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Dry my Tears

Als Buch hier erhältlich:

So lange du bei mir bist ...

Jack und Tess sind wie Feuer und Wasser. Es knistert gewaltig zwischen ihnen, doch auf keinen Fall will sich Tess von ihrem Studium ablenken lassen. Als Jack nach einem schweren Arbeitsunfall auf einer Ölbohrinsel sein Leben neu ordnen will, nimmt Tess ihn, wenn auch widerwillig, bei sich auf. Sie braucht dringend einen neuen Untermieter und Jack braucht eine Bleibe, um wieder auf die Beine zu kommen. Die beiden kommen sich immer näher, doch die Ereignisse der Vergangenheit drohen Jack einzuholen …


  • Erscheinungstag: 21.11.2023
  • Aus der Serie: Ambrose Brothers
  • Bandnummer: 2
  • Seitenanzahl: 336
  • ISBN/Artikelnummer: 9783745704037
  • E-Book Format: ePub
  • E-Book sofort lieferbar

Leseprobe

Liebe Leser:innen,

dieses Buch enthält potenziell triggernde Inhalte.

Deshalb findet ihr am Romanende eine Themenübersicht, die demzufolge Spoiler enthalten kann.

Wir wünschen euch das bestmögliche Erlebnis beim Lesen dieser Geschichte.

Euer Team von Mira

KAPITEL 1

Tess

Das Meer umspielte sanft meine Füße, spülte weichen Schaum heran und zog sich dann zurück, nur um das Spiel mit der nächsten Welle zu wiederholen. Die aufgehende Morgensonne glitzerte rötlich am Horizont, tauchte meine Umgebung in ein Farbenmeer aus Blau und Orange. Ich schloss die Augen und atmete tief ein und aus, ehe ich erneut einer Welle zusah, die meine Füße umtanzte. Allerdings brachte sie einen weißen Plastikbeutel mit.

Sofort war meine Entspannung verpufft, und ich bückte mich, bevor der Müll wieder außerhalb meiner Reichweite schwamm. Dann also kein Yoga am Meer, sondern Unrat aufsammeln. Dafür war ich ja eigentlich auch hergekommen. Ich zog das Plastik heran und stopfte es in meinen blauen Abfallbeutel, den ich für mein tägliches Müllsammeln mitgenommen hatte.

»Jetzt, wo du das Teil endlich rausgefischt hast, können wir doch bestimmt zurückgehen«, merkte meine Freundin Anne an, die mich seit geraumer Zeit mit gerunzelter Stirn beobachtet hatte. Sie stand ein ganzes Stück von mir entfernt auf dem trockenen Sand, um keine nassen Füße zu bekommen.

Anne hatte seit zehn Minuten keine Lust mehr und nörgelte wie ein Kleinkind herum. Warum sie unbedingt hatte mitgehen wollen, war mir ein Rätsel. Normalerweise drehte ich allein meine Runden und genoss die Stille der frühen Morgenstunden. Da ich mich aber sehr über ihr plötzliches Interesse gefreut hatte, hatte ich eine Ausnahme gemacht.

Barfuß lief ich zu ihr zurück und verabschiedete mich gedanklich von den sanften Liebkosungen des Meeres, um mich meiner Aufgabe zu widmen: den Abfall aufzusammeln.

Anne sah mir kopfschüttelnd dabei zu, wie ich den mittlerweile recht vollen Müllsack mit einem extra dafür vorgesehenen Karabiner an meinem Rucksack festmachte. Ich hatte gerne beide Hände frei, um besser agieren zu können.

»Was?«, fragte ich, als ich Annes prüfenden Blick etwas zu lange auf mir ruhen spürte.

»Warum genau studierst du doch gleich Ökonomie? Bist du dir sicher, dass du dich beim Einschreiben nicht vertippt hast und eigentlich Ökologie nehmen wolltest?«

»Haha.« Derlei Sprüche musste ich mir ständig anhören. »Ich kümmere mich in meiner Freizeit gerne um die Umwelt. Das ist mein Beitrag für eine bessere Umwelt und Zukunft.«

»Aber muss das um sechs Uhr morgens und ganz allein sein?«

Aha! Daher wehte der Wind. »Hat Lynn mit dir über meine unheimliche Begegnung mit dem Jogger gesprochen?«

Anne nickte knapp. »Das klang echt gruselig, Tess. Du kannst nicht immer ganz allein rumlaufen, zwischen den Klippen herumklettern und im Meer herumstochern, ohne dass jemand weiß, wo du bist. Dir könnte sonst was passieren.«

»Ich pass schon auf mich auf. Mach dir keine Sorgen!«

»Aber der Jogger …«

»Auch mit dem bin ich fertiggeworden. Ich hab ihm gesagt, dass er sich verpissen soll, und mein Pfefferspray gezogen, als er mir in den Weg gesprungen ist und mich angequatscht hat. Dann ist er abgehauen. Ende der Geschichte.« Ich zögerte. »Bist du nur deshalb mitgekommen?«

Anne nickte erneut. Sofort blieb ich stehen und seufzte. »Du musst dir wirklich keine Sorgen machen. Ich fühle mich am Strand sicher, bin verdammt schnell und hab immer mein Handy dabei. Und das Pfefferspray. Alles ist gut.«

»Kannst du dich nicht einfach einer Öko-Truppe anschließen? Ich weiß, du kennst Dutzende, und keine hat dich richtig überzeugen können, aber es gibt ständig Müllsammelaktionen, von denen viele auch von Studierenden geleitet werden. Mach endlich bei denen mit, und alle sind beruhigt.«

Ich musste mich zusammenreißen, um nicht die Augen zu verdrehen. Diese Diskussion hatte ich mit meiner anderen Freundin Lynn schon tausendmal geführt. Die brachte mir sogar Flyer mit, um mich umzustimmen.

»Ich bin morgens gerne für mich und genieße die Ruhe«, wich ich aus. »Nicht jeder liebt es, ständig von Menschen umgeben zu sein, so wie Lynn oder du.«

»Probier es doch einfach aus!« Anne hatte Mühe, neben mir Schritt zu halten. Um diesem Gespräch zu entkommen, war ich instinktiv schneller gelaufen, drosselte jetzt aber mein Tempo. »Ich war schon in vielen Umweltschutzgruppen«, sagte ich schließlich vorsichtig. »Das ist nichts für mich. Zu viel Gerede. Zu viel Drumherum, zu viel Erwartungsdruck. Zu viel … ›zu viel‹. Dafür habe ich einfach keine Zeit. Das Studium geht vor, selbst wenn es statt Ökologie eben Ökonomie ist.« Ich warf Anne einen eindringlichen Blick zu. »Ich hab mich beim Einschreiben nicht vertan. Das war schon genau geplant.«

»Okay, okay. Ist ja gut.« Anne hob abwehrend die Hände, doch ich sah an ihren aufblitzenden Augen, dass für sie das Thema noch nicht erledigt war.

Wir verließen den schmalen Klippenbereich und gelangten in belebtere Gefilde. Jogger passierten uns in ihren stylishen, eng anliegenden Sportklamotten. Willkommen in Santa Barbara! Hier hielten sich die Leute fit und arbeiteten akribisch an ihrer Work-Life-Balance. Die meisten der Jogger trugen Kopfhörer, was ich nicht ganz nachvollziehen konnte. Klar war Musik toll, aber das Rauschen des Meeres war für mich viel beruhigender als jeder Beat – wobei Tanzen am Strand durchaus seinen Reiz hatte.

»Jamie hat gesagt, dass sie dringend gute Leute suchen«, setzte Anne erneut an.

»Hör mir auf mit Jamie. Der nötigt mich ständig dazu, in seine Umwelttruppe zu kommen.«

»Aber er hat recht. Das würde total zu dir passen. Seine Leute engagieren sich gegen Erdölförderung im Meer, sammeln Spenden für die Rettung verletzter Meerestiere und lesen zwischendurch auch Müll auf – so wie du.« Anne hatte zu mir aufgeholt, kaum dass wir auf den befestigten Asphaltstreifen gelangten, der uns zur Straße führen würde.

