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Ein unmöglicher Gentleman

Miss Mary Alice Cynster hat ein Ziel: Nachdem ihre Schwester unter der Haube ist, will auch sie endlich den passenden Ehemann finden. Und sie weiß genau, wie er sein soll - nämlich keinesfalls so wie Ryder Cavanaugh, Marquess of Raventhorne! Dummerweise hat ausgerechnet dieser berüchtigte Charmeur ein Auge auf sie geworfen und umgarnt sie nach allen Regeln der Kunst. Mary würde natürlich nicht im Traum daran denken, diesen Schurken zu heiraten, auch wenn seine Küsse noch so verführerisch auf ihrer Haut prickeln …


  • Erscheinungstag: 08.05.2017
  • Seitenanzahl: 512
  • ISBN/Artikelnummer: 9783955766344
  • E-Book Format: ePub
  • E-Book sofort lieferbar

Leseprobe

1. Kapitel

London,
Mai 1837

Er ist der Gentleman, auf den Sie ein Auge geworfen haben?“

Mary Alice Cynster fuhr heftig zusammen – so heftig, dass sie das Gleichgewicht verlor. Jedenfalls beinahe. Als sie sich wieder gefangen hatte, wirbelte sie wütend herum und starrte ihren überaus irritierenden und, wie es schien, durch nichts zu entmutigenden Bewunderer finster an. Weshalb Ryder Cavanaugh sich ausgerechnet die Rolle eines lästigen Anbeters in ihrem Leben ausgesucht hatte, war ihr ein Rätsel, doch seit ihrer kurzen Begegnung beim Verlobungsball ihrer Schwester Henrietta vor zwei Tagen klebte er ihr an den Fersen und wurde langsam, aber sicher zu einer Plage.

Im Ballsaal von Felsham House, in dem sie einander gegenüberstanden, drängte sich an diesem Abend die Crème de la Crème des ton, die Gentlemen in schimmernden schwarzen Frackröcken, die Damen in prachtvollen Satin- und Seidenroben, die in der wogenden Menge wie leuchtende Farbtupfer wirkten. Allenthalben blitzten kostbare Juwelen, und Hunderte kultivierter Konversationen verschmolzen zu einem wohlmodulierten Stimmengewirr.

Mary hatte sich ins Halbdunkel unter der Sängerempore zurückgezogen, um das Objekt ihrer Begierde ungestört in Augenschein nehmen zu können. Dass Ryder sich ihr näherte, hatte sie erst gemerkt, als er plötzlich neben ihr stand und das Wort an sie richtete. Freilich bewegte er sich auch ungewöhnlich geschmeidig und lautlos, und das trotz seiner Größe. Und wie üblich unterstrich seine tadellos sitzende, streng geschnittene Abendgarderobe die kraftvolle Beweglichkeit seiner hochgewachsenen, muskulösen Gestalt. Mit der Schulter lässig gegen die Wand gelehnt, musterte er sie unter halb gesenkten Lidern hervor mit dem für ihn so typischen trägen Löwenblick.

Die meisten Menschen ließen sich von Ryders liebenswürdiger, freundlicher Art, die ein wenig an einen sanften Riesen erinnerte, täuschen. Mary nicht. Ihr war nicht entgangen, dass sich hinter seinen funkelnden grüngoldenen Augen ein Intellekt verbarg, der ihrem an Schärfe, Bestimmtheit und Entschlossenheit in nichts nachstand.

Doch trotz des irreführenden Eindrucks von Abgeklärtheit, den er wie üblich zur Schau trug, schien er von der Erkenntnis, auf wen ihr Interesse sich richtete, ehrlich überrascht zu sein. Jedenfalls dem Ton seiner Stimme nach zu urteilen – und der Tatsache, dass seine schweren Lider sich bei dem verstohlenen Blick über ihre Schulter hoben und seine Augen sich verblüfft weiteten.

Im Stillen bedachte Mary ihn mit einem höchst undamenhaften Schimpfnamen – er war wahrhaftig der letzte Mensch, den sie in die Angelegenheit einzuweihen wünschte –, dann heftete sie den Blick auf seine grünlich golden schillernden Augen, als wollte sie ihn hypnotisieren. „Lassen. Sie. Mich. In Ruhe.“

Wie zu erwarten, ignorierte er ihre Aufforderung. Genauso gut hätte sie sich den Atem sparen können. Ryder – oder, wie er sich seit dem Tod seines Vaters vor sechs Jahren korrekt titulierte, der fünfte Marquess of Raventhorne –, hielt sich, wie jedermann wusste und akzeptierte, ausschließlich an seine eigenen Regeln. Es gab nur wenige Gentlemen, die die führenden Damen der Gesellschaft als solche anerkannten, und die betreffenden Herren zeichneten sich durch ein Maß an persönlicher Macht aus, das es angeraten erscheinen ließ, ihnen zu gestatten, sich ungehindert in den Salons, Ball- und Speisesälen des ton zu bewegen, jedenfalls solange sie ein Mindestmaß an Umgangsformen beachteten. Es handelte sich um eine Art stillschweigender Duldung, die auf wechselseitigem Respekt beruhte.

Und während Mary ihm die Stirn bot – und seinem Blick standhielt –, war sie sich Ryders persönlicher Macht in allen Facetten und mit jeder Faser bewusst.

Eine Unausweichlichkeit auf derart kurze Entfernung.

Sie war nicht nur die Jüngste unter den noch unverheirateten Cynster-Mädchen, sondern auch die Zierlichste, und er sah auf sie herunter, als begutachtete er einen unverhofft saftigen Leckerbissen. Bei seiner Körpergröße von gut einem Meter achtzig hätte sie sich eingeschüchtert fühlen können, aber eine solche Wirkung übte er auf sie nicht aus. Sie fühlte sich verstört in seiner Gegenwart, aus der Balance gebracht, innerlich in Aufruhr versetzt, und das in einem Maß, dass sie mitunter in Ohnmacht zu fallen glaubte –, aber niemals in irgendeiner Weise bedroht. Was vielleicht daran lag, dass sie ihn, jedenfalls flüchtig, von klein auf kannte; ihre Familien gehörten zu den einflussreichsten im ton und verkehrten miteinander, wie es bei Familien hohen Ranges üblich war.

Der Blick seiner dicht bewimperten grüngoldenen Augen hielt ihren noch immer fest. „Sie können nicht ernsthaft glauben, dass Randolph ein geeigneter Ehemann für Sie ist.“

Mary reckte das Kinn, aber selbst auf diese Weise gelang es ihr nicht, ihn von oben herab zu mustern. „Es liegt auf der Hand, würde ich meinen, dass es sich dabei um eine Entscheidung handelt, die ausschließlich ich zu treffen habe.“

„Sparen Sie sich die Mühe. Sie passen nicht zueinander.“

„Finden Sie.“ Mary zögerte, doch wenn es irgendjemanden gab, der die Pläne seines Halbbruders kannte, dann war es Ryder. Sie hob die Brauen und tränkte ihren Ton mit so viel ungläubiger Hochnäsigkeit, dass es hoffentlich reichte, um ihn zum Plaudern zu veranlassen. „Und aus welchem Grund sollte das so sein, wenn man fragen darf?“

Während er offenbar überlegte, ob er antworten sollte, wartete sie und fragte sich, ob es vielleicht klüger sei zu leugnen, dass sie ein Interesse an Randolph hatte – Lord Randolph Cavanaugh, einem von Ryders Halbbrüdern und ein paar Jahre jünger als er. Doch als sie Ryder bei Henriettas und James’ Verlobungsball kurzerhand abgewiesen und seine Einladung ausgeschlagen hatte – eine Einladung, für die die meisten Damen des ton, ob jung, mittelalt oder betagt, zu allem bereit gewesen wären –, hatte sie unbeabsichtigt seine Neugierde erregt, und seitdem verfolgte er sie mit einer katzenhaft trägen, ausgesprochen ärgerlichen Unbeirrbarkeit.

Ihre Begegnung bei dem Verlobungsball war zwar erst zwei Tage her, doch Ryder war viel zu intelligent, um ihre Absichten nicht zu durchschauen. Es führte zu nichts, wenn sie versuchte, ihn zu täuschen – er würde nur umso mehr Katz und Maus mit ihr spielen.

Nichts anderes erwartete sie von ihm, als seine Lippen sich kaum merklich nach oben bogen und er ansetzte zu sprechen.

„Wenn ich die Gründe im Einzelnen aufzählen dürfte.“ Seine Stimme war so tief, dass sie an ein grollendes Schnurren erinnerte. „Gestatten Sie mir zunächst, darauf hinzuweisen, dass Sie, als das derzeit letzte ledige Cynster-Mädchen Ihrer Generation, auf dem Heiratsmarkt als Trophäe gelten.“

Mary runzelte die Stirn. „Es gibt nichts, was mir gleichgültiger wäre.“ Sie begegnete seinem Blick. „Davon abgesehen habe ich keine Ahnung, wieso jemand mich als einen Siegespreis betrachten sollte. Ich bin die Jüngste, und selbst wenn meine Mitgift sicherlich nicht zu verachten ist, so kann ich doch nicht als ein Diamant reinsten Wassers oder als herausragende Erbin gelten.“ Da sie ihn ohnehin nicht loswurde, konnte sie sich die Tatsache, dass er über hervorragende Verbindungen verfügte und außerordentlich gut informiert war, genauso gut zunutze machen und ihn aushorchen.

Ryder neigte den Kopf und biss sich auf die Zunge. Sonst wäre ihm entschlüpft, dass sie zwar recht hatte mit ihrer Feststellung, kein Diamant reinsten Wassers zu sein, dies jedoch an ihrer ausgeprägten Charakterstärke und nicht so sehr an mangelnder Schönheit lag. Sie war überaus anziehend, auf eine strahlende, lebenssprühende Weise, die einem Mann den Kopf verdrehte und seine Fantasie befeuerte, wie er aus eigener Erfahrung wusste, seit er ihr, von Neugierde und gekränkter Eitelkeit und einer rätselhaften Faszination getrieben, nicht mehr von den Fersen zu weichen vermochte. „Sie übersehen dabei einen wichtigen Punkt. In Ihrer Generation sind Sie für die anderen einflussreichen Familien die letzte Möglichkeit, sich mit den Cynsters zu verbinden. Danach wird es mehr als ein Jahrzehnt dauern, bis die Kinder Ihrer Verwandten auf den Heiratsmarkt kommen. Insofern sind Sie tatsächlich so etwas wie eine Trophäe, ob Sie es wollen oder nicht. Und was Randolph angeht – er wird weder einen Titel noch Besitz erben.“ Im Gegensatz zu ihm selbst. Er sah ihr unverwandt in die Augen, während er herablassend die Brauen hochzog. „Fragen Sie die führenden Damen des ton, wenn Sie mögen. Man rechnet fest damit, dass Sie eine gute Partie machen.“

Das Geräusch, das ihren Lippen entwich, klang verdächtig nach einem Schnauben. Ein Lächeln zuckte um Ryders Mundwinkel. Er konnte ihre abfällige Regung gut nachvollziehen.

Doch dann schüttelte sie den Kopf. „Nein. Wenn das stimmen würde, wäre ich von Verehrern umlagert.“

„Warten Sie es ab.“ Er sah keinen Grund, es ihr nicht zu sagen. „In der kommenden Saison werden Sie sich vor Kandidaten nicht retten können. Sie sind erst zweiundzwanzig, und Henriettas Verlobung und ihre bevorstehende Hochzeit nehmen Ihre Familie vorrangig in Anspruch. Das ist der Grund, warum die Gentlemen Sie im Augenblick nicht beachten.“ Außer ihm. Und er war entschlossen, sämtlichen möglichen Mitbewerbern den Rang abzulaufen.

Ihre Lippen – sie hatten die Farbe von Rosenknospen und wirkten ungewöhnlich üppig in dem jugendlichen Gesicht – wurden zu einem schmalen Strich. „Sei dem, wie es will, es interessiert mich nicht, was andere denken. Wenn es darum geht, wen ich heirate, zählt nur, was ich denke.“ Ihre Miene wurde womöglich noch angriffslustiger. „Und was die anderen Punkte anbetrifft …“

„Randolph passt nicht zu Ihnen. Er ist sechs Jahre jünger als ich und damit nur zwei Jahre älter als Sie.“ Indem er die Tatsachen aussprach, wurde Ryder klar, warum sie seinen Bruder als zukünftigen Gatten ausgesucht hatte. „Und nur für den Fall, dass es Ihrer Aufmerksamkeit entgangen sein sollte – wobei ich wetten würde, dass dies nicht der Fall ist –, mit vierundzwanzig mag ein Gentleman körperlich erwachsen sein, geistige Reife besitzt er deshalb noch lange nicht.“ Das Lächeln, das seine Lippen umspielte, war nicht wirklich echt. „Geben Sie Randolph Zeit, und er wird wie ich. Das garantiere ich Ihnen.“

Genau diesen Wandel zu verhindern war Mary fest entschlossen. Sie drehte sich von Ryder fort und bedachte den fraglichen Gentleman mit einem prüfenden Blick. Er stand bei einer Gruppe von Gästen in der Mitte des lang gestreckten Ballsaals. „Meiner Ansicht nach wird Randolph genau der richtige Ehemann für mich sein.“

Denn abgesehen von allem anderen war Randolph die entschieden harmlosere Version der beiden Brüder. Wenn sie ihn heiratete, da war sie absolut sicher, würde sie ihn so zu beeinflussen wissen, dass er sich auf keinen Fall zu der tödlich gefährlichen Sorte Herzensbrecher entwickelte wie Ryder. Im Grunde war die Heirat mit Randolph ein weitreichender Gefallen, den sie ihren Geschlechtsgenossinnen tat, denn einen zweiten Ryder brauchte die weibliche Hälfte der Bevölkerung eindeutig nicht. Selbst wenn man seine körperliche Wirkung außer Acht ließ, war dieser Mann absolut unbeherrschbar.

