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Einladung zum Glück

Eigentlich führen Sandra und David eine perfekte Ehe - aber momentan kriselt es. Da erfährt Sandra: David hat für sie seinen Traum aufgegeben, Eishockeyprofi zu werden. Kann er ihr das jemals verzeihen?
  • Erscheinungstag: 10.03.2016
  • Seitenanzahl: 122
  • ISBN/Artikelnummer: 9783956499128
  • E-Book Format: ePub
  • E-Book sofort lieferbar

Leseprobe

MIRA® TASCHENBUCH

MIRA® TASCHENBÜCHER
erscheinen in der HarperCollins Germany GmbH,
Valentinskamp 24, 20354 Hamburg
Geschäftsführer: Thomas Beckmann

Copyright © 2016 by MIRA Taschenbuch
in der HarperCollins Germany GmbH

Titel der amerikanischen Originalausgabe:

The Homecoming Hero Returns

Copyright © 2005 by Harlequin Books S.A.
erschienen bei: Silhouette Books, Toronto

Konzeption/Reihengestaltung: fredebold & partner GmbH, Köln
Umschlaggestaltung: pecher und soiron, Köln

Redaktion: Maya Gause

Titelabbildung: oredia / Tetra Images; Getty Images, München;
HarperCollins Frankreich

ISBN eBook 978-3-95649-912-8

www.mira-taschenbuch.de

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eBook-Herstellung und Auslieferung:
readbox publishing, Dortmund

www.readbox.net

 

 

 

 

 

 

Alle Rechte, einschließlich das des vollständigen oder auszugsweisen Nachdrucks in jeglicher Form, sind vorbehalten.

Der Preis dieses Bandes versteht sich einschließlich der gesetzlichen Mehrwertsteuer.

Alle handelnden Personen in dieser Ausgabe sind frei erfunden. Ähnlichkeiten mit lebenden oder verstorbenen Personen wären rein zufällig.

Joan Elliot Pickart

Einladung zum Glück

Roman

Aus dem Amerikanischen von Patrick Hansen

1. KAPITEL

Sandra Westport zog die Backhandschuhe an und nahm das Blech mit den goldbraunen Muffins aus dem Ofen. Sie stellte es zum Abkühlen auf die Arbeitsfläche, schob ein weiteres Blech hinein und streifte die Handschuhe wieder ab. Dann setzte sie sich an den Küchentisch und begann, das nächste Dutzend Muffins mit Schokoladenglasur zu überziehen.

Vergeblich versuchte sie, sich eine Locke aus der verschwitzten Stirn zu pusten. Die Julihitze hatte Boston fest im Griff. Obwohl es erst acht Uhr morgens war, brannte die Sonne bereits unbarmherzig vom Himmel. Die Hitze des Backofens tat das ihre dazu, dass die Küche einer Sauna glich. Sandra seufzte, während sie ein fertiges Schokoladenküchlein zur Seite stellte und nach dem nächsten griff. Genau in diesem Moment betrat ihr Ehemann die Küche.

„Oh Gott, was für eine Hitze!“, keuchte David Westport. „Ich sage dir, auf dem Bürgersteig könnte man ein Spiegelei braten.“

Er beugte sich vor, stützte die Hände auf die Knie und atmete mehrmals tief durch, bevor er sich wieder aufrichtete.

„Komm her, meine Süße“, sagte er und breitete die Arme aus.

Sandra lachte. „Vergiss es, mein Lieber. Du bist ein durchgeschwitztes klitschnasses Etwas. Geh erst mal duschen, dann denke ich vielleicht noch einmal über deine Bitte nach. Wie kann man nur bei dieser Hitze joggen?!“

Schmunzelnd nahm David sich eine Flasche Wasser aus dem Kühlschrank und trank sie in einem Zug aus, bevor er zu Sandra an den Tisch ging.

„Ich will ja nicht unverschämt sein, aber bei diesem Wetter zu backen zeugt bestimmt auch nicht von einem klaren Verstand“, sagte er und griff nach einem Muffin.

