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Bliss County (3in1) - Auf der Suche nach Mr. Right

Die Frauen von Bliss County sind bereit, den Mann ihrer Träume zu treffen, um ihren Zielen näher zu kommen: Eine glückliche Ehe, ein schönes Zuhause und eine Familie.

BLISS COUNTY: DER HOCHZEITSPAKT

Die Frauen von Bliss County sind bereit, den Mann ihrer Träume zu treffen. Doch wer wird das Herz von Hadleigh erobern?


Der Beginn einer neuen Serie von Nr.1-"New York Times"-Bestsellerautorin Linda Lael Miller über den Traum in Weiß!

"Wir werden nicht ewig die Brautjungfern sein! Zusammen werden wir unseren Mr. Right finden." So lautet der Pakt, den Hadleigh Stevens mit ihren besten Freundinnen geschlossen hat. Schon lange sehnt sie sich nach einer eigenen Familie, Kinder und den perfekten Ehemann. Doch auf ihrer Brautmission läuft sie ständig dem attraktiven Tripp Galloway, dem Kumpel ihres Bruders, über den Weg. Bereits vor Jahren ließ er ihr Herz höher schlagen. Damals war Tripp gebunden - und heute scheint er allergisch auf das Thema Heiraten zu reagieren. Oder deutet Hadleigh seine Signale etwa falsch?

BLISS COUNTY: (K)EIN MANN ZUM HEIRATEN

Dunkle Haare, blaue Augen und ein Lächeln, das jeden dahinschmelzen lässt - Spence Hogan schafft es immer noch, Melodys Puls in die Höhe zu treiben. Dabei weiß die erfolgreiche Schmuckdesignerin genau, dass der Polizeichef kein Mann zum Heiraten ist. Dazu liebt er die Frauen viel zu sehr - und zwar alle Frauen.

Spence hat alles getan, um sich einen Ruf als Womanizer zu erarbeiten. Denn nie würde der unerschrockene Cop zugeben, dass er sich davor fürchtet, sein Herz zu verschenken. Allerdings hat Melody etwas an sich, das er seit ihren ersten gemeinsamen Date in der Highschool nicht mehr vergessen kann …

BLISS COUNTY - DER TRAUM IN WEIß

In Bliss County ist das Heiratsfieber ausgebrochen! Nur Becca Stuart ist von dem märchenhaften Tag in Weiß noch weit entfernt. Fast zerbrochen ist sie an dem Schmerz, als ihre große Liebe starb und damit die Hoffnung auf das ewige Glück. Doch dann begegnet sie Tate Calder. Sein Lächeln lässt Beccas einsames Herz schneller schlagen - und zum ersten Mal seit langer Zeit spürt sie, dass es auch für sie ein Happy End geben könnte. Allerdings hat sich der verwitwete Single-Dad Tate geschworen, nie wieder den Bund fürs Leben zu schließen. Nicht gerade die optimalen Voraussetzungen für die Erfüllung des Hochzeitspakts …

  • Erscheinungstag: 17.09.2018
  • Aus der Serie: E Bundle
  • Seitenanzahl: 908
  • ISBN/Artikelnummer: 9783955769499
  • E-Book Format: ePub
  • E-Book sofort lieferbar

Leseprobe

Cover

Linda Lael Miller

Bliss County (3in1) - Auf der Suche nach Mr. Right

Linda Lael Miller

Bliss County – Der Hochzeitspakt

Roman

Aus dem Amerikanischen von

Christian Trautmann

MIRA® TASCHENBUCH

MIRA® TASCHENBÜCHER

erscheinen in der Harlequin Enterprises GmbH,

Valentinskamp 24, 20354 Hamburg

Geschäftsführer: Thomas Beckmann

Copyright dieses eBooks © 2015 by MIRA Taschenbuch

in der Harlequin Enterprises GmbH

Titel der nordamerikanischen Originalausgabe:

The Marriage Pact

Copyright © 2014 by Hometown Girl Makes Good, Inc.

erschienen bei: HQN Books, Toronto

Published by arrangement with

Harlequin Enterprises II B.V./S.àr.l

Konzeption/Reihengestaltung: fredebold&partner gmbh, Köln

Covergestaltung: pecher und soiron, Köln

Redaktion: Mareike Müller

Titelabbildung: Thinkstock/Getty Images, München; Harlequin Enterprises II B.V./S.àr.l

Autorenfoto: © Harlequin Enterprises S.A., Schweiz, John Hall Photography

ISBN eBook 978-3-95649-415-4

www.mira-taschenbuch.de

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eBook-Herstellung und Auslieferung:
readbox publishing, Dortmund
www.readbox.net

PROLOG

Eines Samstags im September, vor zehn Jahren …

Beide Seiten der schattigen Straße waren verstopft von Autos und Pick-ups, und zwar in beide Richtungen auf einer Länge von einer Meile. Dabei lief die Zeit – rasant. Tripp Galloway entschied sich daher, den alten Pick-up seines Stiefvaters in zweiter Reihe neben der wartenden Limousine des Brautpaars zu parken. Er stellte den Automatikhebel auf „Leerlauf“, zog die Handbremse an und sprang aus dem Wagen. Den Motor ließ er laufen, die Tür offen.

Der Chauffeur der Limousine vertrieb sich die Zeit auf dem Gehsteig, das Handy ans Ohr gepresst. Ein Auf-die-Uhr-Gucker, urteilte Tripp im Vorbeigehen. Der Mann konnte das Ende der Veranstaltung offenbar nicht erwarten, damit er sein Geld erhielt und verschwinden durfte. Sein Hängebackengesicht war gerötet.

Als der Chauffeur bemerkte, dass Tripp den Pick-up einfach stehen lassen wollte, unterbrach er sein Telefonat. „Hey, Kumpel, Sie können hier nicht parken …“

Tripp lief ohne ein Wort an ihm vorbei durch das offene Tor und den Plattenweg entlang.

Die Türen der kleinen und ehrwürdigen Kirche aus rotem Backstein in Mustang Creek, eines der ältesten Gebäude der Gemeinde, standen trotz des kühlen, wenn auch sonnigen Herbstnachmittags weit offen. Drinnen war es verdächtig ruhig.

Das konnte ein gutes Zeichen sein – oder auch nicht.

Tripp hatte nicht viel Ahnung von Hochzeiten, schon gar nicht heutzutage, wo viele Paare die Zeremonie frei nach ihrem Geschmack gestalteten. Aber wenn die Veranstaltung vorbei war und er zu spät kam, um ein Ehe-Unglück zu verhindern, dann müsste man doch triumphale Orgelmusik hören, oder?

Andererseits konnte die Stille auch bedeuten, dass Hadleigh Stevens genau in diesem Augenblick „Ja, ich will“ sagte. Und damit wäre der Zug abgefahren.

Tripp atmete tief durch und schritt weiter.

Drei Platzanweiser hielten sich in der winzigen Vorhalle auf und beobachteten die Zeremonie am Altar, wobei sie nervös ihre steifen schwarzen Fliegen richteten. Tripp schob sich dreist zwischen ihnen hindurch. Und endlich befand er sich im Altarraum.

Zum Glück versuchte niemand, ihn aufzuhalten.

Sein Auftritt würde für Hadleigh dramatisch genug werden, auch ohne dass irgendwer niedergeschlagen wurde oder es ein Handgemenge gab.

Mal ganz abgesehen davon, dachte er grimmig, dass dies hier eine Kirche und keine Cowboy-Bar ist.

Auf dem Weg zum Brautpaar nahm er die übrigen Gäste nur aus den Augenwinkeln wahr. Sie drängten sich auf den Kirchenbänken und der Chorempore entlang der Wände.

Die Hochzeit war offenkundig das Hauptereignis der Saison. Außer im Juli, wenn das Rodeo stattfand, passierte nicht viel in Mustang Creek. Daher wäre die Hochzeit ohnehin schon Gesprächsstoff gewesen, auch ohne die bevorstehende Unterbrechung. Jetzt, schoss es Tripp durch den Kopf, wird der Tag zur Legende werden.

Die Zeit schien plötzlich langsamer zu verstreichen, während er unbeirrt seinen Weg fortsetzte.

Hadleigh stand vorn, eine Erscheinung in Weiß, wunderschön. In ihrem Schleier, der ihren weitgehend nackten Rücken bedeckte, glitzerten winzige Strasssteine in den Regenbogenfarben wie Lichtstrahlen in einem Wasserfall. Sie und der Bräutigam standen vor dem Pfarrer, der Tripp natürlich noch vor dem glücklichen Paar erblickte. Der alte Mann zog die Augenbrauen hoch, seufzte schwer und klappte das kleine Buch zu, aus dem er gelesen hatte. Das Geräusch hallte dröhnend in der Kirche wider.

Unter den Gästen herrschte für einen Moment Verblüffung, dann erklang Gemurmel.

Innerlich wappnete Tripp sich gegen den Aufruhr, allerdings schritt immer noch niemand ein.

Hadleigh drehte den Kopf, um dem Blick des Pfarrers zu folgen, und erschrak, als sie Tripp entdeckte, der nur wenige Meter vor ihr stehen geblieben war. An seinen Stiefeln klebten die pink-weißen Rosenblätter, die den Mittelgang bedeckten.

Sie gab keinen Laut von sich, zumindest noch nicht. Doch trotz der Schichten aus Chiffon, aus denen ihr Schleier gemacht war, sah Tripp, wie Hadleighs leuchtende Augen sich vor Überraschung weiteten. Innerhalb der nächsten Sekunden aber wich die Verblüffung der Braut purer Wut.

Sie wirbelte herum, trat einen Schritt auf ihn zu und wäre beinahe über den Saum ihres übertriebenen Brautkleids gestolpert. Das trug nicht gerade zur Verbesserung ihrer Stimmung bei.

Tripp war ein unerschrockener Kriegsveteran und verdiente seinen Lebensunterhalt damit, Linienflugzeuge zu fliegen. Doch jetzt hatte er Herzklopfen, und er spürte, wie die Hitze ihm den Hals hinaufkroch und es in seinen Ohren pulsierte.

Sag etwas, forderte ihn eine Stimme in seinem Kopf auf – die Stimme seines toten besten Freundes, Hadleighs älteren Bruders Will.

Nach einem kurzen Räuspern erkundigte sich Tripp in wohlwollendem Ton: „Habe ich den Teil verpasst, bei dem der Pfarrer fragt, ob jemand einen Grund nennen kann, weshalb diese zwei nicht im heiligen Bund der Ehe vereint werden sollen?“

Hinter sich hörte er empörte Laute, gefolgt von lautem Geflüster und hier und da nervösem Gekicher. Aber das war im Moment die geringste seiner Sorgen.

Er schaute unverwandt den Pfarrer an und wartete auf die Antwort.

Hadleigh stieg das Blut in die Wangen. Sie öffnete den Mund und schloss ihn wieder. Es schien, als wären ihre Stimmbänder verknotet.

Der Pfarrer, ein fast kahlköpfiger runder Mann namens John Deever, züchtete Schweine, wenn er nicht predigte, Trauungen vollzog oder neun Monate im Jahr an der Mustang Creek Highschool Werken unterrichtete. Er war bekannt dafür, dass er einen Overall unter dem Talar trug, falls gerade besonders viel zu tun war. So konnte er sich anschließend gleich wieder der Farmarbeit widmen, ohne sich groß umziehen zu müssen.

„Das“, verkündete Deever missbilligend, „ist höchst dramatisch.“

Allerdings hätte Tripp schwören können, ein kurzes Aufblitzen in den Augen des Mannes entdeckt zu haben, trotz des vorwurfsvollen Tons.

Der Bräutigam Oakley Smyth schaute sich um und wirkte leicht geschockt, sich in einer Kirche wiederzufinden, umgeben von Leuten und konfrontiert mit einem Einspruch. Er glich einem Mann, der jäh aus tiefem Schlaf gerissen worden war – oder einem Koma. Während er Tripps Anwesenheit zur Kenntnis nahm und erfasste, was diese bedeutete, verengten sich seine Augen zu schmalen Schlitzen. Sein frisch rasiertes Gesicht lief rot an.

„Was zum …“, murmelte er, verkniff sich jedoch den Rest, was auch immer es gewesen sein mochte.

„Denn …“, fuhr Tripp energisch fort – wie jemand, der jedes Argument beiseitefegen will, „… denn zufällig kenne ich einen Grund, und zwar einen verdammt guten.“

Hadleigh hielt ihren Brautstrauß so fest umklammert, dass die Fingerknöchel weiß hervortraten. Mit wenigen entschlossenen Schritten war sie bei Tripp. Ihre Wangen schienen zu glühen, die whiskeyfarbenen Augen funkelten vor Zorn. „Was glaubst du eigentlich, was du hier tust, Tripp Galloway?“, stieß sie gepresst hervor und sah dabei aus, als hätte sie den Strauß pinkfarbener und weißer Blumen liebend gern gegen eine Pistole eingetauscht.

„Ich verhindere diese Ehe“, erwiderte er, da er das für eine rhetorische Frage hielt – schließlich lag die Antwort auf der Hand.

Für einen kurzen Moment herrschte angespannte Stille.

„Warum?“, flüsterte Hadleigh und beendete damit das Schweigen. Jetzt klang sie ebenso entsetzt wie wütend. Mit ihren achtzehn Jahren war sie eine erblühende Schönheit, aber noch lange keine erwachsene Frau, fand Tripp. Nein, sie war immer noch die kleine Schwester seines verstorbenen besten Freundes, die zu beschützen er geschworen hatte. Zu jung und zu naiv, um zu wissen, was gut für sie war, ganz zu schweigen davon, dass sie sich auf einen Abgrund zubewegte.

Statt darauf etwas zu erwidern, schaute Tripp ihrem Auserwählten in die Augen und fragte ruhig: „Soll ich Hadleigh erzählen, was gegen diese Hochzeit spricht, Oakley? Oder möchtest du es ihr lieber selbst sagen?“

Der Bräutigam hatte sich bisher nicht gerührt, bis auf ein gelegentliches Wangenzucken. Doch der Ausdruck in seinen Augen hätte glatt zwei Schichten braun-olive Farbe von einem Army-Jeep geschmolzen.

Wäre Tripp an Oakleys Stelle gewesen, hätte er vermutlich nicht nur finster gestarrt. Er hätte jedem Mann, der die Dreistigkeit besaß, im letzten Moment seine Hochzeit zu stören, einen Kinnhaken verpasst, Kirche hin oder her.

Eine bemerkenswerte Erkenntnis, wenn man bedachte, was er gerade tat. Aber hier ging es um Grundsätzliches.

Oakley schluckte sichtlich und schüttelte einmal sehr langsam den Kopf.

Der rechts neben ihm stehende Trauzeuge betrachtete die Decke, als wäre er plötzlich fasziniert von den Deckenbalken.

Keiner der Platzanweiser schritt ein, noch irgendein Gast.

Es war, als stünden alle anderen außerhalb einer großen, undurchdringlichen Blase und betrachteten Hadleigh, den Bräutigam und Tripp wie die Figuren in einer Schneekugel.

Hadleigh funkelte Tripp immer noch wütend an, bebend vor angestrengter Beherrschung. Tränen schimmerten in ihren Augen, und ihre volle Unterlippe zitterte.

Nicht weinen, flehte Tripp im Stillen. Alles, nur das nicht.

Sie war verletzt und durcheinander, und wenn Hadleigh litt, dann litt er mit. Das war wie ein Gesetz des Universums.

„Wie konntest du nur?“, flüsterte sie, und die Traurigkeit in ihrer Stimme traf ihn bis ins Mark.

Tripp hatte vorgehabt, es ihr zu erklären, allerdings später, an einem ruhigen Ort, ohne dass die Hälfte von Bliss County zuschaute. Also hielt er ihr die Hand hin und wartete darauf, dass Hadleigh sie ergriff. Wie oft hatte sie das als Kind gemacht, wenn sie Angst hatte oder unsicher war, und Will fort oder zu abgelenkt gewesen war, um es zu bemerken.

Statt seine Hilfe anzunehmen, umfasste Hadleigh den Brautstrauß mit beiden Händen und schlug ihm damit auf die Hand. Es schmerzte, als hätte sie ihn mit einer Bullenpeitsche und nicht mit dem Blumenstrauß gehauen, und der Schlag entlockte ihm ein leises und beleidigtes „Au!“.

„Ich gehe nirgendwo mit dir hin“, stellte sie klar, nachdem sie sich ein wenig beruhigt hatte. Sie atmete schwer, straffte die schmalen Schultern und hob das Kinn. „Ich bin hier, um zu heiraten, und genau das werde ich auch tun. Ich liebe Oakley, und er liebt mich. Darum wäre ich dir dankbar, wenn du aus dieser Kirche verschwindest, bevor dich Gottes Zorn in Form eines Blitzes trifft!“

Seufzend schüttelte Tripp seine immer noch schmerzende Hand. Offenbar begriff jeder der Anwesenden, mit Ausnahme der Braut, dass die Party vorbei war.

Es würde keine Hochzeit geben, weder heute noch sonst irgendwann.

Keine Trauung, keine Hochzeitstorte, keine Flitterwochen.

Tripp versuchte, Hadleigh zur Vernunft zu bringen, ein unter diesen Umständen zugegeben ehrgeiziges Vorhaben.

„Hadleigh“, begann er, „wenn du wenigstens …“

Erneut holte sie mit dem Blumenstrauß aus. Diesmal zielte sie auf sein Gesicht und legte so viel Wucht in den Schlag, dass sie um ein Haar selbst das Gleichgewicht verloren hätte. Tripp wich dem Strauß aus, griff nach ihr und warf sie sich kurzerhand über die rechte Schulter.

„Mann, du bist noch genauso widerspenstig wie eh und je“, meinte er. Außerdem war sie schwerer, als sie aussah. Obwohl eine Bemerkung in dieser Richtung definitiv ein taktischer Fehler wäre. Zumal ihn gerade ein Meer aus wogender weißer Seide und mit Strass besetzter Spitze bedeckte, sodass er kaum noch etwas sehen konnte, geschweige denn atmen.

Die entführte Braut, ein Cowgirl aus Wyoming, wehrte sich heftig, indem sie kreischte und mit den Resten des Brautstraußes auf Tripps Rücken haute, während er sie durch den Mittelgang trug. Er zertrat die schon zerquetschten Rosenblätter, während er an den Reihen der Gäste vorbeimarschierte, ohne nach links oder rechts zu blicken. Stumm durchquerte er die Vorhalle und gelangte hinaus in den hellen Sonnenschein.

Noch immer sprach niemand ein Wort oder machte Anstalten, sich einzumischen, obwohl Hadleigh tobte und schrie und Hilfe verlangte.

Tripp marschierte mit weit ausholenden Schritten auf den Pick-up zu, dessen oft überholter Motor laute Geräusche von sich gab, während die zerbeulte, mit Tupfern von Grundierfarbe übersäte Karosserie förmlich vor Verlangen nach Geschwindigkeit zu vibrieren schien. Der Limousinenfahrer stand nach wie vor auf dem Gehsteig, kettenrauchend und in sein Handy plappernd. Als Tripp aus der roten Backsteinkirche kam, die strampelnde und kreischende Braut über der Schulter, klappte er den Mund zu und starrte die beiden an.

Inzwischen musste das Bouquet völlig hinüber sein, denn nun trommelte Hadleigh mit ihren Fäusten auf Tripps Rücken. Offenbar hatte sie die Absicht, mindestens eine seiner Nieren, am besten aber alle beide, zu blutigem Brei zu schlagen.

Endlich erreichte er den Pick-up. Tripp seufzte erleichtert, obwohl er mit Hadleigh und ihrem Brautkleid zu kämpfen hatte, bis er die Beifahrertür aufkriegte und es ihm gelang, Hadleigh in den Wagen zu befördern. Er stopfte das voluminöse Kleid hinein und warf die Tür fest zu. Vermutlich würde Hadleigh versuchen zu fliehen, doch bis sie sich durch sämtliche Kleiderschichten gekämpft und den Türgriff in der Hand hatte, saß Tripp schon auf dem Fahrersitz und fuhr los.

Er hoffte, dass sie vernünftig genug war, um nicht aus dem fahrenden Auto zu springen. Andererseits ließ ihr Männergeschmack berechtigte Zweifel an ihrem IQ aufkommen. Also fasste er sie am linken Arm – nur für den Fall, dass er ihren gesunden Menschenverstand überschätzte.

Sie schien sich ein wenig zu beruhigen, obwohl sie immer noch stinkwütend zu sein schien.

