×

Ihre Vorbestellung zum Buch »Feels like Forever«

Wir benachrichtigen Sie, sobald »Feels like Forever« erhältlich ist. Hinterlegen Sie einfach Ihre E-Mail-Adresse. Ihren Kauf können Sie mit Erhalt der E-Mail am Erscheinungstag des Buches abschließen.

Feels like Forever

Als Buch hier erhältlich:

Leo und Mila haben so viele Hürden gemeistert und sind nun endlich glücklich vereint. Doch das, was ihre Liebe vervollständigen könnte, erweist sich plötzlich als das, was die beiden voneinander trennt: der Wunsch nach einem Kind. Zwischen den Liebenden tut sich ein Abgrund des Schweigens auf, der unüberwindbar erscheint.
  • Erscheinungstag: 21.09.2021
  • Aus der Serie: Feels Like Reihe
  • Bandnummer: 3
  • Seitenanzahl: 352
  • ISBN/Artikelnummer: 9783745701753

Leseprobe

Triggerwarnung:

Dieser Roman behandelt die Themen Fehlgeburt und Kinderwunsch.

PLAYLIST

Open Season – High Highs

Tonight – Kidswaste

Outside – Beauvois

Wildest Dreams – Taylor Swift

Lights Down Low – Max

Drive – Phoebe Green

Sherman Oaks – EXES

Weightless – Koda

Sweet Creature – Harry Styles

Dreams – Caroline Glaser

Midnight Decisions – Sia

Run – RHODES

Myth – Beach House

Soon Soon – Tom Rosenthal

Spirits – The Strumbellas

PROLOG

Man sagt, Tod durch Ersticken ist die schlimmste Art zu sterben.

Das ist Bullshit, denkt sie, während sie die Klinge mit zitternden Fingern an ihrem Handgelenk ansetzt. Das hier ist tausendmal schlimmer.

Der Schmerz brennt auf ihrer Haut, jagt durch ihre Synapsen und lässt sie zurückzucken. Schon wieder. Schon wieder nicht tief genug.

Ein verzweifeltes Schluchzen bricht aus ihrer Kehle und droht ihr die Luft abzuschnüren.

Herrgott noch mal.

Jetzt tu’s doch einfach!

Dicke dunkelrote Tropfen fallen lautlos auf den schmutzigen Teppich. Im dämmrigen Licht des Raums verlieren sie an Bedrohlichkeit. Sie rinnen über blasse Haut, am Unterarm entlang bis zu ihrem Ellenbogen.

Das letzte Mal, dass sie so viel Blut gesehen hat, war kurz nach der Geburt. Es kommt ihr vor, als wäre es gestern gewesen, aber wann immer sie den Kleinen sieht, wird ihr bewusst, dass das nicht der Fall ist.

Nie wird sie das Entsetzen vergessen, als der zweite Strich plötzlich blau wurde. Ein Andenken an eine Nacht, die sie für immer aus ihrem Gedächtnis löschen wollte. Doch anstatt zu vergessen, wie sie von diesem schweren, hungrigen Körper zu Boden gedrückt wurde, wird sie die Erinnerung nicht mehr los. Schwitzige Hände, erbarmungslose Stöße. Geschlossene Augen, stillhalten, dann ist es schneller vorbei. Aber es ist nie vorbei. Stattdessen ist da ein Kind, das sie nicht ansehen kann, weil der Schmerz noch immer unerträglich ist.

Sie senkt den Kopf und unterdrückt einen Schrei. Die Klinge dringt tiefer, das Blut wird heller. Schwer atmend sinkt sie gegen die Wand. Der andere Arm …

Ihr Körper bebt, ihre Zähne schlagen aufeinander, als sie wieder schneidet. Es tut nicht mehr weh. Eine entsetzliche Ruhe nimmt von ihr Besitz. Warmes Blut, viel davon. Sehr viel …

Reglos steht sie vor dem Bett, betrachtet den kleinen Menschen, der sich in die schmutzigen Laken gewickelt hat. Er hat das nicht verdient. So aufzuwachsen hat niemand verdient.

Sie geht einen unsicheren Schritt Richtung Bett. Der Boden unter ihren Füßen scheint zu schwanken. Ein kalter Schauer durchfährt ihren Körper. Der Schwindel schlägt zu, und für einen Augenblick überwiegt ihre Panik. Es geht so schnell. Sie kann ihm gar nichts mehr sagen.

Sie greift nach der Wand, doch die Knie geben unter ihr nach. Kalter Schweiß bricht ihr aus, ihre Lider schließen sich flatternd.

»Mami?« Kleine warme Hände, die sich an ihr Gesicht legen.

»Mami ist müde, Hase.«

»Du brauchst eine Decke.«

Ein Lächeln zuckt an ihren Lippen, der Schwindel verschluckt sie, dann wird ihr Körper schwerelos. Es fühlt sich gut an. So leicht nach diesem jahrelangen Kampf.

Vielleicht ist es feige. Vielleicht wird er sie für immer dafür hassen. Vielleicht … Und wenn und wenn schon. Er ist stärker als sie. Er wird sich schon irgendwie durchkämpfen.

Es gibt keine andere Option.

EINS

Emilia

»Dr. Vassallo, würden Sie sich das einmal ansehen?«

Ich reagiere erst, als Max mich über den Rand seiner Brille hinweg ansieht.

»Mila?« Mit einem Kopfnicken deutet er zu dem Studenten, der den Führungsdraht des Katheters in den behandschuhten Händen hält.

»Ja, sicher.« Ich löse meinen Blick vom EKG-Monitor und schaue zum Bildschirm, auf dem die Hirngefäße abgebildet sind. »Sie sind richtig«, wende ich mich an den Studenten. »Nur zu. Der Verschluss befindet sich direkt vor Ihnen.«

»Okay.« Konzentriert starrt er auf den Bildschirm, und ich wechsele einen kurzen Blick mit Max. »Noch mal Kontrastmittel, bitte … Da ist es, oder?« Der Student zeigt auf die Verengung des Blutgefäßes und erinnert mich mit seiner Begeisterung so sehr an mich selbst, dass ich ein Lächeln unterdrücken muss.

»Ja, sehr gut. Dann können Sie jetzt den Ballon platzieren. Lassen Sie sich Zeit.«

Ich halte mich zurück, gebe nur ab und zu kleine Hilfestellungen.

»Das war klasse«, lobe ich den Studenten, als wir den Eingriff wenig später beenden. Wie immer versuche ich, einige aufbauende Worte beim Unterrichten zu finden. »Ihre erste assistierte Neuro-Angiographie.«

»Danke, Dr. Vassallo, Neuro ist wirklich so cool!«

Ich muss schmunzeln und schicke den Studenten in die nächste OP, ehe ich Max in die Schleuse folge.

»Und deine erste angeleitete OP«, meint er mit einem Zwinkern, während er sich die Hände desinfiziert.

Seit Max auf dieser Station als Assistenzarzt mein Ansprechpartner war, sind einige Jahre vergangen. Heute ist er mein Oberarzt, und ich bin diejenige, die sich um die nächste Generation junger Ärztinnen und Ärzte kümmert.

»Ich hoffe, ich habe dich nicht blamiert«, meine ich.

»Niemals.«

»Ein Glück.«

Max lacht, drückt mit dem Ellbogen auf den Türöffner und tritt vor mir auf den Flur.

»Was steht noch an?«, frage ich und versuche gleichzeitig, einen unauffälligen Blick zur Uhr an der Wand zu erhaschen. Kurz nach fünf. Eigentlich ist mein Dienst schon zu Ende.

