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Das Alphabet der Liebe

Als Buch hier erhältlich:

Kann Liebe so einfach sein wie das ABC?

Das Alphabet der Liebe startet bei Alice und endet bei Zach. Als sie Zach das erste Mal zufällig bei einer Kunstausstellung begegnet, glaubt Alice schon lange nicht mehr an die große Liebe. Zach hingegen ist ein wahrer Romantiker, und er macht es sich zur Aufgabe, Alice von der Liebe zu überzeugen. Auch wenn dies das ganze Alphabet dauern sollte! Mit Dates von B wie Buchladen über N wie Netflix bis hin zu Z wie Zucchini will er Alice' Herz gewinnen ...


  • Erscheinungstag: 22.11.2022
  • Seitenanzahl: 352
  • ISBN/Artikelnummer: 9783749904730
  • E-Book Format: ePub
  • E-Book sofort lieferbar

Leseprobe

Für die Liebe

Ausstellung: Kunst und Pappmaschee

Alice

Überall liegt ihr Kram verstreut. Haarnadeln. Ein halber Babybel. Ein Lippenstift ohne Hülle. Mittendrin sitzt meine beste Freundin und durchwühlt hektisch den Inhalt ihrer Handtasche. Ihr scheint nicht klar zu sein, dass sie gerade die gesamte Vernissage auf stumm geschaltet hat, indem sie »OH, ICH VOLLIDIOT!« in den Raum hineinposaunte. Tatsächlich ist es an diesem bis jetzt recht geräuschvollen Ort so still, dass man eine Nadel fallen hören könnte. Sämtliche Blicke richten sich auf sie, die am Bartresen sitzt. Ich schätze, Kunstliebhaber sind es nicht gewohnt, so rüde von einer zornigen Blondine unterbrochen zu werden. Die Sohlen meiner Turnschuhe quietschen, als ich zu ihr hinüberhaste.

Kaum sehen die Leute, dass ihr jemand zu Hilfe kommt, wenden sie sich wieder einander zu und führen ihre hochtrabenden Gespräche fort, was eine große Erleichterung ist, denn als ich bei Natalie ankomme, höre ich, dass sie mit ausgesucht drastischen Flüchen nicht spart. Selbst der durch nichts aus der Ruhe zu bringende Barkeeper wirkt etwas nervös.

»Hey, was ist los?«, schnaufe ich und bereue die Kanapees, die ich mir in den Mund gestopft habe, bevor ich losgerannt bin.

Meine beste Freundin richtet einen wilden Blick auf mich, dann wieder auf ihr Handy, das mitten in dem Chaos auf dem Bartresen liegt.

»Alice, ich habe es gelikt.« Sie krallt sich an meinem Ärmel fest. »Ich habe es gelikt.«

Ich schaue genauer hin. Auf Natalies Handy erkenne ich ein Instagram-Foto, auf dem sie sich an Jake schmiegt. Neben ihnen sind Rucksäcke, denn sie stehen in der Abflug-Lounge eines Flughafens. Entsetzt stelle ich fest, dass es 2019 gepostet wurde.

Das ist keine gute Nachricht.

»Weißt du noch, wie Jake und ich nach Venedig geflogen sind, als wir ganz frisch zusammen waren? Tja, ich habe eben aus Versehen ein Foto von unserer Reise gelikt. Ich meine – das stammt aus einem anderen Jahrzehnt. Was soll ich jetzt bloß machen?«

»Schon gut«, beruhige ich sie. »Drück einfach noch mal auf like.«

»Das VERSUCHE ICH JA DIE GANZE ZEIT!« Sie drückt so fest auf das Display, dass ich fürchte, sie wird ein Loch hineinbohren. »Der Bildschirm ist eingefroren, und jetzt starrt mich dieses große rote Herz an. Warum mussten die bei Instagram sich auch für ein Herz entscheiden? Das ist so emotional. Was ist verkehrt an dem guten alten hochgestreckten Daumen bei Facebook? Gehören die nicht zur selben Firma? Ich habe soeben meinem Ex-Freund praktisch mitgeteilt, dass ich ein altes Foto von uns liebe. Und jetzt …« Jetzt fehlen meiner besten Freundin offenbar die Worte. Entnervt hält sie ihre Handtasche hoch.

»Und jetzt suchst du nach deinem Reisepass, um sofort das Land zu verlassen und dieser Schande zu entfliehen?«, vermute ich.

»Genau.«

»Okay, atme erst mal tief durch«, beruhige ich sie. »Deinen Pass wirst du da drin nicht finden. Der ist wahrscheinlich sicher verwahrt bei mir zu Hause. In einem Aktenordner für ›persönliche Dokumente‹, Unterkategorie ›Reiseunterlagen‹, in einem Karton, den du mit deinem Folienmarker mit der Aufschrift ›privat‹ beschriftet hast.«

»Das ist jetzt nicht der richtige Moment, sich über meinen Ordnungssinn lustig zu machen«, schnaubt sie schon fast hysterisch.

»Ich versuche nur, die Stimmung aufzulockern. Ich habe dich noch nie so glücklich gesehen wie damals, als dieser Marker geliefert wurde, aber das spielt jetzt keine Rolle. Komm, wir bringen das in Ordnung.« Ich umarme sie kurz, und dann starten wir gemeinsam Natalies Handy neu und öffnen Instagram. Schließlich gelingt es uns, den Like rückgängig zu machen.

Natalie wirft die Hände vors Gesicht. »Tut mir leid, ich wollte dich nicht anblaffen. Du warst mein Fels in der Brandung, als wir Schluss gemacht haben. Ich bin nicht sicher, ob ich noch aufrecht stehen könnte ohne dich, ganz zu schweigen davon, ob ich überhaupt ein Zuhause hätte. Es ist einfach zu blöd, dass Jake jetzt weiß, dass ich mich durch seine Timeline gewühlt habe, typisch erbärmliche Ex-Freundin.«

»Du bist nicht erbärmlich«, widerspreche ich entschieden und ziehe mir einen Barhocker heran. »Schau dich um, Nat. Dieser Abend ist komplett dir zu verdanken. Du bist eine hervorragende Event-Planerin, und du solltest unglaublich stolz darauf sein, das vollbracht zu haben. Ich habe noch nie so eine gut besuchte Vernissage erlebt, sogar die eingebildeten Kunstkenner-Typen sind beeindruckt. Und das Tiny Food ist köstlich. Nur erfolgreiche Leute organisieren Tiny Food. Hast du schon die Tiny Tacos probiert?«

In dem Augenblick fängt Natalie an zu weinen. Bestürzt suche ich in dem Inhalt ihrer Handtasche, den sie auf den Tresen gekippt hat, nach einem Taschentuch.

Sie schnieft. »Tacos waren unser Ding. Jake hat immer Tacos gemacht, und dann haben wir uns Komödien angesehen, und jetzt …«

»Und jetzt wohnst du bei der aktuellen Inhaberin des Titels Weltweit beste Freundin. Ich weiß, es ist schwer, Nat, aber das ist ein ganz neues Kapitel. Eines, in dem du dich nicht um Jake kümmern, seine feuchten Handtücher vom Schlafzimmerboden aufheben oder mit ihm streiten musst, wer Frühstücksflocken besorgt. Wer braucht überhaupt einen Mann? Du hast jetzt deine eigene Agenda!«

Sie wischt mit einem manikürten Finger eine Träne weg und tätschelt mir liebevoll die Wange.

»Ach du. Meine lockere, freigeistige beste Freundin. So beschäftigt damit, das Leben bis zur Grenze auszukosten, dass du den Gedanken, sesshaft zu werden und Kinder zu haben, nicht einmal auf dem Radar hast. Ich weiß, die Vorstellung, in einer Paarbeziehung zu leben, ist schrecklich für dich. Aber wir sind eben total verschieden, und für mich ist das wichtig. Ich will das alles: Monogamie, Ehe, viele Kinder. Das Problem ist nur, dass der Typ, mit dem ich geglaubt habe, all das teilen zu können, plötzlich gemerkt hat, dass er bindungsscheu ist. Nach all der Zeit, die wir zusammen waren! Ich hätte nie gedacht, dass ich mit dreißig wieder im Gästezimmer meiner besten Freundin schlafen und eine Selbstmitleids-Tour durch die Fotos aus meinem früheren Leben machen würde.«

Nicht zum ersten Mal in jüngster Zeit ertappe ich mich dabei, dass ich sehr üble Gedanken hinsichtlich Jake hege. Ich ziehe Natalie an mich und umarme sie liebevoll. »Herzschmerz ist wirklich herzzerreißend, ich weiß, und es tut mir leid, dass du dich damit herumschlagen musst. Aber du wirst doch nicht aufgeben wegen dem, was Jake dir angetan hat? Du bist eine großartige, starke Frau, und du wirst wieder dein Glück finden. Versprochen. Allerdings nicht, wenn du nur zu Hause sitzt und meine Pyjamas vollschniefst, während wir uns heulend Wie ein einziger Tag ansehen. Es ist Zeit, dass du wieder anfängst, nach vorne zu blicken. Leg dein verdammtes Handy weg, hör auf, der Vergangenheit nachzutrauern, und fang an, in der Gegenwart zu leben.«

»Brutal.«

»Brutal, aber richtig. Oder, wie man auch sagen könnte, brutal richtig.« Ich grinse.