Ich blieb stehen, rieb mir den Sand von den Füßen und nahm den Rucksack ab, um daraus meine Turnschuhe hervorzuziehen. Anne schüttelte derweil gefühlt eine halbe Tonne Sand aus ihren heraus.

»Ich kenne Jamie und schließe mich seinen Aktionen zwischendurch immer mal wieder an. Ständiges Mitglied will ich trotzdem nicht werden.«

Jetzt war es Anne, die die Augen verdrehte. »Aber warum denn nicht? So viel Zeit musst du nicht investieren. Ist doch alles freiwillig. Und du kämst mal unter Leute. Immer nur Büffeln ist scheiße.«

Ich musste leise lachen. Wenn Anne anfing zu fluchen, war es ernst. Zeit für mich, die Karten auf den Tisch zu legen. »Jamie sucht nicht einfach nur neue Leute. Er sucht vor allem eine Schriftführerin, eventuell eine Stellvertreterin. Er hat mir klargemacht, dass er mich perfekt dafür geeignet hält.«

»Ist doch toll und voll das schöne Kompliment!«

»Nee. Ist es nicht. Ich habe keine Lust darauf, mit Leuten das Pro und Kontra verschiedenster Aktionen zu diskutieren. Das bin ich nicht. Und ich will mich da auch nicht reindrängen lassen. Ich arbeite lieber für mich.«

Anne seufzte. »Sag doch einfach Nein zur Schriftführersache, und alles ist geritzt.«

Ich warf ihr einen skeptischen Blick zu. Wir wussten beide nur zu genau, dass ich im Nein-Sagen unfassbar schlecht war.

»Na gut. Ich akzeptiere deine Einwände. Vorerst.« Sie schüttelte sich. »Ich sollte noch duschen, bevor wir gleich zur Vorlesung müssen. Überall klebt Sand an mir.«

»Du kannst gerne bei mir duschen. Ist doch näher dran.«

»Neee, lass mal. Ich dusche lieber daheim. Treffen wir uns gleich vorm Hörsaal?«

Ich nickte und winkte ihr zu, während Anne bereits loseilte. Als Großstadtpflanze hatte sie sich noch immer nicht daran gewöhnt, dreckig zu werden und das Gefühl auszuhalten. Aber wer war ich, das zu kritisieren? Es musste sie viel Überwindung gekostet haben, überhaupt erst den langen Strandspaziergang mit mir auf sich zu nehmen. Das war ein Zeichen wahrer Freundschaft.

Nachdenklich warf ich meine Mülltüte in die dafür vorgesehene Tonne und drehte mich noch einmal zum weiten Meer um. Möwen kreischten über mir, und ein einsamer Schwimmer wagte sich ins Wasser hinein. Der hatte auch keine Angst.

Nein. Garantiert würde ich wegen dieses Vorfalls mit dem Jogger nicht meine Morgenroutine ändern. Ich hatte schon so viel aufgeben müssen. Dieser Start in den Tag gab mir die nötige Kraft, um mein Lernpensum durchzuhalten. Gleichzeitig hatte ich durch das tägliche Müllsammeln das Gefühl, etwas Gutes zu tun. Auch kleine Dinge konnten viel bewegen. Womöglich hätte eine Seerobbe die Plastiktüte für Nahrung gehalten und verschluckt. Dieses Tier hatte ich gerettet.

Entschlossen schulterte ich meinen Rucksack und lief zurück nach Hause. Ließ den Strand und den Geruch nach Salzwasser hinter mir.

Die letzten paar Meter rannte ich, eine liebgewonnene Angewohnheit von mir. Es brachte meinen Kreislauf in Schwung und sorgte dafür, dass ich hellwach war, wenn ich in meine Wohnung kam.

In eine Wohnung, die sich in letzter Zeit eher düster und trüb anfühlte.

Ich schloss die Eingangstür auf und huschte hinein. An meinem Briefkasten stockte ich kurz. Nanu. Da war ja ein Brief drin. Hatte ich den gestern übersehen? Mit gerunzelter Stirn zog ich ihn heraus. Der Umschlag war größer als der eines Standardbriefes und bestand aus dickem, edlem Papier.

Nein, nein, nein.

Mein Magen zog sich ruckartig zusammen, als ich den Absender erkannte. Natalie Neylan und Dan Stanton. In Verbindung mit der weiß abgesetzten Taube und den zwei eingestanzten Ringen war klar, was ich da in den Händen hielt: eine Hochzeitseinladung. Von meiner Schwester. Zu einer Feier mit der gesamten Familie.

Ich schauderte und schob den Brief zurück in den Briefkasten. Damit würde ich mich später auseinandersetzen. Dafür war ich noch nicht bereit.

Die Treppen hoch zu meiner Wohnung nahm ich diesmal mit doppelter Geschwindigkeit. Sport beruhigte mich und ließ allzu negative Gedanken verschwinden. Deshalb nutzte ich auch nie den Fahrstuhl.

Kaum war ich im dritten Stock angekommen, hielt ich kurz die Luft an. Seit Hannas abruptem Auszug beschlich mich hier oben stets ein ungutes Gefühl. Sie war von einem Tag auf den anderen gegangen. Als ich von meinem Morgenrundgang zurückgekommen war, hatte ein Karton im Flur gestanden. Hanna hatte ziemlich üble Sachen zu mir gesagt und sich beschwert, dass ich zu wenig mit ihr unternehmen würde. Dass ich zu eigenbrötlerisch geworden sei. Zu uncool. Selbst über meine Kleidung hatte sie abfällig gesprochen und sich über mein Müllaufsammeln lustig gemacht.

Das hatte wehgetan. Eigentlich sollte ich froh sein, sie los zu sein, nur war das eben nicht so. Die Wohnung erschien mir seither trüb und leer.

Seufzend steckte ich den Schlüssel ins Schloss und betrat nur wenig später mein Heim. Der Flur war winzig, sodass es hier nur eine kleine Kommode und drei Garderobenhaken gab. Darunter stellte ich meine Schuhe ab.

»Bin zurück«, sagte ich zu niemand Bestimmtem. Das hatten wir früher immer in meinem Elternhaus so gehandhabt. Es war eine alte Angewohnheit, die ich nie hatte ablegen können. Doch im Gegensatz zu damals antwortete mir leider lediglich Stille.

Mit einem Kloß im Hals zog ich meine Sneaker aus und vermied dabei den Blick ins leere Zimmer direkt neben mir. Seit Hannas Auszug suchte ich eine neue Mitbewohnerin. Ich hatte Amy das Zimmer angeboten, doch die lag nach wie vor im Krankenhaus und wartete auf ihre Entlassung. Es wäre schön, sie hier bei mir zu haben. Sehr schön.

Zwar begrüßte Nathan, ihr Partner und mittlerweile einer meiner besten Freunde, die Idee, blieb aber trotzdem eher skeptisch. Ob Amy jemals für länger hier einziehen konnte, stand in den Sternen.

Ich zückte mein Handy und schrieb Nathan kurzerhand eine Nachricht.

Tess: Wie sieht’s aus? Wird Amy heute entlassen?

Ich hatte mir abgewöhnt, diese Frage direkt an sie zu richten. Es machte sie nur traurig, denn meist hieß die Antwort »nein«.

Nathan antwortete für diese Uhrzeit erstaunlich zügig.

Nathan: Ich glaube, es sieht gut aus. Die Ärzte gestern waren so anders als sonst. Ich fahre gleich zu ihr, falls sie tatsächlich entlassen werden sollte. Dann melde ich mich bei dir. Bleibt es dabei, dass Amy erst mal zu dir kann?

Tess: Ja, klar! Ich freu mich auf euch!

Sofort ging es mir besser. Wenn Amy hier einziehen könnte, wäre das ein echter Traum. Bei ihr hatte ich nicht den Eindruck, dass sie sich an meinen Sprüche-Shirts störte oder ich sie wegen meiner Umweltaktivitäten nervte. Im Gegenteil. Sie lachte meist über meine Shirts und war interessiert an dem, was ich tat.

