×

Ihre Vorbestellung zum Buch »Ein ganz besonderer Weihnachtswunsch«

Wir benachrichtigen Sie, sobald »Ein ganz besonderer Weihnachtswunsch« erhältlich ist. Hinterlegen Sie einfach Ihre E-Mail-Adresse. Ihren Kauf können Sie mit Erhalt der E-Mail am Erscheinungstag des Buches abschließen.

Ein ganz besonderer Weihnachtswunsch

Seine Mum hat Joe beigebracht, dass er nur zum Polarstern hinaufsehen und ihm seinen Weihnachtswunsch entgegenschicken muss, dann wird er wahr. Doch jetzt ist sie tot, und Joe vermisst sie. Aber manchmal spürt er sie an seiner Seite, sie hört ihm zu, wenn er mit ihr spricht, da ist er sich ganz sicher - obwohl ihm niemand glaubt. Und dieses Weihnachtsfest möchte er nichts mehr, als dass sie noch einmal eine richtige Familie sind. Ob ihm der Polarstern auch diesen Wunsch erfüllen kann?
"Wunderbar warm voller liebenswerter, lebendiger Charaktere"
Fiona Walker
"Herzerwärmend, witzig und magisch … ich habe sogar ein paar Tränen vergossen!"
Sun
  • Erscheinungstag: 10.10.2016
  • Seitenanzahl: 416
  • ISBN/Artikelnummer: 9783956499241
  • E-Book Format: ePub
  • E-Book sofort lieferbar

Leseprobe

Julia Williams

Ein ganz besonderer Weihnachtswunsch

Roman

Aus dem Englischen von
Sonja Sajlo-Lucich

IMIRA® TASCHENBUCH




MIRA® TASCHENBÜCHER

erscheinen in der HarperCollins Germany GmbH,

Valentinskamp 24, 20354 Hamburg

Geschäftsführer: Thomas Beckmann

Copyright © 2016 by MIRA Taschenbuch

in der HarperCollins Germany GmbH

Titel der englischen Originalausgabe:

Make a Christmas Wish

Copyright © Julia Williams 2015

erschienen bei: Avon an Imprint of HarperCollinsPublishers Ltd.

Konzeption/Reihengestaltung: fredebold&partner gmbh, Köln

Umschlaggestaltung: any.way, Hamburg; Cordula Schmidt / Barbara Hanke

Redaktion: Christiane Branscheid

Titelabbildung: shutterstock

ISBN eBook 978-3-956-49924-1

www.mira-taschenbuch.de


Werden Sie Fan von MIRA Taschenbuch auf Facebook!

ERSTER TEIL

1. KAPITEL

Adam

Plötzlich gehen alle Lichter und Lampen im Haus an und aus, so als würde jemand hektisch sämtliche Schalter auf einmal betätigen. Ein seltsam mulmiges Gefühl macht sich in mir breit, ich gehe zum Sicherungskasten, um nachzusehen, doch keine einzige Sicherung ist herausgesprungen, und auch mit den Schaltern scheint alles in Ordnung zu sein.

„Stromschwankungen.“ Emily lacht. „Wahrscheinlich haben alle Häuser in der Nachbarschaft gleichzeitig die Lichter an ihren Weihnachtsbäumen eingeschaltet.“

Überzeugt bin ich davon nicht.

„Vielleicht haben wir hier im Haus ein Problem mit den Leitungen“, sage ich. „Gleich morgen früh rufe ich den Elektriker an. Das sollte noch vor dem Fest in Ordnung gebracht werden.“

Das Flackern hat sich wieder gelegt, ebenso der pfeifende Wind. Ich beschließe, das mulmige Gefühl zu vergessen, und schiebe es auf eine überaktive Fantasie. Doch als ich später in die Küche gehe, um mit dem Kochen für das Abendessen anzufangen, reißt ein Windstoß die Hintertür auf. Ich gehe hin, um sie zu verschließen, schaue für einen Moment hinaus in die Nacht. Eine kalte, stürmische Nacht, der Wind verfängt sich heulend in den kahlen Bäumen. Unwillkürlich erschauere ich. In einer solchen Nacht jagt man keinen Hund vor die Tür, und doch habe ich das Gefühl, als wäre da draußen im Garten jemand. Jemand, der enorme negative Energie und Zorn ausströmt.

„Ist da jemand?“, rufe ich, erhalte aber keine Antwort. Ich sehe nur eine magere schwarze Katze, die über den Gartenweg huscht.

Das muss der Stress sein, denke ich. Stress und Schuldgefühl bringen mich irgendwann noch um den Verstand. Mit einem letzten Blick in den Garten gehe ich wieder hinein und verschließe die Tür.

Das beklemmende Gefühl jedoch bleibt.

Emily

„Na, Joe, was denkst du? Gefällt es dir?“ Emily lächelte Joe zu, während sie zusammen ihr Werk – nun, zum Großteil Joes Werk – begutachteten. In den letzten Monaten hatten sie und Adam nach und nach immer mehr Zeit miteinander verbracht, auch, damit Joe sich an sie gewöhnte. Dennoch machte sie sich Sorgen, dass es vielleicht zu schnell ging. Joe blieb ihr ein Rätsel, es fiel ihr schwer, sich vorzustellen, was der Junge dachte. Livvy war wohl die einzige Person gewesen, die den Jungen intuitiv verstanden hatte. Welche Fehler sie auch gehabt haben mochte, Joe hatte seiner Mum sehr nahegestanden. Auch heute noch fand Adam kleine Notizzettel überall im Haus, die der Junge für seine Mutter geschrieben hatte.

„Joe braucht seine Routine“, sagte Adam immer wieder zu Emily. „Und er kennt dich schon vom Schwimmen. Das hilft sehr. Außerdem mag er dich.“

Es war eine riesige Erleichterung, dass er das sagte. Zu erkennen war es nämlich nicht.

Schon komisch, aber es war Joe gewesen, der sie vor zwei Jahren mit Adam zusammengebracht hatte. Nachdem Emily ihren Mann Graham an eine junge Frau aus der Marketingabteilung seiner Firma verloren hatte, war sie am Boden zerstört gewesen. Ihre Freundin Lucy hatte ihr dringend geraten, umzuziehen, weil sie einen Tapetenwechsel brauche. Also hatte sie den Norden Londons verlassen und war in den Westen gezogen, um dort von vorn anzufangen. Dazu hatte auch das regelmäßige Montagsschwimmen gehört. Joe war ihr gleich am ersten Tag aufgefallen.

Die Bahnen rauf und runter, rauf und runter, unablässig mit den gleichen Bewegungen, wie getrieben von einem inneren Zwang, war er geschwommen. Emily kannte das. In gewisser Hinsicht schwamm sie genauso zwanghaft wie dieser Junge.

Adam bemerkte sie erst später. Nur vage nahm sie den Mann wahr, der neben ihr schwamm. Ab und zu kreuzten sie einander und schwammen dann mit gemurmelten Entschuldigungen weiter. Aus der Entschuldigung wurde irgendwann ein Lächeln, schließlich eine gelegentliche witzige Bemerkung, wie nass das Wasser doch sei und wie viel wärmer es sei, wenn man wieder trocken und angezogen aus dem kühlen Nass heraus war. Und dann eines Tages begegneten sie sich zufällig in einem nahe gelegenen Café, in dem Adam mit Joe saß. Das war jetzt fast genau zwei Jahre her, gegen Mitte Dezember. Emily war ein wenig durch die Fußgängerzone gebummelt und hatte sich die Schaufenster angesehen. Allein. Es hatte ihr ihren Single-Status mal wieder schmerzhaft bewusst gemacht. Sie war zu Lucys alljährlicher Weihnachtsfeier eingeladen und wusste, dass sie eine von den wenigen Gästen sein würde, die ohne Partner dort erschienen. Obwohl sie froh war, Graham los zu sein, wünschte sie sich doch manchmal, sie würde jemanden kennenlernen, mit dem sie ihre Zeit verbringen konnte.

Gleich beim Eintreten in das Café war Adam ihr aufgefallen. Er sah genauso verloren und bedrückt aus, wie sie sich fühlte. Auch wenn sie Joe nicht gleich erkannte, so registrierte sie doch sofort, wie steif der Junge dasaß und akribisch genau sein Besteck zurechtrückte.

„Hi“, grüßte Adam. Das Lächeln, das auf sein Gesicht zog, vertrieb die düstere Trauer aus seinen Zügen innerhalb eines Wimpernschlags.

„Hi“, grüßte Emily argwöhnisch zurück. Wieso sprach ein komplett Fremder sie in einem Café an?

„Ich bin’s, Adam“, fügte er hinzu. „Aus dem Schwimmbad.“

„Oh.“ Endlich konnte Emily den Mann zuordnen. „Es ist immer wärmer, wenn wir aus dem Wasser heraus sind, nicht wahr?“

„Genau“, bestätigte er mit einem entwaffnenden Lächeln, und ein warmes Prickeln überlief Emily.

Außer ihrer Freundin Lucy kannte sie niemanden hier in dem Stadtteil, es war eine nette Abwechslung, auf ein bekanntes Gesicht zu stoßen. Adam war sehr viel attraktiver, als ihr bisher aufgefallen war – blond mit ersten grauen Strähnen an den Schläfen, leuchtend blauen Augen, die richtig strahlten, wenn er lächelte und sich diese Lachfältchen an seinen Augenwinkeln bildeten. Er trug Jeans, war auch sonst lässig angezogen. Seinen durchtrainierten Körper hatte sie ja bereits im Schwimmbad gesehen, aber den Rest hatte sie irgendwie nie registriert. Schon seltsam, dass einem nicht auffiel, wie gut jemand aussah, wenn er praktisch nackt vor einem stand.