„Hey, Finger weg“, warnte Sandra. „Die sind für den Basar in der Kirche. Und frag mich nicht, wo ich meinen Verstand hatte, als ich mich für das hier gemeldet habe. Die Gemeinde sollte ein Gesetz erlassen, wonach nur Leute, die zu Hause eine Klimaanlage haben, Kuchen spenden dürfen.“ Seufzend schaute sie aus dem Fenster. „Klimaanlage. Wie ich hörte, soll das eine großartige Erfindung sein.“

„Das Gerücht habe ich auch schon gehört“, erwiderte David und nahm sich blitzschnell einen Muffin. „Eines Tages, meine Süße. Und bis dahin könntest du ruhig darauf verzichten, das Thema Klimaanlage immer wieder anzusprechen. Ich bin es leid.“ Er verspeiste den Kuchen mit zwei Bissen. „So. Ich habe der Kirchengemeinde einen Dienst erwiesen, indem ich diese Leckereien probiert habe, und ich muss sagen, deine Muffins sind einfach köstlich, Lockenköpfchen.“

Sandra richtete ihr Messer auf ihn.

„Nenn mich nicht Lockenköpfchen, Westport. Du weißt genau, wie sehr ich es hasse, dass mein Haar immer verrückt spielt, sobald es schwül ist. Wer weiß, vielleicht schneide ich es eines Tages ratzekurz, dann bin ich den Ärger los. Oje, ich freue mich schon auf den Tag, an dem unser Sohn mich vorwurfsvoll fragen wird, warum ausgerechnet er meine blonden Locken geerbt hat und Molly dein glattes schwarzes Haar.“

„Da du gerade von ihnen sprichst: Unsere Zwillinge schlafen wohl noch?“, fragte David.

„Ja.“ Sandra zögerte. „Hör zu, David, ich wollte nicht über die fehlende Klimaanlage jammern.“

Der Timer am Herd summte, und Sandra eilte hinüber, um das Blech herauszuholen. Sie schaltete den Ofen aus und setzte sich wieder an den Tisch, um mit dem Glasieren fortzufahren.

„Fast fertig“, sagte sie und setzte sich. „Ich habe aufgehört zu zählen, aber es müssten genug Muffins für den Basar und für uns sein.“

„Das hoffe ich“, erwiderte ihr Mann und wollte sich noch einen nehmen.

„Lass das.“ Sandra klopfte ihm spielerisch auf die Finger. „Tu mir und der Welt einen Gefallen, und geh duschen.“

„Okay.“ Schnell steckte David seinen Finger in die Glasur und leckte ihn genüsslich ab.

„Igitt“, rief Sandra lachend.

„Es geht doch nichts über Schokolade mit salzigem Schweiß.“ David rümpfte die Nase. „Ich gehe duschen.“

Sandra sah ihm nach.

Sie waren jetzt seit elf Jahren verheiratet, und noch immer konnte sein Anblick ihr Herzklopfen bereiten. David sah toll aus. Er war groß, dunkelhaarig und sportlich, mit unglaublich grünen Augen. Er wog kein Pfund mehr als damals auf dem College, besaß breite Schultern, eine schmale Taille, muskulöse Beine und …

Hastig wandte Sandra sich ab.

„Hier drin ist es schon heiß genug“, sagte sie zu einem Muffin. „Auch ohne an … Halt den Mund, Sandra.“

Während sie Muffin um Muffin glasierte, ließ sie ihren Gedanken freien Lauf.

Jedes Jahr das Gleiche, dachte sie. Sie träumte von einer Klimaanlage, und David versprach, dass sie eines Tages eine einbauen würden. Dabei wussten sie beide, dass das nie geschehen würde. Für einen derartigen Luxus hatten sie einfach nicht genug Geld. Nein. Nicht in diesem Leben.

„Geschafft“, sagte Sandra, bevor sie den letzten Muffin auf das Abtropfgitter stellte und aufstand, um die Behälter zu holen, in denen sie die Küchlein morgen zur Kirche transportieren wollte. Ihr T-Shirt klebte an ihrem Oberkörper, so heiß war es mittlerweile.

Eine Klimaanlage! Warum verschwendete sie auch nur einen Gedanken an etwas, das sie nie bekommen würde? Sie war eine intelligente Frau, die hin und wieder als Reporterin für die North End News, ein zehn Seiten starkes Wochenblatt, arbeitete. Und im Moment war sie einer echten Sensation auf der Spur: Morgen würde sie die ach so spannende Story über den Kuchenverkauf in der Kirche von St. Luke’s in der Redaktion abliefern.

