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Das magische Fundbüro

hier erhältlich:

Ein Fundbüro voller Magie und Geheimnisse

Finjas Familie scheint etwas zu verbergen. Ihre Zeit verbringt Finja deshalb am liebsten am Strand mit dem alten Kapitän Bruno, der immer ein offenes Ohr für sie hat, und ihr von einem Drachenei erzählt, das ihm gestohlen worden ist. Dann lüftet Finja endlich das große Geheimnis, und sie entdeckt, dass sie magische Fähigkeiten hat, wie alle in ihrer Familie. Durch eine Geheimtür im Antiquitätengeschäft ihrer Eltern betritt sie das magische Fundbüro, das verzauberte Gegenstände und übernatürliche Wesen verbirgt. Hier lernt Finja mit anderen begabten Kindern, mit ihrer Magie umzugehen. Alle anderen bekommen einen fantastischen Gefährten, doch ausgerechnet ihrer lässt auf sich warten. Sollte sie vielleicht doch nach Kapitän Brunos verschwundenem Drachen suchen?

Geheimtüren, Labyrinthe und Steilklippen: Ein neuer magischer Ort für jüngere Leserinnen und Leser


  • Erscheinungstag: 21.07.2022
  • Seitenanzahl: 180
  • Altersempfehlung: 8
  • Format: E-Book (ePub)
  • ISBN/Artikelnummer: 9783505150272

Leseprobe

1

Ein fast normaler Morgen

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Wenn Finja enttäuscht war, flüchtete sie sich in ihre Höhle. So wie jetzt, früh am Morgen, im ersten Licht vor dem Sonnenaufgang. Denn sie war früh aufgewacht, und die Enttäuschung hatte sich im Schlaf nicht verflüchtigt.

Deshalb kletterte sie die felsige Klippe hinauf, während der steinige Strand unter ihr verlassen dalag. Finja streckte ihre linke Hand nach oben und schob sie in die Felsspalte etwas über ihrem Kopf. Sie hielt sich an dem rauen Stein fest und zog sich hoch. Nur noch drei Griffe bis zu ihrer Höhle. Die konnte sie auch mit geschlossenen Augen finden, aber trotzdem hatte sie die Augen weit offen.

Als Nächstes packte sie eine Baumwurzel. Der Baum stand wenige Meter über ihr am Klippenpfad und streckte seine Wurzeln weit über den Rand der Klippe hinab, bohrte sie unter ihr in den Fels. Nicht an unten denken. Finja schloss die Finger fest um die kräftige Wurzel. So früh am Morgen lag noch Tau auf der Rinde und kühlte ihre Handfläche.

Zwei Griffe noch. Sie tastete sich mit einem Fuß weiter hoch, drückte den anderen auf die schmale Felskante. Da war der Vorsprung. Finja stützte sich darauf. Von hier aus war es ganz leicht, und so schob sie sich kurz darauf in den schmalen Eingang ihrer Höhle. Nur ein Kind passte da hindurch.

Aber kurz hinter dem Eingang dehnte sich die Höhle zu beiden Seiten und nach oben aus. Finja setzte sich auf. Durch den Spalt, der ihr als Eingang diente, fiel ein wenig Morgenlicht herein. Blass zog es sich über den Boden bis zu ihren Füßen. Hinter ihr breitete sich Dunkelheit aus. Doch Finja wusste, dass die Höhle noch dreizehn Schritte weit in den Fels führte. Sie wusste, dass schräg links hinter ihr die Nische war, in der sie Kerzen und Streichhölzer aufbewahrte. Und Schokolade. Für Notfälle.

Heute brauchte sie nichts davon. Finja streckte sich lang auf dem Boden aus und legte den Kopf auf die verschränkten Arme. Es gab keinen besseren Platz, um dem Sonnenaufgang über dem Meer zuzusehen.

Von hier oben konnte sie weit über den Steinstrand am Fuß der Klippe blicken, während sie selbst unsichtbar für alle blieb, die dort herumliefen. Jetzt war der Strand allerdings verlassen. Bis auf die Möwen natürlich. Die krakeelten herum, schossen über das Meer oder schaukelten auf den kleinen Wellen in Strandnähe. Einige tippelten auch auf dem Kies herum. Ihre Schritte machten dabei natürlich kein Geräusch. Finja beneidete sie manchmal. Darum, dass sie jederzeit einfach auf und davon fliegen konnten.