„Angezogen habe ich Sie gar nicht erkannt“, sprudelte es aus Emily heraus, und prompt lief sie rot an. Der Mann musste sie ja für eine Idiotin halten. Aber Adam lachte nur und lud sie ein, sich zu ihnen an den Tisch zu setzen.

„Wer bist du?“ Joe sah misstrauisch zu ihr hin.

„Du kennst die Lady doch schon“, sagte Adam zu seinem Sohn. „Aus dem Schwimmbad. Das ist … Ich kenne Ihren Namen gar nicht“, meinte er an sie gewandt.

„Ich heiße Emily.“

„Adam“, stellte er sich noch einmal vor und lächelte wieder dieses hinreißende Lächeln, sodass Emily ganz warm ums Herz wurde.

„Hallo, Emily aus dem Schwimmbad“, sagte Joe und widmete sich wieder seinem Besteck.

„Ich habe dich gesehen, du bist ein guter Schwimmer“, wagte Emily sich vor.

„Ich schwimme hundert Bahnen“, verkündete Joe voller Stolz.

„Das ist toll. Ich schaffe nur sechzig.“

„Ich schwimme hundert Bahnen“, wiederholte Joe. „Jede Woche.“ Dann zog er sich in sich selbst zurück und faltete minutiös seine Serviette.

„Joe hat das Asperger-Syndrom“, raunte Adam Emily zu.

„Oh.“ Sie wusste nicht so recht, was sie jetzt damit anfangen sollte. Sie kannte niemanden mit Asperger. Aber Joe schien ihr eigentlich sehr süß und lieb zu sein, wenn auch vielleicht ein wenig verschlossen. Also lächelte sie den Jungen herzlich an und hoffte, damit nichts falsch zu machen.

Für eine kleine Ewigkeit saßen sie in dem Café, tranken Kaffee um Kaffee und plauderten angeregt miteinander, als würden sie sich schon jahrelang kennen. Joe warf manchmal eine Bemerkung ein, ansonsten hörte er zu. Es waren schöne zwei Stunden, und Emily spürte die Wärme sich mehr und mehr in ihr ausbreiten, mit jeder Minute, die verging. Da saß sie hier, unterhielt sich mit einem Mann, der wirklich nett und freundlich zu sein schien und zudem auch an ihr interessiert. Und es war beinahe Weihnachten … vielleicht wendete sich ja jetzt alles zum Besseren.

Viel zu früh für Emily zupfte Joe an Adams Ärmel. „Es ist elf Uhr achtundvierzig, Dad“, sagte er. „Wir treffen uns mit Mum um zwölf Uhr dreißig. Lunch ist dann um ein Uhr.“

Oh. Mum. Natürlich, wie dumm von ihr. Adam und Joe immer nur allein zu zweit zu sehen hatte die Hoffnung in Emily aufleben lassen, dass es keine Mum gab.

„Du hast recht“, sagte Adam. „Wir sollten gehen.“ Und das Strahlen in seinen Augen erlosch ein wenig. „Es war wirklich nett, Sie getroffen zu haben, Emily. Wir sehen uns ja bestimmt nächste Woche.“

Die beiden gingen, und Emily fühlte sich mit einem Mal schrecklich verlassen. Sie kehrte ins Land der Singles zurück. Sie hatte eben kein Glück. Da traf sie nach dem Debakel mit Graham endlich einen wirklich netten Mann, und natürlich musste er verheiratet sein. Das waren sie ja alle. Nach dem, was sie selbst mit Graham erlebt hatte, würde sie ganz bestimmt keine Ehe zerstören.

Doch letztendlich hatte sie genau das getan. Sie hatte nie die Absicht gehabt, Adam zu verführen, genauso wenig wie er geplant hatte, etwas mit ihr anzufangen. Es war ein langsamer Prozess gewesen, war Schritt für Schritt vorangegangen. Unterhaltungen im Umkleidebereich, hin und wieder ein Drink nach dem Schwimmen … bis Emily mehr oder weniger eines Abends vor ihrer Haustür über ihn stolperte, als sie von der Arbeit nach Hause kam. Er war völlig aufgelöst und in Panik. Joe war verschwunden, und Adam hatte nicht die geringste Ahnung, wo der Junge sein könnte. Automatisch bot Emily an, ihm bei der Suche zu helfen. Sie fanden ihn schließlich bei einem Schulfreund zu Hause, wo er sich auf einem Stuhl unablässig vor- und zurückwiegte und vor sich hin murmelte: „Mum wollte nicht mit mir reden.“ Damals erhielt Emily einen ersten Einblick in die Hölle, die Adam und Livvy durchmachten.

„Es ist genauso meine Schuld“, erklärte Adam ihr später. „Ich wollte sie ja unterstützen, aber sie kam so gut mit Joe zurecht, als er noch klein war. Manchmal hatte ich das Gefühl, dass sie mich gar nicht brauchte. Joe kam bei ihr immer an erster Stelle, was ja normal ist, aber ich hatte den Eindruck, dass sie nichts weiter wollte als den Jungen. Irgendwann haben wir einfach aufgehört, miteinander zu reden. Ich glaube, mir war nie wirklich klar, was es ihr abverlangt hat, sich um den Jungen zu kümmern.“

Nicht lange danach kam es zum ersten Kuss zwischen den beiden, und von da an entwickelte sich Emilys Beziehung zu Adam immer weiter und ging immer tiefer … bis sie beide so tief drinsteckten, dass es unmöglich war, wieder herauszukommen, ohne jemanden zu verletzen. Das hatten sie beide nie gewollt.

Dann war Livvy vor einem Jahr gestorben … und alles hatte sich schlagartig geändert. Adam stand unter Schock, und Emily hatte ihm nicht beistehen können. Als hilfloser Beobachter war sie außen vor geblieben und hatte sich mit der Frage gequält, ob sie ihn je wiedersehen würde oder ob das das endgültige Ende sein würde. Ob die Beziehung, die sie so wahnsinnig glücklich machte, mit Livvys Tod ebenfalls sterben würde.

Aber dann, einige Wochen nach Weihnachten, hatte Adam angerufen.

„Es tut mir leid, aber ich werde langsam verrückt. Ich muss mit jemandem reden. Und du bist die Einzige, die mich versteht.“

Emily blieb zuerst vorsichtig. Sie war sich nicht sicher, ob Adam überhaupt wusste, was er wollte. Sie konnte nicht mit Gewissheit sagen, ob die Liebe, die sie für ihn empfand, auf Gegenseitigkeit beruhte. Ganz bewusst hatte sie das Schwimmen am Montagabend aufgegeben, ihn zu sehen wäre einfach zu schmerzhaft gewesen. Als sie jedoch eines stürmischen Februartages einen Spaziergang am Fluss entlang machte, stand Adam plötzlich vor ihr. All der Frust und die Zweifel der letzten Monate verpufften, lösten sich in Luft auf, und bevor sie es überhaupt realisierten, lagen sie sich in den Armen.

„Es tut mir so leid, dass wir uns so lange nicht gesehen haben“, sagte Adam, als sie dann zusammen in einem kleinen Café saßen. „Ich habe mit Livvy alles so schrecklich verbockt, und mit dir will ich das auf gar keinen Fall. Ich muss an Joe denken. Das verstehst du doch, oder?“

„Natürlich verstehe ich das. Was passiert ist, ist passiert, damit müssen wir klarkommen. Lassen wir es einfach auf uns zukommen und sehen wir, wie es sich ab jetzt entwickelt.“

Immerhin war nun klar, dass das, was sie miteinander begonnen hatten, nicht einfach verdorrt war, und so versuchten sie einen Neuanfang. Langsam und vorsichtig zuerst, Schritt für Schritt. Sie verabredeten sich, wenn Joe seine Großmutter besuchte. Einen ganzen wunderbaren Samstag lang, zum Beispiel, schlenderten sie durch die Stadt, unternahmen eine Fahrt mit dem Riesenrad, sahen sich einen Film im Kino an, gingen danach essen und verbrachten die Nacht in einem Hotel. Es war ein neuer Anfang, ein Beginn als richtiges Paar. Emily gewann an Zuversicht, dass sie sich vorwärtsbewegten. Dass es eine Chance gab, dass sie das, was zwischen ihnen war, in etwas Dauerhaftes verwandelten, so wie sie es sich immer gewünscht hatte. Nach einigen Monaten lud Adam sie öfter zu sich nach Hause ein, damit Joe sich an ihre Anwesenheit im Haus gewöhnte. Um Joes willen bemühten sie sich beide, die Dinge nicht zu überstürzen. Obwohl der Junge Livvy fast nie erwähnte, war überdeutlich, wie sehr er seine Mum vermisste. Aber immerhin, er tolerierte Emily. Das alles klappte immer besser, bis Adam es irgendwann wagte, Emily zu bitten, über Nacht zu bleiben.

Wenn Emily ehrlich war, hatte sie sich das anders vorgestellt. Adam hatte noch so viel zu verarbeiten, und sie hatte Angst vor der Verantwortung für Joe. Wie würde sie sich schlagen, wenn sie wirklich offiziell seine Stiefmutter werden würde. Joe war ein lieber Junge, er war ihr ans Herz gewachsen, und sie mochte ihn, trotzdem fühlte sie sich oft unsicher und überfordert. Sollten sie und Adam ein festes Paar werden, dann würde sie eine Lösung dafür finden und damit umgehen müssen. Sicherlich keine leichte Aufgabe, aber Adam machte sie glücklich. Und sie machte Adam glücklich. War das nicht Grund genug, etwas zu riskieren? Wenn doch nur nicht alles so kompliziert wäre …

Und jetzt hatte Joe die Bombe heute einfach nebenbei platzen lassen. Er hatte sie mehr oder weniger damit überfallen, als er sie völlig ruhig ansah und fragte: „Wirst du jetzt meine neue Mutter?“ Für Livvy war diese Aufgabe so schwierig gewesen, dass es sie ihre Ehe gekostet hatte. Adam wollte Emily für immer, ja … aber was war mit Joe? War Emily bereit für diese Herausforderung?

