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Das Weihnachtscafé in Manhattan

hier erhältlich:

Die ersten Schneeflocken fallen, ein Kribbeln liegt in der Luft, und über die Fifth Avenue zieht der köstliche Duft von Schokoladentorte - das festlich geschmückte Candied Apple Café ist bereit für Weihnachten!
Hotelchef Mads Eriksson lässt sich von der besinnlichen Stimmung nicht anstecken. Es ist das erste Weihnachtsfest seit dem Verlust seiner Frau, und seine sechsjährige Tochter Sofia hat zusammen mit ihrer Mutter den Glauben an Santa Claus verloren. Doch als er Iona, die schöne Besitzerin des Candied Apple Cafés, kennenlernt, beginnt Madsʼ gefrorenes Herz zu tauen. Wird er etwa sein ganz persönliches Weihnachtswunder erleben?


  • Erscheinungstag: 01.10.2018
  • Aus der Serie: Candied Apple Café
  • Bandnummer: 3
  • Seitenanzahl: 304
  • ISBN/Artikelnummer: 9783955768553
  • E-Book Format: ePub
  • E-Book sofort lieferbar

Leseprobe

Widmung

Weihnachten ist für meine Familie eine ganz besondere Zeit. Meine Eltern haben an Weihnachten geheiratet und feierten 2017 ihren 50. Hochzeitstag.

Dieses Buch widme ich Charlotte und David Smith, weil sie mir beigebracht haben, dass Liebe, Lachen und Familie der Anfang aller schönen Dinge im Leben sind.

Außerdem widme ich dieses Buch meiner Familie, und die ist groß, also sehen Sie es mir bitte nach, dass die Liste der Personen, die ich in meinem Herzen trage, etwas länger ausfällt: Rob, Courtney, Lucas, Bobby, Josh, Tabby, Donna, Scott, Emily, Linda, James, Ryan und Katie.

1. Kapitel

Weihnachten war für Iona Summerlin die schönste Zeit des Jahres. In diesem Jahr hatte sie ihre ganze Energie darauf verwendet, das »Candied Apple Café« zu einem Weihnachts-Wunderland umzugestalten. Mit den Schaufenstern hatte sie angefangen und danach das ganze Ladencafé dekoriert. Lächelnd richtete sie den Blick auf den schmiedeeisernen Apfel über dem Café, dem der Elektriker eine riesige beleuchtete Nikolausmütze aufgesetzt hatte.

Der Journalist, der einen Artikel über die angesagtesten Orte in Manhattan schrieb, wollte noch ein paar Fotos von Iona und ihren beiden Geschäftspartnerinnen vor ihrem Laden schießen. Deshalb posierte sie nun mit Hayley Dunham und Cici Johnson, die zugleich ihre besten Freundinnen waren, draußen auf dem Bürgersteig.

Getreu ihrem Motto »Weihnachtszauber« waren die Schaufenster von Frosty, dem Schneemann, inspiriert, der durch einen Zauberzylinder zum Leben erweckt worden war. Eine Gruppe Kinderpuppen in einer Ecke und eine Gruppe Erwachsenenpuppen in der anderen Ecke blickten auf eine leere Fläche. Alle dreißig Sekunden blies Wind durch die Szenerie, Mützen und Hüte senkten sich auf die Köpfe der Figuren, während im Hintergrund das Bild des weihnachtlich geschmückten Candied Apple Cafés mit seinen Pralinen, Schokoladenspezialitäten und natürlich auch dem berühmten Minzkakao auftauchte.

Der Bürgersteig war mit Schnee gepudert, und jedes Mal, wenn die Tür zum Café aufging, drang das Lied »It’s Beginning to Look a Lot Like Christmas« auf die Straße. Iona wusste, dass sie eigentlich zufrieden sein konnte, aber in Gedanken war sie bereits bei der Dekoration für das nächste Weihnachtsfest.

Da sie im Wettbewerb mit den Schaufenstern der großen Marken auf der Fifth Avenue standen, musste sie alle Register ziehen, um Kunden anzulocken und ihnen ein unvergleichliches weihnachtliches Einkaufserlebnis zu bieten.

Allmählich schien sich ihre Arbeit auch bezahlt zu machen. Zwei größere Unternehmen hatten bereits wegen einer Kooperation Kontakt zu Iona aufgenommen – eine Luxushotelkette und ein Bauunternehmer, der ihnen vorschlug, eine Filiale im Meatpacking District in Manhattan, dem neuen Food-Mekka New Yorks, zu eröffnen, und sie dabei unterstützen wollte.

Die Luxushotelkette hingegen bestand aus zwanzig exklusiven Hotels weltweit, die ihren Gästen ein einzigartiges Wohlfühlerlebnis versprachen. In den hoteleigenen Boutiquen konnte man speziell auf das jeweilige Hotel abgestimmte Produkte kaufen, die es sonst nirgendwo gab. Iona bezweifelte jedoch, dass sie sich einig werden würden. Ein Vertrag mit der Hotelkette wäre zwar ein wunderbarer Türöffner zum Luxusmarkt gewesen, doch Hayley, die Chefkonditorin des Candied Apple Cafés, hatte sehr eigene Vorstellungen von der Zubereitung ihrer Schokoladenspezialitäten und gab die Rezepte nur ungern aus der Hand. Bisher durfte außer ihr bloß ihr sorgfältig ausgewähltes Küchenpersonal die Pralinen herstellen – und das auch nur unter Hayleys strenger Aufsicht.

»Das ist so schön, Iona. Mir gefällt dieses Weihnachtszauberthema. Du hast die Magie wirklich eingefangen.« Cici hakte sich bei ihr unter. Sie war ein paar Zentimeter kleiner als Iona, hatte braune Locken und eine fröhliche Natur. Ihr Markenzeichen war eine Hornbrille, doch heute trug sie wegen des Fotoshootings für das Manhattan-Magazin Kontaktlinsen.

Hayley, Cici und Iona waren so angezogen wie … nun ja, Mariah Carey in ihrem All-I-Want-For-Christmas-Video. Iona wollte in dem PR-Artikel, den sie an Land gezogen hatte, das Café so verlockend wie möglich dargestellt wissen, und die kurzen roten Kleider mit weißem Kunstpelzbesatz am Saum sahen nun mal sexy und weihnachtlich aus.

