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Bad News

hier erhältlich:

Ein junger Journalist macht Karriere bei einer Wochenzeitung und gerät in den Sog des schillernden, diabolischen Chefredakteurs – mit lebensbedrohlichen Folgen. Anfangs versucht M. den nationalkonservativen Furor seines Chefs mit Humor zu nehmen, zumal der smarte Blattmacher dabei brillant und originell vorgeht. Zunehmend irritiert stellt M. fest, dass er in seiner neuen Position kaum etwas entscheiden darf und auch noch den Sündenbock für seinen Chef und dessen Umstrukturierungspläne spielen soll. Irritiert ist allerdings nicht nur M., sondern auch eine Gruppe radikaler Muslime, die die Hetze gegen Ausländer satt hat. Jemand soll dafür bezahlen. Ein temporeicher und scharfsinniger Thriller über die Manipulation und Stimmungsmache in Medien und Gesellschaft.
  • Erscheinungstag: 01.02.2016
  • Seitenanzahl: 208
  • ISBN/Artikelnummer: 9783312006984
  • E-Book Format: ePub
  • E-Book sofort lieferbar

Leseprobe

 

 

 

 

Wir sind gezwungen, »Farbe zu bekennen«,

sonst sind wir »ohne Gesinnung«.

Es ist das Kennzeichen der engen Welt,

dass sie das Undefinierbare verdächtigt.

 

JOSEPH ROTH

 

Der Alarm ertönte. Die OP-Schwester ging zur Stoppuhr hinüber, die an der Wand des Schockraums hing. Die anderen stellten sich im Halbkreis auf. Zwanzig Sekunden später rollten die Rettungssanitäter, im Jargon Lieferanten genannt, die Trage herein. Der Notarzt folgte, grüßte knapp und setzte zum Rapport an: Patient männlich, Mitte dreißig, Stichverletzungen thorakal und abdominal. Atemwege frei, Verdacht auf einen Pneumothorax mit beginnender Spannungssituation. Kreislaufinstabil. GCS 11.

 

MINUTE 12

Die Lieferanten hoben den Schwerverletzten auf den Schockraumtisch. Am Kopfende begann die Anästhesie mit der Verkabelung. Beatmungsmaschine, Blutdruckmanschette, Fingerclipsensor für das Pulsoximeter, Temperatursonde, EKG-Kabel. Piep. Piep. Piep.

Der Radiologieassistent schob eine Röntgenplatte unter den Tisch; die Anästhesieschwester entnahm Blut. Manuel Hoffmann, Oberarzt Unfallchirurgie, seit dreizehn Stunden im Dienst, stand rechts neben dem Patienten und ließ sich das Ultraschallgerät reichen. Vom Kopfende meldete die Anästhesistin: «Wir bekommen ein Problem mit der Atmung. Ich muss intubieren.» Piep-piep-piep-piep.

 

MINUTE 310

Hoffmann schnitt das Hemd des Patienten auf. Ungewöhnlicher Stoff, ging ihm durch den Kopf. Am linken Brustkorb sah er eine kleine blubbernde Wunde, aus der Blut rann. Fast gleichzeitig hörte er ein leises Pfff wie von einem lecken Fahrradschlauch. Der Assistent hielt das Stethoskop bereit. Hoffmann war sich auch so sicher: ein offener Pneu. Also Programmwechsel. Zuerst eine Thoraxdrainage, um dieLunge zu entfalten, dann den Ultraschall. Während die Anästhesistin intubierte, lagerte Hoffmann die Arme des Patienten aus. Er zog Mundschutz, Haube und Handschuhe an,desinfizierte den Oberkörper des Patienten und deckte steril ab.

Hoffmann setzte das Skalpell an und machte im Bereich der vorderen Achselfalte auf Höhe der Mamille einen Hautschnitt. Dann nahm er die Schere, schob sie in das Loch, spreizte Fettgewebe und Muskel und perforierte die Pleura. Plop. Jetzt drang er mit dem Zeigfinger in die Öffnung und palpierte, um sicherzugehen, dass er in der Brusthöhle war. Schließlich legte er den Schlauch hinein, nähte ihn an die Haut an, verband ihn mit dem Drainagesystem und verschloss die Wunde.

