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Der größtmögliche Beweis für Liebe

Als Buch hier erhältlich:

Das Ehepaar Paul und Franca Salamun stiftet vor seinem selbstbestimmten Tod eine stille Konspiration der Liebe. Eingeweiht werden zunächst nur die Söhne und deren Frauen.Ihr Sohn Luca Salamun - Komponist und selbst Vater eines neunjährigen Kindes - spürt der Vergangenheit nach. Nachdem er vor Jahren den Kontakt zu den Eltern fast abgebrochen hat, versetzt er sich nun umso intensiver in die Lage seines Vaters, eines Bridgemeisters und Mathematikers, der mit 75 Jahren nach einem Krebsbefund beschlossen hat, sich nicht operieren zu lassen. Luca versucht, auch seine Mutter zu verstehen, die ein Geheimnis mit sich trägt, das sie nicht preisgeben will. Welche Gedanken gehen dem frei gewählten Doppel-Tod voraus? Und wie reagieren die Hinterbliebenen? Der Vater Paul Salamun lässt im winterlichen Engadin während der letzten Wanderung mit seiner Frau Franca sein Leben Revue passieren. Schlemm, der Kontrakt, bei dem der Bridgespieler zwölf Stiche machen muss, stellt ein Ziel in seinem Denkgebäude dar. Luca hofft, die Beweggründe Pauls und Francas zu begreifen, um seiner Tochter eines Tages erklären zu können, was mit den Großeltern geschehen ist. Doch zu seiner Überraschung entdeckt er, dass er selbst Teil der elterlichen Verschwörung ist.Aufgeteilt in zwei dominierende Perspektiven, die des Sohnes Luca und die des Vaters Paul, nähert sich der Autor wie in einer literarischen Partie Bridge den entscheidenden Ereignissen und entwirft dabei ein fesselndes Familienporträt.

Während eines Tauchgangs im Mittelmeer versucht Luca, den Elterntod neu zu begreifen und ihm eine Melodie zu geben. Statt des Vorspiels zum Tod im ersten Teil seines Romans, schildert Bardola das Vorspiel zur Geburt seiner Toichter als zweiten Akt. Der letzten Wanderung der Eltern setzt Bardola nun die Touren Lucas und der schwangeren Sabine kurz vor der Geburt Noras entgegen. Den verzweifelten Lauf Lucas während des Elternsterbens kontrastiert er mit nachdenklichen Läufen durch die Engadiner Landschaft, der er ein literarisches Denkmal setzt.


  • Erscheinungstag: 19.03.2024
  • Seitenanzahl: 448
  • ISBN/Artikelnummer: 9783312013357

Leseprobe

Teil 1: Schlemm

Schlemm, der; -s, -e [engl. slam, eigtl. = Knall, Schlag] (Bridge): gewonnenes Spiel, bei dem man 12 oder alle 13 Stiche bekommt.
Duden, Deutsches Universalwörterbuch

Eins

Luca spürt den Stoß im Rücken, wehrt sich gegen den Fall, will sich umdrehen, nicht um zu sehen, wer ihn stieß, sondern um Gewissheit zu bekommen, ob seine Eltern mit dem Stoß einverstanden sind.

Das Telefon klingelt. Die Tochter schläft. Die Frau sieht im Wohnzimmer fern.

Mit dem Hörer in der Hand ist er sofort Sohn. Vor etwa einer Stunde hatte er seiner neunjährigen Tochter noch eine Gutenachgeschichte vorgelesen.

Der Vater fragt, ob er den Termin wissen wolle. Es ist kein gewöhnlicher Termin, sondern eine Deadline. Der neunte Dezember.

Das Gespräch ist kurz. Kommentare und Gefühle werden auf später verschoben. Das Datum aber prägt sich Luca ein. Der neunte Dezember, ein Tag vor seinem und Sabines Hochzeitstag. Aber das sagt er dem Vater nicht. Es bleiben fast zwei Wochen.

Luca hat das Gefühl, sich gut auf diesen Moment vorbereitet zu haben.

Elf Tage lang wird Luca noch Sohn sein, Kind seiner Eltern, mit Vater und Mutter, die man jederzeit anrufen kann. Dann werden sie sterben. Äußerlich unversehrt und im Vollbesitz ihrer geistigen Kräfte.

Absurd und nicht akzeptabel, wird Lucas Schwägerin Christina sagen.

Luca notiert den neunten Dezember im Kalender, blickt auf die elf freien Tageszeilen bis dahin und erinnert sich an eine Zeit, in der er nicht sicher war, ob Paul und Franca seine Eltern sind.

Damals war er etwas jünger als seine Tochter Nora jetzt. Die Unsicherheit betraf vor allem den Vater, denn eine Ähnlichkeit mit der Mutter war unbestreitbar. Aber mit seinem angeblichen Vater Paul?

Luca zählt noch einmal die Tage bis zum neunten Dezember im Kalender. Das Telefon steckt in der Ladeschale, aber er hört noch Pauls Stimme. Sie klingt beherrscht wie immer. Vielleicht versucht sie eine leichte Verlegenheit zu verbergen.

Luca zählt und sieht dabei die breite und hohe Stirn Pauls, den Schädel, die wenigen, nach hinten gekämmten Haare. Paul ist gut gealtert: ein fünfundsiebzigjähriger Ex-Bridge-Meister und Ex-Rektor, braun gebranntes Gesicht, eins achtzig groß, aufrecht, der Bauch nicht zu dick. Doch Luca sieht auch die schlaffen Wangen, das Doppelkinn und die leicht zitternden, nikotingelben Finger.

Paul brauchte nie einen Beweis für seine Vaterschaft.

Als Luca in den Sommerferien allein durch die Kirchgasse des Bergdorfes Sins nach Hause schlenderte, schlug die Kirchturmglocke zwölf Uhr. Zwischen zwei Schlägen hörte Luca plötzlich einen Schrei: »Polín!«

Eine alte Frau in Gummistiefeln war aus einem Schafstall herausgekommen und wie erstarrt stehen geblieben. Die Schafställe der Engadiner Häuser befinden sich in den Kellern. Die Bäuerin war zu lange unten im Gestank gewesen. Das Tageslicht blendete sie. Noch einmal schrie sie »Polín!« und dann »Paolo!«.

Fassungslos sah sie den kleinen Luca an, der es mit der Angst zu tun bekam. Doch dann begriffen Luca und die Frau, deren Entsetzen im Gesicht sich in ein freundliches Lachen verwandelte. Mit einem Redeschwall in rätoromanischer Sprache, von dem Luca nur wenige Wörter verstand, machte sie ihm klar, dass Luca genau so aussehe wie Paul als Kind. Der Kosename für Paul heißt im Rätoromanischen Polín mit Betonung auf der letzten Silbe. So nennen sie Lucas Vater heute noch in Sins: Polín Salamun.

Einen besseren Beweis als den Schrei der Frau für Pauls Vaterschaft hätte Luca sich nicht wünschen können.

Seither ist Luca Pauls Sohn. Aber würde er es nach dem neunten Dezember bleiben? Wie lange ist man nach dem Tod der Eltern noch deren Kind? Wird man erwachsener, wenn die Eltern sterben? Luca weiß es nicht.

Luca erzählte damals seinen Eltern von der Begegnung mit der Bäuerin. Daraufhin zeigten sie ihm Fotos von Paul als Kind. Sie verglichen: Die Ähnlichkeit war verblüffend. Paul war auf einem Porträtfoto als Siebenjähriger von Luca kaum zu unterscheiden.

Luca ruft den Personalchef des Orchesters an und bekommt drei Wochen Urlaub, ohne dass er den Grund angeben muss. Er trägt die drei Wochen in den Kalender ein. Drei Wochen nicht im Graben. Luca spielt Bass. Ursprünglich wollte er Komponist werden, wollte von Johann Sebastian Bach beeinflusste moderne Kantaten schreiben, blieb aber hin- und hergerissen zwischen Klassik und Unterhaltungsmusik und landete schließlich beruflich im Orchestergraben, privat in Jazzkneipen.

Der Termin und alle Vorbereitungen bleiben geheim. Nur Luca, sein Bruder Reto sowie Pfarrer und Arzt Dr. Walter Strub von der ROWS, der Right of Way Society, wissen davon. »Ob du es Sabine sagen willst, kannst du selbst entscheiden«, hatte Paul gesagt. »Dasselbe gilt auch für Reto und Christina.«

Luca erinnert sich an den Geruch des Todes, an das Schnüffeln. Als Kind hatte Paolo in Neapel »l’odore della morte« gespielt. Man reibt mit der einen Hand, am besten mit den Knöcheln und den unteren Fingergliedern, den Handrücken der anderen Hand. Haut auf Haut. Trocken. Dann riecht man daran. So, dachte Paolo – und eine Generation später Luca –, riecht der Tod.