Livvy

Mir ist noch immer nicht klar, wieso ich noch hier bin. Es verwirrt mich mehr und mehr. Malachi scheint der festen Überzeugung zu sein, dass ich schneller auf die andere Seite überwechseln kann, wenn er mir vor Augen führt, was zwischen mir und Adam falsch gelaufen ist. Zumindest glaube ich, dass es das ist, was er erreichen will. Er ist eben kein Kater vieler Worte. Aber war das wirklich alles? Ich meine, ich weiß, wir hatten unsere Probleme, aber ich bin sicher, wir hätten das zusammen in den Griff bekommen. Will Malachi einfach, dass ich loslasse? Das kann ich nicht. Wie soll Joe denn mit allem fertigwerden, wenn ich nicht hier bin? Adam tut sein Bestes, das weiß ich, so wie immer, aber Joe braucht mich. Ich will für ihn da sein, will ihm durch die Schule helfen, will sicher sein, dass es ihm gut geht. Es ist einfach nicht fair, dass ich das jetzt nicht mehr kann.

Und ich will, dass Adam mich sieht, mich hört, meinen Kummer spürt. Ich habe ihn geliebt, liebe ihn immer noch, aber er scheint mich bereits vergessen zu haben. Er ist so fest entschlossen, „glückliche Familie“ mit dieser Neuen zu spielen. Und doch bin ich mir sicher, dass Adam mich, ganz tief in seinem Herzen, nicht vergessen kann. Das schließe ich aus seiner Reaktion auf meinen Tod und aus dem Schmerz, der bei meiner Beerdigung von ihm ausging. Diese Emily ist eindeutig nur ein Ausrutscher, ein Lückenbüßer. Jemand, der ihm hilft, diese schlimme Zeit zu überstehen.

Adam und ich … das zwischen uns war etwas Besonderes, das wusste ich vom ersten Augenblick an, als wir zusammenkamen, nach dieser Nacht in der Bar in Manchester. Er war mir schon vorher aufgefallen, ein umwerfend gut aussehender Typ mit blondem Haar, der sich immer am Rand unserer Gruppe aufhielt, anscheinend zu schüchtern, um am Gespräch teilzunehmen. Also machte ich an jenem Abend den ersten Schritt. Wir unterhielten uns, und seitdem haben wir mit dem Reden nicht mehr aufgehört. Damals hat er mich nach Hause gebracht, in mein winziges Studentenapartment. Es war eine wunderbar laue Sommernacht, wir setzten uns auf die kleine Rasenfläche vor dem Studentenheim, legten uns auf den Rücken und starrten zu den Sternen empor. Wir suchten uns jeder ein Sternbild aus. Er war Perseus, ich Kassiopeia. Das haben wir später auch mit Joe zusammen gemacht. Diese Nacht damals war magisch, und ich wusste, mit diesem Mann würde ich den Rest meines Lebens verbringen. Es war uns vorbestimmt, zusammen zu sein, zwei Hälften, die ein Ganzes ergaben.

Zugegeben, nicht alles ist so gekommen, wie wir es geplant hatten. Das Leben erwies sich als wesentlich schwieriger, als wir beide uns das an diesem wunderbaren, perfekten Abend hätten vorstellen können. Aber wir haben einander geliebt, waren über zwanzig Jahre zusammen. Wie also sollte diese Emily damit konkurrieren können? Doch wenn ich mir die Szene jetzt ansehe, dann ist es so, als hätte es mich nie gegeben. Das, was ich absolut nicht ertragen kann, ist, dass Joe sich anscheinend eine neue Mum wünscht. Eine harte Erkenntnis. Irgendwie muss ich einen Weg zurückfinden, damit sie beide erkennen, dass ich es bin, die sie brauchen und wollen. Malachi irrt sich. Ich bin noch nicht bereit, in die andere Welt überzuwechseln, weil mein Leben hier noch nicht zu Ende ist. Ich muss sicherstellen, dass es meinen Männern gut geht.

Und deshalb bin ich auch so entschlossen, mich bemerkbar zu machen. Adam kann doch nicht einfach weitermachen – mit einer anderen. Das darf er einfach nicht.

Zumindest bin ich endlich von diesem verdammten Parkplatz weg. Es ist befriedigend, sich an andere Orte bewegen zu können. Obwohl Malachi sich ständig auf diese angeblichen Regeln beruft. Ich kann jetzt durch Wände und Fenster gehen, habe das mit den Lichtschaltern kapiert und kann sogar Türen schlagen lassen, aber ich habe noch immer Schwierigkeiten damit, Dinge zu verrücken oder schweben zu lassen. Ehrlich gesagt, dafür braucht man ziemlich viel Energie. Überhaupt ist es anstrengend, lebende Menschen merken zu lassen, dass man anwesend ist, wenn man selbst tot ist. Malachi meint, es liege daran, dass die meisten Menschen nicht empfindsam genug seien, um mit Geistern zu kommunizieren. Selbst wenn sie etwas spüren, ignorieren sie es lieber. Ich wünschte, Adam wäre weniger nüchtern und skeptisch.

Am Tag nach meinem vergeblichen Versuch, in meinem Haus zu spuken, folge ich Joe, als er zum Einkaufen geht. Ich bin froh, dass Adam dem Jungen mehr Verantwortung überlässt, schließlich ist Joe inzwischen siebzehn. Das war ein Thema, über das wir oft gestritten haben. Adam sorgte sich immer, wie der Junge zurechtkommen sollte, wenn er älter wurde. Natürlich war das etwas, worüber auch ich mir Gedanken gemacht habe, aber ich sah es als meine Aufgabe, dafür zu sorgen, dass Joe ein unabhängiges Leben führen kann. Im Umgang mit Menschen hat er einige Schwächen, aber er ist intelligent. Er geht auf eine Schule, die sich auf Kinder mit seinem Problem spezialisiert hat. Zwar leidet Joe unter enormer Prüfungsangst, dennoch macht er ein Diplom an einer Fachhochschule für Astronomie, Physik und Mathematik. Ich wünsche mir so sehr, dass er ein Studium aufnimmt und einen Universitätsabschluss erlangt, ich weiß, er träumt davon, in Brian Cox’ Fußstapfen zu treten. „Wer weiß, Joe“, habe ich immer zu ihm gesagt. „Greif nach den Sternen. Alles ist möglich, wenn man nur fest genug daran glaubt.“

Ich folge Joe in ein kleines Café auf der Hauptstraße, mein Herz ist schwer vor Sehnsucht. Ich wünschte, er könnte mich sehen, mich hören. Es bringt mich um, dass er es nicht kann. Dieses kleine Café habe ich immer geliebt, die Leute hier kennen Joe. Ohne dass er bestellen muss, bekommt er eine Tasse heiße Schokolade vor sich hin gestellt, genau wie er sie am liebsten mag – mit einem Klecks Sahne und ein paar Marshmallows darübergestreut. Wir sind oft zusammen hier gewesen, und ich freue mich darüber, dass das Personal sich noch immer um ihn kümmert. Es regt Joe immer sehr auf, wenn die Abläufe nicht einer genauen Routine folgen, auch wenn er sich jetzt, wo er älter ist, besser beherrschen kann. Trotzdem ist es schwer für ihn.

Er setzt sich an den Fenstertisch, und ich setze mich ihm gegenüber. Ich weiß nicht, ob er meine Anwesenheit spürt, ich auf jeden Fall bin glücklich, ihm so nahe sein zu können. Er sieht gut aus und relativ zufrieden, auch wenn das bei Joe schon immer schwer zu sagen war.

Ich kann nicht anders, ich beuge mich vor und lege meine Hand auf seine. Noch immer lässt er sich nur ungern berühren, aber mit zunehmendem Alter hat er gelegentlichen Körperkontakt immer besser über sich ergehen lassen, wofür ich sehr dankbar war. Jetzt zieht er seine Hand zurück und reibt sich über die Stelle, als irritiere ihn dort etwas. Er starrt direkt durch mich hindurch.

„Joe, kannst du mich sehen?“, will ich ihn fragen, doch ich bringe es nicht über mich. Die Enttäuschung, falls er keine Reaktion zeigen sollte, würde ich nicht ertragen.

Irgendwie wird er jetzt immer unruhiger, beobachtet die Passanten vor dem Fenster mit Argusaugen, die unterwegs zu oder von ihren Weihnachtseinkäufen sind. Er sieht immer wieder auf seine Armbanduhr. Es ist ein kalter Wintertag, das Café voll besetzt, die Fenster sind beschlagen.

Joe sieht wieder auf seine Armbanduhr. „Elf Uhr zweiunddreißig und zehn Sekunden“, murmelt er. „Oh Gott.“

Seine Uhr ist ein unansehnliches klobiges Ding, das ich ihm vor zwei Jahren zu Weihnachten geschenkt habe. Er hatte sie sich so sehr gewünscht – wegen des Sekundenzeigers. Zeit ist eine unerlässliche Maßeinheit für Joe. Zuspätkommen ist für ihn unerträglich. Ich spüre seinen Stress, als der Minutenzeiger weiter vorrückt.

„Elf Uhr dreiunddreißig und fünf Sekunden.“

Ganz offensichtlich wartet er auf jemanden, und wer immer es ist, derjenige kommt zu spät. Ich spüre die Panik in Joe anwachsen. Ohne nachzudenken, setze ich mich auf den Stuhl neben ihm. „Ist schon in Ordnung, Joe. Alles ist in Ordnung. Atme tief durch“, flüstere ich ihm zu, als wäre ich noch am Leben und er könnte mich hören. Auch wenn es heute nur noch selten vorkommt, aber wenn Joe nervös ist, kann er sich sehr aufregen, wenn die Dinge nicht so laufen, wie sie seiner Vorstellung nach laufen sollten. Manchmal marschiert er dann unruhig auf und ab und murmelt vor sich hin, es kann aber auch vorkommen, dass er Dinge durch die Luft schleudert. Ich will nicht, dass er das hier im Café tut, wo ihn niemand versteht. Die Episoden aus der Vergangenheit sind mir noch gut in Erinnerung. „Du weißt doch, Joe, nicht jeder kann sich seine Zeit so gut einteilen wie du. Du musst geduldig sein.“

„Geduldig“, wiederholt er.

