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Glück besteht aus Buchstaben

Wir lesen aus Interesse, aus Vergnügen, aus Wissbegier. Die Gebanntheit, das Staunen, das innerliche Zittern, das wir als Kinder erlebten, daran erinnern wir uns vage. Karin Schneuwly erzählt in ihrem Leseverführer von diesem Gefühl und erweckt es zu neuem Leben. Als Kind eroberte sie sich die Welt der Literatur gegen alle Widerstände ihrer Familie und der Umwelt und las manisch jedes Buch, das sie in die Finger bekam. Anhand ihrer Lektüren von "Heidi" bis zu "Krieg und Frieden" lässt Schneuwly diese Verzauberung neu entstehen, die Neugier und die Jagdlust, die einen nie wieder loslassen. Eine wunderbar erzählte Buch- und Büchergeschichte, die selbst das Glücksgefühl hervorruft, das nur Lesen bewirkt.
  • Erscheinungstag: 21.08.2017
  • Seitenanzahl: 208
  • ISBN/Artikelnummer: 9783312010578
  • E-Book Format: ePub
  • E-Book sofort lieferbar

Leseprobe

Über das Buch

Wir lesen aus Interesse, aus Vergnügen, aus Wissbegier. Die Gebanntheit, das Staunen, das innerliche Zittern, das wir als Kinder erlebten, daran erinnern wir uns vage. Karin Schneuwly erzählt von diesem Gefühl und erweckt es zu neuem Leben. Als Kind eroberte sie sich die Bücher gegen alle Widerstände ihrer Familie und der Umwelt. Nachdem sie endlich allein die Pixi-Büchlein meisterte, las sie manisch alles, was sie in die Finger bekam. Sie beschreibt die Farben, den Geruch, die Verheißung, die bei jeder neuen Entdeckung den Atem stocken lässt.

Anhand ihrer Lektüren von Heidi bis zu Krieg und Frieden lässt Schneuwly diese Verzauberung neu entstehen, die Neugier und die Jagdlust, die einen, wenn man sie einmal erlebt hat, nicht mehr loslassen. Es ist eine wunderbar erzählte Buch- und Büchergeschichte, die selbst das Glücksgefühl hervorruft, das nur Lesen bewirkt

Messner

Mein Vater hat keine Bücher gelesen. Deshalb kann ich heute nicht genau sagen, wer er war. Er arbeitete als Messner in einer der vielen katholischen Kirchgemeinden unserer Stadt, und außer den Evangelien, in denen ich ihn vor dem Gottesdienst manchmal blättern sah, als würde er darüber nachdenken, wie viel er noch zu lesen habe, nahm mein Vater nie ein Buch zur Hand. Er hielt sich gern im Freien auf. Sein Fahrrad war ihm das Wichtigste, wichtiger als alles, was irgendwo geschrieben stand, wie er immer sagte, sein Ein und Alles. Es war gelb, hatte einen geschwungenen Lenker und einen Ledersattel mit quietschender Federung. Jeden Tag fuhr er damit zur Arbeit, zum Mittagessen kam er nach Hause, und am Nachmittag fuhr er pünktlich wieder los, auch bei Regen und Schnee. An den Samstagnachmittagen radelte er manchmal zum Fußballplatz am Waldrand und schaute meinem Bruder bei den Spielen zu, aber es kam auch vor, dass meine Mutter ihn bat, einmal etwas ohne das Fahrrad zu unternehmen. Dann spazierte er stumm neben uns im Wald oder an einem Fluss entlang, rauchte auf einer Bank seine Zigarre und starrte in die Landschaft hinaus. Er sprach wenig, und es war unsere Mutter, die auf diesen kurzen Ausflügen mit uns Kindern spielte und uns Geschichten erzählte.