„Du spinnst, Sandra“, murmelte sie und holte die Plastikbehälter aus dem Küchenschrank. „Du hast dein Gehirn mitgebacken.“

Vorsichtig verstaute sie die Muffins in den Behältern.

Vor einer Million Jahren hatte sie noch davon geträumt, dass sie als berühmte Journalistin um die Welt reisen und die Zeitungen sich um ihre Reportagen reißen würden.

Sandra leckte sich Glasur von den Fingern.

Ich war eine Träumerin, dachte sie. Sie hatte ihre Karrierepläne schon lange auf Eis gelegt, um sich ganz auf ihre Familie zu konzentrieren. Sandra bereute es nicht. Sie liebte ihren Mann noch so sehr wie an jenem Tag, an dem sie geheiratet hatten. Und woher wollte sie wissen, ob sie überhaupt das Zeug dazu gehabt hätte, als Journalistin Karriere zu machen?

Aber was war mit David?

Seine Pläne waren keine Träumerei gewesen. Er hatte alle Chancen gehabt, eine Karriere als Baseball-Spieler zu machen. Alle gingen davon aus, dass sich die großen Teams der US-Ligen um ihn bemühen würden, sobald er die Saunders University abgeschlossen hatte. David hätte alles haben können … den Ruhm, ein Vermögen – und ein Haus mit Klimaanlage.

Doch dann war sie schwanger geworden, mit neunzehn. Sandra erinnerte sich noch genau, wie verängstigt sie damals gewesen war. Und wie wunderbar David reagiert hatte. Er hatte ihr gesagt, dass sie nun eben ein bisschen früher heiraten würden. Und dass er sich unglaublich auf ihr Baby freue.

Sie hatte das Studium abgebrochen und als Kellnerin gearbeitet. David suchte sich einen Teilzeitjob als Tankwart, um die Miete für ihre schäbige kleine Wohnung zu verdienen. Zuerst hatte er noch nebenher studieren können, doch dann hatte die Zeit nicht mehr gereicht, alles unter einen Hut zu bekommen.

Sein Traum, professionell Baseball zu spielen, war unter Windeln, Fläschchen und Lätzchen begraben worden. Mit einem Baby wäre das vielleicht alles noch gegangen. Aber nicht mit zwei. Sie hatten Zwillinge bekommen. Michael und Molly.

Und bis heute war Sandra überzeugt, dass David seine Entscheidung bereute, sie damals geheiratet zu haben. Ihr Mann war nicht glücklich und liebte sie nicht mehr. Sicher, er setzte ein Lächeln auf, arbeitete hart und tat so, als wäre er mit seinem Leben zufrieden.

Aber sie konnte sich nicht daran erinnern, wann er ihr das letzte Mal gesagt hatte, dass er sie liebte.

Wann würde es so weit sein? Sandra blinzelte die plötzlichen Tränen fort. Wann würde er genug von ihr haben und sie verlassen? Würde er mehr als ein Jahrzehnt mit ihr als ausreichende Strafe für einen leichtsinnigen Fehler ansehen? Was sollte sie nur tun, damit er sie wieder liebte? Was, was, was? Die Vorstellung, ihn zu verlieren, war unerträglich. Aber sie wusste nicht, wie sie es verhindern sollte.

„Hi, Mom. Hier riecht es aber lecker.“

„Oh.“ Sandra war dankbar für die Ablenkung. „Guten Morgen, Molly. Ich habe Muffins für den Kirchenbasar gebacken, für uns sind aber auch noch welche da. Die Schokoladenglasur muss noch fest werden.“

„Schade“, sagte Molly und setzte sich an den Tisch. Das viel zu große T-Shirt, das sie als Nachthemd trug, rutschte ihr von der Schulter. „Ich hätte jetzt echt Lust auf einen Muffin gehabt.“

„Gedulde dich noch ein wenig.“ Sandra lächelte. „Glaubst du, das T-Shirt deines Vaters ist groß genug für dich?“

„Es ist cool.“ Molly warf einen Blick auf die verblassten Buchstaben. Saunders University stand darauf. „Dad wollte es nehmen, um das Auto nach dem Waschen abzutrocknen, aber ich habe ihn überredet, es mir zu geben. Meine Freundin Becky schläft in einem T-Shirt von ihrem Dad, auf dem Harvard steht, dabei war er dort gar nicht. Dad war wenigstens in Saunders.“

Aber er hat keinen Abschluss gemacht, dachte Sandra.