Ich kochte Kaffee, füllte ihn in einen Thermosbecher und wechselte rasch meine Klamotten. Heute wählte ich ein recht unauffälliges Shirt aus, das lediglich eine Uhr anzeigte. Kurz vor zwölf. Ein Zeichen dafür, dass wir nicht mehr viel Zeit hatten, um unseren Planeten zu retten. Es passte perfekt zu meinem Tattoo auf dem Rücken, welches genau diese Uhr abbildete, nur dass der Zeiger dabei weinte.

Apropos Zeit. Wenn ich nicht zu spät zur ersten Vorlesung kommen wollte, musste ich mich beeilen. Ich schnappte mir noch schnell einen Apfel und verließ das Haus. Meine Tasche hatte ich zum Glück bereits gepackt, sodass ich wenig später etwas außer Atem bei Anne im Vorlesungssaal ankam. Im Gegensatz zu mir hatte sie eindeutig geduscht und roch nach frischem Shampoo.

Der Rest des Morgens zog sich wie Kaugummi. Stochastik war gar nicht mein Fach. Ich quälte mich durch jede Minute, während Anne und Lynn interessiert mitschrieben.

Mann, wie gerne hätte ich mich genauso begeistert wie sie.

Ich war unfassbar froh, als es endlich Mittagszeit war. In der Mensa schob Lynn mir grinsend einen Flyer von Jamies Umweltgruppe zu, wodurch ich lediglich die Augen verdrehte. Plötzlich piepte mein Handy.

Nathan: Bin jetzt im Krankenhaus angekommen und versuche, einen Arzt abzupassen. Nur zur Info.

Ich lächelte erleichtert, was von Anne natürlich nicht unbemerkt blieb. »Was ist los? Hat dein letztes Date dich noch mal angeschrieben?«

Mein letztes Date? Bestimmt nicht. Das war Wochen her, und ich erinnerte mich nur noch vage an den Kerl. Mir war bis heute schleierhaft, warum ich mich überhaupt mit ihm verabredet hatte. Wir hatten uns am Strand kennengelernt und waren miteinander ins Gespräch gekommen. Der Abend war dann aber ein echtes Fiasko gewesen. Er war einfach nicht darüber hinweggekommen, dass ich kein Fleisch aß, und hatte es sich zur Aufgabe gemacht, mich bekehren zu wollen.

Nie im Leben würde ich mich noch mal mit diesem Typen treffen.

»Das war Nathan«, antwortete ich Anne. »Amy kommt wahrscheinlich heute aus dem Krankenhaus raus.«

Sofort hatte ich die ungeteilte Aufmerksamkeit meiner Freundinnen. Alles, was mit der spektakulären Rettungsaktion zusammenhing, interessierte sie ungemein. Kein Wunder. Amys Geschichte hatte wochenlang die Schlagzeilen dominiert. Und da ich Nathan an dem schicksalhaften Abend zu Amys Haus gefahren hatte, wo ihre Mutter sie gerade mit einem Giftcocktail hatte vergiften wollen, war ich irgendwie auch ein Teil der ganzen Story geworden.

»Zieht sie echt bei dir ein?«, fragte Lynn ungläubig.

»So ist der Plan. Mal sehen, was daraus wird.« Ich zwang mich dazu, mich zu entspannen. Aber das war gar nicht so einfach, denn die letzten Wochen waren echt heftig gewesen.

Erst war ich mit Nathan, seinem Bruder Jack und der vermeintlich sterbenden Amy in einer einsamen Strandhütte gelandet, danach hatte ich eine Prüfung nach der nächsten vergeigt, und schließlich hatten wir Amy in letzter Sekunde vor ihrer Mutter retten können. Eigentlich stand die Verhandlung gegen Mrs. Darren kurz bevor, aber das Gericht und die Anwälte verschoben die Termine immer wieder wegen verschiedenster Beweisführungen.

»Ich geh gleich noch etwas lernen«, unterbrach Anne meine trüben Gedanken. »Kommst du mit?«

Ich nickte begeistert, und wir brachten unsere Tabletts zurück, verabschiedeten uns von den anderen und verließen die völlig überfüllte Mensa, um uns ein schattiges Plätzchen unter einem Baum zu suchen. Der Campus der University of Santa Barbara war sehr grün und grenzte direkt an die Steilklippen. Viele Studierende gingen zum Lernen an den Strand, doch das Meer lenkte mich zu sehr ab. Daher zog es mich eher in die schön bepflanzten Parks der Universität. Dass dafür Unsummen für die Bewässerung ausgegeben wurden, gefiel mir zwar nicht, doch ich wusste eine hübsch angelegte Grünanlage durchaus zu schätzen.

»Scheiße«, fluchte Anne, kaum dass sie ihre Sachen ausgebreitet und einen Blick auf ihr Handy geworfen hatte.

»Was?«

»Lilly hat sich ausgesperrt. Diese Frau ist echt die größte Chaotin der Welt. Sorry, Tess. Ich muss kurz nach Hause, um meine Mitbewohnerin reinzulassen.« Sie sprang bereits auf die Beine und sammelte ihre Bücher wieder ein.

Ich sah ihr bedauernd nach und seufzte in Gedanken auf. Schade. Mit Anne wäre es mir vielleicht leichter gefallen, die vergangene Vorlesung verstehen zu können. Allein war mir das unmöglich. Vor allem, weil meine Gedanken ständig zu Amy wanderten.

Zum bestimmt tausendsten Mal nahm ich mein Handy zur Hand und kontrollierte meine Nachrichten. Nichts. Vielleicht verzögerte sich die Entlassung aus dem Krankenhaus?

Genervt klappte ich mein Buch zu und streckte mich ausgiebig. Keine hundert Meter vor mir machte eine Gruppe Studierender Yoga unter freiem Himmel. Einige von ihnen sahen dabei äußerst professionell aus, und ihre ausgeführten Übungen hatten etwas sehr Ästhetisches. Andere schienen neu im Kurs zu sein.

Ich bemitleidete im Stillen eine junge Frau, die den Vorgaben der Trainerin mit deutlicher Verzögerung folgte und dabei eher unglücklich dreinblickte. Das hätte ich vor gut zwei Jahren sein können. Meine ersten Yoga-Versuche waren kläglich am ruhigen Atmen auf Kommando gescheitert. Mittlerweile konnte ich das problemlos, allerdings tat ich mich mit den Übungen in der Gruppe noch immer schwer.

Die Lehrerin machte ihre Sache jedenfalls wirklich gut. Es war schön zu sehen, wie ihr Körper sanft von einer Position in die nächste glitt. Ihre ruhige Art färbte auf mich ab. Auch ich atmete tief durch und bemühte mich, meine sich im Kreis drehenden Gedanken zu beruhigen.

Bloß weil Nathan bisher nicht zurückgerufen hatte, war das kein Grund, gleich durchzudrehen. Vielleicht wollten die beiden erst mal ihre Zweisamkeit genießen. Nur allzu verständlich. Und trotzdem. Der dicke Sorgen-Klumpen in meinem Magen wurde größer und schwerer. Ein Stimmchen warnte mich, dass etwas nicht stimmte. Immer und immer wieder.

Jetzt krieg dich ein, ermahnte ich mich schließlich genervt. Er wird sich schon …

Ich erschrak, als mein Handy klingelte.

Peinlicherweise riss ich es an mich, als würde mein Leben davon abhängen. Tatsächlich. Es war Nathan. Schon beim zweiten Klingeln nahm ich ab.

»Nathan, alles klar bei euch?«, fragte ich atemlos, obwohl ich mich um eine ruhige Stimme bemüht hatte. Auf keinen Fall sollten die beiden denken, ich würde mich in ihre Leben einmischen und sie kontrollieren wollen. Aber verdammt. Es war so viel passiert, da lagen meine Nerven blank.

»Ich brauche dein Auto«, kam die Antwort.

»Oh«, brachte ich verdutzt hervor. »Ist was mit Amy?«

»Sie wurde heute entlassen, aber das ist es nicht. Tess, ich brauche echt dein Auto. Dringend.« Nathan klang so gehetzt, dass ich kaum etwas verstand. War das Amy, die da sprach? Auch sie klang atemlos und besorgt, woraufhin ich ebenfalls in Panik geriet. Ich sprang auf.

»Klar, kannst du mein Auto haben, aber …«

»Wir sind in zehn Minuten am Tor vom Campus«, unterbrach Nathan mich – und legte auf.