„Ich kann nicht glauben, dass du das gerade eben getan hast!“, platzte sie schließlich heraus, als er sie losließ. Mittlerweile fuhren sie vierzig Meilen pro Stunde, daher war es unwahrscheinlich, dass sie jetzt noch einen Sprung wagte. Dafür gab es ein anderes Problem. Ihr verdammtes Hochzeitskleid füllte praktisch die ganze Kabine des Pick-ups aus, was nicht ungefährlich war. Tripp fühlte sich an seine Kindheit mit Will erinnert, als sie irgendwie an eine Packung Waschpulver gelangt waren, das sie in den Springbrunnen vor dem Gerichtsgebäude in Bliss River gekippt hatten. Im Nu war der Seifenschaum wie ein Tsunami über ihnen zusammengeschlagen.

„Glaub es ruhig“, erwiderte er knapp.

Inzwischen hatte sie den Schleier zurückgeschlagen. Darunter kam ein gerötetes Gesicht mit zerlaufenem Mascara zum Vorschein. Sie tat ihr Bestes, um Tripp finster anzufunkeln. Eine ihrer künstlichen Wimpern hatte sich gelöst und hing an ihrem Augenlid wie ein Insekt an der Windschutzscheibe. Tripp musste lachen.

Das war natürlich ein Fehler. Allerdings hätte er es, selbst wenn sein Leben davon abgehangen hätte, nicht geschafft, keine Miene zu verziehen. Dabei hatte er sein Glück wahrscheinlich schon genug herausgefordert. Über eine Frau zu lachen, die dermaßen wütend war, grenzte geradezu an Dummheit. Doch nun war es passiert.

Falls Will aus dem Himmel zuschaute, oder wo immer die guten Menschen landeten, hoffte Tripp nur, dass er zufrieden war. Es wäre leichter gewesen – und ungefährlicher –, mit einer Bärenmutter Walzer zu tanzen, als Hadleigh vor einem Leben mit jemandem wie Oakley Smyth zu retten.

Die Atmosphäre in der Fahrerkabine war zum Zerreißen gespannt. „Findest du das alles auch noch witzig?“, fuhr Hadleigh ihn an und verschränkte die Arme vor der Brust, was gar nicht so einfach war, weil das Kleid ihr im Weg war.

Tripp unterdrückte ein letztes Lachen. „Ja“, gestand er. „Ich finde das tatsächlich witzig. Und ich wette, dir wird es eines Tages auch so ergehen.“

„Ich hätte dich verhaften lassen können!“

„Nur zu“, erwiderte Tripp unbekümmert. „Bring Spence Hogan dazu, mich in den Knast zu werfen. Ich wäre allerdings schneller wieder draußen, als du ‚Pokerfreund‘ sagen kannst.“ Er runzelte nachdenklich die Stirn. „Aber jetzt, wo du es erwähnst, würde ich meinen alten Kumpel Spence wirklich gern fragen, warum er dich nicht verhaftet hat, bis du zur Vernunft gekommen wärst und mit Smyth Schluss gemacht hättest.“ Er schüttelte den Kopf. „Smyth“, wiederholte er verächtlich. „Wie überheblich muss man eigentlich sein, um einen ansonsten absolut gewöhnlichen Namen mit y zu schreiben?“

„Du glaubst, du kennst Oakley“, meinte Hadleigh aufbrausend. „Aber das stimmt nicht.“

„Nein“, widersprach Tripp milde. „Du bist diejenige, die ihn nicht kennt.“

„Wir lieben uns! Zumindest liebten wir uns, bis du dich eingemischt hast! Wie soll ich den Leuten nach diesem Vorfall jemals wieder unter die Augen treten? Was ist mit all der Planung und dem Geld, das Gram und ich für dieses Kleid ausgegeben haben? Von den Blumen und dem Kuchen und den Brautjungfernkleidern für Bex und Melody ganz zu schweigen. Und zu allem Überfluss wartet in unserem Esszimmer auch noch ein Berg Geschenke, die wir jetzt zurückgeben müssen …“

Sie verstummte, und Tripp wartete eine Weile, bevor er sagte: „Du bist verliebt in die Liebe, Hadleigh. Das ist alles. Hast du denn noch gar nicht darüber nachgedacht, dass ein Mann, der eine Frau wirklich liebt, wenigstens irgendetwas gesagt, wenn nicht sogar gekämpft hätte, um zu verhindern, dass sie an ihrem Hochzeitstag aus der Kirche geschleppt wird?“

Dieses Argument nahm ihr den Wind aus den Segeln, und Tripp bereute seine Worte sofort – ein bisschen. Die Wahrheit tut weh. Leider war an dieser abgedroschenen Weisheit viel dran.

„Oakley ist ein Gentleman“, entgegnete sie schließlich und schniefte pikiert. „Kein raubeiniger Cowboy, der glaubt, er könne alles mit seinen Fäusten lösen!“

„Hast du etwas gegen Cowboys?“, neckte Tripp sie.

Erneut wurde sie knallrot. „Ach halt den Mund. Halt einfach den Mund.“

Diskretion war nie eine seiner Stärken gewesen. „Wo wir gerade dabei sind … warum, um alles in der Welt, klebst du dir falsche Wimpern an?“, fragte er mit echter Neugier. „Mit den Wimpern, mit denen du zur Welt gekommen bist, ist doch nichts verkehrt, soweit ich das beurteilen kann.“

Hadleigh stieß einen frustrierten Laut aus. „Bist du fertig?“, entgegnete sie sauer.

So viel zu einer vernünftigen Unterhaltung zwischen Erwachsenen.

Normalerweise hätte Tripp darauf bestanden, dass sie sich anschnallte. Aber er war sich ziemlich sicher, dass sie in dieser bauschigen Wolke aus jungfräulicher weißer Seide und Spitze den Gurt nicht finden würde.

Jungfräulich.

Ob Hadleigh noch unschuldig ist? Oder hatte Oakley Smyth – oder irgendein anderer schleimiger Typ – sie ins Bett gelockt?

Diese Vorstellung machte Tripp wütend, obwohl Hadleighs Sexleben ihn überhaupt nichts anging. Sicher, achtzehn war jung, doch so jung nun auch wieder nicht. Viele Frauen in dem Alter schliefen schon mit Männern, auch wenn sie nicht verheiratet waren.

Tripp beschloss, diesen Gedanken aus seinem Kopf zu verbannen und ihn ebenso wenig auszusprechen. Denn das wäre einem Streichholz gleichgekommen, das man an eine Lunte hält.

Stattdessen würde er sich aufs Fahren konzentrieren.

Also rollten sie in gereiztem Schweigen über die ruhige Hauptstraße von Mustang Creek, vorbei an der Post und dem Lebensmittelladen sowie dem alten Kino, das während einer der letzten Rezessionen geschlossen worden war.

Nach und nach entspannte Tripp sich und erinnerte sich lächelnd an die alten Tage, als Hadleigh ein schlaksiges Mädchen gewesen war, mit zerschrammten Knien, knochigen Ellbogen, Zahnlücken und dem Sommersprossengesicht mit den großen Augen, in denen lauter Fragen standen. Damals war sie ihm und Will und ihren Freunden ständig hinterhergelaufen, wann immer sie es zuließen. Seitdem hatte sie sich zwar sehr verändert, aber das hieß doch noch lange nicht, dass sie sich für den Rest ihres Lebens an einen Mann binden musste. Bis dahin hatte sie immer noch eine Menge Zeit.

Was war denn mit dem College? Schließlich war sie sehr klug. Ihre Ergebnisse beim College-Eignungstest waren überdurchschnittlich gewesen, weshalb ihr ein Vollstipendium von einer der besten Universitäten im Land angeboten worden war. Außerdem … wollte sie nicht wenigstens ein bisschen von der Welt außerhalb von Wyoming, Montana und Colorado sehen? Sich in einigen Jobs ausprobieren, um herauszufinden, was ihr wirklich lag? Oder wenigstens für eine Weile allein wohnen?

Ein schrecklicher Gedanke kam Tripp, während er darüber nachdachte, warum sie es so eilig damit hatte, einen Ehemann zu finden. Und wie ein Idiot platzte er gleich damit heraus, anstatt es für sich zu behalten. „Sag mal … du bist doch nicht etwa schwanger?“

Sie erstarrte in ihrem Versuch, die falschen Wimpern abzureißen. „Selbstverständlich nicht. Oakley und ich haben – hatten – zwar vor, Kinder zu bekommen, allerdings nicht sofort.“ Wieder schimmerten Tränen der Empörung in ihren Augen.

Kein Wunder, dass sie sauer und enttäuscht war, schließlich hätte dies der schönste Tag ihres Lebens werden sollen. Vielleicht war er das auch, aber im Moment musste es sich für Hadleigh eher wie der schlimmste Tag anfühlen. Tripp war unendlich froh über ihre Antwort, hatte sich jedoch so weit im Griff, sich nichts anmerken zu lassen. Die Vorstellung, die süße, sensible und früher so vernünftige Hadleigh könnte das Kind eines anderen Mannes unter dem Herzen tragen, hatte ihn schwer getroffen.

Besonders da dieser Mann ihr höchstwahrscheinlich das Herz brechen würde, noch ehe die Flitterwochen vorbei waren.

Außerdem war Hadleigh einzigartig. Eine Frau, die echte, wahre Liebe verdiente, genauso wie sie es verdiente, beschützt zu werden, zusammen mit dem Baby, das sie eines Tages haben würde.

„Wenn Oakley dich liebt“, meinte Tripp mit sanfter, rauer Stimme, „wird er auf dich warten, Hadleigh. Er wird warten, bis du bereit bist, seine Frau zu werden.“

Sie wandte den Blick ab, und Tripp sah, dass sie wieder weinte und versuchte, es vor ihm zu verbergen. Etwas in ihm zog sich zusammen.

„Verrat. Mir. Wieso.“ Sie sprach jedes Wort mit Nachdruck und sehr langsam aus.

Bisher hatte Tripp keinen weiteren Plan gehabt als den, Hadleigh aus der Kirche zu holen, bevor sie Oakley Smyths Ehefrau werden und ihr Leben dadurch ruinieren konnte. Doch jetzt, wo sich der Aufruhr gelegt hatte, begann er, seine Möglichkeiten abzuwägen.

Falls da welche waren.

Er konnte Hadleigh nicht zu dem kleinen Haus fahren, das sie mit ihrer Großmutter bewohnte. Zumindest noch nicht, denn Alice Stevens war vermutlich noch in der Backsteinkirche und versuchte, das Beste aus der schwierigen Situation zu machen. Vielleicht brachte sie in dieser Minute den unvermeidlichen Klatsch zum Verstummen.

So wie es schien, würde es jede Menge Tratsch geben, und Tripp verspürte nicht das geringste Bedürfnis, die Probleme noch zu verschlimmern, indem er Zeit mit Hadleigh allein hinter verschlossenen Türen verbrachte. Nicht einmal für die wenigen Minuten, die es dauern würde, bis Alice von der Kirche zu Hause war.

Wenn er Hadleigh irgendwo hinbrachte, wo sie ungestört waren, würden die Leute annehmen, dass er nicht nur ihre Tränen trocknen wollte, nachdem er ihre Hochzeit mit seinem Auftritt verhindert hatte.

Ihm und Hadleigh stand ein schwieriges Gespräch bevor, und das war nicht überall möglich. Die Ranch seines Stiefvaters war dafür nicht geeignet, denn sie lag mehrere Meilen außerhalb der Stadt und die Chancen standen gut, dass Jim um diese Zeit unterwegs wäre. Er nutzte das Tageslicht und ging so sorgsam damit um wie mit seinem Geld. Also wäre er höchstwahrscheinlich irgendwo auf seinem Land unterwegs, um verrostete Zäune zu flicken oder ein paar dürre Rinder zusammenzutreiben, die den letzten Winter überlebt hatten.

„Du“, stieß Hadleigh hervor, „wirst das nicht einfach abtun. Du wirst nicht einfach so tun, als wäre nichts passiert, Tripp Galloway, denn du hast gerade meine Traumhochzeit verhindert, und das werde ich weder vergessen noch verzeihen!“

Er wertete das nicht als leere Drohung. Ein Gefühl von Aussichtslosigkeit überfiel ihn. Wenn das der Preis war, den er dafür zahlen musste, das Richtige gemacht zu haben – wovon er felsenfest überzeugt war –, dann okay. Aber das hieß nicht, dass es einfach werden würde.

Ein Stück die Straße hinunter entdeckte er Bad Billy’s Burger Palace und Drive-Thru und entschied, dass der Laden für eine Unterhaltung genügen würde. Mit etwas Glück wären nur die Bedienung sowie ein paar Stammgäste und Touristen da – und keine neugierige Meute. Die Ortsansässigen konnten anschließend übereinstimmend bezeugen, dass zwischen Tripp und der Braut, die er Oakley Smyth vor der aristokratischen Nase weggeschnappt hatte, nichts war. Alle anderen, die auch nur das leiseste Interesse am neuesten Klatsch hatten, hielten sich ohnehin noch am Ort des Verbrechens auf und zerrissen sich dort die Mäuler. Sie würden sich gegenseitig fragen, was nur aus dieser Welt geworden sei, und vorgeben, diesen ganzen Zirkus nicht inbrünstig zu genießen.

„Ich höre dich“, sagte Tripp müde, während er den Blinker setzte. Tripp stellte fest, dass er hungrig war. Kein Wunder, schließlich hatte er weder für das Frühstück noch für das Mittagessen Zeit gehabt, bevor er sich über den berüchtigten kalifornischen Freeway 405 zu dem Hangar kämpfen musste, wo seine Cessna aus dritter Hand auf ihn wartete. Es zeigte sich jedoch, dass der Luftverkehr über L. A. fast so chaotisch war wie die Engstellen auf den Highways unter ihm.

Als er endlich auf der Landebahn außerhalb von Bliss River aufsetzte, fünfunddreißig Meilen von Mustang Creek entfernt, zweifelte Tripp an seinem Verstand.

Jims klappriger Pick-up wartete startklar auf ihn, mit vollem Tank, steckendem Schlüssel und einer Nachricht, geschrieben auf die Rückseite eines alten Kalenderblatts aus dem Futtermittelladen – der Aprilseite 1994, um genau zu sein.

Konnte nicht auf dich warten, hatte Jim in seiner seltsam eleganten Handschrift geschrieben. Hab ein paar kranke Kälber auf der Ranch, deshalb ist Charlie – der neue Helfer – in seinem Wagen mitgefahren, um mich wieder mit nach Hause zu nehmen. Wir sehen uns später auf der Ranch. PS: Bring Hadleigh die Nachricht schonend bei, ja? Sie wird ziemlich verletzt sein und wütend wie eine Wildkatze, die mit allen vier Pfoten in einem Sirupbottich erwischt wurde.

Mit diesem weisen Ratschlag im Kopf war Tripp über kurvige Highways und Schotterpisten-Abkürzungen gerast, den Fuß praktisch im Vergaser des alten Pick-ups, damit er bloß rechtzeitig zur Kirche gelangte, bevor der Pfarrer die Sache mit den üblichen Worten besiegelte.

Hiermit erkläre ich euch zu Mann und Frau.

Die Gefahr war mittlerweile gebannt, trotzdem schüttelte es Tripp bei der Vorstellung, dass Hadleigh um ein Haar Mrs Oakley Smyth geworden wäre.

Hadleigh starrte durch die staubbedeckte Windschutzscheibe und machte ein verblüfftes Gesicht. „Bad Billy’s?“, fragte sie, während Tripp den Pick-up auf den Parkplatz lenkte. „Was machen wir hier?“

„Ich komme um vor Hunger“, antwortete Tripp freundlich und stellte den Wagen in der Nähe der Tür ab. Der Parkplatz war fast leer, ein gutes Zeichen. „Und ich glaube, du möchtest ein paar Antworten.“

„Ich trage ein Hochzeitskleid“, erinnerte sie ihn, indem sie die Worte zwischen ihren zusammengebissenen, perfekten weißen Zähnen hervorstieß. Vor gar nicht so langer Zeit war sie ein „Metallmund“ gewesen, wie Will sie genannt hatte. Tripp dachte mit einem Anflug von Nostalgie daran und verkniff sich ein Grinsen. Damals hatte sie so viel Stahlgitterwerk im Mund gehabt, dass sie lispelte.

„Ist mir schon aufgefallen.“

„Kannst du mich nicht einfach nach Hause bringen?“ Hadleigh klang jetzt kleinlaut; ihre Kraft ließ nach. Das war nur ein vorübergehender Zustand, wie er vermutete. Binnen weniger Minuten würde sie bereits wieder versuchen, ihm die Augen auszukratzen.

„Denk an deinen Ruf“, riet er ihr. „Wie sähe es denn aus, wenn wir bei dir zu Hause allein wären, nach dem, was passiert ist? Was würden die Leute sagen?“

„Als würde es dich kümmern, was irgendwer denkt“, konterte Hadleigh und verdrehte dabei die Augen. „Wie dem auch sei, ich versuche jedenfalls, nicht an meinen Ruf zu denken. Denn der dürfte ernsthaft Schaden erlitten haben.“

Tripp grinste, stieg aus dem Auto und ging auf ihre Seite. Er öffnete die Tür, während sie nach dem Türknopf suchte, um ihn auszusperren. In ihrem aufgebrachten Zustand kam ihr anscheinend nicht in den Sinn, dass er jederzeit mit dem Schlüssel aufschließen konnte.

„Möchtest du selbst laufen?“, erkundigte er sich übertrieben höflich und verbeugte sich. „Oder soll ich dich tragen?“

Es sah aus, als ergieße sich aus dem Wagen eine schimmernde Wolke aus Stoff. Vorsichtig setzte sie einen Fuß auf den Boden, wobei sie jede Hilfe von Tripp ablehnte. Der glitzernde Saum ihres prächtigen Kleids schleifte über den Schotter vor Bad Billy’s Restaurant, zwischen weggeworfenen Zigarettenkippen, Kaugummipapier und Strohhalmen hindurch.

„Wage es ja nicht, mich anzufassen“, warnte sie ihn mit anscheinend neu erwachter Wut und rauschte majestätisch an ihm vorbei, wie eine Königin vor ihrem großen Auftritt bei Hofe – oder beim Gang zur Guillotine mit der Würde der Unschuldigen. Der Schleier hing auf ihren Rücken hinunter, nur noch von einer Haarnadel gehalten, die herauszurutschen drohte, sodass ihr wundervolles braunes Haar sich aus dem ehemals anmutigen Knoten lösen und herabgleiten würde.

„Würde mir nicht im Traum einfallen“, erwiderte Tripp erneut grinsend. „Dich anzufassen, meine ich.“

Er beschleunigte seine Schritte, um Hadleigh zu überholen, und hielt ihr die schwere Glastür auf, bis sie an ihm vorbeigeschritten war.

Sie warf ihm einen vernichtenden Blick über die Schulter zu und marschierte mit gestrafften Schultern und hoch erhobenen Hauptes an dem Schild vorbei, auf dem stand, man möge bitte warten, bis man zu einem Tisch geführt wurde.

Wie Tripp gehofft hatte, waren nur ein paar Kellnerinnen und Bedienungen am Autoschalter in dem Schnellrestaurant, außerdem der Koch und ein Typ, der mit einer Tasse Kaffee und einem Stück Kirschkuchen vor sich auf seinem Barhocker saß.

Tripps Magen fing an zu knurren.

Unterdessen näherte Hadleigh sich, immer noch in königlicher Haltung, der nächsten Tischnische und rutschte auf die mit Vinyl bezogene Sitzbank, wobei sie einen lustigen Versuch unternahm, ihre wogenden Röcke, und was sich sonst noch darunter befand, zu bändigen. Ihr Gesicht war jetzt blass, und erneut überfiel Tripp Mitgefühl. Oder war es Reue?

Vermutlich von beidem ein bisschen.

Er setzte sich auf die Bank ihr gegenüber.

Eine Kellnerin – auf ihrem Namensschild stand Ginny – kam mit tänzelnden Schritten und großen Augen an ihren Tisch. In Las Vegas oder Los Angeles mochten die Leute in Hadleighs Kleidung in billige Schnellrestaurants gehen, aber in Mustang Creek, Wyoming, passierte das einfach nicht.

Zumindest nicht bis zum heutigen Tag.