»Du Witzboldin«, sagt sie und lächelt ein ganz klein wenig.

»Ich weiß. Und ich hab dich lieb. Du wirst finden, wonach du suchst, du musst dich nur zuerst durch diesen Schlamassel kämpfen, und die gute Nachricht ist, dass ich für dich da bin! Also schmeiß den halb gegessenen Babybel in den Müll, hör auf, dich an der Bar zu verstecken, und sei stolz auf die harte Arbeit, die du in dieses Event gesteckt hast.«

Normalerweise verbringe ich meine Abende, indem ich mit meinen Freund: innen etwas trinken gehe, mit meinen Freund: innen essen gehe, mit meinen Freund: innen tanzen gehe oder alles davon. Kunstausstellungen sind nicht so ganz mein Ding, allerdings sage ich selten Nein, wenn es darum geht, abends auszugehen, denn ich leide an einer ernsten Form von FOMO, also der Angst, etwas zu verpassen. Heute Abend bin ich hauptsächlich wegen Natalie hier. Ich werfe noch einmal einen Blick in ihre Richtung, um sicher zu sein, dass alles in Ordnung ist, und mische mich dann unter die Gäste.

Ich liebe Herausforderungen und bin entschlossen, mich nicht von dieser hochnäsigen Kunstkennermeute einschüchtern zu lassen. Das ist offenbar die erste Ausstellung der neuesten Werke eines aufstrebenden Künstlers, und Natalie und ihre Firma haben dafür dieses Event organisiert. Sämtliche Anwesende tragen Schwarz oder Grau, ich falle also ein wenig auf in meinem kanariengelben Kleid, aber von so einer ausgegrauten Farbpalette lasse ich mich doch nicht abschrecken. Heute Abend werde ich mich in eine abgehobene Kunstliebhaberin verwandeln! Man betrachte zum Beispiel dieses schwarze Quadrat, das da an der Wand hängt. So unglaublich quadratig! Es quillt über von rechten Winkeln.

Eine Frau mit Goldrandbrille und strengem Haarschnitt stellt sich neben mich.

»Das hier ist geradezu lebensecht«, stellt sie bewundernd fest. »Ich habe mich der Amalfi-Küste noch nie so nah gefühlt. Es ist, als ob man am Strand sitzen, Ragù essen und einen erdigen Rotwein trinken würde. Wie heißt das Werk?«

Ich schaue auf das kleine Schild. »Schwarzes Quadrat.«

»Wow. Haben Sie jemals ein Quadrat gesehen, das so wenig quadratisch wirkt?«

Ich versuche, sachkundige, anerkennende Hm-Laute von mir zu geben, aber es kommt nur ein Stottern heraus. Meine Verwandlung in eine Schöngeistin ist vielleicht noch nicht vollständig gelungen. Man sollte meinen, als Floristin wäre mir die Wertschätzung aller Künste angeboren. Immerhin verbringe ich die meiste Zeit damit, Bouquets zu arrangieren, meine kleine Blumenboutique zu dekorieren und Fotos von Blumenarrangements für die sozialen Netzwerke zu machen. Tolle Fotos, das habe ich drauf. Abstrakte Kunst? Weniger. Ich glaube nicht, dass Goldrandbrille und ich sehr viel gemeinsam haben, also entschuldige ich mich und stapfe los in Richtung Toiletten. Am Eingang bleibe ich stehen und mache ein Foto von dem sehr hübsch an einer Wand arrangierten Efeu.

Ich spiele mit dem Licht und mit verschiedenen Schärfeeinstellungen, dann lade ich das Bild auf die Instagram-Seite meines Shops und gebe einen Text dazu ein.

Noch nie so hübschen Kletterefeu gesehen! Diejenigen unter euch mit einem nicht ganz so grünen Daumen können sich freuen: Efeu ist die perfekte Wohnungspflanze, weil praktisch unverwüstlich. Wollt ihr noch mehr gute Nachrichten? Wir haben demnächst wieder sämtliche Topfpflanzen auf Lager, also freut euch auf mehr!

Ich füge die üblichen Hashtags hinzu, und es dauert nicht lange, bis die Likes erscheinen und das vertraute stolze Prickeln in mir auslösen. Gleich bei Eröffnung des Shops habe ich einen Account eingerichtet, um Fotos von unseren Schaufensterauslagen, vom Shop selbst und von allem, was mit Blumen zu tun hat, posten zu können. Mein Geschäft wurde bereits in den Interior-Design-Blogs von Influencer: innen erwähnt, und ich betreue auch die großen Schaufensterauslagen von vielen unabhängigen Läden in Sheffield. Kund: innen können mich mit ihren Fragen direkt kontaktieren, und wenn ich nicht gerade im Laden bin, bin ich meistens auf der Suche nach Inhalten, um sie in den sozialen Netzwerken zu teilen.

Aber die Suche nach blumigen Inspirationen ist wie gesagt nicht der Hauptgrund, weshalb ich heute Abend hier bin. Ich bin heute in Beste-Freundin-Mission unterwegs und blicke immer wieder hinüber zu Natalie, um zu sehen, ob alles in Ordnung ist. Ich merke, dass sie sich sehr bemüht, ihr normales professionelles Selbst nach außen zu kehren, hinter dieser Fassade aber immer noch total niedergeschlagen ist. Mein letzter Kontrollblick hat mir bestätigt, dass sie auf ihr Handy schaut und im Begriff ist, in Tränen auszubrechen. Ich bin unfassbar wütend auf Jake, ich hasse ihn für das, was er ihr angetan hat. Ich kann hiermit bestätigen, dass es nicht einfach ist, so zu tun, als wäre man fasziniert von Kunstwerken – das Werk, vor dem ich jetzt stehe, heißt »Roter Kreis« –, während man gerade seinen ersten Mord plant. Jake wird ein böses Ende nehmen, und zwar bald. Als ich wieder hinüberblicke, kommt Natalie auf mich zu. Sie wirkt verlegen.

»Nicht böse sein, aber Jake hat gerade geschrieben, wir sollten uns treffen«, sagt sie.

»Ich hoffe, du hast ihm gesagt, wo er sich das hinschieben kann.«

Natalie hüstelt. »Äh, nein, ich habe zugestimmt. Ist es okay für dich, wenn du allein hierbleibst?«

»Nein, ist es nicht! Du kannst dich jetzt nicht mit ihm treffen, Nat, wir sind doch mitten in einer Veranstaltung, die du organisiert hast. Du solltest bis zum Schluss bleiben. Außerdem ist es keine gute Idee. Er hat dir schon genug zugesetzt, er verdient nicht noch mehr von deiner Zeit.«

Natalie seufzt. Sie hat sich schon ihre Tasche um die Schulter gehängt und sieht so verloren aus, dass ich sie am liebsten für immer fest in die Arme nehmen möchte. Das ist genau der Grund, weshalb man sich nicht verlieben sollte, ermahne ich mich selbst. Es führt nur zu allen möglichen Formen von emotionalem Stress.

»Ich habe schon mit meinem Chef geredet, und der ist froh, dass alles gut läuft.«

»Natürlich. Er taucht einfach nur auf, trinkt Wein und erntet die Lorbeeren für deine harte Arbeit.«

Nat beißt sich auf die Lippe. »Ja, das stimmt«, gibt sie zu. »Aber diesmal bin ich froh darüber. Ich brauche einfach ein paar Antworten.«

»Lass mich mitkommen und auf dich aufpassen, okay? Vielleicht Jake unter einen Bus schubsen, während wir uns von ihm verabschieden? Du weißt schon, aus Versehen«, sage ich und markiere Gänsefüßchen in der Luft.