Max ist mein Blick nicht entgangen. »Eine Bandscheibe. Die schaffe ich aber ohne dich. Geh nach Hause, du hast dir deinen Feierabend verdient.«

»Ich mache noch den OP-Bericht und …«

»Lass ihn liegen. Das erledige ich nachher in einem Aufwasch.«

Ich halte inne. »Bist du sicher?«

»Ja, Mila, und jetzt hau schon ab.« Max’ Grinsen nimmt seinen Worten die Schärfe, und ich schenke ihm ein Lächeln.

»Du bist mein Lieblingskollege.«

»Mal schauen, ob du das auch noch sagst, wenn du mir das nächste Mal die Dokumentation abnimmst.«

»Nichts lieber als das«, witzele ich, bevor ich mich von ihm verabschiede und auf den Weg in die Umkleideräume mache. Nachdem ich mich aus der OP-Kluft befreit habe, schlüpfe ich in meine Kleidung und greife auf die Ablage meines Spindes. Ich spüre das kühle Metall zwischen den Fingerspitzen und muss lächeln. Wie jedes Mal, wenn ich nach einer Operation meinen Ehering wieder anstecke und einen Blick auf mein Namensschild erhasche.

Dr. med. Emilia Vassallo

Ärztin

Klinik für Neurochirurgie

Mein Mädchenname ist verschwunden, und aus Leos Wagner wurde Vassallo, als er sich dafür entschieden hat, den Namen seines biologischen Vaters anzunehmen. Seit wir geheiratet haben, ist er auch meiner. Über drei Jahre ist das nun schon her, und noch immer fühlt es sich an, als wäre es gestern gewesen, dass ich Leo in der Südtiroler Spätsommersonne gegenüberstand und ihm mein Ja gegeben habe. Noch nie hatten sich diese zwei Buchstaben so richtig angefühlt. Fast war es, als hätte ich ihre Bedeutung in diesem Augenblick zum ersten Mal richtig verstanden.

Mit dem Daumen fahre ich über das kühle Metall an meinem Ringfinger. Unsere Eheringe sind einfach und schlicht und damit genau das, was ich am allerliebsten wollte. Paolo hatte Leo die Eheringe seiner Großeltern überlassen, und es macht mich noch immer überglücklich, mit ihnen ein Stück Familiengeschichte tragen zu dürfen.

Auf dem Weg nach draußen werfe ich einen Blick auf mein Handy.

Kommst du pünktlich raus?, lese ich und tippe ein kurzes Bin unterwegs.

Leo liest meine Antwort und antwortet sofort. Perfekt, ich fahr gleich los.

Keine Viertelstunde später hält sein Wagen vor dem Haupteingang der Charité.

»Hi«, begrüßt er mich, kaum dass ich eingestiegen bin.

»Schön, dich zu sehen«, murmele ich, beuge mich zu ihm hinüber und drücke ihm einen Kuss auf die Lippen. Fast täglich sage ich ihm diese Worte, und die Schicksale, die mir zuvor auf der Arbeit begegnen, lassen sie mich jedes Mal aufs Neue aus tiefstem Herzen ernst meinen. So anstrengend mein Job als angehende Neurochirurgin ist, so sehr liebe ich ihn dafür, dass er mir ständig wieder vor Augen führt, wie glücklich ich mich schätzen darf, dieses Leben zu führen. Ich bin siebenundzwanzig Jahre alt, habe keinen Beruf, sondern eine Berufung gefunden und teile meinen Alltag mit meinem Seelenverwandten.

Mein Blick streift Leos Gesicht, dessen Aufmerksamkeit vom Berliner Feierabendverkehr in Anspruch genommen wird. Heute ist der vierte Februar – Leos achtundzwanzigster Geburtstag.

Achtundzwanzig …

Ich unterdrücke ein Kopfschütteln. Waren wir nicht eben noch Studenten Anfang zwanzig und heimlich ineinander verknallt? Wo ist nur die Zeit geblieben? Ich muss lächeln und kann den Blick nicht von Leo nehmen. Die kleinen Fältchen um seine Augen verraten, dass er genau bemerkt, wie ich ihn ansehe.

»Was willst du mir sagen?« Er grinst, und ich lehne mich etwas neben ihm zurück, ehe ich antworte.

»Mir ist gerade wieder aufgefallen, wie glücklich ich mich schätzen kann, neben dir zu sitzen.«

»War was auf der Arbeit?« Seine Stimme ist ernst geworden. Leo mustert mich kurz, und mein Bauch wird warm. Es gibt kein schöneres Gefühl als das, so gut von jemandem gekannt zu werden, wie Leo mich kennt.

»Es war nur ein bisschen anstrengend, aber alles gut.«

Er schweigt für den Bruchteil einer Sekunde, dann gibt er sich mit meiner Antwort zufrieden.

»Wollen wir wirklich noch essen gehen?«, fragt er, und ich höre sofort heraus, was er eigentlich meint.

Er ist müde, war genau wie ich den ganzen Tag unter Menschen und möchte gerade lieber nach Hause. Trotz seines Geburtstages konnten wir uns nicht freinehmen, und bis auf ein schnelles Frühstück haben wir uns heute nicht gesehen. Leo hat selbst mehr als genug zu tun. Am Wochenende fliegt er zur Fashion Week nach New York und war auch heute wieder wegen einiger Meetings in Berlin.

»Wie du magst. Es ist dein Tag.« Ich sehe ihn an. »Wir können auch bestellen oder gemütlich kochen.«

Ein kleines Lächeln zuckt an seinen Mundwinkeln, und eigentlich bräuchte er kein Wort mehr zu sagen. »Pfannkuchen?«

Ich muss lachen. »Wenn du das möchtest.«

»Ja. Ich glaube, das möchte ich«, sagt er, und es ist, als wäre alles noch genau wie damals. Als wäre ich wieder die Mila, die gerade in eine neue WG nach Berlin gezogen ist und ihn in meiner Küche kennengelernt hat. Ich habe nie an Liebe auf den ersten Blick geglaubt, doch nachdem ich Leo kennengelernt habe, wurde ich eines Besseren belehrt.

»Dann also Pfannkuchen«, wiederhole ich und kann nicht anders, als zu lächeln. »Wir müssten alles da haben.«

»Das haben wir.« Leo grinst. »Vielleicht habe ich heute Morgen extra noch geschaut.«

*

Eine wohlige Wärme empfängt uns, als Leo die Eingangstür der Villa in Potsdam öffnet und wir den kalten Februarabend für heute aussperren. Die alten Dielen knarzen unter meinen Sohlen, als ich nur in Socken die Treppen hinaufhusche und kurz unter die Dusche hüpfe. Nachdem ich mir den Krankenhaustag abgewaschen habe und in gemütliche Klamotten geschlüpft bin, liegt der typische Pfannkuchengeruch in der Luft. Süß und schwer, warm und ein bisschen fettig.

Leo steht hinter der Kochinsel am Herd. Sein weißes Hemd hat er bis zu den Ellbogen hochgekrempelt. Er lächelt, als ich mich von hinten an ihn schmiege und meinen Kopf für einen Moment an seine Schulter lege.

»Willst du dich umziehen?«, frage ich. »Ich mache solange weiter.«

Er überlässt mir die Pfanne, und als er kurz darauf im ausgebeulten Kiezkind-Sweater und mit noch feuchten Haaren zurück nach unten kommt, steht da der Leo vor mir, den ich kenne.

»Beste Idee des Tages«, seufzt er zufrieden, nachdem wir auf der Couch gegessen haben.

»Und du willst wirklich nichts mehr unternehmen?«, hake ich nach. »Alessa hat gefragt, ob wir was trinken gehen wollen. Sie könnten noch einen Babysitter organisieren.«

»Wann anders vielleicht«, meint Leo wenig überzeugt und schließt für einen Moment die Augen. Mein Blick gleitet über sein Gesicht, und ich stütze mich neben ihm mit dem Ellbogen an die Rückenlehne der Couch.

