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Die Liebe des Pilgers

Als Buch hier erhältlich:

Intrigen, Machtkämpfe und große Gefühle im Koblenz des 14. Jahrhunderts

Eine verbotene Liebe, die nur heimlich gelebt werden kann – Palmiro weiß, wie gefährlich das ist, und doch zerreißt es ihm das Herz, als der Mensch, mit dem er sein Leben verbringen möchte, Koblenz verlässt. Um sich abzulenken, stürzt er sich in sein noch junges Geschäft, den Handel mit kostbaren Pelzen und wertvollem Geschmeide, und wird immer mehr zum angesehenen und erfolgreichen Geschäftsmann. Doch Palmiro ahnt nicht, dass auch dieser Erfolg bedroht ist. Der ehemalige Inquisitor Erasmus von London hat geschworen, Palmiro der Ketzerei zu überführen. Er schreckt dabei vor nichts zurück und bringt damit auch Palmiros Freunde und Familie in Gefahr.

Das spannende Finale von Petra Schiers Pilger-Trilogie


  • Erscheinungstag: 22.08.2023
  • Aus der Serie: Pilger Reihe
  • Bandnummer: 3
  • Seitenanzahl: 576
  • ISBN/Artikelnummer: 9783749905485
  • E-Book Format: ePub
  • E-Book sofort lieferbar

Leseprobe

Für jetzt bleiben Glaube, Hoffnung und Liebe, diese drei;
doch am größten unter ihnen ist die Liebe.

(1 Korinther 13,13)

Seid demütig, friedfertig und geduldig,
ertragt einander in Liebe.

(Epheser 4,2)

»Und wie die Taube so treu wäre ich dem Menschen,
der mir am meisten bedeutet.
Wusstest du, dass Taubenpaare ein Leben lang
beieinanderbleiben?
Alles gemeinsam erleben, bis dass der Tod sie scheidet?
Wenn man sie trennt und an entgegengesetzten Enden der Welt
freilässt, kehren sie pfeilgerade wieder zu ihrem Schlag,
in ihre Heimat zurück und finden einander dort wieder.
(…) So würde ich leben in einer Welt, die es mir erlaubt.«

(Palmiro in »Das Geheimnis des Pilgers«)

Personenverzeichnis

Hauptfiguren und ihre Familien

Palmiro Bongert, genannt Don Palmiro Pelz-, Leder- und Geschmeidehändler aus Koblenz
Anton Bongert, genannt Don Antonio Tuchhändler in Koblenz, Ziehvater von Palmiro, jüngerer Bruder von Luzia Wied
Enneleyn Bongert Don Antonios Gemahlin, Johanns von Mantens uneheliche Tochter
Benedikt vom Heidenstein Spion für den Inquisitor Erasmus von London, Wachhauptmann bei Palmiro
Alin von Siebern Benedikts uneheliche Tochter, verstorben
Ardo de Léraux Alins Witwer
Veronique de Léraux Ardos neue Gemahlin
Beatrix von Siebern Alins Mutter
Dietmar von Siebern Beatrix‘ Gemahl
Marie-Jeanne Alins und Ardos Tochter
Bertram vom Heidenstein Benedikts Vater, verstorben
Leonhard vom Heidenstein Benedikts Onkel
Mechthild vom Heidenstein Benedikts Tante
Rudolf vom Heidenstein Benedikts Vetter, Sohn von Leonhard und Mechthild
Edelgard vom Heidenstein Rudolfs Gemahlin
Oswald vom Langenreth ältester Sohn des verstorbenen Grafen Walter vom Langenreth, Bruder von Conlin vom Langenreth
Amalia vom Langenreth Oswalds Gemahlin
Adelheid vom Langenreth Tochter von Amalia und Oswald
Kunigunde vom Langenreth Tochter von Amalia und Oswald
Walther vom Langenreth, der Ältere Conlins und Oswalds Vater
Walther vom Langenreth, der Jüngere Sohn von Amalia und Oswald
Christine vom Langenreth Oswalds und Conlins Mutter
Conlin vom Langenreth jüngerer Sohn Walthers vom Langenreth,Oswalds Bruder
Reinhild vom Langenreth Conlins Gemahlin, Tochter von Johann und Elisabeth von Manten, Witwe des Gottfried von Winneburg
Johann (Hannes) von Winneburg Reinhilds Sohn
Gottfried von Winneburg Reinhilds erster Gemahl, verstorben
Gräfin Elisabeth von Manten Reinhilds Mutter
Graf Johann von Manten Reinhilds Vater, Graf, Bürgermeister
Notker von Manten Johanns sehr viel jüngerer Bruder
Jutta von Manten Johann von Mantens Stiefmutter
Richwin von Manten Reinhilds ältester Bruder, Verwalter der Mantenburg
Frieder von Manten Reinhilds Bruder
Mariana von Manten Reinhilds jüngere Schwester
Luzia Wied Gewürzhändlerin in Koblenz, Don Antonios ältere Schwester, gute Freundin von Elisabeth von Manten
Martin Wied Weinhändler in Koblenz, Bürgermeister
Gusti Wied Tochter von Luzia und Martin
Arietta de Berge Martin Wieds jüngste Schwester, Gemahlin von Wulfhart de Berge
Wulfhard de Berge Gutsherr und Winzer in Wied, Gemahl von Arietta
Marie de Berge Ariettas und Wulfharts Tochter
Mathys le Smithy Handelsgeselle, ehemaliger Spion für den Inquisitor Erasmus von London

Gesinde

Anni Reinhilds Magd, Hannes’ Kinderfrau
August Palmiros Waffenknecht
Benno Palmiros Waffenknecht
Eggebrecht Palmiros Knecht
Gesine Magd im Hause Wied
Heide Hausmagd auf Gut Langenreth
Henns Knecht in Beatrix’ Haus
Henslin Knecht im Hause Bongert
Lise Magd im Hause Wied
Martel Reinhilds Knecht
Minta Palmiros Küchenmagd
Mirja Magd im Hause Bongert
Nilda Palmiros Haus- und Stallmagd, ehemalige Kindhure aus Aachen
Rudger Graf Johanns Waffenknecht
Seybold Palmiros Waffenknecht
Tilde Reinhilds Köchin
Wilbert Reinhilds Knecht

Sonstige Personen

1. Kapitel

17. November, Anno Domini 1379

Als die Tür hinter Palmiro zufiel, schnürte sich Benedikts Kehle für einen Moment so fest zu, dass er keine Luft mehr bekam. Er starrte auf das silberne Kruzifix, das still und verlassen auf dem Pult lag. Vorsichtig trat er näher heran, berührte es mit den Fingerspitzen. Das Silber fühlte sich kühl an. In keiner Weise ungewöhnlich. Entschlossen wandte Benedikt sich zum Gehen. Er musste fort. So weit fort von dem unsäglichen Schmerz, den er verursacht hatte und der zugleich sein Inneres zerriss. Fort.

Er hatte bereits die Hand an der Türklinke, als ein eigenartiges Brennen sein Rückgrat hinaufstieg. Erschrocken hielt er inne.

Sirr.

Sein Herz schlug einen Haken. »Was war das?«

Sirr.

Ganz langsam und vorsichtig drehte er sich um – und erstarrte. Das silberne Kruzifix schien rötlich zu leuchten. Das war doch nicht möglich!

Sirr.

Schweiß trat ihm auf die Stirn. »Was soll das?« Zögernd trat er wieder an das Pult.

Sirr. Sirr.

»Redest du mit mir?« War er irrsinnig, mit einem silbernen Schmuckstück zu sprechen?

Sirr. Sirr. Sirr.

Benedikts Herz schlug noch schneller. »Was soll das bedeuten?«

SIRR!

Furchtsam betrachtete er die Reliquie und streckte schließlich wider besseres Wissen die Hand danach aus. Er spürte die rote Aura heiß gegen seine Handfläche wabern.

SIRR!

Schmerz durchzuckte ihn wie ein Schwerthieb. »Ich weiß nicht, was du mir sagen willst.« Seine Stimme klang hohl und kratzig. »Was soll ich tun?«

Sirr.

Nun klang das Kruzifix eigentümlich traurig. War das überhaupt möglich? Er musste irrsinnig sein. In Benedikts Kehle bildete sich ein Kloß. Obwohl er wusste, dass es falsch war, gefährlich, unentschuldbar, griff er nach dem Kreuz, nahm es an sich.

Sirr.

Wieder durchfuhr ihn ein brennender Schmerz.

Nach Atem ringend, fuhr er auf, schweißgebadet. Allein.

Es war finster um ihn herum, und es dauerte eine Weile, bis er sich erinnerte, wo er sich befand. Schwer atmend ließ er sich in die weichen Kissen zurücksinken, welche die alles andere als billige Herberge in Nürnberg ihren Gästen bot.

Sssiiiirr.

»Nein!« Wild schlug Benedikt um sich, bis er bemerkte, dass lediglich eine Schmeißfliege um seinen Kopf herum summte.

Verfluchter Traum, der ihn Nacht für Nacht verfolgte. Verfluchtes Kruzifix.

