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Bille und Zottel Bd. 03 - Mit einem Pferd durch dick und dünn

Wie langweilig wird der Winter werden, denkt Bille, als der Trubel der Festtage vorüber ist. Aber da geht der Wirbel erst richtig los. Schneemassen werden von einer Flutkatastrophe abgelöst, und mehr als einmal treten Bille und Zottel als Helfer in der Not auf.


  • Erscheinungstag: 14.11.2013
  • Seitenanzahl: 128
  • Altersempfehlung: 10
  • Format: E-Book (ePub)
  • ISBN/Artikelnummer: 9783505134449

Leseprobe

TINA CASPARI

Schriftzug.tif

Mit einem Pferd

durch dick und dünn

Abschied und neuer Anfang

„Verdammt, jetzt habe ich ihm die Nase abgerissen!“

„Wem?“

„Deinem Schätzchen!“

Karlchen wühlte in den Taschen seiner Jeans, förderte einen Kaugummi, zwei schmutzige Taschentücher, eine alte Kinokarte und seinen Schulbus-Ausweis zu Tage und fand endlich, was er suchte: sein Taschenmesser. Er ließ es aufschnappen und schob die Klinge vorsichtig unter die widerspenstigen Reißnägel, mit denen das Bild von Zottel an der Wand befestigt war.

Bille trat hinter ihn und betrachtete den hässlichen Riss im Foto, der Zottels Nase vom übrigen Körper getrennt hatte.

„Vielleicht kann man’s noch kleben“, versuchte Karlchen sie zu trösten. „Ich versuch’s mal mit einem Klebestreifen auf der Rückseite.“

Auf der Treppe näherten sich polternde Schritte. Bettina und ihre Vettern Daniel, Simon und Florian stürmten ins Zimmer.

„Wo steht das Klavier? Ich trag die Noten!“, sang Daniel in gefühlvollem Opernbass, ergriff einen mit Büchern voll gepackten Karton und stiefelte zur Treppe zurück.

Bettina hatte einen Waschkorb mitgebracht.

„Pack deine Kleider und deine Wäsche hier rein, wir tragen inzwischen die anderen Sachen runter, okay? Komm, Flori, fass mal mit an!“

Bettina hob den leer geräumten Nachttisch an und Florian ergriff das altmodische Monstrum bei den Füßen.

„Seid vorsichtig auf der Treppe, sie ist wahnsinnig steil“, mahnte Bille, übertönt von einem wilden Schmerzensschrei aus der Tiefe. „Verdammt, jetzt hat Daniel sich den Kopf gestoßen! Ich hätte ihn warnen sollen. Für seine Länge sind die niedrigen Decken in unserer alten Hütte einfach nicht geschaffen!“

Simon, der mittlere der drei Henrich-Brüder, grinste breit.

„Das Problem habe ich wenigstens nicht. Kleine Leute haben es eben doch leichter im Leben. Kann ich den schon mitnehmen?“ Er zeigte auf den Schreibtischstuhl.

„Meinetwegen. Aber was deine Körperlänge betrifft, würde ich nicht zu früh jubilieren. Daniel ist schließlich fast erwachsen, während du mit deinen lächerlichen fünfzehn Jahren noch mitten in der Entwicklung bist. Du kannst deinem großen Bruder noch leicht über den Kopf wachsen.“

„Das halte ich für ein Gerücht.“ Simon packte den Stuhl und steuerte auf die Treppe zu. „Ich werde immer zu den zarten, durchgeistigten Typen gehören.“

„Das merke ich mir“, brummte Karlchen, der sich heftig bemühte, Billes umfangreiche Sammlung von Fotos und Zeitungsausschnitten unbeschädigt von der Wand zu lösen.

„Könnte ja sein, dass ich mal ein bisschen Geist benötige.“

„Hm – zum Beispiel bei der nächsten Mathearbeit“, stichelte Bille. „He, sei vorsichtig mit Winkler auf Halla – den habe ich nur einmal. Hier hast du einen Karton. Pferde auf die eine Seite, Reiter auf die andere. Da – Feodora beim Reitturnier in Aachen, sieht sie nicht fabelhaft aus? Aber wo ist Herr Tiedjen?“

„Wahrscheinlich hat sie ihn abgeworfen. Schau mal unter dem Bett nach.“

„Ach du Scheiße, ich habe die Gardinen vergessen! Und jetzt ist Simon mit dem Stuhl weg! Dieser Umzug bringt mich völlig durcheinander.“

Bille sah sich suchend in dem halb leer geräumten Zimmer um, dann zerrte sie ihr Bett aus der Ecke bis vors Fenster, streifte die Schuhe ab und stieg auf die Matratze.