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Sicher, sie stritten oft um ihr Essen. Aber sonst schienen sie alles zu teilen. Niemand verstummte abrupt, wenn eine von ihnen neu dazukam. Sie sahen immer aus, als gehörten sie alle zusammen. Finja seufzte und drückte ihr Kinn fester auf ihren Unterarm. Der Wind strich kühl über ihre Wangen, streichelte ihre wilden Locken. Fürs Haarebürsten hatte sie keine Zeit gehabt. Und für einen Zopf waren ihre Haare zu kurz.

Die Sonne schickte knallrotes Licht über die Wellen, vertrieb die Morgenblässe.

»Guten Morgen, erster Sommerferientag«, murmelte Finja. Obwohl das kein guter Morgen war. Auch kein guter Tag. Ferien hatten selten gute Tage. Sie kniff die Augen zusammen. Als könnte sie so ihre Gedanken verscheuchen.

Gedanken wie:

Ob das Meer in Irland genauso aussah wie das Meer hier.

Ob Papa noch wusste, welches Buch er ihr zuletzt vorgelesen hatte. Wo sie aufgehört hatten.

Was für ein Job konnte wichtiger sein als ihre gemeinsame Zeit?

»Ein anderes Mal klappt es bestimmt«, hatte er gesagt. Wie schon das letzte Mal. Und das davor. Finja wischte sich mit dem Handrücken über die Augen.

Unten, wo die Wellen über den Steinstrand ausliefen, kreischten plötzlich die Möwen laut auf. Ein großer silbergrauer Hund sprang über die Steine und scheuchte sie hoch. Es schien ihm Spaß zu machen. Den Möwen weniger. Ihr Kreischen klang noch schriller als sonst. Sie flatterten umher, schossen durch die Luft, hin und her, auf und ab, herum und herum, während der Hund unter ihnen bellte, hochsprang und nach ihnen schnappte. Erst ein scharfer Pfiff ließ ihn abrupt stoppen.

Ganz still stand er da. Die Möwen drehten noch eine laute Runde über ihm, dann zogen sie ab, um sich in einiger Entfernung wieder am Strand niederzulassen. Der Hund hatte den Kopf gesenkt und rührte sich nicht.

Ein blasser, hagerer Mann kam mit weiten Schritten heran. Sein langer schwarzer Mantel flatterte über dem Wasser. So nah, dass die Spritzer der auslaufenden Wellen ihn trafen. Finja kannte weder den Mann noch den Hund. Was seltsam war, denn in Lumpin kannten sich alle. Und wirklich niemand kam zum Urlaub hierher. Nicht einmal im Sommer. Sie schob sich näher an den Höhleneingang und beobachtete den Unbekannten mit seinem silbergrauen Hund.

Der Silbergraue hielt so still, dass alles an ihm zitterte. Er rührte sich nicht einmal, als eine Welle seine Pfoten umspülte. Am liebsten wäre Finja zu ihm gerannt, um ihn in die Arme zu nehmen.

Die Kiesel knirschten unter den Schuhsohlen des hageren Mannes. Er starrte auf den Boden, als suchte er etwas. Als würde das Wasser nicht alles wegspülen. Finja verdrehte die Augen.

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Der hagere Mann hob ruckartig den Kopf, als hätte er ihre Gedanken gehört. Er musterte die Felswand. Finja erstarrte. Sie wusste, dass er sie nicht sehen konnte. Vom Strand aus wirkte ihr Höhleneingang nur wie ein Riss im Fels, halb verdeckt von Wurzeln und Gesträuch. Sie hatte das Tausende von Malen getestet. Von unten konnte man nicht in ihre Höhle hineinsehen.

Und trotzdem fühlte es sich an, als würde der hagere Mann ihr direkt ins Gesicht starren. Finja hielt den Atem an. Was sinnlos war. Aber sie konnte nicht anders. Sie zitterte unter diesem Blick wie der Silbergraue. Dort, wo sie die Brust gegen den Felsboden presste, spürte sie ihr Herz hämmern. Es war lauter als die Brandung.

