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Dolce Vesuvio. Ein Italien-Roman.

Als Buch hier erhältlich:

Wer braucht schon die Gegenwart, wenn die Vergangenheit so voller Wunder steckt? Carlotta vergöttert Vulkane, antike Philosophen und alles, was tief unter der Erde verborgen liegt. Doch als sie das Angebot erhält, den Sommer bei einer Ausgrabung in Pompeji zu verbringen, wirbelt das mächtig Staub auf in ihrem Leben. Denn statt dem erhofften Sensationsfund begegnet ihr am Vesuv ausgerechnet ihr Konkurrent Alessandro Mantegna - und der setzt ein schicksalhaftes Drama in Gang, dem nur Carlotta ein Ende setzen kann. Sofern sie lernt, nicht nur hinter die Fassaden ihrer geliebten Ruinen, sondern auch in die Herzen der Männer und den Himmel Italiens zu blicken …


  • Erscheinungstag: 18.02.2020
  • Seitenanzahl: 304
  • ISBN/Artikelnummer: 9783745750584
  • E-Book Format: ePub
  • E-Book sofort lieferbar

Leseprobe

A Corrado, il miglior fabbro

Liebende, winkt dies launige Buch euch wohlfeil im Laden, nehmt es, kauft es und wisst, dass die Poetin sich freut.

I

Summa cum laude

Perfekt

Als die Stunde ihrer Niederkunft nahte, saß meine Mutter beim Frisör. Genauer gesagt befand sie sich mit nach hinten gedehntem Hals in der schraubstockartigen Umklammerung des fahrbaren Plastikwaschbeckens, das die Auszubildende dienstfertig herbeigeholt hatte.

»Machen Sie es sich bequem«, sagte das Mädchen. »Ist das Wasser angenehm so?«

»Hm …«, soll meine Mutter erwidert haben, worauf ihr die Illustrierte vom Schoß rutschte. Dann seufzte sie lauter, etwas jammernd, und schließlich stöhnte sie im Tonfall größter Dringlichkeit, was die Auszubildende dazu veranlasste, die Temperatur des Wassers selbst zu überprüfen. Heiß wie flüssige Lava soll es gewesen sein. Das aber war nicht der Grund für den mühevoll unterdrückten Schrei meiner Mutter. Der Grund war ich: 47,2 cm groß, 2706 g schwer und drei Wochen zu früh.

Die Auszubildende entschuldigte sich betroffen und bückte sich nach der Zeitschrift, die mit der zuletzt gelesenen Seite nach oben zwischen abgeschnittenen Haarspitzen lag: eine Reisereportage über Capri.

Danach geschah alles gleichzeitig.

Meine Mutter brüllte: »Das Kind!«

Die Chefin: »O Gott, nicht jetzt!«

Jemand anderer: »Nicht hier!«

Eine der Angestellten stolperte zum Telefon, um den Krankenwagen zu rufen.

»Scheiß Caaaapriii«, soll meine Mutter hervorgepresst haben, als sie kurze Zeit später, von heftigen Wehen geschüttelt, zum Krankenwagen geschleppt wurde. »Scheiß Caaaapriii!«

Lange bevor der Schmähruf das romantische Eiland hätte erreichen können, war ich da. Wie ein Korken aus einer übermütig geschüttelten Sektflasche soll ich aus meiner Mutter herausgeschossen sein, ähnlich eruptiv und unerwartet wie Anno Domini 79 die Gesteinsmassen aus dem Vesuv. Nur exakt eintausendneunhundertzehn Jahre später, denn der Tag meiner Geburt ist der 24. August.

Ob all dies dazu führte, dass ich mich für Archäologie interessierte und meine Mutter Italien ablehnte, ist im Rückblick schwer zu sagen. Jedenfalls nicht mit der Verlässlichkeit einer Indizienkette, wie sie mein Vater als Rechtsmediziner gefordert hätte. Fest stand, dass ich alte Dinge liebte, dass ich Vulkane faszinierend fand und dass Schaumwein mich magisch anzog. Nicht weil er so gut schmeckte, sondern weil man ihn so hübsch folgenreich schütteln konnte.

Dies tat ich auch jetzt.

»Lollo, pass auf!«, quietschte meine Kommilitonin Pina, »Professor Hilarius hat das Zeug extra aus Italien bestellt.«

»Umso besser.«

Wir standen im Foyer des Archäologischen Instituts hinter einer provisorisch errichteten Sektbar. Wobei »Sektbar« ein großes Wort war für drei aneinandergereihte Tische mit ein paar vereinzelten Servietten darauf. Erdnussflips, Salzstangen sowie die zu solchen Anlässen verwendeten Gläser aus der Cafeteria hatten wir schon arrangiert, im Personalkühlschrank warteten fein dekorierte Lachs-Kanapees. Ich hielt eine der Sektflaschen in der Hand. »DON FORTUNATO BRUT« informierte das Etikett in weißen Großbuchstaben auf schwarzem Untergrund.

»Der war bestimmt nicht billig«, sagte Pina.

»Ein erlesenes Tröpfchen für den Musterstudenten«, kommentierte ich.

Tatsächlich machte das dunkle, schlicht gehaltene Etikett einen edlen Eindruck. Andererseits hatte meine Mutter mich gelehrt, dass man dem Augenschein nicht trauen durfte – wie bei allem, was aus Italien kam.

»In wenigen Minuten werden wir erfahren, ob unser Alessandro Magno heute ein ›Don Fortunato‹ ist.« Dass fortunato so viel wie »Glückspilz« bedeutete, hatte ich im Kurs »Italienisch für Anfänger« an der Uni gelernt. Sehr zum Missfallen meiner Mutter. »Vergiss Capri«, sagte ich, wenn das Gespräch darauf kam, aber sie konnte darüber nicht lachen.

Der Sekt-Dienst war uns auferlegt worden, das heißt, auferlegt worden war er nur mir, Pina hätte notfalls dafür gezahlt, Alessandro Mantegna bei seiner Promotionsfeier bedienen zu dürfen.

»Mit Fortuna hat das nichts zu tun«, belehrte sie mich, »mehr mit Klugheit. Er bekommt die Bestnote, das ist sowieso klar.«

»Sowieso.« Erneut schüttelte ich die Flasche und hatte dabei den Eindruck, dass selbst die höchste Auszeichnung in Pinas glänzenden Augen noch zu gering schien für Alessandro Magno. »Alexander, den Großen« nannte ich ihn ironisch, manch andere dagegen in vollem Ernst.

Im Hintergrund wurden Geräusche laut. Aus Richtung des Ganges, der zu den Seminarräumen führte, drang dumpfes Stimmengewirr.

»Es ist so weit«, flüsterte Pina aufgeregt. »Sie kommen.« Instinktiv nestelte ich am Drahtverschluss der Flasche, da spürte ich ihre Hand auf meinem Arm.

»Warte mal, eben hast du sie noch geschüttelt.«

»Grad drum.«

»Da fliegt uns doch der Korken um die Ohren!«

Zunächst flog die Gangtür auf. Herein stürmte Professor Hilarius’ Assistentin samt Lachs-Kanapee-Platte, die schwungvoll vor uns auf dem Tisch landete.

»Summa cum laude, die Bestnote«, zischte sie uns zu, und ihr Gesichtsausdruck ließ nicht erkennen, ob sie erfreut darüber war. Der Triumphzug folgte auf dem Fuße: Professor Hilarius, klein, etwas gedrungen, aber sehr würdevoll, zwei Beisitzer und eine aufgeregte Eskorte an Studentinnen, durchmischt von wenigen Fans männlichen Geschlechts. In ihrer Mitte, schwarz gelockt und braunäugig: er. Alessandro, der Held des Geistes, der frisch geweihte »Dr. phil.«.

