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Biss und Bissigkeit

hier erhältlich:

Vom Marine-Soldaten zum Vampir. Als Russell aus dem Koma erwacht, ist nichts mehr so, wie es mal war. Nun sinnt er auf Rache nach Master Han, der ihm das angetan hat, und begegnet auf seiner Jagd Jia. Die exotische Schönheit und der ehrenhafte Vampir stellen fest, dass sie den gleichen Feind haben. Doch Russell ist nicht gewillt, sich von seiner Mission ablenken zu lassen - weder durch Jias verführerischen Katzenblick noch durch ihre Nähe und schon gar nicht durch einen Kuss … oder etwa doch?


  • Erscheinungstag: 13.11.2017
  • Aus der Serie: Love At Stake
  • Bandnummer: 18
  • Seitenanzahl: 368
  • ISBN/Artikelnummer: 9783955767587
  • E-Book Format: ePub
  • E-Book sofort lieferbar

Leseprobe

Für die Freunde, die ein Segen für mein Leben sind, und die besten Kritik-Partner, die eine Autorin sich nur wünschen kann, M. J. Selle, Sandy Weider und Vicky Yelton.

1. Kapitel

In Dunkelheit gehüllt und halb hinter dem dicken Stamm einer Eiche verborgen, richtete Russell Ryan Hankelburg die Flugbahn seines Pfeils genau auf den ungeschützten Hals von Master Han.

Ruhig, wies Russell sich selbst an, als das Adrenalin ihm in die Adern schoss. Es gab keinen Grund, sich wie ein Mensch zu verhalten. Er war keiner. Dafür hatte Han gesorgt, und jetzt würde dieser Scheißkerl dafür sterben.

Über zwei Jahre lang hatte Russell seiner Beute durch heiße, feuchte Urwälder und über kalte, windumtoste Gebirge nachgestellt. In den nächsten paar Sekunden würde endlich alles vorbei sein. Sein Streben nach Rache. Der Höhepunkt all seiner Wut, Rechtfertigung für alles, was er verloren hatte, und der einzige Zweck seines jämmerlichen untoten Daseins.

Die Lichtung, auf der Han stand, war etwa fünfzig Meter entfernt und von einem Dutzend Wachen umstellt, vier von ihnen mit Fackeln in der Hand. Die Flammen reckten sich dem wolkenverhangenen Nachthimmel entgegen und flackerten über das polierte Gold von Master Hans Maske. Wie oft hatte Russell sich vorgestellt, dem Vampir dieses lächerliche Stück Metall vom Kopf zu reißen? Im besten Falle stellte er sich vor, ihm die Maske abzureißen, ehe er zum letzten Schlag ausholte, damit er Han ins Gesicht sehen konnte, wenn dieser Oberbastard merkte, dass der Tod nur noch Sekunden entfernt war.

Was nützte einem Rache, wenn sie nicht anerkannt wurde? Han musste wissen, dass es Russell war, der sein Leben beenden und ihn in einen Haufen Staub verwandeln würde.

Han stand am anderen Ende der Lichtung vor den hölzernen Palisaden eines Stützpunkts im nördlichen Myanmar. Er trug eine schwarze Kevlar-Weste über seiner roten Seidenrobe, um sein Herz zu schützen. Wenn es Russells Pfeil nicht gelang, die Weste weit genug zu durchdringen, um Han zu töten, würde das Schwein sich einfach davonteleportieren.

Zum Glück gab es mehr als eine Möglichkeit, einen Vampir zu töten. Also zielte Russell auf den Hals statt auf das Herz und hoffte, eine geplatzte Halsschlagader würde ausreichen, um Han so bewegungsunfähig zu machen, dass er nicht mehr fliehen konnte. Dann könnte Russell sich direkt zu ihm teleportieren, ihm die Maske abreißen und ihm mit einem allerletzten Schwerthieb den Kopf abschlagen.

Das Dutzend bewaffneter Wachen bestand wahrscheinlich aus Super-Soldaten, die von Hans Dämonen-Kumpan, Darafer, mutiert worden waren, und sie würden ein Problem darstellen. Trotzdem konnte Russell sie nicht zuerst ausschalten. Sie umzubringen, würde Han alarmieren, und dieser schwachsinnige Feigling würde sich dann davonteleportieren, so wie die letzten Male, in denen es Russell fast gelungen wäre, ihn zu töten.

Russell knirschte ungeduldig mit den Zähnen. So nah, und doch konnte er nicht schießen. Han stand neben dem entführten Drachenwandler und schien ihn fast zu umarmen, während er seinem jungen Gefangenen beibrachte, wie man sich richtig hinstellte, um einen Bogen zu spannen. Lautlos in sich hinein fluchend nahm Russell den Finger vom Abzug seiner Armbrust.

Er hatte den Jungen schon einmal gesehen, erkannte ihn also. Da Drachenwandler doppelt so schnell alterten wie Sterbliche, sah Xiao Fang aus, als wäre er ungefähr zwölf Jahre alt. Dabei war er eigentlich erst sechs. Russell war sich nicht sicher, wie es um die mentale Entwicklung des Jungen stand, aber er war mit Sicherheit jung genug, um von den neuesten Ereignissen traumatisiert worden zu sein. Darafer hatte den Drachenjungen vor über zwei Monaten gefangen genommen und ihn Han übergeben. Seitdem hatte Russell alle dreißig von Hans Stützpunkten ausspioniert, in der Hoffnung, einen Blick auf sie zu erhaschen.

Es kam sehr selten vor, dass man Han außerhalb seiner Lager sah, aber anscheinend hatte er für den Jungen eine Ausnahme gemacht. Er hielt für Xiao Fang eine Stunde im Bogenschießen ab und spielte die Vaterfigur, zweifellos, um den jungen Drachenwandler auf seine Seite zu bringen.

Die traurige Wahrheit war, dass diese Strategie funktionieren könnte. Seit über zwei Monaten fern von daheim, könnte der Junge am Stockholm-Syndrom leiden, sodass er sich jetzt mit einem seiner Kidnapper identifizierte. Master Han kam ihm wahrscheinlich wie die ungefährlichere Wahl vor. Ungefährlicher als der Dämon Darafer auf jeden Fall. Han klopfte dem Jungen gerade auf den Rücken und sprach ihm aufmunternd zu.

Russell drehte sich vor Ekel der Magen um. Eine Sekunde überlegte er, sich einfach direkt zu dem Jungen zu teleportieren, ihn sich zu schnappen und nach Tiger Town zu bringen, wo er in Sicherheit war. Die guten Vampire hatten sich dort mit ihren Verbündeten, den Wertigern, versammelt und warteten sorgenvoll auf eine Gelegenheit, den Drachenjungen zu retten und Master Han zu besiegen. Ein Anruf, und Russell könnte ein Dutzend Vampire und Wandler an seiner Seite haben.

Aber Moment. Han trat zurück, damit Xiao Fang schießen konnte. Es könnte zwei Jahre dauern, bis Russell wieder so eine Chance bekam. Seine erste Priorität musste es sein, Han umzubringen. Im Chaos, das folgte, würde sich der Junge leicht retten lassen. Und diese Situation war ideal, da Han und seine Super-Soldaten alle perfekt stillstanden, um die Konzentration des Jungen nicht zu stören.

Russell legte seinen Finger wieder auf den Abzug. Stirb, du Schwein.

Einer der Wachen zuckte plötzlich zusammen. Als er vornüberfiel, erstarrte auch der Soldat neben ihm mit einem Aufschrei und ging dann in die Knie.

Was zur Hölle? Russell erhaschte nur einen kurzen Blick auf die Messer, die den gefallenen Soldaten aus dem Rücken ragten, bevor Han sich schon auf den Jungen stürzte und ihn zu Boden warf. Ein drittes Messer schwirrte dort vorbei, wo Han eben noch gestanden hatte, und vergrub sich mit einem dumpfen Aufprall in einem Baumstamm.

Die verbliebenen Soldaten brüllten und zogen augenblicklich ihre Schwerter. Han verschwand und nahm den Drachenjungen mit sich.

Zur Hölle damit! Russell kochte innerlich. Wer waren diese Armleuchter, die seine Pläne verdorben hatten? Aus der Schnelligkeit und Genauigkeit des Angriffs schloss Russell auf zwei Messerwerfer. Vielleicht drei. Wer auch immer sie waren, es könnte ihnen schwerfallen, den superschnellen Soldaten zu entkommen, die sich auf die Jagd nach ihnen machten.

Nicht mein Problem, sagte er zu sich selbst. Die Angreifer hatten die beste Chance zunichtegemacht, die er seit Langem gehabt hatte. Wenn sie alle in den nächsten paar Minuten ermordet wurden, dann konnten sie ihm wenigstens nie wieder in die Quere kommen.

Aufstöhnend lehnte er die Stirn an den Baumstamm. Wann war er zu so einem gefühllosen Ekel geworden? Auch wenn man ihm seine Menschlichkeit genommen hatte, bedeutete das denn, dass er sich wie ein herzloses Monster verhalten musste? Die Angreifer waren eindeutig auf der gleichen Seite wie er selbst. Das machte sie zu Verbündeten im Krieg gegen Master Han.

