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Fighting to Be Free - Nie so begehrt

hier erhältlich:

Seit Jamie Cole die Liebe seines Lebens von sich gestoßen hat, ist er ein anderer Mann geworden. Ohne Hoffnung auf eine bessere Zukunft verstrickt er sich tiefer in die Machenschaften der New Yorker Unterwelt. Doch plötzlich ist Ellie zurück. Obwohl es Jamie zu zerreißen droht, versucht er sich von ihr fernzuhalten, um sie zu schützen. Jamie würde alles für sie tun. Aber seine Feinde haben nur darauf gewartet, dass er endlich eine Schwachstelle offenbart.

"Wer Bad Boys liebt, muss Fighting to be free - Nie so begehrt einfach lesen (…) Fantastisch!"
Romantic Times Book Reviews

"Packend, herzzerreißend und ein umwerfender Held, der einen dahinschmelzen lässt."
Sophie Jackson, Bestsellerautorin über "Fighting to be free - Nie so geliebt"


  • Erscheinungstag: 13.11.2017
  • Aus der Serie: Fighting To Be Free
  • Bandnummer: 2
  • Seitenanzahl: 464
  • ISBN/Artikelnummer: 9783955766955
  • E-Book Format: ePub
  • E-Book sofort lieferbar

Leseprobe

Für Terrie Arasin.
Ohne dich würde es dieses Buch nicht geben.

Prolog

Besser geliebt und verloren, als niemals geliebt zu haben.

Alfred, Lord Tennyson schrieb das im 19. Jahrhundert in einem Gedicht. Meiner Meinung nach hatte Alfred, Lord Tennyson keine Ahnung.

Vielleicht hat Lord Tennyson nie jemanden wirklich aufrichtig geliebt. Vielleicht hat ihm ein anderer Mensch nie mehr am Herzen gelegen als er sich selbst, denn wenn es anders gewesen wäre und wenn er jemanden so geliebt hätte, dass er bereit gewesen wäre, für diesen Menschen zu sterben, dann hätte er doch wohl keinen so schwachsinnigen Satz niederschreiben können, oder? Ich stelle natürlich nur Vermutungen an. Ich bin kein Akademiker, also kenne ich von diesem Typ nicht mehr als nur dieses eine Zitat. Wie also kann es sein, könnte man sich fragen, dass unsere Auffassungen so absolut gegensätzlich sind?

Weil ich schon einmal geliebt habe.

Nur ein einziges Mal.

Und ich habe sie verloren.

Und ich würde alles dafür geben, sie niemals geliebt zu haben. Nein, es ist ganz bestimmt nicht besser, geliebt und verloren zu haben.

Scheiß auf die Liebe. Und scheiß auf Lord Tennyson.

1. Kapitel

Jamie

Seine Faust traf meinen Kiefer. Brutal. Der Schmerz durchzuckte mich und breitete sich in meinem Gesicht und meinem Hals aus. Mein Kopf wurde zur Seite geschleudert, und meine Augen schienen förmlich durch die schiere Wucht des Schlages in den Höhlen zu beben. Der Kerl wollte offensichtlich, dass das hier schnell zu Ende war.

Ich trat einen Schritt zurück. Mit der Hand berührte ich mein Kinn an der Stelle, wo ich den Fausthieb abgekriegt hatte. Ein bedächtiges Lächeln breitete sich auf meinem Gesicht aus. Ein leises Lachen kam mir über die Lippen, während ich mir über den Mund wischte, ohne auf das Blut auf meinem Handrücken zu achten.

„Das war toll. Mehr davon“, ermutigte ich ihn und winkte ihn heran. Ich nahm nicht mal die Hände hoch, um mich zu verteidigen oder zu schützen. Das hätte dem Grund widersprochen, aus dem ich heute Abend hier war.

Der Typ sah sich verwirrt um. Anscheinend irritierte ihn, dass ich offensichtlich kein echtes Interesse zeigte und auch keinen Schmerz empfand. Um uns herum stand die johlende Menge von Zuschauern in der großen verlassenen Lagerhalle, in der heute Nacht der Fight Club veranstaltet wurde. Einige der Zuschauer brüllten mich an, mich zusammenzureißen und den Kerl fertigzumachen, andere ermunterten meinen Gegner, mich endlich umzuhauen. Sie wollten, dass der Kampf ein schnelles Ende fand – ich dagegen wollte, dass es so lange wie möglich dauerte. Der Schmerz war eine willkommene Ablenkung von dem Aufruhr in meinem Innersten. Ich war einfach glücklich darüber, an etwas anderes denken zu können – etwas anderes als … sie.

„Komm schon, Mann, du musst doch noch mehr draufhaben als das“, reizte ich ihn und spuckte etwas von dem metallisch schmeckenden Blut, das sich in meinem Mund gesammelt hatte, auf den Boden. Ich breitete die Arme aus und erleichterte es ihm, mich zu treffen. „Zeig mir, was du kannst.“

Er kniff die Augen zusammen und grinste höhnisch, als er nun auf mich zuging und mir blitzschnell in den Magen boxte. Mir blieb die Luft weg, und ich krümmte mich. Mühsam rang ich nach Atem. In dem Moment rammte er mir das Knie ins Gesicht. Ich fiel nach hinten und krachte mit einem unschönen Geräusch, das in meinen Knochen widerzuhallen schien, auf den kalten Betonboden.

Das Gebrüll des Publikums war ohrenbetäubend. Die Menge schrie mich an. Ich schloss die Augen, ließ den Kopf nach unten sinken und lachte leise in mich hinein. Die Unmengen an Alkohol, die ich heute Nacht getrunken hatte, bevor die Kämpfe begonnen hatten, hatten mich noch immer fest im Griff, sodass ich mich nicht konzentrieren konnte und mir alles egal war – selbst der Schmerz, den ich am nächsten Morgen spüren würde, wenn die Wirkung des Alkohols nachgelassen hätte.

„Kid, was zur Hölle treibst du da? Ich wusste, dass es ein Fehler gewesen war, mich von dir überreden zu lassen! Ich werde den Kampf jetzt auf der Stelle beenden!“

Unter allergrößter Anstrengung öffnete ich die Augen und drehte meinen schweren Kopf, um Jensen anzuschauen, der am Rande des improvisierten Rings stand. Er schüttelte den Kopf. Seine Miene spiegelte Entsetzen, Besorgnis und Ungläubigkeit. Er sah mich mit leicht zusammengekniffenen Augen an, die Kiefer aufeinandergepresst. Als Besitzer und Organisator des illegalen Clubs würde er bestimmt eine Menge Geld verlieren, wenn ich besiegt werden würde. Jensen gefiel es offenbar nicht, dass ich mit ihm spielte und sein gar nicht mal so hart verdientes Geld auf diese Weise riskierte.

„Wage es ja nicht. Ich schaffe das schon. Komm runter, und denk darüber nach, wo deine Eier geblieben sein könnten. Du scheinst sie nämlich verloren zu haben“, scherzte ich. Selbst ich konnte hören, dass ich lallte. Unbeholfen rollte ich mich auf die Seite, zog die Arme unter mich, drückte mich hoch und kam langsam wieder auf die Beine. Unsicher wankend stand ich im Ring.

Aus den Augenwinkeln verfolgte ich, wie Jensen sein Handy hervorholte und eilig etwas hineinsprach, ohne den Blick von mir abzuwenden. „Bist du gleich da? Das läuft hier völlig aus dem Ruder. Gut. Beeil dich, verdammt noch mal!“

Ich runzelte die Stirn. „Oh ja, mach ruhig. Verrate mich. Ruf jemanden, der den Babysitter für mich spielt“, sagte ich und schnaubte wütend. „Verfluchter dreckiger Verräter“, fügte ich hinzu und lachte irre.

Weil ich unaufmerksam war oder weil er einfach ein Feigling war, warf sich der Typ, gegen den ich kämpfte, von hinten auf mich, sodass wir beide nach vorn fielen. Die Menge, die weder einen der Kämpfer noch herumspritzendes Blut abkriegen wollte, trat zur Seite. Wir krachten also in einen Pick-up, der am Rande des Rings geparkt war. Der stoßweise Atem meines Gegners war keuchend und schnell, als der Typ mir nun Schlag um Schlag in den unteren Rücken und die Seite verpasste.

Während der Schmerz sich immer weiter in meinem Körper ausbreitete, wusste ich, dass es die richtige Entscheidung gewesen war, heute Abend hierherzukommen. Das hier war genau meine Vorstellung einer gelungenen Ablenkung.

Er packte mich an der Schulter und riss mich zurück. Im nächsten Moment lag ich wieder auf dem Boden und rang nach Luft.

„Kid!“ Selbstverständlich hatte Jensen Ray angerufen. Er war einer meiner besten Freunde und Jensens Cousin. Ich widerstand dem Drang, mit den Augen zu rollen.

Ray drängte sich durch die Menschenmenge und ging neben dem Ring auf die Knie. Ich drehte den Kopf, schaute ihn an und bemerkte die Sorge in seinen braunen Augen.

„Was geht, Kumpel?“, murmelte ich und versuchte zu grinsen, obwohl es wohl eher einer Grimasse glich.

„Was zum Teufel treibst du bloß? Jensen meint, du wärst betrunken! Was zur Hölle soll das?“, brachte er hervor und schüttelte den Kopf. Mit einem Gefühl der Genugtuung fiel mir auf, dass er weder innerhalb des Rings war noch versucht hatte, mich zu berühren – denn das wäre gegen die Regeln gewesen und hätte dazu geführt, dass der Kampf abgebrochen und verloren gegeben worden wäre.