Kinder, denen man das erzählt, spielen es gern. Manche halten auch die Luft an, die Ohren zu und schließen die Augen, um den Tod zu spielen, und hören dabei neue Geräusche. Je länger man reibt, desto schrecklicher riecht es.

Luca reibt nach vielen Jahren zum ersten Mal wieder und fragt sich, wie man Todesangst überwindet.

Luca mag es nicht, wenn man ihm unangenehme Nachrichten scheibchenweise auftischt. In der Kindheit Gespräche über die eiserne Lunge, später die ROWS-Mitgliedschaft der Eltern, dann der Befund, dann die Mitteilung, dass »sie beide gemeinsam gehen werden«, schließlich die Frage, ob er das Datum wissen wolle, am Ende das Datum selbst.

Die Mitteilung Pauls kommt Luca wie eine Beichte vor. Etwa vier Monate bevor Paul seinen zwei Kindern den Termin, den neunten Dezember, mitteilt, berichtet er ihnen über den Befund. Bei beiden Benachrichtigungen schwingt für Luca eine Art Schuldbewusstsein mit, vielleicht wegen der Verzögerung, mit der Paul davon erzählt, vielleicht wegen der Konsequenz, die er aus dem Befund zieht.

Luca sieht an einem Augusttag seinen Vater am Bahnhof aus der Menschenmenge auftauchen und weiß sofort, dass etwas nicht stimmt. Paul verbirgt etwas. Nichts Gutes.

Die Mutter wartet im Auto, weil sie im Halteverbot steht. Eine oft wiederkehrende Szene: Der Sohn auf Kurzbesuch wird von den Eltern abgeholt. Nach der ersten Ampel müsste Paul reden. Aber er wartet noch. Luca fragt nicht. Nach der ersten Ampel hatte Luca vor zehn Jahren von Sabines Schwangerschaft erzählt. Wenn spätestens bei der zweiten Ampel nichts Wichtiges berichtet wird, ist alles wie immer. Die Neuigkeit an dem Augusttag ist so wichtig, dass Paul wartet, bis er zu Hause in seinem Eames-Sessel, einem schwarzen Lounge Chair, sitzt, die Beine ausgestreckt, den Campari neben sich, die Zigarette zwischen Zeige- und Mittelfinger. Er ist verlegen, blickt zu Franca, dann zu Luca und wieder zu Franca. Schließlich konzentriert er sich ganz auf Luca.

Paul fasst die Ereignisse vom ersten Blut im Urin bis zur eindeutigen Diagnose des rosenkohlgroßen Tumors in der Blase zusammen.

Nein, sagt Luca, schüttelt den Kopf und schweigt.

Es ist wie bei einer Prüfung. Paul ist der Schüler, Luca der Lehrer, Franca die Schulinspektorin.

Luca schweigt, aber in Gedanken nimmt er die Konsequenzen aus dem Befund vorweg.

Paul fährt fort: Eine Operation komme nicht in Frage. Seine Situation erinnere ihn an Peter Nolls »Diktate über Sterben und Tod«, sogar der Tumor sei ähnlich. Nolls Diktate seien damals viel diskutiert worden. Noll starb sechsundfünfzigjährig vor zwanzig Jahren. Er habe seinen Entschluss und die Folgen, sich nicht operieren zu lassen, für jedermann plausibel protokolliert. Paul Salamun geht einen Schritt weiter als Peter Noll. Paul will nicht nur die Operation vermeiden, sondern auch alle zu erwartenden Komplikationen nach dem Befund: Schwindel, Schmerzen, Fieber, Delirien, Morphium. Nach einer Operation habe Paul mit Glück vielleicht noch zehn oder fünfzehn Jahre vor sich, den Urinbeutel immer mit sich herumtragend. All das komme für ihn nicht in Frage. Er will den Schlussstrich selber ziehen.

Paul erwähnt seine Tagebücher, seine Bibliothek und die ROWS. Er trinkt einen Schluck Campari, drückt die zweite Zigarette seit Beginn seines Berichts aus und blickt zu Franca. Sie sorgt für gedämpfte Heiterkeit mit dem Hinweis darauf, dass Zeit bleibe, viel Zeit. Sie hat Lucas Lieblingsgericht gekocht, Safran-Risotto mit Steinpilzen.

Luca abends in seinem Jugendbett, in seinem Jugendzimmer, mit den Jugendfotos, einigen Jugendkleidern, der Jugendlampe, zwei moosgrüne drehbare Halbkugeln, eine etwas größer, die andere etwas kleiner, die sich ineinanderschieben lassen, wodurch das Licht regulierbar ist und sich so weit dämpfen lässt, bis die Lampe keine Schatten mehr wirft, dem Jugendplattenspieler, den Vinylplatten, den Rattanmöbeln. Alles gut konserviert.

Luca hört die Holztreppe. Geräusche der Eltern aus dem Badezimmer. Ob Paul wieder Blut harnt, fragt sich Luca. Er wird bald freiwillig sterben, statt um sein Leben zu kämpfen, statt sich sofort operieren zu lassen.

Paul druckt seinem Sohn Passagen aus den ersten fünf Jahren seines Tagebuchs aus, das er mit fünfundsechzig, mit Beginn seines Ruhestands, am PC zu schreiben begann. Luca nimmt auch einige Essays und Nolls »Diktate« aus Pauls Bibliothek mit nach Siena. Luca versucht sich zu erinnern, wann Paul diesen Weg eingeschlagen hat.

Sins vor mehr als dreißig Jahren in den Winterferien: die Familie von Polín Salamun in der chadafö, dem Feuerhaus mit der gewölbten Decke. Neue Besucher werden auf die Probe gestellt. Warum ist die Küchendecke vor vierhundert Jahren rund gebaut worden? Die beiden Söhne, Reto und Luca, sechzehn und zwölf, kennen alle möglichen Antworten auf die Gewölbefrage.

»Ich würde auch in einer eisernen Lunge weiterleben wollen«, sagt der Vater unter der runden Küchendecke. Ihm sei es nur wichtig, klar denken zu können. Dazu brauche er keinen Körper.

In der Eisernen Lunge ist nur der Kopf frei. Die Atmung wird im engen und abgedichteten Raum mechanisch bewirkt. Man liegt in dem dröhnenden Zylinder wie in einem Sarg.

Franca widerspricht heftig, in einer Eisernen Lunge wolle sie nicht weiterleben. Lieber sterben. Franca trägt ihr braunes, schulterlanges Haar streng nach hinten gekämmt und zu einem Knoten geschlungen, der von einer Nadel gehalten wird. Nein. Reglos in einer Beatmungsmaschine möchte sie nicht leben.

Die Söhne sind unsicher. Lieber sterben? Lieber gelähmt leben? Und warum sollten sie sich in ihrem Alter das Leben in einer Eisernen Lunge vorstellen?

Luca meint, dass beide, Vater und Mutter, gerne darüber diskutierten. Das Thema wurde variiert, vorzugsweise wenn Gäste im Haus waren. Es war für die Eltern interessant, deren Meinung zu hören. Die Söhne tendierten mit der Zeit dazu, von Kopf bis Fuß gelähmt weiterleben zu wollen.

Luca versucht, in seinem Jugendzimmer steif und mit eng an den Körper angelegten Armen wie in einer Eisernen Lunge einzuschlafen, so wie früher.

Nach Pauls Befund schreibt sich Luca in einen Bridge-Club ein. Den Begriff Fit hat er in einer der ersten Bridge-Lektionen gelernt. Fit bedeutet, in einer Partnerschaft insgesamt mindestens acht Karten in einer Farbe zu haben. Dann sagt man, dass die beiden Spieler einen Fit haben.

Mit jeder Bridge-Lektion nähert sich Luca den Eltern. Er verinnerlicht die Prinzipien im Bridge: Schlemms werden die Kontrakte auf der Sechser- und Siebener-Stufe genannt. Bei Großschlemms müssen alle dreizehn Stiche nach Hause gebracht werden. Das Paar, das einen Schlemm reizt und erfüllt, bekommt einen erheblichen Bonus.