»Wir werden spießig, Leo«, murmele ich.

»Wir waren schon immer spießig, Emilia-Mila«, antwortet er, ohne die Augen zu öffnen.

Ich lache leise. »Womöglich hast du recht.«

Er blinzelt mich an, als ich mit dem Zeigefinger den Label-Aufdruck auf der Brust seines Pullis nachzeichne. Sein Geruch steigt mir in die Nase, Leo zieht mich näher zu sich.

»Bereit für New York?«, frage ich und kuschele mich an seinen warmen Körper. Wenn ich ehrlich bin, will ich nicht, dass er geht. Es werden nur ein paar Tage sein, aber es vergeht kaum ein Monat, in dem er nicht unterwegs ist. Wann immer es meine Zeit zulässt, komme ich mit, wenn er geschäftlich im Ausland zu tun hat. Diesmal konnte ich nicht freinehmen.

»Nicht annähernd.« Leo lacht leise. »Eigentlich bin ich noch lange nicht fertig, aber jetzt ist es zu spät. Die Kleider sind schon auf dem Weg.«

»Und dein Rückflug …?«, beginne ich und stocke, als Leo sich etwas aufrichtet.

»Wir fliegen Donnerstag zurück. Dann bin ich bis Sonntag hier, bevor es weiter nach London geht.«

»Oh, gut.« Ein erleichtertes Lächeln breitet sich auf meinem Gesicht aus.

»Vielleicht kannst du doch mit nach London?« Leo sieht mich an. »Ein paar Tage nur? Oder nach Mailand. Silvia und Paolo kommen auch.«

»Ich würde so gern, Leo«, seufze ich. Es ist nicht so, dass wir dieses Gespräch nicht bereits mehrfach geführt haben. Ich wünschte wirklich, dass ich mitkommen könnte. »Aber wir sind total unterbesetzt.«

»Vielleicht kannst du einen Dienst mit Max tauschen?«

»Ich kann ihn morgen noch mal fragen, aber momentan ist es wirklich schwierig. Max hatte sein letztes freies Wochenende im Dezember.«

»Du hast den falschen Job.« Leo seufzt, und ich schiebe meine Hand in seinen Nacken. »Aber das darf ich nicht sagen, denn es ist auch der wichtigste Job, und ich liebe dich, weil du Leben rettest und eine Ärztin bist.«

»Aha, nur deshalb also?«

»Ja, natürlich nur deshalb«, murmelt er, bevor er mich küsst.

Ich lasse meine Finger seinen Kiefer entlangwandern und erwidere den Kuss. Leo legt die Hände fester um meine Taille, ich schiebe meine unter seinen Pulli. Glatte, warme Haut unter meinen Fingerspitzen, und Leo zieht mich mit einem Ruck auf seinen Schoß.

Als ich mein Becken gegen seines drücke, entfährt ihm ein Stöhnen. Ich verteile Küsse über seinen Hals, Leo schließt die Augen und lässt den Kopf in den Nacken sinken. Unsere Atemzüge werden tiefer, er greift gerade nach dem Saum meines Oberteils, als uns ein Geräusch innehalten lässt.

»Nicht wirklich, oder?« Leo lässt den Kopf nach hinten gegen die Couch fallen.

Ich unterdrücke ein Lachen, zupfe mein Shirt zurecht und drücke Leo einen züchtigen Kuss auf die Nase, ehe ich von seinem Schoß rutsche. Ein kurzer Blick auf die Uhr genügt, und ich weiß, wer sich da eben mit dem Klingeln an der Tür angekündigt hat.

»Machst du auf?«, bitte ich Leo und übe mich in meinem unschuldigsten Augenaufschlag, während er sich durch die dunklen Haare fährt. »Ist bestimmt für dich.«

Sein Seufzen klingt minimal genervt, doch Leo steht tatsächlich auf. Einen Moment lang verharre ich auf der Couch, dann springe ich auf und folge ihm in den Flur.

Leo schlurft sichtlich frustriert zur Tür, verzichtet auf die Gegensprechanlage und öffnet direkt. Spätestens jetzt kann ich mein Grinsen nicht länger verbergen. Sekundenlang steht er sprachlos da, hat mir den Rücken zugewandt, und doch muss ich sein Gesicht nicht sehen, um mir sicher zu sein, dass er völlig ahnungslos war.

»Überraschung.« Paolo lächelt, und ich bekomme eine Gänsehaut, als die beiden sich einen Augenblick später umarmen. Über Leos Schulter hinweg findet Paolos Blick meinen. Seine Lippen formen ein lautloses »Danke«, und das Strahlen in seinen Augen lässt mich lächeln.

»Was machst du hier, ich dachte …?« Leo hebt den Kopf und löst sich wieder von seinem Vater.

»Meinem Sohn zum Geburtstag gratulieren«, erklärt Paolo, als wäre es das Selbstverständlichste auf der ganzen Welt. Er schaut von Leo zu mir. »Mila, schön, dich zu sehen.«

»Wie geht’s dir?« Ich umarme Paolo ebenfalls und deute ihm, hereinzukommen, ehe ich die Tür hinter ihm schließe. »Wie war dein Flug?«

»Gut und gut.« Er lacht. »Nur euer deutsches Wetter hat mich im wahrsten Sinne des Wortes eiskalt erwischt.«

Fröstelnd reibt er die Handflächen aneinander, und ich schiebe ihn in Richtung Wohnzimmer. »Dann komm rein, möchtest du einen Tee?«

»Wenn es dir keine Umstände macht, gerne.«

»Unsinn, fühl dich ganz zu Hause.«

Leo wirft erst Paolo, dann mir einen ungläubigen Blick zu. Als sich schließlich ein Lächeln auf seinem Gesicht ausbreitet und er leicht den Kopf schüttelt, greife ich nach seiner Hand.

»Du bist unmöglich«, murmelt er, bevor er mich kurz auf den Mund küsst.

»Nichts zu danken«, erwidere ich. »Du liebst doch Überraschungen.«

Leo schmunzelt. Dann schaut er zu Paolo. »Aber wie kannst du hier sein, du hast doch gesagt …?«

»Dass ich nicht kommen kann, weil ich beruflich in Mailand zu tun habe. Korrekt Bambino, das hatte ich bis vorhin auch, ehe ich den Flieger nach Berlin genommen habe. Morgen Mittag muss ich schon wieder zurück, aber du bist ja auch schon fast auf dem Sprung in die Staaten, nicht wahr?«

»Du fliegst für nicht mal vierundzwanzig Stunden nach Berlin?«

»Natürlich.« Paolo zuckt mit den Schultern. »Mila fand die Idee großartig.«

»Oh ja«, stimme ich ihm zu und greife in der Küche nach dem Wasserkocher.

Als ich mich kurz darauf mit den dampfenden Teetassen zu Leo und Paolo setze, sind die beiden bereits dabei, sich über die Neuigkeiten der letzten Tage auszutauschen. Es ist kein allzu häufiges Bild, Leos Vater hier bei uns zu sehen. Vielleicht sind die Momente mit ihm deshalb ganz besonders kostbar. Leo sieht so glücklich aus. So wunderschön glücklich, dass ich nicht anders kann, als die Arme um ihn zu legen und mein Gesicht für einen Moment in der Kuhle an seinem Hals zu verbergen, als Paolo sich wenig später kurz ins Bad entschuldigt.

»Danke.« Sein Flüstern ist ganz nah an meinem Ohr. Seine Lippen streifen meinen Mundwinkel.

Ich muss lächeln. »Happy Birthday«, murmele ich und schließe die Augen, als Leo mich küsst.