Bevor ich antworten konnte, griff mein Gegner mit beiden Händen mein Shirt und zog mich auf die Beine. Ich zuckte zusammen und bereitete mich innerlich auf einen weiteren Schlag vor. Tatsächlich freute ich mich schon darauf. Während seine Faust auf meinem Wangenknochen landete, hörte ich Rays Stimme. Sie klang fest, und ich bemerkte die Wut, die darin mitschwang.

„Jensen, brich diesen Kampf ab, oder ich mache es!“

„Okay, okay“, erwiderte Jensen schnell.

Zorn kochte in mir hoch. Wenn sie den Kampf abbrachen, würde ich verlieren. „Nein!“, rief ich und schüttelte den Kopf. Ich sah zwischen Ray und Jensen hin und her. „Nein“, wiederholte ich wütend knurrend. Kid Cole verlor nicht – niemals.

Ich wusste, was ich zu tun hatte. Eine Niederlage konnte ich nicht akzeptieren. Ich hatte meinen Spaß gehabt und bekommen, was ich wollte – eine Atempause von meinen quälenden Gedanken. Aber jetzt war es an der Zeit, die Oberhand zurückzugewinnen und das hier zu beenden.

Ich streckte den Arm aus und fasste die Hand, mit der mich der Kerl festhielt. Seine Augen weiteten sich ein winziges Stückchen, und er hielt inne. Ganz offensichtlich war er der Meinung, dass ich so gut wie geschlagen war und dass er mir nur noch einen letzten Schlag versetzen musste, um sich den Sieg zu sichern und heute Abend als Gewinner aus dem Kampf zu gehen. Er irrte sich gewaltig.

„Scheint, als hätte ich jetzt lange genug herumgealbert. Tut mir leid.“ Sobald ich den Satz beendet hatte, schlug ich ihm meinen Kopf mit solcher Wucht ins Gesicht, dass ich sogar über das Gebrüll der Zuschauer hinweg hören konnte, wie sein Nasenbein brach. Und das war es auch schon. Ganz einfach. Kein Herumtänzeln und keine Prügel mehr von ihm zu meinem eigenen Vergnügen. Bewusstlos sackte er zu Boden.

Ich taumelte ein paar Schritte vorwärts und blinzelte, um wieder klar sehen zu können. Die pochenden Schmerzen in meinem Kopf beachtete ich nicht weiter. Mein Mund war trocken, meine Zunge fühlte sich pelzig an. Ich brauchte unbedingt noch einen Drink, denn die Wirkung des Alkohols ließ spürbar nach.

Ray und Jensen stürmten zu mir. Jensen erreichte mich zuerst, packte meinen Arm und riss ihn in die Luft. „Gesamtsieger des heutigen Abends: Kid Cole!“ Nur die Hälfte der Menge jubelte. Die andere Hälfte zerknüllte die Wettscheine, warf sie wütend auf den Boden und fluchte unterdrückt. Entweder waren diese Leute zum ersten Mal hier und wussten nicht, dass man niemals gegen mich wettete, oder sie hatten sich von der Tatsache beeinflussen lassen, dass ich genug Alkohol zu mir genommen hatte, um ein kleines Pferd umzubringen. Tja, so konnte man sich täuschen.

Schief grinste ich und stützte mich schwer auf Ray, der nun den Arm um meine Taille legte und mich zu einem Plastikstuhl führte, der etwas seitlich stand. Ich ließ mich auf den Stuhl fallen. Mein Körper war so taub und in seinen Bewegungen so unkoordiniert, dass ich beinahe heruntergefallen wäre.

Ray kniete sich vor mich und reichte mir eine Flasche Wasser, die er aus dem Nichts herbeigezaubert zu haben schien. „Trink das. Verdammt, du siehst echt fertig aus“, bemerkte er und zuckte bei meinem Anblick unwillkürlich zusammen.

Ich streckte den Arm aus, schob die Flasche zur Seite und lächelte, während ich auf meine Lederjacke deutete, die über der Rückenlehne eines anderen Stuhls hing. „Gibst du mir mal meine Jacke?“

Mit besorgtem Blick kam er meiner Bitte nach.

Wortlos griff ich in die Innentasche, und meine Hand schloss sich um das Objekt meiner Begierde: eine glatte kleine Glasflasche. Ich holte sie raus und hörte, wie Ray stöhnte, sowie er die halb leere Whiskeyflasche erblickte.

„Ernsthaft, Kid?“

Ich zwinkerte ihm zu und schraubte mit meinen verletzten, blutverschmierten Fingern den Verschluss auf. Eilig trank ich einen großen Schluck und genoss das brennende Gefühl, als der Alkohol meine Kehle hinunterrann. „Willst du auch?“, fragte ich. Ich lallte, und meine Worte klangen unverständlich.

Er antwortete nicht, nahm mir nur stumm die Flasche aus der Hand, schraubte sie wieder zu und stellte sie auf den Boden. „Was soll das alles, Kid? Ich habe einen Anruf von Jensen gekriegt, dass du besoffen hier aufgetaucht wärst und darauf bestanden hättest, heute Abend zu kämpfen. Du siehst scheiße aus. Der Typ hätte dich fast fertiggemacht!“

Verächtlich schnaubte ich. Ich hatte die Situation die ganze Zeit über unter Kontrolle gehabt. „Er kann mich gar nicht fertigmachen.“

„Auf mich hat es gewirkt, als würde er dich umbringen! Noch ein Schlag, und das wäre es gewesen.“

Mit Nachdruck schüttelte ich den Kopf. „Er hat nur getan, was ich zugelassen habe. Was ich wollte.“

„Du wolltest also, dass er dich verprügelt? Du wolltest diese … diese … Sauerei?“ Er deutete mit der Hand auf mein Gesicht, um zu zeigen, was er mit der „Sauerei“ meinte.

Ich zuckte die Achseln und wich seinem forschenden Blick aus. Ray schien die bemerkenswerte Fähigkeit zu besitzen, in mir lesen zu können wie in einem offenen Buch und oft einfach zu wissen, was ich dachte. Ich hasste das.

Er seufzte, legte eine Hand auf meine Schulter und drückte sie leicht. „Um was geht es hier eigentlich, Kid? Als ich dich vorhin gesehen habe, war noch alles in Ordnung. Und dann lässt du dich volllaufen und tauchst hier auf, um zu kämpfen. Ich verstehe das nicht.“ Sein Tonfall klang sanft und fürsorglich.

„Ich musste nur mal auf andere Gedanken kommen. Ich brauchte eine Ablenkung. Es war nicht geplant, hier vorbeizuschauen. Ich dachte nur, ein, zwei Drinks würden helfen. Doch dann wurden daraus drei und vier und …“ Ich betrachtete die halb leere Flasche Whiskey und gab nicht zu, dass es schon die zweite Flasche an diesem Abend war. Ich schluckte und schüttelte den Kopf. „Das Trinken hat überhaupt nicht geholfen. Immer wieder wanderten meine Gedanken in die gleiche Richtung. Deshalb hielt ich es für eine gute Idee zu kämpfen. Ich habe geglaubt, jemand würde mir diese Gedanken aus dem Leib prügeln, damit ich mal an etwas anderes denken kann. Doch selbst das hat nicht geklappt. Es hat sich nichts geändert.“ Mit dem Handballen schlug ich mir ein paarmal gegen die Stirn und versuchte, die Gedanken zu verjagen, sie zu vergessen.

„Kid, das ergibt alles keinen Sinn.“

Meine Brust schmerzte – und das lag nicht an der Prügel, die ich gerade eingesteckt hatte. Es war vielmehr ein tief sitzender Schmerz, der vor drei Stunden begonnen hatte, als ich eine Mitteilung in den Nachrichten gehört hatte. Ich konnte die Worte nicht aussprechen, also griff ich in meine Jackentasche und zog die Seiten hervor, die ich von der CNN-Website ausgedruckt hatte, bevor ich mich auf meine alkoholgeschwängerte Mission begeben hatte.

Ich reichte Ray die Blätter und schloss die Augen. Ich wünschte mir, ich hätte die Worte ungelesen machen können.

Ray nahm die Zettel entgegen, faltete sie auseinander und fing an, den Artikel laut vorzulesen. Mein Herz schien sich mit jeder Silbe weiter zusammenzuziehen, und mein Schmerz wurde größer.

„Bei einem Unfall mit Fahrerflucht auf der I-95 ist heute Nachmittag ein Mensch ums Leben gekommen. Eine zweite Person schwebt in Lebensgefahr. Die Polizei meldet, dass der Fahrer Michael Pearce, 45, starb, nachdem ein dunkelblauer Ford Pick-up auf seine Spur gerast war und seinen Wagen mit hoher Geschwindigkeit in die Mittelleitplanke des Highways gedrängt hatte. Der Fahrer des Pick-ups flüchtete unerkannt. Michael Pearce war sofort tot. Seine Ehefrau Ruth, 44, befindet sich in kritischem Zustand und wurde von einem Rettungsteam in die Klinik gebracht. Die Polizei appelliert an alle, die möglicherweise Informationen über den Pick-up oder den Fahrer liefern können, sich umgehend zu melden.“

Ray starrte mich an. „Michael und Ruth Pearce? Wer sind die beiden?“

Ich atmete tief durch. „Sie sind Ellies Eltern.“

Er zuckte zurück, als er verstand. „Oh Scheiße.“ Es herrschte ungefähr eine Minute lang Schweigen, ehe er weitersprach. „Ich schätze … Ich schätze, das heißt, dass sie zurückkommen wird, oder?“

Ich senkte den Blick. Mein Körper sackte auf dem Stuhl zusammen. Diese furchtbaren Neuigkeiten würden Ellie schwer treffen. Sie hing an ihrem Daddy, und sein Verlust würde sie am Boden zerstören. Und dann gab es da die Angst, möglicherweise auch noch ihre Mutter zu verlieren. Ich wollte sie einfach nur in die Arme schließen, doch ich hatte seit mehr als drei Jahren nicht mehr mit ihr gesprochen. Nicht mehr seit dem Telefonanruf, der uns beiden das Herz gebrochen hatte.

