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Girl Stuff - Küssen kann man nicht allein

hier erhältlich:

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Ein, zwei, drei Kuss!

Die drei Freundinnen Drew, Fonda und Ruthie gehen seit dem Kindergarten gemeinsam durch dick und dünn. Jetzt ist Fondas Mama verreist und sie können endlich die erste Party ohne Eltern feiern. Heimlich, versteht sich. Und natürlich ist das die Gelegenheit, um auch gleich den ersten Kuss zu erleben, oder? Die Freundinnen schließen einen Pakt – alle drei werden küssen und sie wissen auch schon wen. Aber dann muss doch jede ihren eigenen Weg finden und zugeben, was sie wirklich will! Zum Glück hält ihre Freundschaft auch einem Kuss-Pakt stand.

Bester Sommer-Lesespaß von Bestsellerautorin Lisi Harrison („Die Glamour-Clique“)


  • Erscheinungstag: 23.08.2022
  • Aus der Serie: Girl Stuff
  • Bandnummer: 3
  • Seitenanzahl: 240
  • Altersempfehlung: 12
  • Format: E-Book (ePub)
  • ISBN/Artikelnummer: 9783505150364

Leseprobe

Wie ein paar von euch vielleicht mitbekommen haben, war »Girl Stuff – Mädchen gewinnen gegen Jungs« meinem Schwarm Wyatt gewidmet. Voll süß, was? Nee, null! In besagter Widmung habe ich nämlich auch geschrieben: »Ich hoffe, wir sind noch zusammen, wenn es erscheint. Alles andere wäre so peinlich, dass ich ein eigenes Buch darüber schreiben müsste.« Et voilà, hier ist es.

Du: Heißt das, du bist nicht mehr mit Wyatt zusammen?

Ich: Lieb, dass du fragst. Aber doch, wir sind noch ein Paar.

Du: Jetzt kapier ich gar nichts mehr, Lisi. Du hast doch gesagt, dass …

Ich: Ich weiß, was ich gesagt habe. Aber der Verlag und ich fanden die Vorstellung einfach zu schön, ein Buch darüber zu schreiben, in was für peinliche Situationen man geraten kann, wenn man verliebt ist. Also hab ich’s getan.

Du: Das ist irgendwie peinlich.

Ich: Stimmt. Peinlichkeiten sind mein Spezialgebiet. Immerhin hab ich ein ganzes Buch darüber geschrieben.

Viel Spaß!

XOXO

Zuletzt hatte Fonda Millers Mutter ihren Töchtern an einem Schultag Frühstück gemacht, als … hm. War das überhaupt schon mal vorgekommen?

Joan war Professorin für Feminismuswissenschaften und fest davon überzeugt, dass ihre Töchter ein Recht darauf hatten, selbst über ihren Körper zu bestimmen. Doch an diesem Freitagmorgen im November bestand sie darauf, dass sie sich alle gemeinsam an den Küchentisch setzten und Chiapudding aßen. Ausgerechnet.

Sie selbst stand währenddessen am Tresen, mahlte Kaffeebohnen und summte vor sich hin, als sei es das Normalste der Welt, anderen Leuten Entscheidungsfreiheit zu versprechen und sie dann zu zwingen, Chiapudding zu essen.

Glücklicherweise brauchte Fonda die Erklärung nicht selbst aus ihr herauszuquetschen. Denn wozu hatte man schließlich große Schwestern? Winfrey war sechzehn, Amelia vierzehn, und Fondas Alter war unbedeutend. Sie war unbedeutend. Jedenfalls sobald ihre Schwestern auftauchten. Also konnte sie genauso gut den Mund halten und Winfrey und Amelia die Arbeit machen lassen.

»Ich tippe auf KTS, richtig, Joan?«, fragte Winfrey auch direkt. Die Wellen waren der Wahnsinn, alle ihre Freunde waren am Strand, und ihre AVVW (Angst vor verpassten Wellen) wuchs mit jeder Minute, die sie vor ihrem Chiapudding saß.

»KTS? Was soll das denn nun wieder heißen?« Die dunkelrote Lockenwolke, die Joans Gesicht umgab, wippte, als sie sich zu ihren Töchtern an den Tisch setzte.

