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Beautiful Secret

Eine temperamentvolle Amerikanerin. Ein verklemmter britischer Manager. Heiße internationale Verwicklungen …
Ruby Miller schwebt auf Wolke sieben! Sie darf den attraktiven Stadtplaner Niall Stella, das heimliche Objekt ihrer Begierde, nach New York begleiten. Und wenn es nach ihr geht, dann wird der vielversprechende Business-Trip nicht nur ein beruflicher Höhepunkt. Die temperamentvolle Kalifornierin ist wild entschlossen, den frustrierend zugeknöpften Briten zu ihrem erotischen Sonderprojekt zu machen …
Niall Stella kommt ganz schön ins Schwimmen! Bei Frauen war er immer der perfekte Gentleman, doch die Geschäftsreise mit der aufregend tabulosen jungen Kollegin stürzt ihn in sinnliche Turbulenzen. Er verabscheut unverbindliche Affären, aber Rubys natürlichem Sex-Appeal zu widerstehen, erweist sich als Ding der Unmöglichkeit.
Plötzlich wird aus dem heißen Flirt ein riskantes Spiel mit Gefühlen ...
Plötzlich wird aus dem heißen Flirt ein riskantes Spiel mit Gefühlen ...
"Unglaublich prickelnd!”
Entertainment Weekly
"Christina Lauren schreibt die besten heißen Liebesgeschichten." Bookalicious
"Diese Serie wird immer besser!"
The Autumn Review
”Okay, jetzt mache ich es offiziell: Ich würde sogar Christina Laurens Einkaufsliste lesen."
That's Normal
"Ich liebe den Schreibstil von Christina Lauren: Ihr Humor und ihre geistreichen Dialoge bringen mich zum Lachen, die Sexszenen lassen mich nach mehr lechzen und die Spannung raubt mir den Atem. Beide Charaktere wachsen und entwickeln sich in diesem Roman. Ich mag vor allem, dass Niall nicht versucht, Ruby zu ändern sondern ihr nur hilft, sich selbst zu finden. Ich vergöttere diese Geschichte einfach, Punkt."
Scandalicious Book Reviews
"Das Autorinnen-Duo Christina Lauren hat seinen Stil perfektioniert: Erotic Romance mit einem verführerischen, witzigen New Adult-Touch. Niemand kann die sexuelle Anspannung zwischen zwei Charakteren besser vermitteln und die ausgefallenen Liebesszenen sind der Hammer."
Romantic Times Book Reviews
  • Erscheinungstag: 10.03.2016
  • Aus der Serie: Beautiful Bastard
  • Bandnummer: 8
  • Seitenanzahl: 384
  • ISBN/Artikelnummer: 9783956495557
  • E-Book Format: ePub
  • E-Book sofort lieferbar

Leseprobe

Christina Lauren

Beautiful Secret

Roman

Aus dem Amerikanischen von
Mara Deters

MIRA® TASCHENBUCH

MIRA® TASCHENBÜCHER
erscheinen in der HarperCollins Germany GmbH,
Valentinskamp 24, 20354 Hamburg
Geschäftsführer: Thomas Beckmann

Copyright © 2016 by MIRA Taschenbuch
in der HarperCollins Germany GmbH

Titel der amerikanischen Originalausgabe:

Beautiful Secret

Copyright © 2015 by Christina Hobbs and Lauren Billings,
erschienen bei: Gallery Books, New York

All rights reserved including the right of reproduction in whole or in part in
any form. This edition published by arrangement with the original publisher,
Gallery Books, a division of Simon & Schuster, Inc., New York.

Konzeption/Reihengestaltung: fredebold&partner GmbH, Köln
Umschlaggestaltung: pecher und soiron, Köln

Redaktion: Maya Gause

Titelabbildung: istock / SensorSpot; Shutterstock / Viorel Sima; Simon & Schuster

ISBN eBook 978-3-95649-555-7

www.mira-taschenbuch.de

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eBook-Herstellung und Auslieferung:
readbox publishing, Dortmund

www.readbox.net

 

 

 

 

 

 

Alle Rechte, einschließlich das des vollständigen oder auszugsweisen Nachdrucks in jeglicher Form, sind vorbehalten.

Der Preis dieses Bandes versteht sich einschließlich der gesetzlichen Mehrwertsteuer.

Alle handelnden Personen in dieser Ausgabe sind frei erfunden. Ähnlichkeiten mit lebenden oder verstorbenen Personen wären rein zufällig.

EINS

RUBY

Ich sage ja gar nicht, dass er einen großen Schwanz hat. Aber ich behaupte auch nicht das Gegenteil.“

„Pippa“, stöhnte ich und vergrub entsetzt mein Gesicht in den Händen. Du meine Güte, es war gerade mal halb acht an einem Donnerstagmorgen. Sie konnte unmöglich schon betrunken sein.

Der Mann, der uns gegenüberstand, machte große Augen. Ich lächelte ihm entschuldigend zu und versuchte, den Fahrstuhl durch Willenskraft zu beschleunigen.

Dabei funkelte ich Pippa wütend an. Ihre Lippen formten ein lautloses „Was ist denn?“, dann hob sie beide Zeigefinger im Abstand von ungefähr dreißig Zentimetern und flüsterte: „So groß wie bei einem verdammten Pferd!“

In diesem Moment erreichten wir den dritten Stock, und die Türen öffneten sich, was mir eine weitere Entschuldigung ersparte.

„Dir ist aber schon klar, dass wir da drin nicht allein waren, oder?“, zischte ich und folgte ihr den Flur entlang. Wir bogen um eine Ecke und blieben vor einer breiten Tür stehen, in deren Milchglasscheiben der Firmenname Richardson-Corbett eingraviert war.

Pippa blickte von ihrer gigantischen Handtasche auf, in der sie gerade kramte. Die Armreife an ihrem rechten Handgelenk klimperten wie Windspiele, während sie nach ihrem Schlüsselbund fahndete. Die Tasche war nicht nur riesig, sondern auch grellgelb und mit glitzernden Metallnieten übersät. In dem harten Licht der Leuchtstoffröhren wirkte Pippas langes rotes Haar praktisch neonfarben.

Mit meinem dunkelblonden Haar und meiner beigen Umhängetasche kam ich mir neben Pippa wie eine blasse Vanillewaffel vor.

„Waren wir nicht?“

„Nein! Dieser Typ aus der Buchhaltung stand dir direkt gegenüber. Und ich muss nachher da hochgehen, und deinetwegen werden wir einander unbehaglich anstarren, während wir uns daran erinnern, dass du Schwanz gesagt hast.“

„Ich habe außerdem gesagt ‚wie bei einem verdammten Pferd‘.“ Sie schaute mich einen Moment lang schuldbewusst an, bevor sie sich wieder ihrer Tasche widmete. „Es kann den Buchhaltungstypen gar nichts schaden, wenn sie etwas lockerer werden.“ Sie deutete mit theatralischer Geste auf den noch dunklen Eingangsbereich vor uns. „Ich nehme an, da wir jetzt unter uns sind, ist es etwas anderes?“

Ich knickste scherzhaft. „Du darfst weiterreden.“

Sie nickte, die Stirn konzentriert gerunzelt. „Ich meine, nach den Gesetzen der Logik muss er riesig sein.“

„Nach den Gesetzen der Logik“, wiederholte ich und unterdrückte ein Grinsen. Mein Herz schlug eine Reihe hektischer Purzelbäume, wie immer, wenn wir über Niall Stella sprachen. Über die Größe seines Penis zu spekulieren könnte mich glatt ins Grab bringen.

Pippa hob triumphierend ihre rechte Hand, in der nun die Schlüssel zu den Büroräumen baumelten, und steckte das längste Exemplar des Sets ins Schlüsselloch. „Hast du seine Finger gesehen, Ruby? Seine Füße? Ganz zu schweigen davon, dass er ungefähr zwei Meter fünfzig groß ist.“

„Gerade mal zwei Meter“, berichtigte ich leise. „Aber die Größe der Hände muss gar nichts bedeuten.“ Wir zogen die Eingangstür hinter uns zu und knipsten die Deckenbeleuchtung im Empfangsbereich an. „Viele Typen haben große Hände, aber enttäuschend wenig in der Hose.“

Über einen schmalen Flur gelangten wir in einen kleineren, weit weniger opulent ausgestatteten Bereich der dritten Etage. Unser bescheidenes Büro war ziemlich eng für zwei Leute, aber wenigstens gemütlich – zum Glück, denn ich verbrachte mehr Zeit hier bei der Arbeit als in dem winzigen Apartment, das ich mir in South London gemietet hatte.

Richardson-Corbett Consulting war zwar eines der größten und erfolgreichsten Engineering-Unternehmen in Europa, beschäftigte aber immer nur wenige Praktikanten gleichzeitig. Ich war fassungslos vor Glück, als ich nach meinem Abschluss an der UC San Diego einen der begehrten Plätze ergattern konnte. Klar, die Arbeitstage waren lang und die Bezahlung so mäßig, dass ich mich umgehend von meiner Schuhleidenschaft verabschieden musste, doch meine Opfer und Mühen fingen rasch an, sich zu rentieren: Nachdem ich die ersten neunzig Tage meines Praktikums absolviert hatte, wurde das schnöde Stück Klebeband, auf das jemand meinen Namen, Ruby Miller, gekritzelt hatte, durch ein echtes Türschild aus Metall ersetzt, und ich durfte aus meiner Besenkammer im zweiten Stock in eins der Gemeinschaftsbüros hier im dritten umziehen.