„Ja, das war er“, bestätigte sie fröhlich. „Genau wie ich. Zwei Sekunden lang. Okay, Frühstück. Cornflakes? Pfannkuchen? Eier? Dein Wunsch ist mir Befehl. Oh, hier kommt dein fauler Bruder.“

„Es ist so heiß“, beschwerte Michael sich und nahm seiner Schwester gegenüber Platz. „Hey, dein Shirt ist so lahm, Molly.“

„Ist es nicht“, protestierte sie. „Du hättest es dir sofort geschnappt, wenn du es vor mir entdeckt hättest, das weißt du genau.“

„Wow“, griff Sandra ein. „Vertagen wir den Krieg bis nach dem Frühstück. Was möchtet ihr, meine Süßen?“

„Pfannkuchen.“ David betrat die Küche. Sein Haar war noch feucht vom Duschen. „Ich werde meine Spezialität machen. Blaubeerpfannkuchen.“

Sandra lachte. „Auf Blaubeeren müssen wir leider verzichten, wir haben keine mehr. Ich fahre nachher einkaufen.“

„So lange können wir nicht warten.“ David rieb sich die Hände. „Ich werde stattdessen meine weltberühmten wie Tiere geformten Pfannkuchen machen.“

„Cool“, rief Michael. „Ich will einen riesigen Dinosaurier.“

„Igitt“, sagte Molly. „Ich will ganz viele hübsche Schmetterlinge.“

„Und Sie, Madam?“, fragte David Sandra.

Sie tippte sich mit der Fingerspitze ans Kinn. „Einen Teddybären, bitte.“

„Wird gemacht. Okay, M und M, ihr zieht euch an, macht eure Betten, und wenn ihr zurück seid, legen wir los.“

Die Zwillinge rasten davon.

„Sie sind so drollig“, sagte Sandra. „Zehn ist ein komisches Alter, nicht wahr? Du machst den beiden Tierpfannkuchen, seit sie in ihren Hochstühlen saßen, und sie begeistern sich immer noch dafür. Vor zwei Sekunden wollten sie noch erwachsen sein, dann sind sie wieder unsere Babys.“

David holte eine Pfanne aus dem Schrank.

„Ja“, sagte er. „Und ehe wir uns versehen, werden sie groß sein und ausziehen. Das ist für mich ein schrecklicher Gedanke, aber man kann die Zeit nicht aufhalten. Wenn es so weit ist, werden sie gehen.“

Fröstelnd starrte Sandra auf seinen breiten Rücken.

Und wann würde er gehen? Hatte er sich entschieden, die Zähne zusammenzubeißen und durchzuhalten, bis die Zwillinge auszogen, weil er seine Kinder so sehr liebte? Würde er zusammen mit ihnen das Haus verlassen? Guter Gott, war sie dazu verdammt, ihre ganze Familie zu verlieren?

„Weißt du“, begann sie, „ich glaube, ich werde auf die Pfannkuchen verzichten. Ich bin noch ganz satt von dem vielen Teig, den ich geschleckt habe.“

„Kann ich mir vorstellen“, sagte er lachend und begann, den Teig zu rühren. „Die Kinder und ich werden deinen Anteil essen.“

„Da bin ich sicher. Ich werde mich solange um die Wäsche kümmern.“

Sandra eilte aus der Küche. Mit gerunzelter Stirn sah David ihr nach, bevor er das Radio einschaltete und einen Countrysong mitsang.

Die Wohnung der Westports lag im dritten Stock eines alten Backsteingebäudes. Sie bestand aus einem langen Flur, einer Küche mit Essbereich, zwei kleinen Kinderzimmern, einem Elternschlafzimmer und einem etwas größeren Wohnzimmer. Im Keller gab es eine Waschküche.

David und Sandra hatten sich das Geld für die Anzahlung seinerzeit von Sandras Eltern geliehen und es längst zurückgezahlt. Nachdem David sein Studium abgebrochen hatte, hatte er in einem nahe gelegenen Supermarkt eine Stelle gefunden. Sandra hatte bis kurz vor der Geburt der Zwillinge weiter als Kellnerin gearbeitet.