Abends, bevor mein Vater um sieben noch einmal in die Kirche ging, um die Glocken einzuläuten, blätterte er manchmal in einer Sportzeitung, die er abonniert hatte, aber was er las, schien nie etwas mit unserer Welt zu tun zu haben, er zeigte beim Lesen keinerlei Regungen, und ich erfuhr nie, ob ihn das, was er aus der Zeitung erfuhr, freute oder verstimmte. Ich erträumte mir manchmal einen Vater wie Tilney oder Knightley. Aber im Grunde war mein wortkarger Vater ein freundlicher und schamhafter Mensch, der nichts Strenges an sich hatte, deshalb lösten sich diese Träumereien rasch in Luft auf. Wenn ich mich in späteren Jahren, mit vierzehn oder fünfzehn, bei meiner Großmutter beklagte, weil er noch immer nur das Nötigste mit mir sprach und auch meinen manchmal heftigen Gefühlsausbrüchen und weitschweifigen Erklärungen keine Aufmerksamkeit zu schenken schien, tröstete sie mich jeweils damit, das sei nur in der Meinung. Mein Vater, sagte sie zu mir, sei ein Verstummter, ich müsse Geduld haben mit ihm, eines Tages würde ich dafür belohnt werden. Ich wusste nicht, was sie damit meinte, aber ich merkte doch, dass eine Zuversicht in ihren Worten lag, die mich hoffen ließ, es verberge sich tatsächlich ein Geheimnis hinter den sparsamen Äußerungen des Vaters, das ich bloß noch nicht enthüllt hatte.

Ich liebte meine Großmutter, ich liebte ihren Duft nach Dachkammer und ihre langen weißen Haare, die sie tagsüber mit vielen Klammern hochsteckte und abends vor dem Schlafengehen entfaltete und minutenlang vor dem Spiegel kämmte. Ich liebte ihren runden Körper und die schlaffe Haut an ihren Armen. Ich liebte ihr Frühstück, denn auch für uns Kinder gab es warmen Milchkaffee und gezuckerten Riebel zum Eintunken. Ich liebte es, wenn sie mit mir einen Spaziergang unternahm und mir dabei die Namen der Blumen und Sträucher am Wegrand aufsagte. Das ist der Ehrenpreis, das die Klatschnelke und dort der Storchenschnabel, und dann schaute ich auf die blauen und weißen Wesen hinab und fragte mich, was sie denn so bedeutungsvoll machte. Meine Großmutter schien eine ganz persönliche Beziehung zu den Blumen zu haben und konnte sich sogar darüber ärgern, wenn sie nicht in ganzer Pracht blühten oder wenn sie an einer Stelle, an der sie sie vermutet hatte, plötzlich nicht mehr zu finden waren. Diese bösen Schlüsselblumen, schimpfte sie dann, wohin sind die nun wieder verschwunden! Diese unartigen Stiefmütterchen, im letzten Jahr blühten sie doch viel voller! Von den verschiedenen Arten von Schneeglöckchen waren ihr die gefüllten am nächsten, alle anderen bezeichnete sie als gemein, was mir zwar spaßig, gleichzeitig aber etwas gespenstisch vorkam. Wie die Zauberin aus Rapunzel, dachte ich dann.

Ich verbrachte viel Zeit bei meiner Großmutter. Sie wohnte in einem Haus mit großem Garten etwas außerhalb des Dorfes auf einem Hügel, von wo aus man einen Blick auf den See bis zur Stadt und in der anderen Richtung auf die Flussebene und die Alpen hatte. Wenn ich bei ihr zu Besuch war, hatte ich das Gefühl, in einer anderen Zeit zu leben. Zuhause gab es breite Straßen und viele andere Menschen; unsere Wohnung hatte Zentralheizung, einen elektrischen Herd, Bad und Toilette mit Wasserspülung. Vom Garten meiner Großmutter aus konnte man den Ort, an dem ich wohnte, am Horizont sehen, mit dem Zug fuhr man bloß eine halbe Stunde von der Stadt bis zu ihrem Dorf, und doch eröffnete sich bei ihr eine ganz andere, alte Welt: Meine Großmutter versorgte sich weitgehend selbst, bis auf das Salz, das Mehl und den Zucker wurde nichts gekauft, sondern allenfalls mit den Nachbarn getauscht. Das Klo war in der Tenne, die ans Haus grenzte, und bestand aus einem Brett mit einem großen Loch, das mit einem schweren Holzdeckel versehen war; als Klopapier schnitt meine Großmutter Streifen aus alten Zeitungen. Als ich lesen konnte, bemerkte ich, dass ich die zerschnittenen Fragmente nebeneinanderlegen konnte und sich daraus eine Geschichte ergab. Zum Anfeuern wurde ebenfalls Papier benutzt, gekocht wurde auf einem Herd mit Feuer, und waschen musste man sich kalt, in der Küche am einzigen Wasserbecken des Hauses. Es gab einen Gemüsegarten, ein paar Hühner und einen Keller mit Kartoffeln und Äpfeln. Es gab eine Speisekammer voll unzähliger Gläser mit Eingemachtem. In den Schlafzimmern im oberen Stock unter dem Dach, wo ich mein Bett hatte, roch es nach Sonne, Stroh und manchmal nach gedörrten Bohnen. Im Sommer war es dort oben unerträglich heiß und im Winter unerträglich kalt. Meine Großmutter schlief unten, in einer kleinen Kammer neben der Küche, in einem schmalen Bett.