»Bravo!«, rief Pina entzückt und klatschte in die Hände. Die meinen waren gefesselt durch Don Fortunato, dessen Inhalt das lustvolle Geschüttel in Aufruhr versetzt hatte.

»Lollo«, befahl mir meine Kommilitonin, »gib die Flasche Professor Hilarius, er ist dafür zuständig, nicht du.«

»Das geht jetzt nicht.« Unter meinen Fingern spürte ich den sich aufstauenden Druck.

»Los, Lollo, mach schon!«

Während Alessandro Magno sich seiner Anhängerschaft präsentierte, versuchte ich vergeblich, die Drahtschlinge wieder zuzuzwirbeln.

»Verdammt!«

Das Szenario entfesselte sich in einem lauten Knall. Um die in meiner Nähe herumstehenden Leute vor einer spontanen Dusche zu bewahren, riss ich den Flaschenhals im letzten Moment nach oben. Mit einem Höllendruck sprang der Korken senkrecht in die Luft, prallte an der Decke ab und landete treffsicher in meinem ausladend gekräuselten Haarschopf. Die mich durchnässende Schaumwein-Fontäne versuchte ich zu ignorieren.

»O Mann! Was für eine Sauerei!«, fauchte Pina. »Professor Hilarius, entschuldigen Sie.« Sie wirkte ehrlich beschämt.

Der Professor winkte ab. »Ach, lassen Sie, schaffen Sie mir lieber einen Stuhl herbei. Wie mir scheint, ist Ihre Kollegin zu beschäftigt.«

Damit hatte er recht. Soeben angelte ich nach einer der Servietten, um meine Bluse trocken zu reiben, wobei ich den Becher Salzstangen zu Fall brachte, dessen Inhalt sich wie ein Mikado-Strauß über den Tisch ergoss. Pina rammte den Stuhl für Professor Hilarius direkt vor meine Nase.

»Besten Dank!« Ächzend erklomm er das etwas klapprige Sitzmöbel, wobei er sich unwillkürlich an meiner klebrig-feuchten Schulter abstützte.

»Nicht sehr zielsicher«, raunte er mir mit unbewegter Miene zu. »Es ist trotzdem gut, dass Sie da sind. Ich muss Sie noch sprechen. Um Punkt 15:30 Uhr in meinem Büro.«

Sollte ich etwa den Sekt bezahlen?

Ich blickte nach oben. Die abgehängte Decke des Institutsfoyers glich einem futuristisch verfremdeten Sternenhimmel. Der elfenbeinfarbene Untergrund war übersät mit dunklen Abdrücken, kleinen Dellen im Rigips. Daneben prangten jeweils ein Name und ein Datum. Institutstradition. Nach bestandener Prüfung feuerte der Doktorvater – dessen Amt heute ich übernommen hatte – einen Sektkorken an die Decke. Dort, wo er auftraf, wurden der Name des Absolventen und das Datum der Prüfung angeschrieben. Unfreiwillig hatte ich abseits des dicht bestirnten Himmels eine neue Galaxie erschlossen.

»Alessandro Mantegna, 1.7.«, krickelte Professor Hilarius gefährlich schwankend auf den Rigips. Trotz niedriger Decke und Hilfsstuhl langte er aufgrund seiner geringen Körpergröße kaum hinauf.

»Ach, Salatkopf!« Der Held des Tages war hinter mich getreten und deutete auf sein einsam gelegenes Korkenabdruckgestirn. »Dank deiner Ungeschicklichkeit werde ich in die Verbannung geschickt, wie einst der arme Dichter Ovid.«

»Freu dich! Du liebst doch Extrawürste!«

»Nur manchmal. Gemeinhin bevorzuge ich Lollo rosso. Mit Balsamico.«

»So genügsam? Glaub mir, von Salat allein wirst du nicht satt. Echte Männer brauchen was zu beißen.«

Ich wusste nicht, worüber ich mich mehr ärgerte: darüber, dass mich dieser superstudierte Klischee-Italiener wegen meiner krisseligen rotbraunen Haarpracht »Salatkopf«, wahlweise auch »Lollo rosso«, nannte, oder darüber, dass ich ihm in einer schwachen Stunde meine Begeisterung für den römischen Dichter Ovid gestanden hatte. Ovid, der »Dichter der Liebe«, das schuf Nährboden für endlosen Spott.

»Du bist unfreundlich, Salatkopf«, beschwerte sich der examinierte Quälgeist und hielt mir sein leeres Glas hin. Der Rest in der explodierten Flasche reichte gerade so, um es zu füllen. Er prostete mir zu.

»Auf mich!«

Professor Hilarius hatte seine Malerei beendet und stieg vom Stuhl.

»Auf Sie!«, murmelte er zerstreut, weil er bereits nach Pina Ausschau hielt, die den Sekt verteilte. Der Professor entschwand in die andere Ecke des Raumes. Ich überwand mich.

»Alles Gute, oder wohl besser: Auguri!«

»Und ich dachte schon, du gratulierst mir nie.«

Eitel reckte er sein Glas empor zum Institutshimmel mit seinem Namen.

»Auf mich und die olympischen Höhen der ovidischen Dichtkunst.«

»Lass den Olymp aus dem Spiel, Götterwohnsitze dürften dir wenig vertraut sein.« Ich erntete einen verdutzten Blick.

»Ach nein?«

»›Badeanlagen im römischen Reich‹«, zitierte ich das Thema seiner Doktorarbeit. »Recht irdisch, oder?«

Mein Gegenüber zeigte sich unbeeindruckt.

»Ich bin eben bodenständig.«

»Nein, so was, wie fade!«

»Mammamia, mit welchem Fuß bist du denn aufgestanden?«

»Mit meinem unitalienischen.«

In einem ironischen Gestus der Kapitulation streckte Alessandro mir beide Handflächen entgegen.

»Verstehe. Cede repugnanti«, erklärte er.

»Häh?«

»Der Klügere gibt nach.«

»Sagt wer?«

»Ovid.«

»Hey Sandro, kommst du mal?«, rief eine attraktive Frau aus dem Kreis höherer Semester, der mit gefüllten Gläsern wartend beieinanderstand. »Wir wollen mit dir anstoßen!«

Inzwischen hatte Pina alle fleißig mit Sekt versorgt, flink und unauffällig wuselte sie zwischen den Gästen umher. Kein Tropfen ging ihr verloren, ihr nicht. Pina war die geborene Sektausschenkerin.

»Ja, sofort!«, rief Alessandro über die Schulter, ehe er sich wieder zu mir wandte. Boshaftigkeit tanzte um seine Mundwinkel.

»Übrigens: Darf ich?«

Vorsichtig, beinahe zärtlich griff er in meinen nachlässig aufgesteckten Lockenschopf, in dem noch immer der Unglückskorken saß. Ich hatte ihn völlig vergessen.

»Den hebe ich mir auf«, meinte Alessandro. »Zur Erinnerung an eine verkorkste Promotionsfeier!«

Er warf den Kopf in den Nacken, prostete mir noch einmal zu und ließ mich stehen.

Um 15:25 Uhr, die Feierrunde hatte sich längst aufgelöst, klopfte ich an die Bürotür von Professor Hilarius. Überpünktlichkeit wurde mir ja in die Wiege gelegt.

Der anerkannte Pompeji-Forscher thronte hinter seinem mächtigen, mit allerlei Bürokram überladenen Schreibtisch. Rechts und links an den Wänden befanden sich Regale mit Unmengen alter, staubiger Folianten.

»Ah, Frau van Veen, treten Sie näher.« Er schnupperte. »Sie duften wie eine Kiste Spumante in einem Lavendelfeld.«

»Ich bin eine Kiste Spumante in einem Lavendelfeld.«

Die billige Seife auf dem Uni-Klo, mit der ich der Sektbluse zu Leibe gerückt war, hatte alles nur schlimmer gemacht.

