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Die Kathedrale der Schwarzen

Als Buch hier erhältlich:

Ausgerechnet in Punta Gotica, einem Viertel Cienfuegos, in dem nur vergessene Schwarze und arme Weiße wohnen, wird eine neue Kirche errichtet. Das Gotteshaus soll ein Symbol sein, über die Stadt und Kuba hinaus, etwas Aufstrebendes in Zeiten, in denen alles verfällt. Geld und freiwillige Mitarbeiter fließen den Erbauern nur so zu, beständig wird die Kirche erweitert – und gerade deshalb nie fertiggestellt.

Marcial Gala lässt die Menschen zu Wort kommen, die im Schatten des von Tag zu Tag wachsenden Monumentalbaus leben, er zeigt uns Kuba von unten und ein Land, das der US-Luxuskapitalismus vor eine Zerreißprobe stellt – existenziell, roh und mit vielen Zwischentönen.


  • Erscheinungstag: 23.09.2019
  • Seitenanzahl: 256
  • ISBN/Artikelnummer: 9783312011322

Leseprobe

Marcial Gala

Die Kathedrale der Schwarzen

Roman

Aus dem kubanischen Spanisch von Kirsten Brandt

Erster Teil

Kuba hat seine Kathedralen in der Zukunft.
José Lezama Lima

Maribel García Medina

Außer David King und Samuel Prince gab es da noch eine ältere Tochter. Mary Johannes hieß die ... oder heißt sie, genauer gesagt, denn sie lebt ja noch, und besser als wir. Eines Tages sind sie in einem alten Ford Transporter mit dem Kennzeichen von Camagüey hier in Punta Gotica vorgefahren. Ich weiß noch, wie sie ihre Habseligkeiten ausgeladen haben. Zu viele Möbel für Leute, die in ein Viertel wie das hier ziehen, dachte ich gleich.

Yohandris Carlos Fernández Ramírez, genannt Lulatsch

Ich war gerade beim Fußballspielen, als sie ankamen. Da kommt nichts Gutes, dachte ich mir, denn das Mädchen, das vorne in der Fahrerkabine saß, wedelte sich mit einem Fächer Luft zu und musterte das Viertel mit einem Blick, als hätte man sie direkt vor den Eingang zur Hölle gekarrt. »Machen wir weiter«, sagte ich laut und kümmerte mich wieder um meinen Kram. Die Jungen waren noch halbe Kinder; Grille, der Älteste, sah damals schon aus wie ein Irrer. Den mache ich kurz und klein, ich stutze ihn zurecht wie eine Palme, dachte ich, weil er so groß war. »Lulatsch, der ist so groß, dem kann nicht mal ein Pfau in den Arsch picken«, sagte Nacho Froschmaul und passte den Ball zu mir rüber.

Maribel García Medina

Ich lebe seit Jahren hier, aber das heißt nicht, dass ich nichts tauge, denn hier wohnten früher mal die Seeleute, bevor die Gegend vor die Hunde ging; das war noch unter der anderen Regierung, damals hatte sogar ein Neffe von Präsident Machado hier ein Zimmer und machte die Bekanntschaft von Ismaelillo, dem Sohn des Dichters José Martí. Zu der Zeit war Martí anscheinend noch nicht so berühmt wie jetzt, wo ständig überall von ihm die Rede ist; man kann nicht mal den Fernseher einschalten, ohne dass irgendjemand sagt: Wie schon der Apostel sagte … das kann einem ganz schön auf die Nerven gehen. Jedenfalls heißt es, Ismaelillo hätte seinen Lebensunterhalt mit der Vermietung von Zimmern verdient, und einer seiner Mieter war wohl dieser Neffe von Machado, und der schuldete ihm sechs Monatsmieten oder so. Zu guter Letzt hat Ismaelillo aber die Miete gar nicht eingetrieben, denn als er eines Tages höchstpersönlich auftauchte, um ihn rauszuschmeißen, standen da Martís gesammelte Werke im Bücherregal, sorgfältig gehütet wie ein Goldschatz, und da wurde Ismaelillo ganz weich und hat Machados Verwandtem die Schulden erlassen, wahrscheinlich war es sowieso nur ein angeheirateter Neffe, denn selbst wenn der frühere Präsident ein echter Geizkragen war, hätte er doch bestimmt den Sohn seiner Schwester nicht in so einem Loch hausen lassen, das an heißen Tagen schrecklich stickig ist, wo hat man denn so was schon gehört. Aber zurück zu den Leuten aus Camagüey: Drei Monate vor ihrer Ankunft hatte ich mich von El Chago getrennt, und deshalb hatte ich eine Riesenwut auf alle Leute aus Oriente, und als ich hörte, dass sie von dort kamen, bin ich hingegangen und habe mir den Umzug angesehen, vor allem, um ein paar spitze Bemerkungen loszulassen und zu sehen, ob die neue Nachbarin drauf anspringen und sich mit mir anlegen würde, sodass man gleich merkte, was für ein Pack sie waren.

