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Der Teufel in der Schublade

Als Buch hier erhältlich:

Vor rund 200 Jahren hat Johann Wolfgang von Goethe eine Nacht in Dichtersruh verbracht. Seither sind die Bewohner besessene Vielschreiber und bombardieren die Verlage des Landes mit ihren Manuskripten. Eines Tages kommt der Luzerner Verleger Dr. Bernhard Fuchs nach Dichtersruh und schreibt einen Goethe-Preis aus. Der Gewinn: eine Veröffentlichung in Dr. Fuchs' Verlag. Das ganze Dorf ist außer sich und alle reichen ihre Texte ein. Nach und nach hagelt es allerdings Absagen, die die Dorfgemeinde spalten und zu Unfrieden führen. Die Bewohner wenden sich an Pater Cornelius mit der Bittem sie vom Teufel zu befreien. Ein tödlicher Schuss fällt...
  • Erscheinungstag: 17.08.2020
  • Seitenanzahl: 176
  • ISBN/Artikelnummer: 9783312011827
  • E-Book Format: ePub
  • E-Book sofort lieferbar

Leseprobe

Paolo Maurensig

Aus dem Italienischen
von Rita Seuß

Was kann uns zu der schweren Aufgabe zwingen, all die nutzlosen Dinge zu ordnen, die wir im Laufe der Jahre zusammengetragen haben, ohne jemals den Mut gefunden zu haben, sie wegzuwerfen? Ein bevorstehender Umzug vielleicht oder – wie in meinem Fall – die Notwendigkeit, ein Zimmer leerzuräumen, das mit allem möglichen Krimskrams vollgestopft war, um es für einen anderen Zweck zu nutzen. Wir überlegen sehr genau, bevor wir uns von etwas trennen, und meistens beschließen wir am Ende, es lieber zu behalten, weil es uns irgendwann vielleicht doch noch einmal nützlich sein könnte. Und so sammeln sich immer mehr Dinge an, bis wir gezwungen sind, reinen Tisch zu machen. Dann beginnt ein Prozess der Erinnerung. Wir fangen an, in unserer Vergangenheit zu stöbern, wir nehmen uns Zeit, alte Fotos zu betrachten und alte Briefe zu lesen, von denen wir gar nicht mehr wussten, dass wir sie überhaupt erhalten hatten, wir blättern in Büchern mit Widmungen, in Manuskripten … Und die hatte ich stapelweise. Seitdem mir die erfolgreiche Veröffentlichung eines Romans eine gewisse Bekanntheit verschafft hatte, war ich zu einer Anlaufstelle für angehende Schriftsteller geworden. Mit beachtlicher Regelmäßigkeit erreichten mich Manuskripte mit der Bitte, sie nicht nur zu lesen und meine kompetente Meinung dazu abzugeben, sondern sie möglichst auch einem Verlag zu empfehlen und vielleicht sogar ein Vorwort zu schreiben. Anfangs fühlte ich mich verpflichtet, diese Texte von vorne bis hinten zu lesen, doch schnell wurde mir klar, dass ich niemals würde Schritt halten können und dass ich einen Großteil meiner Zeit mit völlig uninteressanten Texten verbringen würde. Aber es fällt mir nicht leicht, mich ihrer zu entledigen, ich schaffe es ja schon kaum, mich von einem absolut nutzlosen Gegenstand zu trennen. Bei Manuskripten bremst mich zudem ein gewisser Respekt gegenüber dem Autor, ich wollte daher sichergehen, dass ich bei meiner Beurteilung der Texte keinen Fehler machte, bevor ich mich ihrer entledigte. Während ich also dasaß und ein Manuskript nach dem anderen überflog, fiel mir ein großer brauner Umschlag in die Hände, der noch verschlossen und mit einem ganzen Mosaik aus Briefmarken der Schweizerischen Eidgenossenschaft beklebt war. Ich riss ihn auf und zog ein Konvolut von hundert maschinengeschriebenen Seiten heraus. Es lag kein Brief bei, und es war auch kein Absender oder sonst irgendeine Rücksendeadresse angegeben. Der Verfasser wollte offenbar anonym bleiben. Vielleicht würde er ja im Verlauf der Geschichte seine Identität preisgeben.