Hayley gesellte sich an Ionas andere Seite. Der raspelkurze Pixie-Schnitt, den sie sich im Januar zugelegt hatte, war inzwischen rausgewachsen, und die blonden Haare reichten ihr schon fast wieder bis zu den Schultern. Die drei tauschten ein verschwörerisches Lächeln. Manchmal konnten sie ihren Erfolg gar nicht glauben. Natürlich hatten sie davon geträumt, dennoch erstaunte es sie immer wieder, dass dieser Traum tatsächlich wahr geworden war.

»Mir geht’s genauso. Das Schaufenster sieht wunderbar aus. Heute Morgen habe ich mit Lucy gute zehn Minuten hier draußen gestanden, nur um zuzusehen, wie es sich immer wieder verwandelt«, sagte Hayley. Lucy war ihr Zwergdackel.

»Ich freu mich, dass es euch gefällt. Für nächstes Jahr habe ich auch schon ein paar Ideen.«

»Lass uns erst mal diese Weihnachtssaison hinter uns bringen«, erwiderte Hayley.

Ionas Uhr, die mit ihrem Smartphone verbunden war, piepte, und sie schaute aufs Display. »Oh, Mist.«

»Was ist denn los?«

»Ich müsste längst umgezogen und auf dem Weg zu Mads Eriksson von der Loughman-Hotelgruppe sein.«

»Wenn du das Treffen verpasst, dann war das vom Schicksal so gewollt«, meinte Hayley. »Und dann muss ich mir auch keine Gedanken darüber machen, wie ich andere Konditoren davon überzeugen kann, Pralinen auf meine Art herzustellen.«

Iona lächelte unwillkürlich. Hayleys Technik war gar nicht so anders als die anderer Chocolatiers, doch sie verwendete viel Zeit auf die Kreation neuer, einzigartiger Geschmacksrichtungen und verließ sich dabei ganz auf ihr Bauchgefühl. Und weil sie um die Qualität fürchtete, wollte sie nicht mal eine weitere Filiale eröffnen.

»Keine Sorge. Die Loughman-Hotelgruppe legt sicherlich großen Wert auf Qualität. Das ist einer der Gründe, warum ich mich mit dem Geschäftsführer treffen will«, meinte Iona. »Aber ich denke, ich mache lieber einen neuen Termin aus.« Sie rief rasch an und sagte die Besprechung am Nachmittag ab. Sie musste sich zunächst auf die Marketingaktionen für das Candied Apple Café konzentrieren, denn dadurch war die Luxushotelkette überhaupt erst auf sie aufmerksam geworden.

Erikssons Assistentin wollte einen neuen Termin mit ihrem Chef absprechen und sich dann wieder melden, und Iona wandte sich wieder ihren Freundinnen zu. Die beiden strahlten vor Glück. Cici war frischgebackene Mutter eines süßen Babys und Hayley seit Kurzem verlobt und bis über beide Ohren verliebt.

»Warum lächelst du?«, fragte Hayley.

»Ach, ich musste nur daran denken, wie viel Glück wir doch haben«, antwortete Iona. »Ich versichere dir, Hay, dass ich in nichts einwilligen werde, was nicht unseren Vorstellungen entspricht.«

Hayley umarmte sie. »Ich weiß. Aber so ganz dürfen wir das Finanzielle auch nicht außer Acht lassen.«

»Das tun wir auch nicht, aber wir haben unser Café ja nicht wegen des Geldes eröffnet«, erwiderte Iona.

»Mir gefällt nicht, wenn du so was sagst.« Cici zupfte die rote Nikolausmütze auf Ionas Kopf zurecht. »Ich habe nichts gegen einen ordentlichen Gewinn. Der erleichtert mir die Arbeit.«

»Geld ist gut, aber es ist nicht alles«, stellte Iona fest.

»Genau«, bestätigten Cici und Hayley einstimmig.

Sie klatschten einander ab.

»Macht das noch mal«, wies der Fotograf sie an. »Mädelspower.«

Mädelspower.

»Eher Frauenpower«, widersprach Iona.

»Dann eben Frauenpower«, stimmte der Fotograf zu.

Die Idee, ein Café mit angrenzendem Laden zu eröffnen, war entstanden, nachdem die drei Freundinnen herausgefunden hatten, dass sie alle eine Beziehung mit demselben Mann führten. Cici und Hayley standen Iona inzwischen so nah wie Schwestern und bedeuteten ihr mehr, als sie mit Worten ausdrücken konnte.

Thanksgiving war erst einen Tag her, dennoch lag schon überall Weihnachtsstimmung in der Luft, was Mads Eriksson gar nicht behagte. Er war zwar kein Weihnachtshasser wie Ebenezer Scrooge aus Dickens Roman »Eine Weihnachtsgeschichte«, doch er erwartete zumindest etwas Produktivität von seinen Angestellten.

Sein Büro war frei von jeglichem Schnickschnack, nur zwei Fotos in einem kleinen Silberrahmen fanden sich auf seinem Schreibtisch. Eines zeigte seine Frau Gill, bevor sie krank geworden war, das andere war ein Foto von der diesjährigen Einschulung seiner Tochter Sofia. Er betrachtete seine beiden Mädchen und fragte sich, ob er erzieherisch bei Sofia alles richtig machte.

»Hongkong auf Leitung eins«, meldete seine Assistentin über die Gegensprechanlage.

»Danke, Lexi.«

Das Telefonat war wichtig, dennoch nahm er sich die Zeit, kurz mit dem Daumen über Gills Foto zu streicheln, erst dann griff er zum Hörer. Himmel, wie sehr er sie vermisste, auch wenn er täglich dagegen ankämpfte. Sie war fort, aber dennoch sehnte er sich nach ihr.

Seine Frau war bereits vor elf Monaten gestorben, doch der Verlust schmerzte ihn noch immer genauso stark wie am ersten Tag. Der Tod war dauerhaft, warum also konnte er nicht damit abschließen? Immer wenn er dachte, er hätte sich damit abgefunden und könnte endlich nach vorn schauen, passierte irgendetwas, und die Trauer übermannte ihn erneut.

