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Die Gottesformel

hier erhältlich:

"Es ist keine Telekinese. Wir sprechen lieber von mentalen Muskeln."
Die erste Gruppe der Zetas hat dank ihrer ausgeprägten mentalen Fähigkeiten die Militärbasis übernommen. Nun sind sie durch den Zugriff auf das nukleare Arsenal in der Lage, die Regierung zu erpressen. Derweil sind ihr Erschaffer Chuck und sein Team der Wissenschaftler untergetaucht, um die Formel hinter der Gotteswelle zu vervollständigen. Doch schmerzhaft wird ihnen bewusst gemacht, dass ihre Kräfte das Einzige sind, was die Zetas stoppen könnte …

"Die Gotteswelle hat ein ganz neues Spielfeld für alle von uns erschaffen. Und für manche könnte es mehr als ein Spiel sein."
The Wall Street Journal

"Die Gotteswelle ist ein erwachsener Sci-Fi-Thriller in bester Michael- Crichton-Tradition."
Barnes & Nobles Sci-Fi & Fantasy-Blog


  • Erscheinungstag: 05.03.2018
  • Aus der Serie: Die Gotteswelle
  • Bandnummer: 2
  • Seitenanzahl: 416
  • ISBN/Artikelnummer: 9783959677226
  • E-Book Format: ePub
  • E-Book sofort lieferbar

Leseprobe

KAPITEL 1

In der Halle des Bergkönigs

Chuck Brenton erwachte jeden Morgen in einem Raum, der auf eine namenlose und trockene Steppenlandschaft hinausblickte, ehe er zur Arbeit an einem Science-Fiction-Film ging. Das Labor, in dem er ein Büro hatte und seine Forschung betrieb, wirkte in seiner funkelnden Sterilität, als entstammte es einer futuristischen Kinokulisse. Das Licht war rein und schien aus allen Richtungen zugleich zu kommen. Die Luft war geruchsfrei, und man hörte sie auf dem Weg von ihrer Wüstenquelle ins Berginnere leise durch Filter und Leitbleche strömen.

Chuck wünschte, es wäre nicht so steril. Er durfte morgens und abends die Plattform besuchen, von der man einen fantastischen Blick auf die von einem Gletscher geformte Schlucht und die mit Wüstensalbei bedeckten Hügel hatte. Wenn das Licht im richtigen Winkel fiel, konnte er in der Nähe einen Bachlauf in der Sonne glitzern sehen oder die schneebedeckten Kämme eines Gebirgszugs im Südwesten erkennen. Die Luft draußen war von großer Reinheit – ein trockenes, weinähnliches Aroma, das äußerst angenehm war und im direkten Gegensatz zu der konservierten Luft stand, die er drinnen den ganzen Tag einatmete. Chuck wünschte, man würde ihm erlauben, da draußen spazieren zu gehen, aber das hatten ihre Gastgeber nicht im Angebot. Er verschaffte sich Bewegung, indem er in dem ausgedehnten Labyrinth der Korridore umherlief, mit denen die verschiedenen Teile im Reich der Wohltäter verbunden waren (so nannten sie sich selbst, und die ganze Anlage hieß schlicht »das Zentrum«). Oder er trainierte auf einem Crosstrainer in dem Fitnessstudio im Erdgeschoss.

Ihr Labor – das sie als New Forward Kinetics bezeichneten (oder NeFK in der von Akronymen geprägten Sprache ihres Roboterspezialisten Daisuke Kobayashi) – war ein Traum aus Edelstahl, Plexiglas und hellem Quarz. Es war mehr oder weniger der – geglückte – Versuch, die Arbeitsbereiche nachzubauen und zu erweitern, die sie in ihrer ursprünglichen Einrichtung zurückgelassen hatten. Im zentralen Bereich des Labors hätte Dice ein Team aus zwanzig Roboteringenieuren beschäftigen können, wenn ihm so viele zur Verfügung gestanden hätten. Es gab Werkzeugregale und Arbeitstische – alles, was er in der vorherigen Werkstatt gehabt hatte, und noch mehr. Bis auf rot leuchtende Schilder mit der Aufschrift AUSGANG über den Stahltüren.

An einem Ende des Raums befand sich ein Testbereich mit einer großen, quadratischen Trainingsmatte für Chen Lanfen, einer Reihe von Maschinenstellplätzen – zum Teil bereits mit Roboterarmen und Objekten ausgestattet – und einem Atelier für Mini. Am anderen Ende ballten sich Computerarbeitsplätze, von denen nur zwei von Chuck und seinem Protegé Eugene benutzt wurden. Der Raum war umgeben von mehreren Büros, die ein wenig Privatsphäre boten, auch wenn die Wände unten durchscheinend und oben durchsichtig waren, denn wenn man die Plexiglastüren schloss, waren sie praktisch schalldicht.

Die Welt, die sich Chuck mit seinen Kollegen und Freunden (er hatte längst aufgehört, sie als »Angestellte« zu betrachten) teilte, war begrenzt, geschützt und sorgsam überwacht. Solange er tief in seiner Arbeit an menschlicher Kinetik steckte, fühlte es sich beinahe normal an. Arbeit hatte diese Wirkung – sie gab ihm etwas, worauf er seine Sinne und Gedanken richten konnte, sodass er nicht darüber nachdachte, was aus seinem Haus, seinen Möbeln und seinem Garten geworden war, von den Vorgängen in und um einen Berg auf der anderen Seite des Kontinentes ganz zu schweigen. Zumindest kümmerten sich die Wohltäter um einige praktische Belange – er wusste zum Beispiel, dass sie die Raten für sein Haus aus ihren offenbar sehr tiefen Taschen bezahlten. Und was die übrigen Mitglieder seines Teams anging, so waren sie alle Mieter. Man hatte ihre Wohnungen geräumt und ihre Besitztümer entweder an diesen Ort geschafft (wo immer dieser Ort auch war) oder eingelagert.

Außer bei Mini.

Er warf einen Blick zu ihr hinüber. Sie vollführte gerade eine Reihe anmutiger Tanzbewegungen, die eine Schar zierlicher regenbogenfarbener Elfen erscheinen ließen, als hätte sie sie aus der offenen Hand geschüttelt. Diese scheinbar mühelose Art, sich die Zeta-Wellen ihres beweglichen Verstands nutzbar zu machen, hatte ihr den liebevollen Titel »Schmetterlingszauberin« eingebracht. Er wurde Eugene zugeschrieben, fasste aber die Empfindungen der gesamten Gruppe für Mini treffend zusammen.

Minerva Mause hatte in einem Studentenwohnheim gelebt, als Kristian Lorstad das Team und Chuck aus der Gefangenschaft durch eine zwielichtige paramilitärische Organisation namens Deep Shield gerettet hatte. Mit einundzwanzig war sie noch eng mit ihren Eltern verbunden und verbrachte die Sommer zu Hause. Minervas Umzug zu regeln, hatte den Wohltätern die größten Schwierigkeiten bereitet, aber zugleich zweifelsfrei bewiesen, dass nicht nur ihre finanziellen Mittel schier unerschöpflich waren. Für ihre Familie, ihre Freunde und Professoren pausierte Mini für ein Semester, um bei Forward Kinetics – dem Unternehmen, bei dem sie jobbte – Forschung zu betreiben, wofür sie eine Verschwiegenheitserklärung unterschreiben musste. Oberflächlich betrachtet war es verrückt, weil sie ihrem Abschluss so nahe war. Aber dieser Job, diese »Zeta-Sache«, war der Grund, warum sie überhaupt studierte. Sie war eine Wegbereiterin für eine neuartige Form menschlichen Ausdrucks. Sie gehörte zur ersten Welle, und sie brauchte dafür zunächst keinen Abschluss, das College konnte warten. Für ihre Tätigkeit würde sie auch viel auf Reisen sein, ihre Familie würde Postkarten von verschiedenen Orten bekommen. Was dazu beitrug, diese Geschichte zu verkaufen, war der Umstand, dass ihr Umfeld bereits erlebte, wie dieser Job, von dem sie nie sprach, und dieser Freund, den nie jemand zu Gesicht bekam, sie immer mehr in Anspruch nahmen. Es war verständlich, wenn nur hin und wieder eine E-Mail kam. Chucks Familie und ihre eigene waren seit Jahrzehnten befreundet. Ihre Eltern vertrauten darauf, dass alles mit rechten Dingen zuging.

Dieses Vertrauen lastete schwer auf Chuck. Zum x-ten Mal wünschte er sich, er hätte Mini nicht bei Forward Kinetics mitmachen lassen. Er versuchte, seine nutzlosen Schuldgefühle beiseitezuschieben, indem er sich eine zeitlose Allegorie von Dschalal ad-Din Rumi in Erinnerung rief: Der arme, verrückte Majnun wird, getrennt von seiner geliebten Layli, von Nachtwächtern durch die Stadt verfolgt und verflucht ihre Herzlosigkeit … bis seine wilde Flucht ihn genau in den Garten führt, in dem Layli sich aufhält. Wenn man das Ende eines Prozesses, so lehrte das Gedicht, bereits an seinem Anfang sehen könnte, hätte man ein vollkommen anderes Verständnis von seiner Bedeutung.

In diesem Geiste versuchte Chuck mit unterschiedlichem Erfolg die Rolle zu verstehen, die Kristian Lorstad und die Geheimorganisation, die er vertrat, in seinem Leben und dem Leben seiner Kollegen spielten. Dennoch war er nicht nur dankbar, sondern auch verstört gewesen, als er sein geräumiges Zimmer im Zentrum betreten hatte und all seine Kleidung und seine persönliche Habe vorfand – einschließlich seiner gesamten Bibliothek, seiner Filmsammlung und seines privaten Computers. Alles war von seinem Haus in Silver Springs, Maryland, hierhergeschafft worden. Aus Gesprächen mit seinem Team wusste er, dass die anderen ähnlich reagiert hatten.

»Sie haben sogar den kleinen Eichhörnchen-Roboter, an dem ich zu Hause herumgebastelt habe, auf meiner Werkbank ausgelegt«, hatte Dice ihm erzählt. »Sämtliche Teile, alle Werkzeuge bis hin zur kleinsten Schraube – genau so zurechtgelegt, wie ich es zurückgelassen hatte, nur hier.«

Und das war die Frage, die immer noch im Raum stand: wo »hier« eigentlich war. Sie wussten es nach wie vor nicht, und Lorstad verriet nur, dass sie sich »irgendwo im Westen der Vereinigten Staaten« befanden.

Bei Mini hatte diese erstaunliche Umsiedlung Gemälde, Zeichnungen und kleine Skulpturen aus ihrer Ecke im Atelier der Kunstakademie betroffen. Bei Lanfen waren es ihre Trainingsmatten und ihre Sammlung von Selbstverteidigungswaffen gewesen, bei Eugene sein privater Laptop und seine Science-Fiction- und Fantasy-Literatur sowie seine Fachbücher.