»Schon gut.« Sie lächelt. »Bleib. Genieß die Ausstellung oder wenigstens den freien Ausschank. Wir sehen uns.«

Eine Stunde später sitze ich noch immer an der behelfsmäßigen Bar und merke, dass ich ziemlich betrunken bin und alle Hoffnung, die Ausstellung »genießen« zu können, aufgegeben habe. Ich nippe an meinem dritten Glas Wein. Oder am vierten? Keine Ahnung, der Barmann füllt einfach ständig nach. Die gute Nachricht ist, dass ich total vertieft bin in die Konversation, die ich mit mir selbst begonnen habe.

»Und dann faselt sie irgendwas über Ragù und die Amalfi-Küste und erdigen Rotwein. Also wirklich, so was von angeberisch. Es war ein schwarzes Quadrat. Genau das stand sogar drunter: ›Schwarzes Quadrat!‹ Und das Beste? Es kostet vierhundertfünfzig Pfund! Der Künstler wird sich auf dem Weg zur Bank totlachen. Das hätte ich wirklich selbst malen können«, schnaube ich.

Langsam wird mir bewusst, dass der Mann auf dem Barhocker neben mir schon seit einiger Zeit zuhört und mich mit seinen tiefgrünen Augen aufmerksam ansieht.

»Das ist interessant, das Bild wurde nämlich tatsächlich von der Amalfi-Küste inspiriert. Meine Familie stammt aus Italien«, sagt er.

Ich bin verwirrt. Wer ist dieser Hottie von Mann, der da neben mir sitzt?

»Ich glaube, wir wurden uns noch nicht vorgestellt.« Er lächelt und streckt die Hand aus. »Ich bin Zach, und das ist meine Ausstellung.«

Ich blinzle. Doch nicht etwa …

»Ich bin der Künstler«, fügt er erklärend hinzu.

»O Gott. Tut mir so leid.« Ich ziehe die Schultern hoch, ergreife seine Hand und schüttle sie mit ein wenig zu viel Enthusiasmus. »Ich bin Alice, und wie Sie sehen, habe ich wirklich keine Ahnung von dieser Art von Kunst. Ich bin sicher, Ihr Kunstwerk ist voller … Ragù?«

Zach lacht, und ich ertappe mich dabei, dass mein Blick auf den dunklen Haaren verweilt, die sein attraktives, kantiges Gesicht umrahmen. Und auf den intensiven Augen, die mich durch dunkle Wimpern hindurch anblicken. Ich strahle und genieße das Gefühl, das sein Lachen in mir auslöst – als wäre ich gerade in den Sonnenschein hinausgetreten.

»Das ist das erste Mal, dass ich meine Arbeit auf diese Art ausstelle. Mit einer großen Vernissage, meine ich«, erklärt er. »Oder besser, es war das erste Mal. Außer uns ist niemand mehr hier.«

Ich blicke mich um und stelle fest, dass er recht hat. »Nun, herzlichen Glückwunsch! Ist es gut gelaufen?«

Können Kunstausstellungen »gut laufen«?, frage ich mich.

»Ich glaube schon …« Er hält inne und scheint tief in Gedanken zu versinken, während er den Rest seines Glases austrinkt.

Ich habe ihn verärgert. Natalie wird mich umbringen! Sie tadelt mich ständig, ich sei zu direkt, und jetzt habe ich den Künstler beleidigt, der sie für sein erstes großes Event engagiert hat.

»Ich bin eindeutig eine Banausin. Ich wollte Ihnen nicht zu nahe treten«, erwidere ich. Aber als unsere Blicke sich treffen, sehe ich ein unmissverständliches Funkeln in seinen Augen.

Er lacht und streicht sich das Haar aus der Stirn. »Keine Sorge. Ich schöpfe Mut aus der Tatsache, dass ich heute Abend ein paar Bilder verkauft habe. Es haben also nicht alle nach einem kurzen Blick auf meine Werke entschieden, dass sie das alles selbst zu Hause mit einem Topf Farbe zustande bringen könnten.«

»Ich würde sagen, ein Blatt Papier und ein Filzmarker würden reichen«, scherze ich.

»Ah, verstehe.« Er grinst, drückt sich aufs Herz und tut schwer verletzt. »Werden sich meine gequälte Seele und mein verletztes Ego davon jemals erholen?«

»Arme Seele.« Ich zwinkere und genieße den Adrenalinschub, der entsteht, wenn man jemand Neuem begegnet. Mit neuen Leuten zu plaudern, gehört zu meinen Lieblingsbeschäftigungen, und ich überlege, ob ich jemals das Vergnügen hatte, das mit einem heißen, wenn auch grüblerischen Künstler zu tun. »Vielleicht kann ich etwas zum Heilungsprozess beitragen?«

»Ich bin nicht sicher, ob ich noch mehr von Ihrer scharfen Kritik ertragen kann, Alice.«

Wie er meinen Namen ausspricht.

»Ich werde Milde walten lassen. Außerdem haben Sie doch ein paar Bilder verkauft, das sollten Sie feiern. Warum besorgen wir uns nicht eine Flasche Prosecco, bevor der Catering-Service verschwindet? Ich will mich nicht aufspielen, aber ich hatte eine Eins im Kunst-Leistungskurs, und vielleicht gebe ich Ihnen ja ein paar Tipps für Ihre nächste Ausstellung.«

Zach schüttelt den Kopf. Er löst keine Sekunde den Blick von mir, und mir wird bewusst, dass ich vor allem noch wegen der Art, mit der er meinen Blick sucht, hier bin. Es ist unglaublich sexy und vielversprechend.

Zum Teufel mit der Mischung aus freiem Ausschank und Tiny Food! Ich darf nicht vergessen, Natalie zu warnen, bevor sie ihr nächstes Event plant. Freier Ausschank sollte immer von normalen Häppchen begleitet werden, die den Alkohol aufsaugen und verhindern, dass jemand zu betrunken wird. Es könnte sein, dass ich einen kleinen Schwips habe. Wenigstens bin ich immer noch aus reiner Selbstlosigkeit hier, nämlich um diesen gequälten Künstler aufzuheitern. Auf keinen Fall bin ich hier, weil ich finde, dass er irgendwie gut aussieht. Überhaupt nicht.

Außerdem glaube ich, dass es funktioniert. Als wir uns begegneten, schien er ganz grüblerisch drauf zu sein, und diese Wolke hat sich gelüftet, seit wir uns in der Mitte des Raumes auf dem Boden niedergelassen haben.

»Pappmaschee ist wirklich eine unterschätzte Kunstform«, stelle ich fest. Ich sitze im Schneidersitz, und meine Hände sind voller Kleister. »Als ich heute Abend aus dem Haus ging, hätte ich nie geglaubt, dass ich auf einer Vernissage zusammen mit dem Künstler einen Pappmaschee-Mond basteln würde. Wundervoll, wie sich so ein Abend manchmal entwickeln kann.«

»Ein Mond soll das sein? Sieht ein bisschen phallisch aus.« Zach hebt die Brauen.

»Wie können Sie es wagen?«

»Alice, was hat Sie eigentlich hierhergeführt, wenn es nicht meine Arbeit war? Ich habe vorhin gesehen, wie Sie drüben bei den Toiletten die Pflanzen fotografiert haben, und habe mich gefragt, wozu.«

Peinlich. Aber auch gut zu wissen, dass er nach mir geschaut hat.

»Ich bin nicht wegen der Toiletten hier, falls Sie das meinen.« Ich schmunzle. »Ich habe nur ein Foto für Instagram gemacht. Eigentlich bin ich hier, um meiner Freundin Natalie beizustehen. Sie arbeitet für die Event-Firma, die diese Veranstaltung organisiert hat.«

Zach nickt. »Sie hat einen Superjob gemacht, ich muss ihr eine E-Mail schicken und ihr danken. Die Location, das Essen … Haben Sie diese Tiny Tacos probiert?« Seine gefühlvollen Augen weiten sich genießerisch.

»Ich liebe diese Tiny Tacos! Sie musste früher gehen wegen eines privaten Notfalls, aber ich bin sicher, sie wird sich über Ihre E-Mail freuen.«

»Geht es ihr gut?«

»Ja, sie hat nur ein Problem. Ein Fall von Ex-Lover-Idiotie.«

»Ah, ich habe gehört, das ist ziemlich verbreitet. Ich bin sicher, sie wird sich vollständig erholen.«

»Das hoffe ich. Ich habe ausgiebiges Traurige-Filme-auf-Netflix-Gucken verschrieben und hatte gehofft, heute Abend könnte sich für sie ein neues Kapitel öffnen, aber ich weiß nicht … Schluss zu machen, ist anscheinend ganz schön übel.«

»Anscheinend?« Er reibt sich das Kinn.