Den Blick auf Randolph geheftet, zählte sie sich im Stillen noch einmal seine Vorteile auf. Im Gegensatz zu Ryders honigblonder Mähne war sein Haar dunkelbraun, so wie das seiner Mutter Lavinia. Während Ryder sein Haar ein wenig länger trug, sodass es ihm in interessant verwuschelten, wie vom Wind zerzausten Locken auf die Schultern fiel und jede Frau reizte, mit den Fingern durch die widerspenstige Pracht zu fahren, war Randolphs Haar modisch kurz geschnitten, weder zu lang noch zu kurz, so wie bei den meisten anwesenden Gentlemen.

Randolph hatte breite Schultern, wenn auch nicht so auffallend breite wie Ryder. Er war schlanker als Ryder, doch Ryder überragte ihn um mehrere Zentimeter, sodass die eindrucksvolle Breite seiner Schultern im richtigen Verhältnis zu seiner Größe stand. Auch bei Randolph stand alles im richtigen Verhältnis, nur auf eine etwas gewöhnlichere, weniger gottgleiche Art.

Das, so gestand Mary sich im Stillen ein, fasste die Unterschiede zwischen den beiden Halbbrüdern im Wesentlichen zusammen. Und nicht nur zwischen Ryder und Randolph, sondern auch zwischen ihm und Randolphs jüngeren Brüdern Godfrey und Christopher, der allgemein Kit genannt wurde. Ryder war der einzige Spross aus der ersten Ehe seines Vaters; bei Randolph, Christopher und Godfrey handelte es sich um die Söhne der zweiten Frau des verstorbenen Marquess, Lavinia. Es gab auch eine Schwester. Sie hieß Eustacia und wurde Stacie genannt. Mary kannte sie alle, wenn auch nur flüchtig, und sie würde alles Notwendige über sie lernen müssen, wenn sie wirklich in die Familie einheiratete.

Sie brannte darauf, ihr Vorhaben voranzutreiben und Randolph davon zu überzeugen, um ihre Hand anzuhalten. Die letzten Monate der Saison hatte sie damit verbracht, sich die infrage kommenden Gentlemen genau anzusehen, und sobald sie entschieden hatte, dass Randolph ihren Anforderungen nahezu vollkommen entsprach, hatte sie alles darangesetzt, ihre ältere Schwester Henrietta dazu zu bewegen, die Kette zu tragen, die eine schottische Gottheit, die unter dem Namen „die Lady“ bekannt war, den Cynster-Mädchen geschenkt hatte. Die Lady war der Familie über Catriona, der Ehefrau von Marys Cousin Richard, verbunden. Catriona war ihre Lieblingspriesterin, und durch sie hatten die Cynster-Mädchen die Anweisung erhalten, die Kette zu tragen, um ihre Traummänner zu finden. Gemeinsam hatten sie den Traummann als den Mann definiert, der ihr Herz im Sturm erobern und sie in den Ehehimmel entführen würde. Anfangs waren sie alle skeptisch gewesen, was die Zauberkraft der Kette anging, doch es hatte gewirkt, erst bei Heather, dann bei Eliza, dann bei Angelica und schließlich, obwohl sie am wenigsten daran geglaubt hatte, sogar bei Henrietta.

Die Kette bestand aus Amethystperlen, Goldgliedern und einem kegelförmig geschliffenen Rosenquarz. Henrietta hatte sie Mary gegeben, und nun zierte sie ihren Hals, und der Kristallanhänger lag warm zwischen ihren Brüsten.

Sie glaubte daran – von ganzem Herzen und mit all ihrer beachtlichen Willensstärke –, dass es auch bei ihr wirken würde.

Um die Angelegenheit zu befördern, hatte sie ihre Hausaufgaben bereits im Vorhinein gemacht, das Terrain erkundet und Randolph Cavanaugh als den Richtigen identifiziert – den perfekten Ehemann für sie. Alles, was die Kette noch für sie erledigen musste, war, ihre Wahl zu bestätigen.

Sie hatte den Schmuck vorgestern Abend erhalten, unmittelbar vor Henriettas Verlobungsball. Henrietta hatte ihn ihr umgelegt, und seitdem trug sie ihn um den Hals. Gestern Abend hatte sie erstmals Gelegenheit gehabt, mit Randolph zu sprechen. Sie waren beide bei Lady Cornwallis’ Soiree eingeladen gewesen, doch obwohl sie mehr als eine halbe Stunde bei seiner Gruppe gestanden und mit ihm geplaudert hatte, hatte sie nichts Besonderes gefühlt.

Sie war nicht sicher, was sie erwartet hatte, doch nach allem, was sie von ihren Cousinen und Henrietta gehört hatte, entfaltete die Kette ihre Wirkung nicht aktiv, sondern eher wie ein stummer Wegweiser. Wenn sie sie trug, durfte sie sicher sein, dass sie ihrem Traummann begegnete, aber auf mehr konnte sie nicht hoffen. Nicht einmal auf ein eindeutiges Zeichen.

Demnach würde sie mehr Zeit mit Randolph verbringen müssen. Wenn er tatsächlich ihr Traummann war, ihr unbestreitbarer Traummann, dann … würde schon irgendetwas passieren. Ein zündender Funke überspringen – vielleicht.

Sie trat einen Schritt zur Seite, blickte zu Randolph und wog die verschiedenen Möglichkeiten, sich ihm zu nähern, gegeneinander ab. Wie sollte sie am besten vorgehen?

Sie musste die Worte laut ausgesprochen haben, denn Ryder beugte sich mit fragendem Blick näher zu ihr. Sie unterdrückte den schier überwältigenden Drang, ihn anzusehen. Er war jetzt so nah, dass sie praktisch zwangsläufig in den Bann seiner faszinierenden grüngoldenen Augen, seiner sündigen Lippen und seines verruchten Lächelns geraten würde, wenn sie es tat …

Sie konnte ihn an ihrer Seite spüren wie eine verführerische Empfindung von Wärme, lockend und sündhaft sinnlich. Seine Gegenwart war wie eine unbestimmte Verheißung, von der jedes weibliche Wesen sich angezogen fühlte wie eine Motte vom Licht. Mary war überzeugt, dass er mit dieser ungewöhnlich sinnlichen Ausstrahlung zur Welt gekommen sein musste.

Nicht dass sie unempfänglich gewesen wäre für seine Wirkung, die Anziehungskraft nicht gespürt hätte, die von ihm ausging, oder dass sie sie kaltgelassen hätte. Aber sie wusste auch, dass sie einem Mann, sobald sie ihn erkennen ließ, dass er ihr nicht gleichgültig war, Macht über sich gab.

Und sie hatte schon vor langer Zeit beschlossen, dass sie das Heft des Handelns in der Hand behalten wollte, vor allem wenn es um sie selbst ging.

Die zahlreichen gut aussehenden, von Natur aus beherrschenden Männer ihrer Familie hatten ihr mehr als genug Anschauungsmaterial dafür geliefert, wie dominante Exemplare des anderen Geschlechts sich verhielten. Wie sie reagierten, wenn eine Frau sich für sie empfänglich zeigte, und was die verräterischen Anzeichen waren.

Sie hatte hart daran gearbeitet, diese verräterischen Anzeichen aus dem Repertoire ihrer unwillkürlichen Reaktionen zu tilgen.

Obwohl sie Ryders Ausstrahlung genauso intensiv wahrnahm wie jedes andere weibliche Wesen, gab sie ihm keinen Grund zu glauben, dass er auch nur den geringsten Eindruck auf sie gemacht hatte.

Schließlich war es nicht seine Aufmerksamkeit, auf die sie aus war, sondern Randolphs, und heute Abend war sie entschlossen, sie zu bekommen. Sie trug ihr neues kornblumenblaues Seidenkleid, das die gleiche Farbe wie ihre Augen hatte und den intensiven Lilaton der Amethystperlen wunderbar zur Geltung brachte.

Randolph. Sie konzentrierte sich auf ihn. Doch während es leicht war, ihren Blick auf ihn zu heften, taten ihre restlichen Sinne sich schwer zu folgen.

Verdammter Ryder. Und wenn sie es noch so gut verbergen konnte – solange er ihr so nahe war, hatten ihre abtrünnigen Sinne weit mehr Interesse an ihm als an Randolph. Wenn es nach ihnen ging, verblasste Randolph neben seinem älteren Halbbruder zur Bedeutungslosigkeit – obwohl er gut aussah, gut gebaut und in körperlicher Hinsicht sehr attraktiv war. Wahrscheinlich würde jedes weibliche Wesen, ob Mitglied des ton oder nicht, Ryder bereitwillig auf einen Sockel in der Ruhmeshalle der atemberaubend gut aussehenden, unerhört attraktiven Männer stellen.

Aber edel war, wer sich edel verhielt, oder anders gesprochen, Ryder war einfach zu gut aussehend, zu attraktiv in jeder Hinsicht, als dass es ihm oder sonst jemandem gutgetan hätte.

Vor allen Dingen nicht ihr. Über ihre Widerstandskraft machte sie sich keine Illusionen, Ryder hatte einen stärkeren Willen als sie. Sie würde nie mit ihm fertigwerden. Keine Frau schaffte das.

Randolph dagegen traute sie sich absolut zu. Er würde sehr gut zu ihr passen.

„Auf die Gefahr hin, dass Sie mir gleich den Kopf abreißen“, murmelte Ryder neben ihr. „Aber wie hatten Sie geplant, Randolph davon zu überzeugen, dass Sie die Richtige für ihn sind?“

Ryder hörte das Geräusch von Schritten auf der Galerie über ihren Köpfen. Mit ein wenig Glück waren es die Musiker, die ihre Plätze einnahmen und gleich anfangen würden zu spielen. Alles, was er tun musste, um sein Anliegen voranzutreiben, war, Mary aufzuhalten, bis die ersten Töne erklangen.

Langsam wandte sie sich zu ihm um; gerade so weit, dass sie ihn mit einem Blick messen konnte, den sie wahrscheinlich für durch und durch entmutigend hielt. Er verkniff sich ein Grinsen. Sie musste noch viel lernen, wirklich entmutigt wäre er gewesen, wenn sie ihm ein nichtssagendes Lächeln geschenkt hätte. Ihr Widerstand lockte ihn wie kaum etwas sonst, aber für einen Mann, dessen Verlangen so abgestumpft war wie seines, bot einzig das Neuartige noch etwas Spannung. Da er Mary auf keinen Fall verjagen wollte, verzichtete er darauf, mehr zu sagen, und wartete stattdessen mit der Geduld des erfahrenen Jägers auf ihre Antwort.

Ihr finsterer Blick verwandelte sich in ein missbilligendes Stirnrunzeln. „Ich wüsste nicht, was Sie das angeht.“

Er seufzte gedehnt. „Ich würde meinen, das liegt auf der Hand – Randolph ist schließlich mein jüngerer Bruder.“

„Halbbruder.“ Hochnäsig drehte sie sich von ihm fort und richtete den Blick erneut auf Randolph. „Zugegebenermaßen ähnelt er Ihnen in nichts, trotzdem will mir nicht einleuchten, warum Sie glauben, Ihren jüngeren Bruder vor jemandem wie mir schützen zu müssen.“

Es zuckte um seine Mundwinkel. „Impertinentes Mädchen.“ Aber wenn er ehrlich war, hatte sie den Nagel auf den Kopf getroffen. Sie warf ein Auge auf seinen unschuldigen jüngeren Bruder, und er fühlte sich umgehend für Randolph verantwortlich. Eine junge Dame wie sie würde ihn zu Tode ängstigen, zumindest solange er so unerfahren war.

Ryder schmunzelte innerlich. Dass sich seine beschützerischen Regungen mit seinen persönlichen Zielen derart in Einklang befanden, war reines Glück. Oder, wie es in seinem Leben häufig vorkam, eine glückliche Fügung des Schicksals.

Ohne den Blick von Randolph zu lösen, zuckte Mary mit den zarten Schultern. „Ich bin, wie ich bin, aber daraus lässt sich wohl kaum eine Bedrohung für Randolph konstruieren.“

„Nun, das kommt ganz auf den Standpunkt an.“

Sie schoss ihm einen mörderischen Blick zu, doch ehe sie das Wort ergreifen konnte, war von der Galerie über ihnen das kurze raue Kratzen von Saiten zu hören, dem unverzüglich die perlenden Anfangstakte eines Walzers folgten.

