, weil er die freiwillige Ski-Patrouille leitete und ein erstklassiger Handwerker war, und jeder kannte Jess Wainscott, weil sie jedem Club, jedem Wohltätigkeitsverein und jeder Gruppe in Durango angehörte. Eine der würdigen älteren Damen und der beste Handwerker der Stadt. Und obwohl sie sich mochten, waren sie nicht unbedingt befreundet.

Jedes Mal, wenn er bei Jess war, hing er förmlich an ihren Lippen. Leighs Name war während ihrer Unterhaltungen nie gefallen; das wäre ihm bestimmt nicht entgangen. Die paar Mal, als er im Haus beschäftigt war, hatte er jedes Zimmer nach Fotos abgesucht, und es gab nur ein altes – von Leigh Mitte zwanzig. Dieses Bild hatte er gesehen, als er Jess’ Kamin gereinigt hatte, als er ihren neuen Kronleuchter aufgehängt hatte, den verstopften Abfluss in der Küche repariert hatte. Das Foto schien zu wandern, allerdings hatte er nie ein neues gefunden. „Läuft sie Ski?“, fragte er gespielt ahnungslos.

„Leigh hat zahlreiche bemerkenswerte Hobbys, doch sie ist keine Sportskanone. Sie ist irgendwie … ungelenk. Jetzt war sie schon lange nicht mehr hier draußen. Na ja, vor zwei Jahren im Oktober, und da auch nur für ein paar Tage. Ihr ist es lieber, wenn ich sie besuche, da sie so viele Verpflichtungen hat. Außerdem hat sie eine Menge Platz. In Los Angeles kann man auch im Winter prima braun werden. Was anderes will ich dort im Grunde auch gar nicht.“

Los Angeles? Während sie an der Stanford University war, hatte sie immer von Los Altos gesprochen. Allerdings hatte sie ihm tatsächlich erzählt, dass ihr ein Job an der UCLA angeboten worden war. Er versuchte, diese Gedanken zu vertreiben. Gott, es war so lange her. Sie hatte nie zurückgeschaut; was mochte ihre Beziehung für sie gewesen sein? Ein Flirt? Eine Panikattacke? Ein Fehler? Er hatte ihr an ihre Büroadresse geschrieben, doch die Briefe waren zurückgekommen. Er hatte sie angerufen; eine Sekretärin hatte seine Nachrichten entgegengenommen. Ihre private Telefonnummer in Los Altos, die schwer zu kriegen gewesen war, hatte sich geändert. Die Schaufel in der Hand, ließ er diese Vorfälle innerlich Revue passieren, während er weitergrub, und zwar mit aller Kraft.

Er stellte das Bäumchen in das ausgehobene Loch und fing an, die Erde darum wieder zu verteilen. „Wenn sie auf einen ausgedehnten Besuch vorbeischaut, laufen wir einander bestimmt mal über den Weg“, meinte er. Er erwog, sich später zu betrinken.

„Ich zwinge sie quasi, nach Hause zu kommen. Ich versuche schon so lange, sie hierher zurückzuholen. Jetzt hat sich eine ganz dumme Sache ergeben. Du glaubst es einfach nicht. Anscheinend habe ich Probleme mit dem Herzen.“

Ruckartig blickte er hoch und sah ihr ins Gesicht; Jess war eine wahnsinnig unverwüstliche Sechzigjährige und augenscheinlich unglaublich gesund. Ihr Haar war dicht und grau, solange er sie kannte, ihr Gesicht wies eine gesunde Sonnenbräune und nur wenige Fältchen in den Winkeln ihrer klaren, klugen blauen Augen auf. Ihre Wangen waren rosig, ihre Lippen kirschrot, und auf Skiern machte sie eine fantastische Figur. Wäre ihre silbergrauen Haare nicht gewesen, hätte man sie für vierzig, höchstens fünfundvierzig gehalten. Seinen besorgten Blick tat sie mit einem Schulterzucken ab. „Nicht ungewöhnlich in meinem Alter.“

„Das ist ja schrecklich. Was unternimmt unser Doc dagegen?“

„Du lieber Himmel! Doc Meadows weiß nicht einmal davon“, sagte sie, was auf der Stelle Johns Argwohn weckte. Tom Meadows wurde häufig in der Gesellschaft der Witwen gesichtet … mit einer einzelnen oder mit allen. Vermutlich war er eine Art verspäteter Playboy.