Chuck hatte die Aufmerksamkeit, die ihre Wohltäter diesen Dingen schenkten, als Geste des Respekts und als Zeichen der Wertschätzung aufgefasst, aber es hatte auch den Eindruck bei ihm hinterlassen, dass ihre Umsiedlung keine kurzfristige Angelegenheit war. Ihr »Wir wollen euch nichts Böses« konnte nur vorgetäuscht sein. Hätte ihr Schicksal in den Händen der verbrecherischen Geheimorganisation gelegen, die sich Deep Shield nannte, so wären sie vermutlich für immer verschwunden. Bei den Wohltätern konnte man es nicht sagen. Sie waren ein Rätsel, das in ein Geheimnis verpackt war, oder wie dieses Churchill-Zitat ging. Chuck hatte sich in der vergangenen Woche oft gefragt, ob sein verzweifelter Anruf bei Kristian Lorstad sie nicht vom Regen in die Traufe gebracht hatte.

»Dr. Brenton.«

Chuck blickte über seinen Monitor im gemeinsamen Hauptlabor hinweg und sah Lorstad vor sich stehen und ihn beobachten. Wenn man vom Teufel spricht. Es war unheimlich, wie unauffällig und geräuschlos der Mann einen Raum betreten konnte. Er verströmte eine Aura der Milde und Ruhe, aber seine hellen Augen waren flink und scharf, und wirklich nichts entging ihnen.

»Haben Sie noch weiter über meine Frage nachgedacht?«, fragte er.

»Ich habe ehrlich gesagt an kaum etwas anderes gedacht, seit Sie mir die Frage gestellt haben.« Chuck warf einen Blick auf die MRT-Aufnahme von Mini, die er studiert hatte.

Lorstad kam um Chucks Arbeitstisch herum und warf einen Blick über seine Schulter. »Das ist Mini, ja.« Es war keine Frage.

»Ja.«

»Mhm. Das war, als sie ihre Elfen manifestiert hat.« Er zeigte auf den Bildschirm. »Interessant, wie sich die Aktivität über die Rezeptoren auszubreiten scheint, als ob …«

»Als würde das Zeta-Muster in einem Feld erzeugt werden statt an einem bestimmten Ort?«, führte Chuck den Gedanken zu Ende. »Ja, sehr.«

Lorstad setzte sich neben Chuck an die Werkbank. »Fällt Ihnen angesichts dieser immer umfassenderen Aktivität etwas hinsichtlich der Formel zur Erzeugung von Zeta-Wellen ein?«

Chuck verzog das Gesicht. Er hasste – nein, das war zu stark –, er misstraute Lorstads Streben nach Formeln. Es erinnerte ihn zu sehr an seinen vormaligen Partner, den MIT-Mathematiker Matt Streegman.

Mein falscher, manipulativer Partner, der immer noch in den Fängen von Deep Shield ist … falls sie ihn nicht schon lange vorher in der Tasche hatten.

Aber Matt und Deep Shield waren – vermutlich – Tausende von Meilen entfernt, und Lorstad war direkt neben ihm, deshalb konzentrierte er sich auf die unmittelbare …

Bedrohung? Ist das der richtige Ausdruck? Wie auch immer, er war vorsichtig in seiner Nähe.

»Dazu fällt mir ein, dass jede Formel, zu der ich möglicherweise gelange, mehr beinhalten muss, als einfach nur diesen oder jenen Teil des Gehirns zu stimulieren.«

»Das versteht sich von selbst, Doktor«, sagte Lorstad nachsichtig. »Wir haben eine Formel für ein solches Verfahren. Aber sie hat ihre Grenzen.«

Chuck wandte den Kopf und sah ihn an. »Sie meinen, die Wohltäter haben ein Verfahren? Davon haben Sie früher schon gesprochen. Können Sie etwas konkreter werden?«

Lorstad betrachtete ihn einen Moment, lange genug, dass Chuck dachte, er würde die Frage nicht beantworten.

Dann schienen seine Gedanken wie von weit her zurückzukehren. Er holte tief Luft und sagte: »Das kann ich. Ich denke sogar, ich werde es Ihnen zeigen. Ihnen allen.«

Er sah über die Schulter zu den anderen Personen im Labor. Mini tanzte in einer Wolke surrealer Schmetterlinge, Vögel und Elfen. Lanfen absolvierte eine Reihe von Kung-Fu-Bewegungen, bei denen sie ihre Körperbeherrschung durch ihre kinetischen Talente ergänzte, sodass sie zu schweben schien, als wäre die Schwerkraft geringer als normal für sie. Eugene saß an seinem Laptop und verglich EEG-Resultate mit MRT-Resultaten, während Dice und sein geliehener Assistent einen Roboter zusammenbauten, mit dem Lanfen arbeiten konnte.

Dice blickte von seiner Werkbank auf. »Was ist mit uns allen?« Er sah abgespannt aus, seine Haut mehr grau als golden. Von ihnen allen hatte er am meisten zurückgelassen: seine Verlobte Brenda. Sie befand sich noch in der Außenwelt, und auch wenn Lorstad ihm wiederholt versichert hatte, dass sie wohlauf sei, misstraute Dice genau wie Chuck jedem, der über die Macht, die Mittel und die Kontakte verfügte, die nötig waren, um das zu schaffen, was Lorstad in den letzten anderthalb Wochen geschafft hatte.

Gebranntes Kind scheut das Feuer.

»Ich muss Ihnen allen etwas zeigen, was Ihnen hoffentlich zu verstehen hilft, warum Ihre Arbeit auf dem Gebiet der Kinetik so wichtig für uns und den Rest der Menschheit ist«, sagte Lorstad. »Bitte kommen Sie mit.«

Dice schaute skeptisch drein, deshalb nickte ihm Chuck aufmunternd zu, obwohl ihm selbst nicht unbedingt wohl in seiner Haut war. Aber alles, was wir jetzt herausfinden, wird uns nur helfen, zu verstehen, was zum Teufel hier vor sich geht. Er setzte sich in Bewegung, um Kristian zu folgen.

Lorstad führte sie aus ihrem Labor in die riesige Haupthalle der unterirdischen Einrichtung. Natürlich hatte Eugene sie schon bald nach ihrem Eintreffen die Halle des Bergkönigs getauft. Es war ein lang gestreckter, höhlenartiger Raum, dessen hell beleuchtete Fläche von rund zwei Dutzend angenehmen, aber merkwürdigen Menschen bevölkert war, die an Computern arbeiteten. Laut Lorstad waren sie entsprechend ihrem Fachgebiet oder ihrer Aufgabe in Gruppen eingeteilt. Über ihren Terminals gab es große LED-Schirme an den gewölbten Wänden, sie zeigten Karten und Informationen über Orte rund um die Welt, die von den Wohltätern, aus welchen Gründen auch immer, beobachtet wurden.

Von diesen Orten kannten Chuck und seine Kollegen nur den gelben Fleck nahe der Ostküste, eine ebenso in einem Berg versteckte Einrichtung, die bis vor Kurzem Deep Shield gehört hatte. Jetzt wurde sie von den drei mächtigsten Personen auf dem Planeten besetzt – Sara Crowell, Timothy Desmond und Mikhail Yenotow. Eine Architektin, ein Spieleentwickler und ein Bauingenieur. Zumindest waren sie das einmal gewesen, denn jetzt waren sie … mehr.

Menschen, die schreckliche Dinge tun konnten, wenn sie es sich in den Kopf setzten – wortwörtlich.

Wie Lanfen und Mini waren sie Zetas – Menschen, die ihre Gehirne dazu trainiert hatten, Zeta-Wellen zu produzieren und diese kinetischen Impulse zur Beeinflussung ihrer Umwelt zu nutzen. Bislang hatten sie Deep Shield aus deren eigenem Stützpunkt verjagt, alle Militärflugzeuge weltweit am Starten gehindert und damit gedroht, im Namen des Weltfriedens weitere Dinge zu tun. Wie immer ihre Pläne aussahen, es war klar, dass nur eine andere Gruppe ähnlich talentierter und fähiger Individuen es mit ihnen aufnehmen konnte.

Chuck wies das Szenario von sich, wonach sie angeblich beabsichtigten, die Welt zu zerstören. Er kannte sie; er hatte sie trainiert. Tim war unsozial und ein Einzelgänger, aber Sara und Mike waren intelligente, moralisch empfindende Menschen. Sicher, sie hatten Deep Shield mit Gewalt aus dem Berg vertrieben, aber hatten sie eine andere Wahl gehabt? Sie wollten sich nicht versklaven lassen, und Chuck, der selbst ans andere Ende des Landes geflohen war, respektierte das. Aber es stellte trotzdem ein Problem dar, dass zwei Männer und eine Frau die Fähigkeit besaßen, die ganze Welt in Geiselhaft zu nehmen.

Er war überzeugt, die Lösung für dieses Problem bestand darin, nach Pennsylvania zu fahren und mit den Zetas Kontakt aufzunehmen. Er musste nur noch Lorstad und seine Partner davon überzeugen.

Lorstad führte seine Gäste zum Ende der großen zentralen Halle, wo es drei Aufzüge gab. Sie betraten den linken und fuhren nach unten. Chuck versuchte sich nicht anmerken zu lassen, wie sehr ihn das erschreckte. Er hatte angenommen, das Stockwerk mit ihrem Labor sei bereits das unterste der Einrichtung. Er wandte den Kopf und stellte fest, dass Lanfen und Dice ihn ansahen. Offenbar war es ihnen ebenfalls aufgefallen. Eugene und Mini schienen nur Augen füreinander zu haben.

»Habt ihr kein Zuhause?«, murmelte Dice, und Chuck hätte zum ersten Mal seit Tagen beinahe gelächelt.

Lorstad reagierte natürlich nicht einmal. Er ging einfach weiter.

»Der Bereich, den Sie gleich betreten, ist außer für eine Handvoll Leute von unserem Personal tabu. Dabei muss es bleiben.«

»Wie haben Sie den Aufzug dazu gebracht, abwärts zu fahren?«, fragte Dice. »Es gibt keinen entsprechenden Knopf.«

Lorstad sah den Roboteringenieur bedeutungsschwer an und zog die hellen Augenbrauen in die Höhe. »Rechnen Sie es sich selbst aus«, besagte der Blick.

»Ja, klar, ich Idiot«, murmelte Dice und deutete auf seinen Kopf. »Sie sind ja einer von uns.«

Der Blick, mit dem Lorstad auf diese Aussage reagierte, war unergründlich. Chuck versuchte nicht einmal, ihn zu entschlüsseln.