Der Großvater war, genau wie der andere Großvater, der Vater meines Vaters, wenige Tage vor meiner Geburt gestorben; meine Mutter konnte nicht zu den Beerdigungen gehen, weil sie, wie sie mir, als ich größer war, ohne jeden Vorwurf erzählte, die Wochen vor meiner Geburt im Bett habe verbringen müssen. Meine beiden Großväter waren immer genauso lange tot, wie ich auf der Welt war, und wenn ich von irgendjemandem gefragt wurde, wie alt ich war, dann fügte meine Mutter oder mein Vater oder sogar mein Bruder einer Antwort von mir immer noch schnell den Satz hinzu: So lange ist Großvater schon tot. Der eine Großvater war in einer Wirtschaft vor den Augen mehrerer anderer Menschen, die sich ebenfalls in der Wirtschaft aufhielten, an einem Croissant erstickt. Angeblich hatte er unter einer schweren Schluckstörung gelitten. Der andere Großvater war an einem Herzinfarkt gestorben, nachts in seinem Bett.

In der Familie wurde nie über den einen Großvater, den Vater meiner Mutter, gesprochen, und in dem Haus, das Großmutter, seit ich mich erinnern kann, zusammen mit ihrem Bruder bewohnte, gab es kein Bild und keinen Gegenstand, der an ihn erinnert hätte. Wenn ich meine Mutter oder meine Großmutter nach Großvater ausfragte, sagten sie beide, er sei kein schlechter Mensch gewesen, und der Tonfall, in dem sie dies sagten, schien mir vorzuwerfen, ich hätte das Gegenteil behauptet.

Auch meine Mutter las keine Bücher, aber sie las Geschichten im Gelben Heft und in Zeitschriften, die sie von Freundinnen oder Nachbarinnen wegen der Strickmuster darin ausgeliehen hatte. Ganz anders als der Vater verwandelte sich die Mutter, wenn sie las. Sie las die Geschichten in den Heftchen so, als hätte sie der Autor speziell für sie geschrieben und dort hinterlassen, wo meine Mutter sie erreichen konnte. Sie nahm das, was sie las, wörtlich und persönlich und verglich, wenn sie sich dazu äußerte, das Gelesene immer mit ihrem eigenen Leben. Aber so bin ich doch nicht!, hörte ich sie manchmal ausrufen. Das würde ich nie tun! Oder sie sagte: Das ist gut verdient! Was will ich denn noch mehr! Erst viel später, als ich selbst eine Leserin war, las sie manchmal hinter mir her, aber sie nahm nur solche Bücher von mir zur Hand, von denen sie sicher sein konnte, dass sie nichts Ausgedachtes waren. Sie teilte nie mit, was ihr an einem Buch aufgefallen war, aber über die Geschichten im Gelben Heft äußerte sie sich hin und wieder. Auf diese Weise erfuhr ich etwas über sie, wenn ich die Geschichten hinter ihr herlas. Ich erinnere mich, wie ich versuchte, aus dem Hinterhergelesenen und ihren Erinnerungsbruchstücken, die ihr zu dem Gelesenen einfielen, ihre Vergangenheit nachzuzeichnen, aber das Leben, das ich mir auf diese Weise erriet, war mir unheimlich, es machte mir Angst. Meine Mutter lachte häufig, und häufig lachte sie sehr laut, zum Beispiel, wenn sie mit mir oder meinen Geschwistern in ein Spiel vertieft war. Aber in ihrem erinnerten Leben gab es nichts, was sie zum Lachen brachte, und so war ich im Grunde froh, wenn ich sie nicht lesen, sondern irgendeine Arbeit verrichten sah.

