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Gegensätze ziehen sich an: Wenn aus Freundschaft plötzlich Liebe wird

Ein solches Begehren hat der Milliardär Neo Stamos noch für keine andere Frau empfunden. Er weiß, dass Cassandra ihn nur als guten Freund sieht - doch er wird alles daran setzen, das zu ändern …
  • Erscheinungstag: 01.10.2015
  • Seitenanzahl: 120
  • ISBN/Artikelnummer: 9783956494895
  • E-Book Format: ePub
  • E-Book sofort lieferbar

Leseprobe

Lucy Monroe

Gegensätze ziehen sich an

Wenn aus Freundschaft plötzlich Liebe wird

Aus dem Amerikanischen von Sonja Sajlo-Lucich

MIRA® TASCHENBUCH

MIRA® TASCHENBÜCHER

erscheinen in der HarperCollins Germany GmbH,

Valentinskamp 24, 20354 Hamburg

Geschäftsführer: Thomas Beckmann

Copyright © 2015 by MIRA Taschenbuch

in der HarperCollins Germany GmbH

Titel der nordamerikanischen Originalausgabe:

The Shy Bride

Copyright © 2010 by Lucy Monroe

erschienen bei: Mills&Boon, London

Published by arrangement with

Harlequin Enterprises II B.V./S.àr.l

Konzeption/Reihengestaltung: fredebold&partner gmbh, Köln

Umschlaggestaltung: pecher und soiron, Köln

Redaktion: Maya Gause

Titelabbildung: Harlequin Enterprises S.A., Schweiz

ISBN 978-3-95649-489-5

www.mira-taschenbuch.de

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eBook-Herstellung und Auslieferung:

readbox publishing, Dortmund

www.readbox.net

PROLOG

Der Hafen von Seattle sah genauso aus wie all die anderen Häfen, die Neo Stamos auf der Welt gesehen hatte, seit er mit vierzehn Jahren auf dem Frachter Hera angeheuert hatte. Und doch war dieser Hafen etwas Besonderes. Denn hier änderte sich Neos Leben: Er ging an Land und kehrte nie wieder auf die Hera zurück.

Er und sein Freund Zephyr Nikos hatten ein falsches Alter angegeben, als sie sich vor sechs Jahren um Aufnahme in die Crew bemüht hatten – ein kleines Opfer, um das Leben, wie sie es aus Griechenland kannten, hinter sich zu lassen. Als Mitglieder einer Athener Straßengang hatten Zephyr und er eine Gemeinsamkeit entdeckt: Sie wollten mehr im Leben erreichen, als sich die Ränge der Gang hochzuarbeiten.

Sie würden es schaffen, versprach sich der inzwischen einundzwanzigjährige Neo nun, als die Sonne im Osten aufging.

„Bereit für das nächste Kapitel?”, fragte Zephyr.

Neo nickte, den Blick auf den Hafen gerichtet, in den sie einliefen. „Es wird nicht mehr auf der Straße geschlafen.”

„Wir schlafen seit sechs Jahren nicht mehr auf der Straße.”

„Manch einer würde sich fragen, ob die Kojen auf der Hera so viel besser sind.”

„Sind sie.”

Insgeheim stimmte Neo zu, doch er sagte es nicht laut. Zephyr kannte seine Einstellung. Alles war besser, als sich mehr schlecht als recht durchzuschlagen und trotzdem noch den Regeln anderer gehorchen zu müssen. „Was jetzt kommt, wird besser sein.”

„Genau. Es hat uns sechs Jahre gekostet, um genug Geld zusammenzubringen, aber jetzt liegt ein neues Leben vor uns.”

Sechs Jahre harte Arbeit und Verzicht. Sie hatten praktisch jede Drachme zur Seite gelegt. Für zwei junge Männer, die erst im Waisenhaus und dann auf der Straße aufgewachsen waren, war es viel Geld. Kleidung, Bücher und andere Notwendigkeiten besorgten sie sich auf unübliche, vielleicht nicht ganz legale Weise – zumindest, wenn man Glücksspiel für Minderjährige für illegal hielt.