Eine der Merkwürdigkeiten beim Bridge besteht darin, dass nach dem Bieten, dem Reizen und dem Erstellen des Kontrakts einer der vier Spieler sterben muss: The dummy, le mort, der Tisch. Nachdem der Todgeweihte – so wie seine in die drei anderen Himmelsrichtungen verteilten Spieler – geboten und gereizt hat, scheidet er (oder sie – bei jedem neuen Spiel kann jemand anderer sterben) aus. Während des eigentlichen Spiels hat der Tote keine Funktion mehr. Er kann in das Spiel nicht mehr eingreifen. Er lehnt sich zurück, steckt sich eine Zigarette an, trinkt einen Schluck, geht auf die Toilette. Aber für die anderen drei ist er tot. Er darf allenfalls noch die Karte in die Mitte des Tisches schieben, die der Alleinspieler jeweils fordert.

In den verschiedenen Wohnungen, in denen Lucas Eltern lebten, gab es immer eine Bridge-Ecke. Am Anfang war es aus Platznot noch der Küchentisch. In der letzten steht ihnen ein eigener Raum zur Verfügung.

Luca strich manchmal mit der Hand über den grünen Filz des Bridge-Tisches. Sie besaßen nie Haustiere, weil Franca Angst vor Allergien hatte. Der Bridge-Tisch-Filz war für Augenblicke sein Haustierersatz.

Immer wenn Paul und Franca ein befreundetes Paar eingeladen hatten, hingen die Rauchschwaden über dem Tisch. Bei jedem neuen Spiel starb nach den geheimnisvollen Vorreden der vier in die Karten vertieften Erwachsenen einer von ihnen. Chicane, adversaire gauche, enchère d’essai, déclarant – und zack, du bist tot. Die Reizung vor der Exekution war ein Furcht einflößendes, stilles Ritual, eine angespannte Meditation, wie Luca sie auch später in keinem Gotteshaus erlebt hat; ein religiös anmutendes Zeremoniell, das am ernsthaftesten – und erfolgreichsten – von Paul betrieben wurde.

Andacht. Sie waren alle konzentriert, sprachen leise ihre magischen Worte: Un sans atout, deux Cœurs, trois Piques, quatre Carreaux … Einer nach dem anderen, reihum, in alle vier Himmelsrichtungen zählten sie sich hoch, steigerten sich mit manchmal langen, vor Spannung knisternden Pausen, versuchten die Karten des Partners zu erraten, eine unsichtbare Brücke zu schlagen, mit der sie die Gedanken der anderen lesen konnten – und dann folgte ein resigniertes passe und noch ein passe … und dann war das Urteil gesprochen. Erst wenn einer die Karten ablegte, verstand Luca, wen es erwischt hatte. Wenn es Franca war, ging er zu ihr, um sie zu trösten. Sie legte die Karten nieder, ordnete sie offen auf dem grünen Filz, so als streckte sie ihre Waffen, lächelte aber seltsam heiter und stand auf. Femme debout. Luca verstand nicht, dass sie keinen Trost wollte, und lernte erst sehr viel später, dass sie keinen Trost brauchte.

Die Familie zum ersten Mal im Auto unterwegs nach Sins. Ein neues Verkehrsschild: Im roten Warndreieck ist diagonal eine unebene schwarze Fläche eingezeichnet, die sich von links unten nach rechts oben zieht. Links daneben sind schwarze Flecken auf weißem Grund eingezeichnet. Darunter steht auf Rätoromanisch »Privel da crappa«.

Dieses Schild gibt es wohl nur im Engadin, vermutet Paul, der nervöse Beifahrer. Paul erklärt, dass privel Gefahr und crappa Steine heißt.

»Warum braucht es dafür ein Schild?«, fragt Franca. Sie sitzt am Steuer. Bisher war die Familie immer mit der Rätischen Bahn nach Sins gefahren, die über schlanke und hohe Brücken und durch feuchte Tunnels fährt, meist enge Röhren, die auch bei geschlossenen Fenstern stark, aber nicht unangenehm riechen.

Paul hat zwar noch einen Führerschein, aber er fährt schon lange nicht mehr. Er hat zu viele Unfälle verursacht.

Paul hat den Führerschein mit vierzig Jahren gemacht. Er ist handwerklich ungeschickt, und das wirkt sich auch beim Autofahren aus.

»Wenn uns ein Stein aufs Dach fällt, dann fällt er eben. Dagegen können wir nichts unternehmen«, sagt Franca. Autofahren ist Francas Domäne, obwohl Paul und Franca den Führerschein gleichzeitig gemacht haben. Franca saß von Anfang an gern am Steuer. Vielleicht lag das auch an dem Fahrlehrer. Franca und Paul hatten denselben Lehrer. Der Lehrer mochte Franca, lobte sie, und dementsprechend schnell machte sie Fortschritte, was Paul nicht gefiel und ihn von Anfang an demotivierte.

Die Söhne hinten. Dort herrscht Stille. Die Familie fährt die kurvenreiche, schmale Straße Richtung Osten. Rechts unten schlängelt sich der grün leuchtende Inn durchs Tal. Die Familie überholt die Flusswellen. Links ragen steil die Felshänge hoch. Die Straße ist zum Teil in Fels gehauen.

»Wenn uns ein Stein aufs Dach fällt, dann fällt er eben.«

Wahrscheinlichkeit hat Paul als Bridge-Spieler und als Mathematiker beschäftigt. Der Einbeinige, der bei der Tombola ein Fahrrad gewinnt – Zufall kann grausam sein.

Der gemeinsame Nenner fast aller Religionen besteht in dem Versuch, dem Zufall einen Sinn zu geben.

Für Paul, Zahlenmensch und Agnostiker, ist Gott nicht tot. Gott wurde nicht geboren. Das Wort »gottgewollt« ist Kokolores.

Die Wahrheit liegt im Würfel. In der Analyse des Gewürfelten und in der Vorhersage der zu würfelnden Zahlen.

So wird Luca seinen Vater, den Bridge-Meister, in Erinnerung bewahren.

Lucas Sorgen wachsen beim Warten auf den Tod, so als verberge sich etwas hinter Pauls Entschluss, das er kennt und verdrängt.

Franca ist einundzwanzig, als ihr Vater stirbt. Sie kehrt nach Genf zurück, und Paul stürzt sich in Basel in eine heiße Bridge-Phase.

Die Stadt ist voller Flüchtlinge. In Hemingways »Fiesta« liest Paul: Außerdem hatte er mit einigen Bekannten in ein paar riesig feschen Bridge-Partien zu viel höheren Einsätzen gespielt, als er es sich eigentlich leisten konnte, hatte fabelhafte Karten gehabt und mehrere Hundert Dollar gewonnen. Das hatte ihn auf seine Bridge-Begabung eitel gemacht, und er sagte mehrere Male, dass es doch ein Leichtes sei, wenn es sein müsse, seinen Unterhalt durch Bridge-Spielen zu bestreiten.

Im Gegensatz zu Robert Cohn gewinnt der hochgewachsene Paul auch mit schlechten Karten. Bridge is silence and pleasure, sagt Paul. Der Satz begleitet ihn sein ganzes Leben. Er sagt ihn mit einem Schmunzeln, mit gespielt belehrendem Tonfall und mit einem Funkeln in den Augen. Und das Funkeln bedeutet: Bridge ist kein Glücksspiel. Bei Turnieren ist es nicht wichtig, gute Karten zu haben, sondern mit den Karten, die man hat, besser zu spielen als die anderen. Die Leistung der Spieler lässt sich messen, da die »Hände«, die verteilten zweiundfünfzig Karten, vor dem Spiel bestimmt werden. An anderen Tischen spielen gegnerische Mannschaften mit exakt denselben Karten. Die Stärke der Spieler ist daher vergleichbar. Ein Stich mehr dank eines exakteren Kontrakts oder einer genaueren Berechnung kann den Turniersieg bedeuten.

Den Satz hört Paolo schon als Kind und später: Stille und Vergnügen. Die Salamuns bleiben abends zu Hause – Fliegeralarm in Neapel. Sie spielen mit Gästen – mit zwei oder vier Kartensets – regelmäßig Jass. Paolo mit wenig Begeisterung. Erst als jemand »Auto-Bridge« mitbringt, fängt er Feuer und lernt die Regeln.

Von einem Sins-Aufenthalt kehrt Paul 1943 nicht nach Italien zurück. Nach der Landung der Briten und Amerikaner auf Sizilien bringen einhundertfünf alliierte Bombenangriffe auf Neapel das Leben der Millionenstadt fast zum Erliegen. Zweiundzwanzigtausend Menschen fallen den Bomben zum Opfer, einhunderttausend Wohnungen sind zerstört. Die Bar Salamun bleibt verschont und kann schon nach wenigen Monaten wieder öffnen.

