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Glorias Finale

Als Buch hier erhältlich:

Gloria ist die jüngste Finalistin der (fiktiven) europaweiten Castingshow Eurostar, die über 50 Millionen Menschen erreicht (eine Castinghow-Variante des Eurovision Song Contests). Gloria, Gastarbeitertochter eines portugiesischen Einwandererpaars, kommt aus schwierigen, armen Verhältnissen. Schon früh erlebt sie Gewalt vom Vater und von anderen Männern. Sie glaubt, ihrer feindlichen Umwelt nur dann zu entkommen, wenn sie eine berühmte Sängerin wird. Aber auch hinter den Vorhängen des Showbusiness erfährt sie Missbrauch. Sie tut alles, um sich für das Eurostar-Finale, das in 24 Ländern live übertragen wird, zu qualifizieren. Am Abend des Finales kommt Gloria allerdings nicht ins Studio, um zu gewinnen, sondern mit ganz anderen Absichten. Und einer geladenen Pistole.


  • Erscheinungstag: 23.08.2021
  • Seitenanzahl: 176
  • ISBN/Artikelnummer: 9783312012480

Leseprobe

Angst?

Gloria schüttelt den Kopf. Sie hat keine Angst, und sie wird nicht zulassen, dass ihr der Sender Angst macht. Sie wird ihr Ziel nicht verfehlen.

Mit den Fingern spielt die Produktionsassistentin am Strohhalm ihres Drinks. Eine Sekunde, zwei Sekunden. Sie lächelt. Ihr Lächeln wirkt freundlich, warm. Wenn nicht die Augen wären, zu denen die Wärme nicht vordringt, die abwesend wirken, als würden dahinter stille, ferne Berechnungen stattfinden.

»Morgen ist das Finale, live übertragen von sechsundzwanzig Fernsehstationen, sechzig Millionen Zuschauer. Und du hast keine Angst?«

»Wovor denn?«

»Dass du verlierst.«

Gloria überlegt. »Soweit wird es nicht kommen.« Und nach einigen Augenblicken: »Bestimmt nicht.«

»Großartig, dieses Selbstvertrauen.« Die Produktionsassistentin wirkt enttäuscht. »Seit der Vorrunde hast du mich immer wieder überrascht. Du hast uns alle überrascht.« Den Drink in der Hand – Prosecco mit Eis, Zitronenmelisse und Holunderblütensirup – lehnt sie sich zurück, auf dem Ledersofa der Hotellounge, in der sie sich seit etwa dreißig Minuten befinden. Angeblich geht es darum, letzte Fragen zu besprechen. Angeblich soll die Assistentin die »Wünsche« der Produzenten übermitteln. Doch Gloria weiß, worum es wirklich geht. Seit Monaten, seit Jahren hat sie nichts anderes getan als sich auf diese Leute vorzubereiten, auf diesen Tag.

Sie wollen mich aushorchen. Die Assistentin soll mich einseifen, damit ich mich öffne, damit ich ehrlich bin. Sie wollen meine Schwächen finden, um sie morgen gegen mich zu verwenden.

Die Assistentin, den Strohhalm am Mund, beginnt zu saugen. Schmale, schöne Lippen, ein schönes Gesicht eigentlich, wenn es nur echt wäre, wenn nur irgendetwas daran echt wäre.

»Morgen Vormittag findet die Schlussprobe statt«, sagt die Assistentin. Das ist eigentlich klar, die drei, die es ins Finale geschafft haben, haben den Ablaufplan bekommen. Trotzdem richtet sich die Produktionsassistentin bei diesem Satz auf, als hätten sie diesen Punkt bisher nicht besprochen. Sie stellt den Drink zurück auf den Tisch.

Gloria betrachtet den honigfarbenen Prosecco-Sirup-Mix mit den Eiswürfeln, die sich langsam auflösen, während die Assistentin erklärt, um welche Uhrzeit die Kameraleute eintreffen, wie es mit dem Drehbuch der Redaktion aussieht, wann die Medienkonferenz beginnt und wo die Kostümproben stattfinden.

Gloria beobachtet die Schleier der schmelzenden Eiswürfel und fragt sich, ob die Assistentin Chantal gekannt hat. Sonderbar, dass sie erst jetzt darauf kommt. Es liegt wahrscheinlich daran, dass die Assistentin jung ist. Zu jung, um damals dabei gewesen zu sein. Sie hat keine Ahnung, denkt Gloria, sie hat noch nie von Chantal gehört.

