×

Ihre Vorbestellung zum Buch »Between the Lines: Weil du mich hältst«

Wir benachrichtigen Sie, sobald »Between the Lines: Weil du mich hältst« erhältlich ist. Hinterlegen Sie einfach Ihre E-Mail-Adresse. Ihren Kauf können Sie mit Erhalt der E-Mail am Erscheinungstag des Buches abschließen.

Between the Lines: Weil du mich hältst

hier erhältlich:

Reid - Absturz! Nach Jahren wilder Partys schlägt die Realität zu. Plötzlich wird der Hollywood-Star zu Sozialstunden verdonnert. Doch um nichts in der Welt will er seinen Lebensstil aufgeben: feiern und sexy Frauen, denn die nächste heiße Herausforderung wartet schon …

Dori - hat ihre Zukunft durchgeplant: Auslandseinsatz, Elite-Uni! Für verantwortungslose Player hat sie nichts übrig. Ausgerechnet Reid Alexander, der all das verkörpert, wird ihrem Hilfsprojekt zugeteilt. Auf ihn kann sie gut verzichten - oder ist ein bisschen bad gar nicht so schlecht?

"Mein absoluter Lieblingsroman aus der Between the Lines-Serie."

New York Times-Bestsellerautorin Colleen Hoover


  • Erscheinungstag: 10.10.2016
  • Aus der Serie: Between The Lines
  • Bandnummer: 3
  • Seitenanzahl: 384
  • ISBN/Artikelnummer: 9783956499470
  • E-Book Format: ePub
  • E-Book sofort lieferbar

Leseprobe

Tammara Webber

Between the Lines:
Weil du mich hältst

Roman

Aus dem Amerikanischen von
Anke Brockmeyer

Image

 

 

 

MIRA® TASCHENBUCH

MIRA® TASCHENBÜCHER
erscheinen in der HarperCollins Germany GmbH,
Valentinskamp 24, 20354 Hamburg
Geschäftsführer: Thomas Beckmann

Copyright © 2016 by MIRA Taschenbuch
in der HarperCollins Germany GmbH

Titel der amerikanischen Originalausgabe:
Good For You
Copyright © 2011 by Tammara Webber

Leseprobe:
Here Without You
© 2013 by Tammara Webber
Übersetzt von Anke Brockmeyer

Konzeption/Reihengestaltung: fredebold&partner GmbH, Köln
Umschlaggestaltung: büropecher, Köln
Redaktion: Mareike Mueller
Titelabbildung: Dreamstime / Undrey

ISBN eBook 978-3-956-49947-0

www.mira-taschenbuch.de

Werden Sie Fan von MIRA Taschenbuch auf Facebook!

1. KAPITEL

Reid

Die Gedanken fangen an, allmählich in mein Bewusstsein zu sickern. Der erste: Shit, ich bin wieder im Krankenhaus. Und der zweite: Wie schlimm ist der Schaden an meinem eine Woche alten Porsche?

„Wie ich sehe, bist du aufgewacht.“

Das ist Dad – er hat ein Talent dafür, etwas zu erklären, das offensichtlich ist.

„Liebling. Ich bin so froh, dass es dir gut geht.“

Eine warme Hand greift nach meiner, und aus dem instinktiven Bedürfnis, meinen Vater – insbesondere sein Gesicht – zu ignorieren, drehe ich mich in die Richtung, aus der Moms Stimme kommt.

Meine Zufriedenheit endet jäh, als mir ihre geschwollenen und geröteten Augen auffallen und ich bemerke, wie sie den Mund fest zusammenpresst in dem vergeblichen Bemühen, zu verhindern, dass ihre Unterlippe zittert. Unglücklicherweise war das keiner dieser albernen mütterlichen Kommentare. Wenn mein Gedächtnis mir keinen Streich spielt, habe ich ein bisschen zu viel getrunken und bin danach mit meinem Auto in ein Haus gekracht. Nicht gerade eine meiner großartigsten Heldentaten.

In dem sinnlosen Versuch, die Aufmerksamkeit vom körperlichen Schaden abzulenken, den der Unfall verursacht hat, erkundige ich mich: „Ähm, was ist mit dem Wagen?“

„Was mit dem Wagen ist? Mit dem Wagen?“ Dads Augenbrauen erreichen fast seinen zurückweichenden Haaransatz. „Das ist das Erste, was du nach diesem Debakel wissen willst? Hast du eine Ahnung, was für einen Schaden du an der Immobilie angerichtet hast, ganz abgesehen davon, was das für deine Karriere bedeuten kann?“

Wäre es so schwierig gewesen, mir einfach zu sagen, dass das verdammte Ding einen Totalschaden hat?

„Mark“, Moms Unterlippe bebt, „er lebt. Alles andere lässt sich regeln.“

Ich frage mich, wie sie das meint. Regeln in dem Sinne wie meine Blinddarmentzündung im vergangenen Herbst, als ich mitten während der Dreharbeiten zu meinem aktuellen Film im Notarztwagen in die Ambulanz gebracht worden bin? Oder wie meine Verhaftung auf der Party vor einem Jahr, als alle Gras geraucht haben und sie mich aus Mangel an Beweisen wieder freilassen mussten?

„Lässt es sich das?“, schießt Dad zurück, greift nach seinem Jackett, das über einem Stuhl hängt, und marschiert zur Tür. „Verdammt, Reid, ich bin nicht sicher, ob irgendwas repariert werden kann. Lange Zeit hast du auf die Bedürfnisse anderer nur extrem wenig Rücksicht genommen – jetzt hast du diese Sorglosigkeit auch auf dein eigenes Leben ausgedehnt. Ich begreife nicht, was du dir dabei gedacht hast.“

Ich antworte nicht. Denn dass ich gar nicht gedacht habe, trifft es zwar ziemlich genau, allerdings will er das mit Sicherheit nicht hören.

Dori

Ich versuche, meine Stimme mutig klingen zu lassen, auch wenn ich mir die Seele aus dem Leib schreie: „Okay, Kinder, lasst uns noch mal von vorne anfangen!“

Was sagt man darüber, einen Sack Flöhe zu hüten? So ähnlich ist es, mit achtzehn Fünfjährigen den Gesangsvortrag für den Elternabend am Bibelschul-Wochenende zu üben, obwohl alle nur darauf warten, im Swimmingpool zu toben, weil ihnen genau das für gutes Benehmen versprochen wurde.

„Miss Dori?“

Ich spüre, wie jemand an meiner knielangen Jeans zieht. Es ist Rosalinda, von der ich Miss Doooooriiiii mindestens ein Dutzend Mal pro Tag höre.

„Ja, Rosa?“, erwidere ich, und noch ehe die Worte aus meinem Mund sind, springen siebzehn Fünfjährige von ihren Stühlen und schubsen sich gegenseitig vom Fenster weg, um sehnsüchtig nach draußen zu schauen, wo das Wasser im Pool unter einem wundervoll klaren Junihimmel glitzert.

„Ich muss mal.“

Schon wieder? Dieses Kind hat eine winzige Blase.

„Kannst du es noch eine Minute aufhalten, Süße? Wir sind fast durch …“ Vom anderen Ende des Raumes ertönt ein Kreischen. Jonathan hat eine Schere in der einen und Keishas Zopf in der anderen Hand. „Jonathan, lass sofort los.“ Als ich seinen erschrockenen Blick bemerke, muss ich mir auf die Lippe beißen. Kein Grund zum Lachen. Das ist nicht witzig. Nicht witzig.

Unsicher blickt er zwischen Schere und dem Zopf hin und her. „Was denn?“

Mit zusammengekniffen Augen sehe ich ihn an. „Fang damit an, Keishas Haare loszulassen.“ Er löst den Griff, und sie rennt zu ihren Freundinnen hinüber, die sich um sie scharen und ihn anfunkeln. Noch nie habe ich eine Gruppe von Mädchen wie diese erlebt – eine Clique, die sich gegenseitig beschützt, ein Trupp von Wächterinnen.

„Miss Dori“, quengelt Rosa und zerrt stärker an meinem Hosenbein.

Ich greife nach ihrer Hand, um sie davon abzuhalten, mir die Hose herunterzuziehen. Ich würde mich nie wieder durchsetzen können, falls das passierte.

„Eine Minute, Rosa.“ Sanft drücke ich ihre Hand. „Jonathan“, sage ich mit mehr Nachdruck. „Gib mir die Schere.“ Den Blick auf seine offenen Sneakers gesenkt, schlurft er so langsam auf mich zu, wie es einem menschlichen Wesen gerade noch möglich ist. „Wo hast du sie her?“

Er hält die Schere mit beiden Händen vor sich, als überreiche er ein königliches Geschenk. Aber ich falle nicht auf seine unechte Reue herein, sondern ziehe eine Augenbraue hoch.

Er guckt mir kurz ins Gesicht. „Aus Mrs. K.s Schreibtisch“, murmelt er und schaut wieder auf seine Füße.

Unsere Gemeindesekretärin Filomena Kowalczyk spricht mit einem heftigen polnischen Akzent, obwohl sie vor ungefähr hundert Jahren in die USA eingewandert ist. Auf ihrem Schreibtisch hat sie ein großes Glas mit Süßigkeiten stehen, und sie trägt quietschende orthopädische Schuhe, die etwa den gleichen Effekt haben wie ein Glöckchen am Halsband einer Katze. Die Kinder hören sie schon fünf Minuten, bevor sie tatsächlich auftaucht. Angesichts von Jonathans schokoladeverschmiertem Mund würde ich behaupten, dass er eine oder zwei Pralinen genascht hat, ehe er sich mit ihrer Schere aus dem Staub gemacht hat.

