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Die Dame mit der Maske

Die sanften Berührungen der Heilerin Jessica lindern Francis Bardolphs Schmerz – und entzünden ein sinnliches Feuer in ihm. Doch warum zeigt sie keinem Menschen in Venedig jemals ihr Gesicht? Welches Geheimnis versteckt sie hinter der Maske?


  • Erscheinungstag: 28.07.2023
  • Seitenanzahl: 233
  • ISBN/Artikelnummer: 9783745753318
  • E-Book Format: ePub
  • E-Book sofort lieferbar

Leseprobe

1. KAPITEL

Venedig, Italien

Februar 1550

M adonna , ein Mann wünscht Euch zu sehen“, sagte die Zwergin aufgeregt.

Jessica Leonardo blies sich eine Strähne ihres schwarzen Haars aus dem Gesicht und lächelte ihre kleinwüchsige Dienerin und Vertraute an. „Viele, die bei mir Hilfe suchen, sind Männer, Sophia. Was ist an diesem so außergewöhnlich?“

Die kleine Frau schürzte die Lippen. „Er ist groß. Sein Kopf reicht bis an die Zimmerdecke.“ Sophia zuckte die Schultern. „Nun ja, beinahe. Und er ist … ein Fremder. Ein Wikinger, glaube ich.“ Ihr schauderte.

Jessica unterdrückte ein belustigtes Lächeln. „Du bist nicht sicher?“

Sophia fuchtelte mit ihren Wurstfingern. „Herrje, wie soll ich das wissen? Der Mann spricht unsere Sprache, doch mit fremdländischem Akzent, und in seiner Kleidung spiegelt sich die Mode der ganzen Welt. Seine Strümpfe kommen gewiss aus Paris, während sein Wams nur aus Verona stammen kann. Sein Mantel mag dem Geschmack der Engländer entsprechen, und sein Hut … Weiß der Himmel, wo man etwas Derartiges trägt.“ Sie kniff die Augen zusammen. „Eins jedoch kann ich mit Gewissheit sagen: Seine Kleider passen ihm zwar wie auf den Leib geschneidert, doch ich habe den Verdacht, dass er sie geborgt hat.“

Jessica legte den Kopf schräg. „Wie das? Du sprichst in Rätseln, Sophia.“

„Dann lasst es mich in einfachen Worten sagen: Er ist zwar wie ein Lebemann gekleidet, gebärdet sich jedoch wie ein Mönch. Ich bin sicher, dass ihm selbst die spaßigste Geschichte der Welt kein noch so mattes Lächeln entlocken könnte.“

Jessica wischte den Marmorstößel ab, den sie soeben zum Zerstoßen von getrocknetem Lavendel benutzt hatte. Dann tauchte sie die Hände in eine bereitstehende Schüssel mit klarem Wasser. „Ich kann es kaum erwarten, diesen seltsamen Fremden zu sehen“, sagte sie, während sie sich die Hände an der Schürze abtrocknete.

Sie ging hinüber zu der Wand, welche die Vorratskammer vom Empfangszimmer trennte, schob ein in die Vertäfelung eingelassenes Rechteck zur Seite und lugte durch das Guckloch. „Dio mio!“ , flüsterte sie.

Wie Sophia gesagt hatte, ging ein wahrer Hüne von einem Mann in ihrem behaglich eingerichteten Wartezimmer auf und ab wie ein mächtiger Löwe in einem zu engen Käfig. Den roten, federgeschmückten Hut in der Rechten, fuhr er sich mit der Linken durch sein Haar, das die Farbe und den Glanz von Altgold hatte. Jessica betrachtete ihn mit dem geschulten Blick einer Frau, die schon viele Männer jeden Alters und Gesundheitszustandes gesehen hatte.

Die rot-weiß gestreiften Strümpfe des Fremden brachten die Muskeln seiner ungewöhnlich langen Beine auffällig gut zur Geltung. Er trug eine Spanische Hose, und sein enges Wams aus rotem Samt reichte knapp bis zur Taille, statt diese zu bedecken. Durch die geschlitzten, mit Goldstickereien verzierten Ärmel des Wamses bauschte sich ein elfenbeinfarbenes Seidenhemd, das den Fremden noch breitschultriger wirken ließ, als er ohnehin war. Der ärmellose, knielange Mantel war aus Goldbrokat gefertigt und mit Rotfuchspelz gefüttert – höchst kostspielig. Das kurze scharlachrote Cape, das er um die Schultern trug, erweckte den Anschein, als habe er Flügel. Neckische karminrote Pompons krönten die Riemen seiner goldgelben Schuhe.

Das Beeindruckendste an diesem Edelmann jedoch war sein Gesicht. Seine Züge waren so fein und ebenmäßig wie die eines vom großen Bildhauer Sansovino gemeißelten Heiligen, und sein Gesichtsausdruck stand im krassen Widerspruch zu seinem geckenhaften Aufzug. Er wirkte klug, angespannt und äußerst gefährlich.

„Hatte ich nicht recht?“, flüsterte Sophia hinter Jessicas Rücken. „Ich habe Euch gesagt, dass er nicht das ist, was er zu sein vorgibt.“

Jessica lief ein kalter Schauer den Rücken hinunter. Ist der Fremde etwa ein Priester des Heiligen Offiziums, der in Verkleidung gekommen ist, um meinen Glauben auf die Probe zu stellen?

Ihr schauderte. Herr im Himmel, betete sie tonlos, gib mir Kraft und Mut.

Dann sah sie, dass der Mann sich die rechte Schulter rieb. Seine Miene blieb unbewegt, doch in seinen blauen Augen flackerte Schmerz auf. Ganz gleich, was er zu sein vorgab, Jessica war sicher, dass ihr geheimnisvoller Besucher tatsächlich Schmerzen litt. Sie schloss das Guckloch und wandte sich zu Sophia um.

Die kleinwüchsige Frau legte den Kopf schräg. „Werdet Ihr ihn empfangen? Soll ich Gobbo sagen, er möge seinen Dolch bereithalten?“

Jessica atmete tief durch, um das flaue Gefühl in ihrem Magen zu lindern, und nickte. Dann legte sie ihre fleckige Schürze ab. „Hast du dem edlen Herrn meine Bedingungen genannt?“, fragte sie.

„Sì“ , entgegnete Sophia knapp „Doch er kannte sie bereits.“ Sie trat näher an Jessica heran. „Seid auf der Hut, madonna ! Dieser Mann trägt keinen Frohsinn im Herzen.“

Jessica schluckte. „Natürlich nicht! Er leidet Schmerzen.“

Sophia reckte ihr Doppelkinn in die Höhe. „Pah! Er hat keine Lachfalten um die Augen! Ihr werdet sehen.“

Jessica nahm ihre weiße Ledermaske vom Haken neben der Tür. Sie stellte Colombina dar, eine der Figuren aus der beliebten Commedia dell’Arte. Jessica verknotete die schwarzen Bänder sorgfältig unter ihrem dicken Haarzopf im Nacken. Die Maske durfte nicht im falschen Augenblick verrutschen.

Dann wandte sie sich zu Sophia um. „Sitzt sie gut? Bedeckt sie das …?“ Sie brachte das Wort „Teufelsmal“ nicht über die Lippen, nicht wenn der Mann, der so ungeduldig auf ihr Erscheinen wartete, womöglich im Dienste der gefürchteten Inquisition stand.

Sophia strich ihr beruhigend über die kalte Hand. „Er wird nichts sehen, was nicht für seine Augen bestimmt ist.“

Jessica sandte abermals ein Stoßgebet gen Himmel, öffnete die Tür zum Nebenzimmer und ging hinein. Der hünenhafte Edelmann hörte sofort auf, unruhig auf und ab zu gehen. Jessica machte einen Knicks. Ihre Knie zitterten unter ihrem grünen Wollrock.

