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Der Preis der Ewigkeit

hier erhältlich:

Neun Monate dauerte Kates Gefangenschaft. Neun Monate, in denen sie eine eifersüchtige Göttin, einen rachsüchtigen Titanen und eine ungeplante Schwangerschaft überlebt hat. Jetzt will die Königin der Götter ihr Kind - und Kate kann nichts dagegen tun. Da bietet ihr Götterkönig Kronos einen Handel an: Wenn sie ihm Ergebenheit schwört, wird er die Menschheit verschonen und ihr das Kind lassen. Doch ihr geliebter Henry, ihre Mutter und der Rest des Rats müssen sterben. Sollte Kate sich hingegen weigern, will Kronos auf der Erde wüten, bis alles Leben ausgelöscht ist.Das Schicksal aller, die sie liebt, liegt in ihren Händen. Kate muss einen Weg finden, das mächtigste Wesen des Universums zu besiegen, selbst wenn es sie alles kostet. Selbst wenn es sie die Ewigkeit kostet.


  • Erscheinungstag: 15.12.2015
  • Aus der Serie: The Goddess
  • Bandnummer: 3
  • Seitenanzahl: 400
  • ISBN/Artikelnummer: 9783733785345
  • E-Book Format: ePub
  • E-Book sofort lieferbar

Leseprobe

IMPRESSUM

books2read ist ein Imprint der HarperCollins Germany GmbH,
Valentinskamp 24, 20354 Hamburg, info@books2read.de

 

 

Copyright © 2013 by Aimée Carter
Originaltitel: “The Goddess Inheritance”
Erschienen bei: Harlequin TEEN, Toronto
Published in Arrangement with HARLEQUIN ENTERPRISES II B.V./S.ár.l

Deutsche Erstausgabe Copyright © 2014 bei MIRA Taschenbuch in der Harlequin Enterprises GmbH
Übersetzung: Freya Gehrke

Copyright © 2015 by books2read in der HarperCollins Germany GmbH, Hamburg

 

Umschlagmotiv: Antonova Christina/ shutterstock, DavidMSchrader, VBaleha, Justdd / Thinkstock
Umschlaggestaltung: Deborah Kuschel

Veröffentlicht im ePub Format im 12/2015

E-Book-Produktion: GGP Media GmbH, Pößneck

ISBN 9783733785345

Alle Rechte, einschließlich das des vollständigen oder auszugsweisen Nachdrucks in jeglicher Form, sind vorbehalten.
books2read Publikationen dürfen nicht verliehen oder zum gewerbsmäßigen Umtausch verwendet werden. Sämtliche Personen dieser Ausgabe sind frei erfunden. Ähnlichkeiten mit lebenden oder verstorbenen Personen sind rein zufällig.

www.books2read.de

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Für Sarah Reck, deren Geduld und Verständnis wahre Superkräfte sind.

PROLOG

Während der Jahre seines ewigen Lebens hatte Walter schon zahllose Sommer erlebt, aber nie einen, der so endlos gewesen war wie dieser.

Mit gesenktem Kopf saß er an seinem Schreibtisch und las die Petition, die vor ihm lag: unterzeichnet von fast allen der niederen Götter und Göttinnen, die über die Erde verstreut waren. Allesamt gelobten sie, Kronos die Macht zu überlassen, solange das bedeutete, dass es keinen Krieg geben würde. Keiner von ihnen schien zu verstehen, dass sie sich schon längst inmitten eines Krieges befanden.

Und warum sollten sie auch? Er und die verbliebenen Ratsmitglieder hatten ihre Arbeit getan und die Welt vor Kronos’ Zerstörungswut geschützt, aber viel länger würde es ihnen nicht mehr gelingen. Wenn Kronos schließlich aus seinem Inselgefängnis in der Ägäis ausbrach, würde die Petition sich als genau das herausstellen, was sie war: ein bedeutungsloses Stück Pergament voll mit Namen derer, die als Erste sterben würden.

„Daddy?“

Walter stieß den Atem aus und richtete sich auf, bereit, dem Störenfried die Leviten zu lesen, wer es auch sein mochte, doch im nächsten Moment hielt er inne. In der Tür stand seine Tochter, das Haar golden leuchtend in dem ewigen Sonnenuntergang, der durch die Fenster hinter ihm hereinströmte. Sie war die eine Person, die er nicht fortschicken würde.

Er legte die Petition beiseite. „Ava, mein Liebling. Ich hatte nicht vor morgen früh mit dir gerechnet. Gibt es Neuigkeiten?“

Das warme Licht verlieh ihrer Haut die Illusion von Farbe, doch ihre Augen waren matt und ihr Gesicht war verhärmt. Zuzusehen, wie sie seit der Wintersonnenwende dahinwelkte, war das Schwierigste, was Walter je hatte tun müssen, doch ihm blieb keine andere Wahl. Es war zum Wohl der Welt, und im Augenblick war das Wohl der Welt wichtiger als alles andere, selbst die Gesundheit seiner Tochter.

„Iris ist tot“, sagte sie und Walter erstarrte. Ihn erfüllte ein Kummer, wie er ihn seit Jahrhunderten nicht empfunden hatte, und der zeitlose Sonnenuntergang schien sich zu verdunkeln.

„Wie?“, fragte er und hatte Mühe, das Zittern aus seiner Stimme zu verbannen. Er hatte gewusst, dass es gefährlich war, seine Botin auszuschicken, um einen Waffenstillstand mit Kronos zu verhandeln – genau wie Iris. Sie befanden sich im Krieg und es würde immer wieder Opfer geben. Aber sie war bereit gewesen, das Risiko einzugehen, und er hatte nicht geglaubt, dass Kronos einem Botschafter gegenüber so weit gehen würde.

„Vor einer Stunde hat Nicholas die Waffe fertiggestellt“, eröffnete ihm Ava. „Calliope wollte sie testen.“

Walter presste die Lippen aufeinander. Nie hätte er es für möglich gehalten, aber die Fähigkeiten seines Sohnes waren größer, als selbst er angenommen hatte. „Gibt es eine Leiche?“

„Calliope hat sie ins Meer geworfen“, sagte Ava. „Ich habe sie mitgebracht, damit ihr eine anständige Totenwache halten könnt.“

Er schluckte hart und zwang sich zu nicken. „Das ist gut. Ich danke dir, Liebes. Ich weiß, wie riskant das für dich war. Und deshalb muss ich darauf bestehen, dass du so etwas in Zukunft nicht noch einmal tust.“

Ava zögerte, aber sie wusste, nach all der Planung und bei dem gefährlichen Spiel, das sie spielten, konnte sie sich ihm nicht widersetzen. Schließlich nickte sie. „Tut mir leid.“

Walter breitete die Arme aus, und Ava kam zu ihm, um sich auf seinem Schoß zusammenzurollen. Er zog sie an sich, sie, die nur noch ein Schatten ihrer selbst war, und vergrub die Nase in ihrem Haar. „Ich bin es, dem es leidtut, mein Liebling, aber wir werden alles daransetzen zu siegen. Gibt es irgendetwas Neues von Kate?“

Sie schlang ihm die dünnen Arme um die Taille. „Calliope sagt, morgen wird es geschehen.“

Endlich lief etwas richtig. „Dann hat unser Warten ein Ende.“

„Spielt keine Rolle“, murmelte sie an seiner Schulter. „Es dauert schon zu lange. Sie hat bereits vor Ewigkeiten die Hoffnung verloren.“

Neun Monate. So lange war Walter schon in dieses Spiel von Strategie und Täuschung mit dem mächtigsten Wesen der Welt verstrickt. Von der Wintersonnenwende bis zur Herbst-Tagundnachtgleiche hatte er die Last der Welt auf den Schultern getragen, während er seine Bürde vor den restlichen Ratsmitgliedern verbarg. Ihnen allen war bewusst, dass sich ihre ohnehin mageren Chancen auf einen Sieg über Kronos mit Henrys Rückzug in Wohlgefallen aufgelöst hatten.

Ava war ihre letzte Hoffnung, Henry an ihre Seite zu holen.

