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Bliss County - Der Traum in Weiß

hier erhältlich:

Das romantische Finale von Nr.1-New York Times-Bestsellerautorin Linda Lael Miller!

In Bliss County ist das Heiratsfieber ausgebrochen! Nur Becca Stuart ist von dem märchenhaften Tag in Weiß noch weit entfernt. Fast zerbrochen ist sie an dem Schmerz, als ihre große Liebe starb und damit die Hoffnung auf das ewige Glück. Doch dann begegnet sie Tate Calder. Sein Lächeln lässt Beccas einsames Herz schneller schlagen - und zum ersten Mal seit langer Zeit spürt sie, dass es auch für sie ein Happy End geben könnte. Allerdings hat sich der verwitwete Single-Dad Tate geschworen, nie wieder den Bund fürs Leben zu schließen. Nicht gerade die optimalen Voraussetzungen für die Erfüllung des Hochzeitspakts …


  • Erscheinungstag: 10.02.2016
  • Aus der Serie: Bliss County
  • Bandnummer: 3
  • Seitenanzahl: 304
  • ISBN/Artikelnummer: 9783956495243
  • E-Book Format: ePub
  • E-Book sofort lieferbar

Leseprobe

Linda Lael Miller

Bliss County –
Der Traum in Weiß

Roman

Aus dem Amerikanischen von
Christian Trautmann

MIRA® TASCHENBUCH

MIRA® TASCHENBÜCHER
erscheinen in der HarperCollins Germany GmbH,
Valentinskamp 24, 20354 Hamburg
Geschäftsführer: Thomas Beckmann

Copyright © 2016 by MIRA Taschenbuch
in der HarperCollins Germany GmbH

Titel der nordamerikanischen Originalausgabe:
The Marriage Season
Copyright © 2015 by Hometown Girl Makes Good, Inc.
erschienen bei: HQN Books, Toronto

Published by arrangement with
Harlequin Enterprises II B.V./S.ár.l

Konzeption/Reihengestaltung: fredebold&partner, Köln
Umschlaggestaltung: büropecher, Köln
Redaktion: Mareike Müller
Titelabbildung: Harlequin Enterprises S.A., Schweiz
ISBN eBook 978-3-95649-524-3

www.mira-taschenbuch.de

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eBook-Herstellung und Auslieferung:
readbox publishing, Dortmund
www.readbox.net

1. KAPITEL

Blätter fielen wie Regen und streuten leuchtende Farben auf den Weg, Rot und Espengold. Die Luft war frisch, klar und kalt und trug den Duft des Herbstes. Der Himmel war wolkenlos und von einem reinen Wyomingblau.

Perfektes Trainingswetter.

Becca „Bex“ Stuart rannte an einem anderen Läufer vorbei und grüßte ihn mit einem Kopfnicken. An diesem Samstagmorgen herrschte Betrieb auf dem Joggingpfad. Mustang Creek hatte einige Wege zum Wandern, Radfahren und Joggen angelegt, und Beccas Ansicht nach war das Geld gut investiert. Sie jedenfalls nutzte ihre hier sinnvoll ausgegebenen Steuern, wann immer sich ihr die Gelegenheit bot.

Nur ein leichter Lauf. Das war ihr Ziel an diesem schönen Morgen. Dank ihres Unternehmens hatte sie die beste Ausrüstung, deswegen konnte sie auch ihre genaue Zeit ermitteln. Der bevorstehende Marathon hatte die übliche Länge von 26,22 Meilen, und ihre Strategie sah vor, sich langsam an diese Distanz heranzutasten. Zuletzt würde sie mit dem sogenannten „Tapering“ anfangen, was bedeutete, den Trainingsumfang vor dem Wettkampf zu reduzieren. Nächsten Samstag wäre sie so weit.

Ihre Freunde hielten sie für verrückt.

Aus Erfahrung – dies war nicht ihr erster Marathon – wusste Bex, dass sie durchaus recht haben konnten. Nach etwa neunzehn Meilen wollte man am liebsten alles hinwerfen und aufgeben. Aber wenn man diesen Tiefpunkt überwand, hatte man es geschafft.

Ihr Handy, das sie an ihre Shorts geklemmt hatte, piepte.

Eine Textnachricht.

Die konnte sie während des Laufens lesen. Antworten war allerdings nicht drin, dazu hätte sie anhalten müssen, und das wollte sie nicht.

Die Nachricht stammte von Melody, einer ihrer beiden besten Freundinnen. Sie hatte vor Kurzem geheiratet und hieß nun Mrs. Spencer Hogan.

Treffen wir uns zum Lunch auf der Ranch? Hadleigh und ich wollen mit dir reden.

Das war laut ihrem Hightech-Schrittzähler ein machbarer Zeitrahmen, vorausgesetzt, sie schaffte es, ein „K“ für „Okay“ zu senden, ohne ihren Rhythmus zu unterbrechen.

Sie musste in jedem Fall duschen, bevor sie sich mit anderen menschlichen Wesen zum Essen hinsetzte. Denn trotz der kühlen Temperaturen schwitzte Bex, genauso wie es sein sollte. Wäre es anders, würde sie nicht hart genug trainieren.

„Bex? Bex Stuart?“

Eine männliche Stimme. Vertraut.

Die Worte rissen sie aus ihrer endorphinen Benommenheit und brachten sie zurück in die Welt um sie herum.

Sie hatte gerade die zweite Schleife um den Pioneer Park erreicht, wo es von kleinen lärmenden Kindern wimmelte, die Spaß zu haben schienen. Die männliche Stimme gehörte zu Tate Calder, wie sie zu ihrem Entsetzen feststellte. Seine beiden Söhne waren Teil der Kindermeute, die auf den Spielplatzgeräten herumturnte.

Tate war wie immer attraktiv. Gewellte braune Haare und dunkle Augen. Er trug eine Lederjacke und eine Jeans, während Bex in ihrem schäbigsten Outfit unterwegs war, und das zudem auch noch verschwitzt.

Fabelhaft.

„Hallo“, sagte sie. Nicht gerade brillant, doch zumindest höflich. Ein wenig außer Atem, rannte sie ganz automatisch auf der Stelle weiter, um die Pulsfrequenz zu halten.

Nicht, dass das ein Problem gewesen wäre. Allein schon der Anblick dieses Mannes schien eine den Puls beschleunigende Wirkung auf sie zu haben.

Sie war Tate vielleicht zwei- oder dreimal begegnet, da er mit Hadleighs Mann Tripp befreundet war. Er hatte für Tripps Unternehmen als Charterpilot gearbeitet, bevor Tripp beschloss, die Firma zu verkaufen und nach Mustang Creek zurückzukehren.

Aufmerksam und ein wenig amüsiert betrachtete Tate sie. „Wie geht es Ihnen?“

„Gut.“ Wow, das ist ja mal eine zackige Antwort. Ja, ich beherrsche es wirklich, Konversation zu betreiben. Geradezu genial.