Geh weg, geh weg, geh weg, geh weg, geh weg, geh weg, dachte Finja. Kein anderer Gedanke hatte Raum in ihrem Kopf. Geh weg, geh weg, geh weg, geh weg, geh –

Der hagere Mann drehte den Kopf nach links. Fort von ihr. Fort von ihrer Höhle. Finja wagte endlich wieder zu atmen. Aber nur ganz leise. Ihr Herzschlag dröhnte noch immer laut genug. Der Mann sah an der Felswand hoch und runter, als könnte er mit seinem Blick den Stein durchdringen. Dann wandte er sich plötzlich um und ging weiter.

Den Hund beachtete er nicht einmal, lief einfach an ihm vorbei. Und der Silbergraue blieb stocksteif stehen – bis der hagere Mann erneut einen schrillen Pfiff ausstieß. Da setzte sich der Hund sofort in Bewegung und rannte dem Mann hinterher. Er wich ihm nicht mehr von der Seite, nicht einmal, wenn der lange, flatternde Mantel ihm auf die Schnauze schlug.

Finja war froh, dass der hagere Mann sich immer weiter und weiter von ihr entfernte. Aber sie wünschte sich, sie hätte den Hund vor ihm retten können. Marou hätte sich gut um ihn gekümmert. Marou verstand sich mit anderen Hunden. Er hörte zwar nur auf Nilo und ignorierte alle anderen Menschen, aber zu Hunden war er immer freundlich. Zu allen Tieren eigentlich. Sogar zu Mamas Katze. Finja seufzte. Nilo hätte mit Marou am Strand sein müssen. Aber die beiden gingen nie so früh spazieren. In der Hinsicht passte er gut zu den anderen in ihrer Familie, weil die alle gern lang schliefen. Jannick nannte ihn sogar manchmal Papa zwo, seit er bei ihnen lebte. Aber dazu konnte Finja sich nicht durchringen, nicht mal im Scherz.

Sie blickte dem Silbergrauen und dem hageren Mann hinterher, der in der Ferne kleiner wirkte als ihr kleiner Finger. So ganz und gar nicht mehr angsteinflößend. Aber wenn sie an den Blick des Mannes dachte, kroch die lähmende Starre wieder durch Finjas Körper. Hoffentlich blieb der nicht in Lumpin. Hoffentlich war das auch nur so ein Durchreisender. Und hoffentlich einer, der nicht in den Laden von Mama und Nilo wollte.

Die Sonne hatte ihre Röte abgeschüttelt. Knallgelb stand sie am hellblauen Himmel. Es würde ein heißer Tag werden. Finja schob sich vom Eingang der Höhle weg und setzte sich auf. Zeit aufzubrechen.

Aber sie konnte nicht einfach denselben Weg zurück nehmen. Denn wenn Frau Grimm, die gleich unten am Strand ihren Morgenspaziergang machen würde, sie an der Klippe herumklettern sah, würde sie unweigerlich Mama davon erzählen. Aus Besorgnis. Weil das schrecklich gefährlich ist, Kind. Finja schnaubte.

Mama wäre enttäuscht. Weil sie ihr beim ersten Mal versprochen hatte, keine Kletterausflüge mehr zu machen. Was eine Lüge gewesen war. Und Finja wollte nicht noch einmal lügen müssen. Sie brauchte einen anderen Weg aus der Höhle.

Dreizehn Schritte brachten sie zur hinteren Wand. Hierher drang das Licht nicht mehr vor. Finja legte die Hände an den trockenen, kühlen Fels. Sie tastete über den rauen, manchmal scharfkantigen, manchmal glatten Stein, bis sie die schmale Spalte darin fand. Wie schon oft zuvor streckte sie einen Arm hinein. Das war ganz leicht. Und bis zur Schulter passte sie auch ohne Probleme hindurch. Aber den Kopf musste sie zur Seite drehen.

Was, wenn sie stecken blieb? Was, wenn sie in der Spalte klemmte und nicht mehr vor oder zurück kam? Würde sie dann feststecken, bis sie verdurstete? Wann würde ihre Familie ihre Abwesenheit bemerken? Wie lange würden sie nach ihr suchen? Würde irgendwann ein anderes Kind ihr Skelett finden, immer noch zwischen den Felswänden eingeklemmt?

Die Fragen rasten durch ihren Kopf, hielten sie fest. Finja atmete ganz vorsichtig. Was, wenn die Spalte zu einem Tunnel führte? Einem Tunnel, der sich durch den Fels wand wie eine Baumwurzel. Einem Tunnel, der nach oben führte. Finja wackelte mit den Fingern, streckte den Arm, so weit sie konnte, in die Spalte.