„Ein Glück, dass hier alles so niedrig ist. Im neuen Haus braucht man ’ne Leiter, um die Gardinen aufzuhängen.“

Wieder näherten sich schwere Schritte auf der Treppe.

„Da kommt Onkel Paul. Bei seinem Gewicht knarzen die Stufen immer drei Töne tiefer als sonst“, sagte Bille kichernd und sprang vom Bett, um ihren künftigen Stiefvater zu begrüßen.

„Na, wie steht’s denn hier? Alles abmarschbereit?“

Onkel Paul sah aus wie der Nikolaus, der eine Schar verängstigter Kinder nach ihren guten und bösen Taten abfragt. Er besaß eine Mischung aus imponierendem Aussehen und Güte, bei der man sich beschützt fühlen konnte wie hinter einem warmen Ofen, wenn es draußen stürmt und schneit. Genauso hatte sich Bille ihren Stiefvater gewünscht, falls Mutsch jemals wieder heiraten sollte.

„Alles klar, Onkel Paul. Ich nehm nur schnell noch die Gardinen ab und leg meine Kleider in den Wäschekorb.“

„Gut. Stellt alles unten in der Küche zusammen, der Wagen muss gleich da sein. Den Kleinkram könnt ihr dann mit dem Ponywagen transportieren.“

„Wo ist Mutsch?“

„Sie ist schon drüben und fängt mit dem Einräumen an. Außerdem findet sie immer noch was zu putzen, du kennst sie ja. Da kommt der Wagen. Also – bis später.“

Unten fuhr der Lastwagen vor, der sonst drüben in Leesten die Waren für den Spar-Markt transportierte. Onkel Paul und der Fahrer begannen die Wohnzimmermöbel zu verladen. Das meiste davon wurde auf den Speicher des neuen Hauses gebracht, denn Mutsch und Onkel Paul wollten sich ganz neu einrichten. Nur ein paar Stücke, an denen Mutsch besonders hing, würden auch in der neuen Wohnung einen Platz bekommen.

Bille öffnete ihren Schrank und warf wahllos Kleider und Wäsche in den Wäschekorb.

„So, fertig. Den Schrank könnt ihr abbauen.“

Sie schob den übervollen Wäschekorb zur Seite und nahm die Matratzenteile aus dem Bett. Nun brauchten die Jungen nur noch den Schrank und das Bett zu zerlegen und den Schreibtisch die Treppe hinunterzutragen – das war das Schwierigste.

Halt! Der Teppich war noch nicht zusammengerollt. Die Gardine stopfte sie mit hinein, die musste sowieso gewaschen werden. Drüben in ihrem neuen Reich hingen schon die leuchtend orangerot, gelb und apfelgrün gestreiften Vorhänge, deren Farben sich in den Bezügen der Möbel wiederholten.

Daniel, Simon und Florian halfen unten beim Aufladen. Bille ergriff eines der Matratzenteile und stieg die schmale Treppe hinunter. Runterschmeißen wäre einfacher, dachte sie. Aber solange Onkel Paul in der Nähe war, ließ sie das lieber bleiben.

„Ich bin oben fertig, ihr könnt meine Möbel runterholen“, sagte sie zu Daniel, der sich ächzend unter der Last einer voll gepackten Kiste an ihr vorbeischlängelte.

„Okay, wir kommen gleich rauf.“

Bille stellte ihre Last im Flur ab und sah sich um. Die Wohnstube war bereits leer. Wo eben noch das Bücherregal und das alte Sofa gestanden hatten, zeichneten sich helle Flächen an den Wänden ab. An die Existenz der Bilder und Fotografien erinnerten lediglich ein paar saubere Vierecke auf der sonst vergilbten Tapete. Dort hatte das Foto von Vati gehangen – ob es in der neuen Wohnung auch einen Ehrenplatz bekam?

Wie merkwürdig alles klang in dem leer geräumten Haus. Ganz hohl und fremd.

Oben begannen die Jungen das Bett auseinanderzunehmen, und Bille stieg wieder hinauf, um die übrigen zwei Matratzenteile nach unten zu schaffen. Karlchen und Florian hantierten schwitzend mit Schraubenziehern und überboten sich in guten Ratschlägen, wie man festgefressene Schrauben am besten losbekäme.