„Guten Morgen, messere . Es ist mir eine Ehre, Euch in meinem Hause begrüßen zu dürfen. Womit kann ich Euch dienen?“

Zu ihrer Überraschung erwiderte er ihren Knicks mit einer leichten Verbeugung. Der Mann war offensichtlich erst vor Kurzem in die Stadt gekommen. Kein echter venezianischer Edelmann käme auf den Gedanken, einer einfachen Frau eine solche Ehre zu erweisen. Macht er sich über mich lustig, oder will er mir schmeicheln, damit ich meine Vorsicht vergesse?

„Seid gegrüßt, Signorina Leonardo“, antwortete er mit tiefer, wohlklingender Stimme. „Ich danke Euch, dass Ihr mich so kurzfristig empfangen habt.“

Jessica wies auf einen der gepolsterten Stühle. „Wollt Ihr Euch nicht setzen, messere ?“ Ihre Hand zitterte leicht. Jessica verbarg sie hastig zwischen den Falten ihres Rocks.

Zu ihrer Erleichterung nahm der hochgewachsene Fremde tatsächlich Platz. Jetzt konnte sie sein Gesicht besser sehen. Wie schön seine Augen waren – wenngleich sich in ihnen mehr als rein körperlicher Schmerz spiegelte. „Sagt mir, was ich für Euch tun kann.“

Er blinzelte. „Ich habe eine alte Verletzung … hier.“ Er berührte seine rechte Schulter. „Die feuchtkalte Witterung hat sie verschlimmert.“

„Aha“, bemerkte Jessica, während sie den Klang seiner melodischen Stimme auf sich wirken ließ. „Dann lebt Ihr also noch nicht lange in Venedig?“, fragte sie in beiläufigem Ton.

Der Fremde öffnete den Mund, als wolle er lächeln, schloss ihn jedoch sogleich wieder. „Ich wurde in England geboren.“

Jessica nickte. „Ein sehr kaltes, feuchtes Land, wie ich gehört habe.“

„In der Tat“, entgegnete er. Seine ebenmäßigen Zähne blitzten im Licht des Morgens, das sich glitzernd auf den Wellen des schmalen Kanals vor Jessicas Fenster brach. „Deshalb war ich in den vergangenen Jahren bestrebt, mich in wärmeren Gefilden aufzuhalten.“

Jessica hatte das ungute Gefühl, dass ihr Gast andere Ziele verfolgte als die Suche nach Sonnenschein. „Ihr sprecht gut Italienisch, selbst unsere Mundart, die auf viele Besucher Venedigs befremdlich wirkt.“

Er hob eine seiner dunkelblonden Brauen. „Ich habe ein gutes Gehör für Sprachen. Das ist eins meiner spärlichen Talente.“

Ein Gelehrter! Kein Zweifel, er war ein Spitzel der Inquisition. Jessicas Angst wuchs. „Wie … wie habt Ihr von mir erfahren?“, fragte sie mit matter Stimme. „Ich meine, von meinen heilerischen Fähigkeiten?“

Abermals umspielte der Anflug eines Lächelns seine Lippen, doch sein Blick blieb kühl. „Eine Dame aus meinem Bekanntenkreis, Donna Cosma di Luna, wusste von meinen … Beschwerden. Sie hat Euch empfohlen.“

Jessica schnaubte innerlich. Cosma di Luna war keine Dame, sie war eine äußerst teure Kurtisane. Dieser Engländer musste in der Tat vermögend sein, um sich eine Nacht der Wonne mit ihr leisten zu können – falls er kein Geistlicher war. „Meinen Dank an Donna di Luna“, entgegnete sie. „Sie kommt gelegentlich her, um sich massieren zu lassen.“

Endlich huschte ein echtes, wenn auch flüchtiges Lächeln über sein Gesicht. „Cosma sagt, Eure Berührungen glichen denen eines Engels.“

Jessica feuchtete sich die Lippen an. „Donna di Luna ist höchst liebenswürdig“, murmelte sie. Dann berührte sie die Maske, die ihren Makel vor den lauernden Blicken der Welt verbarg. „Hat sie Euch auch hiervon erzählt?“

Er nickte. „Ja, doch sie hat mir nicht gesagt, warum Ihr diese Maske tragt.“

Furcht stieg in Jessica auf. Ich muss auf der Hut sein. Wenn er das Teufelsmal sieht, wird man mich fortschleppen und auf dem Scheiterhaufen verbrennen. Sie bemühte sich, ihrer Stimme einen festen Klang zu verleihen. „Mein Gesicht ist seit meiner Geburt entstellt, messere . Sein Anblick würde Euch mit Abscheu erfüllen. Ich trage diese Maske aus Rücksicht auf die Gefühle meiner Mitmenschen.“

Er musterte sie eindringlich und sagte dann: „Ich bedaure, von diesem Unglück zu erfahren, denn Eure Lippen erinnern mich an die roten Rosen meiner Heimat, und Eure Stimme klingt so lieblich wie der Gesang der Nachtigall.“

Was will er wirklich von mir? Ich habe nichts getan, das meine Eltern verraten könnte. Jessica räusperte sich. „Hat Donna di Luna Euch beschrieben, was ich tue?“

Er nickte und rieb sich erneut gedankenverloren die Schulter. „Sie sagte, Ihr könntet den Schmerz fortmassieren. Wenn das wahr ist, Signorina Leonardo, werde ich für immer in Eurer Schuld stehen. Ich lebe seit vielen Jahren mit dieser Qual.“

Jessica blickte ihm geradewegs in die azurblauen Augen, in denen sich eine unergründliche Trauer spiegelte. Sie holte tief Luft und sagte dann: „Ich kann den Schmerz lindern, der Eure Schulter plagt, doch ich fürchte, meine Kunst reicht nicht aus, um die Wunde in Eurem Herzen zu heilen.“

Seine Wangenmuskeln zuckten. „Cosma hat mich nicht vor Eurer scharfen Beobachtungsgabe gewarnt, Signorina“, bemerkte er in argwöhnischem Ton.

Jessica wandte klopfenden Herzens den Blick von dem Fremden ab. „Es fällt leichter, den Schmerz eines anderen zu verstehen, wenn man selbst verletzt worden ist.“

Zum ersten Mal entspannten sich seine Züge ein wenig. „Ich bedaure“, sagte er leise.

Bei seinen Worten wurde Jessica warm ums Herz. Sie blickte ihn verstohlen aus dem Augenwinkel an. Der Engländer sah außergewöhnlich gut aus. Er passte viel besser in eine höfische Umgebung als in ihr bescheidenes Haus. Sie wandte sich einer zweiten Tür zu, die in das Behandlungszimmer führte.

„Wenn Ihr wünscht, dass ich Euch helfe, dann folgt mir bitte.“ Sie öffnete die Tür.

Der Fremde erhob sich. Seine hünenhafte Gestalt füllte abermals den Raum aus. Jessica wich erschrocken zurück. Er hob entschuldigend die Hand. „Verzeiht mir, ich wollte Euch nicht erschrecken.“

Sie warf ihm ein zittriges Lächeln zu. „Um ehrlich zu sein, ich habe nie zuvor jemanden von Eurer … Größe gesehen.“

Er hob eine Braue. „Das liegt bei uns in der Familie.“

Jessica benetzte ihre trockenen Lippen. „Dann müsst Ihr in einem geräumigen Haus leben, damit Eure ganze Familie gleichzeitig Platz darin findet.“ Sie biss sich auf die Unterlippe. Ich plappere wie eins dieser törichten Äffchen, die sie auf dem Rialto feilbieten.