„Nehmen wir Mrs. K.s Sachen ohne Erlaubnis?“ Ich bedenke ihn mit einem enttäuschten Blick.

Er schüttelt den Kopf.

„Meint Pastor Doug mit gutem Benehmen, dass du dich einfach an Dingen bedienen darfst, die dir nicht gehören?“

Der Blick aus seinen großen dunklen Augen trifft auf meinen. Bingo, Kleiner. Die Zeit im Pool steht für dich in den Sternen.

„Aber Miss Dori!“, erwidert er. „Ich habe ihn doch nicht abgeschnitten!“

„Wir sprechen gerade nicht über Keishas Zopf. Es geht darum, dass du Mrs. K.s Schere genommen hast …“

„Ich bringe sie zurück.“ Seine Augen werden feucht. „Es t… tut mir l… leid!“

„Dir tut nur leid, dass du erwischt worden bist“, entgegne ich, und er bricht in Tränen aus. Oh Gott.

„Miss Dori!“ Rosa heult, presst die Hände auf ihren Bauch und legt ein Bein über das andere.

Resigniert seufze ich und gebe die Probe für heute auf. „Also gut, alle stellen sich für die Toilette hintereinander auf.“

„Ich zuerst! Ich zuerst!“, ruft Rosa und klammert sich an meine Hand. Als ich zum Anfang der Schlange marschiere, hüpft sie auf einem Bein neben mir her.

„Jonathan, du kommst zu mir.“ Mit den Fäusten wischt er sich die Tränen ab, dann ergreift er meine andere Hand, und ich verlasse den Klassenraum mit achtzehn kleinen Entchen, die hinter mir herwatscheln.

In ein paar Wochen breche ich auf zu einer Missionsreise nach Ecuador. So exotisch das auch klingen mag, werde ich dort ziemlich genau das Gleiche tun wie hier – nur auf Spanisch.

2. KAPITEL

Reid

In dem Moment, in dem ich mich abwende, um den Gerichtssaal zu verlassen, lockere ich meine Krawatte. Als Nächstes werde ich mich von diesem Zeug in meinem Haar befreien, das mich aussehen lässt wie einen der Speichellecker meines Vaters.

„Bring das wieder in Ordnung“, fährt mich Dad scharf an und strafft die Schultern.

Sein Urteil ist eindeutig: schuldig im Sinne der Anklage, auch wenn die Staatsanwaltschaft auf unsere Bitte wegen eines Vergleichs eingegangen ist – jedenfalls so in etwa.

Eine halbe Sekunde lang erwäge ich, ihn zu ignorieren, bis die weniger herrische Stimme meines Managers zur Diskretion mahnt: „Reid, da draußen wartet die Presse. School Pride ist gerade in den Kinos angelaufen. Das ist nicht der richtige Zeitpunkt, den Eindruck eines Rebellen zu erwecken. Wir haben sowieso schon ein paar Werbeverträge verloren – dein Image hat bereits genug gelitten, auch ohne dass du den Eindruck vermittelst, wenig dankbar dafür zu sein, dass du so einfach aus einer Sache herausgekommen bist, die 99,9 Prozent der normalen Leute ins Gefängnis gebracht hätte.“

„Das nennst du einfach?“ Ich greife George niemals an, aber diese Aussage kann ich nicht so stehen lassen. Die Auflagen des Gerichts für den Vergleich sind mehr als grausam.

„Ja. Und jeder mit ein bisschen Grips sieht das genauso“, mischt Dad sich ein. Zurückhaltung war noch nie seine Stärke. „Und jetzt binde dir die gottverdammte Krawatte wieder um, Reid.“

Meine Kiefermuskeln machen förmlich Überstunden, während ich die obersten Knöpfe meines weißen Armani-Hemdes schließe und die dezente Hermes-Krawatte zu einem halben Windsorknoten binde. Spätestens mit dreißig werden meine Zähne bis zu den Wurzeln abgeschliffen sein.

Freunde fragen mich, warum ich meinen Dad nicht einfach abserviere. Ich bin neunzehn, ein Erwachsener in jedem juristischen Sinne (außer der Möglichkeit, legal Alkohol zu trinken, was ausgesprochen ärgerlich ist). Ich bin ein legitimierter Hollywoodstar mit einem Manager, einem PR-Berater – oder mittlerweile einer Beraterin, denn es kann sein, dass Larry von Dad gefeuert wurde, falls er in der letzten Woche nicht zügig die Werbeverträge unter Dach und Fach gebracht hat.

Das ist der Punkt. Mein Vater kümmert sich um alles. Er ist der Geschäftsführer meines Lebens, und ich bin nur ein Produkt. Er managt meine Karriere, mein Vermögen, meine juristischen Belange. Ich muss nichts weiter tun, als mich in der Öffentlichkeit zu zeigen, Filme zu drehen, auf Premieren aufzutauchen und gelegentliche gut bezahlte Werbeverträge zu erfüllen. Ich ertrage ihn ebenso wenig wie er mich, doch ich weiß, dass er mich nicht übers Ohr haut.

Mein Manager hat recht. Die Presse belagert die Stufen des Gerichts und wartet darauf, ein Statement von mir zu kriegen. Mit dem Verfassen hatte ich nichts zu tun. George hat mir die Stellungnahme gestern Abend gegeben, während Dad und mein Anwalt – an dessen Namen ich mich nicht erinnern kann, denn es ist mir völlig egal, welchen schleimigen Möchtegern-Juniorpartner aus seiner Firma mein Vater ausgewählt hat, um mich zu verteidigen – die Verhandlungsstrategie für heute Morgen besprochen haben. Jetzt ist es Zeit für meinen oscarreifen Auftritt voller Reue.

Wie geplant, lässt Dad sich hinter uns zurückfallen, währenddessen George und der Junior-Schleimer an meiner Seite bleiben. Ich zaubere eine angemessen bußfertige Miene auf mein Gesicht. „Ich möchte mich bei meinen Fans entschuldigen. Es tut mir unendlich leid, euch alle enttäuscht zu haben. Aber ich versichere euch, dass dieser Vorfall ein momentaner Aussetzer meines Urteilsvermögens war, der sich nicht wiederholen wird.“

Jemand hält mir ein Mikrofon unter die Nase. „Werden Sie eine Entziehungskur machen?“

Auf dieses Stichwort hin wird meine Reue von einem Ausdruck der Beschämung überlagert. „Der Richter ist nicht der Auffassung, dass das zu diesem Zeitpunkt nötig sei. Doch ich werde mich genau an die Anweisungen des Gerichts halten. Dieser Zwischenfall war eine einmalige Sache.“

Ein Typ von einem der hispano-amerikanischen Lokalsender wirkt so, als würde er einen Skandal dahinter wittern.

„Was ist mit dem Haus, das Sie zerstört haben, und mit der Familie, die Ihretwegen nun kein Dach mehr über dem Kopf hat?“

Komm schon, Arschloch. Es war ein Zimmer des Hauses, und es war leer zu diesem Zeitpunkt, also wurde auch niemand verletzt. „Der Schaden wird den Hauseigentümern ersetzt“, erkläre ich. „Die Details sind nicht für die Öffentlichkeit bestimmt, die Entschädigungsleistung ist allerdings von allen Parteien akzeptiert worden.“

„Ihr Vater wird die Summe zahlen, meinen Sie wohl.“

Verdammt. Der Kerl ist hartnäckig. Vielleicht ist er mit ihnen verwandt oder so was.

„Nein, Sir.“ Ich schaue ihm in die Augen. Von Mann zu Mann. „Ich bin verantwortlich für den Unfall. Also werde ich auch derjenige sein, der zahlt.“

„Und es geht Ihnen gut damit, es einen Unfall zu nennen, nachdem Sie – mit noch nicht einmal einundzwanzig – beschlossen haben, so viel zu trinken, dass Sie mehr als das Doppelte des Alkohollimits eines Volljährigen intus hatten, und dann mit einem 2000-Pfund-Geschoss durch ein Wohngebiet zu fahren?“

„Nun, ich …“

„Der Eigentümer des Gebäudes ist eine Immobilienfirma. Was ist mit der Familie, die dort lebt und die Wohnung gemietet hat? Sie sind hart arbeitende Menschen, aber nicht versichert. Und jetzt haben sie Dinge verloren, die zu ersetzen sie sich nicht leisten können – zusätzlich zu der Tatsache, dass sie zurzeit obdachlos sind. Was ist mit ihnen?“

Der Typ will mich aus der Fassung bringen. Ich würde ihm am liebsten so heftig in den Arsch treten, dass meine Faust schon völlig verkrampft ist.

Der Junior-Schleimer beschließt, dies sei der Zeitpunkt, sich einzumischen und zu beweisen, dass er die Partnerschaft verdient hat. „Vielen Dank, meine Damen und Herren – als Mr. Alexanders Anwalt versichere ich Ihnen, dass er die volle Verantwortung für seine Tat übernehmen und jeglichen Schaden wiedergutmachen wird. Und mehr als das.“

Ist das nicht genau das, was ich gerade gesagt habe?