„Und du, mein Liebling?“ Er strich ihr eine Haarsträhne aus dem Gesicht. Nicht einmal die zermürbenden Geschehnisse des letzten Jahres konnten ihre Schönheit trüben.

Als Ava nicht sofort antwortete, bestätigte sie damit seinen Verdacht. Vor seinen Augen war sie dahingewelkt, doch nie hatte sie ihre Verzweiflung gezeigt. Sie wusste, was auf dem Spiel stand. Sie wusste, warum sie nicht scheitern durften.

„Ich werde es ihm sagen.“

Im ersten Moment glaubte er, sich verhört zu haben, doch als sie sich ein Stück von ihm löste, einen stählernen Blick in den blauen Augen, wusste er, dass dem nicht so war. „Du weißt, dass du das nicht darfst“, wies er sie sacht und gleichsam gebieterisch zurecht. „Wir haben zu harte Arbeit geleistet, um jetzt alles zu riskieren.“

„Ich hab geglaubt, es wäre nur Kate.“ Auf ihrem Gesicht erschienen rote Flecken, wie es immer geschah, wenn sie kurz davor war, in Tränen auszubrechen, was ihm einen Stich ins Herz versetzte. Es war der väterliche Wunsch, ihrem Schmerz ein Ende zu setzen. Aber was konnte er machen, wenn doch alles, was er tat, unerlässlich war, um weit größere Qualen zu vermeiden, als er ihr jetzt schon zufügte? „Ich hätte niemals zugestimmt, wenn ich gewusst hätte, dass sie schwanger ist. Das weißt du.“

„Ja, das weiß ich.“ Beruhigend strich er seiner Tochter durchs Haar, doch aus ihrer Kehle brach ein ersticktes Schluchzen hervor. „Es tut mir leid.“

Urplötzlich riss sie sich von ihm los und kam stolpernd auf die Beine. „Sobald Kate ihr Kind zur Welt gebracht hat, wird Calliope sie töten – das weißt du. Und du wirst es trotzdem geschehen lassen.“

„Vielleicht nicht“, wandte er ein. „Du hast selbst gesagt, dass Kronos Gefallen an ihr findet. Vielleicht wird das ausreichen.“

„Vielleicht?“, fuhr Ava ihn an, halb wahnsinnig vor Frustration. „Damit setzt du alles auf eine Karte, Daddy. Du kannst nicht mit Sicherheit wissen, was passieren wird, und dieses arme Baby …“

„Wir müssen alles in unserer Macht Stehende tun, um diesen Krieg zu gewinnen, egal, was ein jeder von uns opfern muss.“ Egal, wie viele würden sterben müssen. „Jetzt ist nicht die Zeit für falsche Zurückhaltung.“

„Aber es ist auch nicht die Zeit, unnötige Risiken einzugehen und unbedachte Fehler zu machen.“ Sie stürmte zur Tür. „Ich werde Henry alles sagen.“

„Ava.“

Walters Stimme hallte durch den Palast, erschütterte die Grundfesten des Olymps. Jede Spur von väterlicher Zuneigung war verschwunden. Es war der Befehl eines Königs.

Ava erstarrte. Ihr blieb keine andere Wahl, nicht nach Äonen des Gehorsams. Walter fühlte einen kleinen Stich der Schuld, dass er so mit ihr sprach, nach allem, was er sie hatte durchleiden lassen. Doch es war notwendig. Das Schicksal der Welt hing davon ab.

„Du wirst es ihm nicht sagen“, befahl er. „Nicht bevor Kate ihr Kind geboren hat.“

„Was macht es für einen Unterschied, ob ich es ihm jetzt sage oder morgen?“, widersprach Ava gleichsam beunruhigt und entschlossen. Hätte irgendjemand anders es gewagt, Widerspruch zu erheben, wäre Walter bloß zornig geworden. Doch jetzt war er einfach nur froh, zu sehen, dass ihr noch etwas Kampfgeist geblieben war.

„Er wird nicht aufgeben, bevor er Kate zurückhat“, erklärte Walter. „Aber wenn es so weit ist, wird er in die Unterwelt zurückkehren und Kate mit all seinen Kräften beschützen. Dann wird er sich weiterhin aus unserem Kampf heraushalten.“

Ihre Augen wurden groß. „Augenblick mal – du willst das Baby als Köder benutzen?“

„Ich werde tun, was ich tun muss, um Henry in diesen Krieg zu verwickeln“, erwiderte Walter. „Ein einzelnes Leben ist es nicht wert, alles zu verlieren.“

„Es ist ein Baby.“ Ava starrte ihn an, als würde sie ihn nicht wiedererkennen. Auch wenn Walter nur selten Angst verspürte, kroch sie nun unangenehm durch sein Inneres, als hätte er Eisschlamm in den Adern anstelle von unsterblichem Blut. „Das kannst du nicht tun – es ist ein Kind.“

„Wenn Henry nicht in diesen Krieg eintritt, werden Millionen von Kindern sterben“, erwiderte Walter. Sie musste es begreifen, hier ging es nicht um Gehorsam und Stolz. „Ich verstehe, wie schwierig das für dich ist, mein Liebling …“

„Ach, tatsächlich?“ Ihr scharfer Tonfall verschlug ihm die Sprache. Noch nie hatte er sie so mit jemandem reden hören, geschweige denn mit ihm, ihrem Vater. Ihrem Beschützer. Ihrem König. „Es ist meine Schuld, dass Kate überhaupt dort ist. Dieses Baby könnte meinetwegen sterben.“

„Ich werde alles tun, was ich kann, um sicherzustellen, dass das nicht geschieht“, versicherte ihr Walter. „Wenn das hier erst vorüber ist …“

„Glaubst du ernsthaft, das hier wird je vorüber sein?“, fauchte Ava. „Wenn der Rat herausfindet, dass wir das Leben von Henrys Kind aufs Spiel setzen, um ihn in den Krieg hineinzuziehen, wem werden sie dann wohl die Schuld dafür geben, Daddy? Dir oder mir?“

„Ich werde dem Rat meine Rolle bei dem Ganzen offenbaren“, sagte Walter.

Ava nahm einen tiefen, zittrigen Atemzug, als kostete es sie alle Kraft, die sie besaß, zu sprechen. „Die Rolle, die der Rat sehen wird, ist jene, die ich gespielt habe, und ich werde das in Ordnung bringen, bevor dieses Baby stirbt und ich wirklich alle verliere, die ich liebe.“

Walter richtete sich zu voller Größe auf. Er mochte aussehen wie ein alter Mann, doch abgesehen von den Titanen war er das mächtigste Wesen auf dieser Welt, und das ließ er niemals irgendjemanden vergessen. Nicht einmal seine Tochter. „Ich verbiete es dir.“

Ava lachte, doch es war nicht das Lachen von jemandem, der auch nur die geringste Freude in seinem Leben hatte; stattdessen war es erfüllt von Selbsthass und Hoffnungslosigkeit. „Zu spät.“

Bevor Walter noch ein Wort sagen konnte, brach ein herzzerreißender Schrei voll unermesslichem Schmerz aus den Tiefen der Erde hervor und dröhnte durch den Olymp.

„Er weiß es“, sagte Ava, und ohne ein weiteres Wort schlüpfte sie durch die Tür und schloss sie hinter sich.

1. KAPITEL

DIE GEBURT

Henry.

Umhüllt von tiefer Dunkelheit fuhr ich hoch. Mein Gesicht war schweißnass, und während der Traum verblasste, hallte Henrys Schrei in meinen Ohren nach, brannte sich mir ins Gedächtnis ein.

Wieder eine Vision, eine von Dutzenden, die ich gehabt hatte, seit ich vor einer Ewigkeit aus der Unterwelt fortgegangen war. Doch diesmal hatte ich nicht zugesehen, wie Henry seinen Aufgaben als Herrscher über die Toten nachging, während er auf meine Rückkehr wartete. Ich hatte nicht hilflos danebengestanden, während Ava ihm falsche Zwischenberichte über unsere angebliche Suche nach Rhea in Afrika gab.

Endlich wusste Henry, was wirklich geschehen war, und in diesen Minuten vor Anbruch der Dämmerung klammerte ich mich an die Hoffnung, dass es noch nicht zu spät war.