„Ja. Ich schätze, das heißt es.“

2. Kapitel

Ellie

Langweilig. Mir war so langweilig, dass ich die letzten fünf Minuten damit verbracht hatte, wie besessen an meinem scheußlich herauswachsenden Gelnagellack herumzuknibbeln. Laura vom Nagelstudio würde nicht gerade begeistert sein, wenn ich nächste Woche mit dem abgesplitterten und abgekratzten Lack zur Maniküre auftauchen würde, aber ich konnte es nicht ändern. Herumzustehen und nichts zu tun, war nicht gerade meine Stärke. Ich konnte mich also entweder an meinen Fingernägeln austoben oder an den Snacks, die in Pappschachteln hinter mir standen. Ich musste mich irgendwie davon ablenken, dass meine Füße vom vielen Herumstehen wahnsinnig schmerzten. Wenigstens war fast Feierabend. Ich musste nur noch zwei Stunden lang durchhalten. Ich seufzte und sah mich nach irgendeiner Beschäftigung um. Schließlich beschloss ich, die blitzblanke Bar aus Mahagoniholz noch einmal zu polieren.

Für einen Freitagabend war es in der Bar ziemlich leer. Für gewöhnlich war es um diese Zeit im King’s Arms richtig voll. In dem urigen, typisch englischen Pub mit dem dunklen Holz, den Tapeten aus Chintz und dem rot gemusterten Teppich trafen sich freitags normalerweise die Einheimischen, wenn sie Feierabend hatten und sich aufs Wochenende freuten. Aber heute waren gerade einmal neunzehn Gäste in der Bar. Und sämtliche Gläser waren noch voll – daher auch meine Langeweile. Ich war dem üblichen Zeitplan schon um Längen voraus: Der Geschirrspüler war bereits geleert und neu befüllt worden, die Gläser waren poliert und in den kleinen Regalen zu meinen Knien verstaut und die Toiletten ebenfalls gecheckt worden. Sobald der letzte Gast gegangen wäre, müsste nur noch abgeschlossen werden. Es gab nicht mehr viel, mit dem ich mich beschäftigen konnte.

Ich ging zu Toby, meinem Chef, und räusperte mich. „Tut mir leid, dich stören zu müssen“, sagte ich und lächelte die beiden Stammgäste, mit denen er sich gerade unterhielt, entschuldigend an.

Chuck, der ältere der beiden Stammgäste, grinste, und um seine Augen bildeten sich unzählige Lachfältchen. „Keine Sorge, es macht uns nichts aus, von einem ’übschen jungen Ding unterbrochen zu werden.“ Er zwinkerte mir zu und strich über seinen zotteligen grau-weißen Bart, den er sich im Winter hatte wachsen lassen und den er nun, da der Frühling vor der Tür stand, wieder abrasieren würde. Er ließ sich in jedem Winter einen Bart stehen, damit er im Gesicht nicht so fror. Das hatte er mir zumindest so erklärt, als ich ihn einmal darauf angesprochen hatte. Chuck war einer meiner Lieblingsgäste. Er war freundlich und fröhlich. Und er erinnerte mich ein bisschen an meinen Großvater väterlicherseits, der leider schon lange tot war.

Toby lachte. „’ör auf, mit meinen Angestellten zu flirten. Das ’abe ich dir schon einmal gesagt“, schimpfte er mit Chuck und verdrehte spielerisch die grünen Augen. Toby war ein geborener Südlondoner. Ein Urlondoner, wenn man so wollte. Sein Akzent war zuerst nicht leicht zu verstehen gewesen – genau wie der der anderen Leute hier. Urlondoner schienen Schwierigkeiten zu haben, ein H auszusprechen, und verschluckten oft die Endsilben. Es war, gelinde gesagt, ein bisschen verwirrend. Doch nach fast zwei Jahren in London fiel mir das alles gar nicht mehr auf. Ehrlich gesagt, gefiel es mir sogar. Na ja, abgesehen von der Tatsache, dass die Hälfte des rhythmischen Slangs inhaltlich noch immer über meinen Horizont hinausging.

Chuck hob beschwichtigend die Hände. „Ist doch nicht meine Schuld, dass du die ’übscheste amerikanische Bardame der Stadt eingestellt ’ast, oder?“

Ich schnaubte nur. „Ich bin die einzige amerikanische Bardame in der Stadt.“ Das brachte mir Gelächter von allen Gästen ein. Dann wandte ich mich Toby zu. „Da es heute Abend nicht besonders voll ist, könnte ich doch Inventur machen, oder? Ich langweile mich zu Tode.“ Um die vorhandenen Bestände aufzunehmen, würde ich mindestens eine Stunde brauchen.

Er zuckte mit den Schultern, grinste immer noch und fuhr sich mit der Hand durch sein hellbraunes Haar, um es sich aus der Stirn zu schieben. „Ja, das wäre gut. Ich muss morgen eine Bestellung bei der Brauerei abgeben, und wenn du die Bestände checkst, würde mir das morgen früh viel Zeit sparen. Danke.“

„Kein Problem“, erwiderte ich, drehte mich um und lief zum hinteren Flur, um die Inventurliste zu holen.

Auf dem Weg durch den Keller fiel mir auf, dass der Mitarbeiterplan für die nächste Woche ans Schwarze Brett gepinnt worden war. Ich blieb stehen, um nach meinen Stunden und meinem freien Tag zu schauen, und runzelte die Stirn, als ich meinen Namen in der Samstagsschicht entdeckte. Dabei hatte ich Toby extra gesagt, dass ich an dem Tag nicht arbeiten könne. Wie aufs Stichwort trat Toby durch den Vorhang, griff in die Kiste mit den Chips und nahm eine Packung mit der Geschmacksrichtung Cheese and Onion heraus.

„Toby, warum bin ich am Samstag eingeteilt? Ich kann an dem Tag nicht arbeiten, ich habe schon etwas anderes vor“, erklärte ich und wies auf meinen Namen am Schwarzen Brett.

Er runzelte die Stirn und stellte sich hinter mich, um einen Blick über meine Schulter zu werfen. „Dann musst du deine Pläne eben ändern.“

„Das geht nicht.“ Ich drehte mich zu ihm um und stemmte empört die Hände in die Hüften. „Du musst deinen Plan ändern und dir jemand anderes für die Schicht suchen.“

Toby zog eine Augenbraue hoch und grinste amüsiert. Seine Augen funkelten verschmitzt. „Ich werde eine Vertretung für dich organisieren, wenn du mir versprichst, ’eute Nacht mit mir zu schlafen.“

Ich keuchte, und mein Blick verfinsterte sich. „Das ist sexuelle Belästigung und Erpressung!“

Er zuckte mit den Schultern und machte lächelnd auf dem Absatz kehrt. „Zeig mich doch an.“

„Vielleicht mache ich das auch!“, rief ich und lächelte ihm hinterher, ehe ich mich wieder dem Plan zuwandte. Ich holte meinen Stift hervor, strich meinen Namen durch und schrieb seinen Namen auf den Plan, bevor ich in den Keller ging, um die Bestände aufzunehmen.

Als ich um kurz vor elf die Glocke für die letzte Runde hörte, schrieb ich gerade an meiner Liste und notierte, wie viele Packungen gesalzener Erdnüsse wir noch hatten. Danach stieg ich die Treppe hinauf.

Der Pub war beinahe leer. Es waren nur noch sechs Gäste da. Toby hatte bereits die meisten Gläser eingesammelt und auf den Tresen gestellt, damit sie gespült werden konnten. „Es ist Zeit, Ladys und Gentlemen. Trinken Sie bitte aus. ’aben Sie kein Zuhause?“, witzelte er und stellte die Stühle auf die Tische, damit der Teppich gleich am nächsten Morgen gesaugt werden konnte.

Ein paar der Stammgäste stöhnten und baten darum, über Nacht einfach eingeschlossen zu werden. Doch die müden Schatten unter Tobys Augen waren nicht zu übersehen, und so trieben sie es nicht zu weit.

Als das letzte Pärchen den Pub verließ, verschloss Toby die schweren Türen hinter den beiden und drehte sich dann zu mir um. „’ast du die Inventur gemacht?“

Ich nickte. „Ja. Alles fertig.“

Er gähnte und streckte die Arme über den Kopf, als er um den Tresen herumging. „Danke.“

Ich öffnete den Geschirrspüler und räumte die Gläser ein. Als ich gerade zwei weitere Gläser nehmen wollte, spürte ich ein Paar Hände auf meinen Hüften. Ich zuckte erschrocken zusammen, als Toby sich an mich drängte. Sein warmer Körper schmiegte sich an meinen Rücken. „Also, ’aben wir einen Deal wegen Samstag? Oder willst du lieber doch arbeiten?“, flüsterte er. Sein warmer Atem strich über meine Wange und meinen Hals hinab. Sein Griff um meine Hüften verstärkte sich, als er sich dichter an mich drückte. Der Stoff seiner Jeans rieb über meine nackte Haut, wo mein Top ein Stückchen hochgerutscht war.

Ich schluckte und bekam eine Gänsehaut. „Ernsthaft, das ist sexuelle Belästigung – und zwar in höchstem Maße“, erwiderte ich, während sich die Muskeln in meinem Körper anspannten.

„Aha“, murmelte er. Mit den Lippen strich er über meinen Hals. „Lass die Putzerei sein. Ich mache das morgen früh.“

Schicksalsergeben drehte ich mich zu ihm um. In seinen hellgrünen Augen stand Verlangen, als er mein Gesicht betrachtete. „Ich glaube, ich brauche den freien Tag wirklich dringend“, sagte ich leise und sah auf seinen Mund, als Toby sich gerade mit der Zungenspitze über die Unterlippe fuhr.

