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Der Klang des Sommers

Eine hinreißende Geschichte über das Wiedersehen zweier
Kindheitsfreunde, einer unerwiderten Liebe und das Besiegen von Ängsten: Der ergreifende Abschluss von Christie Ridgways "Strandhaus
Nr. 9"-Trilogie!

In ihren Briefen sind sie sich ganz nah. Selbst an den entlegensten Plätzen der Welt war der Fotograf Gage Lowell in Gedanken bei seiner Brieffreundin Skye. Ihre aufrichtigen Zeilen haben ihn berührt, als er sonst nichts mehr spürte. Doch bei seiner Rückkehr an den Ort der gemeinsamen Kindheitssommer ist die lebenslustige Skye wie verwandelt. Nervös weicht sie zurück, sobald Gage ihre Nähe sucht. Was ist mit ihr passiert? Während Gage gegen dunkle Erinnerungen kämpft, entlockt er Skye nach und nach ein traumatisches Geheimnis. Ist das tiefe Gefühl der Verbundenheit, das die Briefe in Gage geweckt haben, etwa für immer verloren?


  • Erscheinungstag: 01.06.2015
  • Aus der Serie: Strandhaus
  • Bandnummer: 4
  • Seitenanzahl: 300
  • ISBN/Artikelnummer: 9783956494192
  • E-Book Format: ePub
  • E-Book sofort lieferbar

Leseprobe

Christie Ridgway

Der Klang des Sommers

Roman

Aus dem Amerikanischen von
Sonja Sajlo-Lucich

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MIRA® TASCHENBUCH

MIRA® TASCHENBÜCHER

erscheinen in der HarperCollins Germany GmbH,

Valentinskamp 24, 20354 Hamburg

Geschäftsführer: Thomas Beckmann

Copyright dieses eBooks © 2015 by MIRA Taschenbuch

in der HarperCollins Germany GmbH

Titel der nordamerikanischen Originalausgabe:

The Love Shack

Copyright © 2013 by Christie Ridgway

erschienen bei: HQN Books, Toronto

Published by arrangement with

Harlequin Enterprises II B.V./S.àr.l

Konzeption/Reihengestaltung: fredebold&partner gmbh, Köln

Covergestaltung: pecher und soiron, Köln

Redaktion: Mareike Müller

Titelabbildung: Thinkstock/Getty Images, München

Autorenfoto: © Harlequin Enterprises S.A., Schweiz; Damon Kappell/Studio 16

ISBN eBook 978-3-95649-419-2

www.mira-taschenbuch.de

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eBook-Herstellung und Auslieferung:

readbox publishing, Dortmund

www.readbox.net

1. KAPITEL

Die letzten zehn Jahre hatte Gage Lowell für die Gefahr gelebt. Er brauchte sie wie andere Leute ihr Koffein. Gefahr war sein Muntermacher am Morgen, sie war das Aufputschmittel, das ihm über das Nachmittagstief hinweghalf, und sein Dessert nach dem Abendessen. Und eben deshalb ergab es überhaupt keinen Sinn, dass sich sein Magen vor Aufregung zusammenzog, während Crescent Cove, diese friedliche wunderschöne Bucht, in Sicht kam.

Es war ja nicht so, als näherte er sich der Durand-Linie, der Demarkationslinie zwischen Afghanistan und Pakistan, wo er sich Gefahren ausgesetzt gesehen hatte, die von Talibanbeschuss bis zu angreifenden wilden Bullen reichten. Wenigstens waren die Einheimischen dort weniger misstrauisch gewesen als die syrischen Rebellen, die er im Frühjahr zuvor fotografiert hatte. Und obwohl das Haus, das er hier angemietet hatte, direkt am Strand und nur wenige Meter vom Pazifischen Ozean entfernt lag, bezweifelte er stark, dass ihm in diesem Urlaub das Gleiche passieren würde wie in seinem letzten vor ein paar Jahren – damals war er um sein Leben gerannt.

Schön, ein Tsunami war ohne Vorwarnung aus der See herangedonnert.

Gage konnte sich aber nicht vorstellen, dass dieser Aufenthalt eine solche Überraschung für ihn bereithielt.

Dennoch summte erregende Unruhe in seinen Adern. „Lass mich hier aussteigen“, sagte er zu seinem Zwillingsbruder, während der auf die schmale Straße einbog, die vom Highway entlang der Küste abging. Sie waren direkt vom Flughafen hierhergekommen. „Ich laufe zum Verwalterbüro und hole die Schlüssel. Fahr du mit meinem Gepäck zu Nr. 9 durch. Wir treffen uns dort.“

Griffin runzelte die Stirn. „Was denn? Sehe ich aus wie dein persönlicher Leibdiener?“

Es war die gutmütige Frotzelei zwischen Geschwistern, dennoch lag etwas in der Miene seines Bruders, das ihn stutzig machte. „Willst du mir irgendwas sagen?“, fragte Gage.

Sein Zwillingsbruder trat auf die Bremse, antwortete allerdings nicht. Vor ihnen lag die erste der ungefähr fünfzig völlig unterschiedlichen Strandhütten. In dieser Siedlung hatte die Lowell-Familie die Sommer verbracht, bis er fünfzehn war. Der Stil der Holzhütten war ausgefallen, jede anders, alle schon ein wenig älter, aber auf jeden Fall farbenfroh. Sie lugten zwischen der üppigen Vegetation hervor – Palmen, Hibiskusbüsche und andere blühende exotische Stauden. Die wiederum waren in der Ära des Stummfilms hier gepflanzt worden, als die Bucht mit dem zwei Meilen langen Sandstrand als Filmkulisse gedient hatte, um die unterschiedlichsten Orte darzustellen: die unbewohnte Insel, den Dschungel, in dem Kannibalen hausten, das alte Ägypten.

Für ihn und Griffin war es das Paradies auf Erden gewesen, genau wie für den Rest der Kindermeute, die hier jedes Jahr von Juni bis September frei und ausgelassen herumgetollt war.

Gage ließ das Seitenfenster herunter und atmete tief die salzhaltige, sonnenwarme Luft ein. Die seltsame innere Unruhe verdrängte er. Ihm blieben ein paar Wochen, um auszuschlafen und seinen Akku wieder aufzuladen, bevor er seinen nächsten Auftrag in Übersee antrat, und diese Zeit würde er nutzen. Zum Ausruhen gab es keinen besseren Ort auf der Welt als Crescent Cove. „Die alte Magie liegt noch immer über diesem Ort, nicht wahr?“, flüsterte er und fasste nach dem Türgriff.

„Warte!“ Griffin hielt ihn zurück. „Vielleicht sollten wir die Schlüssel gemeinsam abholen.“

Oho. Die Unruhe meldete sich wieder. „Was genau ist eigentlich los?“

„Hör zu, wegen Skye …“

„Stopp! Keinen Ton mehr!“ Es reichte ihm schon jetzt. Griffin war nur ganze elf Minuten älter als er, tat aber so, als wäre er wesentlich weiser und erfahrener. „Ich kenne Skye genauso gut wie du. Nein, besser als du.“

„Du hast sie nicht mehr gesehen, seit wir Kinder waren. Du könntest … nun, ich weiß nicht … Ihr Aussehen überrascht dich vielleicht.“

„Mir ist völlig gleich, wie sie aussieht“, erwiderte Gage. Ihm war klar, dass er sich womöglich verärgert anhörte. Glaubte sein Bruder wirklich, er wäre so oberflächlich, wenn es um das andere Geschlecht ging? Zugegeben, in gewisser Hinsicht mochte das stimmen, sobald es sich dabei um eine bestimmte Art von weiblicher Begleitung handelte, doch in diesem Falle traf das ja nicht zu.

„Ihr Äußeres interessiert mich nicht.“ Er drückte die Beifahrertür mit der Schulter auf. „Für mich ist sie keine Frau.“

Durchaus möglich, dass sein Zwilling „Oh, verflucht!“, gemurmelt hatte, aber Gage lief bereits auf den Pfad zu, der ihn direkt zu Skye Alexander führen würde.

Er wusste, wo das Büro der Verwaltung lag, und er kannte auch alle anderen wichtigen Orientierungspunkte in der Bucht von den abenteuerlichen Expeditionen in seiner Kindheit. Damals war Skyes Vater hier der Verantwortliche gewesen, immer in Kakihose, verwaschenem Jeanshemd und mit Strohhut, seinem Markenzeichen. Skye und ihre Schwester hatte man früher oft in seinem Büro finden können, wo sie mit Papierfiguren oder ihrer Muschelsammlung spielten … was Mrs Alexander genügend Zeit einräumte, sich ihrem geliebten Hobby mit Staffelei und Pinsel zu widmen.

Inzwischen hatte Skye den Job ihres Dads übernommen. Gage wusste das aus der regelmäßigen Korrespondenz, die sie beide jetzt seit fast einem Jahr führten. Als er vor Monaten begonnen hatte, seinen Urlaub zu planen, hatte er an sie, die Bucht und an die idyllischen Sommer seiner Kindheit denken müssen und seine Entscheidung spontan gefällt. Als er dann eine dieser Hütten mietete, benutzte er einen falschen Namen – er wollte seine Brieffreundin überraschen.

Nun konnte er es kaum abwarten, ihre Reaktion mitzuerleben, wenn er unerwartet vor ihr stand.

Seine Handflächen juckten, und für einen Moment bedauerte er es, dass seine Kameraausrüstung gut verpackt im Kofferraum lag. Seine Hände schienen ihm leer, wenn er keine Kamera hielt, obwohl … In letzter Zeit hatte er selten das Bedürfnis verspürt zu fotografieren, was ihn ein wenig beunruhigte.

Wenn er ehrlich war, es beunruhigte ihn sogar sehr.

Vielleicht war der Aufenthalt in Strandhaus Nr. 9 auch dafür ein Heilmittel.

Vor ihm befand sich die aus Brettern gezimmerte Hütte, in der das winzige, aus einem einzelnen Raum bestehende Büro untergebracht war. Gage ging langsamer, ließ sich Zeit, um das Bild in sich aufzunehmen: der kleine Vorgarten, eingezäunt mit einem weiß gestrichenen Staketenzaun, die üppig blühende Bougainvillea in Weiß und den unterschiedlichsten Rottönen. Die Eingangstür war offen, im Innern war eine Frauenstimme zu hören, doch die kühle Brise wehte die Töne davon, bevor er auch nur ein Wort ausmachen konnte.

Er stieg über das niedrige Tor, statt es zu öffnen. Quietschende Angeln hätten ihn nur verraten. Dann schlenderte er den schmalen Weg entlang und blieb auf der Schwelle stehen. Die Vormittagssonne strahlte hell und gleißend, im Vergleich dazu war es im Büro stockfinster. Er sah in das dämmrige Innere.