Die Highschool war für mich das reinste Kinderspiel gewesen, und auch das College hatte ich, abgesehen von gelegentlichen Ausrastern, einigermaßen lässig überstanden. Aber die Aussicht, um die halbe Welt zu fliegen, um mit einigen der besten Ingenieure Englands zusammenzuarbeiten, war dann doch noch mal etwas ganz anderes. Nie im Leben hatte ich derart hart für etwas geackert. Wenn es mir gelingen sollte, dieses Praktikum so gut abzuschließen, wie es begonnen hatte, wäre mir ein Platz im Graduiertenprogramm meiner Träume in Oxford sicher. Wobei zum Projekt „gut abschließen“ vermutlich gehörte, im Fahrstuhl nicht über die Schwänze der Führungskräfte zu reden …

Aber Pippa lief jetzt erst so richtig warm.

„Ich habe mal gelesen, das Entscheidende ist der Abstand zwischen Handgelenk und der Spitze des Mittelfingers“, erklärte sie, benutzte ihre eigenen Finger, um die Länge ihrer Hand abzumessen, und hielt mir das Ergebnis zu Demonstrationszwecken entgegen. „Wenn das stimmt, hat dein Traummann ganz schön was in der Hose.“

„Mhmh.“ Ich zog meinen Mantel aus und hängte ihn an den Haken hinter der Tür. „Wenn du meinst.“

Pippa ließ ihre Tasche auf einen Stuhl fallen und warf mir einen durchtriebenen Blick zu. „Ich finde es total süß, wie viel Mühe du dir gibst, desinteressiert zu wirken. Als ob du nicht ständig auf seinen Schritt starren würdest, sobald er sich in einem Umkreis von drei Metern befindet.“

Ich versuchte, empört zu gucken.

Ich versuchte, entsetzt zu gucken und Gegenargumente zu finden.

Aber mir fiel nichts ein. In den vergangenen sechs Monaten hatte ich so viele verstohlene Blicke in Niall Stellas Richtung geworfen, dass ich durchaus als Expertin für die Topografie seines Gemächts gelten konnte.

Ich schob meine Handtasche in die unterste Schublade meines Schreibtischs und seufzte resigniert. Offenbar waren meine verstohlenen Blicke nicht ganz so verstohlen gewesen, wie ich dachte. „Leider bin ich ziemlich sicher, dass ich seinem Schwanz noch nie so wirklich nah war und wohl auch niemals so nah kommen werde.“

„Jedenfalls nicht, wenn du nie das Wort an ihn richtest. Nimm dir ein Beispiel an mir: Sobald ich auch nur den Hauch einer Chance wittere, werde ich diesen Rothaarigen aus der Marketingabteilung abknutschen, bis ihm die Tränen kommen. Du könntest wenigstens mal mit dem Mann reden, Ruby.“

Ich schüttelte den Kopf, und sie schlug mit dem Ende ihres Schals nach mir. „Betrachte es einfach als Recherche für deinen Kurs in struktureller Integrität. Sag ihm, dass du den Zugwiderstand seines Stahlträgers testen musst.“

Ich stöhnte peinlich berührt auf. „Toller Plan.“

„Okay, dann nimm halt jemand anderen. Diesen Blonden aus der Poststelle. Der vernascht dich immer mit Blicken.“

Ich verzog das Gesicht. „Nicht interessiert.“

„Oder Ethan aus der Vertragsabteilung. Der ist zwar etwas kurz geraten, aber total durchtrainiert. Und hast du gesehen, wie er neulich in der Kneipe diesen Zungentrick vorgeführt hat?“

„Guter Gott, bloß nicht.“ Ich setzte mich hin, erdrückt von der Wucht ihrer Ratschläge. „Müssen wir wirklich darüber reden? Können wir nicht einfach so tun, als ob ich nicht total verknallt wäre?“

„Auf keinen Fall. Du bist an keinem der anderen Typen interessiert, willst dein Glück aber partout nicht bei Mr. Zugeknöpft versuchen.“ Sie seufzte. „Versteh mich bitte nicht falsch Stella ist rattenscharf, aber er wirkt auch ein bisschen verklemmt, findest du nicht?“

Ich fuhr mit einem Fingernagel an der Tischkante entlang. „Das gefällt mir irgendwie“, gab ich zu. „Er wirkt verlässlich.“

„Langweilig“, konterte sie.

„Zurückhaltend“, beharrte ich. „Er kommt mir immer so vor, als sei er gerade aus einem Jane-Austen-Roman gestiegen. Er ist Mr. Darcy.“ Ich hoffte, dass ich mich durch dieses literarische Beispiel besser verständlich machen könnte.

„Kapier ich nicht. Mr. Darcy ist Elizabeth gegenüber so kurz angebunden, dass es schon an Grobheit grenzt. Warum würdest du jemanden wollen, der so anstrengend ist?“

„Wieso anstrengend?“, gab ich zurück. „Darcy überschüttet sie nicht mit falschem Lob oder nichtssagenden Komplimenten. Wenn er sagt, dass er sie liebt, dann meint er es auch so.“

Pippa ließ sich auf ihren Stuhl sinken und fuhr ihren Computer hoch. „Vielleicht stehe ich einfach mehr auf heiße Flirtprofis.“

„Aber heiße Flirtprofis versprühen ihren Charme bei jedem“, wandte ich ein. „Darcy ist unbeholfen und schwer zu durchschauen, aber wenn er dir sein Herz schenkt, dann gehört es dir allein.“

„Das klingt für mich aber schon ziemlich anstrengend.“

Ich wusste, dass ich da eher romantisch gestrickt war. Allein die Vorstellung, den zurückhaltenden Helden so entfesselt zu erleben, wie es kein anderer tat – hemmungslos, hungrig, verführerisch – machte es mir schwer, an etwas anderes zu denken, sobald Niall Stella in Sichtweite war.

Was leider dazu führte, dass ich mich in seiner Gegenwart immer total dämlich verhielt.

„Wie soll ich es bloß jemals hinkriegen, eine echte Unterhaltung mit ihm zu führen?“, fragte ich. Ich würde zwar ganz gewiss nichts in dieser Sache unternehmen, dennoch war es ein gutes Gefühl, endlich mit jemandem darüber reden zu können, der ihn kannte, nicht nur mit London und Lola, die eine halbe Weltreise entfernt lebten. „Du weißt schon, so ein Gespräch, bei dem beide wissen, dass sie sich gerade miteinander unterhalten? Während des Meetings letzte Woche hat Anthony mich gebeten, einige Zahlen zu präsentieren, die ich für das Diamond-Square-Projekt zusammengestellt hatte, und ich war super drauf, bis ich hochguckte und ihn hinter Anthony stehen sah. Weißt du, wie lange ich an diesen Zahlen gearbeitet habe? Wochenlang. Und nach einem Blick von Niall Stella war meine Konzentration dahin.“

Aus irgendeinem Grund war ich außerstande, ihn nur beim Vornamen zu nennen. Niall Stella genoss bei mir die Ehre, mit vollem Namen betitelt zu werden, wie Prinz Harry oder Jesus Christus.

„Ich habe mitten im Satz aufgehört zu sprechen“, fuhr ich fort. „Wenn er in der Nähe ist, platze ich entweder mit absurden Dingen heraus oder verstumme gänzlich.“

Pippa lachte. Dann kniff sie die Augen zusammen und musterte mich prüfend von oben bis unten. „Ach, wie lustig, jetzt wird mir erst klar, dass heute Donnerstag ist“, säuselte sie. „Das erklärt natürlich, warum deine Frisur besonders sexy gestylt ist und auch, warum du diesen heißen kurzen Rock trägst.“

Ich strich mit einer Hand durch mein kinnlanges, stufig geschnittenes Haar. „So sieht es doch immer aus.“

Pippa schnaubte amüsiert. Tatsächlich hatte ich heute Morgen viel zu viel Zeit damit vertrödelt, mich fertig zu machen, aber ich musste voller Selbstvertrauen sein.

Denn heute war, wie Pippa zu Recht angemerkt hatte, Donnerstag – und damit der Höhepunkt meiner Woche.

Donnerstags bekam ich ihn zu Gesicht.

Eigentlich gab es absolut keinen Grund, sich auf die Donnerstage zu freuen. Zu meinen Pflichten an diesem speziellen Donnerstag zählten so banale Aufgaben wie das Gießen des kläglichen kleinen Ficus, den ich auf Lolas Drängen hin über fünftausendvierhundert Meilen von San Diego nach London geschmuggelt hatte, ein Angebot tippen und in die Post geben und die Tonne mit dem Recyclingmüll nach draußen auf den Bürgersteig schleppen. Mein Job war manchmal wirklich glamourös. Aber zum Donnerstag gehörte eben auch Anthony Smiths Gruppenmeeting der Ingenieure, bei dem ich jede Woche eine volle Stunde lang die uneingeschränkte Aussicht auf Niall Stella genießen konnte, Vice President, Planungsleiter und absolut vielversprechendster Anwärter auf den Titel „Schärfster Mann der Welt.“ Meine Fresse!