Drei Jahre später hatte der Betreiber des Supermarkts David angeboten, das Geschäft zu übernehmen. Den Kaufpreis sollte er in monatlichen Raten bezahlen. Das war die Geburtsstunde von Westport’s Emporium gewesen. David hatte den Laden modernisiert und um eine Abteilung mit italienischen Spezialitäten erweitert, da im North End von Boston viele Bewohner italienischer Abstammung waren. Zudem hatte er eine kleine Papeterie-Abteilung und eine so genannte Grillecke eingerichtet, wo man alles rund ums Grillen bekam.

Das Geschäft lief gut, aber der Umsatz war nicht mehr zu steigern. Die Westports mussten ihr Geld zusammenhalten, was nicht einfach war bei Zwillingen, die über Nacht aus ihren Sachen zu wachsen schienen.

Sandras Teilzeitjob bei der Zeitung trug zwar zur Familienkasse bei, aber das Geld ging immer sofort für notwendige Anschaffungen drauf: neue Klamotten für die Kinder, Turnschuhe, Bücher … Töricht, da an eine Klimaanlage auch nur zu denken!

Während Sandra im Bad die Wäscheberge sortierte, dachte sie einmal mehr über ihr finanzielles Dilemma nach. David war noch immer strikt dagegen, dass sie mehr arbeitete. Er wollte, dass sie daheim war, wenn die Kinder aus der Schule kamen. Michael und Molly sollten auf keinen Fall Schlüsselkinder werden, darin war sie sich mit ihm einig.

David dachte zurzeit daran, den leer stehenden Nachbarladen zu kaufen und den Supermarkt zu erweitern. Sandra gefiel die Idee auch deshalb, weil sie in ihren Augen ein Zeichen dafür war, dass David nicht vorhatte, sie zu verlassen. Doch würde die Bank ihm einen Kredit gewähren? Sie konnte es nur hoffen. Für ihn. Und für sich.

Oh David, dachte sie und legte die Hände um die Ellbogen. Sie waren einmal so glücklich, so verliebt gewesen. Sie hatten ihre Babys vergöttert, alle Arbeiten geteilt und fast nur von Makkaroni mit Käse gelebt.

Doch irgendwann hatte der Abstand zwischen ihnen zugenommen. David hatte sich immer mehr auf die Kinder und den Supermarkt konzentriert. Es war Sandra, als nehme er sie gar nicht mehr richtig wahr. Wann hatten sie das letzte Mal nur zu zweit etwas miteinander unternommen? Sie konnte sich nicht daran erinnern.

Wenn sie nur wüsste, wie es in ihm aussah! Dachte er jeden Tag daran, was er als Baseball-Profi für ein Vermögen hätte verdienen können? War er insgeheim einer Meinung mit seinem Vater, der ihm nie verziehen hatte, dass er seine Karriere für die Familie geopfert hatte?

„Na, ist die Wäsche so schmutzig, oder warum schaust du so grimmig?“, fragte David von der Tür her.

„Wie?“ Sandra kehrte in die Gegenwart zurück. „Nein, ich dachte gerade an deinen Plan, den Laden zu vergrößern. Wir wollten doch mal in Ruhe darüber reden, erinnerst du dich?“

„Natürlich“, erwiderte er. „Aber vorher will ich es erst mit dem Steuerberater durchsprechen. Mal sehen, was er davon hält.“

Und was war mit ihrer Meinung? David hatte sie noch kein einziges Mal ernsthaft danach gefragt.

„Oh.“ Sie nickte. „Na ja, ich dachte, wir beide setzen uns zusammen und machen eine Liste. Du weißt schon, Pro und Kontra.“

„Ja, ja. Hör zu, ich gehe mit den Kindern eine Runde ins Freibad. Bei diesem Wetter tut jede Abkühlung gut. Wir sehen uns später.“

„Bis dann.“ Hatte er sie nicht gefragt, ob sie mitkommen wollte, weil er wusste, dass Sandra nicht gern schwamm? Oder wollte er sie schlicht und einfach nicht dabeihaben?

Auf dem Weg zum Schwimmbad summte David einen Countrysong.