Da war ein Luftzug. Er strich über ihre Fingerkuppen. Finja schloss die Augen, weil sie sowieso nichts sah. Dann drehte sie den Kopf und schob sich vorsichtig weiter in die Spalte. Sie musste auch die Füße querstellen, um sich ganz hineinzuquetschen. Bei jedem Einatmen drückten Brust, Bauch und Rücken gegen den Fels. Aber sie konnte sich bewegen. Sie steckte nicht fest.

Finja presste die Augen noch fester zusammen und konzentrierte sich ganz auf den Luftzug. Der musste von draußen kommen. Also musste hier ein Tunnel nach oben und nach draußen führen. Sie konnte schon vor sich sehen, wie sie den Kopf am Ende des Tunnels dem Licht entgegenstreckte. Der Tunnel würde in dem Wald auf der Landseite des Klippenpfads enden. Nicht weit von der Bank, auf der Kapitän Bruno so oft saß. Aber durch Bäume und Büsche vor allen Blicken verborgen. Deswegen hatte ihn auch noch nie jemand entdeckt. Nicht einmal sie.

Eine Buche breitete schützend ihre Wurzeln über dem Ende des Tunnels aus. Die einzelnen Stränge ließen genug Raum zwischen sich, dass man hindurchschlüpfen konnte, wenn man klein genug war. So musste es sein.

»Ein Wunschtunnel«, murmelte Finja. Sie behielt das Bild ganz fest im Kopf. Dann schob sie den vorderen Fuß ein Stück weiter in den Felsdurchgang – und stieß gegen Stein.

Doch so schnell ließ sie sich nicht entmutigen. Sie beugte das Knie und spürte sofort eine Steinkante. Der Eingang in den Tunnel lag also etwas höher als der Boden ihrer Höhle. Denn sie hatte ihren Arm auf Schulterhöhe ausgestreckt. Der ragte eindeutig tiefer in den Fels hinein als ihr Knie.

Finja tastete nach den Felswänden, während sie sich den Wunschtunnel genau ausmalte. So genau, dass sie ihn trotz der Dunkelheit vor sich sah. Er war breit und hoch genug, dass sie hineinkriechen konnte. Die Unebenheiten am Boden boten ihr viele Vorsprünge und Aushöhlungen für Hände und Füße, um sich festzuhalten und abzustützen. Denn der Tunnel verlief nicht eben, er führte schräg nach oben. Musste er ja auch, wenn sie den Ausgang unter der Buche erreichen wollte.

Mit dem Kopf voran kroch Finja auf dem Bauch liegend Stück für Stück vorwärts. Sie zählte jeden Schub-Zug: Sie stemmte sich mit den Füßen von einem Vorsprung oder einer Aushöhlung ab, schob ihren Körper weiter, während sie zugleich die Hände um einen Felsvorsprung klammerte und sich mit den Armen voranzog. Dann tastete sie nach einer neuen Stütze für ihre Füße, einem neuen Halt für ihre Hände.

Schieben-ziehen, tasten, schieben-ziehen, tasten, schieben-ziehen – es war ein mühseliges Vorankommen. Aber das kannte sie vom Klettern. Und hier konnte sie nicht in die Tiefe stürzen, versuchte Finja sich zu beruhigen. Das Schlimmste hier wäre, wenn der Tunnel endete. Oder zu schmal wurde.

Schieben-ziehen, tasten – nur an den Ausgang oben denken – schieben-ziehen, tasten, schieben-ziehen. Finja presste sich gegen den Felsboden. Nur ein paar Augenblicke lang verschnaufen. Sie schüttelte ihre verkrampften Finger aus. Irgendwo schrie eine Möwe.

Finja zuckte zusammen. Dann blinzelte sie und öffnete vorsichtig die Augen. Um sie herum war es nicht länger dunkel. Licht sickerte von oben herein und tauchte den Tunnel vor ihr in Dämmerlicht. Finja verschluckte sich fast vor Aufregung. Sie streckte den linken Arm aus, packte den nächsten Hubbel im Felsboden, drückte sich mit den Füßen ab und zog sich etwas weiter nach oben. Schieben-ziehen, tasten – mit dem immer heller werdenden Licht ging das leichter als zuvor.