»Lavendel«, sinnierte der Professor, »die Provence. Traumhaft. Doch darüber wollte ich nicht mit Ihnen sprechen.«

Er wühlte in dem gefährlich wackelnden Stapel auf seinem Schreibtisch, fand nicht, was er suchte, fuhr sich mit den Händen durch den angegrauten Haarschopf und schenkte mir ein Lächeln.

»Ihre Seminararbeit über Ovids Metamorphosen im Spiegel pompejanischer Wandmalerei ist vielversprechend. Etwas zu literaturwissenschaftlich vielleicht, zu wenig Archäologie. Im Ansatz brauchbar, im Detail diskutabel, Sie verstehen?«

Ich verstand nicht, aber ich nickte.

»Allein, Sie haben eine Art, sich auszudrücken … Unverbraucht, frisch. Flüssig im Stil, mutig in der Aussage. Eigene Gedanken, warum nicht? Was studieren Sie im Nebenfach? Latein?«

Ich nickte erneut.

»Wie dem auch sei. Waren Sie schon in Pompeji?«

»Nein.« Professor Hilarius’ Lächeln wich einer tief empfundenen Wehmut. Er ruckelte mit seinem Drehstuhl in Richtung Fenster, wo sich sein Blick an der gegenüberliegenden Fassade verlor.

»Lassen Sie mich raten: Sie kennen New York, Singapur und Sydney, den afrikanischen Kontinent, Alaska und vielleicht sogar Timbuktu, aber die knapp zwei Flugstunden zu einer der bedeutendsten Kulturstätten Europas waren Ihnen zu viel?«

»Nein. Es ist nur … meine Mutter hasst Capri.«

Ich biss mir auf die Zunge, aber er fragte nicht nach.

»Und Sie?«

»Ich lerne Italienisch.«

»Sehr vernünftig. Dann wird Ihnen mein Vorschlag gefallen.«

Ich war gespannt.

»Mein Kollege Glauco Pappalardo sucht noch eine Praktikantin für sein neustes Grabungsprojekt in Pompeji.«

»Oh«, machte ich ehrfürchtig.

»Schön, wenn Sie das zu schätzen wissen. Keine einfache Angelegenheit das Ganze, komplizierte Genehmigungen und so weiter. Bürokratie gibt es schließlich nicht nur hier bei uns. Selten jemanden so fluchen gehört wie Pappalardo, aber jetzt darf er graben – und zwar«, die folgenden Worte ließ er sich genüsslich auf der Zunge zergehen, »in der Nähe der Porta del Vesuvio, schräg gegenüber der Casa degli Amorini Dorati

Das klang rätselhaft. Und verheißungsvoll.

»Wenigstens einmal im Leben«, erklärte Professor Hilarius, »muss ein Archäologe so richtig im Dreck gewühlt haben.« Angesichts seiner penibel gepflegten Hände mochte man das kaum glauben.

»Auch ich war dabei, mittendrin, immer mit Begeisterung. Die da waren mein Lebenselixier!« Er wies auf eine flache Schale mit einem Häufchen unscheinbarer grauer Steinchen. »Lapilli! Sozusagen der Mageninhalt des Vesuvs am Tag seines Ausbruchs im Jahr 79.«

Er ließ ein paar der erbsengroßen Brocken zwischen Daumen und Zeigefinger gleiten.

»Merken Sie sich die! Pompeji wurde von ihnen begraben, und noch heute kann man sich dort nicht vor ihnen retten. Also: im übertragenen Sinne.«

Ein Hauch Heiterkeit huschte über sein Gesicht, der jedoch rasch verflog.

»Archäologie«, fuhr er in ernstem Tonfall fort, »lernt man nicht am Schreibtisch. Man muss sie erleben, sich ihr hingeben. Den Mauerresten, den Gegenständen, die man findet, und den längst verschwundenen Menschen, denen sie gehörten. Immer des Risikos gewahr, leer auszugehen. Die Überreste muss man achten, das Einst. Und ebenso das Jetzt und Hier, das nichts als ein ferner Spiegel dessen ist, was einmal wirklich war. Niemand kommt der Vergangenheit so nahe wie wir Archäologen, und niemand bleibt so weit von ihr entfernt. Ständig stehen wir an einer Grenze. Egal nämlich, wie tief ich gegraben, wie detailliert ich geforscht habe, einem der alten Römer oder Griechen persönlich begegnet bin ich nie …«

An dieser Stelle unterbrach er sich. »Was rede ich da? Wollen Sie fahren?«

»Ja.«

»Sehr schön.« Professor Hilarius nickte zufrieden. »Das Ganze wäre allerdings … etwas spontan. Mein Kollege steht in der Grabung vor dem entscheidenden Durchbruch, er benötigt jede Hand. Sie müssten das Semester vorzeitig beenden und sich umgehend auf den Weg machen.«

Ich malte mir aus, wie ich nach Hause eilte, die Koffer packte und meiner Mutter erklärte, dass ich mir nichts, dir nichts nach Pompeji (nicht weit davon entfernt: Capri) zu verschwinden gedachte. Professor Hilarius bemerkte meine Irritation.

»Ein paar Tage haben Sie schon noch. Außerdem sind Sie nicht auf sich allein gestellt. Über Flug, Unterkunft et cetera können Sie sich mit dem Assistenten von Glauco Pappalardo verständigen.«

»Mit einem Italiener?« Mir wurde schwummerig. Was sollte ich zu dem sagen? In komplizierten Situationen fiel mir nichts ein, außer buongiorno, ti amo, arrivederci.

»Keine Sorge«, sagte der Professor entspannt. »Der Herr kann ganz ordentlich Deutsch. Einen Moment bitte.« Er griff zum Haustelefon, wählte, sprach, legte auf, kurz darauf wurde angeklopft.

»Ah, da ist er schon. Ich brauche Sie einander nicht vorzustellen, Sie kennen sich ja.«

In der Tür stand Alessandro Mantegna.

II

In vino veritas

Im Wein liegt die Wahrheit (manchmal)

Mamas kleines Nichtigkeiten-Lädchen befand sich direkt in der Freiburger Innenstadt, in einem Nebensträßchen nahe des Münsters. Es hieß »Danas Alloro« und war nach der offensichtlich italienbegeisterten Vorbesitzerin und ihrer Lieblingspflanze, dem Gewürzlorbeer, benannt. Es entbehrte nicht einer gewissen Ironie, dass ausgerechnet meine Mutter ein Geschäft mit italienischem Namen führte, doch ändern wollte sie ihn nicht. Die Kunden kannten es so, und in die niedliche Mannschaft dekorativer Lorbeerbäumchen, welche paarweise angeordnet die Eingangstür flankierten, hatte sie sich sofort verliebt. Ich selbst hatte jedem von ihnen schon heimlich einen Namen gegeben. Apoll und Daphne, Narziss und Echo, Pyramus und Thisbe, Orpheus und Eurydike. Ovid hätte das gefallen.

Als ich den Laden betrat, war meine Mutter kundenlos und schlecht gelaunt.

»Schau dir das an!«

Sie hielt ein blondes knollennasiges Plastikkerlchen ins Licht über der Ladentheke. Dank eingebauter Solarzelle bewegte es sofort hektisch die Ärmchen. Das heißt, es bewegte eines von ihnen, denn das andere fehlte.

»Mängelware, mal wieder!«

Ich musterte das eigentümliche Wesen.

»Was bitte ist das denn?«

»Ein Winke-Trump«, entgegnete meine Mutter, als wäre das eine Selbstverständlichkeit. »Und garantiert sind noch mehr davon kaputt.«

»Wer braucht denn so was?«, fragte ich erstaunt.

