×

Ihre Vorbestellung zum Buch »Die Reise der Sommerfrauen«

Wir benachrichtigen Sie, sobald »Die Reise der Sommerfrauen« erhältlich ist. Hinterlegen Sie einfach Ihre E-Mail-Adresse. Ihren Kauf können Sie mit Erhalt der E-Mail am Erscheinungstag des Buches abschließen.

Die Reise der Sommerfrauen

Als Buch hier erhältlich:

Sommerreise zu neuen Träumen

Kathleen will sich wieder ins Abenteuer stürzen und lieber die große Reise quer durch die USA unternehmen – statt ins Seniorenheim zu ziehen. Ihre Tochter Liza steckt mitten im Alltagstrubel mit Mann und Kindern. Da fehlten ihr neue Sorgen um ihre Mutter gerade noch. Aber sie treffen eine Vereinbarung: Liza hütet das Cottage in Cornwall, wenn Kathleen sich von jemandem fahren lässt. Das übernimmt die junge Martha allzu gern und nutzt die Chance, endlich den Erwartungen ihrer Familie zu entfliehen.

Vor den drei Frauen liegt ein Sommer voll Liebe und neuer Wege ins Glück.

»Turbulent!« Meins


  • Erscheinungstag: 22.03.2022
  • Seitenanzahl: 400
  • ISBN/Artikelnummer: 9783365000083
  • E-Book Format: ePub
  • E-Book sofort lieferbar

Leseprobe

Für Susan Ginsburg, die Beste der Besten,
mit Dank für ihre Unterstützung,
Führung und Freundschaft

Es ist nie zu spät für ein Abenteuer.

1. KAPITEL

Kathleen

Der Becher Milch hatte sie gerettet. Er und der salzige Schinken zum Abendessen, der ihr einen trockenen Mund beschert hatte.

Wenn sie keinen Durst gehabt und noch immer oben geschlafen hätte auf der lachhaft teuren Matratze, die sie sich zum achtzigsten Geburtstag geschenkt hatte, dann hätte sie nichts bemerkt.

So aber stand sie vor dem Kühlschrank, den Milchkarton in der einen und den Becher in der anderen Hand, als sie ein lautes Rumsen hörte. In der grünen Dunkelheit des englischen Landlebens, wo der Ruf einer Eule und das gelegentliche Blöken eines Schafes die einzigen Laute sein sollten, war das Geräusch ungewöhnlich.

Behutsam stellte sie den Becher ab und neigte lauschend den Kopf, um den Ursprung zu lokalisieren. Die Hintertür. Hatte sie schon wieder vergessen, sie abzuschließen?

Fahles Mondlicht erhellte die Küche, und sie war froh, dass sie kein Licht angemacht hatte. Das verschaffte ihr einen Vorteil, oder?

Sie stellte die Milch zurück und schloss leise die Kühlschranktür. Nun war sie sicher, dass sie nicht allein im Haus war.

Wenige Minuten zuvor hatte sie noch geschlafen. Nicht besonders tief – das geschah inzwischen nur noch selten –, sondern auf einer Welle von Träumen dahindämmernd. Wenn ihr früher jemand gesagt hätte, dass sie auch mit achtzig noch träumen und ihre Abenteuer genießen würde, hätte sie weniger Angst vor dem Altwerden gehabt. Und es war nicht mehr zu ignorieren, dass sie alt wurde.

Die Leute sagten zwar, sie sei topfit für ihr Alter, doch die meiste Zeit fühlte sie sich nicht topfit. Die Lösungsworte für ihre geliebten Kreuzworträtsel fielen ihr nicht mehr ein. Namen und Gesichter wollten im entscheidenden Moment nicht mehr zusammenpassen. Sie hatte Mühe, sich zu erinnern, was sie am Tag zuvor getan hatte, doch wenn sie sich zwanzig Jahre oder mehr zurückversetzte, war ihre Erinnerung kristallklar.

Und dann gab es noch die körperlichen Veränderungen – sehen und hören konnte sie Gott sei Dank noch gut, doch ihre Knochen und Gelenke knackten und schmerzten. Sich hinunterzubeugen, um die Katze zu füttern, stellte eine Herausforderung dar. Die Treppe nach oben strengte sie mehr an, als ihr lieb war, und sie ging sie immer nur mit einer Hand auf dem Geländer – für den Fall des Falles.

Sie war nie der Typ gewesen, der für den Fall des Falles lebte.

Ihre Tochter Liza wollte, dass sie sich einen Notrufknopf anschaffte. Eines von diesen Alarmsystemen, die man wie ein Armband trug und bei denen man im Notfall nur einen Knopf drücken musste. Doch Kathleen hatte abgelehnt. Sie war schon in ihrer Jugend um die Welt gereist, lange bevor das Reisen in Mode gekommen war. Sie hatte ihre Sicherheit ohne Zögern für das Abenteuer geopfert. Heute fühlte sie sich an den meisten Tagen wie ein völlig anderer Mensch.

Freunde zu verlieren machte die Sache nicht besser. Einer nach dem anderen blieben sie auf der Strecke und nahmen die gemeinsamen Erinnerungen mit sich. Mit jedem Verlust verschwand ein kleiner Teil ihrer Selbst. Sie hatte Jahrzehnte gebraucht, um zu begreifen, dass man nicht einsam war, weil man zu wenige Menschen in seinem Leben hatte, sondern weil man zu wenige Menschen hatte, die einen kannten und verstanden.

Sie kämpfte verzweifelt darum, einen Teil ihres früheren Ichs zu bewahren. Aus diesem Grund ignorierte sie Lizas Bitten, sie möge den Teppich aus dem Wohnzimmer entfernen und nicht mehr die Trittleiter benutzen, um Bücher aus dem obersten Regalfach zu holen, und sie möge nachts ein Licht anlassen. Jeder Kompromiss bedeutete, ein weiteres Stück ihrer Unabhängigkeit aufzugeben, und der Verlust dieser Unabhängigkeit machte ihr am meisten Angst.

Kathleen war die Rebellin in der Familie gewesen, und sie war es noch immer – auch wenn sie sich fragte, ob Rebellen zitternde Hände und ein heftig klopfendes Herz haben sollten.

Sie hörte schwere Schritte. Jemand durchsuchte das Haus. Wonach? Welche Schätze hoffte man hier zu finden? Und warum versuchte die Person nicht, ihre Anwesenheit zu verbergen?

Nachdem sie immer alle Mahnungen, ihr könne etwas zustoßen, resolut ignoriert hatte, musste sie die Möglichkeit nun doch anerkennen. Vielleicht hätte sie nicht so stur sein sollen. Wie lange hätte es vom Drücken des Notrufknopfs bis zum Eintreffen der Kavallerie wohl gedauert?

Tatsächlich bestand die Kavallerie aus Finn Cool, der drei Felder weiter wohnte. Finn war Musiker und hatte das Anwesen gekauft, weil es keine direkten Nachbarn gab. Seine Eskapaden sorgten für Gesprächsstoff im Dorf. Er veranstaltete bis spät in die Nacht Partys mit berühmten Gästen aus London, die die Einheimischen in Angst und Schrecken versetzten, wenn sie mit ihren protzigen Sportwagen zu schnell durch die engen Straßen rasten. Jemand hatte in der Post eine Petition aufgehängt, die Partys zu verbieten. Es hatte Gerüchte gegeben über Drogen und halb nackte Frauen, und das alles klang nach so viel Spaß, dass Kathleen versucht gewesen war, sich selbst dort einzuladen. Lieber das als eine langweilige Frauengruppe, in der man buk und strickte und Bananenbrot-Rezepte austauschte.

In diesem speziellen Krisenmoment würde Finn ihr jedoch nichts nutzen. Höchstwahrscheinlich saß er gerade mit Kopfhörer in seinem Studio oder war betrunken. In jedem Fall würde er ihren Hilfeschrei nicht hören.

Um die Polizei zu rufen, musste sie durch die Küche und über den Flur ins Wohnzimmer, wo das Telefon stand, was allerdings ihre Anwesenheit verraten würde. Ihre Familie hatte ihr ein Handy geschenkt, das aber noch unbenutzt in seiner Verpackung lag. Ihre Abenteuerlust erstreckte sich nicht auf Technik. Und der Gedanke, dass eine namen- und gesichtslose Person jede ihrer Bewegungen verfolgte, gefiel ihr nicht.

Wieder hörte sie ein Rumsen, diesmal lauter. Kathleen legte die Hand auf ihr Herz. Sie fühlte, wie es raste. Immerhin tat es noch seinen Dienst. Vermutlich sollte sie dankbar dafür sein.

Als sie sich ein bisschen mehr Abenteuer gewünscht hatte, hatte sie nicht an so was wie das hier gedacht. Was sollte sie tun? Sie hatte keinen Knopf, den sie drücken konnte, kein Telefon, um jemanden zu Hilfe zu rufen. Also musste sie allein damit fertigwerden.

Fast meinte sie Lizas Stimme zu hören: Mum, ich habe dich gewarnt!

Wenn sie überlebte, würde sie das noch lange zu hören bekommen.

Ihre Angst wich der Wut. Wegen dieses Einbrechers würde man sie als alt und hilfsbedürftig betrachten und sie zwingen, ihre restlichen Tage in einem winzigen Zimmer zu verbringen mit Pflegern, die ihr das Fleisch klein schnitten, übertrieben laut mit ihr sprachen und ihr ins Badezimmer halfen. Das Leben, wie sie es kannte, wäre vorbei.

Das würde sie nicht zulassen.

Lieber starb sie durch die Hand des Einbrechers. Zumindest würde ihr Nachruf interessant sein.

Noch besser wäre es, wenn sie am Leben blieb und bewies, dass sie allein zurechtkam.

Sie sah sich in der Küche nach einer geeigneten Waffe um und erblickte die schwere schwarze Grillpfanne, in der sie vorhin noch den Schinken gebraten hatte.

Sie nahm sie leise vom Herd und umklammerte den Griff, als sie zu der Tür schlich, die von der Küche in den Flur führte. Die Fliesen unter ihren Füßen fühlten sich kühl an. Glücklicherweise war sie barfuß. Kein Geräusch. Nichts, das sie verraten konnte. Der Vorteil lag bei ihr.