„Was darf’s sein?“, erkundigte sich die Bedienung, als würde sie Frauen in Hochzeitskleidern jeden Tag Essen servieren. „Das Tagesgericht ist Hackbraten-Sandwich mit Salat und einem Dressing Ihrer Wahl.“

Halbwegs rechnete Tripp damit, dass Hadleigh verkündete, sie sei entführt worden und verlange, auf der Stelle die Polizei zu rufen. Zu seiner Überraschung erklärte sie stattdessen bestimmt: „Ich nehme einen Cheeseburger, medium, dazu einen Schokoladen-Milchshake, bitte. Mit Schlagsahne.“

„Für mich das Tagesgericht“, sagte Tripp ein wenig heiser, sobald er an der Reihe war. „Blue-Cheese-Dressing auf dem Salat.“

Ginny – sie kam ihm nicht bekannt vor, aber er war auch lange fort gewesen – schrieb alles sorgfältig auf ihren Block und verschwand.

„Ich hatte schon seit sechs Wochen keinen Milchshake mehr“, gestand Hadleigh und klang, wie Tripp fand, als wollte sie sich rechtfertigen, da sie fest damit rechnete, dass er sie kritisierte. „In diesem verdammten Kleid ist kein Platz für ein einziges zusätzliches Pfund, obwohl ich monatelang wie verrückt trainiert und nur von Salatblättern und Wasser gelebt habe.“

„Ich schätze, du kannst es riskieren“, erwiderte er. Für seinen Geschmack sah sie gut aus, besser als gut, gemessen daran, wie dieses Kleid ihre Kurven mit aufregender Vollkommenheit umschmeichelte.

Sie verzog das Gesicht. „Vielen Dank.“ Ihr Ton war so säuerlich wie ihre Miene.

„Warum sich nicht auf das Gute konzentrieren? Da die Hochzeit gestorben ist, kannst du essen, so viel du willst.“ Er machte eine Pause. „Solange keine Naht platzt, bevor du zu Hause bist, ist doch alles in Ordnung.“

Sie kniff die ausdrucksvollen, goldgesprenkelten Augen zusammen. Selbst mit verlaufenem Make-up war ihr Gesicht wunderschön, auf eine unperfekte Art.

„Ist dir eigentlich klar, dass mein ganzes Leben ruiniert ist?“, fuhr sie ihn an. „Und das ist alles deine Schuld!“

„Du bist achtzehn“, erinnerte er sie. „Dein ganzes Leben hat noch gar nicht angefangen.“

„Das glaubst du vielleicht. Außerdem bin ich schon ziemlich reif für mein Alter.“

„Von wegen“, konterte Tripp.

„Deiner Meinung nach“, erwiderte sie. „Wie dem auch sei – falls du es vergessen haben solltest: Es ist absolut legal, wenn eine Frau mit achtzehn heiratet.“ Sie verzog das Gesicht. Selbst das sah gut aus bei ihr. „Und wenn Gram nichts dagegen hat, warum dann du?“

Er beugte sich über den Tisch. „Deine Großmutter hat vermutlich etwas dagegen, nur verfügt sie nicht über die Kraft, dich aus der Kirche zu schleppen. Und erzähl mir bloß nicht, sie hätte sich nicht den Mund fusselig geredet, damit du begreifst, dass es besser ist, noch eine Weile zu warten. Ich kenne Alice Stevens zu gut, um das auch nur eine Sekunde lang zu glauben. Du warst einfach zu stur und wolltest nicht auf sie hören, das ist alles.“

Ihr Kopf lief rot an, und sie wich seinem Blick aus – offenbar war Alice tatsächlich gegen die Heirat gewesen. Dann schaute sie ihn wieder an, so durchdringend, dass er es fast körperlich spürte. „War es Gram? Hat sie dich gebeten zurückzukommen und das zu tun, was du gemacht hast?“

„Nein“, antwortete er. „Ich verfolge die Lokalnachrichten online. Dabei habe ich erfahren, dass du heiraten wirst. Deine Großmutter hatte nichts damit zu tun.“

„Du mochtest Oakley noch nie, genauso wenig wie mein Bruder. Ich verstehe nicht, warum, denn er ist wirklich sehr lieb.“

Es stimmte, weder Tripp noch Will hatten sich mit Oakley abgeben wollen, der während der gesamten Schulzeit in ihrer Klasse gewesen war. Darum, dass er sieben Jahre älter war als Hadleigh, ging es nicht.

Ebenso wenig entscheidend war in diesem Fall Tripps schlechte Meinung von Oakley, der ein Schleimer und hinterhältiger Typ war und vom Kindergarten an bis zur Abschlussklasse andere schikaniert hatte. Hier ging es um ein Versprechen, das Tripp seinem Freund Will vor einigen Jahren gegeben hatte, als dieser sterbend in einem Feldlazarett in Afghanistan gelegen hatte. Vor allem aber ging es um die Recherche, die Tripp betrieben hatte, obwohl er Smyth schon so lange kannte. Er hatte einfach das Gefühl gehabt, dass sich da noch mehr verbarg.

Und natürlich stellte sich diese Vermutung als richtig heraus.

Jetzt war er also wieder hier, zurück in seiner alten Heimatstadt, und saß an einem Tisch im Schnellrestaurant der Braut gegenüber, die er vor knapp einer halben Stunde gekidnappt hatte.

Das Essen wurde serviert. Die Kellnerin eilte gleich wieder davon, nachdem sie beide kurz und gründlich gemustert hatte. Hadleigh rührte ihren Cheeseburger nicht an, und auch Tripp ließ sein Hackbraten-Sandwich unberührt auf dem Teller liegen.

Mit leiser Stimme erzählte er Hadleigh von der Tänzerin in Laramie, einer Frau namens Callie Barstow. Mit ihr hatte Oakley immer wieder zusammengelebt, über fünf Jahre lang. Bis zum letzten Wochenende, um genau zu sein. Darüber hinaus hatten die beiden gemeinsame Kinder, einen vierjährigen Jungen und ein sechs Monate altes Mädchen. Die Kinder trugen Callies Nachnamen, und der Smyth-Clan wusste entweder nichts von ihrer Existenz oder ignorierte sie einfach, bis sie vielleicht wieder aus seinem Leben verschwinden würden.

Laut dem Bericht des Detektivs fing Callie allmählich an, unter der ständigen Heimlichtuerei zu leiden. Sie wollte, dass ihr und den Kindern Respekt entgegengebracht wurde sowie angemessene finanzielle Unterstützung, und die Kinder sollten als rechtmäßige Erben des Smyth-Vermögens anerkannt werden. Aber Oakley drückte sich anscheinend nicht nur vor der Ehe mit ihr, sondern überhaupt davor, die Frau seinen Eltern vorzustellen. Das Ende vom Lied war, dass Callie die ganze Situation satt hatte. Falls Oakley seinen Eltern weiterhin nichts von ihren Enkeln erzählte, würde sie es tun.

Oakley wollte diese peinliche Konfrontation weiter hinauszögern, wusste allerdings gleichzeitig, dass er das nicht ewig schaffen würde. Also beendete er ziemlich theatralisch die Beziehung. Die Kinder unterstützte er weiter, das musste sogar Tripp ihm widerstrebend zugutehalten. Dann machte er Hadleigh einen Antrag. Offenbar hoffte er, Callies unausweichlichem Geständnis die Brisanz nehmen zu können, indem er eine Frau heiratete, die gesellschaftlich akzeptierter war.

Obwohl die Stevens im Vergleich zu den Smyths eher arm waren, waren sie alteingesessen. Sie galten als eine sehr geachtete Familie. Hadleighs und Wills Vorfahren gehörten zu den allerersten Pionieren, die sich in den 1850ern in dem Landstrich niedergelassen hatten, lange vor den landhungrigen Einwanderern, die auf den Bürgerkrieg folgten. In Orten wie Mustang Creek zählte diese lange Verbundenheit eine Menge.

Das alles wäre völlig in Ordnung gewesen – bis auf die Tatsache, dass Oakley weiterhin regelmäßig mit Callie schlief.

Ansehen zu müssen, wie Hadleigh diese Informationen verarbeitete, war schlimmer als alles, was Tripp bis dahin hatte durchmachen müssen. Natürlich mit Ausnahme der Tiefpunkte seines Lebens, als er seine Mutter verloren und einige Jahre später am Totenbett seines besten Freundes gewacht hatte, in einem fremden Land, unfassbar weit weg von zu Hause.

Manche Leute, vermutlich die meisten, hätten jetzt Beweise gefordert: Fotos, Dokumente, irgendetwas, das die Wahrheit dessen belegte, was Tripp erzählt hatte. Aber Hadleigh hörte nur zu und glaubte ihm. Ihre Träume zerplatzten, eine Welt stürzte für sie ein, das erkannte er in ihren braunen Augen.

Das Schlimmste jedoch kam erst noch, denn Hadleigh fragte ihn, ob er sie mit nach L. A. nehmen könnte, wenn er wieder abreiste. Er gab ihr eine Antwort, von der er wusste, dass sie so schmerzhaft sein würde wie ihr zerbrochenes Märchen von der Hochzeit.

„Das geht nicht“, erklärte er ruhig. „Meine Frau hätte kein Verständnis dafür.“

1. KAPITEL

Mustang Creek, Wyoming, heute

Mitte September

Tja, Hund, wir sind fast zu Hause“, sagte Tripp Galloway zu seinem Beifahrer, einem schielenden schwarzen Labrador, den er im letzten Jahr als Welpen von der Ladefläche eines zerbeulten Pick-ups am Rand eines Highways in Seattle gekauft hatte.

Ridley sah ihn an und gähnte herzhaft.

Tripp seufzte. „Die Wahrheit ist, dass ich auch nicht allzu begeistert bin“, gestand er.

Ridley gab ein mitfühlendes Jaulen von sich und drückte die Schnauze wieder an die fleckige Scheibe auf der Beifahrerseite. Das war seine Art zu sagen, dass er gern den Kopf aus dem Fenster stecken würde, wenn es Tripp recht wäre, um seine Ohren im Wind flattern zu lassen wie zwei pelzige Fahnen.

Tripp lachte und drückte den Knopf auf seiner Armlehne, um Ridleys Fenster bis zur Hälfte herunterzulassen. Das unausweichliche Röhren erfüllte die große Kabine. Der Hund war im Hundehimmel, während sein Herrchen sich nicht zum ersten Mal fragte, wie Ridley bei dem heftigen Fahrtwind atmen konnte.

Ein weiteres kleines Geheimnis des Lebens, dachte er.

Vor sich erkannte er die heruntergekommenen Randbereiche von Mustang Creek – hier und dort eine Tankstelle mit Shop, ungepflegte Grundstücke mit ein paar einsamen Wohnwagen, die ihre besten Tage hinter sich hatten, und mehr Lagerhäuser, als irgendeine Gemeinde brauchte, besonders von der Größe seiner Heimatstadt.

Das sind vermutlich die Zeichen der Zeit, dachte Tripp ein wenig mürrisch, dass die Leute so verdammt viel Zeug haben, dass ihre Häuser und Garagen überquellen. Statt einmal in sich hineinzuhorchen und sich zu fragen, welche Leere sie in ihrem Innern auszufüllen versuchten, kauften sie noch mehr Zeug und mieteten sich dann einen Lagerplatz, um die Ergebnisse exzessiven Einkaufens unterzubringen. Wenn das in diesem Tempo weiterging, würde bald der ganze Planet überschwemmt sein mit Kartons und Kisten voller vergessener Dinge.

Resigniert schüttelte er den Kopf. Er war ein wohlhabender Mann, hielt es aber für sinnvoll, von allem nur ein Teil zu besitzen, ob es sich nun um Uhren handelte, Stiefel, Häuser oder Autos. Natürlich machte er gewisse Ausnahmen, zum Beispiel bei Hunden, Pferden und Rindern, um nur einige zu nennen. Andererseits waren Tiere keine Dinge.

Tripp lenkte seine Gedanken wieder auf die bevorstehende Heimkehr. Im Lauf der Jahre war er immer mal wieder hier gewesen, zu Thanksgiving oder zu Weihnachten, zu Beerdigungen und Hochzeiten – von denen eine besonders denkwürdig gewesen war. Außerdem zu einem oder zwei Klassentreffen in der Highschool. Aber es war schon sehr lange her, seit er hier gewohnt hatte.

Außerhalb der Saison war Mustang Creek nur ein verschlafenes kleines Nest in einem großen Tal, mit hoch aufragenden Bergen an allen Seiten. Im Sommer, wenn die Leute Familienurlaub machten und Wohnmobile und Minivans durchkamen, um sich entweder auf dem Weg zum oder vom Yellowstone die Grand Tetons anzusehen, kam Leben in den Ort. Die zweite lebhafte Saison war natürlich der Winter, wenn Besucher aus aller Welt zum Skilaufen kamen, eine der beeindruckendsten Landschaften bewunderten und zur Freude der mitunter genervten Einwohner viel Geld ausgaben.

Zufällig trafen Tripp und Ridley in der kurzen ruhigen Spanne zwischen den Besucherströmen ein. Tripp freute sich darauf, eine ruhige Zeit auf der Ranch seines Stiefvaters zu verbringen und wieder einmal richtig körperlich zu arbeiten. Nachdem er jahrelang sein kleines, aber profitables Charterjet-Unternehmen von Seattle aus geführt hatte, sehnte er sich nach der Befriedigung, die ein schweißtreibender, die Muskeln beanspruchender Tag auf der Ranch verschaffte. Ironischerweise hatte er in seinem Unternehmen meistens hinter dem Schreibtisch gearbeitet, statt im Cockpit zu sitzen, wo er viel lieber gewesen wäre.

Er hatte einige schwerwiegende Veränderungen in seinem Leben vorgenommen, die meisten in jüngster Zeit. Dazu gehörte, dass er seine Firma inklusive aller sechs Flugzeuge sowie sein Penthouse mit der atemberaubenden Aussicht auf Elliot Bay verkauft hatte.

Den Stadtverkehr vermisste er nicht, weder das Gehupe noch den anderen Lärm und auch nicht das Gedränge, durch das man sich ständig schieben musste.

Tripp Galloway war bereit für ein wenig Erholung auf dem Land.

Mehr als bereit.

Es gab Dinge in seiner Vergangenheit, die er bewältigen musste, jetzt, wo er vorübergehend die Überholspur des Lebens verlassen hatte, mit all den Tabellen und Kalkulationen, den Dreiteilern und Meetings – ganz zu schweigen von der permanenten Flut an Textnachrichten, Anrufen und Entscheidungen, die es zu treffen galt, und zwar ständig, sofort und am besten gestern.

Hier, draußen auf dem Land, würde er nicht mehr verdrängen können, was rund um die Uhr in seinem Unterbewusstsein brodelte. Zum Beispiel der Verlust seiner Mutter, als er sechzehn gewesen war. Oder hilflos am Bett seines besten Freundes zu sitzen, während dieser starb, Tausende Meilen weit von zu Hause entfernt. Und dann war da noch seine kurze Ehe, die inzwischen acht Jahre zurücklag. Er und Danielle kamen ohneeinander besser zurecht, daran bestand kein Zweifel. Trotzdem war die Scheidung eine sehr schmerzliche Erfahrung gewesen.

Seitdem war er mit vielen Frauen ausgegangen, hatte jedoch stets darauf geachtet, sich nicht zu sehr auf sie einzulassen. Sobald die jeweilige Dame von Kindern und einem Haus anfing und Hochzeitszeitschriften herumliegen ließ, aufgeschlagen bei Hochzeitskleidern oder günstigen Verlobungsringen, beendete er die Sache, und zwar schnell. Dabei war es nicht so, dass Tripp kein Zuhause oder keine Familie wollte.

Er hatte geglaubt, Danielle wolle beides auch.

Das war ein Irrtum gewesen.

Als sie die Beziehung nach etlichen Meinungsverschiedenheiten endlich beendeten, machte ihm nicht Danielles Auszug noch monatelang, sogar jahrelang zu schaffen, sondern der geplatzte Traum. Das Scheitern.

Tripp verdrängte die deprimierenden Gedanken, während er und sein Hund ins Zentrum der kleinen Stadt fuhren. Er wollte sich nicht von der Vergangenheit herunterziehen lassen. Ridley hatte den Kopf wieder eingezogen und beobachtete die Umgebung mit heraushängender Zunge.

Mustang Creek in ordentlichem Zustand bot einen interessanten Anblick. Die Main Street war gestaltet wie eine alte Westernstadt, mit Holzfassaden an sämtlichen Gebäuden, Gehsteigen aus Planken und Anbindepfosten. Vor einigen Läden gab es sogar Pferdetröge. Obwohl ein paar der Lokale Namen hatten, die nach einem Saloon klangen – the Rusty Bucket, the Diamant Spur und so weiter –, gab es nur eine echte Bar, die Moose Jaw Tavern. Hinter dem Rusty Bucket verbarg sich eine Versicherung, und das Diamont Spur war eine Zahnarztpraxis.

Vielleicht war dieser Westernstil kitschig, aber Tripp gefiel es irgendwie. In manchen Momenten hatte er das eigenartige Gefühl, in ein Zeitloch gefallen und im neunzehnten Jahrhundert gelandet zu sein, als das Leben noch unkomplizierter, wenn auch unkomfortabler war.

Nachdem sie die Main Street hinter sich gelassen hatten, sah die Stadt gleich moderner aus, wenn man die 1950er denn modern nennen wollte. Hier standen gepflegte Schindelhäuser mit gestrichenen Veranden und eingezäunten Vorgärten, in denen die letzten Sommerblumen blühten. Die Gehsteige wölbten sich an einigen Stellen, hauptsächlich durch Baumwurzeln, und Hunde liefen allein durch die Straßen, sauber und gut gefüttert. Sie fühlten sich sicher, weil sie jemandem gehörten, jeder sie mit Namen kannte und sie den Weg nach Hause ganz leicht fanden.

Ridley jaulte, wahrscheinlich vor Neid, als sie an einem dieser selig herumstreunenden Hunde vorbeikamen.

Tripp lachte und tätschelte den Hals des Labradors. „Beruhige dich“, sagte er. „Sobald wir auf der Ranch sind, wirst du mehr Auslauf haben, als dir lieb ist.“

Ridley legte die Schnauze auf das Armaturenbrett, rollte mit den Augen und seufzte, als wollte er sagen: „Alles nur leere Versprechungen.“

Und dann tauchte sie plötzlich auf, die Kirche aus rotem Backstein, ganz unverändert wie der Rest der Stadt. Ihr Anblick erinnerte Tripp daran, wie er Hadleigh Stevens’ Hochzeit gesprengt hatte, indem er sie wie einen Sack Getreide einfach über die Schulter geworfen und hinausgetragen hatte. Ein seltsames Gefühl meldete sich in seinem Bauch.

Es war nicht so, dass er bedauerte, was er getan hatte. Die Zeit hatte gezeigt, dass es richtig gewesen war. Der Idiot Oakley Smyth, den sie fast geheiratet hätte, wurde gerade das dritte Mal geschieden, wegen Spielsucht und seiner Abneigung gegen die Monogamie. Darüber hinaus war sein Vermögen dank einer Klausel im Testament seiner Eltern, die jede Änderung gestattete, die der Testamentsvollstrecker für angebracht hielt, nicht mehr wert als ein Traktor, den man bei Wind und Wetter draußen vor sich hinrosten ließ. Das hatte zur Folge, dass der Geldfluss von einem Sturzbach zu einem Tröpfeln verkümmerte.

Es schien, als sei Oakley dieser Tage nicht unbedingt zu beneiden.

Das war Tripp nur recht. Was ihm hingegen gar nicht recht war, weder damals noch heute, war, Hadleigh so verletzt zu sehen – und zu wissen, dass er ihr persönlich das Herz gebrochen hatte, egal wie gut seine Absichten auch gewesen sein mochten. Zu wissen, dass sie nie das gefunden hatte, was sie wirklich wollte, schon seit sie ein kleines Mädchen war: ein Zuhause und eine Familie, und zwar die ganz traditionelle, die aus Mann und Frau, den statistischen zweieinhalb Kindern und ein paar Haustieren bestand.

Als sie den Ort verließen, setzte ein leichter Nieselregen ein, passend zu seiner Stimmung – das Wetter konnte sehr schnell umschlagen in Wyoming. Bis zur Ranch waren es noch etwa zehn Meilen, und Tripp gab Gas, denn er konnte es nicht erwarten, endlich dort hinzugelangen.

Während der Wagen Fahrt aufnahm, ließ Ridley ihn wissen, dass er ein weiteres Mal seinen Kopf in den Wind stecken wollte, Regen hin oder her.

Regen.

Nun, dachte Hadleigh Stevens, im Gegensatz zu mir werden die Farmer und Rancher ihn zu schätzen wissen.

Manche Leute fühlten sich bei solchem Wetter richtig wohl. Sie kochten sich Tee, entzündeten ein hübsches Feuer im Kamin, streiften die Schuhe ab und schlüpften in bequeme Slipper. Doch Hadleigh machte es immer ein wenig traurig, wenn der Himmel sich bewölkte und es zu regnen begann, ob in Strömen oder nur tröpfelnd.

