×

Ihre Vorbestellung zum Buch »Close Up - Sinnliche Berührung«

Wir benachrichtigen Sie, sobald »Close Up - Sinnliche Berührung« erhältlich ist. Hinterlegen Sie einfach Ihre E-Mail-Adresse. Ihren Kauf können Sie mit Erhalt der E-Mail am Erscheinungstag des Buches abschließen.

Close Up - Sinnliche Berührung

Als Buch hier erhältlich:

Nie war Sex mit dem Ex heißer als bei Erin McCarthy!

Ein Trip mit dem Ex in die romantische Blockhütte aus ihren Flitterwochen? Reine Erpressung von Kristines sexy Noch-Ehemann Sean! Aber sie muss ihn milde stimmen, sonst unterschreibt er die Scheidungspapiere nie. Sie will endlich wieder frei sein und selbstbestimmt ihren Weg gehen. Und es ist ja nur ein Wochenende - bei dem es plötzlich heißer zwischen ihnen prickelt als jemals zuvor. Schon bald verliert sich Kristine in einem Strudel der Lust der ihre guten Vorsätze gefährlich auf die Probe stellt.

"Scharf, temporeich und superheiß!"


Publisher’s Weekly

"McCarthy wird dafür sorgen, dass sie am Anfang kichern, sich ab Seite 25 Luft zufächeln müssen und die ganze Zeit mit dem Helden und der Heldin mitfiebern."


Romantic Times Book Reviews

  • Erscheinungstag: 10.10.2016
  • Aus der Serie: Close Up
  • Bandnummer: 2
  • Seitenanzahl: 304
  • ISBN/Artikelnummer: 9783956496103

Leseprobe

Erin McCarthy

Close up –
Sinnliche Berührung

Roman

Aus dem Amerikanischen von
Ralph Sander

 

 

MIRA® TASCHENBUCH


MIRA® TASCHENBÜCHER
erscheinen in der HarperCollins Germany GmbH,
Valentinskamp 24, 20354 Hamburg
Geschäftsführer: Thomas Beckmann

Copyright © 2016 by MIRA Taschenbuch
in der HarperCollins Germany GmbH

Titel der amerikanischen Originalausgabe:
Close Up
Copyright © 2014 by Erin McCarthy
erschienen bei: Harlequin Enterprises, Toronto

Published by arrangement with
Harlequin Enterprises IIB.V./S.är.

Konzeption/Reihengestaltung: fredebold&partner GmbH, Köln
Umschlaggestaltung: büropecher, Köln
Redaktion: Maya Gause
Titelabbildung: reka / Getty Images

ISBN eBook 978-3-956-49984-5

www.mira-taschenbuch.de


Werden Sie Fan von MIRA Taschenbuch auf Facebook!

1. KAPITEL

„Wenn der liebe Gott gewollt hätte, dass wir nackt durch die Gegend laufen, wäre niemals Kleidung erfunden worden.“

Kristine Zimmerman musste sich ein Lachen verkneifen, während sie den Hörer vom rechten zum linken Ohr wechselte und dabei die Tische im Auge behielt, die für die Kunstausstellung im Collective am Freitagabend hergerichtet wurden. Das Collective war die Galerie, von der Kristine gerade als Eventkoordinatorin eingestellt worden war. „Mom, es gibt genügend gute Gründe, warum Menschen auch mal nackt sein können.“ Mindestens drei kamen ihr sofort in den Sinn, ohne sich dafür besonders anstrengen zu müssen.

Ihre Mutter war davon offenbar nicht überzeugt. „Sogar Adam und Eva haben Feigenblätter getragen. Warum nehmen die Leute für die Fotos keine Feigenblätter? Oder noch besser: Die Mädchen sollten Hotpants tragen. So was sieht süß aus.“

Da ihre Mom sie nicht sah, konnte Kristine in aller Ruhe die Augen verdrehen. Es wäre schon ein wenig kontraproduktiv, wenn Ian Bainbridge seine Modelle in Unterwäsche stecken würde. Immerhin war er weltbekannt dafür, ganze Menschenansammlungen nackt zu fotografieren. „Der Fotograf macht aber keine Ausstellung zum Thema Adam und Eva. Die Nacktheit in seinen Bildern ist ein Statement zur fehlenden Menschlichkeit in Großunternehmen.“

„So was degradiert Frauen zu Objekten“, beharrte ihre Mutter. „Du musst diese Stelle schnellstens kündigen.“

Kristine fand es jetzt nicht mehr witzig. „Nein, ich werde ganz sicher nicht kündigen.“ Sie nickte dem Caterer zu, der gerade zusammen mit drei Mitarbeitern die Tische deckte und nun ein paar weiße Tischdecken hochhielt, damit sie eine Entscheidung über seinen Vorschlag traf. Normalerweise wurden diese Arbeiten nicht schon drei Tage im Voraus begonnen, doch Kristine wollte, dass absolut alles perfekt war. Sie wollte, dass die Galerie frühzeitig für das Event bereit war, damit sie sich den Druck ersparen konnte, in letzter Minute noch irgendetwas umstellen zu müssen, wenn die Gäste bereits vor der Tür standen. Das hier war ihre Bewährungsprobe für diesen Job. Wenn alles glatt ablief, würde ihre Chefin sehen können, dass sie genau die Richtige für diese Aufgabe eingestellt hatte. Kristine wollte sich beweisen, denn ihr Lebenslauf war eigentlich alles andere als bemerkenswert.

Mit neunundzwanzig konnte sie praktisch nichts vorweisen, was sie in den letzten zehn Jahren geleistet hatte. Sie hatte nichts angespart, sie hatte nichts für ihre Rente zurückgelegt, sie konnte keine bessere Hälfte vorweisen, sie besaß keine Fähigkeiten oder Begabungen, um die sich andere gerissen hätten, und darüber hinaus zahlte sie noch immer das Darlehen für ein Studium zurück, das sie gar nicht erst abgeschlossen hatte. Dieser Job war ihre große Chance, einen geordneten Tagesablauf in ihr Leben zu bringen und zu zeigen, dass sie schließlich doch noch erwachsen geworden war. Die Zeit, die sie damit verbracht hatte, ziellos von einer Fehlentscheidung zur nächsten zu wandern, lag jetzt hinter ihr, und sie war entschlossen, nur noch nach vorn zu schauen.