Verdammt, er hasste es aber, Verbündete zu haben. Solange er alleine war, hatte er auch nichts zu verlieren.

Vielleicht waren die Angreifer Männer, die er kannte, wie J. L. Wang und Rajiv. In dem Fall hätte der Vampir J. L. seinen Wertiger-Kumpel längst in Sicherheit teleportiert. Aber Messerwerfen gehörte nicht zu J. L.s Stil. Er hätte ein Gewehr oder eine Pistole benutzt. Und er hätte die Soldaten verwundet, statt sie zu töten.

Wenn die Angreifer Sterbliche waren, hatten sie gegen die Super-Soldaten keine Chance. Ein letzter Rest seiner Marine-ehre rührte sich in Russells untotem Herzen. Man lässt niemanden zurück.

„Verflucht noch mal“, murmelte er und schob sich den Lederriemen seiner Armbrust über die Schulter.

Er erklomm einen Baumwipfel. Die Soldaten waren leicht zu entdecken, da vier von ihnen immer noch Fackeln trugen. Die vier leuchtenden Flammen schlängelten sich schneller durch den Wald, als es einem Sterblichen je möglich gewesen wäre.

Er konzentrierte sich auf die Baumlinie vor den Flammen und teleportierte sich dann dorthin. Hoch oben auf einem Baum hockend, suchte er auf dem Boden darunter nach Bewegungen. Auch wenn der Himmel dunkel und bewölkt war, konnte er dank seiner übermenschlichen Nachtsicht einen Läufer erkennen, schlank und leichtfüßig, der ein hohes Tempo beibehielt, aber dennoch nicht schnell genug war, um die Soldaten abzuhängen.

Nur einer? Er sah sich weitläufig um, falls die Angreifer sich aufgeteilt hatten. Nein, es gab nur den einen Läufer. Hatten die anderen sich versteckt und es diesem einen überlassen, den Feind abzulenken? Ein rascher Blick bestätigte ihm, dass die Soldaten schnell aufholten. Zehn gegen einen. Das würde ein Gemetzel werden.

Er teleportierte sich noch einmal, um den Läufer genauer ins Auge zu nehmen, und fiel fast vom Ast des Baumes. Es war eine Frau. Ihr tunikaähnliches Oberteil hatte sie eng um ihre schlanke Taille gebunden. Ihr dicker Zopf aus langem schwarzem Haar schwang beim Laufen hin und her.

War sie eine der Kriegerinnen von Beyul-La? Sie alle hatten schwarze lange Haare und waren ebenso schlank und durchtrainiert wie diese Frau. Die Kriegerinnen von Beyul-La waren die Hüterinnen der Drachenwandler und hatten sie jahrhundertelang in einem geheimen Tal im Himalaya verborgen. Nach einer Schlacht mit Master Han war ihr Tal zerstört worden. Zum Glück hatte man die verbliebenen Drachenkinder und die Eier vor der Schlacht in Sicherheit bringen können. Zweifellos wollten die Frauen den gefangen genommenen Jungen, Xiao Fang, dringend retten. Russell hatte schon an der Seite dieser Frauen gekämpft, er wusste also, wie wild sie sein konnten. Diese hier hatte eindeutig Mut, denn es sah aus, als hätte sie Han ganz alleine angegriffen.

Er sah sich um. Die zehn Super-Soldaten kamen immer näher. Zeit, ihr Tempo zu drosseln. Er schoss einen Pfeil auf einen der Fackelträger, der daraufhin ächzend zu Boden stürzte und seine Fackel fallen ließ.

Die Flammen breiteten sich rasch aus und weckten dadurch die Aufmerksamkeit der anderen Wachen. Einer von ihnen trat den gefallenen Soldaten in die Flammen hinein, um sie zu ersticken.

Was für ein Drecksack. Russell legte einen weiteren Pfeil in seine Armbrust und befreite den brennenden Soldaten, der vor Schmerzen schrie und sich hin und her wand, von seinem Elend. Drei Sekunden später hatte ein weiterer Pfeil den Drecksack unschädlich gemacht.

„Das ist ein Hinterhalt!“, brüllte einer der Soldaten und verschanzte sich hinter einem Baum.

Auch die anderen Soldaten gingen schnell in Deckung und löschten ihre Fackeln. Eine dunkle, angespannte Stille legte sich über den Wald.

Russell legte einen weiteren Pfeil an und wartete darauf, dass einer der verbliebenen acht Soldaten sich herauswagte. Ein schneller Blick auf die Frau ließ ihn innerlich aufstöhnen. Statt wegzurennen, hatte sie sich hinter einem Gebüsch versteckt. Sein plötzliches Auftauchen musste sie verwirrt haben. Sie atmete schwer und drehte sich verzweifelt in alle Richtungen, um herauszufinden, wo er sich befand.

Lauf einfach weg, flehte er sie stumm an. Ich kümmere mich um das hier.

Sie zog ein Messer aus dem Gürtel. Anscheinend fürchtete sie sich davor, ihm zu vertrauen. Er konnte ihr das nicht vorwerfen. Wenn man niemandem vertraute, lebte man für gewöhnlich länger.

Er richtete seine Aufmerksamkeit wieder auf die acht Soldaten. Ganz links hechtete einer von ihnen hinter einen weiteren Baum, um dort Schutz zu suchen, zu schnell, als dass Russell ihn hätte ausschalten können. Er richtete einen Pfeil auf ihn und wartete darauf, dass er sich wieder regte. In der Zwischenzeit rannte auf der rechten Seite ein weiterer Soldat hinter einen Baum. Die Männer versuchten offensichtlich, die Frau einzukreisen, und es würde ihnen auch irgendwann gelingen, wenn sie nicht bald davonrannte.

Der Mann ganz links wagte sich weiter vor. Dieses Mal gelang es Russell, ihn an der Schulter zu verwunden. Er war noch am Leben, aber sein Schwert-Arm war nicht mehr zu gebrauchen.

Ein Rascheln kam aus den Büschen und Bäumen, als die verbliebenen sieben Soldaten versuchten, ihre Beute zu umzingeln. Die Frau steckte ihr Messer zurück in seine Hülle und sprang dann aus der Hocke in einen vollen Sprint. Russell hielt eine Sekunde inne und bestaunte ihre Schnelligkeit und ihre Anmut, aber er kam schnell wieder zu sich, als ihm klar wurde, dass die Soldaten ihr auf den Fersen waren. Er schoss einen mit einem Pfeil ab und bemerkte dann, dass ein anderer mit seiner Pistole in seine Richtung zielte. Gerade als der Schuss durch den Wald hallte, teleportierte er sich davon und landete ein Stück vor der Frau in einem Baum.

Die sechs verbliebenen Soldaten holten rasch auf. Genug mit dem Quatsch. Schaff sie einfach hier raus.

Er sprang hinab zu den Baumwurzeln. Hinter dem Stamm verborgen konnte er hören, wie sie sich näherte. Ihre Schritte waren leicht, als würde sie den Boden kaum berühren, aber ihr Atem war lauter und durchzogen von Panik. Er trat vor, ihr direkt in den Weg.

Sie konnte in der Dunkelheit ausgezeichnet sehen, denn sie entdeckte ihn sofort und blieb so abrupt stehen, dass sie ausrutschte und auf dem Hintern landete.

Russell hob seine leeren Hände, um ihr zu zeigen, dass er ihr nichts zuleide tun wollte, aber innerhalb einer Sekunde stand sie wieder auf den Füßen, hatte ihr Messer gezogen und auf ihn gerichtet. Wieder einmal war er erstaunt von ihrer Schnelligkeit und ihrer Anmut.

„Freund“, flüsterte er auf Chinesisch. Ihr Gesicht war teilweise durch ihr gehobenes Messer verdeckt, und er legte den Kopf schräg, um sie besser ansehen zu können.

Sie wirbelte herum, um nach den Soldaten hinter sich zu sehen. Als Russell näher kam, drehte sie sich blitzschnell wieder zu ihm um.

Er blinzelte. Sie war umwerfend schön. Und keine der Kriegerinnen von Beyul-La. Wäre er dieser Frau schon einmal begegnet, er hätte sich an sie erinnert.

Sie riss ihre goldenen Augen weit auf, als sie ihn betrachtete.

Wer zur Hölle war sie? „Freund“, wiederholte er und zeigte auf die Armbrust über seiner Schulter. „Ich habe dir geholfen.“

Sie steckte ihr Messer weg, ließ den Griff aber nicht los. Anscheinend war sie noch nicht bereit, ihm ganz zu vertrauen. Kluges Mädchen. Er war immer noch versucht, ihr den Hals umzudrehen.

Das Aufblitzen von Metall hinter einem Busch fiel ihm ins Auge, und er packte sie und zog sie in Vampirgeschwindigkeit hinter einen Baum, gerade als ein Messer auf sie zugesaust kam. Seinen Rücken an den Stamm gepresst spürte er das Beben, als das Messer sich in den Baum bohrte.

„Lass mich los“, flüsterte die Frau und zerrte an seinem Griff.