Der Engländer folgte ihr in das Behandlungszimmer. „Keine Sorge, meine Familie lebt in England“, erklärte er. Ein Duft nach Nelken und Holzrauch hüllte ihn ein, und mit dem Cape um die Schultern wirkte sein Schatten an der Wand wie der eines geheimnisvollen Flügelwesens.

Jessica lächelte, als sie sah, dass Sophia das Zimmer bereits hergerichtet hatte. In einer Ecke stand eine große Kohlenpfanne aus Messing auf einem schlanken dreifüßigen Eisengestell. Die glühenden Kohlen darin vertrieben die Kühle des Wintertags. Sophia hatte ein Stück Sandelholz auf die Glut gelegt – ein kostspieliger Einfall, der jedoch Jessicas Zustimmung fand. Vielleicht würde der süße Duft den englischen Gesandten – oder was immer er war – aufheitern. Ein sauberes Leinentuch bedeckte den gepolsterten Diwan, eine weiche Wolldecke lag zusammengefaltet am Kopfende. Auf einem Beistelltisch standen zahlreiche Töpfe und Tiegel, in denen Jessica ihre Öle und Salben aufbewahrte. In einem schmiedeeisernen Halter flackerte eine große Duftkerze. Jessica schloss die Tür hinter sich und dem Engländer.

Er ließ den Blick durch den Raum schweifen. „Keine Fenster?“

Sie räusperte sich. „Damit keine kalte Luft hereinweht – und keine unangenehmen Gerüche vom Kanal.“ Jessica glättete unsichtbare Falten auf dem Laken. Sie musste aufhören zu zittern, sonst würde sie den Fremden nie behandeln können. „Und um Ungestörtheit zu gewährleisten.“

Er berührte eine der grünen Wände. „Filz?“

Jessica fuhr sich mit der Zunge über die Unterlippe. „Um den Lärm der Stadt zu dämpfen und die Wärme im Raum zu halten. Es dient alles Eurem Wohlbefinden, messere , das versichere ich Euch. Ich werde nun gehen, damit Ihr Euch in Ruhe entkleiden könnt. Entledigt Euch bitte all Eurer Oberbekleidung. Ihr könnt sie dort aufhängen.“ Sie wies auf eine Reihe lackierter Holzknäufe, die gegenüber der Tür an der Wand angebracht waren. „Danach legt Euch bitte auf den Diwan und breitet die Decke über Euch, damit Ihr nicht friert.“

Sie nahm eine schwarze Augenbinde vom Tisch und hielt sie dem Engländer hin. „Ich fürchte, ich muss Euch erneut um einen Gefallen ersuchen. Verbindet Euch bitte die Augen, bevor ich zurückkomme.“

Als er ihr das ebenholzfarbene Seidentuch aus der Hand nahm, strichen seine Fingerspitzen über ihre Haut. Die Stelle brannte und prickelte, als sei sie zugleich mit Feuer und Eis in Berührung gekommen. Jessica rang nach Atem. Welch seltsame Macht besitzt dieser Mann? Mich schaudert bei seiner Berührung, und doch sehne ich mich danach, dass er mich erneut berührt.

Der Engländer betrachtete die Augenbinde und blickte Jessica dann fragend an. „Cosma hat mir auch davon erzählt, doch warum ist das nötig?“

Jessica war auf diese Frage gefasst. Jeder, der zum ersten Mal ihre Dienste in Anspruch nahm, stellte sie. „Um Euren Körper ungehindert behandeln zu können, nehme ich die Maske ab. Doch ich möchte Euch den Anblick meines Gesichts ersparen und bitte Euch daher demütig darum, sie anzulegen, während ich Euch behandle.“

Er fasste das Tuch mit spitzen Fingern an, als könne es sich jeden Augenblick in einen lebenden Aal verwandeln. „Und wenn ich Eurer Bitte nicht folge?“

Jessica schob leicht das Kinn vor. „Dann werde ich Euch nicht behandeln. Die Wahl liegt bei Euch.“ Sie hielt den Atem an.

Er betrachtete sie eine Weile prüfend und warf ihr dann ein flüchtiges Lächeln zu, das verflogen war, ehe sie es genießen konnte.

„Ihr habt mich in der Hand, Signorina Leonardo. Ich werde mich Eurem Befehl beugen. Fürwahr, Ihr seid die fesselndste Frau, der ich bisher in Venedig begegnet bin.“

Jessica war nicht sicher, ob er ihr soeben ein Kompliment gemacht oder sie beleidigt hatte, entschied sich jedoch für das Kompliment. Sie erwiderte sein flüchtiges Lächeln und verließ den Raum. „Ruft mich bitte, wenn Ihr bereit seid, messere .“

Er hob die Hand, um Jessica am Fortgehen zu hindern. „Mit welchem Namen soll ich Euch rufen?“, fragte er. Ein flüchtiges Funkeln erhellte die Tiefe seiner Augen.

Jessicas Mund wurde trocken. Ihr Herz schlug schneller. „Man nennt mich Jessica“, entgegnete sie leise. Dann schloss sie die Tür hinter sich, wankte zum nächstbesten Stuhl und ließ sich mit zitternden Knien darauf niedersinken.

Ist dieser Mann ein Hexer? In seinem Bann verlässt mich der Verstand.

Francis Bardolph ließ den Blick noch einmal prüfend durch den Raum schweifen, ehe er sich seines Capes entledigte. Er fühlte sich unwohl in engen Räumen, vor allem, wenn sie keine Fenster hatten und im Falle einer Gefahr keine rasche Fluchtmöglichkeit boten. Er schüttelte den Kopf, um die düsteren Ahnungen zu vertreiben. Sein Argwohn rührte von zu langen Jahren des Umherreisens im Dienste der Krone, zuerst für den seligen König Heinrich VIII. und nun für seinen jungen Sohn, König Eduard VI. In letzter Zeit fahre ich bei jedem Schatten zusammen, dachte Francis verdrossen, während er sein Cape und seinen Mantel an die Holzknäufe hängte. Es war ein nervenaufreibendes Geschäft, geheime Auskünfte für Sir William Cecil, dem gewieften Berater des jungen Königs, einzuholen.

Seine Schultermuskeln schmerzten bei jeder Bewegung. Er knetete die schmerzende Stelle mit den Fingern. Während er sein buntes Wams aufknöpfte, kreisten seine Gedanken um die fesselnde Signorina Jessica. Anders als die meisten Venezianerinnen, denen er in den fünf Monaten seines Aufenthalts begegnet war, brachte Jessica ihr rabenschwarzes Haar nicht mit klebriger Wachspomade in Form, sondern trug es zu einem langen Zopf geflochten. Entzückend, lobte Francis im Stillen. Äußerst reizend. Wie mag es wohl aussehen, wenn sie es offen trägt? Ob es sich ebenso seidig anfühlt, wie es aussieht?

Francis zuckte leicht zusammen, als er sich aus dem engen Wams schälte, und schalt sich dafür, dass er sich Gedanken über das Haar der Signorina machte. Er hatte ohnehin genug Sorgen mit Frauen. Cosma meldete in jüngster Zeit höhere Ansprüche an – nicht im Hinblick auf den glitzernden Tand, mit dem er sie dank Cecils großzügigem Salär bedachte, sondern auf seinen Körper und seine Seele. Vergangene Nacht hätte nicht viel gefehlt, und sie hätte von ihm verlangt, dass er sie heirate. Francis verdrehte die Augen. Er konnte sich lebhaft die entsetzten Gesichter der Cavendishs vorstellen, wenn er mit diesem aufgetakelten Weibsbild im Schlepptau nach England zurückkehrte.