Verflucht.

Es dauerte eine geraume Weile, bis sich sein Herzschlag wieder beruhigt hatte und der kalte Schweiß auf seiner Haut getrocknet war. Er war nun schon seit über zwei Monaten von Koblenz fort, doch noch immer verfolgten ihn die Erinnerungen, klebten an ihm wie Pech, ließen sich nicht vertreiben. Sein ursprünglicher Plan, auf direktem Wege nach Rom zu reisen, um dem Inquisitor Erasmus von London Bericht zu erstatten, hatte sich bereits vor einigen Wochen zerschlagen. Denn schon in der Handelsstadt Frankfurt, am Main gelegen, war ihm auf der großen Messe die Kunde zu Ohren gekommen, dass der Heilige Vater zusammen mit einigen Kardinälen eine Reihe hoher Inquisitoren aus ihren Positionen entlassen – oder vielmehr gewaltsam entfernt – hatte. Aufgeräumt habe der Papst, so erzählten die reisenden Kleriker, die in derselben von Dominikanern geführten Herberge untergekommen waren wie Benedikt. Sie gehörten zu einer Abordnung von Gesandten, die beauftragt waren, Ruprecht II. von der Pfalz, der sich momentan in Frankfurt aufhielt, ihre Aufwartung zu machen.

Ob die Begegnung mit den Dominikanern Zufall oder Schicksal gewesen war, wusste Benedikt nicht zu sagen, doch er konnte nicht umhin, dem Schicksal den Vorrang einzuräumen, auch wenn er bisher nicht an dergleichen geglaubt hatte. Pfalzgraf Ruprecht war ihm kein Unbekannter. Er residierte in Amberg, einer Stadt nahe Nürnberg, aus der auch Benedikts Familie stammte. Die Kleriker, die Ruprechts wegen aus Rom angereist waren, hatten ohne Zweifel in Nürnberg oder Amberg haltgemacht, um dort zu erfahren, wo der Pfalzgraf sich im Augenblick aufhielt, und waren auf direktem Wege nach Frankfurt gekommen. Benedikt wiederum hatte sich lediglich auf der Durchreise befunden, als er ihnen begegnet war. Deshalb wusste er nun, dass er sich den weiten Weg über die Alpen bis nach Rom sparen konnte, denn unter den in Ungnade gefallenen Inquisitoren befand sich auch Erasmus von London.

Aus Rom vertrieben hatte man ihn, so wussten die Kleriker zu berichten. Mit nichts als seinen Kleidern am Leib war er aus der Stadt gejagt worden, an seiner Seite zwei junge, wehrhafte Geistliche, die dafür Sorge zu tragen hatten, dass er seinen Bestimmungsort, sein Mutterkloster in England, ohne Umwege erreichte.

Bei dieser Kunde hatte Benedikt große Erleichterung verspürt, denn er war alles andere als erpicht auf die lange Reise nach Rom gewesen. Er hätte sie nur auf sich genommen, um sein Versprechen Palmiro gegenüber einzuhalten.

Palmiro.

Mit beiden Händen fuhr Benedikt sich in sein verschwitztes hellbraunes Haar, zerrte verzweifelt daran, so als würde dies helfen, die Gedanken an diesen seltsamen, besonderen Mann zu vertreiben. An den Ketzer. Hinfort mit euch!, sprach Benedikt im Stillen diese Gedanken direkt an, schalt sich jedoch gleich darauf einen elenden Idioten, weil er wusste, dass es nichts ändern würde.

Er hatte das Versprechen gegeben zu versuchen, die drohende Gefahr, die von Erasmus ausging, nach besten Kräften von Palmiro, seiner Familie, von ganz Koblenz fernzuhalten, soweit es in seiner Macht stand. Ob er damit Erfolg gehabt hätte, war alles andere als sicher. Nun jedoch schien diese Gefahr aus Gründen, die sich ihm entzogen, gebannt zu sein.

Erasmus war es gewesen, der Benedikt vor einigen Monaten nach Koblenz entsandt hatte, um sich auf die Suche nach Mathys le Smithy zu machen, der, wie Benedikt, als Spion der Inquisition ausgesandt worden war, dessen Berichte jedoch immer spärlicher in Rom eingetroffen und schließlich gänzlich ausgeblieben waren. Erasmus hatte in Erfahrung bringen wollen, ob Mathys nicht mehr lebte oder ob er womöglich in die Fänge der vermeintlichen Ketzer geraten war, die er auszukundschaften hatte. Natürlich gab es zwischen diesen beiden Extremen noch jede Menge weiterer Gründe, weshalb ein Spion und Söldner abtrünnig geworden sein könnte. Benedikt hatte es oblegen, genau dies in Erfahrung zu bringen. Darüber hinaus hätte er Mathys festnehmen und zurück nach Rom bringen sollen. Falls irgend möglich und zusammen mit ausreichend Beweisen gegen jene vermeintlichen Ketzer, laut Erasmus Parteigänger einer Nachfolgersekte des vor vielen Jahrzehnten aufgelösten und ausgerotteten Ordens der Tempelritter. Einen pompösen, aufsehenerregenden Prozess gegen die Häretiker hatte Erasmus führen wollen. Zumindest war dies die vordergründige Argumentation, mit der er die Ausstattung und Entsendung von Spähern wie Mathys und Benedikt begründet hatte. Viel eher, so argwöhnte Benedikt inzwischen, war es Erasmus’ Begehr gewesen, des unermesslich wertvollen Gralsschatzes Herr zu werden, der nach der Legende von den Tempelrittern versteckt worden war und sich bewacht noch immer irgendwo im Heiligen Land befand.

Auf die Idee, Palmiro und dessen Freund Conlin vom Langenreth gehörten dieser Sekte von Häretikern an, war Erasmus verfallen, nachdem er die beiden Männer, die sich auf einer Pilgerreise ins Heilige Land befunden hatten, bei einem Überfall seiner Söldnertruppe auf die vermeintlichen Wächter des Gralsschatzes entdeckt hatte. Palmiro und Conlin, deren Heimat im Rheinland, in der Handelsstadt Koblenz, lag, hatten sich den mutmaßlichen Gralswächtern angeschlossen, sie verteidigt. Grund genug für Erasmus anzunehmen, dass sie mit ihnen verbündet waren.

Benedikt, der zeit seines Lebens ein Söldner und Kundschafter vieler verschiedener Herren gewesen war, hatte diesen Auftrag zunächst wie jeden anderen behandelt. Er war gut bezahlt und mit wenig Aufwand verbunden. Zumindest hatte es den Anschein gehabt. Doch kaum war Benedikt in Koblenz angekommen, jener kleinen, aber wohlhabenden Stadt, die sich am Zusammenfluss von Rhein und Mosel befand, hatte er feststellen müssen, dass er sich auf etwas eingelassen hatte, dessen Ausmaß er selbst jetzt, nachdem er – feige, wie er zugeben musste – die Flucht ergriffen hatte, nicht gänzlich zu erfassen in der Lage gewesen war.

Seit Wochen, nein Monaten, versuchte er mit allen Mitteln, sich der Erinnerungen zu entledigen, den Aufruhr in seinem Herzen zu bändigen. Gelungen war ihm bislang beides nicht, und ihn deuchte, dass es mehr brauchen würde als nur einen möglichst großen Abstand zwischen ihm und jener Handelsstadt am Rhein, um seinen Seelenfrieden wiederherzustellen.

Zumindest war ihm nun die Sorge um Palmiros Leib und Leben genommen, redete er sich innerlich gut zu. Erasmus von London stellte keine Gefahr mehr dar, wenn er tatsächlich, wie es hieß, all seiner Privilegien verlustig gegangen war und nunmehr den Rest seines Lebens als einfacher Mönch in einem englischen Kloster zu verbringen gezwungen sein würde.

Die unangenehme innere Stimme, die Benedikt davon zu überzeugen versuchte, dass Erasmus ein viel zu ehrgeiziger Inquisitor gewesen war, um sich von solch einem Rückschlag abhalten zu lassen, versuchte Benedikt mit stichhaltigen Argumenten zum Schweigen zu bringen. Ein einfacher Mönch, noch dazu beim Heiligen Vater höchstpersönlich in Ungnade gefallen, hatte nicht die geringsten Möglichkeiten, irgendeinen Schaden anzurichten. Es sei denn, er würde einen anderen hochgestellten Geistlichen von seinen Ideen überzeugen können. Offenbar wollte jedoch der Heilige Vater genau dies verhindern, andernfalls hätte er Erasmus nicht unter Aufsicht gestellt. In dieser Hinsicht waren die reisenden Kleriker in Frankfurt äußerst präzise gewesen und hatten auch nicht mit Häme gegeizt. Es kam wohl nicht allzu oft vor, dass ein Papst auf solche Weise Ordnung in den eigenen Reihen schuf. Unbequeme Kardinäle, Inquisitoren oder andere Geistliche starben eher eines offiziell natürlichen Todes, hin und wieder auch eines unnatürlichen, wurden aber kaum jemals öffentlich in Schimpf und Schande aus Rom verbannt. Man munkelte, so hatte Benedikt den Männern in Frankfurt entlockt, dass sogar der Gegenpapst in Avignon dieses Vorgehen gutgeheißen und Anweisung gegeben habe, sich nicht mit den Verbannten gemein zu machen. Auch wenn es sich hierbei wohl nur um ein Gerücht handelte, war es doch überaus bemerkenswert, denn immerhin hätte man die in Ungnade gefallenen Inquisitoren durchaus in Avignon mit offenen Armen und als nützlichen Quell von Auskünften willkommen heißen können.