Er trat einen Schritt zurück und reichte mir die Hand. Ein strahlendes Lächeln lag auf seinem Gesicht. Ich stellte das letzte Glas auf den Tresen, ergriff seine Hand und ließ mich von ihm durch den Vorhang und über den Flur ziehen. Dann folgte ich ihm die Treppe hinauf, die in den Wohnbereich führte. Unterwegs schlüpfte ich erst aus einem, dann aus dem anderen Schuh, ließ sie stehen, wo sie waren, und sah Toby dabei zu, wie er das Gleiche machte.

Nachdem wir oben angekommen waren, war seine Zurückhaltung mit einem Mal wie weggeblasen, und seine Leidenschaft übernahm die Führung.

Er presste mich an sich, schlang die Arme um mich und küsste mich stürmisch. Seine Hände waren überall, während wir rückwärts ins Schlafzimmer taumelten. Sein Mund verließ meine Lippen dabei nur so lange, wie es unbedingt nötig war. Mein Shirt war von einer Sekunde auf die andere verschwunden, während er sich dem Knopf meiner Jeans widmete. Als ich die Matratze in den Kniekehlen spürte, ließen wir uns fallen – eng umschlungen, heftig atmend. Ich lachte leise, sowie er auf mir landete und mich fast erdrückte, bevor er meinen Körper etwas behutsamer mit seinem bedeckte.

Er grinste und richtete sich dann auf, um sein Shirt loszuwerden. In seinen Augen standen Begierde und Verlangen, während er mir nun langsam die Jeans abstreifte. Seine Finger kitzelten auf der Haut meiner Oberschenkel. „Was ’ast du Samstag eigentlich vor?“, flüsterte er, beugte sich herunter und küsste meinen Hals. Seine Bartstoppeln kratzten wundervoll über meine nackte Haut.

Ich legte den Kopf in den Nacken. Ich strich ihm über den Rücken und vergrub die Finger in seinen Schultern, als mein Körper vor Lust erschauerte. „Ich besuche mit deiner Mutter zusammen eine Hochzeitsausstellung“, antwortete ich atemlos.

Er lachte und rückte ein Stückchen von mir ab. Sein schiefes Grinsen zauberte mir ein Lächeln auf die Lippen. „Ernsthaft? Warum lässt du dich von ihr dauernd zu solchen Veranstaltungen schleifen?“, wollte er wissen und verdrehte die Augen.

Ich zuckte die Achseln und wand mich unter ihm. „Sie ist so aufgeregt wegen der Hochzeit. Ich sage ihr dauernd, dass wir eine lange Verlobungszeit planen und die Hochzeit noch nicht ansteht, aber … Du weißt ja, wie sie ist. Ich glaube, sie hofft, dass ich bei einer solchen Gelegenheit ein Kleid oder einen Kuchen oder ein Arrangement aus Luftballons sehe, die mich umhauen, und ganz spontan den Wunsch verspüre, endlich ein Hochzeitsdatum festzulegen.“

Seine Miene wurde für einen Moment ernst. „Du weißt, was sie dazu bringen würde, dich in Ruhe zu lassen, oder?“

„Unsere Trennung?“, überlegte ich und lachte, da er mir zu Strafe leicht mit den Finger in die Rippen piekste.

„Oder wir könnten einfach ein Datum festlegen …“

Schwer seufzte ich. Die sexy Stimmung schwand langsam dahin. „Könnten wir später darüber reden? Ich dachte, wir wollten hier ein bisschen Spaß haben …“ Um meine Worte noch zu unterstreichen, kratzte ich mit den Fingernägeln über seinen nackten Rücken, bevor ich seinen Po fasste und Toby an mich zog.

Männer sind so berechenbar. Ist Sex in Aussicht, ja mach nur eine Anspielung auf Sex, und der Typ ist Wachs in deinen Händen. Mein Verlobter war da keine Ausnahme.

Bedauerlicherweise war die ganze schöne Ablenkung durch Sex schon wieder vorbei, bevor ich richtig in Fahrt kommen konnte. Es war nicht so, dass Toby ein unaufmerksamer Liebhaber gewesen wäre – er konnte toll sein, wenn er sich Zeit ließ. Leider war er heute Abend müde. Und das bedeutete, dass es kein Vorspiel, keine netten Worte und keine Zeit gab, um sich gegenseitig richtig heißzumachen, bevor es zur Sache ging. Nein, heute begab er sich direkt auf die Zielgerade und lag schon kurze Zeit später erschöpft und atemlos auf mir. Natürlich hatte ich gemerkt, dass er kurz davorgestanden hatte zu kommen, und hatte das getan, was die meisten Frauen beim Sex machten: Ich hatte einen Orgasmus vorgetäuscht, damit er nicht enttäuscht war. Nicht alles war gespielt gewesen, denn ich genoss die Intimität mit ihm wirklich. Nur leider kriegte ich dieses Mal eben kein „Happy End“.

Als er meine Wange küsste und lächelnd von mir rollte, lachte ich leise.

„Tja, dafür ’ast du dir definitiv einen freien Tag verdient“, murmelte er. Seine Augen waren schon halb geschlossen, während er seinen Arm schläfrig auf meinen Bauch legte und mich an sich drückte. „Und beachte meine Mutter nicht weiter. Ich werde noch mal mit ihr reden.“

Ich kuschelte mich an ihn und legte den Kopf in seine Halsbeuge. „Okay. Danke.“

„Ich tue alles für dich“, erwiderte er. Sein Atem wurde allmählich gleichmäßiger und tiefer. Gleich würde er einschlafen.

„Mach’s dir nicht zu gemütlich. Ich muss noch mal ins Bad“, meinte ich und löste mich aus seiner Umarmung. Er stöhnte, ließ mich jedoch gehen. Ich lächelte ihn an und beugte mich vor, um ihm einen kleinen Kuss auf die Nasenspitze zu hauchen.

Mit geschlossenen Augen grinste er. „Beeil dich und geh ins Bad, bevor du hier alles volltropfst. Niemand schläft gern auf einem nassen Fleck.“

„Toby!“, rief ich lachend. „Ich habe nach dem Sex schon romantischere Sätze gehört.“

Entspannt zuckte er mit den Schultern. „Ach, komm schon. Echte Romantik ist eben anders als in den kleinen Schnulzenromanen, die du dauernd liest“, neckte er mich und zwinkerte mir zu.

„Offensichtlich“, entgegnete ich sarkastisch und rollte mit den Augen.

„Nein, diese Bücher wollen Frauen nur in die Irre führen und zeichnen ein ganz falsches Bild von einer normalen Beziehung. Wir Männer müssen uns deshalb immer mit vollkommen überzogenen Vorstellungen herumschlagen, denn leider können wir diese Erwartungen nicht erfüllen.“ Er schüttelte gespielt traurig den Kopf. „Im echten Leben kommt es in einer richtigen Beziehung nun mal vor, dass der Mann erst einen fahren lässt und dann seine Freundin lachend unter die Bettdecke drückt. Aber darüber schreiben sie komischerweise nie etwas.“

Ich keuchte, nahm mein Kissen und schlug es ihm ins Gesicht. „Wenn du jemals versuchen solltest, das noch einmal mit mir zu machen, dann schwöre ich bei Gott …“

Trotz der unangenehmen Erinnerungen, die bei seinen Worten in mir aufstiegen, brach ich in Gelächter aus. Das war eines von Tobys Talenten: die Fähigkeit, mich zum Lachen zu bringen. Genau diese Gabe war es gewesen, die mich als Erstes angezogen hatte. Wir hatten uns vor zwei Jahren kennengelernt, und er hatte mir eine Teilzeitbeschäftigung in seinem Pub angeboten, während ich London hatte erkunden wollen. Er war der erste Mensch gewesen, der mich zum Lachen gebracht hatte und mich den Schmerz vergessen ließ, der mich innerlich zerstört hatte. Wir waren zuerst nur Freunde gewesen, doch es hatte sich mehr daraus entwickelt – auch wenn es nicht geplant gewesen war. Im Laufe der Zeit hatte er mich geheilt, hatte mich dazu gebracht, mich zu öffnen und wieder Vertrauen zu fassen. Er hatte sich buchstäblich seinen Weg in mein Herz gelacht. Wir waren nun seit eineinhalb Jahren zusammen und seit sechs Monaten verlobt.

Unsere Beziehung war geradeheraus, unkompliziert und basierte auf gegenseitigem Respekt. Er erschütterte meine Welt nicht durch einen einzigen Blick oder ein Lächeln, aber er liebte mich, und ich liebte ihn. Er war ein guter Mensch. Zuverlässig, vertrauenswürdig, anständig und solide – all das, wonach ich mich so sehnte. Toby hätte mir nie das Herz oder das, was davon noch übrig war, gebrochen. Da war ich mir sicher. Ich liebte ihn ganz einfach dafür, dass er mich gerettet und mir beigebracht hatte, das Leben wieder leichter zu nehmen. Für mich bedeutete das alles.

Er streckte die Arme aus und packte meine Handgelenke. Behutsam zog er mich an sich, hob den Kopf und hauchte mir einen sanften Kuss auf die lächelnden Lippen. „Wenn es unbedingt sein muss“, sagte er und ließ meine Handgelenke wieder los. „Ach, und binde dir die ’aare ’och, ja? Wenn wir Löffelchen machen, will ich morgen nicht ständig ’aarballen ’ochwürgen müssen.“ Er zwinkerte mir zu, während ich mich aus dem Bett erhob. Über die Schulter hinweg warf ich ihm noch ein Lächeln zu, schnappte mir sein Shirt und schlüpfte hinein. Es war ein aufrichtiges, echtes Lächeln, das auf meinem Gesicht lag. Barfuß tapste ich durch das Zimmer und dann durch den Flur ins Badezimmer.