„Du gehst mit dieser Sache nicht zum Doc?“, fragte er. Für ihn war einfach klar gewesen, dass der Arzt sich um sie alle kümmerte.

„Tom ist ein guter Arzt, ganz sicher, aber er ist kein Kardiologe.“

„Ich mag das gar nicht hören, Jess. Bitte, gib auf dich acht. Tu, was man dir sagt.“

„Tja, ich habe lieber ein kleines Herzproblem als alles andere, was es sonst noch sein könnte. Ich habe mich schon immer ein bisschen darüber geärgert, dass Cal uns einfach so mir nichts dir nicht verlassen hat, doch alles in allem würde ich auch lieber in meinem Garten einschlafen, als lange krank zu sein. Weißt du, ich fühle mich ja gut. Ich muss nur diese teuflische Diät einhalten. Darf nichts essen, was mir wirklich schmeckt. Ansonsten muss ich meinen Lebensstil nicht ändern, abgesehen davon, dass ich nicht mehr Ski fahren darf. Ich achte jetzt besser auf meinen Cholesterinspiegel. Ich dachte, das hätte ich schon immer getan, aber jetzt passe ich richtig auf. Und ich mache lange Spaziergänge.“

„Ist es schlimm?“

„So eine kranke Pumpe kann chronisch werden, John“, antwortete sie. „Du kannst deinen Cholesterinspiegel in der Apotheke checken lassen. Seit Herzkrankheiten so gut erforscht sind, fällt anscheinend keiner mehr tot um. Alle kriegen einen Bypass oder so. Tatsache ist, wenn ich sehr gewissenhaft auf meine Gesundheit achte, kann ich lange genug leben, um lästig zu werden. Andererseits lohnt es sich für mich vielleicht nicht mehr, mich auf eine Fernsehserie einzulassen.“

„Jess!“

Sie lachte ihn aus. Es war ein dröhnendes, lautes, ausgelassenes Lachen – typisch für sie. Es ließ ihn zusammenzucken; er hatte Angst, dass sie umkippte. „Weißt du, John, auch du könntest morgen tot umfallen. Der Unterschied besteht nur darin, dass es in meinem Fall nicht völlig unerwartet geschähe. Ich will mein Mädchen zu Hause haben und ihr den Kopf zurechtrücken. Sie braucht jemand, der ein Auge auf sie hat. Herrgott, sie großzuziehen, dazu wären zehn Mütter notwendig gewesen. Komm mit rein, denn stelle ich dir einen Scheck aus. Du kannst auch noch ein Glas Wein mit den Damen und mir trinken – aus medizinischen Gründen.“

Einen Moment lang glaubte er, sie hätte seine Gedanken gelesen. Die Nachricht, dass Leigh zurückkehren würde, ließ ihn glauben, dass er ein Glas brauchen könnte – oder zehn.

„Das ist das einzig Gute an einem angegriffen Herzen – ein Glas am Nachmittag, ein Glas am Abend.“

„Beim Wein muss ich passen“, entgegnete er. „Doch den Scheck nehme ich.“

Er folgte ihr die Stufen zur Rotholzterrasse hinauf, die um ihr gesamtes Haus herum verlief, und dann durch die Hintertür in die Küche. Dort saßen, wie angekündigt, die anderen Frauen am Tisch. Was sie an diesem Tag trieben, blieb unklar; auf der Tischplatte vor ihnen befand sich nichts außer Schreibpapier und Kaffeetassen. Mochte sein, dass sie einen Kotillon planten oder Buchbesprechungen fürs Lokalblättchen verfassten. Einmal, als er die Damen mit Stift und Zettel gesehen und sich ohne zu überlegen nach ihrem derzeitigen Projekt erkundigt hatte, erhielt er die Antwort, dass sie ihre Testamente schrieben. Seitdem hatte er nicht mehr nachgefragt. „Hi, John“, begrüßten die Frauen ihn.

„Versprichst du, mal reinzuschauen, wenn Leigh und die Jungs hier sind?“

„Die Jungs?“ Seine Stimme war eine Oktave höher geklettert. Er musste sich anstrengen, damit ihm der Schock nicht vom Gesicht abzulesen war. Leigh war also Mutter geworden. Kinder, das war einer ihrer sehnlichsten Wünsche gewesen. Zu der Zeit, während John mit Leigh zusammen war, standen Kinder ziemlich weit unten auf seiner Wunschliste, aber zu erfahren, dass Leigh Söhne hatte, versetzte ihm einen schmerzlichen Stich. Würde Jess behaupten, dass sie in all den vergangenen Jahren auch über „die Jungs“ geredet hatte?