An jenem Nachmittag vor vielen Jahren hatte es auch geregnet, als ihre Großmutter in die Schule gekommen war, das Gesicht von Kummer zerfurcht und ohne ein Wort zu sagen, um Hadleigh abzuholen. Sie waren in Grams altem Kombi weggefahren, um Will abzuholen. Blass wartete er vor dem Gebäude der Highschool und scherte sich nicht um den Regen. Da er sieben Jahre älter war als sie, wusste er, was sie nicht wusste – dass ihre Eltern nur Stunden zuvor bei einem Autounfall außerhalb von Laramie ums Leben gekommen waren.

Es regnete auch am Tag der Beerdigung ihrer Mom und ihres Dads und auch einige Jahre später, als Hadleigh und ihre Großmutter vom Wills Tod erfuhren, der an den Folgen einer Bombenexplosion in Afghanistan gestorben war.

Und als Gram schließlich nach langer Krankheit gestorben war, hatten alle ihre Schirme unter dem grauen Himmel aufgespannt, wie bunte Pilze.

Heute versuchte Hadleigh mit ihrer üblichen Methode, die düstere Stimmung zu vertreiben – indem sie sich beschäftigte.

Sie hatte Patches mittags geschlossen, den Stoffladen, den sie von ihrer Großmutter geerbt hatte. Ihre beiden engsten Freundinnen wollten heute Abend vorbeikommen, in einer ernsten Angelegenheit. Das bescheidene Haus war ordentlich und sauber. Hadleigh hatte nach dem Mittagessen eine Stunde lang gesaugt, Staub gewischt und Möbel poliert, doch es gab immer noch viel zu tun. Zum Beispiel musste sie noch duschen, etwas mit ihren Haaren machen und einen Kuchen zum Nachtisch backen.

Sie warf gerade einen letzten kritischen Blick auf das Wohnzimmer, um sicherzugehen, dass alles an seinem Platz war, als sie draußen auf der Veranda ein vertrautes Jaulen hörte, gefolgt von beharrlichem Kratzen an der Fliegentür.

Muggles.

Als Hadleigh die Tür öffnete, flog ihr Herz dem klitschnassen Golden Retriever zu, der einsam auf ihrer Fußmatte saß, mit leuchtenden braunen Augen, in denen sich Hoffnung und Zerknirschtheit widerspiegelten.

Langsam trat Muggles über die Türschwelle und tropfte den bunten Teppich in dem kleinen Flur voll. Wieder schaute das Tier betrübt zu Hadleigh auf.

„Ist schon gut“, versicherte sie und beugte sich herunter, um ihm den Kopf zu tätscheln. „Mach schön Platz. Ich hole dir ein hübsches flauschiges Handtuch. Dann bekommst du etwas zu essen und kannst es dir vor dem Feuer gemütlich machen.“

Gehorsam setzte Muggles sich, und um die Hündin herum bildeten sich kleine Regenpfützen.

Hadleigh lief schnell ins Badezimmer – Gram hatte es die Damentoilette genannt – und nahm ein blaues Handtuch aus dem Regal zwischen Waschbecken und Toilette.

Zurück im Flur kniete sie neben Muggles, wickelte sie in das Handtuch und trocknete das dreckige Fell so gut sie konnte.

„Und jetzt zum Futter“, sagte sie, als Muggles so sauber war, wie es ohne Bad oder gründliches Abduschen eben ging. „Folge mir.“

Muggles wedelte einmal mit dem buschigen Schwanz und erhob sich vom Teppich.

Das arme Ding roch nach – nassem Hund. Noch immer hingen Matschklumpen im Fell der Hündin, doch es kam Hadleigh nicht in den Sinn, sich über ihre sauberen Teppiche oder frisch gewischten Fußböden aufzuregen.

In der Küche, die wie der Rest des Hauses angenehm unmodern war, ging Hadleigh zur Speisekammer, wo die Plastiknäpfe standen, die sie extra für Muggles gekauft hatte. Die Hündin war in den vergangenen drei Monaten regelmäßig zu Besuch gekommen, seit ihre Besitzerin Eula Rollins gestorben war. Eulas Mann Earl war schon alt, nicht mehr gesund und überdies vom Kummer über den Verlust seiner geliebten Frau gebeugt. Er war kein unfreundlicher Mensch, nur neigte er verständlicherweise dazu, manche Dinge zu vergessen – zum Beispiel dazu, den Hund wieder ins Haus zu lassen.

Darum hielt Hadleigh einen Fünfundzwanzig-Kilo-Sack Hundetrockenfutter vorrätig, genau wie einen Stapel alter Decken im Flurschrank – für genau solche Momente, in denen Muggles Wasser, eine Mahlzeit und einen Platz zum Ausruhen brauchte.

An der Spüle füllte sie einen der Näpfe mit Wasser. Während Muggles durstig trank, ging Hadleigh auf die Veranda, um eine großzügige Portion Trockenfutter zu holen.

Als der Hund fraß, nahm Hadleigh die Decken aus dem Schrank im Flur und legte sie vor den Pelletofen in der einen Ecke der Küche. Kaum hatte Muggles zu Ende gefressen, trottete sie müde zu dem improvisierten Hundebett, drehte sich ein paarmal und legte sich zum Schlafen nieder.

Hadleigh seufzte. Wie die meisten Frauen in der Nachbarschaft kümmerte sie sich um Earl, indem sie ihm hin und wieder einen Auflauf brachte oder einen frisch gebackenen Kuchen, seine Medizin von der Apotheke abholte, ihm die Zeitung und die Post brachte. Und vor jedem Besuch nahm sie sich vor, den alten Mann auf Muggles anzusprechen, sehr behutsam natürlich. Doch sobald sie die Straße überquert, an die vertraute Tür geklopft und er sie hineingelassen hatte, verlor sie angesichts seiner Einsamkeit und Verzweiflung, die überdeutlich zu spüren war, den Mut.

Ein andermal, sagte sie sich dann schuldbewusst. Morgen oder übermorgen spreche ich ihn darauf an, ob ich Muggles nicht lieber adoptieren sollte. Earl liebt diesen Hund. Und er ist alles, was ihm von Eula geblieben ist, abgesehen von bittersüßen Erinnerungen und diesem alten Haus voller Nippes.

Tja, dachte sie seufzend, während der Regen heftig auf ihr Dach prasselte, vielleicht ist „ein andermal“ jetzt. So viel Mitgefühl sie auch für Earl empfand, irgendetwas musste geschehen. Muggles konnte schließlich nicht für sich sprechen, also blieb Hadleigh nichts anderes übrig.

Entschlossen nahm sie ihre Kapuzenjacke von einem der Haken auf der hinteren Veranda. Sie musste zwischen anderen Jacken wühlen, da Grams dort immer noch hingen, zusammen mit der zerschlissenen Jeansjacke, die erst ihrem Dad und später Will gehört hatte.

Sie spürte einen Kloß im Hals und berührte einen der Ärmel, der am Ellbogen ganz weich war und an den Aufschlägen aus-gefranst. Für einen Augenblick überließ sie sich den Erinnerungen an die beiden Männer. Da sie ein deutlicheres Bild von Will hatte, erinnerte sie sich an den Klang seines Lachens, an die Art, wie er stets die Fliegentür beim Betreten oder Verlassen des Hauses zugeknallt hatte, begleitet von Grams gut gemeinten Ermahnungen.

Wie viele jüngere Geschwister hatte Hadleigh ihren großen Bruder verehrt. Inzwischen hatte sie seinen Verlust zwar akzeptiert, konnte sich aber nicht damit abfinden, wie unfair es war. Er war noch so jung gewesen, als er starb, voller Möglichkeiten, Energie und Idealismus, und er hatte nie die Chance bekommen, seine Träume zu verwirklichen.

Jahrelang hatte der Duft von Wills Aftershave noch in dieser Jacke gehangen, mit einem Hauch Holzrauch. Doch nun verströmte das Kleidungsstück einen feuchten Regentaggeruch, ein wenig muffig – wie ein alter Schlafsack, den jemand zusammengerollt und im Keller oder auf dem Dachboden verstaut hatte, um ihn anschließend zu vergessen.

Reiß dich zusammen, ermahnte sie sich angesichts der Traurigkeit, die sie zu übermannen drohte. Denk ans Hier und Jetzt, denn nur das zählt.

Entschlossen setzte sie ihre Kapuze auf und zog die Bänder fest. Dann marschierte sie hinaus in den Regen.

Die Hände tief in den Taschen, folgte sie mit gesenktem Kopf dem betonierten Weg neben dem Haus, an Blumenbeeten und den vertrauten Fenstern vorbei. Im Stillen ging sie all die Dinge durch, die sie Earl sagen könnte, sobald er die Tür aufmachte – und verwarf gleich darauf wieder alles.

Was sie sich ausdachte, klang so … herablassend. Wie konnte sie diesem guten Mann erklären, dass er zu alt und zu krank war, um sich ausreichend um seinen Hund zu kümmern? Earl Rollins hatte sein ganzes Leben lang hart gearbeitet, war in der Kirche aktiv gewesen und in der Gemeinde. Er hatte in den letzten Jahren nicht nur seine berufliche Identität und die gewöhnlichen Freiheiten verloren, die jüngere Leute für selbstverständlich nahmen, zum Beispiel den Führerschein. Er hatte auch Eula verloren, seine Partnerin.

Auf der anderen Seite war da Muggles, eine lebendige, atmende Kreatur, die Futter brauchte, ein Dach über dem Kopf und Liebe.

Hin- und hergerissen zwischen Verantwortung und Mitleid setzte Hadleigh ihren Weg fort, erreichte den Vorgarten und blieb dann unvermittelt im nassen Gras stehen.

Ein Krankenwagen bog gerade mit Blaulicht in die Auffahrt der Rollins ein.

Hadleigh schaute kurz nach links und rechts und rannte über die Straße. Ihr Herz pochte schnell.

Eine andere Nachbarin, Mrs Culpepper, stand in Earls Türrahmen und winkte den Sanitätern, sie sollten sich beeilen.

„Schnell“, flehte sie.

Das musste Hadleigh der Frau von den Lippen abgelesen haben, denn wegen des prasselnden Regens auf den Dächern, Gehsteigen und dem Asphalt war es unmöglich, etwas zu hören.

Die Rettungssanitäter liefen an Mrs Culpepper vorbei und verschwanden im Haus.

Hadleigh rannte zur Veranda. Sie wollte niemandem im Weg sein, aber sie musste unbedingt wissen, was passiert war.

Mrs Culpepper drehte sich zu ihr um, nachdem sie die Sanitäter mit schriller Stimme in die Küche geschickt hatte.

„Es ist schrecklich“, stöhnte die ältere Dame.

Und obwohl Hadleigh eine unziemliche – ein Wort ihrer Großmutter – Ungeduld verspürte, nahm sie sich zusammen. Mrs Culpepper, lange schon in Rente, war in der ersten Klasse ihre Lehrerin gewesen. Genau wie Eula und Earl gehörte sie zu Mustang Creek, Wyoming, wie die Landschaft.

Also wartete Hadleigh höflich auf weitere Informationen.

„Ich kam vorbei, um nach Earl zu sehen“, berichtete Mrs Culpepper, nachdem sie ein paarmal geschluckt und sich mit der Hand Luft zugefächert hatte, wie an einem heißen Tag. „Denn ich habe ihn seit Dienstag weder gesehen noch gehört. Zum Glück schließt er seine Tür nie ab. Eula hat das früher auch nie gemacht, nicht einmal wenn Earl beruflich unterwegs war. Wie dem auch sei, als niemand auf mein Klopfen und Rufen öffnete, bin ich einfach hineingegangen und habe ihn auf dem Küchenfußboden gefunden, die Augen weit aufgerissen. Es kostete ihn große Kraft, zu sprechen …“ Sie machte eine Pause, um tief Luft zu holen. „Ich habe sofort einen Krankenwagen gerufen und mich dann neben Earl gekniet, um zu hören, was er mir zu sagen versuchte.“

Behutsam legte Hadleigh ihr eine Hand auf die zarte Schulter. „Vielleicht sollten Sie sich lieber hinsetzen“, schlug sie vor, besorgt wegen der blassen Gesichtsfarbe der alten Dame und dem Zittern in der Stimme.

Doch Mrs Culpepper schüttelte den Kopf. „Nein, nein“, protestierte sie. „Es geht mir gut, meine Liebe.“ Ein weiterer flacher, rasselnder Atemzug folgte. „Als ich endlich verstand, was Earl mir mitzuteilen versuchte, brach es mir glatt das Herz. So krank er war, machte er sich wegen des Hundes Sorgen. Er wollte wissen, wer sich um ihn kümmern würde.“

Hadleighs Augen füllten sich mit Tränen. Sie hatte also recht gehabt, Earl liebte Muggles wirklich. Doch noch bevor sie etwas sagen konnte, kamen die Sanitäter mit der Trage aus der Küche. Unter der Krankenhausdecke sah Earl eingefallen und grau aus. Seine Augen waren geschlossen.

Hadleigh betrat den winzigen Flur und schob Mrs Culpepper behutsam zur Seite, damit die Sanitäter vorbeikonnten. Dann lief sie ihnen schnell hinterher. Draußen gelang es ihr, Earls Hand zu halten. Sie fühlte sich kalt und trocken an.

„Seien Sie unbesorgt“, sagte sie und hob wegen des jetzt auf alle niederprasselnden Regens ein wenig die Stimme. „Hören Sie mich, Earl? Machen Sie sich wegen Muggles keine Sorgen. Sie ist bei mir, und ich verspreche, dass ich mich so lange wie nötig um sie kümmern werde!“

Erstaunlicherweise öffnete Earl die Augen und blinzelte im Regen. Ein zögerndes Lächeln erschien auf seinem Gesicht, und seine Lippen formten ein Wort. „Danke.“

„Bitte treten Sie zur Seite, Ma’am“, bat einer der Sanitäter in brüskem, aber noch höflichem Ton.

In Earls nassem Vorgarten sah Hadleigh zu, wie die Sanitäter geschickt die Beine der Trage einklappten und den Patienten in den Wagen schoben. Einer der beiden Männer kletterte ebenfalls hinein und setzte sich neben Earl, während der andere die Türen schloss, nach vorn lief und sich hinter das Steuer setzte.

Sekunden später raste der Wagen davon.

Trotz ihrer Benommenheit besaß Hadleigh noch genug Geistesgegenwart, um die Straße zu überqueren und ihren schon ein wenig ramponierten Kombi mit der Holzverkleidung aus der Garage zu fahren, um Mrs Culpepper nach Hause zu bringen. Sie wohnte zwar ganz in der Nähe, praktisch nur um die Ecke, worauf sie Hadleigh auch hinwies. Aber der Regen ließ nicht nach, und ein Nachbar auf dem Weg ins Krankenhaus reichte, fand Hadleigh.

Nachdem sie Mrs Culpepper sicher vor ihrem Haus abgeliefert hatte, rannte Hadleigh zurück zum Wagen und fuhr nach Hause.

Unterwegs musste sie wieder an Will denken und wie stolz er auf diesen alten Kombi gewesen war. Er hatte darauf bestanden, dass es sich um einen Oldtimer handele, und hatte vor, seinen Originalzustand wiederherzustellen, sobald seine Dienstzeit bei der Airforce beendet wäre und er zurück nach Mustang Creek käme.

Am Ende war er zwar heimgekehrt, aber in einem mit der Flagge bedeckten Sarg, begleitet von einem tieftraurigen Tripp Galloway und zwei weiteren uniformierten Soldaten.

Tripp Galloway.

Allein bei dem Gedanken an diesen Mann stellten sich ihr die Nackenhärchen auf. Aber an diesem trüben, verregneten Nachmittag war selbst diese Gereiztheit eine willkommene Abwechslung.

Tripp hatte nicht vorgehabt, bei Hadleigh vorbeizuschauen, zumindest nicht bewusst. Trotzdem parkte er jetzt vor ihrem Haus, in dem er als Kind so viel Zeit mit Will verbracht hatte. Lächelnd erinnerte er sich an jene glücklichen Tage, als sie in der Auffahrt Basketball gespielt und in der Garage auf alten Gitarren herumgeschrammelt hatten, überzeugt, dass ihr bunt gemischter Haufen potenzieller Hinterwäldler dazu auserkoren war, die nächste chartstürmende Grunge-Band zu werden.

In diesem Haus war er stets willkommen gewesen.

Alice hatte ihn freundlich empfangen und einfach noch ein Gedeck auf den Abendbrottisch gestellt, wenn er mit Will, je nach Jahreszeit, nach dem Basketball-, Baseball- oder Footballtraining hereinkam. Blieb Tripp nach dem Essen noch länger, was oft genug der Fall war, machte sie ihm ein Bett in Wills Zimmer. Dafür räumte er den Tisch ab, trug den Müll raus und half entweder Will oder Hadleigh – je nachdem, wer an der Reihe war – beim Abwasch und Abtrocknen. Nach dem Tod seiner Mutter kümmerte Alice sich um seine Hausaufgaben und wusch manchmal sogar seine Wäsche.

So war Alice, möge Gott ihrer großzügigen Seele Frieden gewähren.

Jetzt hatte Hadleigh das Kommando, und ihr würde er ungefähr so willkommen sein wie eine Flohinvasion.

Ridley gab ein tiefes Knurren von sich, nicht feindselig, eher ein wenig verzweifelt.

Na fabelhaft, dachte Tripp, denn er deutete die Meldung des Hundes als Bitte, hinausgelassen zu werden, bevor ihm ein Malheur passierte. Er würde sein Bein an Hadleighs Briefkas-tenpfosten heben oder einen Haufen auf ihrem Rasen fallen lassen. Oder beides.

Seufzend stieg Tripp aus, zog die Schultern wegen des strömenden Regens ein und ging auf die Beifahrerseite, um Ridley die Tür zu öffnen. Der Hund sprang aus dem Wagen. Tripp legte ihm die Leine an, riss eine Plastiktüte für das Geschäft von der Rolle, die er unter dem Beifahrersitz aufbewahrte, und machte sich auf den Weg, fort von Hadleighs Briefkasten und dem Spalierbogen zu ihrem Vorgarten.

Ridley, für gewöhnlich sehr umgänglich, sperrte sich, setzte sich sogar und wollte sich nicht von der Stelle rühren.

„Verdammt“, murmelte Tripp.

Sein Hund gehorchte umgehend.

Und Murphys Gesetz entsprechend war dies exakt der Moment, in dem Hadleigh in ihre Auffahrt bog, am Steuer des Kombis, der einst Wills stolzer Besitz gewesen war. Selbst durch die regennasse Frontscheibe und die hart arbeitenden Scheibenwischer konnte er ihr Gesicht deutlich erkennen.

Sie sah überrascht aus, dann verwirrt, dann beleidigt.

Tripp bückte sich mit der Plastiktüte in der Hand. Glücklicherweise würde der Müll bald abgeholt werden, denn vor jedem Haus stand eine Mülltonne.

Er warf den Beutel in eine von ihnen und wappnete sich für die Begegnung mit Hadleigh. Dabei tat er sein Bestes, um ein Lächeln zustande zu bringen, als er sich zu ihr umdrehte.

Das Lächeln war flüchtig und hielt nicht.

Hadleigh begrüßte den Hund herzlich und tätschelte ihm den Kopf, dann wandte sie sich mit düsterer Miene an Tripp.

„Was machst du hier?“ Sie hatte die Hände in den Jackentaschen vergraben und die Kapuze so festgezurrt, dass sie ihn an ein kleines Kind in einem Schneeanzug erinnerte, das sich für einen kalten Wintertag angezogen hatte.

Tripp dachte über die Frage nach. In Anbetracht der Tatsache, dass er fast bei Jims Ranch angekommen war, nur um dann doch noch einmal umzukehren, eine durchaus berechtigte Frage.

Was tue ich hier?

Verdammt, wenn ich das wüsste!

Ridley wedelte mit dem Schwanz, schaute mit fragendem Blick zu Tripp und dann voller Zuneigung zu Hadleigh.

Tripp suchte nach den richtigen Worten und entschied sich für: „Mich nass regnen lassen?“

2. KAPITEL

Ist Tripp Galloway real – oder ein Produkt meiner überspannten Fantasie?

Hadleigh biss sich auf die Unterlippe, trat von einem Bein auf das andere und fragte sich, warum sie sich nicht einfach umdrehte und wegging. Aber das schien unmöglich zu sein, als würden die Sohlen ihrer Schuhe an diesem ganz gewöhnlichen Gehsteig vor ihrem ebenso gewöhnlichen Haus festkleben. Außerdem fühlte sie sich auf einmal seltsam losgelöst von allem, als hätte sie ihren Körper kurz verlassen, um gleich darauf zurückgeschleudert zu werden, nur dass sie neben sich landete wie ihr eigener Geist.