Cosma und Jessica … wie verschieden diese beiden Frauen doch waren! Francis hielt inne, ehe er die Schnürbänder seines Seidenhemdes öffnete. Cosmas Haar hatte jenen goldroten Ton, den nahezu alle Frauen in Venedig bevorzugten. An sonnigen Tagen konnte man auf unzähligen Dachterrassen ganze Heerscharen modebewusster Damen beobachten, die ihre hennabeschmierten Locken von der Sonne bleichen ließen. Nicht selten erklommen junge Galane den Campanile am Markusplatz, um das wogende Meer goldener Lockenpracht zu bewundern.

Jessicas Haar dagegen war schwarz wie die Nacht. Es verlockte Francis, die Finger hindurchgleiten zu lassen, doch sein Sinn für Anstand und gute Manieren hielt ihn davon ab, seine lüsternen Gedanken in die Tat umzusetzen. Er fragte sich, warum Jessica keine Schminke benutzte, um ihren Makel zu kaschieren, so wie Cosma und die anderen Venusjüngerinnen es taten, und es stattdessen vorzog, sich hinter dieser vermaledeiten Maske zu verstecken. Er hatte nur ihren Mund gesehen, der jedoch ließ auf große Schönheit schließen. Ihre Lippen waren so voll und wohlgeformt, dass keine Kurtisane sie schöner hätte schminken können. Wie mochte es sich anfühlen, Lippen zu küssen, die nicht nach Farbe schmeckten? Francis schnaubte. Er hatte sich zu lange in europäischen Freudenhäusern herumgetrieben, um sich der scheuen Tändeleien mit einem unschuldigen Mädchen auf einer Blumenwiese zu erinnern.

Ob Jessica noch unberührt ist, fragte er sich, während er sich das Hemd über den Kopf zog. Sie musste Anfang zwanzig sein, und die meisten Frauen ihres Alters waren keine Jungfrauen mehr, es sei denn, man hatte sie seit ihrer frühen Jugend hinter dicken Klostermauern eingeschlossen. Er verzog das Gesicht. Warum machte er sich überhaupt Gedanken um ihre Jungfräulichkeit? Der Schmerz, der seinen rechten Arm durchzuckte, rief Francis in Erinnerung, dass dieser Besuch bei einer Frau rein medizinischer Natur war.

Er stieg aus seinen Schuhen, schob sie mit dem Fuß an die Wand und blickte verächtlich auf die wackelnden Pompons. Lächerliches Schuhwerk! Seine Lieblingsschwester Belle würde sich ausschütten vor Lachen, wenn sie ihren sonst so nüchternen Bruder in diesem geckenhaften Aufzug zu Gesicht bekäme.

Francis ließ sich auf dem Diwan nieder und griff nach der Augenbinde. Eine Gänsehaut huschte über seinen entblößten Oberkörper. Dieses harmlos wirkende Stück Stoff würde ihn äußerst verletzbar machen. Er würde sich im wahren Sinne des Wortes in die Hände einer Frau begeben, die reizend, doch höchst geheimnisvoll war. Es war gut möglich, dass Jessica Leonardo im Dienst der berüchtigten venezianischen Geheimpolizei stand. Die Republik würde es nicht gut aufnehmen, dass ein englischer Spion die dunklen Winkel ihrer einzigartigen Stadt durchstreifte. Englands aufstrebende Handelsflotte gefährdete schon jetzt Venedigs Handelsmonopol mit dem sagenhaften Orient. Die reichen Kaufleute der Republik würden Francis’ ruchlosem Treiben nur allzu gern ein Ende bereiten. Es wäre ein Leichtes für die geheimnisvolle Signorina Jessica, ihm einen Dolch zwischen die Rippen zu jagen, während er friedlich auf ihrem Diwan lag wie ein Fisch auf dem Schneidebrett.

Seine Schulter pochte. Er lockerte seine verkrampften Finger. Zum Teufel damit! Er war schon an zwielichtigeren Orten gewesen. Diese Frau besaß den Ruf einer begnadeten Heilerin. Er würde sein Leben aufs Spiel setzen – wieder einmal. Francis band sich die Augenbinde um, legte sich dann behutsam nieder und zog sich die Wolldecke bis an den Hals. Seine Füße ragten über den Rand des Diwans.

„Signorina Jessica!“, rief er. „Ich bin bereit.“

Hinter seinem Rücken wurde die Tür geöffnet. Er verspannte sich unwillkürlich und ballte die Hände unter der Decke zu Fäusten. Sein Rapier hing in Griffweite. Er nahm den Geruch von Jessicas Parfüm wahr, ein berauschender Duft, der die Geheimnisse Arabiens heraufbeschwor.

„Ich danke Euch für Euer Vertrauen“, sagte sie mit ihrer aufregend dunklen Stimme. „Entspannt Euch nun bitte.“

Eine weitere Person betrat den Raum – die leisen Schritte eines Mannes näherten sich dem Diwan. Die Flaumhaare auf seinem Nacken richteten sich auf. Francis fuhr zusammen, als Jessica ihm die Hand auf die Stirn legte.

„Entspannt Euch, messere “, murmelte sie. „Es ist nur Gobbo, mein Lautenspieler. Er wird für uns musizieren, während ich Euch behandle. Ist der Geist gelöst, ist der Körper es bald auch.“

Ihr unsichtbarer Helfer stimmte sein Instrument und begann eine ruhige Ballade zu spielen. Francis, ebenfalls ein guter Musiker, bewunderte das Talent der unsichtbaren Finger, die den Saiten eine so süße Weise entlockten. Die betörende Melodie lullte ihn ein.

Plötzlich stieg ihm ein durchdringender Geruch in die Nase. Er zuckte zusammen, als Jessica über seine Stirn strich. Sie schnalzte mit der Zunge. „Tss, tss, messere , es ist nur ein wenig Kampfer in einer leichten Ölgrundlage. Verzeiht den Geruch, doch er wirkt Wunder bei schmerzenden Gelenken und pochenden Herzen.“

Sie massierte seine Schläfen. Ihre Berührungen waren die wunderbarste Erfahrung, die Francis seit langer Zeit gemacht hatte. Sie waren sinnlich, betörend. Er holte tief Atem. Seine Gedanken wanderten zu einem prächtig eingerichteten Schlafgemach – wo Jessica zwischen seidenen Laken auf ihn wartete. Welche Wonnen könnten diese kundigen Finger einem Mann bereiten, wenn sie …

Jessica riss ihn aus seinen wollüstigen Träumen. „Bevor ich beginne, muss ich die Stelle untersuchen, die Euch schmerzt.“

„Die rechte Schulter“, sagte Francis mit heiserer Stimme.

Sie hob die Decke. Die kühle Luft traf auf seine Haut.

„Ah, ich sehe schon.“ Sie strich mit den Fingern über die Umrisse der alten Narbe. „Es war eine tiefe Wunde. Wie ist es passiert?“

Erinnerungen an jenen lang zurückliegenden Sommermorgen stiegen in ihm auf. Ein sonniger, warmer Tag. Er auf dem mächtigen Schlachtross seines … seines Herrn – und mutmaßlichen Vaters Sir Brandon Cavendish. Belles kindliches Lachen. Der Ruf eines aufgescheuchten Vogels, dann buchstäblich ein Blitz aus heiterem Himmel. „Ich wurde vom Pfeil einer Armbrust getroffen“, entgegnete er knapp.

Jessica hob seine Schulter und berührte die größere Narbe auf seinem Rücken. „Ein glatter Durchschuss“, bemerkte sie.

„Mein, äh … der Ritter, dem ich diente, hat den Pfeil herausgezogen.“ Francis schluckte beim Gedanken an den unerträglichen Schmerz.