Wow. Ich … Wow. Sprachlos starrte ich mein stummes Handy an, dann schnappte ich mir mein Buch und rannte zurück zu meiner kleinen Wohnung am Rand des Campus.

Vor Nervosität ließ ich meinen Schlüssel zweimal fallen, bevor ich ihn endlich ins Haustürschloss gefummelt bekam. Dabei fiel mir das Buch aus den Händen. Ich ließ es einfach vor der Tür liegen, hechtete die Treppe hoch in den dritten Stock und schnappte mir die Autoschlüssel von der kleinen Anrichte im Flur. Bevor meine Wohnungstür hinter mir ins Schloss gefallen war, hetzte ich schon wieder aus dem Gebäude raus und schnappte mir auf dem Weg das Buch. Wo hatte ich doch gleich geparkt? Ah, ja. Da.

Mein Monstertruck nahm wie immer beinahe zwei Parkplätze ein. Dunkelblau verchromt, glänzende Felgen. Besonders die Feuerstreifen an den Seiten ließen jeden Fußgänger innehalten und nach mir schauen. Ich liebte und hasste das Teil gleichermaßen. Es war viel zu protzig. Wenigstens war es elektrisch betrieben.

Als Nathan den Truck das letzte Mal hatte haben wollen, war daraus ein kleiner Roadtrip geworden. Er hatte Amy aus dem Krankenhaus entführt und den Wagen gebraucht, um sie zu einer einsamen Hütte am Strand zu bringen. Auf keinen Fall hatte ich ihn allein fahren lassen wollen und war zusammen mit seinem Bruder mitgefahren. Als ich an Jack dachte, verzog ich das Gesicht. Der Neandertaler war mir so was von auf die Nerven gegangen.

Der Gedanke an ihn verflog, als ich ein Motorrad um die Ecke fahren sah. Allein schon an der Art, wie Nathan fuhr, wusste ich, dass jemand hinten draufsitzen musste. So vorsichtig lenkte er sonst nie, auch wenn er gerade dennoch zügig unterwegs war. Dann entdeckte ich Amys schmale Gestalt, die die Arme um die Taille ihres Freundes geschlungen hatte.

Ich winkte, um auf mich aufmerksam zu machen. Gleichzeitig schoss mein Puls in die Höhe. Etwas Schlimmes musste vorgefallen sein, denn sonst wäre Nathan nicht mit Amy als Beifahrerin in dem Tempo gefahren.

Die Ducati schwenkte in meine Richtung und hielt direkt neben meinem Monstertruck. Das Röhren des Motors verklang, und Nathan riss sich den Helm vom Kopf, während Amy noch Schwierigkeiten damit hatte. Ich half ihr und schaute anschließend in riesige, sorgenerfüllte Augen, deren Anblick mir die Kehle zuschnürte.

»Was ist los?«, fragte ich Amy, denn ein Blick in Nathans Gesicht verriet, dass ich von ihm bestimmt keine Antwort erhalten würde.

Es war so bleich, beinahe grau. Die Lippen wirkten seltsam blutleer, die Zähne biss er fest zusammen. Ich war keine Medizinerin und hatte im Erste-Hilfe-Kurs auch nur mäßig aufgepasst, aber sah so jemand aus, der einen Schock hatte?

»Hilf mir mal runter«, riss Amy mich aus meinen Gedanken. Wie immer war sie pragmatisch und nahm ein Problem nach dem nächsten in Angriff. Ich reagierte sofort, packte ihre Hand und stützte ihren Unterarm, damit sie von der Ducati rutschen und Nathan ebenfalls absteigen konnte.

Dabei kam ich nicht umhin zu bemerken, wie dürr Amy noch immer aussah. Kein Wunder. Sie war dem Tod zwar gerade so entkommen, doch Chemo und Gift hatten ihre Spuren hinterlassen. Selbst jetzt, Wochen später, wirkte sie noch ausgemergelt und krank.

»Die Schlüssel«, sagte Nathan an mich gewandt. Seine Stimme klang rau und angespannt. Als er meinen Blick bemerkte, atmete er tief ein und aus. »Bitte«, setzte er sanft hinzu.

Mir ging es bestimmt nicht um Höflichkeitsfloskeln. Wenn mein Kumpel so aussah wie jetzt, wusste ich, dass ich ihm helfen musste. Das stand außer Frage. Aber keinerlei Informationen zu erhalten, gefiel mir ganz und gar nicht. Das laut auszusprechen, lag mir allerdings auch nicht. Zum Glück war Nathan schneller. »Amy erklärt es dir gleich. Ich … Ich kann es nicht mal aussprechen. Die Schlüssel, Tess?« Er hielt mir seine geöffnete Hand hin.

Tatsächlich hätte ich sie ihm beinahe ausgehändigt, doch dann bemerkte ich das Zittern seines Arms und die Angst in seinen Augen. Das erinnerte mich an eine ähnliche Situation, die ein ganz bestimmter Jemand auf seine eigene Art geregelt hatte. Mit einem geknurrten »Ich fahre« hatte Jack damals vor dem Krankenhaus für uns alle entschieden, Nathan nicht allein zu lassen.

Blitzschnell zog ich nun deshalb den Schlüssel aus Nathans Reichweite, ging um ihn herum, öffnete die Fahrertür und setzte mich in den Truck. »Ich fahre«, wiederholte ich Jacks Worte, nur ohne dabei zu knurren. »Wo soll’s hingehen?«

»Tess«, hob Nathan zum Protest an, doch ich schüttelte so vehement den Kopf, dass er verstummte.

»Entweder du lässt mich dich bringen, oder du musst deine Ducati nehmen. Also? Wohin?«

Amy war zu meiner Überraschung ebenfalls ins Auto geklettert und schnallte sich auf dem Rücksitz an. Einzig Nathan stand noch immer wie vom Donner gerührt neben seinem Motorrad. Leichenblass. Verloren.

»Nathan!«, rief Amy. »Jetzt komm.« Sie zog die Tür zu und wandte sich über die Mittelkonsole gebeugt zu mir. »Auf Jacks Ölplattform hat es einen Unfall gegeben. Explosionen. Es gab mehrere Verletzte und Tote. Jacks Firma hat Nathan gerade angerufen. Sie fliegen Jack aufs Festland in eine Klinik in L. A.« Sie zögerte. »Es sieht nicht gut aus. Daher sollen wir so schnell wie möglich dorthin kommen. Eigentlich wollte Nathan mich nur bei dir abliefern und dann mit dem Bike weiter, aber er muss noch Kane in L. A. einsammeln und Gepäck mitnehmen. Dafür brauchen sie dein Auto.«

Entsetzt drehte ich mich in meinem Sitz zu Amy um. »Jack ist verletzt?«

»Sehr schwer verletzt«, flüsterte sie. »Der Typ am Telefon klang total merkwürdig. So eindringlich und gleichzeitig hoffnungslos. Ich …« Sie unterbrach sich, denn Nathan hatte sich endlich aus seiner Starre gelöst und stieg zu uns. Dass er die Rückbank wählte, fand ich in Anbetracht der Umstände sogar verständlich. Er griff umgehend nach Amys Hand und hielt sich an ihr fest.

Okay, Tess. Dann schalte mal in den Krisenmodus.

Ich startete den Motor und schnallte mich während des Losfahrens an. Mein Handy programmierte ich ausnahmsweise beim Fahren. Normalerweise nutzte ich es nicht am Steuer. Heute hatte ich allerdings keine Zeit für Prinzipien, vor allem, weil das Navi soeben die Zeit berechnet hatte: zwei Stunden bis zum groben Ziel.

Wo Nathans Bruder wohnte, wusste ich nicht, daher hatte ich einfach mal das Zentrum von L. A. angegeben. Bis wir das erreicht hatten, würde Nathan hoffentlich in der Lage sein, mit mir zu sprechen.

Wir fuhren weitestgehend schweigend. Ich warf immer wieder einen besorgten Blick in den Rückspiegel auf Amy, die mit geschlossenen Augen vor sich hin döste und schrecklich verloren wirkte. Solch eine Tour in ihrem Zustand war gewiss keine gute Idee. Sie gehörte auf eine Couch und nicht auf einen Trip nach L. A.