Sie konnte das! Hatte sie nicht mal in den Seitengassen von Paris einen Straßenräuber abgewehrt? Sicher, damals war sie deutlich jünger gewesen, doch dieses Mal lag das Überraschungsmoment bei ihr.

Wie viele waren es?

Mehr als einer würde schwierig werden.

Handelte es sich um einen professionellen Raubzug? Aber ein Profi wäre wohl kaum so laut und ungeschickt. Falls es Jugendliche waren, die es auf ihren Fernseher abgesehen hatten, würden sie enttäuscht sein. Ihre Enkelinnen hatten versucht, sie vom Kauf eines Smart-Fernsehers zu überzeugen. Doch warum sollte sie so etwas brauchen? Sie war mit dem IQ ihres jetzigen Geräts völlig zufrieden, vielen Dank. Technik gab ihr immer das Gefühl, dumm zu sein. Sie brauchte die Dinge nicht noch smarter, als sie bereits waren.

Vielleicht würden sie gar nicht in die Küche kommen. Sie könnte sich verstecken, bis die Einbrecher sich genommen hatten, was sie wollten, und wieder abhauten.

Sie würden nie erfahren, dass sie hier war.

Sie würden …

Ganz in der Nähe knarzte ein Dielenbrett. Es gab kein Knarren oder Quietschen in diesem Haus, das sie nicht kannte. Jemand stand direkt vor der Tür.

Ihre Knie wurden weich.

Oh Kathleen, Kathleen.

Sie umklammerte den Pfannengriff mit beiden Händen.

Warum war sie nicht in Selbstverteidigungskurse gegangen statt zum Senioren-Yoga? Welchen Nutzen hatte der herabschauende Hund, wenn man eigentlich einen Wachhund brauchte?

Die Tür öffnete sich, ein Schatten schlich herein, und ohne weiter nachzudenken, hob sie die schwere Grillpfanne hoch und ließ sie nach unten sausen. Es gab ein dumpfes Geräusch und eine Erschütterung, als sie seinen Kopf traf.

»Es tut mir so leid … Ich meine …« Warum entschuldigte sie sich? Lächerlich!

Der Mann hob reflexartig einen Arm und schwankte. Durch die Armbewegung prallte die Pfanne zurück an Kathleens Kopf. Der Schmerz war so stark, dass ihr schwarz vor Augen wurde. Sie bereitete sich darauf vor, hier und jetzt ihr Leben zu beenden und ihrer Tochter damit recht zu geben – da ging der Mann zu Boden. Als sein Kopf auf die Fliesen knallte, knirschte es.

Kathleen erstarrte. War’s das oder würde er plötzlich aufspringen und sie umbringen?

Nein. Entgegen jeder Wahrscheinlichkeit stand sie noch immer aufrecht, wohingegen der Einbrecher regungslos am Boden lag. Der Geruch von Alkohol stieg ihr in die Nase, und Kathleen verzog das Gesicht.

Betrunken.

Ihr Herz raste so sehr, dass sie befürchtete, es könne über sich selbst stolpern und aufgeben.

Sie umklammerte die Grillpfanne fester.

Hatte er einen Komplizen?

Sie hielt den Atem an und wappnete sich, dass jemand herbeigeeilt kam, um nach der Ursache des Lärms zu forschen, doch es blieb still.

Zaghaft trat sie an die Tür und sah hinaus in den Flur. Er war leer.

Es schien, als sei der Mann allein.

Schließlich riskierte sie, ihn näher anzuschauen.

Er lag noch immer vor ihren Füßen, groß, massig und ganz in Schwarz gekleidet. Der Dreck an seinem Hosensaum ließ darauf schließen, dass er über die Felder zur Rückseite des Hauses gelaufen war. Sie konnte seine Gesichtszüge nicht erkennen, weil er kopfüber nach vorne gefallen war, aus einer Wunde floss Blut auf ihren Küchenboden.

Kathleen war schwindlig, und sie presste die Hand gegen ihren pochenden Schädel.

Was jetzt? Sollte man jemandem Erste Hilfe leisten, dessen Verletzung man selbst verursacht hatte? War das hilfsbereit oder heuchlerisch? Oder war Erste und jede andere Hilfe bei ihm vergebens?

Sie stupste seinen Körper mit ihrem nackten Fuß an, doch keine Reaktion.

Hatte sie ihn umgebracht?

Die enorme Tragweite dieses Gedankens erschütterte sie.

Wenn er tot war, war sie eine Mörderin.

Als Liza sich gewünscht hatte, ihre Mutter irgendwo sicher untergebracht zu wissen, wo man sie ohne lange Fahrzeit besuchen konnte, hatte sie vermutlich nicht an ein Gefängnis gedacht.

Wer war er? Hatte er Familie? Was hatte er vorgehabt, als er bei ihr eingebrochen war?

Kathleen legte die Pfanne zur Seite und zwang sich, auf zitternden Beinen ins Wohnzimmer zum Telefon zu gehen. Etwas kitzelte an ihrer Wange. Blut. Ihr Blut.

Sie nahm den Hörer ab und wählte zum ersten Mal in ihrem Leben den Notruf.

Hinter der Panik und dem Schock verbarg sich etwas, das sich sehr nach Stolz anfühlte. Sie war überhaupt nicht so schwach und wehrlos, wie alle zu glauben schienen!

Als sich eine Frauenstimme meldete, sprach Kathleen klar und ohne zu zögern.

»Da ist eine Leiche in meiner Küche«, sagte sie. »Ich nehme an, Sie wollen kommen und sie abholen.«

2. KAPITEL

Liza

»Ich hab’s ja gesagt! Hab ich es nicht gesagt? Ich wusste, dass so was passieren würde.«

Liza schleuderte ihre Tasche auf den Rücksitz und setzte sich hinters Steuer. Ihr Magen knurrte. Sie hatte keinen Lunch gehabt, weil sie zu viel zu tun hatte, um zu essen. Die Schule, an der sie unterrichtete, steuerte auf die Sommer-Examen zu, und sie hatte gerade zwei Schülern geholfen, ihre Arbeit für den Kunstkurs fertigzustellen, als der Anruf aus dem Krankenhaus kam.

Der Anruf, den sie immer gefürchtet hatte.

Sie hatte jemanden gefunden, der den Rest ihrer Unterrichtsstunden übernahm, und war mit klopfendem Herzen und klammen Fingern den kurzen Weg nach Hause gefahren. Bei ihrer Mutter war in den frühen Morgenstunden eingebrochen worden, und sie erfuhr erst jetzt davon? Sie war voller Angst und zugleich ziemlich wütend.

Ihre Mutter war so hochmütig. Laut der Polizei hatte sie die Hintertür offen gelassen. Liza wäre nicht überrascht gewesen, wenn sie den Mann eingeladen und ihm einen Tee gemacht hätte.

Warum schlagen Sie mir nicht auf den Kopf?

Sean beugte sich durch das Fenster zu ihr ins Auto. Er hatte sein Meeting sofort verlassen und trug ein Hemd im Blauton seiner Augen. »Habe ich Zeit, mich umzuziehen?«

»Ich habe dir eine Tasche gepackt.«

»Danke.« Er löste einen weiteren Hemdknopf am Hals. »Lass mich fahren.«

»Ich mache das.« Ihre Anspannung wuchs und vermischte sich mit der Sorge um ihre Mutter. »Ich hab Angst, das ist alles. Und ich bin frustriert. Ich weiß nicht, wie oft ich ihr schon gesagt habe, dass das Haus zu groß und zu abgelegen ist, dass sie in eine betreute Wohnanlage oder ein Pflegeheim ziehen soll. Aber hat sie auf mich gehört?«

Sean warf sein Jackett auf den Rücksitz. »Sie ist unabhängig. Das ist etwas Gutes, Liza.«

War es das? Wo verlief die Grenze zwischen Unabhängigkeit und Verantwortungslosigkeit?

»Sie hat die Hintertür offen gelassen.«

»Für die Katze?«

»Wer weiß. Ich hätte ihr mehr zureden sollen, dass sie umzieht.«

Insgeheim wollte sie nicht wirklich, dass ihre Mutter umzog. Oakwood Cottage hatte in ihrem Leben immer eine wichtige Rolle gespielt. Das Haus war hinreißend, umgeben von mehreren Morgen Feldern und Wiesen, die sich bis zum Meer erstreckten. Im Frühling hörte man das Blöken der neugeborenen Lämmer, und im Sommer war die Luft erfüllt mit Blumenduft, Vogelgezwitscher und dem entfernten Rauschen des Meeres.

Es fiel ihr schwer, sich ihre Mutter irgendwo anders vorzustellen, auch wenn das Haus zu groß war für eine Person und ziemlich unpraktisch – vor allem für jemanden, der ein Loch im Dach für ein charmantes Merkmal eines älteren Anwesens hielt und nicht für etwas, das repariert werden musste.

»Du bist nicht für alles verantwortlich, was anderen Menschen passiert, Liza.«

»Ich liebe sie, Sean!«

»Ich weiß.« Sean richtete sich auf dem Beifahrersitz ein, als hätte er alle Zeit der Welt. Liza, die durch das Leben eilte, als wäre die Polizei hinter ihr her, fand seine entspannte Haltung und unerschütterliche Ruhe manchmal zum Verrücktwerden.

Sie dachte an den Zeitschriftenartikel, der zusammengefaltet unten in ihrer Tasche lag. »Acht Anzeichen, dass Ihre Ehe gefährdet ist.«

Sie hatte die Zeitschrift letzte Woche im Wartezimmer ihres Zahnarztes durchgeblättert, und die Überschrift war ihr ins Auge gestochen. Sie hatte angefangen, den Artikel zu lesen, um sich zu vergewissern, dass ihre Ehe stabil war.

Es war nicht so, dass sie und Sean sich stritten. Es gab nichts Bestimmtes, das nicht in Ordnung war. Nur ein vages Unbehagen, dass das geregelte Leben, das sie so sehr schätzte, vielleicht doch nicht so geregelt war, wie sie glaubte. Dass so, wie tausend Kleinigkeiten ein Paar zusammenhalten konnten, tausend Kleinigkeiten es ebenso auseinanderbringen konnten.