Wenn ich ihn nur auch auf meine To-do-Liste setzen könnte …

Eine Stunde Niall Stella zur besten Sendezeit war Fluch und Segen zugleich, denn ich war tatsächlich brennend an allem interessiert, was in unserer Firma passierte, und fand die Diskussionen der Führungskräfte absolut faszinierend. Ich war schließlich dreiundzwanzig, nicht zwölf, hatte ein Ingenieursdiplom und würde, wenn es nach mir ging, eines Tages der Boss dieser Leute sein. Dass ein einzelnes menschliches Wesen die Macht hatte, meine gesamte Aufmerksamkeit allein auf sich zu lenken, war mehr als peinlich. Normalerweise war ich nie zerstreut oder unbeholfen, und es war auch nicht so, dass ich mich nie verabredete. Im Gegenteil, seit meinem Umzug nach London hatte ich mehr Dates als zu Hause in Kalifornien, denn … nun ja, britische Jungs. Mehr muss man dazu nicht sagen.

Doch dieser spezielle britische Junge war leider außerhalb meiner Reichweite. Was man fast wörtlich nehmen konnte: Niall Stella war gut zwei Meter groß und von ungezwungener Eleganz, mit perfekt gestyltem braunem Haar, gefühlvollen braunen Augen, breiten, muskulösen Schultern und einem umwerfenden Lächeln, das er bei der Arbeit zwar nur selten zeigte – aber wenn, dann konnte ich keinen einzigen klaren Gedanken mehr fassen.

Nach dem Büroklatsch zu urteilen, hatte er die Schule praktisch im Kleinkindalter abgeschlossen und galt als legendäres Allroundgenie unter den Städteplanern. Ich hätte so etwas gar nicht für möglich gehalten, bis ich bei Richardson-Corbett anfing und sah, wie er für alles herangezogen wurde, von Gebäudeleittechnik bis zur chemischen Zusammensetzung von Betonzusatzstoffen. Er hatte das inoffizielle letzte Wort bei allen Brücken-, Geschäftsgebäude- und Verkehrsstrukturplanungen in London. Einmal wurde er – sehr zu meinem Leidwesen – sogar von einem panischen städtischen Angestellten mitten aus einem Donnerstagsmeeting herausgetrommelt, um eine Baukolonne zu leiten, nachdem ein anderes Unternehmen eine Fundamentbemessung verpfuscht hatte und der Zement bereits gegossen worden war. In London wurde buchstäblich nichts gebaut, ohne dass Niall Stella irgendwie die Hand im Spiel hatte.

Er trank seinen Tee mit Milch und ohne Zucker, verfügte über ein gigantisches Büro im dritten Stock – weit von meinem entfernt –, hatte augenscheinlich nie Zeit zum Fernsehen, war aber glühender Fan von Leeds United. Er war im nordenglischen Leeds aufgewachsen, studierte erst in Cambridge, dann in Oxford und zog schließlich nach London. Irgendwo unterwegs hatte er sich einen wirklich feinen Akzent angeeignet.

Außerdem war er frisch geschieden. Wie sollte mein armes Herz das ertragen?

Aber weiter im Text.

Blicke, die Niall Stella mir während der Donnerstagsmeetings zugeworfen hatte? Zwölf.

Gespräche, die wir geführt hatten? Vier.

Blicke oder Gespräche, an die er sich womöglich noch erinnerte? Null.

Ich schlug mich jetzt seit sechs Monaten mit meinen Gefühlen für Niall Stella herum und war ziemlich sicher, dass er immer noch nicht wusste, ob ich eine Mitarbeiterin der Firma war oder die Pizzabotin.

Normalerweise tauchte er als einer der Ersten im Büro auf, umso erstaunlicher, dass er noch nicht da war. Ich verrenkte mir fast den Hals – mehrere Male –, um die verschlafene Kollegenschar zu mustern, die sich durch die Tür des Konferenzraums schob.

Eine Wand unseres Meetingsaals bestand aus einer Reihe von Fenstern, durch die man einen guten Blick nach unten auf die geschäftige Straße hatte. Ich war heute Morgen noch einigermaßen trockenen Fußes ins Büro gekommen, aber der Himmel war wolkenverhangen, und inzwischen fiel, wie fast jeden Tag, ein leichter Sprühregen, der auf den ersten Blick wie harmloser Dunst wirkte. Aber ich hatte gelernt, mich davon nicht täuschen zu lassen: Nach drei Minuten im Freien war man völlig durchgeweicht. Selbst wenn ich in einer regnerischeren Gegend als Südkalifornien aufgewachsen wäre, hätte mich das nicht auf die Londoner Luft vorbereitet, die zwischen Oktober und April praktisch mit Wasser getränkt war und sich schwer und feucht auf einen legte – wie eine Regenwolke, die den ganzen Körper umhüllte und einen bis auf die Knochen durchnässte.

Es war schon Frühling, aber der Hof auf der gegenüberliegenden Seite der Southwark Street war noch trist und leer. Ich hatte gehört, dass dort im Sommer pinkfarbene Stühle und Plastiktische aufgestellt wurden, die zu einem Restaurant gehörten. Doch im Moment sah man nur Beton und kahle Äste. Der Wind blies feuchte braune Blätter über den nackten Boden.

Die Leute um mich herum tauschten weiter ihre Bemerkungen über das miese Wetter aus, während sie ihre Laptops öffneten und ihren Tee austranken. Ich riss meinen Blick vom Fenster los und beobachtete, wie die letzten Nachzügler hereinhasteten, erpicht darauf, ihre Plätze einzunehmen, bevor Anthony Smith – mein Boss und Chefingenieur der Firma – den Weg vom sechsten Stock hierher zurückgelegt hatte.

Anthony war … na ja, okay, er war ein ziemlicher Mistkerl. Er glotzte die Praktikantinnen an und hörte sich wahnsinnig gern reden, wobei nichts, was er von sich gab, aufrichtig klang. Jeden Donnerstagmorgen ergötzte er sich daran, die letzte Person, die den Raum betrat, vorzuführen, indem er mit zuckersüßem Lächeln bissige Bemerkungen über deren Outfit oder Frisur machte. Allen anderen blieb dann nichts anderes übrig, als in bleiernem Schweigen abzuwarten, bis der bedauernswerte Nachzügler den letzten leeren Stuhl erreicht und sich beschämt darauf niedergelassen hatte.

Die Tür öffnete sich knarrend. Emma.

Emma trat nicht gleich ein, sondern hielt die Tür für jemanden offen. Ups. Karen.

Stimmen näherten sich, erst gedämpft, dann lauter, als ihre Besitzer reinkamen. Victoria und John.

Und dann war er da.

„Showtime“, murmelte Pippa neben mir.

Niall Stella betrat den Raum direkt hinter Anthony. Ich konnte nur seinen Scheitel erkennen, aber mir war, als sei mit einem Schlag der ganze Sauerstoff aus dem Zimmer entwichen. Menschen und Stimmen verschwanden in einer Art Nebel, und es gab nur noch ihn. Seine Miene blieb neutral, während er instinktiv zu registrieren schien, wer da war und wer fehlte. Der dunkle Anzug betonte seine Schultern, eine Hand hatte er lässig in die Hosentasche gesteckt.

Das sehnsüchtige Brennen in meiner Brust wurde immer stärker.

Niall Stella hatte etwas an sich, das dafür sorgte, dass man ihn gern ansah. Nicht weil er ungestüm oder laut gewesen wäre, denn das war er absolut nicht. Er strahlte vielmehr ein stilles Selbstvertrauen aus, das Aufmerksamkeit und Respekt einforderte, und vermittelte das Gefühl, dass er trotz seiner Schweigsamkeit alles sah und jeden bemerkte.

Jeden außer mir.

Ich war nie der schweigsame Typ, was daran liegen könnte, dass ich aus einer Therapeutenfamilie stamme, in der wirklich alles ausdiskutiert wurde. Wenn ich zur Hochform auflief, war ich das, was mein Bruder und vermutlich sogar Lola als Quasselstrippe bezeichnen würden. Dass ausgerechnet ich nicht in der Lage war, auch nur einen graden Satz von mir zu geben, sobald Niall Stella in greifbarer Nähe war, ergab absolut keinen Sinn. Meine Vernarrtheit in ihn warf mich total aus der Bahn.

Er brauchte nicht mal an den Donnerstagsmeetings teilzunehmen. Er kam nur, um sicherzustellen, dass es einen „fachbereichsübergreifenden Konsens“ gab, damit seine Planungsabteilung „zumindest über einen brauchbaren ingenieurwissenschaftlichen Wortschatz“ verfügte. Schließlich lag es in Niall Stellas Verantwortungsbereich, die Ingenieure zu koordinieren und mit den staatlichen Richtlinien und seiner eigenen Planungsabteilung in Einklang zu bringen.