Und es dauerte auch nicht mehr lang, bis sie die Arme aus dem Tunnel strecken konnte. Sie schob ein paar Blätter und Zweige zur Seite, dann passten auch Kopf und Schultern hinaus. Finja stützte sich an den Wurzeln rechts und links des Tunnelausgangs ab und stemmte sich hoch.

Die Buche breitete ihre Äste weit über ihr aus.

2

Kapitän Bruno

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Das Sonnenlicht flirrte auf den Blättern. Finja lehnte sich an den Stamm der Buche und lauschte auf Wind, Möwen, Meer und Vogelgezwitscher. Ein wenig wunderte sie sich jetzt doch über diesen Tunnel. Oder besser gesagt: darüber, dass sie ihn erst heute entdeckt hatte. Gleichzeitig war sie sehr froh über ihn, denn jetzt konnte sie das Versprechen halten, das sie Mama gegeben hatte, und musste nicht mehr die Felswand hochklettern, wenn sie in ihre Höhle wollte.

So saß sie eine Weile lang da, bis ihr von dem flirrenden Licht der Blätter ganz schwindelig wurde. Da schob sie die Zweige und Blätter wieder über den Tunneleingang, hielt den Blick auf den Boden gerichtet, bis ihr Kopf sich nicht mehr drehte. Dann stand sie auf.

Ein Weg war weit und breit nicht in Sicht. Aber sie musste nur in Richtung Meer laufen, um zum Klippenpfad zu gelangen. Das war leicht. Genauso leicht, wie sich auf die Bank neben Kapitän Bruno zu setzen.

»Finja.« Er tätschelte ihren Kopf. Und er war der Einzige, dem sie das erlaubte. Schließlich musste er sich vergewissern, dass sie wirklich Finja war. Seine Augen waren zu alt geworden zum Sehen. »Schon so früh unterwegs?« Kapitän Bruno hielt die Augen geschlossen und wandte sein Gesicht der Sonne zu.

»Noch früher.« Finja lehnte sich an seine Seite und legte eine Hand auf seinen Arm. Der Stoff seiner blauen Leinenjacke war dünn und weich vom Alter. Finjas Hand, obwohl schon leicht sommerbraun, wirkte blass gegen seine.

Der Kapitän fühlte sich schwerer an als sonst. Alle Falten auf seinem Gesicht gruben sich tiefer in die Haut als noch vor drei Tagen. Finja drückte seinen Arm. Kapitän Bruno seufzte schwer. »Er ist fort«, sagte er. So leise, dass Finja nicht wusste, ob sie die Worte hören sollte oder nicht.

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»Da hofft man und hofft«, fuhr Kapitän Bruno fort, »hofft und pflegt, gibt immer gut Acht. Und am Ende …« Er schüttelte den Kopf und tätschelte Finjas Hand. »Tut mir leid. Ich bin keine fröhliche Gesellschaft heute.«

»Versteh ich doch.« Schließlich war sie das auch nicht. Sie wusste zwar nicht, wer fort war, aber sie wusste genau, wie sich das anfühlte, wenn jemand fortging. Und sich jedes Versprechen, dass sich nichts ändern würde, als Lüge herausstellte. Eine Zeit lang war nur das Rauschen der Wellen und das Schreien der Möwen zu hören.

»Weißt du, ich hab halt gedacht, er würde mir Gesellschaft leisten.« Kapitän Bruno legte den Kopf in den Nacken, wandte ihn den Möwenrufen zu.

Finja presste die Lippen zusammen, um nicht zu sagen: Ich bin immer bei dir. Denn das stimmte nicht. Sie war auch sehr oft anderswo. Nicht so weit weg wie Papa von ihr, das schon, aber eben auch nicht immer da. Deshalb blieb sie still und lauschte Brunos traurigen Atemzügen, bis der Kapitän sich entschied, wieder etwas zu sagen.

»Ich hab bislang nie jemandem davon erzählt.« Noch einmal schwieg er. Aber nur kurz. Dann erzählte er Finja von dem Drachen. Oder – richtiger gesagt – dem Drachenei.