 

Das Manuskript trug den Titel Der Teufel in der Schublade und begann mit folgenden Worten:

 

»Ich zittere schon bei der Vorstellung, dass ich diese Geschichte zu Papier gebracht habe. Ich habe sie lange mit mir herumgetragen, aber am Ende musste ich mich von einer Last befreien, die mein psychisches Gleichgewicht bedrohte, denn es ist eine Geschichte, die an den Rand des Wahnsinns führt. Trotzdem hörte ich dem Mann, der sie mir erzählte, zu, bis er fertig war, ohne seine Worte jemals in Zweifel zu ziehen. Umso mehr, als er ein Priester war.«

Ich kann mir vorstellen, dass dies dem Leser wie ein erzählerischer Trick vorkommt, schließlich wimmelt es in der Literatur nur so von Manuskripten, Tagebüchern, Briefen und Memoiren, die an den unterschiedlichsten Orten und unter den unglaublichsten Umständen gefunden wurden. Aber steht nicht am Anfang jeder Geschichte ein Entwurf oder eine Niederschrift auf Papier? Alles, was wir lesen, beginnt mit einem Packen Blätter, besser gesagt, einem jener Manuskripte, wie sie sich auf dem Schreibtisch eines Verlegers oder auf dem Schreibtisch desjenigen türmen, der die Aufgabe hat, sie zu lesen. Der Fund des Manuskripts war also an sich nichts Außergewöhnliches: Das Konvolut befand sich am richtigen Ort, nur war es meiner Aufmerksamkeit bisher entgangen. Das einzig Merkwürdige war seine Anonymität.

Der Anfang klang vielversprechend. Und so saß ich inmitten eines Wusts von Papieren aller Art, unterbrach meine Aufräumaktion und fuhr mit der Lektüre fort.

Obwohl der Autor es vorzieht, seinen Namen nicht preiszugeben, stellt er doch einen präzisen Ort und einen genauen Zeitpunkt an den Anfang seiner Erzählung. Sie beginnt im September des Jahres 1991 während eines kurzen Aufenthalts in der Schweiz, genauer gesagt im Städtchen Küsnacht am Zürichsee, wo unser Autor an einer psychoanalytischen Tagung teilnimmt.

»Ich war als Berater eines kleinen Verlags gekommen, der eine Schriftenreihe zu dieser so faszinierenden wie umstrittenen Materie veröffentlichen wollte. Wenn ich es so formuliere, könnte man meinen, ich hätte eine wichtige Funktion innegehabt. Tatsächlich aber gehörte der Verlag meinem Onkel, der bereits eine Druckerei besaß. Nachdem er Tausende Bücher für andere gedruckt hatte, packte ihn plötzlich der Ehrgeiz, selbst Verleger zu werden, und er hatte mir den Posten mehr aus einer familiären Verpflichtung heraus als aufgrund von anerkannten Leistungen gegeben.«

Schon in diesen und den weiteren ersten Sätzen gibt der Autor einiges über sich preis. Er verrät, dass er als Waise aufgewachsen ist: Die Mutter starb bei seiner Geburt, der Vater ein paar Jahre später bei einem Arbeitsunfall, und so wuchs er bei seinem Onkel väterlicherseits auf. Wir erfahren auch, dass er von der Leidenschaft für das Schreiben gepackt ist, und dank dieser Auskünfte können wir sein Alter bestimmen: ziemlich jung, möchte man meinen, zwischen fünfundzwanzig und dreißig. Da er in der ersten Person spricht, braucht er seinen Namen nicht zu offenbaren. Um jedoch unnötige Weitschweifigkeiten zu vermeiden, werde ich ihm einen geben. Ich will ihn Friedrich nennen: ein Name, der an einen blassen und blonden angehenden Schriftsteller denken lässt, der sich in den Bergtälern der Schweiz herumtreibt.

Über seinen Onkel schreibt Friedrich:

»Die Bücher waren unsere einzige Gemeinsamkeit: Er wollte welche veröffentlichen, ich wollte welche schreiben. Tatsächlich befand ich mich in dem glückseligen Stadium der Verpuppung, das wir alle durchlaufen, wenn wir entdecken, dass wir zur Kunst berufen sind (oder es uns einbilden). Eine Zeitlang war ich bei einer lokalen Tageszeitung Mädchen für alles gewesen, doch der Lohn, den ich erhielt, reichte mir kaum für die Zigaretten. Ich betreute die Todesanzeigen und machte gelegentlich kleinere Berichte für die Seite Vermischtes. Sogar ein paar kurze Erzählungen hatte ich schon geschrieben, nur damit die Zeitungsspalten voll wurden. Wenn es nicht genügend Nachrichten gab und noch Platz frei war, bat mich der Chefredakteur, schnell noch eine kleine Geschichte hinzuwerfen, nicht mehr als viertausend Anschläge. Ich hatte also bisher nie etwas geschrieben, das länger war als eine Kurzgeschichte, und nur in diesem Provinzblatt veröffentlicht, aber ich hegte einen Traum. Ich lebte in einem Zustand des Abwartens und hoffte darauf, dass das in die Erde gelegte Samenkorn keimte und bald zu einem blühenden und fruchtbaren Baum emporwachsen würde.