Paul schreibt sich an der Uni Basel ein. In Naturwissenschaften. Später bezeichnet er die Fächerwahl als größten Fehler seines Lebens. Er hätte Mathematik und Philosophie studieren sollen. Er hasst Chemie und Physik. Das Labor – Reagenzgläser, Bunsenbrenner – bringt ihn zur Verzweiflung. Als er eine Mappe mit einer fertigen Seminararbeit verliert, kündigt er innerlich das Studium. Er bleibt aber immatrikuliert. Sein Vater, seine Mutter und seine älteren Brüder Silvio und Leo glauben, er habe das Studium beendet. Die Lüge fliegt erst viele Jahre später auf, als er längst das Studium nachgeholt hat, die Eltern gestorben sind und er Mathematiklehrer an einem Gymnasium ist.

Kurz nach Kriegsende, ein Studentenheim in Basel, erster Stock: Vor allem Franzosen spielen leidenschaftlich Poker. Das Geld wird unter dem grünen Tischteppich versteckt. Glücksspiel ist verboten. Paul macht nur selten mit. Gewinnchancen und seine Geldreserven sind gering. Im Parterre wird auch Bridge gespielt. Paul beteiligt sich. Er stellt fest, dass es sein Budget nicht strapaziert. Im Gegenteil. Fedy Galvic aus Dubrovnik leiht ihm Culbertsons »Gold Book« und sagt: »Schau, ein neues Bridge-Buch. Wenn du alle Seiten liest, wirst du viel Geld gewinnen.«

Paul lernt in wenigen Wochen Bridge-Englisch. Fedy und Paul werden zum Top-Team, organisieren täglich Spiele und geben Unterricht.

Sie spielen im Sonnenhaus von morgens bis abends. Lichtscheu, rauchend, Kaffee trinkend. Gegen Mittag ein Tellergericht – der Wirt kennt sie. Oscar Kaufman, ein Rumäne, den sie Ossi Possi nennen; Harry Kleinlein, genannt Harry Parry, ein Ungar aus der Familie des Erfinders der Biro-Stifte; Csengary, genannt Tschumi, auch aus Rumänien. Er begnügt sich – wahrscheinlich aus finanziellen Gründen – mit Bier und weist beharrlich auf den Nährwert hin. Der Wirt duldet auch ihn. Oft sind noch andere Ungarn dabei, fast immer auch Pauls Partner, der Jugoslawe Fedy Galvic, sowie einige Franzosen. Basler nur wenige, Frauen noch weniger – Alexander Poseda und Elsa Zehntner sind Ausnahmen.

Paul und Fedy spielen wie besessen, schätzen je nach Strategie den Ausgang einer Partie ein; erraten die Absichten des Partners und der Gegner; merken sich die gespielten Karten – je mehr, desto besser. Was Laien übersehen: das Suchtpotenzial von Bridge, wenn es professionell gespielt wird und man für Wettkämpfe trainiert. Aber Paul und Fedy denken noch nicht an Turniere. Sie pfeifen auf das Studium, steigern sich in den Zeitvertreib und warten auf den richtigen Moment, um ins gelobte Land, nach Südamerika, zu emigrieren. Paul hat sich für Chile entschieden, und in der bridgefreien Zeit lernt er Spanisch. Sie spielen oft auch nachts in Harry Parrys Bude. Zwischendurch gibt es rohe Paprika mit Öl und Salz und dann wird weitergespielt bis zum Morgengrauen.

Alex klinkt sich oft schon vorher aus. Er spielt zu vorsichtig, versteht nicht, dass sich Culbertson durchsetzt. Wenn Paul einen Schlemm macht, nennt er ihn Schlemm, Schlemi oder Schlemihl. Er sagt: »Paolo Schlemm! Schlacksi Schlemi hat wieder zugeschlagen.«

Nach etwa zwei Jahren löst sich die Runde auf: Ossi Possi geht nach Rumänien. Später flüchtet er nach Deutschland. In den achtziger Jahren ruft er Paul an, hinterlässt aber eine falsche Telefonnummer auf dem Anrufbeantworter. Harry Parry emigriert nach Argentinien und Tschumi nach Chile. Paul hört nie mehr etwas von ihnen. Fedy heiratet eine Schweizerin, geht nach Peru, leitet eine Fabrik für Bodenbeläge, lässt sich scheiden und kehrt nach Jugoslawien zurück. Seither ist der Kontakt abgebrochen. Nur Alex, Elsa, die inzwischen zurückgekehrte Franca und Paul bleiben in Basel. Gesprochen wird Bridge-Englisch, Italienisch und Französisch. Im Alltag dominiert aber Schweizer Mundart, die Franca und Paul bis zuletzt nur mit Akzent sprechen.

Paul gründet den Basler Bridge Circle und tritt dem Bridge Bund Schweiz (BBS) bei, dessen Präsident er später wird. Wäre er nach Chile gegangen, er hätte eine Bar mit Bridge-Salons eröffnet. Franca hätte einen anderen geheiratet, wäre vielleicht Jahre später nach Südamerika gereist und hätte ihn zufällig in Santiago getroffen. Aber Paul wusste von Anfang an, von der ersten Begegnung mit Franca auf dem Studentenball der Romands, dass er sie fürs Leben will – er ist der begabte neunzehnjährige Student in Basel, sie das fünfzehnjährige Mädchen aus Genf, das in Begleitung der älteren, an der Uni immatrikulierten und Paolo flüchtig bekannten Schwester ihr erstes großes Fest besuchen darf – und schon damals schreibt Paul in sein Tagebuch: »Franca ist eine Blume, die gepflegt werden muss.«

Luca erinnert sich beim Lesen von Pauls Tagebüchern an die Schwarz-Weiß-Fotografien in den schweren, mit dicken Kordeln zusammengebundenen Fotoalben, die er als Kind oft durchblätterte. Manche der vergilbten Fotos haben einen lackierten und daher strahlend weiß gebliebenen, gewellten Rand.

Als Paul einige Jahre vor Lucas Geburt zum ersten Mal die Schweizer Bridge-Meisterschaft gewinnt, hat er kurz zuvor Franca geheiratet. Ein kleines Foto zeigt Paul und Franca abends nach dem Sieg auf der Treppe vor dem Circle – beide strahlend.

Ein Genfer Journalist und Bridge-Spieler ist begeistert. Er schreibt einen ausführlichen Zeitungsartikel über den sensationellen Sieg der Basler gegen die als Favoriten geltenden Genfer – und vor allem über diesen jungen Spieler Paul Salamun, der offenbar dank seiner glücklichen Ehe ausgerechnet mit einer Genevoise zu Höchstleistungen fähig ist.

Es gibt Bilder, die sich Luca für immer eingeprägt haben. Paul und Franca im Palace in St. Moritz kurz nach der Verlobung. Die Mutter im trägerlosen weißen Samtkleid mit weißen Handschuhen bis über die Ellenbogen.

Paul und Franca nach einem Bridge-Carneval. Franca schminkt Paul ab. Beide blicken mit lasziven Mienen in die Kamera, wie er sie im Leben nie an ihnen bemerkt hat. Sie wirken frei, unbeschwert und verdorben.

Pauls Lebensfreude damals: Paul in der Hocke umarmt einen vollen Schirmständer, hinter ihm stehend drei verwegen dreinblickende Bridge-Freunde. Überdrehte Stimmung. Ohne die Musik könnte Luca die Bilder nicht verstehen: Paolo war der Bärentänzer. An der Bar ahmte er Humphrey Bogart nach. In Wirklichkeit glich er zu seinem Leidwesen eher dem spröden James Stewart, wie er 1939 in »Made for Each Other« spielt: magerer als Bogey, erschreckend knochig, nicht teuer, aber sorgfältig gekleidet, dicke Unterlippe, starrer Unterkiefer, langer Hals, hüpfender Adamsapfel und für manche Frauen von unwiderstehlichem Humor.

Bärentänze, so nannte Paolos Vater Gian den Jazz und die Zuckungen, die US-Soldaten nach Neapel bis in die Bar Salamun gebracht hatten. Urwaldmusik, sagte Gian. Aber Franca lachte, wenn der schlaksige Paul Grimassen schnitt, Beine und Arme verdrehte und unkontrolliert, vom Swing Louis Jordans und vom Drive Cab Calloways und seinen Alabamians getrieben, kreuz und quer über die Tanzfläche wirbelte.

Dagegen die Turnier-Fotos. Stille. Die konzentrierten Gesichter an den Bridge-Tischen.

Der Kontrast zwischen den lauten und den stummen Fotos.

Luca in Gedanken bei den alten Eltern im winterlichen Engadin. Schneefelder bei Stuvar wie weiße Schatten an der Hauswand in Sins.