Sie hatte den Artikel überflogen und sich immer elender gefühlt. Beim sechsten Anzeichen war sie durchgedreht. Sie riss die Seiten aus der Zeitschrift, wobei sie laut hustete, um das Geräusch zu übertönen. Es gehörte sich nicht, aus Zeitschriften in Wartezimmern Seiten rauszureißen und mitgehen zu lassen.

Und nun lagen sie in ihrer Tasche, eine ständige Mahnung, dass sie etwas Grundsätzliches und Wichtiges ignorierte. Sie wusste, dass sie das Thema ansprechen musste. Doch sie befürchtete, dass ihr ganzes Ehe-Gebäude zusammenfallen könnte – so wie das Haus ihrer Mutter.

Sean schnallte sich an. »Du solltest dir keine Vorwürfe machen.«

Einen kurzen Moment erfasste sie Panik, bis sie begriff, dass er von ihrer Mutter sprach. Was war sie nur für ein Mensch, dass sie ihre verwundete Mutter so rasch vergessen konnte?

Ein Mensch, der sich um seine Ehe sorgt.

»Ich hätte mich mehr bemühen sollen, sie zur Vernunft zu bringen«, sagte sie.

Sie würden das Haus verkaufen müssen – daran bestand kein Zweifel. Liza hoffte, dass das Ganze bis zum Sommer warten konnte. In wenigen Wochen war die Schule vorbei, und danach planten die Mädchen diverse Unternehmungen, bis sie alle zusammen in ihren jährlichen Familienurlaub nach Südfrankreich fahren würden.

Frankreich.

Sie beruhigte sich etwas.

Frankreich würde ihr die Gelegenheit geben, sich ihre Ehe genauer anzuschauen. Sie wären beide entspannt, den endlosen Pflichten des Alltags enthoben. Sie und Sean konnten endlich Zeit miteinander verbringen, in der es nicht darum ging, Angelegenheiten und Probleme zu regeln. Bis dahin würde sie sich gestatten, die ganze Sache zu vergessen, und sich auf das akute Problem konzentrieren.

Ihre Mutter.

Oakwood Cottage.

Traurigkeit stieg in ihr auf. So lächerlich es auch sein mochte, der Ort war für sie noch immer ein Zuhause. Sie hatte sich an dieses letzte Stück ihrer Kindheit geklammert und konnte sich nicht vorstellen, dass sie nicht mehr im Garten sitzen oder über die Felder bis zum Meer laufen konnte.

»Dad hat mir das Versprechen abgenommen, sie nicht in ein Heim zu geben«, sagte sie.

»Was unfair war. Niemand kann ein Versprechen abgeben für eine Zukunft, die man nicht kennt. Und du ›gibst‹ sie nirgendwohin.« Sean war vernünftig wie immer. »Sie ist ein Mensch, kein Gartenzwerg. Außerdem gibt es viele gute Seniorenheime.«

»Ich weiß. Ich habe eine dicke Mappe mit glänzenden Prospekten im Kofferraum. Darin sehen sie so gut aus, dass ich am liebsten selbst einziehen würde. Unglücklicherweise fürchte ich, dass meine Mutter das anders sieht.«

Sean checkte auf dem Handy seine Mails. »Letztlich ist es ihre Entscheidung. Es hat nichts mit uns zu tun.«

»Es hat jede Menge mit uns zu tun. Es ist nicht machbar, jedes Wochenende hinzufahren. Selbst wenn die Zwillinge nicht gerade im Examen stecken, würden sie nicht mitkommen, ohne Theater zu machen. ›Das ist mitten im Nirgendwo, Mum.‹«

»Weshalb wir sie dieses Wochenende zu Hause lassen.«

»Und das macht mir auch Sorgen. Was, wenn sie eine Party oder so etwas veranstalten?«

»Warum musst du dir immer das Schlimmste ausmalen? Behandle sie wie verantwortungsvolle Menschen, und sie werden sich wie verantwortungsvolle Menschen benehmen.«

War es tatsächlich so einfach? Oder basierte Seans Vertrauen auf fehlgeleitetem Optimismus?

»Mir gefallen die Freundinnen nicht, mit denen Caitlin sich gerade trifft. Sie haben kein Interesse am Lernen und verbringen ihre Wochenenden in der Shopping-Mall.«

Er sah nicht auf. »Ist das für Teenager nicht normal?«

»Sie hat sich verändert, seit sie sich mit Jane trifft. Sie gibt patzige Antworten, und dabei war sie immer so verträglich.«

»Das sind die Hormone. Das wächst sich aus.«

Seans Erziehungsstil lautete »Raushalten«. Er nannte es »Entspannt sein«. Liza hielt es für Bequemlichkeit.

Als die Mädchen klein gewesen waren, hatten sie miteinander gespielt. Dann kamen sie in die Schule und luden Freunde und Freundinnen zum Spielen ein, die Liza alle entzückend fand. Das hatte sich verändert, seit sie in der Oberstufe waren und Alice und Caitlin sich mit einer anderen Mädchenclique angefreundet hatten. Sie waren ein Jahr älter, die meisten von ihnen fuhren schon Auto und, dessen war Liza sicher, tranken Alkohol.

Bis zum letzten Jahr war ihr nie der Gedanke gekommen, dass sie die Freundinnen ihrer Töchter nicht mögen könnte. Und dass dies ein Problem werden könnte.

Sie zwang sich, sich wieder auf ihre Mutter zu konzentrieren. »Es wäre toll, wenn du dieses Wochenende das Dach des Gartenzimmers reparieren könntest. Wir hätten mehr Zeit in das Haus investieren sollen. Ich fühle mich schuldig, nicht genug getan zu haben.«

Endlich sah Sean auf. »Du fühlst dich schuldig«, sagte er, »weil du und deine Mutter euch nicht nah seid. Aber das ist nicht deine Schuld, und das weißt du.«

Sie wusste es, aber es war noch immer unangenehm, die Wahrheit zu hören. Sie wollte sie einfach nicht anerkennen. Ihrer Mutter nicht nah zu sein kam ihr wie ein Makel vor. Ein schmutziges Geheimnis. Etwas, wofür sie sich schämen sollte.

Sie hatte sich so viel Mühe gegeben, aber ihre Mutter war kein Mensch, der einen leicht an sich heranließ. Kathleen war sehr reserviert und offenbarte nur wenig von dem, was sie beschäftigte. So war sie immer schon gewesen. Als Lizas Vater gestorben war, hatte Kathleen sich auf die praktischen Dinge konzentriert. Jeder Versuch, ihre Mutter zu einem Gespräch über ihre Gefühle zu bewegen, war zurückgewiesen geworden. An manchen Tagen hatte Liza den Eindruck, dass sie ihre Mutter nicht mal richtig kannte. Sie wusste, was Kathleen tat und wie sie ihre Zeit verbrachte, doch sie wusste nichts von ihren Gefühlen. Und dazu zählte auch, was sie für ihre Tochter empfand.

Sie konnte sich nicht daran erinnern, dass ihre Mutter ihr je gesagt hätte, dass sie sie liebte.

War ihre Mutter stolz auf sie? Vielleicht, aber dessen war sie sich ebenfalls nicht sicher.

»Ich liebe sie sehr, aber das stimmt, ich wünschte, sie würde mehr von sich mitteilen.« Sie presste die Kiefer zusammen, denn ihr war klar, dass sie selbst auch so einiges nicht mitteilte. Wurde sie wie ihre Mutter? Vermutlich wäre es besser, Sean offen zu sagen, dass sie sich überlastet fühlte und den Eindruck hatte, als läge der reibungslose Verlauf ihres Familienlebens allein in ihrer Verantwortung. Und in gewisser Weise war es tatsächlich so. Sean hatte ein gut laufendes Architektenbüro in London. Wenn er nicht arbeitete, ging er ins Fitnessstudio oder im Park joggen, oder er spielte mit Kunden Golf. Liza verbrachte ihre Zeit abseits der Arbeit damit, sich um das Haus und die Zwillinge zu kümmern.

War das der Kern der Ehe? Blieb das übrig, wenn die frühen Jahre der Verliebtheit vorbei waren?

Acht Anzeichen, dass Ihre Ehe gefährdet ist.

Das war nur ein dummer Artikel. Sie hatte Sean in ihren Teenagerjahren kennengelernt, und es folgten viele glückliche Jahre. Ja, im Moment schien das Leben nur aus Arbeit und Verpflichtungen zu bestehen, aber das gehörte zum Erwachsenenleben dazu, oder?

»Ich weiß, dass du deine Mutter liebst. Deshalb sitzen wir an einem Freitagnachmittag im Auto«, sagte Sean. »Wir werden diese aktuelle Krise ebenso meistern wie alle vorherigen. Indem wir einen Schritt nach dem anderen machen.«

Doch warum musste das Leben immer aus Krisen bestehen?

Sie hätte die Frage beinahe laut ausgesprochen, aber Sean war gedanklich schon woanders und nahm den Anruf eines Kollegen an.

Liza hörte nur halb zu, wie sie eine Reihe von Problemen besprachen. Seit das Büro boomte, war es nicht ungewöhnlich, dass Sean regelrecht am Telefon klebte.

»Mhmm …«, sagte er. »Aber es geht darum, einen minimalistisch gestalteten Raum zu entwerfen … Nein, das wird nicht funktionieren … Ja, ich rufe sie an.«

Als er das Gespräch schließlich beendete, sah sie zu ihm hinüber. »Was, wenn die Mädchen Jane einladen?«

»Du kannst sie nicht davon abhalten, ihre Freundinnen zu treffen.«

»Es sind nicht ihre Freundinnen im Allgemeinen, die mir Sorgen bereiten – nur Jane. Wusstest du, dass sie raucht? Was ist, wenn sie Drogen nehmen? Sean, hörst du überhaupt zu? Hör auf, dich um deine Mails zu kümmern.«

»Entschuldige. Aber ich war nicht davon ausgegangen, dass ich mir heute Nachmittag freinehmen muss, und ich habe gerade viel zu erledigen.« Sean verschickte eine Mail und sah dann auf. »Was hast du gesagt? Ach ja, rauchen und Drogen … Selbst wenn Jane das alles tut, heißt das nicht, dass Caitlin das auch tun wird.«

»Sie ist leicht beeinflussbar. Sie möchte so gerne dazugehören.«

»Und das ist typisch für ihr Alter. Viele andere Kinder sind genauso. Es wird den Zwillingen guttun, mal ein ganzes Wochenende für sich selbst zu sorgen.«

Für sich selbst sorgen traf es nicht ganz. Liza hatte den Kühlschrank mit Lebensmitteln gefüllt. Sie hatte die alkoholischen Getränke aus dem Küchenschrank geholt, sie in der Garage eingeschlossen und den Schlüssel versteckt. Natürlich wusste sie, dass das die Mädchen nicht davon abhalten konnte, Alkohol zu kaufen.