Meine Eltern lasen nicht nur keine Bücher, sie sagten auch nie etwas gewollt Bedeutungsvolles. Mein Vater verstieg sich höchstens in eine Übertreibung, und meine Mutter war mit Sprichwörtern und kleinen Liedern über Liebe, Leid und Waldesrauschen zufrieden. Sie logen oder schwindelten nie, um ihre Geltung in den Augen anderer Leute zu vergrößern oder überhaupt nur einzubringen, und sie behaupteten auch nie Dinge, die sie im nächsten Augenblick widerriefen. Wir Kinder konnten immer davon ausgehen, dass das, was sie sagten, auch so gemeint war, und wurden selten vor die Aufgabe gestellt, zwei unterschiedliche Darstellungen miteinander zu vereinen. Ironische Bemerkungen waren ihnen beiden fremd. Und wenn sie bei anderen Leuten einer ironischen Äußerung begegneten, so bedeutete das in ihren Augen Posieren und Besserwisserei. Wenn in unserer Familie gelacht wurde, dann lag der Auslöser dazu meistens in der Schamhaftigkeit meines Vaters oder in der Schlichtheit meiner Mutter, nie jedoch in einem Witz oder in einer lustigen Bemerkung. Worte waren nicht zum Lachen da. Situationen hingegen schon. Meinem Vater konnte es zum Beispiel peinlich sein, auf der Straße einer Nachbarin zu begegnen, während er gerade eine Zigarre rauchte; dann versteckte er das brennende Ding hastig in seiner Manteltasche, bis das «Wie geht’s dir?»-«Mir geht’s gut»-Ritual vorüber und er aus dem Blickfeld der Frau verschwunden war. Meine Mutter erzählte uns, wenn wir sie darum baten, die Geschichte von Vaters Gewehr und wie es im Zug bei einer Kurve von der Gepäckablage durchs offene Fenster gerutscht war. Vater musste danach den ganzen Weg der Eisenbahnschiene entlang zurückgehen, um es zu suchen, und Mutter, die ihn dabei begleitete, erzählte uns, sie habe bei diesem Gehen zwischen den Gleisen eine ganz neue Zärtlichkeit für ihn verspürt, das Gehen zwischen den Gleisen auf der Suche nach dem Gewehr sei für sie der Weg zur Heirat gewesen.

Mein Vater und meine Mutter lasen also beide kaum, und zuhause besaßen sie drei Bücher. Ich glaube nicht, dass auch nur eins davon für ihr Leben entscheidend oder notwendig war, und doch begleiteten sie meine Eltern durch vierzig Jahre Ehe und mehrere Wohnungswechsel. Die drei Bücher waren schon da, als ich geboren wurde – wenigstens glaubte ich das, ich rechnete erst viel später aus, dass das nicht stimmen konnte –, und als wir von dem Haus mit Garten in eine kleine Wohnung umziehen mussten, packten meine Eltern sie in die Kisten und stellten sie am neuen Ort in der Stube, gut sichtbar für jeden Besucher, wieder auf, als wäre ein Leben ohne sie undenkbar. Weder meine Eltern noch meine Geschwister hatten, soweit ich mich entsinne, je eins dieser drei Bücher vor meinen Augen zur Hand genommen, und um sie heimlich zu lesen, waren sie zu wenig aufregend. Auf mich hingegen hatten sie, seit ich denken kann, einen Reiz ausgestrahlt. Das dickste der drei Bücher nahm ich als Kind am häufigsten aus dem Regal: Es war ein medizinisches Handbuch mit farbigen Abbildungen von Hautkrankheiten und körperlichen Fehlbildungen. Ich blätterte immer wieder darin, zeichnete die farbenprächtigen Bilder auf einem Papier nach und schaute durch sie in eine andere Welt hinein, eine Welt, in der wir selbst, meine Eltern oder sogar ich selbst, vom Schicksal in Form eines heftigen Warzenwuchses, eines Geschwürs oder einer monströsen Nase getroffen waren. Besonders angetan hatte es mir ein Bild mit einer sechsfingrigen Hand. Ich konnte mich stundenlang darin vertiefen und fragte mich, wie sich wohl das unbeabsichtigte Fingertrommeln bei einem Menschen mit sechs Fingern anhörte. Und wie war es für jemanden, mit zu vielen Fingern zu rechnen? Zählte man immer bis elf? Oder dachte man sich an der fünffingrigen Hand einen unsichtbaren Finger hinzu, damit man sich die Hälfte von etwas vorstellen konnte? Wenn jemand zu mir gesagt hätte: «Du kannst die Hälfte des Kuchens haben», hätte ich dann vielleicht geantwortet: «Welche Hälfte meinst du, die große oder die kleine?»