»Ich habe nicht sehr viel Erfahrung.«

»Ah, Sie sind also eher selbst Herzensbrecherin?«

»Äh, ich glaube nicht.«

»Dann gehören Sie wohl zu diesen etablierten Leuten mit langjährigem Freund und ohne Beziehungsdramen?«

Ich schüttle den Kopf. »Nein, nicht etabliert.«

»Sie haben den Einen noch nicht gefunden?«

»Das ist eine sehr persönliche Frage, Zach. Darf ich Ihnen ein Geheimnis verraten? Ich bin nicht überzeugt, dass es den Einen gibt«, flüstere ich.

»Wie das?«, flüstert er zurück. Er runzelt die Stirn und blickt mich zweifelnd an.

»Ich schätze, mir sind einfach mein Job und meine Freund: innen genug. Ich bin glücklich, verstehen Sie? Im Moment kann meine beste Freundin nicht einmal die Hülle für ihren Lippenstift finden, und ich kann Ihnen sagen, sie ist normalerweise unglaublich strukturiert. All das nur, weil ihr das Herz gebrochen wurde. Ich denke, das ist der Beweis: Liebe kann ganz schön kompliziert sein.« Ich halte inne, als mir klar wird, dass ich besser von meinem hohen Ross steige, sonst läuft mir dieser hübsche Junge weg, bevor ich die Chance hatte, seine Gesellschaft noch etwas länger zu genießen. »Ich bin ein bisschen zynisch, wenn es darum geht«, füge ich mit einem Schulterzucken hinzu.

»Sie haben also der Liebe abgeschworen, weil sie Ihnen das Make-up ruinieren könnte?« Wenn Zach lächelt, entstehen in seinen Augenwinkeln kleine Fältchen und er wirkt noch attraktiver.

Ich verspüre einen Schauer der Vorfreude. »Sie wissen, was ich meine!«

Bis jetzt hatte er die Beine lang ausgestreckt und sich mit den Händen abgestützt, aber jetzt dreht er sich zu mir um.

»Tja, ich höre, was Sie sagen«, erwidert er nachdenklich. »Aber ich bin eher der Ich-liebe-die-Liebe-Typ. Nichts ist vergleichbar mit dem Gefühl der Verbundenheit und des Abenteuers, dem Gefühl, einer Person begegnet zu sein, von der man nie genug bekommen wird. Es ist … es ist das, was das Leben ausmacht.«

Seine Augen leuchten auf, während er spricht, und angesichts der Leidenschaft und Intensität in seinem Blick frage ich mich für den Bruchteil einer Sekunde, ob er recht hat. Dann fällt mir ein, dass das auf keinen Fall zutrifft. Wir könnten nicht unterschiedlicher sein, und doch möchte ich aus irgendeinem Grund einfach nur hierbleiben, in seiner Nähe, die ganze Nacht. Und in dem Moment erinnere ich mich an meine Trumpfkarte.

»Ich glaube nicht, dass ich schon einmal einer Frau begegnet bin, die ständig ein Uno-Kartenspiel dabeihat.« Zach lacht, als ich in gespielter Entrüstung die Arme verschränke. Wir spielen nämlich schon die fünfte Runde, und ich gewinne einfach nicht.

»Ich glaube das einfach nicht. Normalerweise bin ich bei Uno immer die Gewinnerin.«

»Tja, der Punktestand spricht für sich.« Zach grinst. »Vier Runden gehen an mich. Bin jetzt ich der totale Uno-Champion?«

Er ist ein Witzbold und er hat Ehrgeiz? Ich beglückwünsche mich selbst zu dem Vorschlag, den Abend mit einem Kartenspiel auszuläuten. Wir spielen weiter, und ich werde immer ungeduldiger, als seine Glückssträhne nicht aufhört.

»Göttin Fortuna meint es heute Abend gut mit dir«, sage ich, als er ein weiteres Mal »Uno« ruft. Mittlerweile sind wir nämlich beim »Du« angekommen.

Zach blickt von seinen Karten auf und schaut mir in die Augen.

»Ich bin geneigt, dir zuzustimmen«, sagt er nach einer Weile. »Wie kann ich das sagen, ohne dass es gemein klingt? Es tut mir sehr leid, dass deine Freundin Schwierigkeiten hat, aber ich bin auch … irgendwie froh?«

Ich lasse meine Karten fallen. »Was? Du willst wohl, dass ich dich auf meine Abschussliste setze, Zach.«

»Du hast eine Abschussliste?«

»O ja. Natalies Ex-Freund steht als Einziger darauf … bis jetzt.«

»Okay, verstanden. Lass Alice’ Freundinnen in Ruhe. Ich werde es mir für nächstes Mal merken. Also, ich weiß nicht, wie es dir geht, aber der heutige Abend war genau das, was ich gebraucht habe. Es hat mir viel Spaß gemacht.« Unsere Blicke gleiten zu dem Pappmaschee-Penis / -Mond, der jetzt unbeachtet auf dem Boden liegt, und Zach unterdrückt ein Lachen. »Danke für die Kunstunterrichtsstunde. Ich werde daran denken, wenn ich wieder im Studio bin. Es war ein gutes Date, dafür dass es keins war, und … nun ja, hättest du vielleicht Lust, es zu wiederholen?«

»Willst du damit sagen, du hättest gern eine weitere Unterrichtsstunde?«

»Wie wäre es mit einem richtigen Date?«, schlägt er vor. »Also, ich habe darüber nachgedacht, was für ein Zufall es war, dass ich auf der Vernissage heute Abend Alice begegnet bin. Und dass unsere Namen mit den Anfangs- und Endbuchstaben des Alphabets beginnen. Vielleicht sollten wir nächstes Mal etwas unternehmen, was mit B anfängt, und uns danach weiter durchs Alphabet arbeiten …«

Alice und Zach. Er hat recht. Ich spüre, dass meine Wangen heiß werden, weil mich seine Nachdenklichkeit so überrascht. Ich glaube nicht, dass mich jemals jemand auf diese Art um ein Date gebeten hat. Normalerweise ist es die Einladung auf einen Drink im nächsten Pub oder vielleicht zu einem Dinner. Allerdings vermeide ich es im Allgemeinen, zu einem ersten Date ins Restaurant zu gehen. Was, wenn ich merke, dass ich mein Gegenüber schrecklich finde, noch bevor ich überhaupt mein Essen bestellt habe, und wir dann eine GANZE MAHLZEIT voller Unbehagen überstehen müssen?

»Hast du mich gerade zu fünfundzwanzig Dates eingeladen?«, bringe ich endlich heraus. »Das klingt nach starkem Interesse.«

»Ich habe ein starkes Interesse«, erwidert er, jetzt etwas selbstsicherer.

WOW. Der Typ ist süß. Ich habe mich heute Abend sehr viel besser amüsiert, als ich gedacht hätte, und es wäre schön, das zu wiederholen. Ich meine, wir werden es bestimmt nicht bis Date Nummer sechsundzwanzig schaffen, schon wegen meiner strikten Drei-Date-Regel, aber eine oder zwei weitere Gelegenheiten, Zeit mit Zach zu verbringen, das wäre sehr amüsant.

»Sagen wir erst mal, ein oder zwei«, erwidere ich und nippe an meinem Glas, um mich abzukühlen. »Aber es wird schon sehr gut werden müssen, damit wir bis C kommen.«

»Ich nehme die Herausforderung an. Und wenn wir bis C kommen, dann musst du Zeit und Ort wählen, dann hast du die Verantwortung.« Einer seiner Mundwinkel verzieht sich zu einem Lächeln. Verdammt sexy!

Genau in dem Augenblick summt mein Handy und zwingt mich, den Blickkontakt abzubrechen.

Bin wieder in deiner Wohnung. Jake hat eine andere. Ich hasse alles.

Ich runzle die Stirn. »Die ist von Natalie. Sie braucht mich. Ich muss wohl gehen.«

»Ich hoffe, es geht ihr gut«, sagt Zach, und dass er tatsächlich besorgt klingt, macht ihn noch anziehender.

»Es war schön, dich kennenzulernen, Zach.«

»Dich auch«, erwidert er und drückt mir eine Visitenkarte in die Hand. Jetzt, da wir beide stehen, stelle ich fest, dass er mindestens dreißig Zentimeter größer ist als ich. Er beugt sich herab. Bartstoppeln streifen meine Haut, als er mir einen Abschiedskuss auf die Wange drückt.

