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Der kleine Junge, der ich war

Als Buch hier erhältlich:

Dies ist eine wahre Geschichte, zärtlich und voller Emotionen, ein aufrichtiges authentisches Zeugnis über das Aublühen dessen, was wir tief im Inneren sind. Mit Liebe, Humor und Offenheit erzählt Galia, die Königin des Pariser Nachtlebens, die Geschichte ihrer Kindheit. Als kleiner Junge wie kein anderer, dessen Geschichte nun hochkarätig besetzt in Frankreich verfilmt wird.
  • Erscheinungstag: 17.08.2020
  • Seitenanzahl: 224
  • ISBN/Artikelnummer: 9783312011896
  • E-Book Format: ePub
  • E-Book sofort lieferbar

Leseprobe

Galia

Der kleine Junge,
der ich war

Roman

Aus dem Französischen
von Felix Mayer

Für
Gérald Nanty

 

Prolog

 

 

Dieser Dreh will einfach kein Ende nehmen. Zum Glück sind wir schon bei der letzten Einstellung. Ich werfe mich in Positur und lächle, eingewickelt in einen blutroten Mantel aus Murmeltierfell, schwelgerisch in die Kamera, um die Fernsehzuschauer zu ermuntern, meine nächste Show zu besuchen, die »In The Place« heißen und im Bataclan laufen wird.

»Galia, bitte, ein bisschen mehr Wärme im Ausdruck!«, ruft der Regisseur mir zu.

Ein bisschen mehr Wärme? Es ist schweinekalt, und wahrscheinlich wird es auch bald schneien an diesem eisigen Samstag im Dezember 2010. Ich habe gute Lust zu erwidern, dass ich mir den Busen abfriere, aber leider ist der Regisseur völlig humorlos. Wie ich jetzt nach diesem nicht enden wollenden Tag weiß, würde er den Witz nicht verstehen. Mehr als einmal war ich kurz davor, mich in meinen zwölf Zentimeter hohen Louboutins auf dem Absatz umzudrehen. Doch in der Not frisst der Teufel Fliegen, und das Verlangen muss sich der Vernunft beugen.

Letzte Woche habe ich, nach achtzehn Jahren treuer Dienste, das Queen verlassen, die berühmte Diskothek auf den Champs-Élysées. Jeden Sonntag hatte ich dort meine Show »Overkitsch« präsentiert, die nicht nur in der Schwulenszene Kultstatus erlangt hatte, sondern auch, wie ich wohl behaupten darf, bei allen Nachtschwärmern dieser Welt. In Paris am Sonntagabend ein volles Haus zu haben, hatte als ein Ding der Unmöglichkeit gegolten, und doch war mir das fast zwei Jahrzehnte lang geglückt.

Ich trennte mich also von »Ihrer Fatiennität« (so mein Kosename für Philippe Fatien, meinen hinreißenden Chef) und stürzte mich in eine gewaltige Herausforderung: Ich fing noch einmal von vorne an.

»Du musst verrückt sein, die Champs-Élysées für die Place de la République aufzugeben«, hatte mein zukünftiger Ex-Chef mir anstelle eines Abschiedsgrußes mit auf den Weg gegeben.

Verrückt bin ich in der Tat, und das schon sehr lange. Seit ich begriffen habe, dass »nur diejenigen die Welt verändern, die verrückt genug sind, daran zu glauben«.

 

Mist, jetzt hat es auch noch angefangen zu schneien, das wird mir meine sorgfältig gefönte Frisur ruinieren. Der Regisseur schreit herum, aufgekratzt wie ein Bonobo, der gerade ein Büschel Bananen entdeckt hat:

»Los jetzt, schnell! Der Schnee, der rote Pelz, dazu dieses Licht – Galia, du bist umwerfend! Ruhe, bitte!«

Wie niedlich, der hält sich wohl für Fassbinder.

»Bravo! Die Sache ist im Kasten!«

Plötzlich stürzt ein Assistent auf mich zu und reicht mir mein Telefon.

»Das hört einfach nicht auf zu klingeln.«

Ich gehe ran.

 

Mit belegter Stimme teilt Kennedy mir mit, dass Gérald einen Herzanfall hatte. Er wird gerade in die Notaufnahme des Hôpital Américain in Neuilly gebracht.

Vom Himmel fallen große Schneeflocken. Ich weiß nicht mehr, wo ich bin. Der Lärm um mich herum dringt nur noch gedämpft zu mir, wie durch Watte.

Gérald Nanty – oder Nantounnet, wie Alice Sapritch ihn nannte –, der seit ewigen Zeiten mein Freund ist, mein Leuchtturm in der Nacht, mein Schutzschild, mein Pygmalion, den ich als jungen Mann kennengelernt habe, als ich im Alcazar zum ersten Mal auf der Bühne stand, der sich in der Welt des »Tout Paris«, vor der ich mich so sehr ängstigte, für mich stark machte, der Prinz der Nacht und der König der Feste, vom Colony bis zur Mathis Bar, der stets für alle ein offenes Ohr hat, der ein so ausgesprochenes Taktgefühl und einen gefürchteten Humor besitzt, der für eine geistreiche Bemerkung seine Seele verkaufen würde, der ständig den Kopf voller Pläne hat und auf Dutzenden Hochzeiten gleichzeitig tanzt – er kann mich doch nicht einfach so verlassen! Ich will doch noch so vieles von ihm lernen, ihm noch so vieles erklären, ihm noch so vieles erzählen, noch so vieles anvertrauen. Was weiß er denn schon von mir?

1

 

»Wie heißt du denn?«

»Dominique.«

»Und wie alt bist du?«

»Sieben.«

»Du bist wirklich ein ausgesprochen hübsches Mädchen, Dominique.«

»Ja, aber meine Oma will das nicht.«

»Sie will das nicht … Was genau will sie nicht?«

»Sie sagt, ich bin kein Mädchen.«

Die Verkäuferin blickte verdutzt drein. Sie wusste nicht, was sie diesem Kind mit den delikaten Gesichtszügen entgegnen sollte, das sie mit großen Augen fragend ansah und auf eine Antwort wartete, die der Meinung seiner Großmutter widersprochen hätte. Sie drehte sich um und wandte sich einer Kundin zu, die eben hereingekommen war. Behutsam verstaute Dominique das Kastanienmehl, das Lonzu und die Coppa in einem Einkaufsnetz, zog die Kordeln der Kapuze seines Dufflecoats zusammen und machte sich auf den Weg.