Aus diesem Grund hatte sie sich auch endlich von ihren letzten Ersparnissen getrennt, um einen Anwalt damit zu beauftragen, die Scheidungspapiere aufzusetzen und sie Sean zu übergeben. Mit neunzehn hatte sie ihn geheiratet. Nach leidenschaftlichen und explosiven sechs Monaten war die Beziehung in die Brüche gegangen und sie hatten sich im Zorn voneinander getrennt. Die Scheidung hatte sie anfangs nicht eingereicht, weil sie zu aufgewühlt gewesen war, um sich mit solchem Papierkram zu beschäftigen. Nachdem sie sich wieder beruhigt hatte, war sie jahrelang der Ansicht gewesen, dass sie ihr sauer verdientes Geld sinnvoller ausgeben konnte, als davon einen Anwalt zu bezahlen. Außerdem war es viel einfacher gewesen, Gras über die Sache wachsen zu lassen, anstatt sich mit all diesen Gefühlen auseinandersetzen zu müssen, die dann zwangsläufig nach oben kamen. Offenbar war Sean derselben Ansicht gewesen, da es von seiner Seite auch keine Bemühungen gegeben hatte, die offizielle Trennung in Angriff zu nehmen. Und das, obwohl Kristine genau wusste, dass er inzwischen ein sehr erfolgreicher Geschäftsmann war, für den Geld kein Thema war.

Geändert hatte sie ihre Einstellung erst, nachdem sie vor einer Weile angefangen hatte, sich regelmäßig mit George zu treffen. Bei diesem Mann hatte sie sich durchaus vorstellen können, dass aus ihnen beiden mehr werden könnte. Das hatte jedoch nach einem Monat ein jähes Ende genommen, als er herausgefunden hatte, dass sie rein rechtlich immer noch verheiratet war. Er hatte es für verlogen und für sehr entlarvend gehalten, dass sie in all den Jahren nicht mal den Versuch unternommen hatte, sich scheiden zu lassen. Und dann hatte er sie abserviert.

Angesichts der Tatsache, dass man über das Internet schon für ein paar Hundert Dollar eine Scheidung erledigen konnte, musste sie zugeben, dass George mit seinen Argumenten zumindest zum Teil ins Schwarze getroffen hatte.

Ob bewusst oder unbewusst, sie hielt wohl tatsächlich weiterhin an Sean fest. Er war in ihrem Leben der erste richtige Fels in der Brandung gewesen – und bislang auch der letzte. Aus irgendeinem Grund hatte sie ihn in den vergangenen zehn Jahren stets als denjenigen angesehen, der sie auffangen würde, wann immer sie strauchelte.

Dabei war das völlig lächerlich, denn warum sollte er nach diesen zehn Jahren noch etwas mit ihr zu tun haben wollen?

Die Erkenntnis, dass sie nach vorn schauen und endlich auf eigenen Beinen stehen musste, war für sie wie ein Schlag ins Gesicht gewesen, der sie dazu veranlasst hatte, ihre Sachen zu packen und von Las Vegas ins heimatliche Minneapolis zurückzukehren. Dort musste sie sich erst einmal ihrer Vergangenheit stellen, ehe sie die Zukunft in Angriff nehmen konnte.

Leider gehörte zu dieser Vergangenheit auch ihre Mutter Ebbe Zimmerman, die schon immer eine Exzentrikerin gewesen war. Im Lauf der Jahre hatte sie sich für die Rettung der Wale eingesetzt, hatte Rap-LPs mit Warnaufklebern versehen, war zur Vegetarierin, dann zur Veganerin geworden, bis sie schließlich doch wieder begonnen hatte, Fleisch zu essen. Sie hatte sich der Zucht von Alpakas ebenso gewidmet wie dem Kuchenbacken, und sie hatte sich bei vielen Aktionen engagiert, bei denen es um die Rechte der Frauen ging. Während ihre feministische Haltung sie anfangs dafür hatte kämpfen lassen, dass Frauen den gleichen Lohn bekommen sollten, war sie inzwischen fest entschlossen, gegen jeden Stripklub und jede Kunstausstellung vorzugehen, bei der nackte Frauen eine Rolle spielten. Natürlich hatte ihre Mutter das Recht, gegen alles zu protestieren, was ihr nicht passte. In den meisten Fällen teilte Kristine ja auch die Ansichten ihrer Mutter.

Aber nicht, wenn es geschmackvolle Fotos betraf, mit denen die Habgier der Konzerne angeprangert werden sollte – also ein Thema, gegen das auch ihre Mom Sturm lief.

Und erst recht durfte es nicht sein, dass das Verhalten ihrer Mutter Kristine um ihren Job brachte. Was durchaus im Bereich des Möglichen lag. Immerhin war Ebbe dafür bekannt, ihre Meinung mit viel Brimborium kundzutun … und mit Farbe aus der Sprühdose.

„Tut mir leid, ich kann zu der Angelegenheit nicht einfach schweigen“, erklärte ihre Mutter mit Nachdruck. „Ich werde dazu aufrufen, dass an diesem Wochenende gegen die Eröffnung demonstriert wird.“

Verdammt. Hastig zog sich Kristine in den hinteren Lagerraum zurück, damit der Caterer sie nicht hören konnte. „Mom, wage das ja nicht! Ich flehe dich an. Wenn du mich liebst, dann mach keine Szene. Ich bin hier angestellt.“

„Du erwartest von mir, dass ich Verrat an meinen Prinzipien übe, nur damit du dich von der Pornobranche für deine Arbeit bezahlen lassen kannst?“

Das war so völlig abwegig, dass ihr die Worte fehlten. Kunst mit erwachsenen Modellen hatte nun wirklich überhaupt nichts mit Pornos zu tun. Es war schlicht unmöglich, mit dieser Frau vernünftig zu reden, zumal Kristine die Zeit für solche Diskussionen fehlte. „Ich brauche diesen Job, weil ich sonst bei dir einziehen muss. Der Himmel weiß, dass keiner von uns es dazu kommen lassen will. Also spar dir deinen Protest für die sozialen Medien auf, okay? Wenn du nämlich am Freitag hier auftauchst und die Eröffnung ruinierst, bin ich meinen Job los. Dann werde ich mit dir nie wieder ein Wort reden, auch wenn wir uns dein Apartment teilen müssen.“

Ebbe konnte man nur auf die harte Tour beikommen, sonst würde sie genau das tun, was sie sich vorgenommen hatte – und zwar ohne Rücksicht darauf, welche Konsequenzen das für die Menschen um sie herum nach sich zog.

„Was ist das bloß für eine Tochter, die ihrer eigenen Mutter droht?“ Ebbe schniefte am anderen Ende der Leitung.

„Eine Tochter, deren Mutter sich so verhält, dass die Kündigung für die Tochter unvermeidlich ist. Wir unterhalten uns nachher weiter. Hab dich lieb.“ Obwohl ihr klar war, dass sie später dafür noch bezahlen würde, beendete sie das Telefonat, ohne sich von ihrer Mutter zu verabschieden.