Der Regen hörte nicht auf und durchnässte sie, den Mann und den Hund.

Weder Tripp noch dem Tier schien das Wetter etwas auszumachen. Beide sahen sie unverwandt an – der Hund in freudiger Erwartung, während sein Herrchen fast so beunruhigt aussah, wie Hadleigh sich fühlte.

Im nächsten Moment fand eine weitere schwindelerregende Veränderung statt, indem sie unvermittelt wieder eins mit sich wurde. Als würde man eine schwere Stahltür zuschlagen.

Hadleighs Wangen glühten – es wäre allein schon schlimm genug, wenn sie kurz vor einem Zusammenbruch stünde. Aber im Beisein von Tripp? Undenkbar.

Ihre einzige Rettung war es, wütend zu werden.

Und was macht er wirklich hier?

Hat dieser Mann mein Leben nicht schon genug auf den Kopf gestellt? Sicher, er hat mich vor Unglück bewahrt, indem er damals im September die Hochzeit mit Oakley gestoppt hat. Aber darum ging es nicht.

Jeder andere hätte den Anstand besessen, sich aus der Geschichte herauszuhalten und sie ihre eigenen Fehler machen lassen, damit sie aus ihnen lernen konnte.

Nicht so Tripp Galloway. Seiner aufdringlichen, überheblichen Ansicht nach war sie damals zu jung gewesen, zu verletzlich, zu naiv – na schön, zu blöd auch –, um Entscheidungen, ob nun richtig oder falsch, ohne seine Einmischung zu treffen.

Als könnte er ihre Gedanken lesen, grinste er leicht und umfasste sanft ihren Ellbogen. „Können wir ins Haus gehen?“, fragte er. „Vielleicht werden wir auch dort das Gefühl haben, weiter im Regen zu stehen, aber dem armen Ridley hier wird es gleich besser gehen. Er ist bloß nicht in der Position, etwas zu sagen, das ist alles.“

Und Hadleigh hatte Mitleid – mit dem Hund, nicht mit Tripp.

Sie befreite ihren Ellbogen aus seinem Griff, nickte jedoch brüsk zustimmend, ehe sie vorging. Im Gänsemarsch marschierte die kleine Gruppe über den Vorgartenweg, Hadleigh mit gesenktem Kopf voran, die Schultern wegen des Regens hochgezogen. Ridley folgte ihr auf den Fersen. Tripp bildete das Schlusslicht.

Auf dem Weg ins Haus versuchte Hadleigh sich aufzuraffen, auf dem Absatz kehrtzumachen, wie eine Steinwand dazustehen und dem Mann ins Gesicht zu sagen, er solle verschwinden und sich nicht mehr blicken lassen.

Sie schaffte es nicht.

Es war unverantwortlich, Tripp in ihr Haus zu lassen – und damit in ihr Leben.

Die ganze Situation erinnerte sie mehr als nur ein bisschen an Grams Lieblingsgeschichte zur Abschreckung, jener zeitlosen Fabel vom leichtgläubigen Frosch, der einen Skorpion auf dessen Bitten hin mit über den Fluss nimmt, nur um in der Mitte des Flusses einen tödlichen Stich von dem Skorpion zu bekommen.

Warum hast du das getan? wollte der schon geschwächte Frosch wissen, denn nun würden sie beide ertrinken, weil der Skorpion ohne seinen Stachel nicht überleben konnte – diesen Punkt hatte Hadleigh nie so ganz begriffen. Die Antwort des Skorpions ergab jedoch auf finstere Weise einen Sinn: Weil ich ein Skorpion bin. Ich kann nicht anders.

Tripp war vielleicht kein Skorpion, trotzdem konnte er ihr wehtun. Wie niemand sonst.

Noch immer verstimmt stand sie auf der Fußmatte vor ihrer Tür. Sie hatte ihre Chance gehabt. Die Hand schon auf dem Türknauf, sah Hadleigh über die Schulter, in der Hoffnung, ihr Besucher hätte vielleicht Zweifel hinsichtlich seines Besuchs bekommen und wäre verschwunden. Hätte einfach den Hund geschnappt und wäre in seinem Pick-up davongefahren.

Schön wär’s. So leicht war nichts, was Tripp anging, zumindest was Hadleigh betraf.

Er stand viel zu nah bei ihr und betrachtete sie mit einem amüsierten und zugleich traurigen Ausdruck in den Augen. Im Regen sahen sie beinah türkis aus. Sein Haar war klitschnass, und an seinen unfair langen Wimpern hingen Wassertropfen. Seine Nähe hatte etwas beunruhigend, wundervoll Intimes.

Ridley brach den Bann, indem er sich ausgiebig schüttelte und sowohl Hadleigh als auch Tripp mit nach Hund riechendem Regenwasser besprengte.

Es folgte ein kurzer Moment der Anspannung, dann musste Hadleigh wider Willen lachen.

Tripps Augen leuchteten, und auch er lachte, leise und heiser.

Verdammt, sogar sein Lachen ist sexy.

Sie dachte erneut an den unglücklichen Frosch, wandte sich rasch wieder ab und rüttelte am Türknauf. Die Tür klemmte, da das Holz alt war und dazu neigte, bei feuchtem Wetter aufzuquellen. Hadleigh wollte gerade mit der Schulter dagegenstoßen, als Tripp die Hand flach auf das Holz legte und die Tür aufdrückte.

„Hier müsste einiges renoviert werden“, bemerkte er.

Natürlich flog die Tür jetzt problemlos auf, mit quietschenden Angeln, sodass Muggles, die sicher schon mit der Schnauze am Türspalt gelauert hatte, mit auf dem Holzboden klackenden Krallen zurückwich.

Die Hündin zu sehen freute Hadleigh, obwohl sie noch nicht über den Anblick hinweg war, wie der arme Earl in den Krankenwagen verfrachtet und abtransportiert worden war. Und nun war auch noch Tripp ohne jede Vorwarnung aufgetaucht.

Ausgerechnet er.

Doch einen Grund zu feiern hatte sie: Muggles würde von jetzt an bei ihr bleiben, und zwar mit Earls Segen.

„Sie tut nichts“, sagte Hadleigh, als die beiden Hunde sich Schnauze an Schnauze auf der Türschwelle gegenüberstanden, einen stummen Machtkampf austragend.

Ridley gab als Erster nach und wich schwanzwedelnd zurück, ein breites Hundegrinsen im Gesicht. Anscheinend hatte Muggles ihn bezirzt.

„Der Bursche ist auch ein bisschen eingeschüchtert“, meinte Tripp und machte keine Anstalten, den Hund von der Leine zu lassen.

Einige weitere Momente der Anspannung vergingen – Hadleigh fühlte sich jedenfalls angespannt –, dann verlor Muggles das Interesse. Sie drehte sich um und trottete ins Wohnzimmer, wo sie es sich auf dem Teppich vor dem kalten Kamin gemütlich machte.

Froh, dass die Hunde nicht aufeinander losgegangen waren, ansonsten aber so nervös wie zuvor, führte Hadleigh ihren Besucher durch das kleine Esszimmer in die aufgeräumte Küche. Dabei hätte Tripp den Weg mit verbundenen Augen gefunden. Schließlich hatte er als Teenager in diesem Haus fast so viel Zeit verbracht wie in seinem Zuhause. Damals waren er und Will unzertrennlich gewesen.

Ihren ansonsten peniblen Ordnungssinn ignorierend, warf Hadleigh die nasse Jacke durch die Tür zum Waschraum und ging automatisch zur Kaffeemaschine. Genau das taten Leute vom Land und aus der Kleinstadt, wenn unverhofft Besuch auftauchte – ob er nun willkommen war oder nicht. Man bot einen Platz am Tisch an und einen Becher heißen Kaffee, besonders bei schlechtem Wetter. Und für gewöhnlich auch noch etwas zu essen.

Hadleigh nutzte die paar Minuten, in denen sie mit diesen Dingen beschäftigt war, um sich vom Schock, Tripp plötzlich wiederzusehen, zu erholen. Das Letzte, womit sie an diesem Tag gerechnet hätte, war eine Begegnung mit dem Helden ihrer Kindheit, ihrer Jugendliebe und ihrem Erzfeind.

Die Entscheidung zur Rückkehr nach Wyoming musste Tripp ziemlich spontan getroffen haben. Hätte er seine Pläne irgendwem gegenüber erwähnt, hätte sich die Neuigkeit in Mustang Creek wie ein Lauffeuer verbreitet und wäre ihr mit Sicherheit zu Ohren gekommen.

Oder auch nicht.

„Setz dich“, sagte sie. Auch das geschah ganz automatisch, wie das Kaffeeangebot. Währenddessen dachte sie immer noch über den Frosch und den Skorpion nach.

Dieser saublöde Frosch.

Sie hörte das vertraute schabende Geräusch, als Tripp einen Stuhl vom Tisch wegzog.

Ridley trottete zu Muggles’ Napf und schlabberte etwas Wasser. Hadleigh musste lächeln. Fühl dich nur ganz wie zu Hause, Hund, dachte sie zärtlich. Sie mochte mit Tripp ihre Probleme haben – und nicht zu knapp –, aber einem Hund, den sie nicht leiden konnte, war sie noch nicht begegnet.

Die Stille in der Küche war bleiern.

Während der Kaffee durchlief, ging Hadleigh in den Flur und nahm ein paar Handtücher aus dem Wäscheschrank. Dann kehrte sie in die Küche zurück und gab sie Tripp, eines für ihn und eines für den Hund. Besser gesagt warf sie ihm die Handtücher hin.

„Danke“, murmelte er, wobei seine Augen funkelten und ein amüsiertes Zucken seine Lippen umspielte.

Sie sparte sich das übliche „Gern geschehen“. Es wäre ohnehin nicht aufrichtig gewesen, und darüber hinaus traute sie ihrer Stimme nicht.

Einen Moment später eilte sie schon wieder hinaus, diesmal ins Schlafzimmer. Bibbernd von der Regennässe schloss sie die Tür und schälte sich rasch aus ihren nassen Sachen. Sie zog sich komplett um und kam in trockener Jeans, Sweatshirt und dicken Socken zurück in die Küche.

Tripp stand an der Arbeitsfläche, mit dem Rücken zum Raum, und schenkte zwei Becher Kaffee ein. Die dunkelblonden Haare hatte er sich trocken gerubbelt, jetzt sahen sie sexy zerwühlt aus. Das Hemd klebte durchsichtig an seinem Körper, und auch die Jeans war vollkommen durchnässt.

Hadleigh blieb im Türrahmen stehen und genoss wider besseres Wissen, jedoch keineswegs verschämt, den Anblick seiner schlanken und doch muskulösen Figur.

Verdammt, dachte sie kopfschüttelnd. Der Mann sieht von hinten fast genauso gut aus wie von vorn – wo bleibt denn da die Gerechtigkeit?

Seine noch feuchten Haare ringelten sich am Kragen, und sie atmete den vertrauten Duft seiner Haut nach frischer Wäsche ein, selbst auf die Entfernung einiger Schritte.

Auf einmal fiel ihr das Schlucken schwer, während die Sekunden vergingen. Mit jeder einzelnen verblasste ihre angebliche Gleichgültigkeit mehr, kehrte die Erinnerung an die alten Wunden zurück.

Sie fühlte sich benommen, nicht nur verletzlich, sondern geradezu ausgeliefert, wie ein noch federloses Küken, das zu früh geschlüpft war und bis zu den Knöcheln in den Splittern der Eierschale stand.

Frustriert von sich selbst, strich sie sich mit einer Hand über die Stirn.

Ich verliere die Kontrolle, ganz klar. Ich verliere hier eindeutig die Kontrolle.

Tripp war sich der Tatsache anscheinend überhaupt nicht bewusst, dass er dabei war, ihre Welt erneut auf den Kopf zu stellen. Und das, nachdem sie Jahre damit zugebracht hatte, wieder Ordnung in ihr Leben zu bringen und ihn zu vergessen.

Er stellte die Kaffeekanne wieder auf die Wärmeplatte zurück, nahm einen Becher in jede Hand und drehte sich um.

Gerade als sie dachte, nichts könnte sie mehr überraschen und sie hätte ihr inneres Gleichgewicht wenigstens für den Augenblick zurückgewonnen, bewegte sich der Boden unter ihren Füßen.

Ihr Verstand schaltete sich ein und speicherte in Sekundenbruchteilen alles an Tripp ab, als wäre dies ihre erste Begegnung. Plötzlich war er ein Fremder und zugleich jemand, den sie seit Ewigkeiten liebte. So fühlte es sich zumindest an.

Genug, ermahnte sie sich im Stillen. Reiß dich zusammen. Das passt doch überhaupt nicht zu dir. Und das stimmte. Wenn sie keine Quilts entwarf oder Schaufensterdekorationen für ihren Laden und dabei ihren Launen und Eingebungen folgte, war sie absolut bodenständig.

Es war auch nicht so, als sähe sie diesen unverschämt attraktiven Kerl zum ersten Mal oder wüsste nicht mehr, wie gut er aussah.

Schließlich war sie zusammen mit Tripp aufgewachsen und hatte ihn auch immer mal wieder kurz gesehen seit jenem schicksalhaften Tag, an dem er wie ein Wilder in ihre Märchenhochzeit geplatzt war. Doch dabei hatte es immer eine sorgsam aufrechterhaltene Distanz zwischen ihnen gegeben.

Hin und wieder war er nach Mustang Creek zurückgekommen, zu Hochzeiten und Beerdigungen, einschließlich der von Alice vor zwei Jahren. Doch selbst da hatte er darauf geachtet, ihr nicht zu nah zu kommen. Und wenn er zu gelegentlichen Besuchen bei seinem Stiefvater aufgetaucht war, für gewöhnlich um Weihnachten, war er nie lange geblieben. Nie hatte er versucht, Kontakt zu Hadleigh aufzunehmen.

Was war jetzt anders?

Sie ahnte, dass ihr die Antwort auf diese Frage nicht gefallen würde. Falls sie überhaupt eine bekommen würde. Andererseits wollte sie unbedingt erfahren, warum er hier war, in ihrem Haus.

Tripp hielt mit den dampfenden Bechern in der Hand inne und seufzte. Anscheinend las er in ihrem Gesichtsausdruck ebenso leicht wie in ihren Gedanken, denn er sagte mit rauer Stimme: „Ich kann dir nicht genau erklären, warum ich hier bin, falls es das ist, was du mich fragen willst.“

Ohne ein Wort ging sie zum Tisch und nahm Platz. Sie schätzte, dass Tripp stehen bleiben würde, wenn sie sich nicht setzte, und allmählich bekam sie weiche Knie.

Tatsächlich trat er an den Tisch, stellte einen der Becher vor sie und ließ sich auf den Stuhl ihr gegenüber sinken. Ridley, dessen Fell vom Abtrocknen lustig zerzaust war, legte sich prompt seinem Herrchen zu Füßen. Er gähnte herzhaft und schloss die Augen, um ein Nickerchen zu machen.

Tripp räusperte sich, starrte einige Minuten in seinen Kaffee und hob dann den Kopf, um Hadleigh in die Augen zu sehen. Ein trauriges Lächeln umspielte seine Mundwinkel. „Es ist seltsam, nach all den Jahren wieder in diesem Haus zu sein.“

Hadleigh schluckte. Sie überreagierte definitiv auf alles, was dieser Mann sagte oder tat, schien aber nichts dagegen tun zu können. Tatsache war, dass sie bei Tripp, dem besten Freund ihres Bruders und ihrer ersten großen Liebe, schon immer überreagiert hatte.

„Seltsam?“, krächzte sie.

„Na ja, nach Wills Tod und all dem“, erklärte er ein wenig verlegen.

Tränen schossen ihr in die Augen, wie so oft, wenn die Sprache auf ihren verstorbenen Bruder kam, obwohl Will schon seit zehn Jahren tot war. Hadleigh zwang sie zurück, nickte einmal kurz und legte die Hände um ihren Becher, um sich die Finger daran zu wärmen. Sie trank jedoch nicht. „Ja“, stimmte sie mit leiser Stimme zu.

Dann aber kehrte die ihr angeborene Sachlichkeit zurück. Das wurde auch Zeit. Ihre besten Freundinnen Melody Nolan und Becca „Bex“ Stuart würden bald zu dem Treffen kommen, das sie eine Woche lang geplant hatten. Aus mehreren Gründen wollte Hadleigh, dass Tripp verschwunden war, bevor ihre Freundinnen auftauchten.

Schließlich mussten sie sich ernsten Angelegenheiten widmen. Strategien entwerfen. Ziele setzen.

Und es ging Tripp absolut nichts an, um welche Ziele es sich im Einzelnen handelte.

Andererseits wollte sie so sehr, dass ihr Besucher blieb, wie sie sich sein Verschwinden auf Nimmerwiedersehen wünschte.

Tripps Ausstrahlung empfand sie gleichermaßen als anziehend und abschreckend, und zwar so stark, dass sie am liebsten die Flucht ergriffen hätte. Er konnte zärtlich sein, das wusste sie, besonders bei kleinen Kindern, alten Menschen und Tieren. Aber er war auch durch und durch ein knallharter Cowboy, stolz und männlich, mit sich selbst im Einklang, seelisch wie körperlich. Er hatte einen von Scharfsinn geprägten Humor und eine wilde Ader, breit wie der Snake River. Aber er konnte auch stur sein auf eine Art, die ihn unerträglich machte.

Wenn Tripp sich erst einmal eine Meinung zu etwas oder über irgendjemanden gebildet hatte, wich er genauso wenig zurück wie die Grand Tetons.

Tja, nur konnte Hadleigh ebenso störrisch sein.

Dies war ihr Haus, und sie hatte ihn nicht gebeten, hier auf einen Kaffee vorbeizuschauen, sich und seinen Hund mit ihren sauberen Handtüchern abzutrocknen und ganz still und leise ihre wohlstrukturierte Welt aus den Angeln zu heben wie ein moderner Samson.

Sie musste ihre verrücktspielenden Emotionen unter Kontrolle bringen, sonst war sie verloren.

Also verschränkte sie die Arme und lehnte sich mit skeptischer Miene zurück, demonstrativ auf eine Erklärung seinerseits wartend. Wenn Tripp wirklich nicht wusste, weshalb er hier war, sollte er sich schleunigst daranmachen, es herauszufinden. Denn der sprichwörtliche Ball war jetzt auf seiner Hälfte des Feldes.

Tripp rutschte unbehaglich hin und her, dann räusperte er sich erneut. Doch als er den Mund aufmachte, um etwas zu sagen, kam nichts heraus.

Hadleigh rührte sich nicht, doch sie wusste, dass die Anspannung, die sie ausstrahlte, ihre unausgesprochene Frage unterstrich: „Nun?“

Er unternahm einen weiteren Versuch – Tripp konnte einfach nicht aufgeben, wenn er sich etwas vorgenommen hatte. Seine Stimme klang rostig, als zwinge er die Worte aus sich heraus. „Ich fand nur, es sei an der Zeit, die Dinge aus der Vergangenheit zwischen uns zu klären. Das ist alles. Dein Bruder war mein bester Freund. Ich kenne dich, seit du ein kleiner Knirps warst …“ Er atmete tief ein und wieder aus. Sein Hals hatte sich beim Sprechen leicht gerötet, und sein Gesichtsausdruck war ernst. „Es ist falsch, Hadleigh“, fuhr er fast schroff fort, „dass wir schon so lange Gegner sind und uns aus dem Weg gehen wie … als wären wir Feinde oder so was.“

„Wir sind Feinde“, erinnerte sie ihn mit süßlicher Stimme.

Seine Miene verdüsterte sich, und er schüttelte den Kopf. „So muss es aber nicht sein, und das weißt du sehr genau.“

„Bittest du mich, dir zu verzeihen?“, fragte sie in leichtem Tonfall, der dazu gedacht war, ihn zu verärgern. Das entsprach vielleicht keinem erwachsenen, reifen Verhalten, doch nach dem, was er ihr vor zehn Jahren zugemutet hatte, verdiente er das. Und wenn Tripp Galloway sich wand und unwohl fühlte, sollte ihr das nur recht sein.

Endlich war er einmal an der Reihe.

Seine Wangenmuskeln zuckten, und seine blauen Augen funkelten. Er fuhr sich durch die Haare, zerwühlte sie damit noch mehr, und sah Hadleigh verbittert an.

Anscheinend suchte er verzweifelt nach einer Antwort.