Tate grinste. „Sie scheinen es eilig zu haben, darum will ich Sie lieber nicht aufhalten. Tripp hat mir erzählt, dass Sie für einen Marathon trainieren.“ Es folgte eine kurze, wohl bemessene Pause. Die was bedeutet? „Wirklich?“

„Ja, wirklich“, bestätigte Bex und brachte ein Lächeln zustande. „Hat mich gefreut, Sie zu sehen.“ Sie versuchte, von ihm wegzukommen, nach wie vor auf der Stelle laufend, doch es gelang ihr nicht. „Tja, ich bin wohl eine Masochistin.“ Na klasse, noch bessere Antwort. Verärgert über sich selbst, rannte sie los. Wahrscheinlich verbesserte sie dabei ihre Zeit, da sie nicht wollte, dass er sich an sie mit glänzendem Gesicht und nachlässigem Pferdeschwanz erinnerte.

Was für ein Murks!

Tate war ein verlockender Typ, keine Frage, allerdings hatte Bex den vagen Eindruck, dass er Beziehungen so skeptisch gegenüberstand wie sie. Seine Frau war gestorben, und Bex hatte Will in Afghanistan verloren. Ihre Vermutung war also durchaus berechtigt.

Bex beendete ihr Training mit einem Durcheinander an Gedanken im Kopf und machte sich auf den Heimweg. Zu Hause duschte sie heiß, zog ihren roten Lieblingspullover und eine schwarze Jeans an. Als Zugeständnis an die kosmischen Mächte, die über die Eitelkeit geboten, verbrachte sie ein paar Extraminuten damit, ihre Haare zu stylen und Lippenstift aufzutragen.

Zufrieden mit ihrem Aussehen verließ sie das Haus, stieg in ihren SUV und fuhr nach einem kurzen Stopp in der Innenstadt zu der Verabredung mit Melody und Hadleigh.

Kaum dass sie die Galloway Ranch erreichte, erwachte in Bex eine bittersüße Sehnsucht. Am Fuß der hoch aufragenden Berge gelegen, zwischen kristallklaren Bächen und majestätischen Bäumen, schienen Haus und Stall sowie die Nebengebäude, ja sogar die Zäune und Koppeln, hierher zu gehören, so harmonisch fügte sich alles in die Landschaft.

Tripp hatte die Ranch von seinem Stiefvater Jim übernommen, der lange Witwer gewesen war und nun zum zweiten Mal geheiratet hatte und in die Stadt gezogen war. Das Haus war nicht besonders luxuriös, dafür allerdings groß und gemütlich, und es schien Besucher willkommen zu heißen.

Insgeheim hatte Bex schon immer auf dem Land leben wollen. Sie liebte ihre Arbeit und hatte das Gefühl, einen echten Beitrag zur Erhaltung der Gesundheit ihrer Kunden zu leisten. Mustang Creek war zwar nicht direkt das Land, aber eine laute Großstadt war es auch nicht. Es hatte etwas Wohltuendes, hier zu sein, inmitten der unverfälschten Natur.

Noch ehe sie aus dem Wagen steigen konnte, traten Melody und Hadleigh auf die Veranda hinaus, lächelnd, und winkten ihr zu.

Beide waren schwanger – und schöner denn je.

Bex empfand tiefe Zuneigung, in die sich ein klein wenig Neid mischte.

Hadleighs Schwangerschaft war weiter vorangeschritten als Melodys, entsprechend gerundeter war ihr Babybauch. Sie hatte zuerst geheiratet, und sie und Tripp hatten es eilig, eine Familie zu gründen.

Melody, die kurz nach Hadleigh geheiratet hatte, war bis jetzt nur ein bisschen rundlicher als sonst. Ihre weite Bluse verbarg die Schwangerschaft noch. Wenn man sie nicht kannte, würde man nicht darauf kommen. Da die drei Frauen aber seit ihrem sechsten Lebensjahr miteinander befreundet waren, bemerkte Bex natürlich sofort jede Veränderung. Sie teilte die Freude mit ihren beiden Freundinnen.

Und die zwei strahlten regelrecht.

Dabei war ihnen klar, dass Bex sich ein wenig ausgeschlossen fühlte – es gab nicht viel, was Melody und Hadleigh nicht über sie wussten. Sie hatten nicht nur Verständnis für Bex’ Sehnsüchte, sondern waren auch überzeugt, dass auch ihr schon bald Ehe- und Mutterglück winken würden.

Wann immer Bex die Hoffnung aufgeben wollte, ermutigten die zwei sie. Sie schätzte sich glücklich, solche Freundinnen zu haben.

Für einen Moment war sie vor Rührung beinah überwältigt, und Tränen stiegen ihr in die Augen. Liebesaffären, Karrieresprünge, gute Zeiten – all das kam und ging. Aber eine Freundschaft wie ihre blieb, unverrückbar wie ein Fels.

Tief atmete sie ein und straffte die Schultern.

„Ich habe das Dessert mitgebracht“, verkündete sie fröhlich. „Fallt nicht gleich über mich her, denn es sind diese Blätterteigdinger von Madeline’s. Ihr dürft keinen Wein und keinen Kaffee trinken, also braucht ihr irgendein anderes Laster.“ Ein feiner Fitnessguru war sie. „Na ja, ein Blätterteigteilchen kann nicht schaden.“ Zum Problem wurde es nur, wenn man plötzlich drei oder vier der köstlichen Leckereien naschte – oder zehn. Ein wenig übermütig fügte sie hinzu: „Da ich gerade achtzehn Meilen gelaufen bin, darf ich mir in Maßen auch etwas gönnen.“

Quasseltante, ermahnte ihre innere Stimme sie.

„Gib mir die Tüte.“ Hadleigh schnappte sie sich, als Bex die Stufen hinaufkam. „Ich esse mein Stück vor dem Lunch, also bitte keine Vorträge über gesunde Ernährung. Und sollte Tripp die Frechheit besitzen, eine Bemerkung zu machen – dieser Mistkerl hat den Stoffwechsel eines Hais –, betrachte ich es als eure Pflicht, mir beizustehen.“ Papier raschelte, während sie in die Tüte spähte und begeistert schnupperte. „Ach du liebe Zeit“, schwärmte sie, beinah seufzend und stupste Melody mit dem Ellbogen an. „Das sind die mit der Zitronensahne.“

Mit gespielter Gier versuchte Melody, ihrer Freundin Hadleigh die Tüte zu entreißen. Hadleigh ihrerseits tat, als müsste sie sich vor diesem Angriff wegducken.

„He, wir teilen schwesterlich“, rief Melody. „Falls du glaubst, du könntest dir meinen Anteil unter den Nagel reißen, hast du dich geschnitten.“

Bex fragte sich, ob das dritte Blätterteigstück, das eigentlich für sie gedacht war, den Kampf überstehen würde.

Hadleigh deutete Bex’ Miene richtig. Ja, obwohl sie fit war und ein Fitness-Imperium leitete, liebte sie Madelines Zitronensahne-Träume genauso wie alle anderen. „Du darfst Wein trinken“, meinte Hadleigh in gespielt vorwurfsvollem Ton. „Wir nicht. Kaffee?“ Sie winkte mit der einen Hand ab, während sie mit der anderen die Gebäcktüte außerhalb Melodys Reichweite hielt. „Vorbei. Ich weiß schon gar nicht mehr, was das ist.“

Bex musste über die Theatralik ihrer Freundin lachen.