Kein Foto. Schlimmer: Elsa, Mitte vierzig. Elsa, lebensfroh und verzweifelt zugleich, vor dem Kaminfeuer seiner Eltern. Ein Glas Whisky in der einen, eine Zigarette in der anderen. Luca ist zwölf Jahre alt. Und Elsa sagt: »Ich will noch leben!« Wenige Wochen später ist sie tot. Dieses Bild der äußerlich kerngesunden Elsa vor dem Kaminfeuer wieder vor Augen, erinnert sich Luca an die Anfänge: Erinnerungen an die Erinnerungen der Eltern.

Ein Knöllchen am Handgelenk Elsas, dort, wo man den Puls fühlt. Das Knöllchen ist fast unsichtbar. Nur wenn man genauer hinsieht, schimmert es bläulich durch die Haut. Kleiner als ein Kirschkern, lässt es sich auf und ab bewegen. Kein Anlass zur Sorge, meint Elsa.

Paolo Salamun, Franca Sillage, Elsa Zehntner und Alexander Poseda treffen sich oft im Bridge Circle.

In den Sommermonaten liegt Paul manchmal am Rheinufer, Culbertsons »Gold Book« aufgeschlagen vor sich, und statt darin zu lesen, beobachtet er, wie Alex und Elsa mit Franca im Fluss schwimmen: drei Fische im Wasser.

»Paul«, sagt Franca, »Elsa ist endlich zum Arzt. Er hat sie sofort ins Spital geschickt.«

»Ordnen Sie Ihre Papiere«, sagt der Arzt, nachdem er Elsa untersucht hat.

Es ist so einfach. Doch eine Frist bleibt. Das »Ordnen-Sie-Ihre-Papiere«-Zitat klingt wie ein Refrain. Eine Galgenfrist, um Rechenschaft abzulegen.

Rechenschaft: Das Wort stammt aus dem vierzehnten Jahrhundert. Wegen Christina, die als Deutschlehrerin an einem Mädchengymnasium arbeitet, hat sich Paul nach der Pensionierung mehrere Herkunftswörterbücher besorgt. Beharrlich machte Christina ihren Schwiegervater auf Besonderheiten der Sprache aufmerksam.

Rechinschaft hieß das früher. Berechnung. Paul berechnet, wofür er verantwortlich ist.

Verantwortlich.

Für Alexanders Tod auf dem Exerzierplatz?

Diese Geschichte haben die Eltern Luca zu früh erzählt. Luca, zwölfjährig, lag nachts im Bett und stellte sich vor, wie Alex die Granate in der Hand hielt. Luca konnte an nichts Spannenderes denken als an das Werfen einer Handgranate: eine metallische Kugel, die man zum Mordwerkzeug macht, indem man sie entsichert; eine Bombe, die man dann – exakt nacheinander die Sekunden zählend – in der Hand halten muss, damit sie nicht zu früh beim Feind landet, der sie heben und zurückwerfen könnte. Luca stellte sich vor, wie sie an Alex’ Hand wie magnetisch haften bliebe und sich nicht abschütteln ließe, als wäre sie sein Handschatten.

Luca denkt in Schwarz-Weiß an das Unglück. Das Blut ist grau.

Francas Traum ist vielleicht schuld daran. Sie hat in Farbe von der Südsee und von Schwarzen geträumt, die immer nur barfuß laufen, und niemand kann ihnen die Schuld in die Schuhe schieben.

Elsas Metastasen. Vier Monate Ruhe, dann die ersten Beschwerden und danach drei Morphium-Wochen. Schließlich die Hilfe der ROWS. In der Todesanzeige bedankt sich Elsa bei der ROWS, für »die wunderbare Hilfe auf der letzten Reise«.

Elsa hatte Franca von ihren guten Gesprächen mit der jungen Sterbebegleiterin Claudia Zuber erzählt. Seither sind auch Franca und Paul Mitglieder bei der ROWS.

Dem Verschwinden geht der Rückzug voran. Unmerklich nehmen der Ehrgeiz und die Lust ab, den Alltag anzunehmen. Neues wird lästig. Jede Innovation wird von der Frage begleitet, wozu man sich damit noch beschäftigen soll. Gebrauchsanleitungen – zum Teufel! Bei Franca ist es nicht nur ein Rückzug. Sie baut manchen Bereichen gegenüber eine Abwehrhaltung auf – Technik, Medizin, Leidenschaft. Anderen Themen öffnet sie sich umso mehr.

»Weißt du, was Elsas Vater antwortete, als sie ihn fragte, ob er sich schon mit dem Sterben beschäftigt hat?«, fragt Franca ihren Mann, als Elsa selbst schon im Sterben liegt.

Elsa hatte sich an ihren schrulligen, unzugänglichen Vater erinnert, der bis zuletzt wie hinter einer zufriedenen, oft fröhlichen Maske sein Leben mit Bier und Zigaretten (Player’s No 6 für siebenundsiebzig Rappen das Päckchen – das war auch Pauls Marke) genoss. Sie würden nie erfahren, ob er nur eine Maske trug oder ob er wirklich ein Schelm war. Elsas Vater schloss jedenfalls gekonnt alles Unangenehme aus seinem Blickfeld aus. Misserfolge, lästige Gedanken, negative Stimmungen verdrängte er. Auch beim letzten Gespräch mit Elsa wich er ihren Fragen aus.

Er fragte zurück: »Mit den Serben?«

»Nein, Papa, mit dem Sterben!«, versuchte es Elsa noch einmal. Sogar die Tochter konnte nicht sagen, ob die Augen, aus denen der Schalk sprach, ihre Worte verstanden hatten und ihr nur auswichen oder ob die Ahnungslosigkeit echt war, die sie gleichzeitig ausdrückten. Er war ein alter, runzeliger, lustiger Baum, obwohl er fast wehrlos, längst gefällt und für den Brennofen bereit, im Klinikbett lag. Eine Mischung aus feuchter Aussprache und Schwerhörigkeit, die zu Schlitzen verengten, gelben und blutunterlaufenen Augen, die Nikotinfinger, das graue, strähnige Haar, der kalte Rauch auf seiner Haut, die Stoppeln am Kinn, die niemand mehr entfernen würde, die Reibeisenstimme, der herrliche Husten, dem Paul Konkurrenz machte, die Speichelreste in den Mundwinkeln, die vergilbten, schiefen Zähne.

Elsa schwankte zwischen Heulen und Lachen. Sie hatte das Gefühl, ihr ganzes Leben lang kein einziges Mal ein wirklich wichtiges Gespräch mit ihrem Vater geführt zu haben; ein offenes Gespräch, in dem er sich nicht verstellt. Und er sollte sterben, ohne dass sie erfuhr, ob er sich immer nur verstellt hatte oder ob er wirklich so war, so gut gelaunt, so unerschütterlich.

»Mit dem Sterben!«, wiederholte sie ein letztes Mal nah an seinem haarigen Ohr.

Aber er hatte beschlossen, keine Trauer, kein Drama aufkommen zu lassen. Er blieb bis zuletzt ein Schelm und erwiderte: »Mit den Erben?«

Damit hatte er ihr endgültig den Wind aus den Segeln genommen. Er deutete an, ihren Wunsch nach Ernsthaftigkeit verstanden zu haben. Er wich gleichzeitig aber noch immer aus. Und er ließ offen, ob er sich vielleicht wirklich verhört hatte. Damit behielt er die Kontrolle über das letzte Gespräch mit Elsa, denn sie redeten nur noch über die Kleinigkeiten des Klinikalltags.

Alexander Poseda und Elsa Zehntner sind zwei ungleich Liebende. Alex ist ein Bild von einem Mann, Athlet und Offizier, allerdings mäßiger Bridge-Spieler. Zigaretten raucht er nur zur Hälfte, weshalb die Aschenbecher öfter geleert werden müssen. Er fühlt sich hingezogen zu schöneren Frauen als Elsa. Aber er wagt es nicht fremdzugehen. Gleichzeitig ist er besitzergreifend und noch eifersüchtiger als Paul.

Das ist eine Gemeinsamkeit, die neben Bridge ihre Freundschaft ermöglicht. Er sei »neugierig wie ein eifersüchtiges Weib«, gesteht Alex, was Paul dann aber doch unangenehm ist.

Im Militärdienst und später in den Spielpausen erzählt er Paul haarklein von seiner Neugier. Weil Elsa besser Bridge spielt als er, hat er stets ein ungutes Gefühl intellektueller Unterlegenheit.

Alex lässt Elsa nicht aus den Augen, verdächtigt sie und macht ihr mit seinem Misstrauen das Leben so zur Hölle, dass Elsa, die ihn trotz allem liebt, sich etwas wünscht, was Paul in einer funktionierenden Beziehung nicht für möglich gehalten hätte. Er würde es immer noch nicht glauben, wenn Elsa es ihm nicht versichert hätte.