Trotzdem – für einen kurzen Moment – schließt sie die Augen und sieht die Waffe vor sich, die Walther PPS. Sie stellt sich vor, wie sich die Waffe in der Hand anfühlen wird – schwer, kühl –, stellt sich vor, wie sie die Walther auf das falsche Lächeln richten wird, auf die falsche Wärme. Stellt sich vor, wie sie darauf wartet, dass sich in den Augen der Assistentin etwas regt, etwas Echtes, Wahres, stellt sich vor-,

»Alles in Ordnung?« Die Stimme der Assistentin klingt noch immer freundlich.

»Kopfschmerzen«, antwortet Gloria.

Du willst, dass ich Angst habe. Die Produzenten brauchen das, sie arbeiten damit. Aber ich werde ihnen keine Angst bieten. Ich werde dafür sorgen, dass sie Angst haben.

»Du bist sehr lieb«, sagt Gloria. »Ich wünschte, wir wären Freundinnen.«

»Das sind wir doch,« strahlt die Assistentin. »Das sind wir.«

Der Barkeeper, der ihnen bis jetzt verstohlene Blicke von der Theke aus zugeworfen hat, nähert sich zögernd und bleibt vor ihrem Tisch stehen: weißes Hemd, schwarze Fliege, schwarzes Gilet. Er lässt die Arme hängen, berührt mit den Fingern der rechten Hand seinen Ledergürtel, als wolle er sich daran festhalten.

»Sie sind Gloria, nicht wahr?«

Gloria nickt.

»Dürfte ich ein Autogramm haben? Es ist für meine jüngere Schwester. Sie schaut jedes Jahr Eurostar. Sie hofft, dass Gloria gewinnt – ich meine, dass Sie gewinnen.« Kurze Pause: »Das hoffe ich natürlich auch.«

»Ich gebe Ihnen gern ein Autogramm«, erwidert Gloria. »Wo soll ich signieren?«

»Oh, natürlich, wie dumm!« Der Kellner eilt zurück zur Theke, und als er wieder zum Tisch kommt, hält er ein offizielles Studiofoto in der Hand: Gloria in einem langen, brombeerblauen Kleid, die Augen funkelnd im Scheinwerferlicht.

Gloria signiert das Foto. Der Kellner nickt, während er sich bedankt, deutet sogar eine Verbeugung an.

Gloria spürt seine Nervosität. Ihr wird bewusst, wie lange es her ist, dass sie so etwas erlebt hat. Die Nervosität und Verlegenheit des Kellners: Es fühlt sich beinahe so an, als würde Gloria nach Wochen im Geschlossenen an die frische Luft kommen, als würde sie eine echte, kleine Blume entdecken, die sie daran erinnert, wie lange sie schon in einer Shoppingmall aus Stein und Plastik lebt.

»Ich danke Ihnen«, sagt Gloria.

»Nein, bitte«, erwidert der Kellner. »Ich danke Ihnen

Als der Barkeeper wieder hinter der Theke steht, schmunzelt die Produktionsassistentin. »Er ist süß«, meint sie, »Du gefällst ihm.«

Die Eiswürfel im Glas sind jetzt geschmolzen.

Gloria sagt der Assistentin, dass sie müde sei, und sie verabschieden sich. Endlich kann sie nach oben in den fünften Stock gehen, in die Suite, die das Studio für sie gemietet hat.

Angenehme, klimatisierte Stille. Gloria legt sich aufs Bett. Sie streckt Arme und Beine aus und denkt an den Barkeeper, dann an das Gesicht der Assistentin, ihr falsches Lächeln und an die Produzenten, die damit rechnen, dass Gloria Angst hat.

Aber Gloria hat keine Angst. Auch nicht, wenn sie sich vorstellt, was alles schiefgehen könnte. Wenn sie sich vorstellt, dass sie vor laufender Kamera die Wahrheit sagen wird. Dass sie, die jüngste Finalistin in der Geschichte von Eurostar – und die erste Schweizerin – alles verändern wird.

Nein. Sie fühlt sich entspannt. Ohne Beruhigungsmittel. Schon gestern hat sie keine genommen, schon vorgestern nicht.