ZWEI

Emilia

»Hoffentlich hab ich wirklich alles eingepackt …«

Leo trommelt nervös mit den Fingern auf dem Lenkrad herum, während er auf die stark befahrene Stadtautobahn starrt. Wir sind auf dem Weg zum Flughafen, wo Leo gleich in die Maschine nach New York steigen wird, ehe es für mich zum Tagdienst in die Charité geht.

Gerne hätte ich ihn begleitet, doch die Arbeitszeiten als Assistenzärztin in der Neurochirurgie sind unmenschlich und die Station zu unterbesetzt, um wegen der Fashion Week freizunehmen.

»Du hast alles«, bestätige ich zum wiederholten Mal. »Und selbst wenn du etwas vergessen hast, kann man es ersetzen.«

Leo nickt abwesend.

»Handy, Kreditkarte, Reisepass?«

Sein Blick zuckt zu mir, und seine dunkelbraunen Augen weiten sich leicht.

»Oh, nein, Leo …«, murmele ich, während er wieder auf die Straße schaut. »Das ist jetzt bitte nicht dein Ernst?«

»Ich hab den Pass eingepackt.« Er schluckt. »Oder?«

»Ich weiß es nicht.«

»Kannst du nachschauen?«

Ich unterdrücke ein Seufzen und greife nach hinten zu seinem Rucksack, ehe ich ihn zu mir ziehe. »Wo soll der sein?« Ich öffne den Reißverschluss und werfe ihm einen kurzen Blick zu.

»In dem Fach vorne, ich glaube, ich habe …«

Ich runzele die Stirn, Leo schaut zu mir, dann geht plötzlich alles ganz schnell.

»Leo!!!«

Ich erkenne mich selbst kaum, so schrill klinge ich plötzlich. Einen Wimpernschlag später werde ich bereits in den Sicherheitsgurt gepresst, kann nicht mehr atmen und habe das Gefühl, aus meinem Sitz gerissen zu werden, direkt nach vorn in das Meer aus leuchtend roten Lichtern.

*

Leonardo

»Brems!«

Die Todesangst in Milas Stimme dröhnt noch in meinem Kopf, und für einen Moment verstummen sämtliche Geräusche um uns herum. Jemand hat auf Zeitlupe gedrückt. Einfach so. Ich fühle nichts mehr. Als wäre ich nicht mehr Teil meines Körpers.

Ich halte dieses Lenkrad, und der Wagen steht. Mitten auf der Autobahn zwischen all den anderen Autos, blinkende Rücklichter, mein rasendes Herz. Ich glaube, es hat gereicht. Zwischen meiner Motorhaube und der Stoßstange des Wagens vor uns ist noch Platz.

Meine Brust hebt und senkt sich schwer, und dort, wo der Sicherheitsgurt liegt, brennt sie wie Feuer. In diesem Moment erinnere ich mich.

Mila ist kreidebleich und starrt ebenso schockiert durch die Windschutzscheibe wie ich gerade noch. Ihr Blick huscht über die anderen Fahrzeuge und geht erst zu mir, als ich sie anspreche.

»Bist du okay?« Meine Stimme klingt fremd. Mila nickt, erst langsam, dann fahriger.

»Ja, ich … ich glaub, schon.« Sie holt tief Luft. »Und du?«

»Auch.« Ich zwinge mich dazu, einen Moment in mich hinein zu spüren. Und fühle nichts. Mir tut gleichzeitig nichts und irgendwie alles weh. Ich kann überhaupt keinen klaren Gedanken fassen. »Ja, ich auch.«

»Gut, okay.« Milas Stimme zittert, und für einen Moment befürchte ich, sie könnte jeden Augenblick in Tränen ausbrechen. Doch sie tut es nicht, und ich frage mich, woher sie diese unendliche Beherrschung nimmt. »Scheiße, das war knapp.«

Ich schaffe nur ein Nicken, werfe wieder einen Blick nach vorn, dann schaue ich in den Rückspiegel. Wir können von Glück reden, dass auch die Autos hinter uns rechtzeitig bremsen konnten. Ich schließe für einen Moment die Augen.

»Ist jemand verletzt?«

Ich öffne die Augen wieder. Ich kenne diese Tonlage. Es ist Milas Ärztinnenstimme, und ich bekomme eine Gänsehaut, als ich geradezu spüre, wie sie in diesen Sekunden in den professionellen Modus wechselt.

»Ich glaube, nicht«, sage ich. Milas Sicherheitsgurt klickt. »Wo willst du hin?«

»Ich muss nachschauen«, murmelt sie, und ich greife nach ihrem Arm.

»Die fahren schon wieder, ich glaube, es ist nichts passiert.« Ich deute mit einem Kopfnicken nach vorne.

»Bist du sicher?« Mila zögert, schließt ihren Sicherheitsgurt dann aber wieder, als die Fahrzeuge vor uns langsam wieder anfahren. »Du hast recht.«

»Wir hatten Glück«, betone ich, während ich den Wagen vorsichtig wieder ins Rollen bringe. Ich weiß nicht, wen ich damit zu beruhigen versuche. Mila oder mich selbst. Vermutlich scheitere ich bei beiden.

»Fahr vorsichtig«, bittet sie, nachdem sie sich wieder angeschnallt hat. Die anderen Fahrzeuge lässt sie dabei nicht aus den Augen. Erst nach einer Weile widmet sie sich wieder meinem Rucksack und hält wenig später meinen Pass in der Hand.

Wirklich entspannt fühle ich mich trotzdem nicht, als wir wenig später den Flughafen erreichen. Ich halte in der Kurzparkzone und überlasse Mila die Autoschlüssel. Mechanisch hole ich mein Gepäck aus dem Kofferraum, werfe einen Blick auf die Uhr, und dann stehe ich vor Mila und will nicht gehen. Abschiede sind so ätzend. Ich hasse sie wirklich, auch wenn wir diesmal nicht lang voneinander getrennt sein werden. Es gefällt mir einfach nicht, und daran können nicht einmal die Vorfreude auf New York und die Fashion Week etwas ändern.

»Pass bloß auf dich auf«, meint Mila eindringlich. Sie lässt sich erst von mir in eine Umarmung ziehen, nachdem ich genickt habe.

»Immer«, verspreche ich und vergrabe mein Gesicht für einen Moment in ihren Haaren. Ihr Geruch beruhigt mich, und ich schließe die Augen. »Dir geht’s sicher gut?«, frage ich dann noch einmal. Es ist nur ein seltsames Bauchgefühl, aber ich werde es nicht los, wenn ich an den Schrecken gerade eben denke.

»Ja.« Sie löst sich etwas von mir, und ich sehe sie wieder an. »Dir auch? Keine Kopfschmerzen oder so? Lass mich kurz sehen … Tut das weh?« Ich kann gar nicht so schnell reagieren, wie sie mein Gesicht zwischen ihre Hände genommen hat und ihre Daumen auf meine Stirn und Wangenknochen presst. Das ist der Moment, in dem ich lächeln muss.

Mit einem leichten Kopfschütteln entziehe ich mich ihrem Griff. »Nein, wirklich nicht. Mach dir keine Sorgen.«

»Gut.« Sie zwingt sich zu einem Lächeln. »Dann grüß mir Jason und Willem. Ich wär gern mitgekommen. Wirklich, Leo.«

»Ich weiß das doch«, sage ich. »Beim nächsten Mal wieder, ja?« Ich hebe ihr Kinn etwas an und küsse sie. Ich will nicht ohne sie über diesen dummen Atlantik fliegen. »Es sind nur fünf Tage«, sage ich mehr zu mir selbst als zu Mila, doch sie nickt. Fünf Tage … Und wir benehmen uns, als müsste ich ein halbes Jahr wegbleiben. Wie lächerlich.