Mama sah nicht auf, sondern kramte weiter in der Kiste und glich deren Inhalt mit dem Lieferschein ab. »Brauchen tut das niemand, aber es verkauft sich. Sogar besser als die Winke-Queen vor zwei Jahren. Der Typ ist sehr beliebt.«

»Beliebt? Hast du mal Zeitung gelesen? Den werden sie bald abmurksen wie Caesar an den Iden des März.«

Meine Mutter scherte sich wenig um Politik, noch weniger um alte Geschichte. Was wann warum mit dem armen Caesar passiert war, interessierte sie nicht.

Ich schlenderte zwischen den Regalen umher. Von all den Dingen, die Mama anbot, hielt ich die bunten, großformatigen Klapp-Postkarten für das Sinnvollste. Sie zeigten unterschiedlichste Motive. Einen üppig gedeckten Tisch unter sommerlichem Himmel, von der Brandung halb überspülte Fußabdrücke im Sand, eine Reproduktion der Seerosen von Monet. Kitschig, aber schön.

»Ich werde am kommenden Mittwoch verreisen«, sagte ich beiläufig, »für ungefähr drei Monate.«

Mama fixierte ihren Lieferschein.

»Drei Monate? Was wollt ihr denn drei Monate in Reykjavík? Und warum gerade jetzt? Das Semester ist doch noch gar nicht zu Ende!« Beinahe wäre mir der quietschgelbe Bananenschneider mit Griff in Form eines Äffchens aus der Hand gefallen.

»Reykjavík?«

»Ja, sicher. Christopher hat es mir vor ein paar Tagen erzählt. Er war zufällig in der Gegend, und wir haben Tee getrunken.« Meine Mutter trank mit Stoffel Tee, aha. Stoffel hasste Tee.

»Und über was habt ihr sonst so gesprochen? Über unseren Hochzeitstermin?«

Mama legte den Plastik-Trump beiseite und sah zu mir hinüber.

»Carlotta, sei nicht albern.« Meinen Spitznamen benutzte sie nie, ebenso wenig wie den meines Freundes, sie empfand beide als Verhunzung, und im Fall von Stoffel hatte sie vielleicht sogar ein wenig recht. »Christopher hat mir von euren Urlaubsplänen erzählt, das ist alles.«

»Mag sein, spannend bloß, dass seine Pläne nicht die meinen sind.«

Vor einiger Zeit hatten wir vom Iceland Airwaves Musikfestival gesprochen und von Stoffels Traum, es einmal im Leben zu besuchen. Einmal im Leben, nicht in diesem Sommer!

Stoffel und ich liebten uns seit ungefähr acht Monaten. Kennengelernt hatten wir uns im überfüllten Aufzug eines Warenhauses. Er quetschte sich in letzter, ich in allerletzter Sekunde hinein.

»Sehr eng hier«, bat ich um Entschuldigung. »Ich fürchte, ich muss mich etwas an dich randrücken.«

Er sah mir tief in die Augen. »Ich fürchte, es gibt Schlimmeres.«

Was für ein Depp! dachte ich.

Eine Woche später waren wir ein Paar.

»Nein«, sagte ich zu Mama. »Ich fahre nach Pompeji.«

Laut krachend fiel einer der anderen Donald Trumps vom Tisch.

»Warum das denn?«

»Ausgraben.«

»Wie bitte?«

»Mama, ich studiere Archäologie

Meine Mutter ging dazu über, die Figuren ins Regal zu räumen.

»Pompeji also. Schön. Und was genau gedenkst du, dort zu finden?«, fragte sie.

»Was weiß ich, ist schließlich mein erstes Mal. Aber ich freue mich!«

»Ach ja? Ich hatte gehofft, du würdest mich Anfang August hier für zwei Wochen vertreten, während dein Vater und ich in der Steiermark wandern.« Die Steiermark also. Schön.

»Für zwei Wochen? Willst du dich ruinieren?«

Beim letzten Mal hatte ich eine Lieferung verpasst, zwei Stammkundinnen verprellt und die Bilanz um zirka 150 Euro verfälscht. Zur Einzelhandelskauffrau taugte ich nicht.

»Das ist zwei Jahre her, Menschen können sich ändern.«

»Nicht alle.«

Mama schaltete um. Umschalten war ihre Spezialität. Als Kind hatte es mich sehr irritiert, dass sie im einen Moment furchtbar ungehalten sein und mir im nächsten liebevoll übers Haar streichen konnte. Konflikte vermied sie mit unzerstörbarer Konsequenz.

»Magst du etwas trinken?«, fragte sie.

»Ja gerne. Am liebsten Capri-Sonne!«

Die Frotzelei ignorierend holte Mama eine Flasche Orangensaft aus der kleinen Küche im rückwärtigen Teil des Ladens.

In der folgenden halben Stunde plauderten wir bei Fruchtsaft mit Bio-Keksen über dieses und jenes. Ich erfuhr, dass Zitronenzestenreißer »in« und Salatschüsseln »out« seien (keine Ahnung, ob die Leute die Beilagen neuerdings direkt vom Tisch aßen) und dass der aktuelle Warenkatalog ganz auf Fair-Trade-Tischdecken aus ökologisch gefärbtem Gewebe setzte. Zwischendurch piepte mein Smartphone – Stoffel erkundigte sich via WhatsApp, ob es bei unserer Verabredung am Abend bliebe. »Yep«, tippte ich rasch. »Um halb neun bin ich da.«

»Könntest du gleich auf einen Sprung bei Papa vorbeischauen?«, fragte Mama.

»Klar, warum nicht?«, seufzte ich und griff nach meiner Umhängetasche.

»Die Dinkelsuppe steht auf dem Herd, du brauchst sie nur aufwärmen. Aber tu keine Sahne rein, dein Vater wird zu dick.«

Armer Papa.

»Und das mit Pompeji musst du Stoffel sagen!«, legte sie nach.

Sowieso.

Zuhause in Freiburg-Herdern schob ich eine Pizza Margherita in den Ofen. Weil mein Vater die so gerne mochte. Die Dinkelsuppe kippte ich ins Klo.

»Hey Papa!«, brüllte ich aufs Geratewohl in den Flur. »Nächste Woche fliege ich nach Pompeji.«

Mein Ruf verlor sich in den opulenten Klängen einer Wagneroper. In Sachen Pompeji erwartete ich bei meinem Vater keine großen Widerstände, er war der Wissenschaft zugeneigt und weltoffen. Beruflich obduzierte er Leichen, deren Zustand sich nicht unbedingt auf ganz natürliche Weise eingestellt hatte. Oder er hielt Vorlesungen vor Studenten, die nicht viel lebendiger waren als die Körper auf den Seziertischen. Möglicherweise ein Grund dafür, dass er sich in abendlichen Wagner-Sessions das Gehirn durchpustete.

Ich betrat das Wohnzimmer, wo Isolde ihren berauschten, endlosen Liebestod starb, und schob den Lautstärkeregler nach unten. Mein Vater war neben der Stereoanlage eingeschlafen. Auf seinem Bauch hob und senkte sich ein gelbes Textbuch im Rhythmus seiner Atemzüge. Ich stupste ihn an.

»Papa! Es gibt Pizza!«

»Wie … was?!«, fuhr er hoch. »Dinkelsuppe?«

»Nein, Pizza«, wiederholte ich. »In zehn Minuten, und ich fahre nach Pompeji.«

»Oh, gut!«, gähnte er, und es war nicht ganz klar, worauf er sich bezog. Mit einem Griff zur Fernbedienung ließ er Isolde in voller Lautstärke weitersterben.

Ich verschwand nach oben. Dass ich noch daheim wohnte, hatte Vor- und Nachteile. Zum Archäologischen Institut war es nicht weit, und in meinem Einzimmerappartement unter dem Dachgiebel konnte ich ungestört Gäste empfangen. Zugleich war es verpflichtend. Einmal die Woche setzte meine Mutter mir ein Essen vor, damit ich Rechenschaft ablegte. Über die Uni, über die Liebe, über mein Leben. Sobald ein Problem auftrat, wurde es von Papa inbrünstiger seziert als jeder seiner Toten.