»Krankheit, Tod und Scheidung«, erklärte Amelia, die bereits ihre rosa verspiegelte Sonnenbrille aufgesetzt hatte. »Die drei lebensverändernden Einschnitte überhaupt. Also, was davon ist es?«

»Scheidung?«, schnaubte Joan verächtlich. »Dafür müsste ich erst mal heiraten, und ich würde im Leben nicht …«

Amelia schnappte nach Luft. »Dann bist du krank?«

»Nein, Amelia, ich bin nicht krank, und tot offensichtlich auch nicht. Ich halte am kommenden Samstag einen Vortrag bei einer wichtigen Dinner-Gala in Los Angeles. Sie wird von einem Institut veranstaltet, das sich für das Recht auf freie Meinungsäußerung einsetzt.«

»Klingt für mich, als wärst du mindestens scheintot«, murmelte Winfrey.

»Das Thema lautet Aufstehen gegen Geschlechtervorurteile, falls es jemanden interessiert.«

Tat es nicht.

»Wie lang bist du weg?«, fragte Amelia.

»Von Samstagnachmittag bis Sonntagabend.«

»Und du musst die ganze Zeit stehen?«

Fonda kicherte, weil … echt jetzt. Amelia ging in die Neunte und hätte wissen müssen, dass Aufstehen in diesem Zusammenhang bedeutete, dass man eine Sache unterstützte, an die man glaubte.

Winfreys Gesichtsausdruck verfinsterte sich. »Ähm, kurze Frage, J.«

Joan verschränkte die Arme vor der Brust, was darauf schließen ließ, dass sie zwar bereit war, sich die Frage anzuhören – aber nicht, zu verhandeln.

»Ich weigere mich, weiter von Sari Poppins gebabysittet zu werden.«

»Es heißt nicht gebabysittet, sondern babygesittet, und außerdem ist ihr Name Sari Sullivan.«

»Joan. Wenn eine fidele britische Lady bei 25 Grad und Sonnenschein mit Regenschirm unterwegs ist und mit einer Handtasche voller Strickzeug hier aufkreuzt, muss sie mit dem Spitznamen rechnen.«

Joan musterte ihre Töchter eindringlich. Und dann sagte sie: »Du hast recht. Es ist an der Zeit.«

»An der Zeit?«, fragte Fonda mit hämmerndem Herzen. »Wofür?«

Joan atmete tief durch und wandte sich an Winfrey. »Du wirst im Januar siebzehn, und …«

»… du schenkst mir endlich das gelbe Mini-Cooper-Cabrio?«

»Nein«, sagte Joan.

»Dann ein gelbes Mini-Cooper-Cabrio mit Dachträger für meine Surfbretter?«

»Ein Cabrio mit Dachträger?« Fonda lachte. »Wie soll denn das gehen?«

»Hier geht es gerade nicht um ein Auto«, fuhr Joan ungerührt fort, »sondern um den kommenden Samstag.«

»O nein. Vergiss es. Mich bekommen keine zehn Pferde zu deinem Vortrag.« Fonda nahm die Serviette von ihrem Schoß und stand auf.

»Wo willst du hin?«

»Ich stehe auf für meine Freiheit.«

Amelia nahm die Sonnenbrille ab. »Ich dachte, dafür muss man nicht stehen.«

»Und ums Stehen geht es hier ebenfalls nicht«, bemerkte Joan. »Ich überlege, ob ich euch Mädels zum ersten Mal allein lasse.«

Winfrey sprang auf. »Du überlässt mir die Verantwortung?!«

»Yessss!!!« Amelia sprang ebenfalls auf, und die beiden Mädchen schlossen Joan in eine stürmische Umarmung, die Fonda an einen Würgegriff erinnerte.

»Wow, da freut sich aber jemand, dass ich wegfahre.« Joan versuchte, die Arme zu heben und die Umarmung zu erwidern, aber der Würgegriff war zu fest.

»Ich nicht«, meldete sich Fonda zu Wort. Sie freute sich kein bisschen. Weil Winfrey nämlich die totale Tyrannin sein würde.

Hätten sie doch nur einen Dad gehabt, der in solchen Situationen einspringen konnte. Aber nein, ihr Vater musste ja ein mysteriöser Samenspender sein, der laut Katalog der West Coast Cryobank griechische Mythologie, sein Medizinstudium und seine Großmutter mütterlicherseits liebte.