Verflucht.

Er musste sich auf seine Arbeit konzentrieren. Er war gut in seinem Beruf und wollte nicht in dieselbe Lage geraten wie Amherst, der sich vor dem Vorstand rechtfertigen und seine Qualifikationen aufzählen musste. Entweder es gelang ihm, den Geschäftsführer in Hongkong zu motivieren, oder er musste einen Ersatz für ihn finden, und danach stand ihm so kurz vor den Feiertagen ganz bestimmt nicht der Sinn.

Wie gesagt, war er kein Scrooge, doch wenn er jemandem im Dezember kündigen musste, dann würde er sich wie der alte Geizkragen vorkommen, und es gäbe noch einen Grund mehr, warum er diesen Monat nicht ausstehen konnte.

Kaum hatte er das Gespräch mit einer strengen Ermahnung beendet, erschien eine Nachricht auf dem Bildschirm seines PCs.

Seine Assistentin, die gewöhnlich die Effizienz und Professionalität in Person war, hatte ihr Profilfoto im Intranet »verelft«. Jedes Mal, wenn er nun eine Nachricht von ihr bekam, sah er ein albernes Bild von ihr im Elfenkostüm mit geringelter Mütze auf dem Kopf.

LEXI: Ihr Drei-Uhr-Termin hat aus Zeitgründen abgesagt. Können Sie sich morgen Vormittag eine Stunde für einen Ersatztermin freischaufeln?

Sie klang so professionell und effizient wie immer, aber er sah nur dieses blöde Elfenfoto vor sich.

Mads nahm an, dass nicht Zeitmangel der Grund für Ionas Absage war, sondern dass sie wohl eher kalte Füße bekommen hatte. Bereits Ende August hatte er ihr eine Kooperation vorgeschlagen und seitdem mehrmals Kontakt zu ihr aufgenommen, doch sie zögerte immer noch und hatte Bedenken, sich mit einer anderen Marke einzulassen. Was er ihr nicht verdenken konnte.

Das Candied Apple Café war einzigartig – es bot handgefertigte Schokoladenspezialitäten nach europäischer Art, hergestellt aus lokalen Zutaten. Die Chefkonditorin war die Tochter des berühmten Tiefkühlkosttitans Arthur Dunham. Im Gegensatz zu »Dunham Diners« waren die Pralinen und Süßwaren, die sie für das Café kreierte, jedoch alles andere als Dutzendware.

Die dritte Partnerin, Cici Johnson, war, wie er gehört hatte, ein Finanzgenie. Sie musste tatsächlich gut sein, wenn sie das Café in einer so teuren Gegend wie der Fifth Avenue so schnell in die schwarzen Zahlen gebracht hatte. Zum Teil war dafür gewiss Ionas Marketingstrategie verantwortlich. Sie wusste, wie man Aufmerksamkeit weckte, und veranstaltete außergewöhnliche Events als Werbemaßnahmen, um das Candied Apple Café bekannt zu machen.

Alle drei Frauen beeindruckten ihn, und er hätte sie gern für die Loughman-Hotelgruppe gewonnen. Doch leider hatte Iona den Termin abgesagt. Er schaute auf seine Uhr, dann auf seinen Kalender. An diesem Nachmittag hatte er keine weiteren Termine. Unvermittelt erinnerte er sich an einen Spruch, den sein Vater früher immer zu ihm und seinem Bruder gesagt hatte: Die Fische hüpfen nicht von selbst an Land, du musst schon auf den See hinausfahren.

Der See war in diesem Fall die Fifth Avenue.

Er betrachtete das Chatfenster und gab sich große Mühe, keine Grimasse zu schneiden. In diesem Jahr stand er tatsächlich kurz davor, sich in Scrooge zu verwandeln, und das war … frustrierend.

Ihm stand überhaupt nicht der Sinn nach Weihnachten. Gewöhnlich nahm er den ganzen Weihnachtsrummel gelassen hin, aber in diesem Jahr würde er das Fest zum ersten Mal ohne seine Frau begehen. Wenn er ehrlich war, fehlte ihm die Kraft, ständig so zu tun, als wäre alles in Ordnung. Es gelang ihm nicht mehr, Freude vorzutäuschen und sich so aufzuführen, als ob ein von Herzen lachender Weihnachtsmann seiner Tochter Spielzeug bringen würde.

Nichts, weder die unzähligen inbrünstigen Gebete noch ein starker Glaube, hatte seine Frau retten können.

MADS: Nein. Ich schau jetzt gleich beim Candied Apple Café vorbei und treffe mich dort mit ihr. Ist meine Tochter schon hier?

Lexi steckte den Kopf zur Tür seines Büros herein. Keine Elfenmütze im realen Leben. Sie trug eine cremefarbene Seidenbluse, und ihr kurzes blondes Haar umrahmte adrett ihr Gesicht. Wie immer wirkte sie kühl und kompetent, und er musste zugeben, dass er genau das jetzt brauchte. Er hatte sich so viele Termine wie möglich in den Dezember gelegt, um möglichst wenig Zeit zum Grübeln zu haben.

»Sofia und Jessie sind im Common; der Küchenchef zeigt ihnen die Lebkuchenhäuser. Soll ich sie herholen lassen?«, fragte Lexi. Jessie war Sofias Kindermädchen.

Das New York Common-Hotel befand sich in der Upper East Side, und jedes Jahr wurde eine Version der Straße, in der es stand, aus Lebkuchen angefertigt und ausgestellt. Dieses Jahr bildete keine Ausnahme; am 1. Dezember sollte die Ausstellung feierlich eröffnet werden.

Mads erhob sich, ging um den Schreibtisch herum und schenkte seiner Assistentin ein Lächeln. »Nein. Ich hole die beiden dort ab. Danke, Lexi.«

»Wofür?«

»Dass Sie meine Grantigkeit so tapfer ertragen.«

»Sie sind doch nicht grantig zu mir, Mads«, meinte sie verwundert.

»In Gedanken schon«, erwiderte er.

»Ach so, aber das macht mir nichts aus. Womit habe ich Sie denn verärgert?«, hakte sie nach.