Perfekt.

Ehe sie reagieren konnte – geschweige denn flüchten –, trat Ryder aus dem Dämmer der überragenden Empore in das helle Licht der Kristalllüster und machte eine Verbeugung vor Mary, die nichts weniger als schwungvoll war. Er streckte die Hand aus und begegnete ihrem ungläubigen Blick. „Gestatten Sie mir, Sie um die Ehre dieses Tanzes zu bitten.“

Etwas Wildes flackerte in ihren Augen auf und, ja, eine Spur Entsetzen. Er beobachtete sie und konnte genau erkennen, wann sie begriff, was ihr bevorstand, wenn er sie in den Armen hielt. Sie würde nicht mehr in der Lage sein, ihre Reaktion auf ihn zu vertuschen – die urtümliche, kreatürliche Reaktion, von der er vermutete, nein, ganz sicher war, dass sie sie unterdrückt hatte.

Ihr Blick fiel auf seine Hand, hob sich zu seinem Gesicht. „Nein.“

Er lächelte. Angespannt. „Ich bin sicher, Sie werden es für sinnvoll erachten, keine Szene zu machen und damit die Aufmerksamkeit der führenden Damen des ton auf uns zu lenken. Denn …“, er zog eine Braue hoch, „… welche Erklärung sollte es geben für Ihre Weigerung, mit mir zu tanzen?“

Ohne den Blick zu senken, verengte sie langsam die Augen. Sie presste die Lippen, ihre üppigen Lippen, die seine Fantasie in Atem hielten, zu einem schmalen Strich zusammen. Dann nickte sie. Knapp. „In Ordnung.“ Sie streckte ihm ihre Hand hin und hielt eine Daumenbreite vor seiner in der Bewegung inne.

Er widerstand dem Drang, ihre Hand einfach zu ergreifen und die Finger zu umfassen. Stattdessen sah er sie an und hob abermals eine Braue.

Unbezwingbarer Wille stand in ihren blauen Augen. „Dieser eine Tanz. Und dann bringen Sie mich zu Randolph.“

Er zögerte nicht. „Einverstanden.“ Seine Finger schlossen sich um ihre, er zog sie ein Stück näher und wandte sich in Richtung Saalmitte, wo die Gäste bereitwillig zurückwichen, um für die Tanzenden Platz zu machen.

Lächelnd geleitete er Mary zum Parkett. Aus der Art, wie sie neben ihm herging, leichtfüßig und beinahe eifrig, konnte er ersehen, dass sie glaubte, einen Sieg davongetragen zu haben – oder zumindest ein Unentschieden.

Doch sie focht mit einem Meister. Und was das reizvolle Spiel zwischen den Geschlechtern anging, so hatte er mehr Einzelheiten vergessen, als sie sich je würde aneignen können. Er war absolut bereit, ihren Wunsch zu erfüllen.

Doch erst wollte er seinen Preis – den Walzer. Den ersten von vielen, auch wenn sie das im Augenblick noch nicht wusste.

Sie erreichten die Tanzfläche. Er drehte sich zu ihr um und zog sie sanft in seine Arme. Es überraschte ihn nicht, dass sie bereitwillig zu ihm trat, ihre schlanke Hand auf seine Schultern legte und ihm, ohne zu zögern, gestattete, ihre andere Hand zu ergreifen. Doch anstatt ihn anzuschauen, blickte sie zur Seite, dorthin, wo Randolph stand und sich mit seinen Freunden unterhielt.

So als wäre sie, obwohl er sie in den Armen hielt, in Gedanken ganz woanders …

Er legte seine Hand um ihre schmale, biegsame Taille, und da war es. Das vielsagende Beben durchlief sie, egal wie sehr sie sich bemühte, es zu verbergen.

Die Vorfreude zauberte ein Lächeln auf seine Lippen, er führte Mary in die erste Drehung und schwelgte in ihrer prompten, nicht zu leugnenden Reaktion. Dem Aufleuchten ihrer Augen, als ihr Blick zu seinem Gesicht hochzuckte. Der Art, wie sich ihre sinnlichen Lippen öffneten, dem leisen Aufkeuchen, das ihnen entwich.

Von diesem Moment an hatte er ihre ungeteilte Aufmerksamkeit.

Und er hatte nicht vor, sie je wieder zu verlieren, von sich abschweifen zu lassen.

Auf die Wiegeschritte und Drehungen, den mitreißenden Tanz ihrer Sinne konzentriert, wirbelte er sie übers Parkett und fing den Blick ihrer kornblumenblauen Augen, gab alles, um die Intensität ihrer mühelosen Bewegungsabläufe, ihrer vollkommenen Anmut zu steigern.

Wenn er als ein meisterhafter Tänzer gelten konnte, dann war sie eine grazile Göttin. Und sie war ihm ebenbürtig, erfüllte absichtslos, gleichsam unwillkürlich seine hohen Ansprüche.

Doch obwohl ihre Blicke sich ineinander verfangen hatten, leistete sie Widerstand, leugnete jedwede Empfänglichkeit für ihn.

Welch eine Herausforderung!

Er für sie und sie für ihn.

Das Hin und Her von Anziehung und Abstoßung zwischen ihnen war wie ein Fehdehandschuh, den sie einander unentwegt zuwarfen, ohne sich eines Wortes bedienen zu müssen. Die schiere Kraft dessen, was sie mit Blicken zu sagen vermochten, genügte.

Ein zufälliger Beobachter hätte in ihnen nichts als ein Paar gesehen, das einen Walzer tanzte und sich dabei in die Augen sah.

Für einen Außenstehenden war ihr elementares Ringen, ihr wortloser Kampf nicht zu erkennen.

Ein Kampf, der sich, wie Ryder vermutete, sehr bald in eine Belagerung verwandeln würde.

Sein inneres Raubtier war begeistert, fühlte sich belebt, angeregt und voller Vorfreude. Dabei hatte er keine bewusste Entscheidung getroffen, das entsprach nicht seinem Wesen. Er wusste seit Langem, dass er am ehesten dann Erfolg hatte, wenn er seinem Bauchgefühl folgte.

Und genau das tat er jetzt – sein Bauchgefühl hatte ihn zu Mary Cynster gelenkt, und nun würde er alles daransetzen, sie zu erobern.

Er würde sie für sich gewinnen, und er wusste, dass dieses Ansinnen absolut richtig war. Das richtige Ansinnen, um ihn voranzubringen und das zu bekommen, was er für sein Leben brauchte und wollte.

Um sein Leben zu dem zu machen, was er sich vorstellte.

Das war alles, was er wissen musste.

Und damit war die Schlacht für ihn so gut wie gewonnen. Mochte Mary Cynster sich noch so abweisend geben, sein angeborener Spürsinn hatte ihn nicht getrogen. Vielleicht wollte sie ihn jetzt noch nicht, aber das würde sich ändern.

Mary hatte Mühe zu atmen. Ihr Brustkorb fühlte sich an wie in einem Schraubstock, ihre Kehle war wie zugeschnürt. Ryders Lippen verzogen sich zu einem trägen Lächeln, und die Entschlossenheit in seinem Blick bekam etwas Hitziges. Zielgerichtetes. Durchdringendes. Ausgeprägtes.

Sie konnte nicht so tun, als wüsste sie nicht, was vorging, und sie verschwendete keine Zeit darauf, es zu versuchen. Ryder, verdammt sollte er sein, hatte sie durchschaut, wenn nicht von Anfang an, so doch spätestens in dem Moment, als sie zu Randolph hingeblickt und für einen Moment die in jeder Hinsicht weit größere Gefahr, die genau vor ihr stand, vergessen hatte.

In dem Moment, da er ihr seine große, starke Hand auf den nur von der dünnen Seide verhüllten Rücken gelegt hatte …

Sie verdrängte den Gedanken. Allein die Erinnerung reichte aus, dass ein Schauer sie durchlief. Schon wieder. Dem Raubtier, das sie über die Tanzfläche wirbelte, brauchte sie wahrhaftig keinen weiteren Köder hinzuwerfen.

Was sie dagegen sehr wohl brauchte, war die Kontrolle über sich selbst. Sie musste sie unbedingt zurückerlangen. Denn wenn sie heute Abend irgendetwas gelernt hatte, dann dass Ryder es sich, aus welchen unverständlichen Gründen auch immer, in den Kopf gesetzt hatte, sie zu erobern, und dass er einer der wenigen Gentlemen des ton war, der über das notwendige Maß an Intelligenz, Begabung und Geschick verfügte, um mit ihr fertigzuwerden. Sie zu verführen, zu steuern und, was das Ärgerlichste von allem war, sie zu manipulieren – wie dieser Walzer hinreichend bewies. Allein der Gedanke, dass jemand so viel Macht über sie hatte, führte dazu, dass sie die Zähne zusammenbiss, trotzig wurde, auf stur schaltete und Widerstand leistete … dabei wusste sie sehr gut, dass es in diesem Fall klüger gewesen wäre, zu fliehen, statt zu kämpfen.

Eine kluge Frau mutete sich nicht mehr zu, als sie bewältigen konnte – und bei Ryder war das ausgeschlossen. Keine Frau würde ihm das Wasser reichen können.

Schlimmer, es gab nicht einen Bereich in ihrem Leben, in dem er ihr nicht überlegen war. Ihrer Einschätzung nach besaß er ebenso viel Geschick wie sie, wenn es darum ging, gesellschaftliche Regeln zu seinem Vorteil zu nutzen.

Ja, wahrhaftig, sie tat besser daran, die Flucht zu ergreifen, um die größtmögliche Entfernung zwischen Ryder und sich zu bringen und ihn auf Abstand zu halten, bis er seine Jagd auf sie einstellte und sich einer geneigteren Beute zuwandte.

Wobei sie natürlich annahm, dass er in ihr, wie in allen Frauen, lediglich einen amüsanten Zeitvertreib sah …

Ein beunruhigender Gedanke kam ihr, bahnte sich seinen Weg in ihr Hirn. Es war nicht zu leugnen, dass sie – blutjung, unverheiratet, aus einer der besten Familien des Landes stammend – in keiner Weise den Damen ähnelte, mit denen er sich für gewöhnlich zu vergnügen pflegte.

Sie gestattete dem innerlichen Stirnrunzeln, sich in ihren Augen zu zeigen. Das angespannte Schweigen zwischen ihnen – das Schweigen zweier gleichermaßen dominanter Persönlichkeiten, von denen keine nachgeben würde – hielt an.

Ohne darüber nachzudenken, brach sie es. „Warum tun Sie das?“ Sie musste nicht konkreter werden, das wusste sie.

Eine Sekunde verging, dann hob er eine Braue. „Was glauben Sie?“

„Wenn ich auch nur den Hauch einer Ahnung hätte, würde ich nicht fragen. Und in Ihrem Fall wäre es eine Anmaßung von mir zu glauben, ich wüsste, was Sie denken.“

Es zuckte unmerklich um seine Lippen, dann wurde, wenn auch widerwillig, ein anerkennendes Lächeln daraus. „Sehr klug.“

Sie wollte noch etwas sagen, doch er zog sie dichter an sich.

Dicht genug, dass sie die Wärme seines Körpers durch ihrer beider Kleidung hindurch spüren konnte; dicht genug, dass sie mit jeder Faser und völlig unvorbereitet in einem Meer von Empfindungen landete, in der unabweisbaren Wahrnehmung, von ihm umhüllt zu sein, von einem männlichen Körper, der so viel größer und fester, schwerer und muskulöser und unendlich kraftvoller war als ihr eigener.

Fremdartig, so völlig anders und gleichzeitig unwiderstehlich anziehend.

Das Atmen fiel ihr schwer. Ihre Gedanken überschlugen sich. Ihr Verstand arbeitete schneller, als ihre Füße sich bewegten.

Als er sie durch die nächste Drehung führte, eine unerwartet enge Drehung, weil andere Paare sich um sie drängten, prickelte ihr ganzer Leib. Sie konnte es ihm nicht einmal anlasten, als er sie noch näher zu sich zog und seine Hand auf ihrem Rücken sich anspannte und sie für den Bruchteil einer Sekunde beschützend an sich presste und sein fester Schenkel sich zwischen ihre drängte, während er sie im Kreis herumwirbelte …

Dann waren sie aus dem Gedränge heraus, und Mary rang nach Luft.

„Ryder …“, brachte sie mühsam zustande.

Die letzten Takte des Walzers verklangen, dann war der Tanz zu Ende. Lächelnd gab er sie frei, wie es sich gehörte, und machte eine formvollendete Verbeugung.

Sie presste die Lippen zusammen, knickste und ließ sich von ihm aufhelfen.