Benedikt lag es fern, sich weiter in Gedanken mit den Beweggründen des Heiligen Vaters und dessen Erzfeind in Avignon zu befassen. Ihm war schlussendlich nur die Nachricht willkommen gewesen, dass er die Reise nach Rom nicht auf sich nehmen musste. Zwar hätte diese ihn in die Lage versetzt, noch weit mehr Raum zwischen sich und all das zu bringen, was in Koblenz geschehen war, doch letztendlich wusste er, dass eine solche Reise für ihn nur eine weitere Flucht darstellen würde. Eine Flucht vor den Erinnerungen, aber auch eine Flucht vor sich selbst.

Es hatte eine Weile gedauert, aber inzwischen war Benedikt sich bewusst geworden, dass er sein ganzes Leben lang vor sich selbst geflohen war. Die Ereignisse in Koblenz hatten ihm vor Augen geführt, dass er sich einigen Dingen – und Erkenntnissen – stellen musste. Nicht nur dem, was sich kürzlich ereignet hatte, sondern auch in seiner Vergangenheit. Und hier kam das Schicksal ins Spiel.

Das Schicksal, Gottes Wille, vielleicht aber auch schlicht und ergreifend die Erkenntnis, dass sein Leben, wie es bisher gewesen war, so nicht weitergehen konnte. Er war inzwischen sechsunddreißig Jahre alt und besaß … nichts. Gewiss, er hatte in den Jahren seiner Söldnerschaft einiges an Silber und Gold eingeheimst, doch darüber hinaus konnte er nichts und niemanden sein Eigen nennen. Schon als Junge von dreizehn Jahren durch den Tod seiner Eltern und Schwestern entwurzelt, war er wie ein Blatt im Wind, taumelte von Ort zu Ort, berührte kaum jemals den Boden, blieb nirgends lange genug haften, um neue Wurzeln zu schlagen.

Er hätte sich ganz sicher nicht nach Nürnberg begeben, wenn er in Frankfurt nicht von Erasmus’ Vertreibung aus Rom gehört hätte. Stattdessen wäre er auf direktem Weg, ohne haltzumachen, über den Landweg gen Süden gereist. Nicht wieder über den Rhein! Diesen Fehler hatte er auf dem Hinweg nach Koblenz gemacht und nicht wenig bereut. Er verabscheute das Reisen auf einem Schiff, wurde regelmäßig scheußlich seekrank dabei. Deshalb hatte er sich noch in Koblenz in die Unkosten für ein junges, kräftiges Reitpferd gestürzt, einen Rappen, der ihm seither getreulich Dienst leistete.

Nachdem er seines ursprünglichen Reiseziels beraubt worden war, hatte er sich überlegen müssen, was er stattdessen mit dem traurigen Rest seines Lebens anfangen sollte, und noch bevor er bewusst eine Entscheidung treffen konnte, hatte er bereits den Weg nach Nürnberg eingeschlagen. Von dort aus war es zu Pferd nur noch eine überschaubare Reise von etwa zwei Tagen bis in seine Heimatstadt Amberg. Zwei Tagesreisen, die ihm jedoch, seit er in Nürnberg weilte, weiter vorkamen als der Weg nach Rom.

Zunächst hatte er sich damit beruhigt, dass er, bevor er seinem Onkel und dem übrigen verbliebenen Teil seiner Familie einen Besuch abstattete, Erkundigungen einziehen musste. Das Auskundschaften der Lage, das Sammeln von Informationen war ihm nach so vielen Jahren als Spion in Fleisch und Blut übergegangen. Informationen waren überlebenswichtig und konnten den Unterschied zwischen Wohl und Wehe, zwischen Leben und Tod, zwischen Glück und Unglück bedeuten.

All jene Auskünfte besaß er nun schon seit geraumer Zeit, doch bisher hatte er sich dennoch nicht durchringen können, die letzten Meilen, die zwischen ihm und Amberg lagen, endlich zurückzulegen. Er war ein elender Feigling! Nicht anders war das Zögern zu erklären, das ihn jedes Mal erfasste, wenn er sich auf sein Pferd schwingen wollte, um die zwei Tagesreisen in Angriff zu nehmen.

Morgen, so beschloss Benedikt voller Ingrimm bei sich. Morgen würde er nach Amberg aufbrechen. Oder vielmehr heute, denn das Morgengeläut der Kirche Sankt Lorenz, in deren Schatten Benedikts Herberge lag, war seiner Schätzung nach nicht mehr allzu fern. Bald also. Zufrieden mit diesem Beschluss drehte Benedikt sich auf die Seite und schloss die Augen.

Sirr.

Ungehalten öffnete Benedikt die Augen wieder und vermeinte, ein rötliches Leuchten in der Dunkelheit zu erkennen. »Halt dich gefälligst da heraus«, grollte er.

Sirr.

Verflucht.

2. Kapitel

Die Bauarbeiten gehen gut voran«, stellte Graf Johann von Manten mit zufriedener Miene fest. Mit in die Seiten gestemmten Händen stand er auf der Straße vor Palmiros Anwesen und sah zu, wie ein Trupp Arbeiter eine Wagenladung Holzbalken und Kanthölzer von einem Fuhrwerk ablud und auf dem Nachbargrundstück stapelte. Eine weitere Gruppe Männer war dabei, im Inneren des Nachbarhauses einen neuen Fußboden zu verlegen. Auch an den Nebengebäuden wurde eifrig und geräuschvoll gewerkelt. »Wenn die Männer in dieser Geschwindigkeit weiterarbeiten und das Wetter mitmacht, kannst du einen großen Teil der Gebäude schon zum Dreikönigstag ihrer Bestimmung zuführen.«

»So Gott will.« Palmiro Bongert, in Koblenz inzwischen allerorten nur noch Don Palmiro bekannt, trat neben den hochgewachsenen, ehemals blonden, nunmehr vollkommen ergrauten Grafen, der durch Schicksal und verzwickte familiäre Verbindungen sein Großvater geworden war, nachdem Palmiro vor über siebzehn Jahren als ehemaliger Gassenjunge und Ziehsohn des bekannten und erfolgreichen Tuchhändlers Anton Bongert – genannt Don Antonio – aus dem fernen Mailand nach Koblenz gekommen war. Auch er beäugte einigermaßen zufrieden das rege Treiben auf dem ehemaligen Anwesen der Familie Sack, das er vor einigen Wochen hatte erwerben können, nachdem die alte Witwe Hildegardis eines Nachts sanft entschlafen war. Zwar hatte er sich dafür in erhebliche Unkosten stürzen und sich sowohl bei seinem Vater als auch bei seinem Großvater Geld borgen müssen, doch das war allemal besser, als einen weiteren Kredit bei dem Juden Muskin aufzunehmen.

Er hatte große Pläne, nachdem er im September zufällig den Pelzgroßhändler Arnhold Geisler in Moers kennengelernt hatte, der, über achtzigjährig und kinderlos, auf der Suche nach einem fähigen Nachfolger gewesen war. Zugegebenermaßen hatte Palmiro nicht lange nachgedacht, bevor er mit dem alten Mann handelseins geworden war. Doch hätte er sich diese Gelegenheit etwa entgehen lassen sollen? Gewiss, er war gerade erst dabei, sich als Pelz- und Geschmeidehändler in Koblenz einen Namen zu machen. Doch hin und wieder boten sich im Leben Möglichkeiten, die man nicht ausschlagen durfte, wollte man es nicht irgendwann bereuen. Natürlich war er ein großes Risiko eingegangen, schon allein, weil er zu jenem Zeitpunkt nicht einmal ausreichend Platz für ein Lager der Größe vorweisen konnte, wie Arnhold Geisler es betrieb. Auch hatte er weder genug Dienstboten noch Wachleute besessen, um eine derartige Menge kostbarer Pelze, verarbeitet wie auch unverarbeitet, Rauchwaren genannt, wie er gelernt hatte, angemessen abzusichern. Benedikt hatte ihn mehr als einmal deutlich und mit Nachdruck darauf hingewiesen, und natürlich hatte er vollkommen recht damit.