Er überlegte, ihr zu gehorchen. Immerhin war sie nicht sein Problem. Und sie hatte die beste Chance ruiniert, die er seit über zwei Jahren gehabt hatte, Master Han zu töten.

Ich bin nicht für sie verantwortlich, dachte er, machte dann aber den Fehler, sie anzusehen. Große goldene Augen, in denen ihre Emotionen flackerten. Ein schönes Gesicht, ausdrucksvoll und lebendig. Feinzügig, aber entschlossen. Er hatte das Gefühl, sie würde kurz vor einer Panik stehen, sich aber mit Hilfe reiner Willenskraft und Mut zusammenreißen. Etwas regte sich in seinem untoten Herzen.

Das werde ich noch bereuen. Er hielt sie fester umschlossen und teleportierte sich dann mit ihr gemeinsam fort.

Sobald Jia wieder festen Boden unter den Füßen spürte, befreite sie sich aus dem Griff des Mannes. Es war dunkel, zu dunkel, um etwas sehen zu können, selbst mit ihrer ausgezeichneten Nachtsicht.

„Vorsicht“, sagte der Mann auf Chinesisch. Sein Akzent klang merkwürdig und seine Stimme rau, so als würde er nicht oft sprechen.

Sie zog ihr Messer aus der Scheide, bereit zuzustechen, falls er sie angriff. An seinem Duft und der Tatsache, dass er sich teleportiert hatte, erkannte sie, dass er ein Vampir war, aber er könnte einer von den Guten sein, wie ihre Freunde Jin Long und Dou Gal. Dieser Mann schien auf ihrer Seite zu sein, aber bei Vampiren konnte der erste Eindruck täuschen. Bis sie die guten Vampire kennengelernt hatte, dachte sie, sie wären alle böse.

„Beweg dich nicht“, knurrte der Mann. „Ich mache Licht, damit du etwas sehen kannst.“

Dass seine Stimme immer leiser wurde, musste bedeuten, dass er sich von ihr entfernte. Jia atmete tief durch und versuchte, die Panik einzudämmen, die sie ergriffen hatte, als die zwei Soldaten durch ihre Messer gefallen waren. Sie waren der Feind, rief sie sich in Erinnerung. Jeder, der ihrer Mission im Weg stand, musste beseitigt werden. Nichts konnte sie davon abhalten, Han zu töten.

Seit sie acht Jahre alt gewesen war, hatte sie sich in Kampfkunst geübt, zuerst mit den Jungen in Tiger Town und dann allein. Sie hatte zahllose Messer auf Strohpuppen geworfen, bis ihre Geschwindigkeit und Genauigkeit sich mit denen jedes Mannes hatte messen können. Aber Strohhaufen schrien nicht auf vor Schmerz und verbluteten nicht. Dreizehn Jahre des Trainings hatten sie nicht auf den bitteren Ernst des Krieges vorbereitet.

Sie hatte geglaubt, für den Tod bereit zu sein, auch für ihren eigenen. Als Wertiger hatte sie neun Leben, und in ihr zweites Leben aufzusteigen würde ihr einen dringend benötigten strategischen Vorteil verschaffen. Es würde ihr erlauben, sich zu jeder Zeit und an jedem Ort zu verwandeln. Wenn sie an diesem Abend in der Lage gewesen wäre, sich zu verwandeln, hätte sie den Feind mit Leichtigkeit besiegt.

Aber sobald die Soldaten sich auf die Jagd nach ihr gemacht hatten, hatte sie die Vorstellung gelähmt, durch deren Hände getötet zu werden. Was, wenn sie ihren Leichnam in Stücke hackten, sodass sie nicht zurückkommen konnte? Das war es, was Han ihren Eltern und ihrem Bruder angetan hatte.

Eine Vision von ihrer verstümmelten Familie trat ihr vor Augen, gefolgt von der Erinnerung an die beiden Soldaten, die sie kurz zuvor getötet hatte. Schaudernd schob sie die Bilder von sich. Sie musste sich zusammenreißen und sich auf die gegenwärtige Situation konzentrieren.

Aufenthaltsort unbekannt. Ihr Vampirentführer unbekannt.

Sie schloss ihre Hand fester um den Messergriff. „Wer bist du?“

Er antwortete nicht.

Da sie nichts sehen konnte, benutzte sie ihre anderen geschärften Sinne, um herauszufinden, wo sie sich befand. Ein starker Geruch nach Erde umgab sie. Die Luft war warm und mild, ähnlich wie in der Provinz Yunnan, wo sich Tiger Town befand. In der Nähe floss Wasser, sie empfand das Plätschern als angenehm. Sie hörte auch das Trillern eines Vogels, gedämpft und weit entfernt. Draußen, aber ohne Himmel. Eine Höhle?

Warum hatte der Vampir sie hierhergebracht?

Vor zwei Monaten, als die guten Vampire in die Schlacht gezogen waren, um das Tal Beyul-La zu verteidigen, hatten sie alle in Tiger Town Station gemacht und waren jeden Tag dorthin zurückgekehrt, um in ihren Todesschlaf zu fallen. Ihr Cousin Rajiv, der Grand Tiger, war ebenfalls in die Schlacht gezogen, und auch ihre Onkel Rinzen und Tenzen. Ihr war es zugefallen, an Stelle ihres Cousins zu regieren. Während sie also Prinzessin von Tiger Town gespielt hatte, hatte sie Dutzende der guten Vampire kennengelernt.

Dieser Vampir war nicht unter ihnen gewesen.

„Wer bist du?“, fragte Jia noch einmal und wich dabei einen weiteren Schritt zurück.

„Beweg dich nicht“, wiederholte er. Eine Flamme erschien am Ende eines Geräts, das wie eine Pistole aussah, und dann glomm der Docht einer Camping-Öllampe auf.

Ein goldener Lichtkreis erschien um die Lampe und erhellte das Profil des Mannes, der sich darüberbeugte. Wer auch immer dieser Vampir war, er sah auf jeden Fall gut aus. Das war ihr schon im Wald aufgefallen. Markante Gesichtszüge, kräftiger Körper. Alle guten Vampire, denen sie begegnet war, waren stark und gut aussehend gewesen, aber dieser Mann war anders. Die guten Vampire waren normalerweise elegant gekleidet, sehr gepflegt und hatten gute Manieren. Sie waren höflich, freundlich und respektvoll. Sie bezweifelte, dass einer von ihnen eine junge Frau entführen und in eine dunkle Höhle verschleppen würde.

Dieser Vampir hatte etwas Grobes, Ursprüngliches an sich. Seine Khaki-Hosen waren an ein paar Stellen zerrissen. Sein knielanger brauner Mantel war alt und abgetragen. Dunkle Stoppeln beschatteten seinen kantigen Kiefer. Ein paar Haare hatten sich aus seinem kurzen Pferdeschwanz gelöst, und er hatte sich die Strähnen hinter die Ohren gestrichen. Zuerst war sein Haar ihr braun vorgekommen, aber je länger sie ihn anstarrte, desto mehr helle Kupfersträhnen entdeckte sie, die im goldenen Lampenlicht aufleuchteten. Vielleicht ein Amerikaner? Oder Brite?

Warum war er in China? Was wollte er von ihr? Hatte er Hunger und erwartete, von ihr zu trinken? Sie hob das Messer und wich noch einen Schritt zurück.

„Nicht …“

Platsch. Ihr Fuß steckte bis zum Schienbein in kaltem Wasser. Schnell gewann sie das Gleichgewicht wieder und zog den Fuß zurück auf trockenen Boden. Leider war etwas Wasser in ihren knöchelhohen Wanderstiefel geschwappt. Mist, sie hasste nasse Socken.

„Ich sagte doch, beweg dich nicht“, murmelte er.

Sie funkelte ihn wütend an. „Du hättest mich warnen können, dass da ein Teich ist.“

„Das ist kein Teich. Und ich erkläre mich nicht.“ Er warf ihr einen so verärgerten Blick zu, dass dessen Intensität sie zum Blinzeln brachte.

Er war wütend auf sie? Mehr als wütend. Seine braunen Augen brannten vor im Zaum gehaltener Wut. Toll. Sie war von einem wütenden Vampir gekidnappt worden.

Er trat aus dem Licht und hatte schon bald zwei weitere Lampen angezündet.

Sie drehte sich, damit sie sich umsehen konnte, und ihr durchweichter Lederstiefel machte bei jeder Bewegung ein schmatzendes Geräusch. Sie waren eindeutig unter der Erde. Die Wände bestanden aus Felsen, und ein Teil der Decke über ihnen war aus Stein. Der Rest der Decke war ein Gewirr aus Baumwurzeln und Erde. An einigen Stellen hingen lange Efeuzweige in die Höhle hinab.

Soweit sie es sagen konnte, befanden sie sich dicht unter der Oberfläche. Kleine Risse überall ließen feuchte, frische Luft hinein, und leuchtend grünes Moos hing an den Baumwurzeln und an der Felsdecke.

Sie stand am sandigen Ufer eines unterirdischen Flusses. Am anderen Ufer entdeckte sie ebenfalls einen schmalen Sandstreifen und dann eine glatte Wand aus Fels. Kein Ausgang. Die Höhle war schmal und lang und folgte dem Flussbett. Es war ein schöner Ort, mit dem grünen Moos und den Efeuzweigen über ihnen, und dazu das beruhigende Rauschen des Wassers.

