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Der Duft von Apfelblüten / Der Geschmack von wildem Honig

Der Duft von Apfelblüten

Auf Bella Vista, dem Familienanwesen inmitten von Lavendelfeldern und Apfelhainen, verspürt Tess eine ungeahnte Sehnsucht und tiefe Geborgenheit. Doch sie wird dieses Paradies verlieren, wenn sie den alten Familienschatz nicht findet. Mithilfe ihres Großvaters, den sie bislang nicht kannte, einer Halbschwester, von deren Existenz sie nichts wusste, und eines Bankers, der vor allem mit dem Herzen denkt, macht sie sich auf die Suche.

Der Geschmack von wildem Honig

Nirgends ist Isabel lieber als auf Bella Vista. Früher träumte sie davon, die Welt zu entdecken, doch irgendwo auf dem Weg hat sie ihre Abenteuerlust verloren. Als der Reporter Cormac O’Neill auf das Familienanwesen kommt, um ein Buch über Isabels Großvater zu schreiben, spürt er die verborgene Sehnsucht in ihr. Er will Isabel an die Träume von damals erinnern - und öffnet damit eine Tür in ihre Vergangenheit, die besser für immer geschlossen geblieben wäre.


  • Erscheinungstag: 09.01.2017
  • Seitenanzahl: 784
  • ISBN/Artikelnummer: 9783955767044
  • E-Book Format: ePub
  • E-Book sofort lieferbar

Leseprobe

Susan Wiggs

Der Duft von Apfelblüten

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Der Geschmack von wildem Honig

MIRA® TASCHENBUCH

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1. Auflage: Januar 2017

Copyright © 2017 by MIRA Taschenbuch
in der HarperCollins Germany GmbH
Erste Neuauflage

Titel der nordamerikanischen Originalausgaben:

The Apple Orchard

Copyright © 2013 by Susan Wiggs

Erschienen bei: MIRA Books, Toronto

The Beekeeper’s Ball

Copyright © 2014 by Susan Wiggs

Erschienen bei: MIRA Books, Toronto

Published by arrangement with

HARLEQUIN ENTERPRISES II B.V./S.àr.l.

Konzeption/Reihengestaltung: fredebold&partner GmbH, Köln

Umschlaggestaltung: Hafen Werbeagentur gsk GmbH, Hamburg

Umschlagabbildung: Getty Images, München: Francesco Carta, EyeEm

Redaktion: Mareike Müller

ISBN eBook 978-3-95576-704-4

www.mira-taschenbuch.de

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eBook-Herstellung und Auslieferung:

readbox publishing, Dortmund

www.readbox.net

Susan Wiggs

Der Duft von Apfelblüten

Roman

Aus dem Amerikanischen von Ivonne Senn

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1. TEIL

Stärkt mich mit Traubenkuchen, erquickt mich mit Äpfeln; denn ich bin krank vor Liebe.

Das Hohelied Salomos, 2,5

 

Äpfel sind Sinnbilder, die so viel vermitteln – Heimat, Trost, Bekömmlichkeit, Gesundheit, Wissen, Schönheit, Einfachheit, Sinnlichkeit, Verführung … und Sünde. Der Gravensteiner (auf Dänisch: Gråsten-Æble) stammt aus Gråsten in Südjütland, Dänemark. Die Früchte reichen farblich von einem hellen Gelbgrün bis zu einem tiefen Rot und haben einen säuerlichen Geschmack. Es handelt sich um eine nicht sehr lang haltbare Sorte, die am besten frisch vom Baum genossen werden sollte.

Æble Kage (Dänischer Apfelkuchen)

Bevor sie ihn probiert haben, wundern die meisten Leute sich über den Mangel an Gewürzen in diesem Rezept. Doch wenn gute, frische Äpfel benutzt werden, fehlt es dem Kuchen an nichts.

Für dieses und alle folgenden Rezepte in diesem Buch gilt: Wenn Sie kein Cup-Maß haben, messen Sie in einer Tasse 225 g Zucker ab und benutzen diese als Maß.

1 Ei

¾ Tasse Zucker

½ Tasse Mehl

1 TL Backpulver

1 Prise Salz

½ TL Vanille

2 Tassen geschälte und in Würfel geschnittene Äpfel, die in 1 TL Butter gedünstet werden, bis sie weich sind

½ Tasse gehackte Walnüsse

Das Ei schlagen und nach und nach Zucker und Vanille hinzufügen. Dann Mehl, Backpulver und Salz unterrühren, bis ein glatter Teig entsteht. Die gedünsteten Äpfel und die Walnüsse hinzugeben und die Masse in eine gebutterte und bemehlte eckige Glasform mit 20 Zentimeter Durchmesser gießen. Ungefähr 30 Minuten im vorgeheizten Backofen bei 175 °C backen.

Am besten lauwarm mit Apfel-Karamell-Soße, Eiscreme oder beidem servieren.

 

Apfel-Karamell-Soße

Eine der einfachsten und leckersten Arten, frische Äpfel zuzubereiten. Ob zur Tarte, zum Eis, zu Rührkuchen oder Joghurt, über dem morgendlichen Müsli oder einfach mit dem Löffel aus dem Glas gegessen, wenn man nachts um zwei alleine aufwacht und Hunger hat.

4 in feine Scheiben geschnittene Äpfel (sie können ruhig ungeschält sein)

4 TL Butter (echte Butter, kein Butterersatz)

1 Prise Muskat

1 TL Zimt

1 Tasse Walnüsse

1 Tasse brauner Zucker

1 Tasse Sahne oder Buttermilch

Die Butter in einer schweren Pfanne schmelzen. Zucker hinzugeben und rühren, bis er geschmolzen ist. Gewürze und Apfelstücke dazugeben und dünsten, bis die Äpfel weich sind. Walnüsse unterrühren. Den Herd ausstellen und langsam die Sahne oder Buttermilch unterrühren. Sofort zu Kuchen oder Eiscreme servieren und die Reste in einem Glas im Kühlschrank aufbewahren.

Prolog

Archangel, Kalifornien

In der Luft lag der Duft von Äpfeln, und die Obstplantage vibrierte von dem Summen der Bienen, die über den Scheffeln voller geerntetem Obst schwebten. Die Bäume waren in hervorragender Verfassung und warteten auf die Ankunft der Erntehelfer. Die Äste hatte man in Vorbereitung auf die Leitern beschnitten, man hatte das letzte lästige Murmeltier gefangen und woanders ausgesetzt, und die Wege zwischen den Bäumen waren begradigt worden, damit die Früchte beim Transport nicht zu sehr durcheinandergerüttelt wurden und keine Druckstellen bekamen. Der Morgen war noch kühl; zwischen den Zweigen hing ein leichter Nebel. Die Sonne ging hinter den Hügeln im Osten auf und versprach einen schönen warmen Tag. Bald würden die Pflücker eintreffen.

Magnus Johansen balancierte auf seiner Leiter und fühlte sich dabei so sicher wie ein Mann, der ein Viertel so alt war wie er. Isabel würde ihn schelten, wenn sie ihn so sähe, und einen Dummkopf nennen, weil er schon alleine anfing zu arbeiten, anstatt auf das Eintreffen der Pflücker zu warten. Aber Magnus genoss die Einsamkeit am frühen Morgen. Es gefiel ihm, die ganze Plantage in der warmen morgendlichen Stille für sich zu haben. Er war im achten Jahrzehnt seines Lebens. Gott allein wusste, wie viele Ernten er noch miterleben würde.

Isabel machte sich in letzter Zeit zu viele Gedanken um ihn. Sie neigte dazu, um ihn herumzuschwirren wie eine Honigbiene um die Wolfsmilch, die an den Rändern der Plantage wuchs. Magnus wünschte sich, sie würde sich nicht ständig solche Sorgen machen. Sie wusste doch, er hatte das Beste und das Schlimmste überlebt, was das Leben zu bieten hatte.

Um die Wahrheit zu sagen, machte er sich wesentlich mehr Sorgen um Isabel als sie sich um ihn. Es waren die Dinge, die sie nicht wusste, die ihm an diesem Morgen schwer auf der Seele lasteten. Er konnte sie nicht für immer im Dunkeln lassen. Der Brief auf dem Schreibtisch in seinem Büro bestätigte seine schlimmsten Befürchtungen – wenn nicht ein Wunder geschähe, wäre Bella Vista bald verloren.

Magnus bemühte sich, die Sorgen einen Moment beiseitezuschieben. Er war früh aufgestanden und hatte seine Jeans und seine Stiefel angezogen, denn er hatte gewusst: Heute war der Tag. Im Laufe der Jahre hatte er gelernt, den Reifepunkt der Äpfel zu bestimmen. Erntete man zu früh, musste man später zu viel Zeit mit dem Nachpflü-cken vergeuden. Erntete man zu spät, riskierte man überreife Äpfel, die nicht mehr lange hielten.

An einigen Tagen kam er sich selbst überreif vor; ein Gefühl, das tief in seinem Knochen steckte. Doch nicht heute. Heute war er voller Energie, und sein Obst war auf dem Höhepunkt der Perfektion. Er hatte natürlich einen Stärke-Jod-Test durchgeführt, aber noch wichtiger, er hatte in einen Apfel gebissen und anhand der Festigkeit, der Süße und des Bisses gewusst, dass die Zeit reif war. In den nächsten Tagen würde es auf der Plantage so geschäftig zugehen wie in einem Bienenkorb. Er würde seine Äpfel in den bereitstehenden Kisten mit dem bunten „Bella Vista Orchard“-Logo auf die Märkte schicken.

Eine Traube aus drei glänzenden, rot gestreiften Gravensteinern hing einen guten Meter über seinem Kopf an einem Zweig. Die schwer zu erreichenden Äste wurden normalerweise beschnitten, doch dieser hier trug Früchte. Sich seiner Reichweite bewusst, beugte Magnus sich vorsichtig vor, pflückte die drei Äpfel und legte sie in seinen Korb. Heutzutage bevorzugten die meisten Pflücker den Einsatz einer Erntetasche, die das beidhändige Pflücken ermöglichte, doch Magnus war noch von der alten Schule. Nein. Er war alt. Punkt. Doch selbst jetzt stützte ihn das Land; der Rhythmus der Jahreszeiten und die jährliche Erneuerung sorgten dafür, dass er noch so kräftig und energiegeladen war wie als wesentlich jüngerer Mann. Er hatte vieles, wofür er dankbar sein konnte.

Aber auch vieles, was er bedauerte.

Als er die Äpfel von dem hohen Ast pflückte, wackelte die Leiter ein wenig. Er sah ein, dass er die anderen Äpfel lieber den Pflückern überlassen sollte, und kletterte zu Boden.

Als er seine Leiter zu einem anderen Baum trug, drang das hektische Summen von verstörten Bienen aus der Wolfsmilch an sein Ohr. Eine Honigbiene, begierig nach dem reichen Nektar der verschlungenen Blüten, war in einer Blume gefangen. Das kam öfter vor. Magnus fand ihre vertrockneten Körper oft zwischen den klebrigen Samenhülsen. Moderne Farmer versuchten, die Wolfsmilch auszurotten, aber Magnus ließ sie an der Grenze der Plantage wachsen als Lebensraum für Bienen und Monarchfalter, Finken und Marienkäfer.

Da er guter Laune war, befreite er die wütend summende Biene aus ihrem klebrigen Gefängnis, wobei eine Wolke von mit federigen Fallschirmen bewehrten Samenkapseln zu Boden rieselte. Ohne zu ahnen, dass die Süße, nach der es sie verlangte, tödlich war, tauchte die Biene sofort wieder in die Hecke ein und machte sich erneut daran, am Nektar zu nippen, selbst auf das Risiko hin, dabei ihr Leben zu lassen.

Magnus zuckte mit den Schultern und setzte seinen Weg fort. Wenn die Natur eine Kreatur an die süße Quelle lockte, konnte man nichts dagegen tun. Er stellte seine Leiter an den nächsten Baum und kletterte zu einem erhöht hängenden Ast hinauf. Dort, den Kopf über den Zweigen, atmete er tief die Schönheit des Morgens ein. Den Duft, der in der Luft lag, das Licht, das durch den Nebelschleier drang, die Konturen des Landes und den in der Ferne liegenden Dunst über dem Meer.

Eine leichte Wehmut, die auf einer Welle von Erinnerungen einhergeritten kam, erfasste ihn. Als wäre es erst gestern gewesen, sah er das sonnenüberflutete Land und Eva, die an der Sammelstelle stand und ihn anlächelte, während sie die Ernte überwachte. Seine Kriegsbraut, die mit ihm in Amerika ein neues Leben anfing. Sie hatten Bella Vista gemeinsam aufgebaut. Es war eine Schande, dass die Bank kurz davorstand, ihm alles wegzunehmen.

Trotz der Erfolge und der Tragödien, der Geheimnisse und der Lügen hatte es in Magnus’ Leben so viel Gutes gegeben. Er hatte sich eine Existenz mit der Frau aufgebaut, die er liebte, und das war mehr, als die meisten armen Seelen von sich behaupten konnten. Gemeinsam hatten sie eine Welt erschaffen, hatten ihre Tage in der Natur verbracht, knackige Äpfel und frisches, selbst gebackenes Brot mit Honig aus eigenem Anbau gegessen und ihren Überfluss mit den Arbeitern und Nachbarn geteilt … Doch dieser Segen hatte seinen Preis, einen, der von einer mächtigeren Instanz eingefordert werden würde, als er es war.

Das Telefon in seiner Tasche zirpte und zerstörte die Stille des Morgens. Isabel bestand darauf, dass er sein Handy immer dabei hatte. Es war ein ganz einfaches, mit dem man nur telefonieren konnte, dem aber alle anderen Funktionen fehlten, die ihn nur verwirrt hätten.

Die Leiter wackelte wieder, als er in die Hemdtasche griff und das Telefon herausholte. Die Nummer auf dem Display war ihm unbekannt.

„Hier ist Magnus“, sagte er; seine übliche Begrüßung.

„Hier ist Annelise.“

Sein Herz setzte einen Schlag aus. Die Stimme klang dünner, älter, aber trotz der vielen Jahre, die vergangen waren, oh so vertraut. Unter den leisen, zittrigen Tönen erkannte er den Klang einer wesentlich jüngeren Frau – einer Frau, die er auf ganz andere Weise geliebt hatte als Eva.

Er umklammerte das Telefon fester. „Wie zum Teufel bist du an diese Nummer gekommen?“

„Ich nehme an, du hast meinen Brief erhalten?“ Vermutlich ohne es selber zu merken verfiel sie in ihre gemeinsame Muttersprache Dänisch.

„Ja, habe ich. Und du hast vollkommen recht“, sagte er, obwohl er spürte, wie sein Herz bei dem Geständnis schneller schlug. „Es ist an der Zeit, ihnen alles zu erzählen.“

„Hast du es schon getan?“, fragte sie. „Magnus, das ist eine sehr einfache Unterhaltung.“

„Ja, aber Isabel … sie ist … ich möchte sie nicht traurig machen.“ Isabel – so schön und zerbrechlich und in so jungen Jahren schon so sehr vom Leben durchgerüttelt.

„Und was ist mit Theresa? Sie ist ebenfalls deine Enkelin. Wäre es dir lieber, sie erführe die Neuigkeiten von irgendeinem Fremden? Wir werden nicht jünger, du und ich. Wenn du nicht sofort etwas unternimmst, werde ich es tun.“

„Na gut.“ Kurz verspürte er brennenden Hass auf das Telefon, diesen kleinen elektronischen Eindringling, der einen strahlend hellen Tag verdunkelte. „Ich werde mich darum kümmern. Wie immer. Und wenn sie uns durch irgendein Wunder vergeben …“

„Natürlich werden sie das. Hör niemals auf, Wunder zu erwarten, Magnus. Gerade du solltest das am besten wissen.“

„Ruf mich nicht wieder an“, sagte er. Sein Herz trudelte in seiner Brust. „Bitte ruf mich nicht wieder an.“ Er steckte das Handy ein. Der Wind strich durch die Bäume und umhüllte ihn mit dem kräftigen Geruch von Äpfeln. Wilde Falken schimpften über ihm, und einer von ihnen stieß einen klagenden Schrei aus. Magnus griff nach einem weiteren Apfel, einer prallen Schönheit, die auf Armeslänge vor ihm hing. Die Schale glänzte so sehr, dass er sein Spiegelbild darin erkennen konnte.

Die Bewegung brachte die Leiter aus dem Gleichgewicht. Er griff nach einem Ast, verfehlte ihn aber, und dann gab es nichts mehr, woran er sich festhalten konnte, als die diesige Luft. Trotz der brutalen Heftigkeit des Unfalls war Magnus sich jeder einzelnen Sekunde seltsam bewusst, als würde der Sturz jemand anderem passieren. Um sich hatte er keine Angst – dafür war er inzwischen viel zu alt. Das Leben hatte ihm schon vor langer Zeit beigebracht, dass Angst und Glück nicht nebeneinander existieren konnten.

2. TEIL

Millionen Menschen sahen den Apfel fallen, aber nur Newton fragte sich, warum.

Bernard M. Baruch

 

Apfel-Chutney

Ein schöner Begleiter zu würzigem Schweinefleisch, Brathühnchen oder gegrilltem Lachs.

3 säuerliche Kochäpfel, entkernt und in Stücke geschnitten (müssen nicht geschält werden)

½ Tasse fein gehackte weiße Zwiebel

1 TL geriebene Ingwerwurzel

½ Tasse Orangensaft

1∕3 Tasse Apfelessig

½ Tasse braunen Zucker

1 TL grobkörnigen Senf

¼ TL Chilisamen

½ TL Salz

½ Tasse Rosinen oder Korinthen

Alle Zutaten bis auf die Rosinen in eine schwere Pfanne geben und unter Rühren zum Kochen bringen. Dann die Hitze reduzieren und ab und zu umrühren, bis die Flüssigkeit nach ungefähr 45 Minuten verkocht ist. Vom Herd nehmen und die Rosinen zugeben. Kann sowohl im Kühlschrank aufbewahrt als auch traditionell eingemacht werden.

(Quelle: Adaption eines Rezepts der Washington State Apple Commission)

1. Kapitel

San Francisco

Tess Delaneys Todo-Liste schwebte unsichtbar über ihrem Kopf wie der Flugverkehr über O’Hare. Verschiedene Kunden warteten darauf, von ihr zu hören. Mitarbeiter hetzten sie wegen irgendwelcher Berichte. Und es stand noch das alles entscheidende Treffen mit dem Firmenbesitzer an. Sie schob das beklemmende Gefühl beiseite und konzentrierte sich auf die vor ihr liegende Aufgabe – den Schatz seinem rechtmäßigen Besitzer zurückzugeben.

Die aktuelle Mission führte sie in ein überladenes Apartment in Alamo Square. Miss Annelise Winther, achtzig Jahre alt und immer noch agil, führte sie in eine gemütliche Küche mit dünnen Spitzengardinen, rüschenbesetzten Stühlen und dem wunderbaren Duft nach Frischgebackenem in der Luft. Tess vergeudete keine Zeit und präsentierte den Schatz sofort.

Die Hände von Miss Winther, von Altersflecken übersät und mit arthritischen Gelenken, zitterten, als sie den antiken Anhänger entgegennahm. Selbst die knochigen Schultern unter dem rosafarbenen Strickschal bebten.

„Diese Kette gehörte meiner Mutter.“ Beim letzten Wort brach ihre Stimme. „Ich habe sie seit dem Frühling 1941 nicht mehr gesehen.“ Sie hob den Blick und schaute Tess an, die ihr am gescheuerten Kieferntisch gegenübersaß. In den Augen der Frau leuchteten Geschichten auf wie die Facetten eines Edelsteins. „Ich habe keine Worte, um meinen Dank dafür auszudrücken, dass Sie sie mir zurückgebracht haben.“

„Es war mir ein Vergnügen“, erwiderte Tess. „Momente wie dieser sind das Schönste an meinem Job.“ Ein Gefühl von Stolz und Erfüllung half ihr, das konstante Summen ihres Handys zu ignorieren, mit dem der Eingang weiterer Nachrichten angekündigt wurde.

Annelise Winther gehörte zu den Klienten, die Tess am liebsten waren. Sie war anspruchslos und verfügte nur über bescheidene Mittel, wenn man von dem etwas heruntergekommenen Zustand des weitläufigen Hauses im viktorianischen Stil, das so typisch für diese Stadt war, ausgehen konnte. Zwei Katzen, die Miss Winther als Golden und Prince vorgestellt hatte, lagen faul in der spätnachmittäglichen Herbstsonne, die durch das Erkerfenster fiel. Ein gesticktes Bild mit dem Satz „Lebe diesen Tag“ hing an der Wand.

Miss Winther nahm ihre Brille ab, putzte die Gläser und setzte sie wieder auf. Nach einem weiteren Blick auf Tess’ Visitenkarte sagte sie: „Tess Delaney, Herkunftsgutachterin, Sheffield Auction House. Nun, Ms Delaney, ich bin sehr froh, dass Sie nicht nur die Kette, sondern auch mich gefunden haben.“

In ihren Worten schwang ein leichter Akzent mit. „Ich habe die Sondersendung auf dem History Channel über das Krakauer Museum gesehen. Sie haben letzten Monat in Polen einen Preis verliehen bekommen.“

„Das haben Sie gesehen?“ Tess war verwundert, dass die Frau sie wiedererkannt hatte.

