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Die Schwestern von Rose Cottage

Rose Cottage - ein besonderer Zauber scheint diesem Ort innezuwohnen. Es heißt, dort findet jeder sein Glück. Die vier D’Angelo-Schwestern lassen es auf einen Versuch ankommen …

Melanie:


Im idyllischen Rose Cottage will Melanie ihren betrügerischen Exfreund vergessen. Kopfüber stürzt sie sich in einen stürmischen Flirt mit dem Landschaftsgärtner Mike. Doch er will mehr …

Maggie:


Dass sie mit diesem Rick aber auch jedes Mal im Bett landet! Maggie flüchtet in das Landhaus ihrer Familie, um in Ruhe über alles nachzudenken. Doch wie soll sie Ruhe finden, wenn er sie bis in den Schlaf verfolgt?

Ashley:


Bloß weg von diesem Presserummel, denkt Anwältin Ashley D’Angelo. Und wo könnte man besser entspannen als in Rose Cottage? Doch schon auf dem Weg dorthin begegnet sie dem geheimnisvollen Josh …

Jo:
Im Landhaus ihrer Großmutter hat Jo D’Angelo ihre erste große Liebe kennengelernt. Als sie Pete jetzt wiedersieht, erwacht sofort die Sehnsucht in ihr. Gibt es diesmal eine Chance für eine gemeinsame Zukunft?

4 Romane in einem Band!

  • Erscheinungstag: 13.07.2020
  • Aus der Serie: E Bundle
  • Seitenanzahl: 492
  • ISBN/Artikelnummer: 9783745752403
  • E-Book Format: ePub
  • E-Book sofort lieferbar

Leseprobe

Cover

Sherryl Woods

Die Schwestern von Rose Cottage

Sherryl Woods

Melanie

Roman

Aus dem Amerikanischen von Renate Moreira

Image

PROLOG

Die Tränen auf ihrer Wange waren noch nicht getrocknet und die Wut noch nicht verraucht, als jemand – nein, nicht nur einfach jemand, sondern die halbe Sippe – an die Tür von Melanies Wohnung in Boston klopfte. Noch bevor sie sich von der Couch erhoben hatte, wurde die Tür bereits aufgestoßen, und ihre drei Schwestern stürzten wie zornige Furien in das kleine Apartment.

Wenn Melanie nicht so verzweifelt gewesen wäre, hätte sie über das entschlossene Verhalten ihrer Schwestern wahrscheinlich gelächelt. Und Jeremy konnte von Glück sagen, dass sie ihn bereits hinausgeworfen hatte. Die D’Angelo-Schwestern waren nämlich eindeutig etwas Besonderes. So unterschiedlich sie auch waren, zusammen waren sie eine geballte Energie, gegen die man nicht so leicht ankam. Nichts band sie außerdem enger zusammen als ein gemeinsamer Feind – und in diesem Fall war es der Mann, der Melanie sechs Monate lang belogen und betrogen hatte.

Maggie und Jo setzten sich neben ihre Schwester, tätschelten ihr die Hand – eine rechts, die andere links – und versuchten, sie aufzumuntern. Sie meinten, dass alles wieder gut werden würde, dass dieser Schuft sie sowieso nicht verdient hätte, und trösteten sie mit einer Flut gut gemeinter Worte. Leider redeten ihre Schwestern so lange auf sie ein, dass Melanie irgendwann am liebsten laut geschrien hätte.

Ashley war die Einzige, die nichts sagte, aber die leichte Röte auf ihren Wangen und die Tatsache, dass sie aufgeregt im Zimmer hin und her lief, verrieten nichts Gutes. Offensichtlich stand sie kurz davor zu explodieren. Ashley war die älteste der vier Schwestern und nahm ihre Verantwortung sehr ernst. Außerdem hatte sie das heftige Temperament des Vaters geerbt. Melanie beäugte sie daher misstrauisch.

„Ash, vielleicht solltest du mit diesem Hin- und Hergerenne aufhören und dich setzen“, schlug sie beschwichtigend vor. „Wir werden ja allein vom Zugucken nervös.“

Ihre Schwester zog die Brauen hoch. „Nein, ich versuche noch zu entscheiden, ob ich diesen Jeremy vor Gericht zerren oder ihn ausfindig machen und ihm eine ordentliche Tracht Prügel verabreichen soll.“

Die anderen Schwestern tauschten vielsagende Blicke. Bei Ashley war nämlich keine der beiden Optionen gänzlich auszuschließen. Sie war Anwältin, hatte einen ausgeprägten Gerechtigkeitssinn und wurde zur Löwin, wenn es darum ging, ihre Schwestern zu verteidigen.

„Und wozu wäre das gut, Ash?“, fragte Jo, die als die Friedensstifterin galt. „Wenn dein Name und das Motiv für deine Tat in die Schlagzeilen käme, würde das Melanies Schmerz nur noch verschlimmern und sie wäre vor der ganzen Welt blamiert. Dann wüssten alle, dass dieser Schuft es fertiggebracht hat, sie ein halbes Jahr lang anzulügen. Und willst du wirklich, dass Dad das herausfindet? Wahrscheinlich wirst du ihn dann wegen Mordes verteidigen müssen.“

Ashley seufzte. „Ihr habt ja recht.“

Die vier Schwestern schwiegen und dachten über Jos Warnung nach. Das Temperament ihres italienischen Vaters war berühmt-berüchtigt, und bisher hatte er den Männern, mit denen sie ausgegangen waren, immer wieder ordentlich Angst eingejagt. Ein Schuft und Lügner wie dieser Jeremy hätte nicht die geringste Chance gegen den Zorn ihres Vaters.

Ashley sah Melanie prüfend an. „Bist du sicher, dass ich nichts unternehmen soll? Es gibt diverse Wege, es diesem Kerl heimzuzahlen. Es muss nicht unbedingt Blut fließen.“

„Ja, ich bin ganz sicher“, beeilte sich Melanie rasch zu sagen. „Es ist schon schlimm genug, wenn ihr wisst, dass es Jeremy ein halbes Jahr lang gelungen ist, eine Frau und zwei Kinder vor mir geheim zu halten. Ich schäme mich, dass ich seinen Lügen so blind geglaubt habe.“

„Und warum hat er es dir dann heute gestanden? Hatte er ein schlechtes Gewissen?“, fragte Maggie.

„Wohl kaum“, bemerkte Melanie. „Ich bin ihm über den Weg gelaufen, als er gerade mit seiner Frau neue Sportschuhe für die Kinder kaufte. Und selbst in dieser Situation hatte er noch die Frechheit, mich beiseitezuziehen und mir Lügen aufzutischen. Ihr kennt schon dieses Blabla, wie sehr ihn seine Ehe erdrücken würde und dass er nur noch aus Verantwortungsbewusstsein bei seiner Frau bliebe. Ich wäre wahrscheinlich sogar so dumm gewesen und hätte ihm auch das noch geglaubt, wenn seine Frau uns nicht entdeckt und ihm einen Blick zugeworfen hätte, der mir das Blut in den Adern gefrieren ließ. Man konnte ihr ansehen, dass sie die Situation sofort erfasst hatte. Es war bestimmt nicht das erste Mal, dass er eine Geliebte hatte. Ich frage mich bloß, was für eine Lüge er erfunden haben muss, damit sie ihn heute noch mal wegließ. Er kam, um zu retten, was noch zu retten war.“

„Du hast doch hoffentlich kein Wort von dem geglaubt, was er dir erzählt hat, oder?“, fragte Ashley.

„Natürlich nicht. Außerdem wusste ich, dass ihr inzwischen auf dem Weg zu mir wart, und habe ihn so schnell wie möglich hinausgeworfen.“ Sie seufzte. „Mensch, wie dumm ich war! Ich hätte bereits vor Monaten begreifen müssen, was da vor sich ging.“

Jo lächelte und stieß Melanie freundschaftlich in die Rippen. „Du bist wohl doch leicht begriffsstutzig, was? In Mathe warst du auch keine Leuchte.“

„He, das ist nicht lustig, kleine Schwester“, protestierte Melanie. „Was soll ich bloß tun? Ich kann doch jetzt bei Rockingham Industries nicht mehr weiterarbeiten. Ich hätte mich niemals mit einem Kollegen einlassen sollen. Allein bei dem Gedanken, dass ich ihn dort wieder sehen werde, krampft sich mir der Magen zusammen. Oh verflixt, noch gestern habe ich alles getan, um ihm so oft wie möglich zu begegnen. Unter allen möglichen Vorwänden bin ich in sein Büro gelaufen.“

„Was du im Moment brauchst, ist Abstand“, riet Maggie mit nachdenklichem Gesichtsausdruck. „Und ich weiß auch schon, welcher der geeignete Ort dafür ist.“

„Ich muss einen anderen Job finden“, korrigierte Melanie ihre Schwester. „Ich weiß, dass ich bei Rockingham nicht gerade Karriere gemacht habe, aber immerhin konnte ich mit diesem Sekretärinnenjob meine Miete bezahlen.“

„Du musst dich nicht sofort auf die Suche begeben“, warf Ashley ein. „Falls du knapp bei Kasse bist, leihe ich dir gern etwas.“

„Das sagt die gut verdienende Anwältin, die sich vor Geld nicht mehr retten kann und keine Zeit hat, es auszugeben“, bemerkte Jo. „Aber von uns kannst du natürlich auch etwas bekommen.“

„Klar“, stimmte Maggie sofort zu.

Ashley nickte. „Also gut, das wäre geklärt. Und ich weiß auch schon, an welchen Ort Maggie denkt. Du solltest in Großmutters Cottage fahren, Melanie. Du weißt doch, wie gut es uns dort gefallen hat. Es gibt keinen besseren Platz auf der Welt, um seine Gedanken und Gefühle zu ordnen.“

„Damals waren wir Kinder“, wandte Melanie ein. „Wir haben unsere Sommerferien dort verbracht. Kein Wunder, dass es uns dort gefallen hat. Aber seit wir erwachsen sind, ist keiner von uns mehr hingefahren. Nicht mal Mom. Wahrscheinlich sind Garten und Haus in einem erbärmlichen Zustand.“

„Das wäre doch nur ein weiterer Grund, dort endlich mal Urlaub zu machen“, erwiderte Ashley, die sich offenbar für Maggies Idee erwärmt hatte. „Ein paar Renovierungsarbeiten sind genau das, was deine Laune aufbessern würde. Das Haus ist bestimmt ein Vermögen wert. Vielleicht könnten wir Mom überreden, es zu verkaufen.“

„Das wird sie nicht tun“, sagte Maggie. „Du weißt doch, wie sehr sie daran hängt.“

„Nun, das ist im Moment auch nicht so wichtig“, wehrte Ashley ab.

„Was ist denn wichtig?“, fragte Jo. „Ich verliere langsam den Überblick.“

„Dass Melanie etwas zu tun hat. Das Haus zu renovieren und den Garten in Ordnung zu bringen, das wird sie am Tag beschäftigen, und abends wird sie dann so erschöpft sein, dass sie sofort einschläft“, erklärte Ashley. „Und wir werden sie abwechselnd am Wochenende besuchen, um ihr Gesellschaft zu leisten.“

„Falle ich euch so zur Last, dass ihr es kaum erwarten könnt, mich loszuwerden?“, fragte Melanie.

Sie war nicht sicher, ob sie in einem Haus wohnen wollte, in dem sie sich und ihren Gedanken ganz allein überlassen war. Das Landhaus ihrer Großmutter lag an den Ufern der Chesapeake Bay in Virginia. Obwohl sich die Region in den letzten Jahren weiterentwickelt hatte, war dort nach Bostoner Standard noch immer tiefste Provinz. Sie bezweifelte, dass es dort ein Kino oder gar ein vernünftiges Einkaufszentrum gab.

„Es ist doch keine Verbannung“, scherzte Ashley.

„Aber warum sollte ich Jeremy die Genugtuung geben und davonlaufen?“, widersprach Melanie. „Er ist doch derjenige, der gegen jegliche Regeln der Moral verstoßen hat.“

„Das stimmt“, warf Jo ein.

Ashley warf beiden Schwestern einen strengen Blick zu. „Was schlagt ihr also vor? Soll sie ihm Tag für Tag bei der Arbeit begegnen? Hört sich das für euch etwa nach Spaß an?“

Melanie musste zugeben, dass sich das eher nach Hölle anhörte.

„Nun komm schon, Melanie. Du weißt, dass ich recht habe“, beharrte Ashley. „Du brauchst Abstand. Und es gibt dir Gelegenheit, in aller Ruhe zu überlegen, was du als Nächstes tun willst. Es wird langsam Zeit, dass du etwas mit deinem College-Abschluss anfängst. Du hast dein Talent bei Rockingham nur verschwendet. Glaub mir, so eine Auszeit ist das Beste, was dir passieren kann. Vielleicht kommst du so auf neue Ideen und wirst endlich einen Job finden, der wirklich für dich passend ist.“

Mit all dem Liebeskummer und ihrem verletzten Stolz konnte Melanie im Moment nicht so recht sehen, wieso diese erzwungene Auszeit ihr etwas Gutes bringen sollte. Sie musste allerdings zugeben, dass Ashley oft recht hatte. „Wenn du das sagst“, meinte sie ohne rechte Überzeugung.

„Ist es dir lieber, wenn du hier in dieser Wohnung herumhängst und dich in Selbstmitleid ertränkst?“

„Nein“, erwiderte Melanie bestimmt. Sie hatte noch nie etwas von Selbstmitleid gehalten und würde ganz bestimmt nicht jetzt damit anfangen. Schon gar nicht wegen Jeremy, diesem Schuft und Lügner. Wie hatte sie bloß so auf ihn hereinfallen können? Charme und gutes Aussehen bedeuteten noch lange nicht, dass ein Mann Charakter besaß.

„Gut. Dann wäre ja alles geklärt“, fand Ashley. „Wir werden dir packen helfen. Du kannst gleich morgen früh abreisen. Es ist eine lange Fahrt, und du willst doch bestimmt bei Tageslicht ankommen.“

„Ich habe ja noch nicht mal meine Kündigung eingereicht“, protestierte Melanie, obwohl sie absolut keine Lust hatte, sich in der Firma zu zeigen und sich der Gefahr auszusetzen, Jeremy in die Arme zu laufen.

„Du kannst die Kündigung faxen“, bemerkte Ashley knapp. „Falls jemand Fragen stellt, kann er sich ja an Jeremy wenden. Der kann bestimmt einiges erklären. Vielleicht feuern sie diesen Windhund sogar. Oder sag ihnen, sie sollen mich anrufen. Ich werde denen ein paar Dinge über sexuelle Belästigung am Arbeitsplatz erzählen.“

„Es war keine …“, begann Melanie, wurde jedoch sofort von ihrer großen Schwester unterbrochen.

„Aber es war nahe dran“, korrigierte Ashley. „Hat er dir nicht immer wieder die Aussicht auf eine Arbeit in deinem Bereich vor die Nase gehalten?“

„Ja“, gab Melanie zu, war jedoch immer noch nicht überzeugt. „Aber …“

„Kein Aber“, meinte Ashley und beendete damit das Thema.