Bevor sie etwas sagen konnte, um vielleicht eine Antwort von ihm zu erhalten – irgendeine Antwort –, hob er den Kopf und ließ den Blick durch den Saal schweifen. „Auf zu Randolph.“ Er sah sie an, eine unendlich milde und beinahe unschuldige Frage in den Augen. „Jedenfalls wenn Sie noch immer den Wunsch haben, dass ich Ihnen den Weg ebne.“

Sie starrte in seine grüngoldenen Augen und wusste nicht, was sie denken sollte. Sein Verhalten machte sie misstrauisch – wie auch nicht? –, aber … Sie neigte den Kopf. „Ja, bitte.“

Er sah sie an, abwartend, zog erneut eine Braue hoch. „Und …?“

Sie wusste, worauf er hinauswollte, ließ einen Moment verstreichen, ehe sie nachgab. „Ich danke Ihnen für den Walzer.“

Er lächelte – und ihr blieb fast das Herz stehen. Dann bot er ihr schwungvoll den Arm. Als sie sich bei ihm einhakte, beugte er sich zu ihr herunter und murmelte leise: „Es war mir ein Vergnügen.“

Die unverhüllte Sinnlichkeit in seinem Ton sandte einen erregenden Schauer an ihrem Rückgrat hinunter. Mary widerstand dem Drang, ihn anzusehen, wandte sich ab und blickte sich um. „Randolph steht da drüben“, teilte sie ihm aufatmend mit.

Ohne Ryder anzuschauen, deutete sie mit dem Kinn in die Richtung, wo sein Halbbruder mit ein paar anderen jungen Leuten zusammenstand.

Ryder zögerte kaum merklich, dann begleitete er sie wie verabredet zu Randolph.

Sobald er Mary dem Kreis um seinen Bruder vorgestellt und ein paar höfliche Floskeln mit den jungen Leuten gewechselt hatte – für seine Mühen erntete er einen argwöhnischen Blick von seiner Auserkorenen –, entfernte er sich von der Gruppe. Obwohl er die jungen Männer, allesamt Freunde Randolphs, gut kannte und selbst den jungen Damen in der Gruppe gelegentlich schon begegnet war, war er doch so viel älter, dass er einer anderen Generation angehörte. Außer dem unberechtigten Interesse der jungen Damen an seiner Person gab es wenig Verbindendes auf beiden Seiten.

Ohne Eile schlenderte er in den angrenzenden Raum, wo das Büfett mit den Erfrischungen stand, ließ die Ereignisse des Abends vor seinem inneren Auge Revue passieren und gratulierte sich zu seinem Erfolg. Nachdem er den Entschluss gefasst hatte, eher früher als später zu heiraten – zumal „später“ bedeutete, dass die führenden Damen des ton sich einmischten –, war es ihm naheliegend erschienen, die Einladung zu Henrietta Cynsters und James Glossups Verlobungsball zu seinem Vorteil zu nutzen. Sobald sein Blick auf Mary gefallen war, hatte er erkannt, dass sie perfekt zu ihm passte, und sich ihr genähert, um sie eingehender zu begutachten. Er war ohne viel Federlesens abserviert worden.

Die Zurückweisung hatte ihn so verblüfft, dass er ihr umso hartnäckiger nachgestellt und dabei irgendwann unfreiwillig mit angehört hatte, dass sie auf der Suche nach ihrem Traummann war – dem Gentleman, den sie zu heiraten gedachte. Sie hatte erklärt, dass sie den Glücklichen bereits gefunden, bis zu diesem Abend jedoch seinen Namen nicht gekannt habe.

Als Ryder erfahren hatte, dass Randolph derjenige war, auf den sie ein Auge geworfen hatte, hätte er innehalten, sich zurückziehen und seinem Bruder freie Bahn lassen können. Aber er wusste, dass Randolph keinerlei Interesse an einer Heirat hatte, schließlich war er erst vierundzwanzig. Der einzige Grund, weswegen er Bälle besuchte, war seine Mutter. Lavinia versuchte ihr Glück als Ehestifterin, und Randolph war noch in einem Alter, in dem er sich den Wünschen seiner Mutter fügte, statt eine Konfrontation mit ihr zu riskieren. Davon abgesehen war allein die Vorstellung einer Ehe zwischen Mary und Randolph eine Katastrophe, und für Randolph würde sie das in jedem Fall, denn Mary war viel zu … unabhängig. Viel zu eigensinnig und stark. Viel zu zielstrebig, durchsetzungsfähig und manipulativ.

Sie würde den armen Randolph völlig an die Wand spielen und ihn nach ihrer Pfeife tanzen lassen.

Ryder lächelte. Natürlich würde sie das Gleiche auch bei ihm versuchen, aber nicht nur war er ihr mehr als gewachsen, er freute sich auf das Gefecht, den Kampf mit ihr.

Auf die Herausforderung.

Er kannte sich selbst gut genug, um zu wissen, dass allein die Aussicht ihn reizte, ganz davon abgesehen, dass Mary ihm, im Unterschied zu den meisten jungen und sogar vielen reiferen Damen des ton, fest in die Augen blickte. Wenn sie sich unterhielten, war sie auf das fokussiert, was zwischen ihnen vorging, auf die Verbindung von Person zu Person, seiner und ihrer, und wie bei allem, was sie tat, war sie stets vollkommen bei der Sache. Ihre Aufmerksamkeit schweifte nicht ab, und sie ließ sich auch nicht leicht ablenken. Wenn sie miteinander sprachen, galt ihr Interesse ganz und gar ihm.

Sein inneres Selbst hatte mit der Großkatze, mit der er häufig verglichen wurde, viel gemeinsam, und die Ausschließlichkeit von Marys Interesse war für sein löwenhaftes Selbstbewusstsein wie eine ausgiebige Streicheleinheit, die ihn vor Vergnügen schnurren ließ.

Er trat zum Büfett, nahm sich ein Glas Brandy von einem Tablett, trank einen Schluck und wandte sich um. Entspannt ließ er den Blick über die Gästeschar gleiten und heftete ihn schließlich auf Randolph und Mary. Sie standen nebeneinander, hörten einem von Randolphs Freunden zu, Randolph begierig, Mary mit verhohlener Ungeduld. Den Gesten nach, mit denen der junge Mann seine Rede begleitete, schien es um Reiten zu gehen.

Selbst aus der Entfernung konnte Ryder erkennen, dass Mary desinteressiert war. Und kurz davor, gelangweilt zu sein.

Aus genau diesem Grund hatte er sie bei Randolph gelassen, in dem Kreis junger Leute, der keinerlei anregende Unterhaltung für sie bereithielt. Oder jedenfalls keine, die sie anregend fand. Einen größeren Gegensatz zu dem Walzer davor konnte es gar nicht geben.

Und besser noch, Randolph und seine Bekannten würden sie ein wenig erdrückend finden und ihr mit Zurückhaltung begegnen. Was sie vermutlich auf die Palme bringen würde.

Lächelnd trank Ryder einen weiteren Schluck. Lady Felsham servierte ihren Gästen einen recht genießbaren Brandy.

Aus dem Augenwinkel nahm er eine Bewegung wahr. Als er zur Seite sah, blickte er in das geschminkte Gesicht seiner Stiefmutter. Lavinia war dunkelhaarig und hatte dunkle Augen, und obwohl sie nun, mit Mitte vierzig, bedauerlich korpulent wurde, ließ ihr Gesicht noch immer erkennen, dass sie einmal eine schöne Frau gewesen war. Ryder hatte wenig mit der Marchioness of Raventhorne zu tun – jedenfalls so wenig wie irgend möglich. Bewusst langsam neigte er den Kopf. „Lavinia.“

Verärgert musterte seine Stiefmutter ihn vom Scheitel bis zur Sohle. Ihr Blick blieb an dem großen Diamanten, der seine Krawattennadel zierte, hängen. Das Schmuckstück hatte seinem Vater gehört und war Teil der Familienjuwelen, auf die sie nach dem Tode des Marquess keinen Zugriff mehr hatte.

Ihre Busenfreundin, Lady Carmody, war bei ihr. Sie schenkte ihm ein unterwürfiges Lächeln und knickste, was er mit einer knappen Verbeugung beantwortete. Er hatte schon vor langer Zeit herausgefunden, dass untadelige, eisige Höflichkeit am ehesten dazu angetan war, sich Lavinia und ihre Freunde vom Hals zu halten.

„Ich muss sagen, ich bin überrascht, dich hier anzutreffen.“ Lavinia betrachtete ihn prüfend, als suchte sie nach einem Hinweis darauf, was er vorhatte.

„Überrascht?“ Ryder sah sie an und hob eine Augenbraue. „Ich dachte, du wüsstest, dass Ballsäle meine bevorzugten Jagdgründe sind. Mir fehlt derzeit eine Gespielin, und daher habe ich beschlossen, mich ein wenig umzusehen.“

Lavinia errötete. „Wirklich, Ryder! Es gibt keinen Grund, anzüglich zu werden.“ Sie machte eine übertrieben herablassende Handbewegung. „Mich interessiert nicht, wo du deine Bettgenossinnen aufgabelst.“

Lady Carmody lachte in sich hinein. „Irgendwo muss der arme Junge ja seine Liebchen finden“, erklärte sie schulterzuckend, als Lavinia sie fragend ansah. „Und es ist Ihnen doch sicher lieber, wenn er sie in einem Ballsaal aufgabelt als in einem Theater.“

Ryder hatte nie Grund gehabt, Lady Carmody zu mögen, doch nach dieser Bemerkung fühlte er sich verpflichtet, Lavinias drohenden Zornesausbruch von Ihrer Ladyschaft abzulenken. „Ich habe eben mit Randolph gesprochen. Er steht in der Gruppe da drüben.“ Ryder hielt inne, damit Lavinias Blick der Richtung folgen konnte, in die er mit dem Kinn deutete. „Was seine Anwesenheit auf diesem Ball angeht … ist sie so zu verstehen, dass er ähnliche Interessen verfolgt wie ich?“

Lavinia blähte sich förmlich auf vor Missbilligung. „So ein Unsinn!“ Sie fuhr fort, die Gruppe um ihren Sohn genau zu mustern. „Im Gegensatz zu dir hat Randolph kein Interesse an Tändeleien. Er sieht sich, wie es sich gehört, nach der richtigen jungen Dame um, mit der er eine Familie gründen und die Linie der Cavanaughs weiterführen kann.“ Sie wandte sich zu Ryder um. „Jemand muss es ja schließlich tun – dein Vater hätte es so gewollt.“

Was unbestreitbar stimmte, nur dass es Ryder gewesen war, dem sein Vater das Versprechen abgenommen hatte, zu heiraten und die Linie fortzuführen. Doch anstatt Lavinia darüber zu informieren, konzentrierte Ryder sich auf die verächtliche Herablassung in ihrer Stimme und sagte: „Ich glaube, ich gehe besser.“ Er deutete eine Verbeugung an. „Lavinia. Lady Carmody.“

Lavinia nahm ihn kaum zur Kenntnis, doch Lady Carmody grinste ihn verschwörerisch an.

Ryder wandte sich von den beiden ab, stellte das Brandyglas ab und verschwand in der Menge.

Er war kaum außer Hörweite, da griff Lavinia nach Lady Carmodys Ärmel. „Sehen Sie nur!“ Lavinia seufzte. „Ich hatte es kaum zu hoffen gewagt, aber es scheint, als würden die zarten Pflänzchen meiner Zukunftspläne zu knospen beginnen.“

Lady Carmody blickte in dieselbe Richtung wie Lavinia. „Nicht zu fassen.“ Und nach einem Moment intensiver Beobachtung fuhr Ihre Ladyschaft fort: „Ich muss zugeben, meine Liebe, ich hielt es nicht für möglich, dass dieses eigensinnige Mädchen überhaupt beeinflusst werden kann, doch da steht sie. Mary Cynster. Und sie redet mit Randolph.“

„Ja!“ Lavinia sog den Anblick förmlich in sich auf. „Aber wie ich schon sagte – auf jemanden wie Miss Cynster einzuwirken erfordert enormes Feingefühl. Ich habe das Mädchen selbst nie angesprochen und immer sichergestellt, dass das, was ich verbreiten ließ, keine konkreten Hinweise auf Randolph enthielt. Der Vorstoß sollte ihr Interesse möglichst unauffällig auf ihn lenken.“ Lavinia holte tief Luft und straffte die Schultern. „Und meine Strategie hat tatsächlich gewirkt!“ Sie schenkte Lady Carmody ein strahlendes Lächeln. „Nun können wir den Dingen getrost ihren Lauf lassen. Randolph ist kein Narr, und Miss Cynster wird schnell begreifen, dass es im ton keinen besseren Gentleman für sie gibt.“

„Hm.“ Lady Carmodys Blick war noch immer auf das fragliche Paar gerichtet. „Ich nehme an, Sie haben ebenso unauffällig auf Ihren lieben Sohn eingewirkt und ihn wissen lassen, dass Mary das einzige noch unverheiratete Cynster-Mädchen ist und für die anderen Familien die letzte Möglichkeit, sich mit den Cynsters zu verbinden.“

„Natürlich.“ Lavinia hakte sich bei Lady Carmody ein. „Ich war dabei sehr zurückhaltend. Gentlemen in Randolphs Alter nehmen von ihren Müttern nämlich nicht mehr gern Ratschläge an. Aber vertrauen Sie mir.“ Sie warf Randolph und Mary noch einen Blick zu, dann schlenderten sie und Lady Carmody in die entgegengesetzte Richtung. „Was ich gesät habe, ist auf dem Weg, Früchte zu tragen.“ Lächelnd hob Lavinia den Kopf. „Eine Entwicklung, die ich außerordentlich erfreulich finde. Ich kann es gar nicht erwarten, Ryder mitzuteilen, dass die beiden sich verloben.“

„Wie war der Abend für dich, mein Liebes?“

Mary sah zu ihrer Mutter. Lady Cynster saß neben ihr in der Kutsche, die sie, gemächlich über das Kopfsteinpflaster rumpelnd, nach Hause brachte. „Nützlich“, antwortete sie und verzog das Gesicht. „Mehr nicht. Bedauerlicherweise.“

Ihre Mutter lächelte. Sie fuhren durch den Lichtkegel einer Straßenlaterne, und Lady Cynster nahm die Hand ihrer Tochter und tätschelte sie. „Es gibt keinen Grund zur Eile, mein Schatz. Du wirst den Mann deines Lebens finden, wenn die Zeit reif ist.“

Mary unterdrückte ein zweifelndes Seufzen. Sie sah auf ihr Dekolleté herunter, auf den Rosenquarzanhänger, der zwischen ihren Brüsten lag. Blödes Ding. Auch diesmal hatte sie über eine halbe Stunde bei Randolph gestanden, und wieder war … nichts passiert. Kein Funke übergesprungen. Stattdessen hatten er und seine Freunde sich über Pferde unterhalten!