»Wir sehen uns bei B«, sagt er leise, und sein Atem streicht heiß über mein Gesicht.

Als ich zur Bushaltestelle gehe, drehe ich die Karte in meiner Hand um.

Er hat etwas auf die Rückseite gekritzelt.

»A-Z. Ruf mich an.«

Buchladen

Zach

Ein falscher Schritt entscheidet darüber, ob ich stolz auf das Kunstwerk bin oder ob es im Mülleimer meines Studios landet. Ein falscher Pinselstrich kann die Arbeit einer Woche oder eines Monats zunichtemachen. So einfach ist das. Und dann gibt es das genaue Gegenteil, wenn alles sich plötzlich genau richtig entwickelt.

So wie der Tag, an dem Alice in mein Leben getanzt ist.

Ich war unglaublich nervös an diesem Abend vor der Vernissage. Ich musste das Hochstaplersyndrom und alles mögliche andere niederkämpfen. Und dann, als ich am wenigsten damit rechnete, ist diese schöne Frau in Gelb aufgetaucht. Alice war wie ein Sonnenstrahl, der durch die Wolken bricht, und ich muss seitdem unaufhörlich an sie denken.

Jetzt kommt sie auf mich zu, und ihr blaues Kleid bauscht sich in der leichten Sommerbrise. Ein selbstsicheres Lächeln erhellt ihr Gesicht, und sie mustert den Buchladen, vor dem ich stehe.

»Du hattest wohl keine Lust auf Bondage, oder?«, scherzt sie und entwaffnet mit einem einzigen Satz, genau wie letztes Mal.

»Bondage?« Ich hüstele entschuldigend und blicke zu ein paar Passanten, die an uns vorbeigehen.

»Unser A-Z-Thema! B für Bondage?«

»Ich dachte, das ginge vielleicht ein bisschen zu weit für ein zweites Date. Wobei wir natürlich jederzeit unsere Pläne ändern können …« Ich rette mich mit einem, wie ich hoffe, provozierenden Augenzwinkern.

»Jetzt hast du die Chance verspielt«, neckt sie mich, und ihre Wangen färben sich in einem hübschen Rosaton.

»Du siehst wirklich hübsch aus«, sage ich.

Hübsch? Komm schon, Zach! Dir hätte etwas Besseres einfallen können als hübsch.

»Danke. Es ist schön, dich wiederzusehen.« Alice stellt sich auf die Zehenspitzen und küsst mich auf die Wange. Sie hat ihr Haar mit einem rosa Haarband gebändigt, und sie duftet nach grünen Äpfeln. »Also, was machen wir jetzt wirklich in einem Buchladen?«

»Ich war da drin am Tag, nachdem wir uns begegnet sind«, erkläre ich. »Ich wollte ein Buch über Popkunst kaufen und beschloss, mich ins Café des Buchladens zu setzen, um es zu lesen. Aber nach einer halben Stunde habe ich gemerkt, dass ich fast nur an dich denke.«

»Schmeichler!«

»Ich schwöre, es stimmt. Der Abend hat mir wirklich sehr gefallen.« Ich spähe zu ihr hinüber und sehe, dass sie mich anlächelt. »Und … du hast etwas über ein neues Kapitel gesagt, das mich berührt hat.«

»Ah? Du meinst, als ich dir von Natalie und ihren Problemen mit ihrem Ex-Freund erzählt habe?«

»Ja. Das hat mich daran erinnert, dass man, sogar wenn nicht alles nach Plan verläuft, immer eine neue Seite aufschlagen und ein neues Kapitel anfangen kann. Ich war also hier, um ein bisschen zu recherchieren, allerdings vergebens, weil ich immer an dich denken musste. Dann habe ich begriffen, dass dieser Buchladen perfekt wäre für unser erstes richtiges Date. Wir könnten uns umsehen und uns gegenseitig Bücher zum Lesen aussuchen und … vielleicht unsere eigene neue Story anfangen?«

Das war jetzt kitschig, oder?

Alice lehnt sich ans Schaufenster des Buchladens und beobachtet mich mit leicht geöffnetem Mund.

Meine Nervosität ist zurück, und ich tue so, als würde ich die Idee gleich wieder verwerfen.

»Ach was, das ist eine blöde Idee. Wir könnten auch etwas ganz anderes machen. Bowling spielen? Bäume umarmen? Nein, Bäume zu umarmen, ist noch blöder.«

Was zum Teufel? Ich fange an zu stammeln.

Nach einer unangenehm langen Pause stupst Alice mich scherzhaft an. »Aha, du kannst also nicht aufhören, an mich zu denken?«

Manchmal mache ich mir Sorgen, dass ich meine Gefühle zu leicht zeige. Schon in meiner Jugend haben sich all meine Freunde an die Devise »Sei kalt, mach sie heiß« gehalten, aber ich war nie gut darin, in Beziehungen Spielchen zu spielen, weil ich einfach immer mein Herz auf der Zunge trage. Das hat sich für mich nicht gerade ausgezahlt, und vielleicht sollte ich lernen, etwas cooler zu sein, aber ich musste wirklich ständig an Alice denken. Obwohl … jetzt, da ich es ausgesprochen habe, ist es mir peinlich. »Übrigens sind die Zimtschnecken hier im Café pervers lecker«, versuche ich, das Thema zu wechseln.

Sie lacht.

»Ich verstehe, aber ich erhöhe den Einsatz auf Aprikosentörtchen. Hast du die schon mal probiert? Die sollten verboten werden. Ich habe mir untersagt, hierherzukommen, weil ich ›floristische Recherche‹ schamlos als Vorwand genutzt habe, um meiner Sucht nach Kaffeestückchen zu frönen. Du bringst mich auf Abwege, Zach.«

Na, damit komme ich klar. Grinsend nehme ich sie bei der Hand, und dann gehen wir hinein.

Ich muss wirklich meinen Dating-Smalltalk verbessern und einfach locker bleiben. Bis jetzt habe ich Alice nur gefragt, ob sie viel liest, und mich innerlich dabei gekrümmt, weil ich mich anhöre wie jemand, der gerade das Thema »Was sage ich beim ersten Date« gegoogelt hat. Das Wiedersehen mit Alice macht mich total nervös, und ich versuche, mich an eine Technik vom Lauftraining zu erinnern. Es läuft im Grunde einfach aufs Atmen hinaus, also ist es vielleicht übertrieben, es als Technik zu bezeichnen. Aber wenn ich mich auf diese einfache Sache konzentriere, höre ich vielleicht damit auf, Mist zu reden, und werde wieder cool. Oder ich beruhige mich zumindest so weit, dass ich die Situation genießen kann.

Zum Glück scheint mein blödes Gefasel Alice nicht abzuschrecken. »Lesen ist eine meiner Lieblingsmethoden, wenn ich abschalten will. Ein Date in einer Buchhandlung ist perfekt.«

»Gut zu wissen. Und nach einem so großartigen Start würde ich sagen, wir sind auf dem besten Weg zu Date Nummer drei.« Schon besser! Das klingt eher nach Flirt. Ich kriege das hin.

»Na, na. Nur nichts überstürzen, Zach.« Sie grinst, um mir zu zeigen, dass es scherzhaft gemeint ist. Oder wenigstens glaube ich das. Ich habe den Eindruck, dass Alice mich bereits durchschaut. Ich habe die Neigung, mich kopfüber in alle möglichen Abenteuer zu stürzen.

Alice schmunzelt immer noch, weil unser zweites Date in einem Buchladen stattfindet, als ich vor einem Regal mit japanischer Literatur stehen bleibe.

»Ich glaube, ich suche das hier für dich aus«, sage ich und reiche ihr das Buch.

Alice nimmt es mir aus der Hand und dreht es um, um den Rückseitentext zu lesen. »Hier steht, es ist eine ›fesselnde Story über die Missionare in Japan im 16. Jahrhundert‹, Zach.« Sie dreht sich um und sieht mich an. Ihr Gesicht drückt Erheiterung aus. »Also wirklich! Das Wort ›fesselnd‹ kommt mir hier ein bisschen irreführend vor.«

»Es ist richtig gut, wirklich. Wenn auch ein bisschen zu lang«, gebe ich zu.