Wann immer sie nicht gearbeitet hatten – oder gewettet, um die mickrige Heuer aufzustocken –, hatten sie alles gelesen, was sie an Informationen über Unternehmensführung und Immobiliengeschäfte in die Finger bekamen. So war jeder von ihnen zum Experten auf einem Gebiet geworden, und sie würden ihr Wissen kombinieren, anstatt einzeln ihre Anstrengungen verdoppeln zu müssen. Gemeinsam hatten sie einen Plan ausgearbeitet, wie sie ihre Mittel zuerst durch den Kauf und Verkauf von Immobilien erheblich erhöhen konnten, um dann irgendwann eine eigene Immobilienfirma im ganz großen Stil aufzuziehen.

„Unser neues Leben als Businesstycoons Zephyr Nikos und Neo Stamos”, fügte Zephyr mit Inbrunst hinzu.

Neo hatte fast immer einen ernsten Ausdruck im Gesicht, doch jetzt zog ein Lächeln auf seine Lippen. „Bevor wir dreißig sind.”

„Bevor wir dreißig sind”, bekräftigte Zephyr mit der gleichen Entschiedenheit, die Neo fühlte.

Sie würden es schaffen. Versagen war keine Option.

1. KAPITEL

„Das ist ein Witz, oder?”

Neo starrte auf die aufwendige Geschenkurkunde mit dem Logo einer bekannten Wohltätigkeitsorganisation. Ganz bestimmt wollte Zephyr Nikos, sein ältester und einziger Freund, und nicht zu vergessen sein Geschäftspartner, ihn auf den Arm nehmen.

„Nein, kein Witz. Herzlichen Glückwunsch zum Fünfunddreißigsten, filos mou.” Anders als früher, als sie nur Englisch miteinander gesprochen hatten, um ihre Sprachkenntnisse aufzupolieren, flochten sie heute griechische Wendungen in ihre Gespräche ein, damit sie ihre Muttersprache nicht vergaßen.

„Ein Freund würde wissen, dass ich mit einem solchen Geschenk nichts anfangen kann.”

„Im Gegenteil. Nur ein Freund kann beurteilen, wie passend und dringend notwendig dieses kleine Geschenk ist.”

„Klavierstunden?” Und dann auch noch für ein ganzes Jahr. Kam gar nicht infrage! „Ich glaube kaum, dass ich die nutzen werde.”

Zephyr lehnte sich an den riesigen Mahagonischreibtisch, der mehr wert war, als sie in ihrem ersten Jahr verdient hatten. „Da bin ich anderer Meinung. Du hast die Wette verloren.”

Neo funkelte seinen Freund böse an. Alles, was er jetzt noch sagte, würde wie Gejammer klingen, hielten sie einander doch seit Jahren vor, dass Wettschulden Ehrenschulden waren. Er hätte es besser wissen müssen, als sich mit diesem Wetthai von einem Freund anzulegen.

„Sieh es als eine Art ärztliche Verordnung an.”

„Wird mir jetzt verordnet, eine Stunde pro Woche sinnlos zu vergeuden? Ich habe nicht einmal eine halbe zu erübrigen. Vielleicht weißt du ja mehr als ich …” Könnte eines der weltweit laufenden Bauprojekte schlicht gestrichen worden sein? „… aber in meinem Terminkalender ist kein Platz für Klavierstunden.” Wette hin oder her.

„Etwas geht tatsächlich vor sich, ohne dass du auch nur das Geringste davon mitbekommst, und das nennt sich Leben. Überall um dich herum spielt es sich ab, nur bist du so beschäftigt mit unserer Firma, dass du es verpasst.”

„Stamos und Nikos Enterprises ist mein Leben.”

Zephyr bedachte Neo mit einem mitleidigen Blick, so, als hätte er nicht ebenso hart gearbeitet, um die Vergangenheit hinter sich zu lassen. „Die Firma sollte unser Ticket zu einem neuen Leben sein, nicht das Einzige, wofür wir leben. Erinnerst du dich nicht mehr? Wir wollten vor unserem dreißigsten Lebensjahr Tycoons sein.”

„Das waren wir auch.”

Drei Jahre, nachdem sie den Fuß auf amerikanischen Boden gesetzt hatten, hatten sie die erste Million zusammengehabt. Einige weitere Jahre und sie waren Multimillionäre gewesen. Inzwischen waren er und Zephyr Hauptaktionäre eines globalen Multimilliarden-Dollar-Unternehmens. Stamos & Nikos Enterprises trug nicht nur Neos Namen, die Firma bestimmte jede Stunde seines Tagesablaufs. Und er hatte überhaupt nichts dagegen.