Im Geist ging sie alle Möglichkeiten durch. »Was, wenn sie eine wilde Party veranstalten?«

»Dann wären sie völlig normal. Alle Teenager veranstalten wilde Partys.«

»Ich habe das nicht getan.«

»Ich weiß. Du warst ungewöhnlich brav und unschuldig.« Er steckte das Handy ein. »Bis du mich kennengelernt hast und sich das alles änderte. Erinnerst du dich an den Tag am Strand, als du spazieren warst? Du warst sechzehn. Ich war mit der Clique unterwegs.«

»Ich erinnere mich.« Er hatte zu einer coolen Clique gehört, und sie hätte bei ihrem Anblick fast kehrtgemacht. Doch am Ende hatte sie sich ihnen angeschlossen.

»Ich habe meine Hand unter dein Kleid geschoben.« Er verstellte den Sitz nach hinten, um mehr Platz für seine Beine zu haben. »Ich gebe zu – meine Technik war verbesserungswürdig.«

Ihr erster Kuss.

Sie erinnerte sich gut daran. Das aufgeregte Gefummel. Der Reiz des Verbotenen. Musik im Hintergrund. Der köstliche Kitzel der Erwartung.

In jenem Sommer hatte sie sich Hals über Kopf in Sean verliebt. Ihr war klar, dass sie sich damit von ihren Freundinnen entfernte, die wie Schmetterlinge auf der Suche nach Nektar von einer Beziehung zur nächsten flatterten. Liza hatte das nie gewollt. Sie hatte nie das Bedürfnis nach einem romantischen Abenteuer verspürt, denn das bedeutete Unsicherheit, und davon gab es mehr als genug in ihrem Leben. Sie wollte nur Sean mit seinen breiten Schultern, dem unbefangenen Lächeln und seiner besonnenen Art.

Sie vermisste die Einfachheit jener Zeit.

»Bist du glücklich, Sean?« Die Worte waren heraus, ehe sie es sich anders überlegen konnte.

»Was für eine Frage ist das denn?« Endlich hatte sie seine volle Aufmerksamkeit. »Das Geschäft läuft hervorragend. Die Mädchen sind gut in der Schule. Natürlich bin ich glücklich. Du nicht?«

Das Geschäft. Die Mädchen.

Acht Anzeichen, dass Ihre Ehe gefährdet ist.

»Ich – ich fühle mich manchmal ein bisschen überfordert, das ist alles.«

Sie tastete sich vorsichtig in ein Gebiet vor, das sie noch nie zuvor betreten hatte.

»Das liegt daran, dass du alles so ernst nimmst. Du sorgst dich um jede Kleinigkeit. Bei den Zwillingen. Bei deiner Mutter. Du musst dich entspannen.«

Seine Worte trafen sie wie Messerstiche. Normalerweise liebte sie seine Gelassenheit, doch jetzt fühlte es sich so an, als stellte er ihre Belastbarkeit infrage. Nicht nur, dass sie sich um alles kümmerte, jetzt nahm sie auch noch alles zu ernst.

»Du meinst, ich sollte mich entspannen angesichts der Tatsache, dass meine achtzigjährige Mutter in ihrem eigenen Haus angegriffen wurde?«

»Es klang mehr nach einem Unfall als nach einem Angriff, aber ich meinte das ganz allgemein. Du sorgst dich wegen Sachen, die noch gar nicht passiert sind, und du versuchst jede Kleinigkeit zu kontrollieren. Die meisten Dinge entwickeln sich wunderbar, wenn man sich nicht um sie kümmert.«

»Sie entwickeln sich wunderbar, weil ich die Probleme vorhersehe und abwende, bevor sie eintreten.«

Und Probleme vorherzusehen war anstrengend – als versuchte man zu schwimmen, obwohl man Gewichte an den Beinen trug.

Für einen kurzen Moment fragte sie sich, wie es wohl wäre, Single zu sein. Sich um niemanden sorgen zu müssen außer um sich selbst.

Keine Verantwortung. Freie Zeit.

Sie riss sich von dem Gedanken los.

Sean lehnte den Kopf an die Kopfstütze. »Lass uns diese Diskussion aufschieben, bis wir zu Hause sind. Jetzt verbringen wir das Wochenende gemeinsam am Meer. Lass uns das genießen. Es wird alles gut.«

Seine Fähigkeit, sich auf den Moment zu konzentrieren, war eine Stärke und zugleich eine Eigenschaft, die ihr mitunter auf die Nerven ging. Er konnte im Moment leben, weil sie sich um die ganzen anderen Dinge kümmerte.

Er legte seine Hand auf ihr Bein, und sie dachte an die Zeit vor zwanzig Jahren, als sie auf einer einsamen Landstraße Sex im Auto gehabt hatten und die Fenster beschlugen.

Was war mit diesem Teil ihres Lebens geschehen? Was war aus ihrer Spontaneität geworden? Aus ihrer Lebenslust?

Das schien so lange her, dass sie sich kaum erinnern konnte.

Derzeit regierten Sorgen und Pflichten ihr Leben. Die immer größer werdende Last der Verantwortung erdrückte sie allmählich.

»Wann sind wir das letzte Mal zusammen weggefahren?«, fragte sie.

»Wir fahren jetzt zusammen weg.«

»Das ist kein Mini-Urlaub, Sean. Meine Mutter musste am Kopf genäht werden. Sie hat eine Gehirnerschütterung.«

Sie krochen durch den dichten Londoner Verkehr, und ihr Kopf pochte schmerzhaft bei dem Gedanken an die vor ihnen liegende Fahrt. Freitagnachmittags war die schlechteste Zeit, um die Stadt zu verlassen, doch sie hatten keine Wahl.

Als die Zwillinge klein waren, waren sie nachts gefahren. In den frühen Morgenstunden kamen sie dann im Oakwood Cottage an, und Sean trug beide Mädchen ins Haus. Dort legte er sie in das Doppelbett im Dachzimmer und deckte sie mit den Quilts zu, die ihre Mutter von einer ihrer Fernreisen mitgebracht hatte.

»Ich möchte es wirklich nicht, aber ich fürchte, es ist an der Zeit, Oakwood Cottage zu verkaufen. Wenn sie in ein Heim zieht, werden wir es uns nicht leisten können, es zu halten.«

Jemand anders würde dann in dem verwilderten Garten Verstecken spielen, auf den staubigen Dachboden klettern und die endlosen Bücherregale füllen. Jemand anders würde in ihrem alten Zimmer schlafen und den atemberaubenden Blick über die Felder bis zum Meer genießen.

Etwas in ihr schien zu zerreißen.

Dass sie sich nicht einmal erinnern konnte, wann sie das letzte Mal ein entspanntes Wochenende verbracht hatte, minderte ihr Verlustgefühl keineswegs. Ganz im Gegenteil, es wurde eher verstärkt, weil sie sich jetzt wünschte, sie wäre öfter dort gewesen. Aber sie hatte geglaubt, das Cottage würde immer da sein …

Seit dem Tod ihres Vaters waren die Besuche zu Hause immer mit Pflichten verbunden gewesen. Gartenarbeit. Den Kühlschrank auffüllen. Sich vergewissern, dass ihre Mutter das für sie allein viel zu große Haus in Schuss hielt, auch wenn sie im fortgeschrittenen Alter war und keinerlei Interesse an Hausarbeit aufbrachte.

Sie hatte gedacht, dass der Tod ihres Vaters sie ihrer Mutter näherbringen würde, doch dem war nicht so.

Trauer überkam sie und schnürte ihr den Hals zu. Es war fünf Jahre her, und noch immer vermisste sie ihren Dad jeden Tag.

»Ich kann mir nicht vorstellen, dass deine Mutter es verkauft«, sagte Sean. »Und ich finde es wichtig, nicht zu voreilig zu reagieren. Diesen Unfall hat sie nicht selbst verschuldet. Davor kam sie bestens zurecht.«

»Kam sie das wirklich? Abgesehen davon, dass sie die Tür offen gelassen hat, glaube ich, dass sie sich nicht gut ernährt. Ihr Abendessen ist eine Schüssel Frühstücksflocken. Oder Schinken. Sie isst zu viel Schinken.«

»Gibt es so etwas wie zu viel Schinken überhaupt?« Sean fing ihren Blick auf und lächelte verlegen. »Nur ein Witz. Du hast recht. Schinken ist schlecht. Auch wenn man sich angesichts des Alters deiner Mutter fragen muss, ob das wirklich eine Rolle spielt.«

»Wenn sie weniger Schinken isst, wird sie vielleicht neunzig.«

»Aber würde sie diese elenden schinkenfreien Jahre genießen?«

»Kannst du bitte mal ernst bleiben?«

»Ich meine es ernst. Es geht um Lebensqualität, nicht nur um Quantität. Du versuchst dir alle schlechten Dinge vom Leib zu halten, aber das bedeutet, auch die guten Dinge zu verpassen. Vielleicht kann sie im Haus bleiben, und wir finden jemanden aus der Gegend, der nach ihr sieht.«

»Sie kann so schlecht Hilfe von jemandem annehmen. Du weißt, wie unabhängig sie ist.« Liza trat hart auf die Bremse, als der Wagen vor ihr unvermittelt stoppte, und der Gurt schnitt ihr in den Oberkörper. Ihre Augen juckten vor Müdigkeit, und in ihrem Kopf pochte es. Sie hatte die Nacht zuvor nicht gut geschlafen, weil sie sich um Caitlin und ihre Freundschaften sorgte. »Meinst du, ich hätte das Schlafzimmer abschließen sollen?«

»Warum? Wenn jemand einbricht, treten sie einfach die Tür ein, wenn sie abgeschlossen ist. Das macht den Schaden nur größer.«

»Ich dachte nicht an Einbrecher. Ich dachte mehr an die Zwillinge.«

»Warum sollten die Zwillinge in unser Schlafzimmer gehen? Sie haben selbst wunderbare Zimmer.«

Was sagte es über sie aus, dass sie ihren Kindern so wenig vertraute? Sie hatten angemessen erschrocken reagiert, als sie erfuhren, dass ihre Großmutter angegriffen worden war, aber kategorisch abgelehnt, mit ihnen zu fahren.