„Ein Albtraum, meine Liebe?“

Ich erschauderte, und die Kerzen, die in meinem Gefängnis verstreut standen, erwachten leise flackernd zum Leben. Neben meinem Bett saß Kronos, auf demselben Stuhl, auf dem er jede Nacht seit Ende Dezember verbracht hatte. Seit ich aufgewacht war; mit hämmernden Kopfschmerzen und Erinnerungen, von denen ich wünschte, es wären Albträume.

Doch auch dies war keiner. Kronos war hier und arbeitete Seite an Seite mit der Königin der Götter, die vor nichts zurückschrecken würde, um mir so grausame Qualen zuzufügen wie nur irgend möglich.

Das Baby in mir regte sich, zweifellos wenig erfreut über den unsanften Weckruf. Ich hatte nicht gewagt zu spekulieren, ob es ein Junge oder ein Mädchen war. Wenn es nach Calliope ging, würde ich es vielleicht niemals erfahren, und das zerriss mir das Herz bereits mehr, als ich ertragen konnte. Ich legte mir die Hand auf meinen aufgeblähten Bauch – mittlerweile war er so dick, dass mir die einfachsten Bewegungen schwerfielen – und versuchte, das Baby in Gedanken zu beruhigen. „Hast du das nicht gehört?“, fragte ich Kronos heiser.

„Meinen Sohn? Natürlich“, entgegnete er und streckte die Hand nach meinem Bauch aus. Ich schlug sie fort und er lachte leise. „Es scheint, als würden die Spiele nun ihren Lauf nehmen.“

„Was für Spiele?“ Doch ich kannte die Antwort, noch bevor ich die Frage gestellt hatte. Mein Traum, meine Vision – die Herbst-Tagundnachtgleiche –, war eingetreten und zu guter Letzt wusste Henry, dass ich verschwunden war.

Ein scharfer Schmerz schoss mir vom Rücken in den Unterleib und ich keuchte auf. Augenblicklich war Kronos an meiner Seite, genau wie Henry es an seiner Stelle gewesen wäre. Ich wandte mich von ihm ab.

„Calliope hat beschlossen, dass es stattdessen heute geschehen wird“, murmelte er, und seine Stimme hätte beruhigend geklungen, wäre sie nicht von ihm gekommen.

„Beschlossen, dass was geschehen wird?“ Mühsam kämpfte ich mich hoch und wollte ins Bad gehen, aber meine Beine gaben unter mir nach. Kronos’ kühle Hände waren zur Stelle, um mich zu stützen, doch sobald ich wieder auf dem Bett lag, riss ich mich von ihm los.

„Dass dein Kind zur Welt kommt.“

Mir wich sämtliche Luft aus den Lungen und diesmal hatte es nichts mit körperlichen Schmerzen zu tun. Er bluffte. Sie versuchten, mich so sehr zu verängstigen, dass meine Wehen einsetzten, bevor Henry mich fand und rettete oder irgend so etwas. Alles, solange es nicht die Wahrheit war.

Doch als ich mich zurücklehnte, spürte ich einen nassen Fleck auf der Matratze und das feuchte Nachthemd klebte an der Rückseite meiner Oberschenkel. Irgendwann in der Nacht war meine Fruchtblase geplatzt. Es geschah wirklich.

Neun Monate des Wartens. Neun Monate der Angst. Neun Monate, in denen die Zeit das Einzige gewesen war, das zwischen Calliope und dem Baby gestanden hatte, das ich in mir trug – und jetzt war sie abgelaufen.

Ich war nicht bereit dafür, Mutter zu sein. Nicht in einer Million Jahren hätte ich mir vorgestellt, Kinder zu bekommen, bevor ich dreißig war – geschweige denn unter zwanzig. Doch Calliope hatte mir diese Entscheidung abgenommen, und mit jedem verstreichenden Tag wuchs in mir eine Übelkeit erregende Angst, bis sie mich fast erstickte. Calliope würde mir das Baby wegnehmen, und es gab nichts, was ich dagegen tun konnte. In wenigen Stunden schon würde ich mein Kind verlieren – Henrys Kind –, und das an jemanden, der sich nichts sehnlicher wünschte, als mich leiden zu sehen.

Doch jetzt wusste er es. Jetzt gab es eine Chance. Wenn ich nur so lange durchhalten könnte, bis Henry kam.

Kronos musste den Ausdruck auf meinem Gesicht gesehen haben, denn wieder lachte er in sich hinein und schüttelte mir ein Kissen auf. „Mach dir keine Sorgen, meine Liebe. Calliope kann dich nicht töten, solange ich es ihr nicht erlaube, und ich versichere dir, ich würde dir niemals wehtun.“

Doch ich war es nicht, um die ich mir Sorgen machte. „Du wirst mir nicht wehtun, aber du wirst zulassen, dass Calliope es tut“, fauchte ich. „Du wirst zulassen, dass sie mir das Baby wegnimmt, sobald es auf der Welt ist, und ich werde es niemals wiedersehen.“

Ausdruckslos starrte Kronos mich an. Momente wie dieser riefen mir in Erinnerung, dass er trotz seines menschlichen Erscheinungsbilds alles andere als das war. Er verstand nicht, warum ich das Baby so sehr liebte. Oder warum ich, als ich Calliope gegenüber zu frech geworden war und sie mir ins Gesicht geschlagen hatte, instinktiv meinen Bauch geschützt hatte. Er begriff nicht, wie sehr mich der Gedanke, von meinem Baby getrennt zu sein, quälte, bevor ich ihn oder sie überhaupt zum ersten Mal gesehen hatte.

Allerdings war Kronos schließlich auch das Monster, das versucht hatte, seine eigenen Kinder zu vernichten. Vermutlich war Mitgefühl ein wenig viel von ihm verlangt.

„Wenn du das Kind behalten möchtest, musst du es nur sagen“, behauptete er, als wäre es so einfach. Für ihn war es das vielleicht. „Ich werde sicherstellen, dass Calliope dir da nicht in die Quere kommt. Im Gegenzug verlange ich nur, dass du an meiner Seite herrschst.“

Es war nicht das erste Mal, dass er mir dieses Angebot machte, und es war nicht das erste Mal, dass ich – für einen winzigen Moment – mit dem Gedanken spielte, es anzunehmen. Je näher die Geburt des Babys rückte, desto schwerer fiel es mir, Nein zu sagen.

Kronos hatte kein Geheimnis daraus gemacht, dass er mich als seine Königin wollte, während er die Herrschaft über die gesamte Welt übernahm und dabei jeden vernichtete, der es wagte, sich ihm in den Weg zu stellen. Ich hatte keine Ahnung, warum – vielleicht weil ich ihm in der Unterwelt ein kleines bisschen Mitgefühl entgegengebracht hatte oder weil ich im ersten Krieg nicht gegen ihn gekämpft hatte –, aber es spielte auch keine Rolle. Ich wäre in Sicherheit vor seiner Zerstörungswut und ebenso das Baby. Henry jedoch wäre der Erste, den Kronos in Stücke riss, und die ganze Welt würde folgen.

Sosehr ich dieses Baby auch liebte, sosehr ich auch alles dafür getan hätte, um für seine Sicherheit zu sorgen: Ich konnte nicht an Kronos’ Seite stehen, während er die Menschheit auslöschte. Ich konnte nicht untätig zuschauen, während er jeden einzelnen der Menschen – beziehungsweise Götter – tötete, die ich liebte. Und wenn ich mich darauf einließe, würde er mich bis zuletzt am Leben lassen. Mir stünde nicht die Wahl offen, die Persephone gegeben worden war, und mit dieser Schuld könnte ich nicht leben. Egal, wie glücklich und sicher mein Baby wäre.

Doch die Zeit wurde knapp. Jetzt, da der Rat wusste, dass ich verschwunden war, wurden die Karten neu gemischt. Wenn ich Kronos lange genug im Ungewissen lassen konnte, hätte der Rat vielleicht eine Chance, Rhea zu finden. Also log ich.