Jetzt suchte ich verzweifelt das Glätteisen. Ich wollte hübsch sein, und dazu gehörte die radikale Bändigung meiner Lockenpracht. »Salatkopf« sollte mich an diesem Abend niemand nennen können.

Hast du die Suppe warm gemacht?, meldete sich Mama per SMS aus dem Off.

Aber sicher, schrieb ich zurück. Köstlich. Wo ist mein Glätteisen?

Im Bad, antwortete Mama, was nicht stimmte.

Tatsächlich steckte das Ding – warum auch immer – im Bücherregal des Elternschlafzimmers, zu weit oben, um bequem heranzukommen. So reckte ich mich auf die Zehenspitzen und bekam ein Kabelende zu fassen, an dem ich das schwere Gerät zu mir heranzog. Zusammen mit ihm donnerten einige Bücher herab, die sich zu meinen Füßen ausbreiteten. Einer der Bände lag geöffnet vor mir. Ovid – Metamorphosen. Lateinisch/Deutsch, besagte das Titelblatt, in Fraktur-Schrift. Ich liebte Ovids »Verwandlungen«. Dass meine Eltern eine Ausgabe besaßen, war mir neu. Unter den Titel hatte jemand in schwungvoller Schrift eine mit den Jahren verblasste Widmung gesetzt: Für Daphne – Apoll.

Das Buch musste sehr alt sein. Es war stockfleckig, die Fadenheftung ausgeleiert. Stammte die Widmung von meinem Vater? Konnte er je so viel Hintersinn besessen haben?

So viel Hintersinn, den Ofen auszuschalten, besaß er zumindest nicht, denn während Isoldes Gesang mein Ohr erfreute, kitzelte der Geruch von Angebranntem meine Nase.

»Die Margherita«, rief ich, steckte das Buch rasch in die Tasche und und flog die Treppe hinab.

Papa schien betrübt.

»Isolde ist tot«, sagte er, indem er wenig später in den schwärzlichen Rand der Pizza biss.

»Und Daphne hat sich in einen Lorbeerbaum verwandelt«, entgegnete ich, als habe das eine etwas mit dem anderen zu tun.

Papa kaute und nickte. »Irgendwie machen sie einen immer wieder traurig, diese unglücklich Liebenden, nicht?«

Ich schenkte mir ein Glas Barolo ein und trank in großen Schlucken. Unglücklich Liebende? Hoffentlich würden Stoffel und ich nicht dazu werden, wenn ich ihm meine Pompeji-Pläne offenlegte.

Mit Vornamen ist das so eine Sache. Man bekommt sie und darf sie behalten. Ob geliebt oder gehasst, meist bleibt man auf ihnen sitzen. Mein Pass wies mich als Carlotta Leonie van Veen aus, doch fast alle riefen mich Lollo. Damit hatte ich einige illustre Namensvetterinnen: Gina Lollobrigida alias »Gina Nazionale« alias »La Lollo«, außerdem eine erfolgreiche Kaffeemanufaktur in der Nähe von Neapel und die Freiburger Kneipe, in der ich mich mit Stoffel verabredet hatte.

Das »Lollo« lag in der Wiehre. Um dorthin zu gelangen, musste ich die Innenstadt mit dem Fahrrad durchqueren. Es war ein süß duftender Sommerabend, ich genoss das laue Lüftchen, das mir um die Wangen strich. Für einen kurzen Augenblick schloss ich die Augen. So mochte es sich anfühlen, in Pompeji zu sein: so leicht, so südländisch und ein bisschen melancholisch.

Als ich eintraf, ging es bereits rund. Der kleine Raum der Speisekneipe war proppenvoll.

»Endlich!«, begrüßte mich Stoffel. Sein Atem bezeugte, dass er das ein oder andere Bier genossen hatte.

»Was willst du trinken?«, fragte er beschwingt.

»Das Übliche.«

»Okay. Einen Riesling«, rief Stoffel einer der Bedienungen zu. Die winkte bestätigend. Er sah auf die Uhr. »Ich dachte schon, wir müssten ohne dich anfangen.«

»Es gab noch was zu erledigen«, antwortete ich ausweichend, »und jetzt bin ich ja da.« Flüchtig hauchte ich ihm einen Kuss auf die Nasenspitze. Mein Freund hüstelte nervös.

Ich habe es noch nicht erwähnt: Stoffel studierte Jura, aber eigentlich war er Musiker. Nicht irgendeiner natürlich. Der legitime Nachfahre von Mick Jagger und Jimi Hendrix. In seinen Augen. Ich hörte da auch Eros Ramazzotti, Howard Carpendale und – Heino. Seine Band coverte kreuz und quer durchs Musikbeet alles, was gerade einem der vier Mitglieder gefiel.

Heute trat sie im »Lollo« auf, das hin und wieder solche Events ermöglichte. Im Grunde war das kleine Lokal mit der offenen Küche zu beengt für Derartiges und mit seinem neutral-schicken Flair auch nicht besonders geeignet. Andererseits hatte der Kontrast aus Wummer-Rock und Öko-Strenge etwas Reizvolles.

»Was spielt ihr heute?«, fragte ich.

»Lass dich überraschen«, sagte Stoffel, und ich hatte den Eindruck, dass er es selbst noch nicht so genau wusste. »Ich muss dann mal.« Mit dem Kinn wies er in die Ecke des Raumes, der als eine Art Bühne abgeteilt war.

Die Bedienung brachte den Riesling, und als ich das Glas zum Mund führte, fragte ich mich, ob der sich wohl mit dem Barolo in meinem Magen vertragen würde. Laut dem römischen Historiker Tacitus sollen die Germanen bei ihren Ratssitzungen sehr viel Wein getrunken haben, weil sie glaubten, ein Betrunkener könne nicht lügen. In vino veritas. Würde der Kaiserstühler Wein meine Reisepläne irgendwann von selbst offenlegen?

»Hi Lollo«, sprach mich eine Kommilitonin aus dem fünften Semester an, die mich bei meiner Arbeit über Ovid unterstützt hatte.

»Der Hilarius muss dich mega toll finden, wenn er dich zu Pappalardo schickt. Gratuliere.«

War da jemand neidisch?

»Woher weißt du das?«

»Flurfunk.«

Wohl eher Alessandro Magno.

In diesem Moment setzte die Musik ein.

Die Band eröffnete mit »Hotel California«. Die Strophen waren nicht einfach, aber spätestens beim Refrain grölten alle Anwesenden derart laut mit, dass man vom Rest nicht mehr viel hörte. Die Kommilitonin verdrückte sich, ich selbst suchte mir ein freies Fleckchen am Rand der Theke und wippte im Takt der Musik. Als die Kellnerin vorbeikam, bestellte ich ein zweites Glas.

Ich musste es an diesem Abend hinter mich bringen. Reykjavík war für mich gestorben. Aber wie sollte ich das Stoffel sagen?

»Welcome to the Hotel California …«

Mein Freund blökte sich als Lead-Sänger die Seele aus dem Leib. Ich fand nicht, dass er sich durch besondere Begabung auszeichnete, für mich klang sein Gesang immer eine Idee zu schräg.

»… such a lovely place … such a lovely place …«

Die Instrumente wurden heftigst malträtiert. Den Leuten gefiel es, weil sie den Song kannten, und sie gingen enthusiastisch mit. Ich beobachtete das Geschehen auf der Bühne. Stoffel war lang und dünn, die eng anliegenden Hosen betonten seine Schlaksigkeit. Am Oberkopf begann sein Haar sich bereits zu lichten. Optisch hatte er so gar nichts von den Helden aus meinen Epen, von Hektor, Ajax oder Achill. Auch den berühmtesten Sänger der Antike, Orpheus, stellte ich mir anders vor.