Konnte es wirklich sein, dass ich mir jedes Wort gemerkt hatte, das er jemals bei diesen Meetings gesagt hatte?

Heute trug er ein hellblaues Hemd unter einem anthrazitfarbenen Anzug. Seine Krawatte war ein hypnotisierender Wirbel aus Gelb und Blau, und mein Blick wanderte von dem doppelten Windsorknoten an seinem Hals zu der glatten Haut darüber und weiter zu der markanten Linie seines Adamsapfels und dem scharf geschnittenen Kinn. Seine normalerweise so entspannten Mundwinkel senkten sich konsterniert, und als ich bis zu seinen Augen gekommen war … stellte ich entsetzt fest, dass er mir dabei zusah, wie ich ihn mit Blicken verschlang, als ob ich dafür bezahlt würde.

O Gott.

Ich schaute rasch auf meinen Laptop runter und starrte so intensiv auf den Monitor, dass alles verschwamm. Die Geräusche von Telefonen und Druckern, die aus dem Hauptbüro in den Konferenzraum drangen, schienen zu einem chaotischen Crescendo anzuschwellen, bis jemand die Tür schloss und damit das Startsignal für unser Meeting gab. Der Lärm verstummte so abrupt, als sei der Raum vakuumversiegelt.

„Mr. Stella“, sagte Karen zur Begrüßung.

Ich klickte auf meinen Mailordner und versuchte, durch das Rauschen in meinen Ohren seine Antwort zu hören. Einatmen, ausatmen. Einatmen, ausatmen. Ich gab mein Passwort ein und versuchte, meinen Herzschlag zu beruhigen.

„Karen“, erwiderte er mit seiner ruhigen, tiefen, wundervollen Stimme, und über mein Gesicht breitete sich unwillkürlich ein Lächeln aus. Nein, nicht nur ein Lächeln, sondern ein Grinsen, als hätte man mir gerade ein gigantisches Stück Kuchen angeboten.

Lieber Gott, mich hat’s so richtig erwischt.

Ich biss auf die Innenseite meiner Wange, um meine Miene zu neutralisieren. Der Rippenstoß, den Pippa mir versetzte, ließ darauf schließen, dass ich kläglich scheiterte.

Sie beugte sich zu mir. „Nun komm mal wieder runter, Mädel“, flüsterte sie. „Es waren doch nur zwei Silben.“

Die Tür öffnete sich, und Sasha, ebenfalls Praktikantin, schlüpfte herein. „Tut mir leid, dass ich zu spät komme“, murmelte sie peinlich berührt. Tatsächlich war sie total pünktlich, wie mir ein Blick auf die Uhr meines Computers verriet, aber Anthony würde sich diese Gelegenheit dennoch nicht entgehen lassen.

„Kein Problem, Sasha“, sagte er und beobachtete, wie sie sich unbeholfen zwischen der Wand und der langen Stuhlreihe hindurchquetschte, um den freien Platz am anderen Ende des Raums zu erreichen. Der Raum vibrierte vor Stille. „Hübscher Pullover. Ist er neu? Blau steht Ihnen wirklich gut.“ Sasha ließ sich auf ihren Stuhl fallen. Ihre Wangen glühten hochrot. „Guten Morgen übrigens“, fügte Anthony mit einem breiten Lächeln hinzu.

Ich schloss die Augen und holte tief Luft. Was für ein Arschloch.

Endlich fing das Meeting richtig an. Anthony arbeitete seine Liste mit Fragen an uns ab, Unterlagen wurden herumgereicht. Ich drehte mich in meinem Stuhl, um den Papierstapel an meinen rechten Sitznachbarn weiterzugeben, schaute hoch – und hätte vor Schreck fast meine Zunge verschluckt.

Niall Stella saß nur zwei Plätze von mir entfernt.

Ich betrachtete ihn unter meinen Wimpern hervor, die Neigung seines Kinns – immer glatt rasiert, nie auch nur der Anflug von Bartstoppeln –, seine dichten Wimpern und perfekt geschwungenen dunklen Brauen, sein makelloses Hemd plus Krawatte. Sein Haar sah im dämmrigen Licht des Konferenzraums so glatt aus. Ich runzelte tatsächlich unmutig die Stirn, als ich dachte, dass es vermutlich auch weich wäre – denn natürlich war es weich, was denn sonst – und fragte mich zum hundertsten Mal, wie es sich wohl anfühlen würde, meine Hände darin zu vergraben, seinen Kopf nach unten zu ziehen und …

„Ruby? Haben wir schon was von Adams and Avery gehört?“, wollte Anthony wissen.

Ich richtete mich in meinem Stuhl auf und blinzelte auf meinen Laptop herab. Mit der Akte hatte ich mich gestern noch lange beschäftigt.

„Noch nicht“, erwiderte ich, wobei meine Stimme nur ganz leicht bebte. „Sie haben unsere Pläne, skizziert und unterschriftsfertig. Aber ich hake noch mal nach, wenn sie sich bis heute Abend nicht gemeldet haben.“

Und ja, das war ein bemerkenswert artikulierter Satz, wenn man berücksichtigte, dass Niall Stella mir währenddessen seine volle Aufmerksamkeit geschenkt hatte.

Sehr zufrieden mit mir, tippte ich eine schnelle Erinnerungsnotiz, stützte dann einen Ellbogen auf den Tisch und zupfte an einer Haarsträhne, während ich gleichzeitig durch meinen Kalender scrollte.

Aber irgendwas kam mir komisch vor. Ich saß jede Woche eine Stunde lang auf diesem Stuhl, und ich war ziemlich sicher, dass ich dabei noch nie gefühlt hatte, was ich jetzt fühlte. Es war eine Art Druck auf einer Seite meines Gesichts, das tatsächliche physische Gewicht der Aufmerksamkeit eines anderen Menschen.

Ich wand die Strähne um einen Finger und schaute verstohlen zu Pippa. Nein, da war nichts.

Ich lehnte mich diskret – zumindest nahm ich das an – nach vorn, reckte den Hals, um besser nach rechts blicken zu können, und erstarrte augenblicklich.

Er sah mich immer noch an. Niall Stella sah mich an. Sah mich wirklich an. Seine hellbraunen Augen schauten direkt in meine, so lange, dass man schon nicht mehr von einem flüchtigen Seitenblick sprechen konnte, sondern von einem echten Blickkontakt.

Seine Miene war sonderbar, fast erstaunt, als ob ich ein neues Möbelstück wäre, das jemand rein zufällig hier in den Raum gestellt hatte.

Mein Herz raste, ich konnte das Blut förmlich durch meine Adern rauschen hören. In meiner Brust fühlte sich alles flüssig und aufgewühlt an, und wenn in diesem Moment jemand „Feuer!“ geschrien hätte, wäre ich in Flammen aufgegangen, denn ich war außerstande, auch nur einen Muskel in meinem Körper zu kontrollieren.

„Niall“, sagte Anthony.

Niall Stella blinzelte, bevor er den Blick von meinem Gesicht abwandte. „Ja?“

„Bist du so nett und bringst uns auf Stand für das Diamond-Square-Angebot? Ich würde mein Team bis Ende der Woche gern ein paar technische Daten für dich entwickeln lassen, aber da fehlen uns noch die Abmessungen …“

Ich schaltete ab, während Anthony seine Frage wieder mal so umständlich formulierte, dass sie siebenmal länger wurde, als nötig gewesen wäre.

Als er schließlich doch zum Ende kam, schüttelte Niall Stella den Kopf. „Die Abmessungen“, sagte er und fing an, durch einen Stapel Unterlagen vor ihm zu blättern. „Ich bin nicht ganz sicher, ob ich sie schon habe …“

„Die Abmessungen sollten bis heute Morgen fertiggestellt werden“, antwortete ich an seiner Stelle und erklärte, dass die Bewilligungen spätestens morgen eintreffen würden. „Ich habe Alexander gebeten, heute Nachmittag eine Kopie der Blaupausen zu verschicken.“

Es wurde so still im Raum, dass ich mir einen Moment lang Sorgen machte, ob ich vielleicht plötzlich taub geworden war.

Aber dann merkte ich, dass alle mich anstarrten. Oh Gott, was habe ich bloß getan?

Ich hatte mich eingemischt, ohne nachzudenken.

Ich hatte eine Frage beantwortet, die eindeutig nicht an mich gerichtet war.

Ich hatte eine Frage beantwortet, die er definitiv hätte beantworten können.

Ich spürte, wie meine Brauen sich zusammenzogen. Warum hatte er dann nicht darauf geantwortet?

Ich beugte mich vor und schaute ihn an.

„Gut“, sagte er. Ruhig. Tief. Wunderbar. Er drehte sich mir zu, sah mir in die Augen und schenkte mir den Anflug eines dankbaren Lächelns. „Leiten Sie den Vorgang an mich weiter?“

Mein Herz hatte meinen Körper komplett hinter sich gelassen. „Natürlich.“

Er sah mich immer noch an, offenbar genauso verwirrt wie ich über das, was gerade passiert war, aber auch auf eine mysteriöse Weise erfreut. Ich wusste nicht mal genau, was mich eigentlich dazu getrieben hatte, das Wort zu ergreifen. Eben noch hatte Niall Stella mir in die Augen geschaut, und im nächsten Moment war er wegen einer Frage ins Schleudern geraten, die er normalerweise im Schlaf hätte beantworten können.