Seine Großmutter Nine wartete bestimmt schon eine ganze Weile auf ihn. Sie schickte ihn nur ungern zum Einkaufen so weit weg, aber der einzige Laden, in dem man wirklich erstklassige korsische Wurstwaren bekam, lag am Rand von Le Panier, dem ältesten Viertel von Marseille. Weil sie ihren Betrieb, die urige Bar des Muettes, nicht unbeaufsichtigt lassen konnte, nahm sie in Kauf, dass ihr Enkel, der nun schon fast sieben war, für sie diesen Weg machte.

In diesem Winter 1956 wurde Marseille von einer außergewöhnlichen Kältewelle heimgesucht. Die Stadt glich einem Eisschrank, und sie kam nur schwer mit den arktischen Bedingungen zurecht. Zur großen Freude der Jungen und zum Leidwesen der Alten hatten sich die Straßen von Le Panier in Eisbahnen verwandelt, auf denen die Menschen reihenweise stürzten, mit zum Teil schwerwiegenden Folgen.

»Wo bleibst du denn so lange, Domino? Ich habe mir schon Sorgen gemacht.«

»Ich habe auch für Mama eingekauft, sie wartet bestimmt auch schon auf mich.«

Nine nahm den Jungen in die Arme, drückte ihn fest an sich und bedeckte sein Gesicht mit Küssen. Voller Wonne sog Domino den Geruch ihres Parfüms ein, Fleurs de rocaille von Caron. So stand es auf dem Flakon, den sie sorgfältig im Spiegelschrank ihres Schlafzimmers aufbewahrte, gleich neben den Taschentüchern aus Spitze und den Schultertüchern aus Musselin, mit denen sie ihre Erscheinung, die von makellosen Haarknoten und schwarzen, zugleich schlichten und eleganten Kleidern geprägt war, kunstvoll ergänzte. Domino liebte und bewunderte seine Großmutter mehr als seine Mutter, mehr als alles andere auf der Welt.

Er wohnte mit seinen Eltern in derselben Straße, verbrachte jedoch die meiste Zeit bei ihr, seiner Großmutter mütterlicherseits, einer schönen Italienerin mit pechschwarzem Haar, königsblauen Augen und einer Haut, die so weich und weiß war wie das Federkleid eines Schwans. Er vergötterte sie geradezu, und auch sie war ihm innigst zugetan. Sie war die Einzige, die ihn liebkoste, die ihn verwöhnte, die ihn liebte. Doch sie wollte keinesfalls, dass man ihn für ein Mädchen hielt. Er selbst dagegen spürte genau, dass er ein Mädchen war. Und sagten die Leute nicht auch andauernd, er sei »so hübsch wie ein kleines Mädchen«?

2

 

Und so steht es um den kleinen Dominique: Als Sohn einer italienisch-korsischen Mutter und eines Vaters, der von den Inseln stammt, über denen am frühen Morgen der Duft von Ylang-Ylang und Vanille liegt, kommt er in den 50er-Jahren in Marseille zur Welt. Schon bald wird er Domino genannt. Warum? Vielleicht weil das Wort an die Mischung aus Schwarz und Weiß denken lässt, vor allem aber wohl, weil diese Koseform seines Vornamens durch das Chanson von André Claveau damals in aller Munde war.

Dieser kleine Junge mit den feinen Gesichtszügen, der eine maßlose Schwäche für den modischen Nippes seiner Mutter hatte, war das hässliche Entlein im Viertel Le Panier, wo es keine Zwischentöne gab, wo die Männer wortkarg und männlich zu sein hatten und die Frauen der Inbegriff der Weiblichkeit.

 

Domino hatte sich für eine Seite entschieden. Mit Jungs war er nicht gern zusammen, für ihre brutalen Spiele und ihre raubeinige Art hatte er nichts übrig. Die Gesellschaft von Mädchen dagegen liebte er, er mochte ihre Zartheit, spielte gern mit ihnen Himmel und Hölle oder Kaufladen. Das Weibliche faszinierte ihn. Er wusste, das war seine Welt. Tief in seinem Inneren war er davon überzeugt, ein Mädchen zu sein. Sehr oft wurde er auch für ein Mädchen gehalten. Und in seiner Unbedarftheit glaubte er, eines Tages würde sich über Nacht eine Wandlung vollziehen und er würde als junges Fräulein aufwachen. Jeden Morgen sah er nach, ob sein Schwänzchen abgefallen war, und um das Ganze zu beschleunigen, setzte er sich beim Pinkeln hin. Er wusste, dass eines Tages, so wie in dem Märchen, aus dem hässlichen Entlein ein bewundernswertes Geschöpf würde. Und hatte nicht erst neulich Madame Scorati, seine bezaubernde Lehrerin, zu seiner größten Freude davon erzählt, dass es auch schwarze Schwäne gab?

3

 

Bei der Hausarbeit war Domino ganz in seinem Element. Besonders glückliche Stunden verlebte er im Waschhaus, wohin seine Mutter ihn manchmal mitnahm. Unter den Frauen, die dort gemeinsam ihre Wäsche wuschen, herrschte eine Atmosphäre der Sorglosigkeit, der Heiterkeit und der Lebensfreude, in der er sich rundum wohlfühlte. Die Kleidung wurde in einem der beiden Becken eingeweicht, dann mit großen Seifenstücken abgerieben und anschließend im anderen Becken gespült. Domino half beim Auswringen, dann wurde alles in Plastikwannen verstaut und er ging mit den Frauen wieder zurück zu ihren Häusern, wo sie die herrlich frisch duftende Wäsche auf Leinen aufhängten, die über Rollen liefen und auf Höhe jedes Stockwerks quer über die Straßen gespannt waren. Auf diese Weise beflaggt, wirkte das Viertel, wenn auch wohl nur in Dominos Augen, wie ein zum Dorffest herausgeputzter Ort.

Ebenso gern half er bei der Zubereitung der Mahlzeiten. Wenn er Knoblauch und Petersilie hackte und Gemüse putzte, war er ganz in seinem Element. Und er war stolz wie ein Pfau, wenn er das mit Senf bestrichene Kaninchen zum Bäcker tragen durfte, das dort im Ofen schmoren sollte, auf seinem Bett aus Kartoffeln, Knoblauchzehen, Thymian und Lorbeer, üppig mit weißem Landwein übergossen.