 

MINUTE 1112

Ein OP-Pfleger drehte den Vakuumregler auf. Hoffmann blickte auf den sich füllenden Sekretbehälter: 750 Milliliter Blut. Unschön, aber im zu erwartenden Bereich. Er auskultierte die Lunge. Nun war ein Atemgeräusch hörbar, Zeit für den Ultraschall. Mit der Sonde fuhr er über Leber, Milz und Nieren, gleichzeitig stellte er den Monitor scharf. Die Haut des Patienten war blass, feucht und kalt. Um die Morison-Grube sah er einen schwarzen Fleck, ein Hinweis auf Blut. Er fuhr nach oben und untersuchte den rechten Brustkorb. Auch hier Blut. Ebenso im Perikard. Die Stiche, offensichtlich von einem Messer, hatten nicht nur Lunge und Leber verletzt, sondern wahrscheinlich auch das Herz. Piepiepiepiepiep.

«Wir haben fast keinen Druck mehr.»

«Wie viel?»

«Sechzig/dreißig.»

«Ich gebe vier Blutkonserven Null negativ.»

«Level One bereitstellen.»

«Ich brauche einen Unterassistenten.»

«Patient wird bradykard

«Vorbereiten zum Thorakotomieren links.»

PIEPIEPIEPIEPIEP.

 

MINUTE 1319

Eine Massenblutung hört man, dachte Hoffmann. Herbeieilende Ärzte, hinauseilende Blutkuriere, das Heranrollen der medizinischen Apparaturen, das leise Scheppern des Instrumententischs, die Kakophonie der Anordnungen und Alarmsignale. Er desinfizierte den Thorax dreimal und glitt in den sterilen Mantel, den der OP-Pfleger bereithielt. Jetzt ließ er sich das Skalpell reichen. Mit dem Finger markierte er den Schnittverlauf, der zwischen vierter und fünfter Rippe quer über den linken Brustkorb führen würde. Er öffnete Haut und Subkutis mit einer fließenden, entschlossenen Bewegung. Als Nächstes durchtrennte er die Muskulatur. Wieder setzte er das Skalpell vertikal an und schnitt zügig, um möglichst wenig Blutgefäße zu verletzen. Er verlangte nach der groben Schere. Über den Zugang, den er für die Drainage eröffnet hatte, drang er in die Brusthöhle. Während er mit der linken Hand die Lunge zur Seite schob, schnitt er mit der rechten durch das Gewebe. Es blutete wie ein Schwein. Auch nach Dutzenden von Thorakotomien beeindruckte ihn diese Heftigkeit jedes Mal von neuem.

 

MINUTE 2026

Der Radiologe betrat den Raum, die entwickelten Röntgenbilder in der Hand. Er sah den offenen Brustkorb und wusste: Keiner würde sich jetzt noch für seinen Befund interessieren. Die Anästhesistin schüttete Adrenalin, fünfzig Gamma aufs Mal. Sachlich sagte sie: «Mach vorwärts, Hoffmann. Wir können ihn nicht mehr lange halten.» Piepiepiepiepiepiep.

 

Hoffmann ließ sich den Mercedes-Spreizer reichen. Er legte den Spreizer in die Öffnung und drehte auf, bis ein klaffendes Loch vom Durchmesser einer Grapefruit entstand. Nun hatte er freie Sicht auf die Lunge und das schlagende Herz.

Wo war die Hauptblutung? Er fuhr mit der Hand durch die Brusthöhle und wischte Blutergüsse heraus. Für einen Moment dachte er an seine neunjährige Tochter, der er aus den USA Marshmallows mitgebracht hatte. So fühlte sich eine Lunge an: wie Marshmallows. Da sah er die Verletzung. Er ließ sich die Duval-Klemme geben und drückte zu, um die Blutung zu stoppen. Dann nähte er die Wunde, so schnell er konnte. Zwei Stiche, sechs Knoten, zehn Sekunden.

