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Alles für ein bisschen Ruhm

Auf einer Party am Strand in Hollywood rettet ein Mann eine junge Frau vor dem Ertrinken. Er arbeitet für die Studios, ist erfolgreich, hat eine Ehefrau in New York, aber zufrieden ist er nicht. Die junge hübsche Frau träumt von einer Karriere als Schauspielerin, aber jedes Mal scheitert sie schon beim Vorsprechen. Irgendwann sagt er „Ich liebe dich“ zu ihr, es gehört zum Drehbuch dieser Art von Umklammerung, in der sie miteinander verstrickt sind. Wie im Film muss auch diese Liebesgeschichte unglücklich enden, ihr Zusammensein war vergebens. – Alfred Hayes hält der hysterischen, verlogenen Filmwelt ihre mitleidlose Realität entgegen – mit Figuren die den Abspann hinauszuzögern versuchen.
  • Erscheinungstag: 25.07.2016
  • Seitenanzahl: 144
  • ISBN/Artikelnummer: 9783312010073
  • E-Book Format: ePub
  • E-Book sofort lieferbar

Leseprobe

Über das Buch

Auf einer Party am Strand in Hollywood rettet ein Mann eine junge Frau vor dem Ertrinken. Dadurch ändert sich auch sein Leben, und eine Weile lang hoffen sie beide, ihr Schicksal beeinflussen zu können. Er arbeitet für die Studios, ist erfolgreich, hat eine Ehefrau in New York, aber zufrieden ist er nicht. Die junge hübsche Frau träumt von einer Karriere als Filmstar, ihre Familie in der Provinz glaubt an sie, aber jedes Mal scheitert sie schon beim Vorsprechen. Irgendwann sagt er «Ich liebe dich» zu ihr, es gehört zum Drehbuch dieser Art von Umklammerung, in der sie miteinander verstrickt sind. Es kann nicht anders als unhappy enden, ihre Rettung und ihr Zusammensein waren umsonst.

1

DIE PARTY DAUERTE schon zu lange. Ermüdet von den allzu lebhaften Stimmen und dem allzu reichlichen Alkohol und weil ich es mir angenehm vorstellte, allein zu sein, für eine Weile den lächelnden Gesichtern zu entfliehen, die einen ans Klavier hefteten, oder den Fragen, denen man nicht entkam, sosehr man sich auch wand, ging ich nach draußen, um einen Blick auf das Meer zu werfen.

Dort lag es, genau wie in der Reklame, eine dunkle, schwere See, und weit draußen die Lichter eines verspäteten Schiffs, das sich langsam nach Süden bewegte. Ich starrte auf das Wasser, wie über eine Grenze, während hinter mir in dem hell erleuchteten Raum mit der Bambusbar und den Bambusmöbeln die Stimmen dieser Leute, die keine richtigen Fremden waren und keine richtigen Freunde, immer neue Triumphe schilderten oder Witze erzählten. Es schien mir töricht zu bleiben, da ich müde war und die Party sich hinzog, und es schien mir töricht zu gehen, denn zu Hause war nur Leere.