Gut für ihn.

„Du willst, dass ich mich dafür entschuldige, deine Hochzeit mit Oakley Smyth verhindert zu haben? Vergiss es“, presste er hervor, nachdem er seine Selbstbeherrschung wiedergefunden hatte. Er wagte es tatsächlich, den Zeigefinger zu heben. Wäre sie ihm näher gewesen, hätte sie glatt hineingebissen. „Tatsache ist, Lady, dass ich das Gleiche jederzeit wieder tun würde, wenn es sein müsste.“

Da platzte Hadleigh der Kragen. Sie schob ihren Stuhl zurück, um aufzustehen, und hätte den Tisch umgeworfen wie ein betrogener Spieler in einem alten Western, wenn der Hund nicht zu Tripps Füßen gelegen hätte. Sie wollte das arme Tier nicht verängstigen, falls sie das nicht schon längst getan hatte.

Na fabelhaft. Zu allem Überfluss fühle ich mich jetzt auch noch schuldig.

„Du hast vielleicht Nerven, etwas Derartiges von dir zu geben!“, rief sie und hatte Mühe, ihre Stimme einigermaßen zu dämpfen. „Wie kannst du es nur wagen?“

Tripp stand ebenfalls auf. „Ich habe etwas getan, wovon ich wusste, dass es richtig war. Und ich will verdammt sein, wenn ich mich jemals dafür entschuldige“, erwiderte er gelassen.

Hadleigh zwang sich, weder zu zittern noch zu schreien. Noch sich mit Fäusten auf ihn zu stürzen.

„Ich glaube, du solltest jetzt besser gehen“, sagte sie in so ruhigem, fremdem Ton, dass sie klang wie jemand anderes.

Wie jemand, der nicht seit der Pubertät hoffnungslos in Tripp Galloway verliebt war.

Er betrachtete ihr Gesicht und las vermutlich viel zu viel in ihren Augen. „Nichts ist zwischen uns geklärt, Hadleigh“, informierte er sie. „Nicht mal annähernd.“

Die Zeit schien stehen zu bleiben.

Tripps Mund näherte sich gefährlich ihrem. Für einen schrecklichen, beschämenden Moment glaubte Hadleigh wirklich, er würde sie küssen. Ja, sie wollte, dass er sie küsste.

Stattdessen und zu ihrer großen Erleichterung und noch größeren Enttäuschung wich er zurück, sprach sanft mit dem Hund und ging dann einfach zur Haustür.

Ein Glück, dass ich den los bin, dachte Hadleigh.

Der Hund folgte Tripp natürlich, schaute jedoch noch einmal zurück, mit einem Ausdruck, den man resigniert nennen konnte. In der nächsten Sekunde war auch er verschwunden.

Hadleigh stand reglos da, bis die Haustür zufiel, nicht laut, aber doch mit einem deutlich vernehmbaren, entschlossenen Klick.

Sie sollte froh sein, dass er fort war, schließlich hatte sie ihn hier gar nicht haben wollen.

Warum bin ich es dann nicht?

Eine Weile stand Hadleigh wie angewurzelt in der Küche, überwältigt von ihren widersprüchlichen Emotionen – stumpfe Wut, in die sich Aufregung mischte, außerdem Furcht mit einem gleichen Anteil an Erleichterung und schließlich Glück, gemischt mit Kummer.

Sehr verwirrend.

Andererseits … wann waren ihre Gefühle für Tripp nicht verwirrend gewesen?

Wieder in seinem silbernen Pick-up mit der extragroßen Kabine, den er vor etwa einem Jahr in einem Anfall von Heimweh in Seattle gekauft hatte, startete Tripp den Motor per Knopfdruck und trat das Gaspedal einmal durch, nur um das befriedigende Röhren des Motors zu hören. Der Regen hatte endlich nachgelassen und sich von einem Wolkenbruch in feinen Niesel verwandelt. Sogar die Sonne kämpfte sich durch die sich hier und da teilenden Wolken.

Trotz seiner aufgewühlten Gefühle hob der aufklarende Himmel seine Stimmung.

Ridley saß wachsam auf dem Beifahrersitz und beobachtete Tripp genau, den Kopf leicht zur Seite geneigt, als erwarte er irgendeine Erklärung.

Nach einem kurzen Seitenblick auf Hadleighs Haus legte Tripp den Gang ein. „Es wird eine Weile dauern, bis ich bei der Lady nicht mehr in Ungnade bin.“ Er lachte. „Aber ich mochte Herausforderungen schon immer.“

Ridley sah ihn nur komisch beunruhigt an.

Tripp sah grinsend in den Rückspiegel und fuhr los. Die durchdrehenden Hinterreifen schleuderten matschiges Wasser hoch, ehe sie geräuschvoll auf dem Asphalt fassten.

Als sie die Stadtgrenze passierten, hatte der Regen ganz aufgehört, sodass die Welt einen frisch gewaschenen Glanz bekam. Die Wolken wurden immer dünner und lösten sich dann ganz auf, und grelle Sonnenstrahlen schienen zwischen den roten und goldenen Blättern der Bäume hindurch, die auf den weiten Grasflächen zu beiden Seiten der Straßen standen, was ein fast sakrales Licht erzeugte.

Selbst Ridley schien ein wenig beeindruckt zu sein von der Landschaft.

Tripp pfiff beim Fahren leise vor sich hin und bewunderte die Gegend aufs Neue, obwohl er diese Straße doch schon unzählige Male entlanggefahren war.

Zu beiden Seiten weideten Rinder, Black Angus und Hereford hauptsächlich, sowie Pferde aller möglichen Rassen. In dem vom Wind gebeugten Gras hingen Regentropfen wie glitzernde Diamanten. Ein Stück weiter kamen Tripp und Ridley an einer Herde Bisons vorbei, die trügerisch schwerfällig hinter einem festen Zaun grasten.

Der blaue Himmel wölbte sich über allem. Am Horizont ragten die zerklüfteten Gipfel der Grand Tetons auf.

Zu Hause, dachte Tripp.

Er hatte einige Bedenken gehabt, für immer zurückzukommen, und Hadleighs Empfang konnte man nicht gerade als ermutigend werten. Aber jetzt, als er all das hier in sich aufnahm und die raue Landschaft seine Seele berührte, wusste er, dass er die richtige Entscheidung getroffen hatte.

Ob es nun leicht werden würde oder hart, dies war der Ort, an den er gehörte.

Hier, nicht in der Großstadt, war er am ehesten er selbst und wirklich frei.

Sein Zuhause, nicht besonders originell „Galloway Ranch“ genannt, umfasste gut zweihundert Hektar Land in einem der Täler im felsigen Hochland. Das flache grüne Weideland konnte einen Neuankömmling erstaunen, weil es sich hinter den Hügeln ganz unerwartet vor einem erstreckte.

Am Anfang der Zufahrt stand ein wenig schief der alte Briefkasten, rostig, aber stabil, mit dem vom Wetter verblassten Familiennamen bedruckt, wie ein Teil der Landschaft – und das schon so lange Tripp denken konnte.

„Anschnallen“, befahl er Ridley, als sie über das sogenannte Cattle Guard fuhren, einen Gitterrost, der das Ausbrechen der Rinder verhinderte. „Es wird eine holprige Fahrt bis zum Haus.“

Auffahrt klang im Grunde schon zu vornehm für den Kuhpfad, hier und dort von Pappeln gesäumt, die beim Bau der Ranch als Windschutz gepflanzt worden waren. Der ausgefahrene, unbefestigte Weg war fast eine Meile lang, wand sich um Felsen und eine Ansammlung uralter Kiefern, überquerte gleich zweimal einen kleinen Bach, führte durch Senken und wieder bergan.

Ridley schien das Geschaukel nichts auszumachen. Er sah gebannt hinaus auf das Weideland, das sich um sie herum erstreckte. Seine Hinterläufe zitterten in freudiger Erwartung, sobald er einen Hasen oder einen Schwarm aufgescheuchter Wachteln entdeckte.

Die Scheune, groß und rot und dringend eines Anstrichs bedürftig, kam zuerst ins Blickfeld, danach das Blockhaus mit seiner rundum laufenden Veranda und dem grauen Schindeldach.

Die Haustür ging auf, und Jim trat hinaus, nicht mehr ganz so groß wie beim letzten Mal, als Tripp ihn gesehen hatte, deutlich dünner und mit ein wenig hängenden Schultern.

Sein Haar war zwar noch voll, aber fast vollständig weiß geworden.

Ein breites Grinsen erhellte sein vom Wetter gegerbtes Gesicht. Er blieb, wo er war, statt auf Tripp zuzugehen – so wie er das stets getan hatte. Stattdessen lehnte er an einem der dicken Stützpfeiler, die das Verandadach trugen, und hob eine Hand zum Gruß.

Beim Anblick des einzigen Vaters, den er je gehabt hatte, zog sich Tripps Herz zusammen. Jim hatte nicht nur den Sohn eines anderen wie seinen eigenen großgezogen, sondern die Mutter dieses Jungen mit einer stillen, unerschütterlichen Hingabe geliebt, von der die meisten Frauen vermutlich höchstens in Büchern lasen oder in Filmen hörten.

Er war nie ein reicher Mann gewesen, doch arm konnte man ihn auch nicht nennen. Er arbeitete lang und hart, züchtete einige der besten Rinder und Pferde in Bliss County, und hatte stets gut für seine Frau und seinen Sohn gesorgt. Bei gutem Wetter fand er Zeit, um mit Tripp angeln und zelten zu gehen, ihm Reiten, Lasso werfen, Schießen und Traktor fahren beizubringen. Während der harten Winter in Wyoming, wenn ein bitterkalter Wind übers Land wehte und sich so hohe Schneeverwehungen bildeten, dass die Zäune nur noch als graue Linien in der glänzenden Schneedecke erkennbar waren, stand Jim Morgen für Morgen klaglos aus seinem warmen Bett auf, zog sich Socken und Schuhe an und ging über den kalten Boden, um den launischen alten Ofen im Keller anzuwerfen. Anschließend machte er Kaffee und fachte das Feuer im Kanonenofen an.

Er schaffte es immer, dass der Pick-up ansprang, egal wie tief die Temperaturen in der Nacht gesunken sein mochten, und war guter Dinge, auch wenn der frische Schnee auf seiner Hutkrempe ihm in den Kragen seines Schafsfellmantels rutschte.

Manche Männer konnten gut quatschen, wenn es um Dinge wie Liebe und Integrität ging, um harte Arbeit und Ausdauer, Anstand und Courage angesichts von Not jeglicher Art. Jim Galloway redete nicht „wie ein Wasserfall“, um es mit seinen Worten auszudrücken, sondern lebte all diese Qualitäten und noch einige mehr still vor.

Tripp betrachtete seinen Vater durch die Frontscheibe des Pick-ups und musste schlucken. Er sollte sich besser im Griff haben, um sich hier nicht lächerlich zu machen. Entschlossen stellte er den Motor aus, öffnete die Tür und stieg aus. Ridley legte keinen Wert auf Förmlichkeiten und sprang nach draußen, wo er freudig im Kreis rannte.

Jim lachte über die Mätzchen des Hundes, dann sah er zu Tripp, und seine Miene wurde ernst. Abgesehen davon, dass er kurz von einem Bein auf das andere trat, bewegte er sich nicht, sondern blieb dort, wo er war, die eine Schulter an den Verandapfeiler gelehnt. Es sah aus, als sei er sich nicht ganz sicher, ob er aus eigener Kraft stehen konnte.

Als Tripp durch das Gartentor trat und näher kam, wurde seine Ahnung zu bitterer Gewissheit. Vor einigen Tagen hatte Jim am Telefon zugegeben, dass er Hilfe brauchte. Viel mehr hatte Tripp aber nicht erfahren. Jetzt wusste er, dass seine Sorge berechtigt gewesen war.

Irgendetwas stimmte hier ganz und gar nicht.

Ridley folgte seinem Herrchen und fing wieder an, übermütig herumzuspringen, seine neu gewonnene Freiheit feiernd.

Tripp stieg lächelnd die Verandastufen hinauf, bereit für den gewohnten Händedruck.

Zu seiner Überraschung legte Jim den Arm um Tripp und hielt ihn eine ganze Weile fest, ehe er sich wieder genug im Griff hatte, um ein Lächeln aufzusetzen – vermutlich genauso gezwungen wie Tripps – und sich zu räuspern. Jims blaue Augen waren wässrig, als er Tripps Schulter drückte, ihn auf Armeslänge von sich hielt und murmelte: „Lass dich ansehen, Junge.“

Tripp konnte sein falsches Lächeln nicht länger ertragen, es war ohnehin längst zur Grimasse geworden. Also ließ er es. „Was ist los, Dad?“, fragte er ruhig. „Und erspar mir den wortkargen John-Wayne-Bullshit. Sag mir einfach, was los ist.“

Jim seufzte und stieß sich von dem Stützpfeiler ab. Er schwankte kaum merklich, und sein Griff an Tripps Schulter wurde fester.

„Ich nehme an, du hast ein Recht, es zu erfahren“, räumte er nach einem langen Moment des Nachdenkens ein. Dann deutete er zur offenen Tür. „Wir lassen die Fliegen rein, wenn wir hier draußen herumstehen. Außerdem können wir diese Unterhaltung besser im Haus bei einer Tasse Kaffee führen – wenn es dir recht ist.“

Tripp nickte angespannt. Klugerweise beherrschte er sich, Jims Arm zu umfassen, um ihn ins Haus zu geleiten.

Er pfiff Ridley zu sich, der ihn jedoch völlig ignorierte, weil er viel zu sehr mit dem Beschnüffeln eines Blumenbeets beschäftigt war.

„Lass den armen Kerl doch“, meinte Jim. „Er braucht ein bisschen frische Luft und Bewegung.“

Nach einem kurzen Zögern blieb Tripp dicht hinter seinem Stiefvater, bereit ihn aufzufangen, sollte er stürzen. „Aber er könnte weglaufen oder so was …“

Ohne sich umzudrehen, schlurfte Jim über die abgenutzten Holzdielen im Wohnzimmer. „Der kommt schon klar“, meinte er und gab ein kratziges Lachen von sich. „Wir sind hier nicht in der Großstadt, mein Junge. Wenn er wegrennt, kommt er auch wieder. Ganz abgesehen davon gibt es hier draußen so wenig Verkehr, dass er kaum Gefahr läuft, von einem Müllwagen oder Taxi angefahren zu werden.“

Trotz seiner Sorge um seinen Stiefvater lachte Tripp heiser und kurz. „Nein, stimmt, hier draußen auf dem Land ist es sicher wie beim Picknick der Sonntagsschule – wenn einem ein paar Wölfe, Kojoten, Klapperschlangen und Grizzlybären nichts ausmachen.“

Jim ging kopfschüttelnd durch den Bogengang ins Esszimmer. „Lange her, seit du zuletzt deinen Fuß mal in den guten alten Dreck gesetzt hast“, bemerkte er trocken. „All die Jahre, die du in Seattle gelebt hast, umgeben von nichts als Beton und Asphalt, haben deiner Birne bestimmt nicht gutgetan und dich zu einem Grübler und Pessimisten gemacht.“

Diesmal war Tripps Grinsen echt. Für Jims Geschmack war jede Gemeinde mit mehr als zehntausend Einwohnern zu groß.

Deshalb verteidigte er Seattle auch gar nicht, Jim würde nur seufzen und abwinken. Also sagte er nur: „Die Sache ist die, dass ich zurückgekommen bin, um zu bleiben.“

Jim blieb im Türrahmen zur Küche stehen und hielt sich mit einer Hand an ihm fest, um sich einen Moment auszuruhen. „Das wurde aber auch Zeit“, brummelte er gutmütig, straffte die knochigen Schultern und bewegte sich weiter, was ihn ein bisschen zu viel Mühe zu kosten schien.

Tripp war erleichtert, als Jim es endlich in die Küche geschafft hatte, zum Tisch ging und sich setzte.

„Ich hole den Kaffee“, sagte Tripp in unbeschwertem Ton. „Du kannst ja schon mal anfangen zu erzählen.“

3. KAPITEL

Jim brauchte einen Moment, um wieder zu Atem zu kommen. Sein ansonsten von der vielen Arbeit unter freiem Himmel gebräuntes Gesicht war blass, und er schloss für einen Moment die Augen, um Kraft zu sammeln. Als er sie wieder aufmachte, sah er Tripp müde an.

„Ich war krank“, gestand er. „Das ist im Wesentlichen die ganze Geschichte.“

Tripp, der gerade die Kaffeekanne über der Spüle mit Wasser füllte, hielt erschrocken inne. Sein Hals war plötzlich wie zugeschnürt, als hätte man ihm einen Sattelgurt umgelegt und bis zum letzten Loch festgezurrt. „Was meinst du mit ‚krank‘?“, fragte er, als er seine Stimme wiedergefunden hatte.

Sein leiblicher Vater war nach einer Blinddarmoperation gestorben, als Tripp noch ein Baby war. Mehr als alte Fotos eines Mannes, der ihm kein bisschen vertraut war, gab es nicht.

Jim Galloway hingegen war sein Dad.

Wieder seufzte Jim. „Keine tödliche Krankheit, also schreib nicht gleich eine Todesanzeige und spar dir die Suche nach einem geeigneten Ort, um meine Asche zu verstreuen“, sagte er langsam und nachdenklich. „Wahrscheinlich werde ich noch eine Weile da sein.“

Tripps Miene verhärtete sich. „Wahrscheinlich? Was zum Geier soll das heißen?“

Jim musterte ihn mit einer Mischung aus Mitgefühl und Belustigung. Er gab ein raues Lachen von sich, das sich anhörte, als ob es ihm Schmerzen bereite.

„Na, jeder stirbt irgendwann, mein Sohn“, krächzte er heiser. „Hat keinen Sinn, sich über Dinge aufzuregen, gegen die man nichts tun kann.“

Während Tripp darauf wartete, dass der Kaffee durchlief, lehnte er sich gegen die Arbeitsfläche und verschränkte die Arme vor der Brust. Vermutlich wirkte er nach außen hin ruhig, aber das war er keineswegs. „Wie lange schon?“

Jim ließ sich nicht so leicht etwas vormachen, aber es war schwer zu sagen, ob er Tripp durchschaute. Er ließ sich nicht in die Karten schauen – sein Credo lautete: Wenn jeder Bescheid weiß, ist es kein Geheimnis mehr. Mit anderen Worten, er glaubte nicht daran, dass alle ständig über alles Bescheid wissen mussten.

Nach einem kurzen Moment lächelte er wieder, nahm sich aber Zeit mit der Antwort. „Ich weiß es seit knapp einem Jahr“, begann er schließlich, und so knapp diese Information auch war, wusste Tripp, dass sein Dad nicht einmal das gern preisgab.

Er wollte sich schon beschweren, dass Jim so etwas Wichtiges so lange für sich behalten hatte, doch sein Stiefvater hob die Hand, um ihn zu stoppen.

„Manche Dinge sind eben, na ja, privat“, erklärte er.

Hinter Tripp gurgelte und dampfte die alte Kaffeemaschine, die ihren Dienst schon seit der Zeit vor der Jahrtausendwende tat, wie ein kleiner Vulkan kurz vor dem Ausbruch.

„Privat?“, wiederholte Tripp ungläubig.

Jim wich seinem Blick aus, und sein Hals lief rot an. „Es kommt alles in Ordnung“, versicherte er Tripp, allerdings mit so leiser Stimme, dass man ihn kaum hörte. „Und ich wäre dir wirklich dankbar, wenn du aufhören würdest, alles zu wiederholen, was ich sage.“

„Ja, nun“, sagte Tripp angespannt und mit einer Portion Ironie, während er sich zu seinem Vater setzte. „Welche Krankheit auch immer es war oder ist, die dich beinah umgebracht hätte und es wahrscheinlich immer noch könnte, ist privat. Warum hast du das denn nicht gleich gesagt?“

„Wäre es möglich, mal ein bisschen weniger herumzumeckern?“, fragte Jim. Ein Wangenmuskel zuckte in seinem Gesicht, als kaue er auf einem Stück Leder herum. „Das Schlimmste ist überstanden, mein Junge. Ich habe alles getan, was die Ärzte mir geraten haben, und inzwischen bin ich in der Genesungsphase. Mir geht nur ein bisschen früher als sonst die Kraft aus, das ist alles.“

Tripp sah seinen Dad an und malte sich aus, was der Mann möglicherweise allein durchgemacht hatte, nur wegen seiner Sturheit und seinem verdammten Stolz. In solchen Momenten wusste Tripp nicht, ob er gegen die nächste Wand boxen oder wie ein kleines Kind in Tränen ausbrechen sollte.