»Mit nichts. Es liegt nicht an Ihnen, sondern an mir. Schicken Sie mir eine Nachricht, falls noch etwas anliegt. Ich werde versuchen, Iona dazu zu überreden, die Besprechung im Café abzuhalten.«

»Natürlich. Viel Spaß.«

»Die hektischste Einkaufssaison des Jahres hat begonnen, und ich habe beschlossen, mit einer Sechsjährigen in einen Süßwarenladen zu gehen. Das würde ich nicht gerade als Spaß bezeichnen.«

Lexi lachte immer noch, als Mads das Büro schon verlassen hatte.

Durch die Lautsprecher im Aufzug dudelte jazzige Weihnachtsmusik; als er unten in der Lobby ausstieg, erklangen die ersten Töne von »It’s Beginning to Look a Lot Like Christmas«. Mit schnellen Schritten bahnte er sich einen Weg durch die Menschenmenge. Schon im Aufzug hatte er seinem Fahrer eine Nachricht geschickt, dass er zum Eingang des Gebäudes kommen sollte. Rasch entdeckte er den wartenden Wagen und stieg ein.

Er hatte keine Ahnung, wie Iona Summerlin aussah, aber er freute sich darauf, sie persönlich kennenzulernen. Am Telefon hatte sie gebildet, professionell und gelegentlich auch ein wenig selbstironisch geklungen. Er fand es angenehm, dass sie ebenso stark auf das Geschäftliche fokussiert zu sein schien wie er.

Sein Fahrer hielt vor dem New York Common, und während Mads durch die Lobby des renovierten Luxushotels schritt, erfüllte ihn unweigerlich Stolz. Das Hotel hatte sich den Charme der 1920er-Jahre bewahrt und sich inzwischen zu einem Fünfsternehotel gemausert, wozu er einen maßgeblichen Anteil beigetragen hatte. Er hatte das alte Juwel der Eigentümerfamilie abgekauft, es restaurieren lassen und den Standards der Loughman-Hotelgruppe angepasst.

Es war eines von nur zwanzig Hotels der Gruppe. Jedes war auf seine Weise einzigartig und bot ausgewählten Luxus, der ganz auf das Land und die Stadt abgestimmt war, in dem es sich befand. Einige Vorzüge, wie die Läden mit besonderen Produkten der jeweiligen Region, gab es in allen Loughman-Hotels. Mads hatte, in Absprache mit dem Vorstand, die Händler zu Exklusivität verpflichtet, um zu gewährleisten, dass es die dort angebotenen Spezialitäten nirgendwo sonst zu kaufen gab.

Das Candied Apple Café war rappelvoll mit Kunden, und die Mitarbeiter hatten alle Hände voll zu tun. Einzelnen Gesprächsfetzen entnahm Iona, dass das Schaufenster gut ankam. Cici war nach dem Fotoshooting nach Hause zu ihrer Tochter gegangen. Holly war erst zwei Monate alt, und Cici versuchte immer noch, die richtige Balance zwischen Arbeit und Muttersein zu finden.

Iona war als Bedienung hinter der Theke eingesprungen. Ihre Familie besaß ein Kaufhaus, und sie hatte als Jugendliche oft ausgeholfen und daher reichlich Erfahrung an der Kasse und im Verkauf gesammelt. Die mit Schokoladenspezialitäten gefüllten Adventskalender waren immer noch der Renner, obwohl die letzte Novemberwoche bereits begonnen hatte. Iona hatte einen Grafiker mit der Erstellung eines Kalenders beauftragt, dessen Bild die Schaufensterdekoration widerspiegelte. Inzwischen waren alle Kalender im Laden ausverkauft.

Deshalb machte sich Iona auf den Weg zum Lagerraum, wo in drei Regalen noch weitere Adventskalender lagen. Sie machte eine Notiz auf der riesigen Tafel, die sie für die Inventur benutzten, um Hayley daran zu erinnern, dass sie womöglich noch Pralinen für weitere Kalender herstellen musste.

Einen Turm aus Kalendern in den Armen drückte sie schließlich mit einem Ellbogen die Tür auf und schlängelte sich durch den Spalt seitlich zurück in den Laden. Ihre Mutter schimpfte immer, wenn sie zu viel auf einmal schleppen wollte, aber es klappte tadellos.

Ha!

Doch dann stieß sie unvermittelt gegen eine menschliche Wand und verlor das Gleichgewicht. Die Kalender gerieten ins Rutschen, Kinderhände griffen danach, um sie vorm Herunterfallen zu bewahren, und die Arme eines Mannes legten sich Iona stützend um die Taille.

Als sie aufsah, blickte sie in blaugraue Augen, die sie an einen Winterhimmel erinnerten, und ein Kribbeln überlief sie. Rasch wich sie zurück und schob die Kalender auf ihrem Arm zurecht.

»Hier ist noch einer«, sagte das kleine Mädchen vor ihr. Sie hatte dicke dunkelbraune Haare, die sich um ihr Gesicht lockten. Auch ihre Augen waren schokoladenbraun.

»Danke«, antwortete Iona und lächelte den Mann entschuldigend an. Ihre Mutter hatte doch recht. Und nicht zum ersten Mal.

»Kein Problem. Iona Summerlin?«, fragte er. Seine Stimme klang tief und samtig. Sie hüllte ihre Sinne ein wie ein warmes, knisterndes Kaminfeuer.

»Ja. Kennen wir uns?«

»Mads Eriksson. Wir haben mehrmals miteinander telefoniert«, erklärte er.

»Ich habe Sie nicht erwartet«, erwiderte sie.

»Meine Assistentin hat mir mitgeteilt, dass Sie unseren Termin absagen mussten, weil Sie zu beschäftigt seien, und das war offenbar keine leere Ausrede, wie ich sehe. Hätten Sie vielleicht trotzdem einen Moment Zeit für mich?«, fragte er.

Er schien ziemlich hartnäckig zu sein, was ihr gefiel. Ihr Vater, an dem sie alle anderen und auch sich selbst maß, wäre beeindruckt gewesen. Sie hatte sich die Website der Loughman-Hotelgruppe angesehen. Daher wusste sie, dass Mads der jüngste Geschäftsführer war, den das Unternehmen je gehabt hatte. Er hatte dem leicht angeschlagenen Unternehmen, das in einem stark umkämpften Markt unterzugehen drohte, ein unverwechselbares Profil gegeben und es zum Erfolg geführt.