»Es gibt nichts zu tun bei Granny«, hatte Alice nach einem Seitenblick zu ihrer Schwester gesagt.

»Außerdem haben wir Hausaufgaben.« Caitlin deutete auf einen Stapel Schulbücher. »Geschichtsexamen am Montag. Ich muss lernen. Vermutlich habe ich nicht einmal die Zeit, Pizza zu bestellen.«

Die Antwort schien vernünftig. Warum also war Liza nervös?

Sie würde sie nachher per Videocall anrufen, um zu sehen, was im Hintergrund los war.

Der Verkehr wurde weniger, und sie fuhren Richtung Westen nach Cornwall.

Als sie schließlich auf die Straße einbogen, die zum Haus ihrer Mutter führte, war es früher Abend, und das Sonnenlicht überzog die Felder und Hecken mit einem goldenen Schimmer.

Sie war ganz in den Anblick der Landschaft vertieft, als ein hellroter Sportwagen um die Kurve schoss und sie beim Ausweichen beinahe im Graben gelandet wäre.

»Was zum …« Sie drückte auf die Hupe und erhaschte einen kurzen Blick auf lachende blaue Augen, als der Wagen vorbeiraste. »Hast du das gesehen?«

»Ja. Toller Wagen. V8-Motor.« Sean drehte sich sehnsuchtsvoll um, doch der Wagen war längst außer Sicht.

»Er hätte uns fast umgebracht!«

»Zum Glück hat er es nicht getan. Das ist gut.«

»Das war dieser elende Rockstar, der letztes Jahr hergezogen ist.«

»Ach ja. Ich habe in einer der Sonntagszeitungen einen Artikel über seine sechs Sportwagen gelesen.«

»Eigentlich nicht zu verstehen, warum ein Mann sechs Wagen braucht, aber wenn jemand so fährt, ist das vermutlich die Erklärung. Wahrscheinlich liegt sein Verschleiß bei einem Wagen pro Tag.«

Liza drehte am Lenkrad, und Sean zuckte zusammen, als Zweige am Lack entlangschrammten.

»Du bist ein bisschen zu dicht an meiner Seite, Liza.«

»Entweder die Hecke oder ein frontaler Zusammenstoß, ich musste mich entscheiden.« Sie war erschrocken über den Beinahe-Unfall, und der kurze Blick auf Finn Cool machte sie jetzt auch noch wütend. »Er hat gelacht – hast du das gesehen? Er hat tatsächlich gelacht, als er an uns vorbeifuhr. Hätte er auch gelacht, wenn er meine verstümmelte Leiche aus dem Wrack dieses Wagens hätte ziehen müssen?«

»Er scheint ein ziemlich guter Fahrer zu sein.«

»Es waren nicht seine Fahrkünste, die uns gerettet haben. Das war ich, indem ich in die Hecke ausgewichen bin. Man darf auf diesen Straßen einfach nicht so fahren.«

Liza atmete tief durch und fuhr vorsichtig die Straße entlang, als ob gleich ein weiterer verantwortungsloser Rockstar um die Ecke preschen würde. Sie erreichten das Haus ihrer Mutter ohne weitere Vorkommnisse, und ihr Puls beruhigte sich, als sie in die Auffahrt einbogen.

Blaukissen bedeckte die niedrige Mauer, die das Anwesen umgab, und in den Blumenampeln, die neben der Eingangstür hingen, leuchteten üppige Lobelien und Geranien in hellen Lila- und Pinktönen. Ihre Mutter mochte das Haus vernachlässigen, doch sie liebte den Garten und verbrachte Stunden in der Sonne, um sich um ihre Pflanzen zu kümmern.

»Dieser Ort ist ein Juwel. Wenn sie sich je entscheidet, es zu verkaufen, macht sie ein Vermögen, undichtes Dach hin oder her. Meinst du, dass sie ihren Schokoladenkuchen gebacken hat?«, fragte Sean voller Hoffnung.

»Du meinst, bevor oder nachdem sie mit dem Einbrecher gerungen hat?«

Liza parkte vorm Haus. Vermutlich hätte sie selbst einen Kuchen backen sollen, doch ihre Priorität war gewesen, so schnell wie möglich hierherzukommen.

»Kannst du die Kinder anrufen?«

»Warum?« Sean stieg aus dem Wagen und streckte sich. »Wir sind erst vor vier Stunden losgefahren.«

»Ich möchte sehen, ob alles in Ordnung ist.«

Er holte ihr Gepäck aus dem Kofferraum. »Atme mal durch, ja? Ich habe dich noch nie so erlebt. Du bist unglaublich, Liza. Eine perfekte Krisenmanagerin. Ich weiß, dass dich das, was passiert ist, erschüttert hat, aber wir schaffen das.«

Sie fühlte sich wie ein Gummiband, das zum Zerreißen gespannt war. Was würde denn passieren, wenn sie sich nicht um alles kümmerte? Auch wenn es ihrer Familie nicht klar war – sie wusste, dass sie ohne sie nicht zurechtkamen. Die Zwillinge würden an Mangelernährung sterben oder unter ihrem Chaos begraben werden, weil sie unfähig waren, auch nur ein einziges ihrer Besitztümer wegzuräumen. Die Wäsche bliebe ungewaschen, die Küchenschränke wären leer. Caitlin würde herumschreien: Hat irgendwer mein blaues Trägertop gesehen? Und niemand würde antworten, weil keiner auch nur den Hauch einer Ahnung hätte.

Die Eingangstür wurde geöffnet, und jeder Gedanke an die Zwillinge war wie fortgeblasen, denn dort stand ihre Mutter und stützte sich mit der Hand am Türrahmen ab. Sie trug einen Kopfverband, und Liza wurde schwer ums Herz. Sie hatte ihre Mutter immer für unbesiegbar gehalten, und nun sah sie zerbrechlich, müde und allzu menschlich aus. Trotz all ihrer Differenzen – und davon hatten sie viele – liebte sie ihre Mutter sehr.

»Mum!« Sie überließ Sean das Gepäck und lief die Auffahrt hinauf. »Ich habe mir Sorgen gemacht! Wie geht es dir? Ich kann es immer noch kaum glauben. Es tut mir so leid!«

»Warum? Du bist doch nicht in mein Haus eingebrochen.«

Ihre Mutter war wie immer forsch und sachlich, für sie war Schwäche wie eine nervige Fliege, die man verscheuchen musste. Wenn sie Angst gehabt hatte – und die musste sie doch gehabt haben, oder? –, dann würde sie das Liza gegenüber auf keinen Fall zugeben.

Aber Gott sei Dank lebte sie, und angesichts der Umstände sah sie überraschend gut aus.

Wenn man ihre Mutter mit einem Wort beschreiben sollte, dann wäre lebhaft wohl der richtige Ausdruck. Sie erinnerte Liza an einen Kolibri: zierlich, leuchtende Farben und immer beschäftigt. Heute trug sie ein langes fließendes Kleid in Blau- und Türkistönen mit einem dunkelblauen Tuch um die Schulter. Ihre Handgelenke zierten jede Menge Armbänder. Der unkonventionelle eklektische Kleidungsstil ihrer Mutter hatte Liza als Kind viele peinliche Momente beschert, und selbst jetzt schienen die fröhlichen Farben von Kathleens Kleid nicht zum Ernst der Situation zu passen. Sie sah aus, als würde sie gleich an den Strand von Korfu gehen wollen.

Auch wenn ihre Mutter sie nicht dazu ermutigte, umarmte Liza sie vorsichtig, erschrocken, wie fragil sie war. »Du hättest einen Alarmknopf oder ein Handy in der Tasche haben sollen.«

Sie musterte prüfend den Kopf ihrer Mutter, doch außer dem Verband und einer beginnenden Verfärbung um ihr Auge war nichts zu sehen. Auch wenn sie versucht hatte, ihren Teint mit Rouge aufzufrischen, wirkte ihre Haut bleich und wächsern. Sie trug ihr weißes Haar kurz geschnitten, was ihre Zerbrechlichkeit noch betonte.

»Mach kein Theater.« Kathleen löste sich von ihr. »Es hätte keinen Unterschied gemacht. Bis Hilfe eingetroffen wäre, wäre es vorbei gewesen. Mein gutes altes Festnetztelefon hat sich als sehr erfolgreich erwiesen.«

»Aber was, wenn er dich bewusstlos geschlagen hätte? Du hättest nicht mehr anrufen können.«

»Wenn ich bewusstlos gewesen wäre, hätte ich auch keinen Alarmknopf mehr drücken können. Zufällig war ein Polizeiwagen in der Nähe und schnell hier. Das war sehr beruhigend, denn der Mann erholte sich rasch, und ich wusste ja nicht, was genau er vorhatte. Eine bezaubernde Polizistin, wohl nicht viel älter als die Zwillinge. Dann kam ein Krankenwagen. Ich hatte fast erwartet, dass sie mich über Nacht einsperren, aber so dramatisch war es dann doch nicht. Trotzdem: Es war alles ganz schön aufregend.«

»Aufregend?« Diese Verharmlosung war typisch für ihre Mutter. »Du hättest umkommen können. Er hat dich geschlagen.«

»Nein, ich habe ihn geschlagen – mit der Pfanne, in der ich vorher Schinken gebraten hatte.« Stolz und Befriedigung lagen in der Stimme ihrer Mutter. »Er riss den Arm hoch, als er fiel – vermutlich im Reflex –, und so prallte sie zurück an meinen Kopf. Dieser Teil war unglücklich, aber es ist doch komisch, dass der Schinken mir vielleicht das Leben gerettet hat. Also kein Meckern mehr wegen meines Blutdrucks und des Cholesterins.«

»Mum …«

»Wenn ich mir Pasta gemacht hätte, hätte ich eine andere Pfanne genommen … nicht ansatzweise so schwer. Wenn ich mir ein Schinkensandwich gemacht hätte, hätte ich ihn nur mit einer Brotkruste bewerfen können. Von jetzt an werde ich den Kühlschrank mit Schinken beladen.«

»Schinken kann ein Lebensretter sein – das habe ich schon immer gesagt.« Sean beugte sich vor und küsste seine Schwiegermutter sanft auf die Wange. »Du bist eine Respekt einflößende Gegnerin, Kathleen. Schön, dich auf den Beinen zu sehen.«

Liza fühlte sich wie die einzige Erwachsene unter den Anwesenden. Erkannte sie als Einzige den Ernst der Situation? Es war, als hätte sie die Zwillinge vor sich.