»Ich hol dich am Donnerstag ab«, bestätigt sie und küsst zurück. »Viel Erfolg für deine Show! Du wirst es rocken, Leo. Und meld dich mal, wenn du Zeit hast.«

»Werde ich. Und arbeite nicht zu viel.« Ich beuge mich vor, um sie noch mal zu küssen. »Ich liebe dich.«

Ich schließe die Augen und weiß trotzdem, dass sie lächelt. Ich muss es nicht sehen, ich kann es spüren, und ich denke an dieses Gefühl den ganzen Weg über vom Check-In durch die Sicherheitskontrollen bis ans Gate.

DREI

Emilia

Leo muss längst irgendwo über dem Atlantik sein, als ich zum ersten Mal an diesem hektischen Morgen ein paar Minuten Ruhe habe und mich zum Dokumentieren ins Arztzimmer verkrieche. Chefarztvisite, Frühbesprechung, Patientenaufnahmen. Mein Kopf raucht schon jetzt, dabei werde ich noch bis mindestens siebzehn Uhr zu tun haben.

Ich muss zu Dienstbeginn noch immer ziemlich blass um die Nase ausgesehen haben, denn Max wollte noch vor der Visite wissen, ob alles okay mit mir sei. Nachdem ich ihm von dem Zwischenfall auf der Autobahn erzählt habe, bestand er darauf, dass ich mich durchchecken lasse, und ließ sich nicht abwimmeln, bis ich seine knappe neurologische Untersuchung über mich habe ergehen lassen. Anschließend war er beruhigt. Ich auch, zumindest so lange, bis gegen Ende der Frühbesprechung plötzlich dieses seltsame Ziehen in meinem Unterleib begonnen hat.

Andererseits sollte mich das nicht weiter wundern. Es dürfte längst wieder Zeit für meine Regel sein. Wenn ich es mir recht überlege, bin ich sogar eigentlich überfällig. Die letzten Wochen waren so stressig, dass ich meinen Zyklus nicht wie sonst über eine App am Handy getrackt habe.

Ich zucke zusammen, als der dumpfe Schmerz erneut durch meinen Bauch fährt und es mir für einen Moment unmöglich macht, ruhig weiterzuatmen. Okay, das ist seltsam … So schlimm ist es normalerweise nur, wenn meine Blutung schon da ist. Vielleicht sollte ich vorsorglich eine Schmerztablette nehmen, bevor es bei der Arbeit zu schlimm wird. Am liebsten würde ich mich während dieser Zeit im Monat nur mit einer Wärmflasche im Bett verkriechen und niemandem mehr unter die Augen treten. Doch das kann ich frühestens in ein paar Stunden.

Ich will gerade aufstehen, um in meiner Tasche nach einer Schmerztablette zu suchen, als Max hereinkommt.

»Kommst du mit frühstücken?«, fragt er und legt einen Stapel Patientenakten auf seinen Schreibtisch.

»Geh mal ohne mich, ich habe nicht so wirklich Appetit«, murmele ich. Meine Stimme klingt verdächtig dünn, als in diesem Augenblick erneut der Schmerz in meiner Mitte brennt. Max bleibt stehen.

»Mila.« Seine Stimme klingt gefährlich ruhig, und ich wage es nicht, seinem Blick auszuweichen. »Hast du doch irgendwelche Beschwerden?«

Ich stoße ein genervtes Seufzen aus, ehe ich auf meinem Stuhl zurückrolle. »Ein bisschen Bauchschmerzen, nichts weiter.«

»Du solltest runter in die Ambulanz gehen und zumindest kurz ein Sono machen lassen. So ein Sicherheitsgurt kann bei der Wucht der Bremsung …«

»Max, ich weiß das«, fahre ich ihn an und klinge schärfer als beabsichtigt. Ich hasse mich dafür, doch in diesen Sekunden tragen die leise Angst und ungute Vorahnung tief in mir drin nicht gerade dazu bei, ruhig und entspannt zu bleiben. Gleichzeitig will ich nicht unnötig die Pferde scheu machen. Es ist nur ein bisschen Bauchweh, Himmel, was soll schon passiert sein? »Aber ich bin eine Frau, okay? Ich kann Regelschmerzen von was Ernstzunehmendem unterscheiden.« Ich straffe die Schultern, um meinen Worten mehr Nachdruck zu verleihen.

Ein paar Sekunden lang mustert er mich. »Ich fände es trotzdem nicht verkehrt«, meint er dann. »Aber du wirst es schon wissen.«

Ich gebe mir Mühe, nicht zusammenzuzucken.

»Soll ich dir was aus der Cafeteria mitbringen? Wir sind den ganzen Tag im OP, das weißt du?«

»Ja, weiß ich«, entgegne ich. »Aber danke, nicht nötig.«

»Gut. Dann bis gleich.«

»Bis später.« Ich schlucke.

Kurz warte ich, bis sich seine Schritte im Flur entfernt haben, seufze dann und rolle auf meinem Stuhl zum Schrank, in dem wir unsere Taschen aufbewahren. Die Schmerztablette spüle ich mit viel lauwarmem Kaffee hinunter und arbeite mich anschließend durch meine Arztbriefe.

Als ich eine halbe Stunde später in OP-Kleidung schlüpfe und zu Max stoße, ist das Ziehen verschwunden. Er mustert mich kurz, sagt aber nichts, während wir nebeneinander am langen Waschbecken stehen, uns steril machen und schließlich zu der Patientin in den Saal treten.

Max erklärt unserem Studenten, wie wir vorgehen, ich assistiere ihm. Im Hintergrund läuft das Radio, irgendein alberner Popsong. Alles ist wie immer. Zumindest so lange, bis mich ein brennender Schmerz durchfährt. Er ist stärker als zuvor, und für einen Moment habe ich Mühe, nicht mit dem Operationsbesteck in den Händen zusammenzuzucken.

Max’ Blick liegt sofort auf mir. Bei Eingriffen dieser Art kann jede noch so kleine falsche Bewegung fatale Folgen haben. Ich weiß das. Und ich stehe hier, obwohl ich es offensichtlich nicht verantworten kann. Mit einem Mal habe ich das Gefühl, die Aufmerksamkeit aller Anwesenden läge auf mir.

»Michael, Sie übernehmen bitte für Dr. Vassallo.« Max’ Stimme klingt komplett ruhig, doch in diesen Sekunden gleicht sie trotzdem einem Schlag ins Gesicht. Weil er eine Entscheidung trifft, die ich selbst hätte treffen müssen.

»Was …?«, bringt der Student hervor, doch Max bedeutet ihm mit einem Kopfnicken, an seine Seite zu kommen.

»Steril machen, dann wieder reinkommen, und zwar zackig. Und du«, er dämpft die Stimme und schaut mich an, »gehst jetzt sofort in die Ambulanz und lässt dich untersuchen. Ich will dich erst wieder hier sehen, wenn mir ein Kollege bestätigt hat, dass dir nichts fehlt.«

Ich nicke mit zusammengebissenen Zähnen und gebe an einen OP-Pfleger ab, der neben mich tritt.

»Tut mir leid, ich …«, beginne ich, doch Max deutet nur wortlos zur Tür.

In meinen Ohren fiept es, als ich kurz darauf nach draußen trete. Noch nie wurde ich aus einer laufenden OP geschickt, und auch wenn ich an Max’ Stelle ebenso entschieden hätte, fühlt es sich an wie die größte Demütigung meiner bisherigen Karriere. Aber er hat recht. Solange ich nicht ganz auf der Höhe bin, habe ich nichts in einem OP-Saal zu suchen. Es würde mich nicht wundern, wenn ich später noch eine ordentliche Standpauke von meinem Ausbilder bekomme. Verdient habe ich sie allemal …

In den Umkleiden schlüpfe ich wieder in meinen Kittel und mache mich dann auf den Weg nach unten in die Ambulanz. Im Arztzimmer finde ich einen Kollegen aus der Inneren, der zwar maximal gestresst wirkt, sich aber immerhin bereiterklärt, mich kurz durchzuchecken, als ich ihm berichte, was los ist.