„Ja, das habe ich. Sie erhielten den Preis für die Wiederbeschaffung des Rosenkranzes von Königin Maria Leszczynka, der von den Nazis gestohlen wurde und Jahrzehnte verschollen war.“

„Das war … wirklich ein einmaliges Erlebnis.“ An dem Abend war Tess so stolz gewesen. Leider hatte sie niemanden an ihrer Seite gehabt, um diesen Triumph mit ihr zu feiern. Ihre Mutter hatte versprochen, zu kommen, doch dann in letzter Minute absagen müssen. So hatte Tess die Auszeichnung alleine vor einem kleinen Fernsehteam und einem Kultusminister mit schwitzigen Händen entgegennehmen müssen.

„In der Sekunde, in der ich Ihr Gesicht sah, wusste ich, dass Sie auch meinen Schatz wiederfinden würden.“ Miss Winthers Worte waren ein wenig überraschend. „Und ich bin so froh, dass Sie es waren. Ich habe speziell Sie angefordert.“

„Warum?“

Eine kleine Pause. Miss Winthers Gesichtszüge wurden ganz weich. Vielleicht hatte sie ihren Gedanken vergessen. Doch dann sagte sie: „Weil Sie die Beste sind. Oder etwa nicht?“

„Ich gebe zumindest mein Bestes“, versicherte Tess ihr. Sie fand die Unterhaltung ein wenig seltsam, aber in diesem Geschäft war sie verschrobene Klienten gewohnt. „Das Stück gehörte zu einer ganzen Sammlung von wiedergefundenen Gegenständen aus dem Zweiten Weltkrieg.“ Tess hielt inne und dachte an die anderen Exemplare – Juwelen und Kunst und Sammlerstücke. Die Mehrheit der Objekte konnte nicht zurückgegeben werden, weil ihre ehemaligen Besitzer längst tot waren. Sie versuchte, sich das fürchterliche Gefühl der Schändung vorzustellen, das die Familien empfunden haben mussten, als die Nazis in ihre Häuser eindrangen, ihre Schätze plünderten und vermutlich viele Familienmitglieder in den sicheren Tod schickten. Die verlorenen Kostbarkeiten zu finden und ihren rechtmäßigen Besitzern zurückzugeben schien nur eine kleine Wiedergutmachung zu sein, doch der Ausdruck in Miss Winthers Augen zeigte, wie wichtig diese Arbeit war.

„Sie haben ein Wunder vollbracht“, erklärte sie. „Ich habe gerade einem alten Freund am Telefon gesagt, dass man nie aufhören darf, Wunder zu erwarten.“

Für ein Wunder, dachte Tess, hat die Aufgabe aus ganz schön viel harter Arbeit bestanden. Aber die Dankbarkeit, die von der alten Dame ausstrahlte, machten die Suche, die Reisen und den Kampf mit der Bürokratie mehr als wett. Tess hatte sogar einen Experten beauftragt, der auf ihre Kosten jedes Kettenglied, jeden Stein und jede Facette des Schmuckstücks gereinigt hatte. „Das hier ist eine Kopie der Herkunftsurkunde.“ Sie schob das Blatt über den Tisch. „Quasi eine Geschichte der Kette von ihrer Entstehung bis zur Gegenwart – zumindest soweit ich ihre Ursprünge in Russland nachverfolgen konnte.“

„Es ist wirklich erstaunlich, dass Sie das gefunden haben. Als ich Ihre Firma kontaktierte, dachte ich …“ Ihre Stimme verebbte. „Wie um alles in der Welt ist Ihnen das gelungen?“

Anhand der einzelnen Punkte in dem Gutachten erklärte Tess, wie sie bei ihrer Recherche vorgegangen war. „Das Stück wurde mit anderen zusammen in Kopenhagen gefunden. Der Anhänger ist ein rosafarbener Topas mit filigranen goldenen Verzierungen. Die Kette und der Verschluss sind noch original. Das Schmuckstück ist von einem finnischen Designer namens August Holmström entworfen worden. Er war der Hauptjuwelier für das Haus Fabergé.“

Miss Winther hob die Augenbrauen. „Der Fabergé?“

„Genau der.“ Tess holte ihre Lupe heraus und zeigte auf einen winzigen Fleck auf der Kette. „Das hier ist Holmströms Markenzeichen. Seine Initialen zwischen einem doppelköpfigen Reichsadler. Er hat es entwickelt, um Fälschungen zu verhindern. Dieses spezielle Stück wurde das erste Mal in seinem Katalog von 1916 erwähnt. Er hatte es für eine exklusiven Laden in St. Petersburg entworfen, wo es von einem Mitglied des dänischen Diplomatenkorps gekauft wurde.“

„Das war mein Vater. Er hat die Kette von einer Geschäftsreise nach Russland mitgebracht. Ich habe meine Mutter nur selten ohne sie gesehen. Neben ihrem Ehering war sie ihr liebstes Schmuckstück. Er hat sie ihr zur Feier meiner Geburt geschenkt. Obwohl meine Eltern es nie ausgesprochen haben, nahm ich an, dass sie nach mir keine Kinder mehr bekommen konnten.“ In ihre Augen trat ein sehnsüchtiger Ausdruck, und Tess fragte sich, was sie wohl sah – ihren gut aussehenden Vater? Ihre Mutter, die den Anhänger dicht an ihrem Herzen trug?

Die Geschichten hinter den Schätzen waren meist unglaublich faszinierend, wenngleich oft bittersüß. Die traurigen waren besonders schwer zu ertragen. Es gab einfach Grausamkeiten, die für normale Menschen nicht zu verstehen waren; Ungerechtigkeiten, die man nicht begreifen konnte. Miss Winther musste noch sehr klein gewesen sein, als ihre Welt auseinandergerissen worden war. Wie viel Angst sie wohl gehabt hatte, wie verwirrt sie gewesen war?

„Ich wünschte, ich könnte mehr tun, als einfach nur Objekte zurückzubringen“, sagte Tess. „Es wurde mit mehreren anderen Stücken im Lager eines ehemaligen Regierungsgebäudes gefunden. Ich habe das letzte Jahr damit verbracht, die Archive durchzugehen. Die Gestapo behauptete, die Objekte nur zu Aufbewahrungszwecken an sich zu nehmen. Das war eine bekannte Masche. Das einzig Hilfreiche, was sie getan haben, war, genaue Listen über alles zu führen, was sie beschlagnahmten.“

An dieser Stelle wurde es ein wenig brenzlig. Wie viele Informationen brauchte Miss Winther wirklich? Musste sie wissen, was vermutlich mit ihren Eltern geschehen war?

Es gab Fakten, die Tess auf keinen Fall mit ihr teilen wollte. Zum Beispiel die Hinweise darauf, dass Hilde Winther ohne Genehmigung von einem korrupten Offizier festgenommen und vermutlich monatelang als Sexsklavin gehalten worden war, bevor man sie getötet hatte. Das war das Problem daran, die Geheimnisse der Vergangenheit ans Licht zu holen. Manchmal stellte man dabei fest, dass man sie besser begraben gelassen hätte. War es besser, um jeden Preis die Wahrheit zu enthüllen oder jemanden vor den grausamen Details zu beschützen, die er ohnehin nicht mehr ändern konnte?

„Dieses Schmuckstück ist von Ihrer Mutter konfisziert worden, nachdem man sie wegen des Verdachts, im Bispebjerg Hospital Spione, Saboteure und Widerstandskämpfer zu verstecken, verhaftet hatte. Laut dem Haftbefehl wurde sie beschuldigt, die schwere Krankheit ihrer Patienten nur vorzutäuschen, bis diese dann mysteriöserweise über Nacht verschwanden.“

Miss Winther hielt den Atem an, dann nickte sie. „Das klingt nach meiner Mama. Sie war so mutig. Sie hat mir erzählt, dass sie als Freiwillige im Krankenhaus gearbeitet hat, aber ich habe immer gewusst, dass sie dort wichtigere Arbeit leistet.“ In die Augen, die hinter den Brillengläsern funkelten, trat ein eisiger Schimmer. „Meine Mutter ist eines wunderschönen Frühlingstages vor meinen Augen weggezerrt worden.“

Tess überlief ein leichter Schauer. Sie hatte Mitleid mit dem kleinen Mädchen, das Miss Winther einst gewesen war. „Das tut mir leid. Kein Kind sollte so etwas mit ansehen müssen.“

Miss Winther hielt die Kette so, dass das Licht sich in dem großen rosafarbenen Topas fing. „Könnten Sie … könnten Sie sie mir umlegen?“, fragte sie.

„Natürlich.“ Tess trat hinter sie und schloss den Verschluss. Unter ihren Fingern spürte sie die zarten Knochen der alten Dame. Ihre Haare rochen nach Lavendel, und das Kleid unter ihrem rosafarbenen Schal war fadenscheinig und verwaschen. Tess durchlief ein wohliger Schauer. Dieser Fund würde Miss Winthers Leben verändern. Durch diese eine Transaktion könnte die Frau sich ein Leben in Luxus leisten.

Miss Winther griff mit einer Hand nach der Kette und berührte den Anhänger. „Sie trug sie an dem Tag. Noch während man meine Mama abtransportierte, befahl sie mir, um mein Leben zu rennen, und das habe ich getan. Ich hatte Glück – oder vielleicht war im Vorfeld etwas durchgesickert. Jedenfalls brachte mich ein Junge, der in der Holger Danske, der dänischen Widerstandsbewegung, war, in Sicherheit. Er war ein Held, wie in Das scharlachrote Siegel über die Französische Revolution, nur dass er echt war. Ohne ihn wäre ich heute nicht hier. Keiner von uns wäre das.“

Keiner von uns …? Tess fragte sich, auf wen sich das bezog. Vermutlich auf Geister aus der traurigen Vergangenheit der Frau. Sie fragte jedoch nicht nach; für heute standen noch andere Termine an, sie hatte keine Zeit für ausführliche Geschichten. Außerdem fühlte sie sich immer so wehrlos, wenn sie hörte, wie viel Opfer diese Tragödien gefordert hatten. Sie musste allerdings zugeben, dass die Liebenswürdigkeit und der Hauch von Heimweh, der sich in den Zügen der alten Dame spiegelte, sobald sie das wiedergefundene Schmuckstück um ihren Hals berührte, eine tief in ihrem Innern verborgene Saite zum Klingen brachte.

Wir beide sind ganz allein, dachte Tess. War Miss Winther schon immer allein gewesen? Werde ich immer alleine sein?

„Ich bin auf jeden Fall froh, dass Sie hier sind.“ Das Lächeln der alten Frau war sanft und zugleich seltsam vertraulich.

„Dies hier ist die Schätzung für das Schmuckstück. Ich denke, die Zahl wird Ihnen gefallen.“ Tess schob ein weiteres Papier über den Tisch.

Miss Winther schaute sich das Dokument an. „Hier steht, die Kette meiner Mutter ist 800.000 Dollar wert.“

„Das ist nur ein Schätzwert. Je nachdem, wie die Auktion verläuft, können es zehn Prozent mehr oder weniger sein.“

Miss Winther fächelte sich Luft zu. „Das ist ein Vermögen“, sagte sie. „Das ist mehr Geld, als ich mir jemals erträumt habe.“

„Es ist zwar nicht annähernd genug, um Ihren Verlust zu ersetzen, aber es ist eine schöne Summe. Ich freue mich wirklich für Sie.“ Tess war glücklich. In ihrem dünnen Schal und zwischen den ganzen alten Möbeln machte Miss Winther nicht den Eindruck einer wohlhabenden Frau, aber bald schon könnte sie trotzdem eine sein.

All die mühsame Arbeit für die Wiederbeschaffung des Objekts hatte zu diesem Augenblick geführt. Tess breitete einen mehrseitigen Vertrag auf dem Tisch aus. „Das hier ist eine Vereinbarung mit dem Sheffield Auction House, meiner Firma. Das ist ein Standardvertrag, aber Sie können ihn gerne noch einmal mit einem Experten durchgehen.“

Eine Küchenuhr klingelte, und Miss Winther stand auf. „Die Scones sind fertig. Ich mache sie mit Lavendelzucker, das macht sie ganz besonders köstlich. Ein altes dänisches Rezept für den Herbst. Sie bleiben schön sitzen, meine Liebe, während ich uns einen Tee mache.“

Tess biss die Zähne zusammen und versuchte, nicht zu ungeduldig zu wirken, obwohl sie noch Termine hatte und auch im Büro einiges an Arbeit auf sie wartete. Ehrlich gesagt wollte sie keine Scones, egal, ob mit oder ohne Lavendelzucker. Sie wollte auch keinen Tee. Kaffee und eine Zigarette waren mehr nach ihrem Geschmack und passten außerdem besser zu ihrem Lebensrhythmus. Seitdem sie vor fünf Jahren das College beendet hatte, verlief ihr Leben im Eiltempo, und auch jetzt stand sie unter Zeitdruck. Je schneller sie den unterzeichneten Vertrag in die Firma zurückbrachte, desto schneller verdiente sie ihren Bonus und konnte sich auf die nächste Transaktion konzentrieren.

Doch die Natur ihres Berufs verlangte oft Geduld. Die Menschen entwickelten meist rasch eine Zuneigung zu ihren wiedergefundenen Sachen, und sie loszulassen brauchte manchmal seine Zeit. Miss Winther hatte sich mit den Scones sehr viel Mühe gegeben. Nach allem, was sie über die Familie Winther erfahren hatte, fragte Tess sich, woran die Dame wohl dachte, wenn sie sich an die alten Zeiten erinnerte – an Angst und Entbehrung? Oder an glücklichere Tage, an denen ihre Familie noch vollständig gewesen war?

Während sie in ihrer altmodischen Küche herumwuselte, blieb Miss Winther ab und zu vor einem kleinen gerahmten Spiegel an der Tür stehen und betrachtete mit einem versonnenen Blick die Kette. Tess überlegte, was sie wohl dabei sah – ihre hübsche, angebetete Mutter? Ein unschuldiges Mädchen, das keine Ahnung hatte, dass seine Welt schon bald entzweigerissen würde?

„Erzählen Sie mir von Ihrer Arbeit“, bat Miss Winther und goss Tee in zwei Porzellantassen. „Ich würde gerne mehr über Ihr Leben erfahren.“

„Ich denke, man könnte sagen, dass mir die Schatzsuche im Blut liegt.“

Miss Winther keuchte leicht auf, als würde Tess’ Geständnis sie überraschen. „Wirklich?“

„Meine Mutter ist als Expertin für die Ankäufe eines Museums zuständig. Und meine Großmutter hatte ein Antiquitätengeschäft in Dublin.“

„Also entstammen Sie einer Linie unabhängiger Frauen.“

Nett ausgedrückt, dachte Tess. Ihr Blick glitt in die Ferne. Sie neigte nicht dazu, sich mit ihren Klienten auf eine persönlichen Ebene zu begeben, um einen Deal abzuschließen, aber Miss Winther fand sie ehrlich sympathisch – vielleicht, weil sie ernsthaft an ihr interessiert schien. „Weder meine Mutter noch meine Großmutter haben je geheiratet“, erklärte sie. „Vermutlich werde ich diese Tradition fortführen. Mein Leben ist für eine feste Beziehung viel zu chaotisch.“ Ach Tess, hör dir mal zu, dachte sie. Wenn du es nur oft genug sagst, wirst du es irgendwann auch glauben.

„Ich denke, das liegt nur daran, dass Ihnen der Richtige noch nicht begegnet ist. Doch ein hübsches Mädchen wie Sie mit diesen wunderschönen roten Haaren … Es ist tatsächlich erstaunlich, dass noch kein Mann Sie weggeschnappt hat.“

Tess schüttelte den Kopf. „So leicht lasse ich mich nicht wegschnappen.“

„Ich war auch nie verheiratet.“ Ein sehnsüchtiger Schleier legte sich über Miss Winthers Augen. „Ich war nach dem Krieg sehr in einen Mann verliebt, aber er hat eine andere geheiratet.“ Sie blieb stehen, um noch einmal den Anhänger zu bewundern. „Die Arbeit als Schatzsucherin muss so aufregend sein.“

„Es bedeutet viel Recherchearbeit, was die meisten Leute sicher ermüdend fänden. So viele Sackgassen und Enttäuschungen“, erklärte Tess. „Die meiste Zeit verbringe ich damit, Archive, alte Akten und Kataloge durchzugehen. Das kann ziemlich frustrierend sein. Aber auch unglaublich befriedigend, wenn es mir dadurch gelingt, ein Schmuckstück wie Ihres dem Besitzer zurückzubringen. Und ganz, ganz selten pule ich auch mal die Farbe von einer wertlosen Leinwand ab und finde darunter einen Vermeer. Oder ich grabe unter einer Schäferhütte irgendwo auf einem Feld ein Vermögen aus. Manchmal ist meine Arbeit auch ein wenig makaber. Die Schätze wurden nicht selten in Särgen versteckt.“

Miss Winther erschauerte. „Das ist ja gruselig.“

„Für ihre Wertsachen suchen die Menschen sich oft Verstecke aus, in denen niemand freiwillig nachschauen würde. Ihre Kette wurde allerdings nicht an einem dramatischen Ort gefunden. Sie war mit einem Dutzend anderer illegal beschlagnahmter Stücke hübsch gekennzeichnet und katalogisiert.“

Miss Winther richtete die Scones in einem mit einer gestärkten Leinenserviette ausgelegten Korb an und brachte ihn zum Tisch.

Aus reiner Höflichkeit griff Tess zu.

„Es klingt, als würden Sie Ihre Arbeit lieben“, bemerkte Miss Winther.

„Ja, sehr. Sie bedeutet mir alles.“ In dem Moment, da sie die Worte laut aussprach, erfasste Tess ein Gefühl der Aufregung. Das Geschäft war schnell und unvorhersehbar, und jeder Tag konnte einem einen berauschenden Adrenalinstoß bringen – oder vernichtende Enttäuschungen. Sie hatte ein sehr erfolgreiches Jahr hinter sich, das sie dem, wonach sie sich so sehr sehnte und das sie brauchte wie die Luft zum Atmen, immer näher brachte: Anerkennung und Sicherheit.

„Das klingt wundervoll. Ich bin sicher, Sie bekommen genau das, wonach Sie suchen.“

„In diesem Geschäft bin ich nicht immer sicher, was das ist.“ Tess warf einen weiteren heimlichen Blick auf die Uhr am Herd.

Den Miss Winther bemerkte. „Sie haben doch sicher noch Zeit, um Ihren Tee auszutrinken.“

Tess lächelte. Sie mochte die Frau. „Ja, sicher. Möchten Sie, dass ich Ihnen den Vertrag hierlasse, oder …“

„Das ist nicht nötig“, sagte die alte Dame und berührte den rosafarbenen Topas. „Ich werde die Kette nicht verkaufen.“

Tess blinzelte und schüttelte leicht den Kopf. „Wie bitte?“

„Das ist der Anhänger meiner Mutter.“ Sie drückte ihn gegen ihren Busen. „Der ist nicht zu verkaufen.“

Tess sackte das Herz bis in die Knie. „Mit dem Verkauf könnten Sie den Rest Ihres Lebens in finanzieller Sicherheit leben.“

„Mir ist jedes Gefühl für Sicherheit für immer von den Nazis entrissen worden“, sagte Miss Winther. „Doch ich habe überlebt. Und jetzt haben Sie mir das Lieblingsstück meiner Mutter wiedergegeben.“

„Wie Sie sagen, es ist nur eine Sache. Ein Objekt, das Sie gegen Geborgenheit und Frieden eintauschen könnten.“

„Ich bin jetzt schon zufrieden und geborgen. Und wenn Sie nicht glauben, dass Erinnerungen mehr wert sind als Geld, dann schaffen Sie sich vermutlich nicht die richtigen Erinnerungen.“ Sie schenkte Tess einen wissenden und dennoch liebevollen Blick.

Tess versuchte, nicht an all die Stunden zu denken, die sie damit verbracht hatte, Aufzeichnungen zu durchforsten und penible Recherchen anzustellen, um dieses spezielle Schmuckstück seiner Besitzerin zurückzugeben. Wenn sie es täte, würde sie sich vermutlich aus lauter Frust die Haare ausreißen. Sie neigte dazu, sich vor ihren Erinnerungen zu verschließen, weil Erinnerungen einen Menschen verletzlich machten.

„Sie müssen mich für eine sentimentale alte Närrin halten.“ Miss Winther nickte. „Das bin ich auch. Das ist das Privileg des hohen Alters. Ich habe keine Schulden, keine Verbindlichkeiten. Es gibt nur mich und die Katzen. Und wir mögen unser Leben genau so, wie es ist.“

Tess nippte an dem starken Tee und zuckte bei dem bitteren Geschmack beinahe zusammen.

„Oh! Die Zuckerdose. Die habe ich ganz vergessen.“ Miss Winther schaute Tess an. „Würde es Ihnen etwas ausmachen, sie zu holen? Sie steht in der Speisekammer.“

In der Speisekammer stand eine Ansammlung staubbedeckter Dosen und Einmachgläser. Die Wände und Regale waren voller Sammlerstücke, die meisten trugen noch die Aufkleber vom Flohmarkt.

„Sie befindet sich rechts von Ihnen“, sagte Miss Winther. „Auf dem Gewürzregal.“

Tess nahm die kleine, auf Füßen stehende Dose in die Hand. Sofort durchfuhr sie ein seltsames Kribbeln. Eine der ersten Lektionen, die sie in ihrem Beruf gelernt hatte, war, sich auf etwas einzulassen, das als „Gewicht“ oder „Gefühl“ eines Objekts bekannt war. Ein echtes, authentisches Stück hatte einfach mehr Substanz als eine Fälschung oder eine Kopie.