»Wie könnt ihr darüber Witze machen?«

»Ich meine es völlig ernst. Es ist schön zu wissen, dass ich Schinken jetzt mit gutem Gewissen essen kann.« Kathleen lächelte ihren Schwiegersohn liebevoll an. »Ihr musstet wirklich nicht so überstürzt an einem Freitag hierherrasen. Es geht mir gut. Habt ihr die Mädchen nicht mitgebracht?«

»Prüfungen. Teenagerstress. Dramen. Du weißt, wie es ist.« Sean trug ihr Gepäck ins Haus. »Ist der Wasserkessel heiß, Kathleen? Ich könnte morden für eine schöne Tasse Tee.«

Musste er das Wort »morden« benutzen? Liza hatte sofort einen anderen Ausgang der Geschichte vor Augen. Sah ihre Mutter leblos auf dem Küchenfußboden liegen. Ihr wurde ein wenig schwindlig – dabei hatte man nicht ihr auf den Kopf geschlagen.

Natürlich war ihr bewusst, dass in Häuser eingebrochen wurde. Das war schließlich eine Tatsache. Aber davon zu wissen war etwas anderes, als davon betroffen zu sein.

Unbehaglich sah sie zur Hintertür. »Du hast sie offen gelassen?«

»Es sieht so aus. Und es regnete so sehr, dass der arme Mann eine Zuflucht suchte.«

»Armer Mann?«

»Er hatte einen sitzen und entschuldigte sich ständig, sowohl bei mir als auch bei der Polizei. Gab zu, dass alles seine Schuld sei. Du siehst blass aus.« Kathleen klopfte Liza beruhigend auf die Schulter. »Du regst dich über Kleinigkeiten auf. Komm herein, Liebes. Diese Fahrt ist mörderisch, du musst erschöpft sein.«

Mörderisch. Morden.

»Würde bitte niemand mehr dieses Wort verwenden?«

Ihre Mutter sah sie erstaunt an. »Das ist eine Redewendung, sonst nichts.«

»Mag sein, aber ich würde es begrüßen, wenn wir eine andere fänden.« Liza folgte ihr in den Flur. »Wie geht es dir, Mum? Ganz ehrlich? Ein Eindringling ist keine Kleinigkeit.«

»Das stimmt. Tatsächlich war er ziemlich groß. Und das Geräusch, als er mit dem Kopf auf den Boden knallte – furchtbar. Ich hätte deinen Vater niemals bitten sollen, diese italienischen Fliesen zu verlegen. Ich hab schon so viele Becher und Teller auf diesem verdammten Boden zerbrochen. Und jetzt den Kopf eines Menschen. Ich habe ewig gebraucht, um das Blut wegzukriegen. Zum Glück für uns alle war er nicht schwer verletzt.«

Selbst jetzt wollte ihre Mutter ihre wahren Gefühle nicht zeigen. Redete nur von Schinken, zerbrochenen Tellern und Bodenfliesen. Um den Eindringling schien sie sich mehr Sorgen zu machen als um sich selbst.

Liza fühlte sich ausgelaugt. »Du hättest das Putzen mir überlassen sollen.«

»Ach, Quatsch. Ich war nie eine besonders gute Hausfrau, aber ich kann Blut aufwischen. Und ich ziehe es vor, nicht direkt neben einem Tatort Mittag zu essen.«

Ihre Mutter ging voraus in die Küche. Liza wusste nicht, ob sie erleichtert oder verzweifelt sein sollte, dass ihre Mutter so tat, als sei nichts geschehen. Sie wirkte sogar eher energiegeladen und vielleicht ein bisschen triumphierend, als hätte sie etwas Bemerkenswertes erreicht.

»Wo ist der Mann jetzt? Was hat die Polizei gesagt?«

»Dem Mann – ich glaube, er heißt Lawrence – geht es gut, auch wenn ich ihn nicht um den Kater beneide, den er haben wird. Ich erinnere mich an einen Abend, als ich in Paris …«

»Mum!«

»Was? Oh, ach ja – die Polizei. Sie kamen heute Morgen und nahmen meine Zeugenaussage auf. Ein sehr sympathischer Mann, aber kein Teetrinker, was mich immer ein bisschen argwöhnisch macht.«

Liza interessierten seine Getränkevorlieben nicht. »Klagen sie ihn an? Wegen Einbruchs?«

»Er ist nicht eingebrochen. Er lehnte sich gegen die Tür, und die ging auf. Und er hat sich ohne Ende entschuldigt, seine Schuld voll und ganz eingestanden. Er hat untadelige Manieren.«

Liza hätte am liebsten ihr Gesicht in den Händen vergraben. »Also musst du nun eine Aussage vor Gericht machen?«

»Ich hoffe doch sehr. Ein Tag im Gericht wäre aufregend, aber es ist unwahrscheinlich, dass sie mich brauchen, er hat ja alles zugegeben und war so reumütig. Ich dachte, ein Auftritt im eigenen Gerichtsdrama würde mein Leben aufheitern, doch ich muss mich wohl mit der fiktionalen Variante begnügen.«

Ihre Mutter war am Herd damit beschäftigt, kochendes Wasser in die Teekanne zu gießen, die sie schon seit Lizas Kindertagen benutzte. Der Tee würde Earl Grey sein. Ihre Mutter trank nie etwas anderes. Das war Liza so vertraut wie das ganze Haus.

Die Küche mit ihrem riesigen Herd und dem großen Holztisch war immer ihr Lieblingsraum gewesen. Jeden Abend hatte Liza hier nach der Schule ihre Hausaufgaben gemacht, weil sie ihrer Mutter nah sein wollte, wenn die zu Hause war.

Ihre Mutter war eine Pionierin der TV-Reiseshows gewesen. Ihre spritzigen Abenteuertrips rund um die Welt hatten den Menschen den Reiz eines Urlaubs in fremden Ländern eröffnet, von der italienischen Riviera bis zum Fernen Osten. The Summer Seekers war fast zwanzig Jahre lang gelaufen, wobei die Langlebigkeit zu einem großen Teil der Beliebtheit von Lizas Mutter zu verdanken gewesen war. Alle paar Wochen hatte Kathleen einen Koffer gepackt, um zu einer Reise in ein weiteres fernes Land zu verschwinden. Lizas Schulfreundinnen hatten das unglaublich glamourös gefunden. Liza aber war schrecklich einsam gewesen. In ihrer frühesten Erinnerung war sie vier Jahre alt und klammerte sich an den Schal ihrer Mutter, damit diese nicht wegging. Sie hätte sie beinahe erwürgt.

Um ihr Leid bei Kathleens ständigen Abschieden zu lindern, hatte ihr Vater eine große Weltkarte in Lizas Zimmer gehängt. Immer wenn ihre Mutter zu einer weiteren Reise aufbrach, markierten Liza und ihr Vater das Land mit einer Stecknadel und stellten Recherchen an. Sie schnitten Bilder aus Prospekten aus und legten Sammelalben an. Das gab ihr das Gefühl, ihrer Mutter näher zu sein. Und Lizas Zimmer füllte sich mit allen möglichen Souvenirs. Einer handgeschnitzten Giraffe aus Afrika. Einem Teppich aus Indien.

Und dann kehrte Kathleen zurück, in zerknitterter Kleidung, voller Staub und so energiegeladen, dass sie wie eine Fremde wirkte. Diese ersten Minuten der Wiedervereinigung hatten sich immer unangenehm und gezwungen angefühlt, doch dann wurde die Arbeitskleidung durch Alltagskleidung ersetzt, und aus Kathleen, Reisende und Fernsehstar, wurde wieder Kathleen die Mutter. Bis zum nächsten Mal, wenn die Karten hervorgeholt wurden und die Planungen anfingen.

Liza hatte ihren Vater mal gefragt, warum ihre Mutter immer fortgehen musste, und er hatte gesagt: Deine Mutter braucht das.

Schon als Kind hatte sich Liza gewundert, warum die Bedürfnisse ihrer Mutter denen aller anderen übergeordnet waren, und sich gefragt, was genau ihre Mutter brauchte, doch sie hatte sich nicht getraut, diese Frage zu stellen. Ihr war nicht entgangen, dass ihr Vater mehr rauchte und trank, wenn Kathleen fort war. In seiner Erziehung war er pragmatisch, aber sehr zurückhaltend gewesen. Er hatte dafür gesorgt, dass es ihr gut ging, hielt sich aber tagsüber viel in seinem Arbeitszimmer oder in der Schule auf, wo er das Englisch-Seminar leitete.

Sie hatte die Beziehung ihrer Eltern nie verstanden und nie nach Antworten geforscht. Sie schienen glücklich miteinander, und das war alles, was zählte.

Liza hatte sich vorgestellt, wie ihre Mutter die tunesische Wüste auf einem Kamel durchquerte, und sich gefragt, warum ihre Welt so groß sein musste und warum ihre Familie dort nicht hineinpasste.