Gloria betritt das Badezimmer und betrachtet sich im Spiegel. Sie zieht die Hose aus – schwarze Seide – und geht zurück in den Wohnraum, zum Fenster neben dem Kanapee. Sie dreht sich zur Minibar, ohne sie jedoch zu öffnen. Sie zögert und legt sich wieder aufs Bett. Ausgestreckt liegt sie da, die Augen geschlossen, fühlt das Gewicht der Müdigkeit, die Erschöpfung.

Sie denkt an den Barkeeper, an seine kleine Schwester, die sich über das Autogramm freuen wird. Die kleine Schwester, die Gloria morgen am Bildschirm sehen wird. Die kleine Schwester, die morgen alles sehen wird.

Aber auch dieser Gedanke beunruhigt Gloria nicht. Die Augen geschlossen, sinkt sie tiefer in die Müdigkeit, in den Schlaf.

Ein guter Schlaf. Keine Alpträume. Nicht so wie gestern. Nicht so wie immer wieder in den letzten Monaten. Nicht so wie zum Beispiel jener Traum, der Glorias Herz mit kleinen, heißen Hammerschlägen gequält hat, während sie auf die Fernsehbühne gehen musste, in ein verlassenes, mondfarbenes Scheinwerferlicht. Oder der Traum, in dem sie gegen Hände kämpfen musste, die von allen Seiten nach ihr griffen, um sie in die Dunkelheit, in die Tiefe zu zerren. Oder der Traum mit den grinsenden Gesichtern der Mitbewerber, die dafür gesorgt haben, dass Gloria während der Show plötzlich nackt dastand, zitternd vor dem glotzäugigen Publikum. Oder das Schreien, als Gloria gesehen hat, dass ihre Hände voller Blut waren. Sie hat geschrien und gespürt, wie die Jury und die hin- und hergleitenden Kameras ihre Angst und das Blut gierig in sich aufsaugten, wie alle Leute draußen vor dem Bildschirm ihre Angst und ihr Blut aufsaugten und dabei mit der Zunge schnalzten.

Doch nicht heute. Heute kann Gloria ruhig schlafen. Und sie träumt von schönen Dingen. Sie spürt Sonnenlicht auf der Haut. Spürt, wie frei sie ist, losgelöst vom Gewicht der Zeit. Sie spürt, wie sie durch die Jahreszeiten der Kindheit gleitet.

Gloria schwimmt in der Schwerelosigkeit eines himmelblauen Wassers. Schwimmt, wie damals im See, zu dem Chantal sie immer mitgenommen hat, ihre beste, ältere Freundin.

Neun Jahre ist Gloria damals gewesen. Sie hatte gerade angefangen, mit den Jungs der Oberstufe raus zur Boje zu schwimmen. Die Jungs, die ihr besser passten als die Mädchen ihres Alters, während Chantal am Ufer des Sees wartete, im Gras unter dem Baumschatten.

Ein Teil von Glorias Bewusstsein weiß – während sie träumt –, dass die Blumen am Ufer nicht mehr existieren, dass sie tot sind, dass der See hier nur das Wasser der Erinnerung ist; sie weiß, dass auch Chantal in Wahrheit nicht unter dem Baum wartet, dass nichts davon je wiederkehren wird.

Ein anderer Teil von Gloria kuschelt sich in den Traum, möchte sich an diesen Ort verlieren, der sich anfühlt, als wäre hier für immer alles aufgehoben, geschützt vor dem Verzehr durch die Zeit.

Gloria schwimmt durch das Glitzern auf dem Wasser und erreicht das Ufer. Sie setzt sich auf das Badetuch neben Chantal, riecht die Sonnencreme der Freundin.

Chantal reagiert empfindlich auf die Sonne. Mit ihrer hellen Haut muss sie aufpassen, sie wird immer krebsrot. Sie ist trotzdem stark, denkt Gloria. Chantal ist sehr stark. Nicht nur, weil sie schon sechzehn ist, sondern vor allem deshalb, weil sie es schon mehrmals geschafft hat, das Geschrei und die Hände von Glorias Vater in die Flucht zu schlagen.

Glorias Vater ist oft wütend, wenn ihm zu Hause etwas nicht passt. Eine Wut, vor der auch Glorias Mama Angst hat. Aber wenn Chantal das mitbekommt – sie wohnt nicht weit entfernt –, schreit sie zurück. Sie zeigt keine Angst vor Glorias Vater.