Sie warf das Handy auf den Tisch und griff nach dem Schild, das vorne in der Galerie auf einer Staffelei platziert werden sollte. Dann verließ sie den Lagerraum und wollte eigentlich mit dem Caterer reden, als sie bemerkte, dass jemand vor der Eingangstür stand. Zwei Männer, beide im Anzug.

Einer von ihnen kam ihr vertraut vor, sogar sehr vertraut. Zehn Jahre hatten die Erinnerung an seinen muskulösen Körper, an das schmale Gesicht und die dunklen Haare nicht ausradieren können, auch wenn er jetzt in diesem Anzug steckte. Sie kannte diesen Mann von Kopf bis Fuß, sie kannte jedes Mienenspiel, jede Geste, jede Berührung mit seinen Händen, seinen Lippen, seiner Zunge. Und das waren nur ein paar von sehr vielen Dingen, an die sie sich immer noch sehr genau erinnern konnte.

Er kam auf sie zu. Ihre Kehle wurde trocken, ihr stockte der Atem und sie bekam weiche Knie.

Das da war Sean. Der einzige Mann, den sie je geliebt hatte. Ihr Ehemann Sean.

Seit einer Nacktbadeparty am College als Folge von zu viel Tequila hatte Sean Maddock nicht mehr so viele nackte Menschen gesehen. Im Gegensatz zu damals war er jetzt stocknüchtern, aber glücklicherweise – oder vielleicht auch dummerweise, je nachdem, wie man dazu stehen wollte – waren das hier keine leibhaftigen Feierwütigen, sondern nur Fotografien. Eine Menge Fotografien. Und riesengroß dazu. Jedes Foto wurde von Dutzenden Nackten bevölkert, sodass Sean hinschauen konnte, wohin er wollte: Überall erblickte er Brüste, Hinterteile und Gehänge.

Verdammt. Für zwei Uhr am Nachmittag war das eine Menge, was es zu verarbeiten galt.

Sein neuester Praktikant Michigan war ein ehrgeiziger Absolvent der University of Chicago, der anscheinend seinen Eltern das Herz gebrochen hatte, als er sich gegen die Hochschule entschieden hatte, auf die sie beide gegangen waren und der er seinen Vornamen verdankte. Stattdessen hatte er sich in Chicago den Arsch aufgerissen, und wenn Sean mit seiner Vermutung richtiglag, dann war ihm während seines Studiums keine Zeit geblieben, um bei irgendeiner Party auch nur annähernd so viel nackte Haut zu Gesicht zu bekommen.

Der arme Kerl gab einen erstickten Laut von sich, während er neben Sean in der Lobby der Galerie Collective stand. „Interessant“, stieß Michigan schließlich hervor.

„Kann man so sagen.“ Sean schüttelte den Kopf. Vielleicht war er zu oberflächlich und konnte deswegen den höheren Sinn des Ganzen nicht verstehen. Aber zweihundert nackte Menschen auf einem Foto, die wie eine Herde geschorener Schafe aussahen, vermittelten für sein Empfinden keinerlei Botschaft, sondern lösten allenfalls peinliche Verlegenheit aus. „Aber kommerziell ist das eine höchst erfolgreiche Angelegenheit, also weiß der Künstler sehr genau, was er da macht. Und die Galerie ebenfalls.“

Unter anderen Voraussetzungen hätte er das hier womöglich als amüsant empfunden. Es gab für ihn nichts Besseres als eine schräge Idee, der es gelang, sich auf dem Markt durchzusetzen. Und er hatte durchaus nichts gegen Nacktheit einzuwenden, obwohl er es bevorzugte, in diesem Zustand mit einer Frau allein zu sein, anstatt mit Dutzenden Frauen und Männern für einen Fotografen zu posieren. Heute jedoch stand ihm der Sinn weder danach noch nach etwas anderem, denn die Papiere, die ihm an diesem Morgen völlig überraschend zugestellt worden waren, hatten ihn aus seiner täglichen Routine gerissen und ihn geradewegs ein Jahrzehnt in die Vergangenheit katapultiert.

In eine Vergangenheit, in der es Kristine in seinem Leben gegeben hatte.

„Wie viele Leute kommen zu dieser Veranstaltung?“, erkundigte sich Michigan.

„Zweihundert.“ Sean schaute sich in der eleganten und teuren Galerie um. Dabei fielen ihm die verschiedenen Ausgänge auf. Einer führte vermutlich in einen Lagerraum, zwei andere stellten eine direkte Verbindung nach außen dar. Die Front der Galerie bestand komplett aus Glas, was aus Sicherheitserwägungen ein Problem darstellte. Dennoch glaubte er nicht, dass Maddock Security irgendwelche Bedenken haben musste, was den Tag anging, an dem Ian Bainbridges Ausstellung eröffnet werden und eine Spendensammlung für gute Zwecke stattfinden sollte.

Eigentlich hätte er gar nicht herkommen müssen, da sein Team sich bereits umfassend mit dem Veranstaltungsort und der Party am kommenden Freitag befasst und einen Plan ausgearbeitet hatte. Aber er konnte es sich nicht verkneifen, persönlich zu erscheinen, nachdem ihm der Name der Eventkoordinatorin aufgefallen war, die für Bainbridge arbeitete. Kristine. Seine Exfrau, die genau genommen gar nicht seine Exfrau war, hatte doch keiner von ihnen in den zehn Jahren nach dem Ende ihrer spontanen und sehr kurzlebigen Ehe die Scheidung eingereicht. Nach einem üblen Streit waren sie getrennte Wege gegangen, weil sie beide Starrköpfe gewesen waren, die ihre Teenagerzeit gerade erst hinter sich gelassen hatten. Soweit er wusste, war Kristine einem Impuls folgend Richtung Westen gezogen und hatte seit der Trennung in Vegas gelebt. Das war typisch für Kristine – erst handeln, dann denken.

Diese Eigenschaft war aber auch einer der Gründe gewesen, wieso er sich damals in sie verliebt hatte, denn sie war das genaue Gegenteil von ihm gewesen. Er war ein Selfmade-Millionär, der methodisch und pragmatisch vorging und dem man deshalb schon ein paarmal vorgeworfen hatte, kaltherzig zu sein. Natürlich hatte er zu der Zeit, als sie beide noch ein Paar gewesen waren, keine Millionen besessen; er war pleite gewesen und hatte nichts weiter gehabt als eine Vision und seine Entschlossenheit, diese Vision zu verwirklichen. Früher war er nicht so zynisch und distanziert gewesen, und vor allem hatte er nichts Kaltherziges an sich gehabt, wenn es um Kristine gegangen war. Sie hatte ihn vor Leidenschaft glühen lassen und bei ihm die intensivsten Gefühle geweckt, die er je empfunden hatte.