Alice blättert durch das Buch. »Über sechshundert Seiten! Ich würde sagen, das sind sechshundert Seiten zu viel über Missionare in Japan, findet du nicht? Willst du im Ernst behaupten, dass du so etwas liest, wenn du dich entspannen willst?«

Entwaffnet, schon wieder. Lass mich doch wenigstens so tun, als wäre ich tiefgründig und interessant, Alice.

»Na schön.« Ich lache. »Ich lese auch sehr viele skandinavische Krimis. Die Art von Büchern, in denen unweigerlich in einem netten schwedischen Fischerdorf jemand als Leiche in einer Badewanne endet.«

Sie reibt sich die Hände. »Das ist schon eher etwas! Ich hatte angefangen, mich für Kriminal-Dokumentationen zu interessieren, bevor Nat bei mir eingezogen ist, aber sie ist kein Fan davon.«

»Tatsächlich? Ich stehe auch auf Kriminal-Dokus.« Unsere Blicke treffen sich, und ich spüre, dass ein Funke überspringt, als wir eine Gemeinsamkeit entdecken. »Komm mit.« Ich verschränke meine Finger mit ihren, als wir zwischen den Regalen hindurch zur Krimi-Abteilung gehen, und komme mir dabei wie ein Teenager mit seiner allerersten Liebe vor.

Nachdem wir festgestellt haben, dass Alice es am liebsten möglichst schaurig mag, suche ich das blutrünstigste Buch aus, das ich finde, während sie überlegt, was sie für mich auswählen soll. Sie hat diese liebenswerte Art, draufloszuplaudern und mir das Gefühl zu geben, auf einer Wolke leichter Konversation dahinzuschweben. Ich habe ständig Angst, etwas Idiotisches zu sagen, während Alice so unbeschwert wirkt, so frei von jeder Unsicherheit.

»Das Erste, was mir in den Sinn kam, war Sweet Valley High«, sagt sie. »Solche Bücher habe ich verschlungen, als ich jünger war, so wie jeden Band von Point Horror, den ich kriegen konnte. Aber ich dachte mir, das wäre nicht cool genug für Zach, den Künstler …«

Ihr unbeschwertes Selbstvertrauen scheint ansteckend zu sein, denn ich ertappe mich dabei, wie ich mich vertraulich vorbeuge. »Da bin ich mir nicht so sicher. Wenn du das jemals weitererzählst, werde ich es entschieden bestreiten, ich stehe nämlich in dem Ruf …«

»Oh? Erzähl! Ich bin sehr gut darin, Geheimnisse zu bewahren.«

»Wie gut?«

»Sehr gut.« Sie beißt sich auf die Lippe. Ich bin nicht sicher, dass sie die Wahrheit sagt.

»Ich habe Point-Romane gelesen, als ich jünger war«, flüstere ich.

Alice sprudelt über vor Entzücken. Ihr ganzes Gesicht strahlt vor Belustigung, und jetzt weiß ich genau, weshalb ich nicht anders konnte, als diesem hübschen Mädchen eines meiner peinlichsten Geheimnisse zu erzählen. Wenn ich sie nur lachen sehe, geht es mir gut.

»Was?! Du hast Point-Romane gelesen?«

»Vielleicht einen oder zwei.« (Mindestens ein Dutzend.)

»Ich bin erschüttert«, sagt sie. Und dann, etwas leiser, fast wie zu sich selbst: »Du stehst auf Liebesgeschichten, was?«

Wird sie das abschrecken?, frage ich mich. Sie ist bekennende Zynikerin, wenn es um »den Einen« geht, und ich bin heimlicher Liebesromanleser. Zum Glück habe ich keine Gelegenheit, weiter darüber zu grübeln, denn Wirbelwind Alice ist schon weitergehüpft zu der Regalreihe mit zeitgenössischer Belletristik.

Ich wollte ein rasches Ende unseres Dates verhindern und habe Alice gefragt, ob sie sich dazu überreden ließe, ihr selbst auferlegtes Kuchenverbot zu vergessen, und jetzt sitzen wir im Cafébereich und unterhalten uns angeregt. Unsere Neuerwerbungen liegen auf dem Tisch. Alice erzählt gerade ausführlich von der laufenden Auseinandersetzung zwischen ihr und einem Tauberich in ihrem Garten. »Ich nenne ihn ›großer Kackerdu‹, weil er mir immer wieder auf die Wäscheleine kackt, dabei ist unser Trockner kaputt …«

Ich gebe mir Mühe, nicht zu lachen. Ihr beim Reden zuzuhören, ist, als würde man zusehen, wie sich Champagner in ein Glas ergießt. Sogar eine Geschichte über einen kackenden Tauberich bekommt etwas Perlendes durch Alice, die bei Unterhaltungen förmlich übersprudelt vor Energie.

»Das ist nicht lustig, Zach! Ich hatte eine ganze Stunde mit einem neuen Klienten geredet, bis ich gemerkt habe, dass ich Vogeldreck auf der Schulter habe.«

»Erzähl mir mehr aus deinem Floristinnen-Leben.« Ich sehe, wie ihre Augen aufleuchten, als sie von ihrem Geschäft erzählt.

»Ich war Mitte zwanzig, als ich mein Geschäft eröffnet habe, und seitdem ist mir nie langweilig. Ich stehe morgens früh auf und arbeite oft noch an den Auftragsanfragen, wenn der Laden schon geschlossen ist. Ich finde, ich habe wirklich Glück, dass ich meine Leidenschaft zu meinem Beruf machen konnte.«

»Das klingt unglaublich bescheiden. Man muss sehr hart arbeiten, um mit einem eigenen Geschäft Erfolg zu haben. Du solltest stolz auf dich sein.«

»Danke.« Sie strahlt. »Das bin ich. Aber schau dich an. Die Menschen bezahlen für die Kunstwerke, die du kreierst. Das ist toll.«

»Wie das? Du machst dich nicht lustig über mich wegen Bildern, die jemand mit einem DIN-A4-Bogen und einem Marker heute selbst gemalt haben könnte?«, erwidere ich lachend. Sie schiebt sich den letzten Bissen ihrer Zimtschnecke in den Mund. »Spaß beiseite, danke. Es ist nicht einfach, aus seinen kreativen Interessen etwas zu machen, von dem man leben kann, aber ich bin froh, eine Arbeit zu haben, die ich liebe. Wie bist du im Floristik-Business gelandet?«

Für einen kurzen Augenblick liegt ein Schatten über ihrem Gesicht, aber sie verscheucht ihn sofort und nippt an ihrem Kaffee. »Als ich klein war, ist mein Dad freitagabends immer mit einem neuen Blumenstrauß für meine Mum nach Hause gekommen. Manchmal waren es Blumen, die er im Garten gepflückt hatte, manchmal war es ein gekaufter Strauß. Dann waren wir alle zusammen in der Küche und haben die Blumen auf Marmeladengläser verteilt, die ich später überall im Haus aufgestellt habe. Das war für mich der schönste Teil der Woche.«

Ich stelle mir Alice’ Kindheit vor. Sie erscheint mir wie all das, was ich nicht hatte.

»Als Studentin hatte ich einen Teilzeitjob als Floristin, und dabei habe ich eine Marktlücke entdeckt, etwas, für das sich eher der junge Markt interessieren würde. Mein Shop ist inzwischen so etwas wie ein Instagram-Hotspot geworden. Er sieht wirklich entzückend aus, wenn ich das so sagen darf. Im Außenbereich haben wir unter einem grün-weiß gestreiften Vordach alte Holzkisten aufgestellt, in denen wir die Blumen ausstellen. Drinnen hängt an einer Wand ein Neon-Reklameschild, neben dem sich Kund: innen gerne fotografieren lassen, eine Gitterwand mit unseren letzten Neuheiten, und an der hinteren Wand steht ein massiver Eichenholztisch, an dem ich Blumen schneide und Sträuße binde. Den habe ich in einem Antiquitäten-Shop in der Stadt gefunden. Die Leute kommen aus ganz Sheffield, nur um einen Strauß zu kaufen und Fotos von meinem Laden zu machen. Wir haben eine große Online-Fangemeinde, und ich bekomme Aufträge aus ganz Yorkshire.«

»Erstaunlich, wie du das Geschäft so toll weiterentwickelt hast.«

Sie lächelt stolz. »Es war viel Arbeit. Ich wette, das kannst du nachempfinden?«

»O ja.« Ich lache. »Als ich mit dem Studium fertig war, wurde mir schnell klar, dass kein Mensch einem völlig Unbekannten Bilder abkauft, also habe ich einen Job in einem Coffeeshop angenommen und so viele Schichten übernommen, wie ich konnte. Jede freie Stunde habe ich gemalt – in einer Ecke des Zimmers, das ich bei einem Freund gemietet hatte. Das Licht dort war wirklich schlecht! Lange Zeit habe ich mir Sorgen gemacht, nie ein richtiger Künstler zu werden, dass ich den Traum aufgeben und mir einen ›richtigen‹ Job suchen müsste, aber ich hatte wirklich Glück. Eine lokale Kunstgalerie beschloss, eine Ausstellung von aufstrebenden Talenten zu veranstalten, und das war mein großer Durchbruch. Ich bekam Aufträge, und eins führte zum anderen. Es war gefühlt eine sehr lange Durststrecke, aber jetzt bin ich froh, die Miete für mein Atelier bezahlen zu können.«

»Und gerade hattest du deine erste eigene Ausstellung! Das ist wundervoll.« Alice strahlt.