Elsa und Alex leben viele Jahre nebeneinander, ohne dass sie es wagt, ihren Wunsch auszusprechen. Sie will, dass er eine Affäre eingeht. Sie wünscht sich inständig, dass er sich einen seiner Träume erfüllt, die ihn manchmal nächtelang beschäftigten. Sie würde nichts lieber erleben als eine Liebesgeschichte ihres Mannes mit einer jener schönen Frauen, für die er schwärmt, wobei an erster – und vielleicht einziger – Stelle Franca steht.

Aber Alex wagt es nicht. Und er hat keine Ahnung, dass es noch einen anderen Grund für diesen seltsamen Wunsch seiner Frau gibt.

Paul glaubt, dass Alex das alles – auch seine Unwissenheit – den moralischen Vorteil einbringt, den er Elsa gegenüber braucht, um seine Eifersucht zu rechtfertigen.

Alex und Elsa lieben sich, aber sie bekämpfen sich unterschwellig, sind sich fremd, fremder, als Franca und Paul es sich je waren.

Als Alex in einem Supermarkt zufällig Elsa sieht, macht er sich nicht bemerkbar. Er hat schon bezahlt und packt seine Ware ein, während sie sich in der Schlange der Kasse nähert. Alex ist selbst verblüfft, dass er sie nicht anspricht. Er bringt kein Wort heraus und beobachtet sie heimlich, während sie ihre Lebensmittel aus dem Einkaufswagen nimmt und auf das Förderband legt. Irgendetwas hemmt ihn. Er überlegt, ob sie ihn vielleicht gesehen hat. Er rekonstruiert die Szene und kommt zu dem Schluss, dass Elsa aus ihrer Position in der Schlange ihn nicht entdeckt haben kann, zumal direkt vor ihr ein großer Mann steht.

Wie betäubt verlässt Alex den Supermarkt. Tagelang grübelt er darüber nach, warum er nicht Hallo gesagt hat. Es gibt mehrere Möglichkeiten: Vielleicht, weil er nicht wusste, welche Stimmlage er aus dieser Distanz anschlagen sollte; oder weil er sich verpflichtet gefühlt hätte, zu ihr zu gehen und ihr einen Kuss zu geben, wie er es tut, wenn er nach der Arbeit nach Hause kommt – aber hier in aller Öffentlichkeit? Vielleicht, weil er ihre Antwort fürchtete, ihre Stimme in jenem Augenblick nicht hören wollte? Vielleicht, weil er fühlte, dass er sie in diesem Moment – wenn sie eine fremde Frau gewesen wäre, als solche betrachtete er sie in jenen Sekunden im Supermarkt – lieber nicht kennen gelernt hätte? Vielleicht, weil er sie in Gedanken mit Franca verglich? Vielleicht, weil er Franca in dieser Situation sofort angesprochen hätte?

Wie passt das zusammen? Wie kann man so eifersüchtig sein, seine Frau ständig beobachten und verdächtigen und gleichzeitig eine andere Frau begehren?

Einige Wochen nach dem Treffen im Supermarkt erzählt Alex ihr davon. Elsa erinnert sich daran und jagt ihm damit einen gehörigen Schrecken ein. Sie hatte ihn vorher gesehen, dann den Blick auf das Förderband gesenkt und ihre Lebensmittel darauf gelegt.

Elsa hatte den Blick in jenem Moment von ihm abgewendet, in dem sie realisierte, dass er aufschauen und sie entdecken würde. Es ging um Sekundenbruchteile. Und sie wusste, dass er sie danach in dem Glauben gesehen hatte, dass sie ihn nicht bemerkt hatte.

Elsa ist eine gute Schauspielerin. Diesbezüglich hat sie Alex im Griff. Sie hielt den Blick gesenkt und wartete mit einer Mischung aus Vorfreude und Bangen auf seine Stimme. Doch sie kam nicht. Nie davor und nie danach war sie wütender auf ihren Mann als nach jenem Augenblick im Supermarkt.

Drei Aschenbecher auf dem grünen Filz, fünf Zigarettenpäckchen, zwei davon leer, zwei Streichholzschachteln und zwei Feuerzeuge, eine Flasche Mineralwasser, vier Gläser, die Spielkarten und vier Menschen, schweigend vertieft in Möglichkeiten, vertieft in Wahrscheinlichkeiten, über das eigene und das Blatt des Partners grübelnd, über die Trümpfe des Gegners spekulierend. Passatempo.

Die Bridge-Partien mit Franca sind für Paul spielerisch betrachtet langweilig: I wandered through my playing cards. Auf Pique-König hätte Franca nicht den Cœur-Verlierer, sondern den Trèfle-Verlierer abwerfen müssen, worauf Elsa den Gewinn bringenden Weg, Cœur hochzuspielen, wohl trotzdem nicht gefunden hätte.

Paul muss sich nicht konzentrieren, um zu gewinnen. Ihr ausführliches Frage- und Antwortspiel hat ihm schon zu viel verraten.

Francas und Elsas Gesichter hinter dem blauen Dunst. Die weit auseinanderstehenden blauen Augen Elsas, die Stupsnase, das rundliche Gesicht und die kurz geschnittenen blonden Haare, ihre Stirn in Falten, den Blick stur auf ihr Blatt gerichtet, manchmal seitlich auf den Aschenbecher, in dem ihre Zigarette steckt. Erst nachdem sie die Karte gespielt hat, streift ihr Blick Franca, immer zuerst Franca, dann Paul und Alex. Elsa hat ein Gesicht, das sein Geheimnis nicht schnell preisgibt.

Franca dagegen ist beim Bridge-Spiel wie ein offenes Blatt, beim Ordnen der Karten souverän und mit dem Bewusstsein, a priori den Kürzeren zu ziehen. Keine Spur von Siegeswillen. Aber entspannt, genießerisch auf ihrem Einmaleins-Niveau und doch in einer tadellosen Haltung von oben herab mit kerzengeradem Rücken.

Smoke gets in your eyes. Francas zusammengekniffene Augen. Der Rauch stört sie, und doch fühlt sie sich gut in solchen Momenten. Sie zögert: In der Rechten das Blatt, die Linke schwebt über den Karten, unschlüssig, welche sie ziehen soll. Die Kuppe des gestreckten Daumens berührt die Kuppe des gebogenen Zeigefingers. Die Zigarette zwischen den Lippen zeigt nach oben, dazu hat sie den Unterkiefer etwas vorgeschoben. Sie atmet hörbar durch den Mund, raucht auf Lunge, muss dann aber den Kopf in den Nacken werfen, muss ein Auge fast ganz schließen und auf der Stelle die Karte ziehen, nicht weil sie sich entschieden hätte, sondern um eine Träne zu vermeiden und mit der frei gewordenen linken Hand die Zigarette endlich aus dem Mund nehmen zu können.

Luca übt nicht mehr stehend am Kontrabass mit Blick auf den Rasen, sondern sieht Franca am Bridge-Tisch, Paul ihr gegenüber, Francas Karten offen auf dem Tisch. Diese und andere Szenen tauchen auf. Luca nutzt die verbleibenden Tage in Siena, um sich zu erinnern. Er versucht, die Distanz aufzuheben, die er gedanklich und räumlich über zwanzig Jahre lang aufrechterhalten hat. Während jener Zeit stand die Beziehung zwischen ihm und seinen Eltern still. Weil Luca aus der Sicht Pauls und Francas nach falschen Ideen gelebt, nicht die ideale Frau geheiratet und nicht den geeigneten Beruf ergriffen hatte, herrschte ein harmonisches, aber kühles Verhältnis. Meinungsverschiedenheiten aus der Kindheit und aus der Jugend – Streit über Manieren zum Beispiel – wurden nie ganz ausgeräumt. »Partielle seelische Erstarrung« nennt seine Kollegin im Orchester, die Cellistin Marina Cardona, Lucas Zustand.

Pauls Befund beendet Lucas jahrelange Ruhe. Luca stellt sich Einzelheiten vor. Er träumt. Er weiß, er kann seine Eltern alles fragen. Luca will Paul als Bridge-Spieler, als pflichtbewussten Bürger und als Mann begreifen. Er will seinem Vater, dem er früher so glich, näherkommen. Luca will sich bewusst machen, dass er noch Sohn ist. Vielleicht will er sich versöhnen. Luca kommt es so vor, als erwachte er aus einer über zwanzig Jahre währenden Lähmung, so als hätte er in einer unsichtbaren Eisernen Lunge gelebt.