»›Relax‹ said the nightman …«

Manchmal fragte ich mich, warum ausgerechnet wir beide zueinandergefunden hatten. Der Aufzug allein konnte es kaum gewesen sein.

»Genieß es, solange es passt«, pflegte meine Freundin Alwa zu sagen.

»But you can never leave.«

Ich fühlte mich angenehm benebelt und ließ die Gedanken treiben. In wenigen Tagen begann mein Abenteuer. In Pompeji sollte ich bei einer alten Dame wohnen, die schon andere Grabungs-Praktikanten beherbergt hatte. Es hieß, sie könne sogar ein wenig Deutsch. Alte Damen sind gut, dachte ich rieslingberieselt, sie geben Sicherheit.

In einer der Pausen trat Stoffel zu mir, mit erhitztem Gesicht, das T-Shirt verschwitzt. Er wirkte ermattet und – glücklich. Sein klebriger Kuss schmeckte nach Kaugummi.

Jetzt sag es ihm schon.

»Ist schön, cooler Abend.« Wir umarmten uns, und ich roch seinen Schweiß. Nie habe ich diese Groupies verstehen können, die sich zu abgekämpften Rockmusikern ins Bett drängten.

»Klappt super, nicht?«, murmelte er in mein Haar und spielte damit entweder auf das Konzert an oder auf unsere Beziehung.

In der Eingangstür drängte sich ein weiteres Grüppchen in den zum Bersten gefüllten Raum. Das bisher friedliche Beisammensein von Riesling und Barolo schien nun definitiv gefährdet: Bei den späten Gästen handelte es sich um Alessandro Mantegna mit Damen-Eskorte. Mir wurde übel.

»Du siehst ein bisschen traurig aus«, sagte Stoffel, bevor er zurück zur Bühne ging.

»Ich bin müde. Und mir ist schlecht.« Zumindest eine Wahrheit, die der Wein mir entlockte.

Alessandro ignorierte mich gnädig. Auf der anderen Seite des Lokals flirtete er intensiv mit einer großen blonden Frau, die ihn anschmachtete wie einst die schöne Helena von Troja den Königssohn Paris. Immerhin war er beschäftigt.

Ich hatte mich jedoch zu früh gefreut. Als die Band im letzten Teil ihres Auftritts »Satisfaction« von den Stones röhrte, schlenderte der erhabene Held zur Theke.

»Ciao Salatkopf. Obwohl … das ist gerade nicht der passende Ausdruck.« Er fasste ungeniert in mein straff geglättetes Haar, das sich wegen der hohen Luftfeuchtigkeit in der Kneipe schon wieder zu kräuseln begann. »Heute Abend wohl eher Schnittlauch.« Er winkte dem Barkeeper. »Was wollte ich noch mal? Ach ja, einen ›Lollo rosso‹ bitte.«

Das Spezialgetränk des Ladens war eine Mischung aus Blutorangensaft, Campari, Sekt und einem Schuss von irgendwas Starkem. Es schmeckte schauderhaft, und ich hätte schwören können, dass Alessandro es nur bestellte, um mich zu ärgern.

»Für dich auch?«, fragte er. Ich schüttelte den Kopf.

»Bitte zwei«, sagte er zum Barkeeper.

Einen davon hielt er mir hin.

»Du kapierst es nicht, wenn eine Frau Nein sagt, oder?«

»Wieso, dein Glas war leer, und besonders viel Sekt hast du vorhin nicht abgekriegt.«

»Für mich gab es auch nichts zu feiern.«

»So widerborstig? Oder nur schüchtern?«

»Ich schüchtern? Du träumst wohl.«

»Manchmal – von dir. Komm, Lollo, trink!«

Widerstrebend nahm ich einen Schluck.

»Igitt, ist das bitter.«

»Bitter wie die Liebe.«

»Du musst es wissen«, sagte ich und zeigte auf seine blonde Begleitung, Helena von Troja.

»Du auch …«, sagte er und zeigte auf Stoffel.

Dann sagten wir nichts mehr und nuckelten tapfer vor uns hin. Meine Übelkeit verwandelte sich in ein Komagefühl.

Im Hintergrund hatte die Band das Konzert beendet und begann mit dem Abbau. Es wurde leicht ungemütlich, die schöne Helena begann sich suchend umzusehen.

»Man verlangt nach dem großen Alexander«, bemerkte ich lässig und stützte mich dabei an der Theke ab, damit niemand merkte, wie beschickert ich war.

Mein Gegenüber wandte sich um in Richtung Troja.

»Was du nicht sagst, da kann man wohl nichts machen.«

Er stellte sein leeres Glas auf die Theke. Im Augenwinkel nahm ich wahr, wie Stoffel herbeikam. Alessandro hob den rechten Zeigefinger. Ich sah ihn doppelt.

»Nächsten Mittwoch am Flughafen Basel, Terminal 2, Punkt 9 Uhr. Und, Salatkopf, pack den Lockenstab ein, dieser Schnittlauch steht dir nicht.«

Mit den Händen in den Hosentaschen schwebte er davon.

»Wer war das denn?«, erkundigte sich Stoffel.

»Ein Kommilitone«, erwiderte ich knapp, »einer von den ganz Reizenden.«

»Und was faselte er von Schnittlauch?«

»Er wollte mir nur ein Kompliment machen. Du weißt ja: in vino veritas

Von wegen.

In dieser Nacht nämlich erzählte ich Stoffel nichts mehr von Pompeji.

III

Alea iacta est

Entschieden ist entschieden

»Die Würfel sind gefallen«, soll Caesar gesagt haben, als er am 10. Januar 49 vor Christus den Rubikon überschritt, den Grenzfluss zwischen Gallien und Italien. Und was kam raus? Ein Bürgerkrieg. Natürlich war ich nicht Caesar, der Flughafen Basel nicht der Rubikon, und irgendeinen Krieg hatte ich gewiss nicht im Sinn. Aber Italien wollte ich erobern! Und das Gefühl, eine Grenze zu überschreiten, hatte ich bestimmt. Mehr als nur eine geografische, meine ich.

»Und, mein Schatz«, fragte Stoffel. »Hast du brav gepackt? Eimer und Schaufel zum Graben?«

Ich schwieg.

»Das Wörterbuch für Anfänger und das Selbstverteidigungsspray?«

Ich schwieg.

»Deine Aufbissschiene?«

Die gerade jetzt zu erwähnen war richtig fies. Stoffel wusste sehr gut, dass ich nicht gerne mit dem Plastikding schlief.

Und ich wusste auch so, dass er wegen der abgesagten Islandreise sauer war.

»Danke, alles bestens organisiert.«

Er hatte darauf bestanden, mich in seinem rostigen Fiat Panda zum Flughafen zu fahren. Am Morgen nach der Musik-Session im »Lollo« war die Bombe geplatzt. Noch im Halbschlaf hatte ich das Pompeji-Geheimnis preisgegeben. Stoffel ist wortlos aufgestanden, mit Pokerface, brummelnd verschwunden und hat mir dann, noch immer mit Pokerface … das Frühstück gebracht.

»Ich wollte ohnehin lieber in die Südstaaten«, erklärte er bei Orangensaft und Rührei. »Genauer gesagt nach New Orleans, die machen dort super Musik.«

»Jazz.«

»Nenn es, wie du willst, und fahr nach Pompeji. Meinetwegen.«

Das klang erst mal gut, doch wenig später verklickerte ihm die Schwiegermama in spe, dass ich nicht irgendwohin reisen würde, sondern nach Italien, ins Land der Mammas und Machos, ins Paradies von Amore und Dolce Vita, Pasta und Vino – kurz, ins Mekka der Fernbeziehungskiller. Seitdem legte Stoffel eine Laune an den Tag, mit der man alle Fische im Mississippi hätte vergiften können.

Am Flughafen Basel waren die Parkplätze überfüllt.