Was? Kann er mich etwa hören? Pure Freude schießt in mir auf. „Joe, ich bin’s, Mum. Hörst du mich?“

Doch er kann mir keine Antwort geben, er wird abgelenkt, weil die Eingangstür des Cafés auffliegt und jemand auf seinen Tisch zueilt.

„Joe, es tut mir so leid. Ich bin aufgehalten worden.“

Enttäuscht ziehe ich mich zurück. Ich war so sicher, ich hätte eine Verbindung zu ihm aufgebaut.

„Du kommst fünf Minuten und dreizehn Sekunden zu spät“, sagt er vorwurfsvoll zu dem Mädchen, das sich ihm gegenüber auf den Stuhl setzt. Sie ist hübsch, hat lange blonde Haare. Ich schätze sie um die siebzehn. Sie trägt eine dicke Winterjacke mit Kapuze, Schal, Fäustlinge, Wollleggings und Stiefel …

Moment mal! Ein Mädchen?

Wann hat Joe angefangen, sich mit Mädchen zu verabreden? Was habe ich denn noch alles in diesem letzten Jahr verpasst? Ich verfluche mich für meine Dummheit, dass ich nicht eher auf Malachi gehört und deshalb die ganze Zeit über auf dem Parkplatz festgesteckt habe. Damit habe ich so viel Zeit verschwendet.

„Ich hätte meine Uhr abstimmen sollen“, sagt das Mädchen lächelnd und zieht ihre Fäustlinge aus. Sie hat ein nettes aufmunterndes Lächeln, und es scheint auszureichen, um Joe zu beruhigen.

„Ja, das hättest du“, stimmt er zu, beugt sich vor und drückte ihr einen Kuss auf die Wange.

Das Lächeln des Mädchens wird noch strahlender. „Also, was steht auf dem Plan?“

„Ich muss Weihnachtsgeschenke besorgen.“ Joe lächelt dieses leicht schiefe Grinsen, das mich jedes Mal, wenn ich es miterleben durfte, so glücklich gemacht hat. „Sieh her, ich habe eine Liste aufgestellt.“ Stolz hält er ihr den Zettel hin, auf dem steht: Dad, Emily, Caroline, Granny.

„Ich darf mein Geschenk nicht sehen, das weißt du noch, oder?“, sagt das Mädchen. Caroline? „Es soll doch eine Überraschung werden.“

„Genau.“ Joe lächelt wieder. „Eine Überraschung für meine beste Freundin.“

Das Mädchen errötet. „Oh Joe, danke“, sagt sie und drückt seine Hand. Ich hätte geschworen, dass er zusammenzucken wird, doch nichts dergleichen geschieht, im Gegenteil.

„Gern geschehen“, sagt er munter. „Es gefällt mir, eine beste Freundin zu haben.“

Mein Sohn hat eine beste Freundin? Wie und wo, um alles in der Welt, haben die beiden sich kennengelernt?

Sie sitzen zusammen und unterhalten sich über Weihnachten. Ich sehe mir die beiden an und hätte das Mädchen am liebsten umarmt. Sie scheint wirklich nett zu sein, und ich freue mich unwahrscheinlich, dass Joe eine Freundin gefunden hat, die völlig normal mit ihm umgeht. Und dann sagt Joe: „Ich muss auch noch ein Geschenk für meine Mum kaufen.“

„Joe“, meint Caroline leise. „Du weißt doch …“

„Ja, ich weiß, Mum ist tot“, sagt er nüchtern. „Aber ich kann es auf ihr Grab stellen. Wir haben Weihnachten. Meine Mum bekommt ein Weihnachtsgeschenk.“

Ich kann nicht an mich halten und stoße einen gequälten Schrei aus. Ich kann unmöglich noch länger hier bleiben. In meiner panischen Hektik, von hier wegzukommen, stoße ich Joes Tasse um.

„Oh nein!“ Sofort wird er fahrig und regt sich auf, aber Caroline beruhigt ihn und wischt die Pfütze auf.

„Wie ist das denn passiert?“, fragt sie verwundert.

„Meine Mum“, antwortet Joe ernst. „Zu Weihnachten braucht sie ein Geschenk.“

Ich wirbele zum Fenster hinaus und auf die Straße. Ich stecke in einem Albtraum fest! Mein Sohn kann mich spüren, aber nicht sehen. Wie soll ich dafür je eine Lösung finden?

2. KAPITEL

Livvy

Kopfüber stürze ich mich in die Menge der mit Geschenken beladenen Passanten. Nur vage nehme ich wahr, dass manche von ihnen verdutzt stehen bleiben und sich verwirrt umsehen. Eine alte Dame lässt gar ihre Einkaufstasche fallen, die Äpfel rollen über den Bürgersteig. Ein kleines Mädchen schaut zu ihrer Mutter auf und fragt: „Mami, wer ist die Frau da?“, aber ich stürme weiter, unfähig, etwas anderes wahrzunehmen als den unermesslichen Schmerz. Ich habe meinen Sohn verloren. Für immer. Irgendwann komme ich am Fluss an und lasse mich schluchzend auf eine Bank sinken.

„Was glaubst du, dass du da treibst?“ Malachi schlenkert hinter dem Abfallkorb hervor. „Du fällst auf.“

„Ich dachte, nur Menschen, die dafür empfänglich sind, können mich bemerken“, gebe ich zur Antwort.

„Meist stimmt das auch.“ Malachi zieht vorwurfsvoll seine Nase kraus. „Aber du hast da eine ziemliche Szene veranstaltet, so etwas ist schwer zu ignorieren. Und dieses Mädchen hat dich definitiv gesehen. Sie ist noch jung und vorurteilsfrei. Du solltest wirklich besser aufpassen.“

Trübsinnig starre ich auf den rauschenden Fluss. Wäre ich nicht schon tot, könnte ich versucht sein, mich hineinzustürzen. „Na und?“, sagte ich schließlich. „Ich bin aufgewühlt. Wärst du das etwa nicht?“

Malachi versteht einfach nicht. Ich bin hier, tot, und mein Mann und mein Sohn leben ihr Leben ohne mich weiter. Bei Joe macht es mir nichts aus, im Gegenteil, ich freue mich für ihn. Ich vermisse ihn nur so schrecklich. Es tut weh, dass ich ihn nicht erreichen kann. Noch größer ist aber der Schmerz, dass Adam mich nicht zu brauchen scheint. Ist das nicht genug Grund für einen Anfall?

„Du musst endlich damit aufhören, dich selbst zu bemitleiden, und deinen Kopf einschalten“, sagt Malachi jetzt. „Du sollst Dinge in Ordnung bringen, nicht noch mehr kaputt machen. Das versuche ich dir schon die ganze Zeit zu erklären. Auszurasten und jeden in deiner Nähe in Aufruhr zu versetzen, ist kontraproduktiv.“

„Was ist denn da noch kaputt zu machen? Ich bin tot. Wie viel schlimmer kann es denn noch werden?“

„Oh, ich weiß nicht“, meint Malachi. „Dein Leben war keineswegs immer großartig, oder?“

„Was, bitte, soll das denn heißen?“, plustere ich mich auf. „Mein Leben war wunderbar. Wir waren eine Familie. Wir waren glücklich. Gerade mal ein Jahr bin ich tot, und schon hat mein Mann eine neue Freundin, und mein Sohn redet von einer neuen Mum. Mein Weihnachtsgeschenk will er auf mein Grab stellen. Würde dich das nicht ärgern?“

„Hm. Also, an deiner Stelle würde ich mir mein Leben genauer ansehen“, hält Malachi dagegen. „War es wirklich so perfekt?“

Dieser Kater hat wirklich Nerven! „Auf wessen Seite stehst du eigentlich?“, fauche ich ihn an. „Sagtest du nicht, du bist hier, um mir zu helfen?“

„Das tue ich ja auch“, gibt er sich unbeeindruckt. „Aber du musst schon mitmachen. Und jetzt denk nach. Und zwar sehr genau.“

Wenn auch nur unwillig, denke ich zurück und erinnere mich. Ich muss gestehen, dass es manchmal alles andere als perfekt war. Gerade in den Wochen vor meinem Tod haben Adam und ich uns oft gestritten. Er war mir wegen irgendetwas sehr böse, nur weiß ich nicht mehr, warum. Und Joe … plötzlich sehe ich wieder vor mir, wie still und verschlossen Joe gewesen war, als hätte ich ihn traurig gemacht. Eine Ahnung nagt an mir, dass ich einen Fehler gemacht habe, doch ich kann mich nicht erinnern, was ich falsch gemacht habe. Vielleicht hat Malachi ja recht und mein Leben war gar nicht so vollkommen, wie ich glaube. Trotzdem … auf jeden Fall immer noch besser, als tot zu sein.

„Du kannst das alles in Ordnung bringen“, ermuntert Malachi mich. „Du musst dich nur daran erinnern, wie. Du musst einen Weg zu ihnen finden, damit du ihnen sagen kannst, dass es dir leidtut. Nur dann wirst du weiterkommen.“

„Aber sie können mich doch nicht sehen“, halte ich dagegen. „Selbst Joe kann mich nur manchmal hören.“

„Das ist doch schon ein guter Anfang.“

„Ja, vermutlich“, gebe ich nach.