Er war kein Mann, der sich schnell verliebte. Und er konnte von sich behaupten, seitdem nie in eine andere Frau verliebt gewesen zu sein, weshalb er sich auch nie die Mühe gemacht hatte, Kristine aufzuspüren, um ihr die Scheidungspapiere zustellen zu lassen. Dass sie beide zumindest auf dem Papier immer noch ein Paar waren, störte ihn nicht. In den Jahren nach ihrer Trennung hatte er sich nie ernsthaft genug für eine andere Frau interessiert, um etwas an dem bestehenden Zustand zu ändern. Womöglich lag es auch daran, dass ihm mit gerade mal einundzwanzig Jahren das Herz herausgerissen und zu Brei zertreten worden war und dass er das nicht noch einmal durchmachen wollte.

Und natürlich war da noch die Tatsache, dass Sean tief in seinem Inneren immer davon ausgegangen war, dass Kristine irgendwann zu ihm zurückkehrte und sie wieder ein Paar sein würden. Schließlich hatte keiner von ihnen wirklich etwas verkehrt gemacht. Es war nichts weiter als ein Streit gewesen, der auf unerklärliche Weise völlig aus dem Ruder gelaufen war. Er war sich sicher gewesen, dass ihre Beziehung deswegen nicht beendet war.

Und doch waren seitdem zehn Jahre vergangen, immer ein Tag nach dem anderen, während er sein Geschäft auf- und ausgebaut und sich dabei eingeredet hatte, nicht einsam zu sein. Was Kristine in diesen Jahren gemacht hatte, wusste er nicht.

Ihm war auch nicht bekannt gewesen, dass sie sich wieder in der Stadt aufhielt. Umso verblüffter hatte er reagiert, als ihm vor drei Stunden in seinem Büro die Scheidungspapiere überreicht worden waren. Normalerweise ließ er die Vergangenheit ruhen und dachte nicht oft an Kristine, daher hatte es ihn völlig aus dem Konzept gebracht, auf diese Weise von ihr zu hören. Es wunderte ihn, dass sie so kaltherzig war, ihm die Papiere einfach zustellen zu lassen, ohne ihn wenigstens vorher anzurufen. So viel Zeit war seit ihrer Trennung vergangen, da konnte sie doch nicht ernsthaft glauben, dass er ihr immer noch die Art und Weise nachtrug, wie ihre Beziehung geendet hatte. Sie waren damals beide fast noch Kinder gewesen. Aber vielleicht hing es ja damit zusammen, dass das alles schon so lange her war. Möglicherweise war es ihr einfach nicht mehr wichtig genug, ihn vorzuwarnen, dass sie die Scheidung einreichen würde – was sie beide eigentlich bereits vor Jahren hätten hinter sich bringen sollen.

Vielleicht war die Scheidung nur ein Punkt unter vielen auf einer langen Liste der Dinge, die sie irgendwann mal erledigen musste, und sie war bislang einfach nie dazu gekommen. Und jetzt endlich konnte sie diese Position von der Liste streichen.

Während er mit Michigan im Büro gesessen und den Papierkram erledigt hatte, waren seine Gedanken um diese Dinge und um die Tatsache gekreist, dass ihre Adresse in Minneapolis nicht weit von seinem eigenen Apartment entfernt war, bis ihm auf einmal ihr Name unter dem Vertrag für diese Veranstaltung aufgefallen war.

Diese Ansammlung von Informationen hatte so viel Interesse an Kristine geweckt wie seit Jahren nicht mehr. Anstatt lange hin und her zu überlegen, hatte er entschieden, dass er sich mit ihr treffen wollte … nein, treffen musste.

Und jetzt stand er hier und war nervös, ohne so recht den Grund dafür zu verstehen. Seine Krawatte schien ihm den Hals zuzuschnüren. Die Hand hatte er in die Jackentasche gesteckt, damit niemand sah, wie er ungeduldig mit dem Daumen gegen seinen Oberschenkel tippte. Er mochte keine Situationen, in denen er nicht Herr der Lage war. Wenn er nicht die Kontrolle hatte, riss er sie an sich, indem er sein Gegenüber aus der Fassung brachte. So hatte er es als Geschäftsmann zu etwas gebracht, und so würde er es auch hier machen. Ringsum waren die Caterer damit beschäftigt, schneeweiße Leinendecken auf die Tische zu legen und Champagnergläser kopfüber zu platzieren.

Er war fest entschlossen, Kristine nicht zu zeigen, wie nervös er war. Es war das, was man als Geschäftsmann tat: Man behielt seine Gefühle für sich und gab sich charmant und locker, so als sei es einem ganz egal, wie ein Geschäftsabschluss ausging.

Dabei war er sich gar nicht im Klaren darüber, warum es ihm so wichtig war, wie diese Begegnung ausging. Doch bevor er die Scheidungspapiere unterschrieb, wollte er Kristine noch einmal in die Augen blicken, um die Frau zu sehen, zu der sie geworden war. Vielleicht war er bloß sentimental, vielleicht auch masochistisch veranlagt. Auf jeden Fall aber war er neugierig.

Michigan hielt sein Smartphone in der Hand und suchte etwas. „Ich werde die Leute da fragen, wo die Eventkoordinatorin ist, damit Sie mit ihr reden können. Wie hieß sie noch gleich?“

Sean gab keine Antwort, weil sich in diesem Moment die Tür zum hinteren Raum öffnete und Kristine zum Vorschein kam. In der Hand hielt sie ein Schild, das fast so groß war wie sie selbst und ihm den Blick auf ihren wunderschönen, wohlgeformten Körper verwehrte. Aber er konnte ihr Gesicht sehen. Es war wie ein Schlag in die Magengrube, als er bemerkte, wie sie einer Mitarbeiterin ein hektisches Lächeln schenkte. Das feuerrote Haar hatte sie hochgesteckt. Einige lose Strähnen umspielten ihren Nacken, als sie sich umdrehte und auf einen der Tische deutete.

Sie wirkte reifer, eleganter, die Konturen ihres Gesichts waren schärfer gezeichnet. Der eng anliegende Rock betonte ihre schmale Taille. Er wollte es kaum glauben, aber sie war heute noch viel schöner als mit neunzehn.