Eine Frau stand halb mit dem Rücken zu ihm und sprach in ein Telefon: „Ja, natürlich. Ich kann Ihnen die eingescannte Kopie von Ediths Brief an Max mailen. Richtig, das sind meine Urgroßeltern. Ja, gut.“ Sie schwieg und hörte eine Weile dem Teilnehmer am anderen Ende zu.

Gage konnte sich beim besten Willen keinen Grund für Griffins Warnung denken. Sicher, seine Erinnerung an Skye war die an ein ungefähr elfjähriges Mädchen, aber diese erwachsene Version widersprach keineswegs dem Bild, das er sich von ihr ausgemalt hatte. Die Frau vor ihm hatte langes kaffeebraunes Haar, wie sie es als kleines Mädchen schon gehabt hatte. Sie war durchschnittlich groß, würde er sagen, und schlank, obwohl sie weite Jeans und ein langärmeliges Sweatshirt trug, das von ihrem Vater stammen könnte.

Das Telefonat näherte sich dem Ende, und erneut stieg in Gage diese aufregende Erwartung auf. An Skyes Augenfarbe konnte er sich nicht erinnern, er hätte auch ihre Nase nicht beschreiben können, doch nun würde sie sich jeden Moment umdrehen, dann hätte er endlich ein Gesicht, das er mit den Briefen in Verbindung bringen konnte, die besonders während der zwei Wochen Hölle mitten im Nichts überlebenswichtig für ihn waren.

„Es freut mich ungemein, dass Sie demnächst einen Artikel über die Bucht in Ihrer Zeitschrift veröffentlichen wollen. Vielen Dank. Falls Sie irgendwelche Fragen haben, können Sie mich jederzeit anrufen. Auf Wiederhören, Ali.“ Sie legte auf, allerdings wandte sie sich nicht zur Tür um.

Unwillkürlich musste Gage lächeln. Weder rührte er sich noch sagte er etwas, um sich bemerkbar zu machen, er verharrte einfach regungslos und ließ die Ozeanbrise mit seinen Hemdschößen spielen. Es mochte albern sein, doch er hatte das Gefühl, als stünde er an der Schwelle zu etwas Neuem, und für einen Moment fragte er sich tatsächlich, ob er einen Blumenstrauß hätte besorgen sollen.

Er verdrängte den seltsamen Gedanken und hob einen Fuß, um Skyes Territorium zu betreten. Die Bewegung musste sie alarmiert und ihr verraten haben, dass jemand anwesend war. Sie drehte sich abrupt zu ihm um …

… und begann gellend zu schreien.

15. September

Lieber Gage,

Grüße von einer Kindheitsfreundin. Das kleine Lebenszeichen von Dir an Deinen Bruder ist bei mir in der Verwaltung von Crescent Cove angekommen. Eigentlich hättest Du doch wissen müssen, dass Griffin erst im April hier in Strandhaus Nr. 9 erwartet wird. Das Foto auf der Postkarte hat mir sehr gut gefallen – ist das eins von Deinen? Über die Jahre ist mir immer wieder Dein Name unter den Fotos in Zeitschriften und Zeitungen aufgefallen. Ich erinnere mich noch gut an die Kamera, die Du jeden Sommer in den Ferien um den Hals getragen hast, als wäre sie so etwas wie Dein zweites Herz.

Ich hoffe, es geht Dir gut.

Skye Alexander

Skye,

danke für die Info zu Griffin. Ich sehe Dich noch immer vor mir, wie Du früher in Crescent Cove am Schreibtisch im Büro Deines Vaters Teeparty gespielt hast. Unsere Sommer waren großartig, nicht wahr? Wenn es hier brütend heiß ist, bin ich in Gedanken in der Bucht und stelle mir vor, wie ich im nassen Sand liege und den kühlen Pazifik über meine Haut schwappen lasse. Und wenn es eisig kalt ist, sehe ich unseren Stamm der Cove-Kids am Strand in der sengenden Mittagssonne Fußball spielen. Quietschst Du noch immer so schrill auf, sobald Du eine Strandkrabbe erblickst?

Gage

Polly Weber, Skyes Freundin und Nachbarin, lehnte sich zu ihr herüber und flüsterte ihr zu: „Du hast mit keinem Sterbenswörtchen angedeutet, wie fantastisch Gage Lowell aussieht.“

„Du bist doch mit Griffin befreundet. Da sie Zwillinge sind, dürfte das also keine große Überraschung sein.“ Skye vermied es, den Mann anzuschauen, der am Kopfende des Tisches saß. Sie waren im Captain Crow’s, dem Restaurant am Nordende der Bucht, auf der Terrasse zu einem Begrüßungsdinner für Gage zusammengekommen. Außer ihr, Polly und Gage waren noch fünf weitere Personen anwesend: Griffin und seine Verlobte, dann Tess, die Schwester der Zwillingsbrüder, mit ihrem Mann und ein älterer Herr, ein langjähriger Freund der Familie. Sie alle hatten sich um den Ehrengast versammelt.

Skye hatte bewusst den Stuhl gewählt, der am weitesten von Gage entfernt stand. Sie hoffte, der Abstand würde helfen, ihren Puls zu beruhigen. Der schlug wie wild, seit sie sich am Morgen im Büro umgedreht und die dunkle Gestalt im Türrahmen gesehen hatte.

Gerade jetzt erzählte Gage diese Geschichte mit erhobener Stimme, damit auch Rex Monroe, der fast Neunzigjährige, der seinen ständigen Wohnsitz in einer der Hütten in der Bucht hatte und zudem fast taub war, ihn hören konnte.

„Es klingelt noch immer in meinen Ohren, so laut hat sie geschrien“, sagte Gage. „Eigentlich hatte ich ja nur vor, sie zu überraschen, ich wollte nicht, dass sie einen Herzinfarkt bekommt.“

„Sie ist schon seit Monaten so gereizt“, meinte Rex kopfschüttelnd. „Nervös wie ein Kaninchen. Seit März.“

„Tatsächlich?“

Gage horchte auf, und Skye fühlte seinen Blick, mit dem er sie über die Gläser und Gedecke hinweg neugierig musterte. Sie heuchelte Interesse für ihren Weißwein und starrte in das Glas, während sie verzweifelt versuchte, die Hitze zu ignorieren, die an ihrem Nacken emporkroch. Nur gut, dass sie einen Rollkragenpullover zu der schlichten schwarzen Hose trug.

„Seit dem Frühjahr also, sagen Sie?“, wandte Gage sich wieder an Rex.

Bevor der alte Mann noch mehr preisgeben konnte, tischte Skye ihm hastig einen logischen Grund auf. „Es ist die Flaute, wenn die Saison zu Ende ist, die mir zusetzt. Und nicht zu vergessen die kleine Anzahl an Dauergästen.“ Sollte es ihr nicht gelingen, diese nagende Unruhe unter Kontrolle zu bringen, müsste sie sich wahrscheinlich ernsthafte Gedanken machen, ob sie den Übergang von der hektischen Aktivität des Sommers zur herbstlichen Ruhe dieses Jahr überleben würde. „Mehr nicht.“

Sie hob den Kopf, um festzustellen, wie Gage diese Erklärung aufnahm.

Fehler. Ihre Blicke trafen sich. Seine türkisblauen Augen schienen direkt den nächsten Stromstoß in ihr Herz zu senden, prompt hämmerte es wieder wild und unregelmäßig gegen ihre Rippen.

„Fenton Hardy“, hörte sie sich selbst sagen. Ihr Mund war so staubtrocken, dass ihre Zunge ein Geräusch machte, als sie sich vom Gaumen löste.

„Ja … was genau sollte das eigentlich?“, wollte Jane Pearson, Griffins Verlobte, jetzt wissen. „Als Skye mir erzählte, dass das der nächste Mieter für Nr. 9 sei, musste ich natürlich sofort an die Jugendbuchserie denken. Deinem Bruder war sofort klar, dass du es bist.“

Skye riss den Blick von Gage und schaute Griffin durchdringend an. „Du wusstest es also?“

Griffin zuckte mit den Schultern. „Das war unser Deckname, als wir noch Kinder waren. Fenton Hardy ist der Vater der beiden Jungen in den Hardy-Boys-Jugendkrimis. Ich dachte mir, dass Gage wohl einen Grund haben muss, wenn er sich so geheimnisvoll gibt.“

„Hatte ich dir doch gesagt … ich wollte Skye überraschen. Ich wollte euch alle überraschen, um genau zu sein. Nur war mir nicht klar, dass Skye mit dir über ihre nächsten Mieter spricht.“

„Das war Zufall“, meinte Jane. „Es kam heraus, während wir die Details für die Hochzeit durchgingen.“ Glücklich lächelnd sah sie zu Griffin, danach grinste sie Gage an. „Das passt ja wirklich bestens, dass du es bist, den wir belästigen, wenn wir uns am Ende des Monats das Jawort auf der Terrasse von Nr. 9 geben.“

Gage schüttelte den Kopf. „Ich kenne dich ja erst seit ein paar Stunden, Jane, aber selbst ein Blinder kann erkennen, dass du etwas Besseres kriegen kannst als den guten alten Griff. Ich könnte da zum Beispiel mich vorschlagen …“

„Ich halte mich lieber an den Zwilling, der mit seinen Globetrottertagen abgeschlossen hat“, erwiderte Jane nachdrücklich.

„Gage würde einen unmöglichen Ehemann abgeben“, erklang eine andere Stimme – Tess Quincy, die ältere Schwester der Zwillingsbrüder. „Er ist rastlos und egoistisch … und vermutlich wäscht er weder sich noch seine Kleidung oft genug.“

„Na, herzlichen Dank, Schwesterherz.“ Gage hob einen Arm, um an seinem Hemdsärmel zu riechen. „Ich hab dich auch lieb.“

„Ich meine ja nur.“ Die Augen seiner Schwester glänzten mit einem Mal verräterisch. „Stell dir doch nur vor, irgendeine arme Frau verliebt sich in dich, und dann verschwindest du wieder einmal für zwei Wochen, als wärst du wie vom Erdboden verschluckt.“

Schweigen lastete plötzlich über der Gruppe, denn Gage war tatsächlich für diesen Zeitraum verschwunden gewesen, bevor er vor ein paar Tagen aus der Versenkung aufgetaucht war. Freunde und Familie hatten sich ernste Sorgen um ihn gemacht.

„Du weißt doch, dass dort, wo ich bin, es einfach unmöglich ist, sich regelmäßig zu melden, Tessie“, entgegnete er. Seine Stimme hörte sich angespannt an.