Mit finsterer Miene musterte Hadleigh die Figur ihrer Freundin. „Lach ruhig, Becca Jean Stuart. Aber eines Tages wirst auch du schwanger sein und dich nach all den Dingen sehnen, die du nicht haben kannst. Dann werden wir diejenigen sein, die es dir unter die Nase reiben.“

„Genau“, pflichtete Melody ihr, wie nicht anders zu erwarten, bei und schnappte erneut nach der Tüte.

Trotz des Herumalberns verspürte Bex eine gewisse Traurigkeit.

Wenn Will – Hadleighs älterer Bruder und Bex’ Liebe ihres Lebens – aus Afghanistan heimgekehrt wäre, hätte sich alles ganz anders entwickelt.

Sie hatte ihn so geliebt.

Reiß dich zusammen, ermahnte sie sich. Und als sie sicher war, dass ihre Stimme mitspielte, sagte sie: „Wenn ihr das mit dem Dessert geklärt habt … was gibt es denn eigentlich zum Mittagessen? Mir ist das Gerücht zu Ohren gekommen, dass es ein richtiges Essen gibt. Ich könnte eine Stärkung gebrauchen.“

Hadleigh schloss die Gebäcktüte resigniert seufzend. „Ich habe Spinatlasagne gemacht“, antwortete sie. „Und Knoblauchbrot. Die Männer werden bald hier sein, also sollten wir lieber unsere Teller füllen, bevor sie und die Jungs kommen.“

„Jungs?“, fragte Bex neugierig. Mit „Männer“ waren natürlich Tripp und Spence gemeint. „Jungs“ bedeutete, dass noch jemand dabei war.

„Tate und seine Söhne“, erklärte Hadleigh unbekümmert.

Das passt, dachte Bex. Jetzt treffe ich Tate Calder schon zum zweiten Mal an einem Tag. Ein weiteres Indiz dafür, dass Gott Sinn für Humor hatte.

Ist da die kosmische Beschwerdeabteilung? Hier spricht Bex Stuart, und ich … Bitte bleiben Sie dran, bis Sie mit dem nächsten verfügbaren Mitarbeiter verbunden werden. Ihr Anruf ist uns sehr wichtig …

Da ist sie.

Schon wieder.

Vorhin im Park hatte Tate Becca sofort entdeckt. Bei ihrem Aussehen war sie auch schwer zu übersehen. Sie war attraktiv, gut gebaut, mit der Art von Kurven, die die Blicke eines Mannes auf sich zogen, selbst wenn sie eine schlabbrige Jogginghose und ein ausgewaschenes T-Shirt trug. Und dann war da noch die Fülle an seidigem Haar, das sich aus einem schiefen Pferdeschwanz zu befreien versuchte.

Zu dem Zeitpunkt hatte er gezögert, sie anzusprechen. Er war, um es milde auszudrücken, etwas eingerostet, was diese ganze Sache zwischen Männern und Frauen betraf. Einfach aus der Übung.

Aber diese Frau löste etwas in ihm aus, tief in seinem Innern, auf eine Art, die er, der Vernunftgesteuerte, sich nicht erklären konnte. Sie weckte in ihm den Wunsch, wieder etwas zu riskieren und selbst zu leben, nicht nur für seine Kinder.

Doch wenn er sich nun in Becca verliebte und seine Söhne Vertrauen zu ihr fassten, in der Hoffnung, wieder eine Mutter zu bekommen? Nur um dann zu erleben, wie die ganze Geschichte den Bach hinunterging? Würde es da Überlebende geben?

Ob es ihm nun gefiel oder nicht – und es gefiel ihm und missfiel ihm gleichermaßen –, er und Bex begegneten sich gerade schon wieder.

Die Jungen waren bereits aus dem Pick-up gesprungen, kaum dass der Wagen stand. Tate war froh, dass sie die Ranch so gern besuchten und sich jedes Mal von den Hunden und Pferden und dem vielen Platz zum Herumtoben mitreißen ließen. Denn das bedeutete, dass die Kids vermutlich nicht bemerkten, dass ihr Dad förmlich erstarrte.

Tate brachte ein Lächeln zustande und schritt, eine Hand zum Gruß erhoben, auf Tripp, Hadleigh, Melody und Spence zu. Seltsam, dass er ihre Existenz erst jetzt zur Kenntnis nahm, denn Sekunden vorher war er so auf Bex konzentriert gewesen, dass sie ebenso gut allein auf der Terrasse hätte stehen können.

Genau genommen hätte sie der einzige andere Mensch auf diesem Planeten sein können.

Da er jedoch kein Träumer war, sondern eher das Gegenteil, verflog dieser seltsame Moment rasch.

Sein Verstand arbeitete wieder klar, und er registrierte weitere Details. Zum Beispiel, dass die Bauarbeiten an dem neuen Haus begonnen hatten.

Tripp und Spence sahen ganz aus wie das, was sie waren – glücklich verheiratete Männer. Zufriedene Männer, vielleicht sogar ein bisschen selbstzufrieden.

Ihre Frauen strahlten geradezu, und zwar so, wie sie es taten, wenn sie nicht nur von ihren Männern angebetet wurden, sondern auch noch schwanger waren.

Während er all diese Dinge bemerkte, tobten seine Jungs ausgelassen im Garten mit den Hunden herum. Das hatte sein Gutes, denn Ben und Adam lagen ihm seit einiger Zeit mit dem Wunsch nach einem eigenen Hund in den Ohren. Tate war gar nicht abgeneigt, er hatte Tiere immer geliebt. Aber sie wohnten nun einmal zur Miete, und der Vermieter duldete keine Haustiere. Daher war die Anschaffung eines Hundes momentan undenkbar.

Umso dankbarer war Tate, dass Muggles und Ridley den Platz vierbeiniger Freunde einnahmen.

Er konzentrierte sich auf das Hier und Jetzt. Es war ein herrlicher Nachmittag, Ben und Adam gesund und ausgeglichen, und sie amüsierten sich.

Außerdem durften sie sich auf eine anständige Mahlzeit freuen. Samstags gab es bei Tate für gewöhnlich eher Tomatensuppe oder Käsebrote. Hadleigh würde unter Garantie etwas Verlockenderes auftischen.

Tates Blick wanderte unweigerlich zurück zu Bex. Schon im Jogging-Outfit hatte Miss Stuart toll ausgesehen. Jetzt, in enger Jeans und rotem Pullover, der ihre femininen Formen betonte, brachte sie ihn völlig aus dem Konzept.

Nur wenige Meter von der kleinen Gruppe auf der Terrasse entfernt, blieb er wieder wie benommen stehen – so viel zu seinem Versuch, sich zusammenzureißen. Ein amüsierter, allzu wissender Blick von Tripp veranlasste ihn, weiterzulaufen.

„Hallo noch mal“, hörte er sich selbst sagen, plötzlich mit heiserer Stimme.