Das zweite Buch las ich erst Jahre später, als ich schon nicht mehr bei meinen Eltern wohnte, aber sein Titel, Güldramont, hatte mich schon als Kind neugierig gemacht, weil ich ihn für irgendeinen orientalischen Ausdruck hielt, den ich nicht verstand und deshalb jeden Sinn in ihn hineinlegen konnte. Das Exemplar, das meine Eltern besaßen, war in Fraktur gedruckt und von meiner Mutter mit einem Papier mit kleinen gelben Engeln eingefasst worden, was die Bedeutsamkeit des Bandes in meinen Augen erheblich erhöhte. Vorne drin stand die Widmung «Von Ernestine», und noch heute besitzt, wie der Titel des Buches, auch dieser weibliche Vorname, dem ich seither nie wieder begegnet bin, eine beinahe magische Kraft.

Als ich elf Jahre alt war, baute ich, zusammen mit anderen Kindern aus der Nachbarschaft, in einem Streifen voll wildwuchernder Bäume und Büsche, der zwischen den Feldern eines Bauern und der Autobahnschleife eingeklemmt lag, eine Hütte. Es war der erste Ort, der allein und ganz uns gehörte. An Wochenenden durften wir Größeren dort manchmal sogar übernachten, ohne dass Erwachsene kontrollierten, ob wir uns die Zähne putzten und das Gesicht wuschen. Als die Hütte stand, suchten wir gemeinsam nach einem Namen für unseren neuen Ort, und weil das Wort in meiner Phantasie etwas Exotisches und Abenteuerliches versprach und dennoch Geborgenheit ausstrahlte, hatte ich die Idee, ihn Güldramont zu taufen. «Lass uns nach Güldramont gehen», sagten wir zueinander, oder: «In Güldramont hat es eine Überschwemmung gegeben», «In Güldramont sind die Tomaten jetzt reif».

In Güldramont waren wir unter uns. Manchmal kam an den Nachmittagen zwar eine Mutter vorbei und brachte Tee oder Schokolade. Diese Gaben wurden gern genommen, aber kaum hatte man sie uns überreicht, wurde die Mutter weggeschickt. Wir duldeten es nicht, wenn sich eine von ihnen bei uns einmischte oder wenn wir ermahnt wurden, unsere Radieschen nicht eher zu pflücken, als sie reif seien. Die Mütter sahen es auch nicht gern, wenn wir mit Pfeil und Bogen auf Eidechsen zielten. Wir hingegen waren fasziniert von dem Phänomen, dass die Tierchen ihren Schwanz abwarfen und einfach wegrannten, wenn wir sie getroffen hatten. Der Schwanz zuckte dann noch minutenlang auf dem warmen, glänzenden Stein.