Benedikt. Der Stich, den ihm allein der Gedanke an diesen Namen versetzte, war hinterhältig und schmerzhaft. Mit aller Kraft, derer er fähig war, drängte Palmiro ihn beiseite. »Ich fürchte aber«, fuhr er an Graf Johann gewandt fort, »dass uns das Wetter bald einen ordentlichen Strich durch die Rechnung machen wird. Ein so trockenes Novemberwetter wie dieses Jahr gibt es selten. Früher oder später wird der Regen einsetzen, von Frost und Schnee ganz zu schweigen. Minta behauptet, es wird wahrscheinlich nur noch wenige Tage dauern, bis uns ein ordentlicher Herbststurm ereilt.«

Graf Johann drehte leicht den Kopf in seine Richtung und verzog spöttisch die Lippen. »Was weiß denn dieses schwatzhafte Exemplar von einer Köchin vom Wetter?«

Palmiro schmunzelte. »Sie behauptet, sie habe einen wetterfühligen kleinen Finger. Anscheinend hat sie ihn sich als Kind einmal gebrochen, und seither leistet er ihr gute Dienste, wenn es darum geht, Wetteränderungen vorherzusagen.«

Auf diese Erklärung antwortete der Graf lediglich mit einem amüsierten Schnauben. »Die beste Zeit für einen Umbau mehrerer Gebäude von solchem Umfang ist der Monat November mithin nicht. Ich verstehe zwar, dass du dir die Gelegenheit nicht entgehen lassen wolltest, doch ein wenig mehr Planung und Voraussicht hätten durchaus nicht geschadet. Wann, sagtest du, will dieser Großhändler aus Moers seine Lager vollständig geräumt haben?«

»Bis Weihnachten.« Palmiro fuhr sich mit gespreizten Fingern durch sein lockiges schwarzes Haar. »Bis dahin will er alle noch bei ihm ausstehenden Geschäfte abgewickelt haben. Lediglich einige Verträge mit Lieferanten und Kunden aus weiter entfernten Gegenden wird er auf mich übertragen, da er diese Leute vor Ostern oder gar dem Sommer des kommenden Jahres nicht mehr zu Gesicht bekommen wird. Er schickt natürlich Botschaft an jeden Einzelnen von ihnen, dann bleibt abzuwarten, ob sie alle bereit sein werden, die bestehenden Kontrakte mit mir weiterzuführen.«

Da hinter ihnen Hufgetrappel näher kam, warf Graf Johann einen Blick über die Schulter und verzog die Lippen zu einem kaum merklichen, gleichwohl jedoch erfreuten Lächeln. »Da kommt Notker. Hoffentlich mit guten Nachrichten hinsichtlich der neuen Gleven, die er für den Wachdienst hier bei dir zusammenstellen wollte. Hast du die Einzelheiten inzwischen mit Conlin klären können?«

Palmiro schüttelte den Kopf, nickte jedoch gleich darauf. »Mit Reinhild. Sie hat alle erforderlichen Berechnungen angestellt und die Verträge vorbereitet. Doch wie Ihr wisst, war Conlin in den vergangenen beiden Monaten kaum einmal für mehr als drei Tage am Stück zu Hause. Sein zusätzliches Amt als Stellvertreter des Erzbischöflichen Schultheißen hält ihn ordentlich auf Trab. Wenn er Reinhild nicht hätte, könnte er sein neues Gewerbe überhaupt nicht betreiben. Soweit ich weiß, wird er kommende Woche von seiner Rundreise durch die Orte, für die er nun als Amtmann zuständig ist, endgültig zurückkehren. Reinhild hofft bereits sehr, dass er dann endlich für einige Wochen oder sogar Monate auf Gut Langenreth bleiben können wird. Aber hat sie Euch das nicht selbst bereits erzählt?«

»Gewiss.« Bedächtig nickte der Graf. »Ich dachte nur, du hättest vielleicht die Gelegenheit bei einem von Conlins kurzen Besuchen beim Schopfe gepackt und die Verträge bereits unterzeichnet.«

»Habe ich nicht.« Auch Palmiro drehte sich um und sah zu, wie der um fast drei Jahrzehnte jüngere Bruder des Grafen von seinem imposanten dunkelbraunen Reitpferd abstieg und die Zügel an Palmiros Knecht Eggebrecht weiterreichte, bevor er sich ihnen zuwandte. »Ich hielt es für angebracht, die wenige Zeit, die Conlin und Reinhild bei diesen kurzen Besuchen zur Verfügung stand, gänzlich ihnen zu überlassen. Immerhin sind die beiden gerade frisch vermählt. Die lange Trennung so kurz nach ihrer Hochzeit dürfte ihnen beiden schwergefallen sein.«

»Hmm, ja, vermutlich.« Es war Graf Johann anzusehen, dass er dieses Thema nicht weiter erörtern wollte. Da er der Vater der jungen Braut war, konnte Palmiro sich durchaus vorstellen, warum. Es amüsierte ihn, doch das ließ er sich nicht anmerken.

»Guten Tag, Notker.« Der Graf klopfte seinem jüngeren Bruder zur Begrüßung auf die Schulter. »Du bist früher von der Mantenburg zurück, als ich dachte. Konntest du eine ausreichende Anzahl an Männern zusammenstellen, um den Transport der Waren aus Moers hierher abzusichern? Mir wäre es ja lieber gewesen, wenn wir sämtliche Waren über den Rhein verschiffen könnten.« Ehe Palmiro etwas erwidern konnte, hob er beschwichtigend die Hand. »Ja, ja, ich weiß, dass das nicht sinnvoll ist. Allein das Stapelrecht in Köln würde dazu führen, dass sämtliche Güter dort für zwei Wochen abgeladen und zum Verkauf angeboten werden müssten. Bisher habe ich mich mit solchen Angelegenheiten kaum jemals auseinandergesetzt, aber ich sehe ein, dass dieser Aufwand den Nutzen, den du aus diesen Verkäufen ziehen würdest, übersteigen würde. Allerdings ist ein Transport von solchem Umfang und Wert auf dem Landweg auch nicht ganz einfach. Der einzige Vorteil wiederum ist eben genau die Größe des Transports. Die üblichen Wegelagerer und Strauchritter werden es sich hoffentlich zweimal überlegen, eine derart umfangreiche und schwer bewachte Handelskarawane anzugreifen.«

»Drei voll gerüstete Gleven, fünfzehn weitere, einfach ausgestattete Fußsoldaten«, zählte Notker als Antwort auf die ursprüngliche Frage seines Bruders auf. »Einige der Männer sind derzeit noch mit anderen Tätigkeiten befasst, werden aber wie alle übrigen bis spätestens Sankt Nikolaus in Koblenz eintreffen.« Er lächelte seinem Bruder zu und nickte in Palmiros Richtung. »Auch ich wünsche dir einen guten Tag, Johann. Es freut mich, dich bei guter Gesundheit anzutreffen. Dich ebenfalls, Palmiro.«

Graf Johann lachte rau. »Um meine Gesundheit brauchst du dir keine Gedanken zu machen. Unkraut vergeht nicht, wie man so schön sagt. Was den Bengel hier angeht«, er warf Palmiro einen Blick zu, der gleichermaßen Tadel wie Zuneigung enthielt, »so dürfte dies gleichermaßen gelten. Wenngleich ich zugeben muss, dass ich froh bin, dich wieder hier zu wissen, um bis auf Weiteres Palmiros Wachleute zu befehligen.« Seine Miene verzog sich missbilligend. »Nachdem es nicht so aussieht, als ob Benedikt vom Heidenstein sich in naher Zukunft noch einmal hier in Koblenz blicken lassen wird, muss dieser Posten mit einem zuverlässigen, erfahrenen Mann besetzt werden.«

Notker hüstelte unterdrückt. »An Zuverlässigkeit mangelt es mir ganz sicher nicht, doch mein Erfahrungsschatz hinsichtlich dieser neuen Tätigkeit dürfte mit dem meines Vorgängers kaum vergleichbar sein.« Mit fragender Miene wandte er sich an Palmiro. »Es sind nun schon mehr als zwei Monate. Sagtest du nicht, Herr Benedikt habe nur ein paar persönliche Angelegenheiten zu klären? Was kann daran so lange dauern, dass er selbst nach Ablauf dieses Zeitraums nicht einmal eine Nachricht bezüglich seiner Rückkehr geschickt hat?«

Palmiro schluckte gegen die Enge an, die sich bei der Erwähnung von Benedikts Namen unwillkürlich in seiner Kehle gebildet hatte. Er hatte seiner Familie und seinen Freunden die wahren Gründe für Benedikts Fortgehen im September verschwiegen, würde sie auch heute nicht preisgeben können. Niemals. Doch da er wusste, dass mit Benedikts Rückkehr wohl nicht zu rechnen war, würde er diese Wahrheit kaum wesentlich länger verschweigen können. »Benedikt vom Heidenstein ist ein guter Mann, ehrenwert und zuverlässig. Es wird gute Gründe geben, dass er sich bislang noch nicht gemeldet hat. Sollte er beschlossen haben, Koblenz endgültig den Rücken zu kehren, oder sollte ihm, Gott bewahre, etwas zugestoßen sein, dann werden wir daran nichts ändern können. Er hat mir aufgetragen, seinen Posten einstweilen anderweitig zu besetzen, da er den Zeitraum seiner Abwesenheit bei seinem Fortgang nicht bemessen konnte. Daran werden wir uns halten.« Dies war wiederum eine mehr als fantasievolle Auslegung dessen, was an Worten zwischen ihm und Benedikt vor dessen Weggang gewechselt worden war. Jener Tag stand ihm noch so lebendig vor Augen, als hätte er sich erst gestern ereignet. Doch auch wenn Benedikt die Neubesetzung seines Postens noch nicht einmal ansatzweise erwähnt hatte, so wusste Palmiro doch genau, dass sein ehemaliger Wachhauptmann dies dringend befürwortet hätte. Wenngleich er nicht der Mann war, der er zu sein vorgegeben hatte, seine Tätigkeit hatte er mit Ernsthaftigkeit und weiser Voraussicht ausgeführt. Er war stets auf Palmiros Sicherheit und die seiner Handelswaren bedacht gewesen, beides hatte ihm als erste und höchste Priorität gegolten. Selbstverständlich würde er wollen, dass diese Aufgabe nun von einem anderen fähigen und vertrauenswürdigen Mann übernommen wurde.