Die Aufzugtür öffnete sich zu einem breiten Flur, der bis auf die Farbe der Wände identisch mit denen auf den oberen Stockwerken war. Diese hier waren hellgrün und schienen zu leuchten. Zu beiden Seiten des Korridors gab es in weiten Abständen Türen. Lorstad führte sie aus dem Lift und ging mit flottem Schritt voran. Nach knapp zehn Metern zögerte er kurz und wandte sich dann einer Tür auf der linken Seite zu. Die glatte Fläche zog sich in die Wand zurück und gewährte der Gruppe Zutritt zu einem Raum, der anders war als alle, die sie bisher gesehen hatten. Er war groß, dunkel, und in seiner Mitte standen zwei Vorrichtungen, die aussahen wie …

»Isolationstanks?«, fragte Eugene. »Sie haben nicht vor, uns da hineinzusetzen, oder?«

Lorstad lächelte. »Dr. Pozniaki, ich habe nicht das Verlangen, Sie in Isolationstanks zu setzen. Meine Hoffnung ist, dass Sie uns in die Lage versetzen, aus ihnen herauszukommen.«

»Moment mal«, sagte Eugene. »Warten Sie. Wollen Sie sagen, das hier hat etwas damit zu tun, wie Sie lernen, Ihre zeta-ähnlichen Fähigkeiten einzusetzen?«

Chuck erfasste sofort, was Lorstad ihnen zeigte. »Sie programmieren Ihre Fähigkeiten von außen«, murmelte er. »Mit Hilfe dieser Tanks.«

»Ja. Wir benutzen Isolationstanks und binaurale Beats – oder eine Kombination aus binauralen Beats und zeitgesteuerten Blitzen. Die Testperson schwimmt im Tank, wo sie diesen Stimuli ausgesetzt ist, und gelangt so in einen Zustand, in dem … nun ja, der Geist, oder die Seele vielleicht, ohne jede physische Ablenkung aktiv funktioniert. Sie lernt, sich aus dem Körper zu bewegen, sich vom Körper zu lösen und ohne ihn zu handeln. Um dann den Körper und andere physische Objekte und Vorgänge zu beeinflussen.«

Chuck nickte eifrig. »Ja, ja, ich habe die Forschung verfolgt, die LaBerge in Stanford betrieben hat. Es war faszinierend. Ich war nahe dran, mich mit meiner eigenen Forschung in diese Richtung zu bewegen, aber es ist mir nie in den Sinn gekommen, dass erweiterte Klarträume zu … zu dem führen könnten, was wir, also die Zetas, tun.«

Lorstad legte den Kopf schief. »Von Klarträumen zu außerkörperlichen Erfahrungen ist es kein großer Schritt, Doktor. Und wenn man erst einmal die Folgerungen zu studieren beginnt, die sich aus außerkörperlichen Erfahrungen ergeben … nun, sie sind erstaunlich.«

»Astralprojektion«, murmelte Chuck.

»Jetzt hört aber auf!«, protestierte Eugene. »Wollt ihr behaupten, das, was Mini oder Lanfen tun – oder alle anderen Zetas –, sei eine Art Astralprojektion?«

»Aber ist es nicht so?«, fragte Lorstad. »Ihre Zetas, wie Sie sie nennen, können über Ihre körperliche Realität hinausgreifen, um externe Objekte zu beeinflussen.« Er wandte den Kopf zu Mini, die um die Isolationstanks herumging; ihre Augen waren im gedämpften Licht des Raums so groß wie Halb-Dollar-Münzen. »Mini hier projiziert Objekte, die nur in ihrem Kopf existieren, in die sogenannte reale Welt hinaus, wo sie eine reale Erscheinungsform annehmen. Was ist das anderes als eine Form von Astralprojektion?«

»Astralprojektion«, sagte Lanfen leise, »ist eine Projektion des Ichs.«

»Astralprojektion«, äffte Eugene ihren ruhigen Ton nach, »ist ein Märchen.«

»Was ist das dann, was wir alle tun?« Lorstad unterstrich seine Worte, indem er zu der beleuchteten Steuerkonsole an der Wand sah. Auf einer geneigten Tafel bewegte sich ein Schieberegler, und es wurde heller im Raum. Dann bewegte sich der Regler in die Gegenrichtung, und es wurde wieder dunkler. »Oder was zumindest manche von uns tun.«

Eugene runzelte die Stirn und warf einen raschen Blick zu Mini. »Es ist nur … Dieses ganze Astralzeug klingt so unwissenschaftlich.«

»Zu behaupten, dass wir aus Sternenasche bestehen, klingt ebenfalls unwissenschaftlich«, sagte Dice trocken. »Aber zufällig stimmt es.«

»Vielleicht ist es nur die Terminologie, die dich stört«, schaltete sich Mini mit einem Grinsen ein. »Wie wäre es also, wenn wir bei ›außerkörperlicher Erfahrung‹ bleiben? Klingt das ein bisschen wissenschaftlicher?«

»Wenn Sie in diesem Zustand sind, was geschieht dann?«, wandte sich Chuck an Lorstad, ohne auf das Nebengespräch einzugehen. »Geführte Meditation? Autosuggestion?«

»Geführte Erkundung, oder vielleicht Beobachtung, trifft es genauer. Und Suggestion, ja. Wir kommen hierher«, er legte eine Hand auf den Tank, neben dem er stand, »um in uns selbst einzutauchen. Um die neuralen Pfade neu zu öffnen und unseren Geist wieder auf seine höheren Funktionen hin auszurichten.«

»Ich verstehe das nicht«, sagte Lanfen. »Sie meinen, Sie verlieren Ihre Fähigkeiten mit der Zeit? Wie kann das sein?«

Lorstad lächelte schief. »Sie finden das merkwürdig? Wir finden es merkwürdig – und enorm hoffnungsvoll –, dass Sie gelernt haben, Zeta-Zustände und – fähigkeiten zu erreichen, die sich durch bloßes Üben perfektionieren lassen.«

»Da ist jemand drin.«

Chuck drehte sich beim Klang von Minis Stimme um und sah sie in eine Öffnung im Deckel des entfernteren der beiden Isolationstanks blicken. Ihr Gesichtsausdruck schwankte zwischen Entsetzen und Faszination.

»Das ist Alexis«, sagte Lorstad und stellte sich neben Mini.

Chuck folgte ihm. Durch die Öffnung sah er die Frau in einer zähen Flüssigkeit, fast ein Gel, schwimmen, die türkis wie das Wasser in manchen Zierbrunnen gefärbt war. Sie trug einen eng anliegenden Taucheranzug, und das Gesicht wurde halb durch einen Helm mit einer schwarzen Brille verdeckt, der auch die Ohren einschloss.

»Wie lange muss sie dadrin bleiben?«, fragte er.

Zur Antwort sah Lorstad auf das Display, das in die gewölbte Tankwand eingebaut war. Chuck nahm an, es zeigte Alexis’ Lebensfunktionen und wahrscheinlich weitere Dinge an, wie etwa die Temperatur der Lösung, in der sie schwamm.

»Sie ist gestern Abend um zehn hineingegangen. Sie müsste in der nächsten halben Stunde wieder herauskommen.«

Chuck warf einen Blick auf seine Uhr. Es war halb zehn Uhr vormittags. »Das ist eine lange Session.«

»Und doch kurz im Vergleich zu den Stunden, die beim Initiationsprozess dadrin verbracht werden.«

Mini sah Lorstad stirnrunzelnd an. »Sie meinen, sie hat dadrin geschlafen?«

»Nicht geschlafen. Die binauralen Töne haben sie in einen Zustand tiefer Meditation versetzt. Aber die Blitze halten sie davon ab, in die REM-Phase abzugleiten.«

Chuck nickte. Er verstand jetzt, warum die Wohltäter so begierig auf eine Alternative zu ihrer Methode waren, psychokinetische Fähigkeiten zu »erlernen«.

Ein Läuten ertönte, es hallte seltsam von den Wänden wider. Am Steuerpult blinkte ein Licht. Einen Augenblick später betraten zwei Techniker – ein Mann und eine Frau – durch einen von Alexis’ Tank verdeckten Eingang den Raum. Sie zögerten kurz, als sie die Gruppe zwischen den beiden Isolationstanks stehen sahen.

»Guten Morgen, Sir«, sagte die Frau und nickte Lorstad ehrerbietig zu. »Werden Sie bleiben, wenn Ms. Bruinsma den Tank verlässt?«

»Ich denke nicht, Dr. Pence. Wir überlassen Sie Ihren Aufgaben hier.« Er wandte sich zum Gehen, um Chucks Team aus dem Raum zu führen, aber dann hielt er inne. »Ich habe Sie unseren Gästen noch gar nicht vorgestellt. Dr. Dana Pence, Niles O’Hare, das sind die Doktoren Charles Brenton, Daisuke Kobayashi und Eugene Pozniaki, Ms. Chen Lanfen, Ms. Minerva Mause. Meine Damen und Herren, Dr. Pence und ihr Assistent gehören zu unserem Mitarbeiterstab hier im Zentrum.«

Alle murmelten rundum Begrüßungen. Chuck fühlte sich unwohl. Eine seltsame Spannung lag im Raum, die er nicht recht ergründen konnte. Er dachte auf dem Rückweg zum Aufzug darüber nach. Kurz bevor sie ihn betraten, blieb er stehen und deutete in den Flur zurück.

»Wie viele von diesen Isolationstanks haben Sie?«

»Zwanzig. Nur die Hälfte davon wird jeweils benutzt. Die anderen dienen als Back-up und für Notfälle.«

Chuck runzelte die Stirn und rechnete im Kopf nach. »Hier im Zentrum arbeiten – wie viel? – achtzig bis hundert Leute …«

»Eher hundertfünfzig, wenn Sie das Wartungs- und Hausmeisterpersonal mitrechnen.«

»Das sind nicht annähernd genügend Tanks für so viele Leute.«

Lorstad blinzelte, dann lachte er. »Nur ein Bruchteil der Leute hier benutzen die Tanks, Dr. Brenton. Zu jedem Zeitpunkt sind vielleicht zwanzig von uns hier, wenn es hochkommt. Im Augenblick, zum Beispiel, sind wir nur zu acht.«

»Wir?«, echote Eugene, während Dice im selben Moment fragte: »Acht was?«

»Acht Gelehrte. Acht Leute wie ich.«

»Und Alexis«, ergänzte Chuck.

»Ja. Die anderen, das Personal, sie sind … nun ja, normal.« Lorstads Blick strich kurz über das Gesicht von Eugene und Dice.

»Laien, meinen Sie«, sagte Dice.

»Muggel«, sagte Eugene, »wie ich.«

Lorstad schüttelte den Kopf. »Es tut mir leid, ich verstehe nicht, worauf Sie Bezug nehmen.«

»Nein«, sagte Eugene. »Das verstehen Sie nicht.«

»Aha.«

Lorstad brachte sie in ihr Labor zurück, wo er sich verabschiedete, aber erst, nachdem er Chuck mit seinem durchdringenden Blick fixiert und gesagt hatte: »Sie verstehen jetzt, warum es von großem Interesse für uns ist, unsere Talente so anwenden zu lernen, wie Sie es tun. Ich würde deshalb gern so früh wie möglich mit dem Training bei Ihnen beginnen. Und ich möchte Sie ermutigen, Doktor, alle notwendigen Anstrengungen hinsichtlich einer Formel zu unternehmen, die den größtmöglichen Erfolg sicherstellt.«

Chuck nickte und sah Lorstad hinterher, als er den Raum verließ. Er nickte immer noch, als sich die halb transparenten Türen hinter Lorstad geschlossen hatten und die anderen Chuck umringten.