Schon wieder schienen die Galloways und Hogans sich in Luft aufzulösen, sodass er und Bex allein auf dem Planeten waren. Es zog ihn unwiderstehlich hin zu ihr, wie einen Asteroiden, der in die Umlaufbahn einer seltsamen neuen Sonne geriet. Und dann stieß er buchstäblich mit dieser Frau zusammen, direkt auf der obersten Verandastufe.

Was zur Hölle! dachte er. Laut sagte er jedoch: „Verzeihung, ich war in Gedanken bei den Jungs.“

Idiot!

Nervös schaute er über die Schulter, um glaubwürdig zu erscheinen. Nur war weder von seinen Söhnen noch von den Hunden etwas zu sehen.

Bex zeigte zum Stall. „Die sind in der Richtung verschwunden.“

Er lachte gedämpft und merkte, dass er Bex’ Schultern festhielt, als rechne er mit ihrem Sturz. Sofort ließ er sie wieder los. „Danke.“

Ihr Lächeln verstärkte seine Benommenheit noch. Ihre Stimme schien von weit weg zu kommen. „Viel Glück bei dem Versuch, sie einzuholen. Sie sind alle gerannt und könnten inzwischen in Kanada sein.“

„Das ist durchaus möglich“, stimmte er ihr zu und bemühte sich, sein inneres Gleichgewicht wiederzufinden. „Die Jungs sind beide ein bisschen hyperaktiv.“

Das ist eine normale, geradezu banale Unterhaltung. Warum kommt mir dann alles, was ich sage, erbärmlich und unbeholfen vor?

Bex wirkte ganz locker, aber das konnte auch gespielt sein. Die Luft zwischen ihnen schien jedenfalls zu knistern vor Elektrizität, und wenn Tate eines wusste, dann, dass diese unsichtbaren Funken in beide Richtungen flogen. „Seien Sie unbesorgt wegen der Kinder“, sagte sie leichthin. „Mel und Hadleigh sind beide im Muttertiger-Modus, was bedeutet, dass etwas Schlimmes gar nicht zu geschehen wagt – jedenfalls nicht unter ihrer Aufsicht.“

Mel und Hadleigh? Ach ja. Er erinnerte sich wieder, wer das war. Zwei der anderen Menschen, die diese Welt bevölkerten, abgesehen von ihm und Bex und, irgendwo in der Nähe, seine Kinder.

Jetzt reiß dich endlich zusammen, Calder.

Doch in diesem Moment fuhr eine sanfte Brise in Bex’ wundervolle schulterlange Locken.

Natürlich hatte sie recht. Die Jungs waren wohlauf. Die Ranch war ein sicherer Ort. Hier waren sie besser aufgehoben als an vielen anderen Orten. Außerdem würden die Hunde Alarm schlagen, wenn Gefahr drohte.

„Wie war das Joggen?“, erkundigte er sich.

Er hatte höflich klingen, eine beiläufige Frage stellen wollen, die nicht zu viel Interesse verriet. In Wahrheit wollte er alles über Bex Stuart wissen – welche Filme sie mochte, was für Bücher sie las, wie ihre Träume aussahen, sowohl die Wachträume als auch die im Schlaf.

Während sie „Oh, ganz gut“, antwortete, fragte er sich, was wohl ihre Lieblingsfarben, Lieblingssongs, Lieblingsdüfte und liebsten Erinnerungen waren.

Ist sie ein Morgenmensch oder eine Nachteule?

Redet sie im Schlaf?

Doch seine innere Stimme riet ihm, Distanz zu wahren und diesem möglichen emotionalen Minenfeld auszuweichen.

Glücklicherweise hatte er nie zu den impulsiven Menschen gehört.

Und trotzdem …

Und trotzdem.

Er seufzte. Schüttelte den Kopf, in der Hoffnung, den Bann zu brechen, unter dem er anscheinend stand.

Und sich endlich wieder wie ein erwachsener Mann zu benehmen anstatt wie ein von Hormonen geplagter Teenager.

Und wie klappt es damit? fragte er sich tadelnd.

Kein bisschen.

Bex war wahnsinnig aufregend, und es war schon eine Weile her, seit – nun, es war eine Weile her. Aber die Welt war voller attraktiver, verfügbarer Frauen, und Mustang Creek, so klein es auch war, hatte einige von ihnen zu bieten. Manchmal fühlte er sich einsam, und irgendwann wollte er wieder heiraten. Aber bisher hatte er es damit nicht eilig gehabt.

Schließlich hatte er als alleinerziehender Vater von zwei Kindern, Unternehmensgründer und Bauherr genug zu tun. Mit anderen Worten, das Leben war derzeit auch ohne Beziehung schon kompliziert genug. Und er wusste instinktiv, dass es mit Bex keine halben Sachen geben würde, kein langsames Herantasten, keinerlei Zurückhaltung.

Dann war da noch die Farbe ihrer Augen. Schwer zu beschreiben, selbst wenn er bei klarem Verstand gewesen wäre, was offenbar nicht der Fall war.

Vor diesem Moment hätte er gesagt, dass sie grün waren, doch im schräg einfallenden Sonnenlicht des frühen Nachmittags sahen sie eher golden aus. Auch in ihrem Haar bemerkte er goldene Strähnen, vielleicht künstliche, obwohl er das bezweifelte. Dazu hatte sie insgesamt eine viel zu natürliche Ausstrahlung, frei von allem Gekünstelten.

Sie gehörte zu den wenigen Frauen, denen er begegnet war, die er als „beeindruckend“ bezeichnen würde. Hadleigh war fraglos sehr hübsch, und Melody Hogan eine echte Schönheit. Aber Becca Stuart war nicht nur hübsch oder schön, sie war mehr.

Er kannte ihre Geschichte, einen Teil zumindest. Tripp hatte ihm von seinem bestem Freund Will erzählt. Bex hatte ihn seit ihrer Jugend geliebt, und als er in Afghanistan starb, war sie verständlicherweise am Boden zerstört gewesen. Soweit Tripp im Bilde war, hatte sie seitdem keine tieferen Gefühle für jemanden mehr zugelassen.

Tate kannte das.

Er entschied, dass es momentan am besten wäre, den Mund zu halten. Dummerweise schien er dazu nicht imstande zu sein. „Gerüchte besagen, dass wir heute richtiges Essen bekommen“, meinte er, um das Schweigen zu beenden. „Die Jungs werden gar nicht wissen, wie sie sich benehmen sollen.“

„Ja, Hadleigh macht die beste Spinatlasagne der Welt.“ Bex lächelte, als hätte sie seinen Versuch, die Stimmung etwas aufzulockern, durchschaut. Er widerstand dem Drang, ihre wundervollen Lippen zu küssen – es gelang jedoch nur knapp. Sie atmete ein – und hörbar wieder aus. „Wie dem auch sei“, fügte sie hinzu, „möglicherweise wäre es besser, wenn Sie das Wort ‚Spinat‘ nicht erwähnen. Ich bin keine Mutter, aber Kinder sind nun mal Kinder. An Ihrer Stelle würde ich den Jungs einfach einen Teller hinstellen und abwarten. Wenn sie erst mal probiert haben, werden sie sie verschlingen.“

Tate entspannte sich ein wenig. „Guter Rat.“

Allmählich kriegte er wieder einen klaren Kopf, allerdings für seine Begriffe nicht schnell genug. Nach wie vor war er verzaubert und unbeholfen. Wären sie beide im Kindergarten, würde er sie vermutlich von der Spielplatzschaukel schubsen oder an ihrem Pferdeschwanz ziehen.