Rechts, wo die Höhlendecke nur aus Fels bestand, entdeckte sie eine dunkle Nische. Darin befanden sich einige hölzerne Paletten, zu einem Rechteck angeordnet. Darauf lagen einige offene Schlafsäcke und eine Decke. Sein Bett.

Er war hier zu Hause. Sie sah sich nach ihm um. Er schwebte gerade hinauf zu einer Baumwurzel, deren Fortsätze sich wie Finger ausstreckten. Dort hängte er seine Armbrust an ihrem Lederriemen auf und daneben den Köcher mit Pfeilen. Er ließ sich wieder auf den Boden hinab und ging dann ein paar Schritte zu einem zusammenklappbaren Campingtisch hinüber.

Er leerte die Taschen seines Mantels und legte vier Messer, ein Telefon, zwei Pistolen und zusätzliche Munition auf den Tisch. Dann löste er seinen Schwertgürtel und legte sein Schwert daneben. Anscheinend machte er sich keine Sorgen darum, dass sie ihn angreifen könnte, denn er entledigte sich all seiner Waffen.

Sie drehte sich noch einmal, um sein Zuhause zu betrachten. Er hatte eine ganze Sammlung an Campingzubehör: Ölleuchten, zwei Kühlboxen, zwei Klapptische. Er hatte sich ein improvisiertes Bücherregal aus Betonklötzen und Holzplanken gebaut. Auf den unteren zwei Regalen lag ordentlich gefaltete Kleidung. Auf dem obersten befanden sich eine Auswahl an Büchern und ein paar elektronische Geräte. Wie bekam er Strom dafür? Ein dicker Draht führte die Felswand hinauf und verschwand zwischen den Baumwurzeln. Interessant. Seine Höhle war vielleicht doch nicht so primitiv, wie sie zuerst gedacht hatte.

Auf der rechten Seite, noch hinter seinem Schlafzimmer, verschwand der unterirdische Fluss in einem Steintunnel. Er hatte eine altmodische Zinnwanne am sandigen Ufer aufgestellt, deren Abfluss ins Wasser ragte. Von einem Haken, der in die Felswand gerammt war, hing ein großer Eimer mit einer langen Kette. Seine Version einer Dusche, vermutete sie. Dicht daneben stand ein faltbares Holzgestell, auf dem er seine Wäsche zum Trocknen ausgebreitet hatte. Für einen Mann, der in einer Höhle lebte, kam er ihr ziemlich sauber und ordentlich vor.

„Wer bist du?“ Das tiefe Grollen seiner Stimme hinter ihr brachte die Haut in ihrem Nacken zum Kribbeln.

Sie drehte sich um, und ihr fiel die Kinnlade herunter. Er hatte seinen weiten Mantel ausgezogen und auf den Tisch geworfen. Diese einfache Bewegung hatte ihn von einem namenlosen Landstreicher in einen wahren Superhelden verwandelt. Sein dunkelgrünes T-Shirt spannte sich über unglaublich breite Schultern. Der abgetragene, ausgeblichene Stoff umschloss jede Kontur seiner muskulösen Brust und seines Bauches, ehe es über schmalen Hüften endete. Er verschränkte die Arme vor der Brust, und sie glaubte, die Ärmel könnten seinen großen Bizepsen möglicherweise nicht standhalten.

Das Kribbeln in ihrem Nacken lief ihr den Rücken hinab. Es waren nicht nur seine Muskeln, die eine Wirkung auf sie hatten. Da war noch mehr. Seine Präsenz. Sie schien die ganze Höhle auszufüllen und, schlimmer noch, all ihre Sinne, bis sie keinen Zweifel mehr daran hatte, dass dieser Mann mächtig war, intelligent und vielleicht sogar gefährlich.

Sie musste hart schlucken. „Wer bist du?“

„Du weißt, was ich bin.“

„Ein Vampir, ja. Aber ich habe noch nicht herausgefunden, ob du einer von den Guten bist.“

„Ich auch noch nicht“, sagte er zynisch. „Ich nehme an, du bist den Guten schon begegnet?“

Sie nickte. „Jin Long, Dougal, Angus und ein paar von den anderen. Kennst du sie?“

„Ja. Woher kennst du sie?“

Sie ignorierte die Frage. „Dann bist du auf ihrer Seite?“

„Nur, wenn es mir passt.“ Er nahm eine Flasche Blut aus einer der Kühlboxen und öffnete sie. „Ich werde nicht von dir trinken, falls du dir deshalb Sorgen machst.“ Er nahm einen tiefen Schluck.

Das waren gute Nachrichten. Sie steckte ihr Messer weg.

Er stellte die Flasche hin und starrte sie unverwandt an. „Ich bin sauer auf dich.“

Ihre Hand schoss sofort wieder zum Griff ihres Messers.

Er schnaubte. „Ich werde dir nichts tun. Nicht nachdem ich mir die Mühe gemacht habe, dir deinen hübschen Hintern zu retten.“

Sie kniff die Augen zusammen. „Ich ziele ausgezeichnet, daher würde ich an deiner Stelle deine Wortwahl überdenken.“

Er trank die Flasche leer und wischte sich dann den Mund mit dem Handrücken ab. „Du hast recht. Hübsch war eine Beleidigung. Ich würde sagen, dein Hintern ist sogar verdammt schön …“ Als sie das Messer aus der Scheide zog, verzog er spöttisch den Mund. „Ich habe dich gerettet, und du willst mich umbringen? Du solltest mir dankbar sein.“

Sie richtete ihre Waffe auf ihn. „Du hast mich gegen meinen Willen hergebracht.“

„Wäre es dir lieber, wenn ich dich wieder zurückbrächte? Ich könnte dich bei Hans Lager absetzen, damit sie dich dort gefangen nehmen.“ Er trat einen Schritt auf sie zu und sah sie noch finsterer an. „Was zum Teufel hast du dir dabei gedacht, dich ganz allein einem Dutzend Super-Soldaten zu stellen? Hast du nicht irgendwo Familie, die sich um dich Sorgen macht?“

Wieder stand ihr die Vision ihrer verstümmelten Familie vor Augen. Sie ließ den Arm sinken. „Sag mir einfach, wo der Ausgang ist, und ich mache mich auf den Weg.“

„Es gibt keinen Ausgang. Ich teleportiere dich rein oder raus.“

Und er konnte kontrollieren, wohin sie gingen? Sie deutete auf den Fluss. „Wenn ich dem Wasser folge, wird es irgendwo an die Oberfläche kommen.“

„Ja, nachdem es etwa eine Meile durch den Felstunnel führt. Dein Körper taucht dann irgendwo wieder auf. Tot.“

Jia biss sich auf die Lippe und ließ ihren Blick zum Fluss wandern, dorthin, wo er im Tunnel verschwand. Wenn sie ertrank, musste sie sich keine Sorgen darüber machen, dass man sie in Stücke hackte. Sie bekam eine Gänsehaut, als sie sich diese letzten schrecklichen Momente ausmalte, in denen ihr die Luft wegbleiben würde …

„Was zum Teufel?“, flüsterte er, und sie drehte sich zu ihm um. „Du ziehst es wirklich in Betracht, oder? Du bist selbstmordgefährdet.“ Er ging schnell auf sie zu.

Sie hob ihr Messer. „Bleib zurück!“

Er verschwand. Ehe sie auch nur reagieren konnte, hatte er sie von hinten gepackt. Mit dem linken Arm umfasste er ihre Rippen und zog sie hart an seine Brust. Mit der rechten entriss er ihr das Messer und warf es fort.

So unglaublich schnell. Und stark. Wieder kamen ihr Selbstzweifel, die sie daran erinnerten, wie schwierig es werden würde, Master Han ganz alleine umzubringen. Als Vampir war Han genauso stark und schnell wie dieser hier, der sie gegen seine steinerne Brust drückte.

„Lass mich gehen.“ Ihr stockte der Atem, als er mit der Hand am Gürtel um ihre Taille entlangtastete.

„Noch mehr Messer? Muss ich dich abtasten?“

„Lass mich los!“

„Werde ich. Irgendwann.“ Sein Kinn strich ihr über den Kopf. „Ich habe noch nicht entschieden, was ich mit dir anstellen soll.“

Sie musste schlucken. Überwältigen konnte sie diesen Mann auf keinen Fall. Und selbst wenn es ihr gelänge, wo sollte sie hin? Der einzige Weg aus der Höhle führte durch den Fluss. Und den Tod.

Seine Wange strich ihr über die Haare, bis sie seinen Atem heiß an ihrem Ohr spüren konnte. Heiß? Sollten Vampire nicht kalt sein? Sein stoppeliger Kiefer kratzte ihr über die Wange. Sie neigte den Kopf von ihm weg, aber dadurch hatte er nur einen besseren Zugang zu ihrem Hals. Er vergrub die Nase an ihrer Halsbeuge, und sie schauderte.