„Im schlimmsten Fall hilft eine gute Axt“, warf Simon ein und stemmte den oberen Teil des Kleiderschranks hoch. Die Wände des Schranks kippten nach allen Seiten und fielen krachend zu Boden.

„Du schaffst es anscheinend auch ohne Axt, meine guten Stücke zu ruinieren“, sagte Bille und rieb sich den Schädel. Sie hatte eines der Seitenteile unfreiwillig mit dem Kopf aufgefangen.

Simon legte seine Last auf dem Boden ab und schichtete die übrigen Teile darüber. Als er die Rückwand des Schranks aus ihrer Verankerung hob, fiel ein undefinierbarer Gegenstand zu Boden. Er war bräunlich, klebrig, ein wenig verschrumpelt und von Schimmel überzogen.

„Oh, Karlchen! Dein Weihnachtsgeschenk!“, rief Bille überrascht.

Bei dem Wort Geschenk ließ Karlchen sofort alles stehen und liegen. Er kam herüber und starrte neugierig auf die unappetitliche Masse am Boden.

„Das soll ein Geschenk für mich sein?“ Karlchen hatte Mühe, seinen Ekel zu verbergen.

„Es war mal ein Geschenk für dich! Weißt du nicht mehr? Vor vier Jahren, als ich so todunglücklich war, dass mein Geschenk für dich plötzlich verschwunden war! Und ich hatte mir solche Mühe damit gegeben!“

„Was war es denn?“ Florian betrachtete das klebrige Häufchen wie ein seltenes Insekt.

„Ein selbst gebastelter Weihnachtsmann aus Marzipan, Schokolade und Bonbons. Innen Biskuitmasse. Ich muss ihn auf dem Schrank versteckt und aus Versehen hinten runtergestoßen haben.“

Karlchen verzog das Gesicht.

„Ich liebe Weihnachtsmänner aus Biskuit. Aber ich muss ihn jetzt nicht mehr essen, oder?“

„Ich werde ihn auf dem Komposthaufen begraben.“

Bille lief in die Küche hinunter, um eine Kehrschaufel zu holen. Als sie zurückkam, waren die Jungen mit ihrer Arbeit fertig und begannen die Möbelteile die Treppe hinunterzuschleppen. Eine Viertelstunde später war das Zimmer leer.

„Ist noch was runterzutragen?“ Bettina sah sich um.

„Hier, der Teppich. Dann sind wir fertig.“

„Kommst du nicht mit?“

„Ich will nur schnell noch ausfegen.“

„Das ist doch nicht nötig. In ein paar Tagen reißen die Handwerker die Tapeten runter, dann wird es erst recht schmutzig!“

„Ja, aber …“ Bille stockte und wurde rot.

Bettina sah die Freundin prüfend an.

„Ach so. Ich verstehe schon – du willst Abschied nehmen“, sagte sie lächelnd. „Ist doch klar – ich würd’s genauso machen. Wir gehen schon mal rüber. Bis gleich.“

Bettina nahm den Teppich und stieg vorsichtig die Stufen hinunter. Bille hörte sie unten mit den Jungen reden.

Vor dem Haus sprang der Motor des Lastwagens an. Onkel Paul klappte die Tür zum Laderaum zu, es klang wie ein Kanonenschuss. Dann rumpelte der Wagen davon.

Bille horchte auf die Stimmen der Freunde. Karlchen war ums Haus gelaufen, hatte Zottel aus dem Schuppen geholt und vor den kleinen Gummiräderkarren gespannt. Jetzt luden sie um die Wette Kartons und Körbe auf.

Bille trat ans Fenster. Da unten setzte sich Florian einen Lampenschirm mit Fransen auf den Kopf. Er vollführte einen wilden Indianertanz und die anderen bogen sich vor Lachen. Der Nieselregen hatte sich in Schnee verwandelt. Simon breitete eine Plane über die Ladung.

Zottel schüttelte seine dicke Mähne, Schneeflocken setzten sich auf sein rot-weiß geflecktes Fell. Er hatte einen Winterpelz angesetzt, als sei sibirische Kälte zu erwarten, das tägliche Putzen wurde zur Schwerarbeit. Jetzt scharrte er ungeduldig mit den Hufen, er musste sich hinten im Schuppen ziemlich gelangweilt haben.