Kein einziger erwartungsvoller Wonneschauer, keine freudige Anspannung, kein prickelndes Beben.

Und vor allem nichts, was auch nur im Entferntesten den Empfindungen geähnelt hätte, die sie während des Walzers mit Ryder verspürt hatte.

Aber sie war nicht so närrisch, sich einzubilden, dass Ryder, der besagte Empfindungen so mühelos in ihr hervorzurufen vermochte, derjenige war, welcher. Er konnte es unmöglich sein. Eine weibliche Gottheit würde eine junge Dame wie sie, die so viel Wert darauf legte, die Kontrolle über ihr Leben zu haben, nie und nimmer mit einem Gentleman zusammenbringen, der unter seinem trägen Löwengehabe ein herrischer Despot war.

Und dass Ryder derartige Gefühle in ihr weckte, hieß noch gar nichts; er weckte genau die gleichen Gefühle in mindestens der Hälfte der weiblichen Bevölkerung des Landes, wenn nicht mehr.

Es war einfach seine Art, sein Wesen, seine Natur. Er konnte nicht anders.

„Ach übrigens, ich habe mit deinen Tanten gesprochen“, sagte ihre Mutter in ihre Gedanken hinein. „Wegen der abschließenden Vorbereitungen für die Hochzeit. Alles fügt sich erstaunlich perfekt, so perfekt, dass ich beschlossen habe, uns ein paar Tage Erholung auf dem Lande zu gönnen, ehe es losgeht.“ Lady Cynster lehnte den Kopf gegen die Polster und fuhr fort: „Wir werden also die Gelegenheit beim Schopf ergreifen und morgen für drei Tage nach Somersham aufbrechen. Das sollte reichen, um uns zu erfrischen.“ Sie richtete den Blick auf Mary und musterte sie. „Du kannst dir aussuchen, ob du mitkommen willst. Immerhin ist die Saison auf dem Höhepunkt. Und deine verheirateten Schwestern und Schwägerinnen sind in der Stadt.“

Mary runzelte die Stirn. Sie war mit Randolph keinen Schritt weitergekommen. Und sie war nicht bereit, den Gedanken, dass sie sich vielleicht irrte und er nicht der Richtige war, auch nur in Erwägung zu ziehen. Wahrscheinlich musste sie Zeit mit ihm allein verbringen – oder wenigstens nicht zusammen mit einer Gruppe. „Ich würde lieber hierbleiben.“ Sie sah ihre Mutter an. „Amanda, Amelia und Portia sind zu den Bällen, die ich besuchen möchte, ebenfalls eingeladen.“

Lady Cynster nickte. „Ich schicke den dreien eine Botschaft, wenn wir zu Hause sind. Sofern sie bereit sind, als Anstandsdamen zu fungieren, kannst du in der Stadt bleiben und die Bälle besuchen.“

„Schön.“ Mary sah geradeaus und überlegte, wie sich die Situation am besten herbeiführen ließ, in die sie Randolph Cavanaugh bringen musste, damit er sich als ihr Traummann zeigen konnte. Als der Traummann, den sie sich vorstellte.

2. Kapitel

Erhol dich gut, und mach dir keine Sorgen!“ Mary umarmte ihre Mutter, dann machte sie einen Schritt zurück, damit ihre älteren Schwestern Amanda und Amelia sich mit einem Wangenküsschen von ihr verabschieden konnten.

„Keine Angst, Mutter.“ Amanda warf Mary einen zuneigungsvollen Blick zu. „Wir passen gut auf sie auf.“

Lady Cynster lachte und tätschelte den Zwillingen die Schultern. „Ich weiß, ich kann mich auf euch verlassen. Und auf Portia auch.“

Wie aufs Stichwort trat Portia vor und drückte ihre Schwiegermutter an sich. Dann sah sie lächelnd Henrietta entgegen, die sich mit ihrem Verlobten James Glossup in die Bibliothek zurückgezogen hatte, um die Unterbringung all derjenigen Familienmitglieder zu erörtern, die vom Lande nach London anreisen würden, um an ihrer Hochzeit teilzunehmen. Rasch kam sie nun in die Eingangshalle geeilt. James folgte ihr.

„Auf Wiedersehen, Mama! Papa!“ Henrietta küsste ihrer Mutter die Wange, dann wandte sie sich zu ihrem Vater um und wiederholte die Prozedur. „Lasst es euch gut gehen!“

Lord Cynster küsste Henrietta zurück, dann gab er sie frei. Er und seine Brüder hatten die Gelegenheit beim Schopf ergriffen, ihre Ehefrauen ein paar Tage aufs Land zu begleiten – und zur Jagd zu gehen. Während er darauf wartete, dass seine Gattin den Mantel anzog, wurde er von seinen anderen Töchtern verabschiedet.

Sie hatten vor einer Stunde gefrühstückt, und kurz darauf waren Amanda, Amelia, Simon und Portia eingetroffen, um ihn und Lady Cynster zu verabschieden und mögliche Bedenken, die sie haben mochten, zu zerstreuen. Angesichts der bevorstehenden Hochzeit, zu deren Feier sich die gesamte Familie in London versammeln würde, erfüllten alle bereitwillig ihre Pflicht.

„Du bist der starke Mann im Haus, mein Junge“, sagte Lord Cynster mit seiner tiefen Stimme und heftete den Blick auf seinen Sohn Simon, der mit einem wohlwollenden Lächeln neben seiner Gattin Portia und seinem besten Freund James Aufstellung genommen hatte. „Sieh zu, dass keines dieser Gänschen aus der Reihe tanzt.“

Simon lachte, und die anderen fielen ein.

„Ich bin sicher, alles läuft reibungslos.“ Amandas Lächeln strafte ihre überhebliche Matronenstimme Lügen. „Und abgesehen davon seid ihr ja auch nur drei Tage fort.“

„Hab keine Angst.“ Amelia drückte ihrer Mutter die Hand. „Genießt die Tage. Das habt ihr alle redlich verdient.“

Hudson, der Butler, machte die Tür auf, und das leise Klirren des Zaumzeugs drang herein. Lady Cynster warf einen Blick nach draußen. „Hervorragend, die Kutsche steht schon bereit.“ Sie wandte sich zu ihren Kindern um und betrachtete sie mit dem liebevollen Blick einer Mutter. „Seid brav, und passt auf euch auf, in welcher Weise auch immer das notwendig sein mag.“ Dann lächelte sie ihren Ehemann an und hakte sich bei ihm unter.

„Komm, meine Liebe.“ Lord Cynster senkte dramatisch die Stimme. „Ich denke, wir können sie beruhigt allein lassen.“

Lady Cynster lachte und ließ sich die Treppen hinunterführen.

Der Rest der Familie folgte ihnen nach draußen und versammelte sich auf der Veranda, um ihnen nachzuwinken.

Als die Kutsche um die nächste Ecke gebogen war, verabschiedeten sich Simon und Portia, Henrietta und James kehrten zu ihrer heiklen Aufgabe in die Bibliothek zurück, während Amanda, Amelia und Mary in der Eingangshalle stehen blieben, um ihre gesellschaftlichen Verpflichtungen zu bereden.

„Ich kann dich heute Abend nicht begleiten.“ Amanda schnitt eine Grimasse. „Ein langweiliges Dinner mit ein paar Verwandten von Martin – ich konnte es auf die Schnelle nicht absagen. Aber wenn du heute Nachmittag eine Ausfahrt machen möchtest, würde ich dich gegen vier Uhr abholen.“

Mary nickte. „Ja, gut. Es sieht aus, als bekämen wir herrliches Wetter. Aber …“, sie warf Amelia einen hoffnungsvollen Blick zu, „… was wird mit dem Ball bei den Castlemains heute Abend?“

Die Tochter von Lady Carmody, Geraldine, hatte gestern in Randolphs Gruppe neben ihr gestanden und sich Mary, als diese weitergeschlendert war, angeschlossen und ihr erzählt, dass Randolph und seine Freunde vorhatten, Lady Castlemains Ball zu besuchen.

„Oh, da kann ich als deine Anstandsdame fungieren“, erwiderte Amelia lächelnd. „Portia auch. Wir sind beide eingeladen.“

„Prima!“ Mary strahlte. Sie würde sich mit der Familienkutsche nach Castlemain House bringen lassen und Amelia und Portia im Foyer treffen. Die beiden würden mit ihren eigenen Kutschen kommen.

„Nur für den Fall.“ Lächelnd zog Amelia ihre Handschuhe an. Sie und Portia hatten kleine Kinder und konnten unvorhersehbarerweise aufgehalten werden.

Nachdem alles zu beidseitiger Zufriedenheit geregelt war, kündigten die Zwillinge an, zu Fuß nach Hause gehen zu wollen, verabschiedeten sich und ließen Mary ein wenig verunsichert zurück. Kurz erwog sie, Henrietta und James in der Bibliothek aufzusuchen, entschied jedoch, dass sie es besser den beiden selbst überließ, ihre Probleme zu lösen. Wenn sie sich zu ihnen gesellte, würde sie die Sache in die Hand nehmen. Das war es, was sie für gewöhnlich tat.

Und für gewöhnlich ließen die anderen es zu.

Weil es einfacher war.

Sie konnte gut organisieren, besonders wenn es um Menschen ging, aber Henrietta brauchte die Erfahrung, mit James’ Familie fertigzuwerden nötiger als Mary.

Hochzufrieden mit sich selbst, weil sie die Gelegenheit, die beiden zu unterbrechen und die Dinge in die Hand zu nehmen, ausgeschlagen hatte, obwohl sie dann beschäftigt gewesen wäre, ging Mary den Korridor entlang. Sie öffnete die Tür zum hinteren Salon, durchquerte den Raum und trat ans Fenster. Versonnen die Arme vor der Brust verschränkend, sah sie hinaus auf den Garten und wartete, dass der flüchtige Gedanke, den sie schon den ganzen Morgen zu fassen versuchte, sich konkretisierte.

Irgendwann tat er es.

„Ah.“ Es war, wie sie zugeben musste, eine triftige Frage. „Was in aller Welt hatte Ryder dort zu suchen?“ Bei dem Ball der Felshams gestern Abend und bei der Soiree am Abend davor.

Wieder überlegte sie ein paar Minuten, dann tauchte die Erklärung auf, die mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit zutraf. Er muss auf der Suche nach seiner nächsten Eroberung gewesen sein. Seiner nächsten Geliebten, bevor er sich wiederum eine neue zulegte. Nach allem, was man über ihn hörte, war Ryder nicht der Mann für lange Beziehungen. Anscheinend langweilte er sich schnell, sehr zum Kummer der betreffenden Damen.

Und nach allem, was sie über Gentlemen wie ihn wusste – notorische Schürzenjäger des ton, wie ihr Bruder und ihre Cousins es vor ihrer Heirat gewesen waren und denen Ryder in nichts nachstand –, so fanden sie ihre Bettgespielinnen vorzugsweise unter den gelangweilten Matronen des ton, Frauen ihrer eigenen Gesellschaftsschicht, die die Regeln und Beschränkungen kannten, denen solche verbotenen Beziehungen unterlagen.