„Du hast den Duft einer Gestaltwandlerin.“ Mit der rechten Hand umfasste er ihren Kiefer und drehte ihr Gesicht zu sich. „Und die goldenen Augen eines Tigers.“

Sie sah ihm in die Augen und vergaß ein paar Sekunden lang das Atmen. Sein Blick war kühn und wild, als versuchte er, ihr bis in die Seele zu blicken. Seine Augen waren nicht einfach braun, wie sie gedacht hatte, stattdessen schimmerten goldene und grüne Flecken in der braunen Iris.

Es war etwas so … Ehrliches an seinem Blick und seiner Miene. Instinktiv spürte sie, dass er bodenständig und ehrlich war. Ein Mann, der sagte und tat, was er für richtig hielt, und sich niemals dafür entschuldigte.

Sein Blick senkte sich auf ihren Mund, ehe er ihr wieder in die Augen sah. „Soll ich dich zurück nach Tiger Town bringen?“

„Nein!“ Sie riss sich los, eine Sekunde lang überrascht, dass er sie gehen ließ. „Ich kann nicht zurück dorthin. Überallhin, nur nicht nach Tiger Town.“

Er grinste. „Dann gibst du zu, dass dort dein Zuhause ist.“

„Ja, aber ich kann nicht zurück, ehe meine Mission erfüllt ist.“

„Deine Familie muss schon krank sein vor Sorge …“

„Meine Familie ist tot! Meine Eltern und mein Bruder, in Stücke gehackt von Master Han. Ich werde nicht aufhören, ehe ich ihn umgebracht habe.“

Der Vampir erstarrte. „Du wirst Han nicht umbringen.“

„Werde ich doch! Ich habe geschworen, meine Familie zu rächen …“

„Du wirst Han nicht umbringen!“, brüllte er. „Ich werde das tun.“

Jia hielt einen Augenblick inne, erstaunt von seinen Worten und dem wilden Ausdruck auf seinem Gesicht. „Warum willst du …“

„Ich erkläre mich nicht“, knurrte er und trat einen Schritt auf sie zu. „Ich war heute Nacht so nahe daran, Han umzubringen. Ich hatte freien Schuss auf seinen Hals, und du hast es verdorben.“

Sie wich zurück. „Du …“

„Zwei Jahre bin ich diesem Schwein auf der Spur, und du hast es vermasselt!“

Sie zuckte zusammen. Kein Wunder, dass er sauer war. „Das wusste ich nicht.“

„Du weißt nichts von Kriegsführung! Du kannst nicht die Wachen zuerst angreifen. Er teleportiert sich dann einfach weg.“

„Das ist mir jetzt auch klar. Nächstes Mal werde ich besser …“

„Für dich gibt es kein nächstes Mal. Han umzubringen ist mein Job, und du hältst dich da raus!“

Jia stockte der Atem, als ihr klar wurde, wer dieser Vampir sein musste. Wie oft hatte sie gehört, wie sich Jin Long und ihr Cousin über ihn beklagt hatten? Angus schickte sie immer wieder auf die Mission, ihn zu finden, und irgendwie gelang es ihm stets aufs Neue, ihnen zu entwischen.

Wie war noch sein Name? Er kam ihr wie eine Legende vor, so wie die Leute über ihn redeten. Manche sagten, er wäre gefährlich; andere nannten ihn einen Helden. Laut ihrem Cousin hatte er sich den Peilsender aus dem Arm geschnitten und war vor zwei Jahren verschwunden, nachdem er geschworen hatte, Master Han umzubringen. Ein paarmal, als Rajiv und Jin Long von Hans Soldaten umzingelt worden waren, war dieser Vampir wie durch ein Wunder aufgetaucht und hatte sie gerettet.

Genau wie er sie eben gerettet hatte. „Ich weiß, wer du bist. Du bist der … der …“

„Der Deserteur?“, knurrte er. „Erzählen sie, dass ich verrückt bin?“

„Nein! Natürlich nicht.“ Innerlich zuckte sie zusammen. Es war nicht der richtige Zeitpunkt, um zuzugeben, dass Rajiv ihn als „Den Verrückten“ bezeichnete. Und Jin Long ihn eine tickende Zeitbombe genannt hatte. Sie versuchte, sich daran zu erinnern, ob sie auch etwas Gutes über ihn erzählt hatten. „Sie sagen, du bist der beste Spurenleser der Welt.“

Er starrte sie einen Moment lang an und wendete sich dann ab, von einem Fuß auf den anderen tretend, als wüsste er nicht, was er darauf antworten sollte.

Er ist nicht an Komplimente gewöhnt, dachte sie, und ihr Herz erweichte. Was für ein einsamer Mann er sein musste. Aber auch so wunderbar seiner Sache ergeben. Sie atmete scharf ein, als ihr auf einmal eine Idee kam. „Ich weiß, was wir machen. Wir arbeiten zusammen!“

Er blinzelte. „Nein.“

„Ja!“ Es war eine brillante Lösung, so brillant, dass sie in sich die Überzeugung verspürte, ihn ganz leicht dazu überreden zu können. „Es ist perfekt! Wir haben das gleiche Ziel, müssen uns also nur zusammenschließen, um unseren gemeinsamen Feind zu vernichten.“

„Verdammt, nein.“

„Ich glaube sogar, das Schicksal hat uns aus diesem Grund zusammengeführt.“

Er zögerte und sah sie erstaunt an.

Ja! Sie war dabei, ihn zu überzeugen. Je mehr sie über diese neue Idee nachdachte, desto aufgeregter wurde sie. Sie hatte immer gewusst, dass es schwierig werden würde, Han umzubringen, aber als sie ihre Onkel Rinzen und Tenzen um Hilfe gebeten hatte, hatten diese sich geweigert. Und um es noch schlimmer zu machen, hatten sie dann ihren Plan ihrem Cousin verraten, und Rajiv hatte es ihr verboten. Rache sollte man männlichen Wertigern überlassen, hatte Rajiv zu ihr gesagt. Als die Prinzessin von Tiger Town war es ihre Aufgabe, die Gastgeberin zu spielen und für Besucher die Teezeremonie zu veranstalten. Sie war schwer versucht gewesen, Rajiv zu sagen, wohin er sich die zeremonielle Teekanne stecken könne.

„Als Vampir kannst du das ganze Schweben und Teleportieren übernehmen“, fuhr sie fort. „Und ich kann mich um alles kümmern, was tagsüber erledigt werden muss. Ich kann dich sogar bewachen, während du in deinem Todesschlaf liegst.“

Er schüttelte den Kopf. „Ich brauche keinen Wächter. Niemand weiß von diesem Ort.“

„Ich weiß davon.“

Er schnaubte. „Du hast keine Ahnung, wo wir sind.“

„Das ist sogar noch besser! Niemand sollte wissen, wo unser Geheimversteck sich befindet.“

Unser Geheimversteck?“

„Ja!“ Sie strahlte, begeistert von seiner Zustimmung. „Und du musst dir keine Sorgen machen, dass ich meinen Teil nicht erledige. Ich bin in Kampfkunst unterwiesen, und du hast gesehen, wie gut ich Messer werfen kann.“

„Ich arbeite allein.“

Sie winkte nachlässig ab. „Mir ist klar, dass du diesbezüglich wahrscheinlich etwas eingefahren bist, aber es ist an der Zeit, dass du etwas Neues wagst. Man muss mutig sein, um Erfolg zu haben.“

Er sah sie fassungslos an. „Nennst du mich einen Feigling?“

„Natürlich nicht. Ich sage nur, dass wir als Team effizienter wären. Wie heute Abend zum Beispiel. Wenn ich deine Pläne vorher gekannt hätte, hätte ich mich nicht eingemischt.“ Sie lächelte ihn aufmunternd an. „Wir sollten gleich damit anfangen, Master Han aufzuspüren. Du weißt, wo seine Stützpunkte sind, richtig? Dann los!“

„Ich glaube, wir sollten gehen.“ Der Vampir fasste sie an den Armen.

Ja! Sie waren ein Team! „Solltest du dich nicht bewaffnen …“ Sie verstummte, als alles um sie herum schwarz wurde.

Als sie wieder festen Boden unter den Füßen hatte, löste sie sich von ihm und sah sich um. Oh Gott, nein.

Sie standen auf dem Vorplatz von Tiger Town. Fackeln beleuchteten die Umgebung, und ein Dutzend bewaffneter männlicher Wertiger stand in ihrer Nähe. Alle starrten sie entsetzt an. Ihr wurde vor Verzweiflung ganz schlecht.

„Jia!“ Rajiv kam auf sie zugerannt. „Wo bist du gewesen?“

„Was hast du getan?“, zischte sie den Vampir an. „Ich habe dir gesagt, du sollst mich nicht hierherbringen.“

Rajiv blieb vor ihr stehen. „Jia, was ist passiert? Du bist vor sieben Tagen aufgebrochen, um meinen Bruder in Thailand zu besuchen, und heute bekomme ich einen Anruf von ihm, dass du nie dort angekommen bist! Ich wollte gerade Suchtrupps nach dir aussenden.“

Der Vampir lächelte spöttisch. „Ich hatte vermutet, dass ihr euch Sorgen um sie macht.“

„Russell!“ Rajiv schüttelte ihm die Hand. „Danke, dass du meine Cousine zurückgebracht hast.“

Russell? So hieß der Vampir also. Jia starrte ihn wütend an. Es könnte Wochen dauern, bis sie Han noch einmal fand. Und jetzt, wo Rajiv wusste, was sie vorhatte, würde es ihr schwerfallen, Tiger Town zu entkommen.