Als mich dann mein Onkel mit der Aufgabe einstellte, in seinem Verlag Manuskripte zu lesen und die Druckfahnen zu korrigieren, hatte ich das Gefühl, meinem Ziel ein Stück nähergekommen zu sein. Ich lebte inmitten von Büchern, ich sog den Geruch der Druckerschwärze ein, der mich berauschte wie eine Droge. Ich gab mir den Anschein eines Schriftstellers, mit Notizheft und Bleistift in der Tasche, die ich jederzeit zu zücken bereit war. Ich beobachtete die Menschen und versuchte, ihre persönliche Geschichte zu entziffern … Und doch bezweifelte ich, dass es eines Tages jemandem einfallen könnte, sie mir zu erzählen. Immerhin hatte ich eine feste Stelle in einem Verlag, und obwohl ich schlecht bezahlt wurde, hielt ich daran fest. Und jetzt war ich auf meiner ersten bedeutenden Mission außerhalb des Verlags. Mein Onkel hatte mich damit betraut, weil ich Deutsch konnte, obwohl dieses Deutsch mit der vor Ort gesprochenen Sprache herzlich wenig zu tun hatte.

In Küsnacht hatte Carl Gustav Jung gelebt, dort war er gestorben, und deshalb wurde hier anlässlich seines dreißigsten Todestages eine dreitägige Konferenz mit Fachleuten aus der ganzen Welt abgehalten. Wenn ich den Referenten zuhörte, Koryphäen ihres Fachs, die mir jedoch völlig unbekannt waren, würde ich vielleicht den einen oder anderen nicht allzu anspruchsvollen Text entdecken, den man publizieren und mit dem man die neue Verlagsreihe eröffnen konnte. Und wenn ich nichts Interessantes entdeckte, war es auch nicht so schlimm – dann kam ich wenigstens in den Genuss von ein paar Tagen Urlaub auf Kosten der Firma.

Da ich mich nicht darum gekümmert hatte, ein Hotel zu reservieren, musste ich mich mit dem Gasthof Adler begnügen, einer sauberen, ruhigen Unterkunft etwas außerhalb des Zentrums. Ein idealer Ort, um zu schreiben, dachte ich sofort – damals beurteilte ich alles mit den Augen des Schriftstellers, der ich werden wollte. Der Gasthof lag ein paar Kilometer vom Stadtzentrum entfernt, wo die Tagung in einem Saal des Rathauses stattfand. Jede Stunde fuhr ein Postbus, aber auch zu Fuß war es nicht besonders weit, ich konnte sogar eine Abkürzung durch einen dichten Tannenwald nehmen, wenn ich wollte.

Das Wetter war schön, die Luft des Sees stärkte die Lungen, und die in allen Farben blühenden Rosensträucher vor den Häusern – Villen ebenso wie bescheidenste Behausungen – waren im Sonnenlicht eine wahre Augenweide. Und so beschloss ich an jenem Morgen, zu Fuß zu gehen. Ich konnte noch nicht wissen, dass das idyllische Bild, das ich mir von diesem Ort gemacht hatte, schon bald durch eine Begegnung unter ganz besonderen Umständen getrübt werden würde. Ich nahm den Weg durch das Wäldchen hinunter in die Stadt, als ich plötzlich ein Rascheln hörte, das aus dem Dickicht zu kommen schien. Neugierig blieb ich stehen. Ich dachte sofort an ein aufgescheuchtes Tier, einen jungen Hirsch vielleicht, der im nächsten Moment zwischen den Bäumen auftauchen und meinen Weg kreuzen würde.