Chantal beschützt Gloria, denn Chantal kann das, so stark ist sie. Auch von der eigenen Mutter, die praktisch den ganzen Tag in ihrer Wohnung sitzt und Pillen zu sich nimmt, lässt sich Chantal nichts gefallen. Chantals Mutter kommt ursprünglich aus Frankreich, spricht nicht sehr gut Deutsch und murmelt von Zeit zu Zeit Dinge, die auch Chantal nicht versteht.

Gloria ist oft bei Chantal zu Hause, weil Glorias Eltern häufig weg sind, weil sie viel arbeiten müssen. Sowieso würde Gloria lieber bei der Freundin wohnen. Chantal ist für sie auch deshalb die beste Beschützerin, weil sie mit den großen Jungs aus dem Quartier herumzieht, und der stärkste von ihnen – Mauro – wird von allen in der Nachbarschaft gefürchtet.

»Ich vermisse dich«, sagt Gloria jetzt zu Chantal.

Chantal dreht sich auf dem Badetuch herum. Über ihnen regt sich die Baumkrone im Wind, mit mildem Geflüster der Blätter. Gloria will nicht mehr weg. Sie will bleiben, in der Mitte des Nachmittags, neben Chantal unter dem Baum.

Doch dann wird die Freundin unruhig. Sie schlüpft in ihr Kleid und sucht, als hätte sie der Blick auf die Uhr aufgeschreckt, ihre Sandalen im Gras.

»Was ist? Wohin gehen wir?«

Chantal antwortet nicht. Sie packt Gloria an der Hand. Vielleicht muss Chantal nach Hause. Oder sie muss Gloria zum Vater bringen, weil sie keinen neuen Zusammenstoß mit ihm riskieren will.

»Bitte, nicht so schnell!«, ruft Gloria.

Doch Chantal hält sie fest, eilt mit ihr über die Straße. Sie erreichen einen leeren Parkplatz, auf dem niemand sonst zu sehen ist. In der Mitte des Platzes bleibt Chantal stehen.

»Du bleibst. Ich werde abgeholt.«

Gloria schüttelt den Kopf. Sie versucht Chantal klar zu machen, dass sie zurück an den See gehen möchte, weil sie dort in Sicherheit sind. Sie versucht der Freundin klar zu machen, dass sie nicht will, dass jemand kommt und sie abholt.

Nun hält Chantal etwas in der Hand. Es ist die Waffe, die Walther PPS.

»Gefällt sie dir?«

Nein, Gloria möchte das nicht. Aber sie weiß, dass es sein muss, dass sie Chantals Abschied nicht verhindern kann.

Sie betrachtet die Waffe und stellt sich vor, wie sie sich anfühlen wird – schwer, kühl –, stellt sich vor, wie Chantals Haare und Hals riechen werden, wenn sie sich gleich umarmen, während sich auf der anderen Seite des Platzes das schwarze Auto nähert, das die Freundin abholt. Das Auto, das für Chantal, für niemanden sonst, bestimmt ist.

Als Gloria am Morgen im Hotel erwacht, um fünf Uhr, fünfzehn Stunden vor dem Finale, muss sie weinen. Sie verbringt einige Minuten unter der kalten Dusche.

Home is where I want to be.

Für Momente geistert die Melodie durch ihren Kopf. Sie zieht sich um und wartet.

In der Stille lässt sie die Minuten durch den Raum fließen, über das Kanapee zum Fenster und zurück zum Bett, durch das Herzklopfen und die Gedanken und wieder zurück zum Fenster.

Sie verspürt Lust, eine Zigarette zu rauchen, doch das ist im Hotel verboten.

Verdammt, wen kümmert es eigentlich? Warum nicht das Fenster öffnen, was wollen sie schon dagegen tun?

Gloria holt die Zigaretten aus ihrer Handtasche, öffnet das Fenster und zündet sich eine an. Sie kneift die Augen zusammen und späht wie durch Schlitze nach draußen in den bewölkten Himmel über den Dächern. Sie beobachtet das Morgenlicht, das sich auf die Stadt herabsenkt; zuerst blaugrau, dann taubengrau. Sie fühlt sich müde und zugleich, in der Mitte der Müdigkeit, erregt.

Kurz nach acht – zwölf Stunden vor dem Finale – holt sie das kleine Handy aus der Innentasche ihres Koffers. Das Handy, von dem niemand im Studio weiß, kein Assistent, kein Redaktionsmitglied.