Sie hatte gelesen, dass sein Bruder im selben Unternehmen ebenfalls eine leitende Funktion innehatte. Offenbar gab es in dieser Familie nur Erfolgsmenschen.

»Ich kann mir vielleicht fünfzehn Minuten freischaufeln«, sagte sie. »Nehmen Sie doch schon mal im Café Platz. Ich komme zu Ihnen, sobald ich die hier abgegeben habe.« Sie machte eine Geste mit dem Kopf zu den Kalendern, wobei ihr seine selbstzufriedene Miene nicht entging. Er hatte das bekommen, was er wollte. Aber er spielte in ihrem Terrain, daher war sie in der besseren Position, ihre Bedingungen durchzusetzen.

»Klingt gut«, stimmte er zu. »Komm mit, Sofia.«

Das Mädchen gehörte also zu ihm. Ob sie wohl seine Tochter war? »Sofia, ich würde mich gern mit einem Adventskalender für deine Hilfe bedanken.«

Das Mädchen schaute Eriksson fragend an, und er nickte.

»Danke«, sagte sie.

»Damit kannst du die Tage herunterzählen, bis der Weihnachtsmann kommt.«

Sofia schüttelte den Kopf. »Ich glaube nicht mehr an den Weihnachtsmann. Den gibt es sowieso nicht.«

Iona bemerkte die flüchtige Gefühlsregung, die über Erikssons Gesicht huschte, aber sie war zu schnell wieder verschwunden, als dass sie sie hätte deuten können.

»Das macht nichts. Es bleibt ein Kalender mit vielen Schokoladenleckereien drin.«

»Schokolade mag ich«, meinte Sofia.

»Ich auch«, entgegnete Iona. »Kann ich Ihnen etwas mitbringen? Wir haben einen Schokoladenkuchen, der traumhaft gut schmeckt. Heiße Schokolade, Kaffee, Tee, Cookies und auch Brownies.«

»Für mich einen Kaffee, bitte«, sagte Eriksson.

»Heiße Schokolade«, meinte Sofia. »Und Kuchen, wenn ich darf, Papa?«

»Natürlich darfst du«, sagte er. Iona hatte also richtiggelegen – das Mädchen war seine Tochter.

»Gut. Ich bin gleich zurück.« Iona wandte sich ab und schob sich durch die Menschentraube zur Kasse. Dort legte sie die Adventskalender auf die Theke.

»Ich habe schon gedacht, du lässt mich im Stich«, sagte Nick. Er war eine der Saisonaushilfen. Ein stets gut gelaunter Student, der hart arbeitete und zuverlässig war, weshalb sie es duldete, dass er seine Schichten um seine Kurse herumplante.

»Wo denkst du hin? Mit so vielen Kunden würde ich dich doch niemals allein lassen.«

»Gut. Wenn ich mich erst mal besser mit der Ware auskenne, komme ich bestimmt auch bei so einem Andrang allein klar.«

»Ganz bestimmt. Allerdings muss ich jetzt noch mal kurz weg. Ich hole dir aber Hayley zur Unterstützung«, sagte Iona und winkte Hayley zu sich. »Sie kennt die verschiedenen Spezialitäten sowieso am besten.«

Nick kümmerte sich bereits um den nächsten Kunden, als Hayley hinter der Theke erschien.

»Was gibt’s?«

»Mads Eriksson ist hier. Er will kurz mit mir reden. Ich habe ihm schon gesagt, dass ich nicht viel Zeit habe, aber könntest du an der Kasse aushelfen, solange ich mit ihm beschäftigt bin?«

»Ihm muss wirklich viel daran liegen, uns als Partner für die Hotelkette zu gewinnen«, meinte Hayley.

»Das glaube ich auch. Und das ist gut für uns. Außerdem sind wir in einer viel besseren Verhandlungsposition, jetzt, da er mit eigenen Augen gesehen hat, wie viel hier los ist«, sagte Iona.

»Ganz sicher. Okay, ich kümmere mich um die Kunden. Geh und zieh den dicken Fisch an Land«, sagte Hayley.

»Das habe ich vor. Nick ist noch neu, daher wird er vielleicht deine Hilfe brauchen.«

»Bei mir ist er in guten Händen«, erwiderte Hayley. »Jetzt zieh los und lass deine Magie wirken.«

Iona wünschte, dass sie tatsächlich zaubern könnte, aber alles, was sie erreicht hatte, entstammte harter Arbeit und dem Wunsch, sich zu beweisen, dass sie ebenso erfolgreich sein konnte wie ihr Vater.

2. Kapitel

Mads beobachtete Sofia, die zuschaute, wie sich Iona mit einem Tablett voller Getränke und Kuchen ihrem Tisch näherte, und hoffte, dass er sich den sehnsüchtigen Schimmer in den Augen seiner Tochter nur einbildete. Er stand auf und ging Iona entgegen. »Lassen Sie mich das nehmen.«

Iona neigte lächelnd den Kopf, worauf die Glöckchen an der Spitze ihrer Nikolausmütze bimmelten, als sie ihm das Tablett übergab. »Danke. Übrigens, bevor wir zum Tisch gehen, darf ich fragen, warum Sofia so sauer auf den Weihnachtsmann wirkt?«

»Sie … Als Sofia zwei Jahre alt war, wurde bei ihrer Mutter Krebs diagnostiziert. Irgendwie ist Sofia im Kindergarten auf die Idee gekommen, sich vom Weihnachtsmann zu wünschen, dass er ihre Mutter heilt und dass es ihr deshalb bald besser gehen würde. Aber Gill ist im vergangenen Jahr kurz nach Weihnachten gestorben.«

»Oh, Mr. Eriksson, das tut mir so leid.« Sie drückte ihm sanft die Schulter. »Ich bringe das Thema Weihnachtsmann ganz sicher nicht mehr zur Sprache.«