Letztlich tat er keines von beidem, sondern wartete einfach auf den Rest der Geschichte.

Inzwischen hatte die Farbe von Jims Hals von Rot zu Violett gewechselt. „Es stellte sich heraus, dass es meine Prostata war, die all die Probleme verursachte“, erklärte er schließlich, und es klang, als hätte Tripp ihm jedes einzelne Wort abgepresst.

Diese hart erkämpfte Antwort musste Tripp erst einmal verarbeiten. „Es wäre leichter gewesen, ein halbes Dutzend Maultiere aus einem Schlammloch zu treiben, als das aus dir herauszubekommen“, war alles, was ihm zunächst dazu einfiel.

Und dann schnürte es ihm erneut die Kehle zu. Er fühlte sich benommen, als wäre er vom Pferd gestürzt, das ihm anschließend zu allem Überfluss auch noch auf den Hals getreten war.

Natürlich war ihm klar, dass sein Dad nicht absichtlich krank geworden war. Andererseits fühlte er sich hintergangen und in die Enge getrieben. Diese Empfindungen breiteten sich in seinem Blutkreislauf aus wie Gift.

Diesmal war Jim derjenige, der die Unterhaltung fortführte.

„Der Kaffee ist fertig“, bemerkte er in freundlichem Ton, sodass ein Außenstehender hätte meinen können, ihr vorheriges Gespräch habe sich um etwas ganz Gewöhnliches gedreht, wie zum Beispiel die diesjährige Heuernte oder Lokalpolitik.

„Pfeif auf den Kaffee“, erwiderte Tripp. Er holte tief Luft und beugte sich über den Tisch. „Was soll das, Dad? Plötzlich bist du zimperlich wie eine alte Jungfer, und es ist dir peinlich, über deine Prostata zu reden?“

Jim, wieder ganz der alte Sturkopf, antwortete nicht.

Und Tripp, ebenso stur, ließ nicht locker. „Es ist schließlich nicht so, als wüsste ich nicht, dass du eine hast. Und soll ich dir was sagen? Ich auch.“

Da es sich nur um eine rhetorische Feststellung handelte und Jim nun mal so war, wie er war, gab er auch dazu keinen Kommentar ab. Er sah nur verärgert aus. Dann fuhr er sich durch die weißen Haare und unternahm wenigstens den Versuch einer Erklärung.

„Ich habe nicht damit gerechnet, dass es so lange dauern würde, bis ich wieder zu Kräften komme“, gestand er. „Und ich hätte meine Krankheit gar nicht erwähnt, wenn ich die Ranch allein führen könnte.“ In seinen Augen schimmerten plötzlich Tränen, und sein Adamsapfel hüpfte, als er schlucken musste. „Aber es zeigte sich, dass ich das nicht schaffe. Alles wuchs mir über den Kopf.“ Jim machte eine Pause, bevor er fast trotzig fortfuhr: „Wie dem auch sei, ich wusste sehr genau, dass ich nicht sterben würde. Das wusste ich gleich. Ich will nicht behaupten, dass es nicht ein paar schwere Tage waren, und auch schwere Nächte. Aber ich hab schon Schlimmeres durchgemacht … viel Schlimmeres.“ Wieder hielt er inne und sammelte sich. „Wie den Verlust deiner Mutter. Ellie war mein Polarstern, das weißt du.“

Tripp dachte traurig an Ellie Galloway, die auch für seinen inneren Kompass der Norden gewesen war. Selbst nach all dieser Zeit konnte er noch nicht glauben, dass sie für immer gegangen war.

Da er seiner Stimme nicht traute, begnügte er sich mit einem finsteren Blick. So leicht würde Jim nicht davonkommen, und Tripp wollte, dass sein Dad das wusste.

Jim schnaubte ungeduldig. „Was sollte ich denn tun? Verrat mir das mal. Hätte ich dich bitten sollen, nach Hause zu kommen, als das alles losging, damit wir uns beide elend fühlen?“

Nicht im Geringsten besänftigt, obwohl er vermutlich an Jims Stelle genau das Gleiche getan hätte, verweigerte Tripp zunächst die Antwort. Er ging zur Kaffeemaschine, goss etwas Java-Kaffee in einen angeschlagenen Becher und stellte ihn geräuschvoll vor seinen Dad auf den Tisch.

Anschließend kehrte er nicht auf seinen Platz zurück.

Jim trank einen Schluck. „Danke.“ Ein weiterer Schluck folgte, dann noch einer. „Tja, ich schätze, ich hätte mich wohl ein bisschen eher melden sollen“, meinte er schließlich.

Inzwischen stand Tripp vor der langen Fensterreihe und hatte Jim den Rücken zugekehrt. Er beobachtete Ridley, der im Garten herumtollte und offenbar ein Insekt jagte. „So, meinst du?“, erwiderte er gereizt.

Der Kaffee, schwarz und stark, wie er ihn mochte, tat Jim anscheinend gut, denn als er antwortete, klang er fast wieder wie früher. „Andererseits war es vielleicht richtig, nichts zu sagen. Ich dachte mir schon, dass du eine Krise kriegst, sobald du davon weißt, ganz egal, wann oder wie du davon erfährst.“

Kopfschüttelnd wandte Tripp sich von den Fenstern ab. „Du bist der einzige Vater, den ich habe“, sagte er, inzwischen ruhiger – oder vielleicht auch einfach erschöpft. Die Begegnung mit Hadleigh hatte ihn schon aufgewühlt – und jetzt auch noch das. „Mag sein, ich wäre in jedem Fall ausgeflippt. Aber dann hätte ich mich an die Arbeit gemacht auf dieser Ranch, damit du dich darauf konzentrieren kannst, wieder gesund zu werden.“

Erneut mied Jim seinen Blick, vermutlich weil seine Augen sich mit Tränen füllten, und dachte über Tripps Worte nach, ehe er einräumte: „Hm, wir haben wohl beide recht.“ Er blinzelte mehrmals, dann sah er seinen Sohn wieder an. „Du hattest ein Recht, es zu erfahren. Und ich hatte das Recht, es für mich zu behalten.“ Er hielt kurz inne. „Wollen wir uns darauf einigen?“

Tripp nickte. „Ja, dagegen ist wohl nichts einzuwenden“, antwortete er heiser.

„Na gut, dann wäre das geklärt“, meinte Jim sichtlich erleichtert und erhob sich mühsam von seinem Platz. „Wenn du jetzt die Pferde füttern gehst, schaue ich mal, was ich uns zum Abendessen machen kann.“

Wieder nickte Tripp nur. Es hatte keinen Zweck, das Thema weiterzuverfolgen, jedenfalls nicht heute Abend.

Also schnappte er sich Jims Jeansjacke, die an ihrem üblichen Platz an einem der Haken neben der Hintertür hing, und zog sie an.

Es gab nach wie vor einiges zwischen Vater und Sohn zu klären, aber mit der Zeit würde sich alles finden.

Nur stand Zeit den Menschen nicht endlos zur Verfügung.

Zeit. Bitte lass noch genug davon da sein.

Resigniert verließ Tripp das Haus und ging über die morschen Verandastufen hinunter in den Garten. Ridley hörte auf, die Blumenbeete am Zaun zu erforschen, und trottete zu ihm. Gemeinsam machten sie sich auf den Weg zu den Ställen.

Die Aufgaben waren Tripp vertraut, er hätte sie im Schlaf erledigen können.

Gefolgt von Ridley, der neugierig auf die riesigen wiehernden Kreaturen war, schaufelte Tripp frisches Heu in die Futtertröge, schaute nach, ob genügend Wasser in den alten Aluminiumbottichen war und begrüßte jedes der sechs Pferde, indem er ihnen den Hals tätschelte und ein paar freundliche Worte zu ihnen sagte.

Später, als er und der Hund zum Haus zurückgingen, sah Tripp hoch zum Abendhimmel, an dem schon die ersten Sterne funkelten.

Vielleicht wendet sich ja doch noch alles zum Guten.

Jim wird wieder gesund werden, versicherte er sich. Mit mehr Ruhe und weniger Sorgen würde er schon bald wieder der alte störrische Kerl von früher sein.

Und was Tripps Verhältnis zu Hadleigh anging … nun, das blieb vorerst eine Herausforderung, keine Frage.

Zum Glück mochte er Herausforderungen.

Melody war Hadleighs erster Gast an diesem Abend – Tripp zählte schließlich nicht. Sie sah vom Wind zerzaust aus und als hätte sie sich beeilt, obwohl sie gar nicht zu spät kam. Den schwarzen maßgeschneiderten Mantel hatte sie zugeknöpft, ohne ihre schulterlangen blonden Haare unter dem Kragen hervorzuziehen. Der Riemen ihrer Umhängetasche lief quer über die Brust, und die Platte mit Käse und Aufschnitt aus dem Supermarkt zitterte leicht in ihrer Hand, als sie sie ihrer Gastgeberin hinhielt.

„Du hast es schon gehört“, schloss sie, nachdem sie Hadleigh einen Moment betrachtet hatte.

Hadleigh nahm Melody das Tablett ab, stellte es auf die Arbeitsfläche und nickte verdrossen. Es gab keinen Grund, so zu tun, als wüsste sie nicht, wovon Melody sprach. „Tripp ist zurück“, sagte sie.

Ist er noch verheiratet? Hat er Kinder?

Ihr hatte der Mut zu fragen gefehlt.

Melody atmete erleichtert auf, legte ihre Tasche weg, knöpfte den Mantel auf und warf ihn über eine Stuhllehne, ehe sie ihr gebändigtes Haar mit gespreizten Fingern und einem Kopfschütteln auflockerte. „Und?“, hakte sie nach und musterte Hadleigh weiterhin prüfend.

„Und er war hier“, gestand Hadleigh. Für sie waren das keine guten Neuigkeiten, aber sie wusste, dass Melody überrascht sein würde. Darum machte es ihr Spaß, es zu erwähnen.

Die Reaktion erfolgte prompt. „Hier?“ Melodys blaugrüne Augen leuchteten zugleich alarmiert und entzückt. „Tripp Galloway war hier? In diesem Haus? Wann?“

„Heute“, antwortete Hadleigh. Sie nahm Melodys Mantel vom Stuhl und trug ihn in den Flur, wo sie ihn sorgfältig an einen der Haken des antiken Garderobenständers ihrer Großmutter hängte.

Melody folgte ihr, wobei sie Hadleigh mit Fragen bombardierte und keine Gelegenheit für eine Antwort gab. „Was wollte er? Was hat er gesagt? Was hast du gesagt? Warst du froh, ihn zu sehen? Oder wütend? Oder traurig? Warst du geschockt? Du musst geschockt gewesen sein. Hast du geweint? Du hast nicht geweint, oder? Ach du liebe Zeit, bitte sag mir, dass du nicht geweint hast …“

Die Hände in die Hüften gestemmt, drehte sich Hadleigh um und grinste, obwohl sie eher empört war. „Selbstverständlich habe ich nicht geweint. Ich und Tränen wegen Tripp Galloway? Vergiss es.“

Als wüssten sie beide nicht, dass sie sich nach ihrer ruinierten Hochzeit wochenlang die Augen ausgeweint hatte – und zwar nicht wegen Oakley, sondern weil Tripp verheiratet war.

Wie hatte sie das nicht wissen können?

Tripp hätte es doch seinem Dad erzählt, wenn schon niemandem sonst, oder?

Schwer zu sagen. Jim behielt vieles für sich, wenn es um persönliche Dinge ging. Er gehörte zu der Sorte Männer, die mehr zuhörten als redeten.

Als gute Freundin sah Melody davon ab, sie auf das Offensichtliche hinzuweisen. „Was wirst du jetzt tun?“, fragte sie stattdessen und begrüßte Muggles mit einem beiläufigen, aber liebevollen Tätscheln des Kopfes, als der Retriever sich auf dem Rückweg in die Küche zu ihnen gesellte. Da die Hündin regelmäßig zu Hadleigh kam, war ihre Anwesenheit nichts Besonderes.

Für Melody zählte sie schon zum Haushalt.

„Tun?“, wiederholte Hadleigh und kicherte auf sehr befremdliche Weise. „Na, mal sehen. Was kann ich nur tun?“ Sie schnippte mit den Fingern. „Ich hab’s. Ich könnte in ein Kloster eintreten. Oder in die Fremdenlegion, vorausgesetzt, sie nehmen inzwischen Frauen. Falls das nicht klappt, könnte ich zur See fahren, bei der Handelsmarine. Das ist gefährliche Arbeit, aber der Verdienst soll gut sein.“

Melody lachte, wirkte aber angespannt. „Hör schon auf“, sagte sie. „Das ist ernst. Möglicherweise können wir unseren ganzen Heiratspakt vergessen und noch mal von vorn anfangen.“

Inzwischen waren sie wieder in der Küche, und bevor Hadleigh etwas erwidern konnte, spähte Bex Stuart durch das ovale Fenster in der Hintertür, klopfte gegen die Glasscheibe und trat ein.

Die Art, wie Bex sich bewegte, hatte etwas vage Musikalisches. Hadleigh konnte beinah das Klingeln ferner Glöckchen hören.

„Hast du schon gehört?“, platzte Bex atemlos vor Aufregung heraus, kaum hatte sie die Schwelle übertreten.

„Tripp Galloway ist wieder in der Stadt“, antworteten Melody und Hadleigh im Chor.

Bex, enttäuscht, dass die große Neuigkeit sich schon verbreitet hatte, stellte ihre Handtasche sowie eine Schachtel vom örtlichen Bäcker ab und zog den dick gepolsterten Nylonmantel aus, den Hadleigh ihr abnahm.

Es folgte ein zweiter Gang zum Garderobenständer und zurück, diesmal mit Bex und Muggles als Teil der Karawane. Jetzt war Bex diejenige, die Hadleigh eine Frage nach der anderen stellte.

Das reinste Déjà-vu.

„Könntet ihr bitte mal halblang machen?“, wandte Hadleigh sich schließlich an ihre Freundinnen, während die zwei Frauen und der Hund sie neugierig ansahen.

„Ich konnte nichts aus ihr herausbekommen“, vertraute Melody Bex an, als wäre Hadleigh plötzlich nicht mehr da.

Bex’ Augen, deren Farbe von hellem Bernstein zu Grün wechseln konnte wie die Haut eines Chamäleons, weiteten sich vor Neugier.

„Nicht nur das“, fuhr Melody fort. „Er war hier.“

„Wow“, keuchte Bex und schaute nach oben. „Und das Dach ist nicht eingestürzt.“

„Kriegt euch endlich ein“, forderte Hadleigh ihre Freundinnen auf.

Aber das schien den beiden kaum möglich zu sein. Melody und Bex führten sie regelrecht zurück in die Küche, wobei sie jeweils einen ihrer Ellbogen umfassten. Sie geleiteten sie bis zu einem Stuhl, als wäre sie gerade den Klauen des Todes entrissen worden und stünde noch immer unter Schock.

Muggles folgte ihnen schwanzwedelnd, fasziniert von dem ständigen Hin- und Herlaufen. Seltsame Wesen, diese Menschen, dachte sie vielleicht. Sobald sie irgendwo sind, wollen sie schon wieder woanders sein.

Ohne ein Wort zu sagen, legten Hadleighs beste Freundinnen los, als hätten sie die Szene vorher einstudiert.

Bex schob einen Stuhl vor den Kühlschrank und stieg darauf, um einen darüber hängenden Schrank zu öffnen. Sie griff an einer Keksdose mit der Aufschrift Love Lucy vorbei und tastete herum, bis sie eine einzelne und sehr angestaubte Flasche Whiskey fand. Sie hatte letztes Weihnachten dafür herhalten müssen, den Eierpunsch aufzupeppen, und war immer noch drei viertel voll.

Unterdessen holte Melody drei gedrungene Trinkgläser aus einem anderen Schrank, trug sie zur Spüle, um sie vorsichtig abzuspülen und anschließend mit einem bestickten Handtuch abzutrocknen.

Hadleigh beobachtete das Ganze verwirrt, genau wie Muggles. Das Schauspiel erinnerte sie an Synchronschwimmen in alten Schwarzweißfilmen, die ihre Großmutter sich gern im Fernsehen angeschaut hatte, vorgeführt in glitzernden Swimmingpools, von badenden Schönheiten in eleganten einteiligen Badeanzügen.

Schwungvoll goss Melody in jedes Glas einen doppelten Whiskey, reichte ebenso schwungvoll eines an Bex und eines an Hadleigh weiter und hob am Schluss ihr eigenes Glas zu einem Toast.

Das weckte eine wehmütige Erinnerung in Hadleigh, denn die Gläser waren Supermarktprämien, die Gram mit Hingabe gesammelt hatte, eines nach dem anderen, bis sie ein Set aus acht Gläsern zusammenhatte. Dabei war ihre Großmutter Abstinenzlerin und eher der sachliche Typ gewesen.

Hadleigh, die damals in der Highschool gewesen war, hatte sie gefragt, weshalb sie diese Gläser unbedingt gewollt hatte, da sie doch nie benutzt wurden. Darauf hatte ihre Großmutter nur gelächelt und erklärt, ihr gefiele es so, wie das Licht durch diese Gläser scheine und auf interessante Weise gebrochen werde. So etwas, meinte sie, könne einen langweiligen Tag aufhellen.

Du warst diejenige, die langweilige Tage aufhellte, Gram, dachte Hadleigh. Du, mit deiner Liebe und deinem Lachen und deinem Lächeln, das wie ein Zauber wirkte.

Melody forderte Hadleighs Aufmerksamkeit mit einem lauten „Ähem“ ein. „Auf den Heiratspakt“, verkündete sie.

Hadleigh nickte nur und nippte vorsichtig an ihrem Glas.

Der Whiskey brannte im Rachen und dann in der Speiseröhre.

Bex, stets für jeden Blödsinn zu haben, überwand ihre offensichtliche Abneigung und kippte den Inhalt des Glases in einem Zug herunter, nur um gleich darauf einen Hustenanfall zu bekommen.

Grinsend ging Melody zu ihr und klopfte ihr beherzt ein halbes Dutzend Mal auf den Rücken.

Bex sah Melody vorwurfsvoll an. „Meine Güte, Mel, du musst nicht gleich auf mich einprügeln.“

„Sorry“, erwiderte Melody unbekümmert.

„Außerdem“, fuhr Bex fort, „ist es vermutlich nicht sehr schlau, auf nüchternen Magen zu trinken. Wenn wir einen vernünftigen Plan ausarbeiten wollen, müssen wir nüchtern sein.“

„Du hast recht“, stimmte Hadleigh ihr resolut zu, stellte ihr Glas auf den Tisch und stand auf. Sie ging zum Kühlschrank, um den Nudelsalat zu holen, den sie zubereitet hatte, bevor Earl mit dem Krankenwagen abgeholt worden war und sie einen Hund geerbt hatte. Und bevor Tripp aufgetaucht war, im Regen auf dem Gehsteig vor ihrem Haus, mitten am Tag. Unnötig zu erwähnen, dass sie es nicht mehr geschafft hatte, auch noch wie geplant einen Kuchen zu backen. „Na schön, lasst uns essen.“

Die Mahlzeit war schlicht, köstlich und, von Hadleighs Standpunkt aus gesehen, viel zu schnell vorbei. Es gab fast nichts abzuwaschen, bis auf die Salatschalen und das Besteck. Beides räumte Melody in die Spülmaschine, während Bex den Tisch abwischte und Hadleigh Muggles für ein paar Minuten nach draußen ließ und ihr anschließend frisches Trockenfutter in den Napf füllte.

Als alles erledigt war, versammelten sich die drei Freundinnen am Tisch – wie in alten Zeiten.

„Da du es nicht fertiggebracht hast, ihn direkt zu fragen, ob er immer noch verheiratet ist – hast du denn wenigstens darauf geachtet, ob er einen Ehering trägt?“, erkundigte Melody sich vorsichtig.

Aber Hadleigh war viel zu aufgewühlt gewesen, um daran zu denken. Oder an sonst irgendetwas.

Als Hadleigh nicht antwortete, seufzte Melody und gab sich die Antwort selbst. „Hast du nicht. Na ja, macht nichts. Es scheint auch sonst niemand in der Stadt zu wissen.“

Genau wie Tripps Rückkehr nach Mustang Creek offenbar jeden überrascht hatte, war es auch mit seiner Ehe vor zehn Jahren gewesen. Neuigkeiten wie diese verbreiteten sich für gewöhnlich wie ein Lauffeuer in Bliss County, auch wenn sie eigentlich ein Geheimnis sein sollten – besonders dann. Doch irgendwie war es ihm gelungen, diese interessante Information unter Verschluss zu halten.