Vor unserer Hütte stand eine alte Holzbank, die wir auf der Müllhalde bei den Schrebergärten gefunden hatten und die auf unsere Mütter eine starke Anziehungskraft ausübte. Manche waren von dort kaum mehr zu vertreiben, es schien, als wären sie darauf festgeleimt. An einem außergewöhnlich heißen Nachmittag setzte sich Frau Rinstad, die Mutter von Jan, auf diese Bank. Jan besaß noch zwei jüngere Schwestern, denen wir aber verboten hatten, sich bei uns aufzuhalten, weshalb sie den Nachmittag wohl zuhause oder bei irgendwelchen Freundinnen verbrachten. Frau Rinstad saß also an jenem Nachmittag einfach da auf unserer Bank in Güldramont, sagte kein Wort und starrte Löcher in das Rapsfeld. Irgendetwas in ihrem Gesichtsausdruck machte mir Angst. Sie schien teilnahmslos und mit ihren Gedanken weit weg zu sein, und trotzdem kam es mir so vor, als ob sie mit uns in enger Verbindung stünde, als wären wir für ihren Zustand verantwortlich. Auch die anderen Kinder wagten es nicht, an Frau Rinstad vorbei in die Hütte zu gehen, aus Angst, sie könnte aus ihrer Erstarrung erwachen und sie anschreien oder in Tränen ausbrechen. Ich erinnere mich, dass Jan sie nach einer Weile fragte, ob sie etwas zu essen dabeihabe. Sie antwortete, ohne ihn auch nur anzusehen: «Im Tiefkühler gibt es eine Schachtel mit Eis. Nimm etwas davon, wenn du heimkommst.» Wir strengten uns an, Frau Rinstad zu ignorieren, und schließlich muss uns das auch gelungen sein, jedenfalls bemerkte niemand, wie sie verschwand. Jan sah seine Mutter danach nie wieder. Frau Rinstad hatte ein paar Stunden auf unserer Bank in Güldramont gesessen, und danach war sie weg. Viele Monate später erfuhr ich von meinen Eltern, sie habe ihren Ehemann und ihre drei Kinder an dem Nachmittag zurückgelassen und sei, ohne noch einmal zuhause vorbeizuschauen, zuerst nach Frankreich gefahren, wo sie ein paar Tage in einem Hotel übernachtet habe, und von dort nach Argentinien weitergereist. Es hieß, sie wolle sich selbst verwirklichen.

Unser Güldramont existierte vom Frühling bis zum Beginn des Herbstes. Dann wurden die Hütte und unser Garten zerstört. Wir vermuteten, es war die Wut des Bauern, der sich an uns rächen wollte, weil wir Höhlengänge und Nester in seinem Maisfeld gebaut hatten. Wir fanden schnell etwas anderes, dem wir unsere Aufmerksamkeit schenkten, und vergaßen Güldramont. Später kam es mir jedoch bei bestimmten Lektüren manchmal so vor, als schrieben die Dichter über meinen Ort, über genau diesen Platz meiner Kindheit.

Das dritte Buch, das meine Eltern besaßen und wohl nie gelesen hatten, war Die Extremen von Reinhold Messner. Heute überrascht es mich, dass ich von dem Buch einmal so heftig fasziniert war, denn mit Bergsteiger- oder auch Abenteuerromanen wie Herz der Finsternis oder Moby Dick über das Kämpfen gegen die wilde Natur kann ich seither nichts mehr anfangen; Seite um Seite nur Felswände mit ihren patenten Burschen, langbärtige Steuermänner, Pioniergeist und kaum einmal eine Frau. Bücher, in denen Männer Probleme haben, die sie nicht hätten, wenn sie mit Frauen zusammen wären.

Viele Jahre später war Reinhold Messner hier in der Stadt zu einem Vortrag eingeladen. Es ging darin wieder um die Extremen, aber sie waren zu dem Zeitpunkt noch zahlreicher geworden, und so bin ich voller Neugier hingegangen. Ich weiß nichts mehr von dem Vortrag. Aber ich weiß noch, dass unglaublich viele Leute anwesend waren und dass ich erstaunt war zu sehen, wie jung der Mann wirkte, der da sprach. Da sein Buch seit meiner Geburt im Regal unseres Wohnzimmers stand, hatte ich geglaubt, der Autor müsste, wenn nicht tot, so doch wenigstens kurz davor sein.