„Griffin hat sich um dich gesorgt, weil sein Zwillingssinn angeschlagen hat.“

„Griff sieht immer gleich so schwarz.“ Gage lächelte, doch es wirkte gezwungen. „Ich bin ja jetzt hier, oder? Gesund und heil in einem Stück.“

„Trotzdem … du bist zu spät. Fenton Hardy hätte schon am Ersten des Monats einchecken sollen.“ Skye konnte den Mund nicht halten. Auch sie hatte vermutet, dass irgendetwas nicht stimmte, als so lange Zeit zwischen seinen Briefen verstrich. Ihre Beunruhigung hatte sich erst gelegt, nachdem Griffin ihr erzählt hatte, dass er mit Gage gesprochen hatte. Nur hätte sie nicht mal im Traum damit gerechnet, dass er hier in der Bucht erscheinen würde.

Dieses Mal war es Gage, der ihren Blick mied, als er sagte: „Pläne ändern sich manchmal, auch Reisepläne. Aber … kann mir jetzt mal jemand etwas über diese bevorstehende Hochzeit am Ende des Monats erzählen? Ich habe noch immer Mühe, mir vorzustellen, dass irgendjemand freiwillig den Rest seines Lebens mit meinem Bruder verbringen will.“

Nach dieser neckenden Bemerkung hellte sich die Stimmung am Tisch deutlich auf, und man widmete sich wieder den Speisen und den Getränken.

Neben ihr ließ Polly einen schweren Seufzer hören. Skye schaute Polly an. „Alles in Ordnung mit dir?“

„Ja, sicher.“ Polly richtete sich gerade auf.

Schallendes Gelächter von der anderen Seite des Tisches lenkte ihre Aufmerksamkeit dorthin.

„Wie gesagt“, meinte Polly, während ihr Blick auf Gage verweilte, „wirklich absolut fantastisch.“

Skye erlaubte es sich, ihn für einen Moment zu betrachteten. „Doch … schon möglich.“ Ihr fiel sein wirres schwarzes Haar und die gebräunte Haut auf. Ausgeprägte Wangenknochen, ein markantes Kinn, unter dichten Wimpern und dunklen Brauen strahlten die unglaublichsten Augen hervor. Dass sich der Bartschatten bereits wieder über Wangen und Kinn zog, betonte nur seinen vollen Mund und das strahlende Grinsen, bei dem jedes Mal weiße Zähne aufblitzten.

„Kein Wunder, dass du mit Dalton Schluss gemacht hast“, raunte Polly ihr zu.

Rückartig blickte Skye zu ihrer Freundin. „Das war doch nicht wegen Gage.“ Auf keinen Fall wollte sie daran denken, weshalb sie die Beziehung zu Dalton beendet hatte. Sie schlug die Beine übereinander und rieb sich über die Oberarme.

Tiefes Männerlachen ertönte vom Kopfende des Tisches. Gage ging völlig in einem Flirt mit Tina, der Kellnerin, auf. Skye konnte mitverfolgen, wie Tina am Namensschildchen an ihrer Bluse fingerte, um die Aufmerksamkeit auf ihr Dekolleté zu lenken. Sie hätte schwören können, dass diese Bluse vorhin, während sie den Schwertfisch mit gedämpftem Gemüse bei Tina bestellte, noch nicht so weit offen gestanden hatte. Die Bedienung hatte offensichtlich eine kleine Änderung vorgenommen … und alles nur für den heutigen Ehrengast.

„Siehst du?“, meinte sie zu Polly. „Das ist die Art Frau, die Gage attraktiv findet.“

Ihre Freundin runzelte die Stirn. „Und was für eine Art wäre das?“

Skye wedelte unbestimmt mit einer Hand durch die Luft. Die Art Frau, die es ertragen kann, Haut zu zeigen.

„Du siehst doch zehnmal besser aus als dieses Frauenzimmer.“

„Ich war nicht auf Komplimente aus.“ Skye schnitt eine Grimasse.

„Das war auch nicht als Kompliment gemeint. Reine Tatsache, Ma’am. Aber wenn du mich nach meiner Meinung fragst … Ich würde vorschlagen, du vergisst den burschikosen Look und holst endlich wieder das Make-up raus. Ich weiß, dass du richtig nette Sachen in deinem Kleiderschrank hängen hast, und kann mich gut daran erinnern, als dir Lippenstift und Mascara noch etwas bedeutet haben.“

Ja, das konnte sie ebenfalls, doch inzwischen waren ihr Ruhe und Seelenfrieden wichtiger. Auch wenn sie eingestehen musste, dass überweite Sweatshirts und farbloser Lippenbalsam ihr die nicht unbedingt gebracht hatten. Den Kopf gesenkt haltend strich sie mit der Zeigefingerspitze immer wieder über den Rand ihres Wasserglases.

„Möchtest du tanzen?“, vernahm sie da eine Stimme an ihrem Ohr.

Ihr Kopf schoss hoch, ihre Augen weiteten sich, sowie sie Gages leicht vorgebeugte Gestalt neben sich bemerkte. Er wollte tanzen? Ausgerechnet mit ihr? Erst jetzt bemerkte sie, dass die Sonne untergegangen war, nur noch ein orangeroter Streifen zeigte sich am Horizont. Die Strandfackeln um das Terrassendeck herum brannten bereits, die Atmosphäre im Captain Crow’s lud sich langsam auf, an der Bar standen die Pärchen zusammen. Auf der kleinen Tanzfläche im Innern drehten sich die Paare zum Rhythmus von Bob Marleys „Three Little Birds“, darunter auch Griffin und Jane, die Arme umeinander geschlungen. Tess zog ihren Mann David hinter sich her Richtung Tanzfläche, während der laut lachend protestierte.

„Also, tanzen wir?“, wiederholte Gage.

Wahrscheinlich hat er zu lange still gesessen, dachte Skye. Schon als Kind hatte er ständig in Bewegung sein müssen, es gab sicher einen guten Grund, weshalb seine Schwester ihn als „rastlos“ bezeichnete. Skye wusste zum Beispiel, dass er nur sechs Stunden pro Nacht schlief – das war eins der persönlichen Details, die er ihr in den Briefen verraten hatte.

Gages Augen blitzten amüsiert auf, da sie weiterhin zögerte.

„Spreche ich vielleicht die falsche Sprache?“

„Du fragst die falsche Frau“, erwiderte sie. „Polly will es bestimmt.“

„Wieso?“ Polly schaute von ihrem Smartphone auf und hielt die Daumen in der Luft über dem Touchscreen schwebend. „Mich hat er doch nicht aufgefordert.“

„Du tanzt aber gerne.“

„Ich texte mit Teague.“ Sie schüttelte den Kopf. „Er steckt gerade in einer emotionellen Krise.“

Skye blickte zu Gage auf. „Erinnerst du dich noch an Teague White? Er war in den Sommern auch immer hier.“

Er blinzelte. „Tea… Nein! Doch nicht etwa Tee-Wee White?“

„So schmächtig, wie das ‚Tee-Wee‘ vermuten lässt, ist er gar nicht mehr“, murmelte Polly, während ihre Daumen über den Touchscreen flogen, „viel eher ein dicker dummer Trottel.“

Nicht dick, formte Skye mit den Lippen in Gages Richtung.

Er lachte, schließlich beugte er sich vor, fasste sie beim Ellbogen und zog sie schwungvoll auf die Füße. „Komm schon, Skye, tanz mit mir.“

Wie versteinert starrte sie auf die Männerhand, deren lange kräftige Finger sich um ihren Oberarm gelegt hatten. In ihrem Kopf focht die Vernunft eine Schlacht gegen ihren Flucht-oder-Kampf-Reflex. Weder zurückscheuen noch zuschlagen, befahl sie sich stumm. Beides würde eine Menge peinlicher Fragen heraufbeschwören.

„Alles in Ordnung mit dir?“

„Si… sicher.“ So sicher, wie eine Frau nur sein konnte, die einen Schlussstrich unter die Beziehung mit ihrem Freund gezogen hatte, weil sie eine Aversion dagegen entwickelt hatte, berührt zu werden.

Bevor sie sich überlegt hatte, wie sie ihm einen Korb geben konnte, ohne ihre Würde zu verlieren oder unhöflich zu sein, bugsierte Gage sie auch schon zu den anderen sich im Takt wiegenden Paaren. Der Song endete gerade, der nächste lief an – die Klänge einer Ukulele und Iz Kamakawiwo’oles sanfte Stimme, mit der er „White Sandy Beach of Hawai’i“ sang, schwebten leicht wie Federn in der Luft.

Er ließ ihren Arm los. Skye erkannte ihre Chance und wich einen Schritt zurück, doch Gage fasste nach ihrer Hand und presste sie an sich.

Jeder klare Gedanke verflüchtigte sich.

Alle ihre Sinne erwachten zum Leben, richteten sich allein auf ihn. Auf seine große schlanke Gestalt, auf seine gebräunte Haut. Er hatte lange Finger, sie konnte die Schwielen spüren, die rauen Stellen glitten leicht über ihre weiche Handfläche. Sie glaubte nicht, dass sie noch atmete, während er die andere Hand über dem Pullover an ihre Taille legte und sie dort liegen ließ.

Nein, er hielt sie nicht eng, es war sogar eher unpersönlich … dennoch schoss das Blut heiß wie ein Kometenschauer durch ihre Adern. Ihr wurde unbehaglich zumute. Die Unruhe raubte ihr den Atem, ebenso fehlten ihr die Worte, die sie hätte sagen müssen, um von der Tanzfläche zu entkommen. Stumm sah sie ihn an.

Er erwiderte den Blick mit nicht zu deutender Miene, aber seine außergewöhnlichen Augen leuchteten auf wie … Skye hatte keine Ahnung, wie sie es beschreiben sollte, es fühlte sich jedoch beruhigend an, als er ihre Finger in seiner Hand leicht drückte.

Oder doch nicht? Sie war schon seit Monaten so durcheinander, dass ihr Verstand nicht einmal mehr die normalsten Signale zu interpretieren wusste. Plötzlich spürte sie das verräterische Brennen von Tränen in den Augen, und der nächste Hitzeschwall stieg ihren Nacken empor, da sie sich ausmalte, wie peinlich es für alle Beteiligten sein würde, sollte sie unerwartet in Tränen ausbrechen. Reiß dich zusammen, ermahnte sie sich. Sie wollte nicht wie eine komplette Närrin vor diesem hinreißenden Mann dastehen.

Er seufzte leise, während er sie langsam zum Rhythmus der Musik im Kreis drehte. Ihre Körper berührten sich an keiner Stelle, dennoch konnte Skye nicht umhin, festzustellen, wie stark und muskulös seine schlanke Gestalt war.

„Das Dinner war exzellent. Es gibt nichts Besseres als eine Riesenportion Pommes und dazu ein anständiges Steak.“

Skye richtete den Blick auf seine Schulter, ein unverfänglicher Körperteil, und befahl sich, sich endlich zu entspannen. „Dir hat das amerikanische Essen gefehlt.“

„Schon seit Monaten träume ich von einem blutigen Steak.“

„Unmöglich.“ Sie schüttelte den Kopf. „Du magst dein Steak nicht blutig.“

„Großer Gott, habe ich dir das etwa verraten?“, stieß er regelrecht entsetzt hervor.