Seit ich wieder zurück bin, setze ich darauf, dass ich an Joe herankomme. Er kann mich zumindest hören, das sollte mir Hoffnung geben.

„Es gibt viele Möglichkeiten, bemerkt zu werden“, sagt Malachi. „Dazu muss man nicht mit Sachen um sich werfen oder Leute erschrecken, indem man Lampen an und aus schaltet und Türen schlägt“, fährt er fort. „Geh zurück zum Haus. Sieh ihnen zu. Lerne aus dem, was du siehst.“

„Na schön“, stimme ich zögernd zu. Ehrlich, wie weit ist es schon mit mir gekommen, wenn das einzige Wesen, mit dem ich reden kann, ein struppiger alter Kater ist?

„He, das habe ich gehört“, beschwert er sich eingeschnappt.

Na großartig – ein struppiger alter Kater, der dazu auch noch Gedanken lesen kann, als einzige Gesellschaft. Aber vielleicht hat er ja recht. Ich sollte Adam dazu bringen, meine Seite der Geschichte zu sehen, damit wir wieder eine Familie sein können.

Adam

Es ist Montagmorgen, und ich gähne, während ich vergeblich versuche, den Sinn der mir vorliegenden Tabelle zu begreifen. Letzte Nacht habe ich nicht besonders gut geschlafen. Ich habe von Livvy geträumt, von dem Beginn unserer Beziehung. Von der Zeit, die so voller Hoffnung und Heiterkeit war. Wie hatte alles so schieflaufen können? Als ich Livvy traf, da war sie voller Leben gewesen, wunderschön, atemberaubend. In unserem ersten Jahr an der Uni haben wir einen glorreichen Sommer zusammen verbracht. Und als der Sommer sich dann seinem Ende zuneigte, verband uns eine tiefe Liebe zueinander. Wir haben diese märchenhafte Reise quer durch Europa unternommen. Eigentlich wusste ich von Anfang an, dass wir heiraten würden. Also war es nur natürlich, dass wir das in unserem Abschlussjahr tatsächlich taten, nachdem sie schwanger worden war. Dieses erste Baby verlor sie, und wir haben beide sehr getrauert. Aber zusammen haben wir es verarbeitet, und alles war wieder in Ordnung. Mehr als nur in Ordnung, es war großartig. Ich liebte sie nur noch mehr, jetzt, da ich wusste, wie verletzlich sie war. Dieses Leid miteinander zu teilen hatte uns noch fester zusammengeschweißt.

Der Traum letzte Nacht hat mir so etwas wie Einsicht und Verständnis gebracht, aber die Szenen änderten sich ständig. Im einen Augenblick hielt ich lachend ihre Hand, und im nächsten Bild sah ich, wie sie starb, da draußen auf dem Asphalt, allein, ohne mich. In Wirklichkeit war sie bereits für tot erklärt worden, noch bevor ich im Krankenhaus ankam, aber in meinen Träumen versuche ich immer, rechtzeitig zu ihr zu gelangen. In der gestrigen Nacht war der Traum so lebendig: Ich hetze zum Parkplatz, und ich kann sie schon sehen, so schön und so traurig in dem hellen Licht, während sie direkt vor den Wagen läuft. Ihre letzten Worte brechen mir das Herz und hallen noch immer in meinen Ohren nach, als ich aufwache. Warum, Adam? Warum?

Danach konnte ich nicht wieder einschlafen. Ich stand also früh auf und ging nach unten, schaltete den Wasserkocher ein und machte mich an den Stapel Akten, der auf mich wartete. Die Marketingfirma, für die ich als Finanzdirektor arbeite, hat den Jahresabschluss für das Geschäftsjahr in den Dezember verlegt, sodass ich, während alle anderen zum Endspurt auf das Weihnachtsfest ansetzen, bis zum bitteren Ende durcharbeiten muss. Bis Emily und Joe aufstehen, bin ich schon wieder völlig erschöpft, aber für eine Pause ist keine Zeit. Nach dem Frühstück mit Pfannkuchen, das Emily für uns zubereitet, verlassen wir alle zusammen das Haus. Emily fährt mit der U-Bahn zu der angesagten Londoner IT-Firma, in der sie arbeitet, Joe macht sich auf den Weg zu seinem College. Ein Stück laufen Joe und ich zusammen, und als ich mich wie immer von ihm verabschiede, sagt er: „Was meinst du, wo Mum diese Weihnachten ist?“

Seit Livvys Tod stellt er ab und zu solche Fragen, und eigentlich habe ich mich inzwischen daran gewöhnt. Dennoch trifft es mich immer wieder. Ich persönlich glaube nicht an ein Leben nach dem Tod, aber das kann ich Joe nicht sagen. Also murmele ich etwas davon, dass sie immer bei uns sein wird, und wie immer hellt sich seine Miene prompt auf.

„Ja, ich denke, sie steht als Stern dort oben am Himmel und passt auf uns auf. Genau wie Granddad.“

Joe war acht Jahre alt gewesen, als Livvys Vater starb. Großvater und Enkel hatten einander sehr nahegestanden, der Tod des Großvaters traf Joe schwer. Danach hatte er immer Angst gehabt, auch Livvy oder mich zu verlieren. Es war Livvys Idee gewesen, seine Liebe für die Astronomie zu nutzen, um ihm diese Angst zu nehmen. Sie hatte ihm erklärt, dass wir als Sterne am Himmel immer über ihn wachen würden, ganz egal was passieren würde. Diese Vorstellung hatte ihn offensichtlich beruhigt. Seit Jahren schon hat er kein Wort mehr darüber verloren, und als Erklärung war es so gut wie jede andere.

„Granddads Sternbild ist Orion“, fährt Joe fort. „Granddad ging gern jagen, und Orion ist der Jäger. Meist kann man ihn wegen der Wolken nicht richtig sehen, nur die drei Sterne seines Gürtels. Aber manchmal sieht man die gesamte Konstellation, und das ist dann so cool, Dad. Dann sieht es wirklich aus wie ein Jäger, mit Pfeil und Bogen und allem. Und Mums Stern ist die Venus. Obwohl die Venus ja eigentlich ein Planet ist, aber trotzdem … Venus ist der Morgen- und Abendstern. Man sieht ihn als Erstes am Morgen und als Letztes in der Nacht. Genau wie Mum, wenn sie mich abends zu Bett gebracht und am Morgen geweckt hat, als ich noch klein war. Wenn ich zur Venus hinaufschaue, dann weiß ich, dass Mum zu mir hinunterschaut.“

„Da bin ich ganz sicher, Joe“, sage ich erleichtert, klopfe ihm auf die Schulter, und er macht sich auf den Weg zum College, während ich zur Firma gehe.

Um elf Uhr vormittags habe ich die dritte Tasse Kaffee intus und schlafe trotzdem fast am Schreibtisch ein. Schon seit Ewigkeiten starre ich auf den Bildschirm, ohne etwas zu erkennen oder etwas getan zu bekommen. Plötzlich habe ich das Gefühl, als stünde jemand hinter mir. Ich drehe den Kopf und blicke über die Schulter. Nichts. Wieso auch? Alle sprechen schon jetzt über die Weihnachtsfeier am Nachmittag, konzentriert arbeiten tut hier niemand mehr. Erwartungsvolle Vorfreude liegt in der Luft, die ich allerdings keineswegs teile. Ich habe zu viel zu tun, ich will gar nicht auf diese Party gehen. Irgendwie fühlt es sich falsch an, Weihnachten zu feiern. Ein Jahr ist es her, trotzdem hängt die Trauer um das, was Livvy zugestoßen ist, noch immer über mir. Um Joes willen halten Emily und ich die strikte Routine ein. Er braucht die geregelte Ordnung, die Stabilität. Zumindest hat Livvy das immer betont. Und seine Routine und Ordnung sind im letzten Jahr ganz fürchterlich durcheinandergeraten.

Hätte Livvy es nicht geschafft, dass er auf dieses College gehen konnte, würde es ihm sicher noch viel schlechter gehen. Das war ihr immer sehr wichtig gewesen. Vom ersten Moment an, als endlich Joes Diagnose vorlag, verwandte sie sämtliche ihrer Energien darauf, sicherzustellen, dass Joe die bestmögliche Schulbetreuung erhielt. Sie gab ihren Job in einer Werbeagentur auf, den sie so sehr geliebt hatte, um bei Joe zu Hause zu bleiben. Sie kämpfte sich durch den Behördendschungel und zähen Papierkram, damit Joe alles erhielt, was ihm zustand und was er brauchte. Ohne Livvy wäre Joe niemals so weit gekommen. Ich habe mir immer Sorgen gemacht, dass sie sich viel zu sehr auf Joe konzentrierte und ihr eigenes Leben vergaß, habe versucht, sie zu überreden, am Wochenende mit ihren Freundinnen auszugehen. Aber sie hat immer behauptet, ihr fiele es schwer, Joe allein zu lassen, und dass es ihr nichts ausmache, ihren Beruf aufzugeben, weil Joe sie schließlich brauche. Vielleicht hätte ich sie stärker drängen sollen. Manchmal war sie so bedrückt, schien komplett überlastet, aber sosehr ich mich auch bemühte, ich habe sie nie dazu bewegen können, mir ihre Gedanken mitzuteilen. Wenn ich jetzt zurückblicke, weiß ich, dass ich sie im Stich gelassen habe. Joe war zu ihrer Welt geworden. Vielleicht war genau das der Fehler. Sie hat Freundschaften versanden lassen, hat sämtliche anderen Interessen zurückgestellt, während ich meine weiterverfolgt habe. Ich hätte das erkennen und ihr mehr helfen müssen. Aber das habe ich nicht, und es tut mir unendlich leid.

Die längst vertraute Mischung aus Trauer, Schuldgefühl und Selbstverachtung überschwemmt mich. Ich will nur noch den Kopf in die Hände stützen und die Augen schließen, aber diese Tabellen müssen noch bearbeitet werden. Immerhin wird mich das ablenken. Also nehme ich mich zusammen und mache weiter. Und dann …

… dann stockt mein Computer.