Nathans und meine Blicke trafen sich, sobald ich in seine Richtung sah, und wir verständigten uns stumm. Auch er machte sich Sorgen um seine Freundin.

Er hatte zwischendurch kurz mit Kane telefoniert und gemeinsam mit ihm eine Liste von Dingen erstellt, die sie brauchen würden: Versicherungsunterlagen von Jack, Babysitter für die Mädchen, Wechselklamotten für alle. Kane hatte herausfinden können, wo sich die Familien der verunglückten Plattform-Mitarbeiter versammeln sollten, um dort weitere Informationen zu erhalten. Zunächst mussten wir aber in die Klinik kommen, zu der Jack geflogen werden sollte.

Bei dem Gedanken klammerte ich mich fester ans Lenkrad. Mist, Mist, Mist. Mittlerweile war ich mir sicher, dass Jack längst tot war und uns die Firma das vor Ort und nicht am Telefon mitteilen wollte. Zumindest war es damals bei … bei …

Nicht dran denken, stoppte ich mich. Sonst drehst du durch. Bleib cool. Bleib gelassen.

Ich spulte mein volles Portfolio an Atemübungen ab, um mein inneres Gleichgewicht wiederherzustellen. Jetzt zahlten sich Jahre der Therapie aus. Die 4711-Methode war wie immer mein Mittel der Wahl: Bis vier zählen beim Einatmen, bis sieben beim Ausatmen, und das Ganze elf Mal wiederholen. Das brachte mich immer höchst effektiv runter und sorgte dafür, dass ich nicht in eine Panikattacke rutschte. Denn diese waren für mich nicht unüblich, sobald es um menschliche Katastrophen und Tod ging.

Der Tod. Gott, hoffentlich lebte Jack noch. Er und ich hatten uns von Anfang an ineinander festgebissen wie zwei Pittbulls, aber dass er jetzt tot sein könnte, war undenkbar für mich. Erst vor ein paar Wochen hatten wir uns in einer abgelegenen Strandhütte darüber gestritten, ob die Spaghetti mit oder ohne Fleischbällchen zubereitet werden sollten, über Neandertaler und Prinzessinnen, Öl und grüne Energie debattiert. Da wollte es nicht in meinen Kopf gehen, dass er bei einem Unfall ums Leben gekommen sein könnte.

Dafür war er noch viel zu jung. Aber leider starben nicht nur die Alten. Das hatte ich bereits auf die harte Tour lernen müssen.

Jack

Das ständige Flappflapp der Hubschrauberrotoren dröhnte in meinem Schädel. Es übertönte sogar das verdammte Piepen in meinen Ohren, das seit der Explosion mein Begleiter war. Wenigstens hörte ich dadurch nicht mehr so sehr meinen röchelnden Atem, mit dem ich mir schon selbst auf den Geist gegangen war. Ich war Sanitäter und wusste genau, was dieses Rasseln und Blubbern in meinen Lungen bedeutete.

Einen scheiß Tod.

Dass ich seit einer gefühlten Ewigkeit zumindest gedanklich am Fluchen war, hielt mich am Leben. Es lenkte mich von den bestialischen Schmerzen in meinem Bein ab, ließ meine Atemprobleme zur Nebensächlichkeit werden und verhinderte mein Durchdrehen. Fluchen ging immer. Solange das möglich war, lebte ich immerhin noch.

Fuck. Tat das weh.

Der Sani im Helikopter hatte sich nicht getraut, mich weiter zuzudröhnen. Verständlich. Zu viel von dem Zeug konnte mich genauso umbringen wie die Verletzungen, die ich erlitten hatte. Meine Rettung hatte Stunden gedauert. Stunden, in denen ich in diesem Gang in meinem eigenen Blut gelegen und mich gefragt hatte, an was ich zuerst krepieren würde: an den Verbrennungen oder am Blutverlust, verursacht durch eine Eisenstange, die mich durchbohrt hatte.

Es war meinem Kampfgeist geschuldet, dass ich mich nicht der Ohnmacht und damit der mir zuwinkenden Dunkelheit ergeben hatte. Hätte ich das getan, wäre ich vermutlich längst tot gewesen. Die Rettungskräfte hätten mich niemals zwischen den Trümmerstücken gefunden, wenn ich nicht um mein Leben gegrunzt hätte. Ernsthaft. Zu mehr war ich nicht mehr fähig gewesen. Grunzen. Und genau diese Laute hatten meine heldenhaften Retter zu mir geführt.

Ich verdrängte die Erinnerungen und konzentrierte mich wieder aufs Hier und Jetzt.

Gerade lag ich auf einer Liege, bis zur Bewegungsunfähigkeit festgezurrt, und kniff bei jeder Höhenänderung die Augen noch fester zu als ohnehin. Scheiße. Normalerweise liebte ich einen wilden Ritt im Helikopter. Wenn wir Landurlaub hatten, wurden meine Kollegen und ich normalerweise von der Bohrinsel aufs Festland und zurück geflogen. Mein Highlight in diesem Job. Heute jedoch war mir klar, dass es um Leben und Tod ging. Um mein Leben, genauer gesagt.

Atme, Jack, feuerte ich mich an. Deine Brüder zählen auf dich. Du musst Geld verdienen. Du musst …

Mit dem Bein würde ich vermutlich nie wieder auf einer Ölplattform arbeiten können. Ich hatte es nicht so genau erkennen können, aber das fiese Metallstück im Oberschenkel stimmte mich eher semioptimistisch. Noch immer hatten die Sanis es nicht gewagt, das Teil rauszuholen, denn dann würde ich ohne Transfusion wahrscheinlich innerhalb von fünf Minuten verbluten.

Vielleicht wäre das sogar besser. Beim Gedanken an die deftige Krankenhausrechnung wurde mir übel. Wir waren am Arsch. Aber so richtig. Ich sollte besser hier und jetzt sterben, um meine Brüder vor dem finanziellen Ruin zu bewahren. Wobei …

Eventuell übernahmen die Säcke von Primaoil, dem Betreiber der Ölplattform, meine Arztrechnungen. Inklusive einer deftigen Schadensersatzklage. Wegen Körperverletzung. Grober Fahrlässigkeit. Arschloch-Dasein.

Der Gedanke daran ließ mich tatsächlich wieder munterer werden. Womöglich war Überleben doch besser als Sterben. Vielleicht …

»Bleiben Sie ruhig«, sagte der Rettungssanitäter, der das Pulsmessgerät überprüfte. Er konnte nicht wissen, dass mein Herz nicht vor Schmerzen, sondern vor Aufregung so schnell schlug. Weil ich Licht am Ende des Tunnels sah. Auch wenn es ein eher seltsames Licht war. Andere machten sich Sorgen ums Überleben. Ich machte mir Sorgen ums Geld, während ich starb. Wie kaputt konnte man sein?

Das weiße Blech der Helikopterdecke vibrierte. Ein Tropf schwankte ab und zu in mein Sichtfeld. Ansonsten war meine Sicht eher eingeschränkt, die Ränder seltsam unscharf. Ausgefranst und dunkel. Nicht gut.

Der Rettungssani beugte sich über mich und legte mir die warme Hand auf die völlig verkrampfte Schulter. Das war das Wirkungsvollste überhaupt: Nähe herstellen, um den Patienten zu beruhigen. Brachte bei mir normalerweise nichts, weil ich ungern angetatscht wurde. Das galt bei klarem Verstand genauso wie halb tot. Zugegebenermaßen half die Geste trotzdem.

»Ihre Familie ist informiert. Sie ist bestimmt schon unterwegs. Halten Sie durch«, überbrüllte der Sani den Lärm und das Fiepen in meinen Ohren.

Derartige Sätze waren Standardreportoire, um hysterische Sterbende zu beruhigen.

Fuck.

Wenn ich das hier überlebte, würde Kane mich umbringen. Wie oft hatte er mir gesagt, dass das mit der Bohrinsel Schwachsinn wäre? Wie oft hatte er mir damit in den Ohren gelegen, mir was anderes zu suchen?