Sie knetete die Stelle behutsam mit den Fingern. „Wie alt wart Ihr damals?“

„Neun Jahre und ein paar Monate.“

Sie schnappte nach Luft. „Welcher Schuft schießt auf einen so jungen Knaben?“

Francis verzog angewidert die Lippen. „Einer, der meinem … Herrn nach dem Leben trachtete.“ Er konnte Brandon nicht als seinen Vater bezeichnen, obgleich dieser ihn, wenn auch nicht öffentlich, als seinen Sohn betrachtete. „Ich habe den für meinen Herrn bestimmten Pfeil abgefangen.“

„Dio mio!“, murmelte sie. „So jung und schon so tapfer.“

Schlecht gezielt kommt der Wahrheit wohl näher, dachte Francis, behielt den Gedanken jedoch für sich. Es gefiel ihm, dass Jessica ihn für tapfer hielt.

Sie fuhr fort, die Narben abzutasten, als suche sie den Weg, den der Pfeil genommen hatte. „Hat die Wunde geeitert? Hattet Ihr Fieber?“

„Sì“ , entgegnete er. „Eine Heilkundige hat die Wunde genäht und mir Kräutersud eingeflößt. Man sagte mir, ich hätte über einen Tag lang Fieberfantasien gehabt. Es hat lange gedauert, bis ich wieder bei Kräften war.“

Sie strich mit den Fingern über Francis’ Arm und nahm seine rechte Hand in die ihre. „Ich werde Eure Beweglichkeit prüfen“, erklärte sie. „Sagt mir, wenn es schmerzt oder zieht. Und bitte, messere , nehmt kein Blatt vor den Mund. Um Euch helfen zu können, muss ich genau wissen, wo der Schmerz wohnt.“

In meinem Herzen, wo er sich nicht lindern lässt.

Laut sagte er: „Fangt an, doch ich warne Euch: Ich werde vielleicht brüllen wie ein Stier.“ Seinen Worten zum Trotz wusste er, dass er eher sterben würde als zuzugeben, dass ein so zartes Wesen wie Jessica ihm Schmerz zufügen konnte.

Sie stützte seinen Ellbogen und hob seinen Arm langsam in die Höhe. Aus der Gewohnheit langjährigen Leidens heraus verkrampfte Francis sich, als Jessica seinen Arm über seinen Kopf hob. Ein jäher Schmerz zuckte durch die verspannten Muskeln.

„Hier?“, fragte sie, als sie den Arm zurück an seine Seite legte.

„Sì“ , entgegnete Francis zwischen den Zähnen. Der Schmerz ließ nach. Sie bewegte seinen Arm in einem weiten Bogen behutsam von seinem Körper fort. Francis verspannte sich erneut, als sie die Höhe seiner Schulter erreichte. „Wieder hier?“, fragte sie.

Er nickte. Sie strich über seine Hand. „Ballt Eure Hand bitte zur Faust.“

Er hatte Mühe, seine Finger an die Handfläche zu drücken. „An Tagen wie heute ist es schwieriger“, sagte er entschuldigend. Zweifellos würde sie ihn für den weichlichen Gecken halten, der er zu sein vorgab. „An kalten und feuchten“, fügte er hinzu.

Sie ließ seinen Arm zurück auf den Diwan sinken. „Ganz richtig“, murmelte sie. „Ich bin überrascht, wie kräftig Eure Muskeln trotz des Schmerzes sind.“

Er musste vorsichtig sein! Wenn er nicht achtgab, konnte dieses kleine Biest mit der sanften Stimme zur Urheberin seines Untergangs werden. Venedig wimmelte geradezu von Spitzeln.

„Ich habe keinerlei Verlangen danach, fett zu werden und den guten Sitz meiner Kleider zu verderben, Signorina “, entgegnete er im dünkelhaften Tonfall eines Lebemannes. „Ich halte mich für gewöhnlich mit Reiten in Form, wenn ich nicht gerade auf einer zauberhaften Insel lebe, die in einer Lagune liegt. Seit ich in Venedig weile, nehme ich Unterricht bei einem Eurer berühmten Fechtmeister.“ Das jedenfalls war nicht gelogen. Außerdem hatte der Mann ihn eine Reihe neuer, tödlicher Kampftechniken gelehrt, welche die Straßenräuber daheim in England noch nicht kannten.

Jessica massierte einige Minuten lang schweigend seinen Nacken und seine Schultern. Dann bemerkte sie: „Ihr müsst große Freude am Fechten haben, denn wie ich sehe, kämpft Ihr mit der Linken, obwohl Ihr von Natur aus die rechte Hand bevorzugt. Bitte, versucht Euch zu entspannen, messere “, fügte sie hinzu. „Eure Muskeln fühlen sich an, als seien sie zu Knoten verschlungen.“

Ihre scharfsinnige Beobachtung zerrte an Francis’ ohnehin angespannten Nerven. Er holte mehrmals tief Atem und zwang sich, so ruhig wie möglich zu bleiben. Würde Jessica Leonardo einen Zettel mit seinem Namen in den nächstbesten bocca di leone , den Rachen eines der steinernen Löwenköpfe werfen, die überall in der Stadt zu finden waren, und ihn darauf als Feind der Republik Venedig denunzieren? Francis hatte sich nie zuvor so verwundbar gefühlt wie in diesem Moment, wo er halb nackt und mit verbundenen Augen im Haus einer Fremden lag. Er hätte nie herkommen sollen.

Und doch fühlte er sich wunderbar, umschmeichelt von den süßen Klängen der Laute, während die reizende Zauberin mit kundigen Fingern seinen Schmerz fortknetete! Selbst sein Herz, sonst kalt wie Stein, dünkte ihn weniger schwer als gewöhnlich. Und seine Lenden? Sie brannten heiß wie Feuer. Francis hoffte, dass die Wolldecke das untrügliche Zeichen seines Verlangens verbarg.

„Buono“ , murmelte Jessica, während sie das vernarbte Gewebe kraftvoller massierte. „Gut, lasst Euren Geist und Euren Körper Ruhe finden. Hier herrscht nichts als Ruhe und Frieden.“

Francis seufzte tief und ließ sich von den Wellen der Entspannung forttragen. Er fühlte sich, als schwebe sein Körper eine Handbreit über dem Diwan.

„Atmet tief durch“, flüsterte Jessica. „Atmet das reine Licht und die heilenden Kräfte des Himmels ein. Stoßt die üblen Launen aus, die Schmerz und Ruhelosigkeit bringen. Ein … aus … ein … aus.“

Das Verlangen nach Schlaf überkam ihn. Francis wusste, dass er dagegen ankämpfen sollte, doch sein Körper sehnte sich nach der seligen Ruhe. Die Klänge der Laute verebbten.

„Messere?“ Jessica legte ihre warme Hand auf seinen Arm. „Die Sanduhr zeigt, dass eine Stunde verronnen ist. Für heute sind wir fertig.“

Francis kehrte in die Welt der Wachen zurück. Jessica legte eine Hand auf seine gesunde Schulter, die andere auf seine Hüfte und wiegte seinen Körper auf beruhigende Weise. Dann legte sie die Hände sanft auf seine Brust. Eine heilende Wärme schien aus ihren Fingern in seinen Körper zu strömen und ihn zu verjüngen. Flammen loderten zwischen seinen Schenkeln auf.

Ihm entfuhr ein Stöhnen.

„Wie fühlt Ihr Euch, messere?“ , fragte sie und trat einen Schritt zurück. Der Lautenspieler beendete seine Darbietung mit einer lang gezogenen Schlussnote.

„Wie im Paradies“, murmelte Francis.

„Und Eure Schmerzen?“

Er hob die rechte Schulter. Seine Muskeln bewegten sich nun ohne Widerstand. Er lockerte seine Finger. Sie waren geschmeidig, selbst dann, wenn er die Hand zur Faust ballte.