Berta

Ich war nicht da, als sie ankamen, war ich in der Schule, aber meine Mutter hat mir erzählt, dass eine Familie ins Haus des verstorbenen Castillo gezogen sei und dass sie ein Mädchen hätten, das ungefähr in meinem Alter war, aber dass sie nicht wollte, dass ich mich gleich mit ihr anfreundete. »Zuerst einmal muss man die Leute kennenlernen«, hat sie gesagt, »du bist zu vertrauensselig, deshalb fällst du auch immer auf die Nase.« Ich sagte zu ihr, was das solle, ich wolle niemanden kennenlernen, aber nachdem ich die Schuluniform ausgezogen hatte, habe ich mich vor die Haustür gesetzt, weil ich sonst nichts zu tun hatte, und zu dem Haus des alten Camilo hinübergesehen, der – wie böse Zungen behaupteten – an Leberzirrhose gestorben war.

Maribel García Medina

Das alles hätte nicht passieren müssen, wenn die Leute ihnen nicht diesen Empfang bereitet hätten. Aber seit sie angekommen waren, mit ihren schicken Hosen und ihren Leichenbittermienen, gingen ihnen alle im Wohnblock um den Bart. »Hast du die Leute aus Camagüey schon kennengelernt?«, fragte mich Lucy, die Kaugummiverkäuferin, und brachte dem Mädchen einen Teller voller Süßkartoffeln, weil ihre Mutter behauptete, sie wäre kränklich. Ich hatte das Mädchen gesehen, und auf mich wirkte sie kerngesund, schlank war sie und hatte schrägstehende Augen, ein hübsches schwarzes Ding, das ja, aber eingebildet, jetzt lebt sie in Italien, alle, die so sind wie sie, gehen dorthin.

Der Alte redete den lieben langen Tag von Jesus, zum Frühstück, zum Mittagessen und zum Abendessen gab es dieselbe Leier. Am Tag ihrer Ankunft drückte er den Jungen, die gerade Fußball spielten, fünf Pesos in die Hand, damit sie ihm halfen, die Sachen abzuladen, und kam dann zu uns herüber, um sich vorzustellen. Er hatte ein höfliches Lächeln und eine schmale, kräftige, trockene Hand. »Gottes Segen«, sagte er, »ich heiße Arturo, und das ist meine Frau Carmen.« »Gottes Segen«, sagte auch Carmen. Sie ging einige Schritte hinter ihm, und man sah gleich, dass sie zu gut war für einen abgehalfterten Mittfünfziger wie ihn und dass das böse ausgehen würde. Als er uns seine Kinder vorstellte, war ich verblüfft, weil ich mir gar nicht vorstellen konnte, dass es ihre waren. Alle drei waren groß, vor allem der ältere der beiden Jungen, David, der mit seinen dreizehn Jahren schon eine richtige Bohnenstange war. Prince, der Jüngere, gab uns seine zarte, ein wenig verschwitzte Hand und betrachtete uns aus Augen, die schräg waren wie bei seiner Mutter und seiner Schwester, und ich dachte: »Der ist schwul.«

»Könnten Sie mir den Weg zur Kirche des Heiligen Sakraments zeigen?«, fragte der Vater.

»Die Kirche des Heiligen Sakraments?«, sagten die Leute. »So was gibt’s hier nicht.«

Lulatsch

»Wackelpudding«, nannte ihn Barbarito, der Sohn von Lupe, nachdem er einmal gesehen hatte, wie er am ­helllichten Tag ein Buch las, als gäbe es nichts Besseres zu tun: Fußball spielen, einem Mädchen hinterherspannen, ­einen Drachen steigen oder einen Furz fahrenlassen, und zu mir sagte er: »Lulatsch, wenn dieser Typ keine Schwuchtel ist, fresse ich einen Besen«, denn noch dazu trug der Kerl zu kurze und zu enge Hosen, die wirklich zum Schreien waren. »Das ist in Camagüey modern«, mischte sich Berta ein, die ihn von Anfang an in Schutz genommen hat und behauptete, er sähe aus wie Michael Jackson, bevor der völlig ­ausgebleicht war, und so einen schönen Schwarzen wie ihn gäbe es nicht noch mal bei uns im Viertel und am liebsten würde sie ihn vernaschen; »nicht wie sein Bruder, bei dem merkt man gleich, dass der nicht alle Tassen im Schrank hat.«