Nachdem ich mich frisch gemacht, mein Make-up entfernt und mir die Zähne geputzt hatte, verließ ich das Bad wieder. Ehe ich zurück ins Schlafzimmer ging, machte ich noch einen kurzen Abstecher in das Zimmer nebenan. So leise wie möglich öffnete ich die Tür. Ich schlich zum Stockbett, stellte mich auf die Zehenspitzen, blickte in das obere der beiden Betten und musste lächeln.

Leer. Wie ich es vermutet hatte.

Ich bückte mich und sah in das untere Bett. Zusammengerollt in einem Bett lagen Tobys zwei Jungen aus seiner ersten Ehe. Die beiden schliefen friedlich. Das Buch, das sie gelesen hatten, lag aufgeschlagen auf dem Bett, und die Taschenlampe, die sie benutzt hatten, leuchtete noch immer, auch wenn der Strahl inzwischen recht schwach war. Ich lächelte, schaltete die Taschenlampe aus und nahm mir vor, für den nächsten Besuch der Jungs hier neue Batterien zu kaufen. Christian und Sam waren noch immer in der Phase, in der Kinder einfach nur süß waren. Sie waren sieben und fünf Jahre alt, und für sie war es noch immer ein Abenteuer, sich abends unter der Decke im Licht der Taschenlampe heimlich ein Buch anzuschauen. Sie waren toll.

Ich drückte beiden einen sachten Kuss auf die Stirn, zog die Decke höher und beschloss, Christian einfach bei Sam liegen zu lassen, statt zu versuchen, ihn in sein Bett zu verfrachten, ohne ihn dabei zu wecken. Die leisen Atemgeräusche zauberten ein Lächeln auf meine Lippen, als ich schließlich wieder aus dem Zimmer ging, die Tür hinter mir schloss und mich auf den Weg zurück zu Toby machte.

„Die Kinder schlafen tief und fest. Chris liegt schon wieder im unteren Bett. Sie …“ Ich verstummte, da ich bemerkte, dass Toby leise schnarchte. Er lag flach auf dem Rücken und hatte sich einen Arm unter den Kopf geschoben.

Lächelnd verdrehte ich die Augen. So viel zum Thema Löffelchen …

Ich schnappte mir ein Haargummi von der Frisierkommode und band meine Haare zu einem Pferdeschwanz zusammen, ehe ich das Licht ausschaltete. In totaler Dunkelheit tapste ich durch das Zimmer und tastete nach dem Bett. Dann kletterte ich hinein, rutschte dicht an Toby heran und kuschelte mich an ihn. Im Schlaf rollte er auf die Seite, schlang seinen Arm um mich und hielt mich fest. Ich lächelte glücklich und schlief – den Kopf auf seine Brust gelegt – sofort ein.

Nur gefühlte Minuten später wurde ich von einem schrillen Geräusch zu meiner Linken aus dem Schlaf gerissen. Ich stöhnte und rollte zur Seite. Mühsam versuchte ich, die Augen aufzumachen. Schlaftrunken blinzelnd, las ich die Ziffern auf dem Radiowecker.

Toby setzte sich auf. „Verdammt! Es ist vier Uhr morgens. Wer zum Teufel ist das?“, fragte er, missmutig brummend. Er griff nach dem Festnetztelefon, das noch immer ohrenbetäubend laut schrillte. „Was?“, rief er genervt in den Hörer. Ich stöhnte wieder und schloss die Augen, als er die Lampe auf dem Nachttischchen anmachte. „Oh, tut mir leid. Nein, sie ist ’ier. Ist alles in Ordnung? Oh, verflucht. Ja, ich gebe ihr den ’örer. Einen Moment bitte.“ Er berührte mich an der Schulter und schüttelte mich leicht, obwohl ich durch die merkliche Veränderung in seinem Ton bereits hellwach war. Sein Tonfall ließ mich das Schlimmste befürchten. Ich spürte sofort, dass es bei diesem Anruf um nichts Gutes ging. „Ellie, es ist deine Großmutter. Sie sagt, es gab einen Unfall.“

3. Kapitel

Es gab einen Unfall.

Unfall. Das Wort schwirrte mir durch den Kopf, als ich nun nach dem Hörer griff. Ich atmete zittrig ein. Mein Herz zog sich unwillkürlich zusammen. Mein Magen war mit einem Mal wie zugeschnürt und mein Mund trocken. Ich presste den Hörer, den ich so fest umklammert hielt, dass die Fingerknöchel schmerzten, an mein Ohr.

Bitte. Bitte, lass es nichts Schlimmes sein.

Doch ich ahnte schon, dass mein stummes Flehen vergebens sein würde. Man rief niemanden um vier Uhr morgens an, um ihm zu sagen, dass man sich den Zeh gestoßen oder den Arm gebrochen hatte. Das hier war schlimm. Ich fühlte es tief in meinem Innersten.

Ich sah zu Toby und wünschte mir, sein Anblick würde mich beruhigen. Stattdessen machte seine Miene alles nur noch schlimmer. Sein mitfühlender Blick und die aufeinandergepressten Lippen ließen mein Herz schneller schlagen. Ich öffnete den Mund, um zu sprechen, doch es kam kein Laut über meine Lippen. Toby legte die Hand auf mein Knie und drückte es leicht. Ich räusperte mich unsicher und versuchte es dann noch einmal.

„Hallo?“ Meine Stimme war kaum mehr als ein Flüstern.

Der Anrufer schniefte. „Ellie, ach, mein Schatz …“ Obwohl ihre Stimme heiser klang und unzählige Emotionen darin mitschwangen, erkannte ich sie sofort wieder – es war die Mutter meines Vaters, Nana Betty.

In meinen Augen brannten Tränen. „Nana, was ist passiert? Ist alles in Ordnung?“

„Nein, es ist … Ach, Ellie. Ich weiß gar nicht, wie ich es dir sagen soll.“

Ich versuchte, den Kloß in meinem Hals hinunterzuschlucken. Meine Lunge begann schon wehzutun, weil ich krampfhaft die Luft anhielt. Ich wollte mich innerlich darauf vorbereiten, was sie sagen würde. Meine Fantasie ging mit mir durch, und ich spürte Panik in mir aufsteigen. Ich fragte mich, was für ein Unfall es gewesen sein mochte, wer verletzt worden war und wie schlimm es sein konnte.

„Nana, bitte. Was ist los?“, flehte ich. Verzweiflung schwang in meiner Stimme.

„Es gab einen Autounfall. Deine Eltern …“

Ich keuchte. „O mein Gott. Geht es ihnen gut?“ Ich ballte die freie Hand zur Faust und presste sie an meine Brust, als wollte ich so mein hämmerndes Herz beruhigen. Ich konnte spüren, wie Toby mich anstarrte und versuchte, sich zusammenzureimen, was passiert sein mochte. Noch immer hielt er mein Knie fest.

„Deine Mutter ist schwer verletzt, Ellie. Sie hat einen Schädelbruch und innere Blutungen. Außerdem ein sogenanntes Hämatom im Gehirn. Sie operieren sie gerade, um zu verhindern, dass sie noch mehr Schaden nimmt.“

Ich stöhnte schmerzvoll auf. Dann schluckte ich und schloss die Augen. „Sie operieren sie?“ Die Worte brannten wie Säure auf meiner Zunge und in meinem Mund. „Aber sie wird doch wieder gesund, oder?“ Ich presste die Kiefer aufeinander und wartete auf die beschwichtigenden Worte, Worte, die den Sturm der Gefühle in meinem Innersten beruhigen würden. Panik breitete sich in mir aus, und meine Hände fingen an zu zittern.

„Das wissen wir erst, wenn sie aus dem OP kommt. Die Ärzte tun alles, was in ihrer Macht steht, aber im Augenblick sieht es schlecht für sie aus.“ Nanas Antwort brachte nicht die Beruhigung, die ich mir erhofft hatte.

„Ich … Ich …“ Mein Gehirn schien nicht mehr richtig zu funktionieren, und der Schmerz in meiner Brust war beinahe unerträglich. Meine Mom wurde gerade operiert. Sie kämpfte um ihr Leben. Ihr Schädel war gebrochen. Meine Lippen zitterten, während mir Tränen in die Augen schossen. Ich durfte sie nicht verlieren. Es ging nicht. „Nana, wird sie …“ Ich verstummte abrupt. Das letzte Wort konnte ich nicht aussprechen. Es war zu endgültig. Ich konnte schon den Gedanken daran nicht ertragen. Meine Stimme klang vollkommen fremd, die Worte waren nur schwer zu verstehen, doch meine Großmutter wusste, was ich wissen wollte.

„Ich weiß es einfach nicht, Schatz.“ Sie machte mir nichts vor, sagte mir die brutale Wahrheit, die sich für mich wie ein Schlag in die Magengrube anfühlte.

Ich wünschte mir mit jeder Faser meines Körpers, jetzt und in diesem Moment im Krankenhaus zu sein und dort darauf zu warten, dass meine Mom aus dem Operationssaal kam. Mein Dad und meine Schwester würden mich brauchen. Wir sollten alle zusammen sein und uns gegenseitig Kraft geben. Dadurch, dass ich nicht für sie da sein konnte, vermischten sich Trauer und Schuldgefühle in meinem Innersten.

„Wie kommen Dad und Kels damit zurecht?“, wollte ich mit krächzender Stimme wissen.