Schon während er meinen Bauch abtastet, zucke ich zusammen. Dann sieht er mit dem Ultraschallgerät nach, und plötzlich verdüstert sich seine Miene. Er lässt mich nicht auf den Monitor schauen, telefoniert nach einem Kollegen aus der Gynäkologie, und als sich die beiden kurz darauf zu zweit über den Monitor beugen, ist mir längst ganz kalt geworden.

»Wie weit sind Sie?«, fragt der Gynäkologe, während er etwas an den Einstellungen verändert und weiter das Bild betrachtet. Erst als ich nichts antworte, sieht er mir wieder ins Gesicht.

»Wie …?« Ich zögere, dabei hat mein Kopf längst verstanden. Alles in mir wird taub, während ich ihn weiter ansehe.

»In welcher Woche?«, wiederholt er seine Frage.

»Sie meinen …?«

»Sie sind schwanger, Dr. Vassallo.« Er zögert, als er meine Überforderung zu bemerken scheint. »Wussten Sie das nicht?«

»Nein. Ich …« Ich schlucke. »Nein.«

»Es tut mir wirklich leid, aber ich kann leider keinen Herzschlag mehr feststellen.«

Stille.

Drei Sekunden mindestens.

Dann platzt das Entsetzen in Form eines schrillen »Was?!« aus mir heraus. Beinahe muss ich lachen und kann es gerade noch so verhindern. Ich muss völlig hysterisch wirken. Der Arzt nickt, öffnet den Mund, doch ich lasse ihn gar nicht erst zu Wort kommen.

»Das muss ein Irrtum sein, ich bin nicht schwanger.« Ich sage diesen Satz mit einer hundertprozentigen Sicherheit, die ins Bröckeln gerät, als ich in die erfahrenen, ernsten Augen blicke. Plötzlich wird mir himmelangst. »Oder …?«

»Wann war Ihre letzte Regel, Dr. Vassallo?«

»Ich …« Ich stocke. Es ist lächerlich. Ich kenne meinen Körper besser als dieses dumme Ultraschallgerät. Das tue ich doch. Oder? »Ich weiß es nicht.«

»Sehen Sie, der Untersuchungsbefund ist eindeutig. Ich schätze Sie auf plus minus zwölfte Woche. Gut möglich also, dass Sie bisher noch nichts bemerkt haben. Es gibt viele Frauen, denen …«

»Aber ich nehme die Pille!«, entfährt es mir, und ich merke selbst, dass ich mich völlig idiotisch benehme. Mir ist klar, dass auch die Pille in manchen Fällen eine Schwangerschaft nicht zuverlässig verhindern kann. Ich bin Ärztin. Ich weiß so was.

Scheiße …

Die Tränen schießen mir in die Augen. Das kann nicht sein. Ich kann nicht schwanger sein. Gewesen sein. Was auch immer.

»Mein aufrichtiges Beileid, Dr. Vassallo.«

Das hat er mit Sicherheit schon ein Dutzend Mal gesagt und dennoch nie verstanden. Ich brauche sein Beileid nicht. Ich brauche Erklärungen. Wie kann das sein? Herrgott noch mal, was bedeutet das alles?

»Und Sie sind sicher?«

Der letzte Funken Hoffnung in mir erlischt, als er ohne einen Moment des Zögerns nickt. »Sehen Sie, ich erkenne ohne Zweifel einen intrauterinen Fremdkörper.« Er dreht das Ultraschallgerät zu mir. Plötzlich wünschte ich, ich würde einfach nichts darauf erkennen. Nicht zugeben müssen, dass er offensichtlich recht hat. Da liegt etwas in meiner Gebärmutter. Etwas, das mal ein kleiner Mensch hätte werden sollen. Plötzlich weiß ich nicht mehr, wie man richtig atmet. »Wir machen noch ein CTG, aber alles deutet darauf hin, dass der Fetus nicht mehr lebt.«

Natürlich nicht. Er nennt es ja nicht mal mehr Kind. Er ist sich wirklich sicher.

»Sollen wir jemanden für Sie anrufen, Dr. Vassallo?«

Leo …

Er hat keine Ahnung. Ich hatte doch selbst keine. Und er ist im Flugzeug. Es bringt nichts, ich würde ihn frühestens in ein paar Stunden erreichen.

Ich spüre, wie ich den Kopf schüttele.

»Den Kindsvater vielleicht?«

»Nein, das geht nicht … Er ist gerade im Ausland.«

»Und einen anderen Vertrauten? Eine Freundin oder Geschwister?«

»Nein, bitte.« Ich kann nicht. Ich kann jetzt niemanden sehen. Erst muss ich selbst irgendwie verstehen, was das alles überhaupt bedeutet. »Niemanden.«

»In Ordnung.« Die Endgültigkeit in der Stimme des Arztes lässt mich wahnsinnig werden. Hier ist absolut nichts in Ordnung, und er weiß das. »Wir nehmen Sie oben auf der Gyn stationär auf und sehen noch einmal nach den Herztönen. Nur, um sicherzugehen.«

Ich verkneife mir die Frage nach dem »Und dann?«, denn die Antwort darauf kenne ich längst. Und sie tut weh. Zu weh, um weiter darüber nachzudenken. Also lasse ich es. Wie in Trance setze ich mich auf.

»Bitte, ich begleite Sie nach oben.«

Mechanisch nicke ich.

Dumpf dringen die Stimmen um mich herum zu mir durch, während wir den Flur entlang zum Aufzug gehen. Ich trage meinen Kittel, gehe neben einem Kollegen durch die Gänge. So als wäre das hier ein stinknormales Konsil. Und ich die Ärztin. Aber seit zwanzig Minuten bin ich das nicht mehr. Ein Telefon klingelt. Es vibriert in meiner Kitteltasche, und mir fällt wieder ein, dass ich eigentlich arbeite. Ich muss Max informieren. Sie werden mich wohl kaum zurück auf meine Station lassen, bis …

»Sind Sie im Dienst?«, fragt der Gynäkologe, als ich neben ihm im Aufzug stehe.

Als ich nicke, huscht sein Blick zu meinem Namensschild.

»In Ordnung, ich kümmere mich um eine Krankschreibung. Sprechen Sie selbst mit Ihrem Vorgesetzten, oder möchten Sie, dass ich …?«

»Nein, ich mache das.« Ich schlucke. »Danke.«

Er nickt nur und wartet diskret einige Meter weiter, während ich mit Max telefoniere. Er ist noch im OP, und stellt keine Fragen, als ich ihm mitteile, dass ich heute nicht mehr arbeiten kann. Es fühlt sich furchtbar an, und ich kann nichts dagegen tun.

Oben werde ich direkt in ein Untersuchungszimmer gebracht. Noch mal Ultraschall, eine Schwester nimmt Blut ab, sie messen die Herztöne. Ein angedeutetes Kopfschütteln des Arztes, und meine Welt bricht ein. Sie bräuchten kein Wort mehr zu sagen, doch sie tun es trotzdem und hören einfach nicht mehr damit auf. Sie sagen nicht Fehlgeburt, sie sagen es kein einziges Mal. Sie sagen Worte wie Abgang oder Abort. Diese ganzen harten medizinischen Fachausdrücke, weil ich ja keine normale Schwangere bin, sondern die junge Kollegin aus der Neurochirurgie. Abrasio, Ausschabung, diesen schrecklichen Vorgang, während dem sie mir in Vollnarkose die sterblichen Überreste dessen aus der Gebärmutter kratzen wollen, was Leos und mein Kind hätte werden können. In diesen Sekunden verstehe ich es zum ersten Mal wirklich.

Ein Kind. Wir hätten ein Kind bekommen können.