 

Weil er sich überall instinktiv anpasste, seine Vorstellungskraft keine Grenzen kannte und er einen ausgeprägten Optimismus besaß, sah er an allen Dingen nur die angenehmen Seiten. Mit seiner Lebensfreude war er gern gesehen. In der korsischen Gemeinschaft, die dieses malerische Viertel bevölkerte, hatte er seinen festen Platz. Die Frauen vergötterten diesen goldigen Jungen, der so hilfsbereit und aufmerksam war und über alles Bescheid wusste, was gerade in Mode war. In den Augen der Männer war er zwar arg schwächlich und schmalbrüstig, aber sein Ruf als gefürchteter Belotespieler verschaffte ihm, sehr zur Freude von Nine, Bekanntheit über die Grenzen des Viertels hinaus. Daher begegneten ihm auch die Männer mit einem Lächeln.

Schon sehr früh hatte Domino begriffen, dass er nur dann von den anderen akzeptiert wurde, wenn er sie auf den Gebieten übertraf, auf denen sie sich für überlegen hielten. Mit der Zeit hatte er auch einsehen müssen, dass sein Wunsch nach einer Verwandlung sich wohl nicht erfüllen würde, und obwohl ihn diese Erkenntnis bisweilen traurig stimmte, fand er sich damit ab, weil er wusste, dass eine solche Metamorphose für seine Großmutter äußerst schmerzhaft gewesen wäre.

4

 

In der Schulbildung erkannte er schon bald den Schlüssel, der ihm die Türen zum Wissen und zur Macht öffnen und ihm ermöglichen würde, dem Milieu zu entfliehen, das er nicht als das seine akzeptieren wollte. Er ging für sein Leben gern zur Schule und wechselte als Klassenbester aufs Gymnasium, wo er von Mitschülern umgeben war, von denen kein einziger aus seinem Viertel stammte. Damals besuchten die meisten Kinder die Schule nur bis zum Alter von vierzehn Jahren und traten dann ins Berufsleben ein. Oft geriet Domino ins Träumen, wenn er sah, wie manche seiner neuen Klassenkameraden von ihren Eltern, die jeden Tag gekleidet waren, als wäre es Sonntag, mit dem Auto abgeholt wurden.

Nur den ersten Schultag des Jahres fand er entsetzlich, wenn alle Schüler auf einem leeren Blatt Papier ihren Namen angeben mussten, dazu Geburtsdatum und Geburtsort sowie – das war das Schlimme – den Beruf der Eltern. Er empfand es als quälend und erniedrigend, gegenüber all diesen Söhnen von Ärzten, Lehrern, Ingenieuren, Handelsreisenden und Soldaten zugeben zu müssen, dass sein Vater nur »Kapitänsgehilfe« war, ein in seinen Augen wenig prestigeträchtiger Beruf. Daher dachte er sich schon bald einen passenderen Titel aus: »Hotellerieattaché zur See«. Eine pompöse und völlig frei erfundene Bezeichnung, die bei seinen Schulkameraden Bewunderung und bei seinen Lehrern Stirnrunzeln hervorrief.

Sein Vater war elf Monate im Jahr auf See, und diese langen Abwesenheiten erlebte Domino als einen Segen. Weil er sich durch und durch weiß fühlte, war ihm die Gegenwart seines farbigen Vaters unerträglich. Er war sogar der festen Überzeugung, nicht sein Sohn zu sein, nachdem er sich in seinen Hirngespinsten eingeredet hatte, er sei bei der Geburt vertauscht worden. Wenn jedoch die anderen Jungen in der Schule ihn »Schoko« oder »Bimbo« nannten, konnte er die offenkundige Wahrheit nicht leugnen. Dann bot er dieser Rassistenbrut die Stirn und gab zurück:

»Ich kann wenigstens sicher sein, dass ich der Sohn meines Vaters bin!«

Kinder behandeln ihresgleichen oft grausam, und wer offenkundig aus der Reihe fällt, hat kein leichtes Leben. Mehr als einmal bekam Domino eine Abreibung verpasst, weil er seinem Vater, der ihn ansonsten über alles liebte, zu verstehen gegeben hatte, dass seine Hautfarbe für ihn ein gravierendes Hindernis darstellte.

Als die Familie eines Tages beim Essen saß, bat Domino seine Mutter, am nächsten Tag in die Schule zu gehen, weil die Lehrer die Eltern ihrer Schüler kennenlernen wollten.

»Das übernehme ich«, schaltete sich sein Vater ein.

»Nein, ich will nicht, dass du hingehst.«

»Und warum?«

»Weil du schwarz bist!«

Als Antwort nahm Antoine das Baguette vom Tisch und schlug damit seinem Sohn auf den Kopf, sodass es entzweibrach. Domino erkannte sofort, wie bedrohlich die Lage war, stürzte davon und floh zu seiner Großmutter. Diese musste einige Mühe aufwenden, um Antoine, der ganz außer sich war, wieder zu beruhigen.

So wie er sein Schwarzsein nicht akzeptieren wollte, wollte Domino sich auch nicht mit der Armut abfinden, in der er lebte und in die alle anderen sich schicksalsergeben fügten. Er weigerte sich, den vorgezeichneten Weg einzuschlagen, auf den man ihn drängen wollte, wehrte sich gegen den Eintritt in eine Welt, in der die Mädchen mit siebzehn heirateten und Mütter wurden, in der die Jungs im besten Fall Hafenarbeiter oder Matrosen wurden und sich auf den Kais von La Joliette herumtrieben, und in der auch Prostitution und Kleinkriminalität immer ein möglicher Weg waren.

5

 

Mit der Zeit wurden die Lektüre und das Lernen für die Schule zu immer wichtigeren Refugien, in die er vor der Banalität des Alltags fliehen konnte. Weder die Scheidung seiner Eltern noch die Trennung von seinen Geschwistern machten ihm über Gebühr zu schaffen. Die Rüstung, die er sich geschmiedet hatte, bot ihm sicheren Schutz. Nur der Tod seiner Großmutter, dieser heiligen, bewundernswerten und so schönen Frau, die eines Tages nach langer Krankheit starb, war für ihn ein entsetzliches Ereignis und warf ihn aus der Bahn.