»Der ist schwul«, prophezeite Barbarito. »Du wirst schon sehen.«

Alain Silva Acosta

Wir waren wirklich blauäugig, obwohl wir von Anfang an keine Zukunft hatten. Wer einmal hier im Viertel gelandet ist, kommt nie mehr raus, hatte irgendjemand an eine Hauswand geschrieben, und es stimmte: Das Viertel war übel, richtig übel. Als Schwarzer ist man sowieso gebrandmarkt, und wenn man noch dazu gezwungen ist, in einem Wohnblock in einer Gegend wie dieser zu hausen … dabei sollte ich eigentlich gar nicht so schlecht dran sein, schließlich habe ich Psychologie studiert und obendrein einen Master in BWL. Aber was kann man schon mit vierhundert Pesos Gehalt anfangen, wenn man nicht noch was in Devisen obendrauf bekommt? Nichts, du bist dem Armageddon hilflos ausgeliefert. Ich war nicht dabei, als sie ankamen; mich holten sie erst, als Prince, der jüngste Sohn, Lupes Bárbaro ein Loch in den Schädel geschlagen hatte. Mit einem Buch, grauenhaft, alles war voller Blut, und ich sagte: »Hier wird es noch einen Toten geben«, denn mit Lupe ist nicht zu reden, sie ist eine fette Mulattin mit Oberarmen wie Muhammed Ali und einer so ungeheuren Wut im Leib, dass der Begriff »ungezügelt« es nicht mal ansatzweise trifft. »Weiß deine Mama schon davon?«, fragte ich den Jungen, während ich seine Wunde reinigte.

»Noch nicht. Die ist noch anschaffen.«

»Wenn sie davon erfährt, rastet sie aus«, sagte ich.

»Das wird mir der Wackelpudding büßen, der wird mir noch den Schwanz lutschen, scheiße, dem polier ich die Fresse, diesem Scheißkerl, verdammt«, sagte Barbarito. Ihm standen die Tränen in den Augen, und er sah nicht so aus, als könnte er irgendjemandem etwas zuleide tun.

Lulatsch

Wackelpudding: Weil er wie eine dunkle Masse war, die aussieht wie Wasser, aber dann, wenn man genauer hinsieht, dick, zähflüssig und schwer ist; Wackelpudding, weil er uns mit seinen großen Mädchenaugen ansah, weil er ein Hänfling war, der alle und jeden anlächelte – bis er dann mit einem Mal gnadenlos zuschlug. Er wusste, wie man sich schlug, und zwar nicht mit bloßen Händen: Er warf mit Steinen, Sand, Stöcken, Dosen, mit allem, was er in die Finger bekam. Barbarito hat er mit der Buchkante erwischt, ein schneller, geschickter, gutplatzierter Schlag, als hätte er ihn lange geübt. Der Bursche hat hier im Viertel eine Zukunft, dachte ich, wenn Lupe nicht alle fünf mit Arschtritten davonjagt, sie dermaßen fertigmacht, dass sie ihre Siebensachen packen und wieder nach Camagüey verschwinden, denn ich kann mir nicht vorstellen, dass sie ihrem Schlappmaul gewachsen sind, wenn sie mitbekommt, dass ihr Sohn ein Loch im Kopf hat, wird sie zu ihnen rennen, die Hände in die Hüften stemmen und sie anbrüllen, dass sie sich alle zum Teufel scheren sollen und dass sie auf alle scheißt, die aus Camagüey oder aus Ciego de Ávila kommen, auf alle aus dem Osten, sogar auf die Haitianer.

Aurora, eine Nachbarin

Sie waren erst seit drei Tagen in Cienfuegos, und schon hatten sie jemandem den Schädel eingeschlagen, und zwar nicht irgendwem, sondern Bárbaro, Lupes Sohn und Urbietas Ziehsohn. An diesem Tag waren die Eltern mit der Tochter, dieser Johannes – die ich immer umwerfend fand – unterwegs, nur die beiden Jungen waren zu Hause geblieben. Kaum war Bárbaro blutend und brüllend weggerannt, ging der Jüngere der beiden hinein, als wäre nichts geschehen. Ich glaube, er schaltete den Fernseher ein. Und er hatte nicht etwa gesagt: »Nenn mich Schwuchtel, und ich bringe dich um« oder »Ich bin schwul, aber wer mir das ins Gesicht sagt, muss mich ficken, oder ich mache ihn kalt« oder »Lutsch mir den Schwanz« und auch nicht »Du lässt es mir gegenüber an Respekt fehlen«. Nein, als Bárbaro auf ihn ­zutrat und sagte »Du bist wie ein Wackelpudding, zum ­Anbeißen, du bist schärfer als deine Schwester, und die ist verdammt scharf«, hob er das Buch und ließ es schneller ­niederkrachen, als man bis drei zählen kann, mit der Kante voran, und das hatte Bárbaro nun von seiner Frechheit.