»Worum ging es da gerade?«, fragte Dice. »Was macht unsere Apparatur so viel besser als ihre?«

»REM-Schlaf, zum einen. Wenn sie im Tank sind, können sie nicht in die REM-Phase übergehen. Das schränkt die Dauer und Häufigkeit ein, mit der sie sich in den Zustand begeben können, den sie brauchen, um sich … wiederaufzuladen.«

»Ich verstehe nicht«, sagte Mini. »Warum sollten sie die REM-Phase vermeiden? In der werden Klarträume doch geboren.«

»Ja, aber wenn eine bewusste äußere Kontrolle erlangt werden soll, muss man in einem Wachzustand sein. Es kann ein meditativer oder sonst irgendwie veränderter Zustand sein, aber man ist wach und schläft nicht. Während des Schlafs spielen sich alle Aktivitäten im Innern ab, und der ganze Sinn ihres Verfahrens besteht darin, sie in der Außenwelt zu manifestieren.«

»Aber warum ist das überhaupt ein Problem?«, fragte Mini. »Ich meine, warum stellt es eine Beschränkung dar, den REM-Schlaf zu vermeiden?«

Eugene antwortete ihr: »Weil ein Mensch durch zu langen Schlafentzug geistig funktionsunfähig wird. Das kann schließlich zu Psychosen und sogar zum Tod führen.«

»Und wieso riskieren sie es dann?«

»Weil ihre Methode ja tatsächlich funktioniert«, sagte Chuck. »Sie ist nur ineffizient. Sie müssten viel länger in dem Tank bleiben, als der Gesundheit zuträglich ist, um ihre Fähigkeiten auf dem Level zu halten, das Mini und Lanfen auf natürliche Weise erreichen. Und der REM-Schlaf ist nicht das einzige Problem. Sie müssten wiederholt einen Katheter gesetzt bekommen und Antibiotika nehmen, und durch die ausgedehnten Ruhephasen käme es zu Muskelschwund. Und trotzdem – wie viel würden wir für unsere Fähigkeiten riskieren?« Jetzt, da Chuck seine eigenen Zeta-Wellen entwickelt hatte, konnte er sich nur schwer vorstellen, auf sie zu verzichten. Mini nickte, aber sie schien immer noch nicht zufrieden zu sein.

»Aber warum?«, fragte sie. »Warum sind sie so abhängig von den Apparaten? Ich meine, warum hält die … Aufladung nicht an?«

Chuck zuckte mit den Achseln. »Ich weiß es nicht.«

»Ich glaube, ich weiß es vielleicht«, murmelte Lanfen. Ihre dunklen Augen waren ernst, als sie Chucks Blick begegnete. »Lorstad sagte, sie lernen außerhalb des Körpers zu agieren. Losgelöst vom Körper.«

»Und du nicht?«, fragte Eugene.

Lanfen schüttelte den Kopf. Chuck bemerkte, dass er und Mini es ihr gleichtaten. Er hörte auf damit.

»Ich kann nicht für Mini sprechen«, fuhr Lanfen fort, »aber wenn ich meine Kinetik praktiziere, projiziere ich mich aus dem Körper, doch ich bin immer noch irgendwie mit ihm verbunden. In ihm verankert.«

»Ja«, sagte Mini, »ich auch.«

»Wenn ich – wenn wir aufhören, uns zu projizieren, laden wir uns auf natürliche Weise neu auf, ohne auch nur darüber nachzudenken. Unser meditativer Zustand ist selbst erzeugt, und unsere Fähigkeiten wurzeln in uns selbst, in unserem Bewusstsein; er lädt sich über die physische Erzeugung von Energie neu auf. Was sie tun, schneidet sie tatsächlich von einer natürlichen Energiequelle ab und erzeugt eine Abhängigkeit von diesen Apparaten.«

»Ja«, sagte Eugene leise. »Und von Muggeln wie mir.«

Lanfen schlug einen doppelten Rückwärtssalto und landete sanft in einem Bürosessel, den sie, während sie in der Luft war, kinetisch in ihre Flugbahn gezogen hatte. Da ihr Training beendet war, ließ sie den Stuhl durch ihren Schwung zu Dices Werkbank rollen. Der Roboterexperte und sein neuer Assistent arbeiteten seit Stunden an dem Roboter, den Lanfen für sich bereits auf den Namen Pippin getauft hatte.

Sie wusste natürlich, dass es idiotisch war, einem Apparat einen Namen zu geben und eine Beziehung zu diesem Apparat aufzubauen – Letzteres eine Absicht, die sie allein durch die Namensgebung bereits ankündigte. Aber so machte sie es eben. Ihr Laptop hieß Carter – nach einer Lieblingsfigur im Fernsehen, die von einer Lieblingsschauspielerin dargestellt wurde. Sie verlor sich gern in Geschichten von Geheimagenten, und die Nachkriegsszenerie war das i-Tüpfelchen. Ihr Motorrad hieß Bruce – einfach weil es aussah wie ein Bruce. Sie fragte sich, was aus Bruce geworden war. Das letzte Mal hatte sie die Maschine gesehen, als sie sie im Lagerraum ihrer Wohnanlage eingestellt hatte.

Sie verbannte alle Gedanken an ihr vielleicht unwiederbringlich verlorenes früheres Leben und beobachtete die beiden Männer, die an Pippin arbeiteten. Es faszinierte sie, wie der mechanische Rahmen um den dicken Kabelstrang der Wirbelsäule herum montiert wurde. Dices Assistent, Joey Blossom, war ein junger amerikanischer Ureinwohner des Schoschonen-Paiute-Stammes. Er trug sein Haar lang und zu einem Zopf geflochten, wenn er im Labor arbeitete. Lanfen hatte erfahren, dass er aus dem Duck-Valley-Reservat nahe Owyhee, Nevada, stammte und wegen seiner Erfahrung mit Computern und Elektronik dem Labor zugeteilt worden war. Er hatte einen Master in Computerwissenschaft und eine abgeschlossene Ausbildung als Elektroniker, und vor seinem Job im Zentrum hatte er erfolgreich das Computersystem des Gemeindezentrums im Reservat eingerichtet und betreut. Um das tun zu können, um nach Owyhee und zu seiner Familie zurückzukehren, hatte er einen gut bezahlten Job in einem führenden Labor aufgegeben. Das konnte bedeuten, dass sich das Zentrum in der Nähe des Duck-Valley-Reservats befand oder auch nicht. Die Topografie sah zumindest nach diesem Teil des Landes aus.

Eines war klar – Joey beherrschte sein Handwerk. Und das so sehr, dass ihm Dice schon nach wenigen Tagen der Zusammenarbeit einige der anspruchsvolleren Arbeiten an Pippins Verkabelung anvertraute. Dice konnte wahnsinnig heikel sein, wenn es darum ging, wer seine Spielzeuge anrühren durfte, damit war also sehr viel über Joeys Fähigkeiten ausgesagt.

Joey warf einen Blick zu Lanfen, als sie vor der Werkbank ausrollte. Sie spürte Neugier und Unbehagen zu gleichen Teilen. Angesichts seines Arbeitgebers bezweifelte sie, dass das Unbehagen durch ihre Fähigkeiten ausgelöst wurde. Sie lächelte ihn an. Er lächelte nicht zurück.

»Sie sind also eine Kampfsportexpertin«, sagte er schließlich, als er gerade keine Kabel in der Hand hielt.

»Ich praktiziere Kung-Fu, ja.«

»War ziemlich eindrucksvoll, was Sie da gemacht haben. Die ganze Akrobatik und die … Psychokinese.«

»Lanfen fasst es als eine Projektion ihres Ichs auf«, erklärte Dice.

»Ihres Ichs?«, wiederholte Joey und sah Lanfen nun endlich direkt an.

»Mein Bewusstsein. Meine Seele. Ich erweitere sie, um meine Umgebung zu beeinflussen.«

»Sie glauben an die Seele? Aber Sie sind Wissenschaftlerin.«

Darüber lachte sie. »Nein, ich bin Kung-Fu-Kämpferin. Dice, Eugene und Chuck sind Wissenschaftler. Ich bin mir allerdings ziemlich sicher, dass Chuck ebenfalls an die Seele glaubt.« Sie wandte sich an Dice. »Wann, glaubst du, wird mein kleiner androider Freund hier fertig sein? Ich bin einsam und gelangweilt und habe es satt, ohne Partner zu tanzen.«

Dice grinste sie an. »Heulsuse. Du hast Sessel mit Rollen. Vielleicht können wir die Transportkisten der Brewster-Brenton-Einheit hereinholen, dann kannst du die ebenfalls herumrollen. Vielleicht kinetische Rennen veranstalten.«

Es war ihnen gelungen, einen Brewster-Brenton-Brain-Pattern-Monitor mit seinem kinetischen Konverter aus ihrem alten Labor zu schmuggeln, außerdem ein Brenton-Kobayashi Kinetic Interface (BKKI alias »Becky«), aber sie hatten Lanfens Robotergefährten Bilbo zurücklassen müssen. Er war immer noch im Innern der unterirdischen Einrichtung von Deep Shield im Michaux State Preserve in Pennsylvania eingelagert (beziehungsweise wurde nach Lanfens Vorstellung dort gefangen gehalten).

»Du hast meine Frage nicht beantwortet: Wann wird Pippin für eine Erprobung fertig sein?«

Dice sah auf die Uhr. »Ich würde sagen, mindestens noch eine Stunde. Wahrscheinlich länger.« Genau in diesem Moment knurrte sein Magen lautstark, und er verzog das Gesicht. »Tja, und dann wäre da noch das. Der Geist ist willig, aber der Körper braucht Nahrung.«

Lanfen sprang aus ihrem Sessel. »Ich laufe zur Cafeteria runter und hole Lunch für euch beide. Was wollt ihr? Sandwiches? Salate?«

Joey blinzelte. »Sie holen uns Lunch?«

Lanfen zuckte mit den Achseln. »Warum nicht? Suppe? Enten-Confit? Filet Mignon?«

»Jetzt bist du aber gemein«, sagte Dice. »Ein Thunfisch-Sandwich für mich, wenn sie so etwas haben in diesem Gourmet-Tempel. Und Milch.«

»Tee ist besser für die Seele.«

»Ich bin mir nicht sicher, ob ich eine habe.«

»Joey?« Sie sah Dices Assistenten an.