„Kelsey geht es gut. Sie war bei mir zu Hause, als der Unfall passierte. Sie wollte das Wochenende über bei mir bleiben. Deine Eltern hatten sie gerade bei mir vorbeigebracht und waren auf dem Weg nach Hause, als …“ Sie hielt inne und räusperte sich geräuschvoll. Sie schniefte. „Jetzt ist sie mit mir zusammen im Krankenhaus. Ich bin nur kurz rausgegangen, um dich anzurufen.“

Ich nickte und war mehr als ein bisschen erleichtert, dass Kelsey nicht auch noch im Wagen gesessen hatte. „Okay. Wo ist Dad? Warum hat er mich nicht selbst angerufen?“

Auf meine Worte hin folgte ein langes Schweigen. Das Schweigen dauerte so lange, dass es schon fast unangenehm war. Entsetzen breitete sich in mir aus und schlug mir auf den Magen, aber ich wusste nicht genau, warum.

„Nana?“

„Oh, Ellie. Es tut mir so leid, dir das sagen zu müssen … Dein Dad … Er hat es nicht geschafft.“ Als sie die Worte ausgesprochen hatte, brach ihre Stimme. Genau wie mein Herz. Es zerbarst in Millionen kleiner Stücke. „Er ist tot.“

Tot.

Als ich die furchtbaren Neuigkeiten über meine Mutter gehört hatte, hatte ich geglaubt, dass es das Schlimmste wäre, was passieren konnte. Ich hatte mich auf furchtbare Weise geirrt.

Tot.

Das Wort bereitete mir körperlichen Schmerz. Es fühlte sich an wie ein Messer im Bauch, das ganz langsam umgedreht wurde. Es brachte mich um. Meine Lunge zog sich zusammen, und ich hatte das Gefühl, keine Luft mehr zu bekommen. Mein Vater, die erste Liebe meines Lebens, der Mann, zu dem ich aufblickte, der Mann, der mein Maßstab für alle anderen Männer war – er war gestorben. Alles in mir tat weh. Mein Innerstes zog sich zusammen, mein Herzschlag dröhnte mir in den Ohren.

Dad. Tot.

Unbewusst stieß ich ein kehliges Stöhnen aus. Ich blinzelte und sah alles verschwommen, als nun Tränen über meine Wangen rannen. Meine Unterlippe zitterte, und ich rang nach Worten. Aber was gab es zu sagen? Meine Mom kämpfte um ihr Leben, und der Mann, der mich großgezogen, der mir alles gegeben, der mich ermutigt hatte, die Frau zu sein, die ich nun war, der Mann, zu dem ich ging, wenn ich Hilfe brauchte, mein Fels in der Brandung … tot. Es gab keine Worte dafür, was in mir vorging.

Ich stellte mir das Lächeln meines Dads vor, das freche Funkeln in seinen braunen Augen, das konspirative Zwinkern, das er mir zuwarf, wenn wir uns gegen meine Mutter verschworen hatten. Ich erinnerte mich an die Umarmungen, daran, wie er seine starken Arme um mich legte, daran, wie klein und zart ich mich dann gefühlt hatte. Die Erinnerungen an all das Schöne prasselten mit einem Mal auf mich ein: Weihnachtsfeste, Geburtstage, Pancakes, seine fürchterlichen Witze, seine Liebe für weiße Schokolade, sein Lachen …

Es war zu viel. Ich konnte es nicht aushalten.

„Ellie?“ Toby rutschte näher an mich heran und strich mit der Hand über mein Bein. „Schatz, was ist denn?“ In meinen Ohren klang er unendlich weit weg, und seine Stimme war leicht gedämpft.

Ich schüttelte den Kopf und versuchte vergeblich, den Nebel zu vertreiben, der mich umhüllte.

Tot.

Ich konnte spüren, wie mir alles entglitt, wie ich langsam verrückt wurde. Die Trauer verzehrte mich, zog mich herunter, und ich ertrank darin.

Das Telefon rutschte mir aus der schwitzigen Hand und fiel auf den Boden. Mit den Augen folgte ich ihm, verstand jedoch nicht, was um mich herum vor sich ging. Erinnerungen, Trauer, Schuldgefühle, Entsetzen, Traurigkeit – all diese Emotionen wirbelten durch meinen Kopf, ohne dass es einen Sinn ergab. Tränen strömten mir nun übers Gesicht und durchnässten den Kragen von Tobys T-Shirt.

Und dann kniete Toby vor mir, schlang die Arme um mich und zog mich an sich. Ich schluchzte. Mein Herz war gebrochen.

„Mein Dad … Er ist …“ Ich drückte mein Gesicht in seine Halsbeuge und weinte noch heftiger. „Und meine Mom wird gerade operiert. Und ich bin nicht da. Ich bin nicht da!“, weinte ich und verlor endgültig die Kontrolle.

„Es tut mir leid. Es tut mir so leid“, flüsterte Toby, zog sich ein wenig zurück und blickte mich mit leicht zusammengekniffenen Augen mitfühlend an. Auch auf seinem Gesicht sah man die Trauer. Er trauerte mit mir zusammen um Menschen, die er niemals kennengelernt hatte.

„Ich muss gehen“, wimmerte ich und drückte Toby sanft von mir weg. „Ich muss bei ihnen sein. Es gibt so viel zu tun. Ich muss einen Flug buchen und meine Sachen packen, und ich muss … ich muss …“ Ich erhob mich, doch meine Beine waren so zittrig, dass ich stolperte. Wieder war es Tobys Arm, der mir Halt gab.

Tobys Blick, in dem Sorge stand, traf meinen. „Du musst atmen, Ellie. Atme und beruhige dich, mein Herz.“ Er neigte den Kopf und hauchte einen Kuss auf meine Stirn. „Atme einfach.“

Ich senkte den Blick, als ich mich nun gegen ihn sinken und mich von ihm halten ließ, bis ich langsam wieder die Kontrolle über mich hatte.

4. Kapitel

Jamie

Rotes Haar umrahmte das Gesicht des Mädchens, das mir über die Schulter hinweg einen Blick zuwarf. Als diese grau-blauen Augen mich mit einer unglaublichen Intensität ansahen, stockte mir fast der Atem. Die junge Frau verzog die Lippen zu einem spielerischen Lächeln, und ich begann ebenfalls unbewusst zu lächeln. Die Sommersprossen auf ihren Wangen schienen zu tanzen, als sie nun leise lachte und einen Schritt auf mich zumachte.

„Kid.“ Ihre Stimme klang wie Musik in meinen Ohren. Die Melodie war so schön, dass mein Herz sich zusammenzog. „Kid?“, wiederholte sie, legte eine zarte Hand auf meine Schulter und drückte sie leicht.

Ein Stirnrunzeln verdrängte mein Lächeln, als mir bewusst wurde, wie sie mich gerade genannt hatte. Sie nannte mich nie so.

Der Druck auf meine Schulter wurde stärker. Ich wurde leicht geschüttelt, und mit einem Mal lichtete sich der Nebel, der mich umhüllt hatte. Mir wurde klar, dass es nur ein Traum gewesen war. Sie war nicht hier. Ich kniff die Augen fest zusammen und versuchte, den Traum festzuhalten. Aber es funktionierte nicht. Der Traum verblasste und verschwand im Nebel. Plötzlich nahm ich wieder die Geräusche um mich herum wahr: das Klirren der Gläser, Papier, das zerknüllt wurde, und den Rhythmus der Musik in der Ferne.

Ich stöhnte laut und schüttelte die Hand ab, die mich aufgeweckt hatte. Meine Wange rieb über etwas Hartes, Festes, Unbequemes. In dem Moment spürte ich den Schmerz in meinem Kopf, der sich bei jeder Bewegung nur noch verschlimmerte.

„Oh, er lebt“, erklang hinter mir eine sarkastische Stimme. Ohne nachsehen zu müssen, wusste ich, dass es Dodger war. Er war einer meiner engsten Freunde und mein Stellvertreter.

Ich runzelte die Stirn und hob langsam den Kopf. Träge blinzelte ich. Meine Augen brannten. Ich hob eine Hand und riss die Post-it-Notiz ab, die an meiner Wange klebte. Die Bewegung ließ mich zusammenzucken, denn jeder Muskel in meinem Körper schmerzte.

„Verzieh dich, Dodge“, stieß ich missmutig hervor.

Der stechende Geruch von Alkohol war unverkennbar. Allmählich wurde mir bewusst, dass ich in meinem Büro war, und ich stöhnte, als ich den Anblick in mich aufnahm. Es sah wie in einem Verbindungshaus aus – und zwar nach einer Party, die das ganze Wochenende über gedauert hatte und aus dem Ruder gelaufen war.

Während ich mich bewegte, spürte ich, wie es mir schon wieder hochkam. Ich schluckte, drehte mich zu Dodger um und verengte die Augen zu Schlitzen, weil das die Kopfschmerzen, die ich mir selbst zuzuschreiben hatte, ein wenig zu lindern schien. Dodger wirkte nicht gerade erfreut, als er sich bückte und eine halb leere Flasche des guten Brandys aufhob, den ich eigentlich für wichtige Kunden im Büro stehen hatte. Mürrisch runzelte er die Stirn, schraubte den Verschluss wieder auf die Flasche und ging zu dem Schrank, in dem ich den Brandy für gewöhnlich aufbewahrte.

„Hier sieht’s aus, als hätte eine Bombe eingeschlagen“, brummte er. „Und du siehst aus wie der Tod auf Latschen“, fügte er hinzu und betrachtete das zugemüllte Sideboard, bevor er nach dem Mülleimer griff und mit einer ausholenden Handbewegung fünf oder sechs leere Bierflaschen hineinschob. Das Klirren der Flaschen jagte einen furchtbaren Schmerz durch meinen Kopf. Ich presste die Handballen gegen die Schläfen und schloss die Augen. Mühsam unterdrückte ich den Drang, mich zu übergeben.

Ich fühle mich auch wie tot. „Danke.“

„Was zur Hölle ist das?“ Dodgers Tonfall klang knapp und kühl, als er mit einer der Flaschen auf den Schreibtisch deutete, der in der Nacht mein provisorisches Bett gewesen war.