„Versprich mir, niemanden zu töten, und ich denke darüber nach.“

Er grinste, zeigte eine perfekte Reihe schneeweißer Zähne. Kronos hatte das Lächeln eines Superstars und das machte ihn nur noch unheimlicher. „Tatsächlich? Also gut. Sag Ja und ich werde die Menschheit in Ruhe lassen. Persönlich haben sie mir nichts getan, und wer herrscht, braucht auch Untertanen.“

„Ich habe gesagt: niemanden“, erwiderte ich. „Nicht bloß die Menschheit. Den Rat darfst du auch nicht umbringen.“

Nachdenklich blickte Kronos mich an, schien Pros und Kontras gegeneinander abzuwägen. Ich hielt den Atem an, hoffte entgegen aller Wahrscheinlichkeit, dass ich ihm so viel wert war. Ich musste dem Rat mehr Zeit verschaffen. „Sicherlich verstehst du, warum meine Kinder aufgehalten werden müssen, aber ich wäre bereit, es … in Erwägung zu ziehen, je nachdem, wie unsere Beziehung aussieht. Wie viel du zu geben bereit bist.“ Er strich mir durchs Haar und ich unterdrückte ein Schaudern. „Du und ich, zusammen bis in alle Ewigkeit. Stell dir vor, meine Liebe, welche Schönheit wir erschaffen würden. Und natürlich wird dein Kind deine Liebe erfahren und du wirst dich niemals von ihm verabschieden müssen.“

Ich schloss die Augen und malte mir den Moment aus, in dem ich ihn oder sie endlich im Arm halten könnte. Das Baby würde dunkles Haar haben, da war ich mir sicher, und helle Augen – so wie Henry und ich –, rosige Wangen, zehn Finger, zehn Zehen, und ich würde es augenblicklich lieben. Schon jetzt tat ich das.

„Du wärst Mutter“, raunte er und seine Stimme war wie Sirenengesang. Ich hasste mich dafür, dass ich ihr auf diesen verdorbenen Weg folgen wollte. „Für immer bei ihm, um es zu lieben, es zu nähren, es zu deinem Ebenbild zu erziehen. Und ich wäre Vater.“

Da zerbrach der Zauber, den er um mich gewoben hatte, und ich riss die Augen auf. „Du bist nicht der Vater dieses Babys“, stieß ich wütend hervor, während eine weitere Woge des Schmerzes durch mich hindurchfuhr. Es ging zu schnell. Wehen sollten langsam stärker werden und sich über Stunden hinziehen – meine Mutter hatte über einen Tag lang in den Wehen gelegen, als ich zur Welt gekommen war.

Kronos beugte sich vor, bis seine Lippen nur noch einen Zentimeter von meinen entfernt waren. Auch wenn sein Atem wie eine kühle Herbstbrise roch, rümpfte ich die Nase. „Nein, das bin ich nicht. Ich bin viel mehr.“

Die Tür flog auf und Calliope kam hereingestürmt. Über die letzten neun Monate war sie optisch gealtert, bis ihr Gesicht schärfer geschnitten war, und mehrere Zentimeter gewachsen, sodass sie mich mittlerweile überragte. Genau wie Kronos Henry ähnlich sah mit seinem langen dunklen Haar und den grauen Augen, in denen Blitze und Nebel leuchteten, war Calliope nun ein Ebenbild meiner Mutter. Wie eine ältere Version von mir. Und dafür hasste ich sie umso mehr.

„Was geht hier vor?“, wollte sie wissen und ich brachte ein schwaches, herablassendes Lächeln zustande. Offenbar hatte sie etwas mitgehört, das ihr nicht gefiel.

„Nichts, worüber du dir Gedanken machen musst“, erwiderte Kronos, als er sich aufrichtete, während er mich keine Sekunde aus den Augen ließ.

„Kronos hat mir gerade ein interessantes Angebot gemacht“, erklärte ich und klang mutiger, als ich mich fühlte. „Sieht aus, als würde er mich nicht den Haien zum Fraß vorwerfen, wie du es gern hättest.“

Ihre Lippen verzerrten sich, doch bevor sie ein Wort sagen konnte, drängte Ava sich an ihr vorbei, in den Armen einen großen Korb voller Laken, Tücher und anderer Dinge, die ich im Kerzenlicht nicht erkennen konnte. „Tut mir leid“, murmelte sie mit gerötetem Gesicht.

„Wurde auch Zeit“, fauchte Calliope und wandte sich wieder mir zu. „An deiner Stelle wäre ich vorsichtig, Kate. Ich habe ein neues Spielzeug, und es juckt mich in den Fingern, es an dir auszuprobieren.“

„Was für ein neues Spielzeug?“, brachte ich zwischen zusammengepressten Zähnen hervor.

Calliope glitt an die Seite meines Betts und verengte die Augen. „Hab ich dir das noch gar nicht erzählt? Nicholas war so freundlich, seine Zeit und sein Können zur Verfügung zu stellen, um eine Waffe zu schmieden, mit der ich selbst einen Gott töten kann. Sein Timing könnte nicht besser sein.“

Mir gefror das Blut in den Adern. Nicholas, Avas Ehemann, war zur Wintersonnenwende während einer Schlacht gefangen genommen worden. Bis heute hatte mir gegenüber niemand ein Wort über ihn verloren.

„Das ist unmöglich“, platzte ich heraus. Nichts außer Kronos konnte einen Unsterblichen töten.

„Ist das so?“, entgegnete Calliope und lächelte teuflisch. „Würdest du darauf das Leben deines süßen kleinen Lieblings verwetten?“

Mein Baby. Sie würde mein Baby töten. „Ava?“, brachte ich mühsam hervor. „Sag mir, dass sie lügt.“

Doch Ava biss sich auf die Unterlippe, als sie ihren Korb am Fußende des Betts abstellte. „Tut mir leid.“

Das Zimmer begann sich um mich zu drehen. Das war bloß ein weiteres von Calliopes Spielchen. Sie versuchte, mir Angst zu machen, indem sie die Menschen benutzte, die mir am liebsten waren, und diesmal spielte meine angeblich beste Freundin mit.

Aber was, wenn es kein Spiel war? Calliope hatte geschworen, sie würde mir das nehmen, was ich am meisten liebte, und zu jenem Zeitpunkt hatte ich geglaubt, sie würde Henry und den Rest meiner Familie meinen. Doch sie hatte von dem Baby gesprochen. Sie stand kurz davor, alles zu kriegen, was sie von mir wollte – für sie gab es keinen Grund zu lügen. Und da Ava es nicht fertigbrachte, mich auch nur eine Sekunde anzusehen …

Mir wurde die Kehle so eng, dass ich kaum noch atmen konnte. „Raus hier.“

Ava blinzelte. „Aber jemand muss bei dir sein, wenn …“

„Lieber habe ich Calliope dabei als dich, du verräterisches Miststück“, warf ich ihr unter Schmerzen an den Kopf. „Raus jetzt.“

Ihr stiegen Tränen in die Augen und zu meiner Befriedigung floh sie und ließ mich mit Calliope und Kronos allein. Ava hatte es verdient. Sie hatte gewusst, was das alles bedeutete; dass Calliope vorhatte, mein Baby abzuschlachten. Und wenn Calliope Nicholas tatsächlich gezwungen hatte, eine Waffe zu schmieden … wenn Ava den Rat die letzten neun Monate über abgelenkt hatte, um ihm die nötige Zeit zu verschaffen …

Es war mir egal, wie groß die Gefahr war, in der Nicholas schwebte. Er war Calliopes Sohn, und ganz gleich, wie grausam sie war, ich konnte mir nicht vorstellen, dass sie ihr eigenes Kind tötete. Doch mein Baby würde sie ohne jegliche Skrupel umbringen, und Ava hatte die ganze Zeit gewusst, was sie plante.

Selbst wenn es umgekehrt gewesen wäre, wenn es Henry wäre, der gefangen gehalten würde – nie im Leben hätte ich Ava so etwas angetan. Niemals hätte ich sie verraten und zugelassen, dass Calliope ihr Kind umbrachte.

„Das war nicht besonders nett“, kommentierte Calliope in ihrem für sie so typisch zwitschernden Tonfall und mir drehte sich der Magen um. Sie konnte das Baby nicht töten. Ich würde es nicht zulassen.

„Ich muss mal pinkeln“, erklärte ich und stemmte mich hoch.