„Mitch und Ty, meine Enkel“, erwiderte Jess und kramte in ihrer Handtasche nach ihrem Scheckbuch. „Ich schätze, du wirst dich gut mit ihnen verstehen. Sie sind kleine Satansbraten. Im Gegensatz zu ihrer Mutter sind sie ziemlich sportlich.“ Sie trug Johns Namen in die entsprechende Zeile ein. „Ich will nicht sagen, Leigh wäre eine schlechte Mutter. Sie vergöttert die zwei. Aber ihre Gedanken schweifen oft ab, und oft genug lebt sie in ihrer eigenen Welt. Mit ihr zu spielen ist kein Spaß für kleine Jungen. Sie ist zu zimperlich. Sie ist zwar … hochintelligent, allerdings manchmal ein bisschen weltfremd, weißt du?“

Er wusste es.

„Ich glaube, sie hat Burnout“, meinte Jess, wobei sie den Scheck ausfüllte. „Druck, Termine, Komplikationen, Arbeit, nichts als Arbeit. Ihre Haushälterin hat gekündigt und Leigh das alles überlassen, und Leigh ist so schlampig. Meine Schuld. Sie hat so viel gelernt, dass sie zu viel zu tun hat, um aufräumen zu können. Ach Gottchen. Leigh nimmt sich nie frei, es sei denn, sie ist völlig mit den Nerven am Ende.“

Wie beim letzten Mal, dachte John. „Wie alt sind deine Enkel?“, erkundigte er sich.

„Vier“, antwortete sie und zückte ihre Brieftasche. „Zwillinge.“ Sie klappte die Brieftasche auf. John schnappte zwar nicht hörbar nach Luft, aber sein Herz schien vor Panik einen Schlag auszusetzen. „Ich kann nicht fassen, dass ich nicht mit ihnen angegeben habe, doch vielleicht langweile ich andere Leute nur.“

„Sie gibt schrecklich an mit diesen Jungen“, mischte sich Kate ein.

„Wir sind es nicht unbedingt leid, von ihnen zu hören“, sagte Peg, „aber hin und wieder könnte ein Themenwechsel nicht schaden.“

John schaute die Fotos an. Ein Zwilling war blond und blauäugig, der andere dunkelhaarig. Interessant. Leigh war blond und blauäugig. Er selbst hatte zufällig sehr dunkles braunes Haar und braune Augen. Er schluckte. „Sie sehen älter aus als vier“, versuchte er, ein bisschen außer Atem, mehr aus Jess herauszulocken. Sein Herz hämmerte nicht nur, es raste. Er hoffte, dass seine Stimme nicht schrecklich unnatürlich klang.

„Aber nein, sie sind gerade erst vier geworden.“ Fast wäre er in Ohnmacht gefallen. Einen Moment lang schloss er die Augen. „Ende Januar, glaube ich. Ja, am achtundzwanzigsten.“

Er hob die Lider nicht, während er nachrechnete, aber er zählte nicht an den Fingern ab. Er war kein Mathegenie wie Leigh. Ein Genie war er in überhaupt keinem Bereich. Sieben Monate nach der Zeit ihres Zusammenseins. Ein alter Schmerz durchzuckte ihn und schmerzte noch ein wenig mehr. Oh nein. Oh nein. Sie war bereits schwanger. Und sie hatte keine Ahnung gehabt? Sie konnte keine Ahnung gehabt haben. Sie hätte sich nicht mit ihm eingelassen, wenn sie …

„Ob ich wohl von dir verlangen darf, dass du mal mit ihnen angeln gehst oder so? Hier bei uns herrscht prinzipiell Männermangel.“

„Ja. Klar“, erwiderte er, plötzlich erschöpft. Alles verschwamm vor seinen Augen, und bemerkenswerterweise drohten Tränen in ihm aufzusteigen. Herrgott, wie hatte er sie geliebt. „Lass mich wissen, wenn du sonst noch etwas brauchst“, meinte er, steckte den Scheck ein und hatte es eilig, zurück zu seinem Pick-up zu kommen. Gewöhnlich saß er gern mit den Frauen zusammen, doch dieses Mal konnte er es nicht. Er kriegte kaum noch Luft. „Und, Jess, pass um Himmels willen auf dich auf.“