Obwohl Palmiro sich sicher war, dass seiner Stimme keinerlei Schmerz oder Bedauern anzuhören gewesen war, trat nun in Graf Johanns Miene ein fragender und zugleich skeptischer Ausdruck. »Ein guter Mann, ehrenwert und zuverlässig? Mir war, als hättest du auf solcherlei Lobpreis während der Zeit seiner Anwesenheit hier in Koblenz gänzlich verzichtet. Viel eher sind mir Klagen und Beschwerden zu Ohren gekommen, weil er dich auf impertinente Art und Weise und in arroganter Manier regelmäßig und mit Nachdruck auf deine Schwächen und Unzulänglichkeiten – und die deiner Vorkehrungen bezüglich der Sicherheit – aufmerksam gemacht hat. Korrigiere mich, wenn ich falschliege, aber dies waren deine eigenen Worte, oder etwa nicht?«

Palmiro schluckte, wich dem Blick seines Großvaters jedoch nicht aus. »Es waren meine Worte, da habt Ihr recht. Ich will sie auch gar nicht zurücknehmen. Doch obgleich ich die Art und Weise, in der Herr Benedikt seine Tätigkeit ausgeführt hat, nicht immer gutheißen konnte, ebenso wie die Tatsache, dass er seine eingebildete oder tatsächliche Überlegenheit mir gegenüber oft auf ungebührliche Weise zum Ausdruck brachte, kann ich doch seine Verdienste an sich anerkennen.«

»Das kannst du also.« Um Graf Johanns Mundwinkel zuckte es leicht. »Das halte ich für höchst erfreulich, zeigt es mir doch, dass du allmählich tatsächlich erwachsen zu werden scheinst.«

Offenbar war das Thema für ihn damit erledigt, denn er wandte sich erneut an seinen jüngeren Bruder. »Die Renovierungsarbeiten am Hof an der Arken sind inzwischen abgeschlossen. Wenn du willst, kannst du deinen Wohnsitz nun jederzeit dorthin verlegen. Ich rate dir dazu, dies zügig in Angriff zu nehmen, denn noch länger hinauszögern können wir deine Vermählung mit Gusti Wied nicht mehr. Es war schwierig genug, mit Martin eine Übereinkunft zu erzielen und ihn davon zu überzeugen, dass diese Eheschließung für alle Seiten zum Vorteil gereichen und darüber hinaus seiner Tochter einen nicht nur mehr als standesgemäßen, sondern auch in jeglicher anderen Hinsicht passenden Ehegemahl bescheren wird. Martin ist schon länger mein guter Freund, als du auf Erden weilst, Notker. Es ärgert mich nicht wenig, dass die Boos-Brüder auf Reinhilds Hochzeit beinahe einen Skandal vom Zaun gebrochen und damit Gustis guten Ruf und ihre Ehre in den Schmutz getreten hätten. Auch wenn wir die Hintergründe inzwischen kennen und ich nicht übel Lust gehabt hätte, diese beiden Schweinehunde in Grund und Boden zu klagen, ist doch vermutlich die Lösung, die meine Gemahlin so geistesgegenwärtig herbeigeführt hat, für alle Beteiligten die sinnvollste. Gusti ist eine liebenswerte und kluge Jungfer. Vom Temperament her vielleicht nicht ganz das, was du dir vorgestellt hast …«

Notkers Miene verfinsterte sich. »Ob und was ich mir vorstelle, steht doch sehr offensichtlich gar nicht zur Debatte. Es geht um Gustis guten Ruf und darum, dass sie nicht die Leidtragende der intriganten Winkelzüge der Familie Boos werden darf. Gedrückt habe ich mich vor der Eheschließung nicht. Du weißt selbst, was zuvor alles geregelt und in die Wege geleitet werden musste. Eine ordentliche Planung der Nachfolge der rechtlichen Gegebenheiten auf der Mantenburg waren unumgänglich, nachdem Richwin, Frieder und ich dort nun schon so lange gemeinsam die Verwaltung innehatten. Nun, da Frieder und Marie de Berge so gut wie miteinander verlobt sind und sie für das kommende Jahr bei deiner Gemahlin ausgebildet wird, den Haushalt eines nachgeborenen Grafensohnes zu führen, damit die beiden später mal das Weingut in Wied übernehmen können, war es so oder so an der Zeit, die Verwaltung unseres Grundbesitzes neu zu ordnen. Da dies nun so weit geschehen ist und das Aufgebot zu Martini bereits verkündet wurde, steht von meiner Seite der Hochzeit kurz vor Weihnachten nichts weiter im Wege.« Er trat einen Schritt rückwärts und warf dabei einen Blick über die Schulter hinüber zu Palmiros Anwesen. »Entschuldigt mich nun, ich habe noch einiges vorzubereiten, bis die Gleven und Fußsoldaten hier eintreffen. Vor allem die Unterkünfte müssen bis dahin fertiggestellt werden. Ich hoffe, die Bauarbeiten werden rechtzeitig beendet sein.« Schon wollte er sich auf den Weg zu dem Gebäude machen, das hinter Palmiros bisheriger Lagerhalle neu entstanden war und als Gesindehaus dienen würde, sobald das Dach fertig gedeckt war und die bei einem Zimmermann bestellten Betten, Türen, Truhen und weiteren Einrichtungsgegenstände geliefert worden waren.

Mit einem vernehmlichen Räuspern lenkte Palmiro Notkers Augenmerk noch einmal auf sich. »Monna Enneleyn hält sich im Augenblick mit Mariana und Gusti drüben in meinem Kontor auf, um ein wenig Ordnung in meine liegen gebliebene Korrespondenz zu bringen. Vielleicht möchtest du ihnen und ganz besonders deiner Verlobten rasch einen guten Tag wünschen.«

Mitten in der Bewegung verharrte Notker, in seinem Blick flackerte etwas auf, das man durchaus als Entsetzen hätte deuten können. »Ins Rathaus.« Seine Stimme klang, wie sein Blick gewirkt hatte. »Ich hatte ganz vergessen, dass ich noch einmal ins Rathaus muss. Die neuen Gleven müssen gemeldet werden, ebenso wie mein Antrag auf Bürgerschaft hier in der Stadt. Am besten mache ich mich gleich auf den Weg, damit diese Angelegenheiten frühestmöglich erledigt sind.« Schon wandte er sich um und strebte mit großen Schritten den Plan hinab in Richtung Burgtor.

»Aber Notker!«, rief Palmiro ihm feixend nach. »Willst du für diesen Weg nicht dein Pferd nehmen? Damit wärst du viel schneller unterwegs.«

Wie angewurzelt blieb Notker stehen, wandte sich ihm jäh zu. »Nicht nötig. Den kurzen Weg kann ich auch zu Fuß zurücklegen. Außerdem ist mein Pferd nach dem langen Ritt von der Mantenburg hierher erschöpft. Wir sehen uns später.« Damit machte er erneut auf dem Absatz kehrt und eilte weiter.

Palmiro wechselte einen vielsagenden Blick mit seinem Großvater. »Ob wir die beiden Brautleute jemals lange genug an ein und demselben Ort versammeln können werden, damit sie das Ehegelöbnis ablegen können?«

Graf Johann verzog skeptisch die Lippen. »Sorgen mache ich mir in dieser Hinsicht mehr um Notker als um Gusti. Obgleich ich zugeben muss, dass ich mich wundere, wie entschlossen sie zu sein scheint, in dieser mehr oder weniger erzwungenen Ehe das Beste für sich zu sehen. Nachdem ich die Hintergründe über das schändliche Benehmen der Boos-Brüder erfahren hatte, habe ich ihr angeboten, einen anderen Ausweg für sie zu finden. Sie hätte dieser Verlobung nicht zustimmen müssen oder sie jederzeit lösen können, ohne dass es ihr zum Schaden gereicht hätte. Doch sie hat sich geweigert, diese Alternative überhaupt in Betracht zu ziehen. Einerseits ist das sicherlich klug von ihr gedacht, andererseits erstaunt es mich jedoch nicht wenig. Sie war schon immer eng mit unserer Mariana befreundet, wohl weil beide ein ähnlich lebensfrohes und, nun ja, nennen wir es aufbrausendes Temperament besitzen. Eine derartige Abgeklärtheit will nicht recht in das Bild passen, das ich mir von ihr gemacht habe.« Er seufzte. »Aber was weiß ich schon von den Irrungen und Wirrungen des weiblichen Gemüts?«

Palmiro, der Notker mit Blicken gefolgt war, bis dieser nicht mehr zu sehen gewesen war, hob grinsend die Schultern. »Wer weiß, vielleicht mögen sie einander ja. Notker und Gusti, meine ich.«

Graf Johann hustete. »Das wäre wünschenswert, doch im Augenblick habe ich diesen Eindruck mitnichten. Und wen wundert es bei zwei solch ungleichen Geistern?«

»Es haben schon ganz andere ungleiche Geister – oder Herzen – zueinandergefunden.«

»Ist das so?« Mit hochgezogenen Brauen musterte Graf Johann Palmiro.