»Für mich das Gleiche, aber ich nehme ein Wasser dazu.«

»Okay, ein paar Thunfisch-Sandwiches, eine Milch und ein Wasser – ach ja, und zwei Seelen.« Lanfen grinste spöttisch, salutierte und marschierte los, um die Bestellungen zu erledigen. Sie tat es auf eine absolut lässige Weise, um Joey zu versichern, dass sie ihn nicht für geringer achtete. Unterwegs schaute sie in Chucks Büro vorbei, um zu fragen, ob er etwas brauchte. Er saß im Schneidersitz auf dem kurzen Sofa gegenüber von seinem Schreibtisch, hielt einen Stift in der Hand und blickte stirnrunzelnd auf einen Schreibblock in seinem Schoß.

»Wow, das ist ja richtig oldschool«, sagte sie und lehnte sich an den Türrahmen.

Er blinzelte und blickte zu ihr auf. »Äh … ach so, ja. Wenn nichts vorangeht mit meinen Überlegungen, wechsle ich zum Höhlenbewohner-Modus. Das hilft … manchmal.«

»An welchem Problem arbeitest du gerade?« Lanfen schlenderte in das Büro, setzte sich neben ihn auf das Sofa und lugte in seinen Schreibblock.

»Lorstad hat mich gebeten, zu schauen, ob ich das, was wir tun, in eine Formel fassen kann. Eine Art allumfassende Gleichung der Elemente, die zum Erfolg führen.«

»Machst du überhaupt Mathe?«

Er lachte. »Natürlich ›mache‹ ich Mathe. Wenn du wissenschaftlich tätig bist – egal in welchem Zweig –, brauchst du ausreichende Kenntnisse in höherer Mathematik. Ich muss allerdings zugeben, dass das mehr Matts Ding war. Inzwischen vermisse ich ihn wirklich.« Er zögerte und spielte mit dem Stift in seiner Hand. »Er wollte dabei sein, weißt du.«

»Dabei sein? Du meinst, er wollte mit uns hierherkommen?«

»Das war, bevor ich Lorstad angerufen habe. Matt hat Kontakt mit mir aufgenommen, um mich zu informieren, was auf seiner Seite los ist. Er wollte wissen, wo wir sind, damit er sich uns anschließen kann. Ich habe es ihm ausgeredet. Ich sagte, wir würden einen Insider auf der anderen Seite brauchen.«

Lanfen las in seinem Gesicht. »Mhm. Irgendwo steckt da ein großes, dickes Aber drin.«

Chuck nickte und sah auf die Anmerkungen hinunter, über die er gegrübelt hatte. »Ich habe ihm nicht getraut, Lanfen. Ich dachte, er würde uns vielleicht verraten. Immerhin wusste er besser als irgendwer sonst, dass es ohne uns kein Forward Kinetics gab, kein ferngesteuertes Roboterprogramm, nichts, was General Howard verwenden konnte.«

»Sag mir, dass du keine Schuldgefühle deswegen hast.« Lanfen packte Chuck mit festem Griff am Oberarm. »Herrgott noch mal, Chuck, das ist absurd. Er hat uns verraten. Er hat dich belogen – uns alle. Wir haben uns Sorgen gemacht, wir könnten aufgefordert werden, mit dem Militär ins Bett zu gehen, und dann stellt sich heraus, dass er bereits einen Heiratsantrag angenommen hat. Ich kann dir wirklich nicht verübeln, dass du ihm nicht vertraut hast. Ich hätte dieselbe Entscheidung getroffen.«

Er sah sie an. »Zuerst einmal – aua! Du hast einen harten Griff. Und zweitens – wirklich? Du findest, es war gerechtfertigt, dass ich so vorsichtig war mit Matt?«

Sie nickte und ließ seinen Arm los. »Ja, absolut. Also hör auf, an dir zu zweifeln. Wenn du Hilfe bei deiner Mathematik brauchst, frag Dice.«

»Dice hat genug am Hals.«

»Ja, aber er kann dir trotzdem helfen. Apropos Hals, ich war gerade auf dem Weg in die Cafeteria, um etwas zu beißen für die hungrigen Mäuler im Computerraum zu holen. Brauchst du etwas?«

Chuck holte tief Luft. »Ja, eine Pause von dem Zeug hier.« Er warf Block und Stift auf seinen Schreibtisch und sah sie unter einer hochgezogenen Augenbraue hervor an. »Was dagegen, wenn ich mitkomme?«

Sie genoss das warme Gefühl, das der Gedanke an seine Gesellschaft auslöste, und sprang vom Sofa. »Auf keinen Fall. Abgesehen davon kann ich nicht mit beliebig viel Essen jonglieren.«

»Ha. Das bezweifle ich ernsthaft.« Er folgte ihr aus dem Büro und ging im Gleichschritt neben ihr her, als sie die lange zentrale Höhle betraten, in der das Personal arbeitete. Dann bogen sie nach rechts zur Cafeteria und Mitarbeiter-Lounge ab.

»Dann erzähl mir doch mal von deiner Formel«, sagte Lanfen. »Ich habe ein bisschen was davon gesehen: N plus K plus W plus irgendetwas …«

»Ja, ich habe nur mit ein paar Elementen gespielt, die in ein erfolgreiches Wachstum von Zeta-Fähigkeiten einfließen: natürliche Neigung und/oder das entsprechende Verlangen plus Konzentration plus Wiederholung. Das ist alles, was ich bisher habe. Und ich bin mir nicht sicher, ob Neigung notwendig ist. Ich meine, natürlich ist es hilfreich, eine natürliche Veranlagung zu besitzen und den Wunsch, es zu tun. Vielleicht beides. Aber es ist vielleicht nur etwas, was die Lernkurve unterstützt, und kein binäres Hindernis, wenn es fehlt.«

»Na ja, wenn es hilft, ich würde Neigung als eine Kombination aus Veranlagung und Wunsch definieren. Aber ich verstehe, was du meinst. Es ist schwer, diese Dinge eindeutig festzumachen.«

»Genau. Insbesondere, da wir immer noch nicht wissen, ob manche Menschen vielleicht gar nicht dazu in der Lage sind. Aber wie auch immer, ich dachte, ich hätte gesagt, dass ich eine Pause davon brauche?« Er deutete mit dem Daumen über die Schulter in Richtung seines Büros.

Lanfen lächelte verlegen. »Tut mir leid. Erst das Essen. Die Formel kann warten.«

»Lass das bloß nicht Lorstad hören. Ich glaube, für ihn ist die Formel eine Art Gral. Für mich ist es nur ein Hilfsmittel, das die Ideenbildung erleichtert. Wir haben bereits ein reproduzierbares Verfahren. Das ist es, worauf es ankommt.«

»Ja, aber es ist ein Verfahren, das im Augenblick von dir, Dice und Eugene abhängt. Und Lorstad will als Nächster an der Reihe sein, um seine Erfahrungen damit zu machen.«

»Ja. Als Erster von vielen. Na ja, von zwanzig bis dreißig Personen, wie er sagte. Ich vermute, dass Wohltäter aus der ganzen Welt einfliegen werden, um ein Zeta-Training zu erhalten.«

Lanfen schüttelte den Kopf. »Das kommt mir so … ineffizient vor. Hier sind hundert Leute, die von unserem Training profitieren könnten. Man ändert die Welt nicht, wenn man die nächste Stufe der Evolution auf eine Handvoll Auserwählte beschränkt.«

Chuck antwortete nicht, aber sie wusste, er dachte dasselbe.

»Erde an Blossom.« Dice schnippte mit den Fingern, damit Joey seine Aufmerksamkeit wieder auf die Arbeit konzentrierte. Der Mann konnte offenbar den Blick nicht von Lanfen nehmen, als sie mit Chuck aus dem Büro spazierte.

»Oh, Entschuldigung. Ich … Sie …«

»Ja, das ist sie«, stimmte Dice grinsend zu.

»Nein. Ich meine, ja, sie ist schön und erstaunlich, aber das habe ich nicht …« Joey beugte sich über die Werkbank und senkte die Stimme. »Sie bringt uns Lunch?«, sagte er. »Warum tut sie das? Sie ist ein Mindbender, oder?«

Dice lachte. »Ein wer? Ein was?«

Joey errötete. »Tut mir leid. Ich sollte nicht so über sie reden. Die Wohltäter, meine ich. Du wirst es doch Lorstad nicht …«

»Nein, verdammt noch mal. Ich meine, nein, ich werde dich nicht verraten, und nein, sie … wir gehören nicht zu den Wohltätern. Lanfen und Mini sind nur Menschen, die gelernt haben, einige mentale Muskeln zu benutzen, von denen die meisten Leute gar nicht wissen, dass sie sie besitzen.«

»Ich habe ein Gerücht gehört«, sagte Joey, »dass eure Leute nicht in die Tanks gehen. Ich wusste nicht, ob ich es glauben soll. Aber du sagst, es stimmt?«

»Die Isolationstanks? Nein, so etwas benutzen wir nicht. Du wirst es sehen, wenn wir mit Lorstad zu arbeiten beginnen.«

Joey lachte laut auf. »Ja, klar werde ich es sehen. Nie im Leben erlaubt er, dass so ein stinknormaler Mensch wie ich im Raum ist, während er noch gottähnlicher wird.«

»Na ja, es wird ihm nichts anderes übrig bleiben. Ein paar stinknormale Menschen werden mit ihm im Raum sein müssen, um die Ausrüstung zu bedienen. Und du könntest einer von ihnen sein.«

Joe machte große Augen. »Wirklich? Also, wenn du das deichseln könntest, wäre ich dir sehr dankbar. Ich würde zu gern sehen, was ihr mit eurer ganzen Technik treibt.«

»Dazu müssen wir aber diesen Roboter hier irgendwann fertig kriegen«, sagte Dice. »Kannst du die Optik einstellen?«

»Klar doch«, sagte Joey, und seine sonst so stoischen Züge entspannten sich, als er sich über die Werkbank beugte.

KAPITEL 2

Unter dem Olymp

Mike Yenotow sah zu, wie die Blutdruckmanschette aufgepumpt wurde, und stöhnte, als sie ihr Maximum erreicht hatte und die Luft zu entweichen begann. Auf dem LED-Schirm des kleinen Geräts blinkten die Zahlen im Takt mit einem leisen, wiederholten Piepsen. Der Blutdruck sah gut aus. Genau wie seine Wunde. Ein sauberer Schorf bildete sich über ihr, es gab kein Anzeichen für eine Infektion.

Er versuchte, nicht daran zu denken, wie er sich die Wunde zugezogen hatte.

Mike nahm die Manschette ab und legte sie in den Korb unter dem Monitor zurück. Der Apparat rollte von ihm fort, bis er wie ein stummer Wächter an der Wand stand. Er sah sich auf dem Krankenrevier mit seinen makellos sauberen Oberflächen um und fragte sich, wie lange es so bleiben würde. Selbst hier unten gab es Staub, und er wusste nicht, ob seine kinetischen Fähigkeiten Staubsaugen umfassten.