Endlich gelang es Joan, sich zu befreien. »Bitte setzt euch wieder. Das ist kein Freifahrtschein, um tun und lassen zu können, was ihr wollt, sondern eine Gelegenheit, mir zu beweisen, wie reif und verantwortungsbewusst ihr seid.«

»Keine Angst, Joanie. Ich sorge dafür, dass Amelia um neun zu Hause ist und Fonda um acht im Bett liegt.«

»Was? Nein!« Fonda wandte sich an ihre Mutter. »Ich muss doch erst um zehn ins Bett!«

»Wenn du ein Problem hast, solltest du dich an mich wenden«, sagte Winfrey. »Ich bin hier jetzt der Chef.«

»Nein, bist du nicht«, korrigierte Joan. »Während meiner Abwesenheit ist jede von euch für sich selbst verantwortlich. Aber wenn alles glatt laufen soll, müsst ihr natürlich aufeinander achtgeben und zusammenhalten.«

Fonda sank in sich zusammen. Aufeinander achtgeben? Zusammenhalten? Pfft. Zusammen, das bedeutete für Winfrey und Amelia zwei gegen eine. Und zwar sie beide gegen Fonda.

Ihre einzige Möglichkeit, sich in Sicherheit zu bringen, bestand darin, zu flüchten. »Ich übernachte dann wahrscheinlich bei Ruthie oder Dr…«

Bonk! Ein Vogel flog gegen die Schiebetür aus Glas. Die Mädchen kreischten.

»O nein!«, rief Joan. »Das ist schon der dritte Fink diesen Monat!«

Fonda stiegen die Tränen in die Augen. Der arme kleine Kerl. Sie wusste genau, wie es sich anfühlte, einfach durch die Gegend zu schwirren, und Bumm! knallt man ohne jede Vorwarnung gegen ein unerwartetes Hindernis und landet auf der Nase. Winfreys Beförderung zur »Chefschwester« war das perfekte Beispiel.

Joan schnappte sich ihre Spülhandschuhe und hastete nach draußen. Kaum hatte sich die Tür hinter ihr geschlossen, breitete sich auf Winfreys Gesicht ein teuflisches Lächeln aus.

»Was ist reifer und verantwortungsbewusster?«, flüsterte sie Amelia zu. »Wenn unsere Party um sieben oder um acht losgeht?«

»Sieben, würde ich sagen.«

Winfrey trank den Kaffeebecher ihrer Mutter leer und knallte ihn auf den Tisch. »Dann also um acht.«

»Ihr feiert eine Party?«, fragte Fonda. »Während Mom weg ist?«

»Also, während sie hier ist, jedenfalls nicht.«

Fonda rutschte das Herz in die Hose. »Und was, wenn sie es rausfindet?«

»Das kann nur aus einem Grund passieren, und der trägt gerade meinen alten Denim-Jumpsuit und bildet sich ein, ich würd’s nicht merken.«

»Du glaubst, ich petze?«

»Nein, ich glaube, dass du ein paar Leute einlädst und was anziehst, in dem du nicht aussiehst wie ich vor zwei Jahren.«

»Moment mal.« Fonda musterte ihre Schwester ungläubig. »Ich darf mitfeiern?«

Ihre Schwestern nickten.

»Und Leute einladen?«

Wieder ein Nicken.

Fonda sprang so plötzlich auf, dass ihr Stuhl umkippte. Ava G. mochte die erste Jungs-Mädchen-Party der Achten geschmissen haben, aber sie, Fonda, würde die erste elternfreie Jungs-Mädchen-Party mit Schülern von der Highschool schmeißen. Und damit in ihrer Jahrgangsstufe zur Legende werden.

Klar ließen ihre Schwestern sie nur mitmachen, damit sie Joan nichts erzählte. Aber irgendwo musste man ja anfangen. Und dieses Irgendwo befand sich in Fondas Fall zufällig ganz weit oben.

»Fröhlichen Freitag!« Beverly lächelte. Die Zähne der Krankenschwester hoben sich grellweiß von ihrer Haut ab, die für November viel zu gebräunt war. »Glückwunsch, ihr habt die erste Woche unserer Puber-Tee-Stunde überstanden.« Sie hob mit abgespreiztem kleinem Finger die antike Porzellantasse ihrer Urgroßmutter und nahm ein winziges Schlückchen. »Gute Arbeit, meine Damen, gute Arbeit.«