Melanie seufzte. „Also gut. Wie soll ich es aber anstellen, von Mom den Schlüssel zu bekommen, ohne ihr die ganze hässliche Geschichte erzählen zu müssen?“ Diese Frage war der letzte Strohhalm, an den sie sich klammerte, um dieser Reise vielleicht doch noch ausweichen zu können. Ihre Mutter mochte zwar nach außen wie eine sanfte Südstaatenschönheit wirken, sie hatte aber den gleichen eisernen Willen wie ihr Vater. Auch sie könnte Jeremys Leben in eine Hölle verwandeln. Sie hatte sich so von dem Film Vom Winde verweht beeinflussen lassen, dass sie drei ihrer Töchter mit Namen der Filmfiguren bedacht hatte. Nur Jo war diesem Schicksal entgangen. Wahrscheinlich war ihr der Name Scarlett erspart geblieben, weil ihre Mutter sich selbst stets in der Rolle der Scarlett gesehen hatte.

„Mach dir keine Sorgen um Mom.“ Ashley öffnete ihre Handtasche und zog einen Schlüssel heraus. „Ich habe den Ersatzschlüssel“, erklärte sie triumphierend.

Melanie, Jo und Maggie sahen sie überrascht an. „Warum?“

„Er ist so eine Art Talisman für mich“, erklärte sie. „Wenn mein Leben zu stressig und hektisch wird, schaue ich den Schlüssel an und sage mir, dass es noch ein anderes Leben außer dem im Gericht gibt. Wisst ihr, es gibt Tage, an denen ich auch am liebsten in Grandmas Landhaus fahren würde, wenn ich nur könnte.“

„Aber du bist seit Jahren nicht mehr dort gewesen“, warf Melanie ein.

Ashley winkte ab. „Es reicht schon zu wissen, dass das Haus noch existiert.“

Melanie seufzte. Sie hoffte, dass auch ihr das Haus helfen würde. Bei der Erinnerung an den verächtlichen Blick von Jeremys Frau zweifelte sie allerdings daran.

1. KAPITEL

Jeden Morgen, wenn Mike mit seiner Tochter zur Arbeit fuhr und sie am alten Lindsey-Landhaus vorbeikamen, bedrückte ihn der jämmerliche Zustand dieses Anwesens. Die Fliegengittertür auf der Veranda war von Vandalen beschädigt worden, die Farbe blätterte ab, und wenn der Wind wehte, klapperte ein schlecht befestigter Fensterladen.

Das Haus befand sich auf einem Grundstück, von dem man einen wundervollen Ausblick direkt auf die Chesapeake Bay hatte. Dass jemand solch ein Anwesen einfach sich selbst überließ und schutzlos Wind und Wetter aussetzte, war in seinen Augen eine sträfliche Schande. Wenn die Besitzer es nicht mehr nutzen wollten, sollten sie es an jemanden verkaufen, der sich anständig darum kümmerte.

Doch wenn schon der Zustand des Hauses Mike bedrückte, so trieb ihm der verwilderte Garten fast die Tränen in die Augen. Am liebsten wäre er sofort mit Gartenschere, Harke und Spaten aus dem Wagen gestiegen. Gartenarchitektur war seine Leidenschaft, und er wusste, dass dieses Fleckchen Erde mal ein Prachtstück von Garten gewesen sein musste. Jemand hatte sich einst liebevoll um die Rosen gekümmert, die jetzt mühsam um ihr Überleben kämpften. Jemand hatte lange darüber nachgedacht, wo die Lilien stehen sollten, und sich für einen Platz unter den nach Osten gerichteten Fenstern entschieden, damit ihr Duft im Frühling in das Haus strömte.

Doch jetzt wurden die Rosen, die lange nicht mehr geschnitten worden waren, von wilden Ranken fast erstickt, und Geißblatt machte sich bei den Lilien breit. Die Farbe des Holzzaunes blätterte ab, und an einigen Stellen war er von Büschen beschädigt, die sich hemmungslos ausbreiteten. Einige Blumen kämpften noch gegen das wuchernde Unkraut. Doch das Unkraut brauchte nur auf die Zeit zu setzen, um den Kampf zu gewinnen. Es brach Mike fast das Herz, die Verwahrlosung dieses einst so wunderschönen Gartens mit ansehen zu müssen.

Bereits vor sechs Jahren hatte er es kaufen wollen, doch der Makler meinte damals, der Besitzer wäre nicht an einem Verkauf interessiert. Aber wie es aussah, war der Besitzer überhaupt nicht an dem Haus und dem wundervollen Grundstück interessiert …

„Daddy“, begann Jessie plötzlich neben ihm, „warum hältst du hier an? Dieses Haus macht mir Angst.“

Mike schaute zu seiner sechsjährigen Tochter hinüber, die im Moment wie das Ebenbild eines blauäugigen, blondhaarigen Engels wirkte. Ihr Gesicht war sauber, die Haare gekämmt, und die Kleidung war weder verschmutzt noch zerrissen. Der Morgen hatte ausnahmsweise richtig gut begonnen. Es hatte noch nicht mal Probleme bei der Auswahl der Kleidung gegeben und auch keine Diskussion über die Rühreier, weil die Cornflakes ausgegangen waren. Tage wie diese waren selten, und Mike hatte gelernt, dafür dankbar zu sein.

Das bedeutete natürlich nicht, dass er auch nur eine Sekunde der Zeit hergeben würde, die er mit seiner Tochter bisher verbracht hatte. Jessie war sein Ein und Alles. Sie hatte schon viel zu viel in ihrem jungen Leben mitmachen müssen. Da ihre Mutter sogar in der Schwangerschaft Drogen genommen hatte, musste sie bereits als untergewichtige Neugeborene einen Entzug durchmachen. Mike war schockiert gewesen, als der Arzt ihn mit der Wahrheit konfrontiert hatte. Er hatte nicht bemerkt, dass seine Frau Linda drogensüchtig gewesen war. Geschickt hatte sie das vor ihm geheim gehalten.

Nach der Geburt von Jessie hatte er sechs Monate lang darum gekämpft, dass Linda eine Entziehungskur machte. Immer wieder versuchte er, ihr zu erklären, dass sie nicht nur ihr eigenes Leben zerstörte, sondern auch das ihrer Tochter und das ihres Ehemannes. Doch die Drogen waren mächtiger als die Liebe zu ihm und ihrem Kind.

Irgendwann hatte er dann zermürbt aufgegeben. Er reichte die Scheidung ein, bekam das Sorgerecht für Jessie und verließ seine Frau. Lindas Familie wusste, wo er und das Kind zu finden waren, aber Linda selbst war nicht mehr Teil seines Lebens.

Lindas leidgeprüfte Eltern hatten schweren Herzens eingesehen, dass es keinen anderen Weg mehr gab. Sie besuchten ihn und ihr Enkelkind regelmäßig, doch Lindas Name wurde nur selten vor Jessie erwähnt. Jetzt, da sie älter war, versuchte Mike stets, ihre Fragen nach der Mutter so ehrlich wie möglich zu beantworten, aber es brach ihm fast das Herz, den Schmerz in den Augen seiner kleinen Tochter zu sehen.

Alleinerziehender Vater zu sein war schon schwer genug, aber mit Jessies launischem Temperament fertig zu werden, das war eine Herausforderung, die wirkliche Engelsgeduld erforderte. Als Baby hatte sie Tag und Nacht geschrien, jetzt war sie unberechenbar und zickig. Er wusste nie, wann ihre gute Laune in Hysterie oder Tobsuchtsanfälle umschlagen würde. Meistens brachte er die Kraft auf, ihre Capricen auszugleichen, doch auch für ihn gab es Momente, in denen er nahe an einem Zusammenbruch war. Was hatte man seiner wunderschönen Tochter nur angetan!

Das war auch einer der Gründe, warum er sich in Irvington an der Chesapeake Bay niedergelassen hatte. Hier ging alles noch ein wenig gemächlicher zu als in einer Großstadt. Da er sich am Ort einen guten Ruf aufgebaut hatte, suchte er sich nur die Kunden aus, die verstanden, dass Jessie für ihn immer an erster Stelle kam.

„Wir müssen uns jetzt beeilen!“, bemerkte Jessie streng. Obwohl sie erst sechs Jahre alt war, konnte sie Forderungen mit der Würde einer Königin stellen. Dann senkte sie die Stimme und fügte hinzu: „Ich glaube, hier gibt es Gespenster, Daddy!“

Mike lächelte sie an. Es war nicht das erste Mal, dass sie sich negativ über dieses Haus äußerte, aber dass hier Gespenster hausen sollten, war etwas völlig Neues. „Wie kommst du denn darauf, Liebling?“

„Am Fenster hat sich etwas bewegt. Ich habe es genau gesehen.“ Ihre Unterlippe bebte, und Panik stand in ihrem Blick.

„Hier lebt niemand“, beruhigte Mike sie. „Das Haus steht leer.“

„Aber es hat sich etwas bewegt“, beteuerte Jessie mit erstickter Stimme. Offensichtlich war sie den Tränen nahe. Ob sie tatsächlich etwas gesehen hatte oder nicht – ihre Angst war echt. „Wir müssen jetzt fahren.“

Mike gab Gas und fuhr weiter in Richtung Schule. Jede noch so logische Antwort hätte die Anspannung jetzt nur erhöht, und die gute Stimmung, die zwischen ihnen geherrscht hatte, wäre zerstört gewesen.

Sobald sie sich ein Stück vom Haus entfernt hatten, entspannten sich Jessies Schultern, und sie lächelte zaghaft. „Jetzt sind wir in Sicherheit“, erklärte sie erleichtert.

„Wenn du bei mir bist, bist du immer in Sicherheit“, beruhigte Mike sie.

„Ich weiß, Daddy“, erwiderte sie. „Aber ich mag dieses Haus nicht. Ich möchte nicht mehr dorthin. Nie mehr. Versprochen?“

„Wir müssen aber doch jeden Tag dort vorbeifahren“, erinnerte Mike sie.

„Aber nur ganz, ganz schnell. Okay?“

Mike seufzte und wusste, dass Widerstand zwecklos war. „Also gut.“

„Ich wünsche dir einen schönen Tag, Liebling“, sagte er ein paar Minuten später, als er Jessie vor dem Schultor absetzte. „Ich hole dich heute Nachmittag hier wieder ab.“

Er hatte früh bemerkt, dass sie immer und immer wieder bestätigt haben wollte, dass er auch ganz bestimmt zurückkehren würde. Der Psychologe, mit dem er gesprochen hatte, war der Meinung, dass Linda der Grund für Jessies Unsicherheit wäre. Jessie war von ihrer Mutter im Stich gelassen worden, und das war nicht ohne Auswirkung auf ihr junges Leben geblieben. Mike hatte sich schon früher des Öfteren gefragt, ob es nicht besser gewesen wäre, wenn man ihr erklärt hätte, ihre Mutter sei bei der Geburt gestorben. Aber er hätte diese Worte nie über seine Lippen gebracht. Vielleicht hatte er insgeheim gehofft, dass Linda ihr Leben doch noch in Ordnung bringen und zu ihnen zurückkehren würde.

„Bye, Daddy!“ Jessie lief ein paar Schritte vor und drehte sich dann noch ein letztes Mal um. „Du gehst doch nicht wieder zu dem alten Haus zurück, oder? Ich will nicht, dass dieses Gespenst dich holt.“

„Mich wird kein Gespenst bekommen“, versprach Mike und zeichnete mit dem Zeigefinger ein Kreuz über sein Herz zum Beweis, dass er wirklich meinte, was er sagte. „Ich habe mich mit Gespensterabwehrspray eingesprüht.“

Jessie kicherte. „So ein Blödsinn“, lachte sie, aber die Erleichterung war ihr anzumerken. Dann winkte sie ihm kurz zu und rannte einer Freundin hinterher. Mike schaute ihr nach und wünschte sich, er könnte ihre Ängste immer so leicht vertreiben. In manchen Nächten gab es keinen Trost. In manchen Nächten hatte sie Albträume, die so schlimm waren, dass sie unfähig war, darüber zu sprechen, und sie beruhigte sich erst wieder, wenn er sie einige Zeit in seinen Armen gehalten hatte.

Als Jessie aus seinem Blickfeld verschwunden war, setzte er sich wieder hinter das Lenkrad und ging in Gedanken seine Termine für den heutigen Tag durch. Statt jedoch zu dem neu gebauten Haus an der Bay zu fahren, dessen Garten er planen sollte, fuhr er noch mal zu dem Lindsay-Haus zurück.

Hatte Jessie tatsächlich jemanden gesehen in dem Haus, das ihn von Anfang an fasziniert hatte? Oder hatte Jessie ihn einfach nur mit ihrer blühenden Fantasie angesteckt? Was immer es war, es würde nur einige Minuten dauern, bis er Gewissheit hätte.

Melanie stand in der Küche ihrer Großmutter und versuchte gerade, die vielen Spinnweben zu entfernen, als sie das Gartentor quietschen hörte. Eine leichte Unruhe überfiel sie.

Bereits vor zehn Minuten hatte sie geglaubt, einen Wagen vor dem Haus vorfahren zu hören, doch als sie schließlich durch die Gardinen des Schlafzimmerfensters hinausgeschaut hatte, sah sie nur noch einen Wagen wegfahren. In Boston hätte sie diesem Vorfall keine Beachtung geschenkt, aber hier war das seltsam beunruhigend.

Mit klopfendem Herzen schlich sie sich zu dem Fenster im Wohnzimmer, das sie erst vor einer halben Stunde geöffnet hatte.

„Was ist denn hier los?“, hörte sie eine männliche Stimme rufen.

Erschrocken lehnte sie sich an die Wand.

„Ist jemand hier?“, rief der Mann und rüttelte am Türknauf.

Das war nicht gut. Das war ganz und gar nicht gut. Ihr Handy lag noch im Schlafzimmer. Ein weiterer Beweis dafür, dass sie im Moment ihren Verstand nicht ganz beisammenhatte. Der nächste Nachbar wohnte gut vierhundert Meter entfernt, und obwohl heute Morgen einige Boote auf dem Wasser waren, war es fraglich, ob jemand früh genug zu ihr eilen könnte, sollte sie um Hilfe schreien müssen.

Sie überlegte, was Ashley wohl tun würde. Ihre furchtlose ältere Schwester hätte wahrscheinlich schon eine Lampe in der Hand und würde kampfbereit an der Tür stehen. Melanie griff nach der Tischlampe, die einen schweren Marmorsockel hatte, und fühlte sich augenblicklich sicherer.

„Wer ist da?“, fragte sie und hoffte, ihre Stimme entrüstet klingen zu lassen. „Sie haben ungebeten ein Privatgrundstück betreten. Ich hoffe, Sie wissen, dass Sie sich strafbar machen!“

„Sie auch!“

Melanie war schockiert angesichts dieser unverschämten Bemerkung, riss die Tür auf und starrte den Störenfried finster an. Es war erstaunlich, wie viel mutiger sie mit einer Lampe in der Hand und ein wenig Entrüstung im Ausdruck geworden war.

„Ich mache mich ganz sicher nicht strafbar“, erklärte sie und schluckte.