Piepiepiepiepiep. Die Anästhesie schaffte es noch immer nicht, den Patienten zu stabilisieren. Hoffmann blickte auf den prallen Herzbeutel. Es blieb ihm nichts anderes übrig, als aufzumachen. Er nahm die Pinzette, hob den Herzbeutel an und schnitt ihn mit einer feinen Schere der Länge nach auf. Der Assistent sog den Blutschwall ab. Nach ein paar Sekunden fand Hoffmann die Stichwunde im linken Ventrikel. Er presste den Daumen auf die Wunde und atmete tief durch. Dann verlangte er nach Nadelhalter und Prolenfaden. Als er die Nadel ansetzte, begann das Herz zu flimmern.

Ppp’p…ie…piep…pi…ie…p…i…ep…i…

 

MINUTE 2732

Du bist zu jung, um zu sterben, dachte Hoffmann, während er das Herz in die rechte Hand nahm. Seine Hände waren groß genug, um eine offene Reanimation einhändig durchzuführen. Mit einer Frequenz von hundert Schlägen pro Minute presste er das Herz von der Spitze her zusammen. Ein englisches Lehrbuch, das er während des Studiums erworben hatte, verglich den Vorgang mit Melken. Eigenwillig, aber treffend. Nach zwanzig Sekunden normalisierte sich der Herzschlag. Die Anästhesistin meldete einen steigenden endexspiratorischen CO2-Wert; Hoffmann griff erneut zu Nadel und Faden.

Ein pumpendes Herz zu nähen war etwa gleich angenehm, wie ein volles Tablett über eine Schaumstoffmatratze zu balancieren. Dennoch schaffte er es praktisch immer, die Nadel so sauber zu führen, dass sie unverbogen blieb. Nicht jeder Chirurg konnte das von sich behaupten. Sobald er die Wunde versorgt hatte, gab die Anästhesie Volumen, um den Blutverlust zu kompensieren. Hoffmann hob das Herz nochmals hoch, um sicherzugehen, dass er keine Verletzung übersehen hatte. Der Assistent spülte den Brustkorb mit warmem Wasser aus.

 

MINUTE 3335

PIEPIEPIEPIEPIEPIEPIEPIEP!

«Wir können den Druck nicht halten. Es muss eine weitere Blutungsquelle geben.» Die Anästhesistin klang zum ersten Mal beunruhigt.

Also erneut Ultraschall. Leber, Milz, Unterbauch, rechter Brustkorb. Es war der rechte Brustkorb. Hoffmann schwitzte. «Ich mache jetzt ganz auf. Einverstanden?»

«Einverstanden.»

Schnitt von der rechten vorderen Achselfalte bis zum Brustbein. Muskulatur und Pleura durchtrennen. Mit der Gigli-Säge das Brustbein entzweischneiden. Den großen Mercedes-Spreizer einlegen und voll aufspannen. Nun war der Brustkorb auf der gesamten Länge eröffnet. Aufgeklappt wie eine pulsierende Riesenmuschel. Daher der Name: Clamshell-Thorakotomie.

 

 

 

1

 

Er sah in den Spiegel, machte ein Geräusch, als müsste er sich übergeben, ging zurück ins Schlafzimmer, stieg aus der Anzughose (Helmut Lang) und nahm die Italo-Jeans aus dem Schrank, die ihm die Ex bei einer ihrer letzten Städtereisen aufgeschwatzt hatte (180 Euro, Mailand). Sein künftiger Chef würde bestimmt einen Zweireiher aus schwerem Stoff tragen, dazu eine Krawatte mit zwiebelgroßem Krawattenknopf. Das sah zwar scheiße aus, gerade bei einem jüngeren Mann, signalisierte aber Seriosität, Berechenbarkeit und Wirtschaftsnähe.