Und was zum Teufel meint er mit: Und mehr als das?

Dori

Während Dad das Tischgebet spricht, schweifen meine Gedanken ab. Ich will nicht respektlos sein und halte meine Augen geschlossen, aber manchmal muss ich so vieles gleichzeitig im Blick behalten, dass mein Hirn Listen aufstellt und Details klärt, sobald es einen ruhigen Moment erwischt.

Die Probe mit den Kindern für den Elternabend wird bis zur nächsten Woche warten müssen. Zuerst einmal drängt mein Projekt für Habitat for Humanity – dank des eigensüchtigen, egozentrischen Idioten, der seinen albernen Sportwagen in das Wohnzimmer des Apartments gesetzt hat, das wir für eine Familie angemietet hatten. Menschen wie ihn verstehe ich nicht – solche Leute, die immer nur an sich denken. Sie nehmen ganz selbstverständlich Raum ein auf unserem Planeten, ohne jemals einen wertvollen Beitrag zu leisten.

Er ist das Gegenteil von jemandem wie meinem Dad, Pastor Doug für die Gemeindemitglieder unserer Kirche und der Nachbargemeinden. Dad würde mir sagen, dass es Gott nicht gefiele, wie voreingenommen ich Reid Alexander gegenüber bin.

Für Gott hat jeder Mensch eine Bestimmung, selbst dieser. Das wäre seine Meinung.

Ja, klar.

Uff, es geht schon wieder los.

Die nächsten Tage werde ich damit verbringen, mich um das Habitat-Gebäude zu kümmern. Zum Glück haben wir das meiste bereits geschafft. Leider schließt das nicht die Stromversorgung ein, und es ist heiß und diesig. Ein Großteil der Menschen in Los Angeles lebt ohne Klimaanlage, ich sollte mich also nicht beschweren. Ich selbst habe ein behagliches Zuhause, auch wenn es nicht gerammelt voll ist mit Luxusgegenständen wie einem riesigen Flachbildfernseher und Möbeln, die alle zusammenpassen. Mom weiß mit einem Farbpinsel umzugehen, und sie ist großartig darin, Saris, die sie auf dem Markt gekauft hat, zu farbenfrohen Vorhängen und Tischdecken umzuarbeiten oder mit Grünpflanzen einen Fleck im Teppich oder einen Riss in der Wand zu kaschieren.

Ich muss noch ein paar Unterlagen bei der Uni in Berkeley einreichen, bevor ich nächsten Herbst dort anfange: meine Examensnoten, das Abschlusszeugnis, die Kaution für die Unterkunft. Fast jeder, der mich kennt, scheint verwundert darüber zu sein, dass ich vorhabe, einen Abschluss im sozialen Bereich zu machen statt im musikalischen. Mir wird oft bestätigt, dass ich eine wunderschöne Stimme habe, doch als Karriereweg würde das nicht taugen. Ich möchte etwas tun.

Dad ist der Einzige, der dieses Gefühl nachvollziehen kann. Gleichzeitig ist er derjenige, von dem ich meine Stimme geerbt habe. Mom und Deborah, meine ältere Schwester, sind absolut unmusikalisch, aber sie haben nützliche angeborene Talente, die sie auch einsetzen. Mom ist Krankenschwester in der Geburtshilfe und hat sich auf kostengünstige Schwangerschaftsvorsorge spezialisiert, und Deb hat vor Kurzem ihr praktisches Jahr an einem Krankenhaus in Indiana begonnen – sie wird Kinderärztin. Dad und ich mussten weitaus kreativer sein, um einen Weg zu finden, mit dem wir unseren Lebensunterhalt bestreiten können.

Wie schon in den vergangenen Jahren leite ich auch in diesem Sommer erneut das Ferienprogramm, das unsere Kirche für die unter Armut leidenden Gemeinden in der Nachbarschaft anbietet. Mit dem Transporter sammeln wir die Kinder morgens ein und ermöglichen es den Eltern dadurch, zur Arbeit zu gehen, ohne sich sorgen zu müssen, wo ihre Kleinen währenddessen bleiben. Die Kinder verbringen den ganzen Tag bei uns, was bedeutet, dass wir ihnen eine Menge Aktivitäten anbieten müssen. Das Schwimmbecken war Moms Idee. Einige Mitglieder des Kirchenfinanzausschusses waren dagegen, etwas so Verschwenderisches aufzubauen, doch Mom hat sie überzeugt, indem sie darauf hinwies, dass die Gemeinde den Pool auch für den Blutspendetag, die Familienfeste und die monatliche Taufveranstaltung nutzen könne.

Dad behauptet, Mom könnte sogar den Teufel dazu überreden, Weihnachtsplätzchen zu backen.

„… Amen“, sagt Dad jetzt, und ich öffne die Augen und verdränge den Gedanken an einen Schürze tragenden Satan, der Rentierkekse mit Zuckerguss verziert.

„Dori, dein Vater hat ein paar Neuigkeiten, die dich interessieren werden.“

Mom reicht mir die Schüssel mit Kartoffelpüree, während mich beide erwartungsvoll anschauen. Seltsam.

Dad räuspert sich. „Kurz bevor du nach Hause gekommen bist, war da ein Anruf für dich. Ich schätze, Roberta hat deine Handynummer nicht.“

Roberta, meine Projektleiterin bei Habitat, begreift nicht, dass Menschen ganz unkompliziert auf dem Telefon zu erreichen sind, das sie mit sich herumtragen. Ihr eigenes Handy ist grundsätzlich in ihrer Handtasche – ausgeschaltet. Sie ist überzeugt, dass der Akku sofort leer ist, wenn sie es angeschaltet lässt, und dass sie es nicht mehr benutzen könnte, wenn sie ausgeraubt würde und es brauchte. Ich habe sie noch nie gefragt, wie sie den Bösewicht in Schach halten will, während sie ihr Handy anmacht.

„Morgen fängt ein neuer freiwilliger Helfer an, und sie möchte, dass du ihm hilfst, sich einzuarbeiten, und ihm die Vorgehensweise erklärst.“

Ich runzle die Stirn. Wir nehmen gern Ehrenamtliche, deshalb ist das keine großartige oder ungewöhnliche Nachricht, aber meine Eltern verhalten sich hochgradig merkwürdig. „Okay. Kein Problem.“ Während ich auf die Pointe warte, reiche ich Dad den Kartoffelbrei. „Hoffentlich ist es jemand mit Erfahrung im Elektrobereich.“

„Ähm, das bezweifle ich.“

Als er seine Bemerkung nicht weiter ausführt, sage ich schließlich: „Dad, spuck es aus.“

Dad weicht meinem Blick aus und tut ungewöhnlich geheimnisvoll.

„Nun, dieser Freiwillige ist eventuell jemand, den du kennst. Na ja, kennen ist zu viel gesagt. Aber du weißt von ihm.“

Um Himmels willen, für diese Spielchen bin ich zu erschöpft. „Erwartest du jetzt, dass ich rate, wer es ist?“ Ich seufze. „Ist es jemand aus der Kirche? Jemand aus der Schule?“

„Es ist Reid Alexander“, platzt Mom heraus, unfähig, es noch länger für sich zu behalten.

„Was?“

Dad versucht, es auf die sachliche Ebene zu bringen. „Offensichtlich ist es Teil des Deals mit dem Gericht gewesen, dass er hilft, das Haus für die Diegos schnell fertig zu bekommen.“

Oh nein. Nein, nein, nein. Das passiert nicht wirklich. „Warte. Er ist also nicht im eigentlichen Sinne ein Freiwilliger – er macht das nur, weil er vom Gericht dazu gezwungen worden ist?“ Sie können nicht von mir erwarten, die Babysitterin für diesen selbstsüchtigen Frauenhelden und vermutlichen Alkoholiker zu spielen.

„Roberta meinte, sie hofft, weil du in seinem Alter bist … äh …“

„Könnte ich auf ihn aufpassen.“ Finster starre ich ihn an. „Bitte erzähl mir, dass es nur für einen Tag ist oder für zwei.“

Achselzuckend beginnt Dad zu essen. „Danach musst du Roberta fragen. Ich bin nur der Überbringer der Nachricht.“

Einen Moment lang senke ich die Lider und stelle mir die Absurdität von Reid Alexander auf der Baustelle vor und die verlorene Zeit, die von Stunde zu Stunde anwächst. Ich hatte vor, morgen die Dusche im Bad zu fliesen. Auf keinen Fall kann ich ihm zutrauen, dabei zu helfen – Fliesenlegen ist eine Arbeit, für die man Talent benötigt, und während ich es oft genug getan habe, um es zu können, hat er wahrscheinlich noch nie in seinem Leben eine Mörtelkelle in der Hand gehabt.

„Warum ich?“ Ich höre Dads Antwort schon in meinem Kopf, ehe er sie ausspricht.

„Keine Ahnung, Schatz. Doch es gibt für alles einen Grund.“ Dad tätschelt mir die Hand. „Wir müssen geduldig sein und abwarten, bis er sich uns offenbart.“

Wie jedes Mal, wenn er dies oder etwas Ähnliches von sich gibt, schlucke ich hinunter, was ich erwidern würde, wenn ich ehrlich sein könnte. Ich bin nicht davon überzeugt, dass alles einen Sinn hat, und obwohl ich an Gott glaube, heißt das nicht, dass ich blind bin. Ich glaube daran, dass Menschen eine falsche Entscheidung treffen. Ich glaube daran, dass guten Menschen schlimme Dinge zustoßen können. Ich glaube daran, dass es Böses in der Welt gibt, das ich zwar niemals verstehen, aber immer bekämpfen werde.