„Ein Wunder!“, flüsterte er auf Englisch und fügte dann auf Italienisch hinzu: „Ihr habt ein Wunder vollbracht, süße Zauberin.“

„O nein, messere “, entgegnete sie hastig. „Ich besitze keine übernatürlichen Kräfte. Ich bin nur eine einfache Frau. Bitte glaubt mir, Herr!“

Francis setzte sich auf. Zum ersten Mal seit Monaten, vielleicht sogar seit Jahren, fühlte er sich stark und voller … Lebensfreude. „Ich fühle mich tatsächlich wie neu geboren. Welchen Zaubers habt Ihr Euch bedient?“

Sie rang nach Atem. „Ich habe keinen Zauber angewandt, Herr. Ich habe nur die Verspannungen Eurer Muskeln gelöst. Allerdings …“, warnte sie, „ist das wohlige Gefühl zu Anfang nicht von Dauer. Ich habe Eure Muskeln heute stark bearbeitet. Wenn Ihr morgen früh aufwacht, werdet Ihr Euch vermutlich fühlen, als hättet Ihr ganz allein gegen das Heer des türkischen Sultans gefochten.“

Er verzog den Mund. „Eure Worte sind nicht eben ermutigend.“

Sie wich weiter von ihm zurück. „Es wird vorübergehen, das versichere ich Euch. Eins müsst Ihr verstehen, messere , ich habe Euch nicht geheilt – das kann nur il Dio und die Zeit. Wenn Ihr einen dauerhaften Erfolg wünscht, sind viele Behandlungen dieser Art nötig. Betrachtet Euren Körper als einen schönen palazzo “, fuhr sie mit ihrer wohlklingenden Stimme fort. „Eines Tages ist eine Bande von Schurken in Euer prächtiges Haus eingedrungen. Sie haben jahrelang darin gehaust, haben Euer edles Mobiliar zerstört, Euren guten Wein getrunken und Eure kostbaren Gemälde beschmiert. Eines Tages kommt dann eine kleine Frau in Euer Haus, nur mit einem Besen bewaffnet.“ Sie lachte erneut. „Mit einem großen Besen natürlich.“

„Natürlich“, bekräftigte Francis, gleichermaßen entzückt von der Erzählerin und ihrer Geschichte.

„Sie fegt die Übeltäter hinaus in den Kanal und beginnt, Ordnung in Euer Haus zu bringen. Doch den Strolchen gefällt diese neue Lage nicht. Sie wollen ihr bequemes Leben wiederhaben, also kehren sie zurück.“

„Und sie muss sie abermals hinauskehren?“, fragte er.

„So ist es“, bestätigte Jessica. „Die Flegel haben sehr lange in Eurem Haus gewohnt. Es wird viel Kehrarbeit brauchen, um sie für immer daraus zu vertreiben. Versteht Ihr?“

Francis holte tief Luft und dachte an die dunkleren Dämonen, die seine Seele quälten. „Besser als Ihr ahnt. Wann kann ich wiederkommen? Morgen?“ Welch herrliche Weise, den Tag zu verbringen!

„Morgen ist zu früh, messere . Ihr müsst Eurem Körper Gelegenheit geben, sich zu erholen. Selbst der liebe Gott hat sich einen Tag Ruhe gegönnt. Doch Ihr könnt am folgenden Tag kommen.“ Sie fügte scheu hinzu: „Wenn Ihr es wünscht.“

Francis legte sich die Hand auf die Brust, dorthin, wo Jessica ihn noch vor Kurzem berührt hatte. „Von ganzem Herzen. Um welche Stunde werdet Ihr mich empfangen?“

„Ist zehn Uhr morgens zu früh für Euch?“

Francis schüttelte den Kopf. „Ich würde bei Sonnenaufgang kommen, wenn Ihr es von mir verlangtet, madonna “, entgegnete er aufrichtig.

Sie lachte erneut. „Dann wärt Ihr ein höchst ungewöhnlicher Mann, Herr. Kein Kavalier in Venedig ist vor zwölf Uhr mittags unterwegs, es sei denn, er ist noch von der Nacht zuvor auf den Beinen.“

Francis gestattete sich ein Lächeln. „Doch ich bin Engländer und folge selbst in Eurer zivilisierten Stadt meinen seltsamen Gewohnheiten.“

Jessica öffnete eine Tür. Ein kalter Luftzug strich über Francis’ nackte Haut.

„Übermorgen um zehn. Und Euer Name, mein Herr?“

Seine übliche Vorsicht außer Acht lassend, entgegnete er: „Francis Bardolph, zu Euren Diensten, Madonna Jessica. Ich werde die Stunden zählen.“

Sie hüstelte. „Ihr könnt mein Honorar auf den Tisch legen, wenn Ihr Euch angekleidet habt, Messere Bardolph. Guten Tag.“ Dann schloss sie die Tür.

Francis nahm die Augenbinde ab und sah sich nach dem Musiker um, doch der Lautenspieler war ebenfalls verschwunden. Seine Kleidung war noch dort, wo er sie hingehängt hatte, einschließlich des prallen Geldbeutels an seinem Waffengurt. Er zog sich das Hemd über den Kopf und wunderte sich erneut über die ungewohnte Geschmeidigkeit seiner Schultermuskeln, als er die Arme in die Hemdsärmel steckte. Als er die Schnallen seiner Schuhe schloss, klopfte jemand an der Tür.

Francis’ Herz schlug schneller. Die Zauberin war zurückgekehrt! „Kommt herein!“, rief er und befeuchtete sich erwartungsvoll die Lippen.

Statt der reizenden Jessica erschien ihre kleinwüchsige Magd. „Fühlt Ihr Euch besser?“, fragte sie und warf ihm einen bewundernden Blick zu.

Francis widerstand der Versuchung, die diensteifrige kleine Frau anzulachen. Stattdessen verbeugte er sich vor ihr – und wunderte sich, wie leicht ihm die Bewegung fiel. „Ich bin Eurer Herrin zu tiefem Dank verpflichtet. Sie hat einen neuen Menschen aus mir gemacht.“

Die Zwergin verschränkte die Arme vor ihrer ausladenden Brust. „Gut!“ Sie beäugte seinen Geldbeutel. „Vergesst nicht, Madonna Jessica Eure Dankbarkeit zu zeigen, indem Ihr das Honorar in voller Höhe zahlt. Meine Herrin ist keine wohlhabende Frau. Wir können nicht auf Kredit leben, wie die Reichen das tun.“

Francis lächelte sie belustigt an. Er griff nach dem Beutel und öffnete ihn. „Einen Dukaten habt Ihr gesagt, wenn ich mich recht erinnere?“

„Sì“ , entgegnete die Frau und nickte. „Und das Geld ist gut angelegt, das versichere ich Euch.“

Francis antwortete nicht und legte stattdessen zwei glänzende Goldmünzen auf den Tisch. Er nahm erfreut wahr, dass die Magd verwirrt dreinblickte, und drückte ihr einen dritten Dukaten in die Hand. „Bitte gebt dies dem Musikanten. Er besitzt großes Talent.“ Dann verbeugte er sich tief und küsste ihre fleischige Hand. „Und Ihr, Signora , seid das Licht der Welt.“

Während sie mit vor Staunen aufgerissenem Mund dastand, setzte Francis seinen Hut auf und trat durch die Vordertür hinaus auf die enge Gasse. Ein altes englisches Volkslied kam ihm in den Sinn. Während er den kleinen campo überquerte, sang er es laut vor sich hin – etwas, das er sonst nie tat.