Lag es an dieser ständigen Abwesenheit, dass Liza immer häuslicher geworden war? Sie hatte sich für eine Karriere als Lehrerin entschieden, weil sich die Arbeitszeit und die Ferien gut mit den Anforderungen einer Familie vereinbaren ließen. Als ihre Kinder klein gewesen waren, hatte sie eine Auszeit genommen und war zu Hause geblieben. Als sie in die Schule kamen, passte sie ihre Arbeitszeit an ihre Schulstunden an. Sie war stolz und freute sich, dass sie die Zwillinge mit zur Schule und am Ende des Tages wieder in Empfang nahm. Sie hatte sich vorgenommen, dass ihre Kinder nicht eine solche endlose Abfolge von Abschieden erleiden sollten wie sie als Kind. Sie war stolz, dass sie sich gut mit ihnen verstand, und ermutigte sie, über ihre Gefühle zu sprechen, auch wenn diese Gespräche neuerdings wenig fruchtbar waren. Du kannst das einfach nicht verstehen, Mum. Als wäre Liza nie jung gewesen.

Dennoch, niemand konnte ihr vorwerfen, nicht fürsorglich zu sein, ein weiterer Grund, weshalb sie sich gerade unwohl fühlte.

Sean unterhielt sich mit ihrer Mutter, während sie den Tee zubereitete, wie bei einem ganz normalen Besuch.

Liza sah sich um, und ihr dämmerte, dass es eine monströse Aufgabe sein würde, dieses Haus auszuräumen. Ihre Mutter hatte von jeder ihrer vielen Reisen Erinnerungsstücke und Souvenirs mitgebracht, von Muscheln bis hin zu afrikanischen Masken. Überall waren Landkarten zu sehen – sie hingen an den Wänden oder stapelten sich in Regalen. In dem kleinen Zimmer, das ihre Mutter als Büro genutzt hatte, lagen ihre Tagebücher und andere Notizen in zwei Dutzend großen Kartons, und ihre Fotoalben füllten die Regale im Wohnzimmer.

Als ihr Vater vor fünf Jahren gestorben war, hatte Liza vorgeschlagen, ein paar seiner Sachen auszusortieren, doch ihre Mutter hatte sich geweigert. Ich möchte, dass alles so bleibt, wie es ist. Ein Zuhause sollte ein Abenteuer sein. Man weiß nie, über welchen vergessenen Schatz man stolpern könnte.

Stolpern und sich den Knöchel brechen, hatte Liza in ihrer Verzweiflung gedacht. Aber es war ein interessanter Ansatz, das herrschende Chaos anders zu definieren.

Bevor ihre Mutter das Haus verkaufen konnte, musste es leer geräumt werden, und das würde zweifellos an Liza hängen bleiben.

Wann war der richtige Zeitpunkt, um das Thema anzuschneiden? Jetzt jedenfalls noch nicht. Sie waren gerade erst angekommen. Sie musste das Gespräch neutral halten.

»Der Garten sieht hübsch aus.«

Die Glastür in der Küche führte hinaus auf die Terrasse, die von einem Blumenmeer umgeben war. An der Hintertür drängten sich Kräutertöpfe. Duftender Rosmarin stand neben dem bunten Salbei, den ihre Mutter jeden Sonntag auf Schweinebraten streute – das einzige Gericht, das sie mit Begeisterung zubereitete. Der Plattenweg führte zum reich ausgestatteten Gemüsebeet und dann zu einem von Rohrkolben gesäumten Teich. Hinter dem Garten erstreckten sich Felder und dann das Meer.

Es war so ruhig und friedlich, dass Liza sich kurz nach einem anderen Leben sehnte – einem, in dem sie nicht ständig gehetzt war und eine Aufgabe nach der anderen von ihrer endlosen To-do-Liste abhakte. Sie wollte einfach nur dasitzen.

Ihr Traum, eines Tages am Meer zu leben, war so gut wie gestorben. In den ersten Jahren ihrer Beziehung hatten sie und Sean noch über das Thema gesprochen, doch dann hatte das Alltagsleben Oberhand gewonnen. Es war praktisch nicht umsetzbar, ans Meer zu ziehen. Seans Arbeitsplatz war in London. Ihrer ebenso. Auch wenn sie als Lehrerin natürlich flexibler war.

Sean holte das Essen aus dem Wagen, und Liza verstaute es im Kühlschrank.

»Ich hatte noch Eintopf im Eisfach, den ich mitgebracht habe«, sagte sie. »Und etwas Gemüse.«

»Ich bin durchaus in der Lage, Essen zuzubereiten«, erwiderte ihre Mutter.

»Deine Vorstellung von Essen umfasst Schinken und Frühstücksflocken. Du ernährst dich nicht gut.« Sie legte frisches Obst in eine Schale. »Ich bin davon ausgegangen, dass du nicht auf eine Invasion vorbereitet warst.«

»Können zwei Menschen eine Invasion sein?« Ihre Mutter sagte das leichthin, doch sie umklammerte die Tischkante und ließ sich vorsichtig auf einem Stuhl nieder.

Liza war sofort bei ihr. »Vielleicht sollte ich einen Blick auf die Kopfwunde werfen?«

»Vielen Dank, aber niemand fasst meinen Kopf an. Der tut schon genug weh. Der junge Doktor, der mich genäht hat, sagte, dass eine Narbe bleiben würde. Als ob mich so etwas in meinem Alter kümmern würde.«

Alter.

War dies der richtige Moment, um zu erwähnen, dass es an der Zeit war, eine Veränderung in Erwägung zu ziehen?

Neben dem Herd schenkte Sean gerade den Tee ein.

Liza hielt inne, weil sie die friedliche Atmosphäre nicht stören wollte. Dann versuchte sie, ein tiefgründigeres Gespräch in Gang zu bringen. »Du musst Angst gehabt haben.«

»Ich habe mir mehr Sorgen um Popeye gemacht. Du weißt, wie sehr er Fremde hasst. Er muss durch die offene Tür entkommen sein, und seitdem habe ich ihn nicht mehr gesehen.«

Liza gab auf. Wenn ihre Mutter über die Katze sprechen wollte, würden sie eben über die Katze sprechen. »Er war schon immer ein Streuner.«

»Vermutlich kommen wir deshalb so gut miteinander klar. Wir verstehen einander.«

War es verrückt, eifersüchtig auf eine Katze zu sein?

Ihre Mutter wirkte wehmütig, und Liza beschloss, alles in ihrer Macht Stehende zu tun, um Popeye zu finden. »Wenn er morgen früh nicht zurück ist, suchen wir nach ihm. Und du solltest dich jetzt hinlegen, glaube ich.«

»Um vier Uhr nachmittags? Ich bin kein Pflegefall, Liza.« Kathleen löffelte sich Zucker in den Tee – eine weitere ungesunde Angewohnheit, die sie nicht ablegen wollte. »Macht kein Theater.«

»Wir machen kein Theater. Wir sind hier, um nach dir zu sehen und …« Und dich dazu zu bringen, über die Zukunft nachzudenken. Liza hielt inne.

»Und was? Mich davon zu überzeugen, einen Notrufknopf zu tragen? Ich werde das nicht tun, Liza.«

»Mum …« Sie bemerkte Seans warnenden Blick, ignorierte ihn jedoch. Vielleicht war es das Beste, das Thema jetzt anzubringen, damit sie den Rest des Wochenendes die Einzelheiten besprechen konnten. »Dieser Vorfall war ein Schock für uns alle, und wir müssen einigen unbequemen Wahrheiten ins Gesicht sehen. Es muss sich etwas ändern.«

Sean wendete sich mit einem Kopfschütteln ab, doch ihre Mutter nickte.

»Es muss sich in der Tat etwas ändern. Der Schlag auf den Kopf hat mich zur Vernunft gebracht.«

Eine Welle der Erleichterung durchflutete Liza. Ihre Mutter würde mit sich reden lassen. Offenbar war sie doch nicht der einzige vernünftige Mensch im Raum.

»Das freut mich«, sagte sie. »Ich habe Prospekte im Wagen, sodass wir jetzt nur noch planen müssen. Und dafür haben wir das ganze Wochenende Zeit.«

»Prospekte? Du meinst Reiseprospekte?«

»Für Seniorenheime. Wir können …«

»Wozu bringst du die mit?«

»Weil du hier nicht länger bleiben kannst, Mum. Du hast doch zugegeben, dass sich etwas ändern muss.«

»Ja, das muss es. Und ich entwerfe gerade einen Plan, von dem ich dir erzählen werde, wenn ich mir über die Einzelheiten im Klaren bin. Aber ich werde in kein Seniorenheim ziehen. Das will ich nicht.«

Wollte ihre Mutter etwa bei ihnen in London leben?

Liza schluckte und zwang sich zu der Frage: »Was willst du denn?«

»Ein Abenteuer.« Kathleen schlug mit der flachen Hand auf den Tisch, dass die Tassen klirrten. »Ich möchte noch mal ein Abenteuer erleben. Ich war immer eine Sommersucherin und vermisse diese Zeit schrecklich. Wer weiß, wie viele Sommer mir noch bleiben? Aus dem jetzigen möchte ich das Beste machen.«

»Aber Mum …« Das war so lächerlich. »Du wirst Ende dieses Jahres einundachtzig.«

Ihre Mutter straffte sich, und ihre Augen leuchteten. »Ein Grund mehr, keine Zeit mehr zu verschwenden.«

3. KAPITEL

Kathleen

Als Erstes spürte Kathleen die pochenden Kopfschmerzen. Für einen kurzen Moment im Schwebezustand zwischen Traum und Wachsein glaubte sie, wieder in Afrika zu sein und einen Malariaschub zu erleiden. Eine schreckliche Erfahrung, die sie auf keinen Fall wiederholen wollte.

Sie setzte sich auf, betastete den Verband an ihrem Kopf und erinnerte sich wieder an alles.

Der betrunkene schwarz gekleidete Mann.

Die Polizei.

Der fortgelaufene Popeye.

Ihr Kopf.

Die Kopfschmerzen waren keine Folge von Malaria, sondern von ihrer sich selbst zugefügten Verletzung. Was bei genauerer Betrachtung viel aufregender war.