„Du wolltest ein großes Haus für dich und eine Familie gründen, weißt du noch?”, fragte Zephyr ironisch.

„Die Zeiten ändern sich.” Von manchen Kindheitsträumen nahm man eben Abschied. „Mir gefällt mein Penthouse.”

Zephyr verdrehte die Augen. „Darum geht es doch gar nicht.”

„Worum geht es dann? Bist du etwa der Meinung, dass ich unbedingt Klavier spielen lernen sollte?”

„Ehrlich gesagt, ja. Selbst wenn dich dein Arzt beim letzten Gesundheitscheck nicht gewarnt hätte … Ich hätte dir auch sagen können, dass du kürzertreten musst. Bei deinem Stress muss man kein Arzt sein, um zu sehen, dass du der optimale Kandidat für einen Herzinfarkt bist.”

„Ich treibe regelmäßig Sport, gehe sechsmal die Woche ins Fitnessstudio. Meine Haushälterin bereitet meine Mahlzeiten nach einem genauen Diätplan vor, ich esse regelmäßiger und gesünder als du. Mein Körper ist in Topform.”

„Du schläfst keine sechs Stunden pro Nacht, und du hast absolut kein Stressventil.”

„So? Was ist dann mein Training?”

„Ein weiterer Beweis für deinen Ehrgeiz. Du treibst dich immer zu Höchstleistungen an, egal was du tust.”

Zephyr musste es wissen, schließlich war er beim Training dabei und stachelte Neos Ehrgeiz erst recht an. Na schön, seit ein paar Jahren verließ Zephyr das Büro immer um sechs, anstatt noch bis spät in den Abend zu arbeiten. Und vielleicht hatte er sich auch ein Hobby zugelegt, das nichts mit Immobilien zu tun hatte. Aber deswegen war sein Leben nicht besser als Neos, es war nur ein wenig anders.

„Du brauchst dringend Abwechslung, mein Freund. Du hast mehr Elan als jeder andere, den ich kenne, aber es wird Zeit, dass du einen Ausgleich findest.”

Da redete ja genau der Richtige! „Und Klavierstunden werden meinem Leben einen neuen Sinn geben?” Vielleicht war Zephyr selbst reif für eine Pause. Der Mann verlor allmählich den Bezug zur Realität!

„Das nicht. Es gibt dir nur eine Stunde pro Woche, in der du einfach Neo Stamos sein kannst und nicht der griechische Tycoon, der Unternehmen mitsamt Mitarbeitern aufkaufen und wieder verkaufen könnte.”

„Ich handle nicht mit Menschen.”

„Nein, wir kaufen Immobilien und Land, entwickeln und verkaufen wieder. Und wir sind verdammt gut darin, es mit Profit zu tun. Aber wann ist genug genug?”

„Ich bin zufrieden mit meinem Leben, so wie es ist.”

„Nur bist du nie zufrieden mit deinem Erfolg.”

„Sag nicht, du wärst anders.”

Zephyr zuckte mit einer Schulter, sein maßgeschneidertes Anzugjackett machte die lässige Bewegung anstandslos mit. „Wir reden hier über dich.” Er verschränkte die Arme vor der Brust. „Wann hast du das letzte Mal mit einer Frau geschlafen, Neo?”

„Sind wir nicht längst über diese Art von Strichlisten hinweg, Zee?”

Zephyr grinste. „Ich will nicht die Zahl deiner Eroberungen wissen. Ich weiß, du hast Sex”, er wurde wieder ernst, „aber du hast noch nie wirklich liebevoll mit einer Frau geschlafen.”

„Wo liegt da der Unterschied?”

„Du hast Angst vor Intimität.”

„Erklär mir, wie wir von Klavierstunden auf dieses blödsinnige Psychogeschwätz kommen. Seit wann bist du unter die Amateurpsychiater gegangen?”

Zephyr wirkte tatsächlich gekränkt! „Ich stelle lediglich fest, dass dein Leben nicht genügend Facetten aufweist. Du musst neue Erfahrungen machen, aufbrechen zu neuen Horizonten.”

„Jetzt klingst du wie die Werbung einer Reisegesellschaft.” Wie eine schlechte!

„Ich klinge wie der Freund, der sich Sorgen macht. Ich möchte nicht, dass du vor deinem vierzigsten Geburtstag ins Gras beißt, weil der Stress zu viel wird.”

„Woher hast du eigentlich diese Informationen über meinen Gesundheitszustand?”