Die fünfzehn Schülerinnen der Poplar Middle hoben ebenfalls ihre Oma-Tässchen und nippten an ihrem lauwarmen Tee mit Beerenaroma. Die Gastlehrerin gab sich alle Mühe, den Aufklärungsunterricht so unpeinlich wie möglich zu gestalten. Aber die beiden einzigen Menschen, in deren Gegenwart Fonda Gespräche über »Brustknospen«, »Pfirsichflaum« und »natürliche Bedürfnisse« führen konnte, ohne vor Scham im Boden versinken zu wollen, waren ihre beiden Nachbar-Besties. Leider hatten die Nesties diesmal Pech gehabt: Drew war in Schwester Beverlys Nachmittagskurs gelandet, und Ruthie und ihre Freunde aus der Talent-Sonderförderung wurden wie so oft getrennt von den anderen Schülern unterrichtet. Glücklicherweise konnte Fonda sich mit der Planung ihrer elternfreien Jungs-Mädels-Highschool-Party von Schwester Beverlys Vortrag über »die Wissenschaft der Körpergerüche« ablenken. Nun tat sie so, als würde sie fleißig mitschreiben, während sie in Wahrheit an ihrer Gästeliste arbeitete.

Als Winfrey gesagt hatte, sie könne »ein paar Leute« einladen – wie viele genau hatte sie da gemeint? Drei? Zehn? Dreißig? Fonda hatte nämlich jetzt schon fünfzehn Namen zusammen, und da waren Ruthies Freunde aus der TSF noch gar nicht miteingerechnet.

»AUA, MEIN BH-TRÄGER ZWICKT!«, rief ein Junge im Vorbeigehen durch die offen stehende Klassenzimmertür. »ICH BRAUCH DRINGEND EINEN TAMPON

Er hatte seine Stimme zu einem schrillen Kreischen hochgeschraubt, das er offenbar für mädchenhaft hielt, aber Fonda wusste trotzdem genau, um wen es sich handelte.

Egal, wie viel Mühe sich Henry Goode gab, seine Stimme zu verstellen – sein tiefes Krächzen, das Schwester Beverly damit erklärte, dass der Kehlkopf von Jungs in diesem Alter so schnell wuchs, war unverwechselbar. Aber vielleicht erkannte Fonda seine Stimme auch nur deshalb, weil Henry, Owen und Will seit ihrer Klassenfahrt nach Catalina Island vor drei Wochen ständig mit den Nesties rumhingen. Was erklärte, wieso die anderen vierzehn Mädchen Fonda gerade kichernd beäugten, als sei sie höchstpersönlich verantwortlich für Henrys Sprüche.

Mit brennenden Wangen konzentrierte sich Fonda auf die Gästeliste und versuchte, mit purer Willenskraft die Röte aus ihren Wangen zu vertreiben. Offenbar dachten alle hier, dass sie mit Henry zusammen war. Aber … stimmte das denn? Klar, die Clique ging ein paarmal pro Woche nach der Schule zu Van’s Pizza oder ins Fresh & Fruity. Und meistens saßen Henry und Fonda dann nebeneinander und stritten beispielsweise darüber, ob die roten Lakritzstangen von Twizzlers oder Red Vines besser waren und dünner Pizzarand oder dicker, und ob Hunde aus anderen Ländern mit Akzent kläfften. Aber ihre Streitereien waren nie ernst, und gerade erst vor ein paar Tagen hatte sie gehört, wie Ruthie Drew zuflüsterte: »Was sich neckt, das liebt sich.« Aber hieß das gleich, dass sie zusammen waren? Musste man sich nicht vorher einigen, um zusammen zu sein? Und machten Leute, die zusammen waren, nicht auch Sachen nur zu zweit, ohne ihre Clique?

Nicht, dass Fonda was dagegen gehabt hätte, dass man sie fälschlich für Henrys Freundin hielt. Dadurch fühlte sie sich erwachsen und mutig, bewundert und respektiert. Als sei sie Teil einer Geheimgesellschaft, in die nur Mädchen mit Erfahrung aufgenommen wurden, die aus irgendeinem Grund wussten, wie das mit den Jungs funktionierte. Dabei war Fonda Henry noch nie näher gekommen als auf Catalina Island, wo sie ihn in der Kletterhalle am Bein festgehalten hatte, um seinen Absturz zu verhindern, was dazu geführt hatte, dass sie am Ende beide abstürzten. Natürlich nur im wörtlichen Sinn.