Daniel gab das Zeichen zur Abfahrt. Bettina nahm Zottel am Zügel, die kleine Karawane setzte sich in Bewegung, bog auf die Dorfstraße ein und war bald hinter dem nächsten Gehöft verschwunden.

Bille sah sich im Zimmer um. Wie ruhig es plötzlich im Haus war! Die Stille schmeckte nach Geisterstunde an diesem düster-grauen Dezembertag. In den Ecken schienen Stimmen zu wispern.

„Ach Quatsch!“, sagte Bille laut.

Aber von allen Seiten schien es zu flüstern: Weißt du noch?

In diesem Zimmer hatte sie gewohnt, solange sie denken konnte. Da drüben, die Bleistiftstriche am Türpfosten, jeder mit einem Datum versehen – da hatte Mutsch gemessen, wie sie gewachsen war. Ein dicker roter Nagellackstrich war darunter, den hatte Inge gemacht – ihre große Schwester. Das war an Billes neuntem Geburtstag gewesen. Und der oberste dort, den hatte sie selbst gezogen, vor zwei Wochen, an ihrem dreizehnten Geburtstag.

Wie klein das Zimmer war, ein winziges Dachstübchen mit schrägen Wänden und zwei kleinen Fensternischen in einer alten Strohdachkate – wie aus einem Bilderbuch. Durch das eine Fenster war sie geklettert, wenn Mutsch nicht merken sollte, dass sie frühmorgens schon im Pferdestall drüben in Groß-Willmsdorf gewesen war.

Drüben bei Brodersens klapperten Eimer. Frau Brodersen fütterte die Kälber. In Zukunft würde sich Bille nicht mehr von Fenster zu Fenster mit Karlchen in ihrer Geheimsprache unterhalten können.

Sie öffnete das Fenster und lehnte sich hinaus. In dem dichten Vorhang aus Schneeregen waren die Gebäude des Gutshofs Groß-Willmsdorf kaum zu erkennen. Auch den Pferdestall würde sie in Zukunft von ihrem Fenster aus nicht mehr sehen können. Vorbei die Abende mit Mutsch allein in der Küche oder die milden Sommerabende auf der Bank vor dem Haus! Die Ladenklingel war schon vor Monaten verstummt, als Mutsch das kleine Lebensmittelgeschäft aufgegeben hatte und Leiterin des Spar-Markts in Leesten drüben geworden war. Wie verlassen das alte Strohdachhaus schien, so traurig, als müsse man es streicheln und trösten. Bille schluchzte auf.

„Na, na – Abschiedskummer?“

Zwei Arme legten sich um ihre Schultern.

„Inge! Thorsten! Ich habe euch gar nicht kommen gehört!“ Bille wischte sich hastig mit dem Handrücken die Tränen aus dem Gesicht und schniefte, ärgerlich darüber, dass ihre große Schwester und ihr Verlobter sie bei einer solchen Gefühlsduselei erwischt hatten.

„Ach, weißt du – es ist irgendwie komisch, wenn man so lange an einem Platz gewohnt hat, man kann sich gar nicht vorstellen, dass es woanders genauso schön sein kann“, versuchte sie sich zu entschuldigen. „Das Haus steckt so voller Erinnerungen – an unsere Kindheit und an Vati und …“

„Was ist daran komisch? Ich finde es ganz natürlich. Deshalb wollen Thorsten und ich ja hier einziehen. So bleibt es doch auch in Zukunft noch ,dein Haus‘ – meinst du nicht? Wenn du dann eines Tages Patentante bist und dieses Zimmer wieder Kinderzimmer ist, kannst du noch einmal von vorne beginnen: mit Bauklötzen bauen und mit Puppen spielen – das Kasperl-Theater in Brand setzen, weil der Drachen echtes Feuer speien soll“, sagte Inge lächelnd. „Du brauchst also gar nicht endgültig Abschied zu nehmen.“

„Wir sind gekommen, um schon mal eine Liste der notwendigen Renovierungsarbeiten zu machen“, sagte Thorsten und schaute angestrengt an Billes verheultem Gesicht vorbei. „Natürlich wollen wir so viel wie möglich selber machen. Vielleicht können du und deine Freunde uns dabei helfen.“

„Und jetzt komm!“ Inge zog Bille mit sanfter Gewalt vom Fenster fort. „Drüben gibt’s was zu essen.“

Eine halbe Stunde später war aller Kummer vergessen. Sie saßen in der hellen, modernen Küche um den großen Bauerntisch, und wer am Tisch keinen Platz mehr gefunden hatte, hockte daneben auf einer Umzugskiste. Mutsch hatte einen großen Topf Erbsensuppe mit Rauchfleisch gekocht und zum Nachtisch gab es Kaffee und frischen Christstollen. Den hatte Frau Brodersen, Karlchens Mutter, spendiert. Auch Fräulein Fuchs, die Haushälterin der Henrichs auf dem Peershof, hatte Bettina und den drei Jungen einen großen Korb mit Gebäck in die Hand gedrückt – für die fleißigen Möbelpacker.