Irgendwo musste er sie ja finden, und bei gesellschaftlichen Anlässen wie dem gestrigen war die Auswahl an gelangweilten Ehegattinnen sicherlich groß. Bei Lady Castlemains Ball hingegen, bei dem es hauptsächlich darum ging, Ehen zu stiften, würde nicht das gleiche Publikum zugegen sein. Mit ein bisschen Glück war Ryder heute Abend nicht anwesend, und sie konnte Randolph gezielt ins Visier nehmen. Ohne die Ablenkung durch seinen überwältigenden älteren Bruder. Nein, korrigierte sie sich. Halbbruder. Und ganz im Gegensatz zu Ryders Behauptung war Randolph ihm kein bisschen ähnlich.

Von den Ergebnissen ihrer Überlegungen ermutigt, richtete Mary ihre Aufmerksamkeit auf die Frage, welche Gelegenheiten sich auf dem Ball heute Abend bieten würden, Randolph unter vier Augen zu sehen.

„Wir werden irgendwo dort drüben sein.“ Auf der Treppe, die in Lady Castlemains Ballsaal hinunterführte, blieb Portia stehen und gestikulierte in Richtung des entfernten Endes des Raums. Sie sah Mary an. „Wenn du uns brauchst, komm einfach zu uns.“

„Hm.“ Mary war damit beschäftigt, sich einen Überblick zu verschaffen, wer da war.

Amelia, die neben Amanda stand, klappte ihren Fächer auf und begann heftig damit zu wedeln. „Genau! Du findest uns dahinten. Mein Gott, es ist schrecklich voll, aber wenigstens hat man die Fenstertüren geöffnet.“ Sie bedachte Mary mit einem ernsten Blick. „Du kennst die Spielregeln. Tu nichts, was wir in deinem Alter nicht auch getan hätten. Spätestens wenn wir aufbrechen, kommen wir dich holen.“

Mary hatte Randolph entdeckt. Wieder stand er im Kreis seiner Freunde, in dem sich auch mehrere junge Damen befanden. „Ja. Mache ich.“ Sie nickte.

Sie folgte Amelia und Portia die Stufen hinunter, wandte sich in die entgegengesetzte Richtung und verschwand in der Menge. Auf halbem Weg zu Randolphs Kreis hielt sie inne und sah sich um. Ihr Blick fiel auf eine andere junge Dame, die offenbar ebenfalls zu der Gruppe wollte. Mary näherte sich ihr lächelnd, stellte sich vor, und nach einer kurzen Unterhaltung, bei der sich bestätigte, dass sie dasselbe Ziel hatten, hakte sie sich unter, und gemeinsam schlenderten Miss Melchett und sie zu den anderen jungen Leuten.

Den Winkel, in dem sie sich näherten, geschickt nutzend, gelang es Mary, sich den Platz neben Randolph zu sichern, als der Kreis höflich auseinandertrat.

Nun, da das vorrangige Ziel erreicht war, wartete sie geduldig, bis George Richards seine Geschichte zu Ende erzählt hatte – in der es natürlich wieder um die Jagd und Pferde ging. Sobald er die erhofften anerkennenden Reaktionen seiner Freunde und die etwas zurückhaltenderen der jungen Damen erhalten hatte, richtete Mary den Blick auf Colette Markham, die ihr genau gegenüberstand und ein Auge auf Randolphs Freund Grayson Manners geworfen hatte, und fragte: „Hat schon jemand von Ihnen das neue Stück am Theatre Royal gesehen?“

Colette nickte eifrig. „Man sagt, es sei das beste Theaterstück dieser Saison.“ Sie wandte sich zu Grayson, der neben ihr stand. „Haben Sie es gesehen, Mr. Manners?“

Das Glück wollte es, dass Grayson es tatsächlich gesehen hatte, und Colettes und Marys aufmunternde Kommentare veranlassten ihn, eine detaillierte Beschreibung zu geben. Kaum hatte er geendet, begann Miss Melchett von einer kürzlichen Vorstellung im konkurrierenden Theater am Haymarket zu schwärmen.

Mary sah zu Randolph, fing seinen Blick auf und lächelte. „Mögen Sie das Theater, Lord Randolph?“, fragte sie im Schutz des lebhaften Stimmengewirrs um sie herum.

„Oh … also, um ehrlich zu sein …“, Randolphs Augen weiteten sich kaum merklich, „… bin ich nicht sicher, ob meine Erfahrung reicht, um beurteilen zu können … Nun, bisher saß ich bei den meisten Stücken im Parkett, also kann ich nicht wirklich mitreden, nicht wahr? Aber in ein paar Jahren werde ich mich sicher daran gewöhnt haben – an die förmlichen Theaterbesuche, meine ich.“

Es gelang Mary, ihr Lächeln beizubehalten. „Aber was ist mit den Stücken als solchen? Mögen Sie Shakespeare oder lieber die Werke zeitgenössischer Autoren?“

Randolphs Augen weiteten sich ein Stück mehr. „Also …“

Von der anderen Seite des Ballsaals beobachtete die Marchioness of Raventhorne, wie ihr Sohn sich praktisch unter vier Augen mit Mary Cynster unterhielt. Sie lächelte beifällig. Lady Eccles, die neben ihr stand, war ihrem Blick gefolgt. Sie hob die Brauen. „Oho, meine Liebe. Das nenne ich eine Entwicklung.“

„Absolut.“ Lavinia nickte selbstgefällig. Lady Eccles war gebührend beeindruckt. „Eine sehr zufriedenstellende obendrein. Sie verbrachten bereits gestern Abend Zeit miteinander, und die Dinge gehen einen guten Gang. Sie sind ein schönes Paar, nicht wahr?“

„Um es ganz klar zu sagen, eine solche Verbindung wird Ihrem Randolph sehr nützlich sein.“ Lady Eccles musterte Lavinia fragend. „Aber Sie haben nichts unternommen, um die beiden zusammenzubringen?“

Lavinia lachte in sich hinein. „Nun, vielleicht habe ich einen kleinen Anstoß gegeben, einen klitzekleinen, wie ich einräumen muss. Aber mehr in Form einer Bemerkung zur richtigen Zeit am richtigen Ort, damit die beiden die Gelegenheit, die sich ihnen bietet, nicht verpassen. Sie wissen doch, wie junge Leute sind – sie haben keine Ahnung, was das Beste für sie ist.“

„Wie wahr. Über dieses Thema habe ich mich mit meinen Söhnen oft genug gestritten.“ Lady Eccles zog ihren Schal enger um die Schultern. „Aber so schwer es mir fällt, Sie von dem Anblick loszureißen, meine Liebe, ich muss weiter. Ich habe Evira versprochen, bei ihr vorbeizuschauen.“ Lady Eccles warf einen suchenden Blick durch den Ballsaal. „Kommen Sie mit, oder möchten Sie bleiben und verfolgen, ob alles sich so entwickelt, wie Sie es wünschen?“

„Nein, lieber nicht.“ Zögernd löste Lavinia den Blick von ihrem Sohn. Sie war mit Lady Eccles in deren Kutsche zum Ball gekommen. „Ich bin sicher, sie werden es, auch ohne dass ich eingreife, schaffen – und im Übrigen habe auch ich Elvira versprochen, mich bei ihr sehen zu lassen.“

„Nun denn.“ Lady Eccles wandte sich Richtung Treppe. „Dann lassen Sie uns gehen.“

Mit einem letzten hochzufriedenen Blick auf das Bild, das sich ihr auf der anderen Seite des Ballsaals bot, eilte Lavinia ihr nach.

Unterdessen hatte Mary das erste ernsthafte Hindernis auf dem Weg in den Ehehimmel genommen. Namentlich Randolphs Mangel an interessanten Konversationsthemen – was gleichermaßen für seine Freunde galt. Sie war eine hervorragende Reiterin, ritt für ihr Leben gern und mochte Pferde, aber es gab mehr im Leben als Pferderennen, Curricle-Rennen und die Jagd. Nachdem Miss Melchett mit ihren Erläuterungen des Stücks im Haymarket Theatre zu Ende war, hatte George Richards die Zügel der Unterhaltung wieder an sich gerissen und ihr Gespräch mit Randolph recht rüde unterbrochen – mit der Frage nach einer Stute, die kürzlich ein Rennen in Newmarket gewonnen hatte.

Randolph war auf Georges Frage mit weit größerem Eifer – und ungleich detaillierter – eingegangen als auf ihre eigene. Dann hatte er die Konversation auf die neuesten Verkäufe bei Tattersalls gelenkt.

Miss Fotheringay verdrehte die Augen gen Himmel, als könnte sie es kaum noch aushalten, und ergriff das Wort, sobald Randolph und Julius Gatling ihren Meinungsaustausch über die Pferdeverkäufe und die gezahlten Summen beendet hatten. „War jemand von ihnen in der letzten Zeit in Kew Gardens? Das neue Gewächshaus ist beeindruckend.“

Obwohl die Frage ein Akt der Verzweiflung war und insofern ein schlechter Schachzug, taten Mary, Miss Melchett und Colette ihr Bestes, um die Unterhaltung über Pflanzen, Kräuter und alles andere als Pferde am Laufen zu halten.

Mary hegte den starken Verdacht, dass Julius genau wusste, was er tat, als er die Erwähnung des Haarigen Odermennig zum Anlass nahm, die Unterhaltung auf den Umschlag zurückzubringen, den sein Stallmeister für den Fall eines gezerrten Sprunggelenks empfohlen hatte.

Angespannt blickte Mary sich in dem Kreis um. Eine Mischung aus Hilflosigkeit, Ärger und Verzweiflung stand in den Mienen der anderen jungen Damen. Waren die jungen Gentlemen wirklich so … jung?

So unreif?

Randolph, dafür legte sie ihre Hand ins Feuer, auf keinen Fall. Es war schlicht unvorstellbar, aber bis jetzt hatte sie nur in Anwesenheit seiner Freunde mit ihm zu tun gehabt. Sie musste ihn unbedingt von dem Rudel trennen.

Wie als Antwort auf ihre Gebete schwebten auf einmal die Klänge eines Walzers – des ersten an diesem Abend – durch den Saal. Ihre Stimmung hellte sich schlagartig auf, und sie drehte sich erwartungsvoll zu Randolph um. Ein eindeutig gehetzter Ausdruck glitt über seine Züge, und er blickte geradeaus, zur gegenüberliegenden Seite des Kreises hin, wo Colette sich in der gleichen Erwartung wie Mary zu Grayson gewandt hatte und darauf wartete, dass er sie zum Tanz aufforderte.

Grayson sah Randolph an, schoss anschließend George einen Blick zu, als hätten er und seine Freunde noch nie zuvor Walzer getanzt. Was barer Unsinn war.

Dann sah er wieder Randolph an, und ein Ausdruck von Gottergebenheit trat in sein Gesicht, so als wollte er seinen Freunden signalisieren: wenn es denn unbedingt sein muss.

Zu ihrer Überraschung lächelte Randolph sie an, ehe sie noch blinzeln konnte, dann verbeugte er sich. „Würden Sie mir die Ehre dieses Tanzes erweisen, Miss Cynster?“

Wenn seine Verbeugung auch nur ein dürftiger Abklatsch der seines Bruders war und seine Stimme keinerlei vielsagende Andeutung enthielt, so hatte er doch wenigstens gefragt. Mary lächelte und streckte ihre Hand aus. „Mit Vergnügen, Lord Randolph. Ich würde gern tanzen.“

Ebenfalls lächelnd, ergriff Randolph ihre Hand. „Nennen Sie mich Randolph, bitte.“

Sie sagte sich, dass es unrealistisch sei, dass der Funke ausgerechnet jetzt übersprang, da er ihre Hand hielt, genau wie es sich gehörte. Sie gestattete ihm, sie zur Tanzfläche zu führen, und trat mit einer geradezu überschäumenden Vorfreude in seine Arme.

Jetzt würde es passieren. Was immer der Funke brauchte, um überzuspringen, würde zweifellos jetzt erweckt werden, während sie Walzer tanzten.

Randolph legte ihr den Arm um die Taille und nahm ihre Hand, führte sie in die erste Drehung und in den Kreis der anderen Paare, die über die Tanzfläche wirbelten. Er war ein guter Tänzer, aber sie hatte auch nichts weniger erwartet.

Doch während sie ordentlich und sämtliche Anstandsregeln streng beachtend ihre Runden drehten, erkannte sie, dass sie tatsächlich mehr erwartet hatte. Was allein Ryders Schuld war. Mary zog die Brauen zusammen und rief sich zur Ordnung. Sie musste aufhören, Randolph mit seinem gottähnlichen älteren Bruder zu vergleichen.

Denn allein der Gedanke an Ryder ließ viel zu anschauliche Erinnerungen an den verboten intensiven Walzer, den sie am Abend zuvor mit ihm getanzt hatte, in ihr lebendig werden … Verflixt. Da hatte sie endlich bekommen, was sie wollte, und war praktisch mit Randolph allein, und dann dachte sie an einen anderen. An Ryder.