Trotzdem hatte sie nicht vor, ihre kichernden Mitschülerinnen zu korrigieren. Ein bisschen Politur für ihr Image konnte nicht schaden, und es war ja nicht so, dass sie dafür lügen musste.

»Aber genug über Bakterien und Unterarm-Eiweißmoleküle«, sagte Schwester Beverly. »Jetzt wird’s megapeinlich.«

Fonda verzog das Gesicht. Das Peinlichste an Schwester Beverlys Vorträgen waren ihre Versuche, wie eine Dreizehnjährige zu klingen.

»Gestern habe ich euch gebeten, anonym Fragen bei mir einzureichen, die euch so peinlich sind, dass ihr sie nie laut stellen würdet. Und? Seid ihr bereit für die Antworten?«

Ein Ruck ging durch die Runde, alle Mädchen richteten sich auf. Fonda dagegen sank in sich zusammen. Anfangs hatte sie geschrieben: Ich hatte immer noch nicht meine Tage. Wie kann ich das Ganze beschleunigen? Aber dann hatte sie Angst bekommen, die anderen würden sofort wissen, dass die Frage von ihr stammte, weil die meisten Mädchen in ihrer Jahrgangsstufe ihre Tage längst hatten. Also war sie umgeschwenkt auf Halten Sie Tagetäschchen für sinnvoll?

Fonda hoffte, dass Schwester Beverly daraufhin sagen würde: »Tagetäschchen? Davon habe ich ja noch nie gehört!«

Woraufhin Fonda erklären würde: »Das ist ein niedliches kleines Reißverschlusstäschchen mit allem drin, was man braucht, wenn man seine Tage hat.«

»Und was wäre das?«

»Nun, Schwester Beverly, natürlich Binden, frische Unterwäsche, Ibuprofen, Reese’s Pieces … so was eben.« Dann würde Fonda ihr Tagetäschchen aus ihrem Rucksack holen, und die gesamte Klasse wäre tief beeindruckt.

Nur dass nichts davon geschah. Stattdessen zog Beverly eine Karteikarte aus einer Asics-Schuhschachtel und las vor: »Immer, wenn ich mit einem Jungen knutsche, bekomme ich keine Luft mehr. Manchmal halte ich die Luft auch einfach an, aber dann habe ich das Gefühl, ich ersticke gleich. Was soll ich machen?« Beverly knüllte die Karte zusammen und lehnte sich an die Tischkante des Lehrerpults. »Super Frage, Anonymus.«

Die Besties Ava G. und Ava H. klatschten sich unauffällig ab. War ja klar, dass die Frage von ihnen kam. Und doppelt klar, dass sie beide schon mal geknutscht hatten. Wie offenbar alle hier, weil die Mädchen um Fonda herum anfingen, im Flüsterton Erfahrungen auszutauschen.

»Das Geheimnis lautet: keine Nasenatmung«, flüsterte Kat Evans, eine quirlige Turnerin mit fröhlich wippendem Pferdeschwanz. »Man muss den Atem anhalten und immer wieder kurz nach Luft schnappen, wie ein Fisch.«

»Quatsch, natürlich muss man durch die Nase atmen«, flüsterte Ava R. zurück. »Nasenatem riecht viel besser als Mundatem.«

Toni Sorkin, Vizepräsidentin des Schülerrats, warf ein: »Aber das ist doch derselbe Atem. Glaubt mir, ich weiß, wovon ich rede. Noah Sutures Nasenluft riecht genauso nach Ei wie seine Mundluft.«

Fonda sank noch weiter in sich zusammen. Hatten diese Mädchen echt alle schon mal einen Jungen geküsst?

»Falls jemand wissen will, was eine ausgebildete Spezialistin dazu zu sagen hat, nur zu: Fragt mir gern Löcher in den Bauch«, unterbrach Schwester Beverly das Getuschel geduldig, aber so, dass man ihr trotzdem einen Anflug von Genervtheit anmerkte.

Doch niemand fragte sie irgendwas. Erstens, weil sich keins der Mädchen vorstellen wollte, wie Schwester Beverly jemanden küsste. Zweitens, weil das mindestens hundert Jahre her sein musste und sich seitdem bestimmt viel geändert hatte.

Allerdings wanderten die Blicke vieler Mädchen jetzt zu Fonda, die ihrer Meinung nach bestimmt einen wertvollen Beitrag zur Diskussion leisten konnte. Immerhin war sie doch mit Henry zusammen, oder? Da mussten sie bestimmt auch schon geknutscht haben, richtig?