Er schaute zu Sofia, die ein Spiel auf seinem Handy spielte. Sie schnappte sich ziemlich oft sein Handy, wenn er nicht aufpasste. »Das ist schon in Ordnung. Sie können gern mit ihr über den Weihnachtsmann sprechen. Ich glaube, sie versucht gerade herauszufinden, ob es ihn überhaupt gibt. Und bitte nennen Sie mich Mads.«

»Okay«, meinte Iona. »Ich weiß, dass ich Sie mit meiner Frage ein wenig überrumpelt habe, aber ich wollte sichergehen, dass ich nichts Falsches sage, wenn Ihre Tochter in der Nähe ist.«

Mads nickte. »Das ist sehr rücksichtsvoll von Ihnen. Heißt das, Sie betrachten mich nun als Menschen und nicht als Unternehmen?«

»Das habe ich davor schon getan. Ich habe Ihre Anrufe überhaupt nur angenommen, um herauszufinden, was Sie persönlich dem Candied Apple Café bieten können, nicht die Loughman-Hotelgruppe«, sagte sie über die Schulter, bereits auf dem Weg zum Tisch.

Das am Saum mit Kunstpelz besetzte rote Samtkleid schwang um ihre Beine, und die Glöckchen an ihrer Mütze klingelten erneut. Die Kunden im Café schmunzelten, als sie vorüberging, und zum ersten Mal seit Langem war auch ihm zum Lächeln zumute.

Sofia legte das Handy zurück auf den Tisch, als Iona die Tasse mit heißer Schokolade und den Teller mit dem Schokoladenkuchen vor ihr abstellte. Die dicke Sahnehaube auf dem Kakao war mit rot und grün gefärbtem Zucker bestreut. Vor Mads’ Platz stellte Iona die zweite Tasse, und die dritte war wohl für sie. Sofia hielt die Tasse in beiden Händen, und eine Locke fiel ihr in die Stirn, als sie in das Getränk pustete. Der Verlust ihrer Mutter war ein schwerer Schicksalsschlag gewesen, und Mads wollte seiner Tochter zukünftig solch schlimmen Kummer ersparen.

Er hatte nach Gills Tod Entscheidungen treffen müssen, und eine davon war gewesen, dass er gegenüber seiner Tochter immer ehrlich sein würde. Er hatte die Nase voll von Ärzten, die leere Versprechungen machten, und Krankenschwestern, die geschönte Lügen erzählten, damit es ihm besser ging. Er hatte jedoch nicht damit gerechnet, dass diese Ehrlichkeit Sofia die Freude an Weihnachten rauben könnte. Ihre laut und deutlich geäußerten Zweifel bedrückten ihn, und er wünschte, er könnte ihr den Glauben an den Weihnachtsmann zurückgeben.

Darüber konnte er sich jedoch auch später noch Gedanken machen. Er war geschäftlich hier. Gleich würde Jessie kommen, der er erlaubt hatte, in der Zwischenzeit rasch ein paar Weihnachtseinkäufe zu erledigen, um Sofia abzuholen, bis er mit seinem Termin fertig sein würde. Dann würde er etwas Schönes mit Sofia unternehmen, und vielleicht würde es ihm ja gelingen, ein wenig Vorfreude auf Weihnachten in ihr zu wecken.

»Wie schmeckt der Kuchen, Sof?«, fragte er, nachdem sie den ersten Bissen hinuntergeschluckt hatte.

»Lecker«, antwortete sie, ohne den Blick vom Teller zu nehmen.

»Das ist schön«, meinte er und nahm einen Schluck Kaffee.

»Iona, Liebes, der Laden sieht toll aus.« Eine Frau, die vermutlich Mitte sechzig war, jedoch eher aussah wie Mitte vierzig, trat an ihren Tisch. Sie hatte rote Haare wie Iona, nur waren ihre von silbergrauen Strähnen durchzogen, und sie trug sie im Nacken zu einem Chignonknoten zusammengefasst. Ihr eng anliegender Mantel schmeichelte ihrer schlanken Figur. Um ihren Hals hing eine Perlenkette, und ein Hauch teuer duftendes Parfüm umwehte sie.

»Danke, Mom.« Iona stand auf und umarmte ihre Mutter.

Auch Mads erhob sich.

»Mom, das ist Mads Eriksson von der Loughman-Hotelgruppe und seine Tochter Sofia. Mads, das ist meine Mutter Valentina Summerlin.«

»Freut mich, Sie kennenzulernen.« Mads streckte seinen Arm aus, um der Frau die Hand zu geben.

Valentina berührte seine Hand jedoch nur mit den Fingerspitzen, was das Schütteln etwas schwierig machte. Als sie sich seiner Tochter zuwandte, ließ er den Arm wieder sinken. »Oh, du bist aber eine süße Maus.«

Sofia lächelte. »Danke, Madam.«

»Möchtest du uns Gesellschaft leisten, Mom?«

»Nur einen Augenblick, Liebes«, antwortete Valentina.

Mads bot ihr seinen Stuhl an und holte sich einen anderen. Als er zurückkam, unterhielt sich Valentina mit Sofia und erzählte ihr von einem Weihnachtsmannbrunch am morgigen Samstag. »Die Veranstaltung ist zwar bereits ausverkauft, aber ich lade dich und deinen Vater als meine persönlichen Gäste ein. Sicher willst du deinen Wunschzettel möglichst bald beim Weihnachtsmann abgeben.«

»Ich glaube nicht mehr an den Weihnachtsmann.« Sofia legte die Gabel auf den Teller.

Valentina warf Mads einen fragenden Blick zu, aber bevor sie etwas sagen konnte, legte Iona ihr die Hand auf den Arm. »Beim Weihnachtsbrunch gibt es leckeres Essen«, sagte sie zu Sofia. »Außerdem hat meine Mutter noch gar nicht erwähnt, dass du dort die Chance bekommst, anderen Kindern zu helfen, wenn du Spielzeuge für die NYC Children’s Foundation mitbringst.«

»Hm. Was meinst du, Papa?«, fragte Sofia.

»Mal sehen«, antwortete er.

»Ich würde mich freuen, wenn du kommt. Ist es in Ordnung, wenn ich an den Weihnachtsmann glaube?«, fragte Valentina sanft.