Es schien fast so, als ob er in Gedanken ganz woanders gewesen wäre. Und das hatte ich bei ihm noch nie erlebt.

„So, und jetzt zu den wirklich wesentlichen Dingen“, sagte Anthony, blätterte flüchtig durch einen Papierstoß, bevor er ihn weiterreichte, und erhob sich von seinem Platz. Ich schaute auf, irritiert von seinem bedeutungsschwangeren Tonfall. Anthony liebte es, im Mittelpunkt der Aufmerksamkeit zu stehen, und es hörte sich ganz danach an, als hätte er Großes zu verkünden.

„Die New Yorker U-Bahn wurde unter der Voraussetzung gebaut, dass Jahrhundertstürme tatsächlich nur alle hundert Jahre stattfinden. Die Wirklichkeit sieht leider anders aus. Katastrophen wie der Hurrikan Sandy belegen, dass das, womit man ursprünglich nur einmal pro Jahrhundert rechnete, in Wahrheit alle paar Jahre passiert. Die Vereinigten Staaten investieren derzeit Milliarden in den Katastrophenschutz, es geht unter anderem um höhergelegte Eingänge und zusätzliche Schleusen, und da wir in der Vergangenheit flächendeckend mit der London Underground zusammengearbeitet haben, wollen die New Yorker uns ebenfalls mit ins Boot holen. Ich werde also für einen Monat dort sein, um an einem internationalen Kongress zum Thema „Notfallvorsorge in öffentlichem Nahverkehr, Flugverkehr und städtischer Infrastruktur“ teilzunehmen.“

„Einen Monat?“ Eine Oberingenieurin sprach aus, was alle dachten. Ich fragte mich, ob die anderen auch meine stumme Begeisterung über die Perspektive eines wochenlang Anthony-freien Büros teilten.

Anthony nickte ihr zu. „Es finden drei unterschiedliche Konferenzen statt. Nicht jeder Teilnehmer bleibt so lange, aber da unsere Firma sowohl auf öffentliche Verkehrsmittel als auch auf städtische Infrastruktur spezialisiert ist, möchte Richard uns gern die ganze Zeit dabeihaben.“

„Uns?“, fragte einer der leitenden Angestellten aus Niall Stellas Abteilung.

„Ja.“ Anthony schaute nach links. „Niall wird mich begleiten.“

„Sie sind beide einen Monat lang weg?“, platzte ich heraus und wünschte im nächsten Moment inbrünstig, ich könnte meine Worte zurückholen und runterschlucken. Ich war Praktikantin. Und zu Anthonys ungeschriebenen Regeln gehörte offenbar, dass wir in diesem Meeting den Mund zu halten hatten, es sei denn, jemand stellte eine direkte Frage. Wieder spürte ich alle Augen auf mir. Noch schlimmer: Ich spürte seinen Blick, der sich gegen meine Haut drückte, in sie hineinbohrte.

„Äh, ja, Ruby“, erwiderte Anthony leicht verdattert. Er ging um seinen Stuhl herum und stellte sich neben mich, die Hände in den Hosentaschen. „Aber machen Sie sich keine Sorgen. Ich weiß, dass sie das Oxford-Street-Projekt schon so gut wie abgeschlossen haben; meine Abwesenheit wird die Freigabe in keiner Weise gefährden. Wenn Sie noch irgendwas von mir brauchen sollten, können Sie mich jederzeit anrufen.“

„Oh“, sagte ich, während die Röte langsam aus meinen Wangen wich. „Das ist gut zu wissen, vielen Dank.“ Natürlich ging Anthony davon aus, dass mein emotionaler Ausbruch ihm galt. Immerhin war er mein Boss, und er dachte, ich fürchtete, seine Reise könnte meine Arbeit in irgendeiner Weise beeinträchtigen.

„Sehr elegant“, bemerkte Pippa, während ihre langen, oval gefeilten Nägel über die Tastatur ihres Laptops klapperten.

„Sag bitte nichts.“ Stöhnend ließ ich mich tiefer in meinen Stuhl sinken.

Ich hatte keine Ahnung, ob Niall Stella noch immer in meine Richtung schaute, und der Teil von mir, der zwölf Jahre alt war, hatte das dringende Bedürfnis, Pippa aufs Mädchenklo zu zerren und dann die ganze Szene, Sekunde für Sekunde, noch einmal durchzugehen.

Aber mir war klar, dass nichts Gutes daraus hervorgehen könnte. Zum ersten Mal schien er mich wirklich zu bemerken, und ich hatte es versaut, indem ich mich aufführte wie eine Irre. Ich hätte es nicht ertragen, mir von Pippa anzuhören, dass er mich gerade mit diesem speziellen Gesichtsausdruck musterte – er runzelte dann immer die Stirn und sah aus, als ob ihm jemand Kaffeesahne auf den maßgeschneiderten Anzug gespritzt hätte.

Besser wäre es wohl, wenn er ganz schnell wieder vergaß, dass ich überhaupt existierte.

Gegen Abend saß ich an dem langen Schreibtisch, den ich mir mit Pippa teilte, und ging einen Stapel Baugenehmigungen durch. Meine Cola light war längst warm geworden, und ich zählte die Minuten, die mich von einem heißen Bad und einem noch heißeren Buch trennten, als ein leises Klingeln den Eingang einer E-Mail verkündete.

„Na endlich“, murmelte ich und seufzte. Ich hatte den ganzen Tag auf eine Bestätigungsnummer gewartet, und jetzt konnte ich vielleicht nach Hause gehen.

Vielleicht aber auch nicht.

Pippa gähnte und reckte die Arme über ihren Kopf. Draußen war es schon dunkel, und der Weg zur U-Bahn-Station würde kalt und nass werden. „Können wir jetzt los?“

Ich ließ die Schultern sinken. „Die E-Mail war leider von Anthony“, sagte ich und starrte stirnrunzelnd auf den Monitor. „Er will, dass ich in sein Büro komme, bevor ich gehe, und mir würden spontan mindestens hundert Dinge einfallen, die ich lieber täte.“

„Wie bitte?“ Sie beugte sich vor, um auf meinen Rechner zu gucken. „Was will er denn?“

Ich schüttelte den Kopf. „Keine Ahnung.“

„Hat er keine Uhr? Wir sind eigentlich schon seit zwanzig Minuten weg.“

Ich antwortete ihm, dass ich sofort zu ihm kommen würde, und fuhr den Computer runter. „Wartest du auf mich?“, fragte ich.

Pippa war gerade dabei, ihre Schublade zuzuschieben. Sie hielt kurz inne und warf mir einen entschuldigenden Blick zu. „Ich muss mich beeilen, tut mir leid, Rubes. Ich habe schon so lange gewartet, wie ich konnte, aber ich muss heute Abend noch tausend Sachen erledigen.“

Ich nickte, etwas unsicher bei der Aussicht, so spät noch allein mit Anthony zu sein.

Die Flure waren menschenleer. Ich betrat den Aufzug und fuhr in den sechsten Stock.

„Ruby, Ruby, kommen Sie rein“, rief er und unterbrach seine Tätigkeit. Offenbar war er gerade dabei, einige Sachen aus seinem Büro einzusammeln und in einem Karton auf seinem Schreibtisch zu verstauen. Hat man ihn gefeuert? Ich wage es kaum zu hoffen.

„Machen Sie die Tür zu und setzen Sie sich“, fuhr er fort.

Ich runzelte leicht die Stirn. „Aber hier ist doch sonst niemand.“ Ich ließ die Tür offen.

„Warum haben Ihre Eltern Sie Ruby genannt?“ Er ließ die Augen über mein Gesicht gleiten.

Meine Brauen zogen sich noch mehr zusammen. Was soll das denn? „Äh … das weiß ich nicht so genau. Ich glaube, sie mochten den Namen einfach.“ Anthony stand auf diverse altmodische Businessgewohnheiten. Dazu gehörte auch, dass er auf einem kleinen Tisch hinter seinem Schreibtisch eine Kristallkaraffe mit Whisky bereithielt. Hatte er etwa getrunken?

„Habe ich Ihnen je erzählt, dass meine Großmutter Ruby hieß?“ Ich musterte verstohlen die Karaffe und versuchte, mich zu erinnern, wie voll sie bei meinem letzten Termin in diesem Büro gewesen war.

Anthony ging um den Schreibtisch herum und setzte sich auf die Tischkante, die mir am nächsten war. Sein Oberschenkel presste sich an meinen Arm, und ich wechselte hastig die Sitzposition.

„Nein, Sir. Das haben Sie nicht.“

„Nein, nein, nennen Sie mich nicht ‚Sir‘.“ Er wedelte protestierend mit der Hand. „Sie wissen doch: Dann komme ich mir immer vor, als könnte ich Ihr Vater sein. Nennen Sie mich Anthony.“

„Okay. Tut mir leid … Anthony …“

„Ich bin nicht Ihr Vater.“ Er beugte sich vor, und es entstand eine bedeutungsschwangere Pause. „Dafür bin ich noch lange nicht alt genug.“

Ich versuchte, meinen Ganzkörperschauder so gut wie möglich zu überspielen. Keine Frage, wenn Anthony rein physisch in der Lage wäre, sich zu verflüssigen, dann würde er jetzt buchstäblich über den Tisch fließen, um vor meinen Füßen eine Pfütze zu bilden. Und dann würde er unter meinen Rock gucken.