Maribel García Medina

Ich meine, welcher Schwarze kommt schon auf die Idee, seine Kinder David King und Samuel Prince zu nennen? Damit sind sie doch geradezu verdammt, Opfer zu sein. Ich hätte den einen Nardo und den anderen Paco genannt und das war’s, und wem das nicht passt, der kann mich mal im Mondschein besuchen, aber natürlich kann man immer fertiggemacht werden oder andere fertigmachen, egal, wie die Leute heißen.

Das Buch war so eines mit einem festen Deckel, aber es war nicht die Bibel und auch kein Handbuch von Lenin oder ein Band aus den gesammelten Werken Martís; es war irgendein Gedichtband, das weiß ich ganz genau, weil da lauter kleine Figuren auf dem Einband waren, es sah nicht aus wie was Richtiges, aber Bárbaro hat damit einen ganz ordentlichen Schlag abbekommen. Wenn ihm das nicht ein für alle Mal das Alphabet in seinen Dickschädel einbläut, dann wird das nie was, dachte ich. Man muss schon ganz schön mutig sein, um als Neuling hier im Viertel jemanden wie Bárbaro zu schlagen. Ganz schön mutig oder zu dämlich, um zu kapieren, wie die Dinge in einer Gegend wie dieser laufen. Eher so doof wie die Leute aus Pinar del Río als eingebildet wie die aus Camagüey.

Bárbaro Suárez Rosales

»Verdrisch ihn, ein ordentlicher Haken in die Magengrube, dann schleppst du ihn zu den Gleisen und schlägst seinen Kopf ein paarmal auf die Schienen. Du wartest, bis der Zug kommt, und zwingst ihn, ein Bein auf die Gleise zu legen; wenn er Linkshänder ist, das linke Bein, ist er Rechtshänder, das andere. Dann pisst du auf ihn, erst einmal, dann noch mal, und wenn du dann noch nicht genug hast, scheißt du ihm ins Gesicht, aber pass auf, dass er deinen Arsch nicht anfasst, während du auf ihn scheißt, sonst denken die anderen noch, du wärst eine Schwuchtel, mach ihn fertig, der ist keinen Pfifferling wert, mach ihn fertig, damit die anderen dich respektieren, verdammt noch mal, was denken die eigentlich, wer sie sind.« Das hat meine Mutter zu mir gesagt, als der Wackelpudding mir ein Loch in den Kopf geschlagen hat, und dann hat sie noch gesagt: »Los, verdammt, wir gehen da jetzt hin, und du schlägst ihm den Schädel ein, und wenn er Zicken macht, schneide ich ihm den Schwanz ab.«

»Gehen wir.«

Lulatsch

Als sie kamen, lief gerade dieser Abenteuerfilm, keiner von den neuen, die interessieren ja keinen, sondern einer dieser ­alten Schinken mit den Villalobos-Brüdern, und wir Jungen waren völlig auf die Glotze konzentriert. Aber die drei Schläge an die Tür donnerten wie die Neun-Uhr-Kanone.

Bárbaro Suárez Rosales

Dieser Arturo machte uns die Tür auf.

»Gottes Segen, womit kann ich dienen?«, fragte er mit seiner Säuselstimme, die immer klingt, als hätte er Verstopfung.

»Stecken Sie sich Ihren Glaubensscheiß sonst wohin«, sagte meine Mutter, »und hören Sie auf, dummes Zeug zu quatschen, Ihr Sohn hat Barbarito den Schädel eingeschlagen, er soll rauskommen und sich mit ihm prügeln, mein Barbarito ist nicht irgendjemand, er verdient Respekt. Also schicken Sie gefälligst Ihren Sohn raus, dieses verdammte Weichei. Ich versteh kein Wort von dem Mist, den Sie reden, aber ich mach euch alle fertig.«

Ich versteh kein Wort von dem Mist, den Sie reden, aber ich mach euch alle fertig. So redete meine Mutter. Später, nach ihrer Hirnblutung, hat Urbieta, der damals schon aus dem Knast raus war, sie dann wegen einer anderen sitzen­lassen, und meine Mutter musste bei den Weißen putzen gehen, mit über fünfzig, und weil sie halb meschugge war, hat niemand sie mehr respektiert.

»Lupe, dein Sohn ist eine Transe«, haben sie zu ihr gesagt. »Eine Schwuchtel.«

»Schwör mir, dass das nicht stimmt«, sagte sie, kaum dass ich zur Tür reingekommen war.