Frühreife Kinder werden manchmal nicht erwachsen. Luca trug als Erster in seiner Klasse einen Bart und bildete sich ein, in Gesprächen mit Erwachsenen selten den Kürzeren zu ziehen.

Luca ist in Gedanken bei den Eltern in Sins. Er kennt große Teile der ersten fünf Jahre des Tagebuchs, das Paul seit seiner Pensionierung schreibt. Jeden Abend zieht sich Luca zurück, liest Pauls Eintragungen und schlüpft in seine Haut.

Auch bei bewölktem Himmel über Sins dringt Mondschein durch das Fenster ins Arvenzimmer. Franca schläft. Kristallklar und kalt ist es draußen. Angenehm der Kontrast, die Wärme im Zimmer. Keine Wolke am Himmel, und doch bilden sich winzige Flocken in der eisigen Luft vor dem Fenster. Es ist still im Haus. Unter der Silhouette der Berggipfel glänzen die Schneehänge weiß.

Wie die Lösung eines mathematischen Problems beantwortet der Befund eine jahrelang offene Frage und wirft gleichzeitig neue Fragen auf.

Paul weiß, wie es mit ihm weitergeht.

Eine Operation kommt nicht in Frage. Ohne Eingriff gibt ihm die Ärztin zwischen drei und sieben Monaten bis zu den ersten ernsten Komplikationen.

Die Weichen hat er schon gestellt. Jetzt gilt es, die Planung in die Realität umzusetzen. Doch unerwartete Probleme kommen auf Paul zu.

Nachdem er den Befund und seine Ansichten über Alter, Tod und Kliniken seinen Söhnen mitgeteilt hat, stellen sie Fragen nach dem Geheimnis einer langen Ehe; den schönsten Momenten in seinem Leben oder nach dem Rezept für die Engadiner Nusstorte, die ursprünglich aus der Westschweiz oder gar aus Frankreich stammt, denn Walnussbäume gibt es im Engadin nicht.

Wie den Söhnen einen Jahrzehnte währenden Prozess und die Eigentümlichkeiten einer inzwischen sechsundvierzigjährigen Ehe erklären? Elsas Kirschkern war nicht der Anfang dieser Entwicklung. Es gab die Einsicht, dass irgendwann die lebenden Verwandten, Freunde und Bekannten in der Minderzahl sind.

Paul erinnert sich an den Moment, als er wahrnahm, dass dieses Verhältnis plötzlich gekippt war. Eine neue, unangenehme Mehrheit hatte sich eingestellt, eine schweigsame Koalition der Erinnerungen. Kein Echo mehr. Gespräche waren Einbahnstraßen. Monologe.

Nach dem Befund wächst das Nachdenken über die tote Mehrheit exponentiell.

Paul hat nur wenig von seinen Eltern erfahren.

Er sieht seine Mutter am Küchentisch vor sich. Was gäbe er darum, sich diese Szene jetzt nicht nur auszudenken, sondern sie wirklich zu erleben! Was würde geschehen? Vielleicht – nein –, wahrscheinlich würden sie sich anschweigen, wortlos wegen der letzten neunundvierzig Jahre, die sie nicht kennt.

Als Políns Mutter ahnte, dass es das letzte Treffen sein könnte, machte sie sich frisch. Sie war fast blind, strahlte aber wie ein junges Mädchen trotz der Schmerzen. Ihr Gesicht verriet Freude und Erleichterung, so wie Francas Gesicht nach der Geburt von Reto und von Luca. Solch ein Gesicht hat Paul in seinem Leben nur drei Mal gesehen.

Políns Mutter glaubte, er sei wieder ihr kleines Kind, ihr jüngster Sohn, und fragte, ob er seine Hausaufgaben gemacht habe. Die Frage war ein Volltreffer. Polín, Bridge-Spieler und Studienabbrecher, errötete, obwohl sie ihn nicht sehen konnte.

Paul, der zwei ältere Brüder hat, glaubt, dass Frauen Söhne haben wollen, damit ihre Liebe auf der Welt bestehen bleibt; damit die Wesen, die für sie Liebe bedeuten, weiterleben und sich eines Tages andere Frauen in sie verlieben, auch wenn es dann in Francas Augen nicht immer die richtigen sind. Und doch lebt das weiter, was Franca liebt. Mit Reto und Luca.

Vielleicht hätte eine Tochter Paul verändert, so wie ihn jetzt schon seine Enkelin Nora zu verändern beginnt. Polín habe ein neues Leuchten in den Augen, sagen manche, seitdem Nora auf der Welt ist. Vielleicht wäre er mit einer Tochter zugänglicher für Gefühle gewesen. Vielleicht könnte er dann so leicht loslassen wie Franca.

Genug für andere gelebt, leben wir wenigstens dieses letzte Stück Leben für uns selbst … packen wir unsere Sachen; nehmen wir rechtzeitig Abschied von der Gesellschaft; machen wir uns los von diesen aufdringlichen Banden, die uns an anderes fesseln und uns von uns selbst entfremden.

Montaigne

Paul zitiert in seinen Tagebüchern Passagen von Améry, Cioran, Montaigne, Werfel oder von Naturwissenschaftlern der Gegenwart. Pauls Texte enthalten Etymologisierungen, so als wollte er sich vor dem Tod seiner Worte und seiner Herkunft vergewissern. Manchmal analysiert Paul einzelne Begriffe.

Lebenssatt.

Einige Jahre vor der Pensionierung hört Paul zum ersten Mal dieses Wort. Aus Francas Mund. Lebenssatt.

Er hält es zunächst für eine ihrer Launen. Aber sie wiederholt es: lebenssatt. Eine späte Variante der Eisernen Lunge. Kinder längst aus dem Haus. Erste Gebrechen, die Hüfte, Gallensteine. Mehr Falten. Alles erledigt. Alles Sehenswerte gesehen. Alles gelebt. Aufgaben erfüllt. Vieles nur noch Routine. Auch die kleinen Freuden – nur Wiederholungen. Neugier abhandengekommen.

Zunächst gibt Paul Kontra. Er, der Mathematiker, der immer behauptet hatte, auch in einer Eisernen Lunge oder vom Halswirbel abwärts querschnittsgelähmt weitervegetieren zu wollen, nur um denken zu können. Solange das Gehirn funktioniert, hätte es keinen Grund für Paul gegeben, aufzuhören. Er gibt Kontra – und wie! Es ist ein Zeitvertreib. Grundlage für unzählige Gespräche.

Kleine Ziele soll man sich setzen. Immer wieder kleine Ziele, sagt Paul. Hausarbeit sei dafür nicht geeignet, erwidert Franca.

Die Diskussionen sind zu Beginn Teil der neuen kleinen Freuden selbst. Doch Franca fängt immer wieder davon an: lebenssatt.

Sie hat viele Argumente, und mit der Zeit höhlt sie seinen harten Bündner Schädel, sodass er Jahre später zwischen Todesangst und Todessehnsucht zu schwanken beginnt.

»Dass jeder Suizid im Grunde eine Verzweiflungstat ist und dass sich derjenige, der sie begeht, eigentlich eine andere Lösung seiner Probleme gewünscht hätte«, liest er ihr aus der Zeitung vor und fährt fort: »Das bestätigen auch Untersuchungen von Experten. Den sogenannten Bilanz-Suizid, den angeblich jemand begeht, weil er einfach zufrieden ist mit dem, was er bis dahin erlebt hat, und weil er nicht nach mehr verlangt, gibt es so gut wie gar nicht …«

»Da hast du es«, widerspricht Franca. »›… so gut wie‹. Das gilt nicht für uns, Paul. Das gilt für junge und verzweifelte Menschen. Wir gehören zu einer anderen Gruppe, die Ärzte, Seelsorger, Politiker und sonstige Heuchler nicht wahrhaben wollen.«

Als sie ihm in derselben Zeitung das kaum wiedererkennbare Gesicht eines bekannten Schauspielers unterhalb der Überschrift »Alt werden braucht Mut« zeigt, diskutierten sie noch lange weiter über Feigheit, Freiheit und Freitod und über bestehende Möglichkeiten, das Provisorium selbst zu beenden.

Das ist einer jener Tage, an denen er Franca recht gibt, wenn sie sagt, dass sie keine Probleme haben, dass sie zufrieden sind, nur eben lebenssatt.

Luca könnte sich damit zufriedengeben. Eiserne Lunge. Lebenssatt. Infantilisierung vor dem Tod. Stichworte auf dem Weg zu einer ungewöhnlichen Alternative, für die sich seine Eltern entschieden haben – Stichworte auf dem Weg zum assistierten Freitod. Doch Luca weiß nicht: Würde er bald ein trauernder und verlassener Sohn sein oder ein Mann, der das selbstbestimmte Sterben seiner Eltern verteidigt, ihr Leben idealisiert und sein eigenes Ende nach deren Vorbild plant?