Sie stellte die angeschlagene Dose auf den Tisch und versuchte, ein Pokerface beizubehalten, während sie sie musterte. Der Schwung der Griffe und die unangestrengt bauchige Form waren unverkennbar. Selbst die matten Streifen des Alters konnten nicht verbergen, dass diese Zuckerdose aus Sterlingsilber bestand und nicht aus Blech.

„Erzählen Sie mir von dieser Zuckerdose“, bat Tess und nahm sich mit der kleinen Zange einen Zuckerwürfel heraus. Zuckerzangen. Die waren sogar noch seltener als die Dose.

„Sie ist schön, nicht wahr?“, fragte Miss Winther. „Aber teuflisch sauber zu halten. Unter praktischen Gesichtspunkten hätte ich sie damals bei dem Kirchenbasar nicht kaufen dürfen. Doch das ist schon Jahrzehnte her. Flohmärkte und Basare waren schon immer eine Schwäche von mir. Ich fürchte, ich habe alles, was bunt oder schön war und mir ins Auge gefallen ist, mit nach Hause gebracht. Sobald es dann aber hier ist, ist es reiner Zufall, ob ich es auch benutze oder nicht.“

„Das hier ist ein sehr schöner Fund.“ Tess hob die Dose an und erblickte das erwartete eingeprägte Markenzeichen am Boden.

„Wie meinen Sie das?“

Wusste sie das wirklich nicht? „Miss Winther, diese Dose ist von Tiffany – und sie scheint echt zu sein.“

„Meine Güte, was Sie nicht sagen.“

„Es gibt den berühmten Empire-Stil, der sehr selten ist und nur in limitierter Auflage produziert wurde. Ich müsste genauere Nachforschungen anstellen, aber mein Gefühl sagt mir, dass diese Zuckerdose sehr wertvoll ist.“ Was der alten Dame sicher egal war, da sie Artefakte ja Bargeld vorzog. „So oder so, es ist ein wunderschönes Stück“, schloss Tess.

„Was für ein überraschender Aspekt Ihrer Arbeit.“ Miss Winther schlug freudig die Hände zusammen. „Dass Sie manchmal über einen Schatz stolpern, wenn Sie eigentlich nach etwas ganz anderem auf der Suche sind.“

Tess sah zu, wie der Zuckerwürfel sich in ihrem Tee auflöste. „Das macht meinen Beruf so interessant.“

„Sagen Sie, wäre das denn etwas, das Ihre Firma verkaufen würde?“, wollte Miss Winther wissen.

„Das könnte sein. Obwohl, selbst mit der Zuckerzange ist es nur ein Einzelstück …“

„Ich meinte nicht nur die Zuckerdose, sondern das gesamte Service.“

Tess glitt der Löffel aus der Hand und landete klappernd auf dem Tisch. „Sie haben ein ganzes Service?“

2. Kapitel

In San Franciscos bester Bar saß Tess an einem Tisch mit Aussicht und trank einen Martini mit eingelegter Olive. Die Oliven waren quasi ihr Abendessen. Wie immer hatte sie direkt bis zum Beginn der Happy Hour gearbeitet.

Sie arbeitete. Daraus bestand ihr Leben – und daraus bestand sie. Sie arbeitete … und sie schätzte sich glücklich, einen Beruf zu haben, den sie liebte. Doch Miss Winther zu treffen, die alte Dame ganz alleine mit ihren Katzen zu sehen, hatte Tess verstört. Die Begegnung hatte an ihre geheimsten Ängste gerührt – dass sie ihr Leben allein und umgeben von Schätzen verbringen würde, die sie mit niemandem teilen konnte. Zu arbeiten lenkte sie davon ab, zu sehr darüber nachzudenken, wie einsam sie war.

Sie schob den Gedanken beiseite und hielt sich die heutigen Erfolge vor Augen. Und die Tatsache, dass sie gute Freunde hatte, mit denen sie diese feiern konnte. Sie und ihre Freunde hatten eine feste Verabredung zur Happy Hour im Top of the Mark, der Bar, die das historische Mark Hopkins Hotel krönte, das auf dem Gipfel des Russian Hill thronte. Es war ein Wahrzeichen von San Francisco, sehr touristisch, aber bei Einheimischen bekannt für seine umwerfende Aussicht, die guten Martinis und vor allen Dingen die Livemusik.

Dank ihrer rastlosen Kindheit war Tess beinahe ohne Familie oder Freunde aufgewachsen. Doch hier im Herzen von San Francisco hatte sie sich eine eigene Familie zusammengesucht. Eine kleine gesellige Runde von Menschen wie sie – junge Berufstätige, die unabhängig und ehrgeizig waren. Und lustig – Zigeuner und Genies, hart arbeitende Leute, die aber auch wussten, wie man feiert.

Da war Lydia, die Inneneinrichterin, die Tess ständig mit neuen Empfehlungen versorgte. Auf den Dachböden und in den Lagerräumen ihrer Kunden entdeckte sie Kostbarkeiten wie Duncan-Phyfe-Sofas und Stickley-Tische. Sie verstand den Adrenalinrausch der Schatzsuche besser als alle anderen, die Tess kannte. Die Dritte im Bunde war Neelie, eine Weinhändlerin, die manchmal Geschäfte mit dem Sheffield House machte. Sie hatte heute einen neuen Typen mitgebracht, Russell, der seinen Blick nicht von ihren Brüsten lösen konnte. Neelie schickte Tess heimlich Nachrichten aufs Handy.

Was hältst du von ihm?

Er kann seinen Blick nicht von deinen Brüsten lösen.

Bei dir klingt das so, als wäre das was Schlechtes.

Die beiden grinsten einander an und hoben ihre Gläser.

„Ihr seht aus, als führt ihr was im Schilde“, sagte Jude Lockhart, ein Arbeitskollege von Tess.

„Das liegt daran, dass es stimmt.“ Sie klopfte auf den freien Sitz neben sich.

Jude begrüßte die Frauen mit einem Kuss auf die Wange und schüttelte Lydias Freund Nathan die Hand. Neelie stellte ihm Russell, ihre Verabredung, vor.

Tess mochte die Leichtigkeit und Liebenswürdigkeit ihrer Freunde. Sie mochte es, dass sie alle noch jung und unternehmungslustig genug waren, um sich nach der Arbeit zu treffen. Vor allem gefiel ihr jedoch, dass sie an diesem Abend etwas zu feiern hatte und ihre Neuigkeiten mit ihren Freunden teilen konnte.

„Ich habe heute den Jackpot geknackt“, sagte sie.

„Ohhh, erzähl“, bat Neelie. Sie wandte sich an Russell und erklärte: „Tess ist professionelle Schatzsucherin. Wirklich. Sie ist eine Art moderner Indiana Jones.“

„Nicht ganz“, sagte Tess. „Heute musste ich keine Schlangen abwehren.“ Sie erzählte ihnen von der Entdeckung des Tiffany-Services in Miss Winthers Wohnung. „Wie sich herausstellte, ist sie flohmarktsüchtig und sammelt alles, was ihr in die Finger kommt. Die meisten ihrer Sachen sind wertlos, aber ich habe auch noch ein paar interessante Stücke bei ihr gefunden.“ Sie beschrieb ein Set von Ludwig-Moser-Likörgläsern, den kleinen Holzschnitt, der von Charles H. Richert signiert war, und den Armreif aus Jade aus dem China der Vorkriegszeit. Miss Winther hatte keinerlei emotionale Bindung an die Stücke und sie nur zu gerne dem Sheffield House zur Versteigerung überlassen.

„Verdammt, Mädchen.“ Neelie hob ihren grünen Appletini. „Gute Arbeit.“

Alle an dem langen Tisch hoben ihre Gläser. „Wenn du nicht aufpasst, verdienst du dir noch eine Beförderung“, sagte Jude.

Tess verspürte einen Anflug von Nervosität. Sie wusste, dass sie für eine Stelle in New York im Gespräch war. Was auf mehr als nur eine Weise ein großer Schritt wäre. Es würde sie an die Spitze ihrer Profession katapultieren. Jude betrachtete sie mit einer Mischung aus Respekt und Neid. Irgendwie hatten sie es geschafft, Kollegen zu bleiben, ohne zu Rivalen zu werden.

Als Tess ihn das erste Mal auf einer Auktion in London gesehen hatte, hatte sie sich ziemlich in Jude verguckt. Man traf schließlich nicht jeden Tag einen Mann, der in Oxford studiert hatte und aussah wie ein Kinoheld der Fünfzigerjahre. Doch die Verliebtheit hatte nicht lange angehalten. Schnell hatte Tess erkannt, dass sie einander zu ähnlich waren – scheu, was Beziehungen anging, verwirrt von Menschen, die sich kopfüber in die Liebe stürzten und am Ende verletzt wurden. Irgendwann war zwischen ihnen eine angenehme Freundschaft entstanden. Sie waren Arbeitskollegen, Trinkkumpane und manchmal, während der einsamen Zeiten des Jahres – zum Beispiel an den Feiertagen –, taten sie gemeinsam so, als wäre Einsamkeit gar nicht so schlimm.

„Typisch Tess, in der Speisekammer einer alten Dame ein Vermögen zu finden“, sagte Lydia und kuschelte sich enger an Nathan. Die beiden tauschten einen intimen Blick, dann winkte Nathan den Kellner heran.

Jude nickte. „Tess scheint ein Händchen für alte Damen zu haben. Meine Lieblingsgeschichte von ihr ist die, als sie in einem Klavierhocker zwischen lauter Noten ein von Willie Mays signiertes Programmheft eines Giants-Spiels gefunden hat.“

„Oh ja. Die alte Dame meinte, er wäre so ein netter junger Mann gewesen.“ Bei der Erinnerung daran musste Tess lächeln. „Sie hatte keine Ahnung, dass sie jedes Mal auf einem Schatz saß, wenn sie sich hinsetzte, um ‚You’ll Never Walk Alone‘ zu spielen.“

„Ich schwöre, du bist wie Midas“, sagte Neelie.

Sie lachte. „Hey, sag das nicht. Midas war immerhin der Typ, der alles, was er anfasste, zu Gold machte – einschließlich seines eigenen Kindes.“

„Ich dachte, du magst keine Kinder“, sagte Jude.

„Aber ich mag Cheetos. Was würde wohl passieren, wenn alle meine Cheetos sich in Gold verwandelten?“

„Die Welt würde aufhören, sich zu drehen“, sagte Lydia. „Außerdem magst du sehr wohl Kinder. Du willst es nur nicht zugeben, aus Angst, dann uncool zu wirken.“

„Ich mag Kinder, und ich bin total cool“, sagte Neelie. „Und du kommst da auch noch hin, Tess. Selbst Menschen, die keine Kinder mögen, ändern ihre Meinung, wenn sie erst einmal eigene haben.“

„Hey, sprich nicht für andere“, protestierte Jude. „Pass gut auf, Russell. Hörst du das Ticken? Das ist ihre biologische Uhr.“

Russell legte einen Arm um seine Verabredung. „Ich denke, ich hab sie im Griff.“

„Hey, mich braucht man nicht in den Griff zu kriegen“, beschwerte sich Neelie. „Kuscheln, gerne. In den Griff kriegen – eher nicht.“

Tess’ Handy vibrierte, und sie schaute aufs Display, um zu sehen, wer anrief. Da sie die Nummer nicht kannte, ließ sie die Mailbox rangehen. Siehst du, dachte sie, ich bestehe doch nicht nur aus Arbeit. Ich kann sogar einem vibrierenden Telefon widerstehen.

„Wo wir gerade von tollen Sachen sprechen“, ergriff Nathan das Wort und deutete auf den Kellner, der mit einer Flasche Cristal und einem Champagnerkühler an den Tisch kam.

„Cristal?“, fragte Tess. „Ich wusste gar nicht, dass meine Geschichte so gut war.“

„War sie auch nicht. Aber es gibt andere großartige Neuigkeiten.“ Er stand in dem Moment auf, als zwei ältere Paare gefolgt von ein paar jüngeren Leuten die Bar betraten.

„Was ist hier los?“, wollte Jude wissen.

Mit offensichtlicher Begeisterung stellte Nathan allen seine und Lydias Eltern sowie verschiedene Brüder und Schwestern vor. Familienähnlichkeiten faszinierten Tess. Lydias Schwestern sahen aus wie zwei leicht veränderte Versionen von Lydia; sie hatten die gleichen braunen Haare und Stupsnasen. Nathans Dad war groß und schlank wie sein Sohn. Eine gewisse Aufregung lag in der Luft.

Familien waren das ultimative Rätsel. Sosehr sie Tess faszinierten, so chaotisch und kompliziert erschienen sie ihr. Trotzdem kam sie nicht umhin, sich zu fragen, wie es wohl war, von Leuten umgeben zu sein, mit denen man durch Blut und eine gemeinsame Geschichte verbunden war.

Ihre Freunde waren ihre Familie, ihre Arbeit war ihr Leben, und sie hatte einen Traum für ihre Zukunft. Doch ab und zu schlich sich eine intensive Sehnsucht in ihr Herz, so scharf wie eine dünne Messerklinge.

„Lydia und ich wollten heute alle hier versammeln“, erklärte Nathan. „Unsere Familie und unsere engsten Freunde. Denn wir haben euch etwas zu verkünden.“

„Nein!“ Neelie schlug die Hände vor den Mund, und ihre Augen funkelten vor Vergnügen.

Tess’ Herz schlug schneller, denn mit einem Mal wusste sie, was nun folgen würde.

Nathan strahlte so glücklich, dass Tess meinte, die Wärme seines Lächelns fühlen zu können. „Mom und Dad, Barb und Ed, wir sind verlobt!“ Lydia zog ein kleines grünes Kästchen aus ihrer Tasche und steckte sich den Diamantring an den Finger.

Lydias Mutter quiekte – quiekte –, und die beiden fielen einander mit selig geschlossenen Augen in die Arme. Die Schwestern gesellten sich dazu, und bald machten Umarmungen und Händeschütteln die Runde. Neelie, stets das Organisationstalent, übernahm es, das Datum, den Ort und die Weinliste der Hochzeitsfeier herauszufinden.

Als sie das glückliche Paar betrachtete, merkte Tess, dass ihr Tränen in den Augen brannten und ein Kloß in ihrer Kehle saß. „Herzlichen Glückwunsch, liebste Freundin“, sagte sie zu Lydia. „Ich freue mich so für dich.“

Lydia hielt Tess an den Händen. „Ich konnte es nicht erwarten, es dir zu erzählen. Ist das zu fassen? Ich werde heiraten!“

Tess lachte trotz der Tränen. „Wir haben immer gesagt, Hochzeiten sind etwas für Mädchen, die keine Fantasie haben.“ Sie dachte an die nächtlichen weinseligen Unterhaltungen in ihrem Zimmer im Studentenwohnheim. Was war aus diesen Mädchen geworden? Das Trinken vermisste Tess nicht, aber die Kameradschaft. Obwohl sie sich für ihre Freundin freute, versteckte sich in einer dunklen Ecke ihres Herzens auch ein anderes Gefühl – ein leiser Anflug von Neid.

„Das war, bevor ich wusste, wie sich wahre Liebe anfühlt.“ Lydia warf ihrem Verlobten einen anbetenden Blick zu, doch Nathan hatte sein freudestrahlendes Gesicht gegen eine Flasche Bier eingetauscht und nahm den weiblichen Überschwang der Gefühle gar nicht wahr. „Jetzt bin ich unerträglich. Ich träume in letzter Zeit nur noch davon, ein Nest zu bauen und Babys zu kriegen.“ Sie kicherte, als sie Tess’ entsetzten Gesichtsausdruck sah. „Keine Sorge. Das ist nicht ansteckend.“

„Ich mache mir keine Sorgen. Versprich mir nur, dass du dich auch weiterhin über andere Dinge unterhalten wirst.“

„Natürlich werde ich das. Keine Gespräche über häusliches Familienleben, bis du an der Reihe bist.“

Tess bewunderte den Ring, einen in Platin gefassten Diamanten im Marquiseschliff. Es war erstaunlich, ihre Freundin so stolz diesen Beweis dafür tragen zu sehen, dass sie geliebt wurde und nicht länger alleine war. „Das kann dauern“, sagte Tess. „Ich bin ehrlich gesagt gar nicht scharf drauf, an die Reihe zu kommen.“

„Das sagst du jetzt. Aber warte, bis du den Märchenprinzen triffst.“

„Wenn du ihn siehst, gib ihm gerne meine Nummer.“

Lydia ging, um ihren Schwestern und zukünftigen Familienmitgliedern den Ring zu zeigen. Neelie notierte sich bereits die Kleidergrö-ßen der Angehörigen der Braut. Immer noch ein wenig erschrocken ob der Gefühle, die sich ihrer bemächtigt hatten, tupfte Tess sich die Augen mit einer Serviette trocken.

„Ich stimme dir vollkommen zu“, sagte Jude und gesellte sich zu ihr. „Das ist eine tragische Wendung der Ereignisse.“

„Sei nicht so gemein. Schau dir an, wie glücklich sie sind.“ Sie die sah, wie Lydias Familie sich um sie versammelte – Mom, Dad, zwei ihr ähnlich sehende Schwestern –, und verspürte wieder den Kloß im Hals.

„Schau dich mal an, ganz hingerissen von der Romantik des Ereignisses.“ Jude musterte das glückliche Paar. Lydia und Nathan schienen einander nicht aus den Augen lassen zu können.

Sie seufzte. „Ja, ich schätze, du hast recht.“

„Komm, Delaney. Du hast gerade noch gesagt, dass du gar nicht an die Reihe kommen willst. Und jetzt wirst du hier auf einmal ganz weich und sentimental.“

„Warum nicht? Es gibt viele Menschen, die weiche, sentimentale Sachen mögen.“

„Ja, Menschen in Altersheimen vielleicht.“

„Sei nett.“

„Ich bin immer nett.“

„Dann schenk mir noch ein Glas ein. Ich habe heute auch etwas zu feiern“, erinnerte sie ihn.

Er füllte ihr Champagnerglas auf. „Ach ja. Wir feiern die Tatsache, dass du die Firma um ein Holmström-Original gebracht hast.“

„Sei nicht verbittert. Wir haben dafür ein perfektes Tiffany-Service inklusive Zuckerzange bekommen. Und die ganzen anderen Sachen.“

„Ich hätte lieber alles. Was denkt die alte Lady sich nur? Dass die Kette ihre Mutter aus dem Todeslager der Nazis zurückbringt?“

„Oh, wie wäre es, wenn ich sie genau das frage?“ Tess trank einen Schluck Champagner.

„Okay, tut mir leid. Du hast sicher dein Bestes gegeben.“

„Sie ist eine sehr nette alte Dame. Herzlich und voller toller Geschichten. Ich wünschte, ich hätte mehr Zeit mit ihr verbringen können. Tu mir bitte einen Gefallen und verschaffe ihr ein Vermögen für das Tiffany-Service.“

„Natürlich. Ich gebe es unserem besten Gutachter. Übrigens, Nathans Bruder hat ein Auge auf dich geworfen.“ Er sah über ihre Schulter.

„Und?“

„Und – bist du frei?“

„Wenn du meinst, ob ich mich im Moment mit jemandem treffe, lautet die Antwort: nein.“

„Was ist aus dem Motorradtypen geworden?“

„Er ist ohne mich in den Sonnenuntergang gefahren“, gab sie zu.

„Und Popeye, der Segler?“

Sie lachte. „Du meinst den Kerl von der Marine? Eldon ist in den Sonnenuntergang gesegelt. Was ist das nur mit Männern und Sonnenuntergängen?“

„Ich sehe, dein Herz ist gebrochen.“

„Oder auch nicht.“ Um das Herz gebrochen zu bekommen, müsste sie es erst einmal jemandem schenken, und dazu war sie nicht bereit. Es war zu gefährlich, und Männer waren zu sorglos. Ihre Mutter und Großmutter waren der beste Beweis dafür. Tess war entschlossen, nicht in dritter Generation eine Verliererin zu werden. Sie wusste, worin sie gut war – in ihrer Arbeit. Da hatte sie die Kontrolle. Sie war erzogen worden, alles fest im Griff zu haben. Doch was Herzensangelegenheiten anging, konnte man nichts kontrollieren. Deshalb fand sie feste Beziehungen beunruhigend, vor allem in Anbetracht ihrer abtrünnigen Freunde, die sich auf einmal auf Ehen und Kinder einließen.

„Ich gebe den Versuch auf, mit deinen Männergeschichten mitzuhalten“, sagte Jude. „Es bleibt ja sowieso keiner lange genug, als dass ich mir den Namen merken könnte.“

„Autsch“, sagte sie. „Touché.“

„Bist du vielleicht eine heimliche Männerhasserin?“, fragte er. „Könnte das dein Problem sein?“

„Guter Gott, nein. Ich liebe Männer.“ Sie senkte den Blick und schaute dann aus dem Fenster. Die Nacht hatte eine Decke aus goldenen Sternen über die Stadt gebreitet. „Ich bin nur nicht sonderlich gut darin, sie zu halten.“

„Sollen wir uns ein Zimmer nehmen und ein paar Stunden wilden Sex haben?“, schlug Jude vor und strich ihr mit dem Finger von der Schulter bis zum Ellbogen.