Wenn ich auch nur zwei Sekunden lang daran glaubte, dass hinter all den schrecklichen Dingen, die in unserem Leben passieren, ein Sinn stecke, könnte ich diesen Gedanken nicht aushalten.

3. KAPITEL

Reid

„Nun, das ist vielversprechend.“ Dad durchquert die Küche und stellt seinen Aktenkoffer auf die Granitarbeitsfläche der Anrichte.

Ich bemühe mich gar nicht erst um eine Erwiderung. Seit ich Kind war, stachelt er mich auf diese Weise an. Ich habe eine Weile gebraucht, bis ich gelernt hatte, nicht darauf einzugehen und ihm damit das Vergnügen zu lassen, unter Beweis zu stellen, wie viel intelligenter als ich er ist. Mein Vater wird dafür bezahlt, sich zu streiten – und angesichts der Größe dieses Hauses, der Passform seines maßgeschneiderten Anzugs aus Seidengemisch und der Autos in seiner Garage ist er brillant darin.

Es muss unerträglich für ihn sein, dass ich das mache, was ich mache, und mehr Geld verdiene als er. Natürlich hat er keine Ahnung, wie hart ich arbeite, wenn ich einen Film drehe, aber das spielt ja keine Rolle. Soll er doch denken, dass ich nahezu nichts tue. Dann ärgert er sich noch stärker, und das wiederum freut mich.

„Ich habe sogar Kaffee gekocht.“ Damit deute ich auf die halb volle Kanne auf der Warmhalteplatte.

Er füllt seinen Thermobecher und schraubt den Deckel darauf. „Ist deine Mutter schon auf?“

„Ich habe sie noch nicht gesehen.“

„Du musst dir ein Taxi rufen, um zur Arbeit zu kommen“, erinnert er mich. „Immerhin bist du sechs Monate lang deinen Führerschein los.“ Er klingt eine Spur zu zufrieden mit dieser Tatsache.

„Ich hatte angenommen, du würdest mich mitnehmen.“ Ich schenke ihm einen unschuldigen Blick. Ohne einen Ton herauszubringen, öffnet er den Mund, und ich zwinge mich, keine Miene zu verziehen. „Das war ein Scherz, Dad – ich habe den Fahrdienst schon angerufen. In zehn Minuten wird ein Wagen hier sein.“

„Oh.“ Finster sieht er mich an und klappt den Mund wieder zu. „Nun, sehr gut.“

Ich bin mir nicht sicher, ob es mich belustigen oder mich wütend machen sollte, dass er so überrascht ist.

Als ich dem Fahrer die Karte mit der Adresse der Wohltätigkeitsorganisation für Wohnungsbau reiche, blickt er lange darauf und sieht mich dann mit einem verwunderten Gesichtsausdruck an.

„Tja, Alter, stimmt schon“, komme ich seiner Frage zuvor. „Bringen Sie mich einfach dorthin, okay?“

Er öffnet die hintere Tür des schwarzen Mercedes. „Natürlich, Sir. Mr. Alexander.“ Als wir losfahren, dämmert es mir, dass dieser Wagen verdammt auffallen wird in der Gegend, in der ich den nächsten Monat verbringen werde. Und auch wenn ich mir ein normales Taxi nähme, wäre das nur geringfügig besser. Um mich einzufügen, müsste ich einen Typen aus einer Straßengang anheuern, der mich mit einem aufgemotzten Monte Carlo chauffiert.

Während der Fahrt überfliege ich ein paar der Drehbücher, die George und ich für künftige Projekte in die engere Wahl gezogen haben. Doch keins davon motiviert mich dazu, über die erste Seite hinaus zu lesen. Noch vor einem Jahr wäre ich mit einigen dieser Geschichten ziemlich glücklich gewesen, mittlerweile aber halte ich sie für den dümmsten Mist, den ich je gelesen habe. Für diese neue Sichtweise mache ich Emma verantwortlich, meine Schauspielerkollegin aus School Pride. Letzten Herbst hat sie mir mitgeteilt, dass sie künftig lieber ernsthafte Filme drehen wolle statt irgendwelcher Streifen mit Potenzial zum Kinohit. Keine Ahnung, warum mich ihre Meinung so beeinflusst hat.

Emma ist das einzige Mädchen, an dem ich mir seit Ewigkeiten die Zähne ausbeiße, und ich habe jede eventuelle zweite Chance vermasselt, indem ich mit anderen Mädchen herumgemacht habe, als sie sich nicht auf mich eingelassen hat. Ich habe sie angefleht, es noch mal mit mir zu versuchen, aber da war nichts mehr zu retten. Als wir Schauspieler zur Premiere wieder alle zusammengekommen sind, war sie mit Graham zusammen, einem weiteren Kollegen. Auf ihn hatte eigentlich Brooke ein Auge geworfen, die vor langer Zeit einmal meine Freundin gewesen war. Sie hatte mir einen teuflischen Plan unterbreitet: Brooke wollte Graham verführen und Emma dadurch in meine Arme treiben.

Graham hat nicht angebissen, aber dank Brookes Intrige glaubte Emma, er hätte etwas mit ihr angefangen. Sie war verzweifelt. Verletzt. Ich hatte sie genau dort, wo ich sie haben wollte, doch ich konnte es nicht tun. Das ist eins der wenigen Prinzipien, die ich Mädchen gegenüber habe: Es ist Betrug, ein Mädchen mit Lügen ins Bett zu bekommen. Und wenn ich betrüge, um zu gewinnen, ist es kein echter Sieg.

Danach habe ich mich selbst ein bisschen zu sehr hinterfragt. Zum Glück war das nur eine kurze Phase. Nach meinem Unfall habe ich mich wieder zusammengerissen, denn ich war zu ein paar Sitzungen mit einem vom Gericht bestellten Therapeuten verpflichtet worden, der mir einreden wollte, ich hätte möglicherweise versucht, mir das Leben zu nehmen. Ich habe ihm ins Gesicht gelacht. Ich meine, es ist ein Unterschied, lebensmüde zu sein, oder darauf zu scheißen, ob man lebt oder stirbt. Stimmt’s?

„Sir?“, sagt der Fahrer. „Wir sind da. Vorausgesetzt, Sie sind sicher, dass Sie hier herausgelassen werden möchten?“

Jenseits der getönten Glasscheibe liegt ein Meer von typischen Bungalows – mit abblätternder Farbe, Gittern vor den Fenstern und den Türen, jedes Haus nur einige Meter vom nächsten getrennt und umgeben von vertrockneten, ungepflegten Palmen inmitten spärlich wachsender Pflanzen. Ich starre auf den in Teilen fertiggestellten Bau, der ebenso wie alle anderen ein paar Schritte von der Straße entfernt steht. Eine Hausnummer ist nachlässig auf eine raue Sperrholzplatte gepinselt worden, die an der Wand lehnt. Es ist genau die Adresse, die mir das Gericht gegeben hat.

„Ja, das ist es. Kommen Sie gegen drei Uhr zurück, um mich abzuholen. Aus verständlichen Gründen möchte ich ungern warten müssen.“ Normalerweise würde ich um keinen Preis durch diese Gegend fahren, geschweige denn beim Bau eines dieser beschissenen Häuser helfen. Es kotzt mich an.

„Ja, Sir, ich bin circa Viertel vor drei wieder hier.“

Die Arbeiten rund ums Haus sind zum Erliegen gekommen, weil jeder den Typen anstarrt, der in diesem von Straßengangs verseuchten Stadtteil aus einem Mercedes mit Chauffeur aussteigt. Mann, ich hätte ernsthaft darüber nachdenken sollen, irgendwie anders hierherzukommen.

Als ich den unfertigen Weg hinaufgehe, kommt ein Mädchen heraus, um mich zu begrüßen. Naja, begrüßen ist zu viel gesagt. Sie funkelt mich an, als sie auf mich zukommt, und hat die Augenbrauen so dicht zusammengezogen, dass sie mich mit einem Ausdruck ansieht, den ich unter größter Willensanstrengung sogar dann vermeide, wenn ich richtig sauer bin.

Mir bleiben ungefähr zwanzig Sekunden, um sie zu begutachten. Ich brauche nur zehn.

Sie trägt ein viel zu großes, ausgeblichenes T-Shirt mit dem M.A.D.D.-Logo. Mothers Against Drunk Driving – Mütter gegen Trunkenheit am Steuer. Zufall? Das bezweifle ich. Ich kann ihre Körbchengröße oder ihre Figur unter diesem Teil nicht erkennen, ebenso wenig, ob sie eine Taille hat oder nicht. Meiner Erfahrung nach kleidet sich ein Mädchen, das attraktive Formen hat, entsprechend oder deutet sie zumindest an. Ihr Zelt von einem T-Shirt sagt mir, dass sie Makel verhüllt und keine Vorzüge.