Weil die Show seit Monaten von Zeitungen und Radiosendern in den Teilnehmerländern begleitet wird, die dazu ihre Stories und Melodramen verkaufen – destilliert aus dem Privatleben der Anwärterinnen und Anwärter –, sind die Jungtalente angehalten worden, nichts Persönliches vor der Zentralredaktion der Produktionsfirma zu verbergen und alle Ereignisse aus ihrem Leben zu melden, die sich medial verwerten lassen.

Schon beim ersten Treffen in der Schweiz hat Gloria das gewusst und war nicht überrascht, dass die Redaktion – ohne es je direkt anzusprechen – auch Bescheid wissen möchte über vertrauliche Telefongespräche während der Laufzeit der Show, über Mails und andere private Dinge.

Dieses Handy allerdings, das hat Gloria geheim halten können, genau wie die Identität der Person, mit der sie damit in Verbindung steht.

Home is where I want to be.

Sie betrachet weiter den Himmel, die Wolken über München, bis der Anruf kommt – vierzig Minuten später als erwartet.

»Ist etwas geschehen?«

»Nein«, erwidert die Stimme, »alles wie geplant.«

Trotzdem beginnen Glorias Hände zu zittern, und sie denkt wieder an den Traum – Chantal auf dem Parkplatz.

Rund zwei Kilometer von Glorias Hotel entfernt, draußen vor einer Cafébar, sitzt ein Mann namens Diamanti.

»Es wird regnen«, meint unvermittelt der Kellner oder Barbesitzer, der neben ihm sitzt und mit seinem Smartphone spielt.

Die anderen Tische sind verlassen, die Gasse wirkt heruntergekommen, was Diamanti nicht stört, sondern an die Ausländerviertel in Zürich erinnert, in denen er aufgewachsen ist.

Weiter vorne, an der nächsten Kreuzung, steht eine Frau. An der Leine ein Pudel mit explodierter Frisur.

»Kennst du diese Frau?«

»Frau Michelle. Macht Haare. Willst du neue Haare?«

Diamanti winkt ab, und der Kellner oder Besitzer – türkisch – wiederholt, dass es heute regnen werde. Ja, so wie der Himmel aussieht. Ein richtiger Ausbruch, warum nicht?

Diamanti muss an Gloria denken. Soll er heute Abend zusehen? Schließlich befindet er sich in München, dem Ort des Finales 2021. Gestern Abend ist er von Zürich hergeflogen, weil er einen Geschäftspartner treffen musste, und dann gibt es noch diesen anderen, vertraulichen Termin. Aber danach? Soll er sich am Abend die Show antun? Schon anlässlich der vergangenen Staffel hat man ihn zur Endrunde ins Studio nach Rom eingeladen. Er hat die Einladung ausgeschlagen, ist aber nicht sicher, ob er es sich auch diesmal leisten kann, dem Zirkus fernzubleiben.

Jedenfalls, soviel steht fest, der Besuch im Münchner Büro, einer Außenstelle von Diamantis PR-Agentur in Zürich, ist heute unvermeidlich.

Wenigstens ist es nicht langweilig. Der Leiter des Münchner Büros, den Diamanti vor drei Jahren eingestellt hat und mit dem er bisher zufrieden ist, möchte mit ihm ein »kleines Problem« besprechen.

Es geht um einen Münchner Journalisten namens Bauer, der seit einem Jahr für eine große Zeitungsgruppe über die europaweite Castingshow Eurostar schreibt und die Online-Kampagnen zu den Kandidaten aus Deutschland, Österreich und der Schweiz führt. Damit Bauer zum richtigen Zeitpunkt die richtigen Geschichten lanciert, bekommt der Journalist exklusives Material von Diamantis Agentur: Storys über das Privatleben jener Kandidaten, die im Auftrag der Zentralredaktion als angehendes Sternchen entweder zu fördern oder, als bereits feststehende Versager, niederzumachen sind. Hinweise auf bevorstehende intime Höhepunkte, Skandale, Bekenntnisse und so weiter. Man will die Dramaturgie der Show und die Wahrnehmung ihrer jeweiligen Akteure auch in den Begleitmedien im Sinne des Studios möglichst im Griff haben. Diese Dinge hat Diamantis Agentur bereits während der letzten Staffel gemanagt, bis zum Halbfinale. Niemand hat damit gerechnet, dass es dieses Jahr nicht nur der Schweizer Beitrag ins Finale schaffen würde, sondern auch der deutsche. Bisher stammten die Finalistinnen und Finalisten immer aus Ländern wie Belgien, England oder Schweden.