Dumm. Solche Gedanken waren dumm, irrelevant. Staub war die geringste seiner Sorgen – ihrer Sorgen. Er teilte sein Reich unter dem Berg mit Sara und Tim. Verzeihung – Troll. Unabhängig davon, wie er sich nannte, waren diese beiden im Augenblick seine einzigen Gefährten. Sie waren seine … Kollegen oder waren es vielmehr gewesen. Er konnte sie beide nicht als Freunde sehen. Jedenfalls nicht im Augenblick. Vielleicht auch nicht vor alldem. Aber jetzt waren sie … er wusste es nicht.

Mittäter vielleicht.

Staub mochte kein Problem sein, aber andere Dinge waren eins. Etwa diese Tageslicht-Glühbirnen, die Deep Shield überall installiert hatte. Sie erlaubten ihrem Personal, über einen längeren Zeitraum unter der Erde zu leben ohne die gesundheitlichen Probleme, die mit einem dauerhaften Fehlen von Sonnenlicht einhergingen. Er nahm an, dass es irgendwo hier unten Ersatzbirnen gab, aber bisher hatten sie keine gefunden. Natürlich war er der Einzige gewesen, der überhaupt daran dachte, nach etwas zu suchen, das über Essen, Wasser und eine Waschgelegenheit für sich und seine Kleidung hinausging. Sara und Tim waren auf die Außenwelt konzentriert, genauer auf eine Möglichkeit, sie unter Kontrolle zu bekommen. Mike, der vorauszudenken versuchte, hatte eine Aussichtsplattform am Osthang ihres Bergs konstruiert – nur für alle Fälle.

Er glitt vom Untersuchungstisch und stöhnte ein wenig wegen des Schmerzes in seinem Brustkorb. Er überlegte, die Cafeteria nach etwas Essbarem zu durchstöbern. Oder vielleicht einen weiteren Inspektionsrundgang zu machen. Er wusste, was er da tat. Er zögerte es hinaus, wieder nach unten zu gehen, in die »Kommandozentrale«. Wenn er nach unten ging, würde er sich mit Saras und Tims Empörung, mit ihrem Wüten auseinandersetzen müssen. Es war nicht so, dass es ihm viel ausmachte, wenn jemand aufgebracht war – er hatte mit vielen Vorarbeitern zu tun gehabt und war es gewöhnt, angeschrien zu werden. Aber das Wüten eines Zetas … das konnte toxisch sein. Er fragte sich, ob sie sich nicht gegenseitig vergifteten, eine Art Rückkopplungsschleife produzierten, die sich endlos selbst speiste. Sie waren wütend auf General Leighton Howard wegen seines Angriffs auf ihre Stellung. Wütend auf das militärische Establishment, für das er stand. Wütend auf alle Politiker, die von den Deep-Shield-Unternehmungen wussten und sie guthießen.

Mike war ebenfalls stinksauer, aber weniger wegen dieses Zeugs, sondern weil man ihm sein Leben geraubt hatte – ihnen allen. So wie er es sah, war der ganze Schlamassel ein eskalierender Fall von »Was zum Teufel habt ihr denn erwartet?«. Was hatte Howard erwartet, als er sie im Wesentlichen zu Gefangenen in seiner geheimen Militärbasis machte? Was zum Teufel hatten die Zetas erwartet, als sie den General und seine gesamte Mannschaft daraus vertrieben? Natürlich würden sie versuchen, wieder hineinzukommen. Natürlich gab es Sicherungssysteme, Selbstzerstörungspläne und Sprengfallen. Natürlich würde der General versuchen, ihren Zugang zur Außenwelt zu beschränken.

Wie üblich bekam Mike Kopfweh, wenn er über ihre aktuelle Situation nachdachte. Er ging in die Lazarettapotheke, wo Arzneimittel und anderer medizinischer Bedarf in einem verschlossenen Käfig aufbewahrt wurden. Die Tür des Käfigs lag auf dem Boden, dort, wo er sie hingeschleudert hatte, als er sich zum ersten Mal Zugang zu den Vorräten der Apotheke verschafft hatte. Er streckte die Hand nach dem Drehgriff an dem Schmerzmittelspender aus – ein Gerät, das ihn an einen Kaugummiautomaten erinnerte –, aber der Verband über der Wunde zog schmerzhaft. Also drehte er den Hebel kinetisch, es war ihm inzwischen ganz selbstverständlich geworden. Er stellte sich einfach eine Hand vor, die den Griff drehte, und schon fielen zwei Tabletten in die kleine Plastikschale auf der Vorderseite des Apparats.

Er steckte die Pillen in den Mund und spülte sie mit Wasser aus dem Wasserspender hinunter. (Wie schnell wird uns das Wasser ausgehen?) Ein Knistern kam aus seiner Hemdtasche. Er schaltete das Funkgerät ein, indem er daran dachte.

»Ja?«

»Hast du dich verlaufen, Micky?«, fragte Tim.

»Ich wechsle gerade meinen Verband.«

»Sara will, dass du wieder nach unten kommst. Sie bereitet sich gerade darauf vor, Howard anzurufen. Logisch, dass du bei dem Gespräch dabei sein solltest.«

Gespräch. So konnte man es auch nennen. Lösegeldforderung kam eher hin. Sara hatte gerade heute Morgen als eine Art Demo ein kleines regionales Bankensystem im Mittleren Westen abstürzen lassen – eine maßvoll zerstörerische Erinnerung daran, was sie außerhalb der Flure von Deep Shields ehemaligem Hauptquartier immer noch anrichten konnten, obwohl Howard ihnen die Flügel ein bisschen gestutzt hatte, indem er ihren Zugang zu den Funknetztürmen eingeschränkt hatte. Howard hätte ein Idiot sein müssen, wenn er dachte, Sara würde nicht jedes verfügbare Mittel einsetzen, um ihre Ziele zu erreichen. Es musste ihn fix und fertig machen, dass das Kommunikations- und Computernetzwerk, das er mit so viel Einsatz und unter so viel Geheimhaltung aufgebaut hatte, nun gegen ihn eingesetzt wurde.

Aber wie immer sie diese nächste Diskussionsphase nennen wollten, er musste auf jeden Fall dabei sein.

»Okay, ich bin auf dem Weg«, sagte Mike.

Er holte tief Luft, schaltete das Funkgerät aus und rief sich in Erinnerung, dass Saras Ziele auch seine Ziele waren. Er war sich nur nicht so sicher, was ihre Mittel anging. Er schüttelte sich im Geiste für diesen Gedanken. Alles, was sie getan hatten, war defensiv gewesen, sagte er sich. Alles. Sie wünschten sich nur eine bessere Welt. Eine Welt, in der Männer wie General Leighton Howard oder Organisationen wie Deep Shield keine Existenzberechtigung hatten.

Er erinnerte sich an Bilder in den Büchern mit biblischen Geschichten, die er als Kind gelesen hatte. Löwen und Lämmer, die hübsch miteinander spielten. Panzer, die auf Schrottplätzen vor sich hin rosteten. Obstgärten, in denen lächelnde und wie für den Urlaub gekleidete Familien die Ernte einbrachten. Er nahm diese Bilder nicht mehr als bare Münze, wie er es als Kind getan hatte, aber er wünschte sich immer noch eine Welt, in der Löwen und Lämmer einfach miteinander auskamen.

Das Problem war, er hatte immer weniger das Gefühl, dass er zu den Lämmern gehörte.

Er ließ noch ein paar Ibuprofen herausfallen und steckte sie in seine Hemdtasche. Wobei es eigentlich nicht sein Hemd war. Es gehörte zu einer Uniform, von der er sich ein Teil geborgt hatte.

Er fragte sich, ob es einer der Soldaten gewesen war, die bei dem Sturm auf den Berg getötet worden waren. Die Wahrscheinlichkeit war ziemlich hoch.

Mike schüttelte das Bild ab, das dieser Gedanke heraufbeschwor, und ging nach unten zur Kommandozentrale. Auf dem Weg dorthin kam er an einer Anzahl langer, schmaler Räume vorbei, in denen Deep Shield reihenweise Roboter verstaut hatte, die ausdrücklich zur Steuerung aus der Ferne gebaut worden waren. Er hatte sie irgendwann zu zählen versucht, aber aufgegeben, als er bei fünfhundert angekommen war. Es gab möglicherweise ein Vielfaches davon in diesem unterirdischen Labyrinth. Er hatte keine Ahnung. Was er aber wusste, war, dass sie niemals verrosten würden. Stahl, Titan und Aluminium rosteten nicht. Er fragte sich allerdings, wie lange es dauern würde, bis ihre äußere Verkabelung in der trockenen Luft zerbröselte. Es spielte fast keine Rolle. Die Leute von Deep Shield hatten die Dinger mit Servo-Mechanik und einer rudimentären künstlichen Intelligenz gebaut, weil ihre Zetas die Roboter nicht direkt beeinflussen konnten. Er selbst, Sara und Tim konnten es. Die Kabel konnten alle zerfallen, und sie würden immer noch in der Lage sein, die Roboterarmee einzusetzen.

Nur dass sie es nicht tun würden. Das würde seine Rolle bei ihrem Endspiel sein, beschloss er – diese Kriegsmaschinen bis auf das letzte Exemplar zu zerstören. Na ja, vielleicht würde er Tim ein paar Hundert vernichten lassen müssen. Bei dem Gedanken musste er beinahe lächeln.

Er betrat den Kommandoraum leise, glitt in einen Sessel vor einer Konsole im hinteren Teil des Raums und warf einen Blick zur weit entfernten Decke. Die Anlage hatte ein hochmodernes Feuerlöschsystem. Allein in diesem Raum gab es genügend Düsen, um den ganzen Bau unter Wasser zu setzen. Er fragte sich, welchen Effekt das viele Wasser und der Löschschaum auf General Howards Metallarmee haben würden.

»Wo zum Teufel bleibt Mike?«

Mike riss den Kopf hoch und spähte in dem gedämpften Licht des Raums zu Tim hinüber. Das Deckenlicht war zugunsten der hellen Tageslicht-LEDs gedimmt, mit denen die Zetas die Arbeitsplätze beleuchteten, die sie besetzt hatten. Der Junge saß in einem Lichtkegel keine zwei Meter vor Mike an einer anderen Konsole, er hatte die mit Converses bekleideten Füße hochgelegt, und sein Gesicht war in einen Regenbogen aus Lichtern an seinem Steuerpult getaucht. Sara lief unter den Karten und Echtzeitanzeigen an der Stirnwand des Raums auf und ab. Mike ließ seinen Sessel auf lautlosen Rollen vorwärtsgleiten und tippte Tim an die Schulter.

Der Jüngere stieß einen spitzen Schrei aus und fuhr so heftig zusammen, dass er von seinem Stuhl fiel.

»Mike, du Hurensohn! Wieso tust du das, verdammt noch mal?«

Mike zuckte mit den Achseln. »Wollte nur Bescheid geben, dass ich da bin. Ich dachte, du hättest mich hereinkommen hören.« Er hatte nichts dergleichen gedacht, aber das würde er nicht zugeben. Tim war ihm von Anfang an gegen den Strich gegangen. Er hatte sich angewöhnt, ihn mit einer Art verdrossener Zuneigung zu betrachten, aber unter den gegenwärtigen Umständen war die Zuneigung gering und der Verdruss umso größer.