Natürlich wollte auch er heute Abend nicht wie ein Attac-Aktivist daherkommen. Immerhin handelte es sich um einen – nein: feierlich war zu pathetisch, schließlich ging es weder um eine Hochzeit noch um eine Beerdigung. Aber ein spezieller Moment war das schon. Für ihn persönlich, nicht für die Völkergemeinschaft, schon klar. Neun Tage waren seit dem leicht surrealen Anruf vergangen. Samstagabend, Viertel nach zehn, unbekannte Nummer. Er saß beim Spanier im Rotlichtviertel, um sich den Clásico anzusehen. Welcher Depp ruft um diese Zeit an?, dachte er. Die Neugier siegte (1:0), und er zwängte sich an erregten Fußballfans vorbei ins Freie, um das Gespräch entgegenzunehmen. Vielleicht war die Schönheit aus der Klinik dran (ein In-Klub, keine Nervenheilanstalt).

Was er zu hören bekam, war die größte Lobeshymne, die je auf ihn angestimmt worden war; schade, dass er kein Aufnahmegerät dabeihatte. Herausragend! Einer der begabtesten Journalisten seiner Generation! (Als sei der Anrufer siebenundachtzig und er vierzehn.) Die Wahl der Themen: überraschend, aber nicht überoriginell! Die Umsetzung: differenziert, aber nicht beliebig! Der Ton: ironisch, aber nie zynisch! Überhaupt die Sprache: Champions League! (Vorgesetzte und ihre Sportmetaphern, das wäre mal einen Artikel wert.) Und dann fiel dieses Wort, das beinahe alles kaputtgemacht hätte: Ob er Interesse habe, bei der wichtigsten Wochenzeitung des Landes Führungsverantwortung zu übernehmen.

Führungsverantwortung. Ein Wort mit zwiebelgroßem Krawattenknopf. Genau wie Zielgruppenorientierung, Synergien, USP, Ebit-Marge. Er hasste den Businessjargon, der sich auf den Redaktionen ausbreitete, als sei Journalismus ein MBA-Seminar und Chefredaktoren McKinsey-Aspiranten. Er wollte nichts mit diesen Wörtern zu tun haben. Das war Anthrax für den Geist. Schon Kleinstmengen konnten einen heillos kontaminieren. Fhrngsvrntwrtng.

Keine Lust, dachte er und ahnte im selben Moment: Er würde zusagen. Als freischaffender Journalist Anfang dreißig konnte man ein solches Angebot nicht ablehnen. Sonst war man reif für die Klinik (nein, nicht das In-Lokal). Er wurde von einer inneren Unruhe erfasst, einer diffusen Angst, etwas Entscheidendes zu verpassen – wie ein Gaffer, den es zu einer Menschenansammlung hinzog, obwohl er kein Blut sehen konnte.

Während der darauffolgenden Tage kam es zu intensivem E-Petting. So nannte sein alter Freund Doppelhuber (er wog hundert Kilo, daher der Name) den mit Schmeicheleien, risikolosen Hänseleien und der Zurschaustellung von Esprit dekorierten Mailverkehr, den Vorgesetzte und die von ihnen umworbenen Mitarbeiter in jenem sorglosen, an Verliebtheit grenzenden Stadium pflegen, in dem aus der Möglichkeit des Zueinanderfindens süße Gewissheit wird.

Schließlich einigte man sich auf den Lohn, auch das ein Spiel. Er wusste, dass er mehr hätte herausholen müssen, und sein künftiger Chef wusste, dass er mit weniger als dem Maximum davonkommen würde. Wie immer, wenn er jemandem zu einem Karrieresprung verhalf.

Nachdem ihn auch Karina ermutigt hatte, die Stelle anzunehmen, gab es keine Ausreden mehr. Aber was heißt schon ermutigt? «Wenn du jetzt kneifst, bist du eine Megasissi», hatte sie kühl gelächelt. Und angefügt: «Du wirst dreimal so viel verdienen wie ich und musst dir am Abend keine Babykacke von den Fingernägeln kratzen.»

Überraschend war weniger, dass der Fall für sie klar war. Für sie waren die Fälle immer klar. Das befremdete ihn an ihr und zog ihn zugleich an. Geld gut, Ferien gut, Sex gut. Montag schlecht, Mens schlecht, schlechtgekleidete Männer schlecht. House besser als Hiphop, Gillette Venus besser als Enthaarungscreme, Chef besser als Vizechef, Vizechef besser als nichts. Entsprechend ungerührt hatte sie seine zweihundertsiebenundfünfzig objektiv begründeten Einwände zur Kenntnis genommen, den Kopf leicht zur Seite geneigt, die Augenbrauen übertrieben hochgezogen, wie man einem Dreijährigen zuhört, der sich vor dem Krokodil hinter dem Sofa fürchtet.