»Und die Leute aus Sheffield müssen nicht mehr den Kaffee trinken, den ich gemacht habe, eine echte Win-win-Situation.«

»Es ist schon eine steile Lernkurve, nicht wahr?«, bemerkt sie. »Ich meine, ich hatte keine Ahnung von der geschäftlichen Seite, als ich anfing, aber es ist auch wahnsinnig befriedigend. Manchmal habe ich das Gefühl, ich platze vor lauter Ideen, was ich als Nächstes machen möchte.«

»Hey, noch nicht platzen. Es macht viel zu viel Spaß mit dir.«

»Keine Sorge. Für unser Date habe ich strikt dienstfrei.«

»Wenn das so ist, habe ich wohl extremes Glück. Du hast übrigens recht.«

»So?« Scherzhaft schlingt sie die Finger um ihre Kaffeetasse.

»Das Aprikosentörtchen gewinnt tatsächlich.«

Da lacht sie und beißt wieder in ihre Zimtschnecke.

»Ich weiß nicht, die hier sind auch echt lecker. Bei Kaffeestückchen hast du einen hervorragenden Geschmack, Zach.«

Normalerweise ist das Plaudern mit neuen Bekanntschaften für mich anstrengend, aber nicht mit Alice. Wir haben schon ein paar unbeschwerte Stunden zusammen verbracht, und ich möchte mich unbedingt weiter mit ihr unterhalten, aber als jemand vom Personal anfängt, die Tische um uns herum abzuräumen, gebe ich mich geschlagen.

»Das hat Spaß gemacht.« Alice blickt im Hinausgehen zu mir hoch. »Und ich freue mich auf diesen skandinavischen Krimi. Allerdings fürchte ich, er könnte mich im Hinblick auf Nats Ex-Freund zu gewissen Brutalitäten inspirieren.«

»Nur um ganz sicher zu sein, du bist keine Mörderin, oder?«

»Nur um ganz sicher zu sein, du bist nicht immer noch begeisterter Leser von Point-Romanen, oder?«, gibt sie zurück. Wir stehen jetzt an der Bushaltestelle, und ich drehe mich zu ihr um.

»Ich kann nicht anders, ich bin ein alter Romantiker.«

Jetzt küss sie schon!

»Ich verrate dir ein Geheimnis«, flüstert sie. »Ich bin nicht wirklich eine Mörderin. Aber ich hege den einen oder anderen Groll wegen Menschen, die ich liebe.«

»Okay, ich habe nicht vor, bei unserem nächsten Date einen solchen Groll auszulösen.«

»Du gehst also davon aus, dass es noch eins geben wird?«

»Das hoffe ich.«

Es folgt eine lange Pause, und ich verspüre das bekannte flaue Gefühl im Magen. Vielleicht habe ich mir das nur eingebildet, und es ist gar nicht so gut gelaufen, wie ich dachte. Vielleicht hat es Alice gar keinen Spaß gemacht, und sie hat nur abgewartet, bis es Zeit wurde, zu gehen. Das wäre jetzt der perfekte Moment, sie zu küssen, aber was, wenn sie gerade im Begriff ist, mich in die Freundeszone zu schieben?

»Überlass die Organisation des C-Dates lieber mir.« Sie lächelt.

Ein Gefühl der Erleichterung durchströmt mich. Wir haben ein weiteres Date. Was für ein Wahnsinnsergebnis! Ich bin so froh, dass sie mich wiedersehen will.

Alice blickt mir jetzt tief in die Augen, und mehr Hinweise brauche ich nicht.

Jetzt ist der Moment gekommen, sie zu küssen. Sei selbstbewusst, und tu es einfach, denke ich. Ich beuge mich vor, um endlich das zu tun, was ich mir seit unserer ersten Begegnung wünsche: ihre Lippen mit meinen berühren. Als ich mein Gesicht ihrem nähere, rieche ich den Duft ihres Shampoos: grüner Apfel und Zimt. Wir berühren uns schon fast, da zögere ich, denn ich möchte diesen Augenblick genießen, und blicke ihr noch einmal in die Augen.

Aber, Moment mal, sie sieht gar nicht mich an.

Sie blickt über meine Schulter. Ich folge ihrem Blick und sehe, dass der Bus gerade neben uns anhält. Die Türen öffnen sich direkt neben mir.

Argh.

Ich versuche, so zu tun, als wäre nichts passiert, und jetzt treffen sich unsere Blicke doch. »Endlich einmal pünktlich«, sagt sie und schnalzt mit der Zunge, während ich mich aufrichte und versuche, nicht so auszusehen, als ob ich sie gerade küssen wollte. O Mann.

»Steigen Sie ein oder nicht?«, brüllt der Fahrer.

»Ich sollte wohl …«, sagt sie und deutet auf die geöffneten Türen.

»Klar«, sage ich und hebe die Hand, um ihre abzuklatschen, High five.

High five. Was für ein rasanter Abstieg, schneller, als ein Sportwagen von null auf hundert beschleunigt: von einem verpatzten Kuss zu einem kumpelhaften High five. Als der Bus losfährt, trete ich missmutig gegen die Bordsteinkante und beklage das unglaublich ungeschickte Ende unseres Dates.

Comedy-Show

Alice

Wie immer knurrt mein Magen, lange bevor es akzeptabel ist, Mittagspause zu machen. Freitagmorgens geht es im Shop immer hektisch zu, da unsere Kundschaft vor dem Wochenende frische Blumen haben möchte. Ich liebe es, ihre beglückten Gesichter zu sehen, wenn wir ihnen perfekt arrangierte Bouquets mit Blumen der Saison übereichen, aber selbst das hat mich nicht davon abgehalten, an den Halloumi-Salat zu denken, den ich heute Morgen zubereitet habe.

ISS MICH, ALICE!

Hör auf, mich anzumachen, Mittagessen!

»Oh, oh, ruft dein Mittagessen schon wieder nach dir?«, fragt Eve von ihrem Platz an der Kasse. »Du hast wieder diesen vor Hunger fast mordlustigen Blick. Ich halte hier gern die Stellung, wenn du früher in die Pause gehen willst.«

»Du bist ein Engel.« Ich bin so dankbar, dass ich sie küssen könnte, obwohl ich ziemlich sicher bin, dass ich damit die Arbeitgeber- / Arbeitnehmer-Grenzen überschreiten würde. Ich beglückwünsche mich selbst jeden Tag dafür, dass ich Eve eingestellt habe. Sie kann fantastisch mit der Kundschaft umgehen, und sie ist viel besser im Rechnen als ich, was sehr praktisch ist, wenn es darum geht, nun ja, ihr wisst schon, ein Geschäft zu führen. Ich gehe in unsere kleine Küche, mache mir eine Tasse Kräutertee, hole meine Lunchbox aus dem Kühlschrank und trete hinaus in den Garten hinter dem Haus. Die Sonne bricht durch die Wolken, und ich will mich gerade auf mein Essen stürzen, als mein Handy mich rüde mit einer SMS unterbricht.

Alice! Freu mich total, dich heute Abend zu sehen. Gehen wir nach der Show einen trinken?

DYLAN!, tippe ich als Antwort. Ja, bitte. Ich will so viel wie möglich von dir haben, solange du wieder da bist, es passiert ja nicht oft.

Geradeheraus wie immer, Gürkchen. Aber, schon klar. Vermisse mein Zuhause total.

Ja, es ist bestimmt hart, berühmt zu sein und in London zu leben. Vergiss nicht, ich habe gesehen, was für ein dickes Auto du fährst.

Und seitdem hörst du nicht auf, mich wegen meines Weinkühlschranks zu verarschen.