Hätten.

Wie paralysiert starre ich an die weiße Wand meines Zimmers, in das ich geschickt werde, ehe ich gleich als Notfall in den OP gehe. Einfach so, als wäre vor einer Dreiviertelstunde nicht alles noch okay gewesen. Alles passiert viel zu schnell, und Leo hat keinen blassen Schimmer.

Meine Hand findet ihren Weg unter mein Oberteil an den Bauch. Da ist nichts. Nicht die kleinste Wölbung. Nicht mehr als nach einem anständigen Abendessen. Nichts, was mich auf den Gedanken gebracht hätte, mal ordentlich nachzurechnen und meinen Zyklus zu prüfen. Himmel, ich bin Ärztin! Wie kann ausgerechnet mir so etwas passieren?

Ich zucke zusammen, als sich die Tür öffnet.

»Dr. Vassallo?« Die Schwester stoppt. »Sie müssen sich umziehen, es ist gerade ein Saal frei geworden.« Das Mitleid in ihrer ruhigen Stimme trifft mich wie eine klatschende Ohrfeige.

»Ja, sofort. Entschuldigung.«

»Schon gut. Ich habe hier noch eine Tablette für Sie.«

»Ich möchte keine.« Ich muss klar bleiben bis zum letzten Moment.

»Sind Sie sicher? Es würde Ihnen helfen, etwas zu entspannen.«

»Ich habe keinen Grund, mich zu entspannen, also nein, danke!«

Ich weiß, dass ich ungerecht bin. Dass keiner etwas dafür kann, am allerwenigsten das Pflegepersonal. Nur ich selbst. Nur mein Körper, der nicht fähig ist, ein winziges Kind am Leben zu halten. Nur dieser Idiot, der auf der Autobahn die Vollbremsung verursacht hat. Nur … Nein. Das alles macht doch keinen Sinn. Nur ich. Punkt.

Den Bruchteil einer Sekunde verharrt die Schwester weiter in der Tür, dann nickt sie und verschwindet ohne ein weiteres Wort. Mein Blick geht zur Uhr an der Wand. 10:07 Uhr.

Leo ist irgendwo überm Atlantik.

Der Wunsch, ihn hier zu haben, ist überwältigend und schnürt mir für einen winzigen Moment die Luft ab. Kurz stelle ich mir vor, wie die Tür auffliegt und Leo hereinkommt. Wie er genauso schockiert ist wie ich, aber es vor mir verbirgt, weil ich diejenige bin, die gerade um Fassung ringt. Wie er mich umarmt und sagt, dass alles gut wird, so oft, bis ich es auch irgendwann glauben kann.

Ein trockenes Schluchzen bricht aus meiner Kehle, ich lege die Hände fest auf meinen Bauch und krümme mich unter dem unendlichen Schmerz. Er ist nicht körperlich. Nicht nur.

Eine, nur eine einzige Sekunde lang lasse ich zu, dass mich der Moment überwältigt. Verharre schwer atmend in meiner gebeugten Position, zittere am ganzen Körper und versuche, in mich hinein zu spüren.

Nichts.

Da ist nichts.

Nichts, von dem ich wusste. Es macht überhaupt keinen Sinn, dass mich das jetzt so mitnimmt. Ich blinzele die Tränen weg.

Reiß dich zusammen.

Tief durchatmen.

Aufrichten.

Ein eiserner Mantel der Selbstkontrolle legt sich über mich und lähmt all meine Emotionen. Steif schlüpfe ich aus meinem Kittel, der Arbeitskleidung und Unterwäsche. In meinem Slip ist Blut, und sekundenlang starre ich darauf.

Zwölfte Woche.

Vier, vielleicht fünf Zentimeter.

Niemals überlebensfähig.

Ich hatte keinen blassen Schimmer, wie nackt man sich unter diesem OP-Hemd fühlt. Trotz Netzhose und dicker Baumwolleinlage, die aufsaugt, was nicht länger in mir bleiben wollte. Als ich mich auf die Bettkante setze, will alles in mir rennen. Ich will keine Patientin sein. Es macht mir Angst. Das alles macht mir einfach nur Angst.

Ich weiß nicht, wie viel Zeit vergeht, bis die Schwester zurück ins Zimmer kommt.

»Sind Sie bereit?«

Ich nicke. Und schüttele innerlich den Kopf.

Wie soll man dafür jemals bereit sein?

»Und Sie möchten sicher niemanden informieren?« Die Krankenschwester legt die Hand auf meine Schulter, und kurz droht diese kleine Geste der Fürsorge meine mühsam aufrechterhaltene Fassade einstürzen zu lassen.

Ich kann nicht. Es wäre unmöglich, weiter kalt und gefühllos zu bleiben, wenn Alessa oder Johannes plötzlich neben mir sitzen würden. Der Einzige, den ich jetzt bei mir haben will, ist Leo. Und Leo ist nicht zu erreichen. Es ist sinnlos, ihn nun zu informieren, denn er wird meine verpassten Nachrichten erst sehen, wenn er in tausend Stunden in New York landet. Selbst wenn er sofort in die nächste Maschine zurück nach Berlin steigen würde, er wäre frühestens in den Morgenstunden wieder hier. Todmüde und ein einziges Nervenbündel. Bis dahin ist es längst vorbei. Und ich hätte ihm trotzdem die gesamte Reise verdorben.

»Können wir es einfach schnell hinter uns bringen?«, presse ich heraus und halte dem Blick der Krankenschwester mit trockenen Augen stand. Obwohl alles in mir weint. Obwohl es sich anfühlt, als wäre das nicht ich, sondern nur meine Hülle.

Sie nickt. »Natürlich.«

»Das eben tut mir leid.«

»Entschuldigen Sie sich nicht. Denken Sie jetzt nur an sich.«

Meine Augen werden feucht, ich schaffe immerhin so etwas Ähnliches wie ein Nicken.

So fühlt es sich also an. In diesem Bett zu liegen, durch die Flure zu fahren, die letzten Gedanken zu denken, bevor sie gleich ausgeknipst werden. OP-Schleuse, Einleiten, fürs Anästhesiegespräch blieb vorhin keine Zeit. Um dem Winzling in meinem Bauch richtig Tschüss zu sagen, auch nicht.

»Wir machen eine Kurznarkose mit Larynxmaskenintubation und …«

Mir egal.

Macht es einfach.

Ich fühle mich gleichgültig und doch voller Panik. Gefesselt auf diesen schrecklichen Tisch. Will nicht, dass mir die MTA eine Nadel in den Handrücken schiebt und kurz darauf das Propofol aufzieht. Ich kann nicht auch noch dieses letzte bisschen verdammte Kontrolle verlieren.

»Wir sind bei Ihnen, Dr. Vassallo.«

Jetzt mach schon.

Eine Hand legt sich an meine Schulter, mein Kopf wird schwer, ohne dass ich etwas dagegen tun kann. Ich bekomme Angst.

»Wir passen gut auf Sie auf.«

Ich will nicht.

Bitte.

»Ihnen wird jetzt etwas schwummerig.«

Nein!

Bleib wach.

Bleib wach.

Bleib …

Dunkelheit.

VIER

Leonardo

»New York, Baby!«

Enthusiastisch reißt Jason die Balkontür des Hotelzimmers auf und tritt mit ausgebreiteten Armen in die Eiseskälte. Mir läuft sofort eine Gänsehaut über die Arme.