Sie schlug seine Hand fort. „Spinn nicht rum.“

„Ich bin nur praktisch. Wir sind die Einzigen hier, die nicht vergeben sind, also dachte ich …“

„Was? Wir beide? Wir würden einander zerstören.“ „Mit dir bringt das überhaupt keinen Spaß, Schwester Maria Theresa. Wann wirst du dich endlich von meinem Charme einwickeln lassen?“

„Wie wäre es mit nie?“ Sie leerte ihr Champagnerglas mit einem Schluck. „Würde dir das passen?“

„Du bringst mich um. Na gut. Ich gehe auf die Pirsch, um mein armes lädiertes Ego wieder aufzumöbeln.“ Er gab ihr einen Kuss auf die Wange und schenkte ihr ein freundschaftliches Lächeln. „Bis später, meine Schöne. Ich muss jetzt einen One-Night-Stand organisieren.“

„Okay, das ist deprimierend.“

„Nein. Alleine nach Hause zu gehen ist deprimierend.“ Er machte sich auf in Richtung der stimmungsvoll beleuchteten Bar, an der die jungen Frauen aufgereiht standen wie die Enten am Schießstand.

Tess bezweifelte keinen Augenblick, dass Jude Erfolg haben würde. Was den ersten Eindruck anging, war er einfach unschlagbar. Nicht nur, weil er aussah wie direkt einer Armani-Kampagne entstiegen, sondern auch weil er so eine bestimmte Art hatte, eine Frau anzuschauen, bei der man sofort das Gefühl bekam, der Mittelpunkt seiner Welt zu sein.

Tess durchschaute ihn allerdings. Auf seine Weise war er genauso einsam und beschädigt wie sie.

Sie stellte ihr Champagnerglas ab und trat ans Fenster. In einer klaren Nacht wie dieser war San Francisco einfach magisch. Die Straßenlaternen zogen sich schimmernd wie eine Diamantkette um die Bucht, und der Himmel war so schwarz und weich wie Samt. Die Kabel der Brücken sahen aus wie goldfarbene Girlanden. Boote jeder Größe glitten über das Wasser. Die Hochhäuser ragten auf wie unterschiedlich hohe Goldbarren. Selbst der Verkehr in den Straßen tief unter ihr zog sich wie eine mit Rubinen besetzte Goldkette durch die Stadt. Tess war schon in unzähligen Städten auf der ganzen Welt gewesen. Paris. Johannesburg. Mumbai. Shanghai. Aber San Francisco war ihr immer noch am liebsten. Es war eine Stadt, in der Unabhängigkeit geschätzt und nicht bemitleidet oder als Problem angesehen wurde, das wohlmeinende Freunde sofort meinten, lösen zu müssen.

Sie näherte sich dem frisch verlobten Paar, um sich zu verabschieden. Als sie ihre Freunde so zusammen sah, lächelnd und mit geröteten Wangen, die Augen vor Glück funkelnd, wurde Tess von einem bittersüßen Gefühl ergriffen. Lydia war einer dieser Menschen, bei denen das Leben so leicht aussah. Sie war nicht so naiv, Nathan als perfekt anzusehen. Und doch vertraute sie ihm einfach ihr Herz an. Tess fragte sich, ob man diese Fähigkeit lernen konnte oder ob sie angeboren war.

„Ich mach mich auf den Weg“, sagte sie und zog Lydia in ihre Arme. „Ruf mich an.“

„Na klar. Pass auf dich auf.“

Tess verließ die Bar und stieg in den Fahrstuhl. Die Spiegel waren so angeordnet, dass sie sich bis in die Unendlichkeit spiegelte. Sie betrachtete das Bild – blasse Haut und Sommersprossen, welliges rotes Haar, ein Burberry-Trenchcoat, den sie in Hongkong für den Bruchteil des Preises erstanden hatte, den sie in den USA hätte zahlen müssen.

Sie schaute sich so lange an, dass sie sich selber fremd vorkam. Wie war so etwas möglich?

Aus einem Grund, den sie nicht benennen konnte, schlug ihr Herz auf einmal schneller und hämmerte wie verrückt gegen ihren Brustkorb. Guter Gott, wie viel hatte sie denn getrunken? Ihr Atem wurde flacher, ihre Kehle wurde eng. Sie umklammerte den Handlauf und versuchte, sich gegen den aufkommenden Schwindelanfall zu wappnen.

Vielleicht habe ich mir etwas eingefangen, überlegte sie, als das Gefühl nicht nachlassen wollte, sondern sie den ganzen Weg bis in die opulente Lobby des Hotels begleitete. Nein. Sie hatte keine Zeit, krank zu werden. Das kam überhaupt nicht infrage.

In der Lobby gab es ebenfalls überall Spiegel, und ein Blick hinein verriet Tess, dass sie nicht aussah wie eine Frau, die jeden Augenblick zusammenbrechen könnte. Aber sie fühlte sich so, und das Gefühl trieb sie zur Tür hinaus. Sie eilte in die Nacht hinaus und in Richtung Lower Nob Hill, ihrem Wohnviertel. Sie verzichtete auf ein Taxi. Ein kleiner Spaziergang an der frischen Luft würde ihr sicher guttun.

Ihre Absätze klackerten nervös auf dem Gehweg. Das metallische Kreischen einer Straßenbahn stach ihr in die Ohren. Ihr Blick schwankte zwischen verschwommen und klar, als würde sie durch ein Fernglas schauen und versuchen, die Schärfe einzustellen. Ihr Herz raste immer noch, ihr Atem ging schnell und flach. Vielleicht liegt es am Champagner, dachte sie.

Wenn sie einen Hausarzt hätte, würde sie ihn anrufen. Doch sie hatte keinen. Mein Gott, sie war neunundzwanzig. Ärzte waren etwas für kranke Leute. Sie war nicht krank. Sie hatte nur ab und zu das Gefühl, ihr Kopf würde explodieren.

Sie holte ihr Handy heraus und wählte die Nummer ihrer Mutter, ohne jedoch große Hoffnung zu haben, sie auch zu erwischen. Shannon Delaney reiste irgendwo in Frankreich in der Auvergne herum – einer Gegend, die berühmt war für ihre Geschichte, ihre Weine und ihre Landschaft … und ihr schlechtes Handynetz.

„Hey, ich bin’s“, sagte sie, als die Mailbox sich meldete. „Wollte nur mal hören, wie es dir geht. Ruf mich an, wenn du kannst. Mal sehen, was gibt’s hier Neues? Lydia und Nathan haben sich verlobt, aber das interessiert dich nicht, weil du weder Lydia noch Nathan kennst. Ach ja, und ich habe heute ein komplettes Tiffany-Service gefunden. Und noch ein paar andere Sachen. Also melde dich.“

Sie steckte das Handy weg und fragte sich, wann das zittrige Gefühl wohl wieder vergehen würde. Eine Zigarette, das war’s, was sie jetzt brauchte. Ja, sie war Raucherin. Diesem Laster war sie vollkommen gedankenlos auf ihrer ersten Geschäftsreise nach Frankreich verfallen. Sie wusste, welche schlimmen Nebenwirkungen es für die eigene Gesundheit und die ihrer Mitmenschen hatte. Und natürlich hatte sie vor, eines Tages damit aufzuhören. Bald schon. Aber nicht heute Abend.

Sie stellte sich in den schützenden Eingang eines Hauses und suchte in ihrer Handtasche nach der rot-weißen Packung. Dann kam die wahre Herausforderung – Streichhölzer zu finden. Wie immer herrschte in ihrer Tasche ein heilloses Chaos aus Lippenstiften, Quittungen, Busfahrkarten, Notizen, Informationen über die Fälle, an denen sie gerade arbeitete, und Visitenkarten von Leuten, deren Gesichter sie schon lange wieder vergessen hatte. Außerdem hatte sie immer das Werkzeug ihrer Zunft dabei wie eine Lupe und eine kleine Taschenlampe. Sie stieß sogar auf den kleinen Beutel mit Lavendelscones, den Miss Winther ihr mitgegeben hatte.

Endlich fand sie, was sie suchte – eine Packung Streichhölzer von Fuego, einem trendigen Bistro, in dem sie mal eine Verabredung gehabt hatte. Mit einem Typen, der sie aus welchen Gründen auch immer nie wieder angerufen hatte. Sie konnte sich nicht an ihn erinnern, aber sie wusste noch, dass der Salat mit Birnen und Blauschimmelkäse ein Gedicht gewesen war. Vielleicht war sie deshalb nicht noch mal mit dem Mann ausgegangen; er war nicht so erinnerungswürdig wie der Käse.

Als sie die Zigarettenschachtel öffnete, sah sie, dass nur noch eine Zigarette übrig war. Egal. Vielleicht würde sie morgen aufhören. Sie steckte sich den Filter zwischen die Lippen und zündete ein Streichholz an, das jedoch vom Wind sofort wieder ausgepustet wurde. Sie nahm ein neues.

„Entschuldigung.“ Eine Frau, die einen klapperigen Einkaufswagen vor sich herschob, blieb neben Tess auf dem Bürgersteig stehen. Der Korb war vollgepackt mit Plastiktüten, in denen sich Dosen, ein zusammengerollter Schlafsack, Kleidung und ein handgeschriebenes Pappschild befanden. Vor dem Wagen lief ein kleiner, zerzauster Hund. Seine Knopfaugen fingen den gelben Schein der Straßenlaternen ein, während die Frau den Einkaufswagen quer gegen die ansteigende Straße stellte.

Tess war in dem Hauseingang gefangen. Sie konnte schlecht einfach weitergehen, den Blick abwenden und so tun, als hätte sie die Frau nicht gesehen.

„Hätten Sie vielleicht eine Zigarette für mich?“ Die Frau klang höflich, aber auch sehr erschöpft und ein wenig außer Atem von dem schweren Weg bergauf.

„Das ist leider meine letzte.“

„Ich will ja auch nur eine.“

Resigniert steckte Tess die Zigarette in die Schachtel zurück und reichte sie der Frau. „Hier. Nehmen Sie.“

„Danke“, sagte sie. „Haben Sie auch Feuer?“

„Na klar.“ Sie gab ihr auch noch die Streichhölzer.

Mit stark zitternden Händen steckte die Frau Zigarette und Streichhölzer ein.

„Wie wäre es mit ein paar hausgemachten Scones?“ Tess hielt der Frau den Beutel von Miss Winther hin.

„Sicher. Danke.“ Die Frau nahm sich einen und biss hinein. „Haben Sie die gebacken?“

„Nein. Ich kann weder backen noch kochen. Eine …“ Freundin? „Eine Kundin hat sie gemacht.“ Sie versuchte, sich nicht an dem Gedanken aufzuhängen, dass sie mehr Kunden als Freunde hatte.

„Die schmecken verdammt gut.“ Den letzten Bissen gab sie dem Hund, der sich benahm, als wäre es Manna vom Himmel. „Das findet Jeroboam auch.“ Sie lachte leise, als der Hund an ihr hochsprang, um ihr Kinn abzulecken. „Passen Sie gut auf sich auf.“ Damit schob sie ihren Wagen wieder bergab. „Und Gott segne Sie.“

Tess schaute ihr hinterher und dachte über die Ironie der Worte der Obdachlosen nach. Passen Sie gut auf sich auf.

Sofort war das Unbehagen wieder da. Es überrollte sie mit neuer Kraft, und schnell setzte sie sich in Bewegung, verfiel beinahe in einen Laufschritt, um … ja, um wohin zu gelangen? Und warum die Eile?

„Ganz ruhig“, flüsterte sie im Takt ihres Atems. Sie wiederholte den Satz wie ein Mantra, doch es half nichts. Sie rannte zu ihrem Haus und stocherte einen Moment mit dem Schlüssel im Schloss herum, bevor sie die Tür mit zitternden Händen öffnete. Dann rannte sie durch den leichten Geruch nach Küchendünsten und Möbelpolitur die Treppe hinauf

„Du bist zu Hause“, sagte sie, als sie endlich in ihrer Wohnung angekommen war und sich in dem vertraut chaotischen Apartment umsah. Koffer und Taschen in verschiedenen Stadien des Auspackens lagen und standen überall herum. Wäsche, die gewaschen oder weggeräumt werden musste. Stapel von Büchern und Papieren. Kreuzworträtsel und Arbeitsunterlagen. Sie war so sehr mit Reisen und Arbeiten beschäftigt, dass sie nur selten lange genug daheim war, um aufzuräumen.

Trotzdem liebte sie ihr Zuhause. Sie liebte Altes. Der braune Klinkerbau war ein Überlebender des Erdbebens und Feuers von 1907 und trug stolz eine entsprechende Plakette der Historischen Gesellschaft. Das Gebäude hatte eine gruselige Geschichte – es war einst der Tatort eines Verbrechens aus Leidenschaft gewesen –, doch das machte Tess nichts aus. Sie war nicht abergläubisch.

Die Wohnung war voller Dinge, die sie im Laufe der Jahre zusammengetragen hatte, weil sie ihr gefielen oder sie faszinierten. Es war eine gelungene Mischung aus Erbstücken und Kitsch, deren verbindendes Element darin bestand, dass jedes Stück eine Geschichte hatte. Wie ein Tonkrug, an dessen unterem Rand eine Liebesgeschichte in Bildern erzählt wurde und in dem sie einen Zettel gefunden hatte, auf dem stand: Mögen wir lange laufen. Gilbert. Oder die antike Uhr an der Wohnzimmerwand, deren geschnitzte Ziffern jeweils einem der zwölf Kinder des Uhrmachers nachempfunden waren. Sie mochte das Ungewöhnliche, sofern es einst von jemand anderem geschätzt worden war. Ihre Post quoll aus einer antiken Kiste, die eine Taubenuhr beinhaltete, mit der damals die Flugzeiten bei Brieftaubenwettrennen gemessen worden waren. Eine Messingplakette verriet, dass ein Vater diese Kiste seinem Sohn geschenkt hatte. Tess hängte ihre große Handtasche an einen schmiedeeisernen Geländerknopf, der einst das Treppengeländer in einer Stadtbücherei geziert hatte, die abgebrannt und innerhalb weniger Wochen durch die tatkräftige Hilfe aller Gemeindemitglieder wieder aufgebaut worden war.

Sie fand die Schätze anderer Menschen einfach unglaublich faszinierend. Sie trugen die Scharten und Fingerabdrücke der Geschichte und ihrer ehemaligen Besitzer. Vermutlich hatte Tess diese Leidenschaft entwickelt, weil sie in ihrer Kindheit so viel Zeit in dem Antiquitätengeschäft ihrer Großmutter verbracht hatte. Da ihre eigene Familie nur so klein war, hatte sie sich früher immer vorgestellt, wie es wohl wäre, Geschwister, Tanten und Onkel zu haben … und einen Vater.

Heute Abend boten ihre Schätze ihr jedoch keinen Trost. Sie tigerte auf und ab und wünschte sich, sie hätte das letzte Glas Champagner nicht getrunken. Wünschte sich, nicht ihre letzte Zigarette weggegeben zu haben. Wünschte sich, sie könnte Neelie oder Lydia anrufen, ihre besten Freundinnen. Doch Lydia war ganz mit ihrer Verlobung beschäftigt, und Neelie hatte einen neuen Freund. Tess brachte es einfach nicht über sich, ihnen den fröhlichen Abend mit einem lächerlichen Hilferuf kaputt zu machen.

„Ja, du bist lächerlich, das bist du“, sagte sie zu ihrem Spiegelbild. „Es gibt überhaupt nichts, worüber du dir Sorgen machen müsstest. Was, wenn du wirklich in Schwierigkeiten stecktest? Was, wenn es dir so ginge wie den Winthers im von Nazis besetzten Dänemark? Das wäre etwas, worüber man sich den Kopf zerbrechen könnte.“

Dann dachte Tess an die Bettlerin, die vermutlich auch Sorgen hatte, und doch der Welt mit erschöpfter Akzeptanz entgegentrat. Sie schien mit den Scones und dem Hund zufrieden gewesen zu sein. Vielleicht sollte ich mir auch einen Hund zulegen, dachte Tess. Aber nein. Sie reiste zu viel, um sich auch nur um einen Farn zu kümmern, geschweige denn um einen Hund.

Doch egal, wie sehr sie sich auch bemühte, das Hämmern ihres Herzens in der Brust zu ignorieren, sie konnte ihm nicht entkommen. Das war das Einzige, wovor sie bisher noch nicht hatte weglaufen können – vor sich selbst.

3. TEIL

Meine Liebste, nimm ein wenig Lavendel oder, besser noch, einen Fingerhut voll Wein;

deine Lebensgeister sind sehr schwach, meine Süße.

John O’Keeffe, A Beggar on Horseback, 1798

Lavendel-Scones

 

2 Tassen Mehl

½ Tasse Haferflocken

1 TL Backpulver

½ TL Backnatron

½ TL Meersalz

¼ Tasse Butter

1½ TL Lavendelblüten, frisch oder getrocknet

1 geschlagenes Ei

1∕3 Tasse Honig

½ Tasse Buttermilch

1 TL Vanille

Ofen auf 200 °C vorheizen. Mehl mit Haferflocken, Backpulver, Backnatron und Salz vermischen. Butter in Flocken und Lavendelblüten hinzugeben. In die Mitte eine Mulde drücken und dort das Ei, den Honig, die Buttermilch und die Vanille hineingeben. Verrühren, bis sich alles vermischt hat. Mit bemehlten Händen den Teig zu einer etwa 2,5 cm dicken Rolle formen und in acht Stücke schneiden. Die Scones für 12–15 Minuten backen, bis sie goldbraun sind. Mit Butter und Honig servieren.

(Quelle: Adaption vom Herb Companion Magazine)

3. Kapitel

Archangel, Kalifornien

„Er wanderte am Highway entlang“, sagte Bob Krokower mit Blick auf den langbeinigen Schäferhundmischling am Ende der Leine. „Fay und ich dachten, Charlie wäre ein schöner Gefährte für unseren Ruhestand, aber wie sich herausstellt, passen wir nicht wirklich gut zusammen.“

Dominic Rossi betrachtete die riesigen Pfoten und die schelmisch funkelnden Augen des großen Junghundes. Dann schaute er wieder Bob an, seinen Bankkunden, der inzwischen auch ein Freund war und der den Hund quer über das Feld und den Angel Creek, der zwischen ihren Häuser verlief, hierhergezerrt hatte. „Ich habe schon zwei Hunde“, sagte er. „Iggy und Dude.“ Beide stammten ebenfalls aus der Tierrettung. Einer war ein verrücktes kleines italienisches Windspiel aus einer Massenzucht, und in dem anderen hatten so viele Rassen mitgemischt, dass Dominic sich manchmal nicht sicher war, ob es sich überhaupt noch um einen Hund handelte.

„Wir können ihn nicht behalten. Wir fahren heute übers Wochenende mit den Enkelkindern weg. Er ist sehr freundlich.“ Bob rückte seine Baseballkappe zurecht. „Hier ist ein großer Futtersack. Der Junge kommt gut mit anderen Hunden zurecht. Und auch mit Kindern. Er liebt Kinder. Er kommt nur nicht mit Rentnern klar.“

Dominic hatte für den heutigen Tag eine meterlange Liste mit Dingen, die zu erledigen waren. Darunter die Kinder von seiner Exfrau abholen. Von der Rettung eines Streuners hingegen stand nichts darauf. Wie immer war er früh aufgestanden und hatte den Tag mit einer Runde durch seinen Weinberg begonnen. Trauben anzupflanzen und Wein zu keltern war seine Leidenschaft, aber er war weit davon entfernt, davon leben zu können. Er musste es zwischen seine Arbeit und seine Pflichten als alleinerziehender Vater quetschen und wechselte die Rollen inzwischen mühelos.

„Hör mal“, sagte Bob, „wenn du ihn nicht nehmen kannst, kann ich ihn bestimmt zum Tierheim in Healdsburg bringen und …“ Dominic schaute in die braunen Augen des Tieres, obwohl er wusste, ein Blick in die treuen Augen eines Hundes reichte, und es war um einen geschehen. Genauso wie jetzt. „Lass ihn hier. Mir fällt schon was ein.“

Bob drückte ihm die Leine in die Hand. „Du kannst wirklich gut mit Hunden und Menschen umgehen. Ich bin sicher, er lebt sich hier ganz schnell ein. Dank dir tausendmal, Dominic.“

Nachdem er den Hund in guten Händen wusste, machte Bob sich wieder auf den Weg. Dominic schaute ihm hinterher. Bob kannte ihn einfach zu gut. Er wusste, dass Dominic Rossi Schwierigkeiten hatte, das Wort Nein auszusprechen. „Charlie, hm?“, sagte er zu dem Hund. „Du siehst mir nach einem ganz schönen Kaliber aus, aber ich werde ein Zuhause für dich finden. Da fällt mir gerade ein, ich habe den Wagners noch gar kein Geschenk zu ihrem Einzug vorbeigebracht.“ Kurt Wagner hatte sich gerade für ein Darlehen qualifiziert, das aus einem Programm stammte, das Dominic in der Bank eingeführt hatte. Es unterstützte Veteranen beim Hauskauf. Vielleicht wäre Kurt bereit, dem Hund ein Zuhause zu geben. Wobei, sehr wahrscheinlich war das nicht. Kurts Frau war schwanger, da wäre ein noch nicht ausgewachsener Vierbeiner vermutlich zu viel.

Nachdem er sichergestellt hatte, dass die Leine ordentlich am Halsband befestigt war, ließ Dominic seinen Blick über die sanften Hügel des Johansen-Grundstücks schweifen. Die Apfelbäume von Bella Vista zogen sich in geraden Reihen über einen in der Ferne liegenden Kamm, der an Dominics Besitz grenzte. Die Ernte müsste inzwischen in vollem Gange sein, doch auf Magnus’ Plantage war es seltsam still, und es war keine Menschenseele zu sehen.