„Ich brauche einen Trupp, der hier alles auf Vordermann bringt, und zwar schon bald. Mitte Juni will ich hier eine große Party veranstalten, und bis dahin sind umfangreiche landschaftsgärtnerische und bauliche Maßnahmen erforderlich. Ich will noch warten, bis Leigh hier ist – in ein paar Tagen –, und hören, was sie dazu meint. Schließlich wird sie mehrere Monate hier wohnen … wenngleich ich hoffe, dass sie jetzt für immer bleibt. Das schaffst du doch, oder? Solch einen großen Auftrag zu erledigen?“

„Für immer?“ Er erstickte nahezu. „Sie will für immer hierbleiben?“

Jess lachte, und die Frauen stimmten ein. „Tja, zugegeben, ich rede nur von einem ausgedehnten Besuch, allerdings beabsichtige ich durchaus, sie dieses Mal hier festzuhalten. Sie liebt Durango. Für mich gibt es keinen Grund, warum sie nicht bleiben sollte. Durango ist ideal für Kinder, und das ist auch klar.“

„Klar“, erwiderte John schwach. Man stelle sich vor, sie ständig hier zu wissen, ihr beim Einkaufen über den Weg zu laufen, auf der Kunstausstellung … im Steakhaus.

„Kannst du den Garten diesen Frühling im Schuss bringen, John?“

„Ja. Kein Problem. Muss jetzt los. Viel zu tun. Unmengen Anrufe. Macht’s gut, die Damen.“

„Ciao, John“, verabschiedeten ihn die Frauen.

John schlug die Hintertür zu, sprang die Terrassenstufen hinunter und lief zu seinem Pick-up. Endlich war er allein. Leigh war ausgebrannt und mit den Nerven am Ende, dachte er. Das war’s, was sie damals angetrieben hatte, während er gehofft hatte, er selbst wäre der Grund gewesen. Das war er offenbar nicht gewesen.

Jess sah ihn vom Wohnzimmerfenster aus vor dem Haus in seinem Pick-up sitzen. Abby trat hinter sie, griff über ihre Schulter hinweg und wollte die Gardine zur Seite ziehen, um einen besseren Blick auf ihn zu erhaschen.

„Nicht doch“, wisperte Jess. „Wenn er nun mitkriegt, dass wir ihn beobachten.“

„Du brauchst nicht zu flüstern“, bemerkte Kate. „Er hört uns nicht.“

„Nun? Was meint ihr?“, wollte Jess wissen.

„Er ist beinahe in Ohnmacht gefallen, als du erzählt hast, dass sie Kinder hat, das hat allerdings nichts zu bedeuten. Wie hat er darauf reagiert, dass sie nach Hause kommt?“

„Ach, als wollte er in dem Loch versinken, dass er gerade aushob.“

„Ich glaube, Genaueres erfährst du erst, wenn du sie zusammen erlebst. Wäre es nicht einfacher, sie rundheraus zu fragen, ob sie vor fünf Jahren, als sie den Sommer hier verbrachte und danach verkündet, schwanger zu sein, zufällig in unseren Lieblingshandwerker verliebt war?“

Jess runzelte die Stirn. „So einfach ist das nicht. Sie befand sich kurz vor einem Nervenzusammenbruch. Ich hatte Angst um sie. Jetzt bin ich in Sorge um ihre Zukunft und die der beiden kleinen Süßen. Doch denkt ihr nicht auch, dass John ihnen guttun würde, auch wenn er’s nicht ist?“

„Er würde jedem guttun.“ Peg seufzte. „Ach, wenn ich nur vierzig Jahre jünger wäre.“

„Schaut ihn euch an. Er hockt einfach nur da. Er steht unter Schock. Ich würde sagen, das ist ein gutes Zeichen“, erklärte Kate. „Meint ihr nicht auch, dass das ein gutes Zeichen sein könnte?“

„Er steht unter Schock? Das könnte ein schlechtes Zeichen sein“, erwiderte Abby.

„Ach, einen Mann schockieren zu können.“ Erneut seufzte Peg. „Nur noch ein einziges Mal.“

„Ich bin mir unsicher, ob das alles so klappt“, sinnierte Jess, den Blick auf den geparkten Pick-up gerichtet.

„Logisch betrachtet, glaube ich nicht, dass jemand sich mithilfe von Tricks verheiraten lässt.“

„Natürlich nicht“, entgegnete Jess. „Das würde ich nicht einmal versuchen. Ich dachte, ich bringe sie einfach mit einem Trick wieder zusammen. Wenn sie einander noch mögen, nehmen sie das Heiraten dann schon selbst in die Hand.“

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