Ich senkte den Blick und bemerkte das verdächtige weiße Pulver, das auf der Tischplatte verteilt war. Meine Zunge fühlte sich geschwollen und zu groß für meinen Mund an, als ich mir mit ihr über die pelzigen Zähne fuhr. Der Geschmack von schalem Alkohol ließ mich zusammenfahren. Ich schüttelte den Kopf und versuchte, einen klaren Gedanken zu fassen. Kam dieses benebelte Gefühl von Drogen, die ich konsumiert hatte? Vielleicht. Ich konnte es nicht mit Sicherheit sagen.

Stirnrunzelnd dachte ich an die vergangene Nacht zurück. Dann fiel es mir wieder ein. Ich hatte gekämpft. Ich hatte mich hier betrunken, war dann in den Fight Club gefahren, und Ray war gekommen, um mich nach Hause zu bringen. Aber ich hatte nicht schlafen können, also hatte ich mir ein Taxi gerufen, das mich wieder hierhergebracht hatte. Ich hatte gehofft, noch mehr Schnaps zu finden. Angesichts der Flaschen, die herumlagen, hatte sich diese Hoffnung erfüllt.

Dodger seufzte schwer und schüttelte den Kopf. Wortlos hob er eine weitere Flasche auf und warf sie achtlos in den inzwischen recht vollen Mülleimer. Unbeholfen streckte ich den Arm aus und tippte mit der Fingerspitze leicht in das weiße Pulver. Ich steckte den Finger in den Mund. Ich musste wieder würgen, als sich der Geschmack auf meiner Zunge ausbreitete, doch es gelang mir unter allergrößten Mühen, mich zusammenzureißen und mich nicht zu übergeben.

„Salz“, murmelte ich. „Ich muss Tequila getrunken haben.“ Ich war mehr als erleichtert, dass es kein Kokain war. Ich schob meinen Schreibtischstuhl zurück und streckte die Beine aus. Mein gesamter Körper schmerzte.

Die Anspannung schien von Dodger abzufallen, und er ließ die Schultern ein Stück nach unten sinken, als er meine Worte hörte. „Das ist gut. Denn die Polizei kommt heute hierher. Das weißt du ja, Kid.“

Ich nickte. Ich wusste, dass sie kommen würden – der Bulle, der seit gut eineinhalb Jahren auf meiner Gehaltsliste stand, hatte mich darüber informiert. Nicht dass ich eine Vorwarnung für diesen Besuch gebraucht hätte. Der Club gehörte zu den wenigen legalen Geschäften, die ich betrieb. Sie würden hier nichts finden, was auf meine Beteiligung an weniger legalen Geschäften hindeutete. Trotzdem wusste ich die Mitteilung zu schätzen.

Es war nicht immer so gewesen. Ich war nicht immer so gewesen. Es hatte mal eine Zeit gegeben, in der ich mein Bestes getan hatte, um nicht so zu enden, wie es jetzt der Fall war: als schmutziger, verabscheuungswürdiger, mit Drogen dealender, Autos klauender Arsch, dem außer der Aussicht darauf, wohin ihn die nächste sich bietende Möglichkeit bringen würde, nichts wichtig war. Damals, als ich noch Jamie Cole gewesen war und ein Mensch, der versucht hatte, etwas aus sich zu machen, hätte ich mich niemals so hemmungslos betrunken, mein Büro verwüstet und wäre dann eingeschlafen, ohne zu wissen, ob es Salz oder Drogen waren, die auf meinem Schreibtisch lagen. Damals hatte ich noch Hoffnung gehabt. Jetzt sah das ganz anders aus.

Einmal hätte ich den Ausstieg aus diesem Leben fast geschafft. Vor drei Jahren hatten mich nur wenige Stunden davon getrennt, meine Vergangenheit hinter mir zu lassen und mit dem Mädchen meiner Träume in den Sonnenuntergang zu fliegen. Doch eine Nacht hatte alles verändert. Eine Nacht hatte meine Welt zum Einsturz gebracht. Ach, wie anders mein Leben hätte verlaufen können.

In der Nacht, bevor meine Freundin Ellie und ich alles hatten aufgeben wollen, um gemeinsam die Welt zu erkunden, hatte ich noch einen letzten Auftrag für meinen damaligen Boss Brett Reyes erledigen sollen. Einen allerletzten Job, dann wäre ich für immer raus gewesen. Es hatte so leicht und unkompliziert geklungen. Aber es war ganz anders gekommen. Die Dinge hatten sich zum Schlechten gewendet – und das nur Stunden, bevor ich Ellie für die Fahrt zum Flughafen hatte abholen sollen. Die Polizei war überraschend am Treffpunkt aufgetaucht, es hatte eine Razzia gegeben, und schließlich war es zu einem Schusswechsel gekommen. Alle Mitglieder von Bretts Organisation und der Organisation seines Rivalen Lazlo, die sich dort getroffen hatten, waren entweder getötet oder verhaftet worden.

Ich weiß gar nicht, ob es Glück gewesen war, dass ich verhaftet und nicht getötet worden war. In vielerlei Hinsicht wäre es besser gewesen, wenn ich es nicht überlebt hätte. Zumindest hätte ich dann nicht Ellie anrufen und ihre Träume zerstören müssen. Mein Tod hätte mir die Qualen erspart, sie anlügen und ihr das Herz brechen zu müssen, damit sie nicht herausfand, dass ihr Freund wieder im Gefängnis gelandet war. Ellie hatte etwas Besseres verdient, als die Freundin eines Arschlochs und Kriminellen zu sein, die ihn nur alle paar Wochen im Gefängnis besuchen durfte. Sie hatte etwas Besseres verdient, als dieses Stigma mit sich herumzutragen und auf meine Entlassung zu warten. Also hatte ich getan, was ich für richtig gehalten hatte. Ich hatte sie gehen lassen.

Das Einzige zu verlieren, das einem etwas bedeutete, konnte einen Menschen unwiderruflich verändern.

Dank meines Anwalts Arthur Barrington hatte ich – statt den Rest meiner Jugend hinter Gittern verbringen zu müssen – nur eineinhalb Jahre sitzen müssen.

Es hatte mich überrascht, herauszukommen und festzustellen, dass Brett Reyes, der keine eigenen Kinder gehabt hatte, ausgerechnet mich als einzigen Begünstigten benannt und mich zum Direktor und Geschäftsführer von drei Unternehmen gemacht hatte, die zusammen ein Multimillionen-Dollar-Geschäft darstellten. Er hatte mir den Club, in dessen Hinterzimmer ich gerade meinen Kater bekämpfte, die Security-Firma, für die ich gearbeitet hatte, bevor ich ins Gefängnis gewandert war, und das Transport- und Logistikunternehmen hinterlassen.

Ich hätte anständig werden und die Firmen nach bestem Wissen und Gewissen leiten können. Ich hätte etwas aus mir machen können. Doch nachdem ich Ellie aufgegeben hatte, war nun nichts mehr da, was mich dazu ermuntert hätte, ein guter Mensch zu werden. Und als einer von Bretts alten Kontakten sich wegen einer „günstigen Gelegenheit“ an mich gewandt hatte, hatte ich die Chance ergriffen und sie genutzt, ohne noch einen Blick zurückzuwerfen. Es fiel mir leichter, ein schlechter Mensch zu sein. Und da man sowieso nichts anderes von mir erwartete, fragte ich mich, warum ich nicht endgültig auf die dunkle Seite hätte wechseln sollen. In den eineinhalb Jahren, die seit meiner Entlassung aus dem Gefängnis vergangen waren, war ich also komplett in das Leben eingetaucht, gegen das ich mich so lange, so heftig gewehrt hatte. Und ich hatte brilliert. „Ganz oder gar nicht“ – das war nun mein Motto. Ich hatte mich eindeutig für „ganz“ entschieden.

„Wie spät ist es?“, brachte ich verschlafen hervor, erhob mich und hielt mich an den Armlehnen meines Schreibtischstuhls fest, als die Welt sich plötzlich nach links zu neigen begann. Ich hatte es gestern Abend mit dem Trinken eindeutig übertrieben.

Dodger warf einen Blick auf seine Uhr. „Kurz nach zehn.“

Ich blinzelte ein paarmal, nickte dann und versuchte, einen klaren Kopf zu bekommen. Der Informant, der mich gewarnt hatte, hatte gemeint, dass die Polizei gegen Mittag bei mir auftauchen würde. Das hieß, dass mir noch zwei Stunden blieben, um mein Büro aufzuräumen und es in einen Zustand zu versetzen, der nicht mehr an den Wirbelsturm erinnerte, der letzte Nacht hier getobt zu haben schien.

Dodger stellte den Mülleimer auf den Fußboden und drehte sich zu mir um. In seinen Augen stand Sorge. „Ray hat mir von Ellies Eltern erzählt. Willst du darüber reden?“

Mein Blick verfinsterte sich, und ich schüttelte den Kopf. „Nein.“

Er zuckte leicht zusammen, nickte jedoch. „Falls du es dir noch anders überlegen solltest, weißt du ja, dass ich jederzeit für dich da bin.“

Ich machte mir nicht die Mühe zu antworten. Ich hatte schon vorher nicht darüber reden wollen, also warum sollte ich jetzt damit beginnen? Ich griff nach meinem Telefon, nahm es vom Schreibtisch und wischte das Salz ab, das auf dem Display klebte.

Ich klappte das Handy auf und sah, dass ich vier Anrufe in Abwesenheit bekommen hatte und dass jemand eine Nachricht auf der Mailbox hinterlassen hatte. Ed. Ich wählte die Mailbox an und rieb mir über die Stirn, während ich darauf wartete, dass die Nachricht abgespielt wurde.