Ich hörte sein »Ich hab’s dir ja gesagt« bereits jetzt. Doppelfuck. Vielleicht war Sterben wirklich angenehmer als das, was auf mich zukam. Und trotzdem war Aufgeben keine Option.

Das Glück meiner Schwestern lag in meinen Händen. Der Familienplan baute momentan auf mir auf. Ich holte am Anfang das Geld ran, damit Nathan in Ruhe studieren konnte. Später sollte mein kleiner Bruder dann die Rechnungen übernehmen. Meine Brüder zählten also auf mich.

Also kämpfte ich. Wie ich noch nie in meinem Leben gekämpft hatte.

KAPITEL 2

Tess

Das Haus von Nathans Familie duckte sich zwischen superschicken Luxusvillen und ausufernden Parkanlagen. Es war auch das einzige, das nicht durch meterhohe Mauern vor neugierigen Blicken abgeschirmt wurde. Stattdessen war das Grundstück von einem leicht altersschwachen Holzzaun umrandet. Im Sandkasten dahinter lagen umgekippte Bagger, verlassene Schaufeln und jede Menge Eimer. Zwei Laufräder lehnten an einer schmalen Veranda, und auf dem von der kalifornischen Sonne verbrannten Rasen warteten Puppen und Hüpftierchen auf Kinder, die mit ihnen spielen wollten. Dies war eindeutig ein Ort, an dem Kinder wild toben durften.

Nathan deutete von der Rückbank aus auf eine kleine Parklücke direkt vorm Haus. Kaum hatte ich eingeparkt und den Motor ausgestellt, ging bereits die Haustür auf, und ein großer Mann trat mit einem kleinen Kind auf dem Arm hinaus. Direkt hinter ihm schossen zwei weitere Mädchen Richtung Gartentor heraus.

Nathan war noch nicht ganz ausgestiegen, da lagen ihm bereits seine zwei Schwestern im Arm. Peinlicherweise wusste ich ihre Namen nicht mehr. Ich erinnerte mich lediglich, dass alle drei altersmäßig zwei Jahre auseinanderlagen. Zwei, vier, sechs.

Nathan hatte vermutlich die Sechs- und die Vierjährige im Arm, zumindest ihrer Größe nach zu urteilen. Beide hatten dunkelbraune, lange Haare. Die Älteste hatte für ihr Alter ungewöhnlich breite Schultern und einen viel zu ernsten Ausdruck in den braunen Augen. Die Jüngere war eher zart gebaut und wirkte verängstigt.

Eher zögernd kletterte ich aus dem Truck und sah dem Wiedersehen der Geschwister mit einem stärker werdenden Kloß im Hals zu. Es war berührend zu sehen, wie glücklich die Schwestern über die Ankunft ihres Bruders waren. Vor Aufregung schrien sie wild durcheinander, sodass man rein gar nichts verstehen konnte.

Ein schmerzhafter Stich fuhr durch meine Brust. Auch ich hatte mich vermutlich mal so an meinen Bruder geklammert und vor Freude gejauchzt. Doch das war Jahre her und gefühlt in einem anderen Leben geschehen. Trotzdem hätte ich alles dafür getan, um solch einen Moment erneut zu erleben.

Amy stieg ebenfalls aus und lächelte zaghaft den ältesten von Nathans Brüdern an, der gerade aus dem Vorgarten heraus auf den Bürgersteig gekommen war und die Kleinste absetzte, damit auch sie Nathan begrüßen konnte. »Du musst Kane sein«, sagte sie zur Begrüßung. Offenbar waren sich die beiden noch nie begegnet.

Der Angesprochene wirkte fast noch bleicher als Nathan. Die Sorgen um Jack zeichneten sich deutlich in seinem Gesicht ab. Dunkle Schatten lagen ihm unter den Augen. Er hatte die gleichen dunklen Haare, nur trug er sie etwas länger als sein jüngerer Bruder. Den gehetzten Ausdruck in den Augen kannte ich mittlerweile bereits von Nathan. Ein unruhiger Blick, der permanent die Umgebung absuchte.

»Amy, nicht wahr?«, sagte er mit einem freundlichen Lächeln. »Ich bin froh, dich kennenzulernen.« Zu meiner Überraschung nahm er sie kurz und fest in die Arme. Dann wandte er sich mir zu. »Und du bist …?«

»Tess. Ich bin die Chauffeurin und eine Freundin von Nathan und Amy.« Mit dem Daumen deutete ich hinter mich auf den Wagen. »Ich bringe euch damit zum Krankenhaus.«

Das war das Stichwort. Kane wandte sich an Nathan. »Hast du was Neues gehört?«

»Ich hab zumindest eine Adresse, zu der wir fahren sollen.« Nathan hatte mittlerweile seine zwei jüngsten Schwestern auf dem Arm. Die eine war dafür eigentlich bereits zu groß, doch das störte ihn nicht besonders. Sie hatte die Arme um seinen Hals geschlungen und den Kopf an seine Schulter gelehnt. Die Kleinere brabbelte hingegen wild auf ihn ein und deutete hektisch auf ihre Spielsachen am Boden.

Ich reagierte ganz instinktiv, zog das unruhige Kind aus seinen Armen und hoffte gleichzeitig, dass es nicht zu schreien anfing. Die Kleine sah mich zwar verdutzt an, deutete dann aber auf ihre Schaufel im Sandkasten. »Sand«, sagte sie gewichtig.

»Das ist Emma«, sagte Nathan und deutete auf die Zweijährige auf meinem Arm. »Hanna.« Das war das Kind auf seinem Arm. »Naomi.« Die Älteste stand dicht neben ihm und sah ihm so dermaßen ähnlich, dass es verwirrend war. Einzig die langen Haare waren anders. Ansonsten war sogar die Körperhaltung identisch. Aufgerichtet, gerader Rücken, freundliche braune Augen.

»Val kommt gleich rüber, um auf die Mädchen aufzupassen. Ich habe auf die Schnelle niemand anderen gefunden.« Kane wirkte eher unglücklich darüber, Hilfe von dieser Val in Anspruch nehmen zu müssen.

»Val?« Nathan zog eine Augenbraue in die Höhe. »Sprecht ihr denn wieder miteinander?«

»In der Not …« Kane unterbrach sich, denn in dieser Sekunde schwang auf dem Nachbargrundstück völlig lautlos ein Gartentor auf, und eine hochgewachsene Blondine huschte auf den Bürgersteig. Die luftigen Sneaker passten perfekt zu ihrer weißen kurzen Hose und dem stylishen sandfarbenen T-Shirt. Ihr Stil war nicht zu aufdringlich und eher dezent, aber demonstrierte gleichzeitig ihr Modebewusstsein und ein gut gefülltes Bankkonto.

Ich hingegen trug mein verwaschenstes Shirt mit der Aufschrift »Mein Fell steht mir besser als dir« und einer kleinen weißen Robbe darauf, dazu eine abgeschnittene Jeans, da ich kein Geld für kurze Hosen hatte ausgeben wollen, und meine durchgelaufenen Turnschuhe unbekannter Marke. Sie waren bequem, und das reichte mir völlig.

Die perfekt gelockten Haare der jungen Frau wellten sich um ihr dezent geschminktes Gesicht. Sie hatte ein natürliches Lächeln und sah alles in allem einfach umwerfend aus.

»Nathan. Schön, dich mal wiederzusehen.« Sie umarmte ihn fest und zog dann wie selbstverständlich Hanna aus seinen Armen. Die klammerte sich unverzüglich an sie. »Das ist ja schrecklich, was ich gehört habe. Fahrt ihr gleich los?«

»Ja, wir … Danke, Val. Danke fürs Aufpassen.«

»Klar. Wozu hat man denn Nachbarn?« Dabei warf sie Kane einen beinahe wütend funkelnden Blick zu. »Ich bin froh, wenn ich euch helfen darf.«

Alles klar. Zwischen Val und Kane gab es definitiv eine Geschichte. Die Anspannung war beinahe greifbar, vor allem, weil die plötzlich eingetretene Stille zwischen uns allen immer länger andauerte.