Der Gedanke an Arbeit erinnerte ihn daran, dass er sich besser auf den Weg machte. Er atmete noch einmal die klare Morgenluft ein und ermahnte sich, dankbar zu sein für das Leben, das er hatte. Selbst wenn es nicht das Leben war, das ihm für sich vorgeschwebt hatte. Seine Karriere als Navypilot war vorbei gewesen, als eine Mission zu einem Unglück geführt hatte. Jetzt war er alleinerziehender Vater hier in Archangel, dem Ort, in dem er inmitten der sonnenverbrannten Felder und Weinberge aufgewachsen war. Ein Platz für Träumer und Künstler, für Farmer und Familien. Die wilde, trockene Landschaft durchzogen Straßen, die von knorrigen alten Eichen gesäumt waren und zu einer Bilderbuchstadt voller kleiner Läden und Cafés führten. Es war nicht das Schlimmste, wieder hier zu sein. Er konnte Wein anbauen und herstellen, etwas, wovon er schon lange geträumt hatte, auch wenn sein Tag nicht genügend Stunden hatte, um sich mit vollem Herzen darum zu kümmern. Das Leben war im Großen und Ganzen gut – solange er sich auf die Dinge konzentrierte, die er hatte, und nicht auf die, die er vermisste.

Charlie gähnte laut und leckte sich über die Lefzen.

„Ich weiß, Kumpel. Überlegen wir mal, was wir mit dir machen.“

Er dachte erneut an Magnus und dessen Enkelin Isabel. Vielleicht war es auf der angrenzenden Plantage so leise, weil Magnus’ Geldprobleme sich zugespitzt hatten. Mit einem Gefühl, als wäre er der Sensenmann persönlich, hatte Dominic seinem ältesten und liebsten Kunden vor Kurzem persönlich einen Brief überreichen müssen. Bei der Erinnerung an das schwierige Gespräch zuckte er immer noch zusammen.

„Es tut mir leid. Ich habe alles getan, um es aufzuhalten oder wenigstens hinauszuzögern.“

„Ich weiß. Du hast mir ein paar zusätzliche Jahre verschafft.“ Der alte Mann hatte einen beinahe philosophischen Gesichtsausdruck zur Schau getragen. In seiner Miene lag nicht der Hauch von Angst.

Dominic hatte die Zwangsvollstreckung so lange wie möglich aufgeschoben, bis die Bank, für die er arbeitete, von einer anderen Bank übernommen wurde. Die neue Bank – ein weltumspannender Koloss – war nicht so verständnisvoll gewesen. „Verdammt. Ich hasse diese Seite des Geschäfts, aber ich habe zwei Kinder und kann nicht riskieren, meinen Job zu verlieren.“

„Ich verstehe das. Ich finde schon eine Lösung.“

Dominic dachte, dass es für Magnus keine Lösung mehr gab, doch das behielt er für sich.

Wie immer dachte Magnus an sich selbst zuletzt. „Was mit deiner Familie passiert ist, tut mir sehr leid, Dominic.“

Dominic nickte. „Danke.“

„Wir beide haben jetzt mal ein wenig Glück verdient, oder?“

„Ich weiß nicht, was ich sagen soll.“

„Ich verstehe das. Du bist ein junger Mann, der Verantwortung für seine Kinder trägt. Das alles ist nicht deine Schuld. Manchmal glaube ich, du nimmst das schwerer als ich.“ Magnus hatte seine stets prä-sente Wurzelpfeife in die Hand genommen. Er hatte zwar vor Jahren mit dem Rauchen aufgehört, doch die Pfeife steckte immer in seiner Hemdtasche. „Sag, hast du dich um das Testament gekümmert? Du bist immer noch damit einverstanden, mein Testamentsvollstrecker zu sein?“

„Natürlich, wenn du das möchtest.“

„Ja, das möchte ich.“

Dominic riss sich von der Erinnerung los. Er versuchte immer, so gut es ging zu helfen. Aber manchmal war sein Bestes nicht gut genug.

Er zupfte kurz an der Leine und machte sich auf den Weg in den Garten. Charlie konnte bei ihm bleiben, bis er ein neues Zuhause für ihn gefunden hatte. Sein Handy klingelte. Eine unbekannte Nummer.

„Dominic Rossi.“ „Hier spricht Ernestina Navarro. Ich bin im Valley Medical Krankenhaus.“

Magnus’ langjährige Haushälterin. „Was ist los?“, fragte Dominic.

„Haben Sie nicht von dem Unfall auf Bella Vista gehört?“

„Was für ein Unfall?“

„Der alte Magnus ist von der Leiter gefallen.“

Mist. „Nein.“ Mit einem Schlag war sein ganzer Tag auf den Kopf gestellt.

4. Kapitel

Tess’ Mutter rief nicht zurück. Was wenig überraschend war. Shannon Delaney war nicht sonderlich gut darin, in Kontakt zu bleiben. Schon gar nicht, wenn sie sich auf einer Geschäftsreise in der Dordogne und Auvergne befand.

Bevor sie sich schlafen legte, lud Tess noch die Fotos hoch, die sie von Miss Winthers Tiffany-Service und den anderen Schätzen aus der Wohnung der alten Dame gemacht hatte. Morgen würde ein Assistent alles katalogisieren und für die Auktion fertig machen.

Tess versuchte, nicht daran zu denken, dass sie wieder alleine ins Bett gehen würde. Wie immer. Einst hatte sie ihre Unabhängigkeit und Freiheit genossen, doch in letzter Zeit fühlte es sich immer mehr wie Einsamkeit an. Wenigstens hatte sich ihr Herz wieder beruhigt, nachdem sie der Obdachlosen die Zigarette und die Scones überlassen hatte.

Sie schob die Sachen, die auf ihrem Bett lagen, zur Seite. Ja, sie lebte im ständigen Chaos, als wenn das Treibgut und das Strandgut ihres Lebens der Wohnung die Leere nehmen könnten. Dann schloss sie die Augen und lauschte den Geräuschen der Nacht: ratternde Straßenbahnen, Sirenen, das Zischen der Bremse eines Trucks, der entfernte Pfiff eines Zuges. Der Lärm und die Schwingungen von San Francisco bildeten den Soundtrack zu Tess’ Leben. Nachdem sie ihrer Mutter um den gesamten Globus gefolgt war, hatte sie gelernt, die Geräuschkulisse von Städten zu lieben, und San Francisco war eine ihrer Lieblingsstädte. Wenn man schon nachts wach lag und nicht einschlafen konnte, war es schön, wenigstens etwas Interessantem lauschen zu können.

Am nächsten Tag versuchte sie gar nicht erst erneut, ihre Mutter zu erreichen. Obwohl sie sich wünschte, irgendjemanden von ihrem anstehenden Treffen mit Mr Dane Sheffield persönlich erzählen zu können. Nur Brooks, der Officemanager, wusste davon. Ihre erfolgreiche Suche nach dem polnischen Schatz sollte belohnt werden. Endlich würden sich die langen Jahre harter Arbeit auszahlen. Sie hätte ein wenig Aufmunterung von ihrer Mutter gebrauchen können, doch sie wusste, dass sie es auch ohne schaffen würde. Das hatte sie immer.

Sie rumorte in der Küche herum und erhitzte etwas Wasser in der Mikrowelle, um sich einen Tee zu machen. Während sie den Beutel eintunkte, schaute sie sich das blassgrüne, handgemalte Kleeblatt auf dem Becher genau an. Es war ein echter Belleek, eines der wenigen Erinnerungsstücke aus ihrer Kindheit in Dublin.

Ach Nana, dachte sie. Du würdest dich heute so für mich freuen.

Als ihre Nana noch lebte, hätte Tess sie sofort angerufen und übersprudelnd von dem Schatz erzählt, den sie gefunden hatte, und von der funkelnden Aussicht auf einen großen Karriereschritt. Sie und Nana waren wie Pech und Schwefel, wie Nana es immer ausgedrückt hatte. In ihrer Kindheit war es Nana gewesen, die Tess aufgezogen hatte, während Shannon Delaney für ihren Job die Welt bereiste.

Fairerweise musste sie eingestehen, dass Shannon versucht hatte, ihre Tochter mit auf Reisen zu nehmen. Tess wusste das, weil eine ihrer ersten Erinnerungen ein Flug mit ihrer Mutter war. Sie war damals fünf Jahre alt gewesen und hatte unter fürchterlichen Ohrenschmerzen gelitten, doch als sie das endlich ihrer Mutter gestand, waren sie schon in der Luft. Auf einer Höhe von dreißigtausend Fuß platzte ihr Trommelfell, und Blut und Eiter flossen aus ihrem Ohr, während sie die nächsten anderthalb Stunden nichts tun konnte, außer zu weinen. Damals hatte Shannon entschieden, dass es unmöglich war, ein Kind aufzuziehen, wenn man ständig unterwegs war.

Tess erinnerte sich noch an das überwältigende Gefühl der Erleichterung, als sie wieder in ihrer Wohnung in Dublin abgeliefert worden war. Natürlich hatte sie ihre Mom vermisst, aber Nana war ihr Hafen gewesen, mit der bunten Wohnung und dem verzauberten Laden in der Grafton Street, der Things Forgotten hieß – vergessene Dinge. Er war berühmt für seine Antiquitäten und Sammlerstücke und als Treffpunkt für Liebhaber schöner Sachen. Während Shannon unterwegs war, verbrachte Tess selbst als kleines Kind Stunden zwischen alten Waschtischen und Schränken oder unter Nanas massivem Schreibtisch, der in der Mitte des Ladens stand.

Nana hatte den Tisch Tess vermacht – ein unpraktisches, aber aus vollem Herzen geliebtes Erbstück. Er hatte in einem Lager gestanden, bis Tess mit dem College fertig war und sich eine eigene Wohnung nahm. Sie war nach Berkeley gegangen, wo auch ihre Mutter studiert hatte, und es war unglaublich kompliziert gewesen, den Tisch zu transportieren. Doch jetzt stand er in seiner ganzen handgeschnitzten Pracht mitten in ihrem Wohnzimmer.

Tess’ früheste und liebste Erinnerungen drehten sich um den großen Tisch mit seinen vielen Schubladen und Fächern. In der Knieöffnung hatte sie immer mit ihren Puppen gespielt. Während sie der gedämpften Stimme ihrer Nana zuhörte, die sich mit einem Kunden unterhielt oder telefonierte, hatte sie ihre Puppen in Decken eingewickelt und schlafen gelegt. Dieses Spiel verlief immer gleich. Ihre Puppen erlebten keine Abenteuer und reisten auch nicht auf der Suche nach Piratenschätzen um die Welt. Stattdessen spielten sie ein Spiel, das Tess „Familie“ nannte. Die Geschwister stritten sich, die Mütter und Väter schalten sie und steckten sie ins Bett. In Tess’ Welt waren das vollkommen ausgedachte Geschichten, die es in echt gar nicht geben konnte. Sie hatte keine Familie – zumindest nicht im traditionellen Sinne. Und die hatte sie auch nie gehabt.

Bereits in jungen Jahren lernte Tess, dass es normal für eine Mutter war, zu kommen und zu gehen und immer nur sporadisch am Leben ihrer Tochter teilzunehmen. Sie hatte gehört, wie Lehrer und einige der Mütter ihrer Freunde sich darüber unterhielten und es als Schande bezeichneten, dass Shannon Delaneys Arbeit es nicht zuließ, bei ihrer Tochter zu Hause zu bleiben. Tess sah immer noch das Paisleymuster des Innenfutters vom Koffer ihrer Mutter vor sich und das graue Netz, in dem sie ihre Cremes und Schminksachen verstaute. Sie hatte auch immer eine kleine Aufziehuhr mit einem Bilderrahmen dabei, in dem ein Foto von Tess im zweiten Schuljahr steckte. Ihr breites Grinsen entblößte eine Zahnlücke, wo ihre beiden Schneidezähne am gleichen Tag ausgefallen waren.

„Mommy, erzähl mir von meinem Dad.“

„Du hast nie einen Dad gehabt. Der Mann, der dein Vater ist, war kein Dad. Er war nur … jemand, den ich mal gekannt habe.“

„Mirabelle sagt, ich bin ein Bastard.“

„Mirabelle ist eine kleine vorlaute Göre“, erwiderte Tess’ Mom. „Und ihre Mutter ist eine große vorlaute Göre.“

„Ist es schlimm, ein Bastard zu sein?“

„Nein. Es ist schlimm, eine Göre zu sein. Du zu sein ist gut – Theresa Eileen Delaney, die Erste und Einzige.“

„Warum sagt sie dann so was Gemeines?“

„Das weiß ich nicht.“

„Weil ich keinen Vater habe?“

„Das weiß ich auch nicht.“

„Manchmal, wenn ich andere Kinder mit ihren Vätern sehe, möchte ich auch einen. Ganz doll.“

Ihre Mom zögerte und sagte dann: „Väter werden überbewertet.“

„Was heißt das?“

„Das heißt … Mein Gott, du stellst aber auch viele Fragen.“

Nana war die Konstante in Tess’ Leben. Sie verbrachten viele gemeinsame Stunden im Laden. Wann immer es etwas ruhiger war – und das war es jeden Tag irgendwann –, tranken sie und ihre Großmutter zusammen Tee, den sie oft in einer antiken Wedgwood- oder Belleek-Porzellankanne zubereiteten und auf einem Silbertablett servierten. Nana liebte alte Dinge und behandelte sie mit Respekt, aber sie hatte auch keine Probleme damit, sie zu benutzen.

Erfüllt von der Wärme der Erinnerung, stellte Tess ein eingebildetes Tablett hin. In perfekter Kopie des singenden Tonfalls ihrer Nana sagte sie: „Mach die Musik an, a stór. Die ruhige, leise Musik verleitet die Kunden dazu, länger im Laden zu verweilen.“ A stór war Nanas Kosename für Tess; es war Gälisch für „mein Schatz“.

Vielleicht lag es an der Musik, vielleicht an etwas anderem Magischen; jedenfalls herrschte in Things Forgotten eine spezielle Atmosphäre, die Leute anzog und sie immer wiederkommen ließ. Reisemagazine, Stadtführer und sogar die New York Times empfahlen Touristen und Sammlern gleichermaßen, dem Laden einen Besuch abzustatten. Der ungewöhnliche kleine Shop wurde zu einem großen Erfolg.

Ein weiteres Geschenk, das Nana ihr weitergegeben hatte, war ihr Urteilsvermögen. Sie hatte einen klugen Kopf und machte meistens einen guten Gewinn. Doch manchmal gab sie ein Stück auch für einen Apfel und ein Ei her und schaute seelenruhig zu, wie der neue Besitzer stolz mit seiner Errungenschaft und ihrem Profit aus der Tür ging.

„Manchmal liegt der Wert eines Stückes darin, wie sehr ein Mensch es liebt“, zitierte Tess ihre Großmutter laut, während sie in ihrem Schreibtisch wühlte, der jetzt Tausende von Meilen und mehrere Jahre von dem Laden in Dublin entfernt stand. Sie suchte nach Nanas altem Lederkalender, um ihn mit zu ihrem Treffen zu nehmen. Ihr Kalender und Notizbuch befanden sich inzwischen nur noch in ihrem Handy – so wie ihr ganzes Leben sich irgendwie in ihrem Handy zu befinden schien –, doch sie machte sich ihre Notizen immer noch in dem alten Buch und übertrug sie später.

Ein Blick auf die Uhr ließ sie sich etwas sputen. Sie schaute kurz ihre E-Mails an, hörte noch einmal den Anrufbeantworter ab – keine Nachricht von ihrer Mutter. Typisch. Sie schüttelte es ab; jetzt hätte sie sowieso keine Zeit, um sich zu unterhalten. An dem Bild ihrer Großmutter, das in einem Rahmen aus poliertem Wurzelholz auf der Kommode stand, hielt sie kurz inne. „Wünsch mir Glück“, sagte sie und eilte aus der Tür. Während sie die Treppe hinunterlief, schickte sie Brooks eine SMS, dass sie auf dem Weg war.

Eine halbe Stunde später kam sie am Büro an. Sie blieb vor einem Fenster stehen und richtete sich die Haare, wobei sie versuchte, nicht so zu wirken, als hätte sie die letzten zehn Minuten in einem Taxi gesessen und den Fahrer angeschrien, er möge sich beeilen, weil von dem Treffen ihr Leben abhing.

Das war ihr irisches Erbe. Ein Hang zur Dramatik. Und doch war ihr Verhalten in diesem Fall nicht übertrieben. Sie stand endlich kurz davor, ihren Traum wahr zu machen, und dieses Gespräch mit ihrem Chef war der entscheidende Schritt. Sie konnte es sich nicht leisten, zu spät zu kommen oder auf irgendeine Weise als unzuverlässig dazustehen.

Der für San Francisco typische Nebel hatte ihren Haaren nicht gutgetan, aber ihr Spiegelbild sah dennoch einigermaßen akzeptabel aus. Dunkle Strumpfhosen, ein konservativer Rock, ein cremefarbener Pullover unter einem grauen Blazer, dunkelgraue Pumps. Dazu eine geschmackvolle Kette und Ohrringe. Es waren antike Stücke von Cartier aus dem Jahr 1920 – Gold, Kristall und Onyx, eine Leihgabe der Firma.

Sie schüttelte ihre Haare noch einmal, straffte die Schultern und ging entschlossenen Schrittes auf den Eingang des gläsernen Hochhauses zu, in dem sich der Hauptsitz von Sheffield befand. Mit einem Blick auf die Uhr sah sie, dass sie fünf Minuten zu früh war. Sehr gut, denn sie konnte sich nicht erinnern, wann sie das letzte Mal etwas gegessen hatte. Oh ja, die Oliven gestern Abend im Martini, die ihrem Zusammenbruch im Fahrstuhl vorangegangen waren. Bevor sie das Gebäude betrat, ging sie schnell zu dem kleinen Straßenstand an der Ecke und kaufte sich einen Kaffee und einen Puderzuckerdonut, ihr Lieblingspowerfrühstück. Auf diese Weise musste sie Mr Sheffield nicht mit leerem Magen gegenübertreten.

Sie wollte, dass das Treffen gut verlief. Das hier war das Größte, was ihr in ihrer Karriere je passiert war. Die magische Tür, die sich vor ihr öffnete. Es musste einfach gut laufen. Sie sah den Umzug nach New York vor sich, eine signifikante Gehaltserhöhung und eine größere Rolle im Akquisitionsbereich der Firma. Die Aussicht, endlich ihr Studentendarlehen abzahlen zu können und finanziell frei zu sein, erfüllte sie mit Vorfreude. Nach einer Zeit, die ihr unendlich lang vorkam, war Tess nun wirklich auf dem richtigen Weg.

Das Einzige, was fehlte, war jemand, mit dem sie die Neuigkeiten teilen konnte. Jemand, der sie packen und umarmen würde, ihr sagen würde, wie toll sie das gemacht hatte und wie sie diesen Erfolg feiern wollte. Ach was, redete sie sich ein. Der Erfolg an sich reichte ihr; mehr brauchte sie nicht.

Sie drückte diesen Gedanken eng an ihr Herz und eilte ins Gebäude. Da sie in einer Hand ihr Frühstück und in der anderen ihre Aktentasche hielt, drückte sie den Fahrstuhlknopf mit dem Ellbogen. Auf der kurzen Fahrt in den neunten Stock teilte sie die Kabine mit einem junge Pärchen, das sich an den Händen hielt und ohne Worte allein mit Blicken verständigte. Die beiden erinnerten sie an Lydia und Nathan, die sich am Vorabend auch in einem Rhythmus bewegt hatten, den nur sie spüren konnten. Sie stellte sich vor, wie es wäre, einen Freund zu haben. Ihn anzurufen und mit ihren Neuigkeiten herauszuplatzen. Okay, dachte sie, vielleicht versucht das Universum, mir etwas zu sagen. Vielleicht war sie endlich bereit für einen echten Freund und nicht nur für eine Verabredung.

Aber nicht heute. Heute ging es allein um sie.

Sie stieg aus dem Fahrstuhl und ging entschlossen auf die Büros von Sheffield zu. Sie teilte sich den Platz mit einer Gruppe von Ankäufern, Brokern und Experten. Die Zweigstelle in San Francisco wurde von einer Atmosphäre des Wettbewerbs durchdrungen, gegen die auch Tess nicht immun war.

Als sie sich rückwärts durch die Tür schob – den Kaffeebecher in der einen Hand, die übervolle Tasche in der anderen, den Donut zwischen den Zähnen – fantasierte sie von ihrem anstehenden Treffen mit Dane Sheffield. Obwohl sie einander noch nie getroffen hatten, wurde sie von einer schwindelig machenden Zuversicht erfüllt. Er hatte dafür gesorgt, dass die Firma in einem Atemzug mit Christie’s und Sotheby’s genannt wurde, und sie war jetzt eine der Schlüsselfiguren. Sie beide waren verwandte Seelen, sie lebten dafür, die schönen Dinge zu bewahren und waren sich des schmalen Grats zwischen Kunst und Kommerz nur zu bewusst.

„Du hast Besuch“, verkündete Brooks hinter ihr und zeigte auf eine einsame Gestalt, die im Foyer stand.

Mist, er war zu früh.