„Ja, hast du.“ Ein kleines Lächeln bahnte sich den Weg durch ihre Anspannung.

„Was muss ich tun, damit du das niemandem weitererzählst?“, wollte er wissen. „In den meisten Kreisen wird es nämlich als unmännlich angesehen, wenn man sein Steak lieber durchgebraten isst.“

Erneut musste sie lächeln „Oh, du bist männlich genug“, sagte sie und sah auf, ohne vorher nachzudenken.

Er grinste, seine Augen blitzten. Dann trafen sich ihre Blicke, und sein Grinsen erstarb.

Ein neuer Schub dieser Unruhe, die sie atemlos machte und bei der sie sich unwohl fühlte, durchrieselte sie. Eine Gänsehaut überlief sie.

Der Song verklang. Gage ließ die Hände sinken. Obwohl nun kein Körperkontakt mehr bestand, beruhigten ihre Nerven sich dennoch nicht. Sie und Gage blieben auf der Tanzfläche stehen und starrten einander stumm an.

Ein langer Augenblick verstrich, schließlich lachte Gage trocken auf und schüttelte den Kopf. „Jetzt ist es vermutlich zu spät, zu bereuen, dass du so viele von meinen Geheimnissen kennst.“

Skye schwieg, weder bestritt noch bestätigte sie es, aber sie verstand seine Sorge genau. Ihrer Meinung nach war es absolut unerlässlich, dass er von ihren Geheimnissen nichts erfuhr.

2. KAPITEL

Gage schlief tief und fest in dieser Nacht, trotz oder vielleicht wegen des Jetlags, den eine Reise über siebentausendneunhundert Meilen mit sich brachte. Als er in dem sonnendurchfluteten Raum aufwachte, langte er zur Seite und schaltete die Nachttischlampe aus. Eine neue Angewohnheit, bei Licht einzuschlafen wie ein Dreijähriger. Für eine Weile würde er gar nicht erst versuchen, sich das wieder abzugewöhnen.

Er stand auf und zog eine Cargohose und ein T-Shirt an, das wahrscheinlich älter war als er mit seinen einunddreißig Jahren, dann prüfte er den Proviant, den er in der Küche verstaut hatte. Er fand einen Apfel, rieb ihn an der Hose ab und trat durch eine der Schiebeglastüren des Wohnraums hinaus auf das Terrassendeck, von dem aus man freien Blick auf den Ozean hatte.

Nr. 9 war eindeutig die beste Hütte in der ganzen Bucht. Er zumindest war immer davon überzeugt gewesen. Eine lange Reihe von Sommern waren sie mit der Familie hergekommen, und es sah nicht so aus, als hätte sich seither viel verändert – falls überhaupt irgendetwas. Dunkelbraune Schindeln deckten das Dach des zweistöckigen Gebäudes, und die Rahmen der Fenster und Türen waren nach wie vor blaugrün gestrichen. Die Hütte lag am Südende der Bucht in der Nähe der Klippen, die aus dem Ozean ragten. Die Trampelpfade, die sich die Felsen hinaufwanden, sagten Gage, dass wahrscheinlich noch immer besonders Wagemutige die Felsvorsprünge als Absprungplattform nutzten, so wie Griffin und er es als Kinder getan hatten.

Der Ozean rief nach ihm, daher joggte er locker die Stufen hinab, die auf den Strand führten. Der Sand fühlte sich wie Maismehl an seinen bloßen Fußsohlen an, er ging weiter, bis er am Wasserrand auf die nassen Körnchen stieß und Feuchtigkeit an seinen Zehen leckte. Den Apfel zwischen den Zähnen beugte er sich hinunter, um die Hosenbeine bis auf Wadenhöhe umzukrempeln.

Obwohl er sich darauf eingestellt hatte, fluchte er leise, als die erste Welle über seine nackten Füße rollte. Verdammt kalt! Zumindest anfangs. Auch während des südkalifornischen Hochsommers wurde das Wasser nie sonderlich warm. Die nächste Welle schwappte ihm über die Füße, und er zuckte zusammen. Er kam sich vor wie einer der naiven Touristen, die nach Kalifornien kamen mit den Bildern der Fernsehserie „Baywatch“ oder dem alten Gidget-Film „April entdeckt die Männer“ im Kopf. Hollywoods Traumwelt schaffte es, die Gänsehaut zu überdecken, und so sorgte die erste Erfahrung mit den Wassertemperaturen des Pazifiks bei jedermann für verdutztes Erstaunen.

Während seine Zehen langsam vor Kälte taub wurden, schlenderte Gage weiter den menschenleeren Strand entlang, spritzte das flach hereinrollende Wasser auf und atmete tief die frische feuchte Salzluft ein, wobei er seinen Granny Smith verputzte. Er hatte kein definitives Ziel, plante nichts Größeres, hatte nichts weiter vor, als die warmen Sonnenstrahlen auf seinen Schultern und seinem Rücken, das nie versiegende Rauschen der Brandung und dieses glorreiche Gefühl von Freiheit auszukosten. Es hatte Zeiten gegeben, da hatte er ernsthaft daran gezweifelt, ob er jemals wieder die Chance erhalten würde, das zu genießen.

Obwohl es noch so früh war, dass er sich den Strand mit niemandem außer den Möwen und ein paar Strandläufern teilen musste, steuerte er eine der Standhütten an, die moosgrün gestrichen war, mit Rahmen in zartem Rosé gehalten. Wie Nr. 9 war auch diese Hütte größer als die anderen Strandhäuser in der Siedlung, sie lag zudem inmitten eines gepflegten Gartens.

Er sah, dass jemand auf den Knien saß und ein Blumenbeet bearbeitete – Skye, in langer Hose und langärmeligem Oberteil, einen Anglerhut mit schmaler Krempe auf dem Kopf, dessen beste Tage lange vorüber waren. Ihm wurde klar, dass diese Hütte von Anfang an sein Ziel gewesen war.

Eine Tatsache, die ihn weniger überraschte, als sie sollte. Er begann absichtlich laut zu pfeifen, als er weiterging. Er hatte nicht vor, die Frau ein zweites Mal halb zu Tode zu erschrecken. Dennoch konnte er sehen, wie sie leicht zusammenzuckte, als er sich hinter sie stellte und sein Schatten auf das kleine Rasenstück fiel.

„Schon seltsam, dass unser Lied von einem Strand handelt, der in einem anderen Bundesstaat liegt.“

Sie sah auf, die Augen mit der Hand gegen die Sonne abgeschirmt. „Wir haben ein Lied?“

Wegen des Schattens, den die Hand spendete, konnte er nicht viel von ihren mit dichten Wimpern umrandeten Augen erkennen. Am Abend zuvor hatte er die Farbe bestimmen können – dunkelgrün wie tiefes Wasser. Beim Tanzen hatte er den bernsteinfarbenen Ring um ihre Iris gesehen. Jetzt pfiff er noch einige Takte von „White Sandy Beach of Hawai’i“.

Skye zuckte mit einer Schulter, wobei ihr übergroßes T-Shirt verrutschte und einen hellrosa Träger ihres BHs freigab.

„Die Bucht hat ausreichend Erfahrung damit, als Ersatz herzuhalten.“

„Ja, das weiß ich noch.“ Sein Blick haftete an dem Fleck nackter Haut, auch wenn er keine Ahnung hatte, weshalb ihn ein Schlüsselbein derart faszinieren sollte. „Früher sind hier Stummfilme gedreht worden.“

Sie ließ die Hand sinken, senkte den Kopf wieder über das Blumenbeet und zupfte Unkraut. Jetzt konnte er ihr hübsches Gesicht überhaupt nicht mehr sehen. Sie hatte die feinen Züge einer klassischen Schönheit, große Augen, eine kleine Nase und einen vollen, aber dennoch ernst wirkenden Mund. Ein langer Zopf hing ihr über den Rücken, in der dunklen Fülle fand die Sonne die willkürlich verteilten roten und goldenen Fäden.

„Wenn du dich dafür interessierst … wir haben jetzt hier eine Art Museum für die Sunrise Pictures mit allen möglichen Originalausstellungsstücken“, sagte sie.

„Wirklich?“

„Der Raum ist an die Galerie neben dem Captain Crow’s angegliedert. Du kannst es dir ja mal ansehen, wenn du Lust dazu hast. Du musst dir nur vorher den Schlüssel bei Maureen, der Galeriemanagerin, holen. Seit dem Ärger im letzten Monat halten wir die Tür verschlossen.“

Gage runzelte die Stirn „Ärger? Was ist geschehen?“

„Wir haben einen Einbrecher überrascht, der offensichtlich nach etwas Bestimmtem suchte.“

Er ging in die Hocke, sodass er ihr in die Augen sehen konnte. „Großer Gott, Skye. Dir ist doch hoffentlich nichts passiert, oder? Was war denn da los?“

„Wir wollten mit einer kleinen Gruppe – Teague und zwei Frauen, die damals in Nr. 9 wohnten – spontan eine Führung machen, dabei haben wir den Eindringling aufgescheucht. Leider zu spät, er hatte schon alles verwüstet. Er rannte an uns vorbei zur Tür hinaus und stieß eine von den Frauen gegen den Türrahmen. Sie hatte eine dicke Beule am Kopf.“

„Konntet ihr erkennen, wer es war?“

„Nein. Wir haben natürlich sofort die Polizei verständigt, aber der Mann war ganz in Schwarz gekleidet gewesen und hatte sich zudem mit einer Skimütze maskiert – als käme er frisch von einem Casting mit dem Motto ‚Einbrecher des Monats‘.“

Gage setzte sich ins Gras und rieb sich das stoppelige Kinn. „Und was meinte die Polizei dazu? Es scheint mir doch ziemlich … beunruhigend, dass so etwas ausgerechnet hier vorfallen sollte.“

Sie warf ihm einen knappen Seitenblick zu. „So sehe ich das auch. Die Polizei kann natürlich nichts unternehmen.“

„Hm.“ Er sah den Strand hinunter. Nr. 9 lag ungefähr eine Viertelstunde zu Fuß entfernt. Wenn er rannte, konnte er die Strecke in der halben Zeit schaffen. „Falls du Hilfe oder irgendetwas brauchst, weißt du ja, wo du mich findest.“

Sie zuckte die Achseln. „Danke. Aber ich bin daran gewöhnt, allein zurechtzukommen. Ich kümmere mich ja um alles hier in der Bucht, seit Mom und Dad in die Provence übergesiedelt sind. Dass Starr, meine Schwester, jetzt in San Francisco lebt, habe ich dir ja in einem meiner Briefe geschrieben.“

„Ich kann mich an sie erinnern, als wir alle noch Kinder waren“, meinte Gage und wurde nachdenklich. „Starr. Starr und Skye … sehr ungewöhnliche Namen.“

„Auch eine ungewöhnliche Schreibweise.“ Skye schüttelte den Kopf. „Es war Dads Idee, das zusätzliche ‚r‘ und das unnötige ‚e‘ bei den Namen hinzuzufügen. Seiner Meinung nach lässt sie das gewichtiger erscheinen.“

Gage lachte. „Dein Dad war schon immer ein echter Charakter. Aber Starr nennt sich doch jetzt Meg, oder nicht?“

„Richtig“, bestätigte Skye. „Und sie ist verheiratet. Sie und ihr Caleb hatten eine Wirbelwindromanze. Sie lernten sich im Mai hier in der Bucht kennen, haben ein paar Tage zusammen verbracht und standen bereits kurze Zeit später vor dem Traualtar. Ich nehme an, die Liebe hat die spontane Seite bei Starr herausgekehrt.“

„Das ist doch gut. Und schön für die beiden.“

Eine Weile schwiegen sie, dann fragte Skye: „Da wir gerade von Familie sprechen … wie geht es deiner?“

„Denen geht es gut.“ Vor allem, da er sie im Dunkeln über sein letztes missratenes Abenteuer gelassen hatte. „Meinen Bruder und meine Schwester hast du ja gestern Abend gesehen, und meine Eltern werden zu Griffins Hochzeit herkommen.“

Wieder warf sie ihm einen Seitenblick zu, dieses Mal länger.