Schließlich war es Amy, die die Situation rettete, indem sie sich an Val wandte. »Kann ich bei dir bleiben? Ich bin völlig erschöpft von der Fahrt und muss mich hinlegen.« Sie sah Nathan entschuldigend an. »Es tut mir leid, dass ich dich nicht begleiten kann, aber stell dir vor, ich kippe vor Ort um. Dann musst du dich um zwei Kranke kümmern. Eines Tages kann ich dir bei so etwas beistehen. Eines Tages …«

Nathan unterbrach ihre Ausführungen, indem er sie fest in die Arme nahm und ihr einen Kuss gab. »Schon gut. Ich liebe dich allein dafür, dass du hier bei mir bist«, flüsterte er in ihr Haar. So leise, dass ich es kaum hören konnte. Diese Worte waren nur für Amy bestimmt.

Kane unterbrach eher ruppig den rührenden Moment, indem er geschäftig in die Hände klatschte. »Alles klar, Val. Packst du das mit den drei Mädchen? Kannst du auch ein Auge auf Amy werfen?«

»Kane! Ich brauche keinen Babysitter. Nur ein Bett. Sobald ich mich ausgeruht habe, kann ich Val helfen«, rief Amy empört.

Kane beachtete sie nicht sonderlich. »Wir sollten sofort los. Tess? Gibst du mir die Schlüssel? Nathan und ich sollten los«, sagte er jetzt zu mir.

»Ich fahre«, sagte ich erneut mein Sprüchlein auf.

»Das ist nicht nötig.«

»Und ob. Nathan ist völlig durch den Wind, und du siehst aus, als würdest du gleich durchdrehen. Ich fahre. Was das angeht, lasse ich nicht mit mir diskutieren.«

Kane setzte zum Protest an, gab sich dann aber geschlagen. Vermutlich war er froh, nicht selbst fahren zu müssen. Stattdessen nickte er, gab jedem Mädchen einen kleinen Kuss auf die Wange, umarmte die Älteste noch zusätzlich und schwang sich auf die Rückbank. Dabei sah er uns herausfordernd an. »Kommt ihr? Wir müssen herausfinden, ob Jack noch lebt.«

***

Das Krankenhaus, in das sie Jack gebracht haben sollten, war erst vor Kurzem eingeweiht worden. Es war ein hochmoderner Glaskasten an der Küste. Alles daran schien teuer und exklusiv zu sein. Richtig nervös wurde ich, als ich dem Pförtner vorne am Tor den Grund für unseren Besuch nannte und der daraufhin äußerst seltsam reagierte.

»Fahren Sie direkt hier rechts rein. Die Schattenparkplätze da hinten sind den Familien der Plattformmitarbeiter vorbehalten. Es holt Sie so schnell es geht jemand ab«, sagte er zu mir und nahm ein Telefon in die Hand, um diesen Jemand zu informieren.

Ich gab Gas und murmelte leise »Scheiße«.

Im Parkbereich für die Angehörigen standen bislang nur vier Autos. Zwei ziemlich verbeulte und zwei Luxusschlitten. Ich stellte meinen Feuertruck instinktiv etwas abseits ab, denn ich war einfach nicht gerne mitten im Geschehen, selbst wenn mir das in letzter Zeit nicht besonders gut gelungen war. Mein Truck mit den Feuerstreifen fiel zwischen den schicken Familienkutschen und Sportautos, die ich auf dem restlichen Parkplatz sehen konnte, noch mehr auf als sonst.

Wir kletterten gerade aus dem Wagen, als eine geschäftige ältere Dame mit Klemmbrett und gesetztem grauem Blazer samt Rock zu uns gestöckelt kam.

»Kane Ambrose«, begrüßte der sie, bevor sie irgendetwas sagen konnte. »Wir wollen zu meinem Bruder Jack. Wir hatten miteinander telefoniert.«

»Natürlich.« Die Frau machte einen Haken auf einem Papier und bedeutete uns, ihr zu folgen. Ich ging einfach mit. Was sollte ich am Auto versauern?

Wir betraten eine todschicke und supermoderne verglaste Eingangshalle mit hellem Marmorboden, der das Emblem des Krankenhauses in der Mitte trug und einen kleinen Springbrunnen im Zentrum besaß. Vermutlich sollte das Wasser die hysterischen Besucher beruhigen. Mich hingegen machte es nervös. Noch nervöser.

Ein junger Typ im Arztkittel kam aus einem Gang seitlich von uns angelaufen. Garantiert ein Assistenzarzt. Er sah schrecklich müde und gehetzt aus. Statt eines altmodischen Klemmbretts hatte er ein Tablet in der Hand. Da er sofort auf uns zusteuerte, schien er für uns zuständig zu sein.

»Mr. Ambrose?«, fragte er Kane. Offenbar strahlte der die Autorität des Familienoberhauptes aus.

»Was ist mit meinem Bruder Jack?«, fragte Kane direkt. Keine Begrüßung. Kein Small Talk. Bei Kane riss langsam der Geduldsfaden.

»Ihr Bruder wurde mit dem Helikopter von der Ölplattform zu uns gebracht. Er wird derzeit operiert. Kommen Sie doch bitte mit mir mit. Dann erkläre ich Ihnen alles.« Er zeigte auffordernd mit der Hand auf einen weiteren Gang, der von der Eingangshalle abführte.

Wir folgten ihm und fanden uns schon bald in einem hübschen Konferenzraum wieder. Durch die mannshohe Fensterfront konnte ich bis zum Meer blicken. Ein riesiger Eichenholztisch dominierte das Zimmer. Sogar Kaffee, Snacks und kalte Getränke gab es.

Der Arzt tippte zunächst auf seinem Tablet herum, ehe er sich wieder uns zuwandte. »Jack hat schwere Verbrennungen erlitten, die wir bereits begonnen haben zu versorgen. Sein Arm ist gebrochen, aber zum Glück ein einfacher Bruch. Er …«

»Also lebt er«, ging Nathan dazwischen.

Der Arzt blinzelte überrascht. »Ja. Hat Ihnen das denn niemand gesagt?«

»Hier redet jeder nur um den heißen Brei«, antwortete Kane gereizt und funkelte die Dame in Grau an. Die verzog bei seinen Worten keine Miene.

»Ihr Bruder Jack ist lebensgefährlich verletzt worden. Zum Glück ist er ein Kämpfer. Sonst wäre er längst tot«, sagte der Arzt in ruhigem Ton. »Die Sache ist nur die: Sein Bein hätten wir unter normalen Umständen abnehmen müssen. Im Oberschenkel stecken zu viele Fremdteile, und er hat eine Menge Blut verloren.«

Nathan stöhne leise und verbarg das Gesicht in den Händen, während Kane sich an der Tischkante festklammerte und so weiß wie die Wand wurde. Ich hingegen hielt den Atem an und erinnerte mich an eine ganz andere Situation, die sich vor Jahren abgespielt hatte. Damals hatte der Arzt genau wie dieser hier einen speziellen Ton angeschlagen. Die Wir müssen es den Angehörigen schonend beibringen-Wortwahl.

»Unter normalen Umständen?«, hakte ich nach, weil sonst niemand das tat und der Arzt es offenbar erwartete.

»Obwohl wir ihm davon abgeraten haben, will Ihr Bruder das Bein unbedingt behalten. Er war zwischenzeitlich bei Bewusstsein und in diesem Punkt trotz seines schlechten Zustands recht deutlich. Da er selbst Sanitäter war, scheint er sehr genau zu wissen, was vor sich geht. Wir sind seinem Wunsch zunächst gefolgt, allerdings gehen wir dadurch ein hohes Risiko ein. Es wäre sicherer, das Bein abzunehmen.« Er sah erst Kane, danach Nathan eindringlich an. »Ihr Bruder wird bereits operiert, aber der Chirurg bat mich, mit Ihnen über Jacks Situation zu sprechen. Nehmen wir das Bein ab, oder versuchen wir, es trotz aller Risiken zu behalten?«

»Volles Risiko. Erhalten Sie das Bein«, sagte Kane wie aus der Pistole geschossen.

»Auf keinen Fall eine Amputation«, stimmte Nathan zu. »Das bringt ihn sonst doch noch um.«

Ich sah die Entschlossenheit in ihren Augen und wusste, dass sie nur das Beste für ihren Bruder wollten. Hoffentlich war das auch wirklich der richtige Weg. Denn ein lebender Bruder ohne Bein war immer noch besser als ein toter Bruder mit Bein. Was das anging, hatte ich meine bitteren Erfahrungen bereits gemacht.