Falsch.

Bisher waren sie ja noch nicht mal miteinander allein gewesen! Außerdem hatte Fonda keinen blassen Schimmer, wie sie beim Knutschen atmen sollte. Allerdings hatte sie nicht vor, das zuzugeben. Stattdessen hob sie nur einen Finger an die Lippen wie ein Mädchen, das fand, dass man sich über bestimmte Dinge besser ausschwieg.

Schwester Beverly fing derweil an, eklige Ratschläge darüber zu erteilen, wie man einen gemeinsamen Rhythmus mit seinem Partner fand und gemeinsam atmete. Fonda musste sofort daran denken, wie hysterisch sie und Henry hatten lachen müssen, als sie sich nach ihrem Sturz in der Kletterhalle auf den Matten herumwälzten. Dabei hatten sie jedes Mal im selben Moment nach Luft geschnappt. Theoretisch hatten sie die Sache mit dem gemeinsamen Atemrhythmus also drauf, was bedeutete, dass sie vermutlich auch beim Knutschen gut zurechtkommen würden. Was wiederum bedeutete, dass sie es ausprobieren und danach über die Mund-Nasen-Atmungsfrage diskutieren konnten. Aber wollte Henry sie denn überhaupt küssen? Und falls ja, wie sollte sie es herausfinden? Vielleicht mussten sie vorher einfach reden. Aber was dann? Wer machte bei so was den ersten Schritt? Und wenn sie erst mal angefangen hatten, woran erkannten sie, dass sie wieder aufhören sollten? Was, wenn Fonda zu atmen vergaß und erstickte? Schon bei dem bloßen Gedanken bekam sie keine Luft mehr.

Jetzt hinkte sie nicht nur mit ihren Tagen hinterher, sondern auch mit dem Küssen.

Es musste was passieren. Und zwar schnell.

Ruthie Goldmans Zimmer an einem trüben Freitagnachmittag. Trockenobst zum Knabbern. Elton John auf dem altmodischen Plattenspieler. Ruthie lehnt an den Kissen in ihrer Leseecke. Neben ihr: ihr intellektueller Seelenverwandter Owen Lowell-Klein. Um sie verstreut liegen Ausgaben der Zeitschrift Time, die bis ins Jahr 1987 zurückgehen.

Konnte das Leben schöner sein? Ruthie bezweifelte es. Falls doch, wollte sie es lieber nicht herausfinden, weil sie dann vermutlich explodiert wäre.

Am Montag, nur eine Woche nach seiner Bewerbung, war Owen in die Talent-Sonderförderung der Poplar Middleschool aufgenommen worden. Und zu Ruthies größter Freude gedieh er dort prächtig.

Damit die anderen Mitschüler ihn besser kennenlernten, hatte ihre TSF-Lehrerin Rhea ihn gebeten, eine Collage von seiner Gedankenwelt anzufertigen, damit die Titanen und sie sich ein Bild davon machen konnten, wie er tickte. Dazu brauchte er nur den Umriss seines Kopfes auf ein Blatt Papier zu zeichnen und ihn mit Bildern von Dingen zu füllen, die ihn beschäftigten. Das Schwierige für Owen war eher, irgendwelche Magazine zum Ausschneiden aufzutreiben. Seine Mutter las nur Liebesromane, und sein Vater pflegte einen papierfreien Lebensstil. Deswegen hatte die turmhohe Time-Sammlung der Goldmans Owen praktisch das Leben gerettet.

»Sieht toll aus«, sagte Ruthie, als sie die Collage begutachtete. Sie beinhaltete unter anderem Fotos von Pfadfinderinnenkeksen, Audrey Hepburn, Anzügen von dem Edel-Herrenausstatter Brooks Brothers, französischen Sehenswürdigkeiten, Franklin Delano Roosevelt, einer Trompete, der Erde und Wonder Woman.

Owen hielt die Collage hoch und musterte stolz das Ergebnis seiner Arbeit. »Könnte gut sein, dass ich der interessanteste Typ in der gesamten Klasse bin.«

»Angeber«, sagte Ruthie und knuffte ihn in den Oberarm, auch wenn sie insgeheim selbst der Meinung war, dass er eine riesige Bereicherung für das Förderprogramm war.