Außerdem spürte er, dass sie sich von seinem Versuch, zwanglose Konversation zu betreiben, nicht täuschen ließ. Sie hatte eindeutig bemerkt, dass er durcheinander war. Aber vielleicht galt das auch für sie, wenigstens ein bisschen. Eine zarte Röte war ihr ins Gesicht gestiegen, und dafür war nicht nur die kühle Herbstbrise verantwortlich.

Endlich trat Tate zur Seite. „Ich treibe mal lieber die Kids zusammen.“

„Und ich fahre in die Stadt, um noch mehr Gebäck zu kaufen“, verkündete sie und ließ die Autoschlüssel von ihrem Finger baumeln.

Diese Ankündigung erschreckte ihn aus irgendeinem Grund, und das sah man ihm offensichtlich an.

Doch zumindest verschwand die Verlegenheit zwischen ihnen, als Bex erklärte: „Ich habe Gebäck mitgebracht und bin mir sicher, dass die schwangeren Ladys noch mehr davon brauchen. Und Ihre Jungs hätten sicher auch nichts gegen ein paar Schokoladenkekse zum Nachtisch.“

Ihre Entscheidung kam ihm spontan gefasst vor. Flieht sie vor mir?

Er wagte es nicht, sie zu fragen. „Sie werden Sie verehren und in den Stand einer Göttin erheben.“

„Ich wollte schon immer eine Göttin sein.“ Damit rauschte sie an ihm vorbei.

Er hätte ihr nicht hinterherschauen sollen, während sie zu ihrem Wagen lief. Doch er konnte einfach nicht widerstehen. Sie hatte einen sehr hübschen Po und bewegte sich anmutig …

„Tate.“ Das Rufen seines Namens hatte auf ihn eine Wirkung wie ein Stoß in die Rippen.

„Ja?“ Er drehte sich um und entdeckte Tripp, der die Verandastufen herunterstieg und ihm auf die Schulter klopfte. Hadleigh beobachtete sie lächelnd von der Küchentür.

„Wie wär’s, wenn du deine Augen zurück in die Höhlen stopfst und die Zunge wieder aufrollst?“, scherzte Tripp. „Falls nicht, bekommen wir noch den Eindruck, dass du endlich aufhörst, wie ein Mönch zu leben.“

„Das wird nämlich auch Zeit“, meldete Spence sich zu Wort, den Tate gar nicht bemerkt hatte. Ebenso wenig Melody, die neben ihrem Mann stand, einen Arm um seine Taille gelegt.

„Lass den Mann in Ruhe“, meinte sie. „Es ist ja schließlich nicht so, als hättest du es besonders eilig gehabt.“

Spence öffnete den Mund und schloss ihn wieder.

Tripp und Tate lachten über seine Verblüffung.

Dann, wie in stillschweigender Übereinkunft, verschwanden die beiden Frauen im Haus.

„He, Tripp, lass uns doch mal einen Blick auf den neuen Hengst werfen, den du gekauft hast“, schlug Tate vor, um die Aufmerksamkeit auf ein anderes Thema zu lenken, irgendeines, Hauptsache weg vom Mysterium Frau.

Eine gute halbe Stunde später, als Bex mit einem Stapel Kartons vom Bäcker zurückgekommen war und die Jungen und Männer sich die Hände gewaschen hatten, wurde endlich das Essen aufgetragen.

Bex’ Rat, den Spinat nicht zu erwähnen, erwies sich als goldrichtig. Obwohl Tates jüngster Sohn berüchtigt für seine Abneigung gegen Gemüse im Allgemeinen war und das Grünzeug in der Tomatensauce misstrauisch beäugte, probierte er auf einen Blick von Tate hin – und war begeistert von der Lasagne. Er nahm sogar Nachschlag. Auch Tate musste zugeben, dass das Essen köstlich war. Dabei bevorzugte er eher Fleisch und Kartoffeln.

Nach dem Essen stand Bex auf, ging zum Küchentresen und kehrte mit den Schachteln von Madeline’s zurück.

Die beiden Jungen, die unfassbare Mengen vertilgen konnten, strahlten.

„Es ist schön, für etwas geliebt zu werden“, bemerkte Bex und öffnete schwungvoll die Pappschachteln. „Erdnussbutterkekse und Schokoladenkekse sind da, außerdem noch mehr Gebäck. Alle, die nächsten Samstag keinen Marathon laufen, dürfen zugreifen.“

Tate, der versucht hatte, sich zu beruhigen, seit Bex in die Stadt gefahren war, atmete tief ein, lehnte sich zurück und schaute sich in der großen Küche um.

Der Raum war gut ausgestattet, funktional und gleichzeitig einladend. Der Stil rustikal und schlicht. Es gab eine Kücheninsel mit Ceranherd, die ideal zu Jims handgefertigten Küchenschränken passte. Als Tripp das Haus renovierte, nachdem er seine Charterfluggesellschaft verkauft hatte und nach Mustang Creek zurückgekehrt war, hatte er die besten Teile unverändert gelassen. An der einen Wand stand ein Kamin aus Natursteinen, und eine bunte Flickendecke zierte den langen Holztisch, zu dem stabile Kiefernholzstühle gehörten. Insgesamt wirkte die Küche gemütlich und freundlich.

Tate wollte so etwas auch für sein Haus, in dem er mit den Jungen wohnen würde. Das würde in einem reinen Männerhaushalt allerdings schwierig werden.

Trotzdem hielt er gewisse Standards aufrecht. Obwohl er bei vielen Hausregeln ein Auge zudrückte, bestand er auf dem Ritual des gemeinsamen Abendessens. Sowohl Ben als auch Adam würden nur zu gern vor dem Fernseher oder mit dem Laptop auf den Knien essen, doch er beharrte darauf, dass sie sich gemeinsam an den Tisch setzten – und zwar jeden Abend.

Dieser Regel verdankte er es, dass er bei seinen Söhnen nicht immer beliebt war.

In diesem Moment klingelte irgendjemandes Handy, was Tates Gedankenfluss stoppte.

Bex war die glückliche Gewinnerin.

Doch ihrer besorgten Miene nach zu urteilen, war sie nicht ganz so glücklich.

„Tara?“, murmelte sie, stand auf und entfernte sich vom Tisch.

Hadleigh und Melody tauschten Blicke und sahen ebenfalls besorgt aus.

„Das ist nicht gut“, sagte Hadleigh leise.

Melody nickte zustimmend.