Ihre Shorts sind so aus der Mode, dass ich nicht mal sicher bin, ob sie jemals modern waren. Ihre abgetragenen und verschrammten Bauarbeiterstiefel sind voller Farbkleckse. Trotzdem schafft sie es, ein bisschen vom Handwerker-Look wegzukommen, denn ihre Beine sind das Einzige, das annähernd heiß an ihr ist. Ihre Schenkel sind perfekt geformt, kräftig und muskulös. Die meisten der Mädchen, die ich kenne – Schauspielerinnen und Mädchen aus besseren Kreisen – wünschen sich lange, dünne Beine. Aber wenn ich was Besonderes möchte, dann stehe ich auf Beine wie diese.

Die Haut, die sie zeigt, ist gleichmäßig gebräunt. Keine künstliche Rodeo-Drive-Bräune, sondern echt. Das erkenne ich daran, dass sie einen schmalen hellen Streifen am Handgelenk hat, wo sie normalerweise etwas zu tragen scheint – vielleicht eine Uhr mit breitem Armband. Ich kenne kein einziges Mädchen, das ohne einen Schutzfaktor von etwa einer Million nach draußen geht.

Ihr Haar ist von einem gewöhnlichen Braun, und sie hat es zu einem Zopf geflochten. Vermutlich reicht es bis über ihre Schultern, wenn sie es offen trägt. Falls sie es jemals offen trägt.

Ihr Gesicht ist frei von jeglichem Make-up, noch nicht mal eine Spur Rouge oder Lipgloss. Das war vorherzusehen. Sehr, sehr dunkle Augen. Vereinzelte Sommersprossen auf den Wangen und dem Nasenrücken – die Mädchen, die ich kenne, hätten die schon vor Jahren weglasern lassen oder bleichen oder was auch immer man tut, um sich von Sommersprossen zu befreien. Und schließlich ihr Mund – ebenso eigentümlich wie ihre Beine. Die Lippen sind perfekt und voll, selbst wenn sie zu einer schmalen Linie verzogen sind wie gerade jetzt.

Ich stopfe meine Hände in die Hosentaschen, bleibe ein paar Meter jenseits der Straße stehen und warte.

„Mr. Alexander, vermute ich?“, sagt sie, während sie weiter auf mich zukommt.

Ich nicke und ergänze die kurze Liste ihrer attraktiven Eigenschaften: ihre Stimme. Der Klang weckt bei mir den Wunsch, sie singen zu hören, auch wenn sie mir signalisiert, dass es ihr am liebsten wäre, wenn sich der Boden auftun und mich verschlingen würde.

Beine, Lippen, Stimme. Falls irgendwas davon zu verlockend werden sollte, um es zu ignorieren, wird es mir mit ein paar unterschwelligen Beleidigungen gelingen, ihre Selbstachtung zu wecken und sie veranlassen, sich zurückzuziehen. Allerdings lassen sich Mädchen dadurch nur selten komplett vertreiben. Unlogischerweise fühlen sie sich zu Arschlöchern hingezogen. Ich habe nicht vor, grausam zu sein, aber ich stehe nicht auf ermüdende Gutmenschen mit großem Herzen. Ich will Spaß haben und das Beste aus meinem Leben herausholen.

Dori

Ein Mercedes? Ernsthaft? Wie wenig ich diesen Moment herbeigesehnt habe.

Der Augenblick, in dem Seine Hoheit auftauchte, war leicht auszumachen, denn jeder hörte wie auf Kommando mit seiner Arbeit auf, um den großen Star und sein protziges Auto anzugaffen. In der einen Minute summte das ganze Haus noch von Stimmengewirr, Lachen und den Geräuschen, die Menschen verursachen, die Seite an Seite arbeiten, und in der nächsten war alles still, nur unterbrochen von unterdrücktem Flüstern. Kein Hammer, kein Pinsel bewegte sich. Ich kann nicht erkennen, wie diese täglichen Unterbrechungen dem Projekt nützen sollen, doch mich hat ja keiner gefragt.

Er ist angemessen gekleidet – Jeans, T-Shirt, Arbeitsstiefel –, aber ich habe das Gefühl, dass seine Jeans teurer war als das schönste Outfit, das ich besitze. Vermutlich gilt das auch für sein T-Shirt, dessen Emblem ich nicht kenne. Ich schätze, dass es keine Marke ist, die man bei Target bekommt.

Als ich nach draußen gehe, um ihn zu begrüßen, mustert er mich achtlos von Kopf bis Fuß – darauf hätte ich vorbereitet sein sollen –, und es gefällt ihm nicht, was er sieht. Die meisten Mädchen wären wohl beleidigt, oder zumindest enttäuscht, aber ich bin froh. Ich will Reid Alexanders Interesse nicht. Wenn es nach mir ginge, würde er seinen Sozialdienst irgendwo anders ableisten, doch das Gericht will, dass er hilft, ein Haus für jene Familie zu bauen, die er obdachlos gemacht hat. Eine Logik, die ich nachvollziehen kann.

Während er seine Hände in die Hosentaschen schiebt, sieht er mich so desinteressiert an, als könnte es ihm nicht unwichtiger sein, was geschehen ist oder geschehen wird. Ich weiß nicht, woher die abgrundtiefe Trauer kam, die mich bei diesem Gedanken plötzlich überfällt. Als könnte es nichts Tragischeres geben als diesen Jungen, der vor mir steht. Lächerlich.

„Mr. Alexander, nehme ich an?“, sage ich, und er nickt kurz. Ehe er erkennt, was ich denke, wende ich mich um. Wenn es darum geht, ein Pokerface zu zeigen – das kann ich nicht. Normalerweise ist das kein Problem, denn Lügen ist etwas, das ich zu vermeiden versuche, da es zu nichts führt. Aber bei jemandem wie Reid Alexander ist es unklug, ihn auch nur den Hauch von Verletzlichkeit spüren zu lassen. Immerhin lebe ich in Los Angeles, und obwohl ich nicht in seinen Kreisen verkehre oder auch nur in der gleichen Galaxie wie seinesgleichen, kenne ich dennoch diesen Typus: sorglos, verwöhnt, rücksichtslos gegenüber Bedürfnissen anderer. Zwar hat er ein Gesicht wie ein Engel, doch man kann ihm nicht trauen.

Ich schaue über die Schulter zurück. Er hat sich nicht bewegt. Ohne langsamer zu werden, sage ich: „Kommen Sie bitte mit“, und hoffe, dass er mitkommt – denn niemand hat mir gesagt, was von mir erwartet wird, falls er meine Anweisungen nicht befolgt.

Erleichtert atmete ich aus, als ich den Kies unter seinen Boots knirschen höre, was mir signalisiert, dass er mir zumindest ins Haus folgt. Ich sage mir, ich halte ihn schon eine Weile in Schach. Als Roberta mir erzählt hat, dass sein Sozialdienst einen Monat dauern werde, hätte ich am liebsten geschrien. Das bedeutet, dass er mein Problem ist, bis ich in dreieinhalb Wochen nach Ecuador aufbreche.

Als wir durch das kleine Haus gehen, starren uns all meine Kollegen an, als wären sie hypnotisiert vom Anblick eines Stars. Selbst erwachsene Männer halten mit ihrer Arbeit inne, aber die Frauen sind schlimmer – sie glätten ihre Kleidung, bringen ihr Haar in Ordnung. Um Himmels willen. Man könnte annehmen, sie hätten noch nie zuvor einen hübschen Mann getroffen. Das ist das Einzige, was ich zugeben und mit dem ich fertig werden muss – die unverblümte Tatsache, dass er wunderhübsch ist.

Ich habe die Titelbilder der Zeitschriften gesehen, die Poster an den Wänden meiner Freundinnen, sein Konterfei auf Rucksäcken von Neunjährigen, die nach der Schule zur kirchlichen Betreuung kommen, heiliger Petrus. Mir war klar, dass er attraktiv ist. Doch Fakt ist, dass ihm „attraktiv“ nicht gerecht wird. Mom würde seine Haarfarbe schmutzigblond nennen, und Dad würde feststellen, dass sein Haar etwas zu lang sei. Seine Augen sind von einem so dunklen Blau, dass ich das bisher immer für ein Resultat von Photoshop gehalten habe. Er ist so sinnlich attraktiv, dass ich jedes Mädchen, dem er Aufmerksamkeit schenkt, in meine Gebete einschließen sollte, weil es allen göttlichen Beistand brauchen wird, den es bekommen kann, um ihm zu widerstehen. Ich bin dankbar, dass er mich so schnell abgehakt hat.

„Eigentlich wollte ich heute die Dusche fliesen, aber das ist ziemlich kompliziert. Sie würden letztendlich nur zusehen. Deshalb werden wir stattdessen das Schlafzimmer streichen.“ Genau dort kommen wir jetzt an. Die Wände und die Decke sind bereits vorbehandelt. Letzte Woche habe ich sie verputzt und grundiert. Bisher ist kein Teppichboden verlegt, sodass ich mir zumindest keine Sorgen machen muss, er könnte den Bodenbelag ruinieren. „Ich übernehme die Decke, weil es …“

„Kompliziert ist?“, fällt er mir ins Wort und bedenkt mich mit einem amüsierten Blick.

Ich atme langsam und tief durch. Das werden lange dreieinhalb Wochen.

4. KAPITEL

Reid

„Haben Sie eigentlich einen Namen – oder soll ich Sie einfach Boss nennen?“

Einführung: Anstandsregel 101. Ihre Ohrläppchen werden hellrosa, ansonsten aber errötet sie nicht.