Vergessen wir nicht den Whirlpool. Die Glastreppe. Ich könnte ewig weitermachen …, tippe ich grinsend. Die Tatsache, dass einer meiner engsten Freunde jetzt in solchem Luxus lebt, wird mich immer in Erstaunen versetzen.

Genau deshalb komme ich ja diesmal nach Hause, damit wir uns sehen. Mein Apartment und ich können nicht noch mehr Kritik aushalten.

Ich bin wirklich stolz auf dich. Andererseits, Quatsch! Du kommst zurück, weil du einen Auftritt hast und reale Leute dich dafür bezahlen, dass du Witze machst. Wohnst du bei deiner Familie?

Ja, bin früher angekommen, und Mum hat auf Overdrive geschaltet.

Drück sie für mich, okay? Wie lange bleibst du?

Nur übers Wochenende. Ich fange am Montag wieder mit einem Dreh an.

Och nö.

Sorry, Gürkchen.

Werden sie heute Abend den roten Teppich für dich ausrollen?

Haha. Ich kann sie ja fragen, ob sie einen für meinen besonderen Gast ausrollen. Möchtest du eine zweite Eintrittskarte?

Ja, bitte.

Wie geht’s Natalie?

Ganz gut, aber nicht sehr gut. Ist eine lange Geschichte. Die zweite Karte ist aber nicht für sie. Ich bringe jemanden mit. WERDE NICHT PEINLICH DESWEGEN!

Mein Display zeigt an, dass Dylan etwas schreibt, kurz darauf folgen kitschige GIFs von Teddybären, die Händchen halten, und von Kaninchen, die Möhren durch Herzen schießen. Ich wusste, dass es so kommen würde.

Bist du fertig?

Einer fürs Herz?

Sag jetzt bloß nicht das L-Wort, Mann!

Na schön! Erzähl …

Er heißt Zach, er ist Maler.

Willst du, dass er dich so malt wie eines seiner Modelle?

Hoffe, die Witze heute Abend sind besser. Bis später.

Als ich den Chat schon verlassen möchte, überfällt mich Panik. Schnell füge ich hinzu: Bitte mach kein großes Ding daraus. Sprich mir nach … Kein. Großes. Ding. Wir stehen noch ganz am Anfang, und ich bin nicht sicher, worauf es hinausläuft.

Leadmill, 20.00 h, tippt Dylan. Kein-großes-Ding steht auf der Gästeliste.

Ich verstaue mein Handy und fange an, zu essen. Dabei überlege ich, worauf das mit Zach hinausläuft. Bei unserem letzten Date hätte ich schwören können, dass es die ganze Zeit zwischen uns geknistert hat, und ich habe wirklich geglaubt, wir würden es mit einem Kuss beenden. Das unbeholfene High-five-Ding war also ein bisschen enttäuschend. Normalerweise kann ich mich ganz gut in andere einfühlen, aber dieses Mal habe ich die Zeichen fehlgedeutet, und, machen wir uns nichts vor, ich bin kein Profi, was Dates angeht. Vielleicht gehört Zach ja zu diesen superheißen Typen, die mit jeder Frau flirten? Geistesabwesend tunke ich den Teebeutel immer wieder ins heiße Wasser. Ich schätze, es wäre einfacher, wenn Zach einfach nur befreundet sein wollte, obwohl ich mich bei dem Gedanken merkwürdig enttäuscht fühle.

Rund um den Veranstaltungsort wimmelt es von Menschen, und das vertraute erwartungsvolle Stimmengewirr wird von Minute zu Minute lauter. Ich warte auf Zach. Für unser drittes Date. Oder Verabredung unter Freunden … was auch immer.

»Hi«, sagt Zach selbstbewusst, als er plötzlich neben mir auftaucht.

»Hi!« Ich lächle zurück. Ich habe Zach noch nie in etwas anderem als einem dunklen, lose fallenden T-Shirt mit aufgekrempelten Ärmeln gesehen, aber heute Abend hat er einen leichten Pullover an, der sich perfekt an seine Schultern schmiegt. Ich kann seine definierten Muskeln darunter erahnen. Seine wilde Mähne hat er zurückgekämmt, und er trägt eine Schildpattbrille. Auch wenn es am Ende nicht mehr wird als eine Freundschaft, schadet es nichts, wenn er gut aussieht. Auch als Kumpel-Freundin darf man einen Kumpel-Freund für gut aussehend halten, hab ich recht?

»Ganz schön viel los hier, wie bist du an die Tickets gekommen? Ich habe gehört, die waren innerhalb von Stunden ausverkauft.«

»Ich muss dir etwas gestehen, ich kenne den Comedian«, sage ich, als wir uns einen Weg durch die Menge bahnen, um unsere Tickets abzuholen. »Er ist mein bester Freund, wir sind zusammen aufgewachsen. Er ist nicht mehr oft hier, aber das Timing erschien mir perfekt … Comedy-Night für unser C-Date. Und nach der Show können wir alle zusammen ausgehen.«

»Du bist mit Dylan Smith befreundet?«

»Ja, und er kann von Glück reden, dass er mit mir befreundet ist.«

»Bestimmt. Wenn ich bei meinem Bruder bin, endet es immer damit, dass wir uns seine Show im Fernsehen ansehen. Meine Schwägerin Ellie findet ihn wahnsinnig komisch, und ich habe den Verdacht, dass sie ganz schön in ihn verknallt ist.«

Ich lache. »Erwähn das nicht gegenüber Dylan, der ist schon eingebildet genug.«

Zach und ich sitzen nahe an der Bühne, und er brüllt vor Lachen, während Dylan Witze über das Leben als Yorkshire-Mann in London reißt. Ich bin so stolz auf ihn, auch wenn es ein bisschen merkwürdig ist, den Jungen, der immer die Milky Ways aus unserem Kühlschrank geklaut hat, als einen der angesagtesten Comedians auf der Bühne zu sehen.

Als Zach nach seinem Glas greift, streift seine Hand versehentlich meine. Das löst in meinen Fingern ein Prickeln aus, und ich spüre, wie ein Funke überspringt, was wiederum einen Wirbelsturm in meinem Kopf auslöst. Ich glaube, da ist etwas zwischen uns, aber erwidert Zach wirklich meine Gefühle? Und warum will ich das, wo ich doch weiß, dass winzige Funken zu einem großen Brand führen können, bei dem Menschen verletzt werden? O mein Gott, ich muss mich beruhigen. Eigentlich ist es nicht meine Art, alles so zu »zerdenken«. Ich richte meine Aufmerksamkeit wieder auf die Bühne und konzentriere mich darauf, wie Dylan mit seiner liebenswerten Art die Leute zum Lachen bringt. Als sein Programm zu Ende ist, stehe ich auf wie alle anderen. Applaus erfüllt den Raum.

»Wie fandest du es?«, frage ich Zach über den Lärm hinweg.

»Er ist wirklich komisch.« Zach erwidert mein Lächeln. »Außerdem liebe ich Live-Comedy, das war also eine gute Wahl für unser C-Date …«

»Sehr gut!«

»Hör zu … Alice, ich habe mir überlegt, wenn du Lust hast … könnten … nur wir bei…«

Ich kann nicht verstehen, was er sagt, so laut ist es hier, aber ich spüre, dass mein Handy vibriert, also ziehe ich es aus der Tasche und lächle entschuldigend in Zachs Richtung, weil ich ihn unterbrochen habe. »Ich habe gerade eine Nachricht von Dylan bekommen«, schreie ich, deute auf mein Handy und in einer Art Zeichensprache wieder auf die jetzt leere Bühne. »Er fragt, ob wir mit ihm noch in einen Pub gehen. DRINKS.« Ich tue, als würde ich ein Glas leeren. Zach runzelt die Stirn, also bedeute ich ihm, mit mir nach draußen zu gehen.

»Dylan schlägt vor, dass wir noch zusammen ausgehen«, sage ich, als die Lautstärke nachlässt. »Bist du einverstanden? Tut mir leid, was wolltest du vorhin sagen?«

»Nichts weiter. Wenn du mit Dylan in einen Pub gehen willst, dann machen wir das.«

Die Straßen sind voller Menschen, die aus den Pubs und Bars in die milde Abendluft des Frühsommers strömen.

»Ich fühle mich wie im Urlaub«, sage ich auf dem Weg zu der Bar.

»Geht mir genauso«, erwidert Zach.

»Erstaunlich, dass Sheffield so etwas bewirkt. Ich liebe diese Stadt.«

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