2. KAPITEL

Sprich langsam, ich kann dich nicht verstehen.“ Bex war einige Jahre jünger, aber um Jahrzehnte ruhiger als ihre sprunghafte Schwester Tara. „Was ist denn los?“

„Ich habe ihn verlassen.“

„Greg?“

„Wen sonst würde ich wohl verlassen?“

Auf diesen gereizten Ton hätte Bex gern verzichtet.

Ihre Schwester hatte natürlich recht – es war eine dumme Frage. Doch Bex versuchte die Situation zu erfassen, und die Hysterie am anderen Ende der Leitung war vernünftigen Überlegungen nicht gerade zuträglich. „Na schön, wo steckst du?“

„In deinem Haus.“

Gute Wahl. So viel zu einem entspannten, angenehmen Mittagessen. Sie würde nicht nach Hause stürzen, denn Tara und Greg trennten sich nicht zum ersten Mal. Allerdings ruinierte es ihren Tag. Üblicherweise gab es die Trennung, und dann änderten beide wieder ihre Meinung …

„Ich komme bald nach Hause, dann können wir uns unterhalten“, versprach Bex ihr nach ein paar Minuten.

Als sie zurück in die Küche kam, sah Melody fragend zu ihr, und Bex erklärte: „Der übliche Blödsinn.“

Hadleigh verdrehte die Augen. „Lass mich raten – sie hat Greg wieder verlassen.“

Es war mehr als ein bisschen peinlich, das vor Tate zugeben zu müssen. „Die zwei hatten offenbar eine Auseinandersetzung. Ich kenne die Einzelheiten nicht, also weiß ich nicht, was genau vorgefallen ist. Sie und Joshua sind jedenfalls bei mir.“ Bex seufzte, sie konnte es nicht verhindern. „Ich werde mich später damit befassen. Jedes Mal, wenn ich ihr beistehen will, versöhnen Tara und Greg sich wieder. Am liebsten würde ich jetzt etwas Dekadentes essen.“

Hadleigh schob ihr die Schachtel zu. „Kohlenhydrate helfen.“

Erst als die Männer mit den Jungen nach draußen gegangen waren und Spence in Richtung Polizeirevier aufbrach, erzählte Bex den anderen den Rest der Neuigkeiten. „Er hat sie betrogen.“

Niemand sagte etwas.

Also wiederholte Bex es. „Greg hat Tara betrogen.“

Noch immer kein Kommentar.

Sie schaute zwischen ihren Freundinnen hin und her. „Ihr wusstet das?“

Melody nahm sich einen Keks und nickte. „Bex, nur zu deiner Information: Dies ist Mustang Creek. Schon vergessen? Der Ort, in dem du lebst. Ach, komm schon. Außerdem hat er sie schon mehrfach betrogen, und sie ist jedes Mal wieder zu ihm zurückgekehrt. Wie du selbst gesagt hast, man eilt zur Rettung, aber es nützt ohnehin nichts. Ich würde ihr ja gern helfen, aber Tara trifft ständig falsche Entscheidungen.“

Das entsprach absolut der Wahrheit.

Wenn Bex eine Möglichkeit gesehen hätte, ihre Schwester zu verteidigen, hätte sie es getan. Greg war die falsche Wahl. Nummer … wie viel? Sie war sich nicht sicher, an welcher Stelle er kam. Taras Freunde in der Highschool waren auch schon nicht die Überflieger gewesen. Sie war mit einigen echten Losern zusammen gewesen, bevor sie sich mit Greg einließ, der definitiv kein Märchenprinz war. Sie hatte auf das College verzichtet für einen anspruchslosen Sekretärinnenjob im örtlichen Eisenwarenladen. Dort kümmerte sie sich um die Buchführung und das Telefon. Aber eines hatte sie sehr gut hinbekommen, und darauf machte Bex ihre Freundinnen jetzt aufmerksam. „Josh ist großartig.“

„Josh …“, erklärte Hadleigh voller Überzeugung, „… ist hinreißend.“

Keine Frage. Trotz der Bitterkeit seiner Eltern war Josh ein fantastisches Kind. Bex faltete die Hände auf dem Tisch, und ihre ganze Haltung drückte Resignation aus. „Ich habe kein Interesse an diesem Chaos. Ich wollte nicht, dass meine Schwester Greg heiratet, aber sie hat es trotzdem getan. Ich wollte nicht, dass sie ein Kind von ihm bekommt, denn die beiden hatten schon Probleme, ehe sie vor den Altar traten. Doch auch da hat sie getan, was sie für richtig hielt. Ich würde wirklich gern wissen, was ich jetzt machen soll.“

„Es ist nicht dein Rodeo.“ Melody sagte das mit ruhiger Entschlossenheit, und Hadleigh nickte zustimmend. „Ich wünschte, du hättest in dieser Sache etwas zu sagen, aber das ist nicht der Fall. Tara muss damit allein klarkommen.“

„Josh muss verängstigt und verstört sein.“

„Na dann holen wir ihn doch einfach her.“ Hadleigh und Melody standen schon. „Wir haben Hunde, Pferde, Essen, jede Menge Land und andere Jungen in seinem Alter. Du hast diese fabelhaften Kekse mitgebracht. Wenn es ihm angesichts all dieser Dinge nicht bessergeht, weiß ich auch nicht.“

„Meine Schwester …“

„Tara ist keine sechs mehr. Josh schon. Wir werden ihn retten, sie nicht.“ Hadleigh sagte das freundlich, doch in ihrer Stimme lag Unnachgiebigkeit. „Also los, gehen wir. Tara kann machen, was sie will. Wichtig ist nur Josh. Wir müssen ihn hierher holen, ihm die Chance geben, sich zu erholen. Er kann mit Tates Jungen spielen und mit den Hunden. Du machst dir ohnehin die ganze Zeit Sorgen um ihn.“

Das stimmte. Bei Bex zu Hause war nicht viel los für einen kleinen Jungen. Die Ranch hingegen war der reinste Abenteuerspielplatz. Auf dem Weg zum Wagen rannten Tates Söhne an ihnen vorbei, dicht gefolgt von den Hunden. Ihr Spiel hatte definitiv etwas mit Cowboys zu tun. Tripp und Tate folgten ihnen in deutlich gemäßigterem Tempo, in ein freundschaftliches Gespräch vertieft. Als Tripp die drei Frauen in den Wagen steigen sah, meinte er: „Ich kann mir denken, wohin ihr wollt.“

„Joshs Schulter sollte nicht diejenige sein, an der Tara sich ausweint“, erwiderte Bex und dachte an die Hysterie ihrer Schwester. „Es kann nicht gut für ihn sein, sie so aufgewühlt zu erleben. Meinetwegen kann sie sich bei mir ausheulen, und Mel und Hadleigh bringen Josh hierher.“

Vorbei, das war es mit dem angenehmen Nachmittag. Greg war ein Dreckskerl und Tara die reinste Dramaqueen. Ganz schuldlos war sie in dieser Sache nicht.