Als er sich der Bootsanlegestelle am Kanal näherte, sah er aus dem Augenwinkel, dass ihm ein flüchtiger Schatten folgte. Die Hand um den Griff seines Rapiers geschlossen, wirbelte er herum, um seinem Verfolger die Stirn zu bieten. Abgesehen von einigen alten Männern, die in der Mitte des Platzes am Brunnen in der Sonne saßen, und einer Frau, die ihre nasse Wäsche aus dem Fenster ihrer Wohnung zum Trocknen aufhängte, war der campo menschenleer. Francis schüttelte sich. Jetzt jagen mir schon Schatten und streunende Katzen einen Schrecken ein! Noch im Bann seines Besuchs bei der einzigartigen Donna Jessica gefangen, verscheuchte er seine düsteren Ahnungen. Warum sollte er sich einen so schönen Tag verderben?

Er stimmte vergnügt die zweite Strophe seines Kinderliedes an und winkte einen vorüberfahrenden Gondoliere herbei.

2. KAPITEL

C osma di Luna warf einen Blick über ihre milchweiße Schulter und fragte: „Nachdem der Engländer das Haus der Heilerin verlassen hat, wohin ist er dann gegangen?“

Im Spiegel des Toilettentisches sah sie, wie ihr junger Spitzel ihren kaum verhüllten Körper mit schlecht verhohlener Begierde anstarrte. Jacopo war ein so gefügiger junger Mann. Ein flüchtig gewährter Anblick ihrer Brüste genügte, um ihn zu ihrem ergebenen Diener zu machen. Sie wusste, dass sie viele Dukaten sparen konnte, wenn sie ihm seine Spitzeldienste mit ihrer Gunst vergalt.

Cosma beugte sich näher zum Spiegel, um sich die Augen zu schminken. Sie genoss ihren Status als eine der begehrtesten Kurtisanen Venedigs, die in ihrem Bett Politiker, Adelssprösslinge und wohlhabende Kaufleute mit ihren Liebeskünsten beglückte. Sie hatte es nicht nötig, ihre Gunst einem einfachen Mann zu gewähren. Ihr Geld und ein oder zwei flüchtig gewährte Einblicke auf ihre Reize waren genug für Jacopo und seinesgleichen.

„Nun?“, drängte sie den verwirrten jungen Mann. „Ich nehme an, du bist Messere Bardolph gefolgt, wie ich es dir aufgetragen habe?“

Jacopo fuhr sich mit der Zunge über die trockenen Lippen. „Sì , Donna Cosma. Zuerst ist er zum Rialto gegangen, wo er mit einigen Bekannten Wein getrunken hat. Er ist bei dem Bettler stehen geblieben, der auf den Stufen der San Giacomo-Kirche sitzt, hat ein paar Worte mit dem Mann gewechselt und ihm seiner Gewohnheit entsprechend ein Almosen gegeben. Dann ist er zu den Buchbindern gegangen und ungefähr eine Viertelstunde dort geblieben, wenn man sich auf die Glocken von San Giacomo verlassen kann.“ Jacopo kratzte sich nachdenklich am Kopf. „Danach hat er die Apotheke an der Ecke Calle del Spezier und Campo San Stefano besucht.“

Cosma hielt für einen Augenblick mit dem Schminken inne. „Was hat er gekauft?“, fragte sie leichthin, obwohl die Nachricht ihr fast den Atem verschlagen hatte. Hoffentlich hatte Francis sich nicht die Franzosenkrankheit eingefangen! „Du hast doch gefragt, nicht wahr?“

Jacopo grinste. „Sì, madonna , ich kenne meine Pflichten. Er hat ein Elixier gegen … nun ja …“ Er errötete und hustete in seinen Ärmel. „Ein Elixier, das seine Manneskraft schwächt, das hat mir der Apotheker jedenfalls versichert.“

Cosmas Furcht wich dem Zorn. Sie schloss die Finger so fest um den Elfenbeingriff ihrer Haarbürste, dass ihre Knöchel weiß hervortraten. Welch dreister Schuft! Obwohl sie seit fast vier Monaten seine Mätresse war, hatte Francis noch immer nicht den Liebesakt mit ihr vollendet. Für gewöhnlich zog er sich vor dem Augenblick der Wahrheit zurück. Oder er behauptete, er sei nicht in der Stimmung. War es da ein Wunder, dass sie beschlossen hatte, ihn bespitzeln zu lassen? Wenn er seine Gelüste mit anderen Frauen befriedigte, kannte sie Mittel und Wege, ihn davon abzubringen. Doch warum nahm er ein Gebräu zu sich, um sein Verlangen absichtlich zu dämpfen?

Je länger sie über Francis’ Niedertracht nachdachte, desto ärgerlicher wurde sie. Seine Angst, sie zu schwängern, war in Wahrheit eine Obsession, nicht nur eine Marotte, wie sie zunächst geglaubt hatte. Cosma kniff die Augen zusammen. War sie nicht die begehrteste Kurtisane der Stadt? Wie konnte er es wagen, sie derart zu benutzen? Oder vielmehr nicht zu benutzen, so wie jeder vernünftige Mann es täte?

„Madonna?“ , unterbrach Jacopo ihre Gedanken. „Wünscht Ihr, den Rest zu hören?“

Cosma straffte sich. „Natürlich“, sagte sie ungehalten. „Dafür bezahle ich dich schließlich. Was hat die Kanalratte heute Nachmittag sonst noch getrieben?“

Jacopo wollte über ihre Bemerkung lachen, doch als er Cosmas zornigen Blick sah, blieb ihm das Lachen im Halse stecken. „Er hat eine Weinschenke besucht und dort gegessen und mit einigen jungen Edelleuten Karten gespielt. Ich habe Messere Niccolo Dandelli und seinen jüngeren Bruder erkannt.“

Cosma nickte. Die Gebrüder Dandelli waren berüchtigte Lebemänner mit vollen Geldbeuteln und viel freier Zeit, die es auszufüllen galt – zwei ihrer bevorzugten Gönner. Es war Niccolo, der sie vergangenen November mit Francis bekannt gemacht hatte. Aus dieser Ecke drohte keine Gefahr. „Fahr fort.“

Der junge Mann rieb sich die Nase. „Dann ist er zu seinem Quartier im „Sturgeon“ zurückgekehrt und hat wie üblich ein Schläfchen gehalten. Sein Wirt hat mir erklärt, Messere Bardolph sei nicht an unseren Lebensrhythmus gewöhnt. Er muss Kräfte sammeln für die abendlichen Fechtübungen … und für Euch, madonna “, ergänzte er mit schmachtendem Blick.

Und seinen Liebestöter-Likör trinken, dachte Cosma. Der Teufel soll ihn holen! Laut fragte sie: „Wo ist Bardolph jetzt?“

Jacopo verschränkte die Arme vor der Brust. „Er schläft noch im „Sturgeon“. Ich habe die Gelegenheit genutzt, um Euch Bericht zu erstatten.“ Er warf ihr abermals einen begehrlichen Blick zu.

Cosma tat, als bemerke sie sein Verlangen nicht, obwohl sie ihre Macht über den unerfahrenen Jüngling genoss. Sie öffnete eine kleine Schatulle auf ihrem Toilettentisch und nahm einen Scudo heraus. „Komm, Jacopo“, gurrte sie und hielt ihm die Münze hin. „Komm und hol dir deinen Lohn.“

Er ging eiligen Schritts auf sie zu. Als er gerade nach der Münze greifen wollte, schloss Cosma die Finger darum. „Auf die Knie“, befahl sie lächelnd.

Er sank sogleich zu ihren Füßen nieder. Sein hündischer Gehorsam war Balsam für Cosmas verletzte Eitelkeit. Sie beugte sich vor und gewährte ihm einen tiefen Einblick in ihr Dekolleté.