„Cousine?“ Russell sah sie misstrauisch an. „Du gehörst zur königlichen Familie?“

Sie war auf jeden Fall in entsprechendem Maße wütend. „Wir haben das gleiche Ziel. Ich dachte, du verstehst mich. Ich dachte, ich kann dir vertrauen.“

Er presste die Lippen zusammen. „Falsch gedacht.“

Sie holte weit aus und schlug ihn so fest sie konnte ins Gesicht.

2. Kapitel

Russell ließ seinen Kiefer kreisen, um sicherzugehen, dass er noch funktionierte.

Sie war verdammt stark für eine Prinzessin. Und verdammt wütend.

Er wendete sich von ihrem anklagenden Blick ab. Egal, was sie dachte, er hatte das Richtige getan. Die Frau hatte Familie, königliche Familie, und die war erleichtert, dass sie sicher zu Hause war. Ihr Plan, Han nachzustellen, war eindeutig suizidal. Dieses Schwein hatte Hunderte von Super-Soldaten. Es würde ihr nie gelingen, ihn ganz alleine umzubringen.

Deswegen wollte sie ja mit dir zusammenarbeiten. Verächtlich schnaubend ignorierte er seine innere Stimme. Zweifellos hatte es ihr höllisches Leid bereitet, als sie ihre Eltern und ihren Bruder verloren hatte, aber ihr Rachedurst durfte niemals wichtiger sein als sein eigener. Rache war alles, was ihm noch blieb. Sie hatte noch ihre Familie. Und Freunde. Hatte noch ein Zuhause und eine Zukunft. Es gab keinen Grund für sie, weiter zu leiden.

Und das war der große Unterschied zwischen ihnen. Ihm war es herzlich egal, ob er leiden oder sterben musste. Er hatte genug Leid ertragen, um sein kaltes, untotes Herz dagegen immun werden zu lassen.

Als Angus und seine Männer ihn vor drei Jahren in Master Hans Höhle in Thailand gefunden hatten, hatten sie ihn aus einem Vampir-Koma erweckt. Es war verstörend gewesen, herauszufinden, dass er sich den Reihen der Untoten angeschlossen hatte, aber daran hatte er sich schnell gewöhnt. Immerhin war er als Vampir gleichauf mit dem Schurken, der ihn angegriffen hatte. Das machte es ihm möglich, Rache zu nehmen. Und das gab ihm einen Grund weiterzuleben.

Russell erinnerte sich nicht daran, wie er im Vampir-Koma gelandet war, aber man hatte ihn in Hans Höhle gefunden. Mit einer Tätowierung auf dem rechten Handgelenk, die ihn als Hans Eigentum auswies. Das konnte nur bedeuten, dass Han ihn angegriffen, ihn ausgesaugt und dann für neununddreißig verdammte Jahre versteckt gehalten hatte.

Russells Theorie hatte sich bestätigt, nachdem er Han getroffen und dieses Schwein verkündete hatte, Russell würde ihm gehören. Russell hatte in genau dem Augenblick gewusst, dass Han sterben musste. Wenn es allerdings möglich war, wollte er Master Han noch eine Frage stellen, ehe er ihn umbrachte: Warum? Warum hast du mich neununddreißig Jahre lang dort liegen lassen?

Während dieser Zeit hatte Russell alles verloren. Anders als Jia hatte er nichts mehr zu verlieren. Es gab keine Familie, kein Zuhause, keine Zukunft. Nichts und niemanden.

Und so musste es auch bleiben. Er musste alleine arbeiten. Ein Partner würde ihn nur aufhalten. In ihm Verantwortung wecken. Und … Gefühle. Gefühle würden ihn schwächen. Und Schwäche führte zu Versagen.

„Tenzen!“, rief Rajiv einen seiner Onkel zu sich. „Bringst du Jia in ihr Zimmer?“

Die Augen der Prinzessin flackerten zornig auf, und sie bedachte Russell mit einem letzten vorwurfsvollen Blick aus ihren golden schimmernden Augen. „Siehst du, was du getan hast? Ich werde hier eine Gefangene sein!“

Tenzen nahm sie am Arm, und sie schüttelte ihn ab. „Ich kenne den Weg.“ Das Kinn gereckt, machte sie sich auf den Weg über den Vorplatz.

Ihr würdevoller Abgang wurde etwas getrübt durch das Schmatzen ihres nassen Stiefels, aber dennoch war Russell beeindruckt von ihrer Weigerung, sich geschlagen zu geben. War sie wirklich eine Gefangene? Der Anblick ihres Onkels und der zwei Wachen, die ihr dicht auf den Fersen folgten, schienen ihre Worte zu bestätigen.

„Jia, Gott sei Dank bist du wieder da!“ J. L. Wang strahlte, als er auf sie zukam. „Alles in Ordnung?“

Russell kniff die Augen zusammen. J. L. war der Vampir, den sie als Freund bezeichnet hatte. Nur hatte sie dabei seinen vollständigen Namen, Jin Long, benutzt. Als ehemaliger Spezial-Agent für das FBI war J. L. sofort bei MacKay Security and Investigation untergekommen. Offiziell war er der Leiter der Sicherheit für den Westküsten-Zirkel, dessen Hauptquartier sich in seiner Heimatstadt San Francisco befand. Aber in letzter Zeit war er viel öfter in China gewesen, wo seine Chinesisch-Kenntnisse den guten Vampiren im Kampf gegen Master Han eine große Hilfe waren.

Jia hob eine Hand zum Gruß und marschierte dann ohne ein weiteres Wort an ihm vorbei. Als J. L.s Lächeln verblasste, breitete sich in Russells Brust ein befriedigtes Gefühl aus.

J. L. joggte hinüber zu Rajiv und Russell. „Was ist passiert?“

„Russell hat sie gefunden und zurückgebracht“, antwortete Rajiv.

„Danke.“ J. L. lächelte Russell rasch zu. „Wir haben uns Sorgen um sie gemacht.“

Russell ballte die Hände zu Fäusten. „Warum ist dann niemand bei ihr gewesen? Du nennst dich ihr Freund, lässt sie aber allein, wenn sie sich der Gefahr stellt?“

J. L. erstarrte. „Was ist denn auf einmal mit dir los?“

„Sie war nicht allein“, erklärte Rajiv. „Wenigstens nicht am Anfang. Die Frau meines Bruders hat vor Kurzem Zwillinge geboren. Jia hat sich angeboten, als unsere Abgesandte Geschenke zu bringen und mit den Babys zu helfen. Sie ist vor einer Woche mit einer kleinen Karawane aufgebrochen. Fünf Wachen. Kurz hinter der Grenze zu Thailand ist es ihr gelungen, sich mitten in der Nacht fortzuschleichen. Die Wachen haben nach ihr gesucht, konnten sie aber nicht finden. Also sind sie ins Dorf meines Bruders geeilt und haben mich heute Nacht angerufen, um mir mitzuteilen, dass sie vermisst wird.“

„Wir wollten uns gerade auf die Suche nach ihr machen“, fügte J. L. hinzu. „Wo hast du sie gefunden?“

Russell trat von einem Fuß auf den anderen. Er war sich nicht sicher, ob die beiden wussten, dass Jia plante, Master Han umzubringen. Auch wenn er sie warnen sollte, merkte er, dass er seltsamerweise zögerte, Jia zu verraten. „Ich bin mir nicht sicher. Irgendwo im nördlichen Myanmar.“

J. L. kniff misstrauisch die Augen zusammen. „Master Han hat dort einen Stützpunkt.“

Russell zuckte mit den Schultern. „Die hat er doch überall.“

„War Han dort?“, verlangte Rajiv zu wissen. „Hat sie versucht, ihn umzubringen?“

Dann wussten sie es also. Russell seufzte. „Ja, sie hat es versucht, und sie war verdammt nah daran, Erfolg zu haben.“

J. L. keuchte entsetzt auf.

Rajiv verzog das Gesicht. „Ich habe ihr strikt verboten, auch nur in die Nähe von Han oder seinen Stützpunkten zu gehen.“

J. L. schüttelte den Kopf. „Sie ist zu impulsiv. Das bringt sie eines Tages um.“

In Russell kochte plötzlich die Wut hoch. „Wenigstens tut sie etwas! Sie hatte den Mut, ihm nachzustellen, was man von euch beiden nicht behaupten kann!“

„Wenn du weißt, wo Han ist, dann sag es mir, und ich bringe ihn gerne um. Ich habe Jia versprochen, ihre Familie zu rächen. Und da du sie gefunden hast, musst du auch in Hans Nähe gewesen sein. Warum hast du ihn nicht umgebracht?“, brachte Rajiv verärgert hervor.

Russells biss die Zähne zusammen und schwieg.