Obwohl Bex nichts für all das konnte, war ihr das Ganze unendlich peinlich. Darum fügte sie mit leiser Stimme hinzu: „Vor allen Dingen will ich nicht, dass der Junge dabei ist, wenn Greg mit seinen üblichen Entschuldigungen auftaucht. Für gewöhnlich zieht das eine Menge Streitereien nach sich. Ich kann nicht beweisen, dass er Tara gegenüber jemals handgreiflich geworden ist. Aber ich habe mich das schon so manches Mal gefragt. Diesmal scheint es ihr mit der Scheidung ernst zu sein. Möglicherweise nimmt er das nicht gut auf.“

Tripp zückte sein Handy. „Ich frag mal, ob Spence zu deinem Haus kommen oder wenigstens einen Deputy schicken kann. Dann wird alles ruhig bleiben. Falls nicht, fahrt ihr drei ohne mich nirgendwohin.“ Melodys Mann Spencer Hogan war zufällig der Polizeichef …

„Tripp hat recht.“ Tates braune Haare waren vom Wind zerzaust, seine Miene ernst. „Ich kenne den Typen nicht, aber nach allem, was ich gehört habe, ist er nicht gerade ein Heiliger. Sie sollten dort nicht allein mit Ihrer Schwester bleiben.

Bringen Sie sie mit hierher, und wenn er mit ihr sprechen will, muss er erst mal an mir und Tripp vorbei.“

Sollte Tara bei ihren Scheidungsplänen bleiben, was Bex bezweifelte, würde die Sache interessant werden. Erstens hatte ihre Schwester keinen Job mehr, weil sie im Eisenwarenladen gekündigt hatte, als sie schwanger wurde. Und zweitens fehlte ihr jede Ausbildung, um einen neuen Job zu bekommen. Greg arbeitete als Mechaniker. Die beiden liehen sich ständig Geld von Taras Eltern. Im Fall einer Scheidung müssten sie Anwälte bezahlen und Unterhalt für das Kind, und das bei einer ohnehin schon schlechten Finanzsituation.

Sicher, Bex konnte ihrer Schwester einen Job in ihrem Fitnesscenter verschaffen, doch zweifelte sie daran, dass Tara sich Mühe geben würde. Das zog sich wie ein roter Faden durch ihr Leben. Tara war atemberaubend schön, und Bex hatte sie immer für klug gehalten. Bis sie Greg heiratete. Na ja, fügte sie in Gedanken hinzu, vergessen wir mal nicht die Loser von der Highschool …

Der reinste Schlamassel.

Spence versicherte Tripp, er würde sich darum kümmern. Daher setzte die kleine Karawane sich in Bewegung. Mustang Creek war für gewöhnlich kein Ort, in dem besonders viel los war. Aber an einem schönen Samstag im Herbst herrschte reger Betrieb, und Bad Billie’s, ein beliebtes Lokal, war voller Gäste. Zu ihrem Entsetzen entdeckte Bex Gregs restaurierte orangefarbene Corvette auf dem Parkplatz.

Er trank also. Nicht überraschend in Anbetracht der Trennung. Aber gut war das nicht.

Als sie in ihrer Auffahrt hielten, stieg Bex aus und ging zu Melodys Wagen. „Kannst du Spence bitten, Junie anzurufen? Sie soll Billie mal dazu bringen, die Drinks meines baldigen Exschwagers zu verwässern.“

Junie McFarlane war Funkerin im Polizeirevier. Auf sie war Verlass, genau wie auf Spence – der SUV eines Deputys parkte auf der anderen Straßenseite.

„Klar, ich rufe sie gleich an. Gute Idee. Ich weiß, dass Billie es auch für mich tun würde, aber für Junie würde er glatt mit den Armen flattern und zum Mond fliegen.“

Billie war etwas älter als Junie mit ihren Ende dreißig. Jeder wusste, dass er schwer in sie verliebt war. Das war süß, weil er ein echtes Raubein war, was Junie nicht zu stören schien. Sie war Stammgast im Bad Billie’s und flirtete schamlos mit ihm.

Gut, die Sache war geregelt. Bald würde Greg eine Menge Wasser trinken. Und es war gesund, ausreichend Wasser zu trinken. Bex hatte ihm soeben einen enormen Gefallen getan, was er gar nicht verdiente.

Tara saß im Wohnzimmer auf der Couch, mit verweintem Gesicht und einem Taschentuch in der Hand. Joshua schaute sich konzentriert eine Zeichentricksendung an, bis er Bex hereinkommen sah. Da strahlte er und sprang auf.

„Hey, Cowboy.“ Bex ging zu ihm und gab ihm einen Kuss auf die Wange. „Ist das nicht ein schöner Tag draußen? Das soll ich dir von Muggles, Ridley und Harley ausrichten. Hast du vielleicht Lust, sie auf der Ranch zu besuchen? Sie vermissen dich schon. Tripp hat ein paar neue Pferde, und Ben und Adam sind auch da. Bist du interessiert?“

„Ja!“

Für ihren Geschmack war das Kind immer viel zu ernst, daher freute sie sich über seine spontane Begeisterung.

„Frag deine Mom, ob sie etwas dagegen hat, dass du mit Mel und Hadleigh fährst.“

Tara winkte nur apathisch.

Bex begleitete ihren Neffen zum Wagen und schnallte ihn an. Mit den Lippen formte sie lautlos das Wort „Danke“.

Er war in guten Händen.

Nachdem ihre Freundinnen losgefahren waren, wappnete sie sich und ging zurück ins Haus. Ihre Schwester hatte definitiv schon besser ausgesehen. In ihrem vom Weinen geröteten Gesicht waren Mascara und sonstige Schminke verlaufen. Von den Haaren, die eine einzige Katastrophe waren, ganz zu schweigen.

„Ich werde uns einen Tee kochen“, verkündete Bex. „Dann kannst du mir genau erzählen, was eigentlich los ist.“

„Dieser betrügerische Mistkerl ist jetzt allein“, sagte Tara einige Minuten später, den dampfenden Teebecher in den zitternden Händen haltend. „Zehn Jahre habe ich es mit ihm ausgehalten. Doch er scheint nicht zu begreifen, dass zu einer Ehe Treue gehört. Ich bin fertig mit ihm.“

Bex hatte sich für einen antiken Schaukelstuhl entschieden, in dem sie am liebsten saß, wenn sie nachdenken musste. „Ist es dir wirklich ernst damit?“

Statt zu antworten, nickte Tara heftig. „Ich weiß, er hat mich schon ein paar Mal überredet, wieder zu ihm zurückzukommen, aber das wird nicht mehr passieren. Ich weiß, du hast das schon ein Dutzend Mal gehört, aber diesmal ist es mir wirklich ernst.“

Wenigstens konnte Bex von sich reinen Gewissens behaupten, dass sie hinterher nicht verkündete, sie habe es doch gleich gewusst. „Du und Josh, ihr könnt gern so lange bleiben, wie es nötig ist.“

„Das weiß ich.“ Tara schniefte und versuchte ein schwaches Lächeln. „Es war mein erstes Ziel. Danke.“

„Das einzige Problem ist nur, dass es auch Gregs erstes Ziel sein wird, um dich mal wieder zu ‚überreden‘, wie du es genannt hast.“ Bex zeigte zum vorderen Fenster. „Siehst du den Deputy in seinem Wagen sitzen? Der ist dank Spence Hogan und dem Mustang Creek Police Department da. Lass uns zu Tripps und Hadleighs Ranch rausfahren. Dann bist du auch bei Josh, falls er dich braucht.“

„Das klingt gut.“

Es war unmöglich, die Erschütterung im Gesicht von Bex’ Neffen zu übersehen. Tate hatte diesen Ausdruck auf den Gesichtern seiner Jungen gesehen, als er ihnen erklärt hatte, dass ihre Mutter nicht zurückkommen würde. Dass sie an einem friedlichen Ort sei und von nun an für immer in ihren Herzen leben würde. Zum Glück entschädigten drei Hunde, jede Menge Platz zum Toben und begeisterte Spielkameraden für vieles.