Gemessen an den Einschaltquoten ist die seit neun Jahren in 22 Ländern ausgestrahlte Sendung die erfolgreichste Castingshow aller Zeiten, ähnlich wie der mit Profis ausgetragene »Eurovision Song Contest« – nur eben mit Laien, oder wie das Studio sie offiziell nennt: »Anwärter«. Die Gewinner einer nationalen Castingshow sind für Eurostar zugelassen und dürfen um den europäischen Titel kämpfen. Diesmal haben sich für die Schweiz und Deutschland zwei Frauen qualifiziert, obwohl es in anderen Jahren oft Jungs gewesen sind – wegen den Millionen von Mädchen, die vor dem Fernseher sitzen und für ihren Schwarm voten, über eine Telefonnummer, die kostenpflichtig ist und den Sendern eine Menge Geld einbringt; zwar nicht so viel wie die Werbeblocks oder das Product-Placement während der Show, doch aber insgesamt etwa hundert Millionen.

Aus Sicht der Public Relations ist das Ganze ein einziger Alptraum. Zu chaotisch, zu viele Akteure. Aber was darf ein PR-Profi schon vom Leben erwarten? Hauptsache, die Agentur läuft. Hauptsache, die Arbeitsplätze sind gesichert.

Jedenfalls ist da nun dieser Journalist Bauer. Der sollte eigentlich nur Informationen von Diamantis Agentur zur gewünschten medialen Wirkung bringen. Dabei darf Bauer natürlich eigene Lügen oder Schlüpfrigkeiten hinsichtlich der Kandidaten beisteuern. Journalisten brauchen kreative Freiräume, sonst denken sie noch, sie werden manipuliert. Bauer darf eigene Ideen einbringen, aber er muss trotz allem respektieren, dass das Drehbuch der Zentralredaktion heilig ist und sich alle Agenturen und Partner daran zu halten haben. Sonst bekommt er keine Informationen mehr und kann sehen, worüber er dann noch schreiben kann.

Doch Bauer missachtet diese Spielregeln immer wieder. Das ist der Grund, warum sich Diamanti bereits einmal mit mit ihm getroffen hat, letzten April, vor den Viertelfinalen: um ihn zu bremsen. Die Fernsehbosse bezahlen Diamanti ein Spitzenhonorar, damit er über alles die Kontrolle behält und frei herumgaloppierende Pferde wie diesen Bauer wieder zurück in den Stall holt. Man bezahlt Diamanti, damit er im Hintergrund an den Fäden der öffentlichen Wahrnehmung zieht und alles orchestriert – und zwar so, als wäre in Wahrheit überhaupt niemand da, der im Hintergrund irgendwelche Fäden zieht. Also so, als könnten solche Fäden in Wahrheit gar nicht gezogen werden, weil es solche Fäden überhaupt nicht gibt, weil die öffentliche Wahrnehmung sowieso macht, was sie will. Wenn Diamanti das erreicht, wenn das Publikum in der öffentlichen Wahrnehmung etwas halbwegs Natürliches, Ungeplantes sieht, dann hat er einen guten Job gemacht.

»Muss ich diesen Bauer treffen?«, fragt er den Leiter des Münchner Büros.

»Er wird gleich hier sein.«

Diamanti seufzt.

Inzwischen befindet sich Gloria in einem Raum über der Hotellounge, umgeben von Stylistinnen und Stylisten für Kleidung, Frisur und Make-up. Die anderen zwei, die es ins Finale geschafft haben, warten in anderen Ebenen des Gebäudes. Die Produktionsfirma möchte verhindern, dass die Anwärter sich vor der Medienkonferenz begegnen. Sie sollen ihre Antworten nicht miteinander absprechen können.

Gloria kann es recht sein. Je weniger Leute, desto besser. Brav schließt sie die Augen, wenn die Make-up-Frau sie dazu auffordert, dreht den Kopf nach links oder rechts, geht mit den kirschrot lackierten Schuhen probehalber im Kreis, oder mit dem glitzernden Kleid, das sie heute Abend tragen wird, und setzt sich wieder.

Nur einmal blickt sie direkt in den Spiegel des Umkleideraums: eine ovale, blanke Oberfläche, in der ihr Gesicht fremdartig schwimmt.

Hi, yo! You’re sitting here beside me.