„Aber deshalb habe ich Sie nicht hergebeten.“ Er richtete sich wieder auf und nahm eine Akte von einem Stapel Unterlagen. „Ich habe Sie hergebeten, weil es eine Planänderung gibt.“

„Oh?“

„Wie das Leben so spielt, ist mir etwas dazwischengekommen, und ich werde nicht an diesem Kongress teilnehmen können.“

Was hatte das mit mir zu tun? Glaubte er wirklich, seine bevorstehende Abwesenheit hätte mich derart erschüttert, dass er mich persönlich auf dem Laufenden halten musste?

Ich schluckte und bemühte mich um einen interessierten Gesichtsausdruck. „Sie fliegen also nicht nach New York?“

„Nein.“ Sein Lächeln sollte vermutlich großzügig wirken, vielleicht sogar gutmütig. „Aber Sie.“

ZWEI

NIALL

Ich schob das Telefon so zurecht, dass ich es zwischen Schulter und Ohr klemmen konnte, heftete einen Stapel Papiere zusammen und legte sie ordentlich vor mich auf den Tisch. „Ah, ich verstehe.“

Eine Weile war nur statisches Rauschen zu hören.

„Du verstehst?“, wiederholte Portia dann spitz. „Hörst du mir verdammt noch mal überhaupt zu?“

Hatte sie schon immer so schnell die Geduld mit mir verloren?

Bedauerlicherweise musste man diese Frage wohl bejahen.

„Natürlich höre ich zu. Du hast mir erzählt, dass du in der Klemme sitzt. Aber ich weiß nicht, was ich dagegen tun kann, Porsh.“

„Immerhin hatten wir uns darauf geeinigt, Niall. Du hast zugestimmt, mir den Hund zu überlassen, sofern ich zustimme, dich auf ihn aufpassen zu lassen, wenn ich in den Urlaub fahre. Jetzt fahre ich in den Urlaub und bitte dich, auf ihn aufzupassen. Aber wenn dir das zu viel Mühe macht …“ Portia ließ den Satz unvollendet, aber der Unterton ihrer Stimme zischte scharf durch die Leitung wie Säure, die auf Metall tropft.

„Unter normalen Umständen macht es mir überhaupt nichts aus, Davey zu nehmen“, erwiderte ich ruhig. Immer ruhig, immer geduldig, selbst wenn wir darüber diskutierten, wer sich um ihr Haustier kümmern sollte, während sie eine Woche auf Mallorca verbrachte, um sich vom Stress unserer Scheidung zu erholen. „Ich bin nur einfach außer Landes, Schatz.“

Ich zuckte zusammen und unterdrückte einen Fluch.

Schatz.

Nach fast sechzehn gemeinsamen Jahren starben manche Angewohnheiten nur langsam.

Sie schwieg eisern weiter, und die Stille wurde immer schwerer, immer vorwurfsvoller. Vor zwei Jahren hätte mich die stumme Leitung panisch werden lassen. Vor einem Jahr hätte sich mein Magen schmerzhaft zusammengezogen.

Jetzt, neun Monate, nachdem ich aus dem Haus, das wir so lange geteilt hatten, ausgezogen war, machte mich ihr zorniges Schweigen einfach nur müde.

Ich schaute auf die zahllosen E-Mails in meinem Posteingang, auf die Stapel von Verträgen auf meinem Schreibtisch und dann auf die Uhr, die mich wissen ließ, dass es längst Zeit war, nach Hause zu gehen. Draußen war es bereits dunkel. Ich musste heute Abend noch für New York packen und würde bis dahin nicht mal ein winziges bisschen von den Aufgaben erledigen können, die hier noch auf mich warteten.

„Portia, tut mir leid, aber ich muss jetzt wirklich aufhören. Tut mir leid wegen des Hundes, aber ich kann nächste Woche auf keinen Fall auf ihn aufpassen.“

„Schon klar.“ Sie seufzte. „Leck mich am Arsch.“

Nachdem sie aufgelegt hatte, starrte ich noch ein paar Sekunden auf meinen Schreibtisch, bevor ich das Handy hinlegte. Mir war ein bisschen schlecht, aber ich hatte nur zwei Atemzüge Zeit, mich zusammenzureißen, bevor die Tür zu meinem Büro aufgerissen wurde und Tony hereinkam.

„Schlechte Nachrichten, Kumpel.“

Ich schaute zu ihm hoch und hob fragend die Brauen.

„Meine Frau hat Wehen.“

Meine Geschwister hatten so viele Kinder, dass mir die Dramatik der Situation sofort bewusst war. Die Schwangerschaft von Tonys Frau war noch nicht weit genug fortgeschritten. „Ist sie okay?“

Er zuckte mit den Schultern. „Sie muss liegen, bis das Kind da ist. Das heißt: Ich bleibe in London.“

Ich spürte eine gewisse Erleichterung. Tony war ein netter Kollege, aber eine Geschäftsreise mit ihm bedeutete normalerweise allabendliche Ausflüge in den Strip Club, und das war nun wirklich das Letzte, was ich einen Monat lang in New York tun wollte. „Dann fliege ich also allein“, sagte ich, schon deutlich unbeschwerter als noch vor einem Moment.

Tony schüttelte den Kopf. „Ruby kommt mit.“

Ich brauchte ein paar Sekunden, um den Namen einzuordnen. Richardson-Corbett war kein großes Unternehmen, aber Tony heuerte grundsätzlich so viele hübsche junge Praktikantinnen an, wie sein Budget erlaubte. Ein paar davon waren gerade in seinem Team, und ich konnte sie nie richtig auseinanderhalten. „Die Brünette aus Essex?“

„Nein.“ Aus seiner Miene sprach so viel enttäuschter Neid, dass man es fast hören konnte. „Die überaus appetitliche Schnitte aus Kalifornien.“

Oh. Jetzt wusste ich, wen er meinte. Die, die heute Morgen zu meiner Rettung herbeigeeilt war, als ich in völlig untypischer Weise anfing herumzudrucksen.

Dabei war es doch, welche Ironie, gerade ihr Anblick, der mich aus dem Konzept gebracht hatte. Sie war bezaubernd.

Ja nun … „Ist das nicht die, der so naheging, dass du einen Monat lang nicht hier sein würdest?“

Man konnte praktisch dabei zusehen, wie Tony zwei Köpfe größer wurde. Er lächelte stolz. „Stimmt.“

„Aber ist es wirklich nötig, noch jemanden mitzunehmen? Bei den meisten Meetings wird es ohnehin um Logistik gehen. Die Ingenieure sollen nur beraten.“

„Yeah, du Trottel. Ich bin sicher, du kannst sie dazu überreden, mit dir in die Tittenbars zu gehen.“

Ich stöhnte innerlich auf. „Das kommt gar nicht …“

„Außerdem ist sie verflucht sexy“, fiel er mir ins Wort. „Du brauchst keinen Strip Club, wenn du Ruby flachlegst. Beine bis zum Hals, tolle Titten, verdammt fantastisches Gesicht.“

„Tony.“ Ich sprach ruhig und bestimmt. „Ich werde ganz bestimmt keine Praktikantin ‚flachlegen‘.“

„Solltest du aber vielleicht. Wenn ich nicht gebunden wäre, hätte ich die Kleine ganz bestimmt schon klargemacht.“ Er schwieg, um seine Worte wirken zu lassen, und ich versuchte zu verbergen, wie widerlich ich es fand, dass ihm die Enttäuschung, Ruby nicht ficken zu können, offenbar mehr zu schaffen machte als die vorzeitigen Wehen seiner Frau. „Wie lange bist du denn nicht mehr zum Zuge gekommen?“

Ich wich seinem herausfordernden Blick aus und starrte auf meinen Schreibtisch. Seit der Scheidung hatte ich mich nicht ein einziges Mal verabredet, und abgesehen von einer betrunkenen Fummelattacke vor ein paar Wochen im Pub war ich seit einer gefühlten Ewigkeit keiner Frau mehr nahegekommen.

„Du bleibst also hier“, konstatierte ich, um ihn vom Thema abzulenken. „Und Ruby kommt mit nach New York. Hast du schon die Tagesordnung mit ihr besprochen?“

„Ja klar, sie lautet folgendermaßen: Ihr kommt an, zieht durch die Bars, betrinkt euch, und du legst sie flach.“

Ich strich mit einer Hand über mein Gesicht und stöhnte auf. „Verdammte Scheiße.“

Er lachte, drehte sich um und ging zur Tür. „Natürlich habe ich ihr die Tagesordnung gegeben. Ich will dich nur verarschen. Sie ist eine Gute, Niall. Sie könnte sogar dich beeindrucken.“

So spät am Abend hatte ich nicht mit Gesellschaft im Aufzug gerechnet, doch kurz bevor die Türen sich schlossen, schlüpfte Ruby herein. Unsere Blicke trafen sich, ich hustete, sie schnappte nach Luft … und dann fuhren wir in unbehaglichem Schweigen nach unten.