Unter mir lag der Strand. Und nun kam eine junge Frau aus einem der Zimmer im Erdgeschoss, in Shorts und Ringelhemd und einer Segelmütze auf dem Kopf und mit einem Cocktailglas in der Hand. Sie bewegte sich vorsichtig und munter über den Sand, das Glas balancierend, die Kapitänsmütze auf dem dunklen Haar, ich konnte sie im Licht sehen, das aus dem Haus fiel. In den sehr knappen Shorts und in der Dunkelheit wirkten ihre Beine besonders weiß. Sie ging bis an den Meeressaum und trank genau dort einen großen Schluck aus ihrem Glas und legte den Kopf etwas zurück, um zu den Sternen zu schauen. Es war ein starkes Bild: das Meer, die Shorts, der Cocktail, und mir schien, dass sie sich der Komposition durchaus bewusst war. Aber das war ich schließlich auch, der ich auf der Veranda stand und eine bedachtsam meditative Zigarette rauchte. Mir war, als hätte ich sie schon einmal gesehen, jedenfalls die weißen Beine, das lange Haar, die kesse Mütze, vor dem Segel einer Schaluppe in Balboa an einem belebten Wochenende oder auf einem Barhocker um vier Uhr nachmittags im Ocean House, wenn man dort Mitglied war und eine Umkleidekabine hatte, was für sie aber bestimmt nicht zutraf. Sie war ins Ocean House eingeladen worden, wie sie auf die Schaluppe in Balboa eingeladen worden war, und gewiss nicht allein. Meist waren es drei, vier Mädchen, deren Beine ebenso lang waren und deren Haar ebenfalls locker auf die Schultern fiel. Ich konnte ihr Gesicht nicht sehen, aber das spielte keine Rolle. Ich war mir sicher, wer sie war, mehr oder weniger, und ich war mir sicher, dass sie dort, während das Wasser um ihre Füße spielte, ein fast religiöses Erlebnis mit dem Meer hatte. Und mit dem Glas in der Hand, das sie wie einen Kelch hielt, als wäre es eine private Abendmahlfeier, begann sie, in das Meer hineinzugehen. Ihre Beine schimmerten ein wenig im Dunkel. Sie blieb stehen, um wieder konzentriert aus dem Glas zu trinken, und dann machte die Strömung etwas mit dem Sand, auf dem sie stand, so dass sie hinfiel. Das erheiterte mich. Ihr kleines Hinterteil war nun klatschnass, und die Segelmütze war ihr vom Kopf geflogen. Sie stand auf, dem Pazifik zugewandt, und war jetzt nicht mehr ganz die faszinierende Silhouette, die sie eben noch dem gleichgültigen Himmel geboten hatte. Sie sah nun aus wie eine völlig derangierte Nymphe. Ich beugte mich vor, die Ellbogen auf dem Geländer der kleinen Veranda, und amüsierte mich über ihr Missgeschick. Ich hatte sie alle satt, ihre lässigen Jeans und Strandschuhe und T-Shirts, die Karomuster und rückenfreien Kleider und Sandalen, ihre Offenherzigkeit und ihre sonnenverbrannten Reize.

Die junge Frau zögerte nun, ohne Segelmütze, das Cocktailglas irgendwo im Wasser, und begann dann, zielstrebig immer weiter hinauszugehen, und watete nun nicht mehr, wie ich zuerst gedacht hatte. Ein mächtiger Brecher erfasste sie, und sie ging unter. Sie ging richtig unter. Ich rief etwas und sprang von der Veranda.

2

AM STRAND HUSTETE und würgte sie. Speichelfäden hingen ihr aus dem Mund, und an den Beinen klebten Algen. Immer wieder versuchte sie, etwas zu sagen. Inzwischen waren Leute aus dem Haus herbeigekommen. Ich konnte sie nur mit Mühe auf dem Sand festhalten, ich setzte mich auf sie und versuchte, das Wasser herauszupumpen. Ich kam mir ziemlich idiotisch vor, die Stellung war obszön, der verfluchte Sand war überall auf meiner Hose, und dann fingen die beiden Cockerspaniels an zu bellen, weil sie das Ganze für ein Spiel hielten. Schließlich übergab sie sich. Alles kam heraus, das Salzwasser und der Gin und alles, was sie gegessen hatte, grauenhaft. Sie war überhaupt nicht hübsch. Es war eine ärgerliche und schlimme Geschichte. Und natürlich mussten die Hunde angelaufen kommen und herumschnüffeln.

Aber zumindest konnte sie wieder atmen, besser gesagt keuchen.

Man wickelte sie in Decken, trug sie ins Haus, legte sie vor den Kamin und gab ihr heißen Kaffee zu trinken. Niemand schien sich groß Sorgen zu machen. Ich hatte den Eindruck, dass bei ihren Partys solche Höhepunkte mehr oder weniger erwartet wurden.

«Wer hat sie eigentlich mitgebracht?»