Bevor man Gloria in den Hotelsaal begleitet, wo rund vierzig Medienschaffende warten, um die zwei Finalistinnen und den einen Finalisten von Eurostar 2021 zu befragen – um zu erfahren, wie sie sich »heute fühlen«, ob sie nervös oder zuversichtlich sind an diesem Tag der »großen Entscheidung«, ob sie mit ihren Verwandten und Freunden telefonieren, um sich Mut zu machen – bevor dieses Theater beginnt, gibt es einen Moment des Zweifels, und ihre Hände zittern wieder.

Gloria denkt: was ist los? Mach dir keine Sorgen, es wird alles klappen. Auch die Waffe wird da sein.

Sie legt die Hände in ihren Schoss und wartet, bis das Zittern aufhört. Sie darf jetzt nicht negativ denken. Sie darf keine Sekunde negativ denken.

Vor Beginn der Pressekonferenz empfängt Diamanti im Meetingraum seiner Agentur den Journalisten Bauer, unter vier Augen. Der Mann kommt gleich zur Sache und meint, er könne wegen der Schweizer Kandidatin nicht länger schweigen.

»Gloria? Das Thema hatten wir doch schon. Im April hatten Sie wegen Gloria Bedenken bei mir angemeldet – weil Sie die PR-Story zu Glorias Person nicht mögen.«

»Unsinn.« Bauer räuspert sich. »Es geht nicht darum, was ich mag oder nicht mag. Es geht darum, dass Sie Lügen in die Medien streuen.«

»Lügen?«

»Kommen Sie mir nicht so. Sie wissen genau, woher die junge Frau wirklich kommt, wer sie wirklich ist. Und Sie verschweigen es.«

»Ich dachte, wir machen Showbusiness.«

»Man lügt doch in dieser Branche niemals ganz!«, erwidert Bauer. Er deutet auf die Unterlagen, die er mitgebracht hat.

»Hier steht die Wahrheit. Man muss immer nahe an der Wahrheit bleiben in diesem Geschäft. Täuschungsmanöver sind okay, zielführende Übertreibungen, verwirrende Gerüchte, alles okay – aber eine komplette Erfindung? Das ist dumm. Das bringt mehr Schaden als Nutzen!«

Nun beginnt Diamanti verständnisvoll zu nicken. »Ich verstehe Ihre Bedenken, Herr Bauer.«

»Was soll das heißen, Sie verstehen meine Bedenken?«

Diamanti wartet einige Sekunden, dann schaut er Bauer ernst und zugleich freundlich an, eine Mimik, die bei den meisten Mitarbeitenden relativ gut ankommt.

»Sie machen sich Sorgen um die Show, Herr Bauer. Ich werte das als Loyalität und danke Ihnen dafür. Aber glauben Sie mir, wenn ich Ihnen sage, dass alles in Ordnung ist. Die sechzig Millionen Zuschauer, die wir haben, interessieren sich nicht für die Wirklichkeit, sonst würden sie die Show nicht schauen. Die Zuschauer bleiben uns treu, solange wir die gewünschte Emotion liefern. Es ist alles unter Kontrolle. Wollen Sie vielleicht … mehr Geld?«

Nun wirkt Bauer ungeduldig. »Sie glauben, dass Sie der Show damit helfen? Mit einer kompletten Lüge? Und was passiert, wenn Ihre Gloria heute Abend gewinnt? Dann wird ein anderes Medienhaus die Wahrheit aufdecken. Die haben dann die tolle Geschichte, und wir sehen alt aus.«

»Das wäre schön«, erwidert Diamanti, einen Moment etwas verträumt, weil Bauer von seiner Gloria gesprochen hat. Ist das nicht schön?

Diamanti erinnert sich an die erste Begegnung mit Gloria. Damals sind ihm sofort ihre weichen, etwas verlorenen dunklen Augen aufgefallen, die Blässe ihrer schutzlosen Aschenputtel-Schönheit, hinter der etwas ganz anderes zu schlummern schien, ein Geheimnis, eine verborgene Energie oder – Entschlossenheit?

»Sie wird nicht gewinnen«, sagt Diamanti.

Bauer runzelt die Stirn. Er will wissen, wie Diamanti so etwas behaupten kann, wie er sicher sein kann, dass Gloria heute Abend nicht gewinnt, schließlich sind Publikum und die Jury am Ende häufig unberechenbar, das haben die vergangenen Jahre gezeigt.

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