Tess drehte sich um, um ihren Besucher anzuschauen. Er stand vor einem vom Boden bis zur Decke reichenden Fenster, sodass sie nur seine Silhouette erkennen konnte, die sich vor dem weichen, nebligen Licht des verhangenen Tages abzeichnete. Sein Gesicht lag im Schatten. Sie sah breite Schultern in einem gut geschnittenen Anzug. Er war beeindruckend groß, mindestens eins neunzig.

Er trat ins Licht, und sie hielt den Atem an. Er sah unglaublich gut aus. Unglücklicherweise atmete sie dabei ein wenig Puderzucker von dem Donut ein, der zwischen ihren Zähnen steckte. Ein lauter Nieser brach sich Bahn. Der Donut flog ihr aus dem Mund und staubte ihre Kleidung und den Teppich unter ihren Füßen mit weißem Pulver ein.

Sowohl Brooks als auch Mr Sheffield eilten zu ihr, nahmen ihr den heißen Kaffee ab, bevor der noch Schaden anrichten konnte, und klopften ihr auf den Rücken.

„Das wird schon wieder“, versicherte Brooks dem Besucher. „Unglücklicherweise ist das für Tess normal. Sie ist eine extreme Multitaskerin, und wie Sie sehen, funktioniert das nicht immer reibungslos.“

„Mir geht es wunderbar“, keuchte Tess hustend und warf Brooks einen warnenden Blick zu.

Übertrieben umständlich hob Brooks den Donut mit einem Papiertuch auf und trug ihn zum Mülleimer, als handele es sich um eine tote Maus. Tess riss sich zusammen und schaute den Fremden an. „Entschuldigen Sie vielmals“, sagte sie so würdevoll wie möglich. „Ich bin Tess Delaney. Wie geht es Ihnen, Mr Sheffield?“ Er sah überhaupt nicht aus wie das Bild auf der Firmenwebsite.

„Ich bin Dominic. Dominic Rossi.“ Er streckte ihr die Hand hin. Ihr fiel sein träges Lächeln auf. Träge und umwerfend.

Tess musste sich erst einmal sammeln. „Ich hatte jemand anderen erwartet.“

Brooks trat an sie heran und wischte ihr den verbliebenen Puderzucker von den Fingern, damit sie dem Gast die Hand reichen konnte. „Mr Sheffield hat gerade angerufen“, sagte Brooks. „Er verspätet sich und hat das Meeting eine Stunde nach hinten verschoben.“

„Schön, Sie kennenzulernen, Mr Rossi.“ Tess versuchte, ihre Enttäuschung darüber zu verbergen, dass dieser unglaublich gut aussehende Mann nicht ihr Arbeitgeber war.

„Nennen Sie mich doch bitte Dominic.“ Er hatte eine tiefe, sonore Stimme, die selbst dann Aufmerksamkeit erregte, wenn er leise sprach. Tess spürte förmlich, wie alle in Hörweite die Ohren aufsperrten.

„Gut“, sagte sie. „Dann Dominic.“ Natürlich hieß er Dominic. Das bedeutete „Gottesgeschenk“. Was für ein täglicher Schub fürs Ego. Aber das hieß ja nicht, dass er nicht schön anzuschauen war. Dominic Rossi sah aus wie ein Traum. Ein Traum, aus dem keine Frau, die noch bei Sinnen war, jemals aufwachen wollte.

Sie war für männliche Schönheit schon immer sehr empfänglich gewesen. Seitdem ihre Mutter sie damals als Zehnjährige mit nach Florenz genommen und ihr Michelangelos David gezeigt hatte. Sie erinnerte sich, diesen marmornen Koloss angestarrt zu haben – die geschmeidigen Muskeln, den symmetrischen Körperbau. Seine Nacktheit hatte sie nicht gestört, doch sein Gemächt hatte tausend Fragen aufgeworfen, die ihre Mutter brüsk beiseitegeschoben hatte.

Nun verschränkte Tess widerstrebend die Arme vor der Brust, um sich vor dem Charme von Mr Groß, Dunkel und Verstörend abzuschirmen. „Und wie kann ich Ihnen helfen?“

„Soll ich nach mehr Kaffee schicken?“, fragte Brooks. „Oder nach dem Katastrophenräumdienst?“

„Sehr lustig.“

Oksana Androvna, eine Expertin für den Ankauf von Objekten, schaute über eine der Trennwände zwischen den Schreibtischen. Sie erblickte den Besucher und duckte sich schnell weg. Der gut aussehende Fremde hatte vermutlich schon einen ganzen Sturm an Büroklatsch ausgelöst. Er sah nicht aus wie die üblichen Kunden von Sheffield House. „Mein Büro ist dort drüben“, sagte sie und ging voran den Flur hinunter. Während sie vor ihm herging, fragte sie sich, ob er ihr wohl auf den Hintern starrte. Im gleichen Moment war sie wütend auf sich, dass sie überhaupt darüber nachdachte. Sie öffnete die Tür und schaltete das Licht ein. Als sie sich zu ihm umdrehte, hielt er ihrem Blick stand, doch sie hatte trotzdem das Gefühl, dass er sie tatsächlich eindringlich gemustert hatte. Was sie ihm nicht verübelte. Umgekehrt hätte sie es genauso getan.

Wie üblich herrschte in ihrem Büro das reinste Chaos. Ein organisiertes Chaos, so viel stand fest, wobei sie die Erste war, die zugeben würde, dass das nicht das Gleiche wie Ordnung war. „Ich bin heute Morgen zeitlich ein wenig knapp …“

„Tut mir leid, dass ich so unangekündigt auftauche.“ Er folgte ihr ins Büro. „Ich bin nicht sicher, ob ich eine aktuelle Telefonnummer von Ihnen habe.“

„Ich habe sie Ihnen bestimmt nicht gegeben“, sagte sie. Aber ich hätte, wenn er mich gefragt hätte.

Er hielt ihr eine Visitenkarte hin. „Ich habe nach Ihnen gesucht.“

Aus unerklärlichen Gründen jagten ihr diese Worte einen Schauer über den Rücken. Im Bruchteil einer Sekunde schmeckte sie die Süße des Puderzuckers in ihrem Mundwinkel, fühlte den kühlen Luftzug von der Klimaanlage auf ihrer Haut und sah ihn über die Papiere auf ihrer Anrichte streifen.

„Miss Delaney?“ Er schaute sie fragend an.

Sie las die Karte. Dominic Rossi. Bay Bank Sonoma Trust. „Sind Sie ein Schuldeneintreiber?“

Er lächelte. „Nein.“

Sie legte die Karte beiseite und trat einen Schritt zurück, um ihn kritisch zu betrachten. Seine Gesichtszüge und sein Haar passten zu seinem Körperbau und seiner Stimme. Anstatt von seinem Aussehen abzulenken, schien die Hornbrille es noch zu betonen, wie ein schöner Rahmen um einen Alten Meister. Er stand an der Tür und wirkte in ihrem Büro irgendwie fehl am Platz. „Ja, es sieht schlimm aus“, sagte sie, als sie meinte, Missbilligung in seinem Blick zu bemerken, den er über die Papierstapel gleiten ließ. „Es treibt Brooks in den Wahnsinn, aber ich habe ein System.“

Sie stellte ihren Kaffee auf einen Stapel Kunstgeschichtsbücher. Er fand einen freien Platz auf dem Fußboden und stellte seine Aktentasche ab. Dann nahm er ein gefaltetes Taschentuch aus der Hosentasche und hielt es ihr hin. „Sie möchten vielleicht …“ Er zeigte auf ihr Revers.

„Was ist da?“

„Sie sind voller Puderzucker.“

Sie schaute an sich herunter. Die Vorderseite ihres Blazers war mit weißem Pulver bestäubt.

„Oh verdammt.“ Sie nahm das Taschentuch – weiß, gestärkt und mit Monogramm – und wischte den Puderzucker ab.

„In Ihrem Gesicht auch“, sagte er.

„Mein Gesicht?“, fragte sie.

„Sie sehen aus wie eine verrückt gewordene Kokserin“, erklärte er.

„Entzückend. Und ich habe keinen Spiegel.“

Er kam um den Schreibtisch herum. „Darf ich?“

Sie merkte, dass sie bei diesem Mann zu allem Ja gesagt hätte, egal, wie die Frage lautete. „Sicher. Machen Sie nur.“

Sehr sanft legte er einen Finger unter ihr Kinn und hob ihr Gesicht zu sich an, um dann vorsichtig ihre Mundwinkel abzutupfen.

Aus der Nähe sah er noch besser aus, als sie ursprünglich gedacht hatte. Er roch unglaublich und war perfekt rasiert. Der Anzug stand ihm hervorragend. Er war vermutlich maßgeschneidert. Denn kein normaler Mann war so gebaut. Vielleicht hatte sie ihn herbeschworen. Hatte sie nicht gerade noch darüber nachgedacht, wie schön es wäre, einen Freund zu haben?

Ganz kurz erlaubte sie sich, seine Berührung zu genießen, die intensive Aufmerksamkeit, und stellte sich vor, wie es wäre, einen Freund wie ihn zu haben. Aufmerksam, geduldig, ungemein attraktiv. Auch wenn sie keine Ahnung hatte, wer er war, wusste sie, dass er in ihr den Wunsch weckte, mehr Glück mit den Männern zu haben.

Als er schließlich fertig war, hoffte sie, nicht rot geworden zu sein. Doch als Rothaarige war das ein sehr vermessener Wunsch.

„Besser?“, fragte sie.

Er steckte das Taschentuch wieder ein. „Ich dachte nur, Sie würden sich wohler fühlen …“

„Wenn ich nicht aussehe wie eine Kokainabhängige“, setzte sie den Satz fort. Sie zwang sich, ihn nicht weiter anzustarren.

Zum ersten Mal zeigte er ein echtes Lächeln. „Glauben Sie mir, es ist besser, bei Donuts zu bleiben.“

„Ich werde das im Hinterkopf behalten.“ Es war nicht leicht, die Anziehung zu ignorieren, die sie bei diesem Lächeln verspürte. Sie errötete noch mehr. Dann fiel ihr der anstehende Termin wieder ein. „Sie müssen mich entschuldigen, aber ich habe gleich ein wichtiges Meeting, das ich nicht verschieben kann.“

„Hören Sie mich bitte einfach nur an.“ Mit einem Mal ganz ernst, nahm er einen Stapel Krimskrams von einem Stuhl und setzte sich. „Mehr verlange ich gar nicht.“

„Was kann ich für Sie tun?“

Seine whiskeybraunen Augen verdunkelten sich. Oje, dachte sie. Er hatte sie vermutlich für ein Wertgutachten aufgespürt. Solche Menschen fanden sie irgendwie immer. Wenn er wie die anderen war, wollte er wissen, was er für die Strasskette seiner Oma oder Onkel Bubbas Eichhörnchenknarre bekommen könnte. Sie hörte oft von Menschen, die den Keller oder Dachboden eines geliebten Verstorbenen ausräumten und glaubten, sie hätten den Goldschatz der Inka gefunden.

Eine leichte Anspannung aufgrund des anstehenden Termins bemächtigte sich ihrer, und sie verlagerte unruhig ihr Gewicht. Sie würde ihre ganze Konzentration benötigen, und Mr Dominic Rossi war definitiv niemand, der ihr dabei half. „Hören Sie, es kann sein, dass ich Sie zu einem meiner Kollegen in der Firma weiterleiten muss. Wie gesagt, mir sitzt ein wenig die Zeit im Nacken …“

„Es geht um eine Familienangelegenheit“, sagte er.

Beinahe hätte sie gelacht. Sie hatte keine Familie. Sie hatte eine Mutter, die nicht auf ihre Anrufe reagierte. „Was um alles in der Welt wissen Sie denn über meine Familie?“

„Die Bank, für die ich arbeite, sitzt in Archangel, das liegt im Sonoma County.“

„Archangel.“ Sie neigte den Kopf. „Soll mir das was sagen?“

„Tut es nicht?“

„Ich war mal in Archangel, Russland. Ich bin geschäftlich schon an vielen Orten gewesen. Aber niemals in Archangel, Kalifornien. Was hat das mit mir zu tun?“

Seiner Miene war nichts anzusehen, aber in seinen Augen blitzte etwas auf. „Sie haben dort Familie.“

Ihr Magen zog sich zusammen. „Da muss es sich entweder um einen Witz oder um einen Fehler handeln.“

„Ich mache keine Witze, und es ist auch kein Fehler. Ich bin auf Geheiß Ihres Großvaters hier. Magnus Johansen.“

Der Name sagte Tess nichts. Ihr Großvater. Sie hatte keinen Großvater – zumindest nicht im herkömmlichen Sinne. Es gab diesen einen unbekannten Mann, der Nana im Stich gelassen hatte. Und einen anderen, dessen Sohn in einer einzigen gemeinsamen Nacht Shannon Delaney geschwängert hatte. Von ihrer Mutter wusste sie nur so viel, dass sie auf dem College gewesen war und zu viel getrunken hatte. Das Wort Vater war also ein wenig unzutreffend. Der Kerl hatte nie etwas für Tess getan, außer eine einzige Zelle mit einem X-Chromosom zu spenden. Ihre Mutter war nicht mal sicher, wie er geheißen hatte. „Eric“, hatte sie geantwortet, als Tess sie danach gefragt hatte. „Oder vielleicht auch Erik mit k. Seinen Nachnamen weiß ich nicht.“

Auf Tess’ Geburtsurkunde stand in der entsprechenden Spalte nur ein einziges Wort: UNBEKANNT.

Und jetzt saß ihr dieser Fremde gegenüber und erzählte ihr Sachen, von denen sie keine Ahnung hatte. Sie unterdrückte einen Schauer. „Ich habe nie von … wie hieß der Knabe noch mal?“

„Magnus Johansen.“

„Den Namen habe ich noch nie gehört. Und Sie sagen, er ist mein Großvater?“ Sie fühlte sich seltsam schwindelig. „Ich kenne ihn nicht“, sagte sie. „Und ich habe ihn nie kennengelernt.“ In ihrer Stimme schwangen Schmerz und Verwirrung mit. Sie fragte sich, ob dieser Mann, dieser Dominic, es merkte. Sie war vollkommen verstört. Um ihre Gefühle zu verbergen, funkelte sie ihn aus zusammengekniffenen Augen an. „Ich denke, Sie sollten zur Sache kommen.“

Er musterte sie durch die Gläser seiner konservativen Brille. Die Art, wie er sie anschaute, ließ ihr Herz schneller schlagen, was es schwerer machte, die Panik zu unterdrücken, die in ihr aufstieg. „Es tut mir sehr leid, Ihnen mitteilen zu müssen, dass Magnus einen Unfall hatte. Er liegt auf der Intensivstation des Sonoma Valley Regional Hospitals.“

Die Worte durchdrangen sie wie ein eisiger Wind. „Oh. Ich verstehe. Ich bin …“ Sie hatte keine Ahnung, was sie sagen sollte. „Das tut mir leid. Ich meine, er ist ein Freund von Ihnen, ja? Was ist passiert?“

„Er fiel in seiner Apfelplantage von der Leiter und liegt im Koma.“

Tess zuckte zusammen. Vor ihrem inneren Auge sah sie einen alten Mann von einer Leiter fallen. Angespannt, aber auch ein wenig aufgeregt, verschränkte sie ihre Finger. Ihr Großvater … ihre Familie. Er besaß eine Apfelplantage. Es war ihr noch nie in den Sinn gekommen, dass es Menschen gab, die Obstplantagen besaßen. Geschweige denn jemand, mit dem sie verwandt war. „Ich denke … Ich weiß es zu schätzen, dass Sie persönlich vorbeigekommen sind, um mich darüber zu unterrichten.“ Sie fragte sich, ob er wusste, warum sie Magnus nicht kannte – oder überhaupt jemanden von dieser Seite der Familie. „Ich verstehe nur nicht, was das alles mit mir zu tun hat. Ich nehme an, er hat andere Familienmitglieder, die sich um ihn kümmern.“

Die Erinnerung an eine andere Unterhaltung, die sie vor langer Zeit mit ihrer Mutter geführt hatte, blitzte auf. Damals war sie ein verwirrtes, einsames junges Mädchen gewesen. „Ich will, dass du mir von meinem Vater erzählst“, hatte sie mit vor der Brust verschränkten Armen sturköpfig verlangt.

„Er lebt nicht mehr, meine Süße. Wie ich dir schon erzählt habe, er ist noch vor deiner Geburt bei einem Autounfall gestorben.“

Tess war zusammengezuckt. „Hat es wehgetan?“

„Das weiß ich nicht.“

„Du weißt echt nicht viel, Mom.“

„Danke.“

„Stimmt doch. Warst du traurig, als er gestorben ist?“

„Ich … Natürlich war ich das. Alle, die ihn gekannt haben, waren traurig.“

„Wer ist alle?“

„Seine Familie und Freunde.“

„Aber wer genau? Wie heißen sie?“

„Ich kannte Erik nur sehr kurz. Seine Familie und Freunde habe ich nie kennengelernt.“ Sie hatte den Blick leicht abgewendet, was Tess verriet, dass sie etwas verbarg.

Sie wusste nicht einmal, wie ihr Vater aussah oder wie seine Stimme klang oder wie sich seine Berührung anfühlte. Sie hatte nur ein altes Foto von ihm, das ihre Mutter in der untersten Schublade ihres Sekretärs aufbewahrte. Die Farben waren verblasst. Im Hintergrund war eine Brücke zu sehen, die sich wie ein Spinnennetz über das Wasser spannte. In der Mitte der Aufnahme stand ein Mann. Er lächelte nicht, sah aber nett aus. Um seine Augen hatten sich kleine Falten gebildet, und sein Haar war hellbraun oder dunkelblond und auf altmodische Weise stufig geschnitten. „Typisch Achtzigerjahre“, hatte ihre Mutter einmal erklärt.

„Ich wünschte trotzdem, ich hätte einen Vater gehabt“, hatte sie damals erwidert und an ihre Freundinnen gedacht, die in echten Familien aufwuchsen mit Müttern und Vätern und Brüdern und Schwestern. Manchmal hatte sie von einem gut aussehenden Prinzen geträumt, der kam, um ihre hübsche Mutter zu heiraten und sich mit ihr und Tess in einem kleinen rosafarbenen Haus niederzulassen.

Jetzt betrachtete sie Dominic Rossi, der aussah wie aus einem Traum und ihr Dinge erzählte, die weitere Fragen aufwarfen. Er war zwar ein Fremder, aber sie meinte, in seinem Blick Mitgefühl zu erkennen. Oder war es Mitleid? Plötzlich störte sie sich an seinem guten Aussehen, seinen aristokratischen Gesichtszügen, der ruhigen Intelligenz in seinen Augen. Er war … Banker? Vermutlich so ein überqualifizierter Schlaumeier mit einem Abschluss in Finanz- und Rechnungswesen von irgendeiner Eliteuni. Was kein Grund war, ihn nicht zu mögen, aber sie tat es trotzdem.

„Ich habe noch nie etwas mit Magnus Johansen zu tun gehabt.“ Diese Unterhaltung wurde ihr immer unbehaglicher. „Und wie ich schon sagte, ich habe einen anstrengenden Tag vor mir.“

„Miss Delaney. Theresa …“

„Tess“, korrigierte sie. „Niemand nennt mich Theresa.“

„Tut mir leid. So steht Ihr Name im Testament.“

Ihr blieb der Mund offen stehen. „Welches Testament? Das ist das Erste, was ich von einem Testament höre. Und warum sagen Sie das jetzt erst? Ist er bei dem Sturz ums Leben gekommen?“

„Nein. Aber … man ist sich im Moment wegen der Fortführung der lebensverlängernden Maßnahmen nicht sicher. Alle beten, dass Magnus sich erholt, aber … es sieht nicht gut aus für Ihren Großvater. Es müssen Entscheidungen getroffen werden …“ Dominic Rossis Stimme war mit einem Mal sehr leise und voller Emotionen.

Tess’ verrücktes Herz fing wieder an, wie wild zu schlagen. „Das ist wirklich traurig zu hören, und es klingt, als wenn … als wenn es Ihnen nahegeht. Aber ich habe immer noch keine Ahnung, was das mit mir zu tun hat.“

Er musterte sie einen Moment. „Ob er es überlebt oder nicht, Ihr Großvater hat vor, Ihnen die Hälfte seines Besitzes zu vermachen.“

Es brauchte eine Weile, bis die Worte zu ihr durchdrangen. Trotz ihrer Erfahrungen auf dem Gebiet der Herkunftsforschung war sie vollkommen unerfahren, was Großväter und deren Besitz anging. „Damit ich das richtig verstehe: Ein Großvater, den ich nicht kenne, möchte mir die Hälfte von allem geben?“

„Das ist korrekt.“

„Nicht nur, dass ich den Mann nicht kenne, ich weiß auch nicht, was ‚alles‘ ist.“

„Er verfügt über Grundbesitz im Sonoma County. Bella Vista – das ist der Name seines Anwesens – ist eine vierzig Hektar große, bewirtschaftete Obstplantage mit Wohnhaus und Nebengebäuden.“

Ein Anwesen. Ihr Großvater besaß ein Anwesen. Sie kannte niemanden, der Grundbesitz hatte. Das war etwas, das man im Fernsehen sah, aber nicht im echten Leben.