Entschlossen richtete sie ihre Aufmerksamkeit auf Randolph und sah ihm ins Gesicht. Er hatte hübsche Züge, wenn auch noch nicht so ausgeprägt und männlich, wie sie später sicher einmal sein würden. „Es ist schon Mai – was erhoffen Sie sich von der kommenden Saison?“ Als er sie überrascht, fast verlegen anstarrte, fuhr sie fort: „Gibt es irgendetwas, das Sie erreichen möchten, ehe es Sommer wird und der ton die Hauptstadt verlässt?“

„Oh … nun ja, ich hatte gehofft, dass ich ein neues Gespann für mein Curricle …“

„Etwas anderes als Pferde?“

Bei ihrem Ton weiteten sich seine Augen unmerklich, doch er hielt den Blick unbeirrbar auf einen Punkt oberhalb ihres Scheitels geheftet und nutzte die Notwendigkeit, sie sicher durch die im Kreise herumwirbelnde Menge der Tanzenden zu steuern als Entschuldigung, sie nicht ansehen zu müssen.

Ryder hatte während des gesamten Walzers den Blick kaum einmal von ihr gelöst.

„Um ehrlich zu sein … nein.“ Randolph räusperte sich und sah sie endlich an. „Ich weiß … also, mir ist klar, dass es Leute gibt, die meine Anwesenheit und die meiner Freunde bei Anlässen wie diesem als Anzeichen eines … speziellen Interesses deuten. Eines Interesses, das mit Pferden nichts zu tun hat.“ Er holte vernehmlich Luft, blickte beiseite und konzentrierte sich für einen Moment darauf, sie in die nächste Drehung zu führen, dann sah er sie wieder an und verzog das Gesicht. „Um ehrlich zu sein, wir kommen alle nur, weil unsere Mütter und die Gastgeberinnen und die führenden Damen der Gesellschaft es von uns verlangen.“ Ein spitzbübisches Lächeln huschte über sein Gesicht, begleitet von einem bezaubernden Funkeln seiner Augen. „Und außerdem natürlich, um für junge Damen wie Sie als Tanzpartner zur Verfügung zu stehen.“

Mary musterte sein Gesicht, nahm das Funkeln in sich auf, das Grinsen. Gab es Hoffnung? Doch dann ließ sie sich seine Worte noch einmal durch den Kopf gehen, seinen jämmerlichen Versuch, galant zu sein … und wusste, dass die Antwort nein lautete.

Hier stimmt etwas nicht. Etwas lief falsch.

Sie unterdrückte den plötzlichen Drang, den Rosenquarzanhänger zwischen ihren Brüsten hervorzuziehen und einen Blick auf das verdammte Ding zu werfen – es zwischen sich und Randolph hochzuhalten und zu sehen, ob etwas passierte.

Noch ehe sie sich überlegen konnte, was sie als Nächstes sagen wollte, verklang die Musik, und der Walzer war zu Ende. Mary wurde bewusst, dass Randolph und sie auf der anderen Seite des Saales gelandet waren. Wie Amelia gesagt hatte, standen die französischen Türen offen und gaben den Blick auf die Terrasse frei.

Als sie sich aus ihrem Knicks erhob, bemerkte sie mehrere Paare, die durch die Fenstertüren hinaus ins Freie schlenderten.

„Das ist Ihre Schwester dort drüben, nicht wahr?“ Mit dem Kinn deutete Randolph in Richtung Amelias, die in der Nähe auf einem Sessel Platz genommen hatte. „Möchten Sie mit mir zurückgehen oder …?“

„Um ehrlich zu sein …“ Mary wedelte sich demonstrativ mit der Hand Luft zu. „Ich frage mich, ob wir nicht für einen Moment nach draußen gehen könnten und ein wenig Luft schnappen. Es ist ziemlich stickig hier, finden Sie nicht?“

Stickig und zunehmend laut und voll. Im Vergleich dazu musste es auf der Terrasse wie in einer Oase sein.

Randolph sah an ihr vorbei durch die Fenstertüren, machte indes keine Anstalten, auf den Vorschlag einzugehen. „Ich … nun, ich glaube nicht …“

Mary verbot sich, die Stirn zu runzeln, und wandte sich schwungvoll zu den französischen Türen um. „Es sind noch andere draußen – der Anstand ist also gewahrt.“ Sie machte einen Schritt vorwärts, beschwor Randolph im Stillen, sich ihr anzuschließen.

„Das schon, aber …“ Er zauderte, schien zu schwanken, dann kniff er. Machte einen Schritt rückwärts, fort von ihr und der Terrasse. Er begegnete ihrem Blick, als sie ihn erstaunt musterte. „Es sind alles Paare, älter als wir.“

Verblüfft sah sie noch einmal auf die mondbeschienene Terrasse hinaus, auf die Paare, die durch die offenen Türen zu sehen waren. „So viel älter auch wieder nicht.“

„Aber es sind … Liebespaare.“ Er sprach das Wort auf eine Weise aus, als äußerte er etwas Unanständiges.

Mary starrte ihn an. Es konnte einfach nicht wahr sein. Sie konnte schon nicht mehr zählen, wie oft Gentlemen, zugegebenermaßen nicht ganz so junge wie Randolph, versucht hatten, sie aus einem Ballsaal und auf eine dämmrige Terrasse zu locken.

Und nun, da sie selbst versuchte, ein solches Zwischenspiel in einem vollkommen akzeptablen Rahmen zu arrangieren, und Randolph – dem Mann ihres Lebens – die Gelegenheit praktisch auf dem Silbertablett servierte, scheute er zurück?

Nein, schlimmer, er schreckte zurück!

„Ich … also …“ Randolph wies über seine Schulter in Richtung des Ballsaals hinter ihm. „Ich mache mich besser auf den Rückweg, sonst entsenden sie die Kavallerie … Sie wissen schon, was ich meine.“

In der Tat. Ihr begann ein Licht aufzugehen. Randolph und seinesgleichen hatten Angst vor … jungen Damen wie ihr.

Jungen Damen, die auf der Suche nach einem Ehemann waren.

„Aber …“ Als fiele ihm gerade noch rechtzeitig auf, dass es unhöflich war, sie einfach stehen zu lassen, nachdem sie den Wunsch ausgesprochen hatte, frische Luft zu schnappen, unterbrach Randolph seinen Rückzug, wirkte jedoch umso gehetzter. „Ich nehme an … wenn Sie wirklich an die frische Luft wollen … müssen, dann …“

Für einen winzigen Moment keimte Hoffnung in ihr auf.

Randolph ließ den Blick über die Umstehenden schweifen. „Vielleicht findet sich jemand, um Sie zu begleiten.“

Mary atmete tief ein. Hielt den Atem an. Sprach zwischen zusammengebissenen Zähnen hindurch. „Randolph …“

„Aha!“ Randolphs Augen leuchteten auf. „Genau der Richtige!“ Das aus tiefstem Herzen kommende „Gott sei Dank!“ hätte er nicht hinzufügen müssen. Seine Züge entspannten sich, während er noch immer an ihr vorbeisah. „Miss Cynster ist es ein wenig blümerant, sie braucht frische Luft.“

Mary war tatsächlich ein wenig flau zumute, als ihre vollkommen unvorbereiteten Sinne ihr ankündigten, wer sich zu ihrer Linken näherte.

„Tatsächlich?“ Sie kannte die tiefe, sonore Stimme nur allzu gut. „Kann ich irgendwie zu Diensten sein?“

Sie wandte den Kopf und sah in Ryders attraktives Gesicht. Sie begegnete seinem Blick, erkannte die Belustigung in seinen Augen und wurde wütend. „Guten Abend, Ryder.“

„Mary.“

Seine ungewöhnlichen grüngoldenen Augen schienen sie zu hypnotisieren … und wie schon am Abend zuvor nahm er auch jetzt wieder all ihre Sinne gefangen, und die Welt um sie her hörte auf zu existieren.

Mary zwinkerte heftig, um sich von dem Bann zu befreien. „Ihr Bruder und ich wollten gerade …“, begann sie säuerlich und drehte sich zu Randolph um, nur um feststellen zu müssen, dass er sich davongemacht hatte. Mit Mühe entdeckte sie ihn inmitten des zunehmenden Gedränges, sah, wie er sich zielstrebig seinen Weg zum sicheren Kreis seiner Freunde bahnte.

„Ich hatte Sie gewarnt, nicht wahr?“, hörte sie Ryder murmeln.

„Hm.“ Beharrlich starrte sie Randolph nach.

Ryder ließ sie einen Moment in ihrer Niederlage schmoren. Obwohl er sich für sie entschieden hatte und ihr den Hof zu machen gedachte, war er erst spät in Castlemain House eingetroffen – so spät, wie es für Gentlemen seines Schlages üblich war. Es lag ihm fern, irgendjemandes Aufmerksamkeit auf sein Vorhaben zu lenken. Am besten, er machte es so wie mit Lavinia am vergangenen Abend und tat das, was er für gewöhnlich tat. Dann würde jedermann davon ausgehen, dass er lediglich nach einer neuen Gespielin Ausschau hielt.

Und nicht nach seiner zukünftigen Ehefrau.

In dem Wissen, dass er leichtes Spiel hatte mit Marys Sinnen, dass sie empfänglich war für ihn und, noch viel verlockender, entschlossen, ihm Widerstand zu leisten, hatte Ryder es kaum erwarten können, sie wiederzusehen. Gleichzeitig war ihm bewusst, dass es klug sein würde, nicht von Anfang an zugegen zu sein, denn solange er bei ihrem Eintreffen nicht anwesend war, bestand keine Gefahr, dass er sie vom ersten Moment an vereinnahmte.

Zumal ein solches Verhalten von ihm viel zu viele Beobachter aufmerksam gemacht und sie dazu veranlasst hätte, Fragen zu stellen, die, wenn es nach ihm ging, niemand zu stellen brauchte.

Er mochte sich nicht ausmalen, was passierte, wenn die führenden Damen des ton auch nur den leisesten Verdacht schöpften, was er wirklich vorhatte … obwohl sie angesichts der Tatsache, dass sein Blick auf Mary Cynster gefallen war, vielleicht auch von einer Einmischung absehen würden. Aber sein Hauptbeweggrund, im ungewöhnlich jungen Alter von dreißig auf Brautschau zu gehen, war und blieb, dass er der jungen Dame seiner Wahl den Hof zu machen wünschte, ohne dass die gesamte weibliche Hälfte des ton darauf bestand, sich einzumischen und ihm dabei Hilfestellung zu leisten.

Nach Ansicht der Gesellschaft war er mit dreißig eigentlich noch zu jung, um die Notwendigkeit einer Eheschließung und die Zeugung eines Erben einzusehen, aber in ein paar Jahren würde jede der führenden Damen ihn mit Argusaugen beobachten. Allein die Aussicht ließ es Ryder angeraten erscheinen, seine Suche nach einer Ehefrau gewissermaßen präventiv und wie eine verdeckte Operation vorzunehmen.

Und da er seinem Vater ein Versprechen gegeben hatte, würde er ohnehin heiraten müssen. Angesichts dessen war es ein geringer Preis, sein Junggesellenleben aufzugeben und dafür die Freiheit zu haben, seine eigene Wahl zu treffen und die Suche so zu gestalten, wie er es wollte.

Zumal es um die Position der Frau an seiner Seite ging, der zukünftigen Marchioness of Raventhorne – und damit einer Person von ausschlaggebender Bedeutung in seinem Leben.

Einem Leben, wie er es zu führen gedachte.

Mary war seine Beute und der Anziehungspunkt all seiner Sinne. Ganz auf sie eingestellt, wie er es inzwischen war, wusste er genau, wann der Punkt erreicht war, da sie sich von Randolph abwandte und ihn aufgab. Körperlich jedenfalls.

Ihre Miene war ein Paradebeispiel desillusionierter Enttäuschung.

„Kommen Sie.“ Er bot ihr den Arm. „Wahrscheinlich können Sie jetzt wirklich ein wenig frische Luft gebrauchen.“

Ihr „Hm“ klang mehr nach verdrossener Resignation als nach Ablehnung. Als sie ihre Hand in seine Armbeuge legte, fühlte er die sachte Berührung bis ins Innerste.

„Um ehrlich zu sein“, begann sie, als er sie zu den französischen Türen geleitete, „ich wollte wirklich auf die Terrasse. Die Luft ist ziemlich schlecht hier drinnen.“

„Haben Sie keinen Fächer dabei?“ Ryder schob den hauchdünnen Vorhang aus dem Weg und trat mit Mary ins Freie.

Sie schüttelte den Kopf. „Zu lästig.“

Es war ihm schon früher aufgefallen, dass sie wenig übrigzuhaben schien für den üblichen weiblichen Schnickschnack und Firlefanz. An ihrem Handgelenk baumelte ein Retikül, aber selbst das war eher praktisch als verspielt.

Ryder widerstand dem Drang, ihre Hand mit seiner zu bedecken, passte sein Schritttempo ihrem an und schlenderte gemächlich mit ihr über die Terrasse. Er versuchte sich vorzustellen, wo sie in Bezug auf seinen Halbbruder zu stehen glaubte.

Und wie zu erwarten, musste er sich nicht anstrengen – sie ließ es ihn wissen.