»Sie können glauben, an was Sie wollen«, erwiderte Sofia. »Das sagt Papa immer.«

»Das ist klug.«

Sofia lächelte ihn an. »Mein Papa ist der beste Papa der Welt.«

»Ja, ganz bestimmt«, pflichtete Valentina ihr bei. »Nicht alle Väter hören ihren Töchtern zu.«

Iona hob die Augenbrauen und warf ihrer Mutter einen finsteren Blick zu, worauf Valentina ein gezwungenes Lächeln aufsetzte. »Ich muss mich jetzt leider verabschieden«, sagte sie. »Ich hoffe, wir sehen uns am Samstag.«

Iona begleitete ihre Mutter zum Ausgang.

»Tut mir leid, Schatz. Ich wollte der Kleinen nur versichern, wie glücklich sie sein kann, dass sie so einen guten Vater hat«, meinte Valentina.

»Mom«, warnte Iona. Ihr Vater war sehr streng zu ihr gewesen. Er hatte immer von ihr verlangt, dass sie so gut war wie Theo, und ihr jüngerer Bruder war in fast allen Dingen, die er sich vornahm, überragend gut. »Dad hat sein Bestes gegeben.«

»Ja, das hat er. Aber er hätte ruhig manchmal ein wenig … verständnisvoller sein können. Ich weiß, dass er befürchtete, du wärst zu sehr nach mir geraten.«

»Nach dir?«, fragte Iona. »In dem Fall hat er womöglich gedacht, dass die Welt noch nicht bereit für zwei Wonder Women ist.«

»Vielleicht hat er auch befürchtet, dass ich dich zu sehr für die Wohltätigkeitsorganisationen hätte einspannen können und du dann keine Zeit mehr für sein profitorientiertes Unternehmen gehabt hättest. Du weißt ja, dass er insgeheim gehofft hat, du würdest Summerlin Industries übernehmen.«

»Ich weiß, aber das wäre nichts für mich gewesen.« Sie und ihr Vater hatten ein schwieriges Verhältnis zueinander gehabt. Und obwohl sie sich Mühe gegeben hatte, wenigstens so zu tun, als ob sie ihn verstehen würde, war er ihr immer fremd geblieben. Sie hatte stets hart gearbeitet und sich nach seinem Lob gesehnt, das sie jedoch nie bekommen hatte.

Die Ehe ihrer Eltern war nicht besonders harmonisch gewesen, weil ihre Mutter »sein Geld verschwendete«, wie sein Vater es bezeichnet hatte. Und weil sie ihre Kinder vor seinen Wutausbrüchen hatte schützen wollen. Iona war immer hin- und hergerissen gewesen zwischen dem Bedürfnis nach der Anerkennung ihres fordernden Vaters und dem Wunsch, ihm die Stirn zu bieten und auf eigenen Füßen zu stehen. Und diese Zerrissenheit hatte sich auch in der Wahl der Männer widergespiegelt, die sie sich bislang für eine Beziehung ausgesucht hatte.

»Bis Samstag«, meinte Iona.

»Theo bringt Nico mit, Schatz«, sagte ihre Mutter.

»Schön, ich freue mich für sie.«

»Ich mich auch. Mein kleiner Junge ist glücklich.« Valentina nickte versonnen. Ihre Mutter war anfangs nicht besonders glücklich gewesen, dass Theo sich in Nico verliebt hatte – ausgerechnet den Mann, den die Partnervermittlung für Iona ausgesucht hatte. Das hatte jedoch nichts mit Theos sexueller Vorliebe zu tun gehabt, sondern war eher auf die Tatsache zurückzuführen, dass Valentina es nicht ertragen konnte, eins ihrer Kinder unglücklich zu sehen. Und Theo hatte sich schwergetan damit, seiner Schwester quasi den Mann ausgespannt zu haben. Wobei ihre Mutter immer nur gewollt hatte, dass sie ehrlich zu sich selbst waren.

»Danke, dass du mich vorgewarnt hast«, sagte Iona abschließend. Sofia und ihr Kindermädchen verließen gerade das Café, als sie hineinging, und Sofia winkte den beiden zu.

Nun stand sie mitten im Candied Apple Café und ließ ihre seelischen Wunden durch die heilsame Wirkung des Gedränges, der Weihnachtsmusik und des herrlichen Schokoladenduftes lindern. Es gab so viel Gutes in ihrem Leben. Sie konnte sich glücklich schätzen.

Jetzt musste sie nur noch Mads dazu bringen, Hayleys Forderungen zuzustimmen. Sie hegte jedoch den leisen Verdacht, dass er nicht besonders begeistert von diesen Forderungen sein würde. Er erschien ihr wie ein Mann, der eine klare Vorstellung davon hatte, worin er Zugeständnisse machen würde und worin nicht. Und Hayley in jedem Hotel das letzte Wort bei der Einstellung des Küchenpersonals zu überlassen schien nicht die Art von Zugeständnis zu sein, zu der er sich bereit erklären würde.

Mads unterhielt sich gerade mit Carolyn, der Schichtleiterin im Laden, als Iona zurückkam. Er beendete das Gespräch und wandte sich ihr zu.

»Wie ich sehe, haben Sie Carolyn schon in die Mangel genommen«, sagte Iona.

»Mir ging es nicht darum, ihr irgendwelche Geheimnisse zu entlocken. Ich wollte nur wissen, warum das Candied Apple Café ihrer Meinung nach so beliebt ist«, entgegnete Mads.

»Und was hat sie gesagt?«

Mads legte ihr die Hand an den Ellbogen, und erneut durchströmte sie ein Kribbeln, als er sie von der Theke weg und in einen ruhigeren Bereich des Ladens zog.