Was du nicht sagst

Meine Eltern, da bin ich mir sicher, haben keins dieser drei Bücher selbst erstanden. Sie haben auch nie eine Bibliothek betreten, abgesehen vielleicht von einer Stiftsbibliothek auf einer ihrer Pilgerfahrten nach Österreich. Mein Bruder liest bis zum heutigen Tag überhaupt nicht, und meine Schwester liest zu Weihnachten und in den Sommerferien jeweils einen Roman, zu anderen Zeiten, sagt sie, habe sie zum Bücherlesen keine Zeit. Ich hatte früher manchmal den Verdacht, ich sei ein Stiefkind oder adoptiert und meine leiblichen Eltern seien in Wirklichkeit Bücherfresser und hätten mir ihre Neigungen ganz natürlich mitgegeben. Wie hätte ich, die Jüngste in der Familie, sonst zu einer so gierigen Leserin werden können? Wirkten denn die Verhältnisse und Angewohnheiten seiner nächsten Umgebung nicht auf jeden Menschen und bestimmten seine Zukunft? Ich saß an die Wand gelehnt auf meinem Bett und stellte mir vor, meine richtigen Eltern seien gebildete Leute, die wie meine Großmutter in einem großen Haus auf dem Land lebten und mir Geschichten erzählten, die sie in dicken Büchern gelesen hatten. Ich stellte mir vor, mein Vater sei ein gescheiter Mann wie der Vater meiner Schulkameradin Tamara, der uns manchmal aus Meyers Lexikon etwas über ägyptische Mumien oder über die britischen Kolonien vorlas. Auch meine beste Freundin Doris hatte einen Vater, der sich zwar von seiner Ehefrau hatte scheiden lassen, seiner Tochter aber eine Briefmarkensammlung und ein dickes Buch zurückließ, in dem alles stand, was er in Polen und in anderen Ländern erlebt hatte. Ich stellte mir vor, auch mein richtiger Vater habe die Welt gesehen und viele interessante Dinge gelesen.

Meine Mutter erzählte eine andere Geschichte. Sie erzählte, sie habe der Hebamme bei meiner Geburt vor lauter Schmerzen einen so kräftigen Tritt mit dem Fuß versetzt, dass deren Nase gebrochen sei. Sie erzählte, mein Vater habe bei meiner Geburt nicht dabei sein können, weil der Mann, der ihn manchmal bei der Arbeit ablöste, gerade in den Ferien war und er die Glocken selbst einläuten musste. Meine Mutter erzählte, ich hätte das erste Pixi-Buch zu meinem zweiten Geburtstag von einer Nachbarin geschenkt bekommen, die selbst ein Mädchen in meinem Alter hatte. Sie erzählte, das Pixi-Buch sei wie bei der Tochter der Nachbarin ein gutes Mittel gewesen, um mich auf dem Töpfchen zu halten, weil ich das Buch anschaute und still sitzen blieb, bis ich das Geschäft erledigt hatte. Sie erzählte, die Pixi-Bücher seien auch für eine Familie wie die unsere, die mit wenig Geld auszukommen hatte, erschwinglich gewesen, so dass sie bald selber weitere Pixi-Bücher gekauft habe, um mir auf dem Töpfchen eine Abwechslung zu bieten. Sie sagt: So bist du zu einer Bücherleserin geworden.

Mein erstes Pixi-Buch zeigt auf dem Umschlag eine schwarze Katze vor einem tiefroten Hintergrund und trägt den Titel Misch beim Fernsehen. Ein zweites Pixi, Ein herrlicher Tag, habe ich von dieser Mutterfreundin geschenkt bekommen, ein Jahr später, zu meinem dritten Geburtstag. Es zeigt ein strahlendes blondes Mädchen mit blauem Kleid und einem großen Geburtstagskuchen mit fünf brennenden Kerzen.

Ich kann mich an den Inhalt meines ersten Buchs, an die Geschichte von Misch beim Fernsehen, nicht erinnern, aber sie muss mich als kleines Kind so begeistert haben, dass ich von meinem zweiten Geburtstag an, ob für das Töpfchen oder aus meinem eigenen Wunsch, regelmäßig und von verschiedenen Leuten mit Pixi-Büchern beschenkt wurde. Einmal mit Mumps im Bett liegen, ein Pixi-Buch. Einmal beim Zahnarzt, ein Pixi-Buch. Einmal bei der Einladung der Tante nicht weinen, nicht jammern, nicht trotzen – ein Pixi-Buch, so einfach ging das.