»Natürlich stimmt es nicht«, habe ich zu ihr gesagt. »Ich bin ein Mann, was ich mache, ist Kunst, ich schminke mich und ziehe Frauenkleider an, aber das ist Kunst.«

»Es war der Wackelpudding, der hat dich verschwuchtelt, er hat dich kaputtgemacht, der Scheißkerl. Du warst ein ganzer Kerl, mein Sohn, ein ganzer Kerl. Du hast nie auf Schwänze gestanden, das weiß ich. Nie.«

»Nein, Mama«, sagte ich und schloss die Augen und war wieder bei dem Aprilnachmittag, als meine Mutter und ich zu den Stuarts hinübergingen, um dem Wackelpudding den Schädel einzuschlagen.

»David King, komm mal her!«, bat Stuart.

Die Grille kam raus, mit diesem irren Gesichtsausdruck wie immer.

»Der war es nicht«, sagte ich. »Es war der andere.«

»Was soll das heißen: der andere?«, fragte der Vater. »Sieh ihn dir genau an, Junge, es war ganz sicher der hier.«

»Nein«, sagte ich. »Es war der andere, der Weichling.«

»Ausgeschlossen, der andere ist ein untadeliger Junge.«

»›Untadelig‹, leck mich«, sagte meine Mutter. »Schicken Sie ihn raus, bevor ich reingehe und ihn hole.«

»Geh zurück ins Haus, David King«, sagte der Mann und dann: »Hören Sie, Señora, warum klären wir das Ganze nicht drinnen, ich bin mir sicher, dass wir uns mit Gottes Hilfe einigen werden.«

»Kommt nicht in Frage«, sagte meine Mutter. »Sagen Sie Ihrem nichtsnutzigen Sohn, er soll sofort rauskommen, wenn nicht, gehe ich rein und verdresche ihn höchstpersönlich.«

»Entschuldigen Sie bitte, aber Sie werden mein Haus nicht ohne meine Erlaubnis betreten, und ich versichere ­Ihnen, dass Ihr Sohn sich irrt. Samuel Prince ist unfähig, ­einen Mitmenschen dermaßen zuzurichten … Kommen Sie herein, und wir regeln das gütlich. Schließlich sind wir keine Tiere, in uns wohnt der Geist Gottes.«

»In Ihnen vielleicht.«

»Treten Sie ein«, beharrte der Mann. »Bitte.«

Maribel García Medina

Ein Typ, der alles mit Geld regelt, wie diese Weißen aus Punta Gorda, das war seine Schwäche – oder seine Stärke, wie man’s nimmt. Er hat Lupe fünfhundert Pesos gezahlt, damit sie Ruhe gab. Zumindest hat sie das erzählt, vielleicht hat sie sich auch mit fünfzig zufriedengegeben; Lupe war schon immer ziemlich heruntergekommen, auch wenn sie ganz gut aussieht, mich hätten sie totschlagen müssen, wer meinen Sohn anrührt, dem schlage ich den Schädel ein. »Der Kerl ist spendabel«, hieß es im Viertel, und bald belagerten Verkäufer seine Tür, und wenn jemand ein Fahrrad klaute, fuhr er damit zu ihm: »Arturo, brauchen Sie nicht ein Fahrrad? Sehen Sie nur, es ist ganz neu und noch dazu aus dem Shoppingcenter.« Die Frauen, die neu auf dem Strich waren, kamen zu ihm, sobald Carmen aus dem Haus war: »Hören Sie, Arturo, ich bräuchte hundert Pesos und habe nichts, was ich Ihnen dafür geben könnte … außer meinem Körper.« Aber er sagte bloß: »Gottes Segen, Brüder und Schwestern«, zu allen dasselbe, und ließ sich auf keinerlei Geschäfte ein, und die Nutten haben es schnell wieder aufgegeben. Damals fing der Große an zu singen, deshalb gaben wir ihm den Spitznamen »die Grille«, und ­alles, was aus seinem Mund kam, war süß wie Himbeer­gelee, er hätte bei einer Reggaeton-Band mitmachen können, so gut sang er.