»Scheißkerl«, murmelte Tim.

Mike hob den Kopf und sah, dass Sara sie beide ungeduldig musterte. »Ich bin da, Chefin. Wie sieht der Plan aus?«

»Der Plan sieht so aus, dass wir General Howard einige Forderungen stellen werden. Forderungen, die er nur auf eigene Gefahr ignorieren kann.«

»Okay. Welche Forderungen?«

»Zunächst einmal, dass sie den Versuch beenden, uns aus diesem Berg zu vertreiben. Zweitens, wir erfahren von deiner Frau und den Kindern, dass sie wohlauf sind, dass sie in keiner Weise belästigt werden und …«

Mike fühlte sich, als hätte ihm jemand einen Kübel Eiswasser über den Kopf geschüttet. »Meine Familie ist in Kanada.«

»Ja, und wenn ich Howard wäre, würde ich nach einer Möglichkeit suchen, sie dort wegzuholen.«

»Die kanadische Regierung wird sie nicht einfach herausgeben. Meine Frau besitzt die doppelte Staatsbürgerschaft.«

Sara verschränkte die Arme vor der Brust und sah ihn beinahe mitleidig an. »Mike, Howard verfügt über keine echten Befugnisse in der amerikanischen Regierung oder beim Militär. Er würde nicht über offizielle diplomatische Kanäle versuchen, sie ins Land zu holen, sondern wahrscheinlich einfach eins seiner verdeckt operierenden Teams schicken … falls ihm noch welche geblieben sind.«

Mike stand langsam auf. »Den Teufel wird er tun! Wenn der Hurensohn meine Familie auch nur anrührt, bringe ich ihn um.«

»Und genau das will ich unserem lieben General einschärfen. Du musst mit deiner Familie kommunizieren, und deine Familie muss frei bleiben.«

»Kanarienvögel im Kohlebergwerk«, murmelte Mike.

»Was?«

»Meine Familie. Was du sagst, läuft darauf hinaus, dass sie wie Kanarienvögel im Kohlebergwerk sind. Wenn sie verstummen, weißt du, dass Howard etwas im Schilde führt.«

Sara sah ihn lange an, dann sagte sie: »Vermutlich hätte es diesen Vorteil, Mike. Aber ich bin in Sorge, dass deine Familie ein naheliegender Ansatzpunkt ist. Wir müssen alles Nötige tun, damit ihnen nichts geschieht. Das siehst du mit Sicherheit genauso.«

»Natürlich sehe ich es genauso.«

»Dann sind wir uns ja einig. Ich will außerdem, dass Howard die echte US-Regierung einbezieht. Er selbst ist ein Verräter. Er ist nicht befugt, im Namen der Regierung oder des amerikanischen Volks zu sprechen.«

»Howard ist Abschaum.« Tim war vom Boden aufgestanden und hatte sich wieder auf seinen Stuhl gefläzt.

Sara beachtete ihn nicht. »Du stimmst mir sicher zu, Mike, dass wir Zugang zur wahren Macht brauchen.«

Tim schnaubte höhnisch. Das Geräusch hallte hart durch den höhlenartigen Raum. »Das wären dann ziemlich sicher die Spitzen der multinationalen Konzerne, die meiner Ansicht nach genauso verdorben sind wie Howard. Mann, wie gern würde ich diese Wichser erledigen.«

Sara warf ihm einen raschen Blick zu, auf ihrem Gesicht war ein Mona-Lisa-Lächeln. »Du wirst deine Chance bekommen. Ich habe ein bisschen in Howards privaten Dateien herumgeschnüffelt. Er ist einer Reihe Multis verpflichtet, deren Interessen seine kleine Roboterarmee dienen sollte. Sie werden ihm zweifellos ein paar unangenehme Fragen stellen, wie es damit vorangeht.«

»Was wirst du also fordern?«, sagte Mike.

»Zugang zum Oval Office und zum Pentagon.«

Mike lachte. »Als würde das geschehen. Wie du schon sagtest, er kann diesen Zugang nicht gewähren.«

Aus Saras Lächeln wurde ein Grinsen. »Wir werden sehen.« Sie öffnete einen Kanal zum Deep-Shield-Camp am Fuß des Bergs. »Hier ist Sara Crowell«, sagte sie zu dem Techniker, der sich meldete. »Ich möchte mit General Howard sprechen. Auf der Stelle.«

Tim kicherte, dann wölbte er die Hand über den Mund und rief in einer hohen Singsang-Stimme: »Aufruf für Leighton Howard. Leighton Howard möchte sich bitte im Büro des Direktors melden.«

Howard war so schnell in der Leitung, dass Mike annahm, er hatte direkt neben der Kommunikationskonsole gestanden.

»Howard hier.«

Sara kam sofort zur Sache. »Sie werden inzwischen festgestellt haben, dass von Ihren Angriffstruppen niemand den Versuch überlebt hat, uns zu töten, und dass Sie die Sprengsätze nicht zünden können, die diesen Berg zerstören sollten. Und Sie werden bei Mike Yenotow gewesen sein und sein Haus leer vorgefunden haben.«

Nach einem Moment der Stille sagte Howard: »Ja zu allen drei Punkten. Aber lassen Sie sich gewarnt sein: Wir wissen, wo Yenotows Familie ist. Wir haben ihre Spur nach Ontario verfolgt.«

Mike erstarrte.

»Und lassen Sie sich gewarnt sein«, sagte Sara. »Wenn wir nicht binnen vierundzwanzig Stunden Nachricht von Mikes Frau haben und dann weiter täglich von ihr hören, dass sie und die Kinder noch in Ontario und in Freiheit sind – nun, sagen wir einfach, die Konsequenzen würden Ihnen bestimmt nicht gefallen.«

Als Howard nicht antwortete, fuhr Sara fort: »Nun, ich denke, wir sind uns darüber einig, dass Sie mit Gewalt nicht wieder hier hereinkommen und dass Sie nicht in der Lage sein werden, die Sprengsätze zu zünden. Sind wir uns darüber im Klaren, General?«

»Ja«, presste Howard zwischen den Zähnen hervor. Mike war überzeugt, er hatte die Backenzähne des Mannes knirschen hören.

»Wunderbar. Was ich möchte, ist Folgendes: Ich möchte mit der Präsidentin sprechen. Tatsächlich möchte ich sogar eine direkte Leitung zu ihr haben.«

»Das … das ist unmöglich.«

»Warum? Weil sie immer noch keine Ahnung hat, dass das kleine Schlamassel in Pennsylvania nichts mit Hackern oder Cyberterroristen zu tun hat? Weil sie immer noch nicht weiß, dass es einen Zusammenhang damit gibt, dass überall auf der Welt auf Militärstützpunkten die Lichter ausgehen? Ts, ts, General Howard. Sie enthalten Ihrer eigenen Oberkommandierenden Informationen vor.«

Erneutes Schweigen. Mike atmete geräuschvoll aus. Er bewunderte, wie Sara den Kerl zurechtwies, aber es machte ihn wütend, dass dieser verräterische Vollidiot seine Autorität weiter aufrechtzuerhalten suchte, obwohl die Alpha-Zetas längst bewiesen hatten, wozu sie in der Lage waren.

»Oder vielleicht betrachten Sie die Präsidentin gar nicht als Ihre Vorgesetzte?«

Weiteres Schweigen.

»Vielleicht«, sagte Mike laut, »braucht sie eine Erinnerung daran, was auf dem Spiel steht, Sara.«

Sara warf ihm einen Blick über die Schulter zu, dann wandte sie sich an Tim. »Tim, such dir ein Unternehmen aus. Ein Unternehmen, das im Leben von Menschen herumgepfuscht hat. Vielleicht hat es kleine, unabhängige Firmen geschluckt, ihre Technologie gestohlen und dann alle Angestellten entlassen. Oder vielleicht hat es die natürlichen Lebengrundlagen der Menschen verschmutzt, die flussabwärts von ihren Anlagen wohnen. Oder es hat dem Militär fehlerhafte Ausrüstung verkauft – dem echten Militär. Denk daran, was du mit den Mitteln dieses Unternehmens gern tun würdest.« Sie hielt inne, lächelte und sagte: »Und dann tu es.«

»Ja, verdammt!«

Tim schwang die Beine von seiner Konsole und ließ die Schultern kreisen. Dann blickte er zu einer Reihe von Monitoren an der Stirnwand. Auf dem mittleren erschien eine Karte der Vereinigten Staaten, aber eine Karte, die nicht Highways oder die Grenzen der Bundesstaaten zeigte, sondern das grenzenlose Netzwerk des nationalen Telekommunikationssystems. Über beide Ohren grinsend, ließ der Programmierer mehrere Knotenpunkte auf der Karte in grellem Rot aufleuchten. Eine Sekunde später begannen filigrane Muster aus gleichermaßen leuchtendem Grün aufzublitzen und zu pulsieren.

»Sehr weihnachtlich, Tim«, sagte Sara. »Kannst du dem General beschreiben, was du tust?«

»Ich bewege finanzielle Ressourcen, General. Ein Teil davon fließt in meine eigenen Taschen – betrachten Sie es als Kommission. Aber vieles geht dorthin, wo sie meiner Ansicht nach besser ausgegeben werden.«

»Von wo geht es hin?«, fragte Howard. »Welches oder welche Unternehmen greifen Sie an?«

»Ach, das erfahren Sie bestimmt aus den Nachrichten, mein Freund. Und angesichts der nie ruhenden Nachrichtensender wette ich, Sie erfahren es ziemlich schnell. Hey, Sie können es ja auf dieselben Cyberterroristen schieben, die Sie schon für die ›Schlacht um den Olymp‹ verantwortlich gemacht haben. Haben Sie der Präsidentin erzählt, dass das Ihr Werk war?«

»Ach woher, Timmy.« Saras Stimme war kalt und lieblich. »Er hat Madam President einen feuchten Dreck erzählt. Aber er muss es tun, nicht wahr, General Howard?«

»Ich glaube, Ms. Crowell, Sie verstehen nicht …«

»Und ich glaube, Sie verstehen nicht, General Howard. Wenn Sie uns nicht mit der Präsidentin in Kontakt bringen, werden wir weiter alles Mögliche zerlegen. Und wir werden einen Weg finden, selbst mit ihr in Kontakt zu treten.«

Der Mann lachte. Er lachte tatsächlich. »Ich bin überzeugt, Sie und Ihre Freunde sind clever genug, einen Kontakt mit der Präsidentin herzustellen, aber ich bezweifle, ob Sie in der Lage sein werden, sie davon zu überzeugen, dass Sie nicht nur Spinner ohne einen Bezug zur realen Welt sind. Vergessen Sie nicht, dass alles, was Sie tun, im Weißen Haus komplett unbekannt ist.«

»Nun, das wird nicht mehr lange so bleiben.« Sara brach die Verbindung auf kinetischem Weg ab und fuhr sich mit dem Zeigefinger quer über den Hals, eine Geste, die ihre Verachtung für den Mann drastisch zum Ausdruck brachte. Sie drehte sich um und sah Tim an. »Wenn er versucht, die Verbindung mit uns wiederherzustellen, beachte ihn nicht. Er muss eindeutig eine Weile schmoren. Mike, wie weit geht deine mentale Reichweite?«

»Wie weit sollte sie denn reichen?«

»Kannst du Washington, D. C. erreichen?«

Mike dachte nach. »Wenn ich freie Sicht habe, ja.«

Sie ging zu der Konsole, an der er saß, und lehnte sich daran. »Okay, sagen wir, ich kann Überwachungskameras in einem bestimmten Zielgebiet isolieren und dir zeigen, was ich gern beeinflussen würde …«

»Wenn ich es sehen kann, kann ich es bedienen.«

»Du scheinst dir deiner Sache ziemlich sicher zu sein, Micky«, sagte Tim und schwenkte in seinem Sessel herum.