»Sie sagt, sie weiß nicht genau, woran es liegt, aber Sie und Ihre Partnerinnen würden eine einladende Atmosphäre für die Kunden schaffen, und es würde Ihnen irgendwie gelingen, dass man sich auf die Arbeit freut.«

Das war Iona neu. »Wie nett. Carolyn ist ein Geschenk Gottes. Sie hat vorher für einen Delikatessenladen gearbeitet und uns viele nützliche Vorschläge gemacht, wie wir den Ladenbereich des Cafés gestalten könnten. Ich weiß nicht, was wir ohne sie gemacht hätten.«

Mads nickte. »Sie werden merken, dass wir denselben Arbeitsethos bei der Loughman-Hotelgruppe pflegen. Wir schätzen unsere Mitarbeiter und bezahlen sie überdurchschnittlich. Natürlich wollten wir auch Gewinne machen, aber wir haben, wie Sie sicherlich auch, festgestellt, dass unser Personal die Arbeit motivierter und engagierter ausführt, wenn es sich als vollwertiges Mitglied der Unternehmensfamilie fühlt.«

Iona musste unwillkürlich lächeln. Hätte sie dieselbe Aussage nicht auf der Unternehmenswebsite gelesen, hätte sie sicher mehr Eindruck auf sie gemacht. Seinem Tonfall entnahm sie jedoch, dass er es ernst meinte. »Dem kann ich nur zustimmen. Das ist auch einer der Gründe, warum wir über Ihr Angebot nachdenken.«

»Gut«, meinte er. »Könnten Sie mich noch ein wenig herumführen? Ich weiß, dass Sie nur wenig Zeit haben, daher würde mir ein kurzer Blick genügen. Und ich werde Lexi bitten, einen neuen Termin mit Ihnen auszumachen.«

Sie zeigte ihm den Laden und das Café, sorgsam darauf bedacht, den Fokus auf dem Geschäftlichen zu lassen, aber seine charmante Art und seine Einstellung, dass der Kunde König war, gefielen ihr. In den zehn Minuten, die sie sich Zeit für ihn nahm, musste sie verschiedenen Kunden Fragen beantworten, und Mads wartete währenddessen geduldig auf sie.

Sie begann zu fürchten, dass sie ihm unabsichtlich einen zu tiefen Einblick in ihr Unternehmen gegeben hatte, aber was konnte es schon schaden, wenn er wusste, wie viel das Candied Apple Café ihr und ihren Partnerinnen bedeutete?

»Tut mir leid, dass ich heute nur so wenig Zeit für Sie hatte, aber ich freue mich auf unser nächstes Gespräch«, sagte Iona schließlich.

»Das ist schon in Ordnung. Ich führe Sie auch gern durch unser Hotel in New York, wenn Sie möchten. Ich bin sicher, Sie werden schnell feststellen, wie gut unsere Unternehmen einander ergänzen würden.«

Sie lächelte nur und winkte ihm zu, als er sich verabschiedete. Im Moment wollte sie weder Zustimmung noch Ablehnung signalisieren. Eine Lektion, die sie von ihrem Vater gelernt und die sich ihr fest ins Gedächtnis gebrannt hatte, war, dass man sich von seinem Gegenüber am Verhandlungstisch niemals in die Karten blicken lassen sollte.

Am Samstag war es stürmisch und kalt. Das perfekte Wetter, um in Weihnachtsstimmung zu kommen. Am Abend sollte ihr Weihnachtsbaum geliefert werden, aber erst einmal stand der »Brunch mit dem Weihnachtsmann« für Iona an, den ihre Mutter für eine katholische Wohltätigkeitsorganisation organisiert hatte.

Iona schaute auf ihr Handy und hoffte, dass Cici oder Hayley ihr eine dringende Nachricht geschickt hatten, die ihr die perfekte Ausrede lieferte, um den Brunch zu schwänzen. Sie entdeckte jedoch im Gruppenchat nur ein fröhliches Foto von Holly, Cicis Baby.

Iona war eine von Hollys Patinnen, Hayley die andere, und sie liebte die kleine süße Maus. Dass Cici nun ein Baby hatte, löste eine unerwartete Sehnsucht in ihr aus. Sie hätte nie gedacht, dass sie sich mal eine eigene Familie wünschen würde. Bisher war sie ganz in ihrem Beruf aufgegangen, und nach ihren Erfahrungen mit Männern zu urteilen, war das auch gut so gewesen. Holly weckte in ihr jedoch den Wunsch … dass, na ja, sie schon gerne eines Tages ein Kind hätte, falls ihr der richtige Mann über den Weg laufen sollte.

Sie schickte eine Reihe Smileys als Antwort und erwähnte den Brunch, falls Cici mit Holly den Weihnachtsmann besuchen wollte. Die Kleine war so süß und wäre die perfekte Ablenkung von ihrem Bruder und seinem neuen Freund gewesen. Sie hatte immer noch das Gefühl, dass mit ihr etwas nicht stimmen konnte, wenn nicht mal die Partnervermittlung einen Mann für sie fand.

Aber das war schon in Ordnung.

Ehrlich.

Sie hatte genug mit ihrer Arbeit im Candied Apple Café zu tun. Und die machte sie glücklich. Sie stieg aus dem Bett, duschte und zog sich eine rot-weiß gestreifte Leggings und einen übergroßen cremefarbenen Pulli an. Danach flocht sie sich die Haare zu einem Zopf, schlüpfte in ihre kniehohen schwarzen Stiefel, griff sich die große Tüte mit Geschenken, die beim Brunch verteilt werden sollten, und verließ ihre Wohnung.

Als sie auf den Schalter für den Aufzug drückte, hörte sie Schritte hinter sich. Beim Blick über die Schulter entdeckte sie zu ihrer Überraschung Mads und Sofia.

»Hallo«, grüßte sie verwundert. »Ich wusste gar nicht, dass wir Nachbarn sind.«

»Guten Tag. Wir sind erst im September eingezogen«, erklärte Mads.

»Sie werden sich hier bestimmt wohlfühlen«, meinte Iona. Unwillkürlich fiel ihr auf, wie gut der graue Pulli, den Mads trug, seine blaugrauen Augen betonte.

»Ein paar meiner Mitschüler leben auch hier«, sagte Sofia. »Gehen Sie zu diesem Essen mit Ihrer Mom?«

»Ja«, antwortete Iona. »Ihr auch?«

Sofia setzte eine trotzige Miene auf und starrte auf ihre Füße. »Ja.«

Mads zuckte mit den Schultern. »Wir wollen in diesem Jahr in der Weihnachtszeit ein paar neue Sachen ausprobieren, und ich halte einen Besuch beim Weihnachtsmann für einen guten Anfang.«

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Candied Apple Café