Unter dem Einfluss der ausgiebigen Lektüre von »Frauenromanen« – der Bücher von Max du Veuzit, Delly oder anderer Liebesromane –, die ihn stets in einem Zustand unendlicher Verliebtheit und voller Erwartungen zurückließen, bildete sich seine Persönlichkeit heraus, die sich immer mehr als zwiefältig erwies und die er geflissentlich pflegte, ohne dass dies seine Familie, die in seinen Augen ohnehin nicht mehr existierte, ernsthaft beunruhigt hätte.

Die Pimmelspiele seiner Schulkameraden interessierten ihn nicht und er weigerte sich, daran teilzunehmen. Doch manchmal stellte er mit Befremden fest, dass er sich zu einigen der jungen, glutäugigen Aufseher hingezogen fühlte. Er selbst sah sich schon seit Langem den erotischen Annäherungsversuchen bestimmter älterer Herren ausgesetzt, die vor Freundlichkeit nur so troffen. Sie widerten ihn zutiefst an, doch er wagte es nie, jemandem davon zu erzählen. Warum war er anders als seine Klassenkameraden, die nur für die Mädchen des Gymnasiums gegenüber Augen hatten?

In Gegenwart von Frauen fühlte er sich wohl, weitaus mehr als unter gleichaltrigen Jungs, mit denen er doch in den zurückliegenden Jahren oft und gern gespielt hatte. Sehr zum Verdruss seines Vaters, der regelmäßig handgreiflich wurde und ihn aus Spielen herausriss, bei denen er durch seine Anmut und seine Beweglichkeit glänzte, wie etwa Himmel und Hölle, Seilspringen oder Puppenküche. Daher erwies er lieber den urwüchsigen und bodenständigen Frauen, die in den 60er-Jahren das Viertel Le Panier bevölkerten, kleine Gefälligkeiten. Die unterschiedlichen Volksgruppen blieben hier zwar größtenteils unter sich, pflegten aber eine ausgesprochen wohlwollende Nachbarschaft.

Die Namen der Gassen, die ein dichtes Netz bildeten – Rue du Refuge, Rue de la Providence, Rue de la Charité, Rue du Puits-du-Denier, Rue des Muettes (hier war er zur Welt gekommen), Rue des Repenties, Montée du Calvaire, Montée du Saint-Esprit (dort lag seine Schule) –, gaben beredtes Zeugnis von dem Leid und dem Elend, das die Bewohner dieses hübschen Marseiller Hügels, der sich im grünlichen Wasser des Alten Hafens spiegelte, jahrhundertelang hatten ertragen müssen.

Domino liebte seine Heimatstadt, die Stadt von Marius und Caesar, von Raimu und Fernandel, aber auch von Olympique Marseille. Obwohl er sich nicht für Fußball interessierte, ging er doch gern zusammen mit den Älteren aus seinem Viertel ins Vélodrome. Sich fast bis zur Besinnungslosigkeit in der freudig erregten Menge zu verlieren, die wie aus einer Kehle brüllte und nur ein einziges Ziel vor Augen hatte, den Sieg, versetzte ihn in einen rauschartigen Zustand. Begierig fieberte er diesen Momenten der intensiven Verbundenheit mit anderen entgegen, in denen der Einzelne nur ein winziges Teilchen ist, aber eben auch unabdingbarer Bestandteil eines alles überragenden Ganzen.

Eine vergleichbare sinnenbetörende Erfahrung machte er sonntags in der Kathedrale, wo der Weihrauch und die Grabesstille ihm bisweilen zu Kopf stiegen und sich mit morbiden Gedanken vermischten, in denen die Liebe und der Tod sich in trauter Zweisamkeit verbanden.

Noch weniger als die sonntägliche Messe hätte er die Kinovorstellungen am Sonntagnachmittag versäumen wollen. Während die Männer Fußball spielten oder in der Bar des Muettes Karten kloppten – zu dieser Zeit hatte das Fernsehen die beengten Wohnungen noch nicht erobert –, bot das Kino den jungen Ehepaaren des Viertels die heiß ersehnte Gelegenheit, sich für eine Weile von ihren Sprösslingen loszumachen. Der Gemeindesaal diente in diesen Stunden als Kinderhort.

Nach der Wochenschau, den Zeichentrickfilmen und der Pause, in der jene, die nicht ganz so arm waren, sich eine Tüte Minzbonbons leisteten oder, wenn der Monat noch jung oder das Kindergeld gerade ausbezahlt worden war, ein Eis am Stiel, konnten im abgedunkelten Saal endlich alle bei den Schlachten zwischen Cowboys und Indianern mitfiebern, für die sie sich so begeisterten. Die Rothäute waren dabei natürlich die Bösen. In den Reihen mit den Sitzen aus granatrotem Moleskin oder braunem Holz (es gab verschiedene Preisklassen und die billigen Plätze lagen in den vorderen Reihen) erhob sich ein Geschrei und Gekreische, sobald ein Komantsche den schönen blonden jungen Mann zu überraschen drohte, der gleich einem Tex Avery-Wolf die hinreißende junge Squaw mit den Augen verschlang, die am Fluss die Wäsche ihres Stammes wusch. Obwohl Madame Denise, die Besitzerin der Kinos Le Réfuge und Le Provençal, ihr Programm sorgfältig zusammenstellte, gerieten manchmal auch ausgesprochene Schundfilme auf die Leinwand. Dann mussten die braungelockten Köpfchen, die in die Falle geraten waren, Geliebte des Strafverteidigers, Opfergang einer Mutter oder andere italienische Melodramen über sich ergehen lassen. Domino jedoch liebte diese rührseligen Geschichten, die einen mit den geröteten Augen eines Albinohasen zurückließen und mit einem Lächeln auf den Lippen, das, vor allem nach einem glücklichen Ende, noch einfältiger war als das der verzückten Besucher eines Krippenspiels. Darüber hinaus erlag er dem Sexappeal einer Sophia, einer Gina, einer Sylvana, einer Rita und einer Ava, und identifizierte sich, anders als seine Altersgenossen, mit diesen rassigen Frauen von verhängnisvoller Schönheit, die die Zuschauerinnen beim ersten Anblick verteufelten und denen die Männer für ihr Leben gern einmal begegnet wären.