„Meinst du, wir machen hier überhaupt nichts?“ J. L. sah ihn wütend an. „In den letzten zwei Monaten haben wir sechs von Hans Stützpunkten angegriffen und seine Super-Soldaten gefangen genommen. Sie sind jetzt in der Klinik und werden zurückverwandelt.“

„Wir haben Hans Armee auf dreihundertzwanzig Mann verringert“, ergänzte Rajiv.

„Statt die Soldaten zu retten, müssen wir Han umbringen. Wenn der Kopf tot ist, verrottet auch der Körper.“

„Dann ruf uns an, wenn du Han das nächste Mal siehst“, knurrte J. L. „Wir sind auf der gleichen Seite, verdammt noch mal.“

Russell trat einen Schritt zurück, um sich fortzuteleportieren. „Bis dann.“

„Warte!“ J. L. hob eine Hand „Wir müssen noch mehr wissen. Ist Han noch in Myanmar?“

„Er ist weg. Keine Ahnung, wo er jetzt ist. Und er hatte den Drachenjungen dabei.“

„Xiao Fang?“, fragte Rajiv. „Geht es ihm gut?“

„Sah so aus.“

„Lass mich dir ein Satellitentelefon mitgeben“, sagte J. L. „Wenn du Han das nächste Mal siehst …“

„Ich habe ein Telefon.“

„Aber der Akku …“

„Der ist kein Problem.“ Russell stellte sich seinen unterirdischen Unterschlupf vor und machte sich bereit zum Teleportieren. Unser Geheimversteck, hatte die Prinzessin ihn genannt. Stimmte es, was sie gesagt hatte? „Ist sie wirklich eine Gefangene?“

Rajiv sah zu den Häusern, die an den Platz grenzten. Jia war eine der schmalen Gassen hinab verschwunden. „Sie übertreibt. In Tiger Town kann sie gehen, wohin sie will.“

Tiger Town war klein. Russell schluckte die Wut hinunter, die immer noch in ihm brodelte. Wie konnten sie es wagen, eine kämpferische Seele wie die ihre einzusperren?

„Wenn sie immer noch die Wertiger in Thailand besuchen will, kann ich sie teleportieren“, bot J. L. an.

Russell schnaubte. Dachten diese Idioten wirklich, sie wollte babysitten? Sie schärfte wahrscheinlich gerade ihre Messer und plante ihre Flucht. Sie hatte nur eine einzige Sache im Sinn – Han umzubringen.

Und er musste ihr dabei zuvorkommen. Russell teleportierte sich davon.

Jia legte den Riegel vor die Tür. Das Letzte, was sie jetzt brauchte, war jemand, der hereinplatzte, während sie ihren geheimen Waffenvorrat überprüfte.

Sie eilte durch das dunkle Zimmer und öffnete die Läden am hinteren Fenster. In Myanmar war es bewölkt gewesen, aber hier, in der Yunnan-Provinz von China, war der Himmel klar. Zahllose Sterne und eine schmale Mondsichel schienen durch das Fenster. Mit ihrer ausgezeichneten Nachtsicht reichte das Licht aus, um sehen zu können.

Als Enkelin des verstorbenen Grand Tiger lebte sie in Tiger Town, seit sie acht Jahre alt gewesen war und nach dem Tod ihrer Eltern und ihres Bruders hatte herziehen müssen. Sie war in allen Feinheiten des Lebens bei Hofe und in den aufwändigen Zeremonien gut ausgebildet, aber hier, in ihrem eigenen Zimmer, hatte sie immer eine spartanische Existenz beibehalten. Solange ihre Familie nach Rache rief, konnte sie es sich nicht erlauben, weich zu werden.

Ihr Raum nahm die Hälfte eines Gebäudes ein, das sich an der Klippe befand, die zum Strand und zum Mekong hinunterführte. Unten am Fluss sah sie Lichter in den Fenstern der Häuser und Läden, die dort auf Pfählen gebaut waren. Die meisten Dorfbewohner von Tiger Town lebten am Fluss und arbeiteten als Fischer oder Kaufleute. Hier oben auf der Klippe lagen die königlichen Residenzen und Gasthäuser neben dem großen Vorplatz und dem Palast.

Ihr empfindliches Gehör nahm einen Stiefel wahr, der auf dem steinernen Gang vor ihrer Tür über den Boden kratzte. Die Wachen waren noch da. Verdammt. Wie konnte dieser Vampir es wagen, sie zurück nach Tiger Town zu bringen? Sie hatte ihm deutlich gesagt, dass sie überallhin wollte, nur nicht hierher.

Sie trat an ihre hölzerne Truhe und tastete unter dem Stickzeug nach ihren versteckten Messern. Sie waren noch da, Gott sei Dank. Anscheinend hatte Rajiv nicht befohlen, ihr Zimmer durchsuchen zu lassen, als er erfahren hatte, dass sie vermisst wurde.

Nachdem sie das lederne Päckchen herausgezogen hatte, löste sie das Band darum und rollte es auf dem Boden aus. Zehn perfekt ausgewogene Messer lagen in einer Reihe, die Griffe in schmalen Taschen, die Klingen im Mondlicht glänzend. Sie zog ein Messer aus jedem Stiefel und ein drittes, das sie an ihrer Wade unter der Hose trug. Sie schob ihre weite Hose noch höher, um den kleinen Notfall-Dolch freizulegen, den sie an ihren Schenkel gebunden hatte.

Grinsend legte sie die vier Messer zu ihrer Sammlung. Der Vampir hatte einen Fehler begangen, als er sie nicht nach weiteren Waffen durchsucht hatte, auch wenn der Gedanke, wie er mit den Händen ihre Beine hinauffuhr, sie zum Stutzen brachte. So starke Hände. Sie musste nur die Augen schließen, um sich an seine steinharte Brust in ihrem Rücken zu erinnern, an das Kratzen seiner Barthaare an ihrer Wange und die verwegene Art, wie er ihr in die Augen gesehen hatte. Was für ein eindringlicher, aufregender …

„Mistkerl.“ Es war egal, wie stark oder gut aussehend er war. Er hatte sie hintergangen. Und dann hatte er sich von ihr abgewendet, als wäre es ihm egal. Dieser kalte, herzlose Wurm. Er war definitiv keiner von den guten Vampiren.

Sie eilte an einen eleganten Paravent, der den Teil des Zimmers abtrennte, den sie als Schlafstätte benutzte. Der Schirm war ein Geschenk von ihrem Großvater und bestand aus mehreren Quadraten, auf denen verschiedene Landschaftsmalereien abgebildet waren. Sie faltete ihn zusammen, sodass die hintere Wand sichtbar wurde. Ein Stück weiße Seide hing aufgerollt wie ein Vorhang an der Decke. Sie löste die Kordel, und die Seide entfaltete sich rauschend die Wand hinab. In Schwarz war der Umriss eines Mannes auf die weiße Seide gemalt. Sie legte ein paar Bücher auf den Saum, damit das seidene Banner straff über die hölzerne Wand gespannt war.

Nachdem sie schnell zu ihren Messern zurückgeeilt war, nahm sie sich eines, drehte sich zu dem Seidenbanner um und ließ das Messer fliegen. Bong. Direkt ins Herz des Mannes.

„Versuch du noch mal, mich aufzuhalten, Vampir, und das nächste ist für dich.“ Sie schleuderte noch ein Messer und vergrub es im Kopf des Mannes.

Sie zuckte zusammen. Nicht sein schönes Gesicht. Aufstöhnend wendete sie sich von dem Banner ab. Sein Name war Russell. Der beste Spurenleser der Welt. Denk nicht an ihn. Aber was, wenn er gerade jetzt auf der Suche nach Han war? Was, wenn er Han fand und ihn tötete, wenn er ihr damit die Rache raubte, die sie ihrer Familie versprochen hatte? Wie sollte sie je mit sich selbst leben, wenn sie in der Mission versagte, auf die sie sich seit dreizehn Jahren vorbereitete?

Verdammt, er musste sie einfach mit ihm arbeiten lassen. Es war egal, dass er ein kalter, herzloser Wurm von einem Vampir war, solange er ihre beste Chance darstellte, ihre Mission tatsächlich zu erfüllen. Und sie zu überleben.

Sie schauderte, als die Erinnerung an das Fiasko der heutigen Nacht auf sie einströmte. Nicht nur war es ihr nicht gelungen, Han zu töten, sie hatte auch Panik bekommen, als die Soldaten Jagd auf sie gemacht hatten. Noch nie hatte sie erlebt, dass so viele Männer versessen darauf waren, sie zu töten. Und wie konnte sie ihnen das vorwerfen? Sie hatte zwei von ihnen umgebracht.

Ihre Knie gaben nach, und sie brach auf dem Boden neben der Holztruhe zusammen. Mehr als die Hälfte ihres Lebens träumte sie schon davon, Rache für ihre Familie zu nehmen. Sie hatte es sich immer als erhabene, edle Aufgabe vorgestellt und sich selbst als edle Kriegerin gesehen.

Aber ihretwegen waren zwei Männer gestorben. Sie hatten Familie.