Der kleine Joshua konnte sich glücklich schätzen, seine Tante zu haben, die mit der Situation sehr gut umzugehen schien.

Er war beeindruckt, doch das Letzte, was er brauchte, war ein weiterer Grund, Becca Stuart zu mögen.

Die Jungen tobten ausgelassen miteinander. Sie kannten sich von der Schule, da Adam und Josh in die gleiche Klasse gingen. Tate freute sich, sie so herumtollen zu sehen. Die Hunde liebten das. Tripp sagte: „Es hat etwas, Kinder lachen zu hören … Ich kann es kaum erwarten.“

„Ja, lass uns über Windeln reden“, bemerkte Tate trocken. Tripp lachte. „Okay, der Punkt geht an dich. Darauf bin ich nicht besonders scharf, aber ich werde es schon hinkriegen.“

„Und wenn ihr ein Mädchen bekommt?“

„Könnte auch passieren.“ Tripp deutete auf die umherrennenden Jungen. „Aber ich verstehe Jungen wohl besser, weil ich selbst mal einer war. Mädchen sind einfach anders.“

Es war vielleicht komisch, aber Tate hatte sich immer eine Tochter gewünscht. Er lehnte sich gegen den Zaun der Koppel. „Irgendwann hätte ich gern ein Mädchen. Das wird bestimmt eine ganz andere Erfahrung. Es wird sicher nicht leicht, sie eines Tages als Braut zu sehen. Schon die Vorstellung vom ersten Date ist komisch. Was ist eigentlich los mit Bex’ Schwester, falls die Frage erlaubt ist?“

„Meiner persönlichen Meinung nach ist ihr Mann kein schlechter Kerl – und auch kein guter. Er ist nicht vollkommen, aber ich kenne ihn. Wir sind zusammen zur Schule gegangen. Greg war derjenige, für den Tara sich entschieden hat, aus welchen Gründen auch immer. Bex ist sehr gut im Trösten, und es ist nicht das erste Mal, dass sie in diesen Tara-und-Greg-Schlamassel hineingerät. Vom armen kleinen Josh mal ganz zu schweigen. Wie gesagt, das ist nur meine persönliche Einschätzung. Ohne Bex würde Tara sich alles von Greg gefallen lassen. Aber Bex ist loyal, und das weiß Tara. Er geht fremd, Tara verlässt ihn, er entschuldigt sich, sie kehrt zu ihm zurück. Bex ist die Einzige, soweit ich das beurteilen kann, die sich Gedanken darüber macht, welche Folgen das für ihr Kind hat.“

In der Zufahrt zur Ranch tauchte eine Staubwolke auf. Tate fragte: „Erwartest du noch Gäste, oder könnte er das schon sein?“

Tripp atmete hörbar aus. „Orangefarbene Corvette … das ist er. Vielleicht wäre es besser, wenn die Kinder für eine Weile nicht in der Nähe sind. Ich weiß, dass er als Vater Rechte hat, aber wenn die zwei sich wirklich trennen, werde ich Josh hierbleiben lassen, bis ich eine gerichtliche Verfügung sehe. Es sei denn natürlich, die Mutter entscheidet anders.“ Schon im Losgehen fügte er hinzu: „Möglicherweise musst du Bex mit dem Lasso einfangen, falls ihre Schwester ihre Meinung ändert. Wie dem auch sei, die Kinder müssen die Unterhaltung ja nicht mithören.“

Tate hatte das Eheversprechen ernst genommen, darum würde er kaum zögern, wenn es nötig sein sollte, sich einzumischen. Außerdem konnte er sich leicht vorstellen, wie Bex auf ihren Schwager losging. Er sagte nur lakonisch: „Ich bringe die Kinder ins Haus und bin gleich wieder da, für den Fall, dass es Ärger gibt.“

Dann pfiff er nach den Hunden und rief seine Söhne und Josh. „Kurze Pause. Kommt mit ins Haus. Alle.“

Ben machte ein beleidigtes Gesicht. „Dad!“

„Nur für ein paar Minuten.“

„Aber Dad, ich …“

„Jetzt. Wir diskutieren das nicht.“

Immerhin verstand sein Sohn, wann ein Befehl ein Befehl war. Da gab es keine Unklarheiten. Seufzend winkte er den Hunden. „Kommt, Jungs.“

Sie folgten ihm, und dahinter trotteten die beiden jüngeren Jungen. Es war aufschlussreich, dass Josh zwar den Wagen seines Vaters erkannte, aber trotzdem ins Haus ging.

Für Tate sagte das eine ganze Menge. Es berührte ihn. Sobald Kinder und Hunde im Haus waren, eilte er zu Hadleigh. „Greg ist hier, also halte die Kids solange im Haus, ja?“

Sie nickte. „Klar, mach ich.“

Draußen gesellte er sich wieder zu Tripp, der in der Auffahrt stand. „Wie gut oder schlecht ist der Typ denn nun?“

In ihrer Zeit als Piloten hatten sie oft schwierige Situationen entschärfen müssen – in der Regel mit randalierenden Passagieren. „Auf einer Skala von eins bis zehn?“, fügte Tate hinzu. Er war nicht besorgt, nur neugierig.

„Vielleicht eine Sechs“, erwiderte Tripp, die Hände in den Hosentaschen, während sie auf den Wagen zugingen. „Viel heiße Luft, ohne echte Substanz dahinter. Wir kennen uns, das könnte von Vorteil sein.“

„Galloway.“ Der Mann, um den es ging, warf die Wagentür zu und kam auf die beiden anderen Männer zu. Er war groß, aber nicht allzu muskulös, mit dichtem dunklem Haar und frischen Bartstoppeln. Anscheinend kam er von der Arbeit, denn er trug noch sein Hemd mit dem Namen auf der Brusttasche. „Ist meine Frau hier?“

„Ja.“

„Ich habe mir schon gedacht, dass meine Schwägerin sie entweder hierher oder zu Hogan schleppt. Kann ich mit ihr sprechen?“

„Nein.“

„Du hast schon kapiert, dass sie meine Frau ist, oder?“ „Spielt keine Rolle. Das hier ist mein Land, also mache ich hier die Regeln.“ Tripp wirkte standhaft. „Momentan bekommt Tara keinen Besuch. Ich hatte den Eindruck, dass sie ein wenig Ruhe und Frieden braucht.“

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