Calliope wedelte nur vage mit der Hand und beschäftigte sich weiter damit, den Korb auszupacken. Kronos bot mir seine Hand an, doch ich wischte sie fort.

„Danke, ich glaube, ich schaffe es allein ins Bad.“

Schon seit August war es für mich keine einfache Aufgabe mehr, das Zimmer zu durchqueren, und mein Leib protestierte mit jedem Schritt, doch ich schaffte es. Gemütlich war mein Gefängnis nicht gerade, auch wenn es keine Betonzelle mit nichts als einer dünnen Matratze und einer abgewrackten Toilette war. Der schlichte Raum hatte ein separates Badezimmer – und befand sich mehrere Stockwerke über der Erde, womit eine Flucht durch das Fenster unmöglich war. Ich mochte unsterblich sein, aber ich hatte keine Ahnung, ob das auch für das Baby galt. Und wenn Calliope tatsächlich eine Waffe hatte, mit der sie einen Gott töten konnte, spielte es sowieso keine Rolle.

Als ich noch beweglich genug dazu gewesen war, hatte ich mehrfach versucht, zu entkommen, doch ob Kronos, Calliope oder Ava – irgendjemand war immer zur Stelle gewesen, um mich aufzuhalten. Einmal hatte ich es bis zum Strand geschafft, aber ich konnte nicht schwimmen und das wussten sie. Gut möglich, dass der Rat diese Insel zu Kronos’ Gefängnis bestimmt hatte – doch jetzt war es auch meins.

Ich schloss die Tür hinter mir, ließ mich vorsichtig auf den Rand der Badewanne sinken und stützte den Kopf in die Hände. Heiß stieg die Frustration in mir auf, drohte sich in einem reißenden Schluchzen Bahn zu brechen, doch ich schluckte es hinunter. Ich brauchte einen Augenblick für mich, und wenn ich weinte, würde Calliope mir bloß hinterherkommen.

„Henry.“ Ich schloss die Lider und versuchte, ihn mir vor Augen zu rufen. „Bitte. Hilf uns.“

Schließlich schaffte ich es, mich in eine Vision zu versenken. Nach fast einem Jahr in diesem Höllenloch hatte ich gelernt, sie zu kontrollieren, doch es war trotzdem noch ein Kampf, so weit zu kommen, dass ich ihn sehen konnte. Um mich herum erschienen goldene Wände, durchbrochen von einer langen Reihe von Fenstern, ganz ähnlich wie jener Raum in Henrys Palast. Doch statt Felsen erblickte ich durch das Glas den grenzenlosen blauen Himmel, und helles Sonnenlicht ergoss sich in den Saal, ließ alles erstrahlen.

Du hast das zu verantworten.“ Henrys Stimme riss mich aus meinen Gedanken und ich wandte mich um. Erbittert hielt er Walter beim Revers gepackt, und in seinen mitternachtsschwarzen Augen brannte ein mächtiger Zorn, wie ich ihn nie zuvor gesehen hatte.

„Es musste sein“, erwiderte Walter unsicher. Selbst er sah ängstlich aus. „Wir brauchen dich, Bruder, und wenn das nötig war, um dir vor Augen zu führen, dass …“

Henry warf Walter so hart gegen die Wand, dass es krachte und ein Netz von tiefen Rissen zurückblieb. „Dafür wirst du bezahlen, und wenn es das Letzte ist, was ich tue“, grollte er.

„Genug“, ertönte da die Stimme meiner Mutter, und beide Brüder wandten den Kopf, um sie anzusehen. Sie sah blass aus und hielt die Hände vor dem Bauch verschlungen, wie sie es immer tat, wenn sie versuchte, sich unter Kontrolle zu halten. „Wir werden Kate retten. Noch haben wir Zeit, und je mehr wir damit vergeuden …“

„Wir können nicht alles für das Leben einer Einzelnen aufs Spiel setzen“, unterbrach Walter sie.

„Dann werde ich es tun“, fauchte Henry.

Walter schüttelte den Kopf. „Es ist viel zu gefährlich für dich, allein zu gehen.“

„Er wird nicht allein sein“, erklärte meine Mutter. „Und wenn dir deine Vorherrschaft im Rat lieb ist …“

Meine Rücken- und Bauchmuskeln zogen sich so schmerzhaft zusammen, dass meine Vision abrupt endete. Mir entwich ein schwaches Schluchzen. Meine Mutter hatte recht – uns blieb keine Zeit mehr. Das Baby kam, sosehr ich auch versuchen mochte zu warten, und wir waren vollkommen allein. Calliope würde es umbringen und mir alles nehmen, was noch von Bedeutung für mich war. Niemand hier würde sie aufhalten. Ob jemand käme oder nicht, es gab keinen Ausweg. Selbst wenn Henry und meine Mutter die Insel angriffen, gäbe es keine Garantie, dass sie Kronos’ Abwehr durchbrechen könnten, und bis dahin wäre es sowieso zu spät.

Das Baby strampelte in meinem Bauch und mühsam riss ich mich zusammen. Ich musste es schaffen. Ich konnte nicht zusammenbrechen. Das Leben meines Babys hing davon ab.

„Es tut mir leid“, flüsterte ich und drückte sanft auf die Stelle, wo es mich getreten hatte. „Ich liebe dich, okay? Ich werde nicht aufhören zu kämpfen, bis du in Sicherheit bist, versprochen.“

Jemand pochte an die Tür und ich zuckte zusammen. „Wenn du darüber nachdenkst, dein Baby in der Badewanne zur Welt zu bringen, vergiss es“, warnte Calliope. „Dieses Baby kommt erst auf die Welt, wenn ich es sage.“

Also steckte tatsächlich sie dahinter, was bedeutete, dass sie mir nicht viel Zeit allein lassen würde. „Augenblick noch“, rief ich und stand lange genug auf, um den Wasserhahn aufzudrehen, damit er mein Flüstern übertönte, falls sie lauschte. Viel würde es nicht bringen, aber für den Moment würde die bloße Illusion von Privatsphäre reichen müssen.

Umständlich setzte ich mich wieder auf den Rand der Badewanne und streichelte meinen Bauch. „Dein Dad ist wirklich toll und bald wirst du ihn auch sehen können … Er wird genauso wenig zulassen, dass Calliope dir das antut, und er ist viel mächtiger als ich. Die ganze Familie ist mächtiger als ich. Heute wird es wahrscheinlich erst mal beängstigend, und es wird wehtun – na ja, mir wird’s wehtun, ich lasse nicht zu, dass sie dir Leid zufügen –, aber letzten Endes wird alles gut werden. Ich versprech’s dir.“

Und das waren keine leeren Worte. Selbst wenn ich dabei sterben würde, Calliope würde mein Baby nicht anrühren. Was auch immer es kostete, dafür würde ich sorgen.

Die Wehen kamen jetzt in so kurzen Abständen, dass ich es kaum aus dem Bad schaffte. Von Calliope bekam ich keine Hilfe – keine Medikamente, keine aufmunternden Worte –, und auch wenn Kronos an meiner Seite blieb, sagte er nichts, während meine Wehen immer dichter aufeinanderfolgten. Sie mussten wissen, dass die anderen im Anmarsch waren. Es gab keinen anderen Grund, das Baby so hastig auf die Welt zu zwingen, und ich konnte mir nicht vorstellen, dass Calliope die Chance aufgäbe, mich so lange wie nur irgend möglich leiden zu lassen, wenn die Lage nicht wirklich ernst wäre.

Ich weigerte mich zu schreien. Selbst in den letzten Momenten der Geburt, als das Baby mit einem grausamen Reißen durch meinen Leib drängte, biss ich die Zähne zusammen und atmete durch den Schmerz. Seit ich unsterblich geworden war, hatte nichts außer Kronos mir Schmerz zufügen können und offenbar war der Vorgang der Geburt die zweite Ausnahme. Das hier war ein natürlicher Vorgang und die Unsterblichkeit konnte nichts dagegen ausrichten.