„Und du bist damit einverstanden?“

„Womit? Dass Griffin an die Kette gelegt wird?“ Als er ihr Stirnrunzeln sah, lächelte er und versuchte, es schnell wiedergutzumachen. „Sollte nur ein kleiner Scherz sein. Ich finde Jane wirklich sehr sympathisch. Du hast mir ja schon in deinen Briefen prophezeit, dass es so sein würde.“

„Sie tut deinem Bruder gut … und umgekehrt. Hatte ich dir auch geschrieben, dass sie vorher jahrelang für Ian Stone gearbeitet hat?“

Er verdrehte die Augen. „Doch nicht etwa der Ian Stone? Der Autor jener vor Kitsch triefenden Liebesgeschichten, die du immer verschlingst?“

„Niemand sollte sich für das entschuldigen müssen, was er liest“, murrte sie.

Selbst im Profil konnte Gage die tiefe Falte auf ihrer Stirn erkennen.

„Jeder sollte das lesen, was ihm am besten gefällt.“

„Und Skye Alexander gefallen nun mal diese melodramatischen Geschichten.“

Mit zusammengekniffenen Augen sah sie zu ihm hoch. „Das Ende besitzt immer den größten Reiz, du weißt schon … wenn der Held an einer unheilbaren Krankheit dahinsiecht oder urplötzlich einen ebenso unerwarteten wie schmerzhaften Tod stirbt.“

Erneut lachte er auf. „Hey, ist ja gut. Ich will bestimmt nicht, dass du mir ein ähnlich tragisches Schicksal wünschst. Bei meinem nächsten Auftrag kann ich Pech nicht gebrauchen.“

Sie widmete sich ihren Blumen und dem Unkrautzupfen. „Griffin hat beschlossen, mit der Kriegsberichterstattung aufzuhören.“

„Ich muss wieder zurück“, erwiderte er schnell. Es musste wohl zu schnell gewesen sein, denn sie warf ihm einen forschenden Blick zu.

„Aha“, sagte sie jedoch nur.

„Ich habe schon einen neuen Auftrag angenommen.“ Er hatte etwas zu beweisen. Diese Mistkerle hatten ihn nicht kleingekriegt. Weil er es nicht zugelassen hatte und es nicht zulassen würde.

„Aha“, meinte sie noch einmal.

Als ihm klar wurde, dass er seine Finger zu Fäusten geballt hatte, unternahm er eine bewusste Anstrengung, sie zu lockern. Er atmetet tief ein und ließ den Blick über die Bucht gleiten, in der er entspannen und sich ausruhen wollte. Direkt nebenan stand ein Mini-Cottage, so klein, dass es wie ein Puppenhaus wirkte. Während er die Hütte genauer betrachtete, ging die Tür auf. Eine hübsche Blondine trat aus dem Haus und winkte ihm zu, als sie ihn sah, dann verschwand sie um die Hausecke.

Er winkte zurück. „Wie heißt deine Freundin gleich wieder? Polly …?“

„Polly Weber.“

„Süß.“

Blitzschnell hatte Skye sich aufgerichtet und stand vor ihm, das kleine Schippchen in ihrer Hand auf seine Kehle gerichtet wie einen Dolch. „Denk nicht mal daran!“

„Woran?

„Polly unterrichtet Vorschulkinder und ist gerade erst in das Cottage eingezogen, so wird sie außer Rex und mir die Einzige sein, die noch hier wohnt, wenn der Herbst kommt.“

„Ja, und?“

„Falls du ihr das Herz brichst, wird sie aus der Bucht wegziehen. Meine Schwester hat das auch getan. Sie ist weggelaufen und zehn lange Jahre nicht mehr zurückgekommen. Ich will nicht, dass das Gleiche mit Polly passiert. Ich finde es nämlich schön, dass meine Freundin direkt neben mir wohnt.“

„Wie kommst du darauf, ich würde …“

„Drei Worte nur.“ Sie hielt inne, fuhr dann bedeutungsvoll fort: „Gages unbeherrschte Völlerei.“

Oh Herrgott! Hitze kroch von seinem Nacken in seine Wangen. „Davon habe ich dir auch geschrieben?“

„Das hat dein Zwilling mir erzählt.“

„Welcher Tod ist qualvoller – Ertrinken oder Ersticken?“

„Weiß ich nicht“, meinte sie kühl.

Sie sollte auch nichts von „Gages Völlerei“ wissen. „Nur um das richtigzustellen – der Ausdruck stammt von Griffin, nicht von mir.“

Ihr Schweigen war sehr beredsam.

„Hör zu, jeder, der monatelang mit kargen Mahlzeiten und miserablem Bier auskommen muss, würde das Gleiche tun. Da ist es doch völlig normal, dass ich mich so oft wie möglich mit großzügigen Portionen meines Lieblingsessens vollstopfen will und nach einem kalten süffigen Bier lechze, oder?“ Für den Rest seines Lebens würde er keine Cracker, keinen vakuumverpackten Käse und erst recht keinen Fruchtsaft mehr anrühren.

Da Skye noch immer nichts sagte, zupfte er betont an seinem T-Shirt und hielt es sich vom Bauch ab. „Ich habe abgenommen.“ Er hatte Angst gehabt, die Ruhr zu bekommen, als man ihm Wasser, von dem er nicht gewusst hatte, woher es kam, in einer rostigen Dose gebracht hatte. Deshalb hatte er sich an die Päckchen mit Mangosaft gehalten. Aber von dem sämigen süßen Saft war es ihm letztlich schlechter gegangen, als jeder Bakterienstamm im Trinkwasser es zu erreichen vermocht hätte.

„Natürlich kannst du deinen Lastern frönen, so viel du willst“, kommentierte sie im gleichen distanzierten Tonfall. „Das geht mich schließlich nichts an … solange du nicht nach meinen Freundinnen und meiner Nachbarin lechzt.“

Okay, jetzt übertrieb sie eindeutig! Sie betonte das Wort „lechzen“ ja, als hätte er es auf eine Orgie abgesehen. Und es war überdeutlich, dass sie sich auf etwas ganz anderes bezog als auf Nahrungsaufnahme. „Es ist kein Verbrechen, wenn man ab und an auch mal an Sex denkt.“

„Nur heißt ‚Gages unbeherrschte Völlerei‘ doch wohl eher, dass du so oft wie möglich an Sex denkst, oder?“

Er öffnete den Mund, um zu widersprechen, überlegte es sich anders und schloss ihn wieder. Erst holte er ein paarmal tief Luft, dann setzte er erneut an: „Ich glaube, mit diesem Gerede wollte mein Bruder … äh … meine Reputation stärken.“

Über die Schulter warf sie ihm einen vernichtenden Blick zu. „Du meinst, es hätte etwas mit Reputation zu tun, wenn man in Casanovas Fußstapfen tritt?“

„Ich bin kein Casanova. Meine Güte, Skye. Ich bin einfach nur ein Mann, der gern Sex hat. Und wenn ich monatelang keine Gelegenheit dazu hatte, dann … dann hätte ich eben gern welchen.“

Sie stand auf und klopfte sich die Erde von der Hose. „Und dann noch mehr … und noch mehr … und noch mehr …“

Auch Gage erhob sich und funkelte sie böse an, er hatte keine Ahnung, weshalb er sich jetzt schuldig fühlen sollte. „Ich bitte vielmals um Entschuldigung, Schwester Josephina Henry.“

„Wer?“

„Die gemeinste Nonne, die mir je untergekommen ist. Als ich sieben Jahre alt war, hat sie mir streng und ernst vorausgesagt, dass ich ganz bestimmt in der Hölle brennen werde. Eine hässliche alte Schachtel … mit einer dicken Warze am Kinn.“

An ihrer Miene konnte er sehen, dass er etwas Falsches gesagt hatte. Als er sich noch einmal genauer überlegte, was er da von sich gegeben hatte, wurde er blass. „Hey, tut mir leid, ich wollte damit nicht sagen, dass du eine Warze am Kinn hast.“

„Nur, dass ich eine hässliche alte Schachtel bin.“

„Nein! Nein, warte, lauf jetzt nicht eingeschnappt davon …“

Doch das tat sie, verschwand im Haus und drückte entschieden die Tür hinter sich ins Schloss. Gage starrte ihr nach und zermarterte sich das Hirn, ab wann genau und wieso die Sache schiefgelaufen war.

Er war ziemlich sicher, dass es etwas mit Sex zu tun hatte. Aber weshalb es Skye interessieren sollte, wie er es mit dem Sex hielt, war ihm schleierhaft. Das ist alles nur Griffins Schuld, dachte er. Nein, Skyes. Nein, noch anders – die beiden hatten Schuld, entschied er und trat wütend in den weichen Sand, sodass er aufspritzte.

Verdammt sollten sie sein.

Und er gleich mit, weil er die Frau verärgert hatte, die sich irgendwann im Laufe der Zeit während ihrer Korrespondenz von einer unverbindlichen Brieffreundin zu seinem überlebenswichtigen Talisman gewandelt hatte.

Auch am nächsten Morgen war Gage wieder früh auf den Beinen und ging spazieren. Doch dieses Mal hielt er sich an den feuchten Sand und begnügte sich mit der Gesellschaft der Seevögel. Es herrschte Ebbe, und so schlug er die Richtung zu seinem bevorzugten Schlupfwinkel aus Kindertagen ein. Dort, wo eine weitere Felswand sich aus dem Ozean erhob, ließ die Ebbe immer eine Reihe von Tümpeln zurück, manche klein und flach, andere doppelt so groß und tief wie eine Badewanne.