Doch dann stellte ich fest, dass es ein Mann von so kräftiger Statur war, dass er geradezu entstellt wirkte. Er trug eine Wildlederschürze und bewegte sich zwischen den Bäumen mit einem Plastikeimer in der Hand, aus dem er rötliche Klumpen über den Boden verteilte. Als er meiner gewahr wurde, hob er den Kopf und sah mich an. Das fliehende Kinn und die hängende Unterlippe ließen mich an einen geistig Behinderten denken, dem man eine Aufgabe übertragen hatte, die niemand anderer hatte erledigen wollen. Dann bewegte er den Arm wie zum Zeichen einer Drohung. Was wollte er mir mit dieser Geste zu verstehen geben?

Mit einem wachsenden Gefühl des Unbehagens ging ich weiter, fast als hätte ich unbefugt ein Privatgrundstück betreten. Ich wollte dieses Wäldchen so schnell wie möglich hinter mir lassen, um endlich bewohntes Gebiet zu erreichen. Nach ein paar hundert Metern hörte ich hinter mir eilige Schritte von jemandem, der denselben Weg nahm wie ich. Für einen Moment dachte ich, es sei der Mann, dem ich soeben zwischen den Bäumen begegnet war, aber für einen Koloss wie ihn waren diese Schritte viel zu flink. Ich ging weiter und drehte mich erst in dem Augenblick um, als der Unbekannte mich fast schon erreicht hatte.

Ein Gefühl der Erleichterung überkam mich, als ich sah, dass es ein Geistlicher war. Ein katholischer Priester in Soutane und mit einem runden, weitkrempigen Hut, dem Saturno, auf dem Kopf. Klein und etwas gebeugt, wie ich mir immer Pater Brown vorgestellt hatte, überholte er mich zügig, und nach einem kurzen Gruß sprach er sofort eine Warnung aus: Nehmen Sie sich vor den Füchsen in Acht, sagte er mit erregter Stimme. Lassen Sie sie nicht zu nah an sich herankommen. Es grassiert die Wildtollwut. Damit lief er weiter und war schon bald hinter der nächsten Wegbiegung verschwunden. Seine Eile, fast als wäre ihm der Teufel auf den Fersen, vermittelte mir den Eindruck, es bestünde eine unmittelbare Gefahr. Ich war an einer Stelle angelangt, wo der Wald noch dichter wurde und die hohen Wipfel der Tannen die blasse Scheibe der Sonne verdunkelten. Vielleicht unter dem Eindruck dieser merkwürdigen Warnung überkam mich plötzlich Panik. Ich hob einen dicken trockenen Ast vom Boden auf, mit dem ich mich notfalls verteidigen konnte, und fing an zu laufen, um den Priester einzuholen, der mit der Geschwindigkeit eines geübten Gehers bereits unerreichbar weit entfernt war. Wenig später erspähte ich zwischen den Tannen die ersten Häuser und das gleißende Glitzern des Sees und gewann meine innere Ruhe zurück.«

 

Friedrich erreicht also die Stadt, wo das Leben seinen gemächlichen und geordneten Gang geht. Angesichts dieser Normalität kann er nur noch darüber schmunzeln, dass er einer so irrationalen Furcht zum Opfer gefallen war. Was er soeben erlebt hatte, erscheint ihm jetzt beinahe irreal, und schnell ist er überzeugt, dass ihm seine Einbildung einen Streich gespielt hat.

Er betritt den Tagungssaal und setzt sich auf einen der wenigen noch freien Stühle. Ein paar Minuten lang folgt er zerstreut dem Vortrag, der gerade gehalten wird: einem schwülstigen Exkurs zu C. G. Jungs Leben. Doch dann, inmitten all der bärtigen Professoren mit ihren weißen Mähnen – einige mit der erloschenen Pfeife zwischen den Zähnen – entdeckt er zehn Reihen weiter vorn den kleinen katholischen Geistlichen, dem er im Wald begegnet war. Er ist einer der Referenten, wie Friedrich bald erfährt. Denn als der Vortrag zu Ende ist, erhebt sich der Geistliche von seinem Platz und tritt ans Rednerpult. Friedrich wirft einen Blick auf das Programm in seiner Tasche. Es ist das letzte Referat an diesem Vormittag und soll bis Mittag dauern. Genau in diesem Moment schlägt die Rathausuhr zehn Mal, und mit der berühmten Schweizer Pünktlichkeit wird Pater Cornelius – so sein Name – das Wort zu einem Vortrag mit dem Titel Der Teufel als Verwandlungskünstler erteilt. Damit also erklärt sich seine Eile, denkt Friedrich. Pater Cornelius befürchtete offenbar, zu spät zur Tagung zu kommen: Für die Zuhörer wäre dies ein unverzeihlicher Fehler gewesen.