Es wunderte ihn gar nicht, dass er neben seiner totalen Verwirrtheit augenblicklich auch von heftigem Verlangen nach ihr heimgesucht wurde. Es schnürte ihm die Kehle zu, sein Schwanz wurde hart. Selbst auf diese Entfernung reagierte sein Körper sofort auf sie, und er musste an all die Nächte denken, in denen sie eng aneinandergeschmiegt in ihrem schäbigen Apartment im Bett gelegen hatten. Damals hatte ihr strahlendes Lächeln genügt, um ihn für eine Weile jedes Dilemma vergessen zu lassen, mit dem er den Tag über konfrontiert worden war. Kristine war nicht spindeldürr, sondern besaß atemberaubende Kurven, deren Anblick er jetzt so richtig genießen konnte, als sie sich kurz zur Seite drehte. Wie es schien, hatte sie auch gelernt, wie sich diese Kurven mit einem engen, knielangen Rock und einem Sweater mit Blumenmuster ins rechte Licht rücken ließen. Die Aussicht auf ihre Hüften, ihre Brüste und ihren Po ließ ihm das Wasser im Mund zusammenlaufen.

Sie war eine verdammt gut aussehende Frau gewesen, als er sie geheiratet hatte, aber inzwischen war aus ihr eine absolute Traumfrau geworden. Sean kribbelte es in den Fingern, so sehr wollte er sie berühren. Und zwar überall.

„Sie heißt Kristine Zimmerman Maddock“, antwortete er schließlich. „Sie ist meine Frau.“

„Wie bitte?“, fragte Michigan verdutzt. „Sie sind … verheiratet?“

Ja und nein.

Sean sprach die Worte jedoch nicht laut aus, denn in dieser Sekunde sah Kristine in seine Richtung und entdeckte ihn. Obwohl sie fünf oder sechs Meter von ihm entfernt stand, konnte er das leichte Zusammenzucken deutlich ausmachen, das dazu führte, dass sie beinahe das Schild losgelassen hätte. Ein Kellner wollte zu ihr eilen und ihr helfen, aber sie winkte ab, ohne dabei den Blick von Sean abzuwenden.

Er lächelte und zog die Brauen hoch, während er ihr zunickte. „Michigan, Sie können zurück ins Büro fahren. Ich werde hier etwas länger brauchen.“

„Sie wollen, dass ich gehe?“ Michigan klang nervös.

Sean musste nicht hinsehen, er wusste auch so, dass der junge Mann jetzt seine Brille hochschob. Es war ein Tick, der immer dann auftrat, wenn er keine Ahnung hatte, was er tun sollte. Normalerweise verhielt Sean sich ihm gegenüber stets geduldig, weil er der Ansicht war, dass Michigan großes Potenzial besaß und es in der Geschäftswelt weit bringen würde. In diesem Moment war ihm das allerdings egal. Er konnte nur an Kristine denken, die seit zehn Jahren zum ersten Mal wieder vor ihm stand.

Ohne auf die Frage zu reagieren, ging er auf Kristine zu.

Sie schaute hastig nach links und rechts, als suche sie nach einem Fluchtweg. Ihre Wangen waren leicht gerötet. Für den Bruchteil einer Sekunde lenkte ihn das Schild in ihrer Hand ab, das mit dem Foto einer Gruppe nackter Leute in einer Baumkrone für die Ausstellung warb. Die Frau, die den Baumstamm umarmte, schien sich dabei gar nicht wohlzufühlen. Sean verdrängte den Gedanken. Er lief weiter auf die Frau zu, die er früher mal geliebt hatte, und blieb erst stehen, als er dicht vor ihr stand.

„Hallo, Kristine.“

2. KAPITEL

Diese Stimme.

Kristine spürte, wie ihr ein Schauer über den Rücken lief. Die Stimme war noch immer so, wie sie sie in Erinnerung hatte: sanft, selbstbewusst und verdammt sexy. Es war die Stimme, die sie gut ein Jahr lang Nacht für Nacht in ihren Träumen gehört hatte, nachdem sie so dumm gewesen war, nach diesem schrecklichen Streit mit ihm Hals über Kopf davonzulaufen. Solche spontanen Aktionen waren schon immer ihr Markenzeichen gewesen.

Sie konnte es nicht glauben, dass Sean vor ihr stand. Wobei er viel weniger Abstand hielt, als es für ein angemessenes Auftreten erforderlich gewesen wäre.

Ihr Herz raste, die Handflächen waren schweißnass, sodass ihr das mit Plexiglas geschützte Hinweisschild aus den Fingern rutschen wollte. Ihre Wangen glühten, ihre Nippel waren steif geworden. Und es hatte ihr die Sprache verschlagen, was ihr sehr selten passierte. Eigentlich nur einmal alle zehn Jahre, wenn gerade Vollmond war. Oder beim Staffelfinale vom Bachelor.

O Gott, jetzt sag schon was, mahnte sie sich selbst im Stillen. Sag einfach irgendwas, du Vollidiotin!

„Sean“, stieß sie dann hervor. Es wirkte jedoch weder selbstbewusst noch irgendwie professionell. Es war hingehaucht, es klang sexy. Es klang, als wollte sie ihn auffordern, sich mit ihr ins hohe Gras sinken zu lassen und dafür zu sorgen, dass sie nicht mehr wusste, wie sie hieß.

Seine Nasenflügel bebten, seine Augen verfinsterten sich.

Ihre Arme zitterten, was sie darauf zurückführte, dass das Schild so schwer war. In Wahrheit lag es aber nur an Sean.

Er sah noch genauso toll aus, wie sie es in Erinnerung hatte, aber natürlich war er älter und machte einen ernsteren Eindruck. Sein Kinn schien noch markanter als damals, und seine wilde Mähne war einer Kurzhaarfrisur gewichen. Die Arme waren muskulöser, die Schultern breiter und sehr eindrucksvoll. Als sie noch ein Paar gewesen waren, hatte er Jeans, T-Shirts mit Slogans und Converse-Sneakers getragen. Jetzt dagegen war er in einen schwarzen Designeranzug gekleidet, dazu trug er ein blaues Nadelstreifenhemd und eine dunkelblaue Krawatte. Es wunderte sie nicht, dass er sich nicht für eine rote Krawatte entschieden hatte, da er die wahrscheinlich für ein Klischee gehalten hätte. Blau stand ihm ohnehin viel besser, weil es den Kontrast zwischen seinen blassblauen Augen und den dunklen Haaren viel stärker betonte.