Auch wenn er seine Kitschromane las, gelang es ihm nicht, sich in die männliche Hauptfigur hineinzuversetzen. Lieber fühlte er sich in die Seele der blonden, jugendlichen Waise ein. Seine Lieblingsgeschichte war Dornröschen, und er glaubte fest daran, dass ihn eines schönen Morgens ein Märchenprinz mit einem Kuss, so sanft wie der Flügelschlag seines Schutzengels, erwecken würde, dem Fluch des schlimmen Schicksals, mit dem eine böse Fee ihn bei der Geburt belegt hatte, ein Ende bereiten und aus ihm wieder die Prinzessin machen würde, die er schon immer gewesen war. Zwar war ihm sehr wohl bewusst, dass diese Sehnsüchte durchaus sonderbar waren, aber er konnte sich nicht erklären, woher diese Fehlgerichtetheit rührte. Irgendwann wurde seine Neugier so groß, dass er mehr wissen wollte. Und er erfuhr, dass Jungen ein X- und ein Y-Chromosom besaßen, Mädchen dagegen zwei X-Chromosomen. Er selbst hätte sich die Kombination XXY gewünscht. Doch das war die der Verbrecher!

6

 

Alles, was Sexualität betraf, wirbelte in Domino unzählige Fragen auf. Also machte er sich unermüdlich kundig, indem er alles las, was er zu diesem Thema in die Hände bekam. Schon bald stellte die Fortpflanzung der auf Erden lebenden Geschöpfe kein Geheimnis mehr für ihn dar, und in der Schule beeindruckte er die ganze Klasse durch seine Kenntnisse der »Mysterien des Lebens«.

Als er in der neunten Klasse war, fand er Antworten auf einige etwas konkretere Fragen. Zu Beginn des Schuljahres hatte er einen neuen Vertrauten gewonnen. Dieser wusste offenbar weitaus besser als er selbst, wie es in der Welt zuging. Nachdem sie sich miteinander angefreundet hatten, brachte Patrick ihm Gides Der Immoralist nahe, wie auch Malapartes Die Haut. Als Patrick sah, mit welcher Unbedarftheit der Junge diese Bücher las, ohne sie wirklich zu verstehen, beschloss er, von der Theorie zur Praxis überzugehen.

Eines Tages stellte er ihm auf dem Heimweg von der Schule einen zwanzigjährigen Mann vor, der geradewegs einem zweitklassigen Western zu entstammen schien. Domino empfand die Gegenwart des Fremden zunächst als peinlich und erlebte dann geradezu einen Schock, als der Cowboy, – der zum Trocknen auf einem Fass gesessen haben musste, so krumm waren seine Beine – Patrick an der Taille packte, ihn in eine Toreinfahrt zog und ihm einen satten Kuss auf den Mund drückte. Vielleicht fürchtete Domino, sein Freund könnte sich im nächsten Augenblick in eine Prinzessin verwandeln – jedenfalls nahm er die Beine in die Hand und rannte, schneller als Zátopek es gekonnt hätte, die Avenue nach Le Panier hinab und flüchtete sich in die heimatlichen Gassen.

Tags darauf wollte Patrick ihm sein Verhalten vom Vortag erklären, doch Domino entzog sich ihm. Nach Schulschluss machte er sich sogar mit jenen Kameraden auf den Heimweg, die in seinen Augen die doofsten waren und die als »BEKs« verspottet wurden. Patrick hatte ihm kurz zuvor verraten, wofür diese Abkürzung stand: »Butter, Eier, Käse«. So war es auf den Schaufenstern der Milchläden zu lesen. Domino fand es ungerecht, einen nützlichen Beruf so abschätzig zu behandeln, ihm war jedoch nicht bewusst, in welch schamloser Weise manche dieser Leute sich während des Krieges bereichert hatten. Der eigentliche Grund für sein Wohlwollen war allerdings, dass es ihm der ausgesprochen gutaussehende Sohn der Milchhändlerin angetan hatte, der gerade seinen Wehrdienst leistete und in seiner blauen Marineuniform äußerst schneidig daherkam.

Die Missstimmung zwischen Patrick und Domino hielt einige Tage lang an. Selbst ihre Klassenkameraden wunderten sich darüber. Erst Dominos Geburtstag, der wie gerufen kam, machte diesem Intermezzo ein Ende. Als der Tag da war, überreichte Patrick seinem Freund wortlos ein Päckchen und drehte sich auf dem Absatz um. Domino machte es erst auf, als er sich nach dem Abendessen in sein Zimmer zurückgezogen hatte. Darin befand sich ein Taschenbuch, auf dessen Einband ein junger Mann in einem langen weißen Gewand zu sehen war, der mit unschuldiger Miene wie entrückt in die Ferne blickte und mit seinen sinnlichen, vollen Lippen ein Gebet zu murmeln schien, das vermutlich kaum Ausdruck der Frömmigkeit war. Heimliche Freundschaften – der Titel machte Domino neugierig. Der Autor, Roger Peyrefitte, stand nicht auf dem Lehrplan, weshalb er noch nie etwas von ihm gehört hatte. Er fing sofort zu lesen an. Die Zeit verging. Als es spät geworden war, löschte er, nicht ohne sich überwinden zu müssen, das Licht. Doch trotz der Dunkelheit fand er keinen Schlaf. Eine solche Liebesgeschichte zwischen zwei jungen Männern, so rein, so schön – war das denkbar? War eine solche Verschmelzung erlaubt? Die erste Frage konnte vermutlich mit Ja beantwortet werden, die zweite dagegen sicher nicht. Er schlief unruhig und die Nacht war kurz, und Patrick, da war er sich jetzt sicher, kannte die Antworten auf diese Fragen.

Als er am nächsten Morgen in die Schule kam, eilte er umgehend zu seinem Freund, der sich nicht lange bitten ließ und ihm erklärte, dass die Liebe zwischen zwei Jungen zwar nichts Alltägliches, aber doch auch nichts Ungewöhnliches war. Patrick schloss sogleich einen Schnellkurs in Sachen Sexualität an, bei dem jede seiner Erläuterungen auf Seiten Dominos neue Fragen hervorriefen. Dieser lernte im Laufe nur eines Tages mehr als in all seinen Jahren auf dem Gymnasium. Und er war unendlich erleichtert, als ihm klar wurde, dass er nicht der Einzige war, der sich zu Jungs hingezogen fühlte. Nicht wenig überrascht erfuhr er, dass gleichermaßen ein Mädchen ein Mädchen lieben konnte. Außerdem begriff er, dass solche Liebschaften von der Gesellschaft nicht akzeptiert wurden. Doch erst nach sehr langer Zeit wagte er, nicht ohne zu erröten, eine Frage zu stellen, die ihm keine Ruhe ließ: Wie machten es zwei Männer, wenn sie miteinander schliefen? Die absichtlich unverblümte Antwort zerstörte mit einem Schlag die Hochstimmung, in der Domino den ganzen Tag lang während seiner Initiation geschwebt hatte. Patrick, dem es ein wenig unangenehm war, ihn so erschreckt zu haben, gestand daraufhin ein, dass es bei ihm selbst noch nie so weit gekommen war.