Nein, Karinas Reaktion war keine Überraschung. Breaking news war, dass er sie überhaupt nach ihrer Meinung gefragt hatte. Karina, Kleinkinderzieherin, sieben Jahre jünger als er (was ihm manchmal fast ein wenig peinlich war), Vater Mazedonier, Mutter Schweizerin, war «mehr als eine Affäre und weniger als eine feste Beziehung». So die Sprachregelung, die sie ihm an einem ihrer Ich-kann-auch-anders-Abende abgerungen hatte. «Weder Fisch noch Vogel», knurrte sie. «Weder ficken noch vögeln ist auch nicht schön», rutschte es ihm heraus. Sie lachte, was ihn sehr erleichterte, denn er fürchtete sich vor ihrem balkanischen Furienblut. In den achtziger Jahren, ging es ihm durch den Kopf, wäre er für den Spruch von einem Rollkommando wallender Batikröcke abgeführt worden. Praise the Lord, dass die griesgrämigen Zeiten mit ihrem heiligen Gesinnungsernst vorbei waren!

Und nun also der Last-Minute-Entscheid pro Jeans und contra Anzughose. Womit seine Bereitschaft, Fhrngsvrntwrtng zu übernehmen, schon mal bewiesen wäre. Dank Jackett und weißem Hemd sah er elegant genug aus, um in dem Lokal, in dem er mit seinem Demnächst-Chef verabredet war, nicht unangenehm aufzufallen (eine ins Schummerlicht eines Puffs getauchte Edelholzbar, die von siegelringtragenden Zigarrenrauchern und ihren nach Anne-Sophie-Mutter-Art zurechtgemachten Begleiterinnen frequentiert wurde). Gleichzeitig signalisierte sein Unten-ohne-Look: ¡No pasarán! Im Anzug, egal wie schnittig der sein mochte, fühlte er sich nie richtig wohl. Er kam sich so artig vor, ausstaffiert. Wie bei der Erstkommunion, als er von den Eltern in ein marineblaues Sakko gesteckt worden war und die Mutter, um die Demütigung perfekt zu machen, auf einer gepunkteten Fliege bestanden hatte. Doch, doch: So viel pubertärer Protest musste sein.

Als er vom Fahrrad stieg, war es 19.51 Uhr, neun Minuten zu früh. Da er sicher sein wollte, das Lokal nicht als Erster zu betreten, ging er an der Edelholzbar vorbei und bog in eine Seitenstraße. Dort lehnte er sich lässig an eine Hauswand, einen Fuß an die Mauer gestellt, die Hände in den Hosentaschen, so dass er ein wenig aussah wie ein Stricher. Er wartete bis 20.03 Uhr. Dann ging er zurück, überzeugt davon, dass sein Chef mittlerweile am Tresen sitzen und ihm – dem neuen Kadermann, Vertrauten, Wunschmitarbeiter, Champions-League-Schreiber – jovial zuwinken würde, sobald er durch die Tür kam.

Um 20.16 Uhr bestellte er ein zweites Mineralwasser.

Um 20.24 Uhr piepste sein Nokia 7650, ein aufklappbares Hightech-Ding, mit dem man sogar Fotos schießen konnte (etwas prollig, ein Geschenk von Karina).

«5 Min. Sorry, T.»

Um 20.33 Uhr, er hatte soeben einen Espresso bestellt, wurde ihm bewusst, dass er dringend pinkeln musste. Doch was, wenn er auf dem Weg zur Tür war und T. ausgerechnet dann hereinkäme? Hallo Chef, ich muss mal. Sturm und Harndrang! Haha.

Um 20.35 Uhr stand er abrupt auf und eilte leicht vornübergebeugt Richtung Toilette.