„Entschuldigung.“ Sie tritt auf mich zu und reicht mir die Hand. „Ich bin Dori.“

Ich ergreife die ausgestreckte Hand und schüttle sie einmal kurz. Es ärgert mich, dass die Kombination ihrer umwerfend perfekten Stimme mit der Berührung durch ihre Hand auf mich wirkt wie ein kleiner elektrischer Schock. „Nennen Sie mich Reid. Nur meine Mitarbeiter reden mich mit Mr. Alexander an. Und wir können uns gern duzen.“

Sie versteht mich sofort und blinzelt. Ihre Ohrmuscheln nehmen einen dunkleren Rosaton an, und ich stelle fest, dass dieser Monat unterhaltsamer werden könnte als gedacht. Jedem direkten Schlag folgt ein sichtbares Signal. Ich wette, sie trägt ihr Haar immer zurückgebunden.

Sie räuspert sich und deutet auf den Stapel Zeug in der Mitte des Raumes, der rund um eine Leiter aufgehäuft ist. „Okay, also dann, Reid, hier ist die Farbe, die wir verwenden, die Rollen, Pinsel et cetera. Hast du schon mal einen Pinsel benutzt?“

Meint sie das ernst? „Nicht, um Wände anzustreichen.“

Ohne zu zögern, kontert sie sofort: „Ich denke, du kannst noch was lernen.“ Damit zieht sie ein kleines metallenes Werkzeug aus der Hosentasche und hockt sich neben die Farbeimer.

Ich versuche, mich nicht auf das Spiel ihrer Beinmuskeln zu konzentrieren, das vom Schaft ihrer Stiefel bis zum Saum ihrer Shorts zu erkennen ist.

„Ich bezweifle, dass ich in absehbarer Zeit die Wände bei mir zu Hause streichen werde“, erwidere ich, und mein spöttischer Unterton macht deutlich, dass ich es für Zeitverschwendung halte, mich handwerklich zu betätigen, da ich doch einem illegalen Einwanderer kaum etwas dafür bezahlen muss, damit er diese Arbeit für mich tut.

Sie hebelt den Deckel von einem der Farbeimer, ignoriert meinen Kommentar und lächelt in das Himmelblau des Behälters. Ohne aufzusehen, legt sie den Deckel beiseite.

„Was ist, wenn du eine Filmrolle annimmst, in der du so tun musst, als könntest du streichen, obwohl du keine Ahnung davon hast? Unter meiner Anleitung wirkst du am Ende der Woche wie ein Fachmann.“

Meine Einschätzung ihrer Fähigkeit zur Manipulation steigt einige Grade an. Sie ist geradezu gefährlich.

Sie will mich also zu einem Fachmann fürs Zimmerstreichen machen? Wie schwierig kann das schon sein?

Bizeps und Deltamuskeln brennen (zumindest muss ich mir keine Sorgen über Muskelabbau machen, solange ich hier bin). Ich streiche Farbe auf das letzte Stück der vierten Wand, während Dori auf der Leiter steht und mit einem Pinsel die „Übergänge“ nachzieht – sie ist für die Zwischenräume zuständig, die man mit der Rolle nicht erreicht, ohne aus Versehen die Decke zu bemalen. Das habe ich auf die harte Tour gelernt.

Die Fenster sind geöffnet, damit wir nicht an den Farbdämpfen ersticken, aber es gibt keine nennenswerte Brise, und der Sommer hat noch einen Gang zugelegt. Das wäre ein perfekter Tag für den Strand. Alternativ auch für jeden anderen Ort.

„Es ist verdammt heiß hier drin.“ Ich lege die Rolle auf das Sieb und begutachte meine Hände, die blau gesprenkelt sind. Auf meinen Nägeln ist Blau, unter meinen Nägeln ebenfalls. Es zieht sich über meine Unterarme und das gelbe Prada-T-Shirt, das zum Glück nicht zu meinen Lieblingsteilen gehört. Da es sowieso schon mit blauer Farbe gestreift und bekleckst ist, kommt es auch nicht mehr darauf an, wenn ich meine Hände daran abwische.

Ich ziehe das Shirt aus und werfe es neben einen Haufen mit Abdeckplanen, nachdem ich mein Gesicht damit abgerieben habe. Dori steht reglos auf der Leiter und starrt mich an, während ein Rinnsal Farbe vom Pinsel, den sie aufrecht hält, über den Griff und weiter an ihrem Arm entlangläuft. Als ich eine Augenbraue hochziehe, richtet sie ihre Aufmerksamkeit wieder auf den Pinsel in ihrer Hand und taucht ihn in die flache Farbschale, die an einem Haken an der Leiter hängt.

Ich greife nach einem Tuch, steige hinter ihr auf die Stufen, umfasse ihr Handgelenk und halte den Farbtropfen mit dem Lappen auf. Das scheint sie extrem zu verunsichern.

„Diese Leiter ist nur für das Gewicht von einer Person gemacht“, sagt sie und nimmt mir den Lappen ab.

Schulterzuckend springe ich hinunter. „Gern geschehen.“ Ihre Beine, glatt und makellos, sind auf meiner Augenhöhe, als meine Boots wieder den Boden erreicht haben. Ich widerstehe dem Drang, mit einem Finger über den weichen Punkt in ihrer Kniekehle zu streichen. Möglicherweise würde sie von der Leiter fallen – woraufhin ich sie auffinge –, und anfangen zu schreien.

Um Himmels willen, Mann, lass das sein.

„Vielen Dank.“

Während ihre Ohren sich rosa färben, hakt sie die Schale aus und vermeidet es, mich anzusehen.

Ich bin erst einen halben Tag hier und habe ihr schon zweimal Manieren beigebracht. Das spornt an. Rückwärts steigt sie mit der Schale und dem Pinsel die Leiter herunter, und ich erkundige mich, ob wir mit diesem Zimmer fertig sind. Sie neigt den Kopf zur Seite, als würde sie herauszufinden versuchen, ob ich es ernst meine, und sieht mich an.

„Nein. Wir machen nur eine Mittagspause, um die Farbe trocknen zu lassen, damit wir die zweite Schicht auftragen können.“

„Du willst mich auf den Arm nehmen“, sage ich. „Wir müssen diesen ganzen Raum noch einmal streichen?“

Sie beißt die Zähne zusammen, doch mit einem tiefen Atemzug entspannt sie sich wieder.

„Genau. Wenn wir vom Lunch zurückkommen, wirst du sehen, wieso.“ Ihre Stimme ist voller Geduld und Stärke.

Ich verfüge über keinen dieser Charakterzüge. „Gut. Wie auch immer. Ich bin einen Monat lang hier. Da spielt es keine Rolle, ob ich die gleiche verdammte Wand fünfzigmal streiche.“

Sie presst die Lippen zu einer schmalen Linie zusammen, atmet hörbar aus, sieht mich an und wendet den Blick ab.

„Könntest du bitte dein Shirt wieder anziehen?“

Ich muss grinsen. „Warum? Stört es dich, wenn ich mit freiem Oberkörper arbeite?“

In übertriebener Weise verdreht sie die Augen, und ich ringe mit mir, um nicht zu lachen.

„Es ist mir egal, wenn du dich nackt ausziehst. Doch wir haben heute einige ältere Helfer, und ein paar von ihnen sind noch aus der ‚Drinnen keinen Hut‘-Fraktion. Deshalb vermute ich, dass sie nicht besonders begeistert wären, dich beim Lunch mit entblößtem Oberkörper zu sehen. Aber es ist deine Entscheidung.“

Ich nehme das Shirt vom Boden, ziehe es an und folge ihr hinaus. „Nackt ausziehen, hm? Ich weiß nicht so recht, Dori. Wir haben uns doch gerade erst kennengelernt.“ Sie erwidert nichts, ihre Ohren verfärben sich jedoch pink. Treffer.

Dori

Ich kann es nicht fassen, dass ich Reid Alexander ermutigt habe, sich in meiner Gegenwart auszuziehen. Als wüsste ich nicht, dass er eine solche Bemerkung niemals stillschweigend hinnehmen würde.

Eigentlich habe ich erwartet, dass es schwierig wäre, ihn zu motivieren und ihm etwas beizubringen, doch er hört zu (auch wenn er zu Tode gelangweilt scheint), und größtenteils befolgt er meine Anweisungen. Allerdings muss ich ihn zunächst seine eigenen Erfahrungen machen lassen, denn offensichtlich ist er der Typ, der nur auf die harte Tour lernt. (Erschreckend.) Er glaubt mir nicht, dass er aufpassen muss, nicht zu viel Farbe auf die Rolle zu nehmen. Oder dass er nicht in Bögen streichen darf, sondern beim ersten Mal gerade auf und ab. Und dass er mit der Rolle nicht zu nah an die Decke kommen darf.

Vor der Wand, die er zuerst gestrichen hat, sind überall Farbkleckse auf dem Boden. Ich habe ihn auf mehrere dicke Farbspuren hingewiesen, die an der Wand hinunterliefen und die er verstreichen musste, ehe sie so antrockneten. Und natürlich ist er zweimal an die weiße Decke gekommen und an die Sockelleiste, weil er versucht hat, bis zur Kante zu streichen. An der zweiten Wand war er schon besser und er steigerte sich an der dritten. Die letzte war fast gelungen. Ich begann, mich zu entspannen, bis er sein T-Shirt auszog.