Palmiro wurde einer Antwort enthoben, da in diesem Moment ein Handwerker nach ihm rief und seine Anwesenheit auf der Baustelle erbat.

***

»Seit Reinhild auf Gut Langenreth lebt und sich gänzlich um Conlins Gewerbe kümmern muss, herrscht hier ein betrübliches Durcheinander«, konstatierte Enneleyn Bongert mit einem leisen Seufzen. »Ich sehe zwar, dass Master le Smithy sich mit dem Führen der Bücher Mühe gibt, aber da er immer wieder Botengänge oder Auslieferungen für Palmiro übernehmen muss und darüber hinaus mittlerweile das Geschäft mit dem Geschmeide fast gänzlich allein übernommen hat, sieht es für mich fast so aus, als würde auch er bald einen Gehilfen benötigen. Damit, dass Palmiros Geschäft sich so rasch vergrößern würde, hatte niemand gerechnet – am wenigsten er selbst.« Energisch klappte sie das vor ihr liegende Rechnungsbuch zu und legte es zur Seite, um Platz für die Briefe und Wechselurkunden zu schaffen, die Gusti und Mariana auf ihren Wink hin aus einem Regalfach hinter dem Schreibpult nahmen. Für einen Moment legte sie die Schreibfeder beiseite und verschloss das Tintenfass, dann tastete sie gewohnheitsmäßig nach der mit üppigen Stickereien verzierten Leinenhaube, die den größten Teil ihres blonden Haars bedeckte. Da die Haube erwartungsgemäß perfekt saß, faltete sie ihre Hände vor sich auf dem Pult. »Selbstverständlich helfe ich meinem lieben Palmiro nur allzu gerne aus, aber dauerhaft wird dieses Arrangement nicht funktionieren. Ich habe in unserem eigenen Kontor leidlich genug zu tun und kann auch nicht von euch erwarten, dass ihr hier immer wieder zur Hand geht. Du, Mariana, bist darüber hinaus ja auch gar nicht ausreichend bewandert in dieser Materie. Gusti profitiert zumindest davon, dass sie schon von klein auf ihrer Mutter im Gewürzkontor geholfen und über die Schulter geschaut hat.« Sie warf der hübschen rothaarigen Jungfer ein herzliches Lächeln zu. »Ich habe es schon einmal gesagt und wiederhole es gerne: Notker hat außerordentliches Glück, dich alsbald seine Gemahlin nennen zu dürfen. Bei all den Veränderungen, die auf ihn und die gesamte Familie zukommen, da sie sich nun zusammen mit Reinhild und Conlin dem Gewähren von Sicherheiten und Lombardgeschäften widmen, wird er eine Frau, die klug wirtschaften kann und Ahnung von der Buchführung hat, sowohl dringend benötigen als auch zu schätzen wissen.«

»Gewiss, Frau Enneleyn.« Gusti nickte eifrig – für Enneleyns Geschmack beinahe etwas zu eifrig – und erwiderte ihr Lächeln. »Ich werde mein Möglichstes, nein, mein Bestes tun, um meinen zukünftigen Gemahl bei diesem schwierigen Unterfangen in jeglicher Weise zu unterstützen. Das ist ja immerhin auch meine heilige Pflicht als Ehefrau.«

»Deine heilige Pflicht?« Mariana, die sich noch einmal dem Regal zugewandt hatte, drehte sich empört zu ihrer um knapp drei Jahre jüngeren Freundin herum. »Das ist ja ungeheuerlich!«

»Nein, ist es nicht«, widersprach Gusti sogleich beinahe ebenso temperamentvoll.

»Und wie es das ist!« Marianas braune Augen sprühten geradezu Funken. »Warum in aller Welt hast du in diese Verlobung eingewilligt? Ich weiß, ich habe dich dies schon unzählige Male gefragt, aber ich begreife es immer noch nicht. Vater hat dir doch angeboten, diese Farce rückgängig zu machen, nachdem du und Notker ihm erklärt hattet, was wirklich vorgefallen ist. Diese Gebrüder Boos gehören der üblen Nachrede angeklagt und ins Verlies geworfen! Sie hätten niemals solche ungeheuerlichen Gerüchte über euch verbreiten dürfen, schon gar nicht während Reinhilds Hochzeit. Ich kann ja verstehen, dass Mutter mit ihrem raschen Handeln das Schlimmste verhindern konnte, aber nun ist es doch wirklich genug. Du musst Notker nicht heiraten, wenn du es nicht willst.«

Jäh wandte Gusti sich ab und trat an eines der beiden Fenster, die zur Straße hinaus zeigten und heute wegen des relativ milden Wetters weit geöffnet waren. Dort drehte sie sich wieder zu Mariana um. »Ich habe nie gesagt, dass ich ihn nicht heiraten will.«

»Weil du dich nicht getraut hast«, folgerte Mariana.

»Das ist nicht wahr.« Gusti verschränkte die Arme vor dem Leib. »Ich werde aus freien Stücken mit ihm vor die Kirchenpforte treten. Es ist die beste Lösung für alle Seiten, denn damit vermeide ich nicht nur neuerliches Aufsehen, sondern tue auch sowohl seiner als auch meiner Familie einen Gefallen. Diese neue familiäre Verbindung wird für uns alle von großem Vorteil sein. Außerdem ist Notker ein guter, ehrenhafter Mann.« Sie schluckte und setzte etwas leiser hinzu: »Und recht schneidig ist er obendrein.«

»Schneidig?« Mariana prustete, schnaubte und starrte ihre Freundin entgeistert an. »Wir reden hier von Notker! Meinem Onkel Notker. Ich kann mich nicht erinnern, dass du ihn, solange wir uns kennen, und das ist schon recht lange, jemals als schneidig bezeichnet hättest oder auch nur einen einzigen Gedanken an ihn verschwendet hättest. Und nun das! Ich erkenne dich kaum wieder, Gusti! Bist du sicher, dass du das wirklich, wirklich willst? Ich meine … Notker. Ich begreife es einfach nicht.«

»Es ist ja auch gar nicht an dir, dies zu begreifen!«, konterte Gusti aufgebracht. »Es ist allein meine Entscheidung, und davon bringt mich niemand mehr ab. Auch du nicht. Überhaupt … Warum regst eigentlich ausgerechnet du dich so sehr darüber auf, dass ich diese vernünftige und für alle Seiten erfreuliche Entscheidung getroffen habe? Warst du es nicht, die noch vor wenigen Wochen so entschlossen war, sich bis spätestens Weihnachten einen passenden Gemahl zu angeln? Und wo wir schon dabei sind, wie weit sind denn deine Pläne diesbezüglich gediehen? Von großem Erfolg gekrönt scheinen sie bislang nicht zu sein.« Herausfordernd reckte sie das Kinn.