„Kid, ich habe die Information, um die du mich gebeten hast. Ruf mich zurück.“

Ich runzelte die Stirn. Die Information, um die ich gebeten hatte? Ich dachte fieberhaft nach und versuchte, die Puzzleteile zusammenzufügen. Ich konnte mich nicht daran erinnern, dass ich ihn um irgendetwas gebeten hätte – vermutlich hatte ich es in der vergangenen Nacht getan, als ich sturzbetrunken gewesen war. Ed war derjenige, an den ich mich mit Jobs wandte, die ich aus Zeitmangel nicht allein erledigen konnte. Es ergab durchaus Sinn, dass ich ihn um einen Gefallen gebeten hatte, aber ich konnte mich einfach nicht daran erinnern, was es gewesen sein könnte.

Während Dodger mit dem vollen Mülleimer mein Büro verließ, wählte ich Eds Nummer. Beim zweiten Klingeln meldete er sich. „Kid, hey, endlich hast du meine Nachricht bekommen.“

„Ja, was ist los? Von welcher Information sprichst du?“

„Du hast mich gestern spät in der Nacht angerufen und mich gebeten, etwas über das Mädchen mit den toten Eltern herauszufinden. Erinnerst du dich nicht mehr?“

Ich stöhnte. Ich hatte ihn also mit besoffenem Kopf angerufen und von ihm verlangt, Ellie zu stalken. Perfekt. „Doch, ich erinnere mich“, schwindelte ich.

„Gut. Du wolltest wissen, ob sie zurückkommen würde. Tja, ich habe den Typ gefragt, der in London ein Auge auf sie hat. Sie ist heute am frühen Morgen zum Flughafen gefahren. Er hat beobachtet, wie sie für einen Flug um neun Uhr nach New York eingecheckt hat. Laut der Flugnummer, die er mir gegeben hat, sollte sie in ungefähr zwei Stunden am JFK Airport landen.“

Meine Brust zog sich zusammen. Zwar hatte ich damit gerechnet, dass sie zurückkommen würde, allerdings nicht, dass es so schnell passieren würde. Ich hatte kaum Zeit, mich darauf vorzubereiten.

„Um wie viel Uhr wird sie landen?“, fragte ich mit heiserer Stimme nach.

„Um zwölf Uhr fünfundzwanzig.“

Ich nickte. Meine Kopfschmerzen wurden schlimmer. „Okay, danke.“

„Kid, noch eine Sache“, sagte er, als ich gerade das Telefonat beenden wollte. „Sie hat allein eingecheckt. Ihr Verlobter hat sie zum Flughafen begleitet, aber sie ist allein an Bord des Flugzeugs gegangen.“

Allein? Sie war verdammt noch mal allein? Toby hatte sie fliegen lassen – trauernd, emotional, allein? Dieser Arsch! Ich biss die Zähne zusammen. Wut breitete sich in meinem Innersten aus. Ich beendete das Gespräch mit Ed und schüttelte den Kopf. Ich musste die mörderischen Gedanken verjagen. Wie hatte er sie die Reise nur allein antreten lassen können? Sie hatte gerade ihren Vater verloren. Ihre Mutter schwebte in Lebensgefahr. Er hätte unentwegt an ihrer Seite sein müssen, hätte ihr die Tränen trocknen und sie unterstützen müssen. Was für ein beschissener Scheißkerl!

Ich hatte Toby Wallis nie gemocht – immerhin war er mit meinem Mädchen zusammen –, aber ich hatte den Kerl respektiert, weil er sie liebte. Er hatte sie wieder zum Lachen gebracht und gab ihr alles, was sie brauchte. Das hatte ich in Erfahrung gebracht, nachdem ich aus dem Gefängnis entlassen worden war. Die geheime Überwachung durch Rays Schwägerin hatte geendet, als Ellie beschlossen hatte, nicht mit Natalie in die Staaten zurückzukehren, nachdem sie ein Jahr lang zusammen Europa bereist hatten. Allerdings hatte ich danach weitere Maßnahmen ergriffen. Ich hatte einen Privatdetektiv engagiert, der sie überwacht und mir regelmäßig Bericht erstattet hatte.

Als ich aus dem Gefängnis entlassen worden war, hatte der Privatdetektiv Beweise dafür geliefert, dass Ellie glücklich war, dass sie ihr Leben weiterlebte, dass dieser Toby –„Ich stehle dir dein Mädchen“ – Wallis ihr guttat. Eine Überprüfung seines Hintergrunds hatte ergeben, dass er ein anständiger Mensch ohne kriminelle Vergangenheit war. Er war ein dreiunddreißigjähriger geschiedener Mann mit zwei Kindern, und er arbeitete hart für seinen Lebensunterhalt. Toby war der einzige Grund, warum ich nicht den ersten Flug gebucht und zu ihr gereist war, um ihr alles zu gestehen und sie um Vergebung zu bitten. Und jetzt ließ der verdammte Penner sie allein fliegen? Vielleicht war er doch nicht so anständig, wie ich geglaubt hatte.

Zwei Stunden später stand ich im Ankunftsterminal des JFK Airports. Ich hatte nicht anders gekonnt. Dodger würde sich allein um die Polizeirazzia kümmern. Ich war mir nicht sicher, was ich eigentlich vorhatte. Ich wollte sie einfach nur sehen, sie halten und sie sicher bringen, wohin sie wollte – wahrscheinlich ins Krankenhaus, da der Rest ihrer Familie auch dort sein würde.

Ich hielt mich im Hintergrund, am Rande der wartenden Menge, und lehnte an der Wand eines Starbucks Cafés. Während ich beobachtete und wartete, zuckten meine Hände vor Aufregung und schierer Angst.

Ellies Flugzeug war sicher gelandet, sodass sie nun auf dem Weg durch den Zoll oder bei der Gepäckausgabe war.

Als die wartenden Verwandten und Freunde anfingen, sich nach vorn zu drängen und unruhig zu werden, richtete ich mich auf, hielt unwillkürlich den Atem an und blickte nervös in die Richtung, in die alle anderen auch sahen. Kleine Gruppen von Passagieren traten durch die Türen, schoben ihre Gepäckwagen vor sich her, lächelten, winkten oder kreischten aufgeregt, wenn sie ihre Freunde und Familien entdeckten.

Ich wartete. Das Herz schlug mir bis zum Hals. Und dann kam sie.

Als ich sah, wie sie ihren Koffer hinter sich herzog, raubte es mir schlicht den Atem.

Ellie lächelte nicht. Tatsächlich hatte sie die Lippen aufeinandergepresst, als sie sich nun umsah. Sie blieb am Rand stehen, um irgendetwas in ihr Handy zu tippen. Ihr kupferrotes Haar fiel ihr zerzaust und wild um das Gesicht. Es war kürzer als beim letzten Mal, als ich sie gesehen hatte. Es reichte ihr nur noch knapp bis zu den Schultern. Ich ließ sehnsüchtig den Blick über sie schweifen, während sich Verlangen in mir ausbreitete. Sie hatte ein bisschen zugenommen, seit ich sie gesehen hatte. Ihre Hüften und Beine waren ein bisschen dicker, ihre Wangen ein bisschen voller, ihr Bauch nicht mehr so flach wie zu der Zeit, als sie Cheerleaderin gewesen war. Doch die Veränderung stand ihr ausgezeichnet. Sie sah so wunderschön aus wie an dem Tag, als ich ihr zum ersten Mal begegnet war und sie mir den Atem geraubt hatte.

Als sie aufblickte und sich auf der Suche nach etwas oder jemandem im Ankunftsbereich umsah, fielen mir die dunklen Schatten unter ihren Augen auf, und Schmerz ergriff mich. Sie wirkte erschöpft – körperlich und emotional.

Alles in mir wollte, dass ich zu ihr rüberging, die Distanz zwischen uns überbrückte und sie in die Arme schloss. Ich musste sie trösten, ihr einen Kuss aufs Haar hauchen, ihr über den Rücken streicheln und ihr sagen, dass alles gut werden würde, dass ich für sie da sein und sie nie mehr verlassen würde. Aber meine Beine bewegten sich einfach nicht. Ich stand wie angewurzelt da, durch die wartende Menge vor ihren Blicken versteckt, und fragte mich, wie sie reagieren würde, wenn sie mich sehen würde. Würde es alles nur noch schlimmer machen? Oder vielleicht besser? Was würde sie tun, wenn ich jetzt zu ihr ginge – mit all den sichtbaren Verletzungen am Körper, nach dem Alkohol der gestrigen Nacht stinkend, das getrocknete Blut meines Gegners noch immer auf den Sneakers? Ich war gekommen, um sie zu sehen, um ihr zu helfen. Aber da ich nun hier war, wusste ich, dass ich es für sie nur schwerer machen würde, wenn ich mich zu erkennen gab. Sie musste schon mit so vielen Dingen zurechtkommen, dass es ihr nicht helfen würde, jetzt auch noch den Mann wiederzusehen, der ihr das Herz gebrochen hatte.

Während ich noch immer mit mir rang, was ich tun sollte, schob sich eine junge blonde Frau durch die Menge. Ellies Blick fiel auf die Frau. Sie öffnete den Mund und verzog die Lippen zu einem traurigen Lächeln. Die blonde Frau fiel ihr praktisch um den Hals.

Ich seufzte. Meine Hoffnung auf eine Versöhnung schwand dahin, als Stacey nun über Ellies Haar strich, wie ich es eigentlich hatte tun wollen. Sie umarmte sie tröstend. Ich war noch nie eifersüchtig auf ein Mädchen gewesen – bis zu diesem Moment.

Ich machte auf dem Absatz kehrt, blickte finster zu Boden und verschwand aus dem Terminal. Eilig kehrte ich zu meinem Wagen zurück, bevor ich entdeckt werden konnte.

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