Der Fahrstuhl war viel zu langsam.

Die Stille donnerte in meinen Ohren.

Aber wir würden zusammen auf Geschäftsreise gehen, und während ich sie anschaute – jung und dynamisch und, zugegeben, unglaublich attraktiv – wurde mir klar, dass wir wohl miteinander reden sollten. Aber es gibt nur wenige Dinge, die ich noch schlechter kann, als Frauen anzusprechen.

Sie öffnete den Mund, um etwas zu sagen, klappte ihn dann wieder zu und schwieg weiter. Sie sah mich an, merkte, dass ich sie ebenfalls ansah und wandte die Augen ab. Die Türen öffneten sich zur Lobby, und ich ließ ihr mit einer Geste den Vortritt. Doch statt sich in Bewegung zu setzen, brüllte sie beinahe: „Wie es aussieht, fliegen wir zusammen nach New York!“

„Das stimmt“, bestätigte ich. Mein Lächeln fühlte sich steif an.

Nun gib dir doch mal Mühe, Niall. Versuch, den Roboter-Modus wenigstens mal für eine Unterhaltung auszuschalten.

Nichts. Mein Hirn war wie ein Sieb, und dort, wo sich bei anderen Leuten die netten Bemerkungen zur Pflege von Sozialkontakten befinden, herrschte gähnende Leere. Und sie stand immer noch wie angewurzelt in dem verdammten Fahrstuhl.

Diese Situation musste dringend beendet werden. Ich war in Sachen Small Talk ein verfluchter Versager, und sie war aus der Nähe betrachtet noch attraktiver, als ich gedacht hatte. Etliche Zentimeter kleiner als ich, aber auf keinen Fall zu kurz geraten, dabei schlank und muskulös, mit kurzem, kunstvoll zerzaustem goldenem Haar, sonnengeküssten Wangen … und einem wahrhaft perfekten Mund.

Ruby war wirklich umwerfend. Irgendein seltsamer Instinkt ließ mir den Atem stocken.

Sie zuckte leicht mit den Schultern und lächelte. „Ich bin zwar aus den Staaten, aber ich war noch nie in New York. Ich bin schon total aufgeregt.“

„Ah. Nun ja …“ Ich starrte auf die Wände der engen Fahrstuhlkabine, suchte fieberhaft nach einer lässigen Antwort und entschied mich schließlich für: „Das ist gut.“

Ich stöhnte innerlich auf. Das war grottenschlecht, selbst für meine Verhältnisse.

Ihre Augen waren riesig, grün und so klar, dass ich nur ein Mal hineinzuschauen brauchte, um zu erkennen, dass sie wahrscheinlich keine gute Lügnerin war. Sie ließ alles, was sie bewegte, aus diesen Augen herausströmen, und es bestand kein Zweifel daran, dass Ruby in diesem Moment ein Nervenbündel war.

Ich war immerhin Vice President in diesem Laden. Natürlich machte ich sie nervös.

„Treffen wir uns Montagfrüh am Flughafen?“, fragte sie und schaute zu mir hoch. Sie fuhr mit der Zungenspitze über ihre Lippen, um sie zu befeuchten, und ich konzentrierte meine Aufmerksamkeit angestrengt auf die Mitte ihrer Stirn.

„Ja, ich glaube schon“, begann ich und unterbrach mich dann. Sollte ich vielleicht einen Wagen für uns beide besorgen? Du liebe Zeit, wenn schon drei Minuten in einem Aufzug so schlimm waren, mochte ich mir gar nicht erst ausmalen, wie die Dreiviertelstunde Fahrt nach Heathrow ablaufen würde. „Es sei denn …“

„Ich will nicht …“

„Sie …“

„Oh, entschuldigen Sie bitte“, sagte sie. Ihre Wangen glühten. „Ich bin Ihnen ins Wort gefallen. Reden Sie weiter.“

Ich seufzte. „Nein, bitte reden Sie weiter.“

Das hier war eine einzige Katastrophe. Wenn sie doch nur zur Seite treten würde, um mich vorbeizulassen. Alternativ könnte sich auch der Boden öffnen und mich verschlucken.

„Ich kann Sie am Flughafen treffen.“ Sie schob den Riemen ihrer Umhängetasche höher und gestikulierte rätselhaft hinter sich. „Am Gate, meine ich. Es ist sehr früh, daher brauchen Sie nicht …“

„Werde ich auch nicht. Beziehungsweise, würde ich nicht.“

Sie blinzelte, verständlicherweise verwirrt. Ich hatte total den Faden verloren und keine Ahnung mehr, wovon wir eigentlich redeten. „Okay. Gut. Natürlich … würden Sie nicht.“

Ich schaute über ihre Schulter in die lockende Freiheit hinaus und dann wieder in ihr Gesicht. „Dann machen wir es so.“

Die Aufzugtür, die ich schon viel zu lange blockierte, fing an, Warntöne von sich zu geben; ein schriller Soundtrack zu einem der unbehaglichsten Dialoge aller Zeiten.

„Dann sehen wir uns also Montag.“ Ihre Stimme zitterte vor Anspannung, und ich fühlte, wie mir kalter Schweiß den Rücken herunterlief. „Ich freue mich wirklich sehr darauf“, fügte sie hinzu.

„Natürlich. Gut.“

Sie neigte kurz den Kopf, während ihr noch einmal die Röte in die Wangen schoss, was richtig süß aussah, und trat aus dem Fahrstuhl.

Ich sah ihr nach, und ohne dass ich es wollte, senkte mein Blick sich auf ihr Hinterteil unter dem glatten dunklen Rock. Es war rund, knackig und perfekt geformt. Ich konnte mir vorstellen, diese sanften Rundungen in meiner Hand zu spüren, und ich hatte noch immer den Hauch von Rosenwasser in der Nase, den sie zurückgelassen hatte.

Ich ließ den Aufzug jetzt ebenfalls hinter mir und folgte ihr durch die dunkle Lobby zum Ausgang. Unwillkürlich verlor ich mich in Fantasien darüber, wie ihre Brüste in meine Hände passen würden, wie ihre Lippen sich auf meinen anfühlen würden, wie es wäre, ihren Po zu umfassen. Ich war keine Niete im Bett, oder? Zwar hatte Portia beim Sex immer so getan, als ließe sie sich dazu herab, mir einen Gefallen zu erweisen, aber sie hatte jedes einzelne Mal genossen …

Mein unbewusst aufflackerndes Interesse wurde jäh erstickt, als Tony aus dem Treppenhaus auftauchte, mir vielsagend zuzwinkerte und „Fickparty“ murmelte, während Ruby um die Ecke verschwand. Was blieb, war ein säuerliches Gefühl der Beschämung, weil ich zugelassen hatte, dass sein anzüglicher Vorschlag von vorhin sich in meinem Hirn einnistete.

Wenn man in einem Haushalt mit zwölf Leuten aufwächst, unternimmt man eher selten Flugreisen. Und wenn es doch mal dazu kam – es gab den einen oder anderen Trip nach Irland und ein Mal, als nur noch ich und Rebecca zu Hause wohnten, flogen Mum und Dad mit uns nach Rom, um den Papst zu sehen –, stand das ganze Haus Kopf vor Aufregung, und die Vorbereitungen wurden sehr ernst genommen. Wir hatten damals normale Sonntagskleidung und noch elegantere Sachen für die Christmette, doch selbst die konnten sich nicht mit unseren Flug-Outfits messen. Die Macht der Gewohnheit war schwer zu brechen, selbst wann man sich mitten in der Nacht anziehen musste, und so kam es, dass ich Montagmorgen um halb fünf im Anzug am Flughafen aufschlug.

Ruby hingegen, die exakt in dem Moment, als ich richtig panisch wurde – das Boarding hatte bereits begonnen –, atemlos angerannt kam, hatte einen pinkfarbenen Kapuzenpulli, eine schwarze Jogginghose und hellblaue Turnschuhe an. Ihre Ankunft verursachte einiges Aufsehen. Ich wusste nicht, ob sie überhaupt Notiz davon nahm, aber fast alle männlichen Augenpaare und auch viele weibliche folgten ihr, während sie sich durch die Menschenmenge zu unserem Gate schlängelte.

Sie wirkte leger, aber frisch, die Wangen gerötet vom Laufen, die rosigen Lippen leicht geöffnet, während sie nach Luft schnappte.

Als sie mich entdeckte, blieb sie abrupt stehen, und ihre Augen wurden so groß wie Untertassen.

„Scheiße.“ Sie schlug eine Hand vor den Mund. „Ich meine Mist“, murmelte sie dahinter hervor. „Haben wir gleich nach der Landung ein Meeting?“ Sie fing an, hektisch durch ihr Smartphone zu scrollen. „Ich habe mir den Terminplan eingeprägt, und ich könnte schwören, dass …“

Ich spürte, wie meine Brauen sich zusammenzogen. „Nein …?“ Sie hatte unseren Terminplan auswendig gelernt?