«Benson, richtig? Sie wird eine Woche lang nach Salz schmecken.»

«Jemand sollte den Strand absperren. Das Meer ist eine Gefahr für die Öffentlichkeit.»

«Schaut mal, wie sie zittert, die Ärmste.»

«Die Hunde sollen endlich still sein.»

Sie sah jetzt wie ein kleines Mädchen aus, dessen Gesicht alle Farbe verloren hatte. Sie zitterte am ganzen Leib, kniete vor dem Kamin, die Decke um die Schultern, als wartete sie darauf, zurechtgewiesen zu werden, bestraft zu werden. Ich hatte Mitleid mit ihr und war vage verärgert. Außerdem trug ich keine praktischen Shorts. Ich sagte zu Charlie: Mein Gott, da lädst du mich einmal ein, und dann das.

Er schüttelte den Kopf. «So jung, die Kleine. Hat wahrscheinlich zu viele Martinis intus.»

«Bestimmt.»

«Sie können einfach nicht mit Alkohol umgehen.»

«Das nächste Mal werde ich ein Beatmungsgerät mitbringen.»

Ich ging hinauf, um mir für die Heimfahrt eine von Charlies Hosen und ein Sweatshirt zu borgen.

3

ICH WOHNTE IN EINEM APARTMENT am Boulevard, das ich gemietet hatte. Es war nicht schlecht, vielleicht eine Spur zu mädchenhaft. Die junge Frau, die es mir überlassenhatte, war nach Europa gegangen, um eine gescheiterte Ehe zu vergessen, der sich eine offenbar erfolglose Trennung angeschlossen hatte. Das Apartment hatte sie zwischen zwei Ehemännern bezogen, es war so etwas wie ein kleines Liebesnest. Neben dem Wohnzimmer gab es eine kleine Bar mit zwei gepolsterten Barhockern, und an der Wand über der Bar hingen Stierkampfplakate, die sie aus Mexiko-Stadt mitgebracht hatte. Ich vermutete, dass die Ehe in Mexiko-Stadt unglücklich gewesen war und dass der Mann, den zu vergessen sie nach Europa gegangen war, Mexikaner war. Sie hatte angedeutet, dass er ihr nie richtig verziehen habe, eine Gringa zu sein, und dass es ihm in Mexiko peinlich gewesen sei, eine Amerikanerin als Ehefrau zu haben, obwohl sie sich bemüht hatte, seinenVorstellungen von einer mexikanischen Ehefrau zu entsprechen. Ihren Erzählungen zufolge muss es eine Liebesbeziehung gewesen sein, die in den Staaten ziemlich aufregend gewesen war und in Mexiko-Stadt eine komplette Katastrophe. Jedenfalls hatte sie das Apartment wohnlich und sehr verspielt eingerichtet, das Schlafzimmer ganz in Weiß, mit weißem Bettüberwurf und weißen Gardinen, und selbst der Wecker war weiß, die Bar mit den Stierkampfplakaten und mit kleinen Chiantiflaschen im Baströckchen, die von der Decke hingen, und eine Couch mit vielen Kissen, auf die sie sich offenbar legte, wenn ihr die Barhocker zu unbequem geworden waren und sie Ehe und Scheidung vergessen wollte. Aber anscheinend hatte es nicht funktioniert, trotz des Dekors und der jungmädchenhaften Atmosphäre, die sie dem Apartment gegeben hatte, und so war sie mit den sechs Monaten Miete, die ich ihr im Voraus bezahlt hatte, nach Europa gereist, und ich schlief nun in dem Bett, mit dem sie wahrscheinlich so große Hoffnungen verbunden hatte. Zu den phantasievollen Elementen, die sie der Wohnung gegeben hatte, zählten auch zwei Banderillas, die sie dem Stier auf dem Plakat über der Bar in den Nacken gerammt hatte und die an fast unsichtbaren Fäden von der Decke hingen. Das alles sorgte für eine pittoreske Atmosphäre, das mädchenhafte Schlafzimmer und die lithographierten Stiere mit den Dolchen, die in ihnen steckten, und die nahezu vollständige Kollektion von Cremes und Deodorants im Badezimmerschränkchen. Es hatte jedoch den Nachteil, dass die Wohnung, wenn ich schlechter Stimmung war, mir mörderisch kitschig erschien und mich hin und wieder nötigte, die unvermeidlichen Szenen zu rekonstruieren, zu denen es gekommen sein musste, wenn meine Vermieterin verzweifelt versuchte, über ihre Eheprobleme hinwegzukommen. Die Wände waren nicht besonders dick: Ich konnte das Paar über mir hören, einen dünnen, kantigen Russen, der Maître in einem Balalaika-Restaurant war und eine Frau mit riesigen golden Ohrringen hatte, den Werbemann nebenan, vor dessen Tür sich ungelesene Zeitungen oft zu alarmierenden Stapeln ansammelten, und weiter hinten zwei Mädchen, beide blond, beide blühend, die in einer Flugzeugfabrik arbeiteten und sich die Wohnung teilten. Das waren die Mieter, von denen ich hin und wieder etwas sah. Wer die anderen Hausbewohner waren, habe ich nie herausgefunden. Manchmal hörte ich etwas von ihnen, klimpernde Eiswürfel, das Motorengeräusch ihrer Autos oder spätabends ein mehr oder weniger beiläufiges Verdammt, wenn jemand etwas zerbrochen hatte. Sie waren nicht besonders zurückhaltend und schotteten sich auch nicht besonders ab. Mir schien, dass die Bewohner dieser Stadt einfach etwas Unsichtbares an sich hatten.