Lucas Leben splittert in diesen Tagen.

Chris am Telefon.

»Francas Angst vor dem Altern ist krankhaft. Das Problem einer besonders schönen Frau. Und ihre Angst ganz allgemein! Wenn ich daran denke, wie sie eure Nora behandelt. Hygiene-Hysterie! Und noch etwas, Luca: Man kann sich den Tod doch nicht bestellen wie eine Pizza beim Heimservice. Man darf nicht selbst seinen Zeitpunkt bestimmen. Und schon gar nicht die Art, die Zutaten! Oder kann man sich demnächst ein bestimmtes Aroma wünschen, das die ›Medizin‹ haben soll?«

Luca im Kino.

»Das Leben ist eine Nuss«, sagt eine Mutter ihrer Tochter, die noch ein Teenie ist. Die beiden sprechen nie wieder darüber, trotzdem denkt die Tochter manchmal daran. Jahre später, die Mutter liegt auf dem Sterbebett, fragt die Tochter: »Was hast du damals gemeint mit dem Leben und der Nuss?«

»Keine Ahnung«, erwidert die Mutter.

Luca siebenjährig in Sins. Er rennt um den großen Dorfbrunnen herum, auf dessen Graniträndern er in der Mittagshitze mit einer Lupe manchmal Ameisen verbrennt. Nach einer langen Wanderung misst er seine Sprünge und seine Geschwindigkeit an den Bewegungen seines Schattens, was er eigentlich nicht mehr tun wollte, weil sich seine Eltern einige Wochen zuvor bei einem Schulsporttag lustig über Luca gemacht hatten. Franca hatte gesagt, Luca solle beim Wettlauf nicht seinen Schatten, seine wehenden Haare bewundern, sondern schneller rennen. Luca springt um den Brunnen, und mit der Sonne im Rücken sieht er seinen langen Abendschatten auf der salaschada, dem Natursteinpflaster. Er hat ein großes Bonbon im Mund, das er zur Belohnung am Ende der Wanderung bekommen hat, das ihm aber beim Hüpfen im Hals stecken bleibt, als er sich an die Bemerkung der Eltern am Schulsporttag erinnert. Luca würgt und bekommt keine Luft. Er krümmt sich und röchelt, alle klopfen ihm auf den Rücken, doch das Bonbon bleibt stecken. Die Eltern tragen Luca wie ein Brett, Paul vorne, Franca hinten, Lucas Gesicht nach unten, im Laufschritt nach Hause. Erstaunt stellt Luca trotz der Angst und der Schmerzen fest, dass er nie zugleich in Bewegung und seinem Schatten so nah war. In der Küche trinkt Luca heißen Tee, bis der Kloß im Hals qualvoll langsam schmilzt. Seither kann Luca auch nicht die kleinsten Tabletten schlucken. Erst Jahre später als Erwachsener in Italien lernt er es.

Chris, die ihm ein Gedicht von Klabund – es sei wie für Paul geschrieben – schickt:

Der Tod im Bridge

Es spielen dreie mit verdeckten Karten.

Ein dummer Vierter findet sich zumeist,

Der ihre Heuchelei als Tugend preist

Und den sie mit erhab’nen Reden narrten.

Dieweil er sinnend in den Höhen reist,

Und seine Sinne der Erfüllung harrten,

Lächeln die andern höhnisch, und sie karrten

auf sein Veilchenbeet, das Wehmut heißt.

Er nennt die Wahrheit Spiegel, Spiel und Pflicht.

Und offen will er seine Pfeile senden.

Sein Gegenspieler ist auf Mord erpicht.

Umsonst: er kann das Schicksal nicht mehr wenden.

Den andren demaskiert das Morgenlicht

Und dreizehn Trümpfe hält er schwarz in Händen.

Paul, der seinem Sohn neue Auszüge aus seinem Tagebuch und Briefe schickt.

Lieber Luca,

die ROWS erweist sich als kompetent und routiniert, wenngleich sie es nur sehr selten mit Ehepaaren zu tun hat. Gegründet wurde sie 1985 in den USA. Dort hat man sich nach dem Film »Right of Way« (Wegerecht) benannt, worin ein altes Ehepaar, das gemeinsam sterben will, sich vor Gericht für diesen Wunsch rechtfertigen muss.

Diese internationale Organisation wird sich hoffentlich in einigen Jahren erübrigen. Solange jedoch Kirchenvertreter, Politiker und Ärzte dieses Recht verweigern und die ROWS angreifen, werden sich weiterhin Menschen von Hochhäusern und Brücken stürzen, vor die U-Bahn werfen, die Pulsadern aufschneiden oder erschießen. Das ist nicht nur für die Selbstmörder furchtbar, sondern auch für die Angehörigen und manchmal für Fremde, für Unbeteiligte, weil zum Beispiel ein Lebensmüder auf der Autobahn wendet und so lange gegen den Verkehr rast, bis es kracht. Das geschieht häufiger, als man denkt. Noch schlimmer:

Ein Lebensmüder parkt sein Auto auf den Gleisen, wartet auf den Zug, verliert im letzten Augenblick den Mut und läuft davon. Der Zug rast in das leere Auto und entgleist. Ergebnis: Tote und Verletzte.

Die ROWS ermöglicht einen gewaltfreien Tod nach Absprache, der keine Spaziergänger im Wald, keine U-Bahn-Fahrer, keine Lokführer traumatisiert oder tötet. Es muss eine Selbstverständlichkeit werden, dass man über den bevorstehenden Freitod, wenn er denn wirklich gewollt und begründet ist, reden darf.

Das Drama im stillen Kämmerlein, die heimlich anwachsende Depression, die nur noch in einer letzten Verzweiflungstat ihr Ventil findet, muss durch Aufrichtigkeit und medizinisch durch eine Weiterentwicklung des antiken Giftbechers ersetzt werden. Sokrates’ Tod ist ja kein Märchen.

Die ROWS ermöglicht dies. Öffentliche Debatten, prominente Befürworter und Mitglieder (auch solche, die die Dienste der ROWS bereits in Anspruch genommen haben) konnten aber der Organisation nicht zu der Anerkennung verhelfen, die sie verdient.

In der Bevölkerung nimmt die Akzeptanz dank der Medienberichterstattung über den lebensverlängernden Irrsinn, der immer öfter in den Kliniken praktiziert wird, langsam zu. Denk nur an die Pfleger und Ärzte, die zu Serienmördern werden und in ihrer Verzweiflung ihre Patienten töten – ob aus Stress, aus Mitleid oder weil sie die ständige Vorwegnahme des Bildes ihres eigenen Todes nicht mehr aushalten. Oder denk an die mögliche Sanierung des Gesundheitswesens dadurch, dass bei final erkrankten Patienten die Apparate einige Tage vor dem Tod abgestellt werden. Klingt grotesk und darf nie geschehen, aber die Zahlenspiele hierzu gibt es. Die meisten Politiker scheinen sich vor der ROWS mindestens ebenso sehr zu fürchten wie vor dem Tod selbst. Hier könnte ein Umdenken stattfinden. Und die Zeit drängt angesichts der Überalterung der Gesellschaft. Doch was kümmert’s mich? Après moi le déluge!

Aber was sage ich. Entschuldige, Luca. Nach mir seid ihr dran und danach Nora und hoffentlich noch einige Urenkel von mir. Ich wünsche euch, dass dereinst euer Sterben gelingt.

Herzlich, Paul

Chris am Telefon.

»Nach dem Befund habe ich Franca und Paul einen kleinen Liguster für den Garten geschenkt. Paul ärgerte sich über eine Lücke, weil die Nachbarn hindurchblicken konnten. Liguster wachsen in den ersten Jahren sehr langsam. Todgeweihten schenkt man keinen Liguster. Das ist meine Art, ihnen zu sagen, dass ich mit ihren Plänen und der ROWS nicht einverstanden bin.

Luca, ich kann nicht gegen deinen Willen in dieser Situation Unfrieden stiften. Ich habe ihnen gestern nur von meinem Großvater erzählt. Was er mir beigebracht hat, was er mir heute noch bedeutet. Wenn er so gehandelt hätte wie Paul und Franca jetzt, würde mir heute sehr viel fehlen: Lebensweisheit. Erinnerungen.

Manchmal streite ich mich mit Reto darüber, was mutig und was feige ist. Wozu braucht es mehr Mut? Alt werden und bis zuletzt kämpfen oder frühzeitig Schluss machen?«

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