»Das bin ich, Timmy. Was ist das Ziel?«, fragte er Sara.

»Lass mich eins für dich suchen«, sagte sie und drehte sich um, um auf ihre Fenster zur Welt zu blicken. »Und, Timmy, ich möchte, dass du dir Gedanken über ein paar interessante Viren machst.«

Matt Streegman sah den Mann an, der ihm in seinem Büro bei Forward Kinetics gegenübersaß, und in seinem Kopf war ein Aufruhr widerstreitender Gedanken. Was schließlich über seine Lippen kam, war: »Warum haben Sie mich das nicht früher gefragt?«

General Howard kniff sichtlich missvergnügt die angegrauten Augenbrauen zusammen. Dabei schaute er eigentlich permanent finster drein, seit Chuck und sein Team abgehauen waren. Matt wunderte sich, dass der Mann noch keinen Herzinfarkt bekommen hatte, und er war sicher, dass die Säure ihm inzwischen ein Loch in die Magenwand gefressen hatte.

»Ich frage Sie jetzt«, sagte der Offizier. »Helfen Sie mir, diese … Leute zu verstehen. Wie kommuniziere ich mit ihnen? Wie behalte ich sie unter Kontrolle?«

»Sie sind nicht kontrollierbar. Nein, warten Sie. Lassen Sie mich sehr konkret werden: Sie können sie nicht kontrollieren, weil sie Ihnen keine Gelegenheit dazu geben werden. Sie trauen Ihnen nicht. Und sie müssen Ihnen nicht mehr trauen. Die Zeit für den Versuch, sie zu verstehen, wäre gewesen, bevor Sie die Leute gezwungen haben, nach Ihrer Pfeife zu tanzen. Sie haben sie behandelt, als wären sie Maschinen, die Sie nur so gut verstehen müssen, wie es nötig ist, um sie benützen zu können. Oder wie Soldaten, die sich von Ihnen herumkommandieren lassen und die Ihre Autorität nicht in Frage stellen. So oder so waren es nie Menschen für Sie.«

»Und für Sie waren es Menschen, Streegman? Sie waren nicht nur ein Produkt?«

Matt musste einräumen, dass an dieser Behauptung etwas dran war, so traurig es ihn auch machte. »Touché. Fairerweise muss ich allerdings sagen, dass ich sie als … Schüler betrachtet habe oder als …«

»Musterexemplare?«

»Machbarkeitsnachweise. Sie sollten jedenfalls nie ein Produkt sein, General. Ich habe nicht sie verkauft. Ich habe ein Potenzial verkauft. Ich habe sie nur benutzt, um Ihnen zu zeigen, was Ihre eigenen Leute erreichen könnten. Sie waren derjenige, der die Spielregeln verändert hat.«

»Nein, das war Ihr geistesschwacher Partner, als er mit seiner Mannschaft abgehauen ist.«

Matt schüttelte den Kopf und lehnte sich zurück. »Hören Sie, Leighton, Sie können den ganzen Tag über Ursache und Wirkung streiten, aber in der realen Welt würden Sie diesen Streit verlieren. Ich verstehe, warum Sie manche Ihrer Sicherheitsvorkehrungen getroffen haben, aber Sie haben dabei Anstrengungen unternommen, die unnötig waren und die Sie, um genauer zu sein, nicht hätten unternehmen dürfen. Wie etwa, unsere Gärtner durch Agenten zu ersetzen. Unsere Verwaltungsangestellten zu feuern. Unsere Büros und Privathäuser zu verwanzen. Peilsender an unseren Fahrzeugen anzubringen. Sie haben angefangen, uns zu behandeln, als wären wir … gefährlich.«

Howards breites Gesicht lief rot an. »Verdammt noch mal, Streegman, die sind gefährlich. Sie haben sie dazu gemacht.«

»Nein, General. Auch hier verkennen Sie den Zusammenhang. Sie haben sie gefährlich gemacht. Sie haben sie von der realen Welt abgeschnitten und einzuschüchtern versucht. Als das gescheitert ist, haben Sie versucht, sie zu vernichten. Wenn ich geahnt hätte, in was für eine Unternehmung sich Deep Shield in Wahrheit verwandeln würde, hätte ich mich erst gar nicht mit Ihnen eingelassen. Aber ich war wie betrunken von meiner eigenen Errungenschaft. Und ich war gierig und dumm. Chuck hat richtig gehandelt. Es war das Einzige, was er tun konnte.«

»Diese Diskussion führt uns nirgendwohin«, sagte Howard und stand auf. »Wir müssen diese Leute aus unserer Einrichtung schaffen, und wir müssen es sofort tun. Wissen Sie, was Sara Crowell gerade von mir verlangt hat?«

Matt zuckte mit den Achseln.

»Sie hat verlangt, dass ich sie mit Präsidentin Ellis in Kontakt bringe.«

Matt lachte. »Sie meinen, sie hat verlangt, dass Sie sich outen. Dass Sie sich erniedrigen und sich wahrscheinlich selbst ins Gefängnis bringen. Ich wette, Sara empfindet Ihr Verhalten als Verrat, und sie denkt, die Präsidentin der Vereinigten Staaten könnte es durchaus genauso sehen.«

»Ich kann mich nicht ›outen‹, wie Sie es nennen.«

»Sie meinen, Sie wollen es nicht. Wie sehr müssen Sie von sich eingenommen sein, Leighton, wenn Sie denken, dass Ihr Ruf, selbst Ihr Leben wichtiger sind als die Leben, die bereits durch Ihre … offenkundige Schlechtigkeit verloren gegangen sind? Dass Sie wichtiger sind als die Leben, die noch verloren gehen könnten? Wichtiger als eine ausgewachsene Revolte, in der die Wirtschaft und Infrastruktur dieses Landes zerstört werden?«

Howard verzog verächtlich den Mund. »Ich hätte Sie nie für einen liberalen Gutmenschen gehalten.«

»Ach, schenken Sie sich den Mist, Leighton. Ich hätte Sie nie für einen Feigling gehalten. Aber genau das sind Sie – ein gieriger, von sich selbst eingenommener Feigling. Sie verstecken sich hinter Ihren Soldaten, hinter Ihren finanziell üppig ausgestatteten ›Programmen‹ und Ihren Geldgebern. Glauben Sie, diese Leute werden Sie weiter unterstützen, wenn Sie in den Abendnachrichten auftauchen?«

»Was zum Teufel fällt Ihnen ein, mich einen …«

Matt stand auf und schlug mit den Fäusten auf seinen Schreibtisch. »Ich kann Sie einen gierigen, selbstgefälligen Feigling nennen, weil ich von mir auf andere schließen kann. Also, wenn Sie wirklich einen Rat von mir wollen, wie Sie am besten mit den Zetas umgehen, dann tun Sie, was die verlangen. Gehen Sie zur Präsidentin und erklären Sie ihr, was passiert ist. Sie können die Schuld auf mich schieben, wenn Sie wollen. Ich mache den durchgeknallten Wissenschaftler für Sie, Mathematiker, was Sie wollen. Nur tun Sie es, bevor noch mehr Leute zu Schaden kommen.«

Howard antwortete nicht. Er fixierte Matt mit einem Blick, der tödlich gewesen wäre, wenn Howard zu den Zetas gehört hätte, dann marschierte er aus Matts Büro. Nur Minuten später hörte Matt den Hubschrauber vom Parkplatz abheben und ließ sich in seinen Sessel sinken. Er war auch in anderer Beziehung wie Howard, überlegte er. Er war genauso in seiner eigenen Schlinge gefangen.

»Ich habe das perfekte Ziel.« Sara setzte sich neben Mike an die Konsole, die er im Kommandoraum zu seinem Arbeitsplatz gemacht hatte und an der er gerade versuchte, eine Spur zu seiner Familie zu verfolgen. Das war eigentlich nicht seine Stärke – mit elektronischen Signalen und Netzwerken zu arbeiten –, aber er hatte Tim oder Sara nicht bitten wollen, es zu tun. Sie waren beide anderweitig beschäftigt.

Das zentrale Display an der Stirnseite des Raums wechselte von einer Ansicht des Deep-Shield-Lagers am Fuß des Bergs zu einem vollkommen anderen und sehr vertrauten Schauplatz – zum Washington Monument, das sein Ende der National Mall dominierte. Die Morgensonne schien auf das Baumaterial und das Gerüst, das es umgab. Zwei riesige Kräne standen wie Wachposten links und rechts des Obelisken. Eine Menschenmenge hatte sich auf den Rasenflächen und Fußwegen rund um das Denkmal versammelt, und die Übertragungswagen von Nachrichtensendern verstopften die Gehsteige in der Nähe.

»Was ist da los?«, fragte Mike.

»Die oberen Bereiche des Denkmals haben eine neue Verkleidung aus weißem Marmor bekommen, und der Schlussstein wird durch einen ersetzt, der mit Gold verkleidet ist. Unglaublich, oder?« Sara gestikulierte mit einer Hand, und die Ansicht ging näher zum Fuß des Bauwerks. »Siehst du? Das in der massiven Schlinge, das ist er. Heute Mittag um zwölf soll er von einem der Kräne an die Spitze des Denkmals gehoben und zärtlich an seinen Platz gesetzt werden, während Regierungsvertreter Loblieder auf George Washington singen und die Lippen falsch zum ›Star Spangled Banner‹ bewegen.«

Mike setzte sich gerade. »Was soll ich tun?«

»Ich möchte, dass du die Feierlichkeiten ein wenig vorzeitig beginnst.«

»Aber … die vielen Leute. Wenn ich Mist baue, könnte jemand verletzt werden.«

Sara legte ihm eine Hand auf die Schulter. »Mike, du machst dir immer zu viele Sorgen. Ich rufe Howard an und sage ihm, er soll ein Auge auf die Vorgänge am Monument haben. Er wird die Leute bestimmt sehr schnell entfernen.«

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