Für einen Moment starrte Mariana Gusti verblüfft an, dann trat sie mit großen Schritten auf sie zu und blieb dicht vor ihr stehen. »Aufgrund der Ereignisse während und nach der Hochzeit habe ich meine eigenen Pläne vorläufig hintangestellt, das ist doch nur verständlich, nein, selbstverständlich! Nun behaupte bitte nicht, du habest aus Verzweiflung wegen meiner Pläne dir diese zum Vorbild genommen.«

Nun war es an Gusti, die Freundin verblüfft anzustarren. »Aus Verzweiflung?«

Mariana hob in einer ratlosen Geste beide Hände, ließ sie jedoch gleich wieder sinken. »Du hast mich doch selbst einmal gefragt, was aus dir werden soll, wenn ich verheiratet bin, und hast die Sorge geäußert, dass ich dann womöglich keine Zeit mehr für dich haben werde. Dies habe ich vehement verneint, wie du dich hoffentlich noch erinnerst. Ich will nicht, dass du etwas Unüberlegtes tust, nur weil ich beschlossen habe, so bald wie möglich zu heiraten. Ich bin immerhin älter als du.«

»Das ist ja …« Fahrig griff Gusti sich an den Kopf, zupfte an ihren roten Locken herum und hätte dabei beinahe den filigranen silbernen Jungfernkranz mitsamt dem daran befestigten kurzen Schleier zu Fall gebracht. Hastig richtete sie den Kopfschmuck wieder. »Um Himmels willen, Mariana, nicht alles und jedes dreht sich immer nur um dich. Meine Entscheidung hat mit der deinen überhaupt nichts zu tun. Vielleicht weiß aber ich im Gegensatz zu dir besser, was gut für mich ist, und ergreife die Gelegenheit, wenn sie sich mir bietet, anstatt mir selbst etwas vorzumachen.«

»Was in aller Welt soll das denn heißen?« Vollkommen außer sich fasste Mariana Gusti am Arm und schüttelte sie leicht. »Was willst du damit sagen?«

»Bei allen Heiligen!« Erschrocken sprang Enneleyn von ihrem Sitz hinter dem Schreibpult auf und hastete zu den beiden Jungfern. »Was ist denn in euch gefahren? Mariana, lass Gusti sofort los. Was ist das denn für ein Betragen? Ich dachte, ihr seid Freundinnen.«

Sogleich ließ Mariana wieder von Gusti ab, und ihre Wut schien ebenso schnell zu verrauchen, wie sie ausgebrochen war. »Verzeih, Gusti, ich wollte dich nicht angreifen.«

Gusti schürzte die Lippen, nickte, dann lächelte sie grimmig. »Doch, wolltest du. Aber ich bin dir deshalb nicht böse. Ich weiß nicht, wie es auf dich wirken muss, dass ich in wenigen Wochen deinen Onkel heiraten werde.« Sie stockte, biss sich auf die Unterlippe, dann kicherte sie plötzlich los. »Ich werde deine Tante sein.«

Verwirrt runzelte Mariana die Stirn; im nächsten Augenblick prustete sie auf höchst unschickliche Weise los und krümmte sich vor Lachen, ebenso wie ihre Freundin. »Tante Gusti«, japste sie und löste damit nicht nur bei sich selbst, sondern auch bei ihrer Freundin einen weiteren Lachanfall aus.

Befremdet, jedoch durchaus amüsiert, betrachtete Enneleyn ihre um viele Jahre jüngere Schwester und die junge Kaufmannstochter. »Freundinnen, fürwahr.« Schmunzelnd wollte sie zurück zum Schreibpult gehen, als sich die Eingangstür öffnete und Palmiro eintrat.

»Hier geht es ja lustig zu«, stellte er erfreut fest. »Darf ich erfahren, was zu diesem Heiterkeitsausbruch geführt hat? Etwas zum Lachen würde mir den Tag ganz sicher ebenfalls versüßen.«

»Ich glaube, das willst du lieber nicht wissen.« Enneleyn machte wieder kehrt und trat auf ihn zu. Jedes Mal, wenn sie ihn sah, konnte sie nicht umhin, ihn gleichermaßen stolz, liebevoll und besorgt zu mustern. Diese Mischung an Emotionen überkam sie immer, wenn sie eines ihrer Kinder erblickte. Palmiro war zwar nicht ihr eigen Fleisch und Blut, besaß jedoch einen ebenso festen und unverrückbaren Platz in ihrem Herzen wie ihre Söhne Valentin und Thomas und ihre Tochter Waltraud. Er war ihr Sohn und würde niemals etwas anderes sein.

»War das nicht eben Notker, den ich vorbeireiten sah? Ist er hier?« Bei diesem Themenwechsel konnte sie beobachten, dass Gusti sichtlich erschrocken zusammenzuckte und mehr ängstlich denn erfreut zum Fenster hinausblickte, wohl um herauszufinden, ob ihr Verlobter in Sichtweite war. Im nächsten Moment strich die Jungfer sich mit beiden Händen fahrig über den hellbraunen, mit silbernen Borten verzierten Surcot.

»Ich sehe mal nach, ob Minta in der Küche ist und Hilfe benötigt«, murmelte sie und war bereits auf dem Weg zu der Tür, die in die hinteren Räume des Hauses führte.

»Notker ist hinüber zum Rathaus gegangen.« Palmiros Worte ließen Gusti innehalten. »Er hatte es überaus eilig und lässt sich bei euch deshalb entschuldigen.«

Skeptisch musterte Enneleyn ihn. »Er lässt sich entschuldigen?«

»Nicht mit allzu vielen Worten.« Palmiro lächelte ihr vielsagend zu. »Aber ich bin mir sicher, dass es ihm sehr leidtut, dass er seine liebreizende Braut durch diese wichtigen Geschäfte verpasst.«

»Natürlich.« Enneleyn wechselte einen verständnisinnigen Blick mit ihrem Sohn. Als sie sich zu Gusti umwandte, bemerkte sie, dass diese bereits wieder kehrtgemacht hatte und neben ihr stehen geblieben war. »Wolltest du nicht zu Minta in die Küche gehen?«

»Ach, hm, ja, natürlich.« Verunsichert blickte die junge Frau zwischen der Tür, Enneleyn und Palmiro hin und her.

»Natürlich könntest du dich ebenso gut um die Abschriften der Wechselurkunden kümmern«, schlug Enneleyn mit betont sanfter Stimme vor. Sie sah Gusti an, wie nervös und aufgewühlt sie war, und beschloss, dieser Sache zwischen Notker und Gusti alsbald auf den Grund zu gehen. Beide führten sich seit der unfreiwilligen Verlobung auf Reinhilds Hochzeit überaus merkwürdig auf und versuchten einander möglichst weiträumig aus dem Weg zu gehen. Gleichzeitig betonten sie beide immer wieder mit Nachdruck, dass sie dieser Eheschließung ohne Vorbehalte zustimmten. Irgendetwas stimmte hier ganz und gar nicht, und sie wollte auf jeden Fall verhindern, dass sich diese grundverschiedenen Menschen, die ihr beide sehr am Herzen lagen, durch ein vor Gott unauflösbares Gelübde aneinanderbanden, wenn sie dies nicht wirklich und wahrhaftig wollten.

»Ja, selbstverständlich, das tue ich sehr gern.« Eilfertig ließ sich Gusti hinter dem Schreibpult nieder und griff mit der einen Hand nach dem Stapel Wechselurkunden, mit der anderen nach einem leeren Pergament. Dabei hätte sie beinahe in ihrem Übereifer das Tintenfass umgestoßen. Gerade noch konnte sie es auffangen und zurück an seinen Platz stellen. »Verzeihung«, murmelte sie mit geröteten Wangen. »Ich scheine heute ein wenig ungeschickt zu sein.«

»Warte, hier ist eine neue Schreibfeder. Die von Enneleyn ist schon ganz zerfranst.« Mariana war neben Gusti getreten und reichte ihr eine neue Schreibfeder aus einer rechteckigen Schachtel, die im Regal stand. »Soll ich dir diktieren?«

Da die beiden Jungfern sich wieder zu vertragen schienen, wandte Enneleyn sich Palmiro zu. »Die Bau- und Renovierungsarbeiten kommen gut voran, nicht wahr? Ich war ganz überrascht, als ich vorhin hier eintraf und das Material für die neuen Fußböden nebenan bereits geliefert worden war. Das ging ja schneller als gedacht.«

»Ausreichend Münzen im Geldbeutel machen es möglich.« Palmiro zuckte mit den Achseln, lächelte dann aber. »Ich wünschte zwar, es wären allesamt meine Münzen, aber beklagen werde ich mich ganz sicher nicht. Ich weiß, dass Vater nicht ganz glücklich mit meiner Entscheidung ist, die Bestände dieses Großhändlers aus Moers aufzukaufen. Umso dankbarer bin ich, dass er dennoch hinter mir steht und mich unterstützt. Ebenso wie Großvater, der eigentlich mit den neuen Geschäftsverbindungen zu Gut Langenreth schon genug um die Ohren hat. Notker sagt, er hat drei Gleven und fünfzehn Mann Fußvolk aufbringen können. Die Männer werden voraussichtlich bis zum Tag des heiligen Nikolaus in Koblenz eintreffen. Ich hoffe sehr, dass bis dahin das neue Gesindehaus bewohnbar sein wird.«

Bedächtig nickte Enneleyn und trat nun ihrerseits ans Fenster, um hinaus auf den Plan zu sehen, auf dem jetzt, kurz vor der Mittagszeit, reger Betrieb herrschte. Neben den Handwerkern und Laufburschen, die sich um die Baustelle nebenan kümmerten, konnte sie Knechte und Mägde erkennen, die ihren Verrichtungen nachgingen, Bauern mit Handkarren auf dem Weg zum Markt oder zu den Scharren, die sich an den Plan anschlossen, Männer und Frauen auf dem Weg zu irgendwelchen Besorgungen und eine Schar Kinder, die lachend und kreischend Fangen spielten. Irgendwo bellte ein Hund, im Hof hinter dem Haus krähte der Hahn und gackerten die Hühner. Sie lächelte leicht. »Wenn sich das Wetter noch ein wenig länger hält, sollte das doch machbar sein, oder nicht?«

»Sollte es«, bestätigte Palmiro.