Der Mann, der vor ihr stand, war mindestens ein Meter neunzig groß und hatte beeindruckend breite Schultern. Obwohl es erst April war, hatte seine Haut bereits eine leichte Bräunung, und die Sonne hatte helle Strähnen in sein braunes Haar gezaubert. Sein T-Shirt spannte sich über dem muskulösen Brustkorb und seine schmalen Hüften sowie die durchtrainierten Oberschenkel kamen in den verwaschenen Jeans perfekt zur Geltung.

Noch vor einiger Zeit hätte ein derart gut aussehender Mann ihren Herzschlag beschleunigt, aber durch die Ereignisse der letzten Zeit waren solche Typen schlicht und ergreifend ihre Feinde geworden. Zu ihrem Ärger bemerkte sie allerdings, dass ihr Herz doch einen kleinen Satz machte.

„Cornelia Lindsey ist tot“, erklärte der Mann und sah sie unverwandt mit seinen blauen Augen an.

„Ich weiß“, bestätigte Melanie, „sie war meine Großmutter. Sie starb vor genau sieben Jahren, im April.“

Er nickte. „Das stimmt. Sie sind also eine Lindsey?“

„Eigentlich bin ich eine D’Angelo. Melanie D’Angelo. Meine Mutter war eine Lindsey, bis sie meinen Vater heiratete.“

„Die Nachbarn erzählten mir, dass Cornelia eine Südstaatlerin war. Und wo kommen Sie her? Sie hören sich nicht an, als ob Sie aus dieser Gegend stammen würden.“

„Das tue ich auch nicht. Ich bin aus Boston.“

„Haben Sie einen Ausweis da?“

Sie betrachtete ihn mit einer Mischung aus Humor und Misstrauen. „Keinen, auf dem mein Familienstammbaum abgedruckt wäre. Und wer bitte sind Sie? Der hiesige Sheriff oder so etwas Ähnliches?“

„Nur ein Nachbar. Dieses Haus steht schon sehr lange leer, und jetzt tauchen Sie aus heiterem Himmel auf. Ich möchte nur sichergehen, dass Sie auch wirklich hierhergehören. Wenn Sie sind, wer Sie sagen, werden Sie meine Vorsicht zu schätzen wissen.“

Es war offensichtlich, dass dieser Mann nicht von ihrer Türschwelle weichen würde, bis sie ihm bewiesen hatte, wer sie war. Nun, er hatte ja recht. Sie sollte ihm eigentlich dankbar sein, dass er ein wachsames Auge auf das Landhaus ihrer Großmutter warf.

„Bleiben Sie hier“, murmelte sie, stellte die Lampe zurück auf den Tisch und ging dann zur anderen Seite des Raumes hinüber. Nachdem sie ihren Ausweis aus der Handtasche sowie einige gerahmte Fotos vom Kaminsims genommen hatte, kehrte sie wieder zu ihm zurück.

Melanie zeigte ihm zuerst ihren Ausweis und dann ein Foto, auf dem ein kleines Mädchen mit Sommersprossen und hellblondem Haar zu sehen war. „Das bin ich mit sechs“, erklärte sie und zeigte ihm dann die restlichen Fotos. „Und das sind meine Schwestern Maggie, Ashley und Jo mit unserer Mutter. Und dies hier ist meine Großmutter mit uns allen. Das Foto wurde kurz vor ihrem Tod aufgenommen. Kannten Sie sie?“

„Nein“, erwiderte er, nahm das Foto in die Hand und betrachtete es eingehend.

Zu ihrer Überraschung schaute er ihre hübschen, langbeinigen Schwestern kaum an, sondern sein Interesse richtete sich auf etwas anderes.

„Ich habe es gewusst“, murmelte er und sah sie dann mit gerunzelter Stirn an. „Sie sollten sich alle schämen.“

Melanie zuckte unter seinen empörten Worten zusammen. „Wie bitte?“

„Der Garten“, erklärte er ungeduldig. „Sie haben ihn völlig verkommen lassen.“

Melanie seufzte. Das konnte sie wohl kaum leugnen. Er war so zugewachsen, dass sie nur mit Mühe zur Veranda vorgedrungen war. „Ja, das habe ich bemerkt“, meinte sie kleinlaut.

Die Falten auf seiner Stirn vertieften sich. „Und was haben Sie jetzt vor?“

Melanie zuckte die Schultern. Sie hätte ihm sagen können, dass ihn dieser Garten überhaupt nichts anging, aber sie brachte im Moment nicht die Energie auf, mit einem Fremden über etwas so Nebensächliches zu streiten. Im Grunde genommen war es ja wirklich eine Schande, den einst so schönen Garten derart verkommen zu lassen.

„Ich weiß es noch nicht“, gab sie schließlich zu. „Irgendetwas werde ich wohl tun müssen. Aber zuerst mal muss ich das Haus von all den Spinnweben und toten Käfern säubern.“

Der Mann betrachtete sie mit unverhüllter Verachtung. „Warten Sie nicht zu lange. Jetzt ist gerade die richtige Jahreszeit, um den Garten wieder in Ordnung zu bringen.“ Er griff in die Gesäßtasche seiner Jeans und zog eine Visitenkarte heraus. „Rufen Sie mich an, wenn Sie sich entschieden haben. Die Arbeit sollte fachmännisch erledigt werden, und irgendetwas sagt mir, dass Sie Ihre Finger noch nie schmutzig gemacht haben.“ Er warf einen Blick auf ihre schmalen, gepflegten Hände. „Ich werde Ihnen zeigen, was zu tun ist, damit Sie nicht alles noch schlimmer machen.“

Bevor sie sein Angebot ablehnen oder sich auch nur äußern konnte, hatte er sich umgedreht und war den fast zugewachsenen Weg zum Gartentor hinuntergelaufen. Hin und wieder blieb er stehen, um sich einen Rosenbusch genauer anzuschauen oder ihn von einer Geißblattranke zu befreien. Dabei schimpfte er vor sich hin, und Melanie hörte, dass seine Äußerungen für Kinderohren nicht unbedingt geeignet gewesen wären.

Verärgert über seine Unverschämtheit war ihr erster Impuls, seine Karte zu zerreißen. Ein unbestimmtes Gefühl hielt sie jedoch zurück, und sie las die Karte genauer. In der linken Ecke befand sich eine schlichte Zeichnung, doch die Kombination aus Seegras und Rosen berührte ihr Herz. Sie erinnerte sie an Zeiten, in denen der Garten ihrer Großmutter das Schmuckstück der ganzen Gegend gewesen war. Der Fremde hatte völlig recht. Ihre Großmutter wäre entsetzt gewesen über den jämmerlichen Zustand des Anwesens.

Dann glitt ihr Blick von der Zeichnung auf den Namen.

Stefan Mikelewski, Landschaftsarchitekt stand auf der Karte, darunter befand sich nur noch die Telefonnummer.

Also gut, er hatte sich schroff und fast beleidigend verhalten, aber er schien tatsächlich ein Fachmann zu sein. Sie konnte seine Hilfe also gut gebrauchen.

Melanie steckte die Karte ein, holte ihre Handtasche und beschloss, einkaufen zu fahren. Sie brauchte Lebensmittel, und zudem würde sie garantiert ein Vermögen für Reinigungsmittel und Putzutensilien ausgeben.

Als sie am Vorabend angekommen war, hatte sie nur rasch das Schlafzimmer, in dem sie und ihre Schwestern immer geschlafen hatten, notdürftig gesäubert und das Bett mit der frischen Wäsche bezogen, die sie mitgebracht hatte.

Die kommende Woche würde sie damit verbringen dürfen, das Haus von oben bis unten zu putzen. Und das, obwohl sie diese Arbeit nicht ausstehen konnte.

Melanies Handy klingelte genau in dem Moment, als sie in Irvington vor dem kleinen Einkaufszentrum parkte, in dem es glücklicherweise auch ein nettes Café gab. Nichts konnte sie momentan mehr aufbauen als ein guter Kaffee.

„Na, geht es dir schon besser?“, hörte sie Ashley gut gelaunt fragen.

„Erinnerst du dich, dass du gesagt hast, ich würde vom Putzen so erschöpft sein, dass ich keine Zeit mehr zum Grübeln hätte?“, meinte Melanie leicht sauer. „Nun, ich habe gestern Abend zwei Stunden gebraucht, um mir einen Pfad durch den Garten zur Haustür zu bahnen.“

„Oh, oh“, bemerkte Ashley nur.

„Du kannst dir keine Vorstellung davon machen, in welchem Zustand Großmutters Haus ist. Der Garten ist am schlimmsten.“

„So schlimm?“

„Noch schlimmer.“

„Und wie ist das Wetter?“

„Lenk nicht ab. Ich will, dass du weißt, wie wütend ich im Moment auf euch alle bin. Ich komme mir wie Aschenputtel vor, die alles erledigen muss, wozu ihre bösen Stiefschwestern keine Lust haben.“

„Ach komm, ich finde, dass alles ganz super läuft“, entgegnete Ashley.

„Du träumst wohl“, erwiderte Melanie.

„Du denkst doch kaum noch an Jeremy, nicht wahr?“, vermutete Ashley. „Ich muss mich jetzt beeilen, ich werde bei Gericht erwartet. Ich nehme dich in den Arm. Ciao, Schätzchen.“

Melanie steckte ihr Handy in die Handtasche und musste widerwillig zugeben, dass ihre Schwester recht hatte. Sie hatte im Laufe des Morgens nur ein einziges Mal und auch nur flüchtig an diesen Schuft Jeremy gedacht. Ob jetzt die Begegnung mit Stefan Mikelewski oder die Herausforderung, Grandmas Haus zu putzen, dafür verantwortlich war, das konnte sie allerdings schwer entscheiden.

„Schieb es dem Putzen zu“, murmelte sie zu sich selbst, nachdem sie aus dem Wagen gestiegen war und auf das Café zuging. Es war leichter, über den Kampf mit Staubwedel und Schrubber nachzudenken, als an ihre Reaktion auf den attraktiven Hünen, der sich als Landschaftsarchitekt entpuppt hatte. Vielleicht hatte lediglich seine Arroganz ihr Blut dermaßen in Wallung gebracht, doch sie kannte sich und ihre Reaktion auf gut aussehende Männer nur zu gut und wünschte sich ein baldiges Wiedersehen mit diesem Fremden.

Während sie eine riesige Zimtrolle verschlang und zwei Tassen Kaffee trank, beruhigte sie sich mit der Aussicht, dass es Tage dauern würde, bis sie mit dem Inneren des Hauses fertig wäre und sich dem Garten widmen könnte. Bis dahin hatte sie noch Zeit genug, um zu entscheiden, ob sie die Hilfe dieses Mannes benötigte und ob sie einem weiteren Treffen mit dem verwirrend attraktiven Mr Mikelewski gewachsen wäre.

Oder vielleicht sollte ich nach Boston zurückfahren und das Ganze einfach vergessen, überlegte sie einen Moment lang.

Das ist doch eine Alternative, die sich sehen lassen kann, dachte sie glücklich – bis sie sich an den Grund erinnerte, warum sie hierhergekommen war. Sie schluckte und entschloss sich, tapfer zu sein und hierzubleiben.

Weder Schmutz noch Unkraut und schon gar keine vorwurfsvollen Blicke von Mr Mikelewski könnten schrecklich genug sein, um sie wieder zurück in die Stadt zu treiben, in der Jeremy zufrieden mit seiner Frau und den beiden Kindern lebte – eine Familie, die er ihr ein halbes Jahr lang verschwiegen hatte.

Die Erinnerung an diese Demütigung war Grund genug, um hier die Stellung zu halten, beschloss sie. Sie würde den Schmutz von Jahren aus Rose Cottage verbannen, und mit jedem Eimer Schmutzwasser, den sie ausgoss, würde sie ein weiteres Stück Erinnerung an Jeremy aus ihrem Gedächtnis wegspülen.

2. KAPITEL

Es war jetzt eine Woche her, seit er Melanie D’Angelo getroffen hatte, doch er konnte das Bild nicht vergessen, wie sie ihm mit der schweren Lampe in der Hand und einem entschlossenen Ausdruck auf dem Gesicht gegenüberstand. Zwar hatte er Misstrauen in ihren kornblumenblauen Augen gesehen, und ihre Wangen waren leicht gerötet gewesen, trotzdem hatte sie seine Fragen und Vorwürfe wegen der Vernachlässigung des Gartens stoisch über sich ergehen lassen. Das hatte ihn beeindruckt, um nicht zu sagen, fasziniert. Dank dieses unerwarteten Zusammentreffens fühlte er sich seither noch mehr zu dem Lindsey-Haus hingezogen.

Es war der Ausdruck in ihren Augen gewesen, der ihn am meisten berührt hatte, denn neben dem Misstrauen hatte außerdem eine Verletzlichkeit darin gelegen, die in jedem Mann den Beschützerinstinkt wachrief. Doch genau das konnte er im Moment nicht gebrauchen. Er hatte schon genug Aufregungen in seinem Leben. Da war kein Platz für eine Frau, selbst wenn sie so hübsch, gut gebaut und verführerisch war wie diese Fremde.

Er brauchte keine Frau in seinem Leben, schon gar keine, die Komplikationen mit sich bringen würde. Und Melanie D’Angelo war dafür bestens geeignet. Das sagte ihm sein Gefühl.

Nein, er hatte ohnehin mehr Arbeit, als er schaffen konnte. Er brauchte keine weiteren Aufgaben, besonders keine, die nicht bezahlt wurden. Außerdem hatte sie bisher nicht angerufen, also benötigte sie seine Hilfe für den verwilderten Garten wohl nicht. Das Beste wäre, wenn er Melanie D’Angelo und das Lindsey-Haus so schnell wie möglich vergessen würde. Jemand anders sollte sich um dieses Problem kümmern.

Doch dann erinnerte er sich an das Foto, das sie ihm gezeigt hatte. Sicher, er hatte sich die hübschen Teenager, die attraktive Mutter und die lächelnde Großmutter angesehen, aber sein Herz hatte vornehmlich schneller geschlagen wegen der wunderbaren Rosen, der Lilien und all der anderen Blumen, die diesen Garten in ein kleines Paradies verwandelt hatten. Jemand – offensichtlich Cornelia Lindsey – hatte den Garten mit viel Liebe gehegt und gepflegt. Ihre Nachkommen sollten sich schämen, ihr Vermächtnis so verkommen zu lassen.

Jeden Tag, wenn er am Lindsey-Haus vorbeifuhr, guckte er, ob Melanie D’Angelo vielleicht einen Rosenbusch beschnitten oder auch nur in einem einzigen Beet das Unkraut gejätet hatte, aber bisher hatte sich nichts getan. Obwohl er wusste, dass er sich zurückhalten sollte, ärgerte es ihn, dass sie mit der Arbeit noch nicht mal angefangen hatte. Es war fast so, als würde sie ihn absichtlich provozieren wollen. Dabei war das natürlich absurd. Warum sollte die Meinung eines Wildfremden überhaupt wichtig für sie sein? Wahrscheinlich lag ihr der Garten überhaupt nicht am Herzen, und sie würde in ein paar Tagen bereits wieder abgereist sein.