Den Blick sorgsam nach unten vor seine Füße gehalten, suchte er sich einen Weg um die Tümpel herum. Vorsichtig achtete er darauf, den scharfen Felskanten auszuweichen, die besetzt waren von Seepocken und dunklen Muschelkolonien, die sich zusammenrotteten wie kriegerische Dörfler gegen den übermächtigen Feind. Er betrachtete gerade interessiert das wimmelnde Leben in einer kleinen Pfütze, deren Umfang nicht größer war als eine Tasse, als jemand seinen Namen rief. Er zuckte zusammen, und seine Ledersandalen gerieten auf dem schlüpfrig nassen Felsgrund ins Rutschen.

Er ruderte mit den Armen, um das Gleichgewicht wiederzufinden, dann sah er in die Richtung, aus der der Ruf gekommen war. Skye. Sie stand ganz in der Nähe, trug eine leichte Leinenhose und eine passende Tunika in der Farbe trockenen Sandes, das Haar hatte sie zu einem Pferdeschwanz zusammengebunden. Ungeachtet der Art und Weise, wie sie am Tag zuvor auseinandergegangen waren, lächelte er ihr zu. Zwei Wochen lang hatte ihr Bild seine Gedanken beherrscht. Ihr hatte er es zu verdanken, dass er nicht den Verstand verloren hatte. Sie jetzt hier in Fleisch und Blut vor sich zu sehen, war der Beweis, wie viel Glück er gehabt hatte. Er hatte es geschafft und war zurückgekommen.

Wer würde da nicht lächeln?

Der Wind frischte auf, wirbelte dunkle Strähnen um ihr Gesicht, die sich aus dem Band gelöst hatten, und presste den leichten Stoff an ihren Körper. Zum ersten Mal konnte Gage die Konturen ihrer Figur erkennen: hohe kleine Brüste, schmale Taille, weiblich gerundete Hüften. Jähe Hitze schoss über seinen Rücken, konzentrierte sich in seinem Schritt. Seine männliche Anatomie reagierte auf unmissverständliche Weise, das Lächeln auf seinen Lippen erstarb.

Verdammt. Sie hatte überdeutlich gemacht, dass sie nichts davon hielt, wenn er nach ihren Freundinnen und Nachbarinnen „lechzte“, also nahm er an, dass das für sie selbst ebenfalls zutraf. Und er schloss sie doch sowieso von so etwas aus, schließlich wollte er nicht zerstören, was sie für ihn war – Kindheitsfreundin, amüsante Briefeschreiberin, Überlebenshelferin.

Daher verdrängte er seine niederen Instinkte und ging langsam auf sie zu, das Lächeln wieder fest auf den Lippen. „Hey“, grüßte er. „Guten Morgen.“

„Einen guten Morgen zurück.“ Ein Träger ihres Rucksacks hing über ihrer Schulter. Jetzt ließ sie den Rucksack an ihrem Arm hinabgleiten und setzte ihn auf dem Felsen ab. „Ich habe Kaffee dabei.“

Nicht nur erwiderte sie seinen Gruß, sondern auch sein Lächeln.

Er sah ihr zu, wie sie eine silberne Thermoskanne aus dem Rucksack zog. „Ist das eine Einladung?“

Sie warf ihm einen Blick zu, während sie dampfende Flüssigkeit in einen Becher goss. „Eher ein Friedensangebot.“

Der Duft des Kaffees wehte ihm in die Nase, als sie ihm den Becher hinhielt.

„Ich muss mich wegen gestern entschuldigen. Ich … ich hatte nicht sehr gut geschlafen.“

„Ich auch nicht.“ Er nahm den kleinen Becher und führte ihn an den Mund. „Vielleicht sollten wir uns öfter frühmorgens treffen.“

Sie kramte wieder im Rucksack und holte eine leere Plastikbox hervor. Dann ging sie zu einem höher gelegenen trockenen Felsen, setzte sich und stellte den Rucksack ab. Gage folgte ihrem Beispiel, setzte sich neben sie auf den Stein und bot ihr den Becher mit Kaffee an.

Nach kurzem Zögern nahm sie ihn und nippte an dem Getränk, reichte ihn dann wieder an ihn zurück. In einvernehmlichem Schweigen teilten sie sich den heißen Kaffee, während sie auf den Ozean hinaussahen.

„Ich habe deine letzten beiden Briefe noch abgeholt, bevor ich in die Staaten zurückgekehrt bin“, sagte er irgendwann schließlich. „Tut mir leid, wenn du dir meinetwegen Sorgen gemacht hast.“

Sie hielt den Blick auf die helle Linie hinten am Horizont gerichtet. „Die Sorgen habe ich mir gemacht, weil du einen neuen Kontakt erwähnt hattest, der dich in eine Region bringen wollte, in der du vorher noch nie gewesen warst. Irgendwie hörte sich das gefährlich an.“

Vermutlich war seine eigene Unruhe in seiner Wortwahl zum Ausdruck gekommen. Tagelang hatte er mit sich debattiert, ob er diesem Typen trauen sollte oder nicht. Er war ja nicht naiv. In jenem Teil der Welt fanden Journalisten sich oft in bedrohlichen Situationen wieder, das reichte von Raubüberfall bis Mord. In Ländern, in denen Krieg herrschte, war jeder einzelne Schritt Ermessenssache. Als Berichterstatter musste man jedoch bereit sein, Risiken einzugehen, wenn man Lorbeeren einsammeln wollte. Zu dem Zeitpunkt war es ihm wie ein fairer Handel erschienen.

Gage spürte Skyes Blick abwartend auf sich ruhen. „Was ist?“

„Ich fragte, wie es gelaufen ist … mit deinem neuen Kontakt.“

Er zögerte. Eine Windbö wehte ihm eine von Skyes langen Haarsträhnen ins Gesicht und über seine Lippen. Ihr Haar war seidenweich und duftete nach Blumen und Sommerwind. Er hielt die flatternde Strähne fest und wollte sie Skye hinters Ohr stecken, doch sie wich zurück, fing seine Hand ab, übernahm die Aufgabe selbst und schob sich das Haar auf die andere Schulter.

„Dein Kontakt?“, hakte sie noch einmal nach.

Gage musste sich zusammenreißen, um nicht auszuspucken, als er an Jahandar dachte. „War nicht besonders ergiebig.“ Eine maßlose Untertreibung.

Schweigen dehnte sich wieder zwischen ihnen aus.

„Wie geht es der Witwe deines Freundes?“, beendet Skye die Stille schließlich. „Und was macht ihr Sohn?“

„Denen geht es ganz gut, so weit.“ Er wusste sofort, von wem sie sprach. Vor zehn Monaten war ein Kollege, Charlie Butler, entführt und von den Taliban als Geisel festgehalten worden, um Lösegeld zu erpressen. Seine Frau Mara, die Mutter seines vierjährigen Sohnes, war gezwungen gewesen, sich durch den Irrgarten von Verhandlungen und Vermittlungen zu kämpfen, zusammen mit dem Krisenstab, den Charlies Zeitung angefordert hatte. Die Gemeinschaft der Auslandskorrespondenten hatte sich zusammengetan und zu helfen versucht, alle hatten Unterstützung angeboten, wo sie nur konnten, vor allem hatten sie die Story aus den Nachrichten herausgehalten. Das war immer sicherer für Geiseln. „Ich werde sie noch besuchen, solange ich hier bin. Sie wohnen gar nicht so weit weg.“

„Du könntest sie einladen, in die Bucht zu kommen. Sonne und Sand haben oft heilende Wirkung.“

Genau darauf hoffe ich ja, dachte Gage, bevor seine Gedanken wieder zu Mara und ihrem Sohn gingen. Die beiden könnten eine gehörige Dosis Sonne und Sand gebrauchen. Als nächste Angehörige war es schließlich an Mara hängen geblieben, das Einverständnis zum Sturm auf das Lager zu geben, in dem ihr Mann gefangen gehalten wurde. Charlie hatte das Befreiungsmanöver durch das Militär nicht überlebt. Einer der Entführer hatte ihn erschossen, sobald die Soldaten das Lager stürmten.

„Ich bin froh, dass Griffin sich entschieden hat, bei seiner Frau zu bleiben“, sagte er abrupt. „Wenn man jemanden liebt, setzt man ihn nicht einer solchen Angst aus.“

„Er liebt Jane wirklich sehr.“

„Ja, ich weiß“, stimmte Gage zu. Dann schüttelte er die düsteren Gedanken ab und atmete tief die frische Meerluft ein. „Da wir gerade von Liebesleben sprechen … wie sieht es denn mit deinem aus?“

Es schien Skyes gesamte Konzentration zu erfordern, den leeren Becher wieder auf die Thermoskanne zu schrauben.

„Ach, reden wir nicht über mich.“

„Wieso nicht? Ist etwas zwischen dir und Dagwood schiefgelaufen?“

Sie wandte ihm das Gesicht zu und kniff die Augen leicht zusammen. „Dalton.“

„Dalton … Dagwood …“ Mit einer vagen Geste wischte er seinen Irrtum beiseite. Tatsache blieb, dass er Dalton immer als Missgriff angesehen hatte, obwohl er den Typen nie getroffen hatte. Von Skye wusste er, dass der Mann Immobilienmakler war. Wahrscheinlich trug er sieben Tage die Woche Anzug und ließ kein Körnchen Sand oder Salzwasser an seine Füße kommen.

„Wir haben uns getrennt“, sagte Skye.

„Gut … Moment!“ Er drehte sich um, sodass er sie ansehen konnte. „Wann ist das denn passiert?“

„Schon eine Weile her.“ Jetzt war sie es, die leichthin mit der Hand wedelte. „Ab und zu lässt er sich noch blicken, aber es ist definitiv vorbei.“

„Und davon hast du mir nichts geschrieben?“

Sie zuckte nur stumm mit den Schultern.

Vielleicht musste man ihn neugierig nennen, doch das konnte er nicht so einfach übergehen. In ihren Briefen hatten sie sich immerhin eine ganze Menge voneinander erzählt. „Was war denn das Problem?“

Röte schoss ihr in die Wangen, nervös leckte sie sich über die Lippen. Gage beobachtete, wie sie mit der Zungenspitze über die Ober-, dann über ihre Unterlippe strich, und prompt machte die Erregung sich wieder bemerkbar. Verdammt. Da sie so lange zögerte, richteten sich seine Nackenhaare auf.

„Skye?“

„Wir … nun …“ Sie musste sich räuspern. „Es gab da ein paar Probleme physischer Natur.“

Verständnislos starrte er sie an. Er hatte zu hören erwartet, dass der Typ verheiratet war oder dass er sie mit einer anderen betrogen hatte, aber Probleme physischer Natur? Was, zum Teufel, sollte das heißen?