Auf dem Heimweg wäre er mehrfach beinahe von Autos überfahren worden, die er schlicht übersah, so tief war er in seine tausendfältigen Gedanken versunken. Die Zukunft schien ihm düster, und der Selbstmord Alexandres, des jungen Chorknaben aus Heimliche Freundschaften, dessen Zeuge er im Fortgang seiner Lektüre wurde, verstärkte seine Zweifel und Ängste nur noch. Er hatte erfahren, was die Mischung zweier Hautfarben bedeutete, hatte die Armut kennengelernt und entdeckte jetzt die Homosexualität.

Beim Einschlafen fragte er sich, wer wohl die böse Fee war, die ihm ein in so vielerlei Hinsicht schweres Schicksal bereitet hatte.

7

 

Auch andere Jugendliche verspürten also solche Neigungen wie er. Auf einmal verstand er auch die Anspielungen, die er bisweilen auf der Straße zu hören bekam. Sein »Anderssein«, über das man sich lustig machte, gründete nicht nur in seiner Hautfarbe. Oft hatte er gehört, wie seine Mutter ihren Nachbarinnen, die sein Verhalten beunruhigend weibisch fanden, entgegnet hatte, das werde sich »mit der Zeit schon auswachsen«. Auch seine Tante Marinette, die aufgeweckteste Frau im ganzen Viertel (sie hatte zwei Kinder, war jedoch nicht verheiratet), hatte ihm gesagt, seine Art zu gehen sei nicht die eines Jungen, und er müsse das ändern, weil er später sonst »auf der Allee« landen würde. Der Hinweis hatte ihn aufhorchen lassen, auch wenn er nicht verstand, was diese Warnung zu bedeuten hatte. Außerdem fand er es unangebracht, dass eine ledige Mutter, die qualmte wie ein Schlot, sein Verhalten und seine Art zu gehen kritisierte, die doch denen der berückend schönen Fotomodelle der Agentur Catherine Harlé in nichts nachstanden.

 

Eines Tages jedoch erhellte sich ihm die Warnung vor einem Ende »auf der Allee«. Er erzählte Patrick davon, der natürlich wusste, was damit gemeint war. Die Straße La Canebière, die am Alten Hafen ihren Anfang nahm, verbreiterte sich an ihrem oberen Ende zu einer Allee, die im Schatten ausladender Platanen lag, der Allée de Meilhan. Dort gab es zahlreiche Bars, vor denen sich, auf korbbespannten Stühlen und unter bunten Sonnenschirmen, eine illustre Gesellschaft tummelte, in der sich bei genauem Hinsehen auch ein paar seltsame Vögel ausmachen ließen, die ein schillerndes Gefieder trugen und spöttisches Gezwitscher von sich gaben.

Dominos Leben, das bis dahin so ruhig gewesen war, nahm durch diese Entdeckung eine unerwartete aber durchaus erfreuliche Wendung. Tags darauf eilte er nach dem Unterricht den Boulevard d’Athènes hinab und bog dann mit klopfendem Herzen auf die berüchtigte Allee ein. Dort ließ er sich nicht die kleinste Kleinigkeit des beeindruckenden Schauspiels entgehen, das sich ihm darbot. Schon bald entdeckte er eine Gruppe junger Männer, die mit ihrer Kleidung, ihren Frisuren und ihrem Gebaren an die Playboys aus dem Drugstore denken ließen, wie Jacques Dutronc sie besang, und die »Anzüge von Cardin und Schuhe von Carvil« trugen. Domino beobachtete sie aus der Ferne, wagte aber noch nicht, sie anzusprechen. An den folgenden Tagen kam er zusammen mit Patrick immer wieder hierhier und beobachtete sie, fand jedoch nie den Mut, auf sie zuzugehen.

8

 

Die großen Ferien rückten näher. Patrick würde wie jedes Jahr mit seinen Eltern auf die Île de Ré fahren, wo die Esel Hosen trugen. Domino würde in Marseille bleiben. Vielleicht konnte er auch zu seiner Tante Adèle fahren, »aufs Land«, wie man damals noch sagte, womit in diesem Fall Saint-André gemeint war, das ganze zwei Kilometer vor der Stadt lag.

Die Straßenbahnstrecke, auf der man dorthin fuhr, verlief entlang der sonnenüberfluteten Hafenkais. Im stahlblauen Meer waren die Îles de Frioul mit dem Château d’If zu sehen, und auf der anderen Seite die hoch aufragenden Schornsteine der Ziegeleien, wo die Arbeiter in ihrer blauen Kluft sich von der rötlichen Erde der Fabrikhöfe abhoben. Mit Begeisterung blickte Domino die Schienen entlang, die von wild wuchernden Gräsern überwachsen waren, und bestaunte die Feigenbäume, die sich an eingefallenen Mäuerchen festklammerten und der Fahrt einen exotischen Beigeschmack verliehen, den vermutlich nur er zu schätzen wusste. Kurz vor der Ankunft hielt er ungeduldig Ausschau nach der üppigen Gestalt seiner Tante Adèle, die wie seine Tante Marinette eine Schwester seiner Großmutter war und ihn jedes Mal an der Haltestelle der Linie 63 abholte. Männer gab es in der Familie seiner Mutter schlichtweg keine mehr. Zwei Kriege hatten dafür gesorgt, dass die meisten von ihnen verschwunden waren oder das Weite gesucht hatten.