Jack

Meine Welt war auf Atmen, Leben, Bangen und Hoffen zusammengeschrumpft. Das Flappflapp des Helis war durch das Piepen mehrerer Überwachungsmonitore an meiner Seite ersetzt worden. Was ich jetzt sehen konnte, war eine weiße Krankenhausdecke. Schwestern und Ärzte wechselten sich ab. Die meisten redeten auf mich ein, doch wegen des beharrlichen Fiepsens in meinen Ohren konnte ich nichts verstehen.

»Mein Bein«, murmelte ich in diesen Momenten, immer in der Hoffnung, verstanden zu werden. »Behalten.«

Das hatte sich mittlerweile in meinem Hirn verankert. Mittlerweile war ich zu der Erkenntnis gelangt, dass mein rechter Oberschenkel vermutlich gar nicht mal die schlimmste meiner vielen Verletzungen darstellte. Wie problematisch waren die Verbrennungen? Und trotzdem drehte sich in meinem Kopf nur alles um die Frage, wie es meinem verdammten Bein ging. Ein riesiges Stahlteil war daraufgefallen. Etwas hatte es zusätzlich durchbohrt, vermutlich ein abgesplittertes Teil. Ich hatte es jedenfalls knacken und brechen hören. Allein bei dieser Erinnerung brach mir der Schweiß aus.

Mein Bein. Ich musste es unbedingt behalten. Ein Jack mit nur einem Bein war undenkbar für mich. Ich war immer der Sportler gewesen. Der Agile. Der Macher. Wie sollte ich diese Rolle mit nur noch einem Bein ausfüllen?

Das Gewusel um mich herum veränderte sich. Andere Ärzte kamen und gingen. Es wurde hektischer. Drängender. Neue Infusionen. Neue Nadeln im Arm. Eine neue Trage. Fuck. Jetzt wurde es ernst. Die OP stand an.

Ich dachte an meine Kollegen. An diejenigen, die es nicht geschafft hatten. Denen das tonnenschwere Teil auf meinem Bein das Leben genommen hatte. Das Feuer. Die Angst. Der Tod.

Allein wenn ich an Pete dachte, drehte sich mir der Magen um. Pete. Ich hatte nicht viele Typen auf der verfluchten Ölplattform gemocht, aber Pete war anders gewesen. Genauso verschroben wie alle, nur freundlicher. Umgänglicher.

Pete. Der es nicht geschafft hatte. Den ich nicht hatte retten können. Kurz bevor das Leben in seinen Augen erloschen war, hatte er mich noch einmal angesehen.

»Für mich war’s das. Viel Glück, Kumpel«, hatte er mit brechender Stimme zu mir gesagt, und ehe ich etwas hatte erwidern können, war er gestorben.

Glück. Ich hatte überlebt, zumindest für den Moment. Aber zu welchem Preis? Wie sollte ich langfristig überleben? Mit nur einem Bein? Mit diesen Erinnerungen? Mit …

»Rettet … Bein« war alles, was ich noch sagen konnte, ehe mich der Anästhesist in die Bewusstlosigkeit schickte.

***

Der Kampf zurück an die Oberfläche meines Bewusstseins war heftig. Ich bemühte mich, gegen diesen Brei aus Erinnerungen und Wahrnehmungen anzukommen, doch mein Hirn oder die Medikamente ließen nicht zu, dass ich richtig wach wurde. Schmerz. Watte. Müdigkeit. Das Piepen in den Ohren.

Dann endlich bekam ich zumindest das rechte Auge einen kleinen Spalt auf. Jemand hielt meine Hand. Eine riesige Hand in einer anderen riesigen Hand. Klarer Fall. Einer meiner Brüder war da.

»Jack?«

Mist. Wieso klangen Nathan und Kanes Stimmen so ähnlich? Unscharf erkannte ich eine große Gestalt. Das hätte jeder von ihnen sein können.

Ich grunzte als Zeichen, dass ich wach war. Oder grunzte ich nur in meinem Kopf? Jedenfalls kam keine Reaktion.

»Fuck, Jack. Das war knapp.« Aha. Nathan. Eindeutig. Kane hatte sich im Namen seines Elternersatzdaseins angewöhnt, weniger zu fluchen. »Die haben dich stundenlang operiert.«

Das hatte ich mir bereits gedacht. Und … mein Bein!

Ich bemühte mich verzweifelt, munterer zu werden und das andere Auge aufzubekommen, aber das weigerte sich. Vermutlich war es zugeschwollen. Viel sehen konnte ich daher nicht. Schon mal gar nicht das andere Ende vom Bett, wo …

Da! Ich meinte mein Bein zu erkennen. Es war dick einbandagiert und hing in einem seltsamen Gestell. Die Hauptsache war jedoch: Es war am Rest von mir dran.

Ich grunzte erneut. Diesmal vor Erleichterung.

Endlich kapierte Nathan, warum ich diese Geräusche von mir gab. »Jaaaa«, sagte er gedehnt. »Dein scheiß Bein. Es ist noch dran, aber eins sag ich dir: Das hast du nicht den Ärzten zu verdanken, sondern Kanes Gefasel über deine geistige Gesundheit, die ohne Bein für den Arsch sein würde. Die Ärzte würden es dir lieber jetzt als später abnehmen. Also musst du schnell wieder gesund werden, damit wir ihnen zeigen können, dass es die richtige Entscheidung war, nicht zu amputieren.«

Fuck. Ich starrte das bandagierte Ungetüm so lange an, bis alles vor meinem Auge verschwamm. Ich heulte. Ernsthaft. Zum Glück sah das niemand, denn mein gesamtes Gesicht war vermutlich eine einzige blaugrüne, geschwollene Masse. Das hatte ich einer halben Plattformdecke zu verdanken, die auf mich draufgekracht war.

Mein Bein war dran, die Hoffnung nicht gestorben – und bei allem, was mich ausmachte: Ich würde dafür sorgen, dass ich es behielt.

Sobald ich mich wieder unter Kontrolle hatte und meine Freude über mein vorhandenes Bein abgeflaut war, kam die Ernüchterung. Ich schluckte, ehe ich die nächsten Worte zu formen versuchte. »Andere?« war alles, was ich hervorbrachte.

Nathans Ausdruck in den Augen wurde augenblicklich gehetzt. Ihm war die Frage sichtlich unangenehm. Dass er sofort verstanden hatte, was ich mit diesem einen Wort zu erfahren verlangte, sagte viel. »Primaoil ist recht spärlich mit Auskünften, aber ich habe zwei Angehörige auf dem Krankenhausflur getroffen. Einer, der Cal heißt, liegt auf dem Intensivzimmer nebenan. Üble Verbrennungen.«

Calvin. Wir hatten uns nie gut verstanden, aber in dieser Höllenglut abzufackeln hatte niemand verdient. Ich erinnerte mich schwach daran, verzweifelt nach ihm gerufen zu haben. Pete und ich hatten gewusst, dass er da irgendwo liegen musste. Ich … Fuck. Ich hatte ihn rausgezogen. Oder?

»Andere?«, wiederholte ich die Frage.

Nathan seufzte leise. »Ich versuche, mehr herauszufinden. Okay? Jetzt schlaf lieber. Wenn die Ärzte sehen, dass wir zu viel reden, schmeißen die mich raus. Du musst dich ausruhen, denn selbst wenn du aufgewacht bist: Über den Berg bist du angeblich noch nicht. Irgendwas mit Schädelhirntrauma. Also mach die Augen zu. Ich bleib und pass auf, dass du nicht doch versehentlich ins Licht wackelst und uns hier allein lässt.«

Ich gehorchte, zu erschöpft, um dagegen zu protestieren.

KAPITEL 3

Tess

Jacks Operation sollte noch hohe Wellen schlagen. Die Ärzte machten Druck auf seine Brüder, das Bein doch noch abzunehmen. Nathan und Kane hielten stur dagegen. Sie glaubten fest daran, dass Jack am Verlust seines Beines zugrunde gehen würde.

Ich bezweifelte das.

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