 

Der Geistliche spricht über das Problem des Bösen und über dessen Emissär, er schweift immer wieder in die Welt der Kunst und Literatur ab, um dann aber eine ungewöhnliche Sicht der Dinge vorzutragen: die These von einem Teufel in Menschengestalt, der sich unter die Leute mischt und in einer Vielzahl von Rollen auftreten kann. Manchmal, so der Priester, nimmt er die Identität und das Aussehen scheinbar ganz normaler Menschen an, mit denen wir tagtäglich zu tun haben … Keine Schwefeldämpfe also, sondern banale Alltäglichkeit.

Seine These stößt schnell auf Widerspruch. Ein so »profanes« Thema, auf fast entwaffnende Weise vorgetragen von einem kleinen Landpfarrer an dieser heiligen Stätte der Psychoanalyse, muss unweigerlich sarkastische Bemerkungen provozieren. Einige Zuhörer verlassen unter Protest den Saal. Friedrich aber findet die Ausführungen höchst originell und gut geeignet, in gebundener Form publiziert zu werden. Die Argumentation des Redners ist klar, seine Sprache so zugänglich wie eine Sonntagspredigt. Friedrich hängt an seinen Lippen, kein Wort entgeht ihm, und er ist immer mehr überzeugt, dass er gefunden hat, wonach er sucht. Er würde also nicht mit leeren Händen zu seinem Onkel zurückkehren, vielleicht würde er sich sogar eine kleine Gehaltserhöhung verdienen. Im Geist sieht er schon die Worte des Priesters auf Papier gedruckt, ein Konvolut von Seiten, die sich auf seinem Schreibtisch türmen, um zu einem Buch zu werden. Sogar den Umschlag hat er schon vor Augen.

Die Zeit vergeht wie im Flug, bald sind die zwei für den Vortrag eingeplanten Stunden vorbei, und in wundersamem Gleichklang mit dem Glockenschlag der Rathausuhr beendet Pater Cornelius seinen Vortrag unter lauwarmem Beifall. Friedrichs erster Impuls ist, zu ihm zu gehen und ihn anzusprechen, doch er wird vom Strom der Zuhörer mitgerissen, die zum Ausgang streben. Als sich die Menge zerstreut hat und er in den Tagungsraum zurückkehrt, ist der Geistliche spurlos verschwunden.

Es folgen ein paar Seiten, auf denen Friedrich dem Leser seine Befürchtungen darlegt. Er hat Sorge, dass der Priester gleich nach seinem Vortrag abgereist ist, er also keine Möglichkeit mehr haben wird, mit ihm zu sprechen. Vergeblich bemüht er sich, im Tagungssekretariat zu erfahren, wo sich der Mann einquartiert hat. Aber dort spricht man demonstrativ den lokalen Dialekt, dem gegenüber sein geschliffenes Hochdeutsch zu einer unverständlichen Fremdsprache wird. Und so durchstreift Friedrich den ganzen Nachmittag das Stadtzentrum in der Hoffnung, Pater Cornelius doch noch über den Weg zu laufen, bis er gegen Abend beschließt, in seine Unterkunft zurückzukehren.

Er ist müde, enttäuscht und hungrig. Er weiß, dass die Küche im Gasthof Adler zu einer bestimmten Uhrzeit schließt, und da er schon nichts zu Mittag gegessen hat, möchte er nicht auch noch ohne Abendessen schlafen gehen. Aber im Gasthof wartet eine Überraschung auf ihn.

 

»Als ich den Speisesaal betrat, sah ich ihn in einer Ecke sitzen, als einzigen Gast, und zu Abend essen. Ich hatte Pater Cornelius den ganzen Tag vergeblich gesucht, und ausgerechnet hier war er! Ich konnte es kaum fassen. Wenn ich mich daran erinnert hätte, dass wir uns auf dem Weg in die Stadt begegnet waren, hätte ich darauf kommen müssen, dass er gleichfalls im Gasthof Adler wohnte, denn es gab keine anderen Hotels oder Gasthöfe im näheren Umkreis. Diesmal jedoch würde er mir nicht entwischen. Als ich sah, wie viel er noch auf dem Teller hatte, rechnete ich mir aus, dass mir ausreichend Zeit bleiben würde, um mit ihm ins Gespräch zu kommen. Ich suchte mir einen Platz nicht allzu weit von ihm entfernt, doch er schien mich gar nicht wahrzunehmen. Ganz in seine Gedanken versunken, bewegte er ab und zu die Lippen, als führte er Selbstgespräche. Ich war an jenem Abend der letzte Gast und musste mich mit einer kalten Platte begnügen, zu der ich mir ein Glas Bier bestellte. Doch im Moment reichte es mir, meinen Hunger zu stillen, in Gedanken war ich anderswo: Ich suchte nach den richtigen Worten, um ein Gespräch anzufangen, und wartete nur noch auf den geeigneten Moment, der aber einfach nicht kommen wollte. Sei es, dass die Bedienung auftauchte, die es eilig hatte abzuräumen, sei es, dass der Geistliche woandershin schaute, jedenfalls wurde eine Annäherung immer schwieriger.