Owen verneigte sich in gespielter Demut. »Erwischt.« Dann verschränkte er die Arme vor der Brust, hakte die Daumen in die Achselhöhlen und legte den Kopf schief. Das war seine Denkerpose. »Hey, wie nennt man jemanden, der im TSF-Unterricht ständig einschläft?«

Ruthies Mundwinkel zuckten bereits, als könnten sie es gar nicht abwarten, endlich loszulachen. »Keine Ahnung. Wie denn?«

»Ein schlummerndes Talent!«

Ruthie lachte, aber nur kurz. Wenn sie nicht sofort einen drauflegte, musste sie ihre Niederlage eingestehen. »Wie nennt man jemanden, der einen Platz in der TSF bekommt, aber nie auftaucht?«

»Ein verborgenes Talent!«, rief Owen. »Und wie nennt man jemanden, der in die TSF geht und gern klettert?«

»Ein aufstrebendes Talent!«, rief Ruthie. »Und wie nennt man die kleinen Geschwister von TSF-Schül…«

»Nachwuchstalente!«

Verdammt, ist der gut!

Ruthie hob ein Blatt Papier vom Boden auf und wedelte damit herum.

»Was machst du da?«

»Ich hisse die weiße Flagge. Weil ich weiß, wann ich mich besser geschlagen geben sollte. Darin bin ich übrigens ein Naturtalent«, sagte Ruthie. »Du hast gewonnen.« Dabei war ihr letzter Spruch gar nicht mal so schlecht gewesen, was sie zumindest zur Ehrensiegerin machte. Ha, gute Strategie, was?

»Nicht schlecht, Mylady«, sagte Owen, obwohl seine Aufmerksamkeit bereits von der Pinnwand über Ruthies Schreibtisch gefesselt wurde, genauer von dem Bild, auf dem ihr zwei Lutscher wie Vampirzähne aus dem Mund ragten. Mit ihrem gebeugten Rücken und den gekrümmten Fingern sah sie aus wie ein Vampir mit Gichtanfall.

»Da hatte ich gerade Nosferatu geschaut«, erklärte Ruthie, ohne weiter ins Detail zu gehen. Owen wusste natürlich auch so, dass es sich bei Nosferatu um einen Schwarz-Weiß-Stummfilm aus dem Jahr 1922 handelte. Und dass es der erste Vampirfilm aller Zeiten war. Dass Owen solche Dinge wusste, war einer der vielen Gründe, warum Ruthie ihn so mochte.

Owen näherte sich der Pinnwand. »Darf ich?«

Ruthie zuckte mit den Achseln.

Er nahm die Reißzwecke ab und kehrte mit dem Foto in der Hand zu seiner Collage auf dem Boden zurück. Er hob die Schere, dann den Blick. Darf ich? fragte er erneut, nur diesmal stumm, wie in dem Film.

Ruthie nickte.

Owen warf sich eine Trockenaprikose in den Mund und schnibbelte drauflos. Immer, wenn er eine Kurve schneiden musste, legte er den Kopf schief, und wenn er sich konzentrierte, streckte er ein winziges bisschen die Zunge raus. Dabei hielt er das Bild so fest, dass seine Fingerspitzen weiß hervortraten.

Ein warmes Gefühl durchströmte Ruthie und breitete sich in alle Richtungen aus wie die Kreise auf einem See, wenn man einen Kieselstein hineingeworfen hatte. Hätte diese Wärme eine Farbe gehabt, dann die von Sonnenschein. Hätte sie ein Geräusch gemacht, dann das eines Windspiels. Hätte sie einen Namen gehabt, dann hätte er »Gefühl X« gelautet. Und wenn sich darunter niemand etwas vorstellen konnte, dann lag das daran, dass dieses Gefühl selbst für Ruthie bis gerade eben unvorstellbar gewesen war. Weil sie es vorher noch nie gehabt hatte. Solange sie es nicht ganz genau definieren konnte, würde sie es wie eine Algebra-Gleichung behandeln und es durch ein X ersetzen, bis die Gleichung gelöst war.