Als er an den Tresen zurückkehrte, saß T. an einem Fensterplatz und machte konzentriert Notizen. Es blieb ihm nur, mit seinem Espresso quer durch den Raum zu latschen, als wäre er hier der Kellner. Einen halben Meter vor T. wollte er zu einer geistreichen Begrüßung ansetzen, als dieser fahrig hochblickte und sagte: «Und – sollen die Amis in den Irak rein?»

 

 

 

2

 

«NIMM DEIN’ KOCHLÖFFEL UND KOCH MIR ENDLICH HUMMER, FOTZE! ICH FICK DEIN’ ARSCH, WÄHREND DU KOCHST! WIE SIEHST DU EIGENTLICH AUS? GEH INS BAD UND MACH DICH HÜBSCH, DUMME NUTTE …!»

 

Damir hatte den Walkman auf Lautstärke 9 gedreht, als er das Treppenhaus hinunterging. Beinahe wäre er über den Negerbuben aus dem dritten Stock gestolpert, der mit seinem Dreirad durch den Korridor flitzte. «Kannst du nicht aufpassen?», fuhr er den Jungen an. Dieser blickte verständnislos zu ihm hoch und streckte ihm ein Plüschtier entgegen. Irgendwie tat ihm der Junge leid. Er schien die meiste Zeit allein zu sein. Was waren das für Eltern?

Damir hatte nichts gegen Afrikaner. Ihn störte einfach, dass sie nie grüßten, die Wäsche im Trockenraum hängen ließen und dass die Kochschwaden aus der Nachbarswohnung sein Zimmer verpesteten. Am meisten nervten sie beim Fußball: Ständig am Trikot des Gegners zerren, und wenn man sich wehrte, machten sie einen auf Rassismus. Lustig eigentlich, dass sein bester Kolleg ebenfalls Afrikaner war. Okay, streng genommen war er keiner. Henri stammte von der Insel mit dem durchgeknallten Priester-Präsidenten, deren Name er immer vergaß. Hawaii? Honduras? Richtig, Haiti.

Henri war einfach ein cooler Typ. Damir mochte ihn sehr. Darum war es auch okay, wenn Henri ihn mit «Hallo Schippi» begrüßte, obwohl er ihm tausendmal erklärt hatte, dass Bosnier keine Schippis waren. Damir antwortete jeweils mit «Na, Kunta Kinte, heute schon mit Drogen gedealt?» Dabei wusste Henri nicht mal, wie man einen Joint drehte.

 

«WER WILL KRIEG? DU NICHT, DENN DU BIST LIEB. WIR FICKEN DEINE GANG, DU SCHLAMPE. IHR SEHT ALLE AUS WIE JUNKIES. WER WILL KRIEG? DU NICHT, DENN DU BIST LIEB. WIR FICKEN DEINE GANG, DU SCHLAMPE …»

 

Damir hätte nicht sagen können, wen er geiler fand: Bushido oder Snoop Dogg. Der Vorteil von Bushido war, dass man die Texte verstand. Jedenfalls das meiste. Zudem hatte jede Goldküsten-Tussi schon von Snoop Dogg gehört. Mit dem deutschen Araber hingegen ließ sich punkten. Damir war vermutlich einer der Ersten in der Stadt, der eine Bushido-CD besaß. Sein Cousin aus Berlin hatte sie ihm besorgt. Der Cousin war auch der Grund, wieso er so früh am Morgen zu den Briefkästen hinunterging. Normalerweise stand er am Samstag nie vor zwölf auf. Jetzt aber erwartete er Post. Ein Live-Mitschnitt vom Auftritt eines iranischen Rappers aus Hessen oder Essen. Ultimativer Insidertipp.

«Versuch’s doch selber mal. Du bist schlagfertig und hast eine große Klappe», hatte ihn der Cousin beim letzten Telefongespräch ermutigt und dabei wie Onkel Hamid geklungen. In welcher Sprache, bitte, hätte er rappen sollen? Bosnisch? Wenn sie in den Sommerferien zu baka fuhren, der Großmutter, machten sich die alten Kollegen über seinen Akzent lustig. Hochdeutsch? Da brachte er einfach keinen flow hin, auch wenn sein früherer Chef gemeint hatte: «Für ein Jugo sprichst du aber gut Deutsch.» Gangsta Rap auf Mundart? Nahm keine Sau ernst. Damir Šefkovic, der Alpen-Tupac!