„Bella Vista“, wiederholte sie. Der Name schmeckte auf ihrer Zunge wie Zucker. „Und das liegt in … Archangel? Im Sonoma County?“ Nach Sonoma fuhren die Leute für einen Sonntagsausflug oder ein verlängertes Wochenende. Es war einfach kein Ort, an dem die Menschen Anwesen besaßen. Und schon gar keine vierzig Hektar. „Und warum erfahre ich das alles erst, nachdem er von einer Leiter gestürzt und ins Koma gefallen ist?“

„Das kann ich Ihnen leider nicht beantworten.“

„Und Sie erzählen mir das alles jetzt, weil … Oh Gott.“ Sie konnte es nicht aussprechen. Konnte einfach nicht begreifen, dass sie jemandes nächste Angehörige war. Dann endlich fühlte sie etwas. Ein Gedanke stieg in ihr auf – unangenehm und doch unmöglich zu ignorieren. Der Gedanke, dass dieses … dieses mögliche Erbe namens Bella Vista sich vielleicht doch als Segen erweisen könnte. Kaum hatte sie das gedacht, wurde sie auch schon von Schuldgefühlen gepackt. Sie kannte Magnus Johansen nicht, aber sie wünschte ihm bestimmt nichts Schlechtes, nur damit sie an ihr Erbe kam.

„Die Hälfte von allem“, murmelte sie. „Ein Fremder überlässt mir die Hälfte von allem. Das ist wie aus einem dieser schrecklichen englischen Kinderbücher, die ich früher gelesen habe. Das Waisenkind, das in letzter Sekunde von einem reichen Verwandten gerettet wird.“

„Die kenne ich leider nicht“, sagte er.

„Glauben Sie mir, die sind grauenvoll. Aber nur damit Sie es wissen, ich bin weder Waise, noch muss ich gerettet werden.“

Ein amüsiertes Funkeln blitzte in seinen Augen auf. „Ah, hab’s verstanden.“

„Wer hat Sie beauftragt, mich zu finden?“, wollte sie wissen. „Und wo wir schon dabei sind – wie haben Sie mich überhaupt gefunden?“

„Wie ich schon sagte, Ihr Name steht in seinem Testament. Er ist ein alter Mann, und es sieht nicht gut für ihn aus. Ich habe Sie so gefunden, wie man heutzutage jeden findet. Übers Internet. Das war nicht schwer. Übrigens gute Arbeit mit der polnischen Kette.“

„Rosenkranz“, korrigierte sie ihn. „Was ist Ihre Rolle in all dem? Wie passen Sie ins Bild?“

„Magnus hat ein neues Testament verfasst und mich zu seinem Testamentsvollstrecker ernannt.“

Sie verengte die Augen. „Warum Sie?“

„Weil er mich gefragt hat“, erwiderte Dominic schlicht. „Ich kenne Magnus, seitdem ich ein Kind war. Und ich bin seit Jahren sein Nachbar und Bankberater.“

Sie verspürte einen irrationalen Anflug von Eifersucht. Wie konnte es sein, dass dieser Kerl – dieser Banker – ihren Großvater kannte, wenn sie selber ihn nie getroffen hatte?

Dominics durchdringender Blick bereitete ihr Unbehagen. Als sähe er einen Teil von ihr, den sie anderen Menschen nicht zeigen wollte – das einsame Mädchen, das sich nach einer Familie sehnte.

„Vielleicht erholt er sich wieder“, sagte Dominic, als hätte er ihre Gedanken gelesen.

„Vielleicht? Wie lautet die Prognose? Gibt es überhaupt eine?“

„Im Moment kann man das nicht sagen. Er hat eine Gehirnschwellung und ist ans Beatmungsgerät angeschlossen. Doch das könnte sich jederzeit ändern. Zumindest hoffen das alle.“

Ihr Magen zog sich zusammen, so wie letzte Nacht im Fahrstuhl. „Ich fühle mit Ihnen und mit jedem, der sich um ihn sorgt. Wirklich. Aber ich sehe trotzdem noch nicht, welche Rolle ich in alldem spielen soll.“

„Sobald er sich erholt hat und Sie ihn kennenlernen …“

„Offensichtlich ist es ja kein Wunsch von ihm. Mich kennenzulernen, meine ich.“ Sie drehte den Kopf ein wenig, um seinem prüfenden Blick auszuweichen.

„Magnus hat nicht einfach so entschieden …“ Seine Stimme klang rau. „Ich bin sicher, er hatte seine Gründe.“

„Wirklich? Was für ein Mann beschließt, seine Enkeltochter nur auf einem Stück Papier anzuerkennen?“

„Ich kann nicht für Magnus sprechen.“

Sie wurde weich, ihre Schultern entspannten sich. „Es ist schlimm, was ihm zugestoßen ist. Ich wünschte nur, ich verstünde es. Mr Rossi, ich glaube wirklich, dass wir nichts mehr zu besprechen haben.“ Jetzt konnte sie es tatsächlich nicht erwarten, mit ihrer Mutter zu reden. Shannon Delaney hatte einiges zu erklären. Zum Beispiel, warum sie weder Magnus Johansen noch Archangel oder ein mögliches Erbe je erwähnt hatte. Ein Mann, den sie nicht kannte, hatte sie in sein Testament aufgenommen. Sie ließ die Worte sacken, versuchte zu ergründen, wie sie sich dabei fühlte. Ihr Großvater – Großvater – hinterließ ihr die Hälfte von allem. Während sie versuchte, diese Vorstellung zu begreifen, kam ihr eine offensichtliche Frage in den Sinn.

„Was ist mit der anderen Hälfte?“, fragte sie.

„Die andere … Oh, Sie meinen von Magnus’ Besitz.“

„Ja.“

„Die andere Hälfte geht an Ihre Schwester.“

Tess wäre beinahe vom Stuhl gefallen. Einen Moment lang konnte sie nichts sagen, sondern ihren Besucher nur mit offenem Mund anstarren. „Ho“, sagte sie leise. „Ho, ho, ho. Das geht mir zu schnell. Ich habe eine Schwester?“

„Ja“, bestätigte Dominic. „Sehen Sie, ich weiß, dass ich Ihnen hier ganz schön viel auf einmal zumute …“

„Ach, finden Sie?“ Tess bemühte sich, die Informationen zu verarbeiten, aber sie fühlte sich wie von einer Flutwelle überrollt. Ihr Herz schlug viel zu schnell. Es war noch nicht einmal zehn Uhr morgens, und sie hatte schon erfahren, dass ihr unbekannter Großvater im Koma lag, aus dem er vermutlich nie wieder aufwachen würde, und dass sie eine … Schwester hatte. Das Wort – das Konzept – war ihr vollkommen fremd.

„Was für eine Schwester?“, brachte sie hervor, obwohl sie ihre eigene Stimme durch das Rauschen in ihren Ohren nicht hören konnte. „Wo ist sie? Wer ist diese … oh, mein Gott … diese Schwester?“

„Sie ist in Bella Vista, und sie … Hey, geht es Ihnen gut?“, fragte er und schaute sie wieder auf diese durchdringende Weise an.

„Alles supi“, sagte sie. Ihre Hände umklammerten die Kante ihres Schreibtischs. Wie konnte das nur sein? Wie konnte mitten in ihrem total normalen Leben auf einmal dieser Mann wie aus dem Nichts auftauchen und ihr von einem Erbe erzählen, von dessen Existenz sie nichts geahnt hatte?

Und von einer Schwester, von der sie nie etwas gehört hatte?

Tess schaute sich wild im Büro um. Sie fühlte sich gefangen. Ihr Puls schlug wie verrückt, ihr Herz hämmerte in ihrer Brust. Es war noch schlimmer als am Vorabend. Starb sie gerade? Ja, vielleicht kündigte sich so der Tod an. Die Möbel und Bücher im Zimmer waren mit einem Mal ganz verschwommen und pulsierten, als erwachten sie zum Leben. Ihre Kehle zog sich zusammen, ihr Herz schlug gegen ihren Brustkorb. Sie gab ein ersticktes Geräusch von sich, ein Zeichen ihrer Verwirrung.

„Miss Delaney … Tess?“, fragte Dominic.

„Ich …“ Ihr Hals fühlte sich geschwollen und verstopft an. Auf ih-

rer Stirn und ihrer Oberlippe brach der Schweiß aus. „Ich fühle mich nicht so gut“, murmelte sie.

„Sie sehen fürchterlich aus. Als wenn Sie gleich ohnmächtig werden oder so.“

Seine Stimme klang ganz weit weg, als würde er durch ein Rohr rufen.

Sie presste ihre Hände auf ihr Herz. Ihre Finger waren kalt wie Eis. Atme, befahl sie sich, doch ihr Hals machte zu.

„Ich muss … ich muss mich setzen“, stammelte sie.

„Äh, Sie sitzen bereits.“

Sie drückte die Hände gegen den Stuhl. Guter Gott, was geschieht mit mir?

Dominic ging zur Tür und steckte den Kopf raus. „Hey, wir könnten hier ein wenig Hilfe gebrauchen. Ich glaube, es geht ihr nicht gut.“

Tess wollte protestieren, wollte sagen, dass es ihr hervorragend ging, doch ihre Stimme steckte irgendwo in ihrem Körper fest, und außerdem war sie nicht sicher, ob der Mann nicht doch recht hatte.

Auf dem engen Flur vor ihrem Büro versammelten sich die Leute. Ihr verschwommener Blick pulsierte stärker. Ein paar Gesichter kamen ganz nah ran.

Jude: „Mein Gott, Tess, du siehst aus wie der Tod in Latschen.“

Oksana: „Vielleicht ist es ein Herzinfarkt. Tess! Kannst du mich hören?“

Brooks: „Oder es ist eine Panikattacke. Sie sollte in eine Papiertüte atmen.“

Jude: „Ich rufe den Notarzt.“

Nein, sagte Tess, doch es kam kein Laut über ihre Lippen.

„Wo ist die nächste Notaufnahme?“, fragte Dominic. Er nahm Tess’ Handgelenk. Sie fühlte seine Finger, die vorsichtig nach ihrem Puls tasteten. Von allen, die da waren, war es ausgerechnet der Fremde, der sie berührte. Sie zitterte, als hätte sie ein Kühlhaus betreten.

Notaufnahme? Hatte sie einen Notfall? Nein, nicht in die Notaufnahme, dachte sie. Dort wurde den Menschen der Brustkorb aufgeknackt, und sie endeten mit einem Zettel am großen Zeh im Leichenschauhaus.

„Mercy Heights ist gleich drüben in Comstock“, sagte Jude.

„Dann sollten wir dorthin fahren.“

„Sollte ich nicht lieber anrufen und …“

„Nein, das dauert zu lange.“ Arme, die sich so stark und solide wie ein Gabelstapler anfühlten, hoben sie aus dem Stuhl. Dominic Rossi hielt sie, als wöge sie nichts.

„Nimmt einer ihre Handtasche mit?“, bat er. „Und jemand muss mir die Türen aufhalten.“

Zugedeckt mit einer knisternden Wegwerfdecke, lag Tess auf einer Trage. Sie hatte ein dünnes Flügelhemdchen an, und jemand hatte ihr gelbe Socken mit Anti-Rutsch-Noppen auf der Unterseite gegeben. Kleine Sticker klebten auf ihrer Haut. Sie waren mit Drähten verbunden, die zu einem piependen Monitor führten. Ein dünner flexibler Plastikschlauch klemmte hinter ihren Ohren und pustete ihr kalten, seltsam riechenden Sauerstoff in die Nase. Neben ihren Beinen hatte jemand ein Klemmbrett aus Aluminium liegen lassen.

Ein Gong ertönte, gefolgt von einer Durchsage. Hektische Schritte quietschten über den gebohnerten Boden. Fetzen von Unterhaltungen drangen an ihr Ohr, Weinen, Gebete in mindestens drei Sprachen. Jemand stöhnte. Ein anderer fluchte, so laut er konnte. Und irgendwo bellte ein Patient wie ein Hund.

Eine Gruppe Menschen in Laborkitteln hatten sich um Tess versammelt. Das Mercy war ein Lehrkrankenhaus, und die meisten Kittelträger waren jung und schienen ungemein an ihr interessiert.

Tess fühlte sich schlapp und wie erschlagen von den Ereignissen der letzten zwei Stunden. Dominic Rossi hatte sie hierhergebracht. Er hatte sie auf den Armen getragen wie eine Ertrinkende. Sie war befragt, untersucht, noch weiter befragt, getestet und geröntgt worden. Sie musste beantworten, ob sie schon mal überlegt oder gar versucht hatte, sich umzubringen, wer der derzeitige Präsident war und wie sie ihren derzeitigen Gemütszustand beschreiben würde. Die Fragen schienen von allen Seiten auf sie einzuprasseln: Neigte sie dazu, sich übermäßig Sorgen zu machen? Litt sie schon länger als sechs Monate unter den Symptomen? War sie in der Lage, ihre Sorgen zu kontrollieren?

Wie betäubt, beantwortete sie viel zu viele der Fragen stumpf mit einem Ja.

Einer der Medizinstudenten, ein dicklicher, ernster Mann, der nicht älter sein konnte als Tess, fasste ihren Fall zusammen. Er stand nervös am Fuß des Bettes und las die Notizen von einer fahrbaren Monitorstation ab. „Miss Delaney ist neunundzwanzig Jahre alt und weiblich. Ihre Größe beträgt einen Meter siebzig, das Gewicht vierundfünfzig Kilogramm. Sie hat keine medizinische Vorgeschichte. Eingeliefert wurde sie von …“, er schaute auf den Monitor, „… einem Freund oder Kollegen, der sich Sorgen machte, als sie verschiedene Symptome aufwies, darunter Kurzatmigkeit, erhöhter Pulsschlag, Desorientierung, verschwommene Sicht …“

Sie fühlte sich wie ein anderer Mensch, nicht wie sie selbst. Oder vielleicht wie ein Objekt kurz vor einer Auktion. Jeder in Hörweite konnte ihre Geschichte hören. Der Medizinstudent wiederholte ihre Antworten auf die Fragen zu ihren Lebensumständen und die Ergebnisse der Laboruntersuchungen, die in der Notaufnahme vorgenommen worden waren. Mit flacher Stimme, die zum Glück völlig wertfrei klang, erklärte er dem anwesenden Arzt, dass sie untergewichtig war und rauchte. Puls und Blutdruck waren leicht erhöht. Eine entsprechende Untersuchung hatte ergeben, dass sie weder Drogen oder Medikamente genommen hatte noch vergiftet worden war. Die Patientin berichtete, dass sie die Symptome noch nie in dieser Intensität erlebt hatte.

Als der Student fertig war, trat der Arzt, ein älterer Mann, vor. „Ihre Laborergebnisse sind da“, sagte er zu Tess.

„Das ist gut“, erwiderte sie. Ihre Stimme war dünn und klang angespannt, doch wenigstens hörte sie sich langsam wieder nach ihr an. „Ich kann es kaum erwarten, hier rauszukommen.“

„Da bin ich mir sicher. Doch vorher müssen wir Ihre Diagnose besprechen.“

„Meine was?“

„Ihren Zustand.“

„Zustand? Ich habe einen Zustand? Ich habe ganz bestimmt keinen Zustand. Ich habe einen Termin mit …“ Ihr Herz schlug schneller, was die beiden Monitore sofort anzeigten.

Ein Student passte die Sauerstoffzufuhr an. Der Arzt drehte einen der Monitore so, dass sie ihn sehen konnte. „Ich zeige Ihnen einmal die Ergebnisse. Körperlich ist mit Ihnen alles in Ordnung.“ Er erklärte ihr EKG und das Ultraschallbild, ihre Bluttests und die Urinanalyse. „Doch Ihre Symptome sind real. Die gute Nachricht ist, sie sind behandelbar. Haben Sie jemals etwas von einer generalisierten Angststörung gehört? Sie wird manchmal auch als GAS bezeichnet.“

„Angststörung?“ Der Klang dieses Wortes gefiel ihr überhaupt nicht. „Störungen“ gab es im Bahnverkehr, aber nicht in ihrer Gesundheit. „Sie meinen, ich hatte eine Angstattacke?“

„Sie sollten das von Ihrem Hausarzt weiterbehandeln lassen.“

„Ich habe keinen Hausarzt“, erwiderte sie. „Ärzte sind was für kranke Menschen.“

„In dem Fall sollten Sie sich einen suchen, um Ihre Kondition unter Beobachtung zu halten und die Störung mit einer Veränderung Ihres Lebenswandels zu behandeln.“

„Mein Lebenswandel ist super.“ Trotz des zusätzlichen Sauerstoffs piepte der Monitor wieder. „Ich habe keinerlei Bedürfnis, ihn zu ändern.“

„Wenn Sie so weitermachen, birgt das diverse Risiken. Vor allem für Ihr Herz.“

„Mein Herz?“ Sie schluckte und versuchte, nicht wieder auszuflippen.

„Ohne Behandlung kann es aufgrund kardiovaskulären Stresses zu einer Schädigung des Herzmuskels kommen. Es gibt weitere Untersuchungen bezüglich kardiovaskulärer Krankheiten. Wie gesagt, ich empfehle Ihnen, das mit Ihrem Arzt zu besprechen.“

„Hören Sie schlecht?“, fragte Tess.

Der Arzt hatte ein undurchdringliches Pokerface. „Es könnte sich auch um situationsbezogene Symptome handeln. Ist in Ihrem Leben in letzter Zeit etwas Ungewöhnliches vorgefallen?“

Es war die erste persönliche Frage, die er ihr stellte. „Das kann man wohl sagen“, erwiderte sie. „Ich habe das wichtigste Meeting meiner Karriere verpasst. Heute Morgen tauchte ein Fremder bei mir auf, der mir eine verrückte Geschichte über … Ist egal. Ich muss mich einfach nur zusammenreißen. Und vor allem muss ich hier raus.“

„Sie werden nicht weit kommen, wenn Sie sich dem nicht stellen“, sagte er. „Ich habe eine Liste von Empfehlungen für Sie. Und hier ist ein Infoblatt zu Angststörungen. Mit ein paar Sachen müssen Sie jetzt sofort anfangen, um langfristige Folgen für Ihre Gesundheit zu vermeiden.“

Na toll, dachte Tess. Das war einfach zu gut, um wahr zu sein. Innerhalb eines Tages hatte sie ihren Großvater gefunden und erfahren, dass sie ihn vermutlich gleich wieder verlieren würde. Man hatte sie darüber informiert, dass sie eine Schwester hatte. Und jetzt das.

Ein Zustand.

5. Kapitel

Im grellen Licht der Notaufnahme riss sich Tess so gut es ging zusammen. Ein Pfleger kam mit weiteren Formularen und Infozetteln zu ihr hinter den Vorhang. Er ließ den Blick über ihre verstreuten Habseligkeiten und die nun schweigenden Monitore gleiten. Tess machte sich gar nicht erst die Mühe, nach einem Spiegel Ausschau zu halten. Sie wusste auch so, was sie sehen würde – eine erschöpfte Frau mit Puderzucker auf der Kleidung, ungeschminkt und mit zerzausten Haaren. Wer wollte so was schon sehen?

„Werden Sie von jemandem abgeholt?“, fragte der Pfleger.

„Wer, ich?“ Tess runzelte die Stirn. „Nein, ich denke nicht.“ Jude hatte den Typen … diesen Dominic begleitet. Doch seitdem sie in die durch einen Vorhang abgetrennte Kabine geschoben worden war, die direkt neben der eines Mannes mit verfilzten Haaren lag, der über die Apokalypse lamentierte, hatte sie keinen von beiden mehr gesehen.

„Vielleicht sollten Sie jemanden anrufen“, schlug der Pfleger vor.

„Ein Taxi“, sagte sie. „Das reicht vollkommen.“

Er schaute sie eine Sekunde lang an, dann zog er den Vorhang beiseite. „Viel Glück. Sagen Sie Bescheid, wenn Sie noch etwas brauchen.“

„Danke.“ Ihr war noch etwas schwindelig – oder vielleicht war sie nur desorientiert. Im Wartebereich saßen angespannte Menschen auf Plastikstühlen, andere tigerten nervös auf und ab, darauf wartend, etwas über ihre Angehörigen zu erfahren. Ein kurzer Blick bestätigte ihr, dass weder Jude noch Dominic dageblieben waren.

Auf der einen Seite war sie erleichtert, das Krankenhaus verlassen zu können. Auf der anderen Seite konnte sie nicht leugnen, dass es deprimierend war, niemanden zu haben, der sie von der Notaufnahme nach Hause begleitete.

Mit der schweren Tasche über der Schulter schaute sie sich nach dem Ausgang um. Ich brauche niemanden, dachte sie entschlossen. Das Einzige, was sie brauchte, war eine Zigarette. Und zwar sofort.

Apropos sofort. Sofort das Rauchen aufgeben. Das stand in fetten

Buchstaben ganz oben auf der Liste des Arztes.

Zum Teufel mit ihm. Sie würde als Erstes einen Kiosk suchen. Dort würde sie eine Packung der stärksten Zigaretten kaufen, die sie finden konnte, und dann …

„Alles in Ordnung?“ Dominic tauchte vor ihr auf. Sein Jackett stand offen, seine Haare waren zerzaust, als wäre er mehrmals mit den Fingern hindurchgefahren.

„Was tun Sie hier?“, fragte sie.

„Ich warte auf Sie.“

„Warum sollten Sie das tun?“

Er schaute sie verständnislos an. „Ich habe Sie hierhergebracht. Da kann ich Sie doch nicht im Stich lassen.“

Diese Worte von einem vollkommen Fremden zu hören überraschte sie. Selbst Jude war abgehauen, als klar war, dass sie nicht Gefahr lief, an die Himmelspforte zu klopfen.