»Lass mich hier raus«, schlug ich vor. »Ich hasse lange Abschiede.«

»Nichts da, ich bringe dich zum Check-in. Und ich helfe tragen. Ich bin nämlich ein Gentleman.« Ah, ja.

So irrten wir gemeinsam durch die endlosen Weiten des Flughafens, vorbei an Duty-free-Shops, Bonbon-Läden und Espresso-Bars. Ich war todmüde und zugleich hellwach.

Stoffel sah ihn zuerst. Mit einem Espresso to go in der Hand lehnte er an einer übergroßen Leuchtreklame für Martini. Fesch gestylt, cool, souverän: eine Reklame für die Reklame. Mein Freund erkannte ihn sofort.

»Der?«, fragte er gedehnt. »Wieso denn der

»Weil er der Assistent ist.« In weiser Voraussicht hatte ich die genaueren Umstände meines Grabungspraktikums verschwiegen.

»Assistent von wem? Von dir?«

»Von Glauco Pappalardo«, versetzte ich kurz angebunden.

»Glauco Pappalardo? Ernsthaft? Klingt total bescheuert. Da hatte deine Mutter wohl recht.«

»Womit?«

»Dass die Italiener nicht alle Tassen im Schrank haben.«

Ich dachte an das von mir heimlich entwendete Buch meines Lieblingsitalieners Ovid im Handgepäck und konnte ihm da nicht zustimmen.

»Mach hin, Salatkopf«, rief mir Alessandro entgegen. »Wir müssen das Gepäck aufgeben, mit dem Stativ des Theodoliten gab es das letzte Mal Schwierigkeiten.« Er wirkte plötzlich leicht gestresst.

»Wenn dein Lover uns helfen würde, ginge es schneller.«

»Lover, pah!«, grollte Stoffel.

Wenig begeistert schleppten wir das Gepäck ans Ende der für diese Tageszeit überraschend langen Schlange vor dem Schalter und warteten. Interessiert musterte ich Alessandro. Die breiten muskulösen Schultern, das im Nacken vom Schwitzen gekräuselte tiefschwarze Haar. Er war nur gut einen halben Kopf größer als ich, aber er hielt sich sehr gerade. Das ließ ihn stattlich wirken, fast ein bisschen statuenhaft. An der Hand hielt ich Stoffel.

»Könntet ihr beiden euch vielleicht jetzt und hier verabschieden? Wir sind gleich dran«, fauchte es schräg vor uns, »oder braucht die Meisterarchäologin einen Kindergärtner?«

Stoffel war zu perplex, um etwas zu erwidern, stattdessen packte er mich wie Rhett Butler einst Scarlett O’Hara und küsste mich mit bisher ungekannter Leidenschaft. Ein echter Lover eben.

»Tschüss, Stoffel«, sagte ich leise.

»Ciao Lollo. Wir hören uns bald, ja?«

Alessandro stemmte seinen Koffer und einen unförmigen Sack, der wohl das Stativ für das Laser-Messgerät enthielt, auf die Gepäckwaage. Eine professionell freundliche Dame winkte ihn durch. Dann mich. Noch einmal drehte ich mich um und dachte dabei an den Sänger Orpheus auf seinem Weg aus der Unterwelt, dessen liebender Blick über die Schulter ihm seine Gattin Eurydike auf ewig geraubt hatte. Reiß dich zusammen, sagte ich mir. Ovid ist nicht alles.

Eine Station weiter wurden die Handgepäckstücke und auch wir selbst durchleuchtet. Alessandro in der Männerschlange ließ es stoisch über sich ergehen.

Als wir uns kurz darauf in der großzügigen Wartelounge niederließen, piepte mein Smartphone.

Tochter, wie soll ich drei Monate ohne dich überleben? Schon wieder Dinkelsuppe!!! Alles Liebe und Daumen hoch, Papa.

»Lange hat der’s ja nicht ohne dich ausgehalten«, sagte Alessandro und glaubte wohl, Stoffel hätte mir geschrieben, wie sehr er mich vermisst.

»Was du nicht sagst.«

»Amore«, trällerte Alessandro auf die Melodie des Hits »Volare« von Domenico Modugno, »o-o-h-o.«

»Stimmt nicht«, rechtfertigte ich mich völlig grundlos. »Das war mein Vater.«

Die Lounge des Flughafens roch nach großer weiter Welt. Durch eine Glasfront sah man das Vorfeld, wo die Maschinen bereitgestellt wurden. In einer von ihnen würde ich in genau einer Stunde und zweiundzwanzig Minuten abheben. Warum bloß musste man immer so früh da sein? Ich holte mir einen frisch gepressten Orangensaft für knappe acht Euro. Während ich am Strohhalm nuckelte, beobachtete ich die Menschen um uns herum, die sich einzeln oder in kleinen Gruppen zusammengefunden hatten. Wo sie hinfliegen, wie ihr Alltag aussehen mochte? Der Typ im adretten Anzug und langärmeligem Hemd trotz hochsommerlicher Temperaturen musste ein Geschäftsmann sein. Er besaß zwei Handys, deren Displays er abwechselnd kontrollierte. Nachrichten vom Chef? Von der Ehefrau? Der Geliebten? Eines der beiden Telefone schien ihn mehr zu fordern, denn auf die dort eintreffenden Nachrichten reagierte er rascher, angestrengter und sehr ernst. Von meinem Vater hatte ich gelernt, immer genau hinzusehen, gut zu überlegen, nichts außer Acht zu lassen. »Erst aus der Zusammenschau der Anhaltspunkte ergibt sich die Todesursache«, lautete sein Credo. Prinzipiell verhielt es sich in der Archäologie wohl nicht viel anders.

»Magst du?« Alessandro hielt mir eine Tüte klebriger Bonbons hin, die er irgendwoher gezaubert hatte. Ich lehnte ab. »No, grazie.«

Ich beobachtete das Treiben in der Halle und blieb schließlich an einem Männertrupp hängen, der seinen Touristen-Status präsentierte wie Fotomodelle eine Pradatasche oder Rolex. Herbstlichen Alters, in Poloshirts, kakibraunen Outdoor-Hosen und dazu passendem Schuhwerk, bepackt mit Stoffbeuteln von Studiosus-Reisen, machten die Herren einen gesetzten und selbstzufriedenen, zugleich geschäftigen Eindruck. Lehrer, sagte mein Instinkt, vermutlich Latein.

»Denen wirst du in Pompeji scharenweise begegnen«, erklärte Alessandro, der meinem Blick gefolgt war. »Und nach wenigen Tagen werden sie dich so nerven, dass du sie in die Luft jagen könntest. Die da sind aus Schwaben.«

»Wie kommst du darauf?«

»Einer von ihnen hat vorhin drei kostenlose Zeitungen eingepackt. So was machen nur Schwaben oder Italiener. Und Italiener sind die nicht.«

Wie zur Bestätigung tönte ein aufgeregtes »Ha noi!« zu uns herüber.

»Denk dran, du wirst sie hassen!«

»Und der da?« Interessiert deutete ich auf ein schmächtig-schmieriges Kerlchen, das mit auf die Brust gesunkenem Kinn im Begriff war einzuschlafen. In seinem hellblauen Trainingsanzug aus Polyester wirkte es recht heruntergekommen. Auch hier wusste mein Begleiter sofort Bescheid.

»Das ist ein Fan der SSC Napoli. Steht vorn auf seiner Jacke. Fußballenthusiasten sind ebenfalls nicht gerade Mangelware in Pompeji, allerdings weniger in der Grabung. Kultur juckt so einen nicht, ein kühles Bier genügt.«

Was dachten die Leute hier wohl über mich? Und lag ich selbst mit meinen Einschätzungen überhaupt richtig? Vielleicht arbeitete der von mir als Geschäftsmann identifizierte Typ als Journalist, vielleicht waren die »Lehrer« Versicherungskaufleute auf Betriebsausflug.