Seit Brians Tod fühlte sie sich, als hätte jemand die Pause-Taste in ihrem Leben gedrückt. Sie lebte hier in einer sicheren kleinen Welt, vertäut im Hafen, statt hinaus auf See zu steuern.

Liza wollte sie nicht mal im Hafen sehen, sondern im Trockendock. Wollte sie sicher untergebracht wissen, an einem Ort, wo sie vor allem Unbill geschützt war.

Ihre Tochter hatte bestimmt gute Absichten, doch der Gedanke an einen Verkauf ihres geliebten Hauses hatte in Kathleen Panik aufkommen lassen. So entsetzt war sie gewesen, dass sie mit dieser wilden Geschichte herausgeplatzt war, damit, dass sie noch einmal ein Abenteuer erleben wollte.

Den Schock in Lizas Miene würde wohl niemand von ihnen so bald wieder vergessen. Offenbar glaubte sie, dass der Schlag auf den Kopf das Denkvermögen ihrer Mutter beeinträchtigt hatte.

Mum? Bist du sicher, dass es dir gut geht? Fühlst du dich benommen? Weißt du, welchen Tag wir haben?

Ja, sie wusste, welchen Tag sie hatten. Es war der Tag, bestimmte Entscheidungen zu treffen.

Sie ignorierte ihre schmerzenden Glieder, als sie vorsichtig aus dem Bett stieg, um eine Kopfschmerztablette zu nehmen. Von ihrem Schlafzimmerfenster aus sah sie in der Ferne das Meer und sehnte sich plötzlich danach, mit einem Katamaran durch die Wellen zu pflügen und die salzige Gischt auf ihrem Gesicht zu spüren. Sie war einmal einen Monat lang über das Mittelmeer gesegelt, als Teil einer Flottille. Die meiste Zeit war sie barfuß gewesen, die Haut verbrannt von der Sonne und das Haar strohig vom Meerwasser. Vor allem aber erinnerte sie sich an das Gefühl von Freiheit und Lebendigkeit.

Dieses Gefühl wollte sie wiederhaben. Das war doch nicht altersabhängig, oder?

Hatte Liza etwa recht? War sie dickköpfig? Unrealistisch? Was erwartete sie mit achtzig Jahren? Glaubte sie wirklich, sie würde barfuß über den Sand laufen oder ein Segel einholen? Tequila trinken in Mexiko?

Diese Zeiten lagen hinter ihr, auch wenn ihr die Erinnerungen und Andenken geblieben waren.

Im Haus war es ruhig. Sie ging in den Raum, der ihr in all den Jahren als Arbeitszimmer gedient hatte. Die Wände waren bedeckt mit Landkarten. Afrika. Australien. Der Nahe Osten. Amerika. Die ganze Welt breitete sich vor ihr aus, verlockte sie.

Sie vermisste das Reisen und Entdecken so sehr. Sie vermisste das Gewimmel am Flughafen, die Gerüche und Geräusche eines neuen Landes, das Aufregende des Unbekannten. Sie vermisste es, ihre Erfahrungen an andere Menschen weiterzugeben. Gehen Sie hierhin, sehen Sie sich dies an, erleben Sie jenes. Summer Seekers war ihr Kind gewesen. Ihre Show.

Welchen Nutzen hatten ihre Erlebnisse jetzt? Sie hatte vorgehabt, ein Buch über ihre Reisen zu schreiben, doch schnell gemerkt, dass das Schreiben darüber nicht annähernd so aufregend war wie das Reisen selbst. Ein paar Kapitel hatte sie hingekritzelt und es dann aufgegeben, gelangweilt vom Sitzen und dem ständigen Suhlen in Nostalgie. Sie wollte nicht schreiben, sie wollte etwas tun.

Ihre letzte Auslandsreise lag acht Jahre zurück – ein beschaulicher Ausflug nach Wien, um ihren Hochzeitstag zu feiern. Sie hatten Sachertorte gegessen, die sehr schokoladig und zweifellos köstlich war. Geschmackserlebnisse der exquisiten Art gehörten zu den vielen Freuden, wenn man neue Länder entdeckte. In Kathleen weckten Geschmäcker Erinnerungen. Wenn sie bestimmte Gewürze roch, fühlte sie sich an die von Palmen gesäumten Strände von Goa versetzt. Das leise Brutzeln von Knoblauch in Olivenöl ließ sie an die langen trägen Sommer in der Toskana denken.

Sie hatte schon immer eine Leidenschaft fürs Abenteuer gehegt. Fürs Reisen. Sie war nie lange genug stehen geblieben, als dass der Alltag sie hätte einholen können.

Sie stand vor einer Landkarte von Nordamerika, auf der die historische Route 66 eingezeichnet war.

Diese Reise hatte lange auf ihrem Wunschzettel gestanden. Und sie hätte sie sicherlich schon längst unternommen, wenn sie nicht in Kalifornien anfangen oder enden würde. Sicher, Kalifornien war groß, und dennoch fühlte es sich unbehaglich an.

Der Gedanke an Kalifornien rief ihr die Briefe in Erinnerung. Sie wollte die Schreibtischschublade schon öffnen, zog die Hand aber wieder zurück.

Inzwischen war es viel zu spät, die Vergangenheit war nicht zu ändern. Sie konnte sich nur die Landkarten und die Fotos anschauen und träumen. Ihr Blick fiel auf die gestapelten Kartons, in denen sich Reisepläne und Notizen befanden.

Dieses Haus zu verkaufen würde nicht nur bedeuten, dass sie ihr Zuhause verlor. Es würde bedeuten, dass sie ihre Vergangenheit verließ. Das Haus war ja nicht mit bedeutungslosen Dingen vollgestellt, sondern das alles waren Teile ihres Lebens. Alles hatte eine Bedeutung und rief Erinnerungen wach.

Sie schloss die Tür des Arbeitszimmers ab und ging wieder ins Schlafzimmer, wo sie den Schlüssel in einer Schublade versteckte.

Dieser Mann, der in ihr Haus eingedrungen war, hatte sie ins Nachdenken gebracht über ihr Leben.

Ja, sie war schutzlos, aber das war jeder Mensch. Die meisten waren sich dessen natürlich nicht bewusst. Die meisten Menschen glaubten, sie hätten alles unter Kontrolle. Vielleicht brauchte es das Alter und Lebenserfahrung, um zu wissen, dass das Leben einem mitunter Schläge versetzte, die man nicht abwehren konnte, nicht einmal mit einer Bratpfanne.

Angst hatte sie noch nie von etwas abgehalten. Stattdessen hatte sie das Beste aus jedem Augenblick gemacht und die Dinge so genommen, wie sie kamen. Mehr noch, sie war regelrecht draufgängerisch gewesen.

Das war sie heute nicht mehr, allerdings war sie auch nicht bereit, ihre Tage in einem Zimmer mit Notrufknopf zu verbringen.

Unruhe stieg in ihr auf. Aufregung. Erwartung. Abenteuerlust. Ein Gefühl, das sie lange nicht mehr verspürt hatte. Sie war erleichtert, dass es noch nicht endgültig verschwunden war, denn es gab ihr die Energie und Entschiedenheit, die jetzt nötig war.

Sie ging ins Badezimmer und löste den Verband vom Kopf. Es reichte.

Sie wusch das getrocknete Blut ab und machte sich so gut wie möglich zurecht. Die Haare zu waschen wäre im Moment wohl nicht die klügste Maßnahme. Sie versuchte, ihr Spiegelbild nicht anzusehen. In ihrer Vorstellung war sie jugendlich, doch der Spiegel entlarvte dieses Bild als Selbsttäuschung.

Sie zog sich so rasch an, wie ihr Körper das erlaubte, und ging hinunter in die Küche. Enttäuscht stellte sie fest, dass es kein Anzeichen von Popeye gab. Sie liebte den Kater sehr, und das nicht nur, weil er wenig von ihr erwartete.

Sie war schon immer eine Frühaufsteherin gewesen und begann den Tag mit starkem Kaffee. Die Sonne schien, und so trug sie ihren Becher zu dem kleinen Tischchen mit der Marmorplatte, das sie aus Italien mitgebracht hatte. Kaum war sie nach draußen getreten, hellte sich ihre Stimmung auf.

Der Tag versprach perfektes Wetter, Blumenduft lag in der Luft und Bienen summten.

Dieser Augenblick allein mit ihrem Kaffee war ein kurzes Innehalten vor einem, wie sie ahnte, schwierigen Wochenende. Sie hatte in vielen Bereichen geglänzt, doch nicht unbedingt als Mutter. Sie war vierzig gewesen, als sie geheiratet hatte, und Liza war neun Monate später zur Welt gekommen. Kein Abenteuer in ihrem Leben hatte Kathleen mehr Angst gemacht als der Gedanke, dass sie Mutter wurde und jemand von ihr abhängig war.

Sie passte nicht in die allgemeingültige Vorstellung einer guten Mutter. Sie hatte fast jedes Sportfest versäumt, nie beim Ballett zugeschaut und Elternabende als freiwillige Veranstaltung betrachtet. Doch sie hatte ihrer Tochter vorgelesen, wenn auch lieber aus Reiseführern als aus Romanen, hatte ihr so vermitteln wollen, wie groß die Welt war, und sie hielt es sich zugute, dass Liza in Geografie Bestnoten gehabt hatte. Doch es gehörte auch zur Wahrheit, dass die ersten zusammenhängenden Worte aus Lizas Mund lauteten: »Mummy nicht da.«

Kathleen hatte immer damit gekämpft, ihre eigenen Bedürfnisse mit den gesellschaftlichen Erwartungen in Einklang zu bringen.

Und nun befand sie sich wieder in dieser Lage. Von jemandem in ihrem Alter wurde erwartet, nicht mehr abenteuerlustig zu sein.

Was sollte sie tun? Ihr Haus verkaufen und in irgendein Seniorenheim ziehen, um ihre Tochter zufriedenzustellen? Auf sich aufpassen und ihren Sessel nicht verlassen, bis ihr Herz irgendwann stehen blieb?

In den Sechzigern hatte sie Marihuana geraucht und Rock ’n’ Roll getanzt.

Wann war sie so vorsichtig geworden?

Autor