Der Moment, als das Baby meinen Leib verließ, fühlte sich an, als wäre mir das Herz aus der Brust gerissen und läge nun in Calliopes Händen. Sie richtete sich auf, und ich bekam einen Kloß im Hals, als ich das faltige, blutige kleine Kind sah, das sie hielt. „Es ist ein Junge“, sagte sie und lächelte. „Perfekt.“

Irgendwie, trotz der Worte, die ich ihm zugeflüstert hatte, trotz der Stunden, die ich damit verbracht hatte, seinen Tritten nachzuspüren, trotz der Monate, die ich ihn in mir getragen hatte, war er mir niemals vollkommen real erschienen. Doch jetzt …

Das war mein Sohn.

Das war mein Sohn und Calliope würde ihn umbringen.

Sie brauchte keine Instrumente, um die Nabelschnur zu durchtrennen oder die glitschige, blutige Geburt zu Ende zu bringen; von einem Moment auf den nächsten war alles sauber und das Baby in ein weißes Tuch gehüllt. Als hätte sie das schon tausendmal gemacht, nahm sie ihn in die Arme und stand auf. Ich blieb allein auf dem Bett zurück.

„Warte“, brachte ich leise hervor. Erschöpft und schweißnass versuchte ich trotz der Schmerzen aufzustehen. „Du kannst ihn nicht – bitte, ich tue alles, tu ihm nur nicht weh.“

Dünn und hilflos erfüllte sein Weinen den Raum und mir brach das Herz. Jeder Knochen in meinem Leib schrie mich an, aufzustehen, zu ihm zu gehen und ihn vor dem Leben zu retten, das ihn bei Calliope erwartete, doch ich konnte mich nicht rühren. Je verzweifelter ich kämpfte, desto bewegungsunfähiger wurde ich und desto stärker schmerzte mein Körper.

Die Augen erfüllt von glühender Bösartigkeit, sah sie auf mich herab. Sie genoss das hier. Sonnte sich in meinem Schmerz. „Diese Entscheidung liegt nicht bei dir, liebe Kate.“

Aus dem Augenwinkel sah ich, wie Kronos sich aufrichtete. „Du wirst dem Kind nichts tun“, befahl er und seine Stimme glich einem dunklen Donnergrollen. „Das ist ein Befehl.“

Einen Moment lang wurden Calliopes Augen eng und mir sprang das Herz bis in die Kehle. Sie würde ihn herausfordern. Würde meinen Sohn benutzen, um ihre Vormacht zu beweisen – dass sie es war, die alles kontrollierte.

Doch das war sie nicht und das wusste sie auch. Und zum ersten Mal, seit ich von der Existenz des Titanenkönigs wusste, war ich dankbar, dass es ihn gab.

„Na gut“, erklärte sie leicht genervt, so als würde sie ihn nur gewinnen lassen, weil sie es so wollte. Doch die Wahrheit kannten wir beide. „Ich werde ihn nicht umbringen.“

Wie eine Droge rauschte Erleichterung durch mich hindurch, spülte die qualvolle Aussicht auf seinen Tod fort, und ich stieß den Atem aus, den ich unbewusst angehalten hatte. Dank Kronos würde er leben. „Darf ich – darf ich meinen Sohn halten? Bitte?“

„Deinen Sohn?“ Ihre Arme legten sich fester um das Baby, während sie mir ein falsches Lächeln zuwarf. „Da musst du dich irren. Das einzige Kind in diesem Raum ist meins.“

Ohne ein weiteres Wort schritt sie wie eine Siegerin durch die Tür und ließ mich innerlich leer und vollkommen allein zurück.

Sie würde ihm nicht das Leben nehmen – das bedeutete, es blieb noch Zeit. Aber wie lange würde es dauern, bevor sie genug davon hatte, Kronos zu gehorchen, und das Baby umbrachte, nur um mich leiden zu sehen?

Ich musste zu meinem Sohn gelangen, musste ihn retten. Selbst wenn Calliope ihm kein Haar krümmte – der Gedanke, wie er von diesem Monster aufgezogen würde, zu einem düsteren Wesen gemacht, in dem das unschuldige Kind, das er jetzt war, nicht mehr zu erkennen wäre, brachte mich schier um. Wenn ich in meiner Zeit in der Unterwelt eins gelernt hatte, dann dass ein solches Leben unvergleichlich schlimmer wäre als der Frieden des Todes.

Verzweiflung schlug ihre Klauen in mein Herz, riss mich entzwei und langsam wandte ich mich zu Kronos um.

Seine Königin. Mein Leben, meine Entscheidung, meine Freiheit für die meines Sohnes.

„B…bitte“, brachte ich abgehackt heraus. „Ich tue alles, was du willst.“

Mit kalten Fingern strich er mir über die tränenüberströmte Wange und diesmal wich ich nicht zurück. „Alles?“

Die Worte waren wie Rasierklingen auf meiner Zunge, doch ich sprach sie trotzdem aus. „Alles“, flüsterte ich. „Rette ihn und – und ich gehöre dir.“

Kronos beugte sich vor, bis seine Lippen nur noch um Haaresbreite von meinen entfernt waren. „Wie du wünschst, meine Königin.“

Ich schluckte. Feuer strömte durch meinen Leib und hinterließ eine brennende Hitze anstelle der Schmerzen der Geburt, als Kronos mich heilte. Das war es wert. Henry würde es verstehen, und irgendwie würde ich es schaffen, ihn mit dem Baby zu vereinen.

Schwindelig vor Hoffnung setzte ich mich auf und berührte meinen flachen Bauch. Irgendwie hatte Kronos meinen Körper exakt so wiederhergestellt, wie er vor der Schwangerschaft gewesen war, und die fehlende Fülle an Bauch und Brüsten brachte mich aus dem Konzept. Warum ließ er mir nicht die Möglichkeit, das Baby zu füttern? Weil er wusste, dass es keine Rolle spielen würde? Doch bevor ich etwas sagen konnte, begann die Welt in ihren Grundfesten zu erzittern.

„Was …“, setzte ich an und packte die Kanten der Matratze, doch seitlich von mir zog etwas meine Aufmerksamkeit auf sich. Der Himmel vor meinem Fenster war in ein unnatürliches goldenes Licht getaucht und die Insel unter unseren Füßen bebte heftig.

„Ich werde zurückkehren, meine Liebe, und dann werden wir zusammen sein“, versprach Kronos. Er drückte mir die kalten Lippen auf die Wange und war einen Augenblick später verschwunden, doch es war mir egal.

In der Ferne sah ich eine schwarze Wolke herangleiten, in der Blitze zuckten. Auch wenn Kronos die Insel nicht verlassen konnte, die Wolke glitt durch die vom Rat erschaffene Barriere, als existierte sie nicht. Obendrauf entdeckte ich die Silhouette eines Mannes. In mir keimte Hoffnung auf, und ich brauchte sein Gesicht nicht zu sehen, um zu wissen, wer die dunkle Gestalt war.

Henry.

2. KAPITEL

BLUT UND STEIN

Neun Monate lang hatte ich von diesem Moment geträumt. In meinen Visionen hatte ich zugesehen, wie Henry seinen Pflichten nachging, ahnungslos über die wahren Geschehnisse, während er darauf wartete, dass ich heimkam. Mit jeder Faser meines Seins hatte ich mir gewünscht, er würde erkennen, dass etwas nicht stimmte, und durch die Türen meines Gefängnisses hereingestürmt kommen. Ich hatte mich so sehr danach gesehnt, dass es schmerzte; so sehr, dass ich an nichts anderes mehr denken konnte, als diese Insel zu verlassen. Calliope und Kronos und all meine schlimmsten Ängste hinter mir zu lassen.

Jetzt hatte ich vielleicht endlich die Chance und konnte nicht fort. Was auch immer da draußen auf mich warten mochte – Henry, meine Mutter, eine Familie, ein Krieg, den es zu gewinnen galt –, ich konnte meinen Sohn nicht zurücklassen.

Henry flog auf den Palast zu und ich suchte den Himmel hinter ihm nach den anderen Ratsmitgliedern ab. Doch da war nichts als dieses unnatürliche Gold. Mir wurde eng um die Brust. Er konnte nicht allein sein. So leichtsinnig war er nicht. Schon in der Unterwelt hatte er nicht die Kraft gehabt, Kronos aufzuhalten, außerhalb seines Reichs schien das völlig unmöglich.