In der Diele hing bereits ein großer Adventskranz, und überall in den Zimmern standen zwischen unausgepackten Kartons Pflanzenschalen und Blumensträuße von Nachbarn, Freunden und dankbaren Kunden. Wie auf der Landwirtschaftsausstellung, dachte Bille. Das Haus duftete nach frischem Holz und war erfüllt von Rufen und Gelächter.

Das halbe Dorf erschien im Laufe des Tages, um alles Gute zum Einzug zu wünschen und einen neugierigen Blick in das neue Heim zu werfen. Denn dass Mutsch und Onkel Paul an nichts gespart hatten, das hatte sich schnell herumgesprochen.

Bille und Bettina hatten alle Hände voll damit zu tun, die Besucher zu empfangen und immer neue Kannen Kaffee aufzugießen, während die anderen Möbel und Kisten schleppten, Körbe voller Geschirr und Wäsche auspackten, Lampen montierten, hämmerten und klopften.

Irgendwann einmal ging Bille zu Zottel hinaus, der sich in seinem neuen Stall zwar einsam, aber offensichtlich wohlfühlte.

„Verzeih mir, mein Dicker, ich hab heute gar keine Zeit für dich!“ Bille legte ihrem Liebling zärtlich die Arme um den Hals und kraulte sein zottiges Fell. „Morgen ist der ganze Rummel vorbei. Hier hast du was zum Trost – extra für dich stibitzt!“

Zottel hatte bereits aufgeregt an Billes Taschen geschnuppert. Sein Appetit auf alles Essbare, was der Magen eines robusten Ponys nur irgend verdauen konnte – und Zottels Magen verdaute erstaunliche Dinge –, war ungebrochen. Bille schlich sich in dem beruhigenden Gefühl hinaus, dass ihr Freund mit den mitgebrachten Äpfeln für die nächste Zeit wunschlos glücklich sein würde.

Bongo spielt verrückt

Der Schneeregen hatte Felder, Wege und Höfe in eine Schlammlandschaft verwandelt. Als Bettina, Daniel, Simon und Florian auf den Hof von Groß-Willmsdorf einbogen, waren sie nass und von Dreckspritzern übersät, und ihre Pferde sahen aus, als hätten sie ein Moorbad genommen.

Bille erwartete die vier Freunde vor dem Stall.

„Kommt schnell rein, wir müssen eure Vierbeiner erst mal trocken legen vor dem Unterricht.“ Sie nahm Simons Goldfuchsstute Pünktchen am Zügel. „Bongo kann mit zu Zottel in die Box – seht zu, wie ihr die anderen auf der Stallgasse unterbringt, die Boxen sind alle besetzt bei dem Wetter.“

„Wieso ist Zottel hier? Ich dachte, er hätte seinen Stall jetzt bei euch in Wedenbruck?“, fragte Florian und schüttelte seine nasse Mütze aus.

„Nee, das ist doch nur seine Zweitwohnung. Auf die Dauer wäre es ihm viel zu langweilig, so allein da drüben.“

Im Stall war es warm und behaglich. Sie zogen die nassen Jacken aus, sattelten die Pferde ab und begannen sie fest mit trockenem Stroh abzureiben.

„Ein gutes Mittel, um selbst wieder warm zu werden“, keuchte Bettina unter dem Bauch ihrer Haflingerstute Sternchen hervor. „Vorhin war ich ganz erstarrt vor Kälte und jetzt bricht mir fast der Schweiß aus!“

Bille half Simon bei Pünktchen, bis die zierliche Stute glänzte wie auf einer Parade.

„Wir beide kommen zuerst dran, ihr anderen könnt euch noch Zeit lassen“, sagte Bille. „Hast du den Sattel abgetrocknet? Dann bring ihn her!“

„Jawohl, Frau Kommandant, bitte schön.“

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