Achtzehn Jahre lang bin ich unbeeindruckt geblieben von männlichen Oberkörpern, aber meine Güte, ich habe noch nie einen Körper wie diesen gesehen. Er ist gebaut wie ein Model für Parfümwerbung oder Beachwear und Sportkleidung – überall perfekte Haut, die sich über makellos straffen Muskeln spannt. Zum Glück ist seine Arroganz so abtörnend, dass ich kein Problem damit habe, ihn zu bitten, sein T-Shirt anzuziehen.

Wie schon am Morgen bei unserem Gang durch das Haus brechen auch jetzt wieder sämtliche Gespräche ab, als Reid und ich nach draußen kommen, dorthin, wo einmal der Garten sein wird, wenn wir Grassoden ausgelegt haben. Zwanzig und mehr Leute sitzen auf umgedrehten Eimern und Klappstühlen und unterhalten sich über die künftige Veranda, während sie Pappschachteln mit Tamalen und Tacos auf ihrem Schoß stehen haben. Einige der Arbeiter sind jeden Tag vor Ort, insbesondere die Teamleiter wie Roberta. Ansonsten wechselt die Zusammensetzung von Tag zu Tag – Studenten, Kirchengruppen, Gartenbauvereine oder Mitarbeiter von ansässigen Firmen, die kommunale Wohltätigkeitsorganisationen unterstützen, indem sie Fachleute für Projekte wie unseres freistellen.

Ich gehe zum Wasserhahn, um mir die Hände zu waschen, Reid ebenfalls. Dann spritzt er sich Wasser ins Gesicht und fährt sich mit den nassen Fingern durchs Haar, als würde ihn nicht jeder hier draußen beobachten. Während er mir zu dem kleinen Tisch folgt, auf dem das Essen steht, benimmt er sich, als wäre es nicht ungewöhnlich, dass ein Hollywoodstar mit Plastikbesteck von einem Pappteller isst und sich eine Wasserflasche aus der Kühltasche nimmt.

Ich setze mich auf eine Stufe und balanciere den Teller auf meinen Knien. Er lässt sich neben mir nieder. Noch immer starren ihn alle an, doch die Gespräche werden leise wieder aufgenommen.

„Warum bist du eigentlich hier?“, erkundigt er sich. „Ich schätze, du hast keine Strafe aufgebrummt bekommen wegen Trunkenheit am Steuer oder bist erwischt worden, weil du einen Joint im Spind deines Sportstudios hattest.“

„Ähm, nein“, erwidere ich, nachdem ich einen Bissen hinuntergeschluckt habe. „Ich arbeite regelmäßig an diesem Projekt mit.“

Prüfend sieht er mich an, und ich kann nicht erkennen, ob er erstaunt ist oder belustigt.

„Du machst das also die ganze Zeit. Hm.“

„Was?“

Während er den Blick über die anderen freiwilligen Helfer schweifen lässt und alle mustert, ohne dass sich sein Gesichtsausdruck verändert, betrachte ich sein Profil und warte, dass er zu einer Erklärung ansetzt. Er hat die längsten Augenwimpern, die ich je bei einem Typen gesehen habe, und sein feuchtes Haar, das im nassen Zustand dunkler wirkt, lockt sich an den Spitzen über den Ohren und im Nacken und berührt den Rand seines farbverschmierten T-Shirts.

„Nichts.“ Er zuckt die Achseln. „Ich frage mich nur, wofür du sonst noch Zeit hast, wenn du hier ständig arbeitest“, fügt er hinzu und beißt von einem Taco ab.

Menschen wie er verstehen Leute wie mich grundsätzlich nicht. Es ist, als würden wir verschiedenen Arten angehören.

„Na ja, nachdem ich meine Tage normalerweise nicht damit verbringe, betrunken zu sein, Hasch zu rauchen, in Clubs rumzuhängen und mit allem zu schlafen, was Beine hat, habe ich ziemlich viel Zeit für andere Aktivitäten.“ Ach du meine Güte. Das habe ich jetzt nicht gesagt.

Er lacht leise und dreht sich zu mir um. Finster sehe ich ihn an. Seine blauen Augen, umrahmt von dichten, dunklen Wimpern, sind beeindruckend.

„Lass mich raten – Montag ist Buchclub, Dienstag ist Spieleabend mit der Familie, Mittwoch die Bibelarbeit und am Donnerstag triffst du dich mit dem Handarbeitskreis, um Quilts für die Senioren zu nähen. Bin ich nah dran?“

Ohne zu antworten, erhebe ich mich, um hineinzugehen. Es ist nicht das erste Mal, dass ich für das, was ich tue, beleidigt werde. Aber aus irgendeinem Grund – vielleicht, weil es in dieser Umgebung so besonders unpassend scheint – wirkt es entmutigender als sonst.

„Warte“, sagt er.

Dummerweise bleibe ich tatsächlich stehen in der Erwartung, er werde sich entschuldigen.

„Wann bleibt dir da eigentlich noch Zeit für die Suppenküche?“

Er lacht, während ich ins Haus gehe, ohne mich umzudrehen.

5. KAPITEL

Reid

Wow, das war wirklich eine schwachsinnige Bemerkung. Für jemanden, den die Nähe eines Promis so wenig beeindruckt, ist sie erstaunlich cool geblieben. Gerade angesichts der Liste illegaler Aktivitäten, in die ich – um die Wahrheit zu sagen – verwickelt bin. Trotzdem, Jesus. Kann es noch schlimmer kommen?

Ich stehe auf, um hineinzugehen. Die Gespräche verebben, und alle machen sich wieder an ihre unterschiedlichen Arbeiten, die sie für die Mittagspause unterbrochen haben. Diejenigen, die draußen bleiben, werfen mir verstohlen Blicke zu, als ich den Teller und das Besteck wegwerfe, die Flasche austrinke und sie in einen Recycling-Mülleimer stecke.

„Mr. Alexander“, spricht mich jemand an – es ist diese Roberta. „Wie läuft es bisher?“

„Fantastisch.“

„Oh, gut.“ Sie lächelt und scheint meinen ironischen Tonfall gar nicht wahrzunehmen. „Dorcas ist eine unserer besten Helferinnen. Wir sind echt stolz auf sie, vielleicht bringt sie Ihnen sogar noch ein paar neue Tricks bei.“

„Mhmm“, mache ich und erwidere ihr Lächeln, während mein Kopf auf Hochtouren läuft – Dorcas? Wer zum Teufel nennt sein Kind Dorcas? Und ganz nebenbei, Lady, wird der Tag, an dem eine kleine prüde Dorcas mir einen neuen Trick beibringt, auch der Tag sein, an dem ich mir ein schönes Hochhaus suche, um mich hinunterzustürzen.

Ich kehre in das Zimmer zurück, das wir gestrichen haben. Sie hat sich Stöpsel in die Ohren gesteckt, an ihren Shorts hängt ein uraltes iPod-Modell, das Kabel läuft unter ihrem T-Shirt durch. Die Utensilien, die sie heute Vormittag zum Streichen der Decke gebraucht hat, sind wieder eingesammelt. Sie schaltet die Musik aus, ohne die Kopfhörer aus den Ohren zu nehmen, und sagt: „Du weißt ja, was zu tun ist. Ich gehe einen Raum weiter, um da die Decke zu streichen, außer du brauchst mich hier, damit ich dich begleite.“

Ich schlucke ein halbes Dutzend Antworten hinunter. „Ich denke, ich komme klar.“

Sie nickt nur kurz.

Als sie schon fast an der Tür ist, füge ich hinzu: „Ach, und Dorcas, du musst noch mein Formular für das Gericht unterschreiben, bevor ich gehe.“

Sie strafft die Schultern und geht unbeirrt aus dem Raum. Ihre Ohren glühen wie Fackeln. Ich presse die Lippen zusammen, um nicht lachen zu müssen. Es ist so einfach, sie aus der Fassung zu bringen.

Um drei Uhr bin ich mit dem Zimmer fertig. Um eine Minute nach drei taucht Dori mit einem Stift in der Hand bei mir auf. Während sie sich umsieht und meine Arbeit überprüft, ziehe ich das Formular aus meiner Hosentasche und reiche es ihr. Außer zwei blauen Streifen an der Decke oberhalb der ersten Wand (die beweisen, dass sie recht hat mit ihrem Hinweis, nicht zu nah mit der Rolle an die Decke zu kommen), sieht es ziemlich gut aus. Kommentarlos unterschreibt sie den Zettel – Dorcas Cantrell – und gibt ihn mir zurück.

Ich danke ihr und nehme an, dass sie nichts lieber tun würde, als sich umzudrehen und grußlos zu gehen, aber nach meinem Tadel heute Morgen wagt sie das nicht.

„Bis morgen“, erwidert sie. Ihre gefühlvolle Stimme versetzt mir einen kleinen Stoß, doch Dori hat sich schon abgewandt.

Mein Fahrer steht am Straßenrand. Sobald er mich sieht – verschwitzt und blau gesprenkelt –, startet er den Wagen. Ich bin sicher, dass er sich ausmalt, was meine Kleidung auf den Ledersitzen anrichten wird, aber er sagt nichts außer: „Guten Tag, Mr. Alexander“, als er die hintere Tür öffnet und wartet, bis ich eingestiegen bin.