Wo war meine Mutter? Selbst wenn die anderen kein Interesse daran hatten, mir zu helfen, wäre doch sicher wenigstens sie mitgekommen, um Henry zu schützen. Hatte er darauf bestanden, dass sie es nicht tat? Dass es zu gefährlich war?

Als er nah genug war, dass ich erkennen konnte, wie zornig er war, traf es mich wie ein Schlag. Er war allein.

Wir waren allein.

Ich rechnete damit, dass er die Mauern zertrümmern würde, doch stattdessen flog er über mein Zimmer hinweg zu einem anderen Teil des Palasts, den ich nicht sehen konnte. Als wüsste er nicht, dass ich hier war. Vielleicht wusste er es tatsächlich nicht. Vielleicht versuchte Calliope, ihn fortzulocken und …

Die Waffe.

Oh Gott.

„Henry!“, schrie ich. „Henry!“

„Kate“, ertönte eine Stimme von der anderen Seite der Tür. „Kate, ich bin’s.“

Hastig stürzte ich zur Tür und kauerte mich davor zusammen, um durchs Schlüsselloch zu blicken. „Henry? Bist du …“

Ein blaues Auge mit langen blonden Wimpern erwiderte meinen Blick und mein Herz wurde schwer. Ava.

„Geh von der Tür weg“, flüsterte sie und blickte sich über die Schulter um. Wovor hatte sie solche Angst? Dass Henry den Gang entlanggestürmt kam und sie pulverisierte? Wenn es doch nur so wäre.

„Warum sollte ich dir trauen?“, fuhr ich sie an. „Du wusstest, dass Calliope meinen Sohn umbringen wollte, und du hast alles dafür getan, dass sie es schafft.“

Sie blinzelte mehrmals und ihre Augen wurden rot und feucht. Früher hatte ich mal gedacht, Ava gehörte zu den wenigen, die hübsch aussahen, selbst wenn sie weinten, doch jetzt konnte ich nichts als die Hässlichkeit sehen, die unter der Oberfläche lag.

Monatelang hatte ich mir das Lieben und Leiden der griechischen Götter eingebläut, die Geschichte, die ihrer Mythologie zugrunde lag. Nicht alles davon stimmte – so vieles war über die Äonen verdreht und verfälscht worden, als die Menschen jene Geschichten weitergegeben hatten, bevor sie auf den Gedanken kamen, sie aufzuschreiben. Und aus diesem Grund hatte ich daran glauben wollen, dass die Götter im Grunde gut waren. Dass sie sich wirklich um die Menschheit kümmerten, dass ihr Leben nicht erfüllt war von Unfug, Verrat und Selbstsucht.

Trotz allem, was Calliope und Kronos getan hatten, hätte Ava mich darin bestätigen können. Ein einziges Wort zum Rat und das hier hätte schon vor Monaten vorbei sein können. Stattdessen hatte sie all meine Hoffnungen zerstört.

„Es tut mir leid“, flüsterte sie. „Du bist meine beste Freundin, Kate. Bitte … Ich wollte nie, dass irgendetwas von dem hier geschieht. Ich hatte keine Ahnung.“

„Du wusstest genug.“

Zittrig holte sie Luft und sah sich wieder um. „Wenn das hier vorbei ist, kannst du mich in Stücke reißen. Aber jetzt muss ich dich erst mal hier rausschaffen.“

Ich stieß einen unwilligen Laut aus. Jetzt wollte Ava mich retten, nachdem Calliope genau das hatte, was sie wollte? „Als ob ich mit dir irgendwo hingehen würde.“

„Ich kann dich zu deinem Sohn bringen.“

Plötzlich pochte mein Herz wild. Augenblicklich verwandelte sich meine Abscheu in Verzweiflung, und ich musste mich zurückhalten, meine Fingernägel nicht in die Tür zu schlagen. „Du weißt, wo er ist?“

Ava nickte. „Und wenn du mich lässt, kann ich euch beiden helfen, hier rauszukommen.“

Mehr musste ich nicht hören. Vergessen waren die letzten neun Monate. Vergessen ihr Verrat. Vergessen die sehr reale Möglichkeit, dass dies bloß eine weitere Falle war, um dafür zu sorgen, dass Henry mich nicht fände. Wenn auch nur die Chance bestand, dass sie die Wahrheit sagte, wenn es den Hauch einer Möglichkeit gab, meinen Sohn zu retten, war es mir egal.

Ich wich von der Tür zurück, und eine Brise strich durch den Raum, duftend wie die Blumen, die meine Mutter mir immer aus ihrem Blumenladen mitgebracht hatte.

Meine Mutter. Was hätte ich gegeben, sie wiederzusehen. Diese Leere in mir schmerzte, und ich hätte alles getan, wenn ich die Möglichkeit gehabt hätte, in der Zeit zur letzten Wintersonnenwende zurückreisen zu können. Hätte ich es gewusst, hätte ich sie niemals verlassen. Hätte ich Henry niemals verlassen.

Das Schloss klickte und die Tür schwang auf und gab den Blick auf Ava frei. Jetzt, da es draußen hell war, konnte ich sie erst richtig sehen. Das blonde Haar hing in schlaffen Locken herab und in den Schatten sahen die dunklen Ringe unter ihren Augen schrecklich aus. So hatte ich sie noch nie gesehen, nicht einmal in jener Nacht, als ich Henry in Eden am Fluss zum ersten Mal begegnet war – der Nacht, als sie sich mit einem Kopfsprung ins aufgewühlte Wasser geworfen und den Schädel an einem Felsen eingeschlagen hatte.

Hätte ich sie gerettet, wenn ich gewusst hätte, dass sie mich weniger als anderthalb Jahre später von allen fortreißen würde, die ich liebte? Dass sie sich Calliope anschließen würde, die mich seit meiner Ankunft in Eden mit allen Mitteln hatte töten wollen, während sie mich in eine Schwangerschaft hineinmanövrierte, nur damit sie mich auf die schlimmstmögliche Art und Weise verletzen könnte?

Hätte ich sie gerettet, wenn mir klar gewesen wäre, dass Ava die ganze Zeit über von Calliopes Plan, meinen Sohn zu töten, gewusst hatte?

Ich hatte keine Ahnung und es war mir auch egal. Wenn Ava mir half, ihn zu retten; wenn sie uns half, zu fliehen, würden die vergangenen neun Monate keine Rolle mehr spielen. Vergessen würde ich es niemals, aber mit der Zeit möglicherweise vergeben.

Hastig trat ich durch die Tür. Ava bot mir ihren Arm an, doch ich wich vor ihr zurück. Beim Gedanken, mich von ihr berühren zu lassen, wurde mir übel. „Spar dir die Mühe. Kronos hat mich geheilt. Wo geht’s lang?“

Ava sank in sich zusammen und ließ die Hand sinken. Ich verspürte Schuldgefühle, schob sie jedoch schnell beiseite. Sie verdiente mein Mitgefühl nicht. Quälend langsam führte sie mich auf Zehenspitzen über den Schieferboden des Gangs. Hatte ich recht? Wollte sie mich bloß verstecken, damit Henry mich nicht finden könnte?

Egal. Ich musste es versuchen.

Es gab einen entsetzlichen Krach. Die Wände um uns herum bebten und Ava warf sich auf mich, schützte meinen Körper mit ihrem eigenen, als die Decke auf uns herabstürzte. Mit dem Hinterkopf krachte ich gegen die Wand, doch ich wartete auf einen Schmerz, der nicht kam. Ich war jetzt unsterblich. Und wenn die ganze Welt über uns zusammenstürzte – wir würden niemals sterben.

„Geht’s dir gut?“, keuchte Ava zwischen den Trümmern. Die Luft war eine einzige Staubwolke, und als ich versuchte, Luft zu holen, schnürte es mir die Kehle zu.

„Wir müssen weiter“, brachte ich hustend hervor. Henry würde sich nicht mit Fragen aufhalten – sobald er mich in die Finger bekäme, würde er mich mit sich in die Unterwelt nehmen. Wir mussten das Baby finden, bevor Henry mich entdeckte.