4

ICH NAHM EINE HEISSE DUSCHE und ging zu Bett. Gelegentlich fuhr unten auf der Straße ein Auto vorbei, gelegentlich war der Ruf eines Vogels in einem Baum zu hören. Ich fühlte mich in der Dunkelheit nicht verloren oder verzweifelt oder gar unglücklich. Mein Hals tat ein bisschen weh, aber das kam daher, dass ich zu viel rauchte; es war fast eine Ironie, dass ich, in der Dunkelheit liegend, keine anderen Sorgen hatte. Seit etwa fünf Jahren kam ich regelmäßig her. Ich arbeitete für ein paar Monate in einem der Studios und kehrte dann nach New York zurück. Dieses Arrangement hatte durchaus Vorteile. Ich fühlte mich nicht erhaben über das, was die Leute hier trieben, bildete es mir zumindest ein. In diesem Augenblick lagen überall in der Stadt Leute in ihren Betten und dachten mit intensiver, unerschöpflicher, fast rasender Leidenschaft daran, berühmt zu werden, wenn sie nicht schon berühmt waren, und noch berühmter, wenn sie schon berühmt waren, oder reich zu werden, wenn sie nicht schon reich waren, und noch reicher, wenn sie schon reich waren, oder mächtig, wenn sie nicht schon mächtig waren, und noch mächtiger, wenn sie schon mächtig waren. Zuweilen faszinierte mich, von welcher Intensität diese Wünsche waren. Zuweilen hatten ihre Wünsche sogar eine gewisse Berechtigung. Aber mir schien, zumindest hatte ich in den Jahren, in denen ich gekommen und gegangen war, diesen Eindruck gewonnen, dass selbst diejenigen, die all das besaßen, was andere nicht besaßen und so begehrten, im Grunde etwas Lächerliches, etwas Banales an sich hatten. Ich konnte es mir nicht erklären. Vielleicht war es nur ein blinder Fleck meinerseits, eine Gleichgültigkeit, die mich daran hinderte zu sehen, wie befriedigend Macht oder Ruhm sein konnten. Was Geld auch immer vermag, es verhalf jedenfalls nicht zu den Dingen, die nach allgemeiner Vorstellung mit Geld assoziiert wurden, und ich glaubte zu diesem Thema mit einer gewissen Kompetenz sprechen zu können, weil ich inzwischen für einige Monate im Jahr ein Einkommen bezog, das deutlich über dem eines älteren Vizepräsidenten einer Bank lag. Ich sprach nicht mehr mit der verdächtigen Stimme der Armut. Meine Feindseligkeit, wenn ich gegenüber den Reichen noch Feindseligkeit empfand, entsprang einer anderen Quelle: dem undefinierbaren Gefühl, dass der Lebensstil dieser Leute etwas Finsteres hatte. Aber was konnte daran finster sein? Was war so verwerflich an dem Braque, der bei einem Pariser Kunsthändler gekauft worden war und nun über der niedrigen Couch an der hellen Wand hing? Welche Gefahr konnte von den unzähligen Schallplatten im Wohnzimmer ausgehen oder von dem Zimmer mit dem gemauertenKamin und dem polierten Schreibtisch? Warum fand ich etwas dabei, wenn ein riesiger Kühlschrank mit Coca-Cola auf Eis und Weintrauben, von einem Diener perfekt kühl gehalten, auf der Terrasse neben dem Zehn-Meter-Schwimmbecken stand? Warum reagierte ich so empfindlich auf diese Annehmlichkeiten, diese Anschaffungen, diese Kostbarkeiten, auf diese kühlen, geräumigen, beneidenswerten Villen? Höchstwahrscheinlich war es ganz allein mein Problem. Vielleicht waren sie überhaupt nicht finster. Es war nur eine Art Gefräßigkeit, die mir so unangenehm auffiel, eine Unersättlichkeit, die vielleicht etwas Finsteres ausstrahlte. Nun ja, ich würde mich jedenfalls nicht auffressen lassen. Mein Kopf auf einer Servierplatte im La Rue, meine Nieren als Pastetenfüllung im Chasen’s.