Als er irgendwann, ohne lange nachzudenken, in die Einfahrt des Hauses einbog, entschuldigte er sich damit, dass er als guter Nachbar verpflichtet war, sich nach Melanies Befinden zu erkundigen. Schließlich hatte er sie eine Weile nicht gesehen, und so ein Hausputz stellte eine nicht unbeachtliche Gefahrenquelle dar. Jeder wusste doch, dass die meisten Unfälle im Haushalt passieren.

Als sie auf sein Klopfen nicht reagierte, machte er sich auf die Suche nach ihr. Er war so mit dem Blick auf die wundervolle Bucht und auf den vernachlässigten Garten beschäftigt, dass er sie fast übersehen hätte. Sie saß auf einer Gartenschaukel am Ende des Rasens, der allerdings diese Bezeichnung nicht mehr verdiente, da er seit Jahren weder gemäht noch gepflegt worden war. Und sie sah so einsam, verlassen und unglücklich aus, dass er am liebsten wieder kehrtgemacht hätte. Doch etwas Unbestimmtes hielt ihn zurück.

„Melanie?“, rief er behutsam, um sie nicht zu erschrecken, aber sie zuckte trotzdem zusammen und goss dabei Tee aus der Tasse auf ihre langen, nackten Beine.

„Oh, das tut mir leid“, entschuldigte er sich, als er zu ihr trat, und reichte ihr ein Taschentuch.

„Wollen Sie es sich zur Gewohnheit machen, mich zu Tode zu erschrecken?“, fragte sie ärgerlich.

„Offensichtlich.“ Er zuckte die Schultern. „Entschuldigen Sie. Soll ich wieder gehen?“

Sie nahm sich Zeit mit ihrer Antwort und schien seine Frage ernsthaft zu überdenken. „Nein, ich denke nicht“, entschied sie schließlich. „Und da Sie schon mal da sind, können Sie sich auch setzen.“ Sie rutschte zur Seite, um ihm Platz zu machen.

Mike zögerte, da die Schaukel nicht sehr breit war.

„Wenn Sie sich nicht setzen, muss ich aufstehen“, erklärte sie. „Ich bekomme noch Nackenschmerzen, wenn ich die ganze Zeit zu Ihnen hochsehen muss.“

Da es außer dem wuchernden Gras keine andere Alternative gab, setzte Mike sich neben sie und gab sich dabei Mühe, sie nicht zu berühren. „Wie ich sehe, haben Sie noch nicht sehr viel Arbeit in den Garten investiert“, bemerkte er spöttisch, da er dachte, Angriff sei das beste Mittel zur Verteidigung.

„Ich weiß noch nicht mal, wo ich anfangen soll“, gestand sie nun. „Außerdem habe ich immer noch mit dem Haus zu tun.“

Er betrachtete sie skeptisch.

Sie ging unwillkürlich in die Verteidigung. „He, gucken Sie mich nicht so an. Ich habe gearbeitet. Und wie! Ich habe sogar das Wohnzimmer frisch gestrichen und neue Vorhänge genäht. Das Problem ist nur, dass danach alle anderen Räume furchtbar aussahen und das Projekt ausgeufert ist. Ich habe seit Tagen nichts anderes getan als gestrichen.“

Er hielt seine Überraschung nicht zurück. „Sie haben die ganzen Räume frisch gestrichen, seit ich Sie das letzte Mal gesehen habe?“

„Die meisten“, erklärte sie. „Die Schlafzimmer im Obergeschoss sind noch nicht fertig.“

„Wie haben Sie das denn geschafft?“

Sie lächelte. „Sagen Sie mir jetzt nicht, dass Sie tatsächlich von dem beeindruckt sind, was ich getan habe.“

Mike wollte nicht eingestehen, dass es so war. Er zuckte mit den Schultern. „Noch habe ich Ihre Arbeit ja nicht gesehen.“

„Ach, kommen Sie schon. Geben Sie es doch zu. Sie haben gedacht, ich würde keinen Finger rühren, um hier irgendetwas in Ordnung zu bringen. Wahrscheinlich haben Sie sogar geglaubt, dass ich mich vor der Arbeit drücke und so schnell wie möglich wieder abfahren werde.“

„Um ehrlich zu sein, dieser Gedanke ist mir gekommen, ja. Und warum sind Sie nicht einfach abgefahren?“

„Es gibt keinen Ort, an dem ich momentan sein möchte“, gestand sie.

In ihren Augen lag wieder die gleiche Verletzlichkeit, die ihm schon bei ihrer ersten Begegnung aufgefallen war. Am liebsten hätte er sie jetzt in die Arme gezogen und getröstet, aber er war klug genug, es nicht zu tun.

„Stimmt etwas nicht mit Ihrem Zuhause?“, erkundigte er sich.

„Wenn Sie mein Elternhaus meinen, damit ist alles in Ordnung“, wich sie aus.

„Leben Sie denn immer noch bei Ihren Eltern?“

Sie warf ihm einen ärgerlichen Blick zu. „Haben Sie vor, mich mit Fragen zu löchern?“

„Aus rein nachbarschaftlichem Interesse.“

„Also schön, dann lassen Sie es mich ganz deutlich sagen. Ich will im Moment weder über Boston noch über meine Vergangenheit sprechen.“

Mike konnte ihr Verhalten nur zu gut verstehen. „In Ordnung. Das bringt uns wieder zu diesem Haus und dem Garten zurück.“

Sie schenkte ihm den Anflug eines Lächelns. „Mr Mikelewski …“

„Mike.“

„Also gut, Mike. Sie haben anscheinend einen Narren an diesem Garten gefressen. Und wenn ich erst abgefahren bin …“

Er warf ihr einen erstaunten Blick zu. Obwohl er damit gerechnet hatte, dass sie bald abreisen würde, überraschte es ihn, wie tief ihre Worte ihn enttäuschten. „Sie werden also nicht bleiben?“

„Nein. Ich halte mich bloß vorübergehend hier auf.“

„Wenn Sie lediglich einen kurzen Urlaub geplant haben, ist es noch wichtiger, dass Sie mein Angebot annehmen“, erklärte er. „Sie brauchen unbedingt Hilfe mit diesem Garten.“

Sie schaute ihn nachdenklich an und nickte. „Ich werde daran denken. Aber nur zu Ihrer Information, ich bin nicht hier, um Urlaub zu machen. Man kann es eher einen unfreiwilligen Rückzug nennen.“

„Und wie lange soll der dauern?“

„Das weiß ich noch nicht.“

Er runzelte die Stirn. „Aber was wird aus dem Haus und dem Garten, wenn Sie wieder gehen? Überlassen Sie dieses wundervolle Anwesen dann wieder sich selbst?“

„Um ehrlich zu sein, habe ich darüber überhaupt noch nicht nachgedacht“, gab sie zu. „Im Moment plane ich noch nicht mal meinen Nachmittag, ganz zu schweigen die nächste Woche oder den nächsten Monat.“

„Es tut gut, sich mal eine Weile hängen zu lassen“, meinte er. Er hatte das auch in den ersten Wochen getan, nachdem er sich von Linda getrennt hatte. Allerdings hatte er ein Baby zu versorgen gehabt, was seine ganze Aufmerksamkeit erfordert hatte. Er sah die Frau, die neben ihm saß, prüfend an. „Aber das zu seinem Lebensstil zu erklären ist gefährlich.“

„So?“ entgegnete sie spitz. „Sie scheinen ja Erfahrung damit zu haben.“

Mike dachte über ihre Bemerkung nach, bevor er antwortete. „Jeder braucht Ziele“, bemerkte er schließlich.

Neugierig sah sie ihn an. „Und was sind Ihre Ziele?“

Die Unterhaltung wurde Mike langsam zu ernst und vor allem viel zu persönlich. Er lächelte. Es war wohl Zeit zu gehen, bevor er etwas sagte, was er hinterher bereuen könnte. „Ich habe nur ein Ziel … zumindest, was Sie betrifft. Ich möchte gern diesen Garten in Ordnung bringen.“ Er erhob sich und winkte ihr kurz zu. „Bis demnächst.“

Auf dem Weg zurück zum Wagen konnte Mike seine Neugierde nicht zügeln und musste einen Blick ins Wohnzimmer werfen. Er stellte erstaunt fest, dass Melanie tatsächlich gestrichen hatte. Die Wände erstrahlten in sonnigem Gelb und Türen und Fenster waren weiß gestrichen. Neue Vorhänge hingen an den Fenstern, und auf dem Tisch stand in einem blau-weißen Keramikkrug ein frischer Blumenstrauß. Wenn sie jeden Raum mit so viel Hingabe renoviert hatte, würde Rose Cottage wieder zum Leben erweckt werden.

Unwillkürlich stieg in ihm die Frage auf, was man wohl tun musste, um wieder ein Leuchten in ihre schönen blauen Augen zu zaubern.

„Das ist nicht meine Aufgabe“, wies er sich hastig zurecht, denn solche Gedanken waren verflixt gefährlich. Vor allen Dingen für einen Mann, der sich geschworen hatte, keine Beziehung mehr zu einer Frau einzugehen, die ihm oder seiner Tochter das Herz brechen könnte.

Melanie fühlte sich inspiriert. Ihre Arbeit hatte sich gelohnt. Das Wohnzimmer von Rose Cottage war ein wahres Schmuckstück geworden, und jetzt war sie bereit, auch den Rest des Hauses in Angriff zu nehmen.

Ihr eigenes Zimmer wollte sie in Farbnuancen des Meeres halten – Blau, ein sanftes Grün, Grau. Hier und da durfte es auch ein Hauch von Orange oder gar Pink sein, das sich in einem Bild oder in einem Kissen wiederfand. Schließlich wurde die Bucht bei Sonnenuntergang in ein Farbenspiel von Pink und Orange getaucht.

Sie verließ gerade ein Antiquitätengeschäft in der Nachbarstadt Kimarnock, in dem sie günstig einen blauen Glaskrug erstanden hatte, als sie Mikes Pick-up auf der anderen Seite der Straße entdeckte. Ihr Herz machte vor Aufregung einen kleinen Satz, und sie wollte schon hastig davonlaufen, als er aus einem Geschäft kam und sie entdeckte.

Lächelnd kam er auf sie zu und betrachtete sie. „Sie sehen aus, als ob Sie zufrieden mit sich wären“, stellte er freundlich fest.

Sie öffnete ihre Tasche und zeigte ihm den Krug, den sie gerade gekauft hatte. „Ich habe ein Schnäppchen gemacht.“ Sie hielt den Krug gegen das Licht. „Ist er nicht wunderschön?“

„Außergewöhnlich“, antwortete er, aber sein Blick lag auf ihr und nicht auf dem Krug.

Melanies Herz stockte. „Sie schauen ja gar nicht den Krug an.“

Er zuckte die Schultern und wendete pflichtbewusst den Blick auf das tiefblaue Glasgefäß, das in der Sonne funkelte. „Er ist ganz nett. Mit Blumen wäre er noch hübscher.“

Sie lachte. „Können Sie an nichts anderes als an Gärten und Blumen denken?“

„Klar.“

„Und das wäre?“

„Essen Sie mit mir zu Mittag, und ich werde es Ihnen verraten“, lautete seine Antwort.

Er schien ebenso überrascht zu sein wie Melanie, dass er diese Einladung ausgesprochen hatte. Einen Moment dachte sie daran, sein Angebot abzulehnen, aber die Aussicht auf eine weitere einsame Mahlzeit im Haus war nicht sehr verlockend.

„Gern“, nahm sie schließlich an. Was hatte sie schon zu verlieren?

Als sie das Restaurant betraten, das Mike für sie ausgesucht hatte, war es schon voll besetzt. Die Gäste waren teils Einheimische, teils Touristen, Letztere waren leicht an ihren Kameras, Landkarten und Reiseführern zu erkennen.

Mike entdeckte einen freien Tisch im hinteren Teil des Lokals. Während er sie dort hinführte, blieb er immer wieder bei Gästen stehen und stellte Melanie vor. Bis sie schließlich an ihrem Tisch saßen, war sie so vielen Leute begegnet, die ihre Großmutter kannten, dass ihr von all den Namen ganz wirr im Kopf war.

Eine hübsche, blonde Kellnerin Ende zwanzig brachte ihnen die Speisekarte und eine Karaffe Wasser. Melanie fiel auf, dass sie Mike ein warmes, vielversprechendes Lächeln schenkte, er schien es jedoch gar nicht zu bemerken.

„Die Hamburger sind hier ausgezeichnet“, erklärte Mike, ohne sich die Mühe zu machen, die Speisekarte anzuschauen.

„Und wie ist der Caesar-Salat mit den gegrillten Hähnchenstreifen?“, wollte Melanie wissen. Als Antwort zog er nur die Augenbrauen hoch. Sie lachte. „Das ist wohl nichts für Sie, was?“

„Ich verbrenne eine Menge Kalorien bei meiner Arbeit. So ein paar Salatblättchen und eine kleine Hühnerbrust machen mich nicht satt.“

„Die Pommes frites, die als Beilage serviert werden, sind da ja willkommene Energiespender.“

„Natürlich“, erklärte er trocken. „Aber den richtigen Energiekick gibt mir eigentlich erst der Schokoladen-Milchshake.“

Obwohl Melanie in den letzten Tagen kaum Appetit gehabt hatte, lief ihr plötzlich das Wasser im Mund zusammen. „Ich nehme das Gleiche.“

„Den Shake?“

„Nein, alles“, erwiderte sie kurzerhand.

Seine Augen weiteten sich. „Das ganze Menü?“

„Hamburger, Pommes frites und Shake“, bestätigte sie. „Und sollte der Kuchen hier hausgemacht sein, werde ich auch noch ein Stück als Dessert essen.“

Als die Kellnerin zurückkehrte, streifte sie Melanie nur mit einem flüchtigen Blick, bevor sie ihre ganze Aufmerksamkeit auf Mike richtete. „Wie geht es dir? Ich habe dich und Jess schon lange nicht mehr gesehen.“

Mike schien ihre Frage unangenehm zu sein. „Wir hatten viel zu tun.“ Er wies auf Melanie. „Darf ich dir Melanie D’Angelo vorstellen? Sie wohnt im Lindsey-Haus. Cornelia Lindsey war ihre Großmutter. Melanie, das ist Brenda Chatham. Die Besitzerin dieses Restaurants.“

Brenda nickte Melanie nur kurz zu, bevor sie Mike wieder ein strahlendes Lächeln schenkte. „Was ist mit dem Abendessen, das ich dir versprochen habe? Ich habe ein tolles neues Rezept für Barbecue-Rippchen.“

Mike runzelte die Stirn. „Danke, aber ich habe im Moment sehr viel zu tun. Deshalb wäre es auch gut, wenn du unsere Bestellung aufnehmen könntest, damit ich so schnell wie möglich zu meiner Arbeit zurückkomme.“

Brenda gab sich keine Mühe, ihre Enttäuschung zu verstecken. „Das Übliche?“

Mike nickte. „Für Melanie auch. Wie willst du deine Hamburger, Liebling?“

Melanie begriff sofort, warum er dieses Kosewort benutzte. Offensichtlich wollte er Brenda vormachen, sie wären ein Paar, damit sie die Hoffnung auf ein Rendezvous mit ihm endlich aufgab.

„Medium“, sagte sie zu Brenda.

Nachdem Brenda gegangen war, schaute Mike sie entschuldigend an. „Danke, dass Sie nicht protestiert haben. Aber Brenda hat die verrückte Idee, dass wir ein Paar werden könnten. Ich habe bereits mehrfach versucht, sie vom Gegenteil zu überzeugen, aber sie gibt einfach nicht auf.“

„Haben Sie ihr schon mal gesagt, dass Sie einfach nicht an ihr interessiert sind?“

Er sah sie erschrocken an. „Wäre das nicht schrecklich unhöflich?“

Melanie musste lachen. „Eigentlich finde ich es nur ehrlich, vorausgesetzt, dass Sie wirklich nicht interessiert sind. Schließlich ist sie eine attraktive Frau.“

Er warf einen Blick zur Küche hinüber und zog die Brauen hoch. „Kann sein.“

Sollte es tatsächlich Männer geben, die eine Blondine mit großen, braunen Augen und einer makellosen Figur nicht beachteten? Melanie schüttelte den Kopf. Zumindest war sie bisher keinem begegnet. Aber vielleicht hatte sein mangelndes Interesse auch mit dieser Jess zu tun, die Brenda erwähnt hatte. „Wer ist Jess?“

„Meine Tochter“, erklärte er. „Sie ist sechs. Die meisten Leute nennen sie Jessie.“

Melanie musste plötzlich an Jeremy denken, der sie sechs Monate lang angelogen und die Tatsache vor ihr geheim gehalten hatte, dass er Frau und Kinder besaß. „Warum haben Sie mir nicht gesagt, dass Sie eine Tochter haben?“

Er runzelte die Stirn. „Das ist kein Geheimnis. Jeder in der Stadt weiß, dass ich ein Kind habe.“

„Ich nicht.“

„Na schön, dann wissen Sie es jetzt. Ich habe eine Tochter.“

„Und eine Frau?“

„Nein“, stieß er gepresst hervor. „Aber lassen Sie uns über etwas anderes reden.“

„Und über was?“

„Über Boston und warum Sie nicht dorthin zurückwollen“, schlug er vor.

Melanie begriff sofort, worauf er hinauswollte. Sie hatte Themen, über die sie nicht sprechen wollte, und er ebenso. Aber so schnell wollte sie nicht aufgeben, sie wollte wissen, welchen Platz die Mutter von Jess in seinem Leben einnahm.

„Noch eine letzte Frage, und dann ist Ihr Privatleben tabu für mich, in Ordnung?“

Er warf ihr einen grimmigen Blick zu. „Sie können fragen, aber es kann sein, dass ich nicht darauf antworte.“

„Sind Sie von Jessies Mutter geschieden?“

„Ja.“

Sie war erleichtert. Er war also kein zweiter Jeremy. Doch die Anspannung in seinen Schultern und der Ausdruck in seinen Augen verrieten ihr, dass er noch etwas vor ihr verbarg.

Und wenn schon? ermahnte sie sich. Schließlich wollte sie mit diesem Mann keine Beziehung anfangen. Sie würde nur wenige Wochen hierbleiben, und sie war im Moment sowieso nicht bereit, einen Mann in ihr Leben zu lassen.

Nachdem Brenda die Hamburger gebracht hatte, aßen sie eine Weile schweigend, bis Melanie erneut einen Versuch startete. „Darf ich Ihnen noch eine persönliche Frage stellen?“ Als er nicht sofort den Kopf schüttelte, fuhr sie fort: „Brenda ist eine attraktive Frau, und sie scheint ganz nett zu sein. Warum sind Sie eigentlich nicht an ihr interessiert?“

„Mein Leben ist auch so schon kompliziert genug. Ich brauche keine Beziehung.“

Melanie konnte das verstehen. „Ich vermute, Sie wissen immer genau, was ein Rosenstock braucht, mit einer Frau ist das nicht so einfach, stimmt’s?“

Ein amüsiertes Lächeln spielte um seinen Mund. „Besser hätte ich es nicht sagen können.“

Obwohl sie seine Einstellung nachempfinden konnte, war es eigentlich schade, dass er so wenig von Frauen zu halten schien. Rosen schienen ihm näherzu tehen. „Glücklicher Rosenstock“, murmelte sie.

Mike sah sie befremdet an. „Was haben Sie gesagt?“

Oh nein, hatte sie das tatsächlich laut gesagt? „Nichts“, wehrte sie rasch ab und spürte, wie ihre Wangen heiß wurden.

„Ich dachte, Sie hätten was über Rosen gesagt.“

Sie sah ihn mit gespielter Unschuld an. „Wirklich? Ich habe gerade daran gedacht, in welch schlechtem Zustand die Rosen im Garten meiner Großmutter sind. Vielleicht habe ich laut gedacht.“

Er lächelte. „Ich glaube, jetzt sind Sie nicht ganz ehrlich. Vielleicht schwindeln Sie ja auch nur ein wenig, um meine Gefühle zu schonen.“

Sie runzelte die Stirn. „Sind Sie immer so unmöglich?“

Er musste lachen. „So behauptet man zumindest.“ Dann erhob er sich, nachdem er Geld auf den Tisch gelegt hatte. „Wir müssen gehen, Liebling.“

Sie wollte gerade aufbrausen, als sie sah, dass Brenda auf sie zukam. Noch bevor sie reagieren konnte, hatte Mike sich vorgebeugt und ihr einen Kuss auf die Lippen gehaucht. Sie war so schockiert, dass sie keinen Ton herausbringen konnte. Ihre Lippen prickelten, und in ihrem Bauch breitete sich eine erregende Wärme aus. Benommen griff sie zu ihrem Milchshake, um den Rest auszutrinken. Er war immer noch kalt, aber nur halb so frostig wie Brendas Blick. Melanie hatte das Gefühl, dass sie sich gerade ohne eigenes Zutun den ersten Feind in dieser Stadt geschaffen hatte.

3. KAPITEL

Es war der Fliederduft, der Melanie in der zweiten Aprilwoche an einem regnerischen Samstagmorgen aus dem Haus trieb. Es war Jahre her, seit sie diesen Duft das letzte Mal wahrgenommen hatte, und er erinnerte sie wie immer an ihre Großmutter. Cornelia hatte die Fenster stets weit geöffnet, um den süßen Duft hereinzulassen, und überall hatte sie Vasen mit geschnittenem Flieder in den Räumen verteilt.

Jetzt wucherte wilder Efeu an den Fliederbüschen hoch und nahm ihnen fast die Luft zum Atmen. Melanie verstand zum ersten Mal, warum Mike sich so über die Vernachlässigung des Gartens aufgeregt hatte. Die einst prachtvollen Büsche würden bald absterben, wenn nicht schnell etwas geschah.

Entschlossen, den Flieder zu retten, nahm sie den Schlüssel des Gartenschuppens aus dem Schlüsselkasten. Nachdem sie die Tür des Schuppens geöffnet hatte, betrachtete sie eingehend die große Auswahl der zur Verfügung stehenden Geräte, die zwar in gutem Zustand, aber mit Spinnweben überzogen waren. Sie griff nach einer Gartenschere, wischte sie mit einem Tuch ab und ging dann zum ersten Fliederbusch hinüber.

Ungeachtet des feinen Landregens begann sie, die Ranken abzuschneiden und in eine der leeren Biotonnen zu werfen. Dann riss sie die Wurzeln aus dem Boden – eine noch schwierigere Arbeit, die sie schwitzend und stöhnend verrichtete. Sie hatte bereits zwei Fliederbüsche von dem lästigen wilden Efeu befreit, als ein Wagen die Einfahrt hinauffuhr. Eine Tür wurde zugeschlagen, gefolgt von leisem Gemurmel und herzzerreißenden Schreien.

„Nein, Daddy! Nein!“

Melanie ließ die Gartenschere fallen und lief zur Einfahrt hinüber. Sie sah, wie Mike versuchte, ein strampelndes, schreiendes Mädchen aus dem Wagen zu ziehen.

„Was um alles in der Welt ist denn hier los?“, fragte sie.

Mike hob rasch den Kopf und schlug sich dabei am Türrahmen an.

„Kommen Sie nicht auf falsche Gedanken“, meinte er. „Meine Tochter hat aus irgendeinem Grund Angst vor diesem Haus. Sie glaubt, dass es hier Gespenster gibt.“

Melanie bemerkte, wie mitgenommen er aussah, und schaute dann zu dem unglücklichen Kind hinüber, dessen Schluchzen jetzt langsam verstummte.

Sie schob Mike zur Seite und lächelte das Mädchen an. „Darf ich mal? Ich nehme an, das ist Jessie?“

„Richtig.“

Melanie schaute in die tiefblauen, verweinten Augen des Mädchens. Feines blondes Haar umgab das hübsche, kleine Gesicht.

„Bist du ein Geist?“, flüsterte Jessie ängstlich.

Melanie musste ein Lächeln unterdrücken. „Ich glaube nicht. Willst du mich testen?“

Jessie schaute sie fasziniert an. „Wie denn?“

„Komm, zwick mich.“

„Wirklich?“ Jessie schaute fragend zu ihrem Vater, der lediglich mit den Schultern zuckte.

„Tut dir das nicht weh?“, fragte sie besorgt.

„Nicht, wenn ich ein Geist bin.“

Jessie zwickte Melanie vorsichtig in den Arm.

„Au“, rief Melanie und verzog schmerzhaft das Gesicht.

„Entschuldige“, flüsterte Jessie betroffen.

„Macht nichts. Wenigstens wissen wir jetzt, dass ich kein Geist bin.“

„Sieht so aus“, meinte Jessie, obwohl sie immer noch nicht hundertprozentig überzeugt schien.

„Möchtest du mit mir ins Haus gehen?“, fragte Melanie. „Wir können ja nach Gespenstern suchen. Und falls wir tatsächlich eins finden, wird dein Vater es für immer verjagen. Was hältst du davon?“

Jessie nickte schüchtern und streckte ihr die Arme entgegen. Melanie öffnete den Sicherheitsgurt, hob das Mädchen aus dem Wagen und stellte es auf den Boden. Sofort ergriff das Kind ihre Hand.

Sie gingen durch das Gartentor, und Melanie bemerkte Mikes erstauntes Gesicht, als er die offene Biotonne mit den abgeschnittenen Ranken sah.

„Wie ich sehe, haben Sie gearbeitet“, stellte er fest.

„Seit Stunden.“

„Das ist immerhin ein Anfang“, brummte er.

Melanie sah ihn entrüstet an. „Ist das alles, was Sie dazu zu sagen haben?“

Ein leichtes Lächeln spielte um seine Lippen. „Das ist alles, was Sie getan haben?“

Da Jessie die beiden erschrocken ansah, verkniff Melanie sich eine scharfe Bemerkung. „Warum sind Sie hier, Mike?“, fragte sie stattdessen. „Nur um mich zu ärgern?“

„Eigentlich will ich zu einer Gärtnerei in White Stone fahren. Ich dachte, Sie hätten vielleicht Lust mitzukommen, damit Sie Ideen bekommen, was Sie pflanzen könnten.“

Melanie warf ihm einen skeptischen Blick zu. „Finden Sie nicht, dass ich in diesem Garten zuerst mal Ordnung schaffen sollte, bevor ich etwas Neues pflanze?“

„Es schadet doch nichts, wenn Sie sich ein paar Ideen holen. Nehmen Sie das Foto mit, das Sie mir gezeigt haben. Ich gehe inzwischen mit Jessie zur Schaukel hinüber.“

Melanie überlegte. Da er keinen Cent für seinen Rat oder seine Hilfe verlangte, musste es ihm tatsächlich ein Anliegen sein, diesem Garten wieder zu seiner alten Pracht zu verhelfen. Das war wirklich ein netter Zug von ihm, und es wäre stur und dumm, sein Angebot abzulehnen. Trotzdem läuteten bei Melanie die Alarmglocken. Mike mochte geschieden sein, aber etwas an seinem Verhalten bei diesem Mittagessen in Brendas Restaurant verriet ihr, dass seine Exfrau nicht nur irgendwo in der Nähe war, sondern auch noch Probleme bereiten könnte. Und Melanie hatte absolut keine Lust, sich erneut Konfliktsituationen dieser Art auszusetzen.

Sie würde jetzt mit ihm in die Gärtnerei fahren, weil sie sich tatsächlich einige Anregungen holen wollte. Aber sie schwor sich, dass sie danach den Kontakt zu ihm abbrechen würde.

Gleichzeitig musste sie allerdings zugeben, dass Mike bisher keine Annäherungsversuche persönlicher Art gemacht hatte. Doch jedes Mal, wenn sie ihm in die Augen schaute, wünschte sie sich plötzlich Dinge, denen sie eigentlich nie mehr Platz in ihrem Leben gewähren wollte. Und das war nicht gut. Das war ganz und gar nicht gut.

„Ich habe Jessie versprochen, ihr das Haus zu zeigen“, erklärte sie ihm. „Wir wollen auf Gespensterjagd gehen.“

Er lächelte. „Dann gehen wir mal hinein.“

„Hiermit ernenne ich Sie offiziell zum Geisterjäger“, erklärte sie mit ernstem Ton in der Stimme.

Er nickte. „Ich nehme den Auftrag an.“

Jessie schaute ihren Vater an. „Hast du Angst, Daddy?“

„Nein“, beruhigte er sie. „So alte Gespenster können mir doch gar nicht das Wasser reichen.“

Während Mike Jessie herumführte und mit theatralischen Gesten in Schränken und hinter Türen nach Gespenstern suchte, wusch Melanie sich die Hände und bürstete ihr Haar.

„Keine Geister“, rief Mike kurz darauf von unten hinauf. „Wir gehen jetzt zur Schaukel.“

„Ich komme gleich“, rief Melanie zurück.

Nachdem sie sich umgezogen hatte, holte sie das alte Foto vom Garten. Draußen hörte sie Jessies unbeschwertes Lachen. Offensichtlich hatte die Gespensterjagd mit ihrem Vater alle Ängste vertrieben.

Melanie ging nach draußen und machte sich auf die Suche nach den beiden. Sie fand Vater und Tochter unten an der Bucht. Das Mädchen saß auf Mikes Schultern und quietschte vor Vergnügen.

„Nein, Daddy, nein!“, rief sie kichernd.

„Du willst nicht baden gehen?“, zog er sie auf und machte einen weiteren Schritt zum Wasser hin.

„Nein!“

Melanie beobachtete sie eine Weile und fühlte sich plötzlich überflüssig. Seltsamerweise empfand sie ein ähnliches Gefühl wie an dem Tag, als Jeremy ihr gestand, dass er eine Familie hatte. Abgesehen von der Verzweiflung und der Wut, die damals in ihr aufgestiegen waren, hatte sie doch gespürt, dass er etwas Wichtiges besaß, das in ihrem Leben fehlte. Etwas, was sie vielleicht nie haben würde.

Genau in diesem Moment drehte Mike sich um, und das Lachen auf seinen Lippen erstarb. Prüfend betrachtete er sie. „Ist etwas nicht in Ordnung?“

Melanie zwang sich zu einem Lächeln. „Wie kommen Sie darauf? Mir geht es bestens.“

„Du hast mich gerettet“, erklärte Jessie. „Daddy wollte mich ins Wasser werfen, aber das ist noch viel zu kalt.“

„Oh, ich glaube nicht, dass du wirklich in Gefahr warst“, beruhigte Melanie die Kleine. „Ich bin sicher, dass dein Vater stets gut auf dich aufpasst.“

Jessie nickte. „Das tut er, aber er ist keine Mom. Moms wissen nämlich, dass es noch zu früh zum Baden ist.“

Auch wenn er nichts sagte, sah Melanie, wie diese Bemerkung ihn schmerzte.

„Dein Dad weiß solche Dinge auch“, versicherte Melanie der Kleinen. „Mein Dad hat mich und meine Schwestern jeden Sommer mit nach Cape Cod genommen. Glaub mir, er wusste alles übers Baden. Meine Mom hingegen hat sich noch nicht mal die Zehen nass gemacht.“

Jessie schaute sie aufmerksam an. „Kein einziges Mal?“

„Nie“, versicherte Melanie. „Du siehst also, du solltest deinem Vater dein ganzes Vertrauen schenken. Er weiß wirklich ’ne Menge.“

Jessie nickte. „Vor allem über Blumen und Pflanzen“, verkündete sie stolz. „Er legt für andere Leute die Gärten an.“

„Hast du auch einen eigenen Garten?“, fragte Melanie.

Jessie nickte. „Ich werde jetzt einen bekommen. Ich will Tomaten und Möhren haben. Die Möhren sind für die Kaninchen.“

Melanie lachte. „Und ich dachte, sie wären für dich.“

„Für mich, aber die Kaninchen mögen sie viel lieber als ich.“ Sie schaute Melanie prüfend an. „Was wirst du denn in deinem Garten pflanzen?“

„Ich weiß es noch nicht“, gab Melanie zu. „Dein Dad wird mir noch helfen, es herauszufinden.“

„Du solltest auch ein Möhrenbeet anlegen“, riet Jessie ihr. „Es gibt hier so viele Kaninchen, und ich kann sie unmöglich alle alleine füttern.“

Melanie lachte leise. „Ich werde mal darüber nachdenken.“

„Ich glaube, wir werden uns vor allem auf Blumen konzentrieren“, warf Mike ein und schaute sie an. „Und vielleicht noch einen Kräutergarten anlegen.“

Melanie dachte, wie glücklich ein Kräutergarten ihre Schwester machen würde. „Klar, warum nicht … und Tomaten wären auch nicht schlecht“, meinte sie und stellte sich vor, wie es wäre, Mozzarella mit Tomaten und frischen Basilikumblättern aus dem eigenen Garten zu essen.

Mike lächelte. „Ich glaube, Sie beginnen zu begreifen, was für Möglichkeiten ein Garten bietet.“

„Wie lange braucht eine Tomatenpflanze, bis man die erste reife Tomate ernten kann?“, erkundigte sie sich.

„Ungefähr sechzig Tage. Das hängt von der Sorte und dem Wetter ab“, erwiderte er.

„Zu lange“, seufzte sie.

„Vielleicht bleiben Sie ja doch länger.“

Sie schüttelte den Kopf. „Das ist leider nicht möglich.“

„Wartet Ihre Arbeit auf Sie?“

„Nein.“

„Ihr Freund?“

„Nein.“

„Was hindert Sie dann daran zu bleiben, bis die erste Tomate reif geworden ist?“

„Meine Geldreserven sind begrenzt“, gestand sie ehrlich. „Früher oder später muss ich nach Boston zurückkehren und mir einen neuen Job suchen.“

„Suchen Sie sich doch hier Arbeit“, schlug er vor. „In der Saison gibt es hier genug zu tun. Brenda beklagt sich immer, dass sie keine vernünftige Hilfe finden kann.“

Melanie lachte. „Ich bezweifle, dass Brenda Lust hätte, ausgerechnet mich einzustellen.“

Er rieb sich das Kinn. „Da haben Sie recht. In welchem Berufszweig haben Sie denn bisher gearbeitet?“

„Ich habe einen College-Abschluss in Marketing, aber ich habe nach dem College als Sekretärin gearbeitet.“

„Sie haben einen Abschluss in Marketing und arbeiten als Sekretärin? Ist es denn so schwer, einen Einstiegsjob in der Marketingbranche zu finden?“

„Eigentlich sollte die Sekretärinnenstelle nur vorübergehender Art sein. Man hatte mir versprochen, dass ich so bald wie möglich eine Stelle in der Marketingabteilung bekommen würde“, erklärte sie. „Aber leider ist das nicht eingetreten.“ Sie konnte es selbst nicht fassen, dass sie so dumm gewesen war, nur zu hoffen und zu warten, statt selbst die Initiative zu ergreifen.

Die Leitung von Rockingham Industries hatte ihr die Aussicht auf einen Marketingjob als Köder vor die Nase gehalten. Erst jetzt wurde ihr klar, dass sie eine so gute Sekretärin gewesen war, dass man sie gar nicht gehen lassen wollte. Was war sie nur für eine Närrin gewesen!

„Sie werden schon noch das Richtige finden“, tröstete Mike sie und ergriff Jessies Hand. „Aber jetzt lasst uns losfahren, sonst wird es zu spät. Die Blumen warten auf uns.“

„Und die Samen und Tomatenpflanzen“, fügte Jessie hinzu.

„Und Melanie bekommt natürlich auch Tomatenpflanzen. Wer weiß, vielleicht knackt sie ja den Jackpot einer Lotterie und kann bei uns bleiben, bis die Tomaten reif sind.“

Jessie strahlte. „Das wäre toll.“

4. KAPITEL

Mike konnte kaum über die Tatsache hinwegkommen, dass Jessie Melanie so rasch ins Herz geschlossen hatte. Das Mädchen hatte sich den ganzen Tag über von ihrer besten Seite gezeigt. Er hatte allerdings immer wieder die bittere Erfahrung gemacht, dass ihre gute Laune innerhalb weniger Sekunden umschlagen konnte. Und als er jetzt vor dem Eiscafé parkte, befürchtete er, dass genau das passieren könnte.

Seit Melanie vorgeschlagen hatte, nach dem Besuch der Gärtnerei noch irgendwo einen Eisbecher zu essen, hatte Jessie über nichts anderes als über die verschiedenen Eissorten und Verzierungen gesprochen. Es war unglaublich, wie geduldig Melanie mit seiner Tochter umgegangen war. Er selbst wäre zeitweise am liebsten aus dem fahrenden Wagen gesprungen.

„Habt ihr beide euch denn jetzt entschieden?“, fragte er genervt, nachdem sie ausgestiegen waren. Glücklicherweise war das Wetter eher kühl und regnerisch, und sie hatten das Café fast für sich alleine. Wie oft war er hier gewesen und hatte mit dem ungeduldigen Kind Schlange stehen müssen.

„Ich nehme Schokoladeneis mit Karamellsoße und ganz viel Schlagsahne“, bestellte Melanie sofort. „Und wie ist es mit dir, Jessie?“

„Ich nehme das Gleiche.“

„Eine gute Wahl“, lobte Melanie. „Und was möchten Sie, Mike?“

Mike konnte es kaum fassen, wie unkompliziert sich Jessie bei Melanie verhielt. „Ich schließe mich euch an. Geht ihr schon mal an den Tisch. Ich bringe euch das Eis.“

„Kommt gar nicht infrage“, widersprach Melanie. „Das Eis war meine Idee, und ich werde es bezahlen.“

Jessie schaute sie an. „Männer müssen doch immer bezahlen, wenn sie mit Frauen ausgehen, nicht wahr, Daddy?“

„Das hier ist aber kein Rendezvous, und deshalb gelten andere Regeln“, erwiderte Melanie bestimmt.

Mike ließ sich allerdings nicht beirren. „Aber nahe dran“, meinte er. „Es sei denn, Sie wollen mit mir darum Armdrücken.“ Er ließ die Muskeln seines Oberarms spielen und bemerkte, dass sie wie gebannt auf seinen Arm starrte.

„Angeber“, murmelte Melanie und hatte Mühe, den Blick von seinem Bizeps loszureißen. „Ich werde diese Wette nicht annehmen, da ich Sie nicht kompromittieren will.“ Sie schaute ihn herausfordernd an. „Aber wir werden diese Debatte später noch weiterführen.“

Mike nickte. Er hatte ein Glitzern in ihren Augen gesehen, das er nie zuvor bemerkt hatte. Sie war offenbar eine Frau, die ihre Unabhängigkeit liebte. Vielleicht sollte er sie nicht noch mehr herausfordern.

Melanie führte Jessie zum Tisch, und erneut wunderte sich Mike, wie umgänglich seine Tochter war. Vielleicht hatte der Kleinen die ganze Zeit über die Mutter gefehlt, die Nähe und das Verständnis einer Frau. Vielleicht war er der Grund für den Zirkus, den sie so oft veranstaltete. Alleinerziehender Vater zu sein war nicht einfach, und er wusste, dass er viele Fehler gemacht hatte.

Plötzlich bemerkte Mike, dass er fast ein wenig eifersüchtig auf Melanie war, dabei sollte er sich lieber freuen und dankbar sein.

Als er mit den Eisbechern an den Tisch kam, plauderte Jessie gerade munter über die Schule und ihre Freunde. Mike erfuhr in fünf Minuten mehr, als er in zwölf Fahrten von der Schule nach Hause erfahren hatte. Erneut drohte das hässliche Gefühl der Eifersucht in ihm aufzusteigen, aber er verdrängte es und konzentrierte sich stattdessen auf sein Eis.

„Ich habe mich bekleckert“, rief Jessie plötzlich entsetzt.

„Das ist doch nicht so schlimm“, beruhigte Melanie das Mädchen und wischte den Klecks Eis ab, der in Jessies Schoß geplumpst war.

„Doch, das ist schlimm. Mein Kleid ist schmutzig“, entgegnete Jessie aufgebracht und schleuderte den Löffel durch den Raum. „Ich hasse Eiscreme.“

Einen Moment lang schien Melanie über den Wutausbruch des Kindes schockiert zu sein, und Mike erwartete fast schon, dass sie sich hastig mit dem Gang zur Toilette entschuldigen würde. Zu seiner Überraschung ergriff Melanie jedoch nicht die Flucht, sondern schob nur gelassen ihren eigenen Eisbecher zur Seite.

„Ich habe auch genug vom Eis“, erklärte sie, obwohl sie den Becher noch nicht mal zur Hälfte aufgegessen hatte. „Jessie, warum gehen wir beide nicht nach draußen und warten dort auf deinen Vater?“

Mike wollte widersprechen, aber sie schüttelte nur leicht den Kopf.

„Komm, Jessie. Ich glaube, ich habe nebenan eine nette Buchhandlung gesehen. Sollen wir uns dort mal umgucken?“

Jessie schluchzte leise und wischte sich mit der Faust die Tränen aus den Augen. Offensichtlich hatte sie sich noch nicht entschieden, ob sie die Szene weiterführen oder den Vorschlag mit der Buchhandlung annehmen sollte. Schließlich jedoch erhob sie sich vom Stuhl und ergriff Melanies Hand. „Bekomme ich ein Buch über Krebse?“, fragte sie erwartungsvoll.

„Wenn wir eins finden.“

Jessie strahlte. „Da gibt es sogar ganz viele. Ich habe zwei, aber ich weiß, dass es noch mehr gibt.“

„Die werden wir uns mal anschauen“, versprach Melanie.

Mike blickte ihnen nach, als sie den Raum verließen, und war sich nicht sicher, ob er seufzen oder lachen sollte. Er konnte Melanie nicht erlauben, seine Tochter zu bestechen, wenn sie mal wieder ihre zickigen Wutanfälle bekam. Aber er musste zugeben, dass diese Methode ausgesprochen wirkungsvoll war.

Vielleicht war es aber auch gar nicht das versprochene Buch gewesen, das Jessie beruhigt hatte. Melanie war einfach klug gewesen und hatte seine Tochter abgelenkt. Vielleicht sollte er sich ein Beispiel daran nehmen. Er konnte noch etwas lernen.

Wie war es möglich, dass eine alleinstehende Frau in so kurzer Zeit begriffen hatte, wie man mit Jessie umgehen musste, während er sich seit Jahren vergeblich abmühte, mit den Ausbrüchen seiner Tochter umzugehen?

Wahrscheinlich, weil für Melanie noch alles neu ist, entschied er im Stillen, während er weiter sein Eis löffelte. Sie hatte noch endlose Geduld und gute Nerven, weil sie nicht jeden Tag mit Jessies Launen umgehen musste. Er hingegen war mit den Nerven und auch mit seiner Geduld bisweilen am Ende. Vielleicht sollten er und seine Tochter öfters mal eine Pause voneinander einlegen. Andererseits hatte er Schuldgefühle, sie mit Babysittern allein zu lassen, weil sie bereits ohne Mutter aufwachsen musste. Aber war sein Verhalten vielleicht falsch gewesen? Wäre es besser für sie gewesen, wenn sie auch andere Bezugspersonen gehabt hätte?

Was immer es auch sein mochte, weshalb Melanie diese endlose Geduld hatte, er war ihr sehr dankbar dafür. Zu schade, dass sie nicht hier blieb. Der Sommer mit den langen Ferien stand vor der Tür, und er brauchte dringend jemanden, der sich während seiner Arbeitszeit um Jessie kümmerte. Wenn Melanie bereit wäre, diesen Job zu übernehmen, würde er sie sofort einstellen. Jessie wurde mittlerweile in keiner Kindertagesstätte der Umgebung gern gesehen, und sie mit zur Arbeit zu nehmen, das hatte sich als äußerst anstrengend für beide herausgestellt.

Die Versuchung, Melanie dieses Angebot zu unterbreiten, war geradezu unwiderstehlich groß. Lediglich die Erkenntnis, dass es dabei nicht allein um Jessie ging, hielt ihn zurück. So wohl gefühlt wie an diesem Tag hatte er sich schon lange nicht mehr. Melanies Gegenwart schien nicht nur bei seiner Tochter etwas zu bewirken.

Er hatte einen Geschmack davon bekommen, wie es wäre, eine richtige Familie zu haben, und er musste zugeben, dass es ihm gefiel. War es möglich, dass er die ganzen Jahre nur darauf gewartet hatte, eine Frau wie Melanie kennenzulernen? Jemand, der sie beide so annahm, wie sie waren.

Nein, sagte er sich entschieden. Natürlich nicht!

Doch als er diese Worte in Gedanken aussprach, wusste er, dass er sich selbst etwas vormachte. Irgendetwas hatte sich an diesem Tag verändert. Wenn er an Melanie dachte, fiel ihm nicht mehr nur der Garten von Rose Cottage ein, sondern er spürte vor allem, dass sie in der Lage wäre, sein und Jessies verletztes Herz zu heilen.

Jessie war ein ziemlich schwieriges kleines Mädchen. Das hatte Melanie schon erkannt, bevor Mike es auch nur angedeutet hatte. Wutausbrüche am Ende eines langen Tages waren gar nicht so ungewöhnlich für Kinder in diesem Alter, aber Melanie waren bereits vorher einige Dinge aufgefallen. Vor allem die Art, wie vorsichtig Mike mit seiner Tochter umging. Es war klar, dass er fast alles tun würde, um einen ihrer Anfälle zu vermeiden. Da Jessie ein intelligentes Kind war, hatte sie das sofort begriffen und spielte nun seine Angst und seine Schuldgefühle, die er als alleinerziehender Vater besaß, erbarmungslos aus.

Trotz aller Probleme fühlte Melanie sich jedoch zu dem sechsjährigen Mädchen hingezogen. Sie hatte noch nicht sehr viel Kontakt zu Kindern gehabt, aber Jessies Fantasie und ihre spontane, offene Art faszinierten sie. Außerdem tat es ihrem Selbstwertgefühl gut, dass das Mädchen sie so unverhüllt bewunderte.

Natürlich wusste Melanie, dass sie sich weder zu sehr an das Mädchen gewöhnen sollte, noch durfte sie zulassen, dass Jessie emotional von ihr abhängig wurde. Einen Ausflug wie heute würde sie auf keinen Fall wiederholen.

Trotzdem genoss sie es, dass die Kleine sich in der Kinderabteilung des Buchladens an sie schmiegte, während sie auf dem Boden saßen und einige Bücher durchblätterten.

„Mir gefällt das hier am besten“, meinte Jessie, nachdem sie sich ein Dutzend Bücher angeschaut hatten. „Willst du es mir wirklich kaufen?“

„Natürlich“, erwiderte Melanie. „Ich schenke es dir.“

Jessie sah sie fragend an. Etwas schien sie plötzlich zu bedrücken. „Du und mein Dad, ihr seid Freunde, nicht wahr?“

„Ja“, antwortete Melanie, obwohl sie nicht wusste, worauf das Kind hinauswollte.

„Dann ist ja alles in Ordnung“, antwortete Jessie erleichtert. „Von einer Fremden dürfte ich nämlich nichts annehmen.“

„Nein, das dürftest du tatsächlich nicht“, stimmte Melanie ihr zu. „Aber falls es dich beruhigt, kann ich deinen Vater ja noch fragen.“

Jessie schaute sehnsüchtig auf das Buch. „Und wenn er Nein sagt?“

„Überlass das nur mir“, erwiderte Melanie mit einer Zuversicht, die eigentlich fehl am Platze war. Sie hatte an diesem Tag vieles als Selbstverständlichkeit genommen. Schon allein, dass sie das Kind in die Buchhandlung gelockt hatte, um einen erneuten Wutanfall zu vermeiden, hätten so manche Eltern nicht toleriert. Mike hingegen hatte nach anfänglichem Zögern sogar erleichtert ausgesehen. Sie hatte das Gefühl, dass er sich Jessie gegenüber in letzter Zeit oft ohnmächtig gefühlt haben musste.

Plötzlich sprang Jessie auf. „Daddy, schau nur, was für ein Geschenk Melanie mir machen will!“

Melanie sah in Mikes Augen und entdeckte darin einen Ausdruck, der nichts Gutes verhieß. Wahrscheinlich hatte sie ihre Befugnisse jetzt tatsächlich überschritten. „Sie hat mir die ganze erste Seite allein vorlesen können. Ich dachte, da hätte sie es verdient“, entschuldigte sie sich.

„Du hast die ganze erste Seite allein gelesen?“, fragte er erstaunt und nahm Platz.

Jessie nickte stolz. „Alles.“ Eifrig setzte sie sich und griff zu dem Buch. „Chadwick“, begann sie und schaute dann ihren Vater an. „Erinnerst du dich noch an Chadwick, Daddy? Das ist ein Krebs.“

Mike lächelte stolz. „Ich erinnere mich.“

Jessie las langsam, aber korrekt den ersten Satz und suchte dann wieder den Blick ihres Vaters. „Ist das so richtig?“

Sein Lächeln wurde breiter. „Du liest perfekt. Du hast das Buch wirklich verdient, aber ich werde es bezahlen.“ Er holte Geld aus der Tasche und reichte es ihr. „Lauf zur Kasse, und bezahle es.“

„Danke!“, erwiderte Jessie glücklich und rannte los.

„Ich hätte es ihr auch gekauft“, meinte Melanie. „Ich habe sie schließlich erst auf die Idee gebracht.“

„Ich weiß, aber so herum ist es besser.“

„Warum?“

„Weil ich erst gar nicht anfangen will, mich auf Sie zu verlassen.“

„Es geht hier nur um ein Buch, Mike, nicht um eine Beziehung.“

Mike schaute sie ernst an. „So ist es. Und deshalb machen Sie Jessie bitte keine weiteren Versprechungen mehr. Nicht, wenn Sie Rose Cottage schon bald wieder verlassen.“

Plötzlich begriff sie, worauf er hinauswollte. „Ihre Exfrau hat Jessie im Stich gelassen, nicht wahr? Sie vergleichen mich mit ihrer Mutter.“

Sein Gesichtsausdruck wurde noch finsterer. „Sie sind nicht wie Linda“, entgegnete er bitter. „Aber auch Sie werden gehen. Das haben Sie selbst gesagt. Und ich muss mein Kind vor dieser Art Enttäuschungen schützen. Sie hat schon genug durchgemacht.“

Er erhob sich und ging, bevor Melanie noch die Chance hatte, etwas zu antworten. Und da dies weder der richtige Zeitpunkt noch der richtige Ort war, um das Thema weiter zu diskutieren, folgte Melanie ihm einfach.

Die Fahrt zu ihrem Haus verlief schweigend. Jessie war auf dem Rücksitz eingeschlafen, und Mike half Melanie nur rasch, die Pflanzen auszuladen, nachdem er in ihrer Einfahrt geparkt hatte.

„Gießen Sie alle Pflanzen regelmäßig“, riet er ihr. „Ich werde Ihnen helfen, sie einzupflanzen, wenn ich Zeit habe.“

„In Ordnung“, versprach sie. „Danke, dass Sie mich mitgenommen haben.“

Er nickte ihr kurz zu, setzte sich dann wieder hinter das Lenkrad und fuhr los. Melanie schaute ihm nach und fragte sich, wie sehr seine Exfrau ihn verletzt haben musste, dass er ihr nicht vertrauen konnte. Aber konnte man ihm sein Verhalten übel nehmen? Schließlich würde sie ja früher oder später tatsächlich abreisen. Sie schüttelte den Kopf und seufzte. Es gab nur einen Weg, sie durfte sich erst gar nicht auf ihn und Jessie einlassen.

Melanie war nicht überrascht, als Mike am Montagmorgen, gleich nachdem er Jessie zur Schule gebracht hatte, wieder vor ihrer Tür stand.

„Haben Sie eine Minute Zeit?“, fragte er.

„Klar. Kommen Sie herein. Ich habe gerade Kaffee gemacht. Möchten Sie auch eine Tasse?“

„Kaffee hört sich gut an.“

Er nahm am Küchentisch Platz, doch als Melanie ihm einen Becher reichte und ihm gegenüber Platz nahm, wich er ihrem Blick aus.

„Ich nehme an, dass Sie mir noch mal sagen wollen, dass ich Jessie nicht zu nahe kommen soll“, begann sie. „Ich habe darüber nachgedacht, und ich finde, dass Sie recht haben.“

„Eigentlich bin ich gekommen, um mich zu entschuldigen“, korrigierte er und suchte ihren Blick. „Ich habe mich verhalten, als ob Sie etwas Unrechtes getan hätten. Dabei waren Sie den ganzen Tag über reizend zu Jessie. Die meisten Leute wären nach Jessies Wutanfall in der Eisdiele geflüchtet.“

„Das war doch nicht so schlimm. Im Großen und Ganzen ist Jessie ein wunderbares Kind.“

„Sie ist ein äußerst schwieriges Kind“, verbesserte er. „Ich nehme an, das haben Sie gemerkt.“

„Sie ist ein Scheidungskind. Es ist normal, dass solche Kinder Probleme machen.“

„Ja, das und …“ Er schien Mühe zu haben, die richtigen Worte zu finden. „Nun, ihre Mutter war drogenabhängig, auch in der Schwangerschaft. Jessie musste direkt nach der Geburt einen Entzug durchmachen.“

„Oh, Mike. Das tut mir wirklich leid.“

„Glücklicherweise hat sie keine bleibenden Schäden zurückbehalten. Aber sie ist sehr unausgeglichen. Sie haben ja selbst miterlebt, wie sie aus der besten Laune heraus, von einer Sekunde zur anderen, einen Wutanfall bekommen kann. Es ist so, als würde man mit einer Zeitbombe leben. Nur leider weiß ich nie, wann sie hochgeht.“

Melanie hatte großes Mitgefühl für beide. „Das muss sehr anstrengend sein.“

Er runzelte die Stirn. „Ich bin nicht hierher gekommen, um mich bemitleiden zu lassen. Ich wollte Ihnen nur erklären, warum ich vorgestern so reagiert habe. Es ist auch so schon schwer genug mit Jessie. Sie kann keinen zusätzlichen emotionalen Stress gebrauchen, und es ist Stress für sie, wenn Menschen in ihr Leben kommen und wieder gehen.“

Melanie hätte ihm gern erwidert, dass das zum Leben gehört. Auch Kinder müssen lernen, dass Menschen kommen und gehen. Aber sie brachte es nicht übers Herz. Jessie hatte in ihrem jungen Leben schon viel mitgemacht, und man sollte tatsächlich vermeiden, ihr noch mehr Schmerz zuzufügen. Bevor Melanie ihm jedoch antworten konnte, war er bereits aufgestanden.

„Nun, das ist alles, was ich sagen wollte. Es ist wohl besser, wenn ich jetzt gehe. Ein Auftraggeber bekommt heute neue Pflanzen geliefert, und ich muss dafür sorgen, dass sie so schnell wie möglich in die Erde kommen. Mitte der Woche könnte ich dann bei Ihnen anfangen.“

„Wann immer Sie Zeit haben“, erklärte sie. „Ich weiß Ihre Hilfe sehr zu schätzen.“

Melanie begleitete ihn zum Ausgang. Als sie an der Tür standen, legte sie kurz die Hand an seine Wange. „Sie sind ein großartiger Vater, besonders, wenn man die schwierigen Umstände betrachtet. Ich hoffe, Sie wissen das.“

Überrascht schaute er auf. „Warum sagen Sie mir das?“

„Sie erinnern mich an meinen eigenen Vater, und glauben Sie mir, es gibt keinen besseren auf der ganzen Welt. Sie sind fürsorglich, aufmerksam und vergöttern Ihre Tochter. Es mag sein, dass Jessie ihre Mutter vermisst, aber sie kann sich sehr glücklich schätzen, einen Vater wie Sie zu haben.“

Einen Moment lang wirkte Mike verlegen. „Ich weiß nicht, was ich sagen soll.“

Melanie lächelte. „Ich habe Ihnen ein Kompliment gemacht. Danke würde als Antwort schon reichen.“

Doch zu ihrem Erstaunen sagte er nichts, sondern beugte sich vor und berührte ihren Mund mit seinen Lippen. Es war ein Kuss so leicht wie der Flügelschlag eines Schmetterlings, aber trotzdem breitete sich eine prickelnde Wärme in ihr aus.

Dann verließ er das Haus. Er war schon halb auf der Straße, als er sich noch einmal umschaute und Melanie dabei ertappte, wie sie mit den Fingerspitzen ihre Lippen berührte. Er winkte.

„Danke“, rief er.

Jetzt war sie an der Reihe, verlegen zu sein. „Gern geschehen“, flüsterte sie, aber nur, weil er sie nicht mehr hören konnte.

Zweck ihres Aufenthaltes in Rose Cottage war, sich von den Gefühlen zu verabschieden, die sie einst für Jeremy empfunden hatte, und ihr Leben wieder in die Normalität zurückzuführen. Doch unvermittelt hatte ein unschuldiger, kurzer Kuss mehr Gefühle in ihr geweckt, als Jeremy es je fertiggebracht hatte. War das nicht sonderbar?

Zweifellos.

Und sehr gefährlich.

In der stillen Hoffnung, dass Schweiß und harte Arbeit ihn den Kuss vergessen lassen würden, hatte Mike den ganzen Tag wie ein Besessener geschuftet. Er hatte aus einem Impuls heraus gehandelt, und um ganz ehrlich zu sein, hatte er Melanie ein wenig durcheinanderbringen wollen.

Aber der Spaß war zum Eigentor geworden. Seine Gefühle hatten bereits den ganzen Tag verrücktgespielt, und er konnte Melanies Duft einfach nicht vergessen.

„He, Mike, das war eigentlich unsere Arbeit“, rief Jeff Clayborne ihm jetzt zu.

„Ich helfe nur ein wenig aus“, erwiderte Mike und legte eine Pause ein, um sich mit einem Taschentuch den Schweiß von der Stirn zu wischen.

„Wenn du uns noch mehr hilfst, sind wir bald arbeitslos“, erwiderte Jeff. „Hör auf, Mann. Ich habe eine Kanne Eistee dabei. Komm wir trinken erst mal etwas.“

Mike kannte Jeffs Tee. Er war so süß, dass er fast wie Sirup schmeckte. Mike schüttelte es bei dem Gedanken.

„Ich werde jetzt eine Pause machen, aber den Tee kannst du alleine trinken. Ich habe noch eine Flasche Mineralwasser in meinem Laster.“ Er holte sich die Flasche aus der Kühlbox und ging dann zu den anderen, die im Schatten einer Eiche Platz genommen hatten.

Jeff sah ihn prüfend an. „Ist irgendwas mit dir?“

„Nein. Warum?“

„Normalerweise arbeitest du nur so hart, wenn du ein Problem mit Jessie hast. Wenn bei dir dagegen alles gut läuft, stehst du herum und gibst Befehle.“

„Sehr witzig“, kommentierte Mike. „Aber du liegst völlig falsch. Mit Jessie geht alles bestens.“

„Dann hat es wohl etwas mit deiner neuen Freundin zu tun“, bemerkte Jeff mit unschuldiger Miene.

Mike wusste sofort, welche Wendung dieses Gespräch nehmen würde, und fragte sich, wie es sich bloß so schnell herumgesprochen haben konnte, dass er einen halben Tag mit Melanie verbracht hatte.

„Und was soll das für eine neue Freundin sein?“, fragte er und versuchte so gelassen wie möglich zu klingen.

„Ich habe gehört, sie hat blonde Haare, große blaue Augen und schöne lange Beine“, bemerkte Jeff.

„Ach, hör doch auf“, schnaubte Mike.

„Ich habe gehört, dass sie neu in der Stadt ist und dass sie Cornelia Lindseys Enkeltochter sein soll. Am Samstag seid ihr mit Jessie in der Gärtnerei gewesen, anschließend habt ihr noch ein Eis gegessen, und danach wart ihr im Buchladen nebenan.“

„Wie gut, dass hier niemand die Nase in die Angelegenheiten anderer Leute steckt“, brummte Mike.

Jeff lachte. „Tja, mein Junge, du hast dir den falschen Ort ausgesucht, wenn du darauf Wert legst, dein Privatleben geheim zu halten. Du weißt doch, wie viele Leute dich in den letzten Jahren verkuppeln wollten, meine Frau eingeschlossen. Es ist ganz normal, dass sie neugierig sind, wenn du selbst mal einen Versuch startest, unter die Haube zu kommen. Die Angestellten vom Buchladen haben Pam und mich natürlich sofort angerufen.“

„Melanie hat absolut nichts mit meinem Privatleben zu tun“, log Mike. „Sie ist eine Kundin. Auf jeden Fall so etwas Ähnliches“, fügte er hinzu.

„Wie kann jemand ‚so etwas Ähnliches‘ wie eine Kundin sein?“, zog Jeff ihn auf. „Nimmst du deswegen im Moment keine Aufträge mehr an?“

„Ich helfe ihr mit dem Garten ihrer Großmutter.“

Jeff sah seinen Freund amüsiert an. „Und sie bietet dir natürlich eine Gegenleistung für deine Hilfe. Wie sieht die Bezahlung denn aus? Ein Abendessen? Ein Schäferstündchen im Heu?“

Mike warf ihm einen finsteren Blick zu. „Behalt deine schmutzige Fantasie für dich. So ist es nicht.“

Jeff hielt abwehrend die Hände hoch. „Okay, okay. Reg dich nicht auf. Es war nur Spaß.“

„Ja, aber das ist die Art von Spaß, die einen Ruf ruinieren kann. Hör also auf damit.“

Jeff sah ihn prüfend an. „Mann, du hast wirklich was für die Frau übrig, nicht wahr?“

„Nein, überhaupt nicht“, wehrte sich Mike.

Jeff betrachtete ihn eingehend und begann dann zu lachen. „Oh, Junge, du kannst vielleicht schlecht lügen.“

Mike starrte ihn an. Jeff hatte ja recht, aber musste er sich deswegen so aufspielen? Er erhob sich langsam, leerte den Rest seines Mineralwassers und schaute seinen Freund an. „Du weißt nicht, wovon du redest“, sagte er ruhig.

Jeff lachte. „Oh doch, das tue ich. So wie du habe ich mich auch verhalten, als ich Pam kennengelernt habe, und kurz darauf stand ich dann mit ihr vor dem Altar.“

Mike schüttelte den Kopf. „Das wird nicht passieren“, widersprach er. Das hatte er getan und schwer dafür bezahlen müssen. Solch einen Fehler machte man nur ein Mal. Allerdings hatte dieser Fehler ihm Jessie beschert, und sie war das Beste, was er im Leben hatte.

Jeff warf ihm einen prüfenden Blick zu. „Du hast die Hoffnung, dass Pam jetzt endlich aufhört, sich in dein Leben einmischen zu wollen, nicht wahr?“

„Die Hoffnung stirbt zuletzt“, spottete Mike.

„Ha! Du hast ihr jetzt erst recht einen Grund geliefert. Sie wird nicht Ruhe geben, bis sie dich mit dieser Enkelin von Cornelia Lindsey zum Standesamt geschleppt hat.“

Mike stöhnte. „Hast du denn gar keinen Einfluss auf deine Frau?“

Jeff warf ihm einen mitleidigen Blick zu. „Junge, du hast wirklich keine Ahnung von Frauen, gib es zu.“

„Da magst du recht haben“, brummte Mike.

5. KAPITEL

Am Montagabend begann es zu regnen. Es hörte bis Dienstag nicht mehr auf, und nach einer kurzen Unterbrechung goss es dann bis Mittwoch weiter. Dicke graue Wolken hingen über dem Land, und der endlose Regen verwandelte Garten und Hof in ein Schlammbad.

Melanie saß trübsinnig in der Küche, trank eine Tasse Tee, aß einen der frisch gebackenen Schokoladenkekse und bereute es, nach Rose Cottage gekommen zu sein. Ihr war langweilig. Sie fühlte sich einsam. Aber das Schlimmste von allem war, sie träumte erneut von einem Mann, den sie nicht haben konnte.

Es war für sie nämlich keine Frage, dass Mike trotz seines Junggesellenstatus für sie nicht erreichbar war. Er schien nur für seine Tochter da zu sein, und vielleicht noch für den Groll, den er gegen seine Exfrau hegte. Das Letzte, was Melanie in ihrem Leben aber gebrauchen konnte, war ein Mann, dessen Herz nicht frei war. Aus welchem Grund auch immer.

Sie sollte ihre Sachen zusammenpacken und wieder nach Boston zurückkehren, bevor die Erinnerung an diesen einen Kuss ihren gesunden Menschenverstand gänzlich zerstörte. Sie sollte sich endlich darum kümmern, ihren Traumjob zu finden, sollte vielleicht auch in ein neues Apartment ziehen und neue Hobbys finden, damit sie endlich davon abkam, ständig auf die falschen Männer hereinzufallen. Die D’Angelo-Schwestern waren zur Selbstständigkeit erzogen worden. Sie brauchte keinen Mann in ihrem Leben.

Andererseits sehnte sie sich danach, eines Tages eine Ehe wie ihre Eltern zu führen. Auch heute noch trat ein Glänzen in Colleen und Max D’Angelos Augen, wenn sie sich sahen. Ihre Liebe war mit den Jahren nicht verblüht, sondern vielmehr tiefer und reifer geworden.

Aber obwohl Melanie sich gern gesagt hätte, dass es Zeit wurde, wieder nach Boston zu fahren, wusste sie doch, dass es eine Schande wäre, Rose Cottage zu verlassen, ohne den Garten in Ordnung gebracht zu haben. Sie hatte das Foto, das Mike so faszinierend gefunden hatte, immer wieder eingehend betrachtet. Daraus war der Wunsch erwachsen, ihn wieder in der alten Pracht erblühen zu lassen. Es war das Mindeste, was sie zum Andenken an ihre Großmutter tun konnte.

Wenn es allerdings noch lange so weiterregnete, würde sie bis zum Sommer warten müssen, bis der Boden wieder trocken genug war, um überhaupt etwas pflanzen zu können. Derart lange wollte sie aber nicht warten, es wurde Zeit, dass sie ein neues Leben begann. Und zwar in Boston. Dort, wo sie hingehörte.

Sie biss in den etwas zu dunkel gewordenen Keks und warf ihn angewidert zur Seite. Wenn sie doch nur Maggies Talent zum Kochen und Backen hätte! Stattdessen war sie die totale Katastrophe. Wer außer ihr brachte es fertig, sogar Kekse aus Fertigteig zu verderben?

Melanie versank immer tiefer in ihre düstere Stimmung, doch irgendwann klopfte jemand an die Haustür. Zuerst zuckte sie erschrocken zusammen, war aber dann so erleichtert bei der Aussicht auf eine Ablenkung, dass sie fast überstürzt zur Tür gerannt wäre. Doch als sie durch das Fenster Mike und Jessie auf der Veranda stehen sah, zögerte sie einen Moment. Die prickelnde Erregung, die sich in ihrem Bauch ausbreitete, war eine echte Warnung. Sie freute sich viel zu sehr, die beiden zu sehen. Eine kluge Frau hätte in einem solchen Zustand die Tür nicht geöffnet.

Da sie aber schon immer dazu tendiert hatte, auf ihr Herz und nicht auf ihren Verstand zu hören, ließ sie die beiden herein. „Seid ihr mit dem Boot gekommen?“, fragte sie und schaute Jessie an, die ebenso durchnässt war wie ihr Vater. „Kommt, gebt mir eure Mäntel. Ihr solltet etwas Warmes trinken. Wie wäre es mit einer heißen Schokolade, Jessie?“

Jessie schenkte ihr ein dankbares Lächeln. „Ich liebe heiße Schokolade und Daddy auch.“

Melanie sah ihn an. „Stimmt das?“, fragte sie und führte die beiden in die Küche. Dort hängte sie die nassen Mäntel auf den Wäscheständer, der neben der Hintertür stand.

„Sind Sie sicher, dass Sie keinen Kaffee oder Tee wollen?“, fragte sie ihn.

„Was am einfachsten für Sie zu machen ist. Wir sind auf dem Weg nach Hause und wollten nur nachsehen, ob die Fluten Sie noch nicht davongetragen haben.“

„Wie Sie sehen, bin ich immer noch hier. Da ich im Haus mit der Arbeit fast fertig bin, habe ich aus lauter Langeweile Kekse gebacken.“ Sie wies auf den Teller mit dem Gebäck. „Ich habe Sie etwas zu lange im Backofen gelassen, aber nehmt euch, wenn ihr wollt.“

Jessie warf ihrem Vater einen erwartungsvollen Blick zu. Als er nickte, nahm sie sich einen Keks und biss dann hinein. Melanie wartete auf eine Bemerkung über den leicht angebrannten Rand, aber Jessie setzte sich auf einen Küchenstuhl und schien ganz zufrieden zu sein.

Melanie schaute zu Mike hinüber. „Und was ist mit Ihnen? Haben Sie ausreichend Mut, um auch einen zu probieren? Oder schrecken Sie schon von dem Anblick zurück?“

Er lachte. „Um ehrlich zu sein, sehen die meinen Keksen ziemlich ähnlich. Stimmt es, Jessie?“

„Hm“, bestätigte Jessie mit vollem Mund. „Daddy lässt alles anbrennen.“

„Nicht alles“, protestierte er entrüstet. „Das Müsli musst du ausklammern.“

Jetzt lachte Melanie. „Da ihr anscheinend keine hohen Ansprüche habt, kann ich es ja wagen, euch zum Abendessen einzuladen.“

„Heute Abend?“, fragte Jessie freudig. „Dad wollte Ravioli aus der Dose machen.“

„Das könnte ich übertrumpfen“, bot Melanie an und suchte Mikes Blick. „Wie wäre es mit Spaghetti, selbst gemachter Tomatensoße und Knoblauchbrot? Ich habe die Soße zwar eingefroren, weil ich auf Vorrat gekocht habe, aber das ist immer noch besser als Nudeln aus der Dose.“

„Alles ist besser als das“, pflichtete Mike ihr bei. „Wenn wir zum Abendessen bleiben, gibt es allerdings keine Kekse mehr, Jessie. Sonst verdirbst du dir den Appetit.“

Jessie wollte widersprechen, doch dann schien ihr ein anderer Gedanke zu kommen.

„Kann ich fernsehen?“, fragte sie.

Melanie warf Mike einen fragenden Blick zu, und als er nickte, ging sie mit Jessie ins Wohnzimmer und stellte ihr das Kinderprogramm ein.

„Ich bin wirklich nur vorbeigefahren, um nach Ihnen zu schauen“, erklärte Mike, als Melanie in die Küche zurückkam. „Und nicht, um uns zum Abendessen einzuladen.“

„Glauben Sie mir, ich bin heilfroh, Gesellschaft zu haben“, gestand Melanie.

„Zu viel Zeit zum Nachdenken?“, fragte er.

„Viel zu viel.“

„Melanie, möchten Sie … Ach was, sollen wir uns nicht duzen? Irgendwie bringe ich das ‚Sie‘ kaum noch über die Lippen.“

Melanie nickte nur.

„Gut, also möchtest du nicht darüber reden, was dich hierher nach Rose Cottage gebracht hat?“

Sie schüttelte den Kopf. „Es ist schon schlimm genug, dass ich so in Selbstmitleid versinke. Ich möchte Sie …, ich meine, ich möchte dich nicht auch noch mit meinen Problemen belasten. Ich würde lieber dir zuhören. Erzähl mir etwas von deinem letzten Projekt und was dich hierher ans Ende der Welt getrieben hat. Du bist doch nicht von hier, oder?“

„Ans Ende der Welt?“, fragte er. „Ist das nicht etwas übertrieben?“

„Es ist nicht Boston.“

„Aber offensichtlich hat dir Boston in letzter Zeit auch nicht besonders gefallen“, erinnerte er sie. „Vielleicht solltest du diesem Ort hier eine Chance geben.“

„Das tue ich“, erwiderte sie. „Zumindest für eine gewisse Zeit. Aber jetzt möchte ich etwas über dich wissen. Bist du hier geboren?“

„Nein. Ich stamme aus Richmond. Ich hatte mich dort auch selbstständig gemacht, aber als Linda und ich uns trennten, wurde mir klar, dass Jessie und ich einen Ortswechsel brauchten.“

„Warum bist du gerade hierher gekommen?“

„Hier ist es schön. Das Städtchen liegt am Wasser, und hier wird viel gebaut. Gerade das Richtige für einen Landschaftsarchitekten. Es war eine gute Wahl, und es gefällt mir, Teil einer kleinen, expandierenden Gemeinde zu sein.“

„Warst du früher schon mal hier, oder bist du einfach nur hier durchgefahren?“

„Hier wohnt ein Freund von mir, Jeff Clayborne. Er betreibt eine Gärtnerei.“

„Die Gärtnerei, in der wir neulich waren?“, vermutete Melanie.

„Richtig. Er war gerade wegen eines Auftrags unterwegs, sonst hätte ich ihn dir vorgestellt.“ Mike warf ihr einen vielsagenden Blick zu. „Allerdings hat er schon von dir gehört.“

Sie sah ihn überrascht an. „Wirklich?“

„Der Klatsch blüht hier. Als ich ihn am Montag traf, wusste er bereits, dass ich mit Jessie und dir Eis essen und in der Buchhandlung war.“

„Tja, das ist wohl der Nachteil in einer Kleinstadt, nicht wahr? Hier weiß jeder über jeden Bescheid.“

Mike zuckte mit den Schultern. „Klatsch gibt es auch in der Großstadt. Zumindest in der eigenen Familie, bei den Nachbarn und bei den Arbeitskollegen.“

Melanie dachte daran, wie viel Angst sie vor Gerüchten gehabt hatte, die um sie und Jeremy kursierten, und musste ihm recht geben. „Klatsch gibt es wohl überall dort, wo es Menschen gibt.“

„Also, was sagen denn die Leute in Boston so über dich?“, wollte er wissen.

„Schwer zu sagen“, wich Melanie aus. „Ich gebe mir Mühe, ihnen nicht zu viel Stoff zum Reden zu geben.“

„Du hast erzählt, dass es keinen besonderen Mann in deinem Leben gäbe. Stimmt das?“

„Ja, das stimmt.“

Er betrachtete sie aufmerksam. „Etwas sagt mir aber, dass das noch nicht die ganze Wahrheit ist. Du bist zu hübsch, um allein zu sein.“

„Es war der falsche Mann, und nun ist es zu Ende. Das ist die ganze Geschichte.“

„In Kurzform“, gab er zu. „Aber eines Tages würde ich gern die ungekürzte Version hören.“

„Warum?“

„Machen Freunde das nicht so? Erzählen sie sich nicht ihre Geheimnisse?“

Sie lachte. „Freundinnen tun das vielleicht. Ich bin allerdings nicht sicher, ob ich jemals einem Mann ein Geheimnis anvertrauen würde. Aber jetzt habe ich genug von deinen Versuchen, mich auszuhorchen. Warum reden wir nicht darüber, ob du einen Salat zubereiten kannst?“

Mike lächelte. „Ich bin ein ausgezeichneter Salatzubereiter. Schließlich muss man dabei nicht kochen.“

„Wunderbar“, fand sie. „Dann übernimmst du den Salat, und Jessie kann den Tisch decken.“

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