„Gregor hat mich neulich auf dem Golfplatz beiseite genommen und mir gesagt, dass du dich noch totarbeiten wirst.”

„Er hat die Schweigepflicht verletzt. Ich werde ihn verklagen.”

„Nein, wirst du nicht. Er ist unser Freund.”

„Er ist dein Freund und mein Arzt.”

„Genau davon rede ich, Neo. Du musst ein Gegengewicht finden. Dein Leben besteht nur aus Arbeit.”

„Wenn deiner Meinung nach Beziehungen so wichtig sind, warum hast du dann keine?”

„Ich gehe mit Frauen aus, Neo. Und bevor du jetzt anführst, dass du das auch tust … sich mit einer Frau zu verabreden und schon vorher zu planen, Sex mit ihr zu haben und sie dann nie wiederzusehen, ist keine Beziehung.”

„In welchem Jahrhundert lebst du eigentlich?”

„In diesem, genau wie du, mein Freund. Also hör auf, dich wie ein Idiot zu benehmen, und nimm das Geschenk an. Du wolltest doch immer Klavier spielen lernen.”

„Immer? Wann?”

„Als wir uns als Jungs auf den Straßen Athens herumgetrieben haben.”

„Ich habe mehrere Kindheitsträume aufgegeben.” Und im Tausch für sein jetziges Leben hatte er es bereitwillig getan. Das, was er aus sich gemacht hatte, war bestimmt nicht schlecht für jemanden, dessen Vater sich abgesetzt hatte, noch bevor der Sohn zwei Jahre alt gewesen war, und dessen Mutter mehr von Alkohol gehalten hatte als von Kindererziehung.

Trotzdem fühlte er, dass er langsam nachgab – wenn auch nur, um den einzigen Menschen auf der Welt, für den er bereit war, Kompromisse einzugehen, nicht zu enttäuschen. „Na schön, ich versuche es. Zwei Wochen lang.”

„Sechs Monate.”

„Einen.”

„Fünf.”

„Zwei. Mein letztes Angebot.”

„Es kann dir nicht entgangen sein, dass ich für ein ganzes Jahr bezahlt habe.”

„Sollte es mir Spaß machen, werde ich das Jahr vielleicht nutzen.”

Aber Neo hatte nicht die geringsten Zweifel, wie das Experiment ausgehen würde.

Schon zum zweiten Mal innerhalb einer Minute strich Cassandra Baker sich das dunkelblaue Designerkleid mit dem großen weißen Spitzenkragen glatt. Nur weil sie wie eine Einsiedlerin lebte, hieß das nicht, dass sie sich auch so kleiden musste. Selbst wenn andere sie nur selten sahen – und dann auch nur in ihrem Zuhause –, halfen hübsche Kleider ihr dabei, sich einigermaßen normal zu fühlen. Immer funktionierte es zwar nicht, aber zumindest versuchte sie es.

Eigentlich sollte sie jetzt spielen. Es entspannte sie. Das sagte man ihr zumindest immer wieder und manchmal glaubte sie selbst daran. Doch ihre schlanken Finger lagen reglos auf der Klaviatur. In weniger als fünf Minuten würde Neo Stamos zu seiner ersten Unterrichtsstunde erscheinen.

Wie jedes Jahr hatte sie der Spendengala zwölf Monate Meisterkurse bei ihr, der berühmten, wenn auch zurückgezogen lebenden Pianistin und Komponistin von New-Age-Musik, überlassen. Und sie war sich sicher gewesen, dass auch dieses Mal ein Musikliebhaber die Meisterkurse ersteigern würde. Vielleicht ein aufstrebendes neues Talent … Nie hätte sie vermutet, dass ein absoluter Neuling, noch dazu ein milliardenschwerer Großunternehmer, für ein Jahr ihr Schüler sein würde. Es war der Albtraum für eine Frau, die Schwierigkeiten hatte, einem Fremden ihre Tür zu öffnen.

Um sich über den Mann kundig zu machen, hatte sie sämtliche Artikel, die sie über ihn finden konnte, gelesen und im Internet recherchiert. Geholfen hatte es nicht, im Gegenteil. Auf den Pressefotos wirkte er eher wie jemand, der für Musik, gleich welcher Richtung, nichts übrig hatte. Warum in aller Welt wollte ein solcher Mann Klavierunterricht nehmen?