Außerdem hatte ich die Vorstellung, dass sie mich ungenießbar finden würden. Zumindest war das meine Hoffnung. Aber man musste aufpassen. Man musste wirklich gut aufpassen. Sie würden einen im Handumdrehen aufspießen und gegrillt auf einem Teller servieren, wenn man nicht aufpasste.

Draußen in der absurd halbtropischen Nacht wuchsen derweil die Geranien. Schnecken mit ihren zarten Fühlern krochen über betonierte Zufahrten. Bananenstauden blühten am Rand von Parkplätzen, und es gab Turteltaubenpärchen in den zu Junggesellenwohnungen umgebauten Garagen in den kleinen Canyons, wo Rotluchse auf die Jagd gingen und Waschbären die Mülltonnen durchstöberten.

Ich dachte an meine Frau. Sie war reserviert. Diese Reserviertheit war an sich gar nicht schlecht. Vermutlich war das wieder unfreundlich von mir. Sie war, was sie war, ich war, was ich war. Das war, wenn man es sich recht überlegte, so besonders unerträglich. Wenn sie nur hin und wieder nicht wäre, wie sie immer war. Wenn sie ein wenig lockerer wäre oder ein wenig großzügiger oder hin und wieder ein wenig ungezwungener. Mein Gott, die Ehe. Nein, es war nicht die Ehe. Selbst bei genauerer Prüfung gab es keine andere Institution, die an ihre Stelle treten könnte. Es gab nichts anderes als die Ehe, wenn man es recht bedachte, und wenn man es recht bedachte, mein Gott, war das wirklich alles? Das und die Kinder großziehen. Das und den Lebensunterhalt verdienen. Das und den Bestatter anrufen.

Diesmal hatte sie mitkommen wollen. Ich hatte es ihr ausgeredet. Das war nicht ganz einfach gewesen. Die Vorstellung, dass ich diese vier Monate allein verbringen würde, gefiel ihr nicht. Es gefiel ihr jedes Mal weniger. Mein Bedürfnis, allein wegzufahren, war mit den Jahren immer subtiler geworden. Inzwischen hatte sie den Punkt erreicht, dass sie kaum noch Argumente gegen meine Gründe vorbrachte, sondern zunehmend aggressiv reagierte. Vermutlich hatte ihr jemand geraten, sich zu behaupten, ihr vorgeschlagen, an meinem Leben teilzunehmen und an den Reisen, die ich machte – die ich nur selten machte. Trotzdem war es mir abermals gelungen, allein wegzufahren.