„Krass.“ Molly verdrehte die Augen. „Kein Mensch hört sich solche Musik an, Dad.“

„Ich tue es“, erwiderte er fröhlich.

„Aber niemand, der jung ist“, sagte seine Tochter.

David lachte. „Stimmt, Süße, mit zweiunddreißig stehe ich schon mit einem Bein im Grab. Mach einem alten Mann eine Freude, und ertrag seinen altmodischen Musikgeschmack, bis er den Löffel abgibt.“ Er zögerte. „Ich will noch kurz in den Laden und nachsehen, ob alles in Ordnung ist.“

„Klaro“, sagte Michael. „Bekomme ich einen Kaugummi?“

„Sicher, wenn du ihn kaufst.“ David warf seinem Sohn einen Blick zu.

„Das ist eine so blöde Regel“, beschwerte Michael sich. „Wir haben einen Supermarkt, und ich kann mir nicht mal ein Kaugummi oder einen Riegel oder …“

„Spar dir das Gejammer“, unterbrach David ihn. „Wenn du etwas willst, kaufst du es dir, Ende der Geschichte.“

„Blöd.“

„Dad“, begann Molly. „Meine Freundin Angela hat eine pinkfarbene Zahnspange. Echt. Krieg ich auch so eine?“

„Mal sehen.“

„Mmm. ‚Mal sehen‘ heißt bei dir immer Nein.“

„Nur, wenn eine pinkfarbene Spange mehr als die normale kostet“, antwortete David. „Wir finden es heraus. Versprochen. Okay?“

„Okay.“ Molly seufzte. „Warum können wir nicht reich sein?“

„Geld macht nicht glücklich“, sagte David.

„Bist du eigentlich glücklich, obwohl wir nicht reich sind?“, fragte Molly.

„Ja.“

„Wieso?“

„Ich bin mit eurer Mom verheiratet“, antwortete David, als sie den Hof hinter dem Supermarkt erreichten. „Und wir haben zwei seltsame, aber fantastische Kinder.“

„Wir sind nicht seltsam“, sagte Michael lachend.

„Können wir darüber abstimmen?“, entgegnete sein Vater.

Lächelnd betrat das Trio das Geschäft durch den Hintereingang. David ließ seinen Blick umherschweifen und nickte zufrieden, als ihm der Duft von Gewürzen und frisch gebackenem Brot in die Nase stieg. Der Boden war mit Kopfsteinpflaster ausgelegt, überall standen Pflanzen. Der Raum glich fast einem Markt unter freiem Himmel. Das vielfältige Warenangebot war ansprechend präsentiert.

Das ist Sandras Werk, dachte er nicht zum ersten Mal. Sie hatte mit vielen Ideen aus einem ganz gewöhnlichen langweiligen Supermarkt ein einladendes einzigartiges Einkaufserlebnis gemacht. Auch dafür liebte er sie, seine hübsche Frau.

„Hey, Henry“, rief David. „Wie läuft es?“

„Viel zu tun“, erwiderte der junge Mann hinter dem Tresen. „Große Nachfrage nach Brot, Käse und Wein, schon den ganzen Morgen.“

„Die Leute wissen eben, dass Ihre Mom das beste Brot in ganz North End backt“, sagte David.

„Stimmt. Na, Molly und Michael, was habt ihr zwei heute vor?“

„Wir gehen schwimmen“, verkündete Michael. „Wir müssen uns dringend abkühlen. Sie haben Glück, dass Sie hier arbeiten, hier gibt es wenigstens eine Klimaanlage.“

Henry lachte. „Ich weiß. Wenn jetzt noch die Kunden aufhören würden, mich dauernd zu stören, könnte ich in Ruhe lernen. Ich werde nie ein berühmter Anwalt, wenn ich meine Prüfungen nicht bestehe.“

Lächelnd ging David nun weiter, während die Zwillinge mit Henry plauderten.

Was wäre er ohne die Capelli-Familie! Maria Capelli, die Mutter des Clans, war für frisches Brot und italienisches Gebäck zuständig, das sich hervorragend verkaufte. Es gab Kunden, die nur kamen, wenn ein Capelli im Laden war, weil sie dann italienisch sprechen konnten.

Maria Capelli hatte jedes ihrer sieben Kinder nach einem berühmten Amerikaner genannt, sehr zur Belustigung ihres Ehemanns Carlo. Henry hieß eigentlich Henry Ford Capelli, worüber der junge Mann häufig mit gespielter Entrüstung die Augen verdrehte.