»Kehrt Master le Smithy ebenfalls bald nach Koblenz zurück? Er ist schon eine ganze Weile unterwegs, nicht wahr?«

»Seit gut zehn Tagen«, bestätigte Palmiro. »Die Geschäfte mit dem Kloster Eberbach laufen ausgezeichnet. Morgen oder übermorgen sollte er wieder hier sein.«

»Wird er dann ein wenig Zeit für deine Bücher aufbringen?« Kurz warf Enneleyn einen Blick über die Schulter auf Mariana und Gusti, die sich einträchtig über die Wechselurkunden beugten. Mariana diktierte Gusti halblaut den Wortlaut eines Schriftstücks, den Gusti sorgsam niederschrieb. »Versteh mich nicht falsch, wir helfen dir sehr gerne, aber dies kann kein Dauerzustand sein. Dein Vater braucht mich in unserem eigenen Kontor, und Gusti und Mariana haben ebenfalls andere Pflichten.«

»Ich weiß.« Das Lächeln auf Palmiros Lippen schwand. »Durch den Kauf des Nachbaranwesens und die Umbau- und Renovierungsarbeiten ist alles ein wenig aus dem Tritt geraten. Ich bin sicher, es wird sich alsbald wieder einspielen und seinen geregelten Gang gehen. Ich bin Euch, Monna Enneleyn, zu außerordentlichem Dank verpflichtet, ebenso wie Gusti und Mariana. Ich wüsste nicht, was ich ohne eure Hilfe tun sollte. Brauchbare Gehilfen sind leider rar, und bis mein Geschäft nicht auf sicheren Füßen steht, werde ich wohl kaum Lehrlinge aufnehmen können, die mir einen Teil der Arbeit abnehmen.« Er trat neben sie ans Fenster und blickte ebenfalls hinaus, sagte jedoch nichts weiter.

Schweigend blickte Enneleyn Palmiro von der Seite an. Er war von dem schmächtigen, frechen Gassenjungen aus Mailand mit dem engelsgleichen Lächeln zu einem stattlichen und überaus ansehnlichen Mann herangewachsen, dessen kluger Kopf und gutes Herz ihn ebenso auszeichneten wie sein Übermut und die Veranlagung, sich selbst ein wenig zu überschätzen. Ihr Herz weitete sich immer mehr, je länger sie ihn betrachtete. Wie sehr sie ihn liebte!

»Du brauchst eine Frau.« Als sich sein Blick verdutzt auf sie richtete, räusperte sie sich. »Verzeih, Palmiro, ich wollte nicht so mit der Tür ins Haus fallen, aber es ist, wie es ist. Reinhild hat sich ganz wunderbar um deine Bücher gekümmert und sicherlich noch um einiges sonst hier im Kontor, doch sie ist nun voll und ganz mit Conlins Gewerbe und mit ihrer neuen Familie beschäftigt. Du brauchst hier jemanden, der sich um alles kümmert, während du deine Geschäfte führst.«

»Einen Gehilfen.«

Sie nickte, schüttelte jedoch gleich darauf den Kopf. »Gehilfen sind nützlich, doch du brauchst auch jemanden … für dich. Jemanden, der sich um dich kümmert, dein Wohlergehen im Auge hat. Du solltest daran denken, allmählich eine Familie zu gründen.«

Er nickte zwar, sagte jedoch nichts darauf, und sie sah ihm an, dass etwas in ihm arbeitete. So war es immer, wenn sie dieses Thema ansprach. Sie wusste natürlich, dass es junge Männer gab, denen der Gedanke, zu heiraten und eine Familie zu gründen, Angst einjagte. Eine Ehe, eine Familie bedeuteten große Verantwortung, aber auch große Freude, Zufriedenheit, im besten Falle sogar Glück. All dies wünschte sie sich von Herzen für Palmiro, gleichwohl ahnte sie, dass etwas ihn umtrieb, ihn davon abhielt, sich der Möglichkeit eines solchen Glücks zu öffnen.

Dennoch suchte sie hoffnungsvoll seinen Blick und ergriff seine Hand, drückte sie leicht. »Gibt es in Koblenz keine hübsche Maid, die dir gefallen könnte?«

Es dauerte einen langen Moment, bis er antwortete: »Bislang ist mir noch keine begegnet.«

»In nächster Zeit wird es einige Zunftbankette geben und bis Weihnachten noch die eine oder andere Gesellschaft der einflussreichen Familien.« Sie versuchte sich an einem ermutigenden Lächeln. »Ich könnte dir die eine oder andere liebenswerte und kluge …«

»Lieber nicht.«

»… Jungfer vorstellen«, vollendete sie trotz seiner Unterbrechung den Satz. Aufmerksam suchte sie erneut seinen Blick. »Warum nicht?«

»Ich bin nicht bereit für … so etwas, Monna Enneleyn.«

»Ich verstehe ja, dass der Gedanke beängstigend sein kann«, versuchte sie es erneut. »Aber ich versichere dir …«

»Nein, bitte, Mutter.« Der Blick, der sie aus seinen braunen Augen traf, und sein eindringlicher Tonfall versetzten ihr einen schmerzlichen Stich, und das nicht nur, weil er sie nur sehr selten Mutter nannte. Das unvermittelte, liebevolle Lächeln, das seinen Worten folgte, schmerzte sie womöglich noch mehr. »Es ist gut so, wie es ist. Ich werde eine Lösung finden, ganz sicher. Bald, das verspreche ich Euch.«

Sie nickte nur schweigend, denn sie wusste, dass kein Argument der Welt ihn würde umstimmen können. Sogar den Grund dafür erahnte sie, doch darauf ansprechen würde sie ihn nicht, zumindest nicht hier und heute. Doch ihr Herz wurde schwer, wie immer, wenn sie bei einem ihrer Kinder ein Herzeleid erahnte.

3. Kapitel

Ihr seid ganz sicher, dass die Gewährung der Sicherheit für diese Warenlieferungen Eure Möglichkeiten, oder vielmehr die Eures Gemahls, nicht übersteigen?« Heinrich Holender, ein kleiner, drahtiger Mann von bereits Anfang oder Mitte sechzig, mit steingrauem Haar, Bart und ebensolchen Augen, musterte Reinhild von seinem Sitzplatz gegenüber ihrem Schreibpult mit skeptischem Blick. »Versteht mich nicht falsch, ich bin hier aufgrund der Fürsprache unserer beider Bürgermeister, dennoch wird es mir erlaubt sein, mich zumindest zu wundern, woher so plötzlich Euer Kapital stammt sowie die nicht geringe Anzahl an Männern, die Ihr inzwischen zur Sicherung von Handelskarawanen abzustellen in der Lage seid. Mir ist zwar durchaus bewusst, dass Graf Johann von Manten ganz sicher erheblich in das neue Gewerbe seines Schwiegersohnes investiert haben dürfte, dennoch halte ich es für erstaunlich, in welch kurzer Zeit Ihr Euch praktisch aus dem Nichts in die oberste Riege der Sicherheitengeber in und rund um Koblenz gedrängt habt. Immerhin galt Herr Conlin, Verzeihung, Graf Conlin vom Langenreth«, verbesserte er sich rasch, »noch bis vor Kurzem als mehr oder weniger verarmt.«

Reinhild, die auf einem bequem gepolsterten Stuhl hinter dem klobigen Schreibpult in der Schreibstube ihres Gemahls saß, rang sich ein Lächeln ab, das, wie sie hoffte, unbefangen und gleichmütig auf ihren Gast wirkte. Ihre Nervosität wollte sie sich um keinen Preis anmerken lassen, deshalb vermied sie es angestrengt, dem Bedürfnis zu folgen, sich an ihre mit Silberfäden durchwirkte weiße Samthaube zu greifen, um zu prüfen, ob sie noch ordentlich auf ihrem blonden, zu ordentlichen Schnecken aufgesteckten Haar saß. »Seid versichert, Herr Holender, dass Ihr nicht der erste Mann seid, der diese Fragen stellt. Doch wie allen übrigen unserer Kunden kann ich auch Euch versichern, dass Ihr Euch hinsichtlich unseres Kapitals und der Geldsummen, die wir als Sicherheit für Eure Waren zur Verfügung stellen werden, keine Gedanken zu machen braucht. Nicht nur die Fürsprache meines Vaters, des wohledlen Grafen Johann, und die unseres guten Freundes Martin Wied, sondern auch das meinem Gemahl von weiteren befreundeten Kaufleuten aus Koblenz wie auch aus der Stadt Köln entgegengebrachte Vertrauen hat uns bereits nach kurzer Zeit in die Lage versetzt, unser Geschäft auf sichere Füße zu stellen.« Dass hierzu nicht nur besagte Fürsprache und der Vertrauensvorschuss einiger bekannter Kaufmänner vonnöten gewesen waren, sondern auch die Aufnahme eines nicht geringen Kredits durch Reinhild bei der jüdischen Geldverleiherin Reynette Bonenfant, würde sie ihm wohlweislich nicht verraten. Diese Tatsache bereitete ihr, obgleich sie den Fähigkeiten ihres Gemahls voll und...

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