Allein. Es war die eine aktive Leidenschaft, die mir geblieben war, die einzig wirkliche Obsession. Ich hoffte, im Lauf der Jahre, der schlechten Jahre, eine gewisse Geduld erworben zu haben, und hielt mich für relativ wortkarg und sogar beharrlich, Tugenden, an denen es mir immer so erkennbar gemangelt hatte, und ich dachte, dass die Zeit, da ich mich in nutzlosen Rebellionen verausgabt hatte, endlich vorbei sei. Aus dieser kühlen Distanz, dieser Position, die ich erlangt hatte, kamen mir die Rebellionen töricht und unnütz vor, und nun erschien mir Klugheit als wertvolle Eigenschaft, als erstrebenswerter Charakterzug. So viel blinde Unbesonnenheit hatte es früher gegeben, so viele Wunden waren wahllos zugefügt worden. So oft hatte ich mich und andere verletzt. Nun war es ein viel vernünftigerer, wenngleich viel begrenzterer und überlegterer Krieg, den ich führte oder zu führen glaubte. Er bestand zumeist aus vorsichtigen und sehr bedachten Rückzugsbewegungen.

Ich war fast eingeschlafen, als ich erschrocken bemerkte, dass mir die Zigarette aus der Hand gefallen war. Die Bettdecke war schon angesengt. Schon zum dritten Mal war mir das in dieser Woche passiert. Ich drückte die Zigarette sorgfältig im Aschenbecher neben dem Bett aus. Der Vogel rief weiterhin ganz deutlich in der Dunkelheit. Ich war froh, dass ich allein war, dass die andere Betthälfte leer war, dass der Vogel rief, dass die Wohnung, wenn ich aufwachte, so still sein würde wie jetzt. Für einen kurzen Moment wehrte ich mich dagegen, wieder einzuschlafen, als ängstigte ich mich vor dem Schlaf. Vermutlich war es die Sache mit der jungen Frau am Strand. Ich hielt zu sehr an irgendetwas fest. Das war töricht. Es gab keinen Grund, sich zu ängstigen. Und dann merkte ich, wie das Lied des Vogels leiser wurde und ich langsam in die Ungeschütztheit des Schlafes hinüberglitt.

5

ICH GLAUBE NICHT, dass ich mit einem Anruf von ihr gerechnet hatte. Am nächsten Tag hatte ich bei der Arbeit an sie gedacht, aber es waren nur flüchtige Spekulationen gewesen. Bemerkenswert fand ich die etwas ironische Vorstellung, dass ich jemanden gerettet hatte. Ich war tatsächlich hinuntergesprungen und hatte sie dann wiederbelebt. Fast schien mir, als hätte sich der Vorfall meinetwegen ereignet. Als sie zwei Tage später anrief (offensichtlich hatte sie überlegt, ob sie anrufen sollte oder nicht), merkte ich, dass meine Aktion mich auf sonderbare Weise zu beeinflussen begann. Sie gab allem, was ich zu ihr sagte, einen eigentümlich besitzergreifenden Unterton. Ihre Rettung war ein intimer Akt gewesen, zwischen uns war eine Art Beziehung entstanden. Sie hatte zu viel Meerwasser geschluckt, sie hatte hilflos am Strand gelegen, nun gänzlich ohne Posen, und hatte sich übergeben. So hatte ich sie in den Armen gehalten, noch bevor ich sie überhaupt kannte oder mit ihr gesprochen hatte, noch bevor wir anderes voneinander wussten oder andere Gefühle zwischen uns waren.

Als sie anrief, erkannte ich ihre Stimme zunächst nicht wieder. Mir fiel ein, dass ich sie in jener Nacht am Strand überhaupt nicht hatte sprechen hören. Sie rief an, um sich zu bedanken.

«Wie geht es Ihnen?»

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