Ich kletterte über den hüfthohen Berg aus Schutt, wühlte mich durch den Staub, während scharfe Kanten versuchten, sich in meine undurchdringliche Haut zu bohren. Was, wenn mein Baby unter Trümmern begraben lag?

Mein Fuß blieb an einem Brocken hängen, den ich nicht sehen konnte, und ich stolperte, streckte reflexartig die Arme aus, um meinen Fall zu bremsen. Doch stattdessen fingen mich zwei starke Hände auf und ich blickte hoch.

Dunkles Haar, attraktives Gesicht, breite Schultern. Es war Henry.

Ich blinzelte gegen die Tränen an, mit denen mein Körper den Staub aus meinen Augen schwemmen wollte, und sein Gesicht wurde klarer.

Nein, nicht Henry.

Kronos.

„Komm, meine Liebe“, murmelte er und zog mich auf die Füße. Seine Hände waren wie glühende Kohlen auf meiner Haut. Hart pochte mein Herz und ich schmeckte Galle. Wo war Henry? Warum versuchte Kronos nicht, ihn aufzuhalten?

Weil er es nicht musste. Ein Gott gegen den König der Titanen – der Ausgang dieses Kampfes wäre klar. Und mit Calliopes Waffe wäre es obendrein kein fairer Wettstreit. Henry würde nicht wissen, was ihn erwartete, und dann …

Ich schluckte. Ich musste das Baby finden, bevor Henry mich entdeckte, und ich musste Henry finden, bevor es zu spät war. Jede andere Möglichkeit war inakzeptabel.

„Ich will meinen Sohn sehen“, verlangte ich und riss mich von Kronos los, während ich versuchte, ruhig zu klingen. Zu meiner Linken gab ein klaffendes Loch in der Steinmauer den Blick auf einen goldenen Himmel frei, und der Klang der Brandung drang bis in den Flur. „Bring mich zu ihm.“

„Alles zu seiner Zeit.“ Er führte mich durch den zerstörten Korridor und der Schutt wich vor unseren Schritten zur Seite, machte einen Weg für uns frei. Für ihn. Ava folgte ein paar Schritte hinter uns, schlurfend und gegen die Steine tretend, als wollte sie so viel Lärm wie nur möglich machen. Eine Warnung für Calliope, dass wir kamen? Ein Signal, um Henry mitzuteilen, wo wir waren?

Ohne Vorwarnung veränderte sich die Luft, als der Staub verschwand und der salzige Wind vom Meer den dünnen Schreien eines Neugeborenen wich. Ich blinzelte. Es war lange her, dass ich unabsichtlich eine Vision gehabt hatte.

Um mich herum erhoben sich Wände in der Farbe des Sonnenuntergangs. Das Zimmer war leer bis auf eine weiße Wiege in der Mitte. Mir stockte der Atem, als ich über den Rand spähte. Ich wagte kaum, zu hoffen.

Dort, eingewickelt in eine Strickdecke, lag mein Sohn.

Sein Schluchzen hörte auf, und er öffnete die Augen einen Spalt weit, als sähe er mich direkt an. Aber das war unmöglich – er konnte mich nicht sehen. Niemand konnte mich in meinen Visionen sehen. Ich war eine Beobachterin. Weniger als ein Geist. Ich war nichts.

Unwiderstehlich lockten mich seine blauen Augen und ich streckte die Hand nach ihm aus. Für einen Sekundenbruchteil bildete ich mir ein, die Wärme seiner zarten Haut zu spüren, die winzigen Finger, und ich lächelte.

„Hi“, wisperte ich. „Du bist aber ein hübscher kleiner Mann.“

Er starrte den Fleck Luft an, in dem ich stand, und ich konnte kaum atmen. Er war perfekt. Calliope würde ihn mir nicht wegnehmen. Ich würde es nicht zulassen.

„Milo.“ Der Name war mir entschlüpft, bevor ich darüber nachdenken konnte, doch sobald er in der Luft hing, schien er sich um das Baby zu legen und so sehr ein Teil von ihm zu werden wie das dunkle Haar oder meine unermessliche Liebe.

Ja. Milo.

Ein Wutschrei durchbrach den Zauber zwischen uns, und Milo begann wieder zu weinen, noch lauter als zuvor. Wieder versuchte ich, ihn zu berühren, ihm jedes bisschen Trost zu spenden, das ich konnte, falls er meine Anwesenheit wirklich spürte, doch meine Hand glitt durch ihn hindurch. Sein Weinen wurde nur noch schriller.

„Calliope!“

Ich erstarrte. Henry.

Hin- und hergerissen zwischen Milo und Henry verharrte ich zögernd neben der Wiege. Jemand hatte die Tür des Kinderzimmers weit genug offen gelassen, dass ich hindurchpasste, und sosehr es mich auch schmerzte, das Baby zu verlassen, musste ich doch wissen, wo Henry war. Wenn er sich vor dem Kinderzimmer aufhielt – wenn er von Milo wusste und ihn retten wollte …

Bitte, bitte, bitte, mach, dass er es weiß.

Ich sprintete durch die Tür, hinaus in einen Flügel des Palasts, den ich nie zuvor gesehen hatte. Die Wände erstrahlten in purem Gold, nicht steinern wie in meinem Gefängnis, und der tiefblaue Teppich war perfekt abgestimmt auf die Seidenvorhänge, die an der Außenwand angebracht waren. Der Korridor schien sich fast über die gesamte Länge des Palasts zu erstrecken, und Calliope stand in der Mitte, nur wenige Meter entfernt von Henry.

Er hatte mich am Ufer des Styx aus den Fängen des Todes gerettet. Er hatte um unser aller Leben gekämpft, als Calliope mich im Tartaros mit Ketten gewürgt hatte. Er war der Herr der Unterwelt, König der Toten, und einer der mächtigsten Götter aller Zeiten.

Doch nie zuvor hatte ich seine Macht als so furchteinflößend empfunden. Wie in schwarzen Wellen ging sie von ihm aus, erschütterte die Grundfesten des Palasts, und auch wenn ich nicht wirklich da war, hatte ich zum ersten Mal im Leben ernsthaft Angst vor ihm.

Doch in diese Angst mischte sich Befriedigung, und als ich mich Calliope näherte, erfüllte mich Verachtung. Henry würde sie vernichten. Was auch immer diese Waffe war, die sie zu besitzen behauptete, sie konnte es unmöglich mit der puren Rage aufnehmen, die ihn umhüllte und seine Macht nährte. Nur ein Titan konnte einen Gott töten und Calliope war genau wie ich: unsterblich. Nicht mehr und nicht weniger.

Eine Explosion ließ die Mauern erbeben und Panik erfasste mich. Milo. Henry hatte keine Ahnung, dass er hier war, dass Calliope zwischen ihm und seinem Sohn stand. Vielleicht wusste er nicht einmal, dass sein Sohn existierte. Und wenn er den Palast zum Einsturz brachte …

Ein einziger Gedanke genügte und unser Sohn würde sterben.

Hastig eilte ich zurück zum Kinderzimmer, doch bevor ich Milos Gesicht über den Rand der Wiege hinweg erspähen konnte, verschwanden die rotgoldenen Wände.

Ich blinzelte schwer atmend und brauchte mehrere Sekunden, um mich zu orientieren. Kronos hielt mich am Arm, seine Hände fühlten sich noch immer wie Feuer auf meiner Haut an, und Ava wartete auf der anderen Seite neben mir. Wir standen in einem dunkelblau-goldenen Korridor, doch außer uns war niemand hier.

War es vorbei? Hatten wir es verpasst?

Nein, unmöglich. Meine Visionen zeigten immer die Gegenwart. In die Vergangenheit oder Zukunft konnte ich nicht blicken. Henry und Calliope waren irgendwo in der Nähe. Es musste so sein. Über uns, in den unteren Etagen …

„Kate, meine Liebe.“ Wie Eis glitt Kronos’ Stimme mir das Rückgrat hinab. „Bist du mein?“

Niemals. Nicht in einer Million Jahren und wenn wir die letzten Wesen im Universum wären. Nicht einmal, wenn meine einzige Alternative darin bestünde, die Ewigkeit begraben unter Felsbrocken zu verbringen.

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