„Küss mir die Füße.“

Jacopo lächelte breit, wobei seine weißen Zähne aufblitzten, und bedeckte Cosmas zierlichen Pantoffel mit schmatzenden Küssen. Als er versuchte, ihr den Pantoffel abzustreifen, um ihren nackten Fuß zu bewundern, ließ Cosma ihm den Scudo vor die Nase fallen. Die silberne Münze klimperte auf den kühlen Fliesen.

„Genug für heute, lieber Junge“, murmelte sie und löste ihren Fuß aus seinem Griff. „Zu viel Süßes wird deinen Appetit dämpfen.“

„Niemals“, beteuerte er mit einem schmachtenden Seufzer.

Cosma bedeutete ihm mit einem Wink zu gehen und wandte ihre Aufmerksamkeit wieder ihrem Spiegelbild zu.

„Geh! Kehre zu Messere Bardolphs Gasthaus zurück und setze deine Beobachtung fort. Beeil dich, ehe er aus seinem Schlaf erwacht.“

Jacopo erhob sich, steckte seinen Lohn in die Hosentasche und zuckte die Schultern. „Er wird bis um fünf schlafen. Er ist ein Gewohnheitsmensch.“ Nach einem letzten sehnsüchtigen Blick in ihre Richtung verließ der junge Mann ihr Gemach und stieg polternd die Treppen hinab.

Sobald ihr Lakai fort war, ließ Cosma ihren Kamm und den Tiegel mit der Pomade sinken. Ihre Schönheitspflege konnte warten, denn es gab Dringlicheres zu erledigen. Noch immer außer sich vor Zorn über Francis’ hinterhältigen Besuch beim Apotheker, beschloss Cosma, sich der Herausforderung zu stellen. Wenn ihr sogenannter Liebhaber sein Verlangen durch eine List abzukühlen gedachte, würde sie sich ihrerseits eines Kunstgriffs bedienen, um es zu schüren. Dieser englische Lord war eine hervorragende Partie, und sie würde ihn sich nicht entgehen lassen, nur weil er von der fixen Idee besessen war, unter keinen Umständen Vater zu werden. Ein Kind war genau das, was Cosma brauchte, um sich dauerhaft an Francis, seinen Adelstitel und sein Vermögen zu binden. Dann würde sie ihrem aufregenden, doch äußerst unsicheren Dasein als Kurtisane Lebewohl sagen.

Cosma erhob sich und ging durch ihr Schlafgemach zur Bibliothek im Nebenzimmer, wo sie den Blick voller Besitzerstolz über die vier Regale mit wertvollen Büchern schweifen ließ. Sie besaß eine der besten privaten Sammlungen Venedigs: Gedichtbände, Versromane, Abhandlungen über Geschichte und Philosophie – und über die Kunst der Liebe. Sie fuhr mit dem Finger über die ledernen Buchrücken, bis sie das Werk gefunden hatte, das sie suchte: Der duftende Garten , ein von köstlichen Details strotzendes Werk eines arabischen Schriftstellers. Sie schlug das Kapitel auf, das von Liebeselixieren handelte, und kicherte vergnügt. Francis’ Gebräu würde ihn nicht gegen die Köstlichkeiten feien, die sie ihm heute Nacht darbieten würde.

Ich werde noch vor dem Osterfest eine adlige englische Lady sein!

Die große Glocke des Markusdoms schlug sechs, als Francis den Federkiel aus der Hand legte und sich die Augen rieb. Ein weiterer Bericht für William Cecil war beendet. Francis blies auf das Papier, um die Tinte zu trocknen, und lockerte die Finger nach einer Stunde mühseligen Schreibens in Geheimschrift. Er hob die rechte Hand und bewunderte die Geschmeidigkeit seiner Finger. Der Himmel segne die schwarzhaarige Heilerin! Hätte er sie doch schon vor Monaten kennengelernt! Was für ein entzückendes Wesen sie war! Frisch, und so geheimnisvoll hinter ihrer Maske. Ganz anders als Cosma, dachte er und verzog das Gesicht. Sie versteckte sich hinter einer Maske aus Schminke, kunstvoll aufgetragen, gewiss, aber dennoch künstlich. Er rieb sich nachdenklich über den Nasenrücken. Cosma! Wie würde er das Problem mit Cosma lösen?

Anfangs war sie unterhaltsam gewesen und hatte ihn mit viel nützlichem Klatsch versorgt. Er hatte ihre Gesellschaft und die Vergnügungen genossen, die er sich gönnte, wenn er mit einer Frau tändelte. Zunächst hatte Cosma wohlwollend über die Vorsichtsmaßnahmen gelacht, mit denen er eine Empfängnis verhindern wollte, und ihn ob seiner Besonnenheit gelobt. Zum Glück war es ihm gelungen, sie glauben zu machen, dass er nur aus Rücksicht auf sie so handelte.

Seit Weihnachten jedoch hatte ihre unverbindliche Beziehung einen Wandel erfahren. Cosma verlangte mehr von ihm, als er zu geben bereit war – und die Quelle ihrer Auskünfte über die Mitglieder des Großen Rats von Venedig sprudelte nicht mehr so üppig wie zuvor. Jetzt, da sie ihm kaum noch von Nutzen war, erkannte Francis, dass ihre nörgelnde Art ihn ermüdete. Vor Kurzem hatte sie das Gespräch wie beiläufig auf das Thema Ehe gebracht, doch Francis hatte jene Worte bereits einmal gehört und dabei den gleichen berechnenden Blick in den Augen einer Frau gesehen. Kein Zweifel, es war an der Zeit, die Affäre zu beenden, doch er kannte Cosma gut genug, um zu wissen, dass sie ihn nicht einfach so ziehen lassen würde. Die Trennung würde laut und unerfreulich werden, womöglich sogar gefährlich, falls es Cosma nach Rache gelüsten sollte. Francis scheute eine solche Auseinandersetzung.

Er starrte auf den grünen Glasflakon auf dem Tisch. Welches Hexengebräu mochte ihm dieser Apotheker wohl verkauft haben? Ihm graute bei der Vorstellung, eine unbekannte Flüssigkeit zu schlucken, doch der Gedanke, Cosmas Verführungskünsten zu erliegen, war ihm noch stärker zuwider. Er hatte sich geschworen, nie einen Bankert zu zeugen, ein uneheliches Kind wie er selbst eins war. Sein Geist begriff diese tief sitzende Furcht, doch es gelang Francis noch nicht, der wollüstigen Neigungen seines Fleisches Herr zu werden. Heute Morgen erst hatte die geheimnisvolle Donna Jessica sein Verlangen entflammt, obwohl er sich vor Venus’ Versuchungen gefeit gewähnt hatte. Sie hatte ihn mit ihren Berührungen verzaubert, als er am wenigsten darauf vorbereitet gewesen war, und der Klang ihrer Stimme hatte ihn in einen Zustand der Seligkeit versetzt. Schlimmer noch: Er hatte die Erfahrung genossen und freute sich darauf, sie ihn zwei Tagen zu wiederholen.

Francis schloss die Augen und seufzte laut. Seine leidenschaftliche Natur war zu tief in ihm verwurzelt, als dass er sie vollständig unterdrücken könnte. Das sollte ihn nicht wundern in Anbetracht des ausschweifenden Lebenswandels seiner leiblichen Eltern. Ihr heißes Blut floss in seinen Adern. Francis griff nach dem Flakon, entkorkte ihn und roch daran.

Himmel! Wenn der Teufel einen Geruch hatte, dann diesen! Francis verzog das Gesicht. Die Kirchenglocken läuteten die halbe Stunde. Er erhob sich matt. Er würde zu spät zu Cosma kommen, und sie mochte es gar nicht, wenn er sie warten ließ. Nur noch wenige Wochen, dann würde das Tauwetter des Frühjahrs die Straßen passierbar machen, und er könnte Cosma – und Venedig – Lebewohl sagen.

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