Als hätte jemand die Kontrolle über die Tastatur übernommen. Ein neues Fenster öffnet sich auf dem Bildschirm – Livvys Facebook-Seite. Was mich daran erinnert, dass ich das Profil nach ihrem Tod hätte löschen sollen, aber ich habe ja ihr Passwort nicht. Außerdem bringe ich es nicht über mich. So viele Menschen haben im Lauf des letzten Jahres noch Widmungen und Fotos eingestellt. Und ab und zu gehe ich tatsächlich auf die Seite und sehe mir die Fotos von uns an, wir beide, jünger, glücklich. Emily nennt mich deswegen morbide. Und vielleicht bin ich das ja.

Der Bildschirm scheint eingefroren zu sein, zeigt ein Foto von unserer ersten gemeinsamen Auslandsreise. Eine Tour mit dem Zug durch Europa. Ein Foto von Livvy in einem Café in Venedig, von der Sonne geküsst, lacht sie in die Kamera, der Wind spielt mit ihrem kupferroten Haar. Ich erinnere mich noch gut an jenen Tag. Wir hatten uns so viele Sehenswürdigkeiten angesehen wie nur möglich und waren völlig überwältigt. Wir schlenderten durch die Gassen, kauften Souvenirs, schleckten Eiscreme und beendeten den Tag dann schließlich in diesem kleinen Café, sahen den Gondeln nach, die über den Kanal schaukelten. Es war ein unglaublich traumhafter, absolut perfekter Tag gewesen, und jetzt steht ihr Foto auf meinem Bildschirm, eine Momentaufnahme unseres Glücks, für immer festgehalten in der Zeit.

Reglos starre ich auf das Foto, genieße den flüchtigen Augenblick der Freude. Mir kommt der Gedanke, dass nicht all meinen Erinnerungen ein Wermutstropfen beigemengt ist. Sofort folgt der schmerzhafte Stich. Livvy ist nicht mehr hier, ich kann es ihr nicht mehr sagen. Lange starre ich traurig auf das Bild, dann reiße ich mich davon los. Von Starren und Grübeln werden die Tabellen nicht fertig.

Doch der Bildschirm ist noch immer eingefroren. Ich drücke „Alt“, „Strg“, „Entf“. Nichts passiert. Urplötzlich erscheint eine Nachricht.

Es tut mir leid.

Was? Mir wird eiskalt. Ist das irgendein schlechter Witz? Vielleicht will mir einer meiner Kollegen einen Streich spielen. Ich sehe mich um, doch alle scheinen sich munter über die bevorstehende Party zu unterhalten. Und überhaupt … warum sollte jemand hier so etwas tun?

Wer ist da?, gebe ich ein, erhalte aber keine Antwort. Nur ein kalter Hauch zieht über meinen Nacken, und ein Schauer läuft mir über den Rücken.

Emily

Emily arbeitete noch spät. In der IT-Branche musste man eben flexibel sein, und heute Abend wurde sie gebraucht, um den abgestürzten Zentralrechner der Firma wieder in Gang zu bringen. Adam hatte sie zu seiner Firmenfeier eingeladen, aber noch immer hatte sie sich nicht entschieden, ob sie hingehen sollte oder nicht. Einige von Adams Kollegen hatte Emily bereits getroffen, doch sie wusste auch, dass Livvy bei allen in der Firma beliebt gewesen war und ständig dort aus und ein ging, als Joe noch klein gewesen war. Emily wurde nervös, wenn sie sich vorstellte, wie die Leute über sie urteilen würden. Auch wenn Adam ihr immer wieder versichert hatte, dass sie sich deshalb keine Gedanken zu machen brauchte. Emily würde viel lieber allein mit Adam ausgehen, vor allem, da Joe den Abend mit seiner neuen Freundin Caroline verbrachte. Das Mädchen hatte er am College kennengelernt. Emily wusste, dass Adam eigentlich auch keine große Lust hatte, an der Feier teilzunehmen. Aber da seine Kollegen ihm nach Livvys Tod eine große Stütze gewesen waren, fühlte er sich verpflichtet, sich dort blicken zu lassen. Und Emily war der Meinung, dass sie ihm Gesellschaft leisten sollte.

„Komm, Ems, das reicht. Jetzt funktioniert’s ja wieder“, sagte ihr Chef, Daniel, gerade mal Anfang zwanzig mit einem hippen Bart. Er leitete die kleine Firma Digit AL, bei der sie seit ein paar Monaten eine Teilzeitstelle hatte. „Ein paar von uns gehen noch zusammen was trinken. Hast du Lust, mitzukommen?“

„Danke, Dan, aber ich habe schon was vor.“ Emily gefiel die Arbeitsatmosphäre. Die meisten hier in der Firma waren die typischen Computernerds, kaum dem Teenageralter entwachsen, aber auf jeden Fall machte es Spaß, mit ihnen zusammenzuarbeiten. Unter anderen Umständen wäre sie wahrscheinlich sogar mitgegangen, es wäre bestimmt lustig geworden. Aber schon jetzt kam sie zu spät zu Adams Firmenfeier, und so fuhr sie ihren Computer herunter und machte sich mit der überfüllten U-Bahn auf den Weg durch den frostigen Abend. Die Menschen um sie herum waren alle in fröhlicher Weihnachtslaune, doch Emily konnte sich dieses Jahr irgendwie nicht wirklich darauf einlassen. Vor dem großen Festtag gab es so viele heikle Situationen zu umschiffen, und sie war sich keineswegs sicher, dass Adam und sie es hinbekommen würden, dass Joe alles akzeptierte.

Emily klopfte das Herz bis in den Hals, als sie auf Adams Weihnachtsfeier ankam. Sie war nie besonders erpicht auf Firmenfeiern gewesen. Schließlich hatte Graham immer unmissverständlich durchblicken lassen, dass sie bei den Feiern in seiner Firma absolut überflüssig war. Und Adams Kollegenkreis war klein, man kannte sich gut untereinander, kannte auch die jeweiligen Familien. Jeder würde neugierig auf sie sein, auf die neue Frau in Adams Leben.

Über seine Probleme zu Hause hatte Adam sich in der Firma bedeckt gehalten, also wusste keiner seiner Kollegen wirklich, was auch vor Livvys Tod bereits alles geschehen war. Jetzt, da Livvy nicht mehr am Leben war, hatte sie praktisch Märtyrerstatus erlangt. Emily war „die Neue“, was dazu führte, dass man ihr Argwohn oder sogar Misstrauen entgegenbrachte. Natürlich wünschte Adam jeder, dass er wieder glücklich wurde, trotzdem hätte man eigentlich eine adäquate Trauerperiode von ihm erwartet. Aber was war adäquat? Wie lange musste man trauern, bevor man sein Leben weiterleben durfte? Niemand wusste, dass Adam kurz davor gewesen war, Livvy zu verlassen, als sie starb. Und Emily hatte sich nicht in Adam verlieben wollen, hatte niemals eine Ehe zerstören wollen, und doch war genau das passiert. Nun, andererseits hatte die Ehe in Wirklichkeit schon in Scherben gelegen, als Emily auf die Bildfläche getreten war, und das hatten Adam und Livvy ganz allein geschafft. Dennoch konnte Emily dieses stetig nagende Schuldgefühl nicht unterdrücken.

Sie ließ den Blick über die Menge schweifen und erblickte Adam, der mit seinen Freunden Phil und Dave zusammenstand. Gut. Sie war erleichtert. Phil und Dave hatte sie schon mehrere Male getroffen, die beiden waren nett und umgänglich. Sie hatten Emily sofort akzeptiert.

„Hi“, grüßte sie schüchtern. „Ich hab’s doch noch geschafft.“

„Na endlich!“ Bei Adams herzlicher Umarmung wurde ihr ganz warm ums Herz. „Wir müssen nicht allzu lange bleiben, wenn du nicht möchtest.“

Adam wusste, wie nervös Emily wegen heute Abend war. Vielleicht würde sich ihr Wunsch ja doch noch erfüllen, und sie konnten sich später für ein romantisches Dinner zu zweit absetzen. „Was möchtest du trinken? Für die nächste Stunde oder so gibt es noch Freigetränke an der Bar.“

„Wodka-Cola. Doppelt“, bestellte Emily, und Adam zog eine Augenbraue in die Höhe. Es war eigentlich völlig untypisch für sie, harte Sachen zu trinken, erst recht Doppelte. Aber sie war wirklich schrecklich nervös. Und der Alkohol würde hoffentlich ihre Nerven beruhigen.

„Die Party läuft doch ganz gut.“ Sie deutete mit dem Kopf zu dem Team aus dem Verkauf, das laut und falsch Weihnachtslieder vor dem brennenden Kamin sang, während bei den jüngeren Mitarbeitern so manche aussahen, als würden sie sich jeden Moment zu außerplanmäßigen Aktivitäten in private Nischen und dunkle Ecken zurückziehen. Es herrschte eine lockere, fröhliche Stimmung, und Emily bemühte sich, sich ebenfalls zu entspannen.

Sie nippte an ihrem Drink und hörte der lässigen Unterhaltung zwischen den Männern nur mit halbem Ohr zu. Sie frotzelten gerade über den Managing Director, der schamlos mit seiner Sekretärin flirtete, die jung genug war, um seine Tochter zu sein. Die junge Frau genoss die Aufmerksamkeit sichtbar.

„Und? Eifersüchtig, Dave?“ Adam lachte. „Ich hatte immer den Eindruck, dass du da deine Ansprüche geltend machen wolltest.“

Laut Adam war Dave nämlich der Frauenheld des Büros.