Ich hatte mich bereits mehrmals geräuspert, um etwas zu sagen: ihm zu seinem Vortrag zu gratulieren oder ihn an unsere flüchtige Begegnung im Wald zu erinnern. Es fehlte nicht viel, aber jedes Mal hielt mich in letzter Sekunde irgendetwas davon ab. Dafür ließ ich ihn nicht aus den Augen. Vielleicht war es die spärliche Beleuchtung des Lokals und das dunkle Holz der Wandtäfelung, aber verglichen mit dem brillanten Redner, den ich nur wenige Stunden zuvor gehört hatte, schien es mir jetzt, als hätte ich eine völlig andere Person vor mir: einen müden, verdrießlichen, von seinen eigenen Gedanken niedergedrückten Menschen.

Er war inzwischen mit dem Essen fertig, und es würde nicht mehr lange dauern, bis er auch den Rest Bier in seinem Glas ausgetrunken hatte. Noch ein, zwei Schluck, dann würde er aufstehen und gehen und mich hier alleine sitzen lassen. Ich musste mich beeilen. Doch plötzlich spürte der Priester, dass er beobachtet wurde, und richtete seinen Blick auf mich. Er fixierte mich ein paar Sekunden lang, dann deutete er ein Lächeln an zum Zeichen, dass er mich erkannt hatte.

Ich hoffe, sagte er, ich habe Sie heute Morgen nicht allzu sehr beunruhigt. Und ohne mir Zeit für eine Antwort zu geben, fuhr er fort: Wussten Sie, dass jedes Jahr Hunderttausende Menschen auf der ganzen Welt an dieser entsetzlichen Krankheit sterben? Natürlich in Ländern abseits der Zivilisation: in den Dörfern Afrikas und Asiens, die zu weit entfernt sind von einem Krankenhaus, in dem sie schnelle Hilfe bekommen könnten. Diesen Ärmsten ist ein qualvolles Ende beschieden, qualvoll an sich und qualvoll für die Angehörigen, die kaum etwas tun können, um das Leiden der Betroffenen zu lindern.

Ich wusste nicht, was ich sagen sollte, deshalb warf ich eine Frage ein.

Waren Sie schon einmal am Sterbebett eines dieser Kranken?

Es ist ein Anblick, den ich niemandem wünsche.

Der Geistliche senkte den Blick, als bereute er seine unvorsichtigen Worte. Gewiss meinte er, seine Bemerkung begründen zu müssen, denn er beeilte sich nun hinzuzufügen: Die Tollwut, als deren Hauptüberträger der Fuchs gilt, weckt in uns eine atavistische Angst, nicht nur, weil sie zu einem schrecklichen Tod führt, sondern auch, weil sie etwas in der menschlichen Natur ans Licht bringt, was man seit jeher zu verbergen sucht: die unbezähmbare Grausamkeit, die in uns allen steckt. Und als wäre das nicht genug, hat die Tollwut eine so schauerliche Seite, dass selbst die Unerschrockensten eine Gänsehaut bekommen. All dies nährt den volkstümlichen Aberglauben, der die Tollwut mit dem Teufel in Verbindung bringt. Und es ist wirklich ein Jammer, dass einem derart reizenden kleinen Tier ein so trauriger Ruf anhaftet.

Auf einmal unterbrach sich der Geistliche, als wäre ihm seine Unhöflichkeit erst jetzt bewusst geworden: dass er mich, obwohl in seinen Augen fast noch ein Kind, so unvermittelt angesprochen hatte, was den Regeln des guten Benehmens widersprach. Wohl um seinen Fehler wiedergutzumachen, erhob er sich von seinem Stuhl, kam zu mir, um sich vorzustellen, und fragte, ob er sich an meinen Tisch setzen dürfe.

Ich willigte gern ein.

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