„Es ist einfach nicht richtig.“ Den Blick auf die Steinplatten vor ihnen gerichtet, die Lippen trotzig aufeinandergepresst, machte sie mit ihrer freien Hand eine fahrige Halbkreisbewegung. „Warum in drei Teufels Namen konnte Randolph mich nicht auf diesem Spaziergang begleiten?“

Ryder stieß einen theatralischen Seufzer aus. „Vereinfacht ausgedrückt, weil er sich von Ihnen überwältigt fühlt. Sie sind für ihn wie eine zu reichhaltige Speise, die ihm schwer im Magen liegt.“

Mary musterte ihn mit verengten Augen. „Ihnen scheint es nicht so zu ergehen mit mir.“

Er lächelte. Was für eine unsinnige Vorstellung! „Natürlich nicht.“

„Aber wenn es Ihnen nicht so ergeht, wenn Sie sich von mir nicht erdrückt fühlen, warum dann nicht auch er?“

„Auf die Gefahr, dass ich mich wiederhole, ich bin dreißig, und er ist vierundzwanzig. Ein bedeutender Unterschied bei Männern.“

„Wären Sie mit vierundzwanzig auch weggelaufen wie Randolph?“

Ryder ging mit sich zurate. „Um ehrlich zu sein, ich kann mich nicht mehr so recht erinnern, wie ich mit vierundzwanzig war, aber … ich fürchte, ja.“

„Hm“, machte sie abermals, und es klang sehr bestimmt. Ryder schmunzelte innerlich. Es war ihm ein Rätsel, wie sie es schaffte, eine solche Fülle von Gefühlen in dem einen schlichten Laut unterzubringen.

Randolph, so nahm er an, hatte es geschafft, ganz oben auf ihre schwarze Liste zu gelangen, aber eigentlich konnte sie seinem Bruder keinen Vorwurf machen. Denn was ihr anscheinend vollkommen abging, war die Fähigkeit, ihre eigene Stärke einzuschätzen – die erdrückende Kraft ihrer Persönlichkeit, die sie vollkommen ungefiltert ausstrahlte.

Es war einer der Züge, die er an ihr attraktiv fand – die vollkommene Abwesenheit irgendeiner Art von Maske oder Verstellung. In Männern wie Randolph freilich löste diese Direktheit einen Fluchtreflex aus – unabhängig vom Alter. Insofern hatte sein jüngerer Bruder eigentlich nur gezeigt, dass sein Selbsterhaltungsmechanismus gut funktionierte.

Sie hatten das Ende der Terrasse erreicht. Mary nahm die Hand von seinem Ärmel und machte eine abrupte Kehrtwendung. „Also gut. Ich denke, ich sollte besser weitermachen.“

Entschlossen steuerte sie auf die französischen Türen zu und ließ ihn bei der Balustrade stehen.

Ryder blinzelte verdutzt, dann drehte er sich ebenfalls um und schloss mit ein paar schnellen Schritten zu ihr auf. „Weitermachen? Womit?“

„Eine Möglichkeit zu finden, mit Ihrem Bruder – Halbbruder – unter vier Augen zu sprechen.“

„Ach so, ich verstehe.“ Sie traten durch die Fenstertüren, und er hielt den Gazevorhang hoch, damit sie ungehindert darunter hindurchmarschieren konnte.

Während er hinter ihr den überfüllten Ballsaal durchquerte, fragte er sich, ob er zulassen sollte, dass sie fortfuhr, Randolph zu verfolgen, und ihn womöglich in seinen Grundfesten erschütterte – oder …

Sein Blick glitt zu dem Podium, auf dem die Musiker Platz genommen hatten und soeben zu spielen begannen. „Mary.“

Sie blieb stehen, sah über die Schulter, doch ihr Gesichtsausdruck zeigte unmissverständlich, wie wenig sie es schätzte, bei ihrem überstürzten Bemühen aufgehalten zu werden. „Ja?“

„Kommen Sie. Lassen Sie uns tanzen.“ Er machte nicht den Fehler, sie zu fragen, griff stattdessen nach ihrer Hand und schob sie die kurze Entfernung zum Parkett. Dort zog er sie schwungvoll in seine Arme und begann sie ohne jedes Federlesen über die Tanzfläche zu wirbeln.

Sie hatte nicht die geringste Chance, Widerstand zu leisten. Als sie sich unter die tanzenden Paare eingereiht hatten, sah er sie an und wurde förmlich erdolcht vom Blick ihrer stahlblauen, zu Schlitzen verengten Augen.

Er lächelte sie an.

Lodernde Wut schlug ihm aus ihrem Blick entgegen. Sie tat einen tiefen Atemzug – was dazu führte, dass ihre Brüste sich über dem Rand des seidenen Mieders wölbten. Ein interessanter und über die Maßen fesselnder Anblick, wie er fand.

Ein Anblick, bei dem Ryder zu seinem Erstaunen erkannte, dass er ihren körperlichen Vorzügen bislang wenig Aufmerksamkeit geschenkt hatte, obwohl er doch unablässig gedanklich mit ihr beschäftigt war. Aber für ihn hatten ihr Charakter, ihr Verhalten und ihre Empfindungen Vorrang. Sie erregten sein Interesse und entzückten ihn am meisten an ihr. Gleichwohl konnte er nicht leugnen, dass ihre Figur äußerst ansprechend war.

Er richtete den Blick wieder auf ihr Gesicht. Ihre Augen sprühten noch immer Funken.

„Das war … Es war …“ Ihr fehlten die Worte, und sie machte einen fassungslosen Eindruck.

„Eine Zumutung?“, half er ihr aus. „Die größte Impertinenz, der Sie sich je ausgesetzt sahen?“

„Ja! Genau.“ Ihre Blicke verfingen sich, und sie holte abermals tief Luft. „Und wenn Sie das schon erkennen …“

„Ich musste Sie ablenken.“

„Was?“

„Es ist absolut sinnlos, Randolph weiterhin nachzusetzen. Sie werden ihm nur einen Riesenschrecken einjagen und dafür sorgen, dass er in die Nacht hinausläuft.“ In dem Bewusstsein, welche Wirkung es auf sie hatte, schenkte Ryder ihr ein träges Lächeln. „Es ist viel besser, Sie schärfen Ihre Krallen für mich – ich kann damit umgehen.“

Sie zwinkerte verblüfft. Zögerte – zweifellos darum bemüht, sich die Frage, die ihr auf der Zunge lag, zu verkneifen –, dann kapitulierte sie. „Krallen?“

Er nickte. „So wie bei einem Adler. Auf manche Menschen wirken Sie wie eine Kaiserin.“ Er hielt ihren Blick gefangen. „Ein klein wenig gebieterisch, wissen Sie.“

Sie schnaubte undamenhaft und sah beiseite. Nach einem Moment, der ihm Gelegenheit gab zu spüren, dass die beschwingten Drehungen des Tanzes sie zu besänftigen begannen, murmelte sie: „Sie sind sehr redegewandt.“

„In der Tat. Das bin ich.“ Er zog sie ein winziges Stück näher zu sich und führte sie in die nächste Abfolge von Wiegeschritten. „Darin gleichen wir uns.“

Sie tanzten den Walzer schweigend zu Ende, und Ryder fragte sich, ob ihr klar war, wie deutlich sich ihre Gedanken in ihrem Gesicht abzeichneten.

Als der letzte Takt der Musik verklungen war, gab er sie frei, wie es der Anstand gebot, machte eine Verbeugung, während sie in einem tiefen Knicks versank. Er half ihr hoch und war gespannt, was sie als Nächstes tun würde.

„Vielen Dank für den Walzer.“ Sie blickte sich um. „Wenn Sie mich nun bitte entschuldigen wollen?“

Er wartete, bis sie sich umgedreht hatte. „Werden Sie wieder schwach, meine Liebe?“

Die Frage – und erst recht die Anrede – trug ihm einen finsteren Blick über die Schulter ein. „Ich möchte das Damenzimmer aufsuchen, wenn Sie es unbedingt wissen müssen.“

Er neigte den Kopf. „Dann sehen wir uns später.“

Sie setzte sich in Bewegung und war noch nicht außer Hörweite, als er ihre gemurmelte Bemerkung vernahm: „Nicht wenn ich es verhindern kann.“

Ryder grinste. Freudiges Entzücken breitete sich in ihm aus.

Mary begab sich tatsächlich zum Damenzimmer; es war der einzige Ort, von dem sie sicher sein konnte, dass sie dort die nötige Ruhe und Ungestörtheit finden würde, um nachzudenken.

Denn nachzudenken, während sie in Ryders Armen über die Tanzfläche wirbelte, hatte sich als unmöglich erwiesen, gleichgültig, wie viel Mühe sie darauf verwandte, sich zu konzentrieren. Ihre Sinne hatten sich ständig über ihre Vernunft hinweggesetzt, verlockt von einem prickelnden Entzücken, das zu der wenig hilfreichen Erkenntnis führte, wie faszinierend sie es fand, mit Ryder zu tanzen – und im Gegensatz dazu, wie gleichgültig die Erfahrung mit Randolph sie gelassen hatte.

Aber solche Überlegungen führten zu nichts. Ryder war ungleich erfahrener als sein jüngerer Bruder, auch wenn dieser Umstand eindeutig zu Randolphs Gunsten sprach. Vor dem Spiegel sitzend, tat sie so, als ordnete sie ihre perfekt sitzende Lockenfrisur, und riss ihre Gedanken entschlossen von ihren sinnlichen Tagträumen los. Immerhin galt es, einen Weg zu finden, Zeit mit Randolph allein zu verbringen, vorzugsweise in einer Umgebung, in der er entspannt sein konnte, und dabei Ryder möglichst aus dem Wege zu gehen.

Sie trödelte so lange im Damenzimmer herum, bis sie sicher sein konnte, dass es ihm reichte und er hoffentlich bei jemand anderem Zerstreuung suchte. Schließlich machte sie sich auf den Weg zurück zum Ballsaal. In der weit geöffneten Flügeltür blieb sie stehen und ließ den Blick suchend über die Menge schweifen, als sich plötzlich schlanke, kraftvolle Finger um ihren Ellbogen schlossen.

„Dort drüben ist eine hitzige Diskussion über das Buch dieses Burschen Thackeray entbrannt, die Memoiren des Mr. C. J. Yellowplush“, teilte Ryder ihr mit, ehe sie zu protestieren vermochte. „Ich dachte, es könnte Sie vielleicht interessieren.“

Augenblicklich war sie abgelenkt. Sie gestattete Ryder, sie zu der lebhaft debattierenden Traube von Gästen zu geleiten, bei der sie einige hochgebildete Persönlichkeiten des ton entdeckte, und sagte sich, dass sie nur eine kurze Pause einlegte – eine, die es obendrein wert war. Das Werk, bei dem es sich um fiktive Memoiren handelte, war in aller Munde und hatte auch sie neugierig gemacht.

Ryder und sie wurden mit gemurmelten Grüßen und höflichem Nicken in dem Kreis empfangen, obgleich die beiden Hauptredner, Lord Henessey und der Ehrenwerte Carlton Fitzsmythe, ihren Wortwechsel kaum unterbrachen, um sie zur Kenntnis zu nehmen.

Die Debatte, bei der es im Wesentlichen darum ging zu entscheiden, welcher Wert Romanen dieses Typs als Spiegel der Gesellschaft beizumessen war, wogte hin und her und schien, jedenfalls kam es Mary so vor, keinen rechten Anfangs- und schon gar keinen Endpunkt zu haben.

„Wie es aussieht“, murmelte Ryder nach einer Weile, „ist der Umstand, dass es sich vorgeblich um die Memoiren dieses Mr. Charles J. Yellowplush handelt, ein wesentlicher Streitpunkt.“

„In der Tat“, murmelte Mary zurück. „Aber es ist alles ausgedacht, erfunden, erdichtet. Ich muss gestehen, mir ist schleierhaft, was die Gemüter daran so erregt.“

Sie sah hoch und begegnete Ryders Blick. In seinen wachen grüngoldenen Augen funkelte eine Spottlust, wie sie sie von sich selbst gut kannte.

„Sollen wir weiterziehen?“

Sie nickte.

Was er als Erlaubnis deutete, sich ihre Hand in die Armbeuge zu legen und sie, ein paar Entschuldigungen aussprechend, von der Gruppe fort und zwischen den noch immer dicht gedrängt stehenden Gästen hindurch zu führen. „Ist dieser Thackeray derselbe, der die Literaturkritiken für die Times verfasst?“

„Ich glaube schon.“ Sie versuchte, die Frage zurückzuhalten, doch sie kam ihr über die Lippen, sobald sie zu ihm hochsah. „Sie lesen Literaturkritiken?“

Schulterzuckend ließ er den Blick über die Menge gleiten. „Gelegentlich.“

Das Eingeständnis kam einer Offenbarung gleich. Mary ertappte sich bei der Frage, ob Randolph – und unterbrach den Gedankengang abrupt. Wie Ryder selbst betont hatte, lagen sechs Jahre zwischen ihm und seinem jüngeren Bruder, ein Zeitraum, der Vergleiche unangemessen erscheinen ließ.

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