Bis er es Hadleigh erzählt hatte …

„Ich … konnte nicht denken“, gab sie jetzt zu, erneut verlegen. Dabei hatte sie sich doch fest vorgenommen, sich von Tripp Galloway nicht mehr aus der Bahn werfen zu lassen. Dazu musste sie nur endlich aufhören, ständig an ihn zu denken.

Aber wie sollte sie ihn vergessen?

„Du hast Tripp nicht einmal gefragt, warum er zurückgekommen ist?“, wollte Bex wissen. Es war typisch für sie, dass sie einfach weiterfragte, wenn ihr eine Antwort nicht gefiel. Anscheinend hoffte sie, durch ihre Beharrlichkeit eine bessere Antwort zu erhalten.

„Er ist in Mustang Creek aufgewachsen, genau wie wir“, erwiderte Hadleigh. „Er muss keine Rechenschaft über seinen Aufenthaltsort ablegen. Jedenfalls nicht vor mir.“

Melody lehnte sich zurück und musterte Hadleigh nachdenklich. „Erspar uns diese Vorstellung“, sagte sie. „Wir sind es, deine besten Freundinnen. Wir sehen alles, wir wissen alles. Du bist seit Ewigkeiten in diesen Mann verliebt.“

„Bin ich nicht“, protestierte Hadleigh mit weniger Überzeugungskraft, als sie beabsichtigt hatte.

Na schön, ich bin seit Urzeiten in Tripp verliebt.

Es stimmte, sie war hin und weg gewesen, seit Will ihn zum ersten Mal nach der Schule mit nach Hause gebracht hatte. Sie hatte seinetwegen sogar schon Tränen vergossen.

Aber das bedeutete nicht, dass sie den Kerl liebte oder jemals geliebt hatte.

Tripp war eine der letzten Verbindungen zu Will, mehr nicht, eine Verbindung zu ihrem toten Bruder, an dem sie gehangen hatte. Bis auf Gram natürlich konnte Tripp sich besser als sonst jemand an Will erinnern, und zu Anfang wenigstens hatte er diese Erinnerungen gern mit ihnen geteilt.

Sie hatten Hadleigh Trost gespendet, wie ein Feuer in einer kalten Nacht. Sie hatte Tripp als Freund betrachtet, vielleicht ein bisschen als Ersatz für ihren großen Bruder. Während sie ihm verzeihen konnte, dass er aus dem wichtigsten Tag ihres Lebens einen solchen Zirkus gemacht hatte, empfand sie das Verschweigen seiner Ehefrau als Verrat.

Darüber war sie bis heute nicht hinweg.

„Der Punkt ist“, begann Melody und brachte damit das informelle Treffen zurück aufs Thema, „dass Bex und ich wissen müssen, wie du zu unserem Pakt stehst.“

Ach ja, der Heiratspakt.

An einem Sommerabend im Billy’s, bei seinen berühmten Hühner-Chili-und-Käse-Nachos, hatten die drei sich ein Versprechen gegeben – ein paar Jahre, nachdem Hadleigh von Tripp aus der Kirche verschleppt worden war.

Denn nach einigen Jahren ohne brauchbare Heiratskandidaten in Sicht schien es allmählich, dass die drei dazu bestimmt waren, ewig Brautjungfern zu bleiben statt Bräute zu werden. Sie hatten es satt, darauf zu warten, dass ihr Leben endlich anfing. Sie wollten nicht mehr nur die zweite Geige spielen und Statistinnen bei den romantischen Traumhochzeiten ihrer Freundinnen sein. Sie hatten genug davon, ständig tapfer zu Brautpartys zu gehen und nie selbst eine veranstalten zu können.

Es war nicht so, dass sie keine modernen Frauen wären. Sie hatten alle am College studiert, hatten Karriereziele und diese größtenteils auch bereits erreicht.

Doch tief im Innern wussten sie, dass etwas fehlte.

Sie wollten Ehemänner, ein Zuhause, Familien.

War das so falsch?

Und darüber hinaus hatten sie die Nase voll von Dates mit kleinen Jungs, die sich wie Männer aufspielten.

Verdammt, sie wollten echte Männer, richtige Kerle voll Testosteron und mit allem Drum und Dran.

Darum hatten sie den Pakt geschlossen.

Die Grundsätze ihrer Vereinbarung schrieben sie auf Papierservietten, auf denen Bad Billy’s unverwechselbares Logo eines gehörnten Teufels gedruckt war. Im Wesentlichen ging es darum, dass sie sich gegenseitig bei der Suche nach Mr Right unterstützen wollten. Sie würden sich mindestens einmal im Monat treffen, solange alle in einem Umkreis von fünfzig Meilen wohnten. Falls sich daran etwas änderte, wollten sie per Internet Kontakt halten. So konnten sie auf das Ziel konzentriert bleiben – keine Kompromisse.

Entweder wahre Liebe oder gar nichts. Darum ging es.

Bis jetzt hatte es nichts von Ersterem, dafür aber reichlich von Letzterem gegeben.

Aber ein Cowgirl gibt niemals auf.

Hadleigh, Melody und Bex hielten durch.

Was machte es schon, wenn aus dem monatlichen Treffen Shoppingtouren wurden, sie zur Jukebox in Cowboy-Bars tanzten oder sich im Wohnzimmer bei irgendeiner der drei einen Film ansahen und der strategische Charakter ein wenig in den Hintergrund geriet? Kein Plan war perfekt.

Bei anderen Gelegenheiten, besonders nach zu viel Fernsehen, insbesondere dem Oprah Winfrey Network, verstärkten sie ihre Bemühungen. Dann zündeten sie sogar Kerzen an, formulierten Beteuerungen, verfeinerten ihre Absichten ganz esoterisch. Sie hatten sogar mit „Visionstafeln“ gearbeitet und Zeitschriftenfotos auf postergroßes Papier geklebt. Dafür wählten sie Bilder von großen Häusern aus, für glamouröse Hochzeiten geschmückte Kirchen, Flitterwochenziele überall auf der Welt, attraktive Männer in Smokings sowie zahllose strahlende, gesunde Kinder, denen jeder die überdurchschnittliche Intelligenz schon von Weitem ansah. Und schlussendlich ein Haustier oder zwei. Diese Collagen klebten sie an die Innenseite ihrer Kleiderschranktüren.

Ihre Freundinnen heirateten munter weiter.

Und luden sie als Brautjungfern ein.

Allmählich fransten die Ränder der Visionstafeln aus, und aus schierer Verlegenheit nahmen sie sie irgendwann ab und verbrannten sie in einer Tonne in Hadleighs Garten.

Ernüchtert, aber nach wie vor entschlossen, schrieben sie sich bei einem Online-dating-Service ein, und zwar bei dem, der sich mit der höchsten Heiratsquote brüstete.

Obwohl ihre Hoffnungen zu Beginn entsprechend hoch waren, mussten sie rasch einsehen, dass auch diese Idee zum Flop geriet. Wenn es zu Treffen kam, stellten sie oft fest, dass sie mit den betreffenden Männern aufgewachsen waren, und zwar hier in Mustang Creek. Der Grund, weshalb sie nie Dates mit ihnen gehabt hatten, war leider offensichtlich. Die Kandidaten aus den abgelegeneren Gegenden benahmen sich verdächtig verheiratet. Oder sie wollten sich Geld leihen. Oder erwarteten sofortigen Sex.

Loser.

Trotzdem blieben die drei Musketiere unverzagt. Auf dem College ließen sie keine Party aus, ob sie nun Lust zu feiern hatten oder nicht. Sie verabredeten sich zu Blind Dates mit den Brüdern, Cousins und Exfreunden verschiedener Freundinnen, Freundinnen von Freundinnen und bloßen Bekannten, wie es die einschlägige „Wie finde ich einen Mann“-Ratgeberliteratur empfahl, die verschlungen und heiß diskutiert wurde.

Die Ergebnisse all dieser Bemühungen waren trist, lieferten aber gute Geschichten und boten reichlich Stoff für Gelächter.

Weniger sture Frauen hätten vermutlich längst aufgegeben und sich mit dem Single-Dasein abgefunden, doch nicht so Hadleigh, Melody und Bex.

Darum saßen sie jetzt hier, zwei Jahre vor ihrem dreißigsten Geburtstag, alle drei erfolgreich in ihren Berufen. Melody war eine talentierte Schmuckdesignerin, Bex gehörte ein florierender Fitnessclub, und Hadleigh genoss landesweite Bekanntheit als Quilt-Künstlerin. Alle drei waren seit jenem Abend bei Billy’s, als sie den Heiratspakt schlossen, bei der Suche nach dem Mann ihrer Träume noch keinen Schritt weitergekommen.

Hadleigh, die diesen Gedanken nachgehangen hatte, folgte plötzlich wieder der Unterhaltung.

„Vielleicht waren wir zu unflexibel, weil wir keine Männer in Betracht gezogen haben, die wir bereits kennen“, sagte Bex gerade.

Melody nickte konzentriert. „Es könnte Schicksal sein.“ Sie schwenkte den Rest ihres Whiskeys im Glas. „Ich meine, dass Tripp endgültig nach Mustang Creek zurückkommt und bei Hadleigh vorbeischaut, bevor er zur Ranch rausfährt.“

Hadleigh stutzte. „Moment mal“, sagte sie. „Wie kommt ihr denn darauf, dass Tripp bleiben will? Sein Dad war ziemlich krank, und es wurde höchste Zeit, dass er auf einen Besuch vorbeikommt. Aber er hat schließlich eine eigene Firma, die er leiten muss. Und möglicherweise ist er nach wie vor verheiratet und hat Kinder.“

Sowohl Melody als auch Bex sahen sie ein wenig erstaunt an.

„Du hast nicht zugehört“, warf Bex ihr vor, allerdings nicht unfreundlich.

„Nein, offenbar nicht“, stimmte Melody ihr zu und grinste. Sie tippte mit dem Zeigefinger auf das Display ihres Smartphones auf dem Tisch. „Das Wunder der Suchmaschinen“, fuhr sie fort. „Vor Kurzem hat Tripp seine Firma für viel Geld verkauft, sein Apartment in Seattle auf lange Sicht vermietet und das meiste an Besitztümern abgestoßen. Von einer Ehefrau ist nirgends die Rede, nur von einer Ex. Ihr Name ist Danielle, und sie ist seit acht Jahren mit einem Architekten aus L. A. verheiratet. Die beiden haben zwei Kinder und einen Pudel namens Axel.“

Hadleigh machte den Mund auf und wieder zu. Ihr fehlten die Worte.

„Axel“, wiederholte Bex beinah traurig. „Der arme Hund.“

„Ist das dein Ernst, Hadleigh?“, fragte Melody. Bevor sie Schmuckdesignerin wurde, hatte sie eine Karriere als Prozessanwältin angestrebt. Manchmal kam das immer noch durch. „Hast du denn in all den Jahren nie Erkundigungen über Tripp angestellt? Nicht ein einziges Mal?“

Hadleigh fühlte, wie das Blut in ihre Wangen schoss. Muggles, die bis jetzt unter dem Tisch geschlafen hatte, stand auf und legte mitfühlend die Schnauze auf ihr rechtes Bein. „Nein“, antwortete sie und versuchte, dabei nicht so zu klingen, als wollte sie sich rechtfertigen. „Ich habe den Mann verdrängt, okay? Ich bin schließlich auch nur ein Mensch.“

Ihre Freundinnen tauschten einen Blick, aber keine der beiden erwiderte etwas.

„Von euch beiden hat anscheinend ja auch keine recherchiert“, stellte Hadleigh fest.

„Wir waren auch nicht unser ganzes Leben lang verrückt vor Liebe zu diesem Mann“, konterte Melody.

„Er hat dir wehgetan“, fügte Bex hinzu und sah Hadleigh an. „Ich wollte gar nichts über ihn wissen. Meinetwegen hätte er sich für eine One-Way-Mission zum Mars melden können oder zu sonst irgendeinem Planeten. Je weiter von der Erde entfernt, desto besser.“

„Ich habe Tripp Galloway nie geliebt“, stellte Hadleigh noch einmal klar. „Weder jetzt noch damals. Er war der beste Freund meines Bruders. Ich habe zu ihm aufgesehen. Vielleicht war da eine Art Heldenverehrung im Spiel, zumindest bis ich meine Zahnspange loswurde. Aber ich wiederhole: Ich war niemals in ihn verliebt.“

Wieder tauschten Melody und Bex einen Blick und grinsten dabei ein wenig.

„Ja, klar“, sagte Melody süßlich.

„Was immer du sagst, Hadleigh“, pflichtete Bex ihr bei.

4. KAPITEL

Den Großteil der nächsten Woche verbrachte Tripp damit, die Zäune abzureiten, Rinder mit dem Galloway-Brandzeichen zu zählen und Streuner zu den benachbarten Ranches zurückzubringen. Er überprüfte die Dächer von Haus und Stall, kümmerte sich um die Pferde und schätzte den Zustand des Heuschuppens auf dem Weideland ein.

Der Schuppen war eher eine Art großer Unterstand, der im Grunde nur aus einem Dach bestand, das von Pfählen gestützt wurde, die in bröckelnden Beton gegossen waren. Er war leer bis auf einige Nester und reichlich Vogeldreck. Das ganze Ding war stark zu einer Seite geneigt und würde mit Sicherheit beim ersten Schnee in sich zusammenstürzen.

Der schiefergraue Himmel kündigte bereits den nahenden Wyoming-Winter an. Tripp schlug den Kragen seines Schaffellmantels hoch, der während seines Stadtlebens ganz in Vergessenheit geraten war, um seine Ohren vor dem Wind zu schützen. Er nahm sich vor, den an den Seiten offenen Schuppen wieder aufzubauen, um möglichst schnell ein paar Tonnen Heu bestellen zu können. Wenn die Blizzards erst losgingen, würde es fast unmöglich sein, mit dem Pick-up Futter zum Vieh zu bringen. Also musste hier draußen auf dem Weideland ein Vorrat angelegt werden. Da die Pferde nicht durch den Schnee kamen, wenn er zu tief war, hatten die meisten Rancher mindestens ein Schneemobil.

Egal, was käme, Wasser würde kein Problem sein. Ein Fluss teilte das Land, und sein Wasser floss zu schnell, als dass er im Winter ganz zufror. Obwohl auch das hin und wieder vorkam. War das Eis zu dick, konnte das Vieh nicht trinken. Dann musste die Oberfläche aufgehackt werden, mit Erdbohrern oder Vorschlaghämmern oder, in extremen Fällen, unter strategisch platzierten Feuern weggeschmolzen werden. Mit Schnee könnte eine Kuh ihren Durst gut löschen, aber die Biester hatten nicht genug Verstand, um das zu wissen. Also verdursteten sie, auch wenn sie bis zum Kinn im Schnee standen.

All das summierte sich zu einer Menge harter Arbeit in der Kälte für einen Rinderzüchter und jeden Ranchhelfer, den er mit Glück vielleicht fand.

Nachdem er jahrelang in Dreiteilern herumgelaufen war statt in Jeans und Stiefeln, nach Jahren am Schreibtisch statt im Cockpit eines Flugzeugs und im Chefsessel statt auf einem guten Pferd, freute Tripp sich über die Aussicht, jeden Muskel in seinem Körper einzusetzen, und nicht nur den zwischen seinen Ohren, wie Jim es formuliert hätte. Die unausweichlichen Schmerzen nahm er dafür gern in Kauf.

„Es ist ein verdammtes Wunder, dass der Laden hier noch nicht zusammengebrochen ist“, verkündete er, als er eines Abends nach getaner Arbeit zu Jim in die Küche kam.

Jim saß am Tisch, eine Tasse frischen Kaffee vor sich, und studierte einen Stapel Reiseprospekte. Eine Woche Erholung hatte Wunder gewirkt für seinen Gesundheitszustand. Er nahm langsam wieder zu, und seine kränkliche Gesichtsfarbe verschwand.

So weit, so gut, fand Tripp.

Sein Dad reagierte auf die Bemerkung, vielleicht aber auch nur auf Tripps Anwesenheit, mit einem abwesenden Kopfnicken. Ridley, dieser Verräter, hatte sich zu Jim ins Haus verzogen, nachdem er einen Tag mit Tripp auf der Ranch verbracht hatte. Ein schöner Helfer war das. Anscheinend zog er es vor, im Haus herumzulungern, wo es warm war und stets ein Napf mit Trockenfutter bereitstand.

Gleichermaßen resigniert wie belustigt hatte Tripp sein Pferd gesattelt und war allein losgeritten, nachdem Ridley ihm die Gefolgschaft aufgekündigt hatte.

„Ich glaube, es könnte mir gefallen, eine von diesen Kreuzfahrten für Singles zu machen“, meinte Jim, während Tripp das heiße Wasser anstellte und nach dem obligatorischen schmut-zigen Stück Seife griff, um sich Hände und Unterarme zu waschen. „Da gibt’s anscheinend ein paar sehr schöne.“

Das war also der Grund für die Hochglanzbroschüren. Jim musste eine Servicenummer angerufen – er hatte eine Computerphobie – und sich das Material schicken lassen haben. Es musste heute mit der Post gekommen sein, da Tripp es zum ersten Mal sah.

Eine Kreuzfahrt für Singles?

Bei der Vorstellung von seinem Dad in Polyesterhose, einem grellen Hawaiihemd und Goldketten um den Hals musste Tripp unwillkürlich grinsen. So weit er sich erinnern konnte, hatte Jim nie etwas anderes außer Jeans, Arbeitshemd und Stiefeln getragen. Allerdings hatte er einen alten Anzug, der lediglich zu Hochzeiten oder Beerdigungen von Mottenkugeln befreit wurde.

„Eins muss man dir lassen“, erwiderte Tripp. „Du steckst voller Überraschungen.“

Jim wackelte mit den buschigen Augenbrauen. „Auf diesen Booten wimmelt es von männerhungrigen Frauen“, erklärte er. „Vielleicht hab ich im Lauf der Zeit ein wenig von meinem Charme eingebüßt, aber möglicherweise funktioniert es auf der Mitleidsschiene.“

Jetzt lachte Tripp laut. „Das ist dein Ernst, oder?“

„Zur Hölle, ja. Ellie ist schon so lange nicht mehr da. Ein Mann fühlt sich einsam, wenn er die ganze Zeit nur allein ist wie die letzte trockene Bohne in der Dose.“

Während Tripp sich die Hände abtrocknete, malte er sich aus, wie sein Vater mit den Damen auf irgendeinem Schiff herumschäkerte. Es war schwer, sich mit dieser Idee anzufreunden.

„Ich liege dir seit Jahren damit in den Ohren, dass du mehr unter Leute gehen sollst“, erinnerte er ihn mit gespielter Verärgerung. Seit Tripp nach Hause gekommen war, hatten sie noch keine tiefere, längere Unterhaltung geführt, doch der Waffenstillstand unter Gentlemen hielt bis jetzt. „Die Single-Gruppe der Kirche wolltest du nicht besuchen, und auch sonst nichts tun, was dich in weibliche Gesellschaft gebracht hätte. Was hat sich plötzlich geändert?“

Natürlich kannte er die Antwort, doch mehr als zwei zusammenhängende Sätze aus seinem Dad herauszubekommen war, als würde man versuchen, eine Horde verwilderter Katzen zu hüten. Darum wollte Tripp die Unterhaltung nach Möglichkeit in Gang halten.

„Es ist schon komisch, wenn man anfängt, sich über den Tod Gedanken zu machen“, entgegnete Jim, stand auf und ging zum Herd, wo er den Deckel vom Topf nahm, in dem ein Elcheintopf vor sich hinköchelte. Es duftete köstlich. Wie sich gezeigt hatte, war der alte Mann durch das Alleinleben zu einem anständigen Koch geworden. „Dadurch sieht man manches klarer. Das Leben ist kurz – so lautet die Botschaft. Und das Leben ist unvorhersehbar.“

Tripp lehnte sich an die Arbeitsfläche und verschränkte die Arme vor der Brust, während Ridley sich aufraffte und an den Knien seiner Jeans schnupperte. Er deutete auf den Stapel bunter Prospekte. „Welchen Hafen wirst du zuerst anlaufen?“

„Was?“

„Wohin willst du?“, präzisierte er die Frage, ermutigt von Jims ziemlich wilden Plänen.

Jim grinste und setzte sich wieder, sodass Tripp sich fragte, ob er Schmerzen hatte. Allerdings erkundigte er sich lieber nicht danach. „Ich würde mich wohl für Alaska entscheiden“, antwortete er. „Ich wollte schon immer mal Gletscher sehen und den ein oder anderen Eisbären.“

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