Nun, offenbar wollte er. Denn als die Summen bei der Auktion bereits in die Zehntausende gegangen waren, da war Zephyr Nikos vorgetreten und hatte einhunderttausend Dollar geboten. Einhunderttausend Dollar! Für wöchentlich eine Stunde ihrer Zeit! Verstehen konnte Cass es noch immer nicht. Selbst für ein Jahr war das ein mehr als extravagantes Gebot. Verständlicherweise war die Organisatorin der Gala vor Begeisterung übergeschäumt. Eigentlich hielt Cass Telefongespräche mit Leuten, die sie kaum kannte, kurz, doch die ältere Frau hatte ausführlich von der Auktion erzählt. Und es rührte sie ganz besonders, dass die Stunden ein Geschenk von Mr Nikos an seinen lebenslangen Freund und Geschäftspartner Neo Stamos waren.

Auch die Termine hatte nicht Mr Stamos’ persönlich ausgemacht, seine Assistentin hatte Cass angerufen. Da ihr eigenes Übungsprogramm flexibel war und sie praktisch nie ausging, stellte die Planung kein Problem dar. Dennoch ließ die sicherlich sehr kompetente, allerdings auch sehr reservierte Assistentin es klingen, als müsste Mr Stamos seinen Erstgeborenen opfern, um am Dienstag um zehn Uhr zur ersten Stunde zu erscheinen.

Was Cass nur noch nervöser machte, als sie ohnehin schon war, wenn sie einem Schüler zum ersten Mal begegnete. Sie konnte sich nicht vorstellen, wieso ein immens reicher, viel zu gut aussehender und noch dazu offensichtlich übermäßig beschäftigter Unternehmer Klavierunterricht nehmen wollte. Seit ihrem letzten öffentlichen Auftritt hatte Cass keine solche Unruhe mehr in sich verspürt. Auch wenn sie sich schon den ganzen Morgen sagte, dass das unsinnig war … es half nicht.

Als es an der Haustür klingelte, zuckte sie zusammen. Ihr Puls begann zu rasen, ihr Atem wurde unregelmäßig. Sie drehte sich auf dem Schemel zur Tür, aber sie stand nicht auf …

Sie musste aufstehen. Musste zur Tür gehen und ihren neuen Schüler begrüßen.

Es klingelte ein zweites Mal. Die Ungeduld in dem Laut brach ihre Starre. Sie sprang auf.

Auf dem Weg zur Tür schossen ihr all die beunruhigenden Fragen durch den Kopf, die sie schon den ganzen Morgen plagten. Würde Neo Stamos vor ihrer Tür stehen oder seine Assistentin? Vielleicht ein Leibwächter oder der Chauffeur? Redeten Milliardäre mit ihrem Klavierlehrer, oder ließen sie die Konversation von irgendwelchen Untergebenen bestreiten? Würde sein Chauffeur oder sein Leibwächter während der Unterrichtsstunde mit im Raum sein wollen? Oder vielleicht auch seine Assistentin …?

Bei der Vorstellung, so viele fremde Leute in ihrem bescheidenen Haus zu haben, begann Cass zu hyperventilieren. Sie war stolz auf sich, dass sie dennoch weiter auf die Tür zuging. Vielleicht war er ja allein gekommen. Eine Überlegung, die einen ganzen Berg von neuen Fragen vor ihr auftürmte. Ob es ihm recht war, sein Luxusauto in der einfachen Nachbarschaft im Westen Seattles zu parken? Sollte sie ihm anbieten, seinen Wagen in die leere Garage zu stellen?

Ein drittes Klingeln ertönte, gerade als sie die Tür aufzog. Mr Stamos, der in natura noch imposanter aussah als auf den Fotos, schämte sich seiner Ungeduld eindeutig nicht.

„Miss Cassandra Baker?”

Augen, grün wie die Blätter der Bäume im Frühsommer, waren fragend auf sie gerichtet. Sie musste den Kopf in den Nacken legen, um dem dunkelhaarigen Tycoon in das überwältigend attraktive Gesicht sehen zu können.

„Ja.” Sie zwang sich, ihm das gleiche Angebot zu machen wie jedem ihrer Schüler. „Sie können mich Cass nennen.”

„Sie sehen aus wie eine Cassandra, nicht wie eine Cass.” Seine tiefe Stimme klang in ihren Ohren wie eine perfekt gestimmte Saite.