Fest stand allerdings, dass er seinem großen Ziel kein bisschen näher gekommen war. Damir wollte Videoclip-Produzent werden und später zu MTV oder wenigstens Viva. Darum hatte er nach der Handelsschule den Job beim Atelier Hirtler angenommen, einem angesagten Fotostudio. Der Chef, Cedric Hirtler, trug eine Hublot Big Bang und fuhr einen lindgrünen 57er Ford Thunderbird. Hirtler verkehrte nur mit wichtigen Menschen – Models, Sportler, Journalisten. Damir hatte irgendwie gehofft, dass er durch ihn an die richtigen Leute herankommen würde. Kunden aus der Werbebranche und so.

Er war dann hauptsächlich mit Fahrradkurieren in Kontakt gekommen, denen er Diapositive, Vergrößerungen und sonstiges Fotogeschmäus übergab, das er zuvor selbst verpackt hatte; mit der portugiesischen Putzfrau, die kein Wort Deutsch sprach und der er am Samstagabend das Geschäft aufschließen musste; und mit der fetten Kioskverkäuferin, bei der er für den Chef jeden Morgen Zigaretten kaufte. Muratti Extra, Schwuchtelmarke. Ach ja, zum Experten für die Bedienung und Wartung der Kaffeemaschine hatte er es auch gebracht. Hirtler soff Minimum fünf Latte macchiatos am Tag. Bei guter Laune hatte er ihm jeweils zugezwinkert und gesagt: «Mach dir ruhig auch einen. Kaffee dürft ihr ja trinken, hat keinen Alkohol drin.»

Nach dem 11. September hatte Hirtler seine Humorpalette mit Witzen über Piloten, Teppichmesser und Jungfrauen erweitert. Eines Tages war Damir einfach zur Tür hinausgegangen. Mitten in einem Monolog über Belichtungszeiten, Brennweiten und Tiefenschärfen. Oder hieß es Schärfentiefe? Wen kümmerte es.

Das war nun fast zwei Monate her. Am Anfang hatte er eine geile Zeit. Es war ungewöhnlich warm, und er chillte jeden Tag mit Kollegen am See. Nun aber musste er sich langsam nach einer neuen Arbeit umschauen. Sonst wurde seine Mutter kribbelig. Oder sollte er es an der Kunstschule versuchen? Es gab dort Filmkurse, und die Lehrer waren angeblich easy drauf. Wenn nur die Aufnahmeprüfung nicht gewesen wäre. Auf Prüfungen büffeln, mit diesem Kapitel hatte Damir abgeschlossen, auch wenn er ein guter Schüler gewesen war. Nicht umsonst nannten ihn die Kollegen profesor.

 

«YEAH, ICH SPUCKE BLUT, WEIL ICH OPFER WIE DICH BEISSE. ICH TUE VIEL FÜR MEINE UMWELT, WEIL ICH FÜTTER EUCH MIT SCHEISSE …»

 

Er schnippte den kalten Joint auf die Straße und ging ins Haus zurück. Dafür hätte er nicht aufzustehen brauchen: ein Versandkatalog mit Kleidern für ältere Frauen (seine Mutter war schon über vierzig), eine Stromrechnung und ein von Hand beschrifteter Umschlag «für Frau Azra Šefkovic», seine Mutter. Gedankenverloren öffnete er den Brief, während er zur Wohnung hochging. Warum er das tat, konnte er später nicht mehr sagen. Vielleicht damit seine morgendliche Exkursion nicht ganz umsonst gewesen war. Als er endlich begriff, worum es in dem Brief ging, setzte er sich auf die Treppe. Seine Schläfen pochten, seine Hände zitterten. Er stand auf, ging ein paar Stufen hinunter, blieb stehen, setzte sich, stand wieder auf. Dann taumelte er die Treppe hoch, rannte in sein Zimmer, warf sich aufs Bett und weinte.