 

Adèle, eine schöne Marseillerin mit einem Herzen so groß wie ein fünfstöckiges Gebäude, verheiratet mit einem Fischer namens Pascal, dem stolzen Besitzer eines Fischerkahns, der im Hafen von L’Estaque vertäut war und den er nur noch für Ausflüge mit der Familie losmachte: Sie vergötterte Domino, vielleicht weil ihr eigener Sohn der verheerenden »Asiatischen Grippe« zum Opfer gefallen war. Und sie lud ihn zu jedem denkbaren Anlass nach Saint-André ein.

Dann war er einige Tage lang der König in dieser Hausgemeinschaft, wo das Wasser am Brunnen geholt werden musste, wo der Waschraum als Schwimmbad genutzt wurde und wo er von seinen hübschen Cousinen Simone und Renée Nähen und Stricken gelernt hatte. Bevor sie zu Bett gingen, steckten sie sich jeden Abend Lockenwickler aus Seidenpapier in die Haare. Domino wollte es ihnen gleichtun, was Tante Adèle jedoch zu verhindern wusste:

»Du hast Haare wie ein Engel. Bei deinen natürlichen Locken brauchst du nicht künstlich nachzuhelfen. Unsere beiden Pimpernellen sind einfach nur neidisch!«

Die Cousinen taten, als seien sie beleidigt, Adèle drückte Domino lachend an ihre ausladende Brust und schickte ihn ins Bett.

Am Samstag durften die Mädchen bis Mitternacht ausgehen, und Domino begleitete sie, wenn sie ins Kino gingen oder in der Nachbarschaft ein Fest besuchten. Seine Tante ermahnte ihn, gut auf seine Cousinen aufzupassen, und diese wussten, dass sie tun und lassen konnten, was sie wollten, und Domino sie niemals verraten würde.

Oft gingen sie mit Onkel Pascal in seinen Gemüsegarten. Domino liebte diesen Ort, vor allem den Geruch der frisch umgegrabenen und gegossenen Beete. Mit größter Freude war er dabei, wenn es darum ging, zu harken und zu schaufeln, die Erdbeeren zu pflücken und zwischen den Kartoffeln Unkraut zu jäten. Die glücklichsten Stunden verlebte er, wenn Pascal sie auf seinem Boot mit hinaus nahm aufs Meer vor L’Estaque oder die Côte Bleue entlang. Sausset-les-Pins, Carry-le-Rouet, La Couronne – diese Namen besaßen für ihn einen magischen Klang und ließen ihn von Chandannagar träumen, von Hongkong, Shanghai und Timbuktu.

Zurück an Land, gingen sie in eine Bar, die ein Cousin von Pascal führte, nahmen dort im Freien an einem der großen, flaschengrünen Holztische Platz und aßen mit dem höchsten Genuss Kichererbsenfladen, die frisch aus der Fritteuse kamen, Seeigel, Seescheiden mit kanariengelbem Fleisch, und chichis frégis, süße Beignets, zum Dessert. Manchmal gab es dazu ein panaché: eisgekühltes Bier, das mit Limonade aufgegossen wurde.

Domino liebte diese Familie über alles. Was hätte er nicht dafür gegeben, wirklich zu ihr zu gehören!

9

 

Dieser Sommer würde jedoch nicht wie die vorhergehenden werden. Domino hatte sich gewandelt, seine Begierden zielten in neue Richtungen, und manchmal war er von der Kühnheit seiner Gedanken selbst überrascht. Er ahnte, dass dieser Sommer alles verändern würde.

Wieder und wieder ging er die Allee auf und ab und lernte so allmählich, ohne jemals das Wort an sie zu richten, alle Mitglieder dieses seltsamen Grüppchens kennen, denen es nur auf Eines anzukommen schien: eine makellose Erscheinung abzugeben. Sie mussten ein Vermögen für ihre Kleidung ausgeben, und doch wirkte kein einziges ihrer Stücke neu.

Eines Tages sah er, wie einer aus der Gruppe sich mit seiner Tante Marinette unterhielt. Er trug eine weiße Seemannshose mit grotesk weitem Schlag und einen Matrosenpullover, der so eng war, dass man sich fragen musste, wie er es geschafft hatte, ihn anzuziehen. Domino mutmaßte, dass der junge Mann gleichfalls aus dem Viertel stammte, und machte einen großen Bogen um die beiden. Nachdem er die Allee einige Tage lang gemieden hatte, aus Angst, dem Unbekannten wieder zu begegnen, lief er ihm am unteren Ende der Canebière über den Weg. Wie ein Schiffbrüchiger, der eine treibende Planke zu erhaschen sucht, stürzte er auf ihn zu.

»Guten Tag, ich heiße Domino und würde gerne Ihr Freund werden!«

Der junge Mann zeigte sich nicht im Geringsten überrascht und erwiderte:

»Ich heiße René. Aber alle nennen mich Maryline.«

In der Clique galt ein ungeschriebenes Gesetz: Jeder trug einen frei gewählten, meist weiblichen Vornamen – das war gerade »up to date«. Domino fragte sich schon, welchen Namen er wohl bekäme, als Maryline, ein schöner Dunkelhaariger mit langen, perfekt geschwungenen Wimpern, dichten schwarzen Augenbrauen und einer mit Haarlack gestärkten Strähne, die ihm in die vornehm gewölbte Stirn hing, ihm sagte, dass er ihn schon seit einer Weile beobachtete und wusste, dass er in Le Panier wohnte, und ihm anbot, ihn nach Hause zu begleiten. Ohne zu zögern willigte Domino ein. Das Schicksal hatte ihm einen Gefährten geschenkt, der ihm den Weg weisen würde.

 

Wie Domino geahnt hatte, wurde dieser Sommer gänzlich anders als alle zuvor. Er war nun sicher, die Schwäne gefunden zu haben, die Geschöpfe, denen er sich zugehörig fühlte, auch wenn seine neuen Freunde eher einem Schwarm buntscheckiger Wellensittiche ähnelten als dem majestätischen Federvieh, mit dem er sie verglich.

Die jungen Leute in der fröhlichen Clique stammten aus den unterschiedlichsten Verhältnissen und kamen aus allen möglichen Stadtvierteln, und sie alle vereinte eine Besonderheit: ihre Homosexualität. Diese Eigentümlichkeit verband sie umso stärker miteinander, als sie sich alle einer verfolgten Gruppe zugehörig fühlten, einer unterdrückten Minderheit. Sie sahen sich in der Rolle der Opfer, was ihnen, da sie ein klein wenig zur Selbstquälerei neigten, durchaus entgegenkam.