Dank dieses verdammten Vergleichs muss ich zwanzig Tage gemeinnütziger Arbeit leisten. Mitte August werde ich in Vancouver zum Dreh erwartet. Ich kann mir also keine freien Tage genehmigen. So. Ein Tag ist geschafft, bleiben noch neunzehn.

Dori

Zwei Stunden, nachdem Reid gegangen ist, holt Dad mich ab.

Während er sich in den Verkehr einfädelt, trommelt er leicht auf dem Lenkrad herum. Die Strecke nach Hause führt ein Stück über die Autobahn und er hat den Klassiksender eingeschaltet, um sich zu entspannen. Bachs Konzert für zwei Violinen erfüllt das Wageninnere. Dankbar, nicht selbst hinterm Steuer sitzen zu müssen, lehne ich den Kopf an und schließe die Augen. Ich hasse es, auf den Autobahnen rund um L. A. zu chauffieren. Mom sagt, es bringe den Teufel in mir zum Vorschein. Der Art und Weise nach zu urteilen, wie die Leute auf der 110 fahren, bin ich damit nicht allein.

„Wie war dein Tag heute?“

Es ist immer so offensichtlich, wenn Dad etwas erfahren will. Allein die Tatsache, dass er ein paar Minuten während der Fahrt verstreichen lässt, verrät mir, wie sehr er versucht, seine Frage nebensächlich klingen zu lassen.

Was soll ich ihm erzählen? Dass Reid so verwöhnt und arrogant ist, wie ich vermutet habe, stur, aber lernfähig, und hübscher, als jeder Typ von Rechts wegen sein dürfte?

„Gut.“ Es gelingt mir nicht, die Verärgerung aus meiner Stimme herauszuhalten.

„Mein Schatz, ich habe erlebt, wie du zwei Dutzend Zwerge zu einem Chor aus lauter Engeln verwandelt hast.“ Er tätschelt mein Knie. „Ich bezweifle, dass dieses Projekt jetzt schwieriger ist.“

„Die kleinen Engel hatten Angst vor mir, Dad.“

Er lacht. „Alle Kinder lieben dich, Dori.“

„Liebe und Furcht, Dad – das ist der Schlüssel zum Ansporn. Liebe und Furcht.“

Während der Rushhour ist die 110 ein Parkplatz. Wir kommen kaum vorwärts, ich wäre schneller, wenn ich zu Fuß ginge. Buchstäblich. Mühsam öffne ich ein Auge. Durch die Windschutzscheibe sehe ich vor uns einen Sattelschlepper. Auf jeder Seite neben uns stehen ebenfalls Autos, die nicht weiterkommen.

„Hast du vor, diese Taktik auch auf Mr. Alexander zu übertragen?“

Ich sträube mich dagegen, dass mein Vater ihn so nennt. Jemand wie ich wird niemals etwas wie Liebe oder Furcht bei jemandem wie Reid auslösen. „Ich kann mir nicht vorstellen, wie ich ihn dazu bringen könnte, etwas zu tun, das er nicht tun will.“

Dad runzelt die Stirn. „Hat er sich heute geweigert zu arbeiten?“

Als ich an Reids schockierten Gesichtsausdruck denke, als ich ihm mitgeteilt habe, dass der Raum einen zweiten Anstrich braucht, muss ich ein Lachen unterdrücken. „Nein, er hat ein Zimmer gestrichen – mit meiner Unterstützung.“

Das Fliesenverlegen im Bad habe ich auf morgen verschoben. Am Ende des Tages war Reid in der Lage, ohne Hilfe zu malern, deshalb wird er vielleicht keine ständige Kontrolle brauchen.

„Ich schätze, das ist doch schon mal etwas – wenn er tatsächlich gearbeitet hat, statt nur die Primadonna herauszukehren.“

Mit geschlossenen Augen drehe ich meinen Kopf hin und her, um die Verspannung zu lösen, die sich nach einem Tag Deckenstreichen eingestellt hat. „Heute Nachmittag musste ich ein Formular vom Gericht unterschreiben und bestätigen, dass er gekommen ist und gearbeitet hat. Vermutlich bekommt er Ärger, wenn er nicht wirklich gemeinnützige Arbeit leistet.“

Die Konzertmusik wird lauter, und ein paar Minuten lang schweigen wir beide. Für jeden von uns ist Musik die reinste Form der Emotion. Wenn sie gefühlvoll gespielt wird, treibt sie mir Tränen in die Augen und macht mich atemlos. Für mich gibt es nichts Schöneres, als zu singen und zu wissen, dass ich damit andere ebenso berühre.

„So, was steht heute Abend auf dem Programm? Party bis in die frühen Morgenstunden? Autorennen auf dem Sunset Strip? Ein heißes Date?“

Mein Vater lacht über seinen kleinen Witz. Ich weiß, dass er nichts davon ernst meint – für ihn bin ich ein unverbesserlich gutes Mädchen. Vielleicht bin ich das einzige Mädchen in der Geschichte Kaliforniens, dessen Vater es ermutigt, abends mit Freunden loszuziehen.

„Klar – alles auf einmal. Warte nicht auf mich.“

„Triffst du dich eigentlich noch mit …“ Er schnippt zweimal mit den Fingern.

„Nick?“

„Genau den meine ich.“

„Da war nie wirklich was, Dad.“

Nick ist ein Typ aus meiner Schule, der bekannt ist für sein soziales Engagement. Mit anderen Worten – er ist mein männliches Pendant. Jeder hat versucht, uns zusammenzubringen, als er im Junior Year zu uns an die Schule kam. Wir waren ein paarmal zusammen aus und treffen uns noch gelegentlich. Er ist nett und ganz sicher ziemlich gut aussehend, aber ich denke tagelang nicht an ihn. Und das kommt oft vor.

„Ist ihm das bewusst?“

„Dad, hör auf.“ Es amüsiert mich, dass mein Vater sich für mein Liebesleben interessiert. Oder für den Mangel daran. „Wir kommen gut miteinander aus. Er ist nett. Witzig. Ich kann gut mit ihm reden.“ Alles das, was man von Reid nicht sagen kann.

Warum denke ich ausgerechnet an ihn?

„Autsch“, sagt Dad und zuckt zusammen. „Die Chemie passt nicht, hm?“

„Was?“

„Nett, lustig, gut zum Reden – klingt so, als würdest du von mir sprechen!“ Er blickt über seine rechte Schulter, um die Spur zu wechseln, und zwinkert mir bei der Gelegenheit zu.

„Ich könnte es schlechter treffen als mit jemandem wie dir, Dad“, sage ich lachend.

Er tut so, als würde er sich selbst im Rückspiegel bewundern, und wackelt mit den Augenbrauen. „Stimmt. Außerdem hast du ja auch keine Eile.“

„Definitiv nicht.“

Ich bin achtzehn, und er hat recht – es eilt nicht. Deshalb erzähle ich ihm nicht, wie sehr ich mir diese Art von Beziehung wünsche. Eine Partnerschaft, wie Mom und er sie leben. Das Vertrauen und der gegenseitige Respekt zwischen ihnen sind offensichtlich, aber unter der Oberfläche kocht die Leidenschaft. Ich offenbare ihm nicht, wie groß meine Furcht ist, dass ich das niemals erleben werde. Und ich verrate ihm nicht, dass ich mich an manchen Tagen so fühle, als wäre alles, was ich tue, nur der Versuch, es wert zu sein, so sehr geliebt zu werden.

6. KAPITEL

Reid

„Reid!“

Mom erwartet mich an der Tür mit einem Drink in der Hand. Während sie mein Shirt anfasst, weiten sich ihre Augen, und sie klappt den Mund zu. Dann lässt sie den Stoff los, als wäre er mit Mist und nicht mit Farbe besprenkelt, und wischt sich die Finger ab.

„Es ist nur Farbe, Mom. Und sie ist schon getrocknet.“ Ich ziehe das Shirt über den Kopf herunter und gehe die Marmorwendeltreppe hinauf.

„Hast du auch welche an die Wände bekommen?“

Logisch, ein Klugscheißer-Charakter wird vererbt, und ich habe gleich die doppelte Dosis kassiert.

„Ja, das habe ich tatsächlich. Ich springe unter die Dusche – wann gibt’s Abendessen?“, rufe ich nach unten, als ich den zweiten Treppenabsatz erreicht habe.

„Immaculada soll es um sieben auf den Tisch bringen.“

„Ich werde eine Runde schlafen, denke ich. Später will ich noch ausgehen, und ich bin todmüde.“

Eine Antwort warte ich nicht ab. Wenn Dad nicht nach Hause kommt – und das kommt er normalerweise nie –, habe ich keine Ahnung, wie Mom den Abend verbringen wird, außer mit einem weiteren Cocktail, oder auch dreien.

„Ich kann es immer noch nicht fassen, dass du deinen 911er zerlegt hast, Mann.“ John drosselt seinen Jaguar XJ, um die Kurve zu nehmen. „Das tut weh, ernsthaft.“

Mein eine Woche alter Porsche 911 GT2 RS war süß. Ich weiß nicht mal mehr, wie ich in jener Nacht hineingekommen bin. Vermutlich sollte ich froh sein, dass ich nicht noch jemanden aus dem Club mitgenommen habe – die komplette rechte Seite war eingedrückt.

Mann, das ist ein viel zu ernüchternder Gedanke für heute Abend.

Autor

Entdecken Sie weitere Romane aus unseren Serien

Between The Lines