»Ja, super, ist ja nicht so, als wäre ich eben schon fast erfroren …« Fröstelnd verschränke ich die Arme. »Hast du vor, noch länger da draußen zu bleiben, oder kann ich wieder zumachen?«

»Leo, du bist so langweilig. Soll ich dir deine Jacke bringen?«

»Sehr witzig.« Ich rolle mit den Augen, als Jason wieder hereinkommt, und schließe schnell die Tür. »Wer hat vorhin im Flugzeug rumgeheult, weil er dachte, das geht schon im T-Shirt?«

Jason lacht. »Ach, sei doch still, Mann.«

Ich lasse mich rückwärts auf das riesige King-Size-Bett fallen. Gott, bin ich müde. Schon nach dem Flug hätte ich nichts gegen einen kurzen Powernap gehabt, aber nun, nach all den Terminen, die wir heute schon hatten, bin ich völlig erledigt. Leider ist es immer noch zu früh, um schlafen zu gehen, auch wenn meine innere Uhr das anders sieht.

Ich fahre zusammen, als Jason sich neben mich auf die Matratze fallen lässt.

»Hey, kommt gar nicht in die Tüte. Schön wach bleiben!«

Ich blinzele. »Ich bin wach.«

»Ja, das sehe ich. Steh auf, Leo, ernsthaft. Wenn du jetzt schläfst, bist du heute Nacht um vier hellwach.«

»Mir egal …«

»Leo, komm.« Jason packt mich am Handgelenk, und ich lasse mich hochziehen. »Ab nach draußen, lass uns was essen gehen. Hast du keinen Hunger?«

»Nein.«

»Lüg nicht. Dein Magen hat eben sehr laut geknurrt.«

»Wir könnten auch einfach was bestellen?«, murmele ich.

»Ja, klar. Mitten in New York. Warum rausgehen und was erleben, wenn man auch in einem beliebigen Hotelzimmer sitzen und die Wand anstarren kann?«

Ich boxe ihn gegen den Oberarm und reibe mir den schmerzenden Nacken. »Idiot.«

»Oder merkst du doch was von heute Morgen?« Jason ist ernst geworden. Kurz bereue ich es, ihm überhaupt von dem Beinahe-Unfall in Berlin erzählt zu haben.

»Nein, mir geht’s gut. Wirklich.« Ich strecke mich etwas und taste dann nach meinem Handy. »Mila hoffentlich auch. Sie hat gar nichts mehr geschrieben.«

»Weil es mitten in der Nacht bei ihr ist«, meint Jason. Da muss ich ihm recht geben. »Du bewegst dich jetzt unter die Dusche, damit du wieder wach wirst, und ich suche uns in der Zeit was zum Essen raus. Worauf hast du Lust?«

»Mir egal, du bist der Boss.«

Er lacht, und ich verschwinde tatsächlich ins Bad, drehe das Wasser auf und dusche kurz und heiß. Zitternd vor Müdigkeit und tropfnass steige ich Minuten später aus der ebenerdigen Regendusche. Ich spüre die Fußbodenheizung durch die großen Granitfliesen und greife nach einem der riesigen flauschigen Frotteetücher. Kalt ist mir immer noch, doch ich fühle mich wieder etwas mehr wie ein Mensch, als ich kurz darauf zurück ins Zimmer trete. Während Jason duscht, probiere ich es noch mal ohne Erfolg bei Mila, dann tauchen wir ins New Yorker Nachtleben ab.

Die gelben Cabs und grell beleuchteten Fassaden treiben meinen Adrenalinspiegel wieder in die Höhe. Alles ist laut und schnell, hektisch und bunt. Der weiße Dunst steigt wie in Zeitlupe aus den dampfenden Gullis der Straßen in die von Werbebannern erleuchtete Nacht. Es ist schon seltsam mit New York. Eigentlich ist es mir viel zu anstrengend, aber ich liebe es auch. Zumindest für die paar Tage im Jahr, die ich zur Fashion Week hier bin.

Das Restaurant, das Jason ausgesucht hat, hat den Charakter eines alten Diners. Wir bestellen Burger und trinken ekliges Root Beer, nicht weil es schmeckt, sondern weil es einfach dazugehört. New York mit meinem besten Freund ist wie die Exkursionswoche zu unserer Studienzeit. Mir fällt wieder auf, wie glücklich ich mich schätzen kann, mit Jason einen Freund zu haben, auf den ich mich blind verlassen kann.

»Wann bist du übermorgen dran?«, fragt er zwischen zwei Bissen, und ich muss ernsthaft nachdenken, um bei all den Terminen nicht durcheinanderzukommen.

»21 Uhr, glaub ich«, sage ich noch kauend, und Jason schüttelt ungläubig den Kopf.

»Leo, Leo, Leo … Zur Prime Time auf der Fashion Week präsentieren und trotzdem so trashig wie früher, lieber Fast Food statt Kaviar.«

Ich muss grinsen und zucke mit den Schultern.

»Hast du Mila noch erreicht? Du machst dir Sorgen, oder?«

Ertappt hebe ich den Blick. »Nein, ich denke wirklich, sie schläft schon. Aber normalerweise schreibt sie mir, wenn ich angekommen bin. Es ist irgendwie seltsam.«

»Vielleicht hat sie es vergessen? Sie musste arbeiten, richtig?«

»Ja, musste sie.« Ich nicke. Und ich muss aufhören, so paranoid zu sein.

»Bestimmt ist alles gut, und sie meldet sich gleich morgen.«

Ich nicke nur, denn was soll ich anderes tun? Außer darauf zu vertrauen, dass Jason schon recht behalten wird, bleibt mir nicht wirklich etwas anderes übrig.

*

Emilia

Augen auf. Alles weiß. Müde.

»Dr. Vassallo? Die OP ist vorbei, sehen Sie mich mal an.«

Meine Lider sind gelähmt. Die Gedanken so zäh. Mir ist eiskalt. Ich zittere.

»Emilia?«

»Hm?«

»Haben Sie Schmerzen?«

Ich will den Kopf schütteln, doch er kippt bloß zur Seite. Meine Lippen formen ein lautloses Nein.

»Schlafen Sie ruhig noch etwas.«

Die Geräusche verschwimmen, ich kann mich nicht halten, falle zurück.

Irgendwohin.

Beim nächsten Mal hellbraune Augen, die mich einfach nur ansehen, eine Hand um meine und diese vertraute Stimme.

Jojo …

Mir treten die Tränen in die Augen, noch bevor ich es so richtig merke. Oder gar verhindern könnte.

»Hey.« Er streicht mir über den Kopf und schaut mich an. Ich brauche kein einziges Wort zu sagen. »Schon gut. Ist schon gut, ich bin hier.«

Ich weine, ohne zu verstehen, warum. Doch es gibt einen Grund. Das spüre ich.

»Weißt du, wo du bist, Mila?«

Seine Frage verliert sich in den Tiefen meines Unterbewusstseins. Plötzlich ist alles wieder da.

»Wo ist Leo?«

»Ich habe versucht, ihn zu erreichen, aber …«

»Sag ihm nichts!«

Jojos Augenbrauen zucken irritiert. »Er weiß noch nichts, ganz ruhig.«

»Gut, das ist gut.« Besser er erfährt es so spät wie möglich. Oder hat man ihn längst informiert? So wie meinen Bruder? »Wer hat dir Bescheid gesagt?«

»Dr. Herrmann hat mich angerufen. Er hat sich Sorgen gemacht und dachte, es könnte nicht schaden, wenn jemand bei dir ist.«

Max … Natürlich.

Meine Augen schließen sich gegen meinen Willen, ich habe keine Chance gegen diese unendliche Müdigkeit. Für einen kurzen Moment macht mir mein eigener Körper Angst. Wo ist meine Selbstkontrolle hin?

»Ist es raus?« Meine Stimme bricht, und Jojos Hand schließt sich fest um meine.

Er klingt so unendlich traurig, aber wenigstens ist er ehrlich. »Ja.«

»Okay.« Die Tränen überwältigen mich und rauben mir den Verstand.

Worum weine ich? Um etwas, von dem ich nie wusste, dass ich es überhaupt besitze?

Autor