Ohne nachzudenken, rutschte er an sie heran und packte sie beim Oberarm, um sie zu sich umzudrehen. Er musste es wissen. „Ist er etwa gewalttätig geworden? Wenn er dir was angetan hat, bringe ich den Kerl um.“

Sie schüttelte den Kopf. „Nein, er war es nicht, er hat mir nichts getan.“

Er runzelte die Stirn und musterte sie forschend, ob sie auch die Wahrheit sagte. „Na gut.“ Und dann riss er sie an sich, barg sein Gesicht in ihrem Haar und atmete tief ihren süßen Blumenduft ein. „Oh Mann, für eine Minute hast du mich wirklich zu Tode erschreckt.“

Es dauerte noch eine weitere Minute, bis er merkte, wie steif sie sich in seiner Umarmung hielt. Großer Gott, dachte er und gab sie frei, um wieder ein Stück von ihr abzurutschen. Wahrscheinlich hielt sie ihn für verrückt. Und ja, er musste auch irgendwie auf einen Schlag den Verstand verloren haben, denn er meinte nach wie vor ihre zierliche Figur an seine Brust gepresst zu fühlen, meinte zu spüren, wie ihre weichen Rundungen sich an seinen Oberkörper drückten. In seinem Schritt begann es zu puckern. Er fuhr sich mit der Hand durchs Haar und ermahnte sich, schnellstens zu vergessen, wie gut sie sich in seinen Armen angefühlt hatte.

Mist. Er brauchte dringend eine Frau, ob das nun Skyes prüde Moralvorstellungen beleidigte oder nicht. Außerdem würde sie nicht erfahren, was er in seinem Schlafzimmer trieb oder nicht trieb. Mit Diskretion kannte er sich aus.

Nur fragte er sich im Moment, was er hinsichtlich der unmissverständlichen Ausbeulung in seinem Schritt unternehmen konnte, denn dieser Teil seiner Anatomie verlangte noch immer drängend nach unmittelbarer Action.

Er sprang auf die Füße. „Ich denke, ich sollte zurückgehen. Ich rufe Griffin an und finde heraus, was er vorhat.“ Wenn sein Bruder sich weigerte, auf Beutezug zu gehen, kannte Jane vielleicht eine nette Freundin, die bereit war, sich auf ein Abenteuer einzulassen. Genau das brauchte er jetzt.

Skye stand ebenfalls auf, die Plastikbox in der Hand. „Also, bis dann.“

„Und was planst du heute noch so?“

„Oh, alles Mögliche.“ Sie ging vorsichtig über den unebenen Felsen und blickte suchend in die ihr am nächsten gelegene Pfütze. „Erst mal suche ich mir etwas Meersalat zusammen.“

„Was?“

„Das ist hellgrüner Seetang. Sieht genau so aus wie Salat.“

„Ich weiß, was das ist, mir ist nur nicht klar, was du damit anfangen willst.“

Sie lächelte ihm zu. „Ich werde daraus einen Salat zubereiten. Wenn du Lust hast, kannst du heute Abend zum Dinner rüberkommen, dann teilen wir ihn uns.“

„Solange du keine Seegurke dazugibst.“ Diese hässlichen Kreaturen, die aussahen wie stachelige Nacktschnecken, hatten die Länge einer Männerhand und lederartige Haut.

Sie lenkte den Blick wieder auf die Pfütze. „Ich glaube, ich habe hier schon eine oder zwei gefunden.“

Er ging zu ihr und beugte sich hinunter, um sich mit eigenen Augen zu überzeugen. „Du isst diese Biester doch nicht wirklich, oder?“

„Nein, ich esse diese Biester nicht wirklich“, wiederholte sie seine Worte und schaute suchend in den nächsten kleinen Pool. „Oh, hier ist ein Tintenfisch.“

Wer könnte einem achtarmigen Tierchen schon widerstehen? Gage trat interessiert noch ein Stückchen näher und wäre fast auf dem mit schlüpfrigen Algen bedeckten Stein ausgerutscht.

„Sei vorsichtig!“, warnte sie ihn.

Er grinste ihr zu. „Ja, Mom.“ Vor der Pfütze ging er in die Hocke, und Skye folgte seinem Beispiel, direkt an seiner Seite. So hockten sie Schulter an Schulter und starrten ins Wasser, bis sie auf etwas zeigte.

„Siehst du? Dort … in der kleinen Höhle unter Wasser!“

Gage blickte suchend in das vergängliche Goldfischglas, das Mutter Natur mit den Gezeiten erschaffen hatte. Es dauerte einen Moment, bis er es erkannte, aber dann sah auch er den mit dunklen Punkten gesprenkelten Oktopus, der Körper nicht größer als seine Faust. Während sie das Tierchen beobachten, streckte es einen Fangarm über die Wasserfläche und fuhr tastend über den Felsgrund. Dabei berührte der Oktopus eine hellgrüne Seeanemone, die sofort ihre Tentakel einzog. Ein Trio von Seesternen, einer orange, der andere braun und der dritte in blassem Pink, klammerte sich an einen Felsen in der Nähe. Ein Stichling, der über den sandigen Boden schwamm, war wohl in eigener Mission unterwegs.

„Das ist wirklich wunderschön.“ Gage hob den Blick und schaute Skye grinsend an.

Auch sie drehte den Kopf und erwiderte das Lächeln.

Ja, wirklich wunderschön, wiederholte er in Gedanken und musterte ihr Gesicht, bis sein Blick auf ihre weichen vollen Lippen fiel und dort verharrte. Das Lächeln schwand aus ihren Zügen, ihr Mund wirkte nun regelrecht ernsthaft. Als wäre es ernsthaft nötig, dass er geküsst wurde.

Gage lehnte sich langsam vor …

… und Skye wich zurück. Sie strauchelte, als sie sich viel zu eilig aufrichtete. Hastig stand er ebenfalls auf, ihre abrupte Bewegung hatte ihn erschreckt. Mit der linken Leinensandalette blieb sie an einem kleinen Felsvorsprung hängen, ihr rechter Fuß rutschte auf einem glitschigen Algenstück weg. Sie ruderte mit den Armen, dann landete sie auch schon unsanft mit dem Po voran in einem der größeren, tieferen Tümpel.

Sie ging nicht ganz unter, ihr Kopf blieb über Wasser, aber natürlich war sie vom Hals an pitschnass, als sie sich wieder aufrappelte, ihr Haar war das einzig Trockene an ihr. Gage und sie starrten sich einen Moment lang an, dann brach Skye in schallendes Gelächter aus.

„Damit ist meine Würde dahin“, brachte sie schnaubend zwischen Kicheranfällen heraus. „Ich komme mir wie ein Trampel vor.“

„Du siehst auch so aus“, bestätigte Gage und streckte einen Arm aus, um ihr aus dem Wasser zu helfen. Nach einem kurzen Moment des Zögerns legte sie ihre tropfnassen Finger in seine Hand und er zog. Sie war leicht wie eine Feder, es bereitete ihm überhaupt keine Mühe, sie auf festen Boden zu hieven. Wasser tropfte aus ihren Kleidern und sammelte sich in einer Pfütze um ihre Füße.

„Jetzt habe ich bestimmt irgendein armes Meerestier zu Tode erschreckt.“ Sie drehte sich um und sah auf den Tümpel. Die Wasseroberfläche im Felsbecken hatte sich noch nicht wieder beruhigt, sondern wogte heftig hin und her.

Gage war wie hypnotisiert. Sein Blick ruhte auf ihrem Hinterteil. Das nasse Leinen verdeckte nichts mehr, klebte durchsichtig an ihrem Körper wie eine zweite Haut. Großer Gott! Sie hatte den süßesten aller festen kleinen Pos. Genau die Form, die er schon immer bevorzugte.

Schließlich drehte sie sich um. Auch an ihrer Vorderseite bot der klatschnasse Stoff keinen nennenswerten Sichtschutz. Gage konnte alles deutlich erkennen – die Konturen ihrer Schultern und Schlüsselbeine, die sanfte Rundung ihres Busens, die vor Kälte zusammengezogenen Brustwarzen, die hervorstachen, ihren flachen Bauch, ihre Beckenknochen, die leichte Wölbung ihres Venushügels.

Hitze schoss durch ihn hindurch, wollte ihn verbrennen. Er war steinhart.

„Wir sollten zusehen, dass wir dich nach Hause bekommen.“ Er war schockiert von der Macht und der anhaltenden Intensität seiner Reaktion. Will sie haben, schrie sein Körper, muss sie haben.

Gage beschlich die ungute Ahnung, dass keine andere Frau als Skye dieses Verlangen würde stillen können.

3. KAPITEL

Für den Nachmittag hatte Skye sich mit Polly zu einer Koffeindosis in Form eines Latte im Captain Crow’s verabredet. Die Freundin saß bereits an der Bar und rührte in der übergroßen Tasse, als Skye zu ihr stieß. „Hi, wie geht’s dir?“, fragte sie.

Polly antwortete wie üblich strahlend lächelnd. „Mir geht’s immer gut, das weißt du doch.“

Skye setzte sich auf einen freien Barhocker und sah sich um. Gegen vier würde die Bar sich mit Menschen füllen, die auf ein Bier oder auf einen Cocktail herkamen, aber im Moment war es noch relativ ruhig. Der junge Mann, der die Profi-Kaffeemaschine bediente, schien neu zu sein. Jetzt drehte er sich um und kam hinter dem Tresen auf sie zu. „Was darf ich Ihnen bringen, Skye?“

Sie runzelte die Stirn. Er musste ungefähr Mitte zwanzig sein, hatte langes schwarzes Haar und war ziemlich mager. Sein Gesicht kam ihr nicht bekannt vor. „Entschuldigung, kennen wir uns?“

„Oh, Sie erinnern sich sicher nicht an mich.“

Er schien plötzlich sehr verlegen.

„Ich heiße Steven. Ich war mit Addy auf der Uni … Addison March, die den letzten Monat hier in der Bucht verbracht hat. Wir haben uns mal auf einen Drink getroffen, und sie hat mir die ganzen Sachen von Sunrise Pictures gezeigt.“

„Ja, sicher.“ Skye erinnerte sich. Addy studierte Filmwissenschaften. Als Examensstudentin hatte sie angeboten, das Katalogisieren der Gegenstände und das Archivieren der Dokumente zu übernehmen, wenn sie dafür Einblick in die Unterlagen und Originalhandschriften erhielt. „Hatten wir da miteinander zu tun?“

Der Barista lief rot an. „Nein, nein. Ich glaube, sie hat uns nur als Gruppe vorgestellt, mehr nicht. Möchten Sie auch einen Latte?“

„Ja, gerne.“ Skye sah ihm nach, als er sich wieder an der großen Maschine am anderen Ende der Bar zu schaffen machte.