„Würde ich ja gerne“, murrte Dave. „Aber sie ist die eine, die mir entwischt ist.“

„Na, wenigstens eine ist immun gegen deinen Charme.“ Lachend bestellte Adam die nächste Runde.

Und so folgte ein Drink dem anderen, und langsam legte sich auch Emilys Nervosität. Sie stellte fest, dass sie sich prächtig amüsierte, und verwundert fragte sie sich, wieso sie überhaupt so nervös gewesen war. Zwei Wodka-Cola später flirtete sie sogar mit Phil und Dave, die wirklich unterhaltsame Gesellschaft waren. Selbst Marigold, Adams Vorzimmerdrachen, eine drakonische Mittvierzigerin, die sich allerdings gab wie Mitte sechzig, wünschte ihr, wenn auch nur mürrisch, frohe Weihnachten.

Adam stellte Emily dann auch dem Verkaufsteam vor, und es brauchte nur ein „Komm, Emily, mach mit“, bevor Emily sich mitten in einer Gruppe wiederfand, die lautstark Last Christmas schmetterte. Abrupt stutzte sie. Letztes Weihnachten hatte alles noch ganz anders ausgesehen. Adam hatte Livvy verlassen wollen, und dann war Livvy gestorben. War es zu früh für Emily, Livvys Platz einzunehmen? Der Gedanke machte sie traurig und unruhig. Da der Wodka offensichtlich nicht mehr wirkte, bestellte Emily sich an der Bar lieber einen Rotwein.

Auf dem Weg von der Bar zurück zu Adam und den anderen hatte sie plötzlich das seltsame Gefühl, als hätte ihr jemand in den Magen geboxt. Das Glas glitt ihr aus den Fingern, der Wein ergoss sich über ihr Kleid – und einige Spritzer landeten auf Dave und Phil. Mist, Mist, Mist! Oh, warum hatte sie ausgerechnet heute ein cremefarbenes Kleid anziehen müssen?

„Oh …“ Heiße Röte schoss ihr in die Wangen. „Das tut mir so leid! Ich weiß nicht, wie das passieren konnte …!“

Glücklicherweise lachten Phil und Dave nur, und Emily eilte in Richtung der Waschräume, um zu retten, was zu retten war. Sie war schrecklich verlegen – und verwirrt. Es hatte sich wirklich angefühlt, als hätte jemand sie gestoßen. Absichtlich. Was natürlich völliger Unsinn war.

„Jetzt geht deine Fantasie schon mit dir durch“, tadelte sie streng ihr Spiegelbild, als sie Lippenstift nachzog. „Du hast eindeutig zu viel getrunken.“

Sie ermahnte sich, Haltung zu wahren, und ging zurück zur Party. Dabei musste sie an Marigold und ihrer Clique vorbeilaufen – ein Spießrutenlauf. Alle Augenpaare lagen auf ihr, und dieses Mal war sie sicher, dass sie sich das nicht einbildete.

Sie hörte Marigold etwas murmeln, etwas, das klang wie: „Seht sie euch nur an, wie unverfroren sie hier herumstolziert“, und eine von den anderen Frauen fügte hinzu: „Setzt sich in das gemachte Nest einer toten Frau.“ Normalerweise hätte Emily solche Bemerkungen ignoriert. Was kümmerte es sie, was diese Frauen über sie dachten? Doch sie war noch immer aufgewühlt wegen des Missgeschicks mit dem Wein, und sie war die bissigen Anspielungen einer Frau, die sie nicht einmal kannte, einfach leid.

Also drehte sie sich um und blieb direkt vor der Gruppe stehen. „Wenn Sie mir etwas zu sagen haben, dann bitte, nur zu.“

Alle in der Gruppe sahen verlegen drein – bis auf Marigold.

„Sie haben ja nicht lange gewartet, um sich an den gedeckten Tisch zu setzen“, kam es beißend von Marigold. „Die arme Frau ist gerade mal ein Jahr tot, und Sie nutzen seine Verletzlichkeit aus, um sich bei ihm einzuschmeicheln.“

„Das geht Sie wohl kaum etwas an.“ Emily war wütend. Marigold steckte ihre Nase in Dinge, die nicht ihre Angelegenheit waren. „Und was das Einschmeicheln betrifft … Adam und ich waren schon lange vor Livvys Tod gute Freunde.“

Nur … gute Freunde?“ Mit einem vielsagenden Blick zu ihren Kolleginnen betonte Marigold das Wort süffisant.

„Warum sagen Sie nicht offen, was Sie denken?“, sprudelte es aus Emily heraus. Sie wusste genau, was Marigold damit andeuten wollte. Adam und sie waren immer sehr diskret gewesen, dennoch hatte Adam vermutet, dass Marigold etwas ahnte. „Das wollen Sie doch so unbedingt.“

„Was sollte ich denn offen sagen?“ Marigold gab sich so unschuldig, dass Emily sicher war, die andere wusste alles.

„Sie denken, dass Adam und ich schon die ganze Zeit eine Affäre hatten.“

Für einen Augenblick schwiegen alle betreten, sogar Marigold. „Das habe ich nie behauptet“, protestierte sie.

„Aber Sie haben es immer gedacht“, fauchte Emily. „Und nur zu Ihrer Information … Sie lagen richtig damit.“

Die Frauenclique schnappte kollektiv nach Luft, und Emilys nächste Worte kamen viel lauter aus ihrem Mund, als sie beabsichtigt hatte. „An alle bösartigen Klatschmäuler da draußen … ja, es stimmt, Adam und ich waren bereits letztes Jahr zusammen. Weil er Livvy nämlich verlassen wollte. Nur ist sie dann gestorben. Verdauen Sie das erst einmal.“

Das Geplauder in der Bar verstummte, Emilys Worte durchschnitten klar und deutlich die Stille, die sich jäh über den Raum gelegt hatte.

Emily sah zu Adam hinüber, der sich mit Entsetzen auf der Miene und verkrampften Fingern an seinem Bierglas festhielt. Ach du lieber Himmel. Was hatte sie nur getan?

3. KAPITEL

Adam

Ich merke, wie mir das Blut aus dem Kopf sackt, als ich Emilys Eröffnung durch den Raum schweben höre. Phil und Dave wirken komplett geschockt. Sie hatten einige Sachen aus meinem Privatleben mitbekommen, wussten, dass mit Livvy lange nicht alles rosig lief, aber von Emily hatten sie nichts gewusst. Das hatte ich niemandem erzählt. Dadurch, dass ich zu Hause jahrelang Geheimnisse mit mir herumgetragen hatte, war es mir irgendwann auch nicht mehr möglich gewesen, mich meinen guten Freunden anzuvertrauen. Außerdem … wie erzählt man anderen, dass die eigene Ehe nicht mehr funktioniert? Dass einem graust, nach Hause zu gehen, weil man nie weiß, was einen dort erwartet? Dass man hilflos zusehen muss, wie sich die eigene Frau ins Grab trinkt? Dass man in getrennten Betten schläft und kaum noch ein Wort miteinander wechselt? Ich habe die Probleme so lange in mich hineingefressen, dass ich gar nicht gewusst hätte, wo ich ansetzen sollte. Und da war ja auch noch stets die Hoffnung gewesen, dass es irgendwann wieder besser werden würde, so, wie es früher einmal gewesen war. Doch dann lernte ich Emily kennen, und sie hat mich von den Füßen gerissen. Ich hatte jemanden gefunden, der mich glücklich machte, jemanden, mit dem ich wieder lachen konnte, jemanden, der sich nicht ständig über mich ärgerte. Und da ich nicht wusste, wie ich einem anderen davon erzählen sollte, habe ich es eben niemandem erzählt. Nur … jetzt starrt jeder der Kollegen mich an, sie alle wissen jetzt, dass ich meine Frau betrogen habe. Meine verstorbene Frau.

Nach den ersten Schrecksekunden stellt jemand hinter der Bar die Jukebox wieder an, die Gespräche werden wieder aufgenommen, als wäre nichts passiert. Da das hier eine Weihnachtsfeier ist, gehen wahrscheinlich schon viel skandalösere und sehr viel interessantere Dinge in den dunklen Ecken vor. Nehme ich an …

„Davon hast du nie etwas gesagt“, hält Phil mir anklagend vor.

„Sorry“, erwidere ich zerknirscht. „Mit so etwas geht man nicht unbedingt hausieren, oder? Zu Hause stand längst nicht alles zum Besten.“

„Du meine Güte“, kommt es von Phil. „Also, dich hätte ich jetzt nicht für den Typ gehalten, der sich auswärts amüsiert. Ich dachte immer, das wäre mehr Daves Gebiet.“

Dave grinst nur schief. Als Überlebender zweier gescheiterter Ehen und unzähliger kurzer Affären fiel ihm dazu kein geistreicher Kommentar ein.

„Bin ich ja auch nicht, überhaupt nicht. Es ist nur … zu Hause war es echt schwierig, und dann … dann tauchte Emily auf und …“

„He, vor uns brauchst du dich nicht zu rechtfertigen.“ Dave klopft mir auf den Rücken. „Umso besser für dich, Kumpel. Emily ist in Ordnung. Hör nicht auf die Klatschmäuler, was wissen die schon?“

„Danke“, sage ich. „Ich weiß das zu schätzen.“

Ich sehe zu Emily. Sie scheint selbst schockiert und verwirrt über den Vorfall. Ich sollte sie schnellstens von hier wegbringen.

„Ich denke, es wird Zeit zu gehen“, sage ich entschieden und fasse sie beim Arm, führe sie in Richtung Garderobe. Sie torkelt und stolpert über die eigenen Füße. Mist! Was ist los mit ihr? Sie trinkt nie so viel, sie weiß doch, wie sehr ich das hasse.

„Adam, es tut mir so leid.“ Sie sieht noch immer schockiert aus, als könnte sie nicht begreifen, was da passiert ist.