Sein Blick war so eindringlich, dass sie ihm nicht standhalten konnte und zur Seite schauen musste. Sie fühlte sich viel zu verwundbar und viel zu verwirrt. Dabei war so viel Zeit verstrichen, dass sie nicht erwartet hatte, emotional so heftig auf ihn zu reagieren – auch wenn sie einmal unglaublich in ihn verliebt gewesen war. Vielleicht lag es ja bloß an seinem überraschenden Auftauchen in der Galerie, dass sie so überrumpelt war.

Was hatte er überhaupt hier zu suchen? Diese Veranstaltung war nichts weiter als ein Tropfen in diesem Meer aus Geschäftsbereichen, in denen er tätig war. Als sie vor zwei Wochen von der Galerie als Eventkoordinatorin eingestellt worden war, hatte ihre Vorgängerin den Großteil der Vorbereitungen für den Bainbridge-Termin längst erledigt und auch einen Wachdienst bestellt. Schließlich waren die Arbeiten des Fotografen dafür bekannt, dass sie immer wieder Demonstranten auf den Plan riefen. Wegen ihrer gemeinsamen Vergangenheit war sie sich fast wie ein Voyeur vorgekommen, als sie in den Unterlagen auf den Namen Maddock Security gestoßen war. Aber selbst als sie eine Ergänzung zum ursprünglichen Vertrag hatte gegenzeichnen müssen, war sie nicht davon ausgegangen, dass Sean jemals auf die Tatsache aufmerksam werden würde, dass sie bei den Planungen für die Party mit dabei war.

Das war ganz offensichtlich ein großer Irrtum gewesen.

Der Wunsch, das Schild auf den Boden zu werfen und zurück in den Lagerraum zu rennen, wurde beinahe übermächtig, und das konnte Sean ihr offenbar auch ansehen.

„Musst du irgendwo hin?“, fragte er mit einem charmanten Lächeln und machte noch einen Schritt auf sie zu.

Instinktiv wich Kristina vor ihm zurück und geriet fast in Panik bei dem Gedanken, er könnte ihr nahe genug kommen, um sie anzufassen. Nahe genug, dass sie sein männliches Aroma riechen konnte.

„Ich habe noch zu tun. Da hinten.“

„Nach zehn Jahren ist das aber keine besonders freundliche Begrüßung, Kristine. Du könntest wenigstens Hallo sagen.“

Himmel, warum war sie so panisch? Verdammt, sie war eine erwachsene Frau, und Sean würde sie ganz sicher nicht beißen. Hoffte sie jedenfalls. Aber es war schon immer ihre erste Reaktion gewesen, die Flucht zu ergreifen, wenn ihr eine Situation nicht behagte. Es war ihre persönliche Note, eine Eigenschaft, die sie von ihrem Vater und ihrem Großvater geerbt hatte. Das Motto der Zimmermans lautete anscheinend: „Wenn dir was nicht gefällt, nimm die Beine in die Hand und mach, dass du wegkommst.“ Raus aus dem Zimmer, raus aus der Stadt und dem Bundesstaat, und am besten gleich raus aus dem Land.

Es war eine Reaktion, gegen die sie schon seit einer Weile anzukämpfen versuchte, also schluckte sie angestrengt und riss sich zusammen. Der Schock, Sean vor sich zu haben, ebbte allmählich ab und wich peinlicher Verlegenheit. Gleichzeitig meldete sich aus dem Nichts kommend tief in ihr ein intensives Ziehen, das sie auf keinen Fall zur Kenntnis nehmen würde. „Hallo, Sean. Wie geht’s?“

Wieder rutschte ihr das Schild fast aus der Hand, woraufhin Sean es ihr abnahm. Zwar wollte sie ihn noch davon abhalten, doch er griff zu energisch danach. Dann hielt er das Schild hoch und musterte es. Als er die Brauen hochzog, wusste sie genau, was er sah – ein Dutzend Menschen, die mit Ruß überzogen in einem Baum saßen. Und die alle nackt waren. Sie selbst hielt Bainbridges Arbeit für faszinierend. Aber ihr war auch klar, dass Sean das Ganze für bizarr halten würde, teilte er doch die Welt in Schwarz und Weiß ein.

Sean kommentierte das Foto jedoch nicht, sondern lehnte das Schild gegen die Wand und wandte sich danach wieder ihr zu. „Mir geht es gut. Und du siehst gut aus, Kristy.“ Er streckte die Hand aus und strich ihr eine Haarsträhne hinters Ohr.

Unter seinem aufmerksamen Blick hatte sie das Gefühl, zu verglühen, und seine so harmlose Berührung genügte, um ihr eine Gänsehaut zu bereiten. Auf diese Weise hatte er sie vor zehn Jahren zuletzt berührt. Es war eine ganz natürliche Geste gewesen, so als hätte er jedes Recht dazu. Und es war außerdem eine unerwartet zärtliche Geste gewesen, die nun bei ihr eine Flut von Empfindungen auslöste: Erstaunen, Behagen, Melancholie und sogar Erregung. Es war, als hätte sich ihr Körper trotz der langen Pause sofort daran erinnert, wie er reagieren sollte.

„Danke, ich fühle mich auch gut“, brachte sie irgendwie über die Lippen. „Du siehst auch gut aus. Und, was führt dich in die Galerie?“

Er antwortete zunächst nicht, sondern legte erst einmal die Hände auf ihre Schultern. „Schön, dich zu sehen.“

Plötzlich beugte er sich vor und küsste sie auf die Wange. O Gott, er küsste sie! Er war so nah, es war so vertraut und … und zugleich auch nicht. Sie breitete die Arme aus und wollte ihn gerade im Gegenzug umarmen, da war er auf einmal schon wieder weg. Sein warmherziger Gesichtsausdruck wich abrupt einer neutralen Miene.

„Tim leitet die Wachmannschaft“, sagte er. „Er kommt am Freitag um sieben her, um meinen Leuten ihre Positionen zuzuweisen. Du hast hier ziemlich viele Zugänge, die mir Sorgen bereiten. Ich schlage vor, dass du für den Rest der Woche die Eingangstür immer abschließt, wenn du hier allein arbeitest. Am Freitag öffnest du erst, wenn du bereit bist, die ersten Gäste reinzulassen.“

Ein- oder zweimal blinzelte Kristine ihn erstaunt an, während sie daran arbeitete, den jähen Wechsel von der privaten zur geschäftlichen Unterhaltung zu begreifen. Nicht, dass er sich mit ihr über irgendetwas Privates unterhalten hatte, aber er hatte sie schließlich auf eine intime Art und Weise angesehen. Zuerst war sie enttäuscht, dann ärgerte sie sich über sich selbst, während sie seinen Ratschlag mit einem Nicken erwiderte. „Ja, klar.“

Wen interessierten denn Sicherheitsüberlegungen?