Als Owen fertig war, klebte das Bild von Ruthie in der Lücke zwischen Martin Luther King Jr. und Taylor Swift. »Voilà!«

Gefühl X war wieder da. »Ich hab es in die Kopf-Collage geschafft?«

Owen musterte sie überrascht und fragte erst: »Wieso denn nicht?«, und dann: »Würdest du mich denn nicht in deine aufnehmen?«

»Klar!«, rief Ruthie. Weil das natürlich absolut und ganz und gar der Fall war. Sie machten jeden Nachmittag zusammen Hausaufgaben und gingen abends mit Owens Hunden Franklin und Eleanor Gassi. Und hätte Ruthie nicht versehentlich ihr Smartphone im Pazifik versenkt, hätten sie sich zwischendrin die ganze Zeit getextet. Seit Ruthie denken konnte, waren Drew und Fonda ihre besten Freundinnen. Dann war sie in der TSF gelandet und hatte sich direkt mit Sage angefreundet. Aber Owen teilte ihre intellektuelle Neugierde und ihre Liebe zur Kunst, und das machte ihn zu etwas Besonderem.

»Ich find es toll, einen Freund zu haben!«

Owens Wangen liefen rosa an. »Echt?«

Ruthie rutschte dichter zu ihm und haute ihm klatschend die flache Hand auf den Oberschenkel. »Na klar! Du etwa nicht?«

Owens rosa Wangen verfärbten sich feuerrot. »Öhm …«

»Findest du es nicht toll, eine Freundin zu haben?«

Owen schob seine Kopf-Collage beiseite und strich sich seinen Legofiguren-Seitenscheitel zurecht. »Doch, klar finde ich das toll.«

»Gut«, sagte Ruthie. »Ich nämlich auch.«

»Ich auch«, wiederholte Owen.

»Und ich erst.«

Jetzt war Owen wieder dran, aber er grinste nur, statt etwas zu sagen. Es war ein verkrampftes Grinsen. Ein verblüfftes Grinsen. Ein X-Grinsen.

Vielleicht hatte er ja schmerzhafte Blähungen von dem ganzen Trockenobst. »Alles in …«

Plötzlich beugte sich Owen nach vorn, und eine unerwartete Gegenkraft presste sich auf Ruthies Lippen und unterbrach sie mitten im Satz. Die Gegenkraft war sanft und trotzdem stark, und sie roch nach Aprikose. Das war … Das war ja Owens Mund!

Mit klopfendem Herzen drehte Ruthie rasch den Kopf zur Seite und krabbelte rückwärts von Owen weg. »Was machst du denn da?«

Owen sprang auf und breitete entschuldigend die Hände aus. »Es … Es tut mir leid«, stammelte er und trat dabei verlegen von einem Bein aufs andere. »Als du gesagt hast, dass ich dein Freund bin, wusste ich nicht, was ich machen soll. Ob ich überhaupt was machen soll. Ob du willst, dass ich was mache. Na ja, und da hab ich eben …« Er haute sich gegen die Stirn. »Mensch, bin ich manchmal ein Dummdödel. Ich dachte einfach …«

»Schon okay«, sagte Ruthie und gab sich alle Mühe, dabei ruhig zu klingen, obwohl ihr Nervenkreislauf gerade einen heftigen Kurzschluss erlitten hatte. »Das war doch bloß ein Missverständnis. Aber nur, um das klarzustellen: Ich meinte, dass ich es toll finde, mit einem Jungen befreundet zu sein. Nicht, mit ihm zusammen zu sein.«

»Ja, das hab ich inzwischen auch kapiert«, schnaubte Owen. »Aber … Mensch, es tut mir echt so lei…«

»Schon gut.« Ruthie stand auf und legte ihm freundschaftlich die Hand auf die Schulter. »Ich kann total verstehen, wieso du das falsch verstanden hast.«

Er hob langsam den Blick. »Ach, echt?«

Ruthie nickte.

Owen seufzte auf. »Da bin ich aber erleichtert.«

»Erleichtert, dass ich dir verzeihe, oder erleichtert, dass ich keinen Freund-Freund will?«, fragte sie, ohne ganz sicher zu sein, welche Antwort sie lieber hören wollte.

Owen schüttelte ihre Hand ab. »Beides. Ich find es toll, mit dir befreundet zu sein. Aber diese ganze Freundin-Freundin-Sache?« Er schüttelte den Kopf. »Danke, aber nein danke.«

»Genau, danke, aber super nein danke.«

»Genau, super duper nein danke sogar.«

»Ich bin so froh, dass wir ehrlich zueinander sein können«, sagte Ruthie.

»Dafür sind Freunde doch da«, versicherte Owen strahlend.

»Und Freundinnen auch«, fügte Ruthie hinzu.

»Genau. Also so rein freundschaftlich.«

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