„Meine Schüler nennen mich alle Cass.” Auch wenn es ihr unpassend vorkam, diesen Mann als Schüler zu bezeichnen.

Offensichtlich ging es ihm genauso, denn es zuckte um seine Mundwinkel. „Ich nenne Sie Cassandra.”

Sie starrte ihn an, wusste nicht, wie sie seine Arroganz auffassen sollte. Er schien sich nichts dabei zu denken, sondern es für selbstverständlich zu halten, dass er sie nennen konnte, wie er es für angebracht hielt.

„Ich glaube, wir können erst mit dem Unterricht anfangen, wenn Sie mich einlassen.”

Nur ein Hauch von Ungeduld war in seiner Stimme zu hören, dennoch fühlte Cass sich ungeschickt und unhöflich. „Natürlich … Möchten Sie Ihren Wagen vielleicht in der Garage parken?”

Er blickte nicht zu dem schnittigen Mercedes zurück, der in ihrer Auffahrt stand, schüttelte nur knapp den Kopf. „Das wird nicht nötig sein.”

„Fein. Dann kommen Sie herein.” Sie drehte sich um und ging voraus zum Klavierzimmer.

Der große Raum war einst der Salon des im späten neunzehnten Jahrhundert gebauten Hauses gewesen, jetzt bot er ihrem Fazioli-Flügel die perfekte Umgebung. Ein einzelner großer Queen-Anne-Sessel stand an der Wand, daneben ein rundes Seitentischchen, ansonsten nahm kein weiteres Mobiliar dem Zimmer die luftige Atmosphäre.

Cass deutete auf die Klavierbank, die vor dem Flügel stand. „Nehmen Sie Platz.”

Er folgte ihrer Aufforderung. Der Anblick überraschte sie: Er wirkte wesentlich entspannter vor dem Flügel, als sie sich in seinem Büro gefühlt hätte. Er musste größer sein als ein Meter neunzig, und doch bot er kein ungelenkes Bild auf der Bank. Er hatte große Hände mit langen Fingern … und Schwielen, die weder zu einem Pianisten noch zu einem Milliardär passten. In dem perfekt sitzenden Armani-Anzug, der die breiten Schultern betonte und muskulöse Schenkel erahnen ließ, gehörte er eigentlich in ein Vorstandszimmer, dennoch wirkte er hier nicht fehl am Platz.

Vielleicht fehlte dem dunkelhaarigen Adonis ja das Gen, das für Verlegenheit zuständig war.

„Kann ich Ihnen vielleicht etwas zu trinken anbieten?”

„Wir haben bereits mehrere Minuten der Unterrichtsstunde vertan. Es wäre zweckmäßiger, wenn wir die Nettigkeiten übergehen könnten.”

„Ich werde die Minuten auch gern an die Stunde anhängen.” Sie fühlte sich schuldig, obwohl sie sich ziemlich sicher war, keinen Grund dafür zu haben.

„Ich nicht.”

„Ich verstehe.” Seltsam, aber seine kurz angebundene Art beruhigte ihre Nerven. Oder war es nur die Erleichterung, dass er nicht mit seinem ganzen Gefolge erschienen war? Wie auch immer … sie empfand seine Anwesenheit deutlich weniger aufreibend als befürchtet.

Aber gut, keine Nettigkeiten mehr. „Um Zeit zu sparen, brauchen Sie dann nächste Woche nicht erst zu klingeln, sondern können direkt hereinkommen”, bot sie an.

Er kniff die Augen zusammen. „Sie schließen Ihre Tür nicht ab?” Er wartete nicht auf ihre Antwort. „Ich habe die Kette vorgelegt, nachdem ich die Tür hinter mir geschlossen habe.”

Für einen Mann in seiner Position muss es wohl normal sein, sämtliche Türen sicher hinter sich zu verschließen. „Es wundert mich, dass Ihre Leibwächter nicht vorher das Haus untersucht haben.”

„Ich beschäftige Sicherheitsleute, aber mein Leben ist kein Fernsehkrimi. Ich habe Erkundigungen einziehen lassen, bevor meine Assistentin die Termine ausgemacht hat.” Er musterte ihre zierliche Gestalt von oben bis unten. „Sie stellen wohl kaum eine Gefahr für mich dar.”

„Ich verstehe”, sagte sie noch einmal. Unbehagen machte sich breit bei der Vorstellung, dass man sie überprüft hatte.

„Es ist nichts Persönliches.”

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