Die Geschichte davon, wie Kapitän Bruno zu dem Drachenei kam, in seinen eigenen Worten:

Vor langer, langer Zeit, auf einer meiner Reisen, ankerten wir mit dem Schiff vor einer kleinen Insel in tropischen Gewässern. Die Esmeralda hatte einen Maschinenschaden, und so würden wir ein paar Tage lang festsitzen. Ich war damals noch nicht Kapitän, sondern ein einfacher Matrose. Mit dem Maschinenraum hatte ich nichts zu schaffen, daher konnte ich mit ein paar Kameraden an Land gehen.

Die anderen wollten etwas trinken, aber ich entschloss mich die Insel zu erkunden. Sie war nicht groß und auch nicht klein. Ich lief einfach so umher. Es war ein warmer Tag, und ich genoss es, mit meiner Hautfarbe mal zur Mehrheit zu gehören. Auf den Weg habe ich dabei gar nicht geachtet, bin mal da und mal dort lang spaziert, habe den Hafen und den Ort mit den kleinen, windgeduckten Häusern schließlich hinter mir gelassen.

Plötzlich war ich dann mitten im Regenwald. Keine Ahnung, warum der so heißt, geregnet hat es jedenfalls nicht an dem Tag. Aber die Blätter der Farne und Bäume, wenn die so aneinanderrieben, klangen sie wie ein leichter Sommerregen.

Jedenfalls, ich geh da so lang, bestaune, wie grün alles ist, wie es um mich herum leuchtet und glitzert, da höre ich Stimmen. Von Menschen. Keine Ahnung warum, aber ich verstecke mich in einem hohlen Baum, will nicht gesehen werden. Eine der Stimmen behagt mir ganz und gar nicht. Sie ist durchdringend und hart.

Ein Mann, nicht älter als ich, und ein Junge, schlaksig, im Gesicht noch viel weicher als sein Vater. Der redet auf ihn ein, ohne ihn anzusehen. Sein Blick gilt einzig und allein dem, was er in beiden Händen hält. Und auch ich kann jetzt nur noch darauf schauen.

Es ist ein Ei. Aber so groß, wie ich es noch nie zuvor gesehen habe. Größer als ein Straußenei, und das ist schon so groß wie drei Hühnereier. Dieses Ei ist mindestens so groß wie fünf Straußeneier. Und es ist dunkelblau, wie die Dämmerung kurz bevor es Nacht wird. Durch das Dunkelblau ziehen sich türkise Linien. Wie eine Marmorierung. Winzige, silberne Tupfen verteilen sich dazwischen. Wie die Spiegelbilder von Sternenlicht auf dem Nachtmeer.

Was mich noch viel tiefer fasziniert: Ich meine, einen Herzschlag zu hören. Ein Pochen, das aus dem Ei kommt. Schnell. Und ängstlich. Als wollte, wer auch immer in dem Ei lebte, ganz dringend fliehen, dem Mann entkommen, der das Ei festhielt.

Und da hab ich gewusst, dass ich das Ei vor ihm retten muss. Dass ich den beiden folgen und den Drachen retten muss.

Also bin ich ihnen hinterher. Wir haben bald den Ort wieder erreicht. Der Vater, ein hagerer Mann, der ganz blass war, trotz der tropischen Sonne, hatte das Drachenei in einen Beutel gesteckt, bevor wir den Regenwald verließen. Was ich dann hörte, als ich die beiden in der Werkstatt hinter ihrem Haus belauschte, machte meinen Entschluss unumgänglich.

Nach dem Schlüpfen des Drachen müssten sie noch warten, bis seine Schuppen ganz ausgehärtet wären, sagte der Vater. Das könnte schon ein paar Jahre dauern. Die harten Schuppen, zu einem Pulver zermahlen, würden ihnen unvorstellbare Macht verleihen.

Mir wurde ganz schlecht beim Zuhören. Er wollte den Drachen in Gefangenschaft halten – und ihm alle seine Schuppen ausreißen! Das konnte, das durfte ich nicht zulassen.

Daher habe ich gewartet, bis Vater und Sohn die Werkstatt verließen. Das Drachenei blieb darin zurück, in viele Lagen Stoff gewickelt und in einen Käfig gesteckt. Natürlich war auch die Werkstatt gut verschlossen. Aber es gab auch ein Fenster.

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»Ich bin nicht besonders stolz auf den Einbruch, das kannst du mir glauben. Aber ich musste schließlich den Drachen retten.« Kapitän Bruno zuckte mit den Schultern. »Oder nicht?«

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