Genauso wenig wie ich. Sollte ich vorgehabt haben, noch länger zu bleiben, so habe ich meine Meinung soeben schlagartig geändert. Es war eine miserable Idee, hierherzukommen. Und eine noch miserablere, Emily mitzubringen. Aus welchem Grund auch immer, aber Livvy hat immer starke Unterstützung von meinen Kollegen erhalten, und offensichtlich steht sie in der Firma noch immer hoch im Kurs. Keiner der Menschen hier weiß, wie sie wirklich gewesen war. Sie haben immer nur die glückliche Familie gesehen, haben unseren Zusammenhalt bewundert, trotz der Probleme mit Joe. Sie alle waren entsetzt über die Nachricht von Livvys Tod und haben mir wirklich sehr geholfen. Deshalb ist mir auch klar, dass es sie irritiert haben muss, wie verdächtig früh es doch war, dass Emily jetzt wie selbstverständlich an meiner Seite stand. Ich wünschte, sie alle würden sich ihre Verdächtigungen und intriganten Mutmaßungen sparen.

Nur bin ich jetzt sauer auf Emily, dass sie überhaupt gekommen ist. Dass sie sich betrunken hat. Dass sie den Abend ruiniert hat. Es ist unfair, ich weiß, aber zum ersten Mal fühle ich tatsächlich eine Spur Ärger, dass Emily nicht Livvy ist. Trotz allem, was zwischen mir und Livvy schiefgelaufen ist … es ist einfach nicht fair, was Livvy zugestoßen ist. Ich hatte nicht länger mit ihr verheiratet bleiben wollen, aber so etwas hätte ihr niemals zustoßen dürfen. Seit ihrem Tod befinde ich mich in einer Art Schwebezustand, fühle mich ständig zerrissen: Ich vermisse sie, ich trauere um sie, um Joes willen versuche ich, stark zu sein, mache nur langsam den nächsten Schritt mit Emily und fühle mich schuldig, weil ich glücklich mit ihr bin, obwohl ich nicht weiß, ob ich eine zweite Chance überhaupt verdient habe. Die Schuld liegt weder bei Emily noch bei irgendjemand anderem. Es ist einfach so.

Immerhin scheint die kalte Luft Emily ein wenig zu ernüchtern. Sofort zeigt sie die für Betrunkene typische Reue, und für einen kurzen Moment erinnert sie mich damit so sehr an Livvy, dass mir regelrecht übel wird. „Es tut mir so leid“, wiederholt sie ein ums andere Mal. „Ich habe viel zu viel getrunken. Oh, ich hoffe, ich habe dich nicht bei allen blamiert. Ich war nur so schrecklich nervös, und dann habe ich auch noch meinen Wein verschüttet … und ich habe mir Marigolds bösartige Kommentare anhören müssen und …“ Mit ehrlicher Reue im Blick sieht sie mich an, und ich erinnere mich daran, dass sie natürlich nicht Livvy ist. Es ist das erste Mal, dass ich Emily betrunken erlebe. Sicher amüsiert sie sich gern, aber bei ihr geht das auch ohne Alkohol. Wir beide haben viel Spaß zusammen, ohne auch nur einen Tropfen Alkohol. Mit Livvy, selbst in unseren Anfangszeiten, war Alkohol ein ständiger Begleiter. Vermutlich hätte ich Emily nicht zu der Party einladen sollen. Es war einfach zu früh. Und genau das ist das Problem: Alles ist einfach zu früh.

Ich ziehe sie in die Arme und halte sie fest an mich gedrückt. „Schon in Ordnung“, sage ich. „Die Kollegen haben mir in diesem Jahr alle unter die Arme gegriffen und waren ganz großartig, aber ehrlich gesagt … mir reicht es, dass hinter meinem Rücken getuschelt wird. Du bist das einzig Gute, was mir in den letzten Jahren zugestoßen ist, sollen die anderen doch denken, was sie wollen. Zumindest ist die Wahrheit jetzt heraus. Komm, gehen wir etwas essen.“

„Ich verspreche, nur noch Wasser zu trinken“, sagt Emily, und so schlendern wir den Bürgersteig hinunter bis zu dem Italiener, den wir beide so mögen. Wie es aussieht, ist nicht viel Betrieb, und als wir auf die Tür zugehen, läuft uns eine schwarze Katze über den Weg.

„Oh, hoffentlich bringt sie uns Glück.“ Emily schmiegt sich an mich.

„Ja, das hoffe ich auch“, murmele ich.

„Bist du auch ganz bestimmt nicht wütend auf mich?“ Emily ist so kleinlaut, dass ich ihr unmöglich noch länger böse sein kann. Ich studiere ihr Gesicht und weiß, was immer in der Vergangenheit passiert sein mag, sie ist meine Zukunft.

„Nein, ehrlich nicht“, bekräftige ich und ziehe sie in die Arme.

Weihnachten steht vor der Tür. Das Leben hat sich verändert, aber jetzt habe ich Emily an meiner Seite. Und im Moment fühle ich mich, als stünde mir die ganze Welt offen.

Livvy

Ich stehe eindeutig unter Schock. Meine Erinnerung an den Tag, an dem ich gestorben bin, steckt in einer zähen Nebelwolke fest, da ich so lange auf dem Parkplatz gesessen habe. Ich weiß, dass ich gerade dabei war, Adam eine wütende Nachricht zu schreiben, aber die genauen Worte waren in die hinterste Ecke meines Kopfes verdrängt worden. Vielleicht, weil ich mich nicht erinnern wollte? Jetzt allerdings wird mir klar, dass ich es wohl gewusst haben muss, von der ersten Sekunde an, als ich Emily in meinem Haus gesehen habe: Sie ist „die andere“. Nur wollte ich nicht wahrhaben, dass Adam das mit ihr weiterführt, auch nachdem ich nicht mehr bin. Ich habe doch seinen Schmerz und seine Trauer gespürt. Ich weiß, dass er noch Gefühle für mich hat. Ich weiß es einfach. Und das macht mich umso entschlossener, ihn wieder zurückzugewinnen. Malachi hat recht, da sind noch viele lose Enden zu verknoten. Ich muss Adam bewusst machen, was er vermisst. Ich habe ihn schon einmal an Emily verloren, ein weiteres Mal lasse ich das nicht zu. Schon gar nicht, wenn es dabei auch um meinen Sohn geht.

Eigentlich hatte ich gar nicht vorgehabt, auf dieser Firmenparty zu erscheinen. Doch als ich dann gehört habe, was Marigold und die anderen Frauen klatschen, dachte ich mir, es könnte nichts schaden, ihnen noch einen kleinen Schubs in die richtige Richtung zu versetzen. Ich meine mich erinnern zu können, dass Marigold diejenige mit dem Hang zu Okkultem war, sie würde also empfänglich sein. Und ja, es war recht leicht, mich in ihre Gedanken zu schleichen. Emily und Adam sind da leider sehr viel skeptischer, bei ihnen ist es schwer, sie dazu zu bringen, auf mich zu hören. Aber bei Marigold … ich brauchte mich nur hinter sie zu stellen und ihr die Idee einzugeben, dass Adam und Emily nicht gerade viel Zeit vergeudet hatten, bevor sie etwas miteinander angefangen hatten, und prompt verkündet sie diesen Gedanken auch schon ihren Freundinnen.

„Man sollte annehmen, er hätte etwas länger warten können, nicht wahr?“, erwiderte darauf eine Frau aus dem Verkaufsteam.

„Das ist ja regelrecht unanständig“, schnaubte eine andere.

„Also, wenn ihr mich fragt, das geht schon länger, als wir alle ahnen“, schlug Marigold weiter in die gleiche Kerbe, was ein allgemeines Nachluftschnappen rund um den Tisch auslöste – einschließlich von meiner Seite.

Es dauerte nicht lange, bis die Gerüchteküche mit den wildesten Vermutungen überbrodelte. Auf Marigold hat man sich schon immer verlassen können, wenn es darum ging, Klatsch und Tratsch zu verbreiten. Ich glaube, sie hat eine heimliche Schwäche für Adam, vermutlich hatte sie darauf gehofft, er würde in ihren Armen Trost suchen. Deshalb musste Emilys Auftreten ein echter Schock für sie gewesen sein, ich konnte die Antipathie ungehindert aus ihr herausströmen fühlen. Allerdings hatte ich nicht damit gerechnet, dass Emily lautstark ein öffentliches Geständnis ablegen würde. Wie konnte Adam mir das nur antun? Was habe ich getan, um das zu verdienen? Den Schock habe ich noch immer nicht verdaut. Ich werde sie auseinanderbringen, und Emily wird gefälligst ihre Griffel von ihm lassen. Adam gehört mir!

Doch meine Mission scheint keineswegs erfolgreich verlaufen zu sein. Ich hatte felsenfest damit gerechnet, er würde wütend auf sie sein, doch er ist widerwärtig schnell darüber hinweggegangen. Bei mir hat er sich immer schrecklich angestellt. Ich erinnere mich noch bestens an einen hitzigen Streit, bei dem er mir vorgeworfen hat, ihn in der Firma zum Narren zu machen, nur weil ich mit dem Managing Director eine kleine Tanzeinlage auf dem Tisch geboten hatte.

„Wir haben uns nur amüsiert“, hatte ich damals versucht, mich zu wehren. „Du hast ja komplett vergessen, wie das geht.“

Und er hatte mich mit diesem verständnislosen Blick angesehen. „Vielleicht habe ich einfach eine andere Vorstellung von Spaß als du“, hatte er dann gesagt.

An jenem Abend schliefen wir in separaten Zimmern. Er hat nie wieder darüber gesprochen. Aber jetzt, wenn ich ihn so sehe … Wie leicht er Emily vergeben hat, dabei hat sie ihn in wesentlich größere Verlegenheit gebracht, als ich es je getan habe. Es ist einfach nicht fair.

Autor