„Noch ein weiterer deiner Bewunderer“, murmelte Polly neben ihr.

„Was? Nein! Ich kenne den Typen nicht einmal.“ Und sie wollte ihn auch nicht kennenlernen, denn er strahlte etwas Unangenehmes aus, bei dem sich ihr Magen zusammenzog. Obwohl … wollte sie fair bleiben, dann strahlten alle Männer für sie dieser Tage etwas Unangenehmes aus, sodass sich ihr Magen immer zu einem harten Stein zusammenballte.

„Gage Lowell schien mir doch gestern sehr angetan zu sein. Ich habe ihn mit dir zusammen im Garten gesehen.“

„Nein, du bist diejenige, von der er angetan ist. Er hat gesagt, er findet dich süß.“ Und da sie jetzt daran zurückdachte, wie sie ihn angefaucht hatte, die Finger von ihrer Freundin zu lassen, krümmte sie sich innerlich ein wenig.

„Ich hasse diese Bezeichnung.“

Polly sah plötzlich aus, als hätte sie in etwas sehr Saures gebissen.

„Süß.“ Polly schnaubte. „Ich bin überzeugt, genau das ist die Barriere, die mich davon abhält, ein erfülltes Liebesleben zu haben.“

„Ich dachte, „putzmunter‘ sei die Bezeichnung, die dir aufstößt. Zumindest war das letzte Woche noch so.“

„Ich habe darüber nachgedacht und meine Meinung geändert. Ich arbeite mit Kindern, da gehört das praktisch zur Qualifikation für den Job. Ich muss putzmunter sein.“

Der Barista kam zurück und stellte den Latte vor Skye hin. Als ein anderer Gast seine Bestellung aufgeben wollte, sodass der Mann hinter der Bar keine Gelegenheit hatte, ihr ein Gespräch aufzuzwingen, stieß sie erleichtert die Luft aus – womit sie das Bildchen aus schaumiger Sahne auf ihrem Kaffee verzerrte. „Wir beide wissen doch, was in deinem Fall der größte Stolperstein für ein erfülltes Liebesleben ist – Teague.“ Auch wenn ihre beste Freundin es sich nicht eingestehen wollte, sie hatte sich bis über beide Ohren in den Mann verliebt, der in ihr ebenfalls seine beste Freundin sah.

Die tiefe Falte auf Pollys Stirn war ein eindeutiges Zeichen, sie war nach wie vor nicht bereit, es zuzugeben, obwohl verräterische Röte in ihre Wangen kroch.

„Ich weiß nicht, was du meinst“, behauptete sie und starrte sie durchdringend an. „Und was ist es bei dir?“

Skye blinzelte. „Was? Mein größter Stolperstein? Nun … wie wäre es mit: Ich suche nicht nach einem erfüllten Liebesleben.“

„Nein, du suchst nach überhaupt keinem, weder erfüllt noch unerfüllt“, sagte Polly brummig. „Wieso nicht? Seit Dalton, dem Speichellecker, hast du dich mit niemandem mehr verabredet, und das ist schon Monate her.“

„Er ruft mich wieder an“, gestand Skye und wich damit bewusst vom Thema ab. „Wieso können manche Männer kein Nein als Antwort akzeptieren?“

„Vielleicht hast du einfach nur noch nicht den Mann gefunden, der die richtige Frage stellt. Dass du Nein zu Dalton sagst, kann ich nachvollziehen. Aber nehmen wir mal an, ein anderer Typ, zum Beispiel ein gewisser Gage Lowell, der letztens darauf bestanden hat, dass du mit ihm tanzt, würde fragen … Ich meine, wenn er sich an dich heranmachen würde …“

„Gage würde sich niemals an mich heranmachen.“ Das am Morgen bei den Felsen konnte man ganz bestimmt nicht so nennen, oder? Sie hatten einfach nur Seite an Seite gehockt und in die Ebbetümpel gestarrt … und dann hatten sie einander in die Augen gestarrt.

Prompt hatte sie wieder ein panischer Hitzeschwall überkommen, der ihre Haut glühen und das Herz in ihrer Brust viel zu schnell und viel zu hart schlagen ließ. Für einen Moment hatte sie wirklich geglaubt, Gage würde sie küssen. Etwas tief in ihrem Körper unterhalb der Gürtellinie hatte sich zusammengezogen. Aus Panik, wie sie vermutete. Sie hatte sich verzweifelt bemüht, Ruhe zu bewahren, dennoch war sie so nervös gewesen, dass sie rückwärts gestrauchelt war.

Alberne Närrin.

Überhaupt war dieses ganze Gespräch albern. „Können wir eigentlich nur über Männer reden?“, fragte sie mürrisch. „Ich komme mir ja vor wie ein Teenager auf einer Pyjamaparty.“

„Habe ich etwa deinen BH in die Gefriertruhe gesteckt?“, wollte Polly leicht eingeschnappt wissen. „Und haben wir etwa schon ausgelost, welcher Junge aus der aktuell angesagten Boy-group wen von uns zum Prom-Ball eskortiert?“

„Ah …“ Skye lächelte verträumt. „Ich wollte immer den, der aussah, als wäre er der Wildeste. Die anderen Mädchen aus meiner Klasse schmachteten regelmäßig den blonden Schönling an … oder den Leadsänger, der aussah, als würde er demnächst für das Amt des Schulsprechers kandidieren.“

„Von welcher Band reden wir hier?“ Polly nahm einen Schluck aus ihrer Tasse.

Auch Skye nippte an ihrem Kaffee. „Ist doch völlig gleichgültig. Jede dieser Bands setzt sich aus Mitgliedern zusammen, die je einen bestimmten Typus verkörpern. Ich fand immer den am interessantesten, der nach Ärger aussah.“

Polly warf ihr einen listigen Seitenblick zu. „Nun, er mag vielleicht nicht in einer Band sein, aber meiner Meinung nach sieht Gage nach garantiertem Ärger aus.“

„Wieso redest du ständig von Gage? Der Mann ist völlig gegen Beziehungen eingestellt. Er bleibt nicht einmal lange genug an einem Ort, um Two-Night-Stands zu haben.“

„Ich rede ja auch nicht von einer Beziehung. Du meine Güte, es ist Sommer. Er ist nur für ein paar Wochen hier. Lass dich einfach auf einen kleinen Urlaubsflirt mit ihm ein.“

Ein Urlaubsflirt mit Gage Lowell? Skye fühlte wieder Hitze in sich aufsteigen, als sie an seinen muskulösen Körper, seine breite Brust und seine fantastischen türkisblauen Augen dachte. Er hatte ihre Hand gehalten, seine langen Finger stark und sicher um ihre gelegt, und nun, da sie sich daran erinnerte, sah sie diese Finger, wie sie sich an Blusenknöpfen und BH-Verschlüssen zu schaffen machten und Haut freilegten. In dieser Region in ihrem Unterleib begann es wieder zu puckern, genau wie auf dem Felsen bei den Tümpeln.

„Du solltest es dir wirklich überlegen“, fuhr Polly fort. „Es ist doch Ewigkeiten her, seit du das letzte Mal Sex gehabt hast.“

Gage. Sex. Skye schob ihre Tasse von sich. Ihre flatternden Nerven und dieses nicht zu kontrollierende Gepucker brauchten nicht noch zusätzlich aufputschendes Koffein. Sie wünschte, Polly hätte dieses Thema nicht aufgebracht, denn jetzt blitzten Bilder in ihrem Kopf auf und ließen sie an Dinge denken, die sie nicht haben konnte.

Mit niemandem.

„So richtig fasse ich es noch immer nicht – ich bin tatsächlich hier“, sagte Gage, als er auf der Terrasse des Captain Crow’s saß und sich zusammen mit seinem Zwillingsbruder das tägliche Fünf-Uhr-Nachmittagsritual ansah. Ein Mann in Surfershorts stand neben einem Flaggenmast im Sand und blies in die Schale einer Meeresschnecke von der Größe eines Footballs, dann wurde die Fahne gehisst – ein blaues Stück Stoff, auf dem das Martini-Logo prangte.

Gage hob seine Bierflasche und toastete dem flatternden Lappen zu. „Auf die Happy Hour!“ Dann stieß er mit Griffin an. „Ja, ja, das Leben geht eben immer irgendwie weiter.“

Griffin ging nicht auf diesen philosophischen Kommentar ein, sah ihn nur mit kritischem Blick an. „Du hast deine Kamera nicht dabei.“

„An deiner außergewöhnlichen Beobachtungsgabe hat sich also nichts geändert. Kein Wunder, dass du all die namhaften Preise für deine Reportagen abräumst.“

„Warum hast du deine Kamera nicht dabei?“

Auch auf seine spöttische Bemerkung ging Griffin nicht ein. Gage zuckte mit den Schultern. Er konnte es sich selbst nicht erklären, wieso das Objekt, das er jahrelang als lebenswichtiges Attribut erachtet hatte, ihn plötzlich nicht mehr interessierte.

„Irgendetwas stimmt nicht“, sagte Griffin tonlos. „Verdammt, ich wusste es doch. Schon seit Wochen weiß ich es!“

Gage nahm einen langen Schluck aus seiner Flasche. „So? Kannst du Beweise vorlegen? Ich bin hier, gesund und munter …“

„Und ohne Kamera.“

„Die muss ich doch nicht ständig mit mir herumschleppen.“

„Doch, du hast immer eine Kamera dabei. Außer beim Sex. Und da nimmst du sie laut deiner eigenen Aussage nur deshalb nicht mit, weil das die Frauen verklemmt werden lässt. Sie befürchten nämlich, sie könnten das Objekt in deiner Linse werden.“

„Und ich habe keine Lust, Zeit mit verklemmten Frauen zu vergeuden, stimmt. Dafür ist das Leben zu kurz.“ Gage trank noch einen Schluck von seinem Bier und genoss den Anblick der Menschen um sich herum.

Griffin sagte nichts, dennoch konnte Gage seinen Blick auf sich liegen spüren.

„Und wieso sitzt du hier so ruhig? Du trommelst nicht mit den Fingern auf dem Tisch und wackelst nicht nervös mit den Knien“, fragte sein Zwillingsbruder schließlich doch. „In deinem ganzen Leben hast du noch nie still gesessen.“

„Vielleicht habe ich mit zunehmendem Alter Geduld gelernt.“ Enge Räume, aus denen es keinen Ausweg gab, konnten Wirkung auf einen Mann zeigen. Als Griffin nur schnaubte, richtete Gage den Flaschenhals auf ihn. „Du hast dich auch verändert. Großer Gott, ich meine … du bist verlobt.“

Griffin kniff die Augen zusammen. „Du weichst meiner Frage aus.“

„Dann stelle mir eine, die Sinn ergibt.“

„Warum Crescent Cove?“

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