Im Fotoalbum meiner Kindheit sieht man mich auf vielen Bildern mit einem Pixi oder mit einer dunkelgrünen Plastikmappe mit gelbem Bastsaum im Arm. Das war die Mappe meiner ganzen Pixi-Bücherei, die mit der Zeit über vierzig Bände umfasste. Auf der Buchinnenseite hatte meine Mutter jeweils notiert, zu welchem Anlass und von wem ich das Pixi bekommen hatte. Auf einem Foto stehe ich mit meinen drei Cousins auf der Straße vor unserem Haus. Ich muss etwa zweieinhalb Jahre alt sein, an den Bäumen erkennt man den Vorfrühling. Mit einer Hand drücke ich Misch beim Fernsehen an die Brust, während die andere einen meiner Cousins am Pullover packt, der, ein paar Jahre älter, die Finger in den Mund gesteckt hat und unglücklich in die Kamera schaut. Ein anderes Bild, das meine Mutter in unserem Garten aufgenommen hat, zeigt mich auf dem schmalen Kiesweg neben dem Gemüsebeet. Neben mir sitzt ein noch kleineres Kind, das am Daumen lutscht und ernst dreinschaut. Ich selbst sitze ganz nahe bei dem Kind, fast auf seinem Schoß, in der einen Hand halte ich, an den Farben des Umschlags leicht zu erkennen, das Pixi Ein herrlicher Tag; ich bin in das Buch vertieft, während ich mit dem Finger der anderen Hand in der Nase bohre. Hinter meinem Rücken sieht man eine schwarzweißgefleckte Katze im Gemüsebeet verschwinden. Katzen scheinen überhaupt meine Kindheit bevölkert zu haben, wenn nicht in der wirklichen Wirklichkeit, so doch als imaginierte Muschi, Misch, Miez, Mauz oder Max in meinen Pixi-Büchern, und erst jetzt, da ich diese Bücher vor mir ausbreite, fällt mir auf, was für seltsame Namen diese Bücher-Katzen besaßen.

Ein weiteres Bild hatte meine Mutter auf einer Wanderung gemacht. Ich sitze zwischen Großmutter und Vater im Gras vor einem tiefgrünen Haselstrauch, und das Pixi Zehn kleine Negerlein liegt auf meinen nackten weißen Knien. Ich erinnere mich, dass die Negerlein in diesem Buch weniger werden, weil eins von einem Känguru gebissen wird. Das schien mir damals sehr rätselhaft und gleichzeitig faszinierend. Wenn wir mit der Familie im Zoo waren und an dem Gehege mit den Kängurus vorbeikamen, spürte ich eine Abneigung gegen diese Tiere, die bis heute nicht ganz verschwunden ist, und diese Abneigung kommt von einem Ort in mir, der durch erzählte und gelesene Geschichten genährt und am Leben erhalten wird.

Wenn ich die Bilder von mir als Lesende heute betrachte, habe ich den Eindruck von einem ruhigen, in sich gekehrten Kind. Und doch besagen die Situationen auch, dass ich nicht einsam war, dass ich zwar immer ein Buch in den Händen hatte, aber meistens auch einen Menschen neben mir.

Als ich älter wurde und bereits den ausgeprägten Lesezwang hatte, sobald ich Buchstaben zu Gesicht bekam, erzählte mir meine Mutter, wohl um diese Obsession zu erklären, ich hätte mich schon mit zwei, drei Jahren ans Gartentor gestellt und fremde Passanten auf der Straße aufgefordert, mir ein Pixi-Buch vorzulesen. Meine Mutter erzählte auch – mein Vater errötete sogar ein wenig, wenn sie davon sprach –, ich hätte dabei besonders gerne schöne ältere Herren zum Vorlesen aufgefordert, was mich auf die Vermutung bringt, dass mein erster Kontakt mit Büchern zugleich der erste Kontakt mit einer Form der Verführung war.

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