Maguy, an dessen richtigen Namen sich niemand mehr erinnern konnte, war der Älteste der Gruppe und wirkte bisweilen sogar wie ihr Anführer. Seine Augen waren azurblau, seine Haare von einem Blond, wie man es selbst im tiefsten Schweden wohl nicht hätte finden können, und er hatte die zwanzig bestimmt schon längst überschritten. Domino bemerkte nicht, dass seine Blässe nicht von einer mutmaßlichen skandinavischen Abstammung herrührte, sondern vielmehr von der dicken Schicht Make-up, die er sich täglich mit Wonne ins Gesicht strich.

Maguy nahm Domino in Augenschein und wandte sich dann an Maryline.

»Wo hast du denn den aufgegabelt? Schau doch nur, wie der rumläuft. Und dann diese krausen Haare … ist der vielleicht ein Mischling? Wenn der bei uns bleiben soll, haben wir noch ein ganzes Stück Arbeit vor uns, bis er so aussieht wie ein Mädchen von Catherine Harlé. In dem Zustand sehe ich ihn eher bei Olida.«

Domino wusste, dass Catherine Harlé eine Modelagentur führte. Und er wusste, dass Olida eine Wurstmarke war. Als ringsum Lachen ausbrach, nachdem der weißgesichtige Wikinger seinen Giftpfeil auf ihn abgeschossen hatte, wuchs in Domino die Gewissheit, dass Maguy der Anführer der Clique war. Maryline, der erkannte, wie sehr die Bemerkung Domino verletzt hatte, verteidigte seinen neuen Protegé, indem er darauf verwies, wie jung dieser noch war und dass es ihm in jeder Hinsicht an Erfahrung mangelte. Domino kämpfte mit den Tränen und musste erkennen, dass der Rassismus auch vor diesen Kreisen nicht Halt machte und er sich auch hier würde behaupten müssen.

Als sie am Abend zurück in ihr Viertel gingen, sagte Domino kein Wort mehr. Maryline versuchte ihn aufzumuntern und erklärte ihm, dass ein solches Verhalten nur dazu diente, die Machtverhältnisse klarzustellen, und dass so etwas immer vorkam, wenn Menschen Gruppen bildeten. Maguy hatte nur sein Territorium abstecken wollen, und am nächsten Tag wäre alles wieder vergessen.

»Gegen diese Art von Stress weiß ich ein hervorragendes Mittel«, fügte er hinzu. »Komm, ich zeig’s dir.«

Zwischen dem Cours Belzunce und der Post in der Rue Colbert lag eine Brachfläche, auf der zweimal im Jahr ein großer Jahrmarkt stattfand. Jetzt allerdings, im Juli, diente das Gelände als Parkplatz für Omnibusse der öffentlichen Verkehrsbetriebe. Maryline führte Domino hinter eines der Fahrzeuge. Dort, in der Dunkelheit und geschützt von den hohen Metallkarossen, stieß er einen langgezogenen, gellenden Schrei aus. Dann drehte er sich zu Domino um und forderte ihn auf, es ihm gleichzutun. Zögerlich machte der einen ersten Versuch.

Daraufhin nahm Maryline ihn an der Hand und lief hinter einen anderen Bus, wo sie erneut schrien, diesmal schon lauter. Eine Dreiviertelstunde lang ging das so weiter, und die Angst, entdeckt zu werden, vermischte sich auf köstliche Weise mit der Lust daran, sich auszutoben. Eine wahre Schreitherapie.

Mit leuchtenden Augen und vollkommen außer Atem erreichten sie den Fuß der breiten Treppe, die nach Le Panier hinaufführte und die für Domino nun eine symbolische Grenze zwischen der Stadt und seiner Familie bildete, zwischen seinem neuen Leben und seiner Kindheit. Sie trennten sich, nachdem sie sich für den nächsten Tag verabredet hatten, und Maryline sagte ihm noch, er solle seine Badesachen mitnehmen, denn er würde ihm »Carolyn-Beach« zeigen …

10

 

Am nächsten Vormittag trafen sie sich um elf Uhr am Fuß der Treppe an der Place Sadi-Carnot. Dieser Ort, so hatten sie vereinbart, sollte von nun an ihr fester Treffpunkt sein, denn Maryline war der Ansicht, ihre Familien erfuhren besser nichts davon, dass sie Freundschaft geschlossen hatten.

»Eine, das geht ja noch, ausnahmsweise. Aber zwei, das ist ein Angriff auf die guten Sitten!«

Domino, der noch immer etwas schwer von Begriff war, fragte: »Was meinst du mit ‹eine›?«

»Eine Caroline, eine Schwuchtel, eine Tunte. Solche wie wir eben!«

Zum ersten Mal zweifelte Domino, ob er wirklich einer von ihnen war.

An der Haltestelle, an der der Bus nach Mont Rose fuhr, wo »Carolyn-Beach« lag, würden noch andere aus der Clique zu ihnen stoßen. Leicht verlegen gestand Domino, dass er kein Geld für die Fahrt hatte. Maryline entgegnete lachend:

»Eine Gesellschaftsdame kann ich gut gebrauchen, also geht das auf meine Kosten. Nur eines noch: Deine braune Hose passt nicht so recht zu diesem abgetragenen grauen Hemd und diesen Turnschuhen, die früher vermutlich mal weiß waren. Also sei bitte so lieb und schau dir an, wie die anderen Jungs sich anziehen, und orientiere dich daran. Ich werde dir auch immer wieder mal Tipps geben, und dann wirst du schon sehen, was wir aus dir machen.«

Diese Hinweise ermutigten Domino. Er wusste es zu schätzen, dass sein neuer Freund sich so um ihm kümmerte, und folgte ihm, in der Gewissheit, dass er niemand Besseren hätte finden können, der ihm den Weg ins Leben wies. Er war fest entschlossen, von all dem, was auf ihn wartete, nicht ein Quäntchen zu versäumen.

An der Bushaltestelle trafen sie zwei andere Jungen, die sie zur Begrüßung auf die Wangen küssten. Sie waren siebzehn oder achtzehn Jahre alt, und der eine hieß Bob und der andere »René d’Aubagne«. Der eine war so blond und männlich, wie der andere dunkelhaarig und feminin war. Beide wollten Domino unbedingt kennenlernen, und alle waren einander vom ersten Moment an sympathisch.

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