Sie jedenfalls nicht. Zumindest nicht in diesem Augenblick. Dabei hatte es sie mehr zu interessieren als alles andere. Das hier war für die Galerie ein superwichtiges Ereignis; wenn sie Mist baute, würde man sie feuern, und sie würde mittellos auf der Straße landen. Allerdings war ihr das im Moment völlig egal, denn ihre Gedanken kreisten nur um die Tatsache, dass Seans Kinngrübchen verschwunden war. War so etwas möglich? Konnte ein Grübchen einfach so verschwinden?

Nach zehn Jahren hätte der Small Talk eigentlich aus mehr bestehen dürfen als aus der obligatorischen Frage nach ihrer gesundheitlichen Verfassung und einem vagen Kompliment, anstatt gleich darauf zum geschäftlichen Teil überzugehen.

„Werden die Leute vom Catering morgen auch wieder herkommen?“

Anscheinend sah er das grundlegend anders als sie.

Konzentrier dich. Auf die Arbeit, aber nicht darauf, dass Sean verdammt sexy ist. Das konnte sie hinkriegen. Nach vorn zu schauen, lag genau auf ihrer Linie – und offenbar auch auf seiner. Er schien keinerlei Interesse daran zu haben, ein paar schöne Erinnerungen wiederaufleben zu lassen.

„Nein“, erwiderte sie. „Die haben heute nur die Vorbereitungen getroffen. Mit dem Essen werden sie am Freitag gegen sechs Uhr hier eintreffen.“ Sie bemühte sich um einen oberflächlichen, lässigen Tonfall, während sie ihn verstohlen genauer betrachtete. Es war schon eigenartig, den Mann zu sehen, zu dem er sich entwickelt hatte, und zugleich daran zu denken, dass sie beide einmal auf das Intimste miteinander verbunden gewesen waren, körperlich und emotional. Es kam ihr irgendwie unwirklich vor, ihm nach dieser langen Zeit auf einmal wieder gegenüberzustehen. Sie war erst vor drei Wochen nach Minnesota zurückgekehrt und hatte seitdem überlegt, wie sie mit Sean am besten Kontakt aufnehmen sollte. Auch wenn zehn Jahre verstrichen waren: Sie wollte trotzdem so höflich sein und ihn wegen der Scheidungspapiere anrufen, damit er wusste, dass die auf dem Weg zu ihm waren. Doch dann hatte sie sich nicht entscheiden können, ob sie es ihm in einem sachlichen Tonfall oder eher auf die witzige Tour mitteilen sollte.

Es war ihr nicht mehr notwendig vorgekommen, ihm die Gründe zu nennen, wieso sie sich auf einmal von ihm scheiden lassen wollte. Er musste nicht wissen, dass sie zu der Erkenntnis gelangt war, ihn loslassen zu müssen, wenn sie reifer und so erfolgreich wie möglich werden wollte. Dass sie diese Illusion von Sicherheit hinter sich lassen musste, die er für sie dargestellt hatte und auch jetzt noch darstellte. Stattdessen hatte sie sich diverse Sätze zurechtgelegt, die Floskeln wie „nach vorn schauen“ oder „dir die Freiheit geben, die du verdient hast“ oder auch „ein längst überfälliger Schritt“ enthielten.

Bei all ihren in Erwägung gezogenen und wieder verworfenen Überlegungen zur Herangehensweise an diesen Moment war ihr nie die Möglichkeit in den Sinn gekommen, mit ihm in einer Kunstgalerie zu stehen und dabei von Fotografien umgeben zu sein, die Massen von nackten Menschen zeigten, während sie beide darüber sprachen, ab wann der Caterer Zutritt zu den Räumlichkeiten erhalten sollte. Das alles war so unwirklich, dass sie sich nicht hundertprozentig sicher war, ob sie nicht vielleicht bloß träumte. Sie sah nach unten, um sich zu vergewissern, dass sie nicht in Unterwäsche vor ihm stand.

Der Gedanke an Unterwäsche erinnerte sie urplötzlich und völlig unpassend daran, wie heiß es zwischen ihnen zugegangen war, als sie noch ein Paar gewesen waren. Sean hatte sich als exzellenter Lover entpuppt, und das mit gerade mal einundzwanzig! Unwillkürlich malte sie sich aus, wie er seine Fähigkeiten im Bett im Lauf der Jahre weiterentwickelt und perfektioniert haben mochte, und bekam prompt wieder eine Gänsehaut.

Es war nicht gut, über so etwas nachzugrübeln, wenn sie doch eigentlich nach vorn schauen wollte.

Die Scheidungspapiere würden ihm am nächsten Tag zugestellt werden, womit sein Besuch in der Galerie nun die ideale Gelegenheit bot, auf das Thema zu sprechen zu kommen. Im Grunde sollte sie froh darüber sein, dass er ihr hier über den Weg gelaufen war. Jetzt musste sie ihn nicht anrufen, sondern konnte von Angesicht zu Angesicht mit ihm darüber reden. Das war so auch viel besser, denn schließlich heiratete man nicht jemanden und ließ sich dann von ihm scheiden, ohne ihm dabei in die Augen zu sehen – ganz gleich, wie viel Zeit seit der letzten Begegnung vergangen war. Sobald sie das Geschäftliche erledigt hatten, würde sie ihn bitten, mit ihr irgendwo einen Kaffee zu trinken, damit sie sich mit ihm unterhalten konnte.

Das war der einzig richtige Weg, den sie gehen konnte. Immerhin würde sie damit außerdem ihre neue Entschlossenheit zum Ausdruck bringen: Von jetzt an stellte sie sich unangenehmen Entscheidungen, anstatt wegzulaufen und sich irgendwo zu verkriechen.

Sean ließ seinen Blick durch die Galerie schweifen und schob anschließend eine Hand in die Hosentasche, was ihn Gelassenheit und Selbstbewusstsein ausstrahlen ließ.

„Hast du eine Liste der Angestellten, die der Caterer herschickt?“, wollte er wissen.

„Nein.“

„Solltest du aber haben.“

Wahrscheinlich war das ein guter Ratschlag, aber auf diese Idee war sie gar nicht gekommen. Sie hatte viel zu viel mit den Tausenden von Kleinigkeiten zu tun, die bei der Planung einer Party von diesen Ausmaßen zu berücksichtigen waren. Das Thema Sicherheit war für sie bislang etwas gewesen, das in die Zuständigkeit des Wachdienstes fiel. Ihr Verstand arbeitete nicht auf diese Weise. Ehrlich gesagt war sie sich ja nicht mal sicher, wie ihr Verstand überhaupt arbeitete. Das war eines ihrer Probleme: Sie war als flatterhaftes Kind von einer flatterhaften Mutter großgezogen worden – und herausgekommen war eine flatterhafte Erwachsene.