Lulatsch

Grille haben wir von Anfang an akzeptiert. Er war ziemlich verrückt, aber wenigstens führte er sich nicht auf wie eine Schwuchtel und spielte halbwegs anständig Fußball. Obwohl er eher auf Baseball stand. Wenn wir zu ihm sagten: »Hör mal, in diesem Wohnblock spielt kein Mensch Baseball, wenn du das willst, musst du woanders hingehen«, war er immer ein bisschen traurig, aber dann vergaß er es wieder. Ich war mir sicher, dass er ein bisschen zurückgeblieben war, wie mein Bruder Tere, der in der Tato Madruga untergebracht war, der Doofenschule, und habe ihn immer Sachen gefragt wie: »Sag mal, Grille, wie viel ist sechs mal sechs?«

»Sechsunddreißig«, sagte er, und ich dachte bei mir: Das kann nicht stimmen, so schlau ist dieser Idiot nicht, aber wenn ich dann die anderen fragte, sagten die auch, dass es schon immer sechsunddreißig war und bestimmt auch heute noch ist, außer die Mathematik hätte sich geändert und wir hätten es hier bei uns im Viertel bloß noch nicht mitgekriegt. Dann fragte ich ihn: »Sag mal, Grille, wie ist das mit Amerika? Wer hat es entdeckt?«

»Kolumbus«, sagte er.

»Und war Kolumbus schwarz oder weiß?«, fragte ich.

»Weiß, blond und blauäugig, Lulatsch.«

Also, dafür, dass er nicht alle Tassen im Schrank hatte, wusste er echt eine ganze Menge, denn er hatte tatsächlich nicht alle Tassen im Schrank, aber ich mochte ihn; den anderen konnte ich nicht ausstehen, der war zu hübsch, immer so adrett, immer am Lesen, und seine Eltern behandelten ihn besser als das Mädchen. Und das war wirklich heiß.

Maribel

Er hasste es, wenn sein Sohn sang. Wenn er früher von der Arbeit kam und die Grille singen hörte, grüßte er zuerst alle. »Gottes Segen«, sagte er, und dann: »Ein Künstler in der Familie ist mehr als genug; geh ins Haus, David King«, und der Junge verschwand mit gesenktem Kopf im Haus und wagte es nicht, den Vater anzusehen. Wir haben bald mitbekommen, dass er ihn schlug, Lulatsch hat es erzählt; er ist aufs Dach geklettert, hat durch ein Fenster geguckt und gesehen, wie der alte Stuart seinen breiten Ledergürtel auszog und damit auf den Rücken seines Sohnes eindrosch. Eigentlich hätte man meinen sollen, dass die Grille danach mit dem Singen aufhören würde, aber der Junge war total besessen. Kaum war der alte Stuart mit ­seinen Mechanikergerätschaften Richtung Werkstatt verschwunden, legte die Grille los. Ganz egal, ob ein Lied von Marco Antonio Solís oder ein Bolero von Orlando Con­treras, ob es regnete oder die Sonne schien, ob Bertas Mutter Aurora sich die Gitarre schnappte, um ihn zu begleiten, oder ob Nacho Froschmaul auf der Cajón eine Rumba spielte – und wenn niemand ihn begleitete, sang er a cappella, Grille sang, wie es ihm passte. Und dann kam seine Mutter heraus und sagte: »David, ich bitte dich, hör auf damit, sonst lässt dein Vater seine Wut an mir aus.«

Ibrahim Salazar

Die Kirche des Heiligen Sakraments des Wiederauferstandenen Christus … Als Stuart aus Camagüey hierherkam, hatten nur ein paar Dutzend Leute in Cienfuegos jemals von unserer Gemeinde gehört, und in der gesamten Provinz hatten wir höchstens zwanzig Mitglieder, von denen acht in Aguada und drei in Cruces lebten, weshalb man in der Praxis kaum auf sie zählen konnte. Der Pastor der Gemeinde von Cienfuegos hieß Basulto; ein kluger, aber verschlossener und eher einsilbiger junger Mann. Arturo Stuart besaß ein Talent dafür, die Massen zu begeistern, er hatte Charisma, war eine Führernatur, und einer Kirche, die wie die unsere eine radikale Rückkehr zum byzantinischen Ritus praktiziert, kam jemand, der zu Förmlichkeit und Rätselhaftigkeit neigt, mehr als gelegen. Außerdem konnte er auf seinen Sohn Prince zählen. Der Junge konnte reden. Er konnte überzeugen. Er kannte die Bibel in- und auswendig und hatte zu jeder Gelegenheit den passenden Vers parat. Selbst seine Geschwister lauschten ihm so verzückt, als spräche der Engel des Herrn höchstpersönlich aus ihm. Das kam gut an, wir Kubaner haben ja eine Schwäche für Schwulst und Sentimentalität, und bei den Sonntagsandachten hatte Basulto immer ein volles Haus. Natürlich spielte es auch eine Rolle, dass Arturo in mehreren Bundesstaaten der USA Freunde unter den Pastoren jener Kirche hatte und diese anfingen, ihm Spenden zu schicken, oder »Hilfsgüter«, wie wir das nannten. Diese Hilfsgüter reichten von Rasierapparaten, Seife und Kinderspielzeug über Schuhe, Kleidung und Küchengeräte bis hin zu Bibeln, Gebetbüchern und Videos, die uns deutlich machten, welche Macht die Kirche des Heiligen Sakraments in den USA besaß. Innerhalb von sechs Monaten wurden aus den zwanzig Mitgliedern beinahe tausend; ­eigentlich keine große Zahl, aber für eine so strenggläubige Gemeinde wie die unsere waren das ganze Heerscharen. Und obwohl Basultos Haus groß war, reichte es bald nicht mehr aus, und wir beschlossen, die Gottesdienste im Hof von Elizabet abzuhalten, einer verdienten Glaubensgenossin.