„Ich … Sie haben sich ja total schick gemacht für den Flug. Ich komme mir neben Ihnen wie eine Pennerin vor.“

Keine Ahnung, ob ich mich geschmeichelt oder beleidigt fühlen sollte. „Sie sehen nicht wie eine Pennerin aus.“

Sie stöhnte auf und bedeckte ihr Gesicht mit den Händen. „Es ist ein langer Flug. Ich dachte, wir schlafen an Bord.“

Ich lächelte höflich, obwohl sich bei der Vorstellung, während des Fluges neben ihr zu schlafen, ein nagendes, nervöses Ziehen in meinem Magen ausbreitete. „Ich muss noch ein paar Dinge abarbeiten, bevor wir landen. Und da fühle ich mich entsprechend gekleidet einfach wohler, das ist alles.“

Tatsächlich war ich nicht sicher, wer von uns beiden die Situation falsch eingeschätzt hatte, doch als ich die Outfits der anderen Passagiere näher in Augenschein nahm, dämmerte mir langsam, dass ich derjenige war, der aus der Reihe tanzte.

Nach einem letzten argwöhnischen Blick auf meinen Anzug drehte sie sich um, ging mir voraus über die Gangway zur Maschine und verstaute ihre Umhängetasche in der Gepäckablage über unseren Plätzen. Ich bemühte mich, nicht wieder auf ihren Hintern zu starren … und scheiterte kläglich.

Gott im Himmel, das ist ja unglaublich.

Ohne von meiner Bedrängnis zu ahnen, wandte Ruby sich zu mir um, und ich schaffte es gerade noch rechtzeitig, meinen Blick auf Augenhöhe zu bringen. Sie deutete auf die beiden Sitze. „Sitzen Sie lieber am Fenster oder am Gang?“

„Mir ist beides recht.“

Ich zog mein Jackett aus und reichte es der Flugbegleiterin. Ruby schlüpfte auf den Fensterplatz, ließ ihr iPad und ein Buch in dem Fach an der Rücklehne des Vordersitzes verschwinden und behielt ein kleines Notizbuch in der Hand.

Ich ließ mich neben ihr nieder, und noch während das Boarding weiter seinen Lauf nahm, senkte sich eine bleierne Stille zwischen uns. Oh Gott. Wir hatten nicht nur einen sechsstündigen Flug vor uns, sondern auch noch fast vier Wochen in New York.

Vier Wochen. Mir wurde ganz anders.

Vielleicht könnte ich sie ja fragen, wie es ihr bei Richardson-Corbett gefiel oder wie lange sie schon in London wohnte. Sie fiel zwar nicht in meinen Verantwortungsbereich, aber da sie für Tony arbeitete, war ihr Job zweifellos ziemlich … ereignisreich. Ich könnte mich auch danach erkundigen, wo sie aufgewachsen war, obwohl ich von Tony bereits wusste, dass sie aus Kalifornien stammte. Aber wenigstens würde es das Eis ein bisschen brechen.

Andererseits müssten wir uns dann auch weiterunterhalten, und das schien ja definitiv nicht unsere Stärke zu sein. Am besten gar nicht erst drauf einlassen.

„Darf ich Ihnen vor dem Start ein Getränk anbieten?“, fragte die Flugbegleiterin und legte eine Serviette vor mich auf den Klapptisch.

Ich ließ Ruby mit einer Geste den Vortritt, und sie beugte sich vor, um den Lärm der immer noch eintrudelnden Passagiere zu übertönen. Ihre Brust presste sich an meinen Arm, und ich erstarrte am ganzen Körper, darauf bedacht, mich auf keinen Fall … dagegenzulehnen.

„Ich hätte gern Champagner“, sagte Ruby.

Die Flugbegleiterin lächelte unbehaglich und nickte. Zweifellos schenkte sie so etwas normalerweise nicht vor fünf Uhr morgens aus. Dann schaute sie mich fragend an.

„Ich …“, begann ich zögernd. Sollte ich auch Champagner bestellen, damit es für Ruby nicht so peinlich war? Oder lieber ein Beispiel professioneller Zurückhaltung setzen und den Grapefruitsaft ordern, den ich eigentlich haben wollte? „Nun ja, wenn es nicht zu viele Umstände macht, könnte ich auch …“

Ruby hob eine Hand. „Kleiner Scherz. Sorry. Hat wohl nicht richtig gezündet. Ich meine, nein, nicht gezündet wie eine Bombe! Ich würde niemals … über so was Witze machen.“ Sie schloss die Augen und stöhnte. „Kann ich bitte einfach einen Orangensaft haben?“

Ich schaute auf und wechselte einen kurzen, verwirrten Blick mit der Flugbegleiterin. „Ich nehme einen Grapefruitsaft, danke.“

Sie notierte unsere Bestellungen und ging weiter. Ruby drehte sich mir zu. Etwas in ihrem Gesicht, diese rückhaltlose Offenheit in ihren Augen löste bei mir einen … zärtlichen Beschützerinstinkt aus, der mich völlig kalt erwischte.

Sie schaute weg, setzte sich gerade hin und starrte derart intensiv auf ihren Klapptisch, dass ich schon Angst hatte, er würde zerbrechen.

„Alles klar?“, fragte ich.

„Es ist nur … tut mir leid wegen eben. Und ja. Ich …“ Sie verstummte und versuchte es dann noch einmal. „Ich wollte keinen Champagner bestellen. Dachten Sie wirklich, dass ich das tun würde?“

„Na ja.“ Sie hatte ihn schließlich bestellt, wenn auch nur aus Spaß. „Nein?“ Ich hoffte, das war die richtige Antwort.

„Und dann das mit dem Zünden“, flüsterte sie und wedelte mit der Hand, als wollte sie die Erinnerung verscheuchen. „Ich benehme mich in Ihrer Gegenwart wie der letzte Trottel.“

„Nur bei mir?“

Sie sank in sich zusammen, und mir wurde klar, wie meine Bemerkung bei ihr angekommen sein musste.

„Nein. Ich meine … ich würde Ihnen da widersprechen. Mir ist noch nie aufgefallen, dass Sie sich in meiner Gegenwart wie ein Trottel benehmen.“

„Der Fahrstuhl?“

„Nun ja“, räumte ich lächelnd ein.

„Und gerade eben?“

Ihre Worte bewegten etwas in meinem Herzen. „Gibt es irgendetwas, das ich tun kann?“

Sie hob den Kopf und sah mich mit einer Art vertrauter Zuneigung an.

Dann blinzelte sie, wandte den Blick ab, und der Moment war vorbei. „Kein Problem. Ich bin nur nervös, weil ich mit dem Planungsleiter auf Geschäftsreise gehe; wird sich schon wieder geben.“

Um ihr die Befangenheit zu nehmen, erkundigte ich mich: „Wo haben Sie studiert?“

Sie atmete einmal tief durch, wandte sich mir zu und sah mich direkt an. „UC San Diego.“

„Ingenieurswissenschaften?“

„Ja. Bei Emil Santorini.“

Ich hob anerkennend die Brauen. „Er ist schwierig.“

Sie grinste. „Er ist großartig.“

Jetzt war mein Interesse wirklich geweckt. „Zu dieser Auffassung kommen allerdings ausschließlich seine brillanten Studenten.“

„Gib alles oder gib gleich auf“, sagte sie schulterzuckend, bevor sie der Flugbegleiterin mit einem breiten Lächeln für den Orangensaft dankte. „Das hat er gleich in der ersten Woche zu uns gesagt. Und er hat recht behalten. Drei von uns haben gleichzeitig bei ihm angefangen. Am Ende des ersten Jahres war nur noch ich da.“

„Warum sind Sie in London?“, fragte ich, obwohl ich die Antwort ahnte.

„Ich hoffe auf einen Postgraduiertenplatz für Bauwesen. Für allgemeine Ingenieurswissenschaften bin ich bereits angenommen, aber ich habe noch nichts von Margaret Sheffield gehört.“

„Sie entscheidet immer erst kurz vor Semesterbeginn, wen sie in ihren Fachbereich holt. Was die Studenten total verrückt macht, wenn ich mich recht erinnere.“

„Wir Ingenieure lieben nun mal unsere Kalender und Tabellen und Baupläne. Nicht gerade die geduldigste Truppe, würde ich sagen.“

Ich lächelte. „Sagte ich doch. Total verrückt.“

Einer ihrer Mundwinkel zuckte, dann lächelte sie zurück. „Sie haben nicht bei ihr studiert.“

„Nicht offiziell, aber sie war mir mehr Mentor als mein eigentlicher Mentor.“

„Wie lange nach Ihrem Abschluss ist Petersen denn in den Ruhestand gegangen?“

Ich schaute sie groß an. Wie viel wusste sie denn über meinen alten Fachbereich? Über mich? „Ich vermute mal, diese Frage können Sie sich selbst beantworten.“

Sie nippte an ihrem Saft, schluckte und bat dann leise um Entschuldigung. „Ich wusste, dass Sie sein letzter Student waren, aber ich war wohl einfach neugierig, aus erster Hand zu erfahren, wie schlimm es war.“

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