Dabei war es nicht so, dass sie flatterhaft sein wollte; sie war nur einfach nicht besonders gut organisiert. Sie sagte sich, dass ihre wahre Begabung darin bestand, kreativ zu sein und andere Menschen glücklich zu machen. Von klein auf hatte sie von den Menschen um sie herum immer wieder gehört, dass sie ein wahrer Sonnenschein war und dass sie jedem ein Lächeln auf die Lippen zaubern konnte.

„Okay“, meinte sie, als ihr auffiel, dass sie viel zu lange schweigend dagestanden hatte und seine entspannte Pose mit einem Mal ein wenig verkrampft wirkte.

Sean lächelte sie an, doch in ihm schien etwas zu schwelen. Ob es Wut oder Verlangen war, konnte sie nicht mit Sicherheit entscheiden. Allerdings konnte sie sich nicht vorstellen, dass er nach so langer Zeit noch wütend auf sie war. Vielleicht war das auch bloß die Miene, die er bei Geschäftsverhandlungen aufsetzte. Sie wusste es nicht, weil er ihr ja heute zum ersten Mal als Geschäftsmann gegenüberstand.

Was immer es sein mochte, es brodelte unterhalb der Oberfläche, die er meisterlich unter Kontrolle hatte. Um diese Kontrolle hatte sie ihn früher beneidet, doch in diesem Augenblick wäre es ihr lieber gewesen, ihm würde seine Selbstbeherrschung entgleiten, damit Wut oder Frust oder was auch immer aus ihm herausplatzte und sie wieder offen und ehrlich miteinander umgingen. Andererseits war es womöglich naiv von ihr, zu glauben, dass sie nach so vielen Jahren noch unbefangen miteinander umgehen konnten.

Aber vielleicht verspürte ja auch nur sie dieses Unbehagen, während Sean lediglich seine Arbeit machte und verärgert darüber war, dass sie keine Ahnung hatte, welche Sicherheitsvorkehrungen für das anstehende Event zu treffen waren.

„Meinen Glückwunsch zum Erfolg mit deinem Geschäft“, sagte sie schließlich aufrichtig. Von Zeit zu Zeit hatte sie von Freunden und aus den sozialen Medien etwas darüber erfahren, was er gerade machte. Jedes Mal war sie stolz auf seine Leistungen gewesen. Er war das Musterbeispiel eines Mannes, der buchstäblich mit nichts angefangen hatte und der mit harter Arbeit so weit aufgestiegen war, dass er mittlerweile ein mehrere Millionen Dollar schweres Unternehmen führte. Dieser Stolz auf seine Leistungen war stets von der Erkenntnis begleitet worden, dass das Ende ihrer Beziehung vermutlich das Beste gewesen war, was ihm hatte widerfahren können. Als Ehefrau eines erfolgreichen Unternehmers wäre sie denkbar ungeeignet gewesen.

„Danke.“ Sein Gesichtsausdruck war unergründlich. „Und wie bist du Eventkoordinatorin geworden? Wieso bist du überhaupt aus der Stadt der Sünde zurückgekommen?“

„Es ist das Einzige, was ich kann“, erklärte sie offen und ehrlich. „Ich kann Partys planen – das ist alles.“

„Ach, komm schon. Das ist doch nicht wahr.“

„Hey, ich kann verdammt gut Partys planen“, protestierte sie lächelnd, weil sie genau wusste, dass er das mit seinem Widerspruch nicht gemeint hatte. Allerdings war sie sich nicht sicher, welche Begabungen er ihr zuschrieb. Sie hielt es nicht für eine sexuelle Anspielung, denn auf dem Gebiet hatte sie zwar großen Enthusiasmus an den Tag gelegt, aber besondere Fertigkeiten oder gar Erfahrungen hatte sie mit neunzehn Jahren nicht vorweisen können.

Sean lachte. „Der war gut. Nein, was ich damit sagen will, ist, dass du bestimmt alles erreichen kannst, was du dir vornimmst. Dein Problem war eigentlich immer, dass du bloß nie genug an dich selbst geglaubt hast.“

Es war nicht so leicht, Mr. Geldsack klarzumachen, dass er praktisch alles in Gold verwandelte, was er in Angriff nahm, während sie nie in der Lage gewesen war, sich lange genug auf eine einzelne Sache zu konzentrieren. Doch sie wollte kein Mitleid erheischen. Es war so, wie es war, und sie versuchte sich zu ändern, sich endlich einmal so lange einer Aufgabe zu widmen, dass etwas Vernünftiges dabei herauskam.

Was sie gar nicht gebrauchen konnte, war seine Analyse ihrer Psyche.

„Ich glaube, ich kann von mir behaupten, dass ich zum Glück nicht mehr so unsicher bin wie mit neunzehn, als wir zusammen waren.“ Zwar hasste sie noch immer ihren Hintern, weil ihr der zu wabbelig erschien, doch davon abgesehen hatte sie sich inzwischen daran gewöhnt, wer sie war, auch wenn sie noch so viele Fehler haben mochte. Andererseits war sie freundlich, großzügig und immer zum Lachen aufgelegt.

Sean entgegnete nichts, sondern sah sie nur an, weil es das war, was er für gewöhnlich tat. Sean wartete. Er unterwarf andere Leute seinem Willen. Er gab die Befehle. Er setzte Charme und Selbstvertrauen ein, um genau das zu bekommen, was er haben wollte – so wie er sie damals hatte haben wollen. Die Frage war nur, was er heute wollte. Seine Miene war so rätselhaft, dass sie sie nicht entschlüsseln konnte.

Da sie nicht länger das Schild vor sich halten konnte, fühlte sie sich gehemmt und rieb sich nervös die Hände. Zu ihrem schwarzen Bleistiftrock trug sie einen lila Sweater mit Blumenmuster und einem ziemlich tiefen Ausschnitt. Seans Augen folgten jeder Bewegung ihrer Finger.

Dann hielt sie das Schweigen nicht länger aus und begann draufloszureden: „Du hast völlig recht. Ich werde mir die Namen der Leute geben lassen, die uns der Caterer schicken wird. Ich schätze, ich hätte daran von vornherein denken sollen. Aber das ist nicht mein erstes Rodeo, wenn man so will.“

„So habe ich dich nicht in Erinnerung“, sagte er.

Autor

Entdecken Sie weitere Romane aus unseren Miniserien

Close Up