 

 

 

3

 

«Die geile Headline in Print gesehen?», fragte Doppelhuber und zog entspannt den Rotz hoch. Das hatte er schon in der Schule gemacht. Schon damals hatte sich der Freund darüber geärgert.

«Kauf dir ein Taschentuch. Es gibt wunderschöne aus Seide, mit Monogramm drauf.»

Doppelhuber ignorierte die Bemerkung und tätschelte sein fleischiges Kinn. «Print schreibt: ‹Schwarze Trüffel haben ein Sexleben.› – Unfassbar!»

«Gratiszeitunglesen bildet.»

«Trüffel sollte man sein.»

«So schlimm?»

«Die pure Verzweiflung. Ich starre schon Schaufensterpuppen auf den Arsch.»

«Solange sie volljährig sind.»

«Du meinst, im Gegensatz zu Karina?»

«Können wir vielleicht mal über mein Rendezvous mit T. reden?»

Doppelhuber wurde sofort ernst und machte eine Handbewegung wie ein Talkmaster, der seinem Gast das Wort erteilt. Das schätzte er so an ihm, wobei «schätzen» natürlich ein blödes Wort war (klang nach Laudatio auf den verdienten Kassier eines Kegelklubs). Er liebte Doppelhuber! Er liebte ihn über alles! Dafür dass er immer, immer da war, wenn man einen Freund brauchte. Für seinen respektlosen, aber nie verletzenden Humor, mit dem er einen selbst in Zeiten, in denen man nichts zu lachen hatte, zum Lachen brachte. Für seinen Scharfsinn; die hundert Kilo Unbeeindruckbarkeit, an denen jeder Versuch zerschellte, ihm Tand, auch geistigen, anzudrehen. Vermutlich war es diese Eigenschaft, die ihn zum erfolgreichen Geschäftsmann machte. Nebst der Tatsache natürlich, dass er häufig unterschätzt wurde – das Dreifachkinn, die Hawaiihemden, die debile Kochtopffrisur.

Doppelhuber hatte an der HSG Ökonomie studiert, aber nach drei Semestern abgebrochen. Bis heute weigerte er sich, über die Gründe zu reden. Seine Schwester behauptete, er habe das gesamte Studiengeld für eine unglückliche Liebschaft mit einer Weißrussin aufgebraucht und sei daraufhin zu stolz gewesen, die Eltern anzupumpen. Er begann, irgendwelchen Elektroschrott nach Osteuropa zu verschachern. Doppelhuber sprach Russisch und leidlich Polnisch, aber nur rudimentär Englisch (was ihn nicht daran hinderte, ständig Anglizismen zu verwenden) und ungefähr drei Wörter Französisch – chérie, chat, pain au chocolat. Mittlerweile besaß er eine kleine florierende Import-Export-Firma, die Go East hieß oder, wenn es die Umstände erforderten, Держи на восток. «Im Osten», pflegte er zu referieren, «verstehen die Leute den Kapitalismus besser. Sie konnten ihn lange genug von außen betrachten. Die Gesellschaften dort sind nicht so risikogehemmt. Weniger unter der Fuchtel von Sozialdemokraten und Maltherapeuten.»

Doppelhuber bestellte eine Stange, die dritte oder vierte, und fragte: «Hast du unterschrieben?»

«Klar habe ich unterschrieben.»

«Gar nichts war klar, als wir das letzte Mal darüber gesprochen haben.»

Ja, ja. Das geringe Harmoniebedürfnis und die Unlust, Gefälligkeitsgutachten auszustellen – auch das waren Eigenschaften, die er sehr an seinem Freund schätzte. Er maulte etwas zurück, doch die hübsche Thailänderin, die an ihrem Tisch vorbeiging, nahm Doppelhubers volle Aufmerksamkeit in Anspruch.

«Interessant», sagte er scheinheilig, während er der Frau mit großen Augen nachblickte. «Selbst in Stöckelschuhen haben Asiatinnen immer diesen schlurfenden, leicht nach hinten geneigten Gang. Als säßen sie auf einer Harley.»

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