Tränen brannten ihr in den Augen. Ich hatte auch eine Familie! Sie griff nach der roten Seidentasche in ihrer Truhe, in der sich ihr wertvollster Besitz befand. Vorsichtig nahm sie die zwei reich verzierten Armspangen aus gehämmertem Gold, die mit Intarsien aus Jade verziert waren, aus der Tasche. Ihr Vater hatte sie ihrer Mutter zur Hochzeit geschenkt. Sie waren alles, was ihr von ihren Eltern geblieben war.

Tief durchatmend legte sie sich die Armbänder an die Handgelenke. „Ich werde euch rächen, das verspreche ich.“ Sie würde Han töten. Und wenn ihn hundert Soldaten bewachten, sie würde einfach mitten durch sie hindurchpreschen. Nichts konnte sie aufhalten.

Nicht einmal Russell.

Als es plötzlich an der Tür klopfte, sprang sie auf.

„Jia!“, rief Rajiv. „Können wir uns kurz unterhalten?“

„Nur eine Sekunde!“ Sie schnappte sich die Messer und warf sie in die Truhe, dann schob sie schnell ein halb fertiges Stickprojekt darüber und schloss den Deckel. Sie rannte zum Paravent und zog ihn wieder auf, um das Seidenbanner zu verstecken, an dem sie Zielen geübt hatte.

Sie löste den Riegel an der Tür und schob sie einen Spalt weit auf. „Ja?“

Rajiv stieß die Tür auf und trat ein. „Wir hatten vorhin keine Gelegenheit, miteinander zu reden. Und ich dachte, du hast vielleicht Hunger.“

Sie war wirklich am Verhungern. In den letzten Tagen hatten ihre Mahlzeiten aus einem Beutel voll getrocknetem Rindfleisch, Nüssen und Beeren bestanden. Ihr lief das Wasser im Mund zusammen, als sie sah, wie eine Dienerin eintrat, ein Tablett mit Reis, Suppe und frisch gedämpften Teigtaschen in den Händen. Eine weitere Dienerin brachte ein Tablett mit einer Teekanne und zwei kleinen Porzellantassen.

Die Dienerinnen stellten die Tabletts auf einen niedrigen Tisch und verbeugten sich.

„Danke“, sagte Rajiv zu den Frauen. „Könntet ihr noch die Kerzen anzünden? Und bringt die Geschenke, die heute gekommen sind.“

„Ja, Euer Eminenz“, murmelten die Frauen und gingen.

„Geschenke?“, fragte Jia.

„Das erkläre ich dir später.“ Rajiv betrachtete sie von oben bis unten. „Geht es dir gut? Ist dir etwas zugestoßen?“

„Alles in Ordnung.“

Er sah sie stirnrunzelnd an. „Muss ich dir sagen, wie viel Angst du uns bereitet hast? Und wie wütend ich bin, dass du nicht gehorcht hast …“ Er hielt inne, als eine der Dienerinnen mit einer Laterne und einem langen Stab zurückkam.

Jia war dankbar, dass ihr Cousin sie nicht vor einer Angestellten rügen wollte, aber trotzdem störte es sie, überhaupt Ärger zu bekommen. Wenn ein männlicher Wertiger so wie sie aufgebrochen wäre, um eine gefährliche Mission zu erfüllen, hätte man ihn für seinen Mut gelobt.

„Lass uns Tee trinken.“ Sie setzte sich mit verschränkten Beinen auf eine Seite des niedrigen Tisches und schenkte Tee in die zwei kleinen Tassen. Eine hielt sie ihrem Cousin hin. „Bitte sehr.“

Rajiv setzte sich und nahm einen Schluck. Er schwieg, während die Dienerin im Zimmer herumging und den langen Stab benutzte, um alle vier Kerzen zu entzünden. „Danke.“ Er nickte, als die Dienerin sich verbeugte und ging.

Die Wächter schlossen die Tür von außen.

„Wie lange werde ich noch bewacht?“, fragte Jia.

„Das liegt ganz bei dir.“ Rajiv warf ihr einen verärgerten Blick zu. „Wie lange wirst du noch auf dieser dummen Vorstellung bestehen, dass du eigenhändig deine Familie rächen kannst?“

Jia tauchte ihren Löffel in die Reisschüssel. „Meine Eltern und mein Bruder haben es verdient, gerächt zu werden.“

„Dem widerspreche ich nicht.“ Rajiv schenkte sich Tee nach. „Sie sind auch meine Familie. Und ich verstehe, wie du dich fühlst. Lord Qing hat meine Eltern umgebracht …“

„Und du hast Rache genommen. Ich habe dir dabei geholfen, weißt du noch?“ Jia schob sich etwas Reis in den Mund. „Wenn du nicht willst, dass ich es allein erledige, dann hilf mir!“

Rajiv seufzte. „Ich habe Großvater versprochen, dich zu beschützen.“

„Ich habe neun Leben. Ich bin bereit, ein paar davon für die Gerechtigkeit zu verlieren.“

„Bist du das?“ Rajiv warf ihr einen schiefen Blick zu. „Nur weil wir achtmal sterben und wiedererwachen können, macht das jeden einzelnen Tod nicht weniger schmerzhaft. Das weiß ich aus Erfahrung.“

Jia war zerknirscht. Sie bezweifelte nicht, dass Rajiv die Wahrheit sagte. Er lebte sein zweites Leben, nachdem er als Teenager an einem giftigen Schlangenbiss gestorben war. Sie erinnerte sich an die Panik, die sie empfunden hatte, als die Soldaten Jagd auf sie gemacht hatten. Die Vorstellung von mehreren Stich- und Schusswunden hatte ihr schreckliche Angst gemacht.

Sie zupfte eine gedämpfte Teigtasche auseinander und reichte ihrem Cousin die eine Hälfte. „Es tut mir leid, dass ich dir Sorgen bereitet habe.“

Rajiv nickte und nahm einen Bissen. „Du trägst die Armbänder deiner Mutter. Die haben mir immer gefallen.“

„Sie helfen mir, motiviert zu bleiben.“

Er stöhnte. „Wie kann ich dich davon überzeugen, die Sache aufzugeben? Ich habe dir versprochen, dass ich deine Familie rächen werde. Tenzen und Rinzen haben es ebenfalls versprochen. Dein Vater war ihr Bruder.“

„Worauf warten wir dann noch?“ Sie stopfte sich die andere Hälfte in den Mund. „Gehen wir!“

„Wenn wir gehen, wirst du nicht mit uns kommen. Ich werde dein Leben nicht aufs Spiel setzen.“

Sie schluckte heftig. „Das sollte meine eigene Entscheidung sein. Ich bin auf alles vorbereitet, Rajiv. Ich habe jahrelang trainiert. Leih mir ein paar Soldaten, damit ich anfangen kann.“

Er seufzte. „Das habe ich dir doch schon erklärt. Han hat dreißig Stützpunkte und teleportiert sich von einem zum anderen. Er kann in einer Sekunde den Ort wechseln. Du würdest dagegen eine Woche brauchen, um zum nächsten Stützpunkt zu kommen, ohne Garantie, dass er auch wirklich dort ist …“

„Heute Nacht habe ich ihn gefunden.“

„Ein glücklicher Zufall. Er war eben gerade in dem Lager, das du entdeckt hast.“ Rajiv sah sie neugierig an. „Wie hast du seinen Stützpunkt gefunden?“

„Ehe wir zum Dorf deines Bruders in Thailand aufgebrochen sind, hast du mir den Weg auf der großen Karte in deinem Arbeitszimmer gezeigt. Und du hast dort alle Stützpunkte von Han markiert. Als ich gesehen habe, wie dicht ich an seinem Stützpunkt in Myanmar vorbeikommen würde, wusste ich, ich muss es versuchen. Als ich nahe genug war, habe ich seinen Vampirduft aufgespürt, und der hat mich direkt zu seinem Aufenthaltsort geführt.“

Rajiv schüttelte den Kopf. „Ich hasse die Vorstellung, was dir hätte passieren können, wenn Russell nicht gewesen wäre.“

Jia reagierte empört. „Ich brauche seine Hilfe nicht.“

„Wir brauchen seine Hilfe sehr wohl. Er kann Han schneller finden als jeder andere von uns.“

Jia zuckte mit den Schultern und aß von ihrer Suppe. Ihr Geruchssinn war ausgezeichnet. Sie würde Han schon alleine finden.

Rajiv sah ihr stirnrunzelnd zu. „Wie soll ich dich bloß von Ärger fernhalten?“

Es klopfte an der Tür, und dann schlüpfte eine Dienerin herein. „Ich habe die Geschenke gebracht, Euer Eminenz.“

„Stell sie bitte neben Lady Jia ab.“ Rajiv deutete auf den Boden.

Jia strich mit der Hand über die zwei Ballen wunderschön bestickter Seide, einer rot und einer goldfarben. „Wer hat die geschickt?“ Sie betastete die fein geschnitzte hölzerne Schachtel, die auf den Stoffballen lag. Als sie den Deckel hob und hineinspähte, keuchte sie auf beim Anblick des antiken Haarschmucks aus Gold und Jade. Er musste ein kleines Vermögen wert sein. „Warum wurde das hierhergeschickt?“

Die Dienerin lächelte. „Das sind schöne Verlobungsgeschenke, findet Ihr nicht?“

„W…was?“

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