Ricardo Mora Gutiérrez, genannt der Gringo

Ich hatte gerade meinen ersten Typen umgelegt. Hatte ihm die Kehle aufgeschlitzt und erst aufgehört, als sein Blick ­glasig wurde wie der von einer toten Kuh. »Das wird dich lehren, dass ich bestimme, wer mir den Schwanz lutscht«, sagte ich zu ihm und wischte das Messer an dem Pullunder ab, in dem er bei mir aufgetaucht war, um anzugeben.

»Und was machen wir jetzt, Gringo?«, fragte Schweine­backe.

»Jetzt kommt der einfache Teil. Wir zerlegen ihn. Der Typ ist von Cabaiguán hierhergekommen, und niemand wird ihn vermissen. Du wirst schon sehen. Fahr mit dem Fahrrad in der Gegend herum, aber langsam, um kein Aufsehen zu erregen, und erzähl allen, wir hätten gutes Fleisch zu verkaufen. Anschließend fährst du in unser Versteck und holst die Schlachtermesser. Aber zuerst nimmst du ein Bad und ziehst dich um, du stinkst widerlich nach Fusel.«

»Aber wir haben doch gar keins«, sagte Schweinebacke.

»Kein was? Kein Bad?«

»Kein Fleisch, Gringo. Kein Fleisch, meine ich.«

»Und das hier?«, sagte ich. »Erstklassiges Fleisch.«

»Verdammt, Gringo, du bist verrückt.«

»Du hast keine Ahnung … Fahr los, aber langsam. Und ich zerlege dieses Rind hier.«

Wer von Sancti Spíritus hierherkommt, um zu sehen, was es hier so gibt, muss schon ganz schön bekloppt sein, dachte ich und betrachtete den Toten, der eine so verdutzte Miene zog, dass er einem fast leidtun konnte, aber: Reden, was wahr ist, essen, was gar ist, trinken, was klar ist, ficken, was da ist, wie meine Mutter zu sagen pflegte, aber ich lasse mich nicht einfach von irgendwem ficken, deshalb geschah es ihm bloß recht, dass er tot war.

Als Erstes nahm ich ihm sein Goldkettchen ab, dann holte ich das Geldbündel aus seinem Rucksack, und dabei fand ich dann die Knarre, eine dieser Makarows, die ständig Lade­hemmung haben. Was bist du nur für ein Idiot, dachte ich, wer kommt denn auf die Idee, eine Pistole im Rucksack herumzuschleppen, in Cabaiguán müssen alle total bescheuert sein.

»Hey, Alter, weißt du, wo man ein Motorrad kaufen kann? Aber was Vernünftiges, eine MZ oder so, keine Carpati oder Berjovina«, hatte der Typ mich gefragt, als er bei La Mimbre in der Tür stand. Ich verkaufte damals Brillen, aber als ich den Kerl sah, dachte ich mir gleich: »Der hat Kohle.«

»Vielleicht weiß ich was«, sagte ich, »vielleicht aber auch nicht. Bin ich etwa der liebe Gott?«

»Aber die Papiere müssen in Ordnung sein. Ich bin extra aus Cabaiguán gekommen. Dort hatte einer eine Maschine für mich, aber als ich hinkam, fehlte der Übereignungsbescheid.«

»Diese Maschine hat alles, die wartet nur darauf, dass ein Typ wie du sie besteigt … und sie ist so gut wie neu.«

»Das klingt gut … Ist es eine MZT?«

»Nein, eine Harley; ein Cousin von mir, ein Matrose, hat sie aus Panama mitgebracht.«

»Echt?«

»Wenn ich es doch sage.«

»Die ist bestimmt wahnsinnig teuer.«

»Nein, sie kostet ungefähr so viel wie eine Jawa. Und sie hat einen Wahnsinnsmotor, wenn du damit in Cabaiguán vorfährst, kippen alle aus den Latschen.«