David blieb vor den Auslagen mit Obst und Gemüse stehen und malte sich aus, wie er die Wand dahinter einriss. Das Emporium würde sich dann bis ins Nachbargebäude erstrecken …

Sicher, der Umbau würde viel Geld kosten. Aber wenn sie das Risiko nicht eingingen, würden sie nie die Chance haben, ein bisschen mehr zu verdienen als jetzt, und … Vorausgesetzt, sie fanden überhaupt eine Bank, die ihnen einen Kredit gab und … Die monatlichen Raten würden erschreckend hoch sein. Andererseits brauchten sie dringend eine Klimaanlage. Sandra war die stickige Wohnung leid und …

Verdammt, dachte David und rieb sich den Nacken. Seit Wochen zerbrach er sich den Kopf über den Umbau. Er musste sich dringend mit seinem Steuerberater treffen und die Zahlen durchgehen. Na ja, nicht heute. Heute würde er den Tag mit seinen Kindern verbringen. Er hatte die letzten Wochen nahezu ununterbrochen gearbeitet, höchste Zeit also, mal wieder einen Familientag einzulegen.

„Kommt, Kinder, wir gehen“, rief er. „Erfinden Sie ein neues Auto, wenn Sie mit Ihren Büchern fertig sind, Henry Ford!“

„Ja, ja“, erwiderte Henry mit einer abwehrenden Handbewegung. „Ich kann die Autowitze nicht mehr hören. Mein Bruder Roy hat mir erzählt, dass Sie ihn dauernd fragen, ob er mit dem Pferd hier ist.“

David lachte. „Das muss jemand, der Roy Rogers Capelli heißt, eben ertragen. Kommt schon, M und M, ab ins kühle Nass.“

Nachdem Sandra die saubere Wäsche eingeräumt hatte, bereitete sie für das Abendessen einen Maissalat zu und legte das Hackfleisch zum Auftauen auf die Arbeitsfläche.

Wenn David draußen grillen wollte, würde sie den Herd nicht wieder einschalten müssen. In der Wohnung war es auch so schon heiß genug. Sie schaute aus dem Fenster. Der Asphalt draußen flirrte vor Hitze. Doch es half nichts, sie musste raus, einkaufen. Später wollte sie dann noch ihren Artikel über die preisgekrönten Rosen in Mrs. Barellis Garten zu Ende schreiben.

Sie war gerade dabei, ihre Einkaufsliste zu überprüfen, als sie den Postboten hörte. Also eilte sie nach unten, nahm die Post aus dem Briefkasten und warf auf dem Rückweg zum Fahrstuhl einen Blick auf die Umschläge.

„Hmm“, murmelte sie, als sie kurz darauf das Wohnzimmer betrat.

Ein Brief an David von der Saunders University. Seltsam. Er stand nicht auf der Liste der Ehemaligen – die Ehre widerfuhr nur denjenigen, die ihr Studium mit einem akademischen Grad abgeschlossen hatten. Warum bekam David Post von der Universität?

Vermutlich baten sie ihn um eine Spende.

Sie legte die Post auf die Anrichte und ging in die Küche, um die Einkaufsliste fertig zu schreiben. Den Brief von der Universität hatte sie schon fast wieder vergessen.

2. KAPITEL

Um zehn Uhr an diesem Abend saßen David und Sandra im Freien und sahen den Glühwürmchen nach. Ein Windlicht verströmte Zitronenduft und tauchte den luftigen Balkon in goldenes Licht.

Sie hatten einen schönen Abend mit den Kindern verbracht, einschließlich gegrillter Burger und Maissalat, einer Runde Frisbee auf dem Spielplatz an der nächsten Straßenecke und einer Riesenportion Eis. Jetzt lagen die Zwillinge im Bett und schliefen selig.

David gähnte.

„Darf ich dich zitieren?“, fragte Sandra lächelnd.

„Die viele Sonne und das Schwimmen zollen ihren Tribut“, sagte er und erwiderte ihr Lächeln. „Aber das ist kein Wunder, denn unsere charmanten Kinder haben mich heute informiert, dass ich alt bin, weil ich Countrymusik mag.“

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