„Oh. Okay. Ich soll noch was aus der Krankenhausapotheke abholen.“

„Die ist dort drüben.“ Er zeigte einen glänzenden Flur entlang. „Ich warte hier.“

„Sie müssen nicht …“

„Ich weiß“, sagte er schlicht.

Nimm’s einfach hin, Tess, ermahnte sie sich. Lass dir einmal im Leben von jemandem helfen. „Bin sofort zurück“, murmelte sie und ging zur Apotheke. Ein paar Minuten später kam sie beladen mit weiteren Broschüren und Flyern zurück. Es war kaum zu glauben, dass noch vor Kurzem ihr Herz wie verrückt geklopft hatte. Da sie die Sorge in Dominics Blick sah, fühlte sie sich bemüßigt, es ihm zu erklären. „Wie sich herausgestellt hat, war ich nicht kurz davor, den Löffel abzugeben. Ich weiß nicht, was da über mich gekommen ist. Oder besser gesagt, ich schätze, ich weiß es schon. Der Arzt sagt, ich hätte eine Panikattacke gehabt. Ich dachte, so etwas bekommt man durch übermäßige Adrenalinproduktion. Aber wie mir der Arzt erklärte, habe ich eine Art … Störung. Wie peinlich.“

„Das muss einem doch nicht peinlich sein.“

„Ich habe total überreagiert. Ich komme mir vor wie ein Hypochonder.“

„Auf mich wirkten die Symptome sehr real.“

„Ja, aber …“

„Ist sich selber zu geißeln Teil der Therapie?“

„Nein, aber …“

„Dann seien Sie gnädig mit sich.“

Es war seltsam – und ein wenig deprimierend –, Mitgefühl von einem Fremden zu ernten. Noch seltsamer war, dass seine Worte sie wirklich trösteten. „Das hat der Arzt auch gesagt. Er hat eine Menge gesagt. Zum Beispiel, dass ich lernen soll, welches meine Trigger sind; also was die Symptome verursacht und wie ich dem aus dem Weg gehen kann.“

„Und dieser Anfall wurde von was getriggert?“

„Von Ihnen, falls Ihnen das nicht aufgefallen ist. Deshalb muss ich Ihnen aus dem Weg gehen“, schloss sie. Ja, das fühlte sich richtig an. Unglaublich attraktive Männer verursachten nur Ärger – zumindest ihrer Erfahrung nach. „Es kommt nicht jeden Tag vor, dass mir jemand erzählt, mein Großvater, den ich nicht kenne, liegt im Koma, und dazu gibt es noch eine Schwester, von deren Existenz ich keine Ahnung hatte.“

„Tut mir leid. Ich dachte, sie wüssten von Isabel.“

Isabel. Sie versuchte, sich mit der Vorstellung dieser verborgenen Familie anzufreunden. Von Menschen, die sie hätte kennen können, wenn sie sie nur in ihr Leben gelassen hätten. Die Fragen kamen in Wellen – wie viel von alledem wusste ihre Mutter? Kannten diese Menschen sie, Tess? „Ich habe also nur diese eine Schwester?“

„Richtig.“

Isabel. Was war das für ein Name? Der Name des Lieblingskindes, das in dem sommerwarmen Luxus eines kalifornischen Anwesens aufgewachsen war und sich in der anbetenden Liebe der gesamten Familie hatte sonnen dürfen. Tess war mit einem Mal ein wenig angespannt. Offensichtlich hatten sie und ihre Schwester den gleichen Vater. Erik Johansen war vor seinem Tod ein ziemlich beschäftigter Kerl gewesen.

„Und sie weiß von mir.“

„Ja. Sie möchte Sie gerne kennenlernen.“

Das kann ich mir vorstellen. „Haben Sie es ihr erzählt?“

Er zögerte den Bruchteil einer Sekunde. „Die Ärzte hatten Isabel empfohlen, Magnus’ Angelegenheiten in Ordnung zu bringen. Dabei hat sie eine Kopie des Testaments gefunden.“

„Ich schätze, sie war … überrascht.“ Tess sah das Ausgangsschild und ging schnurstracks darauf zu. „Ich wette, sie ist nicht so ausgeflippt wie ich eben.“

„Nicht dass ich wüsste.“

„Wie hat sie dann reagiert? Was hat sie gesagt?“

„Sie hat eine Birnen-Ingwer-Tarte gebacken“, erwiderte er. „Die war umwerfend.“

Tess konnte immer noch kaum begreifen, dass sie eine Schwester hatte. Eine Blutsverwandte. Sie versuchte, sich vorzustellen, wie sie wohl aussah, wie ihre Stimme klang, doch es wollte sich kein Bild einstellen. Alles, was sie vor sich sah, war eine Frau, die eine Tarte machte. „Ist sie eine zwanghafte Bäckerin oder was?“

„Sie ist eine unglaubliche Köchin.“

„Ist das ihr Beruf?“

„Der Ausgang ist hier“, sagte er, und sie fragte sich, ob er ihre Frage absichtlich ignorierte. Er führte sie zu der automatischen Drehtür. Sie quetschte sich mit ihm zusammen in das enge Abteil und atmete erleichtert aus, als sie auf der anderen Seite ins Freie traten.

„Ich fühle mich gleich viel besser“, sagte Tess. „Ich bin kein großer Freund von Krankenhäusern.“

„Wenn man eines braucht, dann braucht man eines.“

Irgendwas war in seiner Stimme. Sie fragte sich, welche Erfahrungen er mit Krankenhäusern gemacht hatte. Überhaupt brodelten in ihr eine Menge Fragen an ihn, sie hielt sich jedoch zurück, sie zu stellen. „Ich habe nicht vor, es zur Gewohnheit werden zu lassen, ohne Anlass zusammenzuklappen. Gemäß der Leute hier soll ich mir einen Arzt suchen und was an meinem Lebenswandel ändern.“

Sie tätschelte ihre große Tasche. „Steht alles in diesen Broschüren über meinen Zustand. Mist. Ich hasse es, einen Zustand zu haben.“ Sie fing an, die Straße zu überqueren.

„Wohin gehen Sie?“

„Zur Arbeit. Ich habe tausend Dinge zu erledigen.“

„Ich habe Ihren Kollegen angerufen … diesen Typen …“

„Jude.“ Jude, der Treulose.

„Ich sagte, er solle allen Bescheid sagen, dass Sie heute nicht mehr ins Büro zurückkommen.“

In ihr flackerte kurz etwas auf. Verärgerung? Oder war es eher Erleichterung?

„Ich gehe aber ins Büro zurück. Auf gar keinen Fall darf ich das Treffen mit …“

„Das ist gestrichen worden. Ihr Assistent bat mich, es Ihnen zu sagen.“

„Was? Sie haben meinen Termin gestrichen?“

„Das war nicht ich.“

Sie wühlte in ihrer Handtasche, bis sie das Handy gefunden hatte. Tatsächlich, eine SMS vom Büro, mit der man sie über die Terminabsage informierte. Ihr Herz setzte einen Schlag aus. Hatte Mr Sheffield ihr Treffen abgesagt, weil sie ihn versetzt hatte? Sollte sie Brooks anrufen und fragen? Nein, vermutlich gab es so schon genügend Klatsch und Spekulationen über sie.

„Jetzt brauche ich einen Kaffee“, sagte sie und warf ihm einen herausfordernden Blick zu. „Und eine Zigarette.“

„Genau das, was der Doktor verordnet hat.“

Sie schnaubte. „Sie sind vermutlich einer dieser Gesundheitsapostel.“

„Nein, nur ein einfacher Nichtraucher.“ Er nahm sie am Arm und führte sie zu einem Coffeeshop. „Setzen Sie sich. Ich bin gleich wieder da.“

Sie versuchte, ihn zu hassen, weil er sich um sie kümmerte, doch das gelang ihr nicht. Er war einfach nett zu ihr. Und nichts von alldem war sein Fehler. Sie setzte sich an einen kleinen runden Tisch in der Ecke und holte den Stapel an Informationen hervor, die man ihr mitgegeben hatte. Was für ein Tag. Ein verrückter, fürchterlicher Tag.

Dominic kehrte mit einem großen dampfenden Becher zurück, den sie dankbar annahm. Als der Duft ihr entgegenwehte, runzelte sie die Stirn und zog die Nase kraus.

„Kräutertee“, sagte er.

„Riecht wie frisch gemähter Rasen.“

Sie schnupperte noch einmal daran und probierte dann vorsichtig. „Igitt! Da trinke ich ja lieber Essigreiniger.“

„Der Tee soll gut für die Nerven sein.“ Er zeigte ihr den entsprechenden Eintrag auf der Getränkekarte: Lavendel, Kamille, Johanniskraut, Baldrian.

„Hexengebräu“, murmelte sie und schüttelte sich. „Meinen Nerven geht es gut.“

Er sagte nichts, doch sein Schweigen sprach Bände. Sie konzentrierte sich auf seine Hände – groß und kräftig aussehend, mit einer Multifunktionsuhr am linken Handgelenk. Irritiert, weil sie sich schon wieder von ihm angezogen fühlte, entgegnete sie: „Wie auch immer, ich bin bald wieder auf dem Damm. Ich habe hier ein ganzes Programm, das mir dabei hilft.“ Sie zeigte ihm das Informationspaket aus dem Krankenhaus. „Machen Sie nur, schauen Sie es sich an. Nach der Notaufnahme wissen jetzt sowieso alle, die in Hörweite waren, von meinem Problem.“

„Hier steht, unbehandelte Angststörungen können nicht nur unangenehm sein, sondern auch ernsthafte Folgen haben.“

Ein Schauer überlief sie, als sie sich an das Gefühl der puren Panik erinnerte. „Und um das festzustellen, studieren Menschen jahrelang Medizin?“ Sie schaute ihn an und sah Mitgefühl in seinen Augen. „Tut mir leid. Ich weiß, zu jammern ist nicht gerade hilfreich.“

„Nach dem heutigen Vormittag haben Sie jedes Recht, zu jammern. Zumindest ein wenig.“ Er blätterte in der Broschüre, die sie ihm gegeben hatte. „Die gute Nachricht ist, es gibt viel, was Sie tun können. Ein erster Schritt sind Atemübungen.“

„Okay, wenn es eines gibt, was ich auch ohne Übung kann, dann atmen. Ich bin sogar mit dieser Fähigkeit auf die Welt gekommen.“

„Atemübungen macht man im Liegen.“ Er zeigte ihr eine Reihe von Zeichnungen.

„Das nennt man in Fachkreisen auch schlafen.“

„Sie empfehlen auch Meditation. Ich nehme an, Sie meditieren nicht?“

„Wie haben Sie das nur erraten?“

Er guckte wieder auf die Liste. „Yoga?“

Noga.“

„Irgendein anderer Sport, den Sie regelmäßig treiben?“

Sie funkelte ihn an. „Durch Flughäfen laufen und Powershopping.“

„Kognitive Verhaltenstherapie“, las er weiter vor.

Sie kicherte. „Jeden Tag. Merkt man das nicht?“

„Sinn für Humor.“ Er schaute sie an. „Das steht zwar nicht auf der Liste, aber er kann nicht schaden.“

Sie trank unbeabsichtigt einen Schluck von ihrem Tee und hätte ihn beinahe direkt wieder ausgespuckt. „Das Zeug hier kann unmöglich auf der Liste stehen.“

„Ah, da wären wir auch schon: Nahrungsmittel, die Sie vermeiden sollten.“ Er drehte die Broschüre um, damit Tess die Seite lesen konnte.

„Lassen Sie mich raten …Raffinierter Zucker, Alkohol, Koffein …“

„Bisher sehr gut.“

„Das sind aber meine Hauptnahrungsquellen.“ Sie winkte ab. „Ich werde gar nichts von dem Zeug tun. Das bin ich einfach nicht.“

„Hören Sie, ich kenne Sie nicht“, sagte er. „Aber ich werde trotzdem mal einen Tipp abgeben: Wenn Sie tun, was die Ärzte sagen, könnte es helfen.“

In ihrem Kopf hallte die Warnung des Arztes bezüglich ihres Blutdrucks und des Effekts nach, den Stress auf ihr Herz hatte. Sie sind zu jung, um sich zu gefährden. Sie müssen es leichter angehen … Sie stützte die Ellbogen auf den Tisch und musterte ihr Gegenüber aus misstrauisch zusammengekniffenen Augen. „Warum werde ich das Gefühl nicht los, dass Sie umfangreiche Erfahrungen mit Ärzten und Krankenhäusern haben?“

Er zuckte die Schultern. „Muss an ihrem untrüglichen Einfühlungsvermögen liegen. Hier.“ Er schob ihr die Broschüre zu. „Suchen Sie sich einen Punkt davon aus, und ziehen Sie ihn durch.“

Seine tiefe Stimme und die whiskeyfarbenen Augen zogen sie in den Bann. Er war weit überzeugender als der komische Student in der Notaufnahme. Dominic Rossi. Wer hatte das Recht, so gut auszusehen? Das lenkte sie beinahe davon ab, dass er ihre Frage über Ärzte und Krankenhäuser nicht beantwortet hatte.

„Die Auswahl ist so groß“, sagte sie übertrieben dramatisch, während sie ihren Blick über die Liste gleiten ließ. Ernährung, Lebenswandel, Atmen, Yoga, Kardiotraining … „Ich sage Ihnen was. Sie suchen etwas für mich aus.“ Sie schob die Liste über den Tisch zurück.

„Sie meinen, ich darf etwas aussuchen, das Sie dann machen?“

Sie legte die verschränkten Arme auf den Tisch und schaute ihn ruhig an. „Ich bin eine Frau, die zu ihrem Wort steht.“

„Ausgezeichnet. Hören Sie mit dem Rauchen auf.“

„Ich liebe es, zu rauchen.“

„Sie sind eine Frau, die zu ihrem Wort steht. Und entschuldigen Sie, dass ich das so sage, aber Sie sind viel zu hübsch, um zu rauchen.“

Erstaunlicherweise berührten sie seine Worte. „Wow. Sie sind gut.“

Als sie den Coffeeshop verließen, fragte er: „Soll ich Ihnen ein Taxi rufen?“

„Nein, danke. Von hier aus kann ich laufen. Der Spaziergang wird mir guttun. Stimmt’s?“ Es war ihr immer noch nicht ganz gelungen, den verrückten Tag abzuschütteln.

„Ich begleite Sie. Damit ich sicher bin, dass Sie gut zu Hause ankommen.“

„Das ist nicht nötig. Ich kenne mich hier aus. Außerdem haben Sie doch sicher was zu tun, oder? Wie … Bankgeschäfte führen?“

„Ich habe Mitarbeiter, die das auffangen.“

Sie rückte den Riemen ihrer Handtasche auf der Schulter zurecht. „Wie Sie meinen. Sie sind aber kein Axtmörder oder so?“

„Nein, kein Axtmörder.“

„Cool.“ Seite an Seite gingen sie den Bürgersteig entlang. Auf der Straße herrschte dichter Verkehr. In einem Schaufenster auf der Hyde Street erhaschte Tess einen Blick auf ihr Spiegelbild. Wir sehen aus wie ein Paar, dachte sie. Sie würde ihn auf um die dreißig schätzen. Groß und gut aussehend, bewegte er sich mit einer Selbstsicherheit, die ihm Blicke von vielen Frauen und sogar einigen Männern einbrachte.

„Geht es Ihnen gut?“, fragte Dominic.

„Ja.“

„Sie haben mich eben so komisch angeschaut.“

„Ich habe mich nur gefragt, wie er so ist.“ Sie senkte den Blick. „Magnus Johansen meine ich.“

„Freundlich“, sagte er sofort. „Verlässlich. Er kümmert sich um seine Leute. Das würden Ihnen alle Nachbarn und Freunde bestätigen.“

„Und woher kennen Sie ihn?“

„Ich erinnere mich kaum an eine Zeit, in der ich ihn nicht gekannt habe. Meine Eltern sind aus Italien nach Amerika eingewandert. In Archangel haben sie anfangs als Saisonarbeiter ausgeholfen, und Magnus hat ihnen einen Platz zum Wohnen gegeben.“

Immigranten, dachte sie. Seine Eltern waren Gastarbeiter gewesen. Nun musste sie ihr Bild von Dominic Rossi als verwöhntem, überprivilegiertem Sprössling korrigieren. „Bella Vista ist also eine bewirtschaftete Farm?“

„Eine Plantage“, korrigierte er. „Die besten Äpfel im ganzen County. Ich hab Magnus kennengelernt, da war ich sieben oder acht Jahre alt. Er hat mich erwischt, als ich auf Bella Vista arbeitete.“

„Was meinen Sie, er hat Sie erwischt?“

„Er achtete sehr auf die Einhaltung des Kinderschutzgesetzes. Wie auch immer, lange Rede, kurzer Sinn, er hat mich und meine Schwester unter seine Fittiche genommen und uns mit allem geholfen. Von der Greencard für meine Eltern bis zum College für meine Schwester und mich.“

„Mein Großvater klingt wie ein Heiliger.“ Sie bog in ihr Viertel mit den backsteingepflasterten Gehwegen ab, die von schmiedeeisernen Zäunen gesäumt wurden. Das Laub der Bäume verfärbte sich bereits, und ein paar knisternde Blätter lagen schon auf der Erde.

„Mit Heiligen kenne ich mich nicht aus. Aber wenn Sie ihn besuchen kommen …“

Ihr Herz schwoll kurz an, eine verängstigte Erinnerung an das Trauma, das sie in die Notaufnahme gebracht hatte. „Ich werde ihn nicht besuchen. Das alles hat mit mir nichts zu tun.“

„Tut mir leid, Ihnen widersprechen zu müssen, aber es hat sehr wohl mit Ihnen zu tun.“

„Erwarten Sie etwa, dass ich alles stehen und liegen lasse und nach Archangel eile, um genau … was zu machen? Dort gibt es für mich nichts zu tun, und selbst wenn, hat er noch eine andere Enkelin. Hat Isabel …? Lebt sie bei ihrem Großvater?“

„Ja. Sie ist auf Bella Vista aufgewachsen. Magnus und Eva – seine verstorbene Frau – haben sie großgezogen.“

„Dann braucht Magnus mich nicht“, sagte Tess entschlossen, obwohl ein seltsamer Schmerz wie giftige Ranken durch sie hindurchwirbelte. „Ehrlich, die Situation ist schlimm, aber ich kann mich da nicht hineinziehen lassen.“

„Ich verstehe. Sie haben eine Menge zu verarbeiten.“ Er hatte die unglaublichsten Augen. Sie verspürte den Drang, sich weiter mit ihm zu unterhalten, aber dazu hatte sie kein Recht. „Hier ist meine Nummer.“ Er reichte ihr seine Visitenkarte. „Rufen Sie mich an, sollten Sie Ihre Meinung ändern.“

„Sie heißt Isabel“, sprach Tess auf die Mailbox ihrer Mutter. „Wusstest du, dass ich eine Schwester habe? Ganz zu schweigen von einem Großvater? Und wenn du es wusstest, wieso zum Teufel hast du mir nie etwas gesagt? Um Himmels willen, Mom, ruf mich sofort an, sobald du diese Nachricht hörst. Ist mir egal, wie spät es ist. Ruf mich einfach an.“

Tess legte das Telefon beiseite und schaute sich in ihrer Wohnung um. All die alten Sachen. Nanas Schreibtisch, der wie ein schlafender Riese in der Mitte thronte. War es erst heute Morgen gewesen, als sie sich fertig gemacht hatte und ins Büro geeilt war, um Mr Sheffield zu

treffen? Sie fühlte sich, als wäre sie auf einer langen Reise gewesen.

Obwohl der Arzt ihr empfohlen hatte, sich zu entspannen, war sie die letzten Stunden auf und ab gelaufen und hatte sich Gedanken gemacht. Sie hatte Dominic gegoogelt und Isabel und Magnus und jeden, den er erwähnt hatte, doch ohne Erfolg. Sie hatte nur frustrierende, unzusammenhängende Einzelheiten erfahren, aber nichts, was ihr weiterhalf. Es gab Fragen, die konnte nur ihre Mutter beantworten. Doch in so etwas war ihre Mutter noch nie gut gewesen.

Das Telefon klingelte, und sie sprang auf, doch es war nicht Shannon, sondern Neelie. „Ich komme rüber“, sagte sie ohne Vorrede.

„Aber ich brauche keine …“

„Zu spät. Ich bin schon da.“

Tess hörte das Summen von der Eingangstür – Neelie kannte den Code – und dann Schritte auf der Treppe. Sie ging zur Tür und öffnete sie. „Hey du.“

Neelie trug eine große Tüte vom örtlichen Gourmet-Deli in der Hand. „Ich habe Hühnersuppe und keine Hemmungen, sie einzusetzen.“

„Gott segne dich. Ich war kurz davor, an einem gefrorenen Burrito zu lutschen.“

Neelie schnalzte mit der Zunge und machte sich in der Küche zu schaffen. „Jude sagte, du wärst in die Notaufnahme gekommen. Was zum Teufel war da los?“

Danke Jude, dachte Tess. „Mir geht es gut.“

„Ich wusste, dass du das sagen würdest. Aber keine gesunde Neunundzwanzigjährige kommt einfach so in die Notaufnahme. Erzähl mir alles.“

Tess empfand ein wenig Erleichterung, Neelie alles berichten zu können. Neelie war ihre Herzensfreundin, jemand, der zuhörte, ohne zu urteilen. Sie gab die angemessenen Laute von sich, als Tess das Treffen mit Dominic Rossi beschrieb und die unglaublichen Neuigkeiten, die dieser gebracht hatte.

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