»Dann nichts wie hin.«

»Hast du genug Geld dabei?«, fragte ich, und der Idiot sagte ja, dann überlegte er es sich anders, weil er irgendetwas in meinem Blick bemerkte, und sagte, er hätte es für alle Fälle bei seiner Freundin hinterlegt, und ich sagte: »Du bist doch nicht etwa ein Bulle?«

»Wie kommst du denn darauf? Nein, nein, ich bin ein ganz normaler Typ.«

»Alles klar, aber lass uns nicht weiter herumquatschen, sondern zu meinem Cousin fahren, da kannst du dir die ­Maschine mal ansehen.«

»Auf gehts«, sagte er, und ich fuhr mit ihm nach San Lázaro, und er: »Dein Cousin wohnt aber in einer miesen Gegend«, und ich: »Seine Frau hat ihn rausgeschmissen, und er musste mit dem Motorrad und seinem ganzen Kram in eine Baracke ziehen, und jetzt hat er Schiss, dass sie ihm die Maschine klauen, deshalb will er sie verkaufen, damit er sich nicht weiter Sorgen darum machen muss.«

Mittlerweile waren wir bei Schweinebackes Zimmer angekommen.

»Cousin? Hör mal, Kumpel, bist du da?«

»Was für eine Überraschung, Gringo, wie geht’s, Alter?«, rief Schweinebacke und grinste von einem Ohr zum anderen, bestimmt dachte er, dass ich käme, um Schulden einzutreiben, aber man merkte, dass er gesoffen hatte, er stank meilenweit nach Selbstgebranntem und Pisse, und der Typ erschrak.

»Ich warte draußen auf euch.«

»Diese Seeleute saufen wie die Löcher«, sagte ich mit ­einem Lächeln. »Aber setz dich doch, mach’s dir bequem.«

Der Typ setzte sich, und ich fragte Schweinebacke: »Hör mal, Alter, was ist mit dem Motorrad?«

»Was für ein Motorrad?«, wollte er gerade fragen, aber ich zwinkerte ihm zu, und da sagte er: »Ach so, das Motorrad. Das hab ich verliehen.«

»Verliehen? So was verleiht man doch nicht. Wem hast du es denn geliehen?«

»Dem Freund von Mariana, diesem Ausländer.«

»Ah, okay, bei dem ist es kein Problem … Und wann bekommst du es zurück? Der Kollege hier ist an der Maschine interessiert.«

»Bald, der Ausländer wollte damit nach Varadero fahren.«

»Mit so einem Bock bist du in null Komma nichts nach Varadero gefahren, der ist schneller als ein Ferrari.«

»Gefahren, sagst du? Geflogen. Das Ding ist tipptopp in Schuss, da fehlt nichts.«

»Außerdem ist die Harley ein Klassiker, das beste Motorrad, das es gibt.«

»Kann man wohl sagen.«

»Hier, hol uns mal sechs Bier, aber Bucaneros, wenn ich bitten darf«, sagte ich und tat so, als wollte ich in die Hosentasche greifen, aber der Typ kam mir zuvor. »Lass nur«, sagte er, öffnete den Rucksack und zog ein Bündel Scheine hervor, und das war sein Fehler; klar, er fühlte sich jung und stark mit seinem Stiernacken und seinen Pranken, deshalb hatte er sich freiwillig in die Höhle des Löwen begeben, um ein Bier zu trinken. Wirklich unglaublich dämlich. Ich wartete noch, bis er drei Bucaneros intus hatte, dann sagte ich: »Ich gehe mal kurz aufs Klo«, und Schweinebacke lenkte ihn mit seinem Gequatsche ab, so dass ich mich von hinten an ihn heranschleichen, das Messer zücken und es ihm so schnell über die Kehle ziehen konnte, dass er keinen Mucks mehr machte.

Als Schweinebacke zurückkam, hatte ich schon das Geld gezählt und den Kerl nackt auf die Spüle gelegt. »Hast du ­alles dabei?«, fragte ich, und er machte den Sack auf und zeigte mir den Hammer, die Messer und die Machete.

»Und hast du allen erzählt, dass wir Filets haben?«

»Klar doch.«

»Mit wem hast du geredet?«

»Mit den Leuten aus Punta Gorda, diesen Weißen. Die werden jetzt eine ganze Woche lang Fleisch von einem Toten essen.«

»Das geschieht ihnen recht. Aber lass uns anfangen«, sagte ich und griff nach der Machete.

»Du bist echt unglaublich, Gringo.«

»Vor allem bin ich reich«, sagte ich und zeigte ihm das Bündel Scheine. »Weißt du, wie viel das ist? Tausend Hunderter.«

»Und wie viel ist das?«

»Was denkst du denn?«

»Keine Ahnung, sag du’s mir.«

»Meine Güte, bist du ungebildet, Schweinebacke.«

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