Während ich in dieser Weise vor mich hin grübelte, wurden mir von Alessandro noch mehr Bonbons angeboten, gefolgt von Grissini, Cantuccini und sogar einem lecca lecca, einem italienischen Dauerlutscher. Ich hatte keinen Appetit. Dennoch staunte ich über die Verwandlung des sonst so spröde überlegenen Machos in einen personifizierten Süßwarenladen. Besann er sich plötzlich seiner gastfreundlichen Seite? Keinesfalls. Unvermittelt rammte er mir seinen Ellenbogen derart fest in die Seite, dass es wehtat.

»Salatkopf, lass das Träumen, avanti, es ist Zeit!« Ich hatte nicht mitbekommen, wie unser Flug aufgerufen wurde. Plötzlich strebten alle um uns herum auf einen Schalter zu, an dem man die Pässe kontrollierte. Unsere Mini-Maschine von SPARJet stand unweit des Gates, die kurze Strecke übers Vorfeld legten wir zu Fuß zurück. Ordner wiesen uns den Weg.

Die warme, kerosingeschwängerte Luft des Sommermorgens flirrte verheißungsvoll. Ich empfand jene Mischung aus Glück und Schmerz, die jedem Neuanfang innewohnt. Ein wenig beneidete ich Alessandro, für den das hier eine Heimkehr war. Nie aber hätte ich ihm das gezeigt. Und noch etwas anderes sollte er nicht wissen: dass ich Flugangst hatte. Nicht sehr, nur ein bisschen. Gerade so viel, dass mir das Gefühl beißend durch den Magen kroch.

»Wetten, dass die Lehrer vor uns sitzen?«, zischte mein Begleiter. Und er behielt recht.

Der Fußballfan landete rechts von Alessandro am Fenster und begann sofort, in hartem Dialekt auf ihn einzureden. Alessandro übersetzte, dass er mir, der bella bionda, seinen privilegierten Platz anbieten wollte.

Ich fragte mich, ob für die Italiener jede Frau, die nicht pechschwarze Haare hatte, blond war, und lehnte dankend ab. Bloß nicht rausschauen und zusehen müssen, wie die Erde näher kam, wenn wir vom Himmel stürzten.

Alessandro der Gnadenlose schuf andere Tatsachen.

»Nicht so schüchtern«, meinte er süffisant und erhob sich von seinem Sitz. »Die Alpen von oben. Das muss man erlebt haben.« Mir blieb nichts anderes übrig als mit dem ungewaschenen Fußballfan den Platz zu tauschen.

»Attenzione, wir heben ab!« Krampfhaft klammerte ich mich an die Armstützen. Der SSC-Napoli-Fan plapperte von der anderen Seite weiter auf meinen Begleiter ein, bis er irgendwann alles gesagt zu haben schien und wegdämmerte.

»Er hält uns für ein ausgesprochen hübsches Paar«, übersetzte Alessandro.

»Toll«, sagte ich und erlitt beim Anblick des Panoramas vor dem Fenster eine Schwindelattacke – Wolkenmassen mit Gebirgskulisse.

»Sind das die Alpen? Findest du nicht, dass wir recht tief fliegen?«

»Keine Ahnung, aber ich kann dir versichern: Auf dieser Route gab es zuletzt wenige Abstürze.«

Mein Körper versteifte sich vom Haaransatz bis zu den Zehenspitzen. »Wenige?«

»Sehr wenige. Nimm einen Tomatensaft.«

Der Stewardess schienen die Abstürze gleichgültig, sie lächelte ganz unerschütterlich und schenkte ein.

Ich würgte. Sollte das das Letzte sein, was ich von dieser Welt schmeckte?

»Ich persönlich«, wechselte Alessandro das Thema, »habe deine Vorliebe für Ovid nie ganz verstanden. Ich meine, dieses Anschmachten, Verzweifeln und sich als letzten Ausweg Verwandelnlassen … nicht wirklich realistisch.«

»Aber poetisch.«

»Poesie? Da bevorzuge ich Vergil.«

»Ach ja?«

»Sicher! ›Waffen besing ich und ihn, der zuerst von Trojas Gestaden …‹«, skandierte er den Beginn der Aeneis feierlich und so laut, dass er um ein Haar seinen Nebenmann geweckt hätte.

»Wen wundert’s? Waffen und Superhelden, das ist es, was bei euch Männern zieht.«

Immerhin besser, dachte ich, mit Vergil in den Ohren zu sterben als mit Tomatensaft im Mund. Ich konzentrierte mich auf die Sitzlehne vor mir und analysierte ihren fleckigen Bezug. SPARJet war eben nicht die Lufthansa.

»Mir scheint, du brauchst etwas Ablenkung«, sagte Alessandro. »Ich glaube, ich habe da was für dich. Neulich für eine Freundin runtergeladen.«

Die Art, wie er »eine Freundin« aussprach, hatte etwas Anzügliches. Er reichte mir seinen MP3-Player samt Kopfhörer.

»Italienisch für Anfänger«, schnarrte eine Kunststimme in meinem Ohr. »Lektion neun. Beim Zahnarzt.«

Genervt wollte ich mich der Stöpsel entledigen.

»Lass mal. Im Ernst, das ist gut gegen Flugangst.«

»Prima.« Ich erhielt also meine Lektion über Zahnschmerzen, Betäubungsspritzen, angeknackste Füllungen, Bohrer und Schmerztabletten. Irgendwas über Weisheitszähne war auch dabei. Im italienischen Alltag würde all das ähnlich hilfreich sein wie Ovid. Aber es lenkte tatsächlich ab. Die Wolken vor dem Fenster wurden zu unechtem Dampf über einer weit entfernten Playmobil-Landschaft in der Tiefe, und ich döste kurz ein.

»Tutto bene, ecco il buco«, sagte die Stimme in meinem Ohr. »Alles gut, ich habe das Loch gefunden.« – »Please fasten your seatbelts«, vermeldete der Kabinenlautsprecher. »Wir beginnen den Landeanflug.«

Beim Verlassen des Flugzeugs prallte ich gegen eine Wand. Hier war es nicht warm, hier war es heiß. Afrikanisch heiß, wie in einem Backofen. Ich schnaufte.

»Daran gewöhnst du dich«, sagte Alessandro. »In ein, zwei Jahren bist du akklimatisiert.«

Wieder gingen wir über das Vorfeld, diesmal zum Flughafengebäude von Capodichino, dessen Optik sich stark von dem in Basel unterschied. Es wurde gerade renoviert, und überall waren Plakate angebracht, die diesen Umstand entschuldigten.

»Blödes Gerede«, knurrte es neben mir. »Das geht schon seit Jahren so, schließlich sind wir in Neapel. In Deutschland wäre man längst fertig.«

»Mmh«, machte ich vage. Ich hätte ihn an das irrsinnige Projekt des Berliner Flughafens erinnern können, aber es war mir zu heiß.

In der Ankunftshalle ging alles sehr schnell. Wir standen wartend am Kofferband, als mein Begleiter unruhig wurde. Hinter der Absperrung winkte eine Frau, wie selbst Ovid sie nicht mal eben hätte erdichten können – rassig, schlank, mit perfekt gezeichneten Konturen. Ihr naturgewelltes dichtes Haar bewegte sich sacht in einem Lufthauch. Es fehlte lediglich die passende Musik. Sanfte Gitarrenklänge zu einer wehmütigen Weise. Oder Flamenco.

»Da bist du ja!«, begrüßte Alessandro überschwänglich seinen Koffer und meinte wohl in Wahrheit die Schöne. »Und das Stativ. Erstklassig!«

Entschlossen bemächtigte er sich seiner Gepäckstücke, während meine nirgendwo zu sehen waren.

»So, Salatkopf«